Betty Baum, ihre Kinder Trude, Josef-Erwin, Dora und ihre Schwester Fanny Tawrogi

 


 

Juden Judenhaus Wiesbaden Adelheidstr. 94
Die Adel­heidstr. 94 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Adelheidstr 94, Judenhaus, Wiesbaden
Lage des Hauses
Adelheidstr. 94, Judenhaus Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses

 

 

 

 

 


Das Juden­haus in der Adel­heidstr. 94. war auch die letz­te Wohn­stät­te für Bet­ty Baum und ihre drei Kin­der, bevor die­se zusam­men am 23. Mai 1942 nach Izbica depor­tiert wur­den. Wie die übri­gen jüdi­schen Metz­ger Wies­ba­dens, hat­te auch die Fami­lie Baum schon früh unter den anti­se­mi­ti­schen Über­grif­fen zu lei­den gehabt und dabei ein beson­ders schreck­li­ches Schick­sal erfahren.

Stamm­baum des gro­ßen Fami­li­en­ver­ban­des Baum — Kahn — Kat­zen­stein
(GDB-PLS)

Bet­ty, gebo­ren am 16. Dezem­ber 1896, war eines von ins­ge­samt 11 Kin­dern von Löb Kat­zen­stein aus Flie­den im heu­ti­gen Kreis Ful­da.[1] Aller­dings ent­stamm­te die­se gro­ße Zahl der Nach­kom­men aus zwei ver­schie­de­nen Ehen. Der Sohn von Jesel Kat­zen­stein und Fan­ny Lion, die am 1. Sep­tem­ber 1841 in Flie­den gehei­ra­tet hat­ten,[2] war zunächst mit Sara Sonn aus Zün­ters­bach im heu­ti­gen Main-Kin­zig-Kreis ver­hei­ra­tet gewe­sen.[3]

Jessel Katzenstein, Betty Baum, Judenhaus Wiesbaden Adelheidstr. 94
Hei­rats­ein­trag für Jösel Kat­zen­stein und Fan­ny Lion Kat­zen­stein
Hei­rats­re­gis­ter Flie­den 1881

Aus die­ser am 19. Juni 1877 in Flie­den geschlos­se­nen Ehe waren fünf Kin­der her­vor­ge­gan­gen, von denen aber nur der ältes­te, der am 17. Febru­ar 1879 gebo­re­ne Joseph spä­ter eben­falls in Wies­ba­den ansäs­sig war. Seit 1909 hat­te er dort unter ver­schie­de­nen Adres­sen gelebt, eine Fami­lie gegrün­det und mög­li­cher­wei­se auch ande­re Fami­li­en­mit­glie­der zum Umzug nach Wies­ba­den ani­miert. Wäh­rend er selbst bereits am 30. Dezem­ber 1934 ver­starb, konn­te sei­ne aus Ober­schle­si­en stam­men­de Frau Pau­la Weiß mit den bei­den Kin­dern Vera Sel­ma und Ernst noch vor dem Beginn der Depor­ta­tio­nen aus Deutsch­land flie­hen.[4]

Zwei Tage nach der Geburt ihres letz­ten Kin­des Isaak, ver­starb Sara Kat­zen­stein.[5] In sei­ner zwei­ten Ehe mit der am 22. Juni 1864 in Roten­burg an der Ful­da gebo­re­nen Zer­line /​ Lina Werthan, die am 16. Okto­ber 1888 in Burg­haun geschlos­sen wor­den war, kamen wei­te­re sechs Kin­der zur Welt.[6] Bet­ty war die zweit­letz­te. Ihr folg­te am 17. Novem­ber 1898 noch die jün­ge­re Schwes­ter Fan­ny, die spä­ter vor ihrer Flucht noch ein­mal zu einem letz­ten Besuch nach Wies­ba­den kam, um sich von ihrer Schwes­ter zu ver­ab­schie­den.[7]

Über Löb Kat­zen­stein, der einen „Han­del mit allem“ betrieb, weiß man, dass er selbst aus einer kin­der­rei­chen und alt­ein­ge­ses­se­nen Fami­lie stamm­te,[8] die in der dor­ti­gen jüdi­schen Gemein­de eine her­vor­ra­gen­de Stel­lung ein­nahm. Wie ein Bericht über sei­ne am 13. Mai 1921 erfolg­te Beer­di­gung in der Zeit­schrift „Der Israe­lit“ belegt, stand auch er in die­ser Tra­di­ti­on und ging als hoch­ge­ach­te­ter Mit­bür­ger aus die­ser Welt.[9]

Wann Bet­ty Kat­zen­stein nach Wies­ba­den gekom­men war, ist nicht bekannt. Aller­dings ist in Flie­den ver­merkt, dass sie sich am 15. August 1912 von dort im Alter von noch nicht ein­mal 16 Jah­ren bei den ört­li­chen Behör­den abmel­de­te. Mög­li­cher­wei­se hat­te sie eine Stel­lung als Haus­an­ge­stell­te in einer der umlie­gen­den Städ­te, viel­leicht sogar damals schon in Wies­ba­den gefunden.

Moritz Baum, Betty Baum, Joseph Baum,
Die Schier­stei­ner Fami­lie Baum anläss­lich des 80sten Geburts­tags von Selig­mann Baum (Mit­te), dem Groß­va­ter von Moritz Baum.
© AMS-Archiv

Moritz /​ Mos­he Baum, der Ehe­mann von Bet­ty Baum, war das zweit­jüngs­te der sechs Kin­der der Metz­ger­fa­mi­lie Joseph und Thek­la Baum, gebo­re­ne Ull­mann, die bereits die Fami­li­en­tra­di­ti­on des Metz­ge­r­ei­ge­wer­bes von den Eltern, von Abra­ham Mei­er Baum und sei­ner Frau Babet­te, über­nom­men hat­ten. Auch der am 10. Febru­ar 1892 in Schier­stein gebo­ren Moritz, wie auch sei­ne älte­ren Brü­der Karl, Albert und Juli­us, blie­ben die­ser Bran­che treu.

Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Bet­ty Baum mit ihren Kin­dern Tru­de Lore und Josef um 1933 (von links)
© AMS-Archiv

Nach ihrer Hei­rat am 29. Juni 1922 zogen Moritz und Bet­ty Baum in die Well­ritz­str. 16, wo auch ihr Geschäft ange­sie­delt war.[10] Hier wur­den auch ihre drei Kin­der gebo­ren. Die Ältes­te war die am 2. Sep­tem­ber 1924 gebo­re­ne Tru­de, ihr folg­te am 22. Okto­ber 1926 der Sohn Josef Erwin und in einer schon schwie­ri­gen Zeit zuletzt Lore am 20. August 1931.

Ursprüng­lich muss das Geschäft sehr gut gegan­gen sein. Eine Steu­er­prü­fung hat­te noch für das Geschäfts­jahr 1929, in des­sen letz­tem Quar­tal schon die Aus­wir­kun­gen der Welt­wirt­schafts­kri­se auf Deutsch­land spür­bar wur­den, einen Gesamt­um­satz von nahe­zu 220.000 RM und ein Gewinn von fast 15.000 RM errech­net.[11]

In die­ser erfolg­rei­chen Pha­se erwarb Moritz die Hälf­te des Haus­grund­stücks Well­ritz­str. 16 von sei­nem Bru­der Karl für 10.000 RM.[12] Noch 1931 betrug das Gesamt­ver­mö­gen des Ehe­paars Baum etwa 36.000 RM, die Hälf­te davon war aber im Betrieb fest­ge­legt, min­des­tens wei­te­re 10.000 RM in dem gera­de erwor­be­nen Miet­wohn­grund­stück.[13]

Aber bald danach geriet der Betrieb ins Strau­cheln, sicher auch hier ver­ur­sacht durch das gene­rel­le wirt­schaft­li­che Umfeld in die­ser Zeit, nicht weni­ger aber durch die Atta­cken juden­feind­li­cher Agi­ta­to­ren. 1932 muss­te Moritz Baum das Finanz­amt Wies­ba­den um einen Zah­lungs­auf­schub für fäl­li­ge Steu­ern bit­ten. Er sei, so schrieb er, „z.Zt. der­art schwach bei Kas­se, dass es mir an den Schlacht­ta­gen sehr schwer fällt, das gekauf­te Schlacht­vieh bezah­len zu kön­nen. Mein Bank­kre­dit ist erschöpft…“[14]

Obwohl 1933 der Umsatz noch bei 126.000 RM und 1934 noch knapp über 100.000 RM gele­gen hat­te, so ist die Dar­stel­lung der pre­kä­ren Lage den­noch glaub­haft, denn die Zah­len bedeu­te­ten eine Hal­bie­rung der frü­he­ren Ein­nah­men. Noch dra­ma­ti­scher war die Ein­kom­mens­ent­wick­lung. 1933 hat­te das zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men bei gera­de mal 448 RM gele­gen.[15]

Die eigent­li­chen, jetzt auch gewalt­tä­ti­gen Aktio­nen gegen die jüdi­schen Metz­ger und Vieh­händ­ler began­nen aber erst ein Jahr spä­ter. Die SA erlaub­te sich ein öffent­li­ches Spek­ta­kel und führ­te Anfang 1934 die im Schlacht­hof anwe­sen­den Metz­ger und Vieh­händ­ler in einem Zug von dort durch die Stadt zum Lui­sen­platz. Das erneu­te Betre­ten des Schlacht­hofs zum Kauf oder zur eige­nen Schlach­tung war ihnen von die­sem Zeit­punkt an ver­wehrt.[16] Die ari­schen Metz­ger hat­ten sich damit der qua­li­ta­tiv guten und den­noch preis­güns­ti­gen Kon­kur­renz jüdi­scher Metz­ger so gut wie entledigt.

Moritz Baum, Betty Baum, Betty Katzenstein, Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Moritz Baum, Well­ritz­str. 16, Wiesbaden-Westend

Was den letz­ten Aus­schlag gege­ben hat­te – es wur­de von Miss­hand­lun­gen gemun­kelt -, wird man nicht mehr in Erfah­rung brin­gen kön­nen. Aber dass die Tat in einem unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit die­sen ent­wür­di­gen­den und exis­tenz­ver­nich­ten­den Maß­nah­men stand, kann kaum bezwei­felt wer­den: Am Vor­mit­tag des 12 Dezem­ber 1935 erhäng­te sich Moritz Baum im Kel­ler sei­nes Hauses.

Betrach­tet man das Bild von der Fami­li­en­fei­er der Baums anläss­lich der Geburt der Toch­ter Lore aus dem Jahr 1931, so wird deut­lich, dass es um mehr ging, als um eine mög­li­che Miss­hand­lung: Das hier abge­bil­de­te Leben, das in der reich gedeck­ten Tafel, noch mehr in der Mimik der Fest­teil­neh­mer, im Beson­de­ren in Sta­tur und Gesichts­aus­druck von Moritz Baum selbst sei­nen Aus­druck fin­det, die­ses Leben war ein für alle­mal zer­stört. Nicht die Boy­kott­ak­tio­nen allein, nicht der wirt­schaft­li­che Nie­der­gang, der unzwei­fel­haft vie­le Ein­schrän­kun­gen und eine Ver­än­de­rung des Lebens­stils bedeu­te­te, nicht der Hieb eines SA-Scher­gen und nicht die all­täg­li­chen Demü­ti­gun­gen auf der Stra­ße, es war die Kumu­la­ti­on all die­ser Erfah­rung, die Moritz Baum zu die­sem letz­ten wohl ver­zwei­fel­ten Schritt ver­an­lasst hat­te, wohl wis­send, dass er damit sei­ne Frau mit den drei klei­nen Kin­dern allein in die­ser ‚Unwelt’ zurück­las­sen würde.

 

Judenhaus Adelheidstr. 94 Wiesbaden,
Fei­er der Fami­lie Baum anläss­lich der Geburt der Toch­ter Lore im Jahr 1931. Links ste­hend der Vater Moritz Baum.
© AMS-Archiv

Und Bet­ty Baum war allein. Sie konn­te den Betrieb, der ohne­hin nichts mehr abwarf, nicht mehr wei­ter­füh­ren. Seit dem 12. Dezem­ber 1935 sei er „voll­stän­dig geschlos­sen“, wie sie im März 1936 dem Finanz­amt Wies­ba­den mit­teil­te.[17] Die noch fäl­li­ge Steu­er­schuld von 342 RM wur­de ihr zunächst erlas­sen. Als sie aber etwa ein Jahr spä­ter das Inven­tar der Metz­ge­rei samt Maschi­nen für 2.300 RM ver­kau­fen konn­te, muss­te sie die­se Schul­den noch nach­zah­len.[18]

Wie­der ein Jahr spä­ter, am 8. Sep­tem­ber 1938, ver­äu­ßer­te sie auch das Haus samt Metz­ge­rei und der instal­lier­ten Kühl­an­la­gen für 40.000 RM an den Metz­ger­meis­ter Ernst Höf­lich und sei­ne Frau Min­na, die zu die­sem Zeit­punkt bereits im Haus wohn­ten.[19] Auf dem Haus lag noch eine Hypo­thek in Höhe von 22.600 RM, die vom Käu­fer zu über­neh­men war. Die Rest­sum­me von 11.600 RM soll­te auf Antrag der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz auf ein gesi­cher­tes Kon­to der Deut­schen Bank ein­ge­zahlt wer­den. Die ent­spre­chen­de Anord­nung der Devi­sen­stel­le Frank­furt erging am 13. Febru­ar 1939, wur­de dann noch ein­mal auf Antrag von Bet­ty Baum der­ge­stalt abge­än­dert, dass die gesam­te Rest­kauf­sum­me gevier­telt wur­de und auch die Kin­der je ein Vier­tel erhiel­ten. Auch die­se Beträ­ge muss­ten selbst­ver­ständ­lich auf ein gesi­cher­tes Kon­to ein­ge­zahlt werden.

Noch gewähr­te man Bet­ty Baum und den Kin­dern einen Frei­be­trag von 600 RM im Monat. Der Onkel von Moritz Baum, der Kauf­mann Fer­di­nand Baum, war zum „Bei­stand der elter­li­chen Gewalt über die Kin­der bestellt“ wor­den. Ihm durf­te der Frei­be­trag im Namen der Kin­der aus­ge­zahlt wer­den.[20]

Wann Bet­ty Baum mit den Kin­dern in die Adel­heidstr. 94 über­sie­deln muss­te, wo seit Juni 1939 die Fami­lie eines ent­fern­ten Ver­wand­ten, die von Aron See­lig wohn­te, ist nicht mehr fest­stell­bar. Ein ent­spre­chen­der Ein­trag auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te fehlt. Aller­dings kam im Juli 1941 ein Brief von der Devi­sen­stel­le Frank­furt, in dem der Frei­be­trag auf 300 RM her­ab­ge­setzt wur­de. Die ange­ge­be­ne Adres­se Well­ritz­str. 16 war auf dem Kuvert durch­ge­stri­chen und mit Adel­heidstr. 94 ersetzt wor­den. Auf der Kar­tei­kar­te der Gesta­po ist nach der Well­ritz­stra­ße die Mau­er­gas­se 8 ein­ge­tra­gen. Dar­un­ter ist dann aber hand­schrift­lich ver­merkt: „hat Mau­er­gas­se 8 nicht gewohnt, jet­zi­ge Wohn. W[iesbaden], Adel­heidstr. 94.“ Wann die­ser Ein­trag vor­ge­nom­men wur­de, ist nicht angegeben.
Aber offen­sicht­lich muss der Umzug schon wesent­lich frü­her, näm­lich spä­tes­tens im Früh­jahr 1940 von­stat­ten gegan­gen sein. Im Mai 1940 erhielt Bet­ty Baum Besuch von ihrer am 17. Novem­ber 1898 eben­falls in Flie­den gebo­re­nen Schwes­ter Fan­ny, eine inzwi­schen ver­hei­ra­te­te Taw­ro­gi.[21] Nur eine Woche dau­er­te der Besuch. Trotz­dem hat­te die Gesta­po eigens für sie eine Kar­tei­kar­te ange­legt: „Zugang: 6.5.40, Adel­heidstr. 94 bei Baum“. Dem­nach muss Bet­ty mit den Kin­dern bereits zu die­ser Zeit in dem Juden­haus gewohnt haben, wovon aber die Devi­sen­stel­le offen­sicht­lich kei­ne Kennt­nis hat­te. Am 14. Mai 1940 war die Schwes­ter dann wie­der in ihren Geburts­ort Flie­den im Kreis Ful­da abge­reist. Dass es sich bei ihrer Anwe­sen­heit in Wies­ba­den um einen Besuch han­del­te, wur­de eben­falls auf der Kar­te ver­merkt. Es war der Abschieds­be­such bei ihrer Schwes­ter, denn schon am 22. Juli 1940 betrat Fan­ny Taw­ro­gi in Yoko­ha­ma in Japan ein Schiff, das sie und ihren Mann nach Seat­tle an der ame­ri­ka­ni­schen West­küs­te brach­te. Am 23. März 1946 erhiel­ten bei­de die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft. In ihrer neu­en Hei­mat ist Fan­ny Taw­ro­gi am 5. Febru­ar 1954 in New York ver­stor­ben, Hugo Taw­ro­gis ver­schied erst im Okto­ber 1972.[22]

Der Kar­tei­kar­te von Fan­ny Baum ist auch zu ent­neh­men, dass die ältes­te Toch­ter Tru­de vom 15. Novem­ber 1939 bis zum 18. Sep­tem­ber 1941 in Mainz in der Lud­wigstr. 8 gewohnt hat. Mög­li­cher­wei­se waren Bet­ty und die Kin­der schon zu die­sem Zeit­punkt in das Haus in der Adel­heids­tra­ße gekom­men. Als Tru­de wie­der nach Wies­ba­den zurück­kehr­te, muss­te auch sie in das Juden­haus ein­zie­hen. Wo und bei wem die Mut­ter mit den Kin­dern dort wohn­te, wie vie­le Zim­mer ihnen zur Ver­fü­gung stan­den, ist nicht mehr feststellbar.

Nach­dem Bet­ty nach der Über­sied­lung erneut eine Ver­mö­gens­er­klä­rung abge­ben muss­te, teil­te sie der Devi­sen­stel­le mit, weder über ein Ein­kom­men, noch über Ver­mö­gen zu ver­fü­gen. Die Bank­gut­ha­ben der min­der­jäh­ri­gen Kin­der dien­ten dem gemein­sa­men Unter­halt. Dar­auf­hin wur­de der Frei­be­trag erneut gemin­dert, dies­mal auf 250 RM.[23]

Am 10. Juni 1942, dem Tag der zwei­ten Mas­sen­de­por­ta­ti­on aus Wies­ba­den, teil­te die Devi­sen­stel­le Frank­furt der Deut­schen Bank, wo die gesi­cher­ten Kon­ten ein­ge­rich­tet wor­den waren, den Ver­mö­gens­ein­zug von Bet­ty Baum, der 10jährigen Dora, dem 15jährigen Josef Erwin und der 17jährigen Tru­de mit.[24] Sie waren zusam­men bereits am 23. Mai 1942 über Frank­furt mit ins­ge­samt 930 ande­ren Juden mit dem „Son­der­zug“ Da 60 nach Izbica depor­tiert wor­den. Etwa 120 bis 160 Män­ner wur­den in Lub­lin aus dem Zug geholt und zum Auf­bau des Lagers Maj­da­nek gezwun­gen. Wo Bet­ty Baum mit ihren Kin­dern letzt­lich umge­bracht wur­de, ist nicht bekannt. Über­le­ben­de die­ses Trans­ports sind nicht bekannt. In dem 1950 anbe­raum­ten Todes­er­klä­rungs­ver­fah­ren konn­te nur fest­ge­stellt wer­den, dass sie ver­schol­len blie­ben, wes­halb das Todes­da­tum für alle vier auf den 8. Mai 1945 fest­ge­legt wur­de.[25]

 

Ver­öf­fent­licht: 13. 11. 2017

Letz­te Ände­rung: 21. 02. 2020

 

« zurück                               wei­ter »


 

Anmer­kun­gen:

[1].Geburts­re­gis­ter Flie­den 114 /​ 1896. Auch Geburts­re­gis­ter der Juden von Flie­den 1823–1885 HHStAW 365 (186). Die Schreib­wei­se der Eltern ist im Geburts- und Hei­rats­ein­trag unter­schied­lich, ein­mal Jesel und Fan­ni, dann Jäsel und Vanni.

[2] Hei­rats­re­gis­ter Flie­den 1834–1885, HHStAW 365 187.

[3] Hei­rats­re­gis­ter Flie­den 17 /​ 1877. Die Eltern von Sara Sonn waren der Vieh­händ­ler Salo­mon Sonn und sei­ne Frau Bringe.

[4] Pau­la Weiß war am 22.4.1888 in Glei­witz gebo­ren wor­den. Sie ver­starb in ihrem Exil in Argen­ti­ni­en. Dort blieb auch der Sohn Ernst, der am 2.5.1914 in Wies­ba­den gebo­ren wur­de, wäh­rend die älte­re Schwes­ter Vera Sel­ma, gebo­ren am 24.11.1909, nach ihrer 1932 mit Wal­ter Moritz Wels geschlos­se­nen Ehe 1936 in die USA auswanderte.
Die nach Joseph fol­gen­den Kin­der von Löb und Sara Kat­zen­stein waren laut Geburts­re­gis­ter Flie­den Salo­mon, gebo­ren am 6.1.1882, (2/​1882), Ber­tha, gebo­ren am 9.2.1864, (14/​1884), Moritz, gebo­ren am 9.7.1886 (77/​1886) und zuletzt Isaak, gebo­ren und ver­stor­ben am 5.3.1888, (18/​1888). Ber­tha war eben­falls bereits mit 21 Jah­ren in Flie­den gestor­ben, den übri­gen Geschwis­tern war die Flucht nach Groß­bri­tan­ni­en bzw. den USA gelun­gen. Das ein­zi­ge Kind von Löb Kat­zen­stein, das der Shoa zum Opfer fiel, war Betty.

[5] Ster­be­re­gis­ter Flie­den 13/​1888. Im Ster­be­re­gis­ter steht, dass sie inzwi­schen zur katho­li­schen Kir­che kon­ver­tiert war.

[6] Hei­rats­re­gis­ter von Burg­haun 14 /​ 1888. Das Geburts­da­tum von Zer­line Werthan ist ihrem Ster­be­ein­trag des Ster­be­re­gis­ters der Stadt Wies­ba­den 1683 /​ 1938 ent­nom­men. Sie ver­starb am 25.10.1938. In dem Ein­trag wird von ihrem Stief­sohn Moritz Kat­zen­stein ange­ge­ben, dass ihm die Eltern der Ver­stor­be­nen nicht bekannt sei­en. Aus dem oben genann­ten Hei­rats­ein­trag ergibt sich, dass Nathan und Bin­chen Werthan, gebo­re­ne Stie­bel, die damals in Roten­burg an der Ful­da leb­ten, ihre Eltern waren.

[7] Fan­ny war am 17.11.1898 gebo­ren wor­den, Geburts­re­gis­ter Flie­den 83 /​ 1898. Die übri­gen alle in Flie­den gebo­re­nen Kin­der waren Nathan, gebo­ren am 11.4.1891, (25/​1891), Arnold, gebo­ren am 7.2.1893, (12/​1893), Sal­ly /​ Salie, gebo­ren am 30.6.1894 (51/​1894) und Leo­pold, gebo­ren am 12.8.1895, (53/​1895). Von Nathan und Sal­ly weiß man, dass ihnen mit ihren Fami­li­en die Flucht in die USA gelang.

[8] Die müt­ter­li­che Linie von Löb Kat­zen­stein lässt sich bis ins 18. Jahr­hun­dert zurück­ver­fol­gen. Sei­ne Mut­ter Fan­ny Lion, die mit Jesel Kat­zen­stein ver­hei­ra­tet war, war die Toch­ter von Esther Marx und Löb Levi Lion. Esthers Vater Ahron Mad­gen hat­te den Fami­li­en­na­me Marx ange­nom­men. Er war mit Min­del Kat­zen­stein ver­hei­ra­tet, nicht unwahr­schein­lich, dass sie eine der Vor­fah­ren von Jesel Kat­zen­stein war. Ahron und Min­del Marx waren auch die Urgroß­el­tern von Aron See­lig, der spä­ter mit sei­ner Fami­lie eben­falls im Juden­haus in der Adel­heidstr. 94 wohn­te. Die genea­lo­gi­schen Infor­ma­tio­nen zu den Vor­fah­ren von Aron See­lig und Löb Kat­zen­stein ver­dan­ke ich Lin­da Shef­ler aus Kalifornien.

[9] Arti­kel in der Zeit­schrift “Der Israe­lit” vom 19. Mai 1921: “Flie­den, 13. Mai (1921). Die hie­si­ge Gemein­de hat einen schwe­ren Ver­lust zu bekla­gen. Im Alter von 66 Jah­ren ver­schied nach kur­zem Krank­sein der weit und breit wegen sei­ner Recht­lich­keit bekann­te Sen­sal Löb Kat­zen­stein. Der Ver­stor­be­ne war ein Ver­wand­ter des berühm­ten Rab­bi Elo­sor Otten­so­o­ser — das Andenken an den Gerech­ten ist zum Segen — in Höch­berg und zeich­ne­te sich durch schlich­te Fröm­mig­keit und sel­te­nes Gott­ver­trau­en aus. Zwan­zig Jah­re lang ver­sah er das Amt eines ‘Bal toke­ah’. Ins­be­son­de­re stand der Ver­bli­che­ne auch bei Anders­gläu­bi­gen in größ­tem Anse­hen. Von sei­ner Beliebt­heit zeug­te auch das impo­san­te Lei­chen­be­gäng­nis. Am Gra­be gaben der Syn­ago­gen­äl­tes­te Katz und Leh­rer Freu­den­ber­ger dem Ver­lust der Gemein­de Aus­druck. Im Namen der Fami­lie spra­chen Kan­tor Nuß­baum, Neuß und Pre­di­ger Kat­zen­stein, Wetz­lar. Wir schie­den vom Fried­ho­fe mit dem Bewusst­sein, dass wir der Bes­ten einen ver­lo­ren. Sei­ne See­le sei ein­ge­bun­den in den Bund des Lebens.” Sie­he http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​f​l​i​e​d​e​n​_​s​y​n​a​g​o​g​e​.​htm.(Zugriff: 13.11.2017).
Sen­sal ist eine beson­ders geach­te­te Per­son, die die Wech­sel­ge­schäf­te von Juden vermittelt.
Bal toke­ah ist der Schof­arblä­ser der Gemeinde.

[10] Allein in die­ser Stra­ße soll es nach Aus­sa­ge von Mari­an­ne Kahn, Toch­ter des eben­falls jüdi­schen Metz­gers Kahn, drei Metz­ge­rei­en gege­ben haben. Die Groß­fa­mi­lie Baum habe in Wies­ba­den bis 1935 allein sechs Geschäfts­be­trie­be beses­sen. Sie­he Bem­be­nek, Kein deut­scher Patri­ot S. 31. Im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 sind neben der von Moritz Baum in der Well­ritz­str. 16 auch die von Albert in der Gra­ben­stra­ße 12 und der Kirch­gas­se 46, die von Karl in der Mau­er­gas­se 8, die von Jakob in der Weber­gas­se 38, an der eben­falls Juli­us betei­ligt war, ein­ge­tra­gen. Juli­us besaß dar­über hin­aus noch eine Metz­ge­rei am Michels­berg 8. Die bei­den Brü­der von Moritz, Juli­us und Albert konn­ten bei­de wie auch die Schwes­ter Mar­tha dem Holo­caust entkommen.

[11] HHStAW 685 43a (3) Die Buch­prü­fung bemän­gel­te u.a. nicht immer durch­schau­ba­re Gegen­ge­schäf­te mit den Metz­ge­rei­be­trie­ben der Verwandtschaft.

[12] HHStAW 685 45b (34).

[13] HHStAW 685 45b (36).

[14] HHStAW 685 43a (3, 4, 5 — ande­re Pagi­nie­rung). Die Bit­te wur­de zunächst abge­lehnt, aber nach einer erneu­ten Ein­ga­be wur­de doch noch eine aller­dings nur kurz­fris­ti­ge Stun­dung gewährt.

[15] HHStAW 685 43a (10). Bei die­ser 1935 durch­ge­führ­ten Prü­fung muss­te der Prü­fer trotz klei­ne­rer Män­gel ins­ge­samt kon­sta­tie­ren, dass die Bücher ordent­lich geführt wor­den seien.

[16] Zu den Ereig­nis­sen sie­he Bem­ben­eck /​ Dick­el, Kein deut­scher Patri­ot mehr, a.a.O. S. 31 f.

[17] HHStAW 685 43b (49). Bet­ty Baum muss aber bereits zuvor die städ­ti­schen Behör­den von der Ein­stel­lung unter­rich­tet haben, denn die­se hat­te eine ent­spre­chen­de Mel­dung an das Finanz­amt bereits im Febru­ar 1936 wei­ter­ge­ge­ben, sie­he HHStAW 685 43c (186).

[18] HHStAW 685 43c (ohne Pagi­nie­rung, Datum vom 12.3.37).

[19] HHStAW 519/​3 1090 (1) Der Kauf­preis für das Haus allein betrug laut Auf­stel­lung des Ver­mes­sungs­am­tes nur 36.000 RM. Addiert man Hypo­thek und Rest­kauf­sum­me, dann wäre für die Kühl­an­la­ge ein Wert von ca. 5.000 RM ange­setzt worden.

[20] HHStAW 519/​3 1090 (17, 19) Fer­di­nand Baum war ein Sohn von May­er Abra­ham Baum, dem Bru­der des Vaters von Moritz, Josef Baum. May­er Abra­ham Baum war in zwei­ter Ehe mit Ber­tha Simon ver­hei­ra­tet gewe­sen. Sowohl aus die­ser Ehe, als auch aus der ers­ten Ehe mit Jea­nette Schorn­heim waren jeweils vier Kin­der her­vor­ge­gan­gen. Der 1872 gebo­re­ne Fer­di­nand leb­te hier in Wies­ba­den, zu die­ser Zeit in der Kirch­gas­se 29.

[21] Ihr Ehe­mann war der am 11.4.1895 in Bad Kreuz­nach gebo­re­ne Hugo Tawrogi.

[22] Die Infor­ma­tio­nen zu Fan­ny Taw­ro­gi ver­dan­ke ich Frau Wei­land-Mar­tin aus Dresden.

[23] HHStAW 519/​3 1090 (27).

[24] HHStAW 519/​3 1090 (28).

[25] HHStAW 469/​33 3395 (17). Sie­he dazu auch Gott­wald /​ Schol­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 209 f.