Thekla Hess, geborene Kaufmann


Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Juden­haus in der Bahn­hofstr. 25 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Wiesbaden Guthmann Jakob Berthold Claire Paul Charlotte Opfermann Michel
Lage des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25
Judenhaus Wiesbaden Juden
Bele­gung des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 25

 

 

 

 

 

 


 

Thek­la Hess, die Schwes­ter von Felix Kauf­mann, der das Juden­haus in der Adolfs­al­lee 30 von sei­nen Schwie­ger­sohn Arnold Kahn über­nom­men hat­te, gehör­te wie auch ihr Bru­der und ihre Schwä­ge­rin Jen­ny Kauf­mann zu den Depor­tier­ten des 1. Sep­tem­ber 1942.[1] In sei­nem Haus hat­te sie bis zum 26. Juni 1942 gewohnt. Die letz­ten zwei Mona­te vor dem Trans­port hat­te man sie noch ein­mal gezwun­gen, in das Juden­haus in der Bahn­hofstr. 25 zu zie­hen. Hier bewohn­te sie ein Zim­mer im drit­ten Stock­werk, mög­li­cher­wei­se in einer gemein­sa­men Woh­nung mit Her­mann Kös­ter.[2]

Anfang August hat­te Thek­la Hess der in Ber­lin leben­den Toch­ter Adel­heid in ihrem letz­ten Brief mit­ge­teilt, dass ihre Depor­ta­ti­on unmit­tel­bar bevor­ste­he. Sie über­stand die Tor­tu­ren des Lager­le­bens nur zwei Mona­te. Am 6. Novem­ber 1942 ver­starb sie in The­re­si­en­stadt.[3]

Ähn­lich wie im Fall ihres Bru­ders war damit ein Leben zu Ende gekom­men, das zunächst durch einen außer­ge­wöhn­li­chen sozia­len Auf­stieg gekenn­zeich­net war. Wie er wur­de auch sie in Lut­zer­ath, im heu­ti­gen Kreis Cochem-Zell gebo­ren, wo ihr Vater noch den Beruf eines Vieh­händ­lers aus­üb­te. Sie war etwa sechs Jah­re nach ihrem Bru­der am 11. Novem­ber 1873 zur Welt gekommen.

Thekla Hess, geborene Kaufmann
Thek­la Hess, gebo­re­ne Kauf­mann
AMS-Archiv

Es mag sein, dass sie ihren zukünf­ti­gen Mann, den Kauf­mann Edmund Isaac Hess [4] auch über ihren Bru­der ken­nen­ge­lernt hat­te, denn die­ser war als Bank­an­ge­stell­ter in Hanau, der Hei­mat­stadt ihres Man­nes, län­ge­re Zeit tätig gewe­sen. Wann die bei­den hei­ra­te­ten, ist nicht bekannt. Ihr ein­zi­ges Kind, Adel­heid, kam aber am 10. Sep­tem­ber 1909 in Hanau zur Welt, wo die jun­ge Fami­lie ein sehr schö­nes Haus in der Römer­str. 7 bewohn­te. Die Atmo­sphä­re in die­ser „gut­bür­ger­li­chen jüdi­schen Fami­lie“ „war geprägt von der Lie­be zu Kunst und Musik.“ – so Ursu­la Krau­se-Schmitt in ihrem klei­nen Auf­satz über Adel­heid Mül­ler-Hess.[5] In wel­chen gedie­ge­nen Ver­hält­nis­sen die Fami­lie damals leb­te, beschrieb das Paten­kind der dama­li­gen Köchin, die dort oft ihre Feri­en ver­brin­gen durf­te und sich mit Adel­heid ange­freun­det hat­te. Sehr genau konn­te sie sich spä­ter an das wert­vol­le Mobi­li­ar, an das fei­ne Geschirr und die edlen Tep­pi­che in der sich über zwei Eta­gen erstre­cken­den Woh­nung erin­nern. Natür­lich war ihr als Kind auch der Schrank mit den vie­len Spiel­sa­chen in Erin­ne­rung geblie­ben, genau­so wie die vie­len Musik­in­stru­men­te, die über­all in der Woh­nung ver­teilt waren. Neben diver­sen Streich­in­stru­men­ten gehör­ten ein Kla­vier und spä­ter auch ein Flü­gel zu die­ser Samm­lung.[6] Inso­fern ist es nicht ver­wun­der­lich, dass die Toch­ter Adel­heid eine Kar­rie­re als Musi­ke­rin anstreb­te.[7]

Nach ihrer „Brot­aus­bil­dung“ in der Hanau­er Stadt­ver­wal­tung begann sie sich in dem Bereich aus­bil­den zu las­sen, in dem ihre eigent­li­che Bega­bung lag: der Musik. An der staat­li­chen Hoch­schu­le für Musik in Köln konn­te sie im Okto­ber 1933 gera­de noch ihren Abschluss als Sän­ge­rin und Musik­päd­ago­gin machen, bevor auch für sie die Mög­lich­kei­ten, ihr Kön­nen beruf­lich zu nut­zen, durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Kul­tur­po­li­tik zunich­te gemacht wur­den. Ein­zig in Kon­zer­ten des Jüdi­schen Kul­tur­bun­des konn­te sie noch auf­tre­ten. Das glei­che Schick­sal erlitt ihr jüdi­scher Mann, der Ber­li­ner Cel­list Wer­ner Ger­hard Mül­ler, den sie 1938 hei­ra­te­te.[8] Im Mai 1940 kam in Ber­lin, wo das Paar leb­te, die Toch­ter Tan­ja zur Welt.[9] Durch die Ver­pflich­tung, in einem Ber­li­ner Rüs­tungs­be­trieb Zwangs­ar­beit zu ver­rich­ten, kamen sie, die sich zuvor bereits in der SPD enga­giert hat­ten, in Kon­takt mit kom­mu­nis­ti­schen Unter­grund­ak­ti­vis­ten. Als die Nazis im Febru­ar mit ihrer „Fabrik-Akti­on“ plan­ten, die letz­ten jüdi­schen Zwangs­ar­bei­ter aus Ber­lin nach Ausch­witz zu depor­tie­ren, ent­schlos­sen sich 1943 auch Mül­lers für ein Leben im Unter­grund.[10]

Zu ihrem Freun­des­kreis gehör­te die Künst­le­rin Hed­wig Wit­te­kind,[11] die aus dem hes­si­schen Büdin­gen stamm­te, aber in Ber­lin leb­te. Ihr dor­ti­ges Ate­lier wur­de zum Ver­steck, zunächst für Wer­ner Mül­ler, dann auch für sei­ne Frau und die Toch­ter. Da aber auch Hed­wig Wit­te­kind als Künst­le­rin, zumal als Ver­fem­te,[12] für den gemein­sa­men Unter­halt nicht auf Dau­er auf­kom­men konn­te – sie selbst leb­te von den Zuwen­dun­gen ihres Vaters, der aber dem Bohe­men­le­ben sei­ner Toch­ter sehr reser­viert gegen­über­stand –, beschloss man, dass Hed­wig Wit­te­kind zu ihren Eltern nach Hes­sen zurück­ge­hen und Tan­ja mit­neh­men soll­te, um zumin­dest sie in Sicher­heit zu brin­gen. In Büdin­gen wur­de das Mäd­chen dann in dem dor­ti­gen NS-Kin­der­heim „Am Wil­den­stein“ unter­ge­bracht. Ob die Eltern von Hed­wig etwas über die Her­kunft des Kin­des, das poli­zei­lich nicht ange­mel­det wur­de, wuss­ten, ist nicht bekannt. Auf die­se Wei­se über­leb­te das jüdi­sche Mäd­chen uner­kannt, aber für lan­ge Zeit von den Eltern getrennt, die Zeit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft. Ihren Vater soll­te sie nicht mehr wiedersehen.

Adel­heid und Wer­ner Ger­hard Mül­ler arbei­te­ten im Unter­grund auch wei­ter­hin im akti­ven Wider­stand mit, zuletzt in der Saef­kow-Jacob-Bäst­lein-Grup­pe. Krau­se-Schmitt beschreibt die­se Orga­ni­sa­ti­on als ein „Netz­werk aus zahl­rei­chen Grup­pen mit Kno­ten­punk­ten und Ver­zwei­gun­gen, das sich in bestimm­ten Wohn­ge­bie­ten und Betrie­ben, aber auch um ein­zel­ne Per­so­nen bil­de­te. Das poli­ti­sche Spek­trum, das die­ses Wider­stands­netz umfass­te war breit: Kom­mu­nis­ten, Gewerk­schaf­ter, Sozia­lis­ten, Sozi­al­de­mo­kra­ten, Men­schen, die kei­ner Par­tei ange­hör­ten.“[13] Zahl­rei­che Juden oder Men­schen mit jüdi­schen Part­nern sei­en in die­ser viel­glied­ri­gen Orga­ni­sa­ti­on aktiv gewe­sen und hät­ten ent­schei­dend dazu bei­getra­gen, dass es Juden gelin­gen konn­te, im Unter­grund zu überleben.

Adelheit Müller-Hess, Thekla Hess, Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 25,
Adel­heid Mül­ler
Num­mer­kar­te für Weib­li­che Häft­lin­ge KL Buchen­wald
Arol­sen Archi­ves, Sign. 010105042

Im Zusam­men­hang mit dem Atten­tat vom 20. Juli 1944 wur­de auch das Ehe­paar Mül­ler ver­haf­tet und für bei­de begann nun eine Odys­see durch die deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Wer­ner Ger­hard Mül­ler durch­lief nach der Inhaf­tie­rung im Gesta­po-Gefäng­nis Ber­lin die KZs Ausch­witz, Sach­sen­hau­sen und das Arbeits­la­ger Kauf­e­ring des KZs Dach­au, wo er mit unmensch­li­cher Arbeit unter­ta­ge zu Tode gequält wur­de.[14]

Auch für Adel­heid war nach der Gesta­po­haft das Lager Ausch­witz die ers­te Sta­ti­on.[15] Es folg­ten Ber­gen-Bel­sen, Buchen­wald und zuletzt der Todes­marsch nach The­re­si­en­stadt, wo sie end­lich von der Roten Armee befreit wur­de.[16] Ihre Toch­ter Tan­ja konn­te sie 1946 von Büdin­gen nach Ber­lin holen, wo sie nach dem Krieg gemein­sam lebten.

Adel­heid Mül­ler-Hess gelang es noch, eine Kar­rie­re als Musik­päd­ago­gin und Sän­ge­rin zu machen. Sie hat­te Enga­ge­ments an der Deut­schen Staats­oper, der Komi­schen Oper in Ost­ber­lin und eine Pro­fes­sur an der dor­ti­gen Musik­hoch­schu­le. „Hoch geehrt“ – so Flä­mig – ver­starb sie am 13. Mai 1964 in Ber­lin-Ost.[17]

 

Inwie­weit die Mut­ter in das Leben der Toch­ter im Wider­stand und im Unter­grund ein­ge­weiht war, ist nicht bekannt, auch nicht, ob sie über deren Inhaf­tie­run­gen und vom Ver­steck ihrer Enke­lin etwas wuss­te. Über­haupt gibt es nur weni­ge Infor­ma­tio­nen über ihr Leben nach dem Tod ihres Man­nes, der ver­mut­lich im Jahr 1928, mög­li­cher­wei­se im April, ver­starb.[18]

Um als Wit­we ihren Lebens­un­ter­halt finan­zie­ren zu kön­nen, ver­mie­te­te sie nach des­sen Tod meh­re­re Zim­mer an Pen­sio­nä­re. 1936 lös­te sie die Woh­nung in Hanau auf und zog nach Köln in die Roon­stra­ße. Der kon­kre­te Anlass für die­sen Orts­wech­sel ist nicht bekannt. Nahe­lie­gend ist aber, dass sie damals zu ihrer Toch­ter zog, die wahr­schein­lich zu die­ser Zeit vor ihrer Ehe­schlie­ßung noch in der Dom­stadt am Rhein leb­te. Ver­mut­lich hat­te Thek­la Hess dort aber eine eige­ne, wenn auch ver­gleichs­wei­se klei­ne Woh­nung, bestehend aus zwei Zim­mern.[19] Dies bedeu­te­te, dass bei dem Umzug ein Groß­teil des bis­he­ri­gen Mobi­li­ars ver­kauft bzw. ver­schleu­dert wer­den muss­te, wie von Zeu­gen bestä­tigt und von der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de auch aner­kannt wurde.

Die Aus­sa­ge einer ehe­ma­li­gen Freun­din im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, dass Thek­la Hess 1938 nach Wies­ba­den gezo­gen sei, ist allein des­halb plau­si­bel, wenn auch nicht sicher, weil ihre Toch­ter in die­sem Jahr hei­ra­te­te und spä­tes­tens jetzt nach Ber­lin ging. In Wies­ba­den, so die Zeu­gin, habe Thek­la Hess als Haus­da­me bei Kauf­manns gear­bei­tet.[20] Um eine wirk­li­che Berufs­tä­tig­keit wird es sich dabei aber nicht gehan­delt haben, sie hat­te viel­mehr eine Unter­kunft im Haus ihres Bru­ders in der Adolfs­al­lee 30 gefun­den. Sicher ist die­se Zeit­an­ga­be aber nicht.

Auch wenn der Umzug mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit im Lau­fe des Jah­res 1938 statt­ge­fun­den hat – ein Ein­trag unter „Zugang“ auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist nicht vor­han­den –, trat sie erst­mals am 31. Janu­ar 1940 in einem amt­li­chen Zusam­men­hang mit der Adres­se Adolfs­al­lee in Erschei­nung. Die Devi­sen­stel­le Frank­furt ver­füg­te für sie eine Siche­rungs­an­ord­nung unter dem Akten­zei­chen 332 und gewähr­te ihr einen vor­läu­fi­gen Frei­be­trag von 200 RM, ver­bun­den mit der Auf­for­de­rung, ihre Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se gegen­über der Behör­de offen­zu­le­gen.[21] Das mit­ge­sand­te For­mu­lar woll­te sie unaus­ge­füllt zurück­sen­den, da sie – so schrieb sie zurück – kein Ver­mö­gen besit­ze, „voll­kom­men steu­er­frei“ sei. Sie füh­re auch kei­nen eige­nen Haus­halt, son­dern sei bei Ver­wand­ten kos­ten­los unter­ge­kom­men. Die­se wür­den sie auch frei­wil­lig finan­zi­ell unter­stüt­zen, sodass ihr wenigs­tens ein beschei­de­ner Lebens­stan­dard ermög­licht wer­de.[22] Bei einem per­sön­li­chen Gespräch am 15. März 1940, zu dem sie vor­ge­la­den wor­den war, konn­te sie sogar die Devi­sen­stel­le von ihrer pre­kä­ren Lage über­zeu­gen. Die­se sah von der Ver­pflich­tung zur Ein­rich­tung eines Siche­rungs­kon­tos ab, redu­zier­te aller­dings auch den Frei­be­trag auf 100 RM. „Die Unter­halts­ge­wäh­rung und gele­gent­li­che geld­li­che Unter­stüt­zung in beschei­de­nen Gren­zen dür­fen Sie von ihren Ver­wand­ten unmit­tel­bar ent­ge­gen­neh­men“, war auf der neu­en Ver­fü­gung ver­merkt.[23]

Natür­lich stellt sich die Fra­ge, wie es zu die­ser in einem Zeit­raum von nur etwa fünf Jah­ren völ­li­gen Ver­ar­mung gekom­men war. Was war aus der Fir­ma ihres Man­nes gewor­den? Waren nicht in der Zeit vor 1933, als es der Fir­ma, zumin­dest wenn man den frü­he­ren Lebens­stan­dard als Indiz her­an­zieht, doch recht gut gegan­gen sein muss, Wert­pa­pie­re oder der­glei­chen zur Alters­si­che­rung ange­legt wor­den, die Thek­la Hess hät­te erben kön­nen? Die Fra­gen müs­sen ange­sichts der dürf­ti­gen Quel­len­la­ge unbe­ant­wor­tet bleiben.

Unklar ist zudem, wes­halb sie am 26. Juni 1942 das Juden­haus ihres Bru­ders ver­ließ oder ver­las­sen muss­te, um in ein ande­res Juden­haus, das in der Bahn­hofstr. 25, zu zie­hen,[24] wäh­rend prak­tisch zum glei­chen Zeit­punkt, näm­lich am 2. Juni, Nan­ny Roth­schild aus eben die­sem Haus in der Bahn­hof­stra­ße aus­zog, um in die Adolfs­al­lee 30 zu zie­hen. Es han­del­te sich also um einen rei­nen Woh­nungs­tausch. War das rei­ne Schi­ka­ne? Waren das Umzü­ge, die viel­leicht aus per­sön­li­chen Grün­den und auf Bit­ten der genann­ten Frau­en selbst von der Reichs­ver­ei­ni­gung, den Kom­mu­nal­be­hör­den oder von NSDAP-Stel­len ermög­licht wur­den? Orga­ni­sa­to­ri­sche Grün­de im Hin­blick auf die anste­hen­den Depor­ta­tio­nen kön­nen kaum eine Rol­le gespielt haben, denn bei­de Frau­en waren spä­ter für den glei­chen Trans­port vorgesehen.

Ein mög­li­cher Grund könn­te gewe­sen sein, dass Thek­la Hess tat­säch­lich noch die Stel­le einer Haus­da­me bei Her­mann Kös­ter über­nom­men hat­te, wenn­gleich der Begriff „Haus­da­me“ unter den gege­be­nen Umstän­den kaum ange­mes­sen sein kann. Des­sen bis­he­ri­ge Haus­da­me, Frau Mam­sohn, war vier Wochen zuvor am 23. Mai depor­tiert wor­den. [25]

Bis Ende August 1942 blieb sie in der Bahn­hofstr. 25. Für sie und auch für Her­mann Kös­ter war der Trans­port mit der Num­mer XII/​2 vor­ge­se­hen, auf dem ihr die per­sön­li­che Num­mer 688 zuge­wie­sen wor­den war.[26] Sie war eine von elf ande­ren aus dem Juden­haus Bahn­hofstr. 25, die sich am 29. August 1942 im Hof der Syn­ago­ge ein­zu­fin­den hat­ten, um sich regis­trie­ren zu las­sen. Am 1. Sep­tem­ber bestie­gen sie mor­gens alle den Güter­zug, der am fol­gen­den Tag Frank­furt mit ins­ge­samt 1111 haupt­säch­lich alten jüdi­schen Men­schen ver­ließ. Nur 32 davon wur­den geret­tet, alle ande­ren wur­den irgend­wo in einem der vie­len Lager Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mord­ma­schi­ne. Thek­la Hess starb am 6. Novem­ber 1942 in The­re­si­en­stadt.[27]

Stand: 29. 08. 2019

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Sie zu den Fami­li­en Kauf­mann und Kahn oben das Kapi­tel über das Juden­haus Adolfs­al­lee 30.

[2] Sie­he unbe­kann­te Lis­te X1. In der Ent­schä­di­gungs­ak­te gab die Toch­ter Adel­heid Mül­ler den Hin­weis, dass sie „bei Kös­ter“ gewohnt habe, HHStAW 518 15599 (1).

[3] Ebd. (12). Ster­be­ur­kun­de Stan­des­amt Arol­sen 1653 /​ 1953.

[4] Edmund Hess ist im Buch ‘Hanau­er Juden 1933 – 1945’ nur kurz als Kun­de des Bank­hau­ses Stern erwähnt. In die­sem Bank­haus war Felix Kauf­mann, der Bru­der von Thek­la Hess, län­ge­re Zeit tätig. Edmund Hess war laut die­sem Ein­trag Inha­ber der Fell­hand­lung Nathan Hess. Sie­he Pfei­fer, King­reen, Hanau­er Juden, S. 14.

[5] Krau­se-Schmitt, Ursu­la, „Nun muss sich alles, alles wen­den“ – Lebens­spu­ren der jüdi­schen Sän­ge­rin Adel­heid Mül­ler-Hess, in: Infor­ma­tio­nen. Wis­sen­schaft­li­che Zeit­schrift des Stu­di­en­krei­ses Deut­scher Wider­stand 1933–1945, Heft 82, 2015 S. 25 f.

[6] HHStAW 518 15599 (99 f.).

[7] Die beein­dru­cken­de Lebens­ge­schich­te von Adel­heid Mül­ler-Hess, wäre es unbe­dingt wert, in einer eigen­stän­di­gen, umfas­sen­den Bio­gra­fie doku­men­tiert zu wer­den. Hier kann nur ein klei­ner Abriss ihres Lebens gelie­fert wer­den. Die­ser basiert im Wesent­li­chen auf der aller­dings auch nur knap­pen Dar­stel­lung von Krau­se-Schmitt, Adel­heid Mül­ler-Hess. Eini­ge weni­ge bio­gra­phi­sche Anga­ben sind auch ent­hal­ten in Flä­mig, Hanau im Drit­ten Reich, Bd. 2, S. 355 f.

[8] Wer­ner Ger­hard Mül­ler war am 4.4.1912 in Ber­lin gebo­ren wor­den, sie­he Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[9] Den Namen „Tan­ja“ in einem For­mu­lar in der Ent­schä­di­gungs­ak­te ein­ge­tra­gen, sie­he HHStAW 518 15599 (13). Laut GENI war ihr vol­ler Vor­na­me Tan­ja Rachel. Krau­se-Schmitt gibt als Namen der Toch­ter „Tana“ an. Ob es sich dabei um den Ruf­na­men oder um eine Ver­schrei­bung han­delt, konn­te nicht geklärt werden.

[10] Sie­he auch HHStAW 518 15599 (98).

[11] http://​ret​tungs​-wider​stand​-frank​furt​.de/​z​u​f​l​u​c​h​t​-​a​u​s​-​b​e​r​l​i​n​-​i​n​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​u​n​d​-​h​e​s​s​en/. (Zugriff: 28.8.2019).

[12] Hed­wig Wit­te­kind, die am Bau­haus in Wei­mar stu­diert hat­te, gehör­te zum Freun­des­kreis von Käthe Koll­witz. In den Jah­ren vor dem Ers­ten Welt­krieg besaß die­se ein gro­ßes Ate­lier in Ber­lin, das sie mit mehr als drei­ßig ande­ren Künst­lern,  u.a. Hed­wig Wit­te­kind, teil­te. In einem Tage­buch­ein­trag von Käthe Koll­witz ist auch eine Notiz über die Künst­ler­kol­le­gin ent­hal­ten: „Ging zur Wit­te­kind hin­auf  und fand sie Strümp­fe stop­fend neben ihrem Mit­tag, das auf Gas koch­te. Zeig­te mir ihre Arbei­ten (…). Viel­leicht gehört sie zu den weni­gen jun­gen Frau­en, die wirk­lich allein für sich leben kön­nen. Ich mei­ne nicht ohne Män­ner, aber so, daß sie nicht ihr Zen­trum in den Män­nern haben. (…) Hed­wig Wit­te­kind bringt es viel­leicht fer­tig frei zu blei­ben, Künst­le­rin, nie­mand brau­chend, Bohè­mi­en­ne durch Anla­ge.“ Zitiert nach: Der Tages­pie­gel vom 8.7.2017

[13] Krau­se-Schmitt, Adel­heid Mül­ler-Hess, S. 26.

[14] Zum Todes­da­tum gibt es kei­ne ein­deu­ti­gen Infor­ma­tio­nen. Der Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz nennt den 9.2.1945, das Archiv von Yad Vas­hem den 3.1.1945. Letz­te­res beruht nach Krau­se-Schmitt auf den Anga­ben von Adel­heid Müller-Hess.

[15] http://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​1​2​2​5​5​2​&​i​n​d=0.  (Zugriff: 11.7.2018).

[16] Ursu­la Krau­se-Schmitt zitiert auch aus den Erin­ne­run­gen der jüdi­schen Sän­ge­rin Lin Jal­da­ti, die von Ber­lin in die Nie­der­lan­de emi­griert und von dort im Herbst 1944 nach Ausch­witz depor­tiert wor­den war und dort Adel­heid Mül­ler-Hess begeg­ne­te. „’Eines Tages Mit­te Okto­ber, es reg­ne­te nicht mehr, hieß es: ‚Läu­se­kon­trol­le Alles aus­zie­hen, raus, dal­li, dal­li …’ Wir lie­ßen unse­re Kla­mot­ten lie­gen, nackt und kahl­ge­scho­ren stan­den wir drau­ßen. Es war kein Appell, wir waren uns selbst über­las­sen.” Eine Fran­zö­sin fängt an zu sin­gen; auch Lin Jal­da­ti trägt ein Lied vor: das Lied der jüdi­schen Par­ti­sa­nen: ‚Sag nicht ein­mal, dass Du gehst den letz­ten Weg’. Sie berich­tet wei­ter: „‚Die­ses merk­wür­di­ge Kon­zert dau­er­te so eine Wei­le, da kamen zwei Frau­en nach vor­ne eine dun­kel­haa­ri­ge mit schö­nem Gesicht und eine blon­de. Die Blon­de sang mit hel­lem Sopran auf Deutsch ‚Am Brun­nen vor dem Tore’. Die ande­re, Adel­heid, stell­te sich in die Mit­te und sang mit pracht­vol­lem Alt Schu­berts ‚Früh­lings­glau­be’ mit sol­cher Innig­keit, dass wir alle tief ergrif­fen waren. Und als sie sang: ‚nun muss sich alles, alles wen­den’, da waren auch wir davon über­zeugt, dass sich bald alles wen­den wür­de. Wir fühl­ten uns nicht mehr ver­las­sen. Das Sin­gen hat uns wie­der bewusst gemacht, dass wir noch gerührt sein, noch Wär­me füh­len konn­ten, dass wir Men­schen waren. Wir hat­ten unse­re mensch­li­che Wür­de bewahrt durch die Musik, durch das Lied.’“ Krau­se-Schmitt, Adel­heid Mül­ler-Hess, S. 26.

[17] Flä­mig, Hanau im Drit­ten Reich, Bd. 2, S. 356.

[18] Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de ging vom Tod in die­sem Jahr aus, HHStAW 518 15599 (117), eine Zeu­gin nann­te den April, ebd. (115). Krau­se-Schmitt hin­ge­gen schreibt, dass der Tod „Anfang der 1930er Jah­re“ erfolgt sei, sie­he Krau­se-Schmitt, Adel­heid Mül­ler-Hes­se, S. 26 Anm. 5. Bei Flä­mig heißt es sehr all­ge­mein: „Ihr gepfleg­tes Eltern­haus in Hanau wur­de auf­ge­löst, als der Vater nach schwe­rer Erkran­kung ver­starb.“ Flä­mig, Hanau im Drit­ten Reich, Bd.2, S. 355. Das ist in die­ser Ver­knüp­fung falsch, denn die Auf­lö­sung erfolg­te erst 1936.

[19] HHStAW 518 15599 (112).

[20] HHStAW 518 15599 (101). Fälsch­li­cher­wei­se gibt die Zeu­gin statt der Adolfs­al­lee die Adolf­stra­ße als Adres­se an.

[21] HHStAW 519/​3 332 (1).

[22] HHStAW 519/​3 322 (3). Sol­che Leis­tun­gen sind auch durch die Akten von Felix Kauf­mann belegt.

[23] HHStAW 519/​3 322 (8).

[24] Ein­trag auf Gestapo-Karteikarte.

[25] HHStAW 518 15599 (101). Die Zeu­gin, eine ehe­ma­li­ge Freun­din von Thek­la Hess aus Köln, erwähn­te, dass die­se nach ihrem erneu­ten Umzug Her­mann Kös­ter betreut habe. Zu Her­mann Kös­ter sie­he oben, zu Hed­wig Mam­sohn sie­he oben.

[26] https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​1​5​2​5​7​-​t​h​e​k​l​a​-​h​e​ss/. (Zugriff: 30.7.2018).

[27] HHStAW 518 15599 (12).