Auswanderung, Deportation und die Rolle der Finanzverwaltung

„Immer mehr wur­den die Juden aus dem öffent­li­chen Leben Deutsch­lands aus­ge­schal­tet; immer grö­ßer wur­den die Nöte, kurz, es war ein Trau­er­spiel ohne­glei­chen in unse­rer an schwe­ren und blu­ti­gen Erfah­run­gen gewiß nicht armen Geschich­te. Von einer gesi­cher­ten, sozi­al kul­tu­rell hoch­ste­hen­den Schicht san­ken die Juden Deutsch­lands immer mehr in jenen furcht­ba­ren Jah­ren zu einem Paria- und Skla­ven­da­sein völ­li­ger Recht­lo­sig­keit hin­ab, bis dann im Jah­re 1941 und 1942 völ­li­ge Ver­nich­tung alle die traf, die nicht recht­zei­tig genug ret­ten­de Ufer errei­chen konn­ten.“ So resü­miert Paul Laza­rus, der Wies­ba­de­ner Rab­bi­ner bis 1938, die­se Zeit und sah mit Sor­ge, dass „auch in Wies­ba­den in die­sen Jah­ren immer mehr Gemein­de­mit­glie­der Stadt und Land, in dem sie zum größ­ten Teil gebo­ren waren, in des­sen Erde Groß­el­tern und Eltern und Anver­wand­te begra­ben waren, ver­lie­ßen, um nach Paläs­ti­na oder ein ande­res Land zu gehen.“[1]

Zwi­schen 1933 und 1941 hat­ten ca. 270.000 bis 350.000 Juden ihre deut­sche bzw. öster­rei­chi­sche Hei­mat ver­las­sen. In den letz­ten bei­den Jah­ren bis zum Aus­wan­de­rungs­ver­bot im Okto­ber 1941 gelang die Flucht nur noch etwa 27.000 Juden.[2] Von den 1933 etwa 70.000 Juden aus dem heu­ti­gen Hes­sen gelang trotz aller Schi­ka­nen bis 1939 etwa der Hälf­te die Flucht.[3] Für Wies­ba­den ist ab 1937 eine ver­stärk­te Abwan­de­rung zu ver­zeich­nen. Aller­dings sind von den ins­ge­samt 657 Weg­ge­zo­ge­nen etwa 200 in Deutsch­land geblie­ben und wur­den viel­fach in ihren neu­en Wohn­or­ten Opfer der Ver­fol­gung. Die 20 Juden, die glaub­ten in ihrer alten Hei­mat Polen einen siche­ren Platz zu fin­den, wer­den ver­mut­lich in einem der Todes­la­ger umge­bracht wor­den sein. Auch für die­je­ni­gen der 132 jüdi­schen Mit­bür­ger, die in west­eu­ro­päi­schen Län­dern wie Bel­gi­en, Hol­land, Frank­reich, Spa­ni­en, Por­tu­gal oder der Schweiz Zuflucht gesucht hat­ten, war das Exil kei­nes­wegs ein siche­rer Ort. Man den­ke etwa an Ruth Rück­ers­ber­ger oder Regi­na Dan­ne­boom, die in Hol­land gefasst wur­den.[4]. Die 171, die auf die Bri­ti­schen Inseln oder nach Skan­di­na­vi­en flo­hen, waren da schon siche­rer. Außer­halb Euro­pas konn­ten die Aus­wan­de­rer zwar ein „ret­ten­des Ufer“, aber kei­nes­wegs immer ein gutes Leben fin­den. So muss­te sich zum Bei­spiel der bes­tens aus­ge­bil­de­ten Jurist Alfred Strauss, Sohn von Sebald und Hed­wig Strauss aus der Bahn­hofstr. 46, in Boli­vi­en mit Hilfs­ar­bei­ten am Leben erhal­ten.[5] 154 jüdi­sche Emi­gran­ten aus Wies­ba­den waren in die USA, 74 nach Süd­ame­ri­ka, 14 nach Afri­ka und 30 nach Asi­en gelangt. Dass nur 20 Per­so­nen die Aus­wan­de­rung nach Paläs­ti­na betrie­ben, mag auf den ers­ten Blick erstau­nen, zumal die­se zunächst auch vom NS-Staat geför­dert wur­den [6] und gera­de Jugend­li­che in beson­de­ren Lehr­gü­tern und Lehr­werk­stät­ten, den unter Lei­tung der Reichs­ver­ei­ni­gung ste­hen­den Hachs­cha­rahs auf das Leben in Paläs­ti­na vor­be­rei­tet wur­den.[7] In ihrer Bio­gra­phie schreibt die Wies­ba­de­ner Jüdin Sina Gros­shut, Ehe­frau von Sal­ly Gros­shut und Toch­ter des in der Reichs­po­grom­nacht ermor­de­ten Salo­mon Rosen­strauch, dass sie und Sal­ly trotz allem erfah­re­nen Leid in Deutsch­land „nie­mals wirk­lich mit Herz und See­le in Isra­el Fuß fas­sen konn­te“, zu stark waren die Sprach­pro­ble­me, zu groß die Anfein­dun­gen, die ihnen wegen ihrer wei­ter­hin vor­han­de­nen Ver­bun­den­heit mit der deut­schen Kul­tur ent­ge­gen­ge­bracht wur­den. Sie hat­ten ver­sucht sich mit einem Anti­qua­ri­at für deut­sche Lite­ra­tur eine wirt­schaft­li­che Basis auf­zu­bau­en. [8] Ähn­li­che Erfah­run­gen mach­te auch der Wies­ba­de­ner Bern­hard Abra­ham, der zudem noch unter dem ‚Makel’ des ‚nur’ Halb­ju­den zu lei­den hat­te und des­halb spä­ter wei­ter nach Aus­tra­li­en zog.[9] Adolf Josef See­lig, der noch 1940 nach Paläs­ti­na gelang­te, hat 1952 dort im Kib­buz Huli­ot in Sdeh Neh­emia sei­nem Leben selbst ein Ende gesetzt. Für eine sol­che Ent­schei­dung sind sicher vie­le Fak­to­ren maß­ge­bend, aber die Unzu­frie­den­heit mit der gesam­ten Lebens­si­tua­ti­on und die Unmög­lich­keit eine ange­mes­se­ne Arbeit zu fin­den, hat­ten nach Aus­sa­gen sei­nes Bru­ders Lou­is zumin­dest dazu bei­getra­gen.[10]

Im Wis­sen um das, was nach 1939 geschah, ist es den­noch ver­wun­der­lich, dass letzt­lich nicht mehr der­je­ni­gen, die über die not­wen­di­gen Mit­tel ver­füg­ten, den Schritt in die Emi­gra­ti­on gewagt haben. Bajohr macht jedoch zurecht dar­auf auf­merk­sam, dass die Poli­tik des NS-Staat in den ers­ten Jah­ren gera­de für jüdi­sche Unter­neh­mer und Gewer­be­trei­ben­de kei­nes­wegs so ein­deu­tig war, son­dern die­ser „aus tak­ti­schen Rück­sicht­nah­men auf kon­ser­va­ti­ve Bünd­nis­part­ner, das Aus­land und die wirt­schaft­li­che Gesamt­si­tua­ti­on“ zu Kom­pro­mis­sen gezwun­gen war und in Ein­zel­fäl­len sogar gegen all­zu for­sche NSDA­P­ler vor­ging. Es habe damals zwi­schen 1933 und 1938 trotz aller Ein­schrän­kun­gen auch viel­fäl­ti­ge Indi­zi­en dafür gege­ben, dass eine Selbst­be­haup­tung jüdi­scher Unter­neh­mer erfolg­reich sein könn­te.[11]

Aber spä­tes­tens mit der „Ver­ord­nung zur Aus­schal­tung der Juden aus dem deut­schen Wirt­schafts­le­ben“ vom 12. Novem­ber 1938[12] hat­ten sich auch die letz­ten Hoff­nun­gen als Illu­si­on erwie­sen. Mit die­sem Gesetz wur­de es Juden gene­rell ver­bo­ten Gewerbe‑, Han­dels- oder Hand­werks­be­trie­be jeg­li­cher Art selb­stän­dig zu füh­ren oder in einem sol­chen Betrieb eine lei­ten­de Stel­lung aus­zu­üben. Mit die­ser Zwangs­ari­sie­rung wur­de das jüdi­sche Bür­ger­tum, das die bis­he­ri­gen Drang­sa­lie­run­gen durch Boy­kott und diver­se Ver­bo­te noch über­stan­den hat­te, mit einem Schlag pro­le­ta­ri­siert und ihres Pro­duk­tiv­ver­mö­gens beraubt. Pro­pa­gan­dis­tisch stell­ten die Nazis die­ses Gesetz in einen unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit dem Atten­tat Grün­spans auf den Mit­ar­bei­ter der Pari­ser Bot­schaft vom Rath, in Wirk­lich­keit hat­te man aber schon längst sys­te­ma­tisch an der Aus­schal­tung der Juden aus dem Wirt­schafts­le­ben gear­bei­tet[13]. Die­se Ver­ord­nung mar­kiert somit nur einen vor­läu­fi­gen Schluss­punkt in der Rei­he der Maß­nah­men, mit denen auch der NS-Staat selbst die Ari­sie­rung vor­an­ge­trie­ben hat­te. Neben all den Demü­ti­gun­gen, Ent­rech­tun­gen und Aus­gren­zun­gen im All­tags­le­ben wur­den zuneh­mend fis­ka­li­sche Maß­nah­men ergrif­fen, um den öko­no­mi­schen Druck zu ver­schär­fen und damit die Bereit­schaft der jüdi­schen Bür­ger zu för­dern, das Land zu verlassen.

Jeg­li­che For­men der Steu­er­ermä­ßi­gung oder Frei­be­trä­ge, etwa für Kin­der, wur­den bei den unter­schied­li­chen Steu­er­ar­ten für sie abge­schafft und ab 1939 wur­den sie prin­zi­pi­ell der ungüns­tigs­ten Steu­er­klas­se I zuge­ord­net. 1940 wur­de zunächst nur pol­ni­schen, ab 1941 allen Juden mit Ver­weis auf die für Volks­deut­sche obli­ga­to­ri­schen Abga­ben an DAF, NSV, Wehr­steu­er u. ä. eine fünf­zehn­pro­zen­ti­gen Son­der­steu­er, die soge­nann­te „Sozi­al­aus­gleichs­ab­ga­be“, auf­er­legt. Die fis­ka­li­sche Aus­beu­tung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung im Diens­te der Kriegs­vor­be­rei­tung ging ein­her mit dem wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang und for­cier­te die Pau­pe­ri­sie­rung immer wei­te­rer Kreise.

Wenn­gleich ande­re Stim­men sich auch in der Öffent­lich­keit zuneh­mend Gehör ver­schaff­ten,[14] so war die Ver­trei­bung und nicht die Ver­nich­tung noch das vor­ran­gi­ge Ziel die­ser Maß­nah­men. Zugleich stell­te man aber unzäh­li­ge Hür­den auf, die eine Aus­wan­de­rung schier unmög­lich mach­ten. Wie Benz zurecht anmerkt „for­cier­te und brems­te der NS-Staat die Aus­wan­de­rung der deut­schen Juden bis 1939 glei­cher­ma­ßen“.[15]

Wer aus Deutsch­land raus woll­te, muss­te sich zunächst einen Weg durch einen immer dich­ter wer­den­den büro­kra­ti­schen Dschun­gel bah­nen, der gepflas­tert war mit gefor­der­ten Stem­peln, Gut­ach­ten, Bera­tungs­ter­mi­nen, Erlaub­nis­schei­nen und kur­zen Ver­falls­zei­ten der müh­sam erbrach­ten Unter­la­gen.[16] All das unter den Bedin­gun­gen, kei­ne eige­nen Fahr­zeu­ge, nur in Aus­nah­me­fäl­len öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel benut­zen zu kön­nen, gege­be­nen­falls an bestimm­te Sperr­zei­ten gebun­den zu sein und dann noch auf Behör­den­per­so­nal zu sto­ßen, das meist jede Gele­gen­heit für wei­te­re per­sön­li­che Demü­ti­gun­gen zu nut­zen wuss­te. Allein die­se ent­wür­di­gen­de Pro­ze­dur hielt vie­le von dem ent­schei­den­den Schritt über die Gren­zen ab.

Aber auch unter einem ande­ren Gesichts­punkt war die­se Ver­trei­bungs­po­li­tik nicht ohne Wider­sprü­che, denn man woll­te aus öko­no­mi­schen wie ideo­lo­gi­schen Grün­den ver­hin­dern, dass Aus­rei­se­wil­li­ge ihr Hab und Gut mit­nah­men und es damit dem „deut­schen Volks­ver­mö­gen“ ent­zo­gen. Nur in der ers­ten Zeit war es mög­lich, bei der Flucht einen Groß­teil der eige­nen Habe mit­zu­neh­men. Das änder­te sich aber mit dem wach­sen­den Devi­sen­man­gel, der die Kriegs­vor­be­rei­tun­gen zuneh­mend gefähr­de­te und so schreck­ten vie­le zunächst davor zurück, mit­tel­los in einem frem­den Land einen Neu­an­fang zu wagen. Wenn schon mit­tel­los – so die Ein­schät­zung vie­ler –, dann konn­te man eben­so in der ver­trau­ten Umge­bung verharren.

Und zunächst hat­te man ja auch ohne Arbeits­ein­kom­men noch die Ver­fü­gung über Kon­ten, Wert­pa­pie­re und ande­re Ver­mö­gens­wer­te. Das änder­te sich, als unter der Ägi­de von Heyd­rich ab 1936 der SD Ein­fluss auf die Finanz­ver­wal­tung zu neh­men begann, um die bis­her wider­sprüch­li­che Stra­te­gie in der Juden­po­li­tik durch wei­te­re Ver­schär­fun­gen des Drucks zu ver­än­dern, d​.​h. die Aus­wan­de­rung unter Zurück­las­sung des Ver­mö­gens zu erzwin­gen. Das Devi­sen­fahn­dungs­amt, von Heyd­rich 1936 gegrün­det, mit sei­nem in der fol­gen­den Zeit dras­tisch gestei­ger­ten Per­so­nal an Devi­sen­prü­fern, ermög­lich­te nun eine umfas­sen­de Kon­trol­le von Unter­neh­men und Pri­vat­per­so­nen und – in Zusam­men­ar­beit mit dem Zoll – auch umfas­sen­de Grenz­kon­trol­len.[17] Die Devi­sen­äm­ter began­nen in Zusam­men­ar­beit mit den zustän­di­gen Finanz­äm­tern, den Ban­ken, den Poli­zei­be­hör­den und den Par­tei­glie­de­run­gen poten­ti­ell Ver­däch­ti­ge dar­auf zu über­prü­fen, ob liqui­dier­te Ver­mö­gens­wer­te, etwa nach dem Ver­kauf von Immo­bi­li­en, nicht wie­der in Deutsch­land ange­legt wur­den, ob Ver­mö­gens­wer­te im Aus­land erwor­ben wur­den oder ob Export­for­de­run­gen über die übli­chen Fris­ten hin­aus im Aus­land ste­hen gelas­sen wur­den. Gab es einen sol­chen Ver­dacht, dann konn­ten die Ämter Auf­ent­halts­be­schrän­kun­gen anord­nen oder sogar dafür sor­gen, dass die Päs­se ein­ge­zo­gen wur­den. Ange­sichts der Viel­zahl von Bestim­mun­gen, die selbst für Finanz­recht­ler kaum mehr zu über­bli­cken waren,[18] bestand immer die Gefahr, dass man als Jude mit einem Devi­sen­straf­ver­fah­ren über­zo­gen wur­de, ein Ver­ge­hen, das im schlimms­ten Fall sogar mit der Todes­stra­fe geahn­det wer­den konnte.

Um sich einen Über­blick über den Wert des beab­sich­ti­gen Raubs zu ver­schaf­fen, hat­te der NS-Staat am 28. April 1938 im Rah­men des 1936 beschlos­se­nen Vier­jah­res­plans, der der Kriegs­vor­be­rei­tung dien­te, zudem eine „Ver­ord­nung zur Anmel­dung des Ver­mö­gens von Juden“ erlas­sen. Alle Juden, in Misch­ehen auch die nicht­jü­di­schen Ehe­part­ner, muss­ten ihr gesam­tes Ver­mö­gen mit­tels eines umfäng­li­chen Mel­de­bo­gens anzei­gen, sofern der Gesamt­wert über 5.000 RM lag. Nur all­täg­li­che Gebrauchs­ge­gen­stän­de waren von der Anmel­dung aus­ge­schlos­sen. Die­se Ver­ord­nung, deren Miss­ach­tung mit einer bis zu zehn­jäh­ri­gen Zucht­haus­stra­fe geahn­det wer­den konn­te, soll­te es dem Wort­laut gemäß ermög­li­chen, die „Maß­nah­men (zu) tref­fen, die not­wen­dig sind, um den Ein­satz des anmel­de­pflich­ti­gen Ver­mö­gens im Ein­klang mit den Belan­gen der deut­schen Wirt­schaft sicher­zu­stel­len“.[19] Der hier noch ver­klau­su­liert for­mu­lier­te Plan, sich jetzt end­gül­tig des Ver­mö­gens der jüdi­schen Bür­ger zu bemäch­ti­gen, war ideo­lo­gisch längst vor­be­rei­tet und wur­de als Wie­der­an­eig­nung des dem deut­schen Volk durch Wucher und Schie­bung zuvor ent­zo­ge­nen Reich­tums legitimiert.

Beim Raub des Ver­mö­gens der Aus­wan­de­rungs­wil­li­gen konn­te der Staat zunächst auf ein Gesetz zurück­grei­fen, das 1931 wäh­rend der Welt­wirt­schafts­kri­se vom Prä­si­di­al­ka­bi­nett Brü­ning als Not­ver­ord­nung ver­ab­schie­det wor­den war und die Kapi­tal­flucht ver­hin­dern sollte.

Unter den Nazis wur­de die­se „Reichs­flucht­steu­er“ zu einem – so Bar­kai –“’lega­len’ Instru­ment zur Aus­plün­de­rung der Juden“.[20] Nicht mehr nur Ver­mö­gen über 200 Tsd. RM wie unter Brü­ning, son­dern bereits 50 Tsd. RM bzw. ein Jah­res­ein­kom­men von 10.000 RM genüg­ten, um ab 1934 steu­er­pflich­tig zu wer­den. Nicht unwe­sent­lich war dabei, dass nicht der rea­le Ver­kaufs­wert der Güter, son­dern der geschätz­te Wert Basis der Besteue­rung war, unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die­se Wer­te in der Druck­si­tua­ti­on, in der die Emi­gran­ten stan­den, gar nicht mehr hät­ten rea­li­siert wer­den kön­nen. Woll­te man Deutsch­land ver­las­sen, so war bei einem Steu­er­satz von 25% ein Vier­tel des steu­er­pflich­ti­gen Ver­mö­gens von Vorn­her­ein ver­lo­ren.[21]

Das wäre noch zu ver­kraf­ten gewe­sen, wenn man über den Rest hät­te ver­fü­gen kön­nen. Durch die Ver­schär­fung des Devi­sen­ge­set­zes, i. B. durch den ein­ge­führ­ten Para­gra­phen 37a konn­te ab 1936 gegen­über jedem, den die Devi­sen­stel­len, Zoll- oder Devi­sen­fahn­dung im Ver­dacht hat­ten, eine Aus­wan­de­rung zu pla­nen, eine soge­nann­te „Siche­rungs­an­ord­nung“ erlas­sen wer­den. Die­se soll­te dazu die­nen, dass die gege­be­nen­falls fäl­li­ge „Reichs­flucht­steu­er“ in jedem Fall auch gezahlt wur­de bzw. ein­be­hal­ten wer­den konn­te. War das zunächst noch eine indi­vi­du­el­le Maß­nah­me gegen die­je­ni­gen, die man eines beab­sich­tig­ten Devi­sen­ver­ge­hens ver­däch­tig­te, so wur­de die­ses Ver­fah­ren ab 1939 gene­ra­li­siert. Einem sol­chen Ver­dacht war letzt­lich jeder Jude aus­ge­setzt, der noch über ein gewis­ses Ver­mö­gen verfügte.

In den Devi­sen­äm­tern wur­de für jeden Juden bzw. den Haus­hal­tungs­vor­stand eine soge­nann­te JS-Map­pe, die „Juden­si­che­rungs­ak­te“, mit einem lau­fen­den nume­ri­schen Akten­zei­chen ange­legt, in dem die Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, die jeweils gewähr­ten Frei­be­trä­ge oder außer­ge­wöhn­li­che Frei­stel­lun­gen für beson­de­re Aus­ga­ben fest­ge­hal­ten wur­den. Heu­te sind die­se Akten eine wesent­li­che Quel­le für eine zumin­dest par­ti­el­le Rekon­struk­ti­on der Opferbiographien.

Ent­schei­dend war aber, dass eine sol­che „Siche­rungs­an­ord­nung“ zur Fol­ge hat­te, dass damit die Devi­sen­äm­ter die voll­stän­di­ge Kon­trol­le über das Ver­mö­gen aus­üb­ten, da nun alle Ein­nah­men wie Aus­ga­ben, die über der indi­vi­du­ell fest­ge­leg­ten Frei­gren­ze lagen, nur noch über ein ein­zu­rich­ten­des Sperr­kon­to lau­fen durf­ten. Eine Ver­äu­ße­rung oder auch Ver­pach­tung von gewerb­li­chen oder land­wirt­schaft­li­chen Betrie­ben bedurf­te einer behörd­li­chen Geneh­mi­gung. Die Ein­nah­men hat­ten dann auf das gesperr­te Kon­to zu flie­ßen. Zur Lebens­hal­tung wur­de im All­ge­mei­nen zunächst ein Frei­be­trag von 300 RM gewährt, der nach Abga­be der Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­er­klä­rung jeweils ange­passt wurde.

Dien­ten die Anord­nun­gen vor­der­hand dazu mög­li­che Devi­sen­ver­schie­bun­gen zu ver­hin­dern, so hat­ten sie nach Füll­berg-Stoll­berg den wei­te­ren und poli­tisch viel­leicht sogar wich­ti­ge­ren Effekt, dass der Staat nun „Aus­ga­ben, die eine schnel­le Aus­rei­se begüns­ti­gen (zulas­sen) und Akti­vi­tä­ten, die auf ein Blei­ben aus­ge­rich­tet waren, durch Aus­zah­lungs­ver­wei­ge­rung blo­ckie­ren (konn­te).[22] Blei­ben wur­de somit auch für die­je­ni­gen, die for­mal noch etwas besa­ßen, immer unat­trak­ti­ver und vie­le, die bis­her gezö­gert hat­ten, began­nen nun mit den Vor­be­rei­tun­gen zur Emi­gra­ti­on. Da aber die Suche nach einem Asyl­land, nach Käu­fern für Immo­bi­li­en und Wert­ge­gen­stän­de und die Abwick­lung der gan­zen übri­gen For­ma­li­tä­ten im All­ge­mei­nen bis zu einem Jahr dau­er­ten, zei­gen sich die Fol­gen die­ser Maß­nah­men erst in den Flücht­lings­zah­len ab 1937/​38.

Waren in der ers­ten Aus­füh­rung der Ver­ord­nun­gen noch die ‚Höhe­ren Ver­wal­tungs­be­hör­den’ wie Regie­rungs­prä­si­den­ten, Minis­te­ri­en oder Statt­hal­ter zustän­dig, so wur­de 1940 in einer wei­te­ren Ergän­zung die Auf­ga­be der Ver­mö­gens­kon­trol­le den jewei­li­gen loka­len Finanz­äm­tern über­tra­gen,[23] womit die­se, wie auch die vor­ge­setz­ten Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten, zu den wich­tigs­ten Akteu­ren die­ses Raub­zugs wurden.

Sühneleistung, Judenhaus Wiesbaden
Pro­pa­gan­dis­ti­sche Vor­be­rei­tung des Raub­zugs in der Bie­bri­cher Tages­post vom 21.11.1938
Stadt­ar­chiv Wies­ba­den NL 34 59

Die Finanz­äm­ter waren es dann auch, die nach der Reichs­po­grom­nacht für die Ein­trei­bung der den Juden kol­lek­tiv auf­er­leg­ten „Süh­ne­leis­tung“ in Höhe von 1 Mil­li­ar­de RM ver­ant­wort­lich waren — in der Ter­mi­no­lo­gie der Finanz­ver­wal­tung als „Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be“, kurz JUVA, titu­liert. Auf der Basis der bereits vor­han­de­nen „Ver­mö­gens­an­mel­dung“ muss­ten alle, die zu einer sol­chen Mel­dung ver­pflich­tet waren, 20 % ihres Ver­mö­gens an den Fis­kus abge­ben, unab­hän­gig davon, in wel­cher Form die­ses Ver­mö­gen vor­han­den war. Zwar ‚gestat­te­te’ man die Zah­lung in vier Vier­tel­jah­res­ra­ten — die ers­te war am 15. Dezem­ber 1938 fäl­lig, die letz­te soll­te am 15. August 1939 gezahlt wer­den , dann erhöh­te man aber im Okto­ber 1939 den Pro­zent­satz auf 25%, d​.​h. fak­tisch um eine wei­te­re Rate, weil angeb­lich kei­ne Mil­li­ar­de Reichs­mark zusam­men­ge­kom­men war. Im Rah­men die­ser Akti­on wur­den min­des­tens 1,127 Mrd. Reichs­mark ein­ge­trie­ben, im Bezirk des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel, zu dem auch das Finanz­amt Wies­ba­den gehört, waren es 60,7 Mil­lio­nen.[24] Da die meis­ten Juden nicht über die not­wen­di­gen liqui­den Mit­tel ver­füg­ten, muss­ten Immo­bi­len ver­äu­ßert und Wert­pa­pier am Markt offe­riert werden.

Vie­le trenn­ten sich not­ge­drun­gen von ererb­tem Schmuck oder Tafel­sil­ber, aber auch das war bereits staat­li­cher­seits genau­es­tens regle­men­tiert wor­den. Wert­ge­gen­stän­de mit einem Wert von mehr als 1.000 RM durf­ten von Juden seit Dezem­ber 1938 nicht mehr frei ver­kauft wer­den, son­dern muss­ten den städ­ti­schen Pfand­leih­an­stal­ten ange­bo­ten wer­den. Am 21. Febru­ar 1939 wur­de das gesetz­lich durch­ge­setzt, was in der Ver­ord­nung vom 24. Novem­ber 1938 schon ange­legt war.[25] Man hat­te sich die Sicher­stel­lung des Ver­mö­gens im Inter­es­se des Rei­ches bereits vor­be­hal­ten, jetzt griff man zu und orga­ni­sier­te mit Hil­fe der Pfand­leih­an­stal­ten zumin­dest die Teil­ent­eig­nung die­ser Ver­mö­gens­wer­te. Inner­halb einer rela­tiv kur­zen Frist von weni­gen Wochen muss­ten die Wert­ge­gen­stän­de, von weni­gen Aus­nah­men wie Ehe­rin­ge, Arm- oder Taschen­uh­ren abge­se­hen,[26] den Anstal­ten ange­bo­ten wer­den, wobei „ange­bo­ten“ sug­ge­riert, man habe die Frei­heit gehabt, den gebo­te­nen Ankaufs­preis abzu­leh­nen oder anzu­neh­men. Dem, war nicht so. Der von den Pfand­lei­hern fest­ge­leg­te Preis soll­te zwar am Welt­markt­preis ori­en­tiert sein, abzüg­lich zehn Pro­zent, aller­dings wur­de dabei nur der rei­ne Mate­ri­al­wert, nicht aber ihr Mark­wert als Kunst­ob­jek­te berück­sich­tigt. Zudem erhiel­ten die „Ver­käu­fer“ höchs­ten 500 RM zur frei­en Ver­fü­gung, der Rest muss­te auf ein gesi­cher­tes Kon­to ein­ge­zahlt werden.

Tas­te­ten die Siche­rungs­an­ord­nun­gen und der Edel­me­tall­ein­zug for­mal nicht das Eigen­tum als sol­ches an — das Recht am Pri­vat­ei­gen­tum soll­te als kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staats­ord­nung ja nicht auf­ge­ho­ben wer­den -, so bedeu­te­ten die­se Son­der­ab­ga­ben den­noch einen unmit­tel­ba­ren Ein­griff in den Besitz­stand der­je­ni­gen, die ihrer bür­ger­li­chen Rech­te durch die Nürn­ber­ger Geset­ze bereits beraubt waren.

Der eigent­li­che Zugriff fand aber statt, wenn die Ver­folg­ten sich ange­sichts des dro­hen­den Ver­häng­nis­ses ent­schlos­sen, doch noch den Weg ins Exil anzu­tre­ten. Das zen­tra­le Pro­blem bestand dar­in, wie man ange­sichts der Devi­sen­knapp­heit des NS-Staa­tes sei­ne Ver­mö­gens­wer­te für einen Neu­an­fang in das Exil­land trans­fe­rie­ren konn­te. Die­ser Devi­sen­man­gel war zwar ein objek­ti­ver Tat­be­stand, aber unab­hän­gig davon war es ja gera­de Ziel der Poli­tik, sich das Eigen­tum der Juden anzu­eig­nen. Die Aus­fuhr­be­schrän­kun­gen waren somit pri­mär poli­tisch und nicht öko­no­misch begrün­det. Das Geld, das man als Jude mit­neh­men woll­te, muss­te zunächst auf ein „Aus­wan­der­er­sperr­mark-Kon­to“ bei der „Deut­schen Gold­dis­kont­bank“ ein­ge­zahlt wer­den und wur­de dann im Lau­fe der Jah­re gegen immer weni­ger Devi­sen ein­ge­tauscht. Im Janu­ar 1934 wur­den „nur“ 20 %, im Som­mer des glei­chen Jah­res schon Zwei­drit­tel und im Okto­ber 1936 mehr als 80 % des ein­ge­zahl­ten Wer­tes ein­be­hal­ten. „Bis 1938 muss­te ein mit­tel­stän­di­scher Jude mit etwas Ver­mö­gen ent­we­der Geld im Aus­land haben oder viel Weit­blick besit­zen, um sich zur Aus­wan­de­rung zu ent­schlie­ßen zu kön­nen. Die meis­ten besa­ßen bei­des nicht und blie­ben, wäh­rend vor allem die Jün­ge­ren und Unver­mö­gen­den, die mobi­ler waren, aus­wan­der­ten.“ – so die Ein­schät­zung von Bar­kai.[27] Wer danach noch legal her­aus­kam, der ging mit nicht viel mehr als dem nack­ten Leben. Zuletzt wur­den gera­de noch 4% des ein­ge­zahl­ten Wer­tes in Form von Devi­sen aus­ge­zahlt, bevor mit Beginn des Kriegs im Sep­tem­ber 1939 jeg­li­che Devi­sen­trans­fers unter­bun­den wurden.

Auch das Umzugs­gut muss­te nicht nur bei der Devi­sen­stel­le ange­mel­det und geneh­migt wer­den, son­dern auch für die Mit­nah­me­ge­neh­mi­gung fie­len noch ein­mal erheb­li­che Gebüh­ren an, wenn es sich um neu ange­schaff­te Sach­wer­te han­del­te – etwa zu Grün­dung einer neu­en Exis­tenz. Die­se soge­nann­te „Dego-Abga­be“ belief sich je nach Gegen­stand auf den zwei bis drei­fa­chen Wert des Kauf­prei­ses. [28] Und zu guter Letzt waren die Aus­wan­de­rer noch zu einer in Sach­leis­tun­gen zu erbrin­gen­den „Spen­de“ an die Reichs­ver­ei­ni­gung ver­pflich­tet.[29]

Die nicht trans­fe­rier­ten Ver­mö­gens­wer­te, sei­en es Gut­ha­ben oder Immo­bi­li­en, blie­ben zunächst zwar for­mal wei­ter­hin Eigen­tum, stan­den aber unter der Kon­trol­le der Devisenstellen.

Um auch an das Ver­mö­gen der­je­ni­gen schein­leg­al her­an­zu­kom­men, die nicht aus­wan­dern woll­ten oder konn­ten, griff man bei Bedarf auf ein Gesetz aus der ers­ten Pha­se der Dik­ta­tur zurück, in der es noch um die Aus­schal­tung poli­ti­scher Geg­ner wie Kom­mu­nis­ten und Sozi­al­de­mo­kra­ten ging. Bereits am 26. Mai 1933 hat­te man sich zunächst die Mög­lich­keit geschaf­fen, durch Ein­zug des Ver­mö­gens „kom­mu­nis­ti­sche Umtrie­be“ zu unter­bin­den,[30] am 14. Juli 1933 wur­de das Gesetz ergänzt und damit gene­ra­li­siert. Das Recht zum Eigen­tums­ent­zug soll­te jetzt „auf Sachen und Rech­te der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands und ihrer Hilfs- und Ersatz­or­ga­ni­sa­tio­nen sowie auf Sachen und Rech­te, die zur För­de­rung mar­xis­ti­scher oder ande­rer, nach Fest­stel­lung des Reichs­mi­nis­ters des Innern volks- und staats­feind­li­cher Bestre­bun­gen gebraucht oder bestimmt sind, Anwen­dung (fin­den)“.[31] Dass die „volks- und staats­feind­li­chen Bestre­bun­gen“ nicht nur poli­tisch, son­dern auch ras­sis­tisch defi­niert wer­den konn­te, liegt auf der Hand, war der Jude doch der „Volks­feind“ sui generis.

Mit dem am 14. Juli 1933 ver­ab­schie­de­ten „Gesetz über den Wider­ruf von Ein­bür­ge­run­gen und die Aberken­nung der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit“ ver­schaff­te man sich zudem Zugriff auf die Ver­mö­gen der vie­len, haupt­säch­lich wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik ein­ge­bür­ger­ten Ost­ju­den und auf den Besitz der­je­ni­gen, die sich bereits im Aus­land auf­hiel­ten oder sich aber zukünf­tig  ohne Ver­zicht auf die deut­sche Staats­bür­ger­schaft dort auf­zu­hal­ten gedach­ten, um dort das Ende der Nazi­zeit abzu­war­ten. „Reichs­an­ge­hö­ri­ge, die sich im Aus­land auf­hal­ten, kön­nen der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit für ver­lus­tig erklärt wer­den, sofern sie durch ein Ver­hal­ten, das gegen die Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk ver­stößt, die deut­schen Belan­ge geschä­digt haben.“ Die­se Bedin­gung war in jedem Fall leicht zu kon­stru­ie­ren und setz­te kei­nes­falls irgend­wel­che staats­ge­fähr­den­den Akti­vi­tä­ten vor­aus. Allein die Dar­stel­lung des eige­nen Lebens­schick­sals war geeig­net „deut­sche Belan­ge“ zu schä­di­gen. Oft griff man aber auch auf angeb­li­che Devi­sen­ver­ge­hen zum Nach­teil des Deut­schen Rei­ches zurück, um dem Geset­zes­wort­laut Genü­ge zu tun, etwa eine noch nicht für das gesam­te Jahr begli­che­ne Hun­de­steu­er.[32] War ein Aberken­nungs­ver­fah­ren der Staats­bür­ger­schaft ein­ge­lei­tet, so konn­te das Ver­mö­gen der Betrof­fe­nen zunächst beschlag­nahmt, nach Aberken­nung der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit als „dem Rei­che ver­fal­len“ erklärt wer­den.

Die Zah­len der Aus­bür­ge­rung mit nach­fol­gen­dem Ver­mö­gens­ent­zug blie­ben bezo­gen auf das gesam­te Deut­sche Reich in den Jah­ren bis 1936 unter Ein­hun­dert, erst in den fol­gen­den Jah­ren bis 1939 ver­dop­pel­ten sie sich jeweils und stie­gen von 203 im Jahr 1937 auf 566 im fol­gen­den Jahr und auf 1300 im Jahr 1939 an. Bis Sep­tem­ber 1940 blie­ben sie auf etwa der glei­chen Höhe. In dem für Wies­ba­den zustän­di­gen Bereich des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel waren es ins­ge­samt 382 Fäl­le. Ent­spre­chend stie­gen die Ein­nah­men für das Reich von 5.568 RM in 1933 auf über 12 Mio. im Jahr 1939 [33]

Aller­dings war ein sol­cher Ver­mö­gens­ent­zug durch Aus­bür­ge­rung ein indi­vi­du­el­ler Akt,[34] der eines umfäng­li­chen Ver­fah­rens bedurf­te, des­sen Voll­zug jeweils im „Reichs­an­zei­ger“ ver­öf­fent­licht wer­den muss­te, und sich daher als „Rechts­akt“ kaum für den geplan­ten kol­lek­ti­ven Raub­zug eignete.

Mit der „Elf­ten Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz“ (Nürn­ber­ger Geset­ze) schuf sich die Regie­rung im Novem­ber 1941 das hier­für geeig­ne­te Instru­ment, indem „Juden, die ihren Auf­ent­halt im Aus­land haben oder neh­men, die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit ent­zo­gen (wird). Ihr Ver­mö­gen ver­fällt dem Reich.“ Der Ver­mö­gens­ver­fall war ab die­sem Zeit­punkt auto­ma­tisch gege­ben, ohne dass dem Betrof­fe­nen eine Schä­di­gung deut­scher Belan­ge nach­ge­wie­sen wer­den muss­te. Der Betrof­fe­ne war sozu­sa­gen der Schäd­ling selbst. Der beson­de­re Zynis­mus, aber zugleich die eigent­lich Absicht, lag dar­in, dass die­se Bestim­mung auch bei den nun begin­nen­den Mas­sen­de­por­ta­tio­nen Anwen­dung fand. Wer „nach dem Osten eva­ku­iert“ wur­de — so die übli­che For­mel -, ver­lor sein Ver­mö­gen ab jetzt auto­ma­tisch.[35]

Zustän­dig für die Ver­wal­tung und Ver­wer­tung die­ser Ver­mö­gen war zunächst das dem Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Ber­lin-Bran­den­burg unter­ge­be­ne Finanz­amt Ber­lin Moa­bit West.[36] Das rühr­te daher, dass hier schon vor dem Macht­an­tritt der Nazis die soge­nann­te „Aus­län­der­kar­tei“ mit den beschränkt Steu­er­pflich­ti­gen zen­tral geführt wor­den war. Die­ses umständ­li­che zen­tra­le Ver­fah­ren wur­de schon früh in Fra­ge gestellt, weil man mein­te, dass dies zu lan­ge dau­ern und den Juden unnö­tig Gele­gen­heit gege­ben wür­de, Wer­te noch ille­gal ins Aus­land zu trans­fe­rie­ren oder die­se auf ande­re Art vor dem staat­li­chen Zugriff zu bewah­ren. Über­eig­nun­gen an ver­trau­ens­wür­di­ge Ari­er wur­den offen­sicht­lich als eine sol­che Mög­lich­keit gese­hen, bis auch sie durch die Gesta­po zunich­te gemacht wur­den: „Die Juden sind vor ihrer Abschie­bung in vie­len Fäl­len dazu über­ge­gan­gen, ihr Ver­mö­gen zu ver­schie­ben, um es der Beschlag­nah­me und Ein­zie­hung oder dem Ver­fall an das Reich zu ent­zie­hen.“ Um das zu ver­hin­dern wur­de die Reichs­ver­ei­ni­gung auf Ver­an­las­sung des Chefs der Sicher­heits­po­li­zei und des SD zu einem Rund­schrei­ben an die Gemein­den ver­an­lasst, in dem mit­ge­teilt wur­de, dass „nach dem 15. Okto­ber 1941 alle Ver­fü­gun­gen von Juden über ihr beweg­li­ches Ver­mö­gen der Geneh­mi­gung der zustän­di­gen Staats­po­li­zei­stel­le bedür­fen. Alle getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen (…) die nicht von der Gesta­po geneh­migt sind, sind nich­tig.“ Für die vor dem 15. Okto­ber 1941 getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen bedür­fe es der Zustim­mung der Devi­sen­stel­len, die zu über­prü­fen hät­ten, ob einer sol­chen Schen­kung eine erteil­te Siche­rungs­an­ord­nung ent­ge­gen­ste­he.[37]

Die kurz nach die­sem Stich­tag erlas­se­ne „Elf­te Ver­ord­nung zum Reichs­bür­ger­ge­setz“ führ­te dazu, dass auf Grund des nun rasant wach­sen­den Arbeits­an­falls ab Janu­ar 1942 die jeweils zustän­di­gen hei­mi­schen Finanz­äm­ter und nicht mehr das Finanz­amt Moa­bit die Ver­mö­gens­be­schlag­nah­mung der Aus­ge­bür­ger­ten bzw. Depor­tier­ten durch­füh­ren soll­ten. [38]

In einem Schnell­brief des Reichs­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums vom 4. Novem­ber 1941 wur­den die Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten auf die­se neue Auf­ga­be vor­be­rei­tet. In die­sem Schrei­ben wer­den die wesent­li­chen zu beach­ten­den recht­li­chen Bestim­mun­gen aus­ge­führt. Wegen sei­ner Bedeu­tung soll es hier in wesent­li­chen Aus­zü­gen zitiert werden:

“Betr: Abschie­bung von Juden
2. Durch­füh­rung der Abschie­bung
Die Abschie­bung der Juden wird von der Geh. Staats­po­li­zei (Gesta­po) durch­ge­führt. Die Gesta­po sorgt auch für die ers­te Sicher­stel­lung des Ver­mö­gens.
Die Juden, deren Abschie­bung bevor­steht, haben der Gesta­po Ver­mö­gens­ver­zeich­nis­se nach bestimm­tem Vor­druck ein­zu­rei­chen. Die Gesta­po-Stel­len ver­sie­geln die Woh­nun­gen und hin­ter­le­gen die Woh­nungs­schlüs­sel bei den Hausverwaltern.

3.Einziehung des Ver­mö­gens
Gesetzl. Grund­la­ge für die Ein­zie­hung des Ver­mö­gens sind die fol­gen­den Bestim­mun­gen:
a) Gesetz über die Ein­zie­hung volks- und staats­feindl. Ver­mö­gens v. 14. Juli 1933 (RGB1 I S 479) in Ver­bin­dung mit dem Gesetz  über die Ein­zie­hung kom­mu­nis­ti­schen Ver­mö­gens v. 25. Mai 1933 (RGB1. I S. 293),
(…)
Die Ein­zie­hungs-Vfgn wer­den von den Reg​.Präs (…) erlas­sen. Sie wer­den den Juden vor ihrem Abtrans­port durch Gerichts­voll­zie­her zugestellt.

4. Auf­ga­ben der RFin­Verw.
a) All­ge­mei­nes.
Die Ver­wal­tung und Ver­wer­tung des ein­ge­zo­ge­nen Ver­mö­gens der Juden liegt mir ob. Ich über­tra­ge die Erfül­lung die­ser Auf­ga­be den OFPräs. Die OPP­räs. kön­nen sich dabei n Orten aus­ser­halb des Sit­zes des Ober­fi­nanz­prä­si­di­ums eines FA[Finanzamt – K​.​F.] bedie­nen. Ich habe der Gesta­po als Stel­len, denen das Ver­mö­gen zu über­ge­ben ist, die OFPräs. benannt,…
Die nächs­te Abschie­bung von Juden beginnt mit dem 7. oder 8. Nov. 1941. Ich bit­te, den genau­en Zeit­punkt für die ein­zel­nen Städ­te sofort bei den ört­lich zustän­di­gen Staats­po­li­zei­stel­len zu erfra­gen.
Die ers­te Auf­ga­be der mit der Ver­wal­tung und Ver­wer­tung betrau­ten Stel­len besteht dar­in, von den ört­lich zustän­di­gen Sta­po­stel­len die Ver­mö­gens­ver­zeich­nis­se und Ein​zie​hungs​—Vfgn. in Emp­fang zu neh­men und die gesam­te Ver­mö­gens­mas­se zu über­neh­men. Es wird ins­be­son­de­re dafür zu sor­gen sein, dass Vfgn. ande­rer Stel­len über die­se Ver­mö­gens­wer­te unter­blei­ben.
Die frei­ge­mach­ten Woh­nun­gen wer­den im all­ge­mei­nen der Bewirt­schaf­tung durch die städt. Behör­den unter­lie­gen. Wegen der Behand­lung der Woh­nun­gen ist mit den Städ­ten Ver­bin­dung auf­zu­neh­men. Ich lege Wert dar­auf, dass die Woh­nun­gen mög­lichst bald von der Stadt über­nom­men wer­den, damit das Reich so schnell wie mög­lich von der Zah­lung der Mie­te für die Woh­nun­gen frei wird. (…)
Wer­den die Woh­nun­gen erst nach der Räu­mung von der Stadt über­nom­men, so ist für beschleu­nig­te Räu­mung zu sor­gen. Das gilt ins­be­son­de­re für die Städ­te, in denen die Woh­nun­gen zur Unter­brin­gung flie­ger­ge­schä­dig­ter Volks­ge­nos­sen bestimmt sind. Die Woh­nun­gen müs­sen ent­west und instand gesetzt wer­den, bevor sie obdach­lo­sen Volks­ge­nos­sen zuge­wie­sen wer­den kön­nen. Es ist des­halb erfor­der­lich, sofort grös­se­re Lager­räu­me (auch Säle von Gast­stät­ten usw.) für die Unter­brin­gung der Möbel zu beschaf­fen und die zum Abtrans­port der Möbel erfor­der­li­chen Trans­port­mit­tel und Trans­port­ar­bei­ter bereit­zu­stel­len. Es ist zweck­mäs­sig, sofort die­se Ver­bin­dung mit den Berufs­ver­tre­tun­gen des Spe­di­teur­ge­wer­bes auf­zu­neh­men.
Ich bit­te die Mög­lich­keit zu prü­fen, einen Teil der anfal­len­den Woh­nun­gen von den mit ihrer Bewirt­schaf­tung beauf­trag­ten Stel­len für Zwe­cke der Beam­ten­woh­nungs­für­sor­ge zu erhal­ten. Die Ver­hand­lun­gen dar­über bit­te ich sofort aufzunehmen.

b) Orga­ni­sa­ti­on der Dienst­stel­le.
Die mit der Durch­füh­rung der Auf­ga­ben betrau­te Dienst­stel­le ist sofort ein­zu­rich­ten. Es ist für jeden Ein­zie­hungs­fall ein beson­de­res Akten­stück anzu­le­gen, das zunächst das Ver­mö­gens­ver­zeich­nis und die Ein­zie­hungs­vfg. auf­nimmt.
Ein Kar­tei­blatt für jeden abge­scho­be­nen Juden erleich­tert die Über­sieht. Erlö­se und Aus­ga­ben sind auf einer Kon­to­kar­te (für jeden Juden beson­ders) fest­zu­hal­ten, damit jeder­zeit eine Über­sicht über den Stand des ein­ge­zo­ge­nen Ver­mö­gens vor­han­den ist.
Ich füge einen Satz Vor­dru­cke bei, die vom PA Moa­bit-West in Ber­lin ver­wen­det werden.

c) Behand­lung des beweg­li­chen Ver­mö­gens, Ich bit­te, vor ander­wei­ter Ver­wer­tung der Woh­nungs­ein­rich­tun­gen, zu prü­fen, wel­che Gegen­stän­de für die RFin­Verw. gebraucht wer­den kön­nen. Es kom­men in Betracht:
Für die Aus­stat­tung der Ämter (Dienst­zim­mer der Vor­ste­her und Sach­be­ar­bei­ter, Büro­räu­me):
Schreib­ti­sche, Bücher­schrän­ke, Ses­sel, Tep­pi­che, Bil­der, Schreib­ma­schi­nen u​.​a​.​m.
für die Aus­stat­tung der Erho­lungs­hei­me und Schu­len der RFin­Verw. Schlaf­zim­mer, Bet­ten, Musik­in­stru­men­te und ins­be­son­de­re Bett­wä­sche, Tisch­wä­sche. Hand­tü­cher usw.
Gegen­stän­de, die nicht für Zwe­cke der RFin­Verw. gebraucht wer­den, sind in geeig­ne­ter Wei­se zu ver­äus­sern. Ver­stei­ge­run­gen in den Woh­nun­gen selbst sind nach den gemach­ten Erfah­run­gen uner­wünscht.
Es besteht die Mög­lich­keit, dass die NSV oder die Städ­te, denen die Aus­stat­tung flie­ger­ge­schä­dig­ter Volks­ge­nos­sen obliegt, bereit sind, grös­se­re Men­gen der nicht für Zwe­cke der RFin­Verw. gebrauch­ter Gegen­stän­de gegen ange­mes­se­ne Bezah­lung abzu­neh­men. Es besteht auch die Mög­lich­keit, dass die Berufs­ver­tre­tun­gen des Alt­wa­ren­han­dels grös­se­re Pos­ten erwer­ben. Die Ver­äus­se­rungs­prei­se sind in allen Fäl­len nach den Schät­zun­gen zuver­läs­si­ger Sach­ver­stän­di­ger fest­zu­set­zen.
Es ist dar­auf zu ach­ten, dass Schrän­ke und Behäl­ter aller Art nicht mit Inhalt ver­kauft wer­den. Schrän­ke und Behäl­ter sind des­halb nach dem Abtrans­port zu lee­ren. Die­se Gegen­stän­de sind geson­dert zu ver­äus­sern. De Abtrans­port und die Lage­rung der Möbel sind stän­dig durch geeig­ne­te Beam­te zu über­wa­chen, damit Dieb­stäh­le nach Mög­lich­keit ver­mie­den werden.

d) Behand­lung von Kunst­ge­gen­stän­den:
Kunst­ge­gen­stän­de (Bil­der, Plas­ti­ken usw.), die nicht von vorn­her­ein als min­der­wer­ti­ge Erzeug­nis­se anzu­se­hen sind, sind nicht zu ver­äus­sern. Sie sind in geeig­ne­ter Wei­se zu lagern und dem zustän­di­gen Lan­des­lei­ter der Reichs­kam­mer der bil­den­den Küns­te zu mel­den. Der Lan­des­lei­ter wird bin­nen Monats­frist erklä­ren, ob ein musea­les Inter­es­se  für die­se Gegen­stän­de besteht. Es wird bezüg­lich die­ser Gegen­stän­de beson­de­re Wei­sung erge­hen. Die übri­gen Kunst­ge­gen­stän­de kön­nen ver­äus­sert wer­den.
(…)
Jüdi­sches Schrift­tum und sons­ti­ge kul­tu­rel­le und künst­le­ri­sche Erzeug­nis­se jüdi­schen Schaf­fens sind sicher­zu­stel­len. Wei­te­re Wei­sung wegen ihrer Behand­lung folgt.

e) Behand­lung von Gegen­stän­den aus Edel­me­tall und Brief­mar­ken­samm­lun­gen
Gegen­stän­de aus Edel­me­tall und Brief­mar­ken­samm­lun­gen sind der Zen­tral­stel­le bei der Stadt, Pfand­leih­an­stalt Ber­lin, Ber­lin W 8, Jägerstr.64 zu über­sen­den. Die­se Stel­le wird die Erlö­se an die abge­ben­de Stel­le abführen.

f) Wert­pa­pie­re
Wert­pa­pie­re sind an die Reichs­haupt­kas­se in Ber­lin abzuliefern,

g) For­de­run­gen
(…)
Bank­gut­ha­ben und ande­re For­de­run­gen sind ein­zu­zie­hen
(…)

k) Behand­lung des unbe­weg­li­chen Ver­mö­gens.
Grund­stü­cke sind zunächst in Ihre Ver­wal­tung zu neh­men. Die Ver­wer­tung der Grund­stü­cke, die nicht für Zwe­cke der RFin­Ver. (Dienst­räu­me, Beam­ten­woh­nungs­für­sor­ge) gebraucht wer­den, wird durch beson­de­ren Erl. gere­gelt wer­den.
Die Umschrei­bung der ein­ge­zo­ge­nen Grund­stü­cke und grund­stücks­glei­chen Rech­te im Grund­buch ist zu bean­tra­gen. Die Ein­zie­hungs­vfg. mit Zustel­lungs­ur­kun­de ersetzt die nach den Vor­schrif­ten des BGB und der Grund­buch­ord­nung erfor­der­li­chen Urkun­den und Erklä­run­gen
(…)

6. Zwei­fels­fra­gen und Erfah­rungs­be­rich­te
Ich bit­te, über Zwei­fels­fra­gen sofort zu Hän­den des Minis­te­ri­al­rats, Dr. Mae­del zu berich­ten. Als Deck­wort für die Abschie­bung der Juden ist in Fern­ge­sprä­chen die Bezeich­nung “Akti­on 3” zu ver­wen­den. Es ist damit zu rech­nen, dass noch wei­te­re Juden­ab­schie­bun­gen fol­gen. Ich bit­te des­halb, mir jeweils nach Abschluss einer Akti­on mög­lichst bald über die dabei gemach­ten Erfah­run­gen und die auf­ge­tre­te­nen Schwie­rig­kei­ten zu berich­ten und etwa­ige Vor­schlä­ge für Ände­run­gen im Ver­fah­ren bei­zu­fü­gen. Ich behal­te mir vor, fes­te Ter­mi­ne für die Berichts­er­stat­tung noch zu bestim­men, bit­te jedoch, nicht dar­auf zu war­ten.”[39]

Fast gleich­zei­tig mit die­sem Rund­brief waren die ers­ten Mas­sen­de­por­ta­tio­nen in Hes­sen durch­ge­führt wor­den – 3000 Juden aus Frank­furt und wei­te­re 1000 aus dem Regie­rungs­be­zirk Kas­sel -, zwei Mona­te spä­ter erging ein Brief an die dem Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel unter­stell­ten Finanz­äm­ter, in dem nicht nur „wei­ter zu erwar­ten­de Eva­ku­ie­run­gen“ ange­kün­digt wur­den, son­dern auch die ent­spre­chen­den Finanz­äm­ter, eben auch Wies­ba­den, auf­ge­for­dert wur­den, die ent­spre­chen­den orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tu­ren zu schaf­fen, um die damit ver­bun­de­ne Auf­ga­ben der Ver­wal­tung und Ver­wer­tung über­neh­men zu kön­nen.[40]

Ob es aller­dings bis zum Okto­ber gedau­ert hat, bis am hie­si­gen Finanz­amt die ent­spre­chen­de Auf­ga­ben­ver­tei­lung vor­ge­nom­men wur­de, wie das Datum 3. Okto­ber 1942 der ent­spre­chen­den Nie­der­schrift des Amts­lei­ter Trom­mers­hau­sen nahe­legt, muss bezwei­felt wer­den. Zumin­dest kom­mis­sa­risch wer­den die Auf­ga­ben auch schon vor­her von den genann­ten Stel­len bzw. Per­so­nen über­nom­men wor­den sein.
Offi­zi­ell waren drei Zustän­dig­keits­be­rei­che in der „Ver­mö­gens­ver­wer­tungs­stel­le“ geschaf­fen wor­den.
Die Stel­le 44 war für die durch Abschie­bung im lau­fen­den Jahr bereits ange­fal­le­nen beweg­li­chen Güter, für For­de­run­gen und Rech­te usw. und für die außer­halb des Finanz­amts­be­zirks Wies­ba­den gele­ge­nen Lie­gen­schaf­ten verantwortlich.

Die Stel­le 40 hat­te das jüdi­sche Ver­mö­gen ein­schließ­lich des Grund­be­sit­zes außer­halb des Bezirks Wies­ba­den zu ver­wer­ten, das nicht durch Abschie­bung im Jahr 1942 ange­fal­len war.

Im Lie­gen­schafts­amt selbst war der Finanz­be­am­te Emil Schreck zustän­dig für die Ver­wer­tung der jüdi­schen Grund­stü­cke, die inner­halb des Amts­be­zirks gele­gen waren, wobei sein Auf­ga­ben­ge­biet sowohl Ver­käu­fe wie auch Ver­mie­tun­gen umfass­te. Er wur­de somit zum Ansprech­part­ner all der­je­ni­gen, die in Wies­ba­den in irgend­ei­ner Wei­se ihren Nut­zen aus dem staat­li­chen Raub­zug zie­hen woll­ten. Soll­te es in abseh­ba­rer Zeit zu kei­nem Ver­kauf der jewei­li­gen Haus­grund­stü­cke kom­men, dann soll­te die Zustän­dig­keit an das ‚nor­ma­le’ Lie­gen­schafts­res­sort unter dem Finanz­be­am­ten Blank über­wie­sen wer­den.[41]

Mit dem Erlass der diver­sen gesetz­li­chen Rege­lun­gen, bzw. Ver­fü­gun­gen und Ver­ord­nun­gen, so kom­pli­ziert sie auch waren, und den not­wen­di­gen insti­tu­tio­nel­len Ver­än­de­run­gen waren alle not­wen­di­gen Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen, um auch die letz­te Pha­se des Ari­sie­rungs­pro­zes­ses, die Ari­sie­rung von Haus- und Grund­ei­gen­tum zum Abschluss brin­gen zu kön­nen. Die Ent­eig­nung bzw. der Ent­zug über die Ver­fü­gung die­ser Ver­mö­gens­tei­le hat­te aber schon viel frü­her begonnen.

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Laza­rus, Paul, Die jüdi­sche Gemein­de Wies­ba­dens 1918–1942, New York 1942. Er selbst ist eben­falls im Febru­ar 1939 nach Paläs­ti­na ausgewandert.

[2] Die in der Lite­ra­tur ange­ge­be­nen Zah­len wei­chen zum Teil erheb­lich von­ein­an­der ab. Zu den Zah­len und den jewei­li­gen Ziel­län­dern sie­he Bar­kai/­Men­des-Flohr, Auf­bruch und Zer­stö­rung 1918–1945, S. 227, eben­so Benz,  Wolf­gang, Die jüdi­sche Emi­gra­ti­on, in: Krohn (Hg.), Hand­buch der deutsch­spra­chi­gen Emi­gra­ti­on 1933 – 1945, Darm­stadt 2008, S. 6.

Die wohl aktu­ells­ten Zah­len lie­fert http://​www​.sta​tis​tik​-des​-holo​caust​.de/stat_ger_emi.html.

[3] Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 81.

[4] Sie­he unten.

[5] Sie­he unten.

[6] Das Haa­va­ra Abkom­men, das 1933 zwi­schen dem Deut­schen Reich und der Zio­nis­ti­schen Bewe­gung geschlos­sen wor­den war, ermög­lich­te den Aus­wan­de­rungs­wil­li­gen nach Paläs­ti­na durch einen bestimm­ten Trans­fer­me­cha­nis­mus, der dem Reich auch ent­spre­chen­de Expor­te und damit Devi­sen sichern soll­te, die Mit­nah­me eines grö­ße­ren Teils ihres Ver­mö­gens als in ande­re Län­der. Das Abkom­men war aber sowohl inner­halb des Juden­tums als auch in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung umstrit­ten. Man­che Juden sahen dar­in eine gefähr­li­che Koope­ra­ti­on mit den Nazis, in deren Krei­sen wie­der­um sah man die Gefahr, dass dadurch die Ent­ste­hung eines Juden­staats geför­dert wür­de, was nicht im Inter­es­se der deut­schen Poli­tik sein kön­ne. Zu den finan­zi­el­len Rege­lun­gen des Abkom­mens sie­he Bar­kai, “Ent­ju­dung”, S. 62–64, 111–117. Laut Kee­sings Archiv der Gegen­wart Bd. 1938 hat­ten vom 1.2.1933 bis 31.3.1936 etwa 100.000 Juden Deutsch­land ver­las­sen, immer­hin etwa ein Drit­tel davon war nach Paläs­ti­na geflo­hen. Das Ver­hal­ten der Wies­ba­de­ner Juden war also offen­sicht­lich eher unty­pisch. Aller­dings ver­weist auch Bajohr dar­auf, dass Unter­neh­mer oder ande­re Begü­ter­te, die eigent­lich Ziel­grup­pe des Abkom­mens waren, die USA gegen­über Paläs­ti­na bevor­zug­ten, weil sie in dem eher unter­ent­wi­ckel­ten Paläs­ti­na kaum Chan­cen für ihre geschäft­li­chen Ambi­tio­nen sahen. Bajohr, „Ari­sie­rung“ als gesell­schaft­li­cher Pro­zeß, S. 21.

[7] Für Wies­ba­den sie­he Bembenek/

Dick­el, Kein deut­scher Patri­ot mehr, S. 41 ff.

[8] Sina Gros­shut, Mosa­ik eines Lebens, Lon­don, Worms, 1987, zit. nach Bem­be­nek, Lothar, Ulrich, Axel, Wider­stand und Ver­fol­gung in Wies­ba­den  1933 – 1945, Gie­ßen 1990, S. 295.

[9] Sie­he unten das Kapi­tel zum Juden­haus Dotz­hei­mer Str. 15.

[10] HHStAW 518 59240 (4).

[11] Sie­he dazu genau­er Bajohr, „Ari­sie­rung“ als gesell­schaft­li­cher Pro­zeß, S. 19 ff.

[12] RGBl. I 1938 S. 1580.

[13] Füll­berg-Stoll­berg, Sozia­ler Tod, S. 31 f., betrach­tet das Jahr 1937, in dem die SS bzw. der SD unter Heyd­rich ent­schei­den­den Ein­fluss auf die ‚Juden­po­li­tik’ gewon­nen hat­te, als ent­schei­den­de Wen­de­mar­ke. Spä­tes­tens ab die­sem Zeit­punkt sei der „Radau­an­ti­se­mi­tis­mus“ der ers­ten Jah­re durch einen „moder​ne(n), kalt und effek­tiv kal​ku​lie​ren​de(n) Ras­sen­an­ti­se­mi­tis­mus“ abge­löst worden.

[14] SS-Zeit­schrift „Schwar­ze Korps“ vom 24.11.1938, in dem die Ghet­toi­sie­rung als ers­ter Schritt auf dem Weg zur end­gül­ti­gen Aus­rot­tung gese­hen wird. „Das in jeder Bezie­hung auf sich beschränk­te Para­si­ten­volk wird aber in die­ser Iso­lie­rung, da es zu eige­ner Arbeit weder wil­lens noch fähig ist, ver­ar­men“, was zur Fol­ge habe, dass „sie alle­samt, ihrer urei­gens­ten, blut­be­ding­ten Ver­an­la­gung gemäß, in die Kri­mi­na­li­tät absin­ken … Im Sta­di­um einer sol­chen Ent­wick­lung stän­den wir daher vor der har­ten Not­wen­dig­keit, die jüdi­sche Unter­welt genau­so aus­zu­rot­ten, wie wir in unse­rem Ord­nungs­staat Ver­bre­cher eben aus­zu­rot­ten pfle­gen: mit Feu­er und Schwert. Das Ergeb­nis wäre das tat­säch­li­che und end­gül­ti­ge Ende des Juden­tums in Deutsch­land, sei­ne rest­lo­se Vernichtung.“

[15] Hdb. der deutsch­spra­chi­gen Emi­gra­ti­on 1933 – 1945, S. 11.

[16] Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 81 f.

[17] Zu den viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten der Devi­sen­stel­len den „Ent­ju­dungs­pro­zess“ der Wirt­schaft zu for­cie­ren sie­he auch Fran­ke, Chris­toph, Die Rol­le der Devi­sen­stel­len bei der Ent­eig­nung der Juden, in: Sten­gel (Hg.), Die staat­li­che Ent­eig­nung der Juden im Natio­nal­so­zia­lis­mus, S. 80–93.

[18] Fran­ke, Devi­sen­stel­len, S. 32 f.

[19] RGBl. I 1938 S. 887.

[20] Bar­kai, “Ent­ju­dung”, S. 111. Sie­he auch Bajohr, Ari­sie­rung Ham­burg, S. 153 ff. zu den Details der Maß­nah­men, aber auch zu den ver­schie­de­nen lega­len Kapi­tal­trans­fer­mög­lich­kei­ten, mit denen der NS-Staat ver­such­te, die Ver­trei­bungs­po­li­tik zu lenken.

[21] Wie ein­träg­lich die­se Steu­er für den Reichs­fis­kus mit wach­sen­dem Druck wur­de, wird dar­an deut­lich, dass sie sich mit der Mas­sen­flucht, die nach der Reichs­po­grom­nacht ein­setz­te, von 8,9 Mio. RM im Jahr 1937 auf 26,5 Mio. RM im Jahr 1938 allein im Bereich des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel, zu dem Wies­ba­den gehör­te, fast ver­drei­fach­te, sie­he Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 82. Das Reichs­flucht­steu­er­auf­kom­men im gesam­ten Reichs­ge­biet stei­ger­te sich von 1935/​1936 bis zum Jahr 1939 sogar von ca. 45 Mio. RM auf 342 Mio. RM, ebd. S. 41 f.

[22] Füll­berg-Stoll­berg, Sozia­ler Tod, S. 35.

[23] RGBl. I 1940 S. 730. Dem Finanz­amt Ber­lin-Moa­bit wur­de dabei die beson­de­re Zustän­dig­keit für die­je­ni­gen über­tra­gen, die vor dem 12.11.1938 ihren Wohn­sitz oder „gewöhn­li­chen Auf­ent­halt“ im Aus­land hat­ten, also für alle, denen die Aus­wan­de­rung gelun­gen war, die aber wei­ter­hin noch deut­sche Staats­bür­ger waren und Ver­mö­gens­wer­te besaßen.

[24] Die­se Zahl umfasst nicht alle tat­säch­lich im Rah­men die­ser Akti­on geraub­ten Wer­te. So teil­ten Staat und Ver­si­che­rungs­wirt­schaft die eigent­lich den Ver­si­cher­ten zuste­hen­den Leis­tun­gen von etwa 225 Mio. RM unter sich auf. Sie­he Bar­kai, „Ent­ju­dung“, S. 151. Anga­be zum Ober­fi­nanz­prä­si­di­um Kas­sel sie­he: Lega­li­sier­ter Raub, Der Fis­kus und die Aus­plün­de­rung der Juden in Hes­sen 1933–1945, Kata­log zur Aus­stel­lung, Frank­furt 2002, S. 14.

[25] RGBl. I 1938 S. 1668. Dort heißt es: „Der Reichs­wirt­schafts­mi­nis­ter wird ermäch­tigt, im Ein­ver­neh­men mit dem Reichs­in­nen­mi­nis­ter und den übri­gen betei­lig­ten Reichs­mi­nis­tern Maß­nah­men zu tref­fen, die den Ein­satz des anmel­de­pflich­ti­gen jüdi­schen Ver­mö­gens sicherstellen.“

[26] Auch pri­va­te Kult­ge­gen­stän­de muss­ten abge­ge­ben wer­den, auf die der Kul­tus­ge­mein­den wur­de noch verzichtet.

[27] Bar­kai, “Ent­ju­dung”, S. 112.

[28] Zu den Anga­ben über die Umtausch­wer­te sie­he Bajohr, „Ari­sie­rung“ als gesell­schaft­li­cher Pro­zeß, S. 21.

[29] Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 43.

[30] RGBl. 1933 I S. 293.

[31] RGBl. 1933 I S. 479.

[32] Sie­he zur gera­de­zu zyni­schen Anwen­dung die­ses Para­gra­phen Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 92 f. Sie­he dazu auch den Geheim­erlass Heyd­richs vom März 1937, in dem die zu befol­gen­den Ver­fah­rens­grund­sät­ze auf­ge­führt werden.

[33] Zu den Zah­len sie­he Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 98 f.

[34] Aller­dings konn­te er auch auf die gesam­te Fami­lie aus­ge­wei­tet wer­den, wenn die­se sich nicht von dem Ange­schul­dig­ten distan­zier­te bzw. trenn­te. Meinl/​Zwilling machen in die­sem Zusam­men­hang auf den Fall des Wies­ba­de­ner Ehe­paars Löwen­thal auf­merk­sam. Emmy Löwen­thal wur­de nicht aus­ge­bür­gert und blieb auch im Besitz des Ver­mö­gens, da sie bereit war, sich von ihrem Ehe­mann, dem jüdi­schen Misch­ling Edmund Löwen­thal, schei­den zu las­sen. Sie­he Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 94.

[35] Sie­he zum büro­kra­ti­schen Ver­fah­ren den Schnell­brief des RMF vom 8/​9. Dezem­ber 1941, HHStAW 519/​2 1373 (5 f.). Da das Lager The­re­si­en­stadt durch die Ein­glie­de­rung Ober­schle­si­ens in das Reich nicht mehr im Aus­land lag, konn­te die­se Bestim­mung zunächst nicht auf Trans­por­te dort­hin ange­wen­det wer­den und jedem ein­zel­nen Depor­tier­ten muss­te des­halb vom Gerichts­voll­zie­her eine förm­li­che Eigen­tums­ent­zie­hungs­kun­de aus­ge­hän­digt wer­den. Erst ein am 4. Novem­ber 1941 vom Reichs­in­nen­mi­nis­te­ri­um her­aus­ge­ge­be­ner Erlass ver­füg­te, dass der „Ver­lust der Staats­an­ge­hö­rig­keit auch die­je­ni­gen […] Juden (trifft), die ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in den von den deut­schen Trup­pen besetz­ten oder in deut­sche Ver­wal­tung genom­me­nen Gebie­ten haben oder in Zukunft neh­men, ins­be­son­de­re auch im Gene­ral­gou­ver­ne­ment und in den Reichs­kom­mis­sa­ria­ten Ost­land und Ukrai­ne“, zit. nach Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 134. Juris­ti­sche Pro­ble­me erga­ben sich aber nicht nur aus den Ziel­or­ten der Depor­ta­tio­nen, son­dern auch dann, wenn das Eigen­tum geteilt war, mög­li­cher­wei­se Misch­ehen invol­viert waren oder jüdi­sche Aus­wan­de­rer betrof­fen waren, die inzwi­schen eine ande­re Staats­an­ge­hö­rig­keit ange­nom­men hat­ten, wobei dann wie­der­um rele­vant war, wann die­se neue Staats­bür­ger­schaft erlangt wor­den war und ob es sich dabei um einen Feind­staat oder ein neu­tra­les Land han­del­te. Sie­he ebd. S. 141 f.

[36] Sie­he zu die­sem beson­de­ren Finanz­amt Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 100 und S. 243–247.

[37] HHStAW 519/​2 1373.

[38] Meinl/​Zwilling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 247, sie­he auch HHStAW 519/​2 1373 (5 f.) In die­sem Schnell­brief des RdF an die OFPs vom 9. Dezem­ber 1941 wird die Ände­rung der Zustän­dig­kei­ten bereits ange­kün­digt: „Der OFPräs. Ber­lin wird als­bald die örtl. Zustän­di­gen OFPräs. all­ge­mein bevoll­mäch­ti­gen, das Ver­mö­gen der Juden, die aus ihren Bezir­ken abge­scho­ben wer­den, in eige­nem Namen zu ver­wal­ten und zu ver­wer­ten, ins­be­son­de­re die erfor­der­li­chen Grund­bu­ch­er­klä­run­gen abzu­ge­ben. Ich bit­te, über Schwie­rig­kei­ten und Zwei­fels­fra­gen als­bald zu berich­ten.“ Die­se gab es en mas­se. Die Akte HHStAW 519/​2 1373 ist gefüllt mit Erläu­te­run­gen zur akku­ra­ten Anwen­dung der ver­wir­ren­den recht­li­chen Bestim­mun­gen. Sie­he i​.​B. die Nie­der­schrift einer Bespre­chung vom 19. Mai 1942, ebd. (96).

[39] HHStAW 519/​2 1373 (2–4).

[40] HHStAW 519/​2 1373 (1, 5, 6).

[41] HHStAW 519/​2 1373 (44).

 

 

 

 

 

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942