Emil Ludwig Landau


Ackermann, Klara, Arthur, Judenhäuser Wiesbaden
Das frü­he­re Juden­haus in der Her­mann­str. 26 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden,
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Her­mann­str. 26
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Her­mann­str. 26

 

 

 

 


 


Emil Ludwig Landau, Rosa Stern, Margarete Landau Nesselroth, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Stamm­baum der Fami­lie Land­au — Stern Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Juden Wiesbadens

Obwohl Lud­wig Land­au vie­le Jah­re in Wies­ba­den ver­brach­te, lie­gen über ihn nur sehr spär­li­che Infor­ma­tio­nen vor. Gebo­ren wur­de er am 22. August 1879 im damals zum Deut­schen Reich gehö­ren­den Bres­lau in Schle­si­en, das heu­te als Wro­claw auf pol­ni­schem Staats­ge­biet liegt. Sei­ne Eltern, Wil­helm und Fan­ny Land­au, gebo­re­ne Loe­wy,[1] hat­ten noch zwei wei­te­re Kin­der, Lud­wig war der Letzt­ge­bo­re­ne. Zunächst war am 5. April 1873 die Toch­ter Frie­de­ri­cke Mar­ga­re­te,[2] dann am 8. Febru­ar 1875 der Bru­der Salo­mon Max gebo­ren wor­den.[3] Über ihn lie­gen kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen vor. Die Eltern müs­sen zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt, ver­mut­lich aber um die Jahr­hun­dert­wen­de, nach Ber­lin ver­zo­gen sein,[4] wo Wil­helm Land­au am 25. April 1906 und Fan­ny Land­au am 20. Novem­ber 1920 ver­star­ben.[5] In Ber­lin leb­te spä­ter auch Emil Land­aus Schwes­ter Mar­ga­re­te. Sie hat­te hier um die Jahr­hun­dert­wen­de den aus der Reichs­haupt­stadt stam­men­den Leon Lei­ser Nes­sel­roth geehe­licht.[6] Am 15. Juli 1900 war dort ihr ers­tes Kind Anni Lot­ti zur Welt gekom­men,[7] drei Jah­re spä­ter, am 26. August 1903, ihre Toch­ter Lina Ade­le.[8] Zu die­ser Zeit hat­te die Fami­lie in der dor­ti­gen Nie­der­wald­str. 23 gelebt.

Ludwig Landau, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Stol­per­stein für Mar­ga­re­te Nes­sel­roth, gebo­re­ne Land­au
https://​www​.stol​per​stei​ne​-ber​lin​.de/​d​e​/​b​i​o​g​r​a​f​i​e​/​3​339

Wäh­rend die bei­den Töch­ter sich der Ver­fol­gung ver­mut­lich durch die recht­zei­ti­ge Flucht ins Aus­land ent­zie­hen konn­ten, wur­de Mar­ga­re­te Nes­sel­roth ein Opfer des Holo­caust.[9] Zwar ist nicht bekannt, wann ihr wesent­lich älte­rer Ehe­mann ver­starb, aber als sie im Novem­ber 1942 in Ber­lin eine Ver­mö­gens­er­klä­rung abge­ben muss­te, bezeich­ne­te sie sich als Wit­we. Sie war damals völ­lig ver­armt und wohn­te für 17 RM Mie­te im Vier­tel­jahr zur Unter­mie­te in einem Zim­mer, in dem ihr gesam­tes Ver­mö­gen, ein Bett, ein Tisch, zwei Stüh­le und ein Rei­se­korb, unter­ge­bracht war. Ihre Adres­se in der Gie­se­b­recht­str. 10 in Ber­lin-Char­lot­ten­burg lag im tra­di­tio­nel­len jüdi­schen Vier­tel Ber­lins, unmit­tel­bar angren­zend an den Kur­fürs­ten­damm. Aus die­ser Stra­ße allein wur­den ins­ge­samt 116 jüdi­sche Bür­ger depor­tiert. Am 19. Novem­ber 1942 wur­de auch Mar­ga­re­te Nes­sel­roth ver­haf­tet und mit dem Trans­port I/​78, Nr. 9829, nach The­re­si­en­stadt ver­bracht. Nicht ein­mal ein hal­bes Jahr über­leb­te die knapp Sieb­zig­jäh­ri­ge die Tor­tu­ren im Ghet­to. Am 28. März 1943 ver­lor sie dort ihr Leben.

Sehr wenig weiß man auch über das Leben ihres Bru­ders Lud­wig Land­au, bevor er nach Wies­ba­den kam. Es ist nicht ein­mal mehr fest­stell­bar, wann er dort­hin gezo­gen war. In kei­nem der Adress­bü­cher aus der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik oder der NS-Zeit ist er gelis­tet, ein­zig im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 ist sein Name mit der Adres­se Rau­en­tha­ler Str. 21 ange­ge­ben. Der damals ein­zi­ge jüdi­sche Bewoh­ner die­ses Hau­ses muss aller­dings spä­tes­tens seit 1933 in Wies­ba­den gewohnt haben, denn in einem Brief an die Devi­sen­stel­le Frank­furt aus dem Jahr 1940 erwähnt er, dass er bereits seit Janu­ar 1933 von der „hie­si­gen Wohl­fahrts­pfle­ge“, d.h. der Wies­ba­de­ner Wohl­fahrts­pfle­ge, unter­stützt wer­de.[10]

Sei­ne nächs­te fest­stell­ba­re Anschrift war die Rüdes­hei­mer Str. 38, wo er im Vor­der­haus im ers­ten Stock bei der Wit­we Rosa Sen­der, gebo­re­ne Stern, wohn­te. Wann er dort ein­ge­zo­gen war, ist auf der Gestapo­kar­tei­kar­te nicht ein­ge­tra­gen wor­den. Man kann aber ver­mu­ten, dass das zu der Zeit geschah, als er Rosa Sen­der hei­ra­te­te, also im Som­mer 1939. Die Ehe war am 8. August 1939 in Wies­ba­den geschlos­sen wor­den.[11]

Rosa Sen­ders vor­he­ri­ger Ehe­mann, Sieg­mund Sen­der, gebo­ren am 29. Mai 1884 in der gali­zi­schen Stadt Kolo­mea, war am 5. Sep­tem­ber 1934 in Wies­ba­den ver­stor­ben. Zunächst war damals Rosas älte­re Schwes­ter Kla­ra Stern bei ihr ein­ge­zo­gen. Nach deren erneu­ter Ver­mäh­lung hat­te sie die gemein­sa­me Woh­nung wie­der verlassen.

Ludwig Landau, Rosa Stern, Rosa Sender Wilhelm Landau
Kriegs­rang­lis­te mit einem Ein­trag für Lud­wig Land­au
https://www.ancestry.de/interactive/1631/31433_bh04270-00092?pid=5672956&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D1631%26h%3D5672956%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV169%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV169&_phstart=successSource&usePUBJs=true

Auch Lud­wig Land­au war zuvor bereits ein­mal ver­hei­ra­tet gewe­sen. In einer Mili­tär­ak­te des König­reichs Bay­ern aus dem Ers­ten Welt­krieg ist als sei­ne dama­li­ge Ehe­frau Rosa, gebo­re­ne Fins­ter­mei­er, ein­ge­tra­gen. Das Paar leb­te zur Zeit des Kriegs­aus­bruchs in Mün­chen. Ob die Ehe durch Schei­dung oder den Tod der Ehe­frau auf­ge­löst wur­de, ist nicht bekannt,[12] auch nicht, ob mög­li­cher­wei­se Kin­der aus ihr her­vor­ge­gan­gen waren. Der Beruf von Lud­wig Land­au ist in der Akte mit „Schau­spie­ler“ ange­ge­ben. Unklar ist, ob das tat­säch­lich ein erlern­ter Beruf war oder er die­sen viel­leicht nur spo­ra­disch aus­üb­te. Im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 wird er als Kauf­mann bezeich­net,[13] auf der Gestapo­kar­tei­kar­te ist als Beruf kauf­män­ni­scher Ange­stell­ter ange­ge­ben. Nicht bekannt ist, in wel­cher Bran­che er sei­ne beruf­li­che Tätig­keit ein­mal aus­ge­übt hat­te. Inzwi­schen, so ist dem bereits zitier­ten Brief zu ent­neh­men, war er seit Jah­ren arbeits­los und auf die Unter­stüt­zung des Wohl­fahrts­am­tes ange­wie­sen. Seit 1939 wur­den die Leis­tun­gen von der Jüdi­schen Wohl­fahrts­pfle­ge erbracht.[14]

Rosa Landau, Rosa Stern, Rosa Sender, Judenhaus Wiesbaden
Ster­be­ver­merk für Rosa Land­au, gebo­re­ne Stern, der Jüdi­schen Gemein­de
Arol­sen Archiv

Auch wenn es kei­nen Beleg dafür gibt, so wird der Umzug des Paa­res am 1. Novem­ber 1939 in die Rhein­gaustr. 6 mit gro­ßer Sicher­heit erzwun­gen wor­den sein.[15] Das Haus wur­de in die­ser Zeit zu einem der Wies­ba­de­ner Juden­häu­ser erklärt. Dass sie unter Zwang ihre bis­he­ri­ge Woh­nung ver­las­sen muss­ten, kann man schon dar­aus schlie­ßen, dass Rosa Land­au damals schwer unter Dia­be­tes litt und wohl kaum frei­wil­lig sich der Stra­pa­ze eines Umzugs unter­wor­fen hät­te. Nur weni­ge Wochen spä­ter und nach nicht ein­mal einem hal­ben Jahr der Ehe mit Emil Land­au erlag sie am 29. Janu­ar 1940 in den Städ­ti­schen Kli­ni­ken ihrem Lei­den.[16]

Nach dem Tod sei­ner Frau geriet Lud­wig Land­au in das Visier der Devi­sen­stel­le in Frank­furt. Dort wur­de für ihn Anfang März eine soge­nann­te ‚JS-Map­pe’ ange­legt, mit der das Ver­mö­gen der Juden kon­trol­liert wur­de. Die Anla­ge einer sol­chen Map­pe war ver­bun­den mit der Ein­for­de­rung der Behör­de, ihr mit­tels eines vor­ge­ge­be­nen For­mu­lars die finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se offen­zu­le­gen. Zudem wur­de dem Adres­sa­ten ein vor­läu­fi­ger Frei­be­trag mit­ge­teilt, über den er ohne beson­de­re Erlaub­nis der Devi­sen­stel­le monat­lich soll­te ver­fü­gen kön­nen – übli­cher­wei­se zunächst 300 RM. So auch bei Lud­wig Land­au.[17]

Ludwig Emil Landau, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Brief von Lud­wig Land­au an die Devi­sen­stel­le Frank­furt vom 7. 3. 1940
HHStAW 519/​3 3317 (3)

In dem Ant­wort­brief, dem ein­zi­gen Doku­ment, das von ihm erhal­ten geblie­ben ist, leg­te er dar, in wel­chen finan­zi­el­len Nöten er sich befand. Nicht nur sei­nen Lebens­un­ter­halt, son­dern auch die Kos­ten für den Kran­ken­haus­auf­ent­halt sei­ner Frau wie auch die Bei­set­zungs­kos­ten haben von der Jüdi­schen Wohl­fahrt über­nom­men wer­den müs­sen. Er selbst besit­ze kei­ner­lei Ver­mö­gens­wer­te, woh­ne in einer Zwei-Zim­mer­woh­nung mit Küche, wovon aber ein Zim­mer möbliert ver­mie­tet sei.[18] Ange­sichts die­ser finan­zi­el­len Not­si­tua­ti­on sah selbst die Devi­sen­stel­le kei­ne Gefahr, dass Lud­wig Land­au pla­ne, dem Deut­schen Reich irgend­wel­che Ver­mö­gens­wer­te ent­zie­hen zu wol­len, und ver­zich­te­te auf die Anla­ge eines Siche­rungs­kon­tos. Der Frei­be­trag wur­de aber auf 150 RM pro Monat her­ab­ge­setzt.[19]

Lud­wig Land­au blieb bis zum 1. März 1941 im Juden­haus Rhein­gau­er Str. 6, um dann für ein wei­te­res hal­bes Jahr in das nächs­te Juden­haus in der Stift­str. 14 ver­scho­ben zu wer­den. Am 28. August 1941 wur­de er dann nach Aus­sa­ge des ehe­ma­li­gen Mit­be­woh­ners Wil­ly Rink zwangs­wei­se in das Juden­haus Her­mann­str. 26 ein­quar­tiert.[20]

Ludwig Landau, Idsteiner Lederwarenfirma Landauer & Donner, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Zwangs­ar­bei­ter­lis­te von Juden, die in Idstein ein­ge­setzt wur­den
Arol­sen-Archiv

 

 

 

 

 

 

 

 

Obwohl auf sei­ner Gestapo­kar­tei­kar­te der Ver­merk steht, dass Lud­wig Land­au „arbeits­un­fä­hig“ und „schwer­hö­rig“ sei, zudem unter „Ver­kal­kung“ lei­de, wur­de er in der Zeit, in der er in der Her­mann­str. 26 wohn­te, offen­sicht­lich noch zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet. Aller­dings ist nicht ganz klar, wie lan­ge er bei der Idstei­ner Leder­wa­ren­fir­ma ‚Land­au­er & Don­ner’, die sowohl jüdi­sche als auch ost­eu­ro­päi­sche Zwangs­ar­bei­ter umfäng­lich aus­beu­te­te, beschäf­tigt war. Nach einer nach dem Krieg gefer­tig­ten Auf­stel­lung sol­len es nur die Tage vom 20. bis zum 22. Okto­ber 1941 gewe­sen sein, in einer eben­falls aus der Nach­kriegs­zeit stam­men­den Auf­stel­lung erstreck­te sich die Anstel­lung dage­gen vom 20. Okto­ber bis zum 22. Dezem­ber 1941. Man wird ange­sichts der übri­gen Ein­tra­gun­gen, die alle über meh­re­re Wochen, wenn nicht sogar Mona­te gin­gen, davon aus­ge­hen kön­nen, dass es sich in der ers­ten Lis­te um einen Tipp­feh­ler han­delt, es sei denn, die auf der Gestapo­kar­tei­kar­te notier­te Behin­de­rung war so groß, dass er tat­säch­lich bald wie­der ent­las­sen wur­de. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen, etwa zum Ver­dienst und zur Unter­brin­gung, lie­gen lei­der nicht vor.[21]

Ludwig Landau, Judenhaus Wiesbaden
Mit Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Idstein

Die Her­mann­str. 26 war die letz­te Sta­ti­on von Lud­wig Land­au durch die ver­schie­de­nen Wies­ba­de­ner Juden­häu­ser. Am 10. Juni 1942 wur­de er zusam­men mit sechs wei­te­ren Bewoh­nern des Hau­ses vom Güter­bahn­hof Wies­ba­den über Frank­furt in die Gas­kam­mern von Sobi­bor gebracht und ermordet.

 

 

 

Ver­öf­fent­licht: 01. 05. 2020

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Wil­helm Land­au war am 4.11.1825, sei­ne deut­lich jün­ge­re Frau im Jahr 1843 gebo­ren wor­den. Sie­he die Ein­tra­gun­gen in den jewei­li­gen Ster­be­re­gis­tern von Ber­lin Wil­mers­dorf 193 /​ 1906 und 1275 /​1920. Zu Wil­helm Land­au sind dar­in auch des­sen Eltern Salo­mon und Hen­ri­et­te Land­au, gebo­re­ne Pei­s­ker, angegeben.

[2] Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin Wil­mers­dorf 511 /​ 1899.

[3] Geburts­re­gis­ter Bres­lau 506 /​1875.

[4] Dies ergibt sich aus dem Ein­trag der Kriegs­rang­lis­te für Lud­wig Land­au vom 12.2.1917, wo die Adres­se der Eltern mit Ber­lin, Kur­fürs­ten­damm 145 ange­ge­ben ist.

[5] Quel­le sie­he Anm. 1.

[6] Das genaue Datum war der 13.7.1899, Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin Wil­mers­dorf 511 /​ 1899. Für den am 9.10.1857 gebo­re­nen Kauf­mann Leon Lei­ser Nes­sel­roth war es die zwei­te Ehe. Er hat­te am 19.6.1888 in Kro­los­zyn in Polen bereits Cha­na /​ Anna Staz­ze­wer gehei­ra­tet. Aus die­ser Ehe war zumin­dest auch ein Kind her­vor­ge­gan­gen. Am 17.10.1889 war die Toch­ter Käthe gebo­ren wor­den. Sie­he Geburts­re­gis­ter Ber­lin II 956 /​ 1889. Wann und wodurch die Ehe auf­ge­löst wor­den war, ist nicht bekannt.

[7] Geburts­re­gis­ter Ber­lin Wil­mers­dorf 674 /​ 1900. Der Geburts­ein­trag ent­hält die Anmer­kung, dass Anni Lot­ti am 13.4.2003 in Ber­lin Char­lot­ten­burg ver­stor­ben ist.

[8] Geburts­re­gis­ter Ber­lin Wil­mers­dorf 1443 /​ 1903.

[9] Die Stol­per­stein­in­itia­ti­ve Ber­lin hat das Schick­sal von Mar­ga­re­te Nes­sel­roth, gebo­re­ne Land­au, recher­chiert und auch einen Stol­per­stein zu ihrem Geden­ken in der Gie­se­b­recht­str. 10 legen las­sen. Aus die­ser Stra­ße wur­den wäh­rend der NS-Zeit ins­ge­samt 116 Men­schen depor­tiert, 84 von ihnen über­leb­ten die Zeit nicht. Für jeden der Ermor­de­ten aus die­ser Stra­ße ist inzwi­schen ein sol­cher Stol­per­stein ver­legt wor­den. Allein vor dem Haus mit der Num­mer 10, in dem Mar­ga­re­te Nes­sel­roth wohn­te, sind es 9, vor dem Nach­bar­haus Nr. 12 sogar 18. Es gehört zu den Kurio­si­tä­ten, dass in die­sem Haus auch der Lei­ter des Reichsi­cher­heits­haupt­am­tes Ernst Kal­ten­brun­ner und der deutsch-pol­ni­sche His­to­ri­ker Joseph Wulf wohn­ten, der als Über­le­ben­der der Lager ganz wesent­lich zur Auf­ar­bei­tung die­ser Zeit bei­getra­gen hat. In der 68er-Zeit hat­te die Kom­mu­ne II in die­ser Stra­ße ihr Domi­zil. Sie­he zum beson­de­ren Cha­rak­ter die­ser Stra­ße und ihrer Bewoh­ner https://www.wikiwand.com/de/Giesebrechtstra%C3%9Fe. (Zugriff: 25.4.2020).

[10] HHStAW 519/​3 3317 (3).

[11] Hei­rats­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 812 /​ 1939. Zum Schick­sal der Fami­li­en Sen­der und Stern sie­he aus­führ­lich den Arti­kel ‚Kla­ra Stern und ihre Geschwis­ter’ im Kapi­tel zum Juden­haus Dotz­hei­mer Str. 15.

[12] Aller­dings ist Lud­wig Land­au auf der Gestapo­kar­tei­kar­te als Wit­wer bezeich­net. Die­ser Ein­trag wur­de bereits bei Anla­ge der Kar­te vor­ge­nom­men. Dies muss, so ist den wei­te­ren hand­schrift­li­chen Ein­trä­gen zu ent­neh­men, vor dem Tod sei­ner zwei­ten Frau Rosa gesche­hen sein. Dem­nach ist die ers­te Ehe ver­mut­lich durch den Tod von Rosa Fins­ter­mei­er auf­ge­löst worden.

[13] Wil­li Rink, der als Kind Bewoh­ner des Juden­hau­ses Her­mann­str. 26 war, konn­te sich spä­ter kaum mehr an Lud­wig Land­au erin­nern. Er teil­te mir auf Anfra­ge Fol­gen­des mit: „Ich weiss eben nur, dass Lud­wig Land­au ein Ver­wand­ter mei­ner jüdi­schen Ver­wand­ten Lothar, Zil­la, Mar­tha und Wal­ter Löwen­berg war, den ich Mit­te der Drei­ßi­ger Jah­re als Inha­ber einer Pfer­de­metz­ge­rei in der Her­mann­stra­ße eini­ge Male getrof­fen habe. Da der Laden nicht reüs­sier­te, wur­de er schnell wie­der geschlos­sen, und von da an habe ich nichts mehr von Lud­wig Land­au gehört.“ Sie­he auch Rink, Das Juden­haus, S. 77. Nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass es aber eine ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dung über die Mut­ter der genann­ten Löwen­bergs gab. Ama­lie Löwen­berg war eine gebo­re­ne Land­au und stamm­te aus Sprin­gen im Untertaunus.
Mög­li­cher­wei­se liegt hier aber auch eine Ver­wechs­lung vor, denn es gibt in den Adress­bü­chern kei­ne Hin­wei­se auf eine sol­che Metz­ge­rei. Laut Jüdi­schem Adress­buch betrieb aller­dings ein Arthur Land­au in der Fried­richstr. 40 eine Metz­ge­rei, eine ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den ist aber sehr unwahr­schein­lich, da letz­te­rer aus Klop­pen­heim stammte.

[14] HHStAW 519/​3 3317 (3).

[15] Es exis­tiert sowohl für Rosa Sen­der als auch für Lud­wig Land­au jeweils eine Gestapo­kar­tei­kar­te. Auf jeder ist die­ser Umzug mit dem glei­chen Datum vermerkt.

[16] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 270 /​ 1940.

[17] HHStAW 519/​3 3317 (1).

[18] Sein Unter­mie­ter war seit dem 17. Sep­tem­ber 1940 der 36-jäh­ri­ge Ernst Rosen­thal, der zuvor in der Herrn­gar­ten­str. 17 gewohnt hat­te und ver­mut­lich eben­falls dort zwangs­wei­se ein­quar­tiert wor­den war. Nach etwa einem Vier­tel­jahr zog die­ser in die Geis­berg­str. 16. Die ent­spre­chen­den Ein­tra­gun­gen befin­den sich auf des­sen Gestapokarteikarte.

[19] HHStAW 519/​3 3317 (4).

[20] Rink, Das Juden­haus, S. 77.

[21] Dass auch die Devi­sen­ak­te kei­ne Doku­men­te dazu ent­hält, könn­te wie­der­um auf eine sehr kur­ze Beschäf­ti­gung dort hin­wei­sen. Lei­der fehlt noch immer eine sys­te­ma­ti­sche Erar­bei­tung über die Zwangs­ar­beit in Idstein, zumal hier­von gleich zwei der dor­ti­gen Leder­fa­bri­ken pro­fi­tier­ten. Eine Schü­ler­grup­pe der Idstei­ner Pes­ta­loz­zi­schu­le hat­te im Schul­jahr 1996 Kon­takt mit einer ehe­ma­li­gen ukrai­ni­schen Zwangs­ar­bei­te­rin bei einer der bei­den Idstei­ner Leder­fa­bri­ken. Sie war damals gera­de ein­mal 16 Jah­re alt , als man sie zusam­men mit vie­len ande­ren Frau­en und Män­nern in einem Zug nach Deutsch­land beför­der­te, ein Zug, der ver­mut­lich auf sei­ner Rück­fahrt wie­der mit Juden ange­füllt wur­de, um die­se der Ver­nich­tung zuzu­füh­ren. Von dem Trans­port wur­den in Frank­furt 70 Zwangs­ar­bei­ter nach Idstein gebracht. Über die Arbeits­be­din­gun­gen in der Leder­fa­brik, der sie zuge­teilt wur­de, berich­te­te sie damals:
“Vom Bahn­hof kamen wir zu einer Leder­fa­brik. Ich erin­ne­re mich an einen klei­nen Innen­hof und einen Hau­fen stin­ken­des Leder. In der Kan­ti­ne, die sich im Kel­ler befand, wur­de uns etwas zum Essen ange­bo­ten, eine Mischung von Gemü­se und Spi­nat, unge­schäl­ten Kar­tof­feln und Lauch. Kei­ner hat das essen kön­nen. Dafür wur­den wir am nächs­ten Tag bestraft, wir beka­men gar kein Essen. Unser Lager, in dem wir wohn­ten, war nicht weit vom Wohn­ort von Frau S. ent­fernt. Dort gab es ein fran­zö­si­sches Gefäng­nis. Wir schlie­fen auf den Prit­schen, auf Papier­ma­trat­zen und Kis­sen, gefüllt mit Stroh. Jeder bekam ein Bett — und Kis­sen­be­zug mit einer Woll­de­cke. Am nächs­ten Tag wur­den wir zu der Fabrik gefah­ren und an uns wur­den die Arbeits­plät­ze ver­teilt. Ich wur­de der Abtei­lung Sprit­ze­rei zuge­ord­net, in der man das Leder mit Che­mi­ka­li­en ver­ar­bei­te­te. Unser Abtei­lungs­lei­ter hat uns Rus­sen nie belei­digt oder geschla­gen, aber wir hat­ten es trotz­dem sehr schwer, ohne Schutz­mas­ken zu arbei­ten, und alle die­se Gif­te ein­zu­at­men. Dazu stan­den wir den gan­zen Tag in einem geschlos­se­nen, unter künst­li­chem Licht beleuch­te­ten Raum. Die Fens­ter wur­den auf Grund des Leders nicht geöff­net. Falls man das Fens­ter öff­ne­te, wur­de man bestraft. Aus die­sem Grund wur­den eini­ge Per­so­nen krank, erst dann wur­de gehan­delt, und wir beka­men unse­re Schutz­mas­ken, 6 Mona­te spä­ter nach­dem wir in Idstein anka­men. (…) Ich kann nur sagen, dass wir für eine schwe­re Arbeit nach Deutsch­land gebracht wur­den. Das konn­te man an ver­schie­de­nen Bei­spie­len, wie zum Bei­spiel die Anfor­de­run­gen, die an uns gestellt wur­den, sehen. Deut­sche Män­ner, die bei uns in der Abtei­lung arbei­te­ten, muss­ten 5 Dut­zend Leder­stü­cke bear­bei­ten, wir Frau­en dage­gen 13 Dut­zend. (…) Unter der Brü­cke in der Stadt, die das Schloss und die Hügel ver­bin­det, gin­gen wir zur Arbeit und ins Lager zurück. Die Mit­glie­der der Hit­ler­ju­gend, die zu der Zeit im Schloss waren, haben uns immer bespuckt und beschimpft.“
Nie­dern­hau­sen und Idstein — 1933–1945 – Spu­ren­su­che, Geschich­te AG der Stu­fe 12 im Schul­jahr 2000/​01 der Pes­ta­loz­zi­schu­le Idstein (Gym­na­si­um), (unver­öf­fent­licht). Die Schü­ler­ar­beit wur­de mir freund­li­cher­wei­se vom Stadt­ar­chiv Idstein zur Ver­fü­gung gestellt. Zwar han­delt es sich hier um den Bericht einer ost­eu­ro­päi­schen Zwangs­ar­bei­te­rin. Man wird aber ver­mu­ten kön­nen, dass die Arbeits­be­din­gun­gen der jüdi­schen Zwangs­ar­bei­ter eher noch schlech­ter gewe­sen sein müssen.
Wie drin­gend die Auf­ar­bei­tung die­ses Teils der Idstei­ner Geschich­te ist, wird auch anhand eines Zeit­zeu­gen­be­richts deut­lich, über den der Wies­ba­de­ner Kurier 2016 berich­te­te. Beim ‚40. Zeit­zeu­gen­abend der Reser­vis­ten­ge­mein­schaft Idstein’ erin­ner­te sich der 1932 gebo­re­ne Zeit­zeu­ge ohne jeg­li­che Distan­zie­rung, eher mit Stolz und Bewun­de­rung (zumin­dest ist das der Ein­druck, den der Arti­kel beim Lesen hin­ter­lässt) an das Fah­nen­meer mit dem Haken­kreuz, an brau­ne Uni­for­men, an Gesän­ge und ‚Sieg-Heil’-Rufe, aber auch an die Zwangs­ar­bei­ter: „Schließ­lich kam das Kriegs­en­de. In den Wir­ren der letz­ten Kriegs­ta­ge 1945 mach­ten aus­län­di­sche Zwangs­ar­bei­ter die Gegend unsi­cher. ‚Zusam­men­ge­zo­gen aus der gan­zen Gegend haben die in der Idstei­ner Bau­schu­le gehaust. Eine Meu­te über­fiel zwei­mal die außer­halb von Esch lie­gen­de Hir­te­se-Müh­le.’“ Das war alles, was ihm zu den Zwangs­ar­bei­tern in Idstein in Erin­ne­rung geblie­ben war. Wies­ba­de­ner Kurier vom 10.5.2016.