Hermannstr. 26

 

Arthur und Klara Cilli Ackermann, geborene Schaffer, sowie Elsa Rosa Scher, geborene Ackermann

Das Judenhaus Hermannstr. 26 ist eines der wenigen Ghettohäuser in Wiesbaden über das authentische Informationen eines Zeitzeugen aus dessen Innenleben vorliegen. Gerhart Wilhelm Schmitt Rink, bekannter unter dem Namen Willy Rink, war 1934 als Achtjähriger mit seiner Mutter, seinem Stiefvater Johann Schmitt und seinem kurz zuvor geborenen Stiefbruder Günter dort eingezogen,[1] etwa fünf Jahre bevor es zum Judenhaus wurde. Es sind die Erinnerungen eines Kindes, das trotz der unbedingten Gegnerschaft seiner Familie zur nationalsozialistischen Bewegung nicht unberührt blieb von der Propagandamaschinerie und den Versprechungen der Nazis, der aber vor 1945 noch als Jugendlicher erkannte, welchen Irrtümern er aufgesessen war. Als emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre schrieb er später seine Erinnerungen nieder. Er wolle, so bemerkte er im Vorwort seines Buches „Das Judenhaus“, den Namen der Bewohner „ein Bild zugesellen“, nicht nur verhindern, dass ihre Namen vergessen werden, sondern auch die Erinnerung an sie als Menschen wach halten. Mit seinem Buch hat er ihnen ein berührendes Denkmal gesetzt, aber nicht nur den Bewohnern des Judenhauses, sondern auch seinen jüdischen Verwandten, der Familie Löwenberg, die in dem Haus ein- und ausgingen. Darüber hinaus hat er ein Bild vom Milieu dieses Wiesbadener Viertels gezeichnet, auf das schon im Zusammenhang mit dem Judenhaus in der Hermannstr. 17 verwiesen wurde.[2] Seinen Schilderungen verdanken wir auch einen Einblick in das soziale Innenleben des Hauses selbst, das – ähnlich wie die anderen Häuser des Viertels – bis 1933 nicht in Juden und Nichtjuden zerfiel, sondern bis dahin eher zwischen arm und reich, zwischen Arbeiterschaft und Kleinbürgertum geschieden und auch räumlich klar voneinander abgegrenzt war. Im gesamten Komplex – „alles ein bisschen verwittert, abgenutzt, brüchig und rissig“ -,[3] in dem insgesamt zwanzig Wohnungen vorhanden waren, bewohnten die Angestellten, kleinen Beamten und Kaufleute das viergeschossige Vorderhaus, die Arbeiter das dreigeschossige Hinterhaus. Der gemeinsame Hof, der durch eine breite Toreinfahrt den Zugang von der Straße zum hinteren Gebäudeteil ermöglichte, fungierte nicht als kommunikative Brücke zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppen, sondern eher als Graben. Selbst als gemeinsamer Spielplatz für die Kinder des gesamten Gebäudes wurde er nicht genutzt, da den Kindern aus dem Vorderhaus das Spielen mit den sozial Verachteten jenseits des Hofs verboten war und diese wiederum, sollten sie diesen Hof kindgerecht nutzen wollen, sofort von den vorderen Mietern verscheucht werden. Die Bewohner der Zwei-Zimmerwohnungen im Hinterhaus, Toilette auf dem Treppenabsatz außerhalb der Wohnung, hätten sich die höheren Mieten im vorderen Teil mit den größeren Wohnungen nicht leisten können. Deren Bewohner, der städtische Bedienstete Igstadt, der Bankangestellte Jude, der Postbeamte Kirchner, der Bierbrauer Kleindienst, der Pensionär Maier, der Oberkellner Metz und der Schreinermeister Meyer, waren – so Rink – „erkennbar darauf bedacht, nicht als Arbeiter wahrgenommen zu werden“,[4] obwohl die reale Differenz zu den Berufen der Hinterhausbewohner nicht allzu groß war. Dort lebten drei Kraftfahrer, ein Möbelträger, eine Monatsfrau und andere nicht genauer definierte Arbeiter mit ihren jeweiligen Familien. [5] Man grüßte sich, aber zu einem gedanklichen Austausch war es auch vor dem Machtantritt der Nazis, als solche Gespräche noch nicht mit der Gefahr im KZ zu enden verbunden waren, nicht gekommen. Auch untereinander war der Kontakt der Bewohner im Vorderhaus eher distanziert. Entsprechend siezte man sich dort, während die Bewohner jenseits des Hofes sich selbstverständlich mit Du anredeten und auch untereinander nicht nur die alltäglichen Sorgen über ihre wirtschaftliche Lage oder über die Kinder austauschten, sondern sich auch solidarisch untereinander aushalfen, sollte es dem einen oder anderen einmal an Lebensmitteln oder anderen Gegenständen des alltäglichen Bedarfs fehlen. Aber auch hier blieb man weitgehend auf Distanz. Solche Gespräche fanden ausschließlich im Treppenhaus statt. Willy Rink erinnerte sich, niemals eine der Wohnungen der Nachbarn betreten zu haben. In den Zwei-Zimmerwohnungen lebten alle gleichermaßen beengt, die Kinder mussten oft im elterlichen Schlafzimmer oder im Wohnzimmer, wenn nicht gar in der Küche schlafen.

Ab 1933 wandelte sich diese sozial und politisch definierte cleavage zwischen vorne und hinten allmählich und wurde überlagert von rassistischen Zuordnungen, ohne aber die traditionelle Konfliktlinie gänzlich zu verdrängen. Die Arbeiter, noch klassenbewusst, zählten sich zur Linken, waren, wie auch die Mutter von Willy Rink, zum Teil aktive Kommunisten und standen fest in Opposition zum neuen Regime. Manche im offenen aktiven Widerstand, wie einige der jüdischen und kommunistischen Verwandten von Willy Rink, andere abwartend, verängstigt nach den ersten Terrormaßnahmen der Nazis, andere widersprüchlich, changierend zwischen nationaler Gesinnung und der Ablehnung rassistischer Diskriminierungen und wiederum andere vertrauten den Nazis und deren sozialen Versprechungen, dass diese auch ihre prekäre Lage verbessern würden – sofern sie keine Juden waren. Aber gerade bei den Kindern der politisch eher links orientierten Bewohner des Hinterhauses fiel die Propaganda, besonders durch die Indoktrinationen in der Schule und der HJ, auf fruchtbaren Boden. Daneben gab es aber sowohl im Vorder- als auch im Hinterhaus jeweils einen bzw. eine Familie, die aktiv für die nationalsozialistische Bewegung eintrat. Im proletarischen Hinterhausmilieu war es der Kraftfahrer Stein, der als „alter Kämpfer“ schon vor 1933 der NSDAP beigetreten war und auch die schwarze Uniform der SS trug und mit seinen ebenfalls schwarzen Stiefeln durchs Treppenhaus polterte. Angesichts solcher Mitbewohner war auch hier bei Gesprächen immer Vorsicht geboten. Die größere Gefahr ging aber von dem städtischen Angestellten Jakob Igstadt aus dem Vorderhaus aus. Ursprünglich war ihm die Aufgabe des Hauswarts aufgetragen worden, später fungierte er als Blockwart bzw. Zellenleiter der Partei. In dieser Funktion war er nicht nur für die Verteilung des Propagandamaterials der Partei und für die diversen Sammlungen, etwa die Winterhilfe, verantwortlich, sondern er war auch das Ohr der Partei und somit der Denunziant im Hause. Ihm war es vermutlich zu verdanken – so Rink -, dass der Mieter Philipp Herz, kein Jude, wegen einer systemkritischen Verlautbarung für viele Jahre im Zuchthaus verschwand. Mit Beginn des Krieges war er zudem zum Luftschutzwart ernannt worden, was ihn legitimierte, sich überall Zutritt zu verschaffen, wenn vorgegebene Sicherheitsanordnungen nach seiner Ansicht nur unzureichend befolgt wurden. Eine Gefahr war er aber zunächst eher für die politisch Missliebigen, als für die jüdischen Bewohner, die es in den ersten Jahren der Diktatur auch noch gar nicht gab und im Hinterhaus auch später nicht geben sollte. Das Judenhaus Hermannstr. 26 war wie fast alle Judenhäuser bis zuletzt keineswegs ausschließlich von Angehörigen der verfemten „Rasse“ bewohnt, vielmehr lebten auch hier bis zum Beginn der Deportationen mehrheitlich arische Familien, die auch nicht bereit waren, ihre Wohnung in diesen schwierigen Zeiten aufzugeben.

Arthur Ackermann, Klara Cilly Chaja Ackermann geb. Schaffer
Stammbaum der Familien Ackermann und Schaffer
(GDB-PLS)

Chaja / Klara Ackermann, damals noch Schaffer, ist erstmals 1929 als Bürgerin Wiesbadens im Adressbuch verzeichnet, aber sie muss schon früher hier ansässig gewesen sein, denn bereits am 15. Juli 1926 hatte sie in der Hellmundstr. 53, Parterre, ein Gewerbe angemeldet.[6] Sie stammte ursprünglich aus Galizien, einem Schtetl mit dem Namen Dubiecko in der Nähe von Przemysl, von wo sehr viele Wiesbadener Ostjuden kamen. Krakau lag etwa 200 km westlich von ihrem Geburtsort.[7] Im September 1939 wüteten in diesem Gebiet die Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und ermordeten in Dubiecko und den umliegenden Orten eine große Zahl der dortigen Juden. Die Synagoge in Dubiecko wurde dem Erdboden gleichgemacht.[8] Mitglieder der Familie Schaffer waren nicht unter denn Toten, es scheint sogar so, als ob diese zu einem großen Teil die Region bereits vor dem Krieg und der deutschen Okkupation verlassen hatten.[9] Viele der dort ansässigen und in großer Armut lebenden Juden waren bereits nach dem Ersten Weltkrieg, als Galizien dem neu gegründeten polnischen Staat zugeschlagen worden war, ausgewandert.[10] Wie Klara Schaffer hatte sich auch die Familie von Moses Schaffer, der am 21. Juli 1881 in Niebylec in unmittelbarerer Nähe von Dubiecko geboren worden war, im August 1929 in Wiesbaden niedergelassen. Auch wenn eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen den beiden bisher nicht nachgewiesen werden kann, so ist sie doch sehr wahrscheinlich. Die beiden Kinder von Moses und Rosa Schaffer, Jakob und Hanna, waren allerdings in den Jahren 1911 und 1912 in München geboren worden. [11] Ob auch Klara Schaffer vor ihrer Zeit in Wiesbaden länger an einem anderen Ort gelebt hatte, ließ sich nicht mehr feststellen.

Leider konnte bisher auch nichts über die Eltern von Klara Schaffer in Erfahrung gebracht werden. Aus dem später von ihrer Schwester eingeleiteten Entschädigungsverfahren ergibt sich aber, dass sie eine Reihe von Geschwistern hatte, denen es gelungen war, den Holocaust in den USA oder in Palästina zu überleben. Ihre etwa 18 Jahre jüngere Schwester Golda, verheiratete Posnanski, war, anders als Klara, am 24. März 1910 in dem etwa 40 km südlich gelegenen Tyrawa Woloska im Kreis Lavok geboren worden. Das Geburtsdatum und der Geburtsort einer weiteren Schwester namens Rahel sind nicht bekannt. Sie war eine verheiratete Lehrer und hatte einen Sohn Gabriel, geboren am 5. April 1930, der die Ansprüche seiner bei Eröffnung des Verfahrens im Jahr 1957 bereits verstorbenen Mutter übernahm. Er lebte damals wie seine drei Onkel in Israel. Abraham Pitter „genannt Schaffer“, geboren am 8. November 1903, wohnte damals in Haifa, sein Bruder Nenachem, geboren am 15. oder 18. Februar 1912, lebte in Nesher und Shalom Schaffer, geboren am 12. Januar 1917, war in Kfar-Ata wohnhaft.[12] Eine weitere Schwester, deren Schicksal unbekannt ist, war 1911 nach Krakau gezogen, wo sie als verwitwete Chaja Bernstein im Februar 1941 noch lebte.[13] Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie Opfer der Shoa wurde. Belege dafür, dass die Geschwister untereinander in all den Jahren Kontakt miteinander halten konnten, liegen nicht vor.

Bei den Einträgen zu Klara Schaffer in den Wiesbadener Adressbüchern ist als Berufsbezeichnung immer „Händlerin“ angegeben. Sie betrieb zunächst in der Hellmundstr. 53, später in der Hermannstr. 26 einen Etagenhandel für Textilien und Weißwäsche. Der Umfang des Geschäfts wird vermutlich nicht sehr groß gewesen sein. Die Auskunftei Blum, die bei den Entschädigungsverfahren immer wieder in Anspruch genommen wurde, gab an, dass sie Handelsgeschäfte in der Textilbranche „versuchte“. „Sie arbeitete für einzelne grössere Geschäfte der Branche in Wiesbaden, ging meist hausieren. Lager hatte sie nicht. Das Einkommen war klein, soll etwa RM. 150.- bis RM 180.- im Monat beraten (!sic) haben. Sie galt als fleissig, gab sich viel Mühe. Irgendwelche Mittel wurden ihr nicht zugeschätzt. Nach 1933 war das Geschäft fast unmöglich geworden und sie hatte kaum noch Einkommen.“[14] Inwieweit diese Angaben zutreffend waren, lässt sich heute nicht mehr beurteilen, da Steuerakten von Klara Schaffer nicht mehr vorhanden sind. In einer eidesstattlichen Erklärung aus dem Jahr 1960 hatte eine Bewohnerin des Hauses Hermannstr. 26 erklärt, dass ihre Mutter noch 1934 bei Frau Schaffer Bettwäsche gekauft und ein Raum der dortigen Wohnung auch als Lager gedient habe.[15] Auch der Mitbewohner Kleindienst bestätigte, dass Frau Ackermann noch während der „Verfolgungszeit“ geschäftlich tätig war.[16] Dennoch ist die Einschätzung, dass es sich um einen eher bescheidenen Geschäftsumfang gehandelt haben muss, sicher zutreffend.

Umso erstaunlicher ist, dass Klara Schaffer am 25. Juli 1932 das Haus in der Hermannstraße erwerben konnte.[17] Der Einheitswert der Immobilie wurde 1935 auf immerhin 44.200 RM taxiert.[18] Dass diese Summe aus den laufenden Geschäften hatte aufgebracht werden können,[19] ist eher unwahrscheinlich. Man wird daher vermuten können, dass Klara Schaffer aus nicht ganz so ärmlichen Verhältnissen stammte und sie zumindest einen Teil der Mittel für den Hauskauf mit nach Deutschland gebracht hatte.

Als sie am 5. Juli 1938 den aus Holzhausen über Aar stammenden Artur Ackermann heiratete,[20] zog das Paar mitsamt dem Geschäft selbst auch in das Haus in der Hermannstraße, wo sie nun im ersten Stockwerk des Vorderhauses eine Dreizimmerwohnung besaßen. Sie waren damit die ersten jüdischen Bewohner des Hauses. Für beide, die bereits 47jährige Ehefrau und den 40jährigen Ehemann, war es die erste Ehe. Möglicherweise spielte bei der Eheschließung auch der wachsende Druck im Sommer 1938 auf Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit eine wichtige Rolle. Die Ehe mit einem, wenn auch geächtetem und entrechtetem deutschen Staatsbürger, so vermutlich die Hoffnung, würde auch ihren rechtlichen Status verbessern. Vermutlich war das auch der Grund, weshalb am 31.Oktober 1940 auch er als Miteigentümer des Wohngrundstücks Hermannstr. 26 in das Grundbuch aufgenommen wurde.[21]

Der am 12 November 1898 geboren Artur Ackermann [22] war das älteste von insgesamt drei bekannten Kindern des in Holzhausen über Aar lebenden Ehepaars Abraham und Betty Ackermann. Neben Artur, dem ältesten Kind, waren nachfolgend noch zwei Töchter geboren worden. Zunächst am 12. November 1898 Ida, dann am 2. Juni 1902 Rosa Elsa.[23] Ihre Mutter Betty Ackermann, eine geborene Blumenthal, war die Tochter von Herz und Sarah Blumenthal ebenfalls aus Holzhausen.[24] Ihr Mann Abraham war am 5. August 1873 als sechstes von insgesamt neun Kindern von Nathan und Fanny Ackermann, geborene Heil, in Weyer bei St. Goarshausen zur Welt gekommen.[25] In der Geburtsurkunde von Rosa Elsa wird Abraham Ackermann als Handelsmann bezeichnet. Wie viele Landjuden handelte auch er mit Vieh und anderen Landprodukten, war zudem im Nebenerwerb noch als Landwirt tätig.[26] In einer eidesstattlichen Erklärung gab er weiterhin an, eine Metzgerei besessen zu haben.[27]

Artur hatte sich beruflich an seinem Vater orientiert, konnte aber im Gefolge der sozialen Veränderungen diese Tätigkeit nicht mehr selbstständig ausüben, sondern war als kaufmännischer Angestellter zum Lohnabhängigen geworden. Über seinen genaueren beruflichen Werdegang ist allerdings nichts bekannt. Fraglich ist aber, ob er – wie im Erinnerungsblatt angegeben – schon vor seiner Eheschließung 1938 länger in Wiesbaden angestellt war. In der Heiratsurkunde ist als sein damaliger Wohnsitz Wuppertal eingetragen.[28]

Zum Zeitpunkt der Eheschließung konnte er schon längst nicht mehr in seinem ursprünglichen Beruf tätig sein. Die einzigen Einnahmen, über die das Paar damals noch verfügte, waren die Mieten, die die Bewohner ihnen monatlich – aber offensichtlich auch nicht immer pünktlich – bar übergaben. Als die Devisenstelle Ackermanns am 2. Februar 1940 eine Sicherungsanordnung mit einem vorläufigen Freibetrag von 300 RM zustellte, schrieb Artur Ackermann wenige Tage später zurück und bat um den Verzicht auf ein solches Konto. In diesem Zusammenhang legte er die gemeinsamen Einkommensverhältnisse offen:
“Zu dem mir am 14. d. Mts. zugesandte Sicherungsanordnung möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich, noch meine Ehefrau kein Bank, oder Postscheckkonto weder sonstige Konten oder Vermögen mit Ausnahme ein Mietgrundstück welches auf den Namen meiner Ehefrau Klara Sara Ackermann geb. Schaffer lautet besitze. Die laufenden Mieten  nehme ich selbst ein um die laufenden Schulden pünktlich bezahlen zu können. (…) Wenn ich alle Abgaben bezahlt habe bleibt für eine zwei köpfige Familie einen ganz geringen Betrag welcher zum Lebensunterhalt benötigt wird. (…) Ich kann kein Bankkonto errichten, da kein Geld hiervon übrig bleibt.
Im Hause selbst wohnen geringe Leute welche sehr unpünktlich die Miete zahlen, sodass ich gezwungen bin öfters diese zu Mahnen und dann 5-10.- Mark zahlen.“[29]

Die Mieteinnahmen beliefen sich 1939 nach seinen Angaben auf 6241 RM, Kosten, inklusive der fälligen Judenvermögensabgabe mit jeweiligen Raten von 50 RM beliefen sich auf insgesamt 5422 RM, sodass tatsächlich nur 819 RM zum Lebensunterhalt übrig blieben – 68 RM pro Monat.[30] Die Devisenstelle verzichtete daraufhin bis auf weiteres auf die Sicherungsanordnung.

Trotz dieser schwierigen finanziellen Situation stelle Artur Ackermann noch am 22. April 1941 bei der Devisenstelle in Frankfurt den Antrag monatlich 10 RM an seine in Krakau lebende verwitwete Schwägerin Chaja Bernstein, geborene Schaffer, übertragen zu dürfen. Diese sei völlig mittellos und habe neun Kinder. Der Betrag wurde zwar bewilligt,[31] ob die Schwägerin bzw. Schwester je Geld erhalten hat, muss allerdings bezweifelt werden, denn der Erfassungsbogen über die damalige jüdische Bevölkerung Krakaus enthält bei ihr den Vermerk über eine Aussiedlungsanweisung für den 26. Februar 1941.[32]

Immerhin erlaubte die Devisenstelle den Ackermanns die Mieten auch weiterhin in bar entgegennehmen zu dürfen, setzte den Freibetrag allerdings auf 150 RM herab.[33] Die monatlichen Mietzahlungen wurden spätestens Ende der dreißiger Jahr von den nichtjüdischen Mietern auch genutzt, um Ackermanns als Juden vorzuführen, sie mit kleinen Schikanen zu demütigen. Früher – so Rink – beschränkte sich der Kontakt darauf, „dass die Mieter oder eines ihrer Kinder einmal im Monat mit dem Mietbuch und dem Mietgeld in der Hand vorbeikamen und mit der Empfangsbestätigung und freundlichen Grüßen versehen die Ackermanns wieder verließen. An Samstagen freilich, am Sabbat, waren solche Besuche unerwünscht. Später haben es einige Leute im Haus darauf angelegt, die Vermieter zu brüskieren, indem sie ihre Kinder am Samstag zu Ackermanns schickten, um die Miete zu bezahlen. Ohne Erfolg, denn Ackermanns waren fromme Leute und sie haben das angebotene Geld natürlich abgelehnt und auf einen anderen Tag verwiesen.“[34]

Rink beschreibt Ackermanns als „unauffällige und bescheidene Leute. Ohne Dünkel den kleinen Leuten gegenüber, die ihre Mieter waren.“[35] Offenbar hatte Rink damals nicht wahrgenommen, dass die Hausbesitzer ebenfalls zu den kleinen Leuten gehörten, die Einfachheit der Kleidung, die er beschreibt, nicht Attitüde, sondern der Not geschuldet war. Klara Ackermann sei „eine kleine, schmale, unauffällige Person mit dunklen Augen und Haaren“ gewesen, „die wenig von sich her machte. Einfache Kostüme, weiße Blusen, Pumps mit mittelhohen Absätzen, gescheitelte Dauerwelle“. Sie habe noch immer mit „leichtem, aber deutlichem polnischen Akzent“ gesprochen, den aber kaum jemand wahrnahm, weil sie kaum mit den anderen Hausbewohnern sprach.[36]

Nach seinem Einzug war Artur Ackermann von den Kindern zunächst noch als Autoritätsperson wahrgenommen worden. Fast täglich sei er „mit Schirmmütze auf dem Kopf und meist mit schottisch gemusterten Knickerbockers im Hof“ erschienen und habe sie, die Kinder, „durch seine dicken Brillengläser streng dreinblickend, in ruhigem, aber bestimmtem Ton aufgefordert, bei ihren Spielen nicht zu laut zu sein oder auf die Straße zu gehen, wenn sie unbedingt laut sein wollten.“[37] Artur Ackermann, wie seine Frau Mitglied der Jüdischen Gemeinde, war politisch ein durchaus national eingestellter Jude, der stolz darauf war, im Ersten Weltkrieg für die nationale Sache sein Leben eingesetzt zu haben. Als die Kinder der nichtjüdischen Hausbewohner, bedingt durch die Propaganda und vielleicht auch bestärkt durch die Gespräche im Elternhaus, die frühere Ehrfurcht und Scham verloren und Artur Ackermann, sollte er überhaupt noch in Erscheinung treten mit „Jud, Jud, Jud“ anpöbelten, ergaben sich Szenen, an die Rink sich später mit großem Entsetzen erinnerte:
“Ich sehe und höre Herrn Ackermann immer noch, wie er, auf seine schwarz-weiß-rote Ordensspange am Revers deutend, den Kindern zurief, er habe im Weltkrieg als deutscher Soldat gedient und sei wegen erwiesener Tapferkeit ausgezeichnet worden. Er sei Deutscher so wie ihre Eltern und sie, die frechen Kinder. Dabei hatte er Tränen in den Augen, zitterte am ganzen Körper, machte hilflose Handbewegungen, verlor die Sprache und verließ die Szene. Hilflose Reaktionen, die die Kinder nur zu lauterem Lachen und neuerlichem ‚Jud, Jud, Jud’ ermunterten. Dem gleichen Verhalten sahen sich Frau Ackermann, später auch die Löwensteins, die Wolfs und die Strauss ausgesetzt, nachdem sie in unser Haus eingewiesen worden waren. Ich erinnere mich nicht, dass ein Erwachsener den Kindern jemals Einhalt geboten hätte.“
Solche Kriegsauszeichnungen öffentlich zu tragen, war Juden zu dieser Zeit bereits nicht mehr erlaubt, Artur Ackermann ließ sich das aber nicht verbieten. „Er glaubte“ so vermutete Rink  – „immer noch an Recht und Unrecht, an die Regeln korrekten und anständigen Verhaltens, die in Deutschland längst ihre Geltung verloren hatten. Sein Zorn, sein Trotz hat ihm vielleicht im Moment Erleichterung verschafft. Geändert war damit natürlich nichts. Gar  nichts.“ [38]

Artur Ackermann wurde aber nicht nur Opfer solcher demütigenden Auseinandersetzungen, sondern im Zusammenhang mit den Verfolgungen während der Reichspogromnacht 1938 auch Opfer staatlicher Gewalt. Man hatte ihn, wie viele andere Wiesbadener Juden am Abend des 10. November verhaftet, ihn allerdings am folgenden Tag wieder freigelassen. Darüber, was ihm in dieser Nacht widerfahren war, hat er mit keinem der Hausbewohner je gesprochen.[39]

Wie wenig die übrigen Hausbewohner, auch die jüdischen, über ihre Vermieter wussten, kann man auch der Bemerkung von Rink entnehmen, in der er schreibt, dass Ackermanns nicht mehr hatten auswandern können, weil sie weder über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, noch auf Verwandte im westlichen Ausland hätten bauen können, die ihnen hätten helfen können.[40] Sicher werden auch Ackermanns solche Überlegungen angestellt haben, aber ob es konkretere Pläne gab, ist nicht bekannt. Dass es aber keine Verwandte gab, die ihnen unter die Arme hätten greifen können, ist nicht richtig. Nicht nur waren bereits die meisten Geschwister von Klara Ackermann inzwischen nach Palästina gelangt, auch die Eltern und die Familien von Arturs Schwestern hatten Deutschland noch verlassen können. Offenbar wusste man im Haus nicht, dass es überhaupt solche Geschwister gab. Aber ob die Angehörigen wirklich zu helfen in der Lage gewesen wären, muss offen bleiben, waren sie doch alle, mit Ausnahme von Arturs Schwester Ida, die bereits am 18. Juli 1928 verstorben war, ebenfalls Opfer der Verfolgung geworden.

Artur Ackermanns Eltern waren, wie auch die meisten anderen der 1933 noch 13 jüdischen Bewohner, dem Druck der örtlichen Nazis in ihrem langjährigen Wohnort Holzhausen über Aar gewichen. Bereits im Jahr der „Machtergreifung“ war Abraham Ackermann zwei Wochen in Wiesbaden in „Schutzhaft“ genommen worden.[41] Nicht nur die Boykottaktionen machten in den folgenden Jahren ein weiteres Verbleiben in Holzhausen unmöglich, 1937 wurde er gezwungen, sein Haus an das NSDAP Mitglied Ludwig Mager weit unter Wert zu verkaufen. Die Gerätschaften der Metzgerei, die nicht Gegenstand des Vertrags waren, wurden einfach konfisziert.[42]
Abraham Ackermann und seine Frau zogen daraufhin nach Wiesbaden, wo sie von März 1937 bis zu ihrer Emigration am 24. April 1939 in der Bertramstr. 2 eine Wohnung im Erdgeschoss bezogen hatten.[43] Bereits am 23. Dezember 1938 hatten sie die steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für einen Reisepass und für die Überführung von Umzugsgut erhalten.[44] Unterlagen darüber, was sie hatten mitnehmen können, liegen nicht mehr vor. Abraham Ackermann  gab ihm späteren Entschädigungsverfahren an, Schmuck und Wertgegenstände im Wert von etwa 1.500 RM zurückgelassen zu haben.[45] Immerhin wurde ihm in diesem Verfahren für die Entrichtung der DEGO-Abgabe – die Abgabe, die für die Mitnahme von Neuwaren zu leisten war – eine Entschädigung von 7,60 DM zugesprochen. Dass Ackermanns Südafrika als Zielland ihrer Emigration gewählt hatten, beruhte wahrscheinlich darauf, dass auch andere Familienmitglieder dort ihr neues Leben aufzubauen versuchten.[46] Inwieweit das Abraham und Betty Ackermann gelang, ließ sich bisher nicht feststellen. Als die Deutsche Bundesbank den am 28. Februar 1956 gewährten Entschädigungsbetrag von 7.60 DM im September 1960 (!) nach Südafrika zu überweisen versuchte, kam von dem dortigen Partnerinstitut Barclyas Bank die Information „We have been unable to trace the beneficiary, and it is believed he died penniless, leaving no estate.“[47] Selbst die 7,80 DM hatten ihn, der demnach zwischen 1957 und 1960 verstorben sein muss, nie mehr erreicht. Vermutlich war auch seine Frau bereits tot, da ihr andernfalls der Betrag zugestanden hätte.

In der Zeit als Abraham und Betty Ackermann noch in Holzhausen wohnten, hatten sie sich auch ihrer halbwaisen Enkelin Sonja angenommen. Sonja war der spätere Rufname des Kindes von Max und Ida Holand, geborene Ackermann. In der Geburtsurkunde waren hingegen die Namen Hannelore Fromet Sara für das am 21. November 1926 geborene Kind eingetragen.[48] Ihre Mutter war verstorben, als Sonja nicht einmal zwei Jahre alt war.[49] Ihr Vater, der am 21. Mai 1899 in Lodz geborene, staatenlose Max / Mordka Holand, lebte nach Angaben seiner zweiten Frau etwa seit 1924 in Wiesbaden.[50] Am 5. Februar 1925 hatten er und Ida Ackermann in Wiesbaden geheiratet.[51] Bei ihren Großeltern in Holzhausen hatte Sonja ihre Kindheit verbracht und war hier auch zur Schule gegangen.[52]

Max Holand betrieb in Wiesbaden einen Reisehandel für Weißwaren und war deswegen ständig auf Reisen, was wohl auch der Grund dafür war, dass Sonja in die Obhut der Großeltern gegeben wurde. Am 20. September 1932 hatte er seine zweite Ehefrau, die in Köln geborene Eva Dem, ebenfalls Jüdin mit ostjüdischem, orthodoxem Hintergrund, in Wiesbaden geheiratet.[53] Mit dem Beginn der Nazi-Zeit bekam auch Max Holand die Auswirkungen der Hetze gegen die Juden zu spüren und auch seine geschäftlichen Aktivitäten waren davon erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb beschloss er Deutschland zu verlassen und sich in Paris niederzulassen.[54] Seine Frau gab an, selbst weiterhin in Wiesbaden gemeldet gewesen zu sein, sich aber meist in der Schweiz aufgehalten zu haben. Erst 1935 sei sie zusammen mit ihrer Mutter – ihr Vater war bereits 1931 verstorben – ihrem Mann nach Paris gefolgt.[55] Vermutlich wird auch die ältere Tochter Sonja erst um diese Zeit zu ihrem Vater nach Frankreich gegangen sein.

Hier gelang es Max Holand mit recht großem Erfolg ein Geschäft mit mehreren Angestellten im gleichen Metier aufzubauen. Er habe damals ein jährliches Einkommen von etwa 18.000 Schweizer Franken gehabt und damit die zuletzt fünfköpfige Familie problemlos ernähren können. Diese wohnte in einem schönen, sehr gut ausgestatteten Appartement in Paris unmittelbar am Parc Buttes Chaumont. In den Sommermonaten habe man sich immer einen mehrwöchigen Urlaub leisten können. Auch eine große Renault-Limousine, die Max Holand bis zu deren Konfiszierung im Jahr 1942 besaß, bezeugt den wirtschaftlichen Erfolg des Geschäfts. Für die Tochter Sonja sei sogar eigens ein Hauslehrer eingestellt worden, wahrscheinlich um die vorhandenen Sprachdefizite zu beheben. Sie besuchte ansonsten die öffentlichen Schulen, die dortige Ecole Primaire und das Lycée de Vincenes.[56] Aber nicht nur für die eigene Familie habe Max Holand gesorgt, er habe als Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Paris „immer eine offene Hand für alle Bedürftige und Arme“ gehabt, sei überall geschätzt gewesen und auf seinen „geschäftlicher Rat“ habe man immer vertrauen können.[57]

Zur Familie gehörte neben der Mutter von Eva Dem inzwischen auch die am 29. August 1936 in Paris geborene Suzy Sosje, Sonjas Halbschwester.[58] Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich im Sommer 1940 war diese – trotz Exil – sicher recht schöne Zeit für die Familie vorüber. Max Holand hatte keine Möglichkeit mehr, seinen Beruf weiterhin auszuüben.

Als die Gestapo im Sommer 1942 begann, die Juden in Frankreich – gleichgültig ob französische Staatsbürger oder Emigranten – in Sammellagern zu verbringen, um sie zu deportieren, verließ Max Holand Paris und versuchte auf dem Land bei La Guerche unterzutauchen. Seine Frau, die die schweizerische Staatsangehörigkeit besaß, versuchte das Geschäft so gut wie nur möglich aufrechtzuerhalten. Um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können, war Max Holand gezwungen, eine Tätigkeit als Hilfsarbeiter in einer Fabrik anzunehmen. Möglicherweise war das der Grund, weshalb er am 3. Juli 1942 von der Gestapo entdeckt und zunächst im Gefängnis von Bourges festgesetzt wurde. Als Haftgrund gaben die französischen Behörden an: „Jude, der im Lager interniert werden soll.“[59] Von dort wurde er kurz darauf in das Lager Pithiviers bei Orleans verbracht.[60] Von dort aus erhielt seine Familie die letzten Nachrichten. In den beiden erhaltenen Briefen versuchte er seiner Frau und den Kindern Mut zu machen, gab vor selbst gefasst zu sein, aber zwischen den Zeilen kann man lesen, dass er das Schlimmste befürchtete:[61]

Mein liebes Evchen u. Alle
Ich bin leider in Buge (Bourges) festgehalten worden, bliebe 2 Tage und bin dan nach einem Lager weiter geschickt, welches ich jetzt noch nicht weiss genau. Wir nehmen den Zug der über Orlean nach Paris geht und ist Phitiver (Pithiviers) oder Drancy. Es ist nun einmal so und man muss sich dem Schicksal fügen, die erste möglichkeit  die ich haben werde zum schreiben, werde ich es sofort tuhn, auser dem bitte ich dich mein innig geliebtes Evchen und alle fasse dich wie alle andere Frauen, und finde dich damit ab, bis der Almächtige uns weiter helfen wird, ich werde alles leichter ertragen zusamen mit tausend Andere, weil ich weis dich zu hause und du fügst dich, das schwere leben und kannst alles ertragen und hilfe von unser lieben Kinderchen, welche Sonja, dir sicher viel zu hilfe stehen wird, es liegt nicht an uns, ich habe es nicht anders machen können. Diese 2 Tage war ich mit 4 zusamen, die zeit ging sehr schnell vorbei, Lebensmittel habe ich auch etwas Vorrat, alles andere sehe Du selbst zu arangieren und gebe etwas an die Marta (?), ich selbst bin sehr gefast so das ich selbst staune, ich schrecke die arbeit nicht zurück, ich hörte nur hier das von die Cher(?) sind recht viel ins lager geschickt worden, seit alle recht innigst viel mals geküsst, gute Besserung an liebe Oma euer
?“ [62]

 

„Mein liebes Evchen u. Alle
Seit gestern sind wir in Phitivier (Pithiviers) und heute geht es schon weiter zusam einige hundert man in eine unbekannte direcktion. Hoffentlich ist alles zu hause in bester Ordnung, ich selbst bin ganz couragiert, überhaupt wen man die andere sieht. Sei du auch auf das schlimmste gefasst, den es gibt verschiedene Gerüchte, das auch Kinder in frage kommt. Hoffen wir das beste, das wir alle uns bald wieder sehen, seid alle herzlich gegrüsst und geküst, besonders unser liebes Suzilein, beim Schlimsten fall entschlüse dich Suzilein in ein Kinderheim zu geben und bezahlen für einige Monate, eventuel bei Sha (?) Schule, seit alle herzlich geküsst und habt courage
Euer immerdenkender Max“[63]

Und es kam zum Schlimmsten. Wenige Tage später, am 30. Juli 1942, wurde er vom Sammellager Pithiviers nach Auschwitz überstellt und dort am 14. Oktober 1942 ermordet.[64] Seine Familie, die von seinem Schicksal erst nach dem Krieg erfuhr, war zunächst in Paris geblieben, vage geschützt durch die schweizerische Staatsangehörigkeit von Eva Holand. Das Geschäft kam jetzt endgültig zum Erliegen, nicht nur das Auto, auch das Warenlager wurde beschlagnahmt.[65]

Über die Zeit in Paris unter dem Terror der deutschen Truppen und der SS, hatte Eva Holand schriftliche Aufzeichnungen gemacht, die in ihr Entschädigungsverfahren eingebracht wurden:
„Wie oft wurden wir nachts durch die Deutschen geweckt, sie schellten und polterten an der Türe, bis man aufmachen musste, da sie sonst die Tür eingebrochen hätten. Sie durchsuchten die ganze Wohnung, drohten und zerbrachen was sie konnten. Keine Nacht konnte man vor Schrecken schlafen, man traute sich kaum mehr aus dem Hause. Überall wurden Razzien gemacht, um versteckte Juden aufzufinden. Meine älteste Tochter, damals 15 Jahre, [gemeint ist die Stieftochter Sonja – K.F.] musste in der Normandie untertauchen, da man sie suchen kam. Der Schreck lähmte mich, ich zitterte nicht nur um meinen Mann, sondern auch um meine alte Mutter und meine 2 Kinder. Als ich einmal aus der Metro ausstieg, waren beide Ausgänge durch die Deutschen abgesperrt, alle Passanten wurden zusammengetrieben, oben in bereitstehende Autos geladen, in ein Lokal gebracht, dort stundenlang festgehalten, verhört und eingeschüchtert. Nur Dank meines Schweizerpass wurde ich freigelassen, mir aber gedroht: Nur keine Angst, ihr Schweizer kommt auch noch dran; in der unflätigsten Weise wurde man beschimpft. Es war eine schreckliche Zeit, voller Grauen und Angst.“[66]

Angesichts dieser Situation entschloss sich Eva Holand, ihre Tochter Suzy mit einem vom Roten Kreuz gestellten Kindertransport in die Schweiz zu bringen. Die inzwischen etwa fünfzehn Jahre alte Sonja wurde im September 1942 illegal über die Grenze gebracht.[67] Im Februar 1943 ging auch Eva Holand auf Druck des Schweizer Konsulats, das nicht mehr für die Sicherheit der Schweizer Juden in Frankreich garantieren konnte, dorthin zurück.[68] Nur die staatenlose Mutter von Eva Holand blieb weiterhin in Frankreich versteckt. Kaum vorstellbar, mit welchen Ängsten diese Aktionen für alle Beteiligten verbunden war. Eva Holand selbst und auch medizinische Gutachten führten die chronischen Herzbeschwerden, die sie seit dieser Zeit plagten, auf die Aufregungen in dieser Zeit zurück.

Während die jüngere Suzy zunächst bei Bekannten in der Schweiz untergekommen war, wurde Sonja als „fremdenpolizeilich internierter Flüchtling“ dort in verschiedenen Lagern festgehalten.[69] Vom Januar bis Juni 1944 arbeitete sie durch Vermittlung ihrer Mutter bei der jüdischen Familie Goldschmidt in Zürich als Haushaltshilfe. Dort konnte sie auch eine Ausbildung als Kindergärtnerin absolvieren. Eva Holand, durch ihr Herzleiden beeinträchtigt, war kaum arbeitsfähig und konnte daher nur wenig zum Lebensunterhalt beitragen. Zeitweise wurde sie und ihre nach dem Krieg ebenfalls in die Schweiz gekommene Mutter von Bekannten mit dem Notwendigsten versorgt. Um ihrer Tochter Suzy eine adäquate Schulbildung zu ermöglichen, war sie gezwungen Schulden aufzunehmen. Immerhin schlug Sonja durch ihre Anstellung in Zürich, wo sie nach der Anstellung im Haushalt der Familie Goldschmidt noch für ein Dreivierteljahr in einem jüdischen Kinderheim arbeitete, durch die gewährte freie Kost und Logis finanziell nicht länger zu Buche. Im Juni 1945 ging Sonja zunächst als Kindergärtnerin nach Palästina. Schon im Herbst desselben Jahres konnte sie dort ein Studium aufnehmen, das sie über ein Stipendium und ihre Aushilfstätigkeit in Kindergärten finanzierte. 1948 schloss sie ihre Ausbildung ab und begann als Lehrerin und Psychotechnikerin in Israel eine eigene berufliche Karriere – eine unglaubliche Leistung angesichts des Schicksals, das sie zu erleiden und zu verarbeiten hatte.[70]

Im gleichen Jahr heiratete sie Franz Josef Awieser. Die Ehe, in der auch mehrere Kinder geboren wurden, scheiterte allerdings und wurde geschieden. Auf Grund einer zweiten Ehe, die vor 1966 geschlossen worden sein muss, nahm sie den Familienname Galewski an.[71]

Ihre Halbschwester Suzy besuchte nach dem Krieg eine Schule in England. Über ihr weiteres Leben ist nur bekannt, dass sie am 23. Juli 1956 in Luzern einen Willy Wolf Erlanger ehelichte.[72] Auch über das Schicksal der Mutter liegen keine weiteren Informationen vor. Max Holand, der Schwager von Artur Ackermann, war zwar das einzige Mitglied der Familie Holand, das im Holocaust sein Leben verlor, schwer gezeichnet davon waren aber alle.

Auch der zweiten Schwester von Artur Ackermann, Rosa Elsa, gelang es, der Vernichtung zu entgehen. Sie hatte am 19. Januar 1927 in Michelbach den jüdischen Religionslehrer und Schächter Raffael Scher geheiratet.[73] Das Paar lebte danach in Rossdorf bei Darmstadt, wo ihr Ehemann seine Anstellung hatte. Dieser war am 17. November 1878 in Garsden bei Memel geboren worden.[74] Für Raffael Scher war die Ehe mit Rosa Ackermann bereits die zweite. Aus einer ersten waren bereits drei Kinder hervorgegangen, von denen aber zum Zeitpunkt der zweiten Heirat bereits zwei erwachsen waren. Hermann, das jüngste Kind, war damals aber auch schon fünfzehn Jahre alt. Es ist nicht bekannt, ob er in die neue Familie aufgenommen wurde. Die beiden älteren Töchter sollen bereits 1919 im noch jugendlichen Alter in die USA ausgewandert sein und in Chicago eine neue Heimat gefunden haben. Diese Angabe ihrer Stiefmutter muss allerdings insofern kritisch gesehen werden, da alle drei Kinder mit dem Vater aus dem damaligen Litauen nach Deutschland gekommen waren und am 8. Februar 1923 in einer gemeinsamen Urkunde die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatten.[75]

Bis 1933 konnte Raffael Scher seinen Beruf als Schächter, der ihm vier Fünftel seines Einkommens einbrachte, in Rossdorf ausüben. Mit dem Schächtungsverbot der Nazis 1933 fiel somit der größte Teil seiner Einnahmen weg. Zudem war er seit 1937 durch eine missglückte Operation so sehr behindert, dass er eine andere Tätigkeit nicht mehr ausüben konnte. Eine monatliche Rente von weniger als 50 RM war das einzig sichere Einkommen in dieser Zeit. Die Mitte der zwanziger Jahre noch aus etwa 50 Personen bestehende Gemeinde Rossdorf, die zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt gehörte, verließen wegen der zunehmenden Repressalien immer mehr Mitglieder. 1939 waren nur noch zwei übrig geblieben. Auch Raffael Scher und seine Frau hatten den Ort verlassen und waren – vermutlich unmittelbar veranlasst durch die Erkrankung von Raffael Scher – nach Wiesbaden gezogen, wo die Eltern seiner Frau und ihr Bruder wohnten. Hier konnten sie gegebenenfalls Hilfe und Unterstützung erwarten. Im Adressbuch von 1938 sind sie als Bewohner der Bertramstr. 2 verzeichnet. Der Beruf von Raffael Scher ist jetzt mit Kantor angegeben. Unter dieser Adresse kann das Paar aber nur kurz gewohnt haben, denn mehrere Hausbewohner der Hermannstr. 26 erinnerten sich später, dass Schers etwa 1938 die Parterrewohnung im dortigen Vorderhaus unterhalb der Wohnung von Artur Ackermann und seiner Frau bezogen hatten.[76] Dadurch, dass die beiden Töchter von Raffael Scher bereits in den USA lebten, war es auch ihnen 1940 möglich, dorthin auszuwandern. Zurücklassen mussten sie nach eigenen Angaben die gesamte Wohnungseinrichtung.[77] Ersetzt wurde diese nicht, da – so nahm die Entschädigungsbehörde an – diese in die Obhut des Bruders gelangte. Dass dieser aber selbst später deportiert wurde, spielte für die Behörde keine Rolle.

Am 9. Februar 1940 verließ das Paar laut Eintrag auf der Gestapokarteikarte Wiesbaden, fünf Tage später kehrten sie in Amsterdam dem europäischen Kontinent den Rücken, um mit dem holländischen Schiff „Volendam“ in die USA zu gelangen, wo sie nach Chicago zu den Töchtern bzw. Stieftöchtern zogen.[78] Nachdem Raffael Scher dort am 5 April 1947 verstorben war,[79] heiratete Rosa Elsa am 20 Juni 1952 Sana Greenberg, einen zehn Jahre älteren polnischen Juden. Die Ehe war in Kapstadt in Südafrika geschlossen worden. Offensichtlich war Rosa Scher nach dem Tod ihres Mannes dorthin übersiedelt, weil dort ihre Eltern Abraham und Betty Ackermann noch lebten.[80]

Hermann Scher, der jüngste Sohn von Raffael Scher, war nicht mit in die USA ausgewandert. Und wurde daher Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns. Er hatte zuletzt in Berlin und in dem davon südlich gelegenen Beelitz gelebt. Am 2 April 1942 wurde er von Berlin aus deportiert. Nicht klar ist ob er im Warschauer Ghetto ums Leben kam oder im Lager Trawniki ermordet wurde. Einen sicheren Todestag gibt es für ihn nicht.[81]

Auch für Artur und Klara Ackermann lässt sich ein solcher Tag nicht exakt benennen. In einem Verfahren zur Todeserklärung, das Abraham Ackermann für seinen Sohn 1948 in die Wege leitete, wurde 1949 der 8. Mai 1945 als offizieller Todestag amtlich bestimmt. Auch der Tod seiner Frau musste nach dem Krieg amtlich auf dieses Datum festgelegt werden.[82]

Beide gehörten zu dem Transport, der am 10 Juni 1942 Wiesbaden verließ.[83] Die Mitbewohner Emil Ludwig Landau, Inge Wolf und die Familien Löwenstein und Strauss hatten am 8. Juni ebenfalls die Mitteilung der Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichsvereinigung erhalten, in der sie aufgefordert worden waren, sich am 10. morgens um 8 Uhr zur „Abwanderung“ bereitzuhalten. Alle hatten auch das Formular erhalten, in dem das noch vorhandenes Vermögen zu deklarieren war. Dies galt mit der Abgabe der Erklärung als konfisziert. Nur 50 RM sollten sie mitnehmen dürfen, dazu einen Rucksack oder Handkoffer mit notwendigen Sachen und warmer Kleidung. Reiseverpflegung für drei Tage, Essgeschirr – ohne Messer – durfte in einem Brotbeutel mitgeführt werden. Eine warme Decke wurde bereits am Tag zuvor von Vertretern der Reichsvereinigung abgeholt.[84]

Nach der Übergabe der Wohnung und der Vermögensreste wurden die etwa 370 Juden per Lastwagen an die Viehrampe des Wiesbadener Güterbahnhofs gebracht, wo der Zug bereits wartete, um sie zunächst nach Frankfurt zu bringen. Am folgenden Tag, nachdem er mit weiteren fast 1000 Opfern „aufgefüllt“ worden war, durchquerte er in zwei Tagen Deutschland, um an der Rampe des „Alten Flugplatz“ in Lublin zum Stehen zu kommen. Hier fand eine erste Selektion statt, bei der knapp 200 Männer aussortiert wurden, um beim Aufbau des Lagers Majdanek zum Arbeitseinsatz abkommandiert zu werden. Weder von diesen, noch von den im Zug Gebliebenen, sind Überlebende bekannt. In den Gaskammern in Sobibor wurde bald darauf auch dem Leben von Artur und Klara Ackermann auf brutalste Weise ein Ende gesetzt. Willy Rink imaginierte das Geschehen von Sobibor in seinem Erinnerungsbuch:

“Ich sehe meine Tante Zerline, meine Cousine Helga, meinen Cousin Karl Heinz, sehe Klara und Arthur Ackermann, Hermann, Selma und Ilse Löwenstein, Emil-Ludwig Landau, wie sie verschmutzt, erschöpft, halb verdurstet und benommen in Sobibor aus den Waggons auf die Rampe klettern und von ukrainischen Hilfspolizisten in die Entkleidungsbaracke getrieben werden, ein achtzig Meter langer Weg zwischen Stacheldrahtzäunen, mit Brettern und Büschen, die den Blick auf das Lager versperren. Ich sehe sie in der Baracke stehen, vor ihnen, auf einem Tisch stehend, SS-Oberscharführer Michel, der stellvertretende Lagerkommandant, in einem weißen Kittel, als ob er Arzt wäre. Ich höre ihn sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass alle nach dem Duschen und der Desinfektion in ein Arbeitslager kommen. Männer, Frauen und ihre Kinder. Ich höre das beifällige Klatschen und erleichterte Rufen einiger Opfer, die noch nicht ahnen, was auf sie zukommt. Ich sehe, wie Zerline Löwenberg, 42 Jahre, Helga Löwenberg, 17 Jahre, Klara Ackermann, 50 Jahre, Selma Löwenstein, 51 Jahre und Ilse Löwenstein, 19 Jahre, mit den anderen Frauen und den Kindern auf Befehl den Raum verlassen. Wie sie sich entkleiden müssen. Wie sie, nackt, von ukrainischen Hilfspolizisten gehetzt, zwischen Stacheldrahtzäunen den 150 Meter langen Weg zum ,,Bad“ laufen, unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in der ,,Friseurstube“, einer Baracke, in der ihnen von Arbeitsjuden die Haare abgeschnitten wurden. Wie sie in die Gaskammern gepresst werden. Wie die Türen hinter ihnen gewaltsam geschlossen werden. Viele Frauen, Mädchen und Kinder, zusammengepresst jeweils auf sechzehn Quadratmetern, sodass sie kaum atmen können. Wie ein Motor zu hören ist, und ein Rauschen anhebt, wenn das Auspuffgas eindringt. Das Schreien der Frauen. Nach zehn Minuten: Die Stille, der Tod. Die Männer müssen, Stunden später, den gleichen Weg gehen. So auch Karl Heinz Löwenberg, 10 Jahre, Arthur Ackermann, 44 Jahre, Hermann Löwenstein, 61 Jahre und Emil-Ludwig Landau, 63 Jahre. Keiner von ihnen hatte eine Chance, bei der Selektion in der Entkleidungsbaracke als Facharbeiter ausgesondert zu werden und als ,,Arbeitsjude“ noch eine Weile am Leben zu bleiben. Dieses zweifelhafte Glück hatten bei jedem Transport nur einige junge, starke Männer, die ausgesonderte ,,Arbeitsjuden“ ersetzen mussten, die an ihrer Stelle den Weg in die Gaskammer gingen. [85]

 

Die Ehepaare Strauss und Wolf(f) waren nach dem 10. Juni noch bis zum 1. September Bewohner des Judenhauses. Erst danach wurde es „judenfrei“. Rink stellte in seinem Buch im Nachhinein Überlegungen an, ob die nichtjüdischen Mitbewohner wissen konnten, was mit den Deportierten damals geschah. Nach seiner Überzeugung wussten sie es nicht. Natürlich hatten sie alle Diskriminierungen, die wiederholten Überfälle der SA oder Gestapo auf deren Wohnungen erlebt, hatten vielleicht auch gesehen, wie sie am Morgen des 10. Juni mit den Lastwagen abgeholt worden waren. Man wusste auch, das sie „nach dem Osten evakuiert“ wurden, hatte auch Schreckliches über die dortigen Verhältnisse in den Ghettos gehört, sogar von Massenerschießungen hatten heimkehrende Soldaten berichtet, aber man war davon überzeugt, dass die Deportierten in Arbeitslager verbracht wurden und dort unter allerdings schwierigsten Bedingungen leben mussten. Dass aber dort im Osten ein industrieller Massenmord vonstatten ging dem zig Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten, dass – so Schmitt – konnten sich 1942 nicht einmal die hier verbliebenen Juden, die wie sein Onkel Walter Löwenberg, durch ihre „Mischehe“ verschont geblieben waren, vorstellen, zumal auch bei den „Feindsendern“ zu diesem Zeitpunkt Auschwitz, Sobibor oder Treblinka noch unbekannt waren.

Die Mitbewohner, die dem Regime zumindest kritisch gegenüber standen, konnten sich sogar einreden, dass den Deportationen sogar eine positive Seite abzugewinnen war, waren sie doch dadurch, dass sie nun unter sich sein würden, nicht mehr den Angriffen und Demütigungen der Nichtjuden ausgesetzt – welch ein Irrglaube. Es ging auch wohl mehr darum, sich eigenes Fehlverhalten, eigene Ängste und mangelnde Zivilcourage schönzureden. Es ging nicht um die Juden, sondern man selbst wurde durch deren Deportation entlastet. Man war nicht mehr täglich mit dem eigenen Versagen konfrontiert, wenn die SA prügelte und pöbelte und man nicht den Mut hatte, einzuschreiten, man musste sich nicht mehr schämen, wenn Juden mit dem gelben Stern und gesenktem Blick einem auf der Straße begegneten. Man konnte wieder befreit auf die Straße gehen, konnte einkaufen, ohne daran zu denken, dass Juden diese Möglichkeit nicht hatten. Die Deportationen müssen für viele, bei allen Bedenken und bösen Ahnungen, eine ungeheuer befreiende Wirkung gehabt haben – wenn auch unausgesprochen und unbewusst. Das gilt selbstverständlich nur für diejenigen, für die die Rassenpolitik des NS-Staates einen permanenten Konflikt mit dem eigenen Gewissen und eine ständige Infragestellung der eigenen Identität bedeutet hatte. Andere, die keine wesentliche Kritik an der Ausgrenzung der Juden aus der staatlichen und sozialen Gemeinschaft hatten, gaben sich damit zufrieden, dass „der Juden“ jetzt in den Lagern des Ostens endlich einmal gezwungen würde, für das deutsche Volk zu arbeiten, es ihm endlich verwehrt würde „Schmarotzer an der Volksgemeinschaft“ zu sein.

Das Haus Hermannstr. 26 wurde mit der Übergabe der Vermögenserklärung am Tag der Deportation vom Staat beschlagnahmt. Mit der Verwertung des Eigentums wurde der entsprechende Stelle beim Finanzamt Wiesbaden beauftragt, die wiederum das Bankhaus Krier als Verwalter der Immobilie einsetzte.[86] Dem Finanzamt gegenüber hatte Krier Rechenschaft über Einnahmen und Ausgaben abzulegen, dorthin waren – selbstverständlich nach Abzug der Verwaltungskosten – die Überschüsse aus den Mieteinnahmen zu überweisen.

Nach seinen Unterlagen zog am 1. September 1942 in die Wohnung des Ehepaars Ackermann ein Hermann Graubner möglicherweise mit Familie ein und zwei Wochen später wurde auch die darunter liegende Wohnung wieder belegt, in der einst Schers und Wolfs gewohnt hatten.

Die Beschlagnahmung der Immobilie war nur der erste Schritt auf dem Weg zu widerrechtlichen Enteignung gewesen. Am 24. März 1943 wurde das Haus gemäß der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 dem Deutschen Reich überschrieben, genauer dem Reichsfiskus, vertreten durch den Oberfinanzpräsidenten in Kassel.[87]

Nach dem Ende des Krieges und der Nazi-Herrschaft wurde das Haus den rechtmäßigen Erben wieder zurückerstattet. Abraham Ackermann hatte im April 1947 einen entsprechenden Antrag gestellt. Die formale Übertragung, d.h. die Eintragung in das Grundbuch der Stadt Wiesbaden erfolgte dann am 28. August 1954.[88]

 

Am 2. Mai 2013 wurden vor dem Haus in der Hermannstr. 26 Stolpersteine für Artur und Klara Ackermann sowie für Hermann, Ilse und Selma Löwenstein verlegt. Willy Rink hatte damals den Anlass genutzt, um mit den heutigen Bewohnern des Hauses, die zum Teil bei dem Gedenkakt anwesend waren, ins Gespräch zu kommen, er hatte sie gefragt, was sie über das Haus und das Schicksal seiner ehemaligen Bewohner wüssten.[89] In den Gesprächen wurde er konfrontiert mit der gesamten Bandbreite der Einstellungen, die heutige Bürger nicht nur Wiesbadens zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit haben. Es äußerten sich „Schlussstrich-Apologeten“, die es endlich gut sein lassen wollen mit dieser dunkelsten Zeit deutscher Geschichte. Auch ein Holocaust-Leugner bewohnte 2013 eine Wohnung, in der vielleicht zuvor eines der verleugneten Opfer gelebt hatte. Manche fühlten sich durch die Steine vor ihrem Haus ungerechtfertigter Weise in einen Bezug zu den damaligen Ereignissen gesetzt, so als seien sie die Nutznießer der damaligen Vertreibungen, obwohl sie damit absolut nichts zu tun gehabt hätten, nichts zu tun haben konnten. Aber es gab auch Gesprächspartner, die die Aktion ohne jede Einschränkung guthießen, die Mehrheit brachte zumindest Verständnis für die Verlegung solcher Steine des Erinnerns auf. Ein Bewohner erklärte sich sogar bereit, Sorge dafür zu tragen, dass die fünf kleinen Mahnmale immer sauber und lesbar bleiben würden.

Stand: 19. 10. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Willy Rink war am 22.1.1926 in Wiesbaden geboren worden. Die Schwester von Willy Rinks Mutter, Lina Rink, war mit Walter Löwenberg verheiratet. Die jüdische Löwenberg-Verwandtschaft war häufig zu Gast in der Hermannstr. 26. Zu ihr gehörte auch Zerline Löwenberg, die im Judenhaus in der Ludwigstr. 3 wohnte. Günter kam in den letzten Kriegstagen beim Spielen mit Flakmunition ums Leben, siehe Rink, Judenhaus, S. 134.

[2] Siehe oben.

[3] Rink, Judenhaus S. 12.

[4] Ebd. S. 13.

[5] So die Angaben des Wiesbadener Adressbuchs von 1936/37.

[6] HHStAW 518 37939 (11).

[7] Eine Karte der Umgebung von Dubiecko ist unter folgendem Link zu finden: http://www.lemko.org/maps100/Pages/Pg21.html. (Zugriff. 27.9.2019). Es gibt eine wunderschöne Seite über Dubiecko, die von Nachkommen der dortigen Juden erstellt wurde und sehr viele Bilder aus der früheren Zeit enthält. https://kehilalinks.jewishgen.org/krosno/Krosnodubtrip.htm. (Zugriff. 27.9.2019). Auch ist hier die Geschichte der Zerstörung des Schtetls durch die Deutschen nachzulesen,

[8] Curilla, Wolfgang, Der Judenmord in Polen und die deutsche Ordnungspolizei 1939-1945, Paderborn 2011, S. 29 ff. Siehe dazu auch die Erinnerungen auf den bereits genannten Homepage https://www.jewishgen.org/yizkor/dynow/dyn151.html. (Zugriff. 27.9.2019).

[9] In einer Liste von Dubieckoer Schulkinder aus dem Jahr 1939 findet man noch eine am 24.4.1927 geborene Dvojra Bernstein, ein uneheliches Kind von Chaskiel Schaffer, weiterhin drei Kinder von Leizer Schaffer und seiner Frau Mala Hoch. Es handelt sich um Gavriel, geboren am 7.11.1928, Hersch, geboren am 15.3.1931, und Nehune Schaffer, geboren am 25.1.1927, siehe https://kehilalinks.jewishgen.org/krosno/krosnodubiecko.htm#TOP. (Zugriff. 27.9.2019).

[10] Siehe das Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse, Wiesbaden, zum Ehepaar Ackermann http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Ackermann-Arthur.pdf. (Zugriff. 27.9.2019).

[11] Moses Schaffer, der mit Rosa Bier, geboren am 3.5.1912 im westgalizischen Glogau verheiratet war, hatte sich im August 1929 in Wiesbaden angesiedelt. Der Sohn Jakob war am 11.2.1911, die Tochter Hanna am 3.4.1912 geboren worden, Angaben nach Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Sammlung.

[12] HHStAW 518 37939 (31).

[13] https://secure.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=6235122. (Zugriff: 7.10.2019). Chaja Bernstein, geborene Ackermann, war am 9.8.1893 in Dubiecko geboren worden. Verwunderlich ist, dass sie den gleichen Vornamen trug, wie ihre nur ein Jahr zuvor geborene Schwester, Artur Ackermanns Frau Chaja.

[14] Ebd. (29). Angaben über seine Quellen machte Blum auch dieses Mal nicht.

[15] Ebd. (9).

[16] Ebd. (8). Im Beschluss der Entschädigungsbehörde wurde der 1.1.1935 als Zeitpunkt festgelegt, von dem ab eine geschäftliche Tätigkeit nicht mehr möglich gewesen sein soll, ebd. (37).

[17] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 344 Bl. 3462 Innen.

[18] Stadtarchiv Wiesbaden WI / 3 983, auch HHStAW 519/2 2097.

[19] So die Vermutung im Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse, Wiesbaden.

[20] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 629 / 1938.

[21] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 344 Bl. 3462 Innen.

[22] Geburtsregister Michelbach 42 / 1898.

[23] Geburtsregister Michelbach 22 / 1902.

[24] Betty Blumenthal war am 1.10.1870 in Holzhausen ü.A. geboren worden. Ihre Schwester Rosa, geboren am 1.10.1868 in Langenschwalbach, war wiederum mit Julius Ackermann aus Kemel verheiratet. Dessen Tochter Irma, verheiratete Stern, war Bewohnerin des Judenhauses Adelheidstr. 94. Siehe hier zum Schicksal dieser Familie. Herz Blumenthal war am 3.1.1833, seine Frau Sara Rosenbaum am 3.1.1836 in Holzhausen geboren worden. Er verstarb am 29.11.1908, sie am 17.8.1908, beide in Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach. Siehe http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20343/Burgschwalbach%20Friedhof%20175.jpg. (Zugriff: 7.10.2019).  Welche verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen den in Weyer bei St. Goarshausen und in Kemel ansässigen Familien Ackermann bestanden, ließ sich bisher nicht ermitteln. Eine solche liegt bei einer Distanz von etwa 30 km zwischen den beiden Orten aber sehr nahe.

[25] Abraham Ackermanns Geschwister waren Caroline, geboren 1869, Zerline, geboren 1876, Emilie, geboren 1878, Sette, geboren 1883. Für die folgenden Moses, Julia, Jacob und Berta liegen keine Geburtsdaten vor. Angaben nach Genealogische Datenbank der Paul Lazarus Stiftung Wiesbaden.

[26] HHStAW 518 52957 (8)..

[27] HHStAW 518 52955 (13).

[28] http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Ackermann-Arthur.pdf. (Zugriff: 7.10.2019). Dazu Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 629 / 1938.

[29] HHStAW 519/3 390 (3). Sprachliche Fehler im Zitat wurden bewusst nicht berichtigt.

[30] Ebd.

[31] Ebd. (5).

[32] https://secure.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=6235122. (Zugriff: 7.10.2019).

[33] Ebd. (4).

[34] Rink, Judenhaus, S. 12 f.

[35] Ebd. S. 12

[36] Ebd.

[37] Ebd. S. 13.

[38] Ebd. S. 40 f.

[39] Ebd. S. 45.

[40] Ebd. S. 73.

[41] HHStAW 518 52955 (13).

[42] Ebd. Nicht klar ist, ob sich in seinem Privathaus auch die Synagoge befand, die ebenfalls 1937, ein Jahr vor der Auflösung der Gemeinde, von Abraham Ackermann verkauft wurde, siehe http://www.alemannia-judaica.de/holzhausen_aar_synagoge.htm (Zugriff: 7.10.2019) und Wiedemann, Hannelore, Spuren jüdischer Kultur, Aar-Bote vom 12.4.2012, S. 9. Die Synagoge, die in der Festerbachstraße stand, wurde nach dem Krieg zunächst als Druckerei benutzt und 1974 abgerissen.

[43] HHStAW 518 52955 (4). Laut Gestapokarteikarte hatte das Paar Wiesbaden am 18.4.1939 verlassen.

[44] Ebd. (16).

[45] Ebd. (11). Anerkannt wurde dieser Verlust nicht, da keine Belege dafür vorgelegt werden konnten, siehe ebd. (31).

[46] Die beiden Brüder Richard und Hugo Ackermann aus Holzhausen waren ebenfalls dorthin ausgewandert. Es handelt sich bei den beiden nicht um Brüder von Abraham, aber möglicherweise um Cousins, siehe http://www.alemannia-judaica.de/holzhausen_aar_synagoge.htm. (Zugriff: 7.10.2019).

[47] HHStAW 518 52957 (36).

[48] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 1419 / 1926, dazu HHStAW 16987 (63).

[49] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 911 / 1936. Fälschlicherweise waren hier ihr Name und der ihres Mannes zunächst mit Holländer eingetragen. Der Eintrag wurde 1936 korrigiert und durch den richtigen Namen Holand ersetzt.

[50] So die Angabe seiner zweiten Frau Eva Holand, siehe HHStAW 518 16987 (12). Anhand der Wiesbadener Adressbücher lässt sich das allerdings nicht verifizieren. Im Adressbuch von 1926/27 ist erstmals ein Max Holländer eingetragen, der in der Adelheidstr. 75 III wohnte. Diese Adresse stimmt mit der Adressangabe im Todeseintrag seiner Frau Ida überein. Seine Eltern waren Jacob und Esther Holand, geborene Jastrom, siehe https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=5397719&ind=2. (Zugriff: 7.10.2019).

[51] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 52 / 1925. Auch hier ist der Name des Ehemann falsch geschrieben, nämlich diesmal als Holänder, Auch hier wurde 1936 eine Korrektur vorgenommen.

[52] HHStAW 518 40356 (21).

[53] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 685 / 1932. Trauzeugin war u.a. Elsa, die Schwester von Artur und der verstorbenen Ida Ackermann. Eva Dehm war zwar am 18.3.1899 in Köln geboren worden, siehe Geburtsregister der Stadt Köln 689 / 1899, besaß aber die schweizerische Staatsangehörigkeit. Da ihr Ehemann staatenlos war, konnte sie diese auch nach der Heirat behalten. Sie war in Zürich als zweites von insgesamt drei Kindern eines orthodox-jüdischen Uhrmachers aufgewachsen, der 1901 aus Galizien über Deutschland in die Schweiz gekommen war. Sie selbst war ausgebildete Buchhalterin und hatte als Verkäuferin und Kassiererin Berufserfahrungen im Geschäftsfeld ihres Mannes. Diesen hatte sie nach eigenen Angaben bei einem längeren Urlaubsaufenthalt bei einer Wiesbadener Freundin kennengelernt, siehe HHStAW 518 16986 I (85).

[54]) Über den Zeitpunkt der Ausreise gibt es unterschiedliche Angaben. Die Tochter Suzy Holand nannte das Jahr 1934, siehe HHStAW 518 16987 (11). Abweichend davon bekundete seine ältere Tochter Sonja im Entschädigungsverfahren, er sei 1935 ausgewandert, siehe HHStAW 518 40356 (4). Seine Frau Eva wiederum gab in einer ärztlichen Anamnese an, ihr Mann habe Ende 1932 oder Anfang 1933 Deutschland verlassen, siehe HHStAW 518 16987 I (86). In einer anderen Anamnese gab sie zudem an, dass sie nach ihrer Heirat 1932 zumindest zeitweise in Wien gewohnt hätten, siehe ebd. (46).

[55] Ebd. (87).

[56] HHStAW 518 40356 (4).

[57] Zu den wirtschaftlichen Verhältnissen siehe die zwei eidesstattlichen Erklärungen ebd. (67, 127).

[58] HHStAW 518 16987 (15).

[59] Ebd. (38).

[60] Ebd. (11). Laut Auskunft des Suchdienstes erfolgte die Verhaftung am 13.7.1942, siehe ebd. (32).

[61] Beide Briefe werden weitgehend ohne sprachliche Veränderungen wiedergegeben, nur Kommata wurden eingefügt und bei Ortsnamen die richtige Schreibweise in Klammern angegeben. Unklare Ausdrücke bzw. Namen wurden mit Fragezeichen markiert.

[62] Ebd: (22)

[63] Ebd. (21).

[64] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=5397719&ind=2. (Zugriff: 7.10.2019).  Zu diesem Transport, der in Pithiviers südlich von Paris startete und über Saarbrücken, Frankfurt und Dresden sein Ziel Auschwitz anfuhr, siehe auch https://deportation.yadvashem.org/index.html?language=en&itemId=5092631. (Zugriff: 7.10.2019).

[65] HHStAW 518 16986 I (2). Den Wert des Lagers bezifferte Eva Holand auf 5.000, den des Autos sogar auf 6.000 Schweizer Franken.

[66] Ebd, (87).

[67] HHStAW 518 40356 (4).

[68] HHStAW 518 16987 (42).

[69] Ebd. (7, 14). Folgende Lager wurden von den Schweizer Polizeibehörden bestätigt: Die Auffanglager Adliswil, La Rosiaz bei Lausanne, Tivoli bei Luzern. Das Internierungslager Morgins bis Oktober 1943.

[70] Ebd. (63).

[71] HHStAW 518 40356 (47). Sonja Awieser bzw. Galewski hat in Israel in der Zeit, für die Dokumente erhalten geblieben sind, an unterschiedlichen Orten gewohnt, zuletzt vermutlich in Safed, siehe ebd. (30).

[72] HHStAW 518 16987 (75).

[73] HHStAW 518 12391 (4).

[74] Auch Garsden, litauisch Gargzdai, fälschlicherweise wurde der Ort auf seiner Gestapokarteikarte als Garsten bezeichnet. Hier kam es nach dem An griff der deutschen Truppen auf die Sowjetunion zu den ersten Massenerschießungen von Juden in diesem Gebiet.

[75] HHStAW 518 12391 (5). Die Kinder waren die am 26.10.1902 in Memel geborene Berta, die am 27.11.1906 in Egelsbach geborene Cäcilie und der ebenfalls dort am 29.3.1911 geborene Hermann. Wer die Mutter war und wodurch, wann und wo die erste Ehe aufgelöst wurde, ist nicht bekannt. Die Angabe von Rosa Scher, später Greenberg, findet sich in HHStAW 518 82941 (3). Möglicherweise handelt es sich bei der Jahresangabe der Ausreise der beiden Töchter um einen Tippfehler und es war das Jahr 1929 gemein.

[76] HHStAW 518 12391 (11, 19). Eigenartigerweise bleibt das Paar bei Rink unerwähnt.

[77] Ebd. (20 ff.).

[78] Auch bei der Erstattung der Auswanderungskosten kam es zu einer nach heutigen Vorstellungen nicht mehr nachvollziehbaren Entscheidung. Zwar gewährte man Rosa Scher bzw. Greenberg eine Entschädigung von insgesamt 328, 35 DM für die angefallenen Kosten, darunter 100 RM für die Eisenbahnfahrt nach Amsterdam und 4.400 RM für die Passage. Das waren allerdings nur die Aufwendungen für sie selbst. Die Übernahme der Kosten, die sie für ihren vor dem Verfahren bereits verstorbenen Mann beantragt hatte, wurde abgelehnt, obgleich sie für diese anstelle des vermögenslosen Ehemanns selbst auch aufgekommen war. Jeder Verfolgte bzw. seine Erben müssten die Ansprüche selbst geltend machen, so die Behörde: „Lediglich aus Gründen  der Vereinfachung des Entschädigungsverfahrens kann ein Familienoberhaupt die Auswanderungskosten für alle Familienmitglieder geltend machen, wenn er die Kosten aus seinem Vermögen bestritten hat und zur Zeit der Auswanderung als Ehemann bzw. Vater unterhaltspflichtig war (BGH in RzW 1961, S. 316). Diese Voraussetzungen sind jedoch bei der Antragstellerin, die nicht Familienoberhaupt war, nicht gegeben.“ Ebd. (16), Hervorhebungen im Text.

[79] Ebd. (9).

[80] Ebd. (8).

[81] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=4130853&ind=5, (Zugriff: 7.10.2019) und  https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11624645&ind=2. (Zugriff: 7.10.2019).

[82] HHStAW 469/33 2315 (14, 26).

[83] In den Dokumenten zur Todeserklärung von Artur Ackermann ist im Hinblick auf seine Frau Klara fälschlicherweise durchgängig von deren Deportation im Jahr 1944 die Rede.

[84] Die detaillierten Richtlinien zur „Evakuierung von Juden nach dem Osten“ sind in der am 4.6.1942 verabschiedeten Fassung in Rink, Judenhaus, S. 81-88 als Faksimile vollständig wiedergegeben. Siehe zum Transport mit der Bezeichnung „DA“ 18 auch Gottwaldt; Schulle, Judendeportationen, S. 214.

[85] Dem Andenken der Opfer aus der Hermannstr. 26 hat Willy Rink im Besonderen das Kapitel „Die Deportation“ gewidmet, siehe ebd. S. 78-111, das Zitat findet sich auf S. 111.

[86] HHStAW 519/2 2097.

[87] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 344 Bl. 3462 Innen, der Antrag dazu war bereits am 28.8.1942 beim Amtsgericht Wiesbaden gestellt worden, ebd. (42)

[88] Ebd. Da das Verfahren um die Todeserklärung von Klara Ackermann zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war, wurde sie als rechtmäßige Eigentümerin  mit „unbekanntem Aufenthalt“ im Grundbuch eingetragen.

[89] Die Zusammenfassung dieser Gespräche und weitere Gedanken zum Problem des Antisemitismus sind zu lesen in einer erweiterten, im Titel veränderten Neuauflage seines Buches Das Judenhaus; Rink, Willy, Stolpersteine. Späte Gedanken über das Leben im Judenhaus, Berlin 2015, S. 203 ff.