Max und Martha Bacharach, geborene Weiß


Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 64 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Bele­gung des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 64

 

 

 

 

 

 

 


Wies­ba­den, die Kur­stadt zwi­schen Tau­nus und Rhein, an der Pfor­te zum Rhein­gau gele­gen, übte im Beson­de­ren in der Wil­hel­mi­ni­schen Ära, aber auch noch danach eine beson­de­re Attrak­ti­vi­tät auf betuch­te Pri­va­tiers, gera­de auch auf ver­mö­gen­de jüdi­sche Ruhe­ständ­ler, aus: hei­ße Quel­len, wun­der­schö­ne Kur­an­la­gen, ein vom His­to­ris­mus gepräg­tes, fast schon kit­schig-schö­nes Stra­ßen­bild, herr­schaft­li­che Vil­len, gute Restau­rants und nur kur­ze Wege in den Rhein­gau mit sei­nen erle­se­nen Wei­nen. Die Indus­trie, der man sei­nen Reich­tum zumeist zu ver­dan­ken hat­te, lag mit ihren sozia­len Pro­ble­men im all­täg­li­chen Leben eher unsicht­bar, außer­halb der Stadt in den Vor­or­ten wie Bie­brich oder Amö­ne­burg. Es war der idea­le Ort, um den erwor­be­nen Reich­tum in den letz­ten Jah­ren des Lebens noch ein­mal in vol­len Zügen zu genie­ßen. All das wird auch Max und Mar­tha Bacha­rach, ein eben­falls sehr ver­mö­gen­des jüdi­sches Ehe­paar, dazu bewo­gen haben, sich hier nie­der­zu­las­sen, wenn­gleich auf alle die­se Vor­zü­ge durch den poli­ti­schen Macht­wech­sel auch in Wies­ba­den zum Zeit­punkt ihres Umzugs ein dunk­ler Schat­ten gefal­len war, beson­ders für Juden.

Schon bei den Reichs­tags­wah­len 1930 war die NSDAP zur stärks­ten Par­tei gewor­den und in der Wäh­ler­gunst lag sie in Wies­ba­den immer deut­lich über dem Reichs­durch­schnitt. Und auch der Nie­der­gang der Kur­in­dus­trie, der nach dem Ers­ten Welt­krieg nicht mehr auf­zu­hal­ten war, stürz­te die Stadt zuneh­mend in finan­zi­el­le Pro­ble­me, die durch die wach­sen­de Ver­elen­dung vie­ler, die vor­mals in die­sem Sek­tor Lohn und Brot ver­dient hat­ten, noch wei­ter ver­schärft wurden.

Hotel Kai­ser­hof Wiesbaden

Ver­mut­lich weh­te auf dem Rat­haus auch schon die Haken­kreuz­fah­ne, als das Ehe­paar Bacha­rach im Lauf des Jah­res 1933 nach Wies­ba­den kam und zunächst im Hotel Kai­ser­hof logier­te, bis es am 11. Dezem­ber 1933 sei­ne ers­te ange­mie­te­te Woh­nung in der Park­str. 7. bezie­hen konn­te.[1] Aber auch die stell­te nur eine kurz­fris­ti­ge Zwi­schen­lö­sung dar. Am 4. April des fol­gen­den Jah­res zogen die bei­den in die Son­nen­ber­ger Str. 17 auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te des Kur­parks, wo ihnen die Erd­ge­schoss­woh­nung der unmit­tel­bar am Park gele­ge­nen wun­der­schö­nen Vil­la in den fol­gen­den Jah­ren zum neu­en Zuhau­se wur­de, bis die Nazis sie dar­aus ver­trie­ben.[2]

Max Bacha­rach um 1910
Archiv Akti­ves Muse­um Spiegelgasse

Wie groß das Ver­mö­gen von Max und Mar­tha Bacha­rach war, lässt sich nur noch grob rekon­stru­ie­ren, da es immer wie­der umge­la­gert wur­de. Wert­pa­pie­re wur­den ver­äu­ßert, Immo­bi­li­en ver­kauft und ande­re erwor­ben, Bürg­schaf­ten und Kre­di­te wur­den gewährt, aber man war ande­rer­seits mit Hypo­the­ken oder ande­ren Ver­schrei­bun­gen auch finan­zi­el­le Ver­pflich­tun­gen ein­ge­gan­gen. In sei­ner Ver­mö­gen­steu­er­erklä­rung des Jah­res 1924, die Max Bacha­rach noch in Augs­burg abge­ge­ben hat­te, bezif­fer­te er sein dama­li­ges Ver­mö­gen auf 62.000 Gold­mark, die neu ein­ge­führ­te Wäh­rung, die nach der Hyper­in­fla­ti­on der ver­gan­ge­nen Jah­re eine rea­lis­ti­sche Sicht auf den tat­säch­li­chen Waren­wert ermög­li­chen soll­te. Das Finanz­amt Augs­burg kam damals bei sei­nen Berech­nun­gen sogar auf ein steu­er­lich zu ver­an­la­gen­des Ver­mö­gen von 92.000 GM.[3] In den fol­gen­den ein­ein­halb Jahr­zehn­ten konn­te Max Bacha­rach, trotz der Welt­wirt­schafts­kri­se und der fol­gen­den poli­ti­schen Restrik­tio­nen sein Ver­mö­gen noch ein­mal beträcht­lich ver­meh­ren. 1938 soll es rund 260.000 RM betra­gen haben, [4] und die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de war nach dem Krieg auf einen berech­tig­ten Anspruch des über­le­ben­den Erben Wer­ner Stadt­ha­gen in der Höhe von 276.000 DM (!) gekom­men.[5]

Stammbaum Bacharach
Stamm­baum der Fami­li­en Bacha­rach — Berg­mann und Waitz­fel­der
GDB

Die­ser Reich­tum grün­de­te vor allem auf der Fir­ma ‚Bacha­rach & Waitz­fel­der’, die ver­mut­lich schon in den vor­he­ri­gen Gene­ra­tio­nen in Augs­burg gegrün­det wor­den war. In die­ser alten baye­ri­schen Stadt war Max Bacha­rach am 7. Juni 1872 als Sohn von Salo­mon und Jet­te Bacha­rach, gebo­re­ne Berg­mann, zur Welt gekom­men.[6] Sei­ne Eltern, die bei­de ursprüng­lich aus Fell­heim bei Mem­min­gen stamm­ten, waren 1862 in die süd­deut­sche Han­dels­me­tro­po­le gezo­gen. Salo­mon Bacha­rach ist zusam­men mit sei­nem Part­ner David Loeff­ler, bzw. ursprüng­lich Levin­g­er, bereits im Han­dels­re­gis­ter des König­reichs Bay­ern aus dem Jahr 1871 als Eigen­tü­mer einer Leder­groß­hand­lung in Augs­burg ein­ge­tra­gen.[7]

Han­dels­re­gis­ter­ein­trag aus dem Jahr 1871

David Loeff­ler, gebo­ren am 17. Juni 1817 im bay­ri­schen Hür­ben, war der Schwa­ger von Salo­mon und Jet­te Bacha­rach.[8] Er hat­te zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt Salo­mons älte­re, am 26. August 1849 eben­falls in Fell­heim gebo­re­ne Schwes­ter Emi­lie Mina gehei­ra­tet.[9]
In der Ehe von David und Emi­lie Mina Loeff­ler war am 26. August 1849 eben­falls in Fell­heim die Toch­ter Käthe gebo­ren wor­den, über die die Ver­bin­dung zur Waitz­fel­der-Fami­lie zustan­de kam. Käthe hei­ra­te­te am 23. März 1871 den am 26. Okto­ber 1844 in Mönchs­d­eggin­gen gebo­re­nen Jakob Waitz­fel­der.[10] Max Bacha­rach war somit der Cou­sin von Jakob Waitz­fel­ders Frau Käthe. Die­se ver­starb aller­dings schon am 26. Mai 1872 in Augs­burg mit nur 22 Jah­ren, ohne dass ein Kind aus die­ser Bezie­hung her­vor­ge­gan­gen wäre.

Obwohl Jakob Waitz­fel­der spä­ter eine wei­te­re Ehe mit Debo­rah Oet­tin­ger ein­ging, scheint die unter­neh­me­ri­sche Zusam­men­ar­beit der bei­den Fami­li­en Bacha­rach und Waitz­fel­der davon unbe­rührt geblie­ben zu sein. In die­ser zwei­ten Ehe von Jakob Waitz­fel­der wur­de am 22. Mai 1875 ein Sohn gebo­ren, der im Andenken an sei­nen Groß­va­ter den Namen Bern­hard erhielt und nach dem Tod sei­nes Vaters am 13. Novem­ber 1903 des­sen Stel­le in der Fir­ma ein­nahm. Bereits 1907 hat­te Salo­mon Bacha­rach die unter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung in sei­ner Fami­lie an die nächs­te Gene­ra­ti­on, d.h. sei­nen Sohn Max, über­ge­ben. Salo­mon Bacha­rach ver­starb am 21. Okto­ber 1915, sei­ne Frau Jet­te drei Jah­re spä­ter am 12. Novem­ber 1918.[11]. Bern­hard Waitz­fel­der und Max Bacha­rach, bei­de in den 70er Jah­ren des 19. Jahr­hun­derts gebo­ren, waren – obwohl im Stamm­baum unter­schied­li­chen Gene­ra­tio­nen zuge­ord­net – etwa gleich alt und bei­de muss­ten gegen Ende ihres Lebens mit ihren jewei­li­gen Ehe­frau­en noch die Macht­über­nah­me der Nazis erle­ben, mehr noch, sie fie­len alle vier dem Ras­sen­wahn des NS-Sys­tems zum Opfer.

Aus der Ehe von Bern­hard Waitz­fel­der mit der 1882 in Augs­burg gebo­re­nen Karo­li­ne Levy gin­gen drei Kin­der her­vor, von denen die bei­den Söh­ne recht­zei­tig aus Deutsch­land flie­hen konn­ten. Die Toch­ter Elsa ver­starb, bevor die Nazis zur Macht kamen.[12] Ihre Eltern dage­gen wur­den im Herbst 1941 aus ihrem Haus in der Her­mann­str. 5 ver­trie­ben und in eines der auch in Augs­burg ein­ge­rich­te­ten Juden­häu­ser ein­ge­wie­sen. Aus die­sem Haus in der Hall­str. 14 wur­den sie nach etwa einem hal­ben Jahr am 1. April 1941 in das Ghet­to Pia­ski depor­tiert. Nie­mand hat danach noch etwas von ihnen gehört.[13]

Jac­ques und Mar­tha Stadt­ha­gen, spä­ter ver­hei­ra­te­te Bacha­rach
Archiv Akti­ves Muse­um Spiegelgasse

Die am 24. Okto­ber 1912 in Ber­lin Char­lot­ten­burg geschlos­se­ne Ehe von Max Bacha­rach und Mar­tha Weiß blieb dage­gen kin­der­los. Mar­tha war die Toch­ter des Kauf­manns Zacha­ri­as Weiß und des­sen Frau Johan­na /​ Cha­je, gebo­re­ne Cal­lo­mon, aus Bres­lau, die sich aber inzwi­schen in Ber­lin nie­der­ge­las­sen hat­ten.[14] Für Mar­tha Weiß war es bereits die zwei­te Ehe. Laut Hei­rats­ur­kun­de war sie zuvor mit dem jüdi­schen Kauf­mann Jac­ques Stadt­ha­gen ver­hei­ra­tet, über den ansons­ten nichts bekannt ist. Aber ein Bild der bei­den ist immer­hin erhal­ten geblie­ben. Sicher ist, dass aus die­ser Bezie­hung am 22. August 1888 in Ber­lin der Sohn Wer­ner her­vor­ge­gan­gen war.[15] Die Tren­nung muss aber sehr bald nach des­sen Geburt erfolgt sein, denn Wer­ner war zum Zeit­punkt der Neu­ver­hei­ra­tung sei­ner Mut­ter gera­de mal drei Jah­re alt. Er wuchs somit in der neu gegrün­de­ten Fami­lie mit sei­nem Stief­va­ter in Augs­burg auf, wo sie in der Karl­str. 79 im zwei­ten Stock­werk des Fir­men­sit­zes ihre Woh­nung hat­ten.[16] Auch die Eltern von Max Bacha­rach wohn­ten bis zu ihrem Tod mit in die­sem Haus. Salo­mon Bacha­rach ver­starb am 21. Okto­ber 1915, sei­ne Frau Jet­te drei Jah­re spä­ter am 12. Novem­ber 1918.[17] Im Lau­fe der Jah­re war aber Max Bacha­rach mit sei­ner Fami­lie aus der Karl­stra­ße aus­ge­zo­gen, war zunächst in die Schaetz­ler­str. 19, dann vor sei­nem Umzug nach Wies­ba­den noch in die Frölichstr. 8 umge­zo­gen. 1924/​25 – die Hin­ter­grün­de dafür konn­ten nicht in Erfah­rung gebracht wer­den – wur­de dann auch das Fir­men­grund­stück in der Karl­str. 79 für 150.000 RM an einen L. Gab­ler ver­äu­ßert, wovon Max Bacha­rach die Hälf­te erhielt.[18] Dafür erwarb er nun in Ber­lin zwei Anwe­sen, ein­mal in der Roelckestr. 18, dann noch das Haus in der Spi­chern­str. 22, aller­dings nur mit einem hal­ben Anteil.[19] Die ande­re Hälf­te hat­te sein Schwa­ger Ger­hard Mey­er über­nom­men. Ger­hard Mey­er war seit dem 18. März 1919 in Ber­lin mit Mar­tha Bacharachs Schwes­ter Her­tha Erna Weiß ver­hei­ra­tet.[20]

Der nur noch in einer schlech­ten Kopie erhal­te­ne Stu­den­ten­aus­weis von Wer­ner Stadt­ha­gen aus Lyon
HHStAW 518 39589 (81)

Die Inves­ti­ti­on von Kapi­tal in Ber­li­ner Immo­bi­li­en hat­te ver­mut­lich schon etwas mit dem all­mäh­li­chen Rück­zug von Max Bacha­rach aus der Fir­ma in Augs­burg zu tun. Offen­sicht­lich hat­te auch der Stief­sohn Wer­ner eigent­lich ande­re als unter­neh­me­ri­sche Inter­es­sen, denn er wid­me­te sich nach sei­nem Schul­ab­schluss dem Erler­nen von ver­schie­de­nen Spra­chen. Zumin­dest hielt er sich in den Jah­ren 1928 /​ 29 in Lyon auf, wo er Latein und Grie­chisch stu­dier­te. Den Som­mer des fol­gen­den Jah­res ver­brach­te er in Eng­land, um dort sei­ne eng­li­schen Sprach­kennt­nis­se zu ver­bes­sern. Ob er tat­säch­lich einen Abschluss als Dol­met­scher für die Spra­chen Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Spa­nisch, Por­tu­gie­sisch und Schwe­disch abge­legt hat­te, wie er in sei­nem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren angab, wur­de wegen feh­len­der Abschluss­zeug­nis­se von der zustän­di­gen Behör­de in Fra­ge gestellt.[21]

Als er dann nach sei­ner Rück­kehr aus Eng­land in Deutsch­land kei­ne Stel­le als Dol­met­scher fand, grün­de­te er in Stutt­gart ein eige­nes Leder­han­dels­ge­schäft. Das erfährt man aus einer Ein­ga­be der ‚Ver­ei­ni­gung Wies­ba­de­ner Leder­händ­ler’ beim Finanz­amt Wies­ba­den, in der die­se Max Bacha­rach beschul­dig­te, ohne Anmel­dung Geschäf­te mit Leder zu betrei­ben und dafür auch kei­ne Steu­ern abzu­füh­ren. Obwohl damals die Nazis seit fast drei Jah­ren die Behör­den mit ihrer anti­se­mi­ti­schen Pro­pa­gan­da durch­setzt hat­ten, wur­de die Ver­leum­dung offen­bar nach gründ­li­cher Unter­su­chung ein hal­bes Jahr spä­ter als unbe­grün­det zurück­ge­wie­sen. Max Bacha­rach unter­hal­te – so hieß es – für sei­nen Stief­sohn in Stutt­gart ein klei­nes Leder­la­ger in Wies­ba­den. Er besu­che in des­sen Namen ver­schie­de­ne Kun­den, neh­me Auf­trä­ge an und belie­fe­re die­se – ohne selbst jeg­li­che Pro­vi­si­on zu erhal­ten – auf Rech­nung von Wer­ner Stadt­ha­gen, der die Ein­künf­te auch vor­schrifts­mä­ßig ver­steue­re. Max Bacha­rach betrei­be somit kein umsatz­steu­er­pflich­ti­ges Gewer­be.[22]

Max Bacha­rach war spä­tes­tens mit sei­nem Umzug nach Wies­ba­den aus dem ope­ra­ti­ven Geschäft sei­nes ehe­ma­li­gen Unter­neh­mens aus­ge­stie­gen, hat­te aber, wie man den Steu­er­erklä­run­gen ent­neh­men kann, noch Ein­la­gen in der Fir­ma und war auch wei­ter­hin durch eine Bürg­schaft in der Höhe von rund 45.000 RM mit ihr ver­bun­den.[23] Als Gesell­schaf­ter hat­te er sich aber bereits 1931 zurück­ge­zo­gen. Sei­ne Stel­le nahm damals ein Fried­rich Wie­demann ein, der 1938 im Zuge der Ari­sie­rung des Unter­neh­mens allei­ni­ger Inha­ber wur­de.[24]

Das Haus in der Son­nen­ber­ger Str. 17, in dem die Bacharachs die Hoch­par­terre bewohn­ten
Eige­ne Aufnahme

Die Ein­künf­te, die Bacharachs auch nach dem Umzug wei­ter­hin – trotz aller anti­se­mi­ti­scher Anfein­dun­gen im All­tags­le­ben, von denen sie ganz sicher nicht ver­schont blie­ben – ein rela­tiv sor­gen­frei­es Leben ermög­lich­ten, flos­sen jetzt pri­mär aus ihrem Immo­bi­li­en­be­sitz in Ber­lin und aus den Wert­pa­pie­ren. Bei der Spi­chern­str. 22 han­del­te es sich um ein Wohn- und Geschäfts­haus in Ber­lin mit einem Gesamt­wert von 185.000 RM im Jahr 1938, wovon auf Max Bacha­rach der hal­be Anteil ent­fiel, der Wert des Wohn­hau­ses in der Roelckestr. 18, das in sei­nem allei­ni­gen Besitz war, belief sich auf 110.000 RM.[25]
So wur­den ihm im Jahr 1937 aus den Ein­künf­ten der Grund­stücks­ge­mein­schaft Spi­chern­stra­ße, die Immo­bi­lie, die er zusam­men mit Ger­hard Mey­er besaß, nach Abzug aller Kos­ten 50 Pro­zent des Gesamt­ge­winns von rund 7.000 RM gut­ge­schrie­ben.[26] Ins­ge­samt belief sich das jähr­lich zu ver­steu­ern­de Ein­kom­men des Ehe­paars in den Jah­ren 1933 bis 1938 zwi­schen 9.600 RM und 13.400 RM, wobei die Ten­denz bis zu die­sem letz­ten Jahr sogar immer nach oben zeig­te. Aber schon 1938 sta­gnier­ten die Ein­künf­te dann doch, waren sogar um 1.000 RM nied­ri­ger als im Vor­jahr. Danach fie­len sie dann deut­lich ab: 1939 noch 8.600 RM, dann 6.100 RM und im Jahr 1941 nur noch etwas weni­ger als 6.000 RM.[27]

In die­sen letz­ten Zah­len spie­gelt sich schon der dreis­te Raub wider, der, von allen frü­he­ren Son­der­be­las­tun­gen der Juden im Steu­er­recht abge­se­hen, spä­tes­tens im Jahr 1938 begann. Schon im Sep­tem­ber die­ses Jah­res waren die Kon­ten der Bacharachs per Siche­rungs­an­ord­nung gesperrt wor­den, sodass Aus­ga­ben nur noch mit Geneh­mi­gung der Devi­sen­stel­le getä­tigt wer­den durf­ten.[28] Grund für die­se Maß­nah­me war angeb­lich die Befürch­tung, Bacharachs könn­ten mit ihrem Ver­mö­gen von damals etwa 260.000 RM Deutsch­land ver­las­sen. Des­halb wur­de umge­hend auch eine Reichs­flucht­steu­er gefor­dert, die auf 25 Pro­zent der Ver­mö­gens­wer­te, d.h. auf 64.700 RM, fest­ge­legt wur­de.[29] Die Sicher­heit dafür war inner­halb von einer Woche zu hin­ter­le­gen, d.h. es blieb den Steu­er­pflich­ti­gen gar nichts ande­res mög­lich, als Wert­pa­pie­re in grö­ße­rem Umfang zu ver­äu­ßern oder zuguns­ten des Deut­schen Rei­ches zu sper­ren.[30] Auf den Antrag sei­nes Steu­er­be­ra­ters wur­de ihm damals noch ein außer­ge­wöhn­lich hoher Frei­be­trag von 1.500 RM monat­lich gewährt,[31] das Zehn­fa­che von dem was ärme­ren Juden zu Ver­fü­gung stand.

Offen­sicht­lich stand die­se frü­he Kon­ten­sper­rung im Zusam­men­hang mit der Inhaf­tie­rung ihres Soh­nes bzw. Stief­sohns in Stutt­gart durch die Gesta­po. Schon am 16. Janu­ar 1937 war er als „poli­ti­scher Jude“ in Schutz­haft genom­men und zunächst nach Dach­au ver­bracht wor­den. Nach ein­ein­halb Jah­ren, am 22. Sep­tem­ber 1938, über­führ­te man ihn dann in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald und hielt ihn dort bis zum 15. April 1939 fest.[32]
Als er in Buchen­wald ankam – er war mit der Häft­lings­num­mer 8833 im Block 3 ein­quar­tiert wor­den –, brach­te er neben dem, was er auf dem Leib trug, nur ein klei­nes Bün­del mit Ersatz­klei­dung mit, das er in der Effek­ten­kam­mer abge­ben muss­te. Zwar lie­gen nur die Geld­ver­wal­tungs­kar­ten von Buchen­wald vor, aber auch schon in Dach­au wer­den ihn die Eltern so weit als mög­lich mit Geld unter­stützt haben, sodass er sich in die­sem kor­rup­ten KZ-Sys­tem die aller­nö­tigs­ten Sachen zum Erhalt des Lebens hat besor­gen können.

Kar­te von Mar­tha Bacha­rach an die Kom­man­da­tur in Buchen­wald
https://​coll​ec​tions​-ser​ver​.arol​sen​-archi​ves​.org/​G​/​S​I​M​S​/​0​1​0​1​0​5​0​3​/​0​7​6​5​/​5​2​2​8​7​2​3​4​/​0​0​1​.​jpg

Abge­se­hen von dem all­täg­li­chen Ter­ror, hat­te er sich durch die har­te Arbeit einen Bruch zuge­zo­gen, der im Lager nur not­dürf­tig ope­riert wer­den konn­te und sei­ne Gesund­heit auf Dau­er beein­träch­tig­te. Beson­ders die Mut­ter war in größ­ter Sor­ge, als sie, die seit acht Wochen kei­ne Nach­richt mehr von ihrem Sohn erhal­ten hat­te, Mit­te Janu­ar 1939 an den Lager­lei­ter von Buchen­wald schrieb. Ob sie eine Ant­wort auf ihre Anfra­ge erhielt, ist unge­wiss. Aber einen Monat spä­ter scheint sei­ne Ent­las­sung kon­kre­te­re For­men ange­nom­men zu haben. Die Eltern hat­ten alle not­wen­di­gen Papie­re – Geburts­ur­kun­de, Attes­te, Visa und Leu­munds­zeug­nis­se – ins Lager geschickt, um die letz­ten For­ma­li­tä­ten für sei­ne Frei­las­sung und anschlie­ßen­de Aus­wan­de­rung zu erle­di­gen.[33]

Werner Stadthagen Buchenwald
Vor­be­rei­tung auf die Aus­wan­de­rung von Wer­ner
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Wer­ner Stadt­ha­gen hat­te nie ver­stan­den, wes­halb gera­de er so früh und so lan­ge ver­haf­tet wor­den war, „ohne (sich) jemals poli­tisch gegen die Nazi Regie­rung betä­tigt“ zu haben.[34] Die­se Aus­sa­ge mach­te er in sei­nem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, in dem es eher oppor­tun gewe­sen wäre, sich als akti­ver Nazi­geg­ner dar­zu­stel­len. Er ver­mu­te­te, ohne aber eine kon­kre­te Per­son benen­nen zu kön­nen, dass er unter den füh­ren­den Nazis einen per­sön­li­chen Feind gehabt haben muss­te, der für die­ses Leid ver­ant­wort­lich war. Er sei als „star­ker, kräf­ti­ger Mann“ in das KZ ein­ge­lie­fert und als „ein an Leib und See­le gebro­che­ner Mensch“ ent­las­sen wor­den.[35]

Nach sei­ner Ent­las­sung kehr­te er nicht nach Stutt­gart zurück, son­dern kam nach Wies­ba­den und zog bei sei­nen Eltern in der Son­nen­ber­ger Stra­ße ein, um von dort aus sei­ne Aus­rei­se nach Afri­ka anzu­tre­ten. Rho­de­si­en war damals eines der weni­gen Län­der, die noch bereit waren, jüdi­sche Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Aber auch dort in Afri­ka erwar­te­te ihn nach sei­ner gelun­ge­nen Flucht eine schwe­re Zeit.

Buchenwald Werner Stadthagen
Ent­las­sungs­schein von Wer­ner Stadt­ha­gen aus Buchenwald
Buchenwald
Rück­sei­te
HHStAW 518 39589 (8)

 

 

 

 

 

 

 

Dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen der gegen die Eltern gerich­te­ten Siche­rungs­an­ord­nung und der offen­bar schon im Som­mer 1938 geplan­ten Aus­rei­se des Soh­nes gab, ergibt sich aus der Begrün­dung der am 31. August 1938 von der Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz bean­trag­ten Maß­nah­me. Es heißt dort expli­zit: „Ein Sohn des Bacha­rach befin­det sich zur­zeit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in Dach­au und beab­sich­tigt aus­zu­wan­dern, sobald er aus dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ent­las­sen ist. Es besteht der Ver­dacht, dass Max Bacha­rach aus­wan­dert und Ver­mö­gens­wer­te ent­ge­gen den Devi­sen­be­stim­mun­gen ins Aus­land ver­bringt.“[36] Aller­dings dau­er­te es noch bis zum 18. Novem­ber, bis die Devi­sen­stel­le in Frank­furt die­ser Auf­for­de­rung nach­kam.[37]

In die­sem Zeit­raum war aber vom Fis­kus nicht nur die Reichs­flucht­steu­er gesi­chert wor­den, es hat­ten auch die Novem­ber­po­gro­me statt­ge­fun­den, die für die Steu­er­be­hör­de einen neu­en Anlass zum Raub jüdi­scher Ver­mö­gen lie­fer­ten. Die soge­nann­te Süh­ne­leis­tung war im Febru­ar 1939 auf der Basis eines Gesamt­ver­mö­gens von 310.000 RM berech­net wor­den, wovon etwa ein Drit­tel aus Immo­bi­li­en, der Rest aus Wert­pa­pie­ren bestand – Betriebs­ver­mö­gen war nicht mehr vor­han­den. Ins­ge­samt bedeu­te­te das die Abga­be­pflicht von zunächst 62.000 RM in vier Raten von je 15.500 RM. Ein Jahr spä­ter wur­de dann auch die fünf­te Rate in glei­cher Höhe ein­ge­trie­ben.[38]

Ver­kauf des Hau­ses Roelckestr. 18 in Ber­lin
HHStAW 685 23 b (82)

Noch bevor die­se Berech­nung gemacht wor­den war, hat­te Max Bacha­rach sich von sei­nen Ber­li­ner Immo­bi­li­en getrennt. Das Haus in der Roelckestr. 18 war am 24. August 1938 für 112.000 RM, etwa 10 Pro­zent über dem Ein­heits­wert, an zwei Ber­li­ner Geschäfts­leu­te ver­kauft wor­den.[39] Danach wur­de am 18. Okto­ber 1938 auch ein Ver­kaufs­ver­trag über das Haus Spi­chern­str. 22 abge­schlos­sen. Die­se Immo­bi­lie mit einem 1935 taxier­ten Ein­heits­wert von 170.000 RM wur­de für 204.500 RM ver­äu­ßert. Aber auch sie war mit einer Hypo­thek über 85.000 RM belas­tet, sodass ins­ge­samt rund 120.000 RM auf die bei­den bis­he­ri­gen Eigen­tü­mer ent­fie­len.[40] Max Bacha­rach wur­de gestat­tet, den Betrag in Wert­pa­pie­ren anzu­le­gen, wenn die­se dem gesi­cher­ten Depot zuge­fügt wur­den.[41]

Sühneleistung Bacharach
Berech­nung für die ers­ten 4 Raten der Süh­ne­leis­tung
HHStAW 685 23 c (21)

Wes­halb man sich zu die­sem Schritt ent­schlos­sen hat­te, ist nicht klar, denn im Som­mer 1938 ver­füg­te man noch über genü­gend liqui­de Mit­tel, um die Reichs­flucht­steu­er zah­len zu kön­nen, und die Pogro­me mit ihren finan­zi­el­len Fol­gen waren zu die­sem Zeit­punkt noch nicht abseh­bar. Viel­leicht woll­te man sich früh­zei­tig von unnö­ti­gem Bal­last befrei­en und das Ver­mö­gen mög­lichst fle­xi­bel gestal­ten, um eine eige­ne Aus­wan­de­rung gege­be­nen­falls rela­tiv schnell bewerk­stel­li­gen zu kön­nen. Auch Ger­hard Mey­er muss in die­sem Zeit­raum mit sei­ner Fami­lie die Aus­rei­se nach Paläs­ti­na in Angriff genom­men haben und wird daher auch zum Ver­kauf des Hau­ses gedrängt haben. Mey­ers wer­den ver­mut­lich sehr bald nach dem Ver­kauf des Hau­ses emi­griert sein, denn Max Bacha­rach hat­te ihnen dafür 10.000 RM aus dem Ver­kauf des Hau­ses vor­ge­streckt. Ver­mut­lich war zu lan­ge Zeit zwi­schen dem Ver­kauf und der Ertei­lung aller Geneh­mi­gun­gen ver­gan­gen, bevor die Ver­käu­fer, die sicher eine Schiffs­pas­sa­ge fest gebucht hat­ten, tat­säch­lich auf das Geld zugrei­fen konn­ten. Im Juli 1941 wur­de der Betrag vom Aus­wan­der­er­sperr­gut­ha­ben der Mey­ers auf das gesperr­te Kon­to von Max Bacha­rach zurück­ge­zahlt.[42]

Dass auch Bacharachs 1938 an eine Aus­wan­de­rung gedacht hat­ten, aber damals auch schon mit der Mög­lich­keit einer zwangs­wei­sen Umsied­lung rech­ne­ten, zeigt ein Schen­kungs­ver­trag, den sie am 23. Dezem­ber 1938 mit ihrer katho­li­schen Haus­häl­te­rin, der ledi­gen Lina Wal­ten­hei­mer nota­ri­ell abschlos­sen. Die­se stand schon seit 25 Jah­ren in ihren Diens­ten, war von Augs­burg mit nach Wies­ba­den gezo­gen und wur­de in all den Jah­ren qua­si als Fami­li­en­mit­glied behan­delt. Man hat­te ihr ursprüng­lich zuge­si­chert, dass sie bis an ihr Lebens­en­de bei Bacharachs blei­ben kön­ne. Ange­sichts der unsi­che­ren Per­spek­ti­ve, die spä­tes­tens seit den Nürn­ber­ger Geset­zen für nicht­jü­di­sche Haus­an­ge­stell­te in jüdi­schen Häu­sern bestand, woll­ten Bacharachs ihr Ver­spre­chen mit­tels einer Schen­kung vor­ab ein­lö­sen. In dem Ver­trag heißt es:
“§ 2
Durch die inzwi­schen ein­ge­tre­te­nen Ver­hält­nis­se und weil wir Juden sind kommt für uns die Fra­ge, ob wir unse­ren Wohn­sitz, sei es frei­wil­lig oder durch Gesetz­ge­bung ver­an­lasst, in das Aus­land ver­le­gen müs­sen und dass es uns dann viel­leicht nicht mög­lich sein wird, unse­re treue Ange­stell­te, Fräu­lein Wal­ten­hei­mer, mit uns neh­men zu können.
In Anbe­tracht der treu­en Diens­te, die uns das Fräu­lein Wal­ten­hei­mer in der Ver­gan­gen­heit geleis­tet hat, geben wir Ihr eine frei­wil­li­ge Abfin­dung von Rm. 8000.- in Wor­ten: Acht­tau­send Reichs­mark — und zwar wer­den wir ihr die­sen Betrag wie folgt geben:
a) einen Betrag von Rm. 5000.- in Wertpapieren
b) den Rest von Rm. 3000.- dem­nächst oder bei unse­rer Aus­wan­de­rung und zwar behal­ten wir uns vor, ihr den Rest­be­trag in baar zu geben oder aber, falls wir bei unse­rer Aus­wan­de­rung unse­re Möbel nicht mit­neh­men kön­nen, für die­sen Betrag ent­spre­chen­de Möbel­wer­te oder sons­ti­ge Hauseinrichtungsgegenstände.
4. Fräu­lein Wal­ten­hei­mer erklärt:
Ich erken­ne dank­bar die frei­wil­li­ge Zuwen­dung, die das Ehe­paar Bacha­rach mir in die­ser Urkun­de gege­ben hat, an und ver­pflich­te mich solan­ge es die Geset­ze erlau­ben, bei dem Ehe­paar Bacha­rach zu blei­ben, zu mei­nem bis­he­ri­gen Loh­ne und zwar solan­ge, als sich das Ehe­paar Bacha­rach in Deutsch­land auf­hält.“[43]

Die­se Schen­kung war bei wei­tem nicht die ein­zi­ge. Immer wie­der fin­det man in den Unter­la­gen For­mu­la­re oder auch ein­fa­che Schrei­ben, mit denen Max Bacha­rach die Devi­sen­stel­le um die Geneh­mi­gung bat, Gel­der an hilfs­be­dürf­ti­ge Per­so­nen, Ver­wand­te oder Bekann­te, geben zu dür­fen. Eine Ableh­nung sol­cher Gesu­che ist in den Akten nicht zu fin­den. Das Geld blieb ja auch in Deutsch­land und trug zudem dazu bei, mög­li­che wach­sen­de sozia­le Span­nun­gen zu entschärfen.
Bereits 1937 hat­te Max Bacha­rach im Zusam­men­hang mit sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung für das Jahr 1936 dem Finanz­amt gemel­det, dass er mehr als 2.000 RM zur „Unter­stüt­zung für ver­arm­te Ver­wand­te“ auf­ge­wen­det habe. Im Ein­zel­nen benann­te er dar­in sei­nen Bru­der Joseph, der damals in Ber­lin in der Hirsch­berg­str. 2 leb­te und mit 900 RM den höchs­ten Betrag erhal­ten hat­te. Bei dem „Onkel Colo­mon“ in Bres­lau han­del­te es sich ver­mut­lich um einen Bru­der der Mut­ter sei­ner Frau, die eine gebo­re­ne Cal­lo­mon war.[44] Er hat­te 240 RM erhal­ten. Mit jeweils 250 RM waren ein Sig­mund und eine Cloe bedacht wor­den. Das waren die Kin­der von Max Bacharachs Schwes­ter Pep­pi, die mit Jakob Rosen­fels ver­hei­ra­tet war. Die Toch­ter Cloe war zu die­sem Zeit­punkt offen­sicht­lich bereits selbst ver­hei­ra­tet, denn sie erscheint in der Auf­lis­tung als Cloe Neu­bur­ger. Bei­de Geschwis­ter leb­ten damals in Ham­burg, aller­dings in ver­schie­de­nen Woh­nun­gen. Auch der Stief­sohn Wer­ner Stadt­ha­gen ist hier mit 480 RM auf­ge­führt.[45]

Eides­statt­li­che Erklä­rung von Max Rikoff über sei­ne “Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit“
HHStAW 519/​3 1084 (29)

Einen zwei­ten gro­ßen Betrag erhielt der Kauf­mann Max Rikoff, wohn­haft in der Fried­richstr. 16 in Wies­ba­den. In die­sem Fall ging es sogar um 19.000 RM, die aus dem Ver­kauf eines der Häu­ser in Ber­lin, ver­mut­lich des zwei­ten, auf­ge­bracht wer­den soll­ten.[46] Über den Grund für die Schen­kung heißt es in dem Ver­trag, dass die ver­stor­be­nen Eltern des Beschenk­ten, Max und Anna Rikoff, schon vie­le Jah­re mit Bacharachs befreun­det gewe­sen sei­en und sie ihnen „in ver­mö­gens­recht­li­cher Hin­sicht zur Sei­te gestan­den“ hät­ten. In dank­ba­rer Erin­ne­rung an die­se Freund­schaft woll­ten sie dem Sohn „zur Sicher­stel­lung sei­ner Zukunft und Ermög­li­chung einer aus­bau­fä­hi­gen Selbst­stän­dig­keit“ die­ses Geschenk machen.[47] Damit die Schen­kung Rechts­kraft erhal­ten konn­te, bedurf­te es einer eides­statt­li­chen Erklä­rung sei­tens des Beschenk­ten, in der er sei­ne Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit offen­bar­te. Dem­nach gehör­ten sein Vater sowie des­sen Eltern und Groß­el­tern der jüdi­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft an, sei­ne Mut­ter hin­ge­gen war Katho­li­kin, sodass er selbst den Sta­tus eines „Misch­lings ers­ten Gra­des“ hat­te.[48]

Als Max Bacha­rach der bis­her recht hohe Frei­be­trag im Juli 1940 auf 800 RM monat­lich gekürzt wer­den soll­te, bat er dar­um, ihn wenigs­tens bei 1090 RM zu belas­sen. Die Devi­sen­stel­le ver­lang­te dar­auf­hin eine Auf­stel­lung sei­nes dama­li­gen Ver­mö­gens und Ein­kom­mens. Ers­te­res belief sich noch immer auf 162.000 RM, sein gegen­wär­ti­ges Ein­kom­men auf 8.500 RM. Sei­ne Aus­ga­ben bezif­fer­te er auf die erbe­te­nen 1090 RM, dar­un­ter lau­fen­de monat­li­che Zuwen­dun­gen an Nich­ten und Nef­fen in der Höhe von 100 RM und für einen Bru­der, ver­mut­lich Joseph, in Höhe von 75 RM. In einem ergän­zen­den Schrei­ben wies er noch dar­auf hin, dass sie bei­de pfle­ge­be­dürf­ti­ge, alte Men­schen sei­en, sei­ne Frau in stän­di­ger ärzt­li­cher Behand­lung ste­he und auch ihre Haus­an­ge­stell­te mitt­ler­wei­le über 60 Jah­re alt sei und „in der Lebens­hal­tung seit jeher voll­stän­dig gleich behan­delt“ wür­de. Am Schluss heißt es: „Ich bit­te auch zu berück­sich­ti­gen, dass ich zwangs­läu­fig not­wen­di­ge hohe Unter­stüt­zungs­gel­der an Ver­wand­te und Glau­bens­ge­nos­sen zu leis­ten habe.“[49] Kei­ne Fra­ge, er wuss­te, was man von ihm erwar­te­te. Auch die Devi­sen­stel­le gab fak­tisch die­sen Betrag frei, wenn­gleich sie die Zuwen­dun­gen durch eine geson­der­te Geneh­mi­gung erlaub­te.[50]

Max Bacharach, Martha Bacharach Weiß, Salomon Bacharach, Jette Bacharach Bergmann, Regina Rosenfeld Bergmann, Siegmund Rosenfeld, Werner Stadthagen, Jakob Rosenfels, Rebekka Peppi Rosenfels, Bacharach, Josef Bacharach, Otto Bacharach Emilie Mina Bacharach Loeffler Levinger, David Loeffler, Levinger, Juden Augsburg, Judenhaus Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Max Bacha­rach unter­stützt Mar­tha und Ger­tru­de Flörs­hei­mer mit Geld­mit­teln
HHStAW 519/​3 1084 (46)

Eine ein­ma­li­ge Unter­stüt­zung von 75 RM erhielt im Dezem­ber 1940 Frie­da Flörsheim[er] für den Besuch eines Unter­richts­kur­ses – ver­mut­lich zur Vor­be­rei­tung auf ihre Aus­wan­de­rung, die aller­dings nicht mehr gelang. Deren Mut­ter Mar­tha Flörsheim[er], die mit der Toch­ter zusam­men im Kai­ser-Fried­rich-Ring 20 wohn­te, woll­te Max Bacha­rach monat­lich mit 30 RM unter­stüt­zen. Auch für die­se Gel­der erteil­te die Devi­sen­stel­le ohne Umschwei­fe die Geneh­mi­gung.[51]

Am 14. August 1941 bat Max Bacha­rach dar­um, dem „armen, sehr kran­ken, bedürf­ti­gen und schwer nie­ren­lei­den­den“ Vik­tor Herz­feld in Essen monat­lich mit 50 RM hel­fen zu dür­fen.[52] Es gibt kei­nen Hin­weis dar­auf, dass der am 2. Novem­ber 1893 in Bochum gebo­re­ne Vik­tor Herz­feld mit Max Bacha­rach ver­wandt war, aber er, der eigent­lich in Essen wohn­te, pen­del­te mög­li­cher­wei­se aus gesund­heit­li­chen Grün­den mehr­fach zwi­schen Essen und Wies­ba­den hin und her. In Wies­ba­den wohn­te er dann immer bei Bacharachs in der Son­nen­ber­ger Stra­ße. Viel­leicht beruh­te die Bezie­hung auf einer alten Freund­schaft.[53]

Bacharach Richard-Wagner-Sr. 3
Umzug in die Richard-Wag­ner-Str. 3
HHStAW 519/​3 1084 (60)

Als Max Bacha­rach die­ses Gesuch an die Devi­sen­stel­le rich­te­te, hat­te er nicht mehr die Son­nen­ber­ger Str. 17, son­dern die Richard-Wag­ner-Str. 3 als sei­ne Adres­se ange­ge­ben. Das war der Behör­de auf­ge­fal­len, und weil ihr jeder Woh­nungs­wech­sel sofort mit­zu­tei­len war, geneh­mig­te sie zwar die Zah­lun­gen, droh­te aber auch, „bei noch­ma­li­ger Zuwi­der­hand­lung gegen mei­ne Vor­schrif­ten Straf­an­zei­ge zu erstat­ten.“[54] Laut Ein­trag auf sei­ner Gestapo­kar­tei­kar­te war Max Bacha­rach mit sei­ner Frau bereits am 10. Mai 1941 in die Richard-Wag­ner-Stra­ße umge­zo­gen. Die Grün­de dafür sind nicht bekannt. Aber wahr­schein­lich trifft zu, was im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren von Rechts­an­walt Dietz geäu­ßert wor­den war: „Durch die dama­li­gen Macht­ha­ber wur­de das Ehe­paar Bacha­rach aus der Woh­nung [Son­nen­ber­ger Str. 17 – K.F.] her­aus­ge­setzt und fand Unter­kunft im Haus Wies­ba­den, Richard Wag­ner Stra­ße 3.“[55]
Der Name Bacha­rach taucht auf zwei Mel­de­zet­teln der Block­war­te auf,[56] die in den Jah­ren 1940/​41 die Auf­ga­be hat­ten, alle Juden zu mel­den, die noch nicht in Juden­häu­ser umquar­tiert wor­den waren und statt­des­sen noch in Woh­nun­gen mit einem nicht­jü­di­schen Umfeld wohn­ten, zudem in Woh­nun­gen, in denen man wegen ihrer Grö­ße, ihrer Lagen und ihres Ambi­en­tes kei­nes­falls mehr jüdi­sche Mie­ter dul­den woll­te. Gegen sol­che Mie­ter bzw. Ver­mie­ter, die dank des neu­en Miet­ge­set­zes pro­blem­los ihre jüdi­schen Mie­ter hät­ten her­aus­wer­fen kön­nen, bis­her dem Druck aber noch stand­ge­hal­ten hat­ten, soll­te jetzt for­ciert vor­ge­gan­gen wer­den.[57]

Mel­dung des Zel­len­warts aus dem Juni 1940
HHStAW 483 10127 (95)
Mel­dung vom Novem­ber 1941
HHStAW 483 10127 (46)

 

 

Mög­li­cher­wei­se war die ers­te Mel­dung an die Orts­grup­pen­lei­tung der NSDAP noch fol­gen­los geblie­ben, aber als dann der Druck auf den Ver­mie­ter ver­stärkt wur­de, hat die­ser sich dann offen­bar doch gebeugt. Aller­dings bleibt ein nicht zu lösen­der Wider­spruch: Ganz sicher wohn­te Max Bacha­rach seit Früh­som­mer 1941 in der neu­en Woh­nung, den­noch wird bei der zwei­ten Mel­dung aus dem Novem­ber 1941 mit­ge­teilt, dass er noch in der Son­nen­ber­ger Str. 17 gemel­det sei. Es wird von dem Zel­len­wart sogar auf das rela­tiv hohe Alter der bei­den auf­merk­sam gemacht, was in die­ser Pha­se der Aus­gren­zung unter Umstän­den noch als Grund zur Scho­nung ange­se­hen wur­de. Auf­fäl­lig ist zudem, dass der Zel­len­wart Roland zunächst eine „Fehl­an­zei­ge“ abgab, es also nach sei­nem Wis­sens­stand kei­ne Juden mehr in sei­ner Zel­le gab. Der Ver­weis auf das Ehe­paar Bacha­rach war erst spä­ter hand­schrift­lich, ver­mut­lich mit einer ande­ren Hand als der des ursprüng­li­chen Schrei­bers, ein­ge­fügt wor­den und beruh­te mög­li­cher­wei­se auf einem vagen, viel­leicht auch bewusst denun­zia­to­ri­schen Hin­weis eines Herrn Kaufmann.

Das Haus, in dem Bacharachs auf­ge­nom­men wur­den, lag nur weni­ge Geh­mi­nu­ten ent­fernt von ihrer bis­he­ri­gen Woh­nung und gehör­te der Jüdin Marie Strauss, gebo­re­ne Eisin­ger. Sie war eine eben­falls sehr begü­ter­te Wit­we, deren Mann Max Strauss kurz zuvor, ver­mut­lich nach sei­ner Ent­las­sung aus einer Gesta­po­haft, im Wies­ba­de­ner Kran­ken­haus ver­stor­ben war.[58] Dass man jetzt zusam­men­fand, war sicher kei­ne Not­lö­sung, son­dern eher eine Lösung in der Not, in der Men­schen, die weit­ge­hend einem ähn­li­chen Milieu ent­stamm­ten, sich gegen­sei­tig stüt­zen konn­ten. Auch die treue Haus­häl­te­rin Lina Wal­ten­hei­mer zog zunächst mit in die Richard-Wag­ner-Stra­ße. Aber es war nicht mög­lich, dort­hin auch alle Möbel mit­zu­neh­men, wes­halb ein Teil davon in der Son­nen­ber­ger Str. 17 bei dem Ehe­paar Lehn unter­ge­stellt wur­de.[59] Wei­te­re Stü­cke nahm Max Rikoff, der – wie oben beschrie­ben – zuvor in den Genuss eines höhe­ren Geld­be­tra­ges gekom­men war, in sei­ner Woh­nung in Gewahr­sam. Aller­dings ist nicht klar, ob das schon jetzt oder erst beim nächs­ten Umzug des Ehe­paars Bacha­rach der Fall war. Rechts­an­walt Dietz hat­te sei­ner­zeit detail­liert auf­ge­führt, wel­che Gegen­stän­de damals wo gela­gert wur­den. Den größ­ten Teil davon – haupt­säch­lich Wäsche, Klein­mö­bel und Geschirr – hat­ten Bacharachs schon damals, wohl ahnend, dass sie bald kei­nen Nut­zen mehr davon haben wür­den, eben­falls ihrer Haus­häl­te­rin zum Geschenk gemacht. In der Richard-Wag­ner-Stra­ße waren Bacharachs im Febru­ar noch ein­mal auf­ge­for­dert wor­den, der Devi­sen­stel­le ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten mit­zu­tei­len. Es ergab sich eine Sum­me von monat­lich 642 RM für ihren Drei-Per­so­nen-Haus­halt, zu dem auch Frau Wal­ten­hei­mer zählte.

Bacharach in Kaiser-Friedrich-Ring 64
Der Umzug in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 64
HHStAW 519/​3 1084 (62)

Am 12. Juni 1942 mel­de­te Max Bacha­rach der Devi­sen­stel­le – dies­mal „ord­nungs­ge­mäß“ – den Umzug in den Kai­ser-Fried­rich-Ring 64 II.[60] Auch dort muss­ten sie noch ein­mal eine Ver­mö­gens­er­klä­rung mit einem umfas­sen­den Fra­ge­bo­gen aus­fül­len, in dem auch etwas zur kon­kre­ten Wohn­si­tua­ti­on ein­zu­tra­gen war. Dem Ehe­paar Bacha­rach stand in dem Juden­haus als Unter­mie­ter der Haus­ei­gen­tü­me­rin Rosa Heymann ein Zim­mer im zwei­ten Stock zur Ver­fü­gung, für das sie 50 RM zu zah­len hat­ten. Auch hier ist noch ein­mal von Max Bacha­rach ver­merkt, dass die Möbel laut nota­ri­el­lem Ver­trag ihrer lang­jäh­ri­gen Haus­häl­te­rin gehö­ren wür­den, die aller­dings nicht mehr mit in das Juden­haus ein­zie­hen durf­te. Rechts­an­walt Dietz hat­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ange­ge­ben, dass die Gesta­po sie mehr­fach auf­ge­for­dert hat­te, ihre Stel­lung zu kün­di­gen, sie dies aber immer abge­lehnt habe. Dar­auf­hin hat­te die Gesta­po sie am 23. Febru­ar 1942 aus Wies­ba­den aus­ge­wie­sen, wes­halb sie dann zu Ver­wand­ten in ihre Hei­mat bei Augs­burg zie­hen muss­te. Einen gro­ßen Teil der geschenk­ten Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de hat­te sie damals aber zurück­las­sen müssen.

In dem Fra­ge­bo­gen wur­de auch die Fra­ge gestellt, wel­che Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen bereits wohin aus­ge­wan­dert sei­en. Max Bacha­rach gab dies­be­züg­lich die fol­gen­de Auskunft:
“Stief­sohn Wer­ner Isra­el Stadt­ha­gen nach Rode­si­en (sic), Auf­ent­halt unbekannt;
Bru­der Otto Isra­el Bacha­rach & Frau nach Argentinien,
Bru­der Josef Isra­el Bacha­rach nach Theresienstadt,
Schwa­ger Gerh. Isra­el Mey­er mit Frau nach Paläs­ti­na.“
[61]

Nach ihrem Ein­zug in das Juden­haus Kai­ser-Fried­rich-Ring 64 blie­ben Max und Mar­tha Bacha­rach noch ein hal­bes Jahr in ihrem Zim­mer woh­nen, dann muss­ten auch sie dem Bru­der bzw. Schwa­ger nach The­re­si­en­stadt fol­gen. Nach­dem sie die ent­spre­chen­de Auf­for­de­rung, sich für die Eva­ku­ie­rung bereit­zu­ma­chen, erhal­ten hat­ten, benach­rich­tig­ten sie noch Frau Wal­ten­hei­mer, damit sie die ihr über­las­se­nen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de noch vor dem Zugriff der Gesta­po und der Finanz­be­hör­den sichern konn­te. Ver­geb­lich – obwohl ihr Brief mit der Mit­tei­lung, dass sie ihren Besitz abho­len wol­le, noch einen Tag vor der Depor­ta­ti­on bei den Ämtern ein­ge­gan­gen war. Die im Juden­haus, wie auch die in ande­ren Woh­nun­gen unter­ge­stell­ten, Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de wur­den nach der Abschie­bung ihrer ehe­ma­li­gen Besit­zer vom Finanz­amt abge­holt und „ver­wer­tet“, d.h. ver­stei­gert.[62]

Am Schab­bat vor der für den 1. Sep­tem­ber 1942 ange­setz­ten Depor­ta­ti­on muss­ten sich Max Bacha­rach und sei­ne Frau sowie wei­te­re rund 350 Wies­ba­de­ner Jüdin­nen und Juden in der Syn­ago­ge in der Fried­richstr. 33 ein­fin­den. Dort wur­den die letz­ten For­ma­li­tä­ten der Abschie­bung qua­si als Vor­spiel auf das, was allen im Osten bald in einem noch viel grau­sa­me­ren Aus­maß bevor­ste­hen soll­te, in demü­ti­gen­der Wei­se von den SS- und Gesta­po­leu­ten voll­zo­gen. Es galt zudem aus Sicht der SS, sich ihren Anteil an der finan­zi­el­len Beu­te vor dem Zugriff des Fis­kus zu sichern. Die­sem Zweck gal­ten die soge­nann­ten Heimein­kaufs­ver­trä­ge, die hier in letz­ter Minu­te abge­schlos­sen wur­den. Man ver­sprach den Unter­zeich­nern einen ange­neh­men und umsorg­ten Lebens­abend im Alters­ghet­to von The­re­si­en­stadt. Man­che wer­den den Trick­be­trü­gern sogar geglaubt haben, die meis­ten aber haben qua­si mit der Pis­to­le auf der Brust ihre Unter­schrift unter die­se letz­te Über­wei­sung gesetzt, mit der sie ihre gesam­te rest­li­che Habe, es han­del­te sich bei Max Bacha­rach um 25.919, 54 RM auf das Kon­to der Teck­len­burg Bank in Ber­lin über­tru­gen,[63] die das Raub­gut für die SS sam­mel­te und ver­wal­te­te. Auch Bacharachs hat­te einen sol­chen Ver­trag abge­schlos­sen, bzw. abschlie­ßen müssen.

Als der Zug am 2. Sep­tem­ber 1942 mit sei­ner Ladung von mehr als 1100 Men­schen sei­nen Ziel­ort erreich­te, muss­te den Neu­an­kömm­lin­gen sehr schnell klar gewor­den sein, dass The­re­si­en­stadt kein rela­tiv behag­li­cher Alters­ru­he­sitz, son­dern ein ganz gewöhn­li­ches KZ war, in dem es tag­täg­lich um Leben und Tod ging. Vie­le der Alten hat­ten nicht mehr die Kraft und den Wil­len, die­sen Kampf auf­zu­neh­men, und gaben sich auf. Aber selbst die­ses Dahin­ster­ben ging den Nazis ange­sichts der „gro­ßen Auf­ga­be“, das gesam­te euro­päi­sche Juden­tum zu ver­nich­ten, nicht schnell genug. Immer wie­der roll­ten im August und Sep­tem­ber 1942 Züge mit 1000 bis 2000 Insas­sen in die Ver­nich­tungs­la­ger Maly Tro­sinec oder Treb­linka. In Maly Tros­tinc wur­den die Insas­sen, ohne erst in das dor­ti­ge Lager gebracht zu wer­den, direkt nach dem Ver­las­sen des Zuges in den nahe gele­ge­nen Wald geführt und erschos­sen, in Treb­linka trieb man sie zumeist direkt in die Gas­kam­mern. So auch Max und Mar­tha Bacha­rach. Nur vier Wochen waren sie in The­re­si­en­stadt geblie­ben, dann, am 29. Sep­tem­ber, muss­ten auch sie im Trans­port ‚Bs, nr. 1632’ die­se letz­te Fahrt nach Treb­linka antre­ten, wo sie im Gas ihr Leben ver­lo­ren.[64]

Rechnung der 'Reichsvereinigung der Juden' HHStAW 685 23 b (52)
Rech­nung der ‘Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden’
HHStAW 685 23 b (52)

Schon am 14. Sep­tem­ber, also noch vor ihrem Tod,  hat­te das Finanz­amt Wies­ba­den mit Ver­weis auf das Gesetz über die „Ein­zie­hung kom­mu­nis­ti­schen Ver­mö­gens“ bzw. der „Ein­zie­hung volks- und staats­feind­li­chen Ver­mö­gens“ die noch vor­han­de­ne Habe von Max Bacha­rach an sich geris­sen und dabei die bis­her nur gesi­cher­te Reichs­flucht­steu­er in Höhe von 46.100 RM ein­ge­zo­gen.[65] Es grenzt an Zynis­mus, dass am 25. Janu­ar 1943 die Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden in Deutsch­land, noch eine Rech­nung in Höhe von 166,40 RM aus­stell­te, in der ver­schie­de­ne Bera­ter­leis­tun­gen, z.B. für den Abschluss des Heimein­kauf­ver­trags, auf­ge­führt sind. Unter­zeich­net ist die Rech­nung von dem „Kon­su­len­ten“ Bert­hold Gut­h­mann, dem lang­jäh­ri­gen Vor­sit­zen­den der Jüdi­schen Gemein­de Wies­ba­dens, der nach der letz­ten gro­ßen Depor­ta­ti­on zunächst von Wies­ba­den aus die hie­si­ge Gemein­de und dann von Frank­furt aus die Bezirks­stel­le der Reichs­ver­ei­ni­gung abwi­ckeln muss­te.[66]

Stolpersteine Bacharach
Stol­per­stei­ne für Max und Mar­tha Bacha­rach in der Son­nen­ber­ger Str. 17
Archiv Akti­ves Muse­um Spiegelgasse

Am 22. August 1947 erging der amt­li­che Beschluss, dass das Paar spä­tes­tens am 31. Dezem­ber 1943 umge­kom­men sein müs­se, aller­dings wur­de auf­grund der Aus­sa­gen von durch­rei­sen­den, ehe­ma­li­gen KZ-Insas­sen noch immer davon aus­ge­gan­gen, dass Mar­tha Bacha­rach in Ausch­witz ermor­det wor­den sei. Bezüg­lich des ver­schol­le­nen Max Bacha­rach heißt es all­ge­mein, er sei ver­stor­ben, nach­dem er „nach dem Osten“ „eva­ku­iert wor­den“ sei.[67] Inzwi­schen sind die Todes­da­ten der bei­den im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz auf den Tag des Trans­ports nach Treb­linka, den 29. Sep­tem­ber 1942, fest­ge­legt wor­den. Zur Erin­ne­rung an die bei­den ehe­ma­li­gen jüdi­schen Bür­ger wur­den im Mai 2011 in der Son­nen­ber­ger Stra­ße vor dem Haus, in dem sie über vie­le Jah­re in Wies­ba­den gewohnt hat­ten, zwei Stol­per­stei­ne eingelassen.

 

Mög­li­cher­wei­se hat­te Max Bacha­rach in The­re­si­en­stadt zuvor noch sei­nen sechs Jah­re älte­ren Bru­der Joseph getrof­fen, der dort am 6. Juli 1942 mit einem Trans­port aus Ber­lin ein­ge­lie­fert wor­den war. Es kön­nen nur weni­ge Tage gewe­sen sein, die sie sich noch ein­mal haben sehen kön­nen, denn auch er wur­de mit einem ande­ren Trans­port, in dem eben­falls um die 2000 Men­schen ein­ge­pfercht waren, bereits am 19. Sep­tem­ber nach Treb­linka gebracht und ermor­det.[68]

Wie sein Bru­der Otto, gebo­ren am 27. Mai 1876, hat­te auch Joseph Bacha­rach zuvor in Ber­lin gelebt.[69] Aber anders als ihm war es Otto Bacha­rach und sei­ner Frau recht­zei­tig gelun­gen, aus Deutsch­land zu flie­hen. Er war mit der am 20. April 1888 in Kat­to­witz gebo­re­nen Ger­trud Schle­sin­ger ver­hei­ra­tet. Sie wohn­ten im Jahr 1939 vor ihrer Flucht aus Deutsch­land im Ber­li­ner Stadt­teil Schö­ne­berg in der Heil­bron­ner Str. 30.[70] Auf einer Pas­sa­gier­lis­te von Ham­burg nach Lon­don aus dem Jahr 1924, auf der die bei­den ver­zeich­net sind, wird der Beruf von Otto Bacha­rach als Fabrik­di­rek­tor ange­ge­ben, aber das war er inzwi­schen mit Sicher­heit nicht mehr.[71] Offen­bar hat­ten die Brü­der spä­tes­tens bis 1939 noch Kon­takt mit­ein­an­der, denn sonst hät­te Max Bacha­rach nicht wis­sen kön­nen, dass die bei­den nach Süd­ame­ri­ka aus­ge­wan­dert waren. Ihr Ziel soll ursprüng­lich Boli­vi­en gewe­sen sein, mög­li­cher­wei­se waren sie dann spä­ter wei­ter nach Argen­ti­ni­en gezo­gen, wie Max Bacha­rach in dem Fra­ge­bo­gen angab. Viel­leicht wuss­te er aber auch nicht so genau, wo die bei­den letzt­lich gestran­det waren, schon gar nicht, wie es ihnen dort in ihrem latein­ame­ri­ka­ni­schen Exil ergan­gen war.

 

Ande­re Geschwis­ter von Max Bacha­rach waren bereits ver­stor­ben, bevor die Natio­nal­so­zia­lis­ten ihre Herr­schaft über Deutsch­land errich­te­ten. Sowohl im Jahr 1865 als auch im Jahr 1871 waren die Eltern Salo­mon und Jet­te Bacha­rach mit dem Schick­sals­schlag kon­fron­tiert gewe­sen, dass ihre bei­den Neu­ge­bo­re­nen tot zur Welt kamen oder unmit­tel­bar danach ver­star­ben. Ein wei­te­res Kind, die 1870 gebo­re­ne Cle­men­ti­ne, wur­de nicht ein­mal ein hal­bes Jahr alt, und der am 1. August 1868 gebo­re­ne Lud­wig ver­starb am 24. April 1877 in Augs­burg mit nur acht Jah­ren.[72]

Auch die Schwes­ter  Rebek­ka, genannt Pep­pi, war schon 30 Jah­re tot, als Hit­ler 1933 zum Reichs­kanz­ler ernannt wur­de. Die am 5. Mai 1859 in Fell­heim gebo­re­ne Pep­pi hat­te am 16. Juli 1881 Jakob Rosen­fels gehei­ra­tet. Der am 27. April 1855 in Dormitz gebo­re­ne Ehe­mann, war das vier­te von ins­ge­samt sechs Kin­dern von Sig­mund Rosen­fels und sei­ner Frau Regi­na Berg­mann.[73] Regi­na Berg­mann, gebo­ren 1929 als Toch­ter von Laza­rus und Kla­ra Berg­mann in Dit­ten­heim in Mit­tel­fran­ken, war – wie oben bereits geschrie­ben — wie­der­um die Schwes­ter von Jet­te Berg­mann, der Frau von Salo­mon Bacha­rach und somit die Tan­te von Max und Rebek­ka /​ Pep­pi Bacha­rach.[74] Offen­sicht­lich waren Jakob und Pep­pi Rosen­fels ihrem Onkel Hein­rich Berg­mann nach Süd­afri­ka gefolgt, denn im dor­ti­gen Rouxville kamen deren bei­de Kin­der Cloe und Sig­mund Rosen­fels zu Welt, Cloe am 7. Juni 1885 und Sig­mund am 20. Dezem­ber 1887.[75] Nicht aus­ge­schlos­sen ist aber auch, das Pep­pi allei­ne nach Süd­afri­ka gegan­gen war und erst dort ihren Mann ken­nen lern­te. Jakob Rosen­fels war angeb­lich, viel­leicht nach der Rück­kehr der Fami­lie nach Deutsch­land, sogar mit der Funk­ti­on des Kon­suls für den Oran­je-Frei­staat betraut wor­den.[76]

Die bei­den Kin­der leb­ten 1937 in Ham­burg,[77] aber finan­zi­ell scheint es bei­den nicht gut gegan­gen zu sein, sonst hät­te sie ihr Onkel in Wies­ba­den nicht finan­zi­ell unter­stüt­zen müs­sen. Sig­mund Rosen­fels wohn­te damals in dem heu­te wegen sei­ner Back­stein­ar­chi­tek­tur berühm­ten Sprin­ken­hof, einem Kon­tor­haus in der Nähe des noch bekann­te­ren Chi­le­hau­ses. Viel­leicht hat­te er in dem Kon­tor­haus aber auch nur sein Büro. Die­se Adres­se ist in jedem Fall auf dem Schrei­ben von Max Bacha­rach an das Finanz­amt Wies­ba­den hand­schrift­lich notiert. Immer­hin scheint Sig­mund Rosen­fels noch recht­zei­tig den Weg ins Aus­land gefun­den zu haben und dort­hin zurück­ge­kehrt zu sein, wo er die ers­ten Jah­re sei­nes Lebens ver­bracht hat­te.[78] Ver­mut­lich ist er der Sig­mund Rosen­fels, der am 9. August 1965 auf dem jüdi­schen Fried­hof in Johan­nes­burg in Süd­afri­ka sei­ne letz­te Ruhe­stät­te gefun­den hat.[79]

Lis­te aus dem Ghet­to Litz­mann­stadt /​ Lodz
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Wes­halb sei­ner Schwes­ter die­ser Weg ver­sperrt blieb, ist nicht mehr zu sagen. Cloe Rosen­fels, die an einem nicht bekann­ten Datum den eben­falls aus Augs­burg stam­men­den Fritz Neu­bur­ger gehei­ra­tet hat­te und spä­tes­tens ab 1937 die­sen Nach­na­men trug, wur­de zusam­men mit ihrem Mann von Ham­burg aus am 25. Okto­ber 1941 in das Ghet­to Litz­mann­stadt /​ Lodz depor­tiert.[80] 1937, das Jahr, das auf dem Schrei­ben von Max Bacha­rach fest­ge­hal­ten ist, wohn­te das Paar in Ham­burg in der Han­sastr. 62 unter der glei­chen Adres­se, mit der sie auch bei der Volks­zäh­lung 1939 noch regis­triert wur­den. In die­sem Zeit­raum zwi­schen 1937 und 1939 hat­te Fritz Neu­bur­ger schon eine län­ge­re Haft­zeit erlei­den müs­sen. Vom 1. Janu­ar 1938 war er bis zum 10. Novem­ber zunächst in das berüch­tig­te Gefäng­nis Fuls­büt­tel ein­ge­lie­fert wor­den, unmit­tel­bar anschlie­ßend – im Zusam­men­hang mit dem Novem­ber­po­grom – hat­te man ihn dann in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen über­stellt, aus dem er am 23. Novem­ber 1938 wie­der ent­las­sen wur­de.[81] Drei Jah­re blie­ben Fritz und Cloe Neu­bur­ger noch in rela­ti­ver Frei­heit, bis sie dann gemein­sam nach Litz­mann­stadt im ehe­ma­li­gen Polen depor­tiert wur­den. Zu den Tau­sen­den jüdi­scher Frau­en, die im dor­ti­gen Ghet­to in Zwangs­ar­beit mit dem Nähen von Uni­for­men für die deut­sche Wehr­macht und diver­se NS-Orga­ni­sa­tio­nen beschäf­tigt waren, gehör­te sicher auch Cloe Neu­bur­ger. Auf der Lis­te aus dem Ghet­to ist ihr Beruf mit „Nähe­rin“ ange­ge­ben, der ihres Man­nes mit „Ver­tre­ter“.
Im Mai 1942 wur­den bei­de von Litz­mann­stadt in das Ver­nich­tungs­la­ger Chelm­no /​ Kulm­hof im Wart­hel­and über­stellt und ermor­det.[82]

Wie bereits dar­ge­stellt, konn­te auch Wer­ner Stadt­ha­gen, der Stief­sohn von Max Bacha­rach und Sohn von Mar­tha Bacha­rach dank sei­ner frü­hen, erzwun­ge­nen Aus­wan­de­rung nach der Inhaf­tie­rung in Dach­au und Buchen­wald der Mord­ma­schi­ne­rie ent­kom­men. Aber in Afri­ka, in Nord-Rho­de­si­en, erwar­te­ten ihn schon wegen des dor­ti­gen Kli­mas äußerst schwie­ri­ge Lebens­be­din­gun­gen. Zudem muss­te er mit einem fun­da­men­ta­len Kul­tur­bruch in dem fast aus­schließ­lich von Schwar­zen besie­del­ten Gebiet zurecht­kom­men. Aber am schlimms­ten waren die kör­per­li­chen und psy­chi­schen Fol­gen der lan­gen Haft­zeit, die er unwei­ger­lich mit nach Afri­ka gebracht hat­te und die ihm einen Neu­be­ginn nahe­zu unmög­lich machten.

Nach sei­ner Ent­las­sung aus dem KZ Buchen­wald und dem kur­zen Auf­ent­halt in Wies­ba­den war er am 8. Mai 1939 mit der ‚Wan­go­ni’, der ‚Deutsch-Afri­ka-Woer­mann-Linie’, nach Bei­ra im heu­ti­gen Mozam­bi­que gelangt und von dort mit der Bahn wei­ter nach Lusa­ka in der dama­li­gen por­tu­gie­si­schen Kolo­nie Nord-Rho­de­si­en, dem heu­ti­gen Sam­bia, gefah­ren. „In die­sem ‚dunk­len’ Teil von Zen­tral Afri­ka, der zu jener Zeit noch wenig von Kul­tur beleckt war“ [83] – so schrieb er – sei es aus­sichts­los gewe­sen, einen sei­ner erlern­ten Beru­fe aus­zu­üben. Es sei ihm „im soge­nann­ten Busch“ nur die Mög­lich­keit geblie­ben, eine sehr ein­fa­che und schlecht bezahl­te Beschäf­ti­gung auf­zu­neh­men. Er arbei­te­te dort seit August 1939 zunächst bei einem Trans­port­un­ter­neh­mer und Vieh­händ­ler, konn­te dann aber ab 1942 in Lusa­ka eine bes­se­re Stel­lung als Buch­hal­ter fin­den. Fünf Jah­re blieb er dort.[84] In die­ser Zeit muss er sei­ne Frau ken­nen­ge­lernt haben, die ursprüng­lich auch aus Deutsch­land stamm­te. Wil­frie­de Strauss war am 8. Mai 1915 in Büdes­heim in der Eifel gebo­ren wor­den.[85] Im Dezem­ber 1943, dem Jahr, in dem er auch ein­ge­bür­gert wur­de, hat­ten die bei­den in Lusa­ka gehei­ra­tet, und am 1. März 1945 war dort ihr ein­zi­ges Kind, die Toch­ter Eleo­no­re, gebo­ren wor­den.[86] Der Ver­such, sich mit einer Bäcke­rei und einem Café in Lusa­ka selbst­stän­dig zu machen, schei­ter­te. Die Fami­lie zog noch ein­mal inner­halb des dama­li­gen Rho­de­si­en um und ver­such­te in Bula­wayo, etwa 800 km süd­lich von Lusa­ka, erneut – etwa ab 1950 – mit einer Bäcke­rei ihren Lebens­un­ter­halt zu bestrei­ten. Geld von deut­schen Behör­den hat­ten sie bis zu die­sem Zeit­punkt im Rah­men der Ent­schä­di­gun­gen kaum erhal­ten, ein­zig klei­ne­re Beträ­ge aus einem Här­te­fond. Man bezwei­fel­te in Deutsch­land zum einen, dass Wer­ner Stadt­ha­gen über­haupt sei­ne Dol­met­scher­aus­bil­dung abge­schlos­sen hat­te, zum zwei­ten frag­te man sich, ob er tat­säch­lich ein so gerin­ges Ein­kom­men wie ange­ge­ben hät­te.[87] Es waren die typi­schen Zwei­fel und Fra­gen, mit denen die deut­sche Büro­kra­tie die Über­le­ben­den aufs Neue demü­tig­te und drang­sa­lier­te. Sogar ein Kon­sul wur­de bei Stadt­ha­gens vor­bei­ge­schickt, der die Anga­ben über­prü­fen soll­te. Sein Bericht lie­fer­te sicher ein recht rea­lis­ti­sches Bild der dama­li­gen Lebens­um­stän­de von Wer­ner und Wil­frie­de Stadthagen:
“Die Eme­reld Bak­ery liegt in der Mafe­king Road in Bula­wayo außer­halb des Stadt­kerns. Als ich sie am 5.5.1959 gegen 7.45 Uhr besich­tig­te, befan­den sich in dem Ver­kaufs­raum aus­ser Herrn Stadt­ha­gen und sei­ner Frau nur noch Afri­ka­ner. es scheint sich um einen Fami­li­en­be­trieb zu han­deln. Das Ehe­paar bedien­te. Er mach­te einen über­ar­bei­te­ten, ner­vö­sen Ein­druck. Mir schien, als ob das Geschäft nur betrie­ben wird, um den not­wen­digs­ten Lebens­un­ter­halt zu ver­die­nen. Wie mir Herr Stadt­na­hen erklär­te, ist er seit län­ge­rem gezwun­gen, mit Defi­zit zu arbei­ten und sei­ne Ware zu ver­schleu­dern, um kon­kur­renz­fä­hig zu sein. Die vor eini­ger Zeit in Bula­wayo eröff­ne­te maschi­nel­le Bäcke­rei von Lobe­le mache es den klei­nen Bäcke­rei­en schwer, sich zu behaup­ten. So sei­en in der letz­ten Zeit etwa 1/​2 Dtz. der klei­ne­ren Bäcke­rei­en in Kon­kurs getre­ten.“[88]

Ster­be­ur­kun­de von Wer­ner Stadt­ha­gen aus Süd­afri­ka
HHStAW 518 III 39589 (104)

Zwar kamen dann doch all­mäh­lich Gel­der aus Deutsch­land auch in Afri­ka an, aber die Fra­ge, ob die finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung auch nur ansatz­wei­se die erlit­te­nen  mate­ri­el­len Ver­lus­te, gar das zuge­füg­te Leid durch den eige­nen KZ-Auf­ent­halt und den Ver­lust der Eltern auf­wie­gen konn­te, kann nur ver­neint werden.

Wer­ner Stadt­ha­gen ver­starb am 20. August 1988 in Kap­stadt,[89] wann sei­ne Frau ver­starb, ist nicht bekannt. Die Eltern hat­ten der Toch­ter mit der Ent­schä­di­gung immer­hin noch eine gute Aus­bil­dung ermög­li­chen kön­nen. Zuletzt leb­te sie in Großbritannien.

 

Ver­öf­fent­licht: 25. 01. 2022

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

1] Im Augs­bur­ger Adress­buch von 1933 sind sie noch als Bewoh­ner des dor­ti­gen Hau­ses in der Frölichstr. 8 II auf­ge­führt. Die Ant­wort auf ein Schrei­ben von Max Bacha­rach an das Finanz­amt Augs­burg, in dem er am 14.11.1933 um eine Steu­er­stun­dung gebe­ten hat­te, war von Wies­ba­den aus abge­schickt wor­den, die Rück­ant­wort vom August war an das besag­te Hotel gerich­tet. Dar­un­ter war aber schon hand­schrift­lich die neue Adres­se Park­str. 7 ver­merkt. Sie­he HHStAW 685 23 Ein­kom­men­steu­er (1). Im Wies­ba­de­ner Adress­buch erscheint Max Bacha­rach erst­mals in der Aus­ga­be 1936/​37. Er war aber defi­ni­tiv bereits seit 1933 Bewoh­ner der Stadt.
Das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se hat zum Geden­ken an das Ehe­paar Bacha­rach 2012 ein Erin­ne­rungs­blatt ver­öf­fent­licht, sie­he https://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​a​c​h​a​r​a​c​h​-​M​a​x​.​pdf. (Zugriff: 20.1.2022). Nicht zu ver­wech­seln sind Max und Mar­tha Bacha­rach mit dem Ehe­paar Carl und Anna Bacha­rach, die in Wies­ba­den ein bekann­tes Tex­til­ge­schäft betrie­ben. Auch für sie liegt ein Erin­ne­rungs­blatt vor, sie­he https://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​a​c​h​a​r​a​c​h​.​pdf. (Zugriff: 20.1.2022). Es deu­tet aber nichts auf eine Ver­wandt­schaft der bei­den Fami­li­en hin.

[2] Ebd. (11).

[3] HHStAW 685 23 (1).

[4] HHStAW 519/​3 1084 (3).

[5] HHStAW 518 51751 (55).

[6] Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin Char­lot­ten­burg 469 /​ 1912, sie­he auch Abschrift des Geburts­scheins von Max Bacha­rach vom Distrikts-Rab­bi­nat Augs­burg in HHStAW 469/​33 2146 (17). Salo­mon Bacha­rach war am 13.6.1832, Jet­te Berg­mann am 24.10.1835 dort gebo­ren wor­den. Anga­ben nach dem Grä­ber­ver­zeich­nis des Jüdi­schen Fried­hofs Haun­stet­ter Stra­ße in Augs­burg, sie­he https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf. (Zugriff: 20.1.2022).

[7] https://​opacplus​.bsb​-muen​chen​.de/​V​t​a​2​/​b​s​b​1​0​9​8​2​7​5​3​/​b​s​b​:​B​V​0​2​0​2​3​1​4​6​8​?​q​u​e​r​i​e​s​=​B​a​c​h​a​r​a​c​h​&​l​a​n​g​u​a​g​e​=​d​e​&​c​=​d​e​f​a​ult. (Zugriff: 20.1.2022) Han­dels­re­gis­ter des König­reichs Bay­ern 1871. Nach Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Augs­burg gab es seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts meh­re­re Max Bacha­rach in der Stadt, dar­un­ter einer, der 1830 eben­falls in Fell­heim gebo­ren wor­den und um 1857 auch als Leder­händ­ler nach Augs­burg gezo­gen war. Die­ser ging dann aber nach Mün­chen. (Quel­le: Stadt­AA, Mel­de­bö­gen, Bacha­rach, Max, 1830). Ein wei­te­rer aus Fell­heim zuge­zo­ge­ner Max Bacha­rach trat in Augs­burg als Zigar­ren­händ­ler in Erschei­nung. (Quel­le: Stadt­AA, Mel­de­bö­gen, Bacha­rach, Max, 1840). Bei einem die­ser bei­den MAX Bacha­rach könn­te es sich – so die Aus­kunft des Stadt­ar­chivs – um einen Bru­der von Salo­mon han­deln, der dann zum Namens­ge­ber des spä­te­ren Wies­ba­de­ner Max Bacha­rach wurde.

[8] Jet­te Berg­mann war die Toch­ter von Laza­rus und Kla­ra Berg­mann aus Dit­ten­heim im heu­ti­gen Main-Tau­ber-Kreis und eines von ins­ge­samt fünf Kin­dern. Die Geschich­te ihres Bru­ders Hein­rich Berg­mann, der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts nach Süd­afri­ka aus­wan­der­te, ist unter dem Titel ‚Ali­wal’, geschrie­ben von Adam Yamey, als Roman ver­ar­bei­tet wor­den. In die­sem Roman wird auch knapp über einen Besuch von Hein­rich, jetzt Hen­ry Berg­mann, bei sei­ner Schwes­ter Jet­te und ihrem Mann Salo­mon in Augs­burg berich­tet, der sich ange­sichts des welt­män­ni­schen Auf­tre­tens des reich gewor­de­nen Schwa­gers zumin­dest in die­ser lite­ra­ri­schen Fas­sung sehr distan­ziert ver­hält. Sie­he Yamey, Ali­wal, S. 177 ff.

[9] Laut GENI waren die Eltern von Emi­lie Mina und Salo­mon Bacha­rach ein Josef und eine Jet­te Bacha­rach, gebo­re­ne Loeff­ler. https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​6​3​2​3​7​3​7​392. (Zugriff: 20.1.2022). Eine siche­re Quel­le für die­se Anga­be konn­te nicht gefun­den wer­den. Laut Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Augs­burg sind die Eltern unbe­kannt. Soll­te die GENI-Anga­be zutref­fen, dann stamm­te mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit David Loeff­ler, der Ehe­mann von Emi­lie Mina, aus der Fami­lie von Josef Bacharachs Frau, die eben­falls eine gebo­re­ne Loeff­ler war.

[10] https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​2​2​3​4​8​2​4​1​1​/​j​a​k​o​b​-​w​a​i​t​z​f​e​l​der. (Zugriff: 20.1.2022). Sei­ne Eltern waren Bern­hardt und The­re­se Waitz­fel­der, gebo­re­ne Stein­har­der, die neben Jakob sechs wei­te­re Kin­der hatten.

[11] Grä­ber­ver­zeich­nis des Jüdi­schen Fried­hofs Haun­stet­ter Stra­ße in Augs­burg, sie­he https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf. (Zugriff: 20.1.2022).

[12] Es han­delt sich um den spä­ter pro­mo­vier­ten Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler Jac­que Waitz­fel­der, gebo­ren am 27.6.1904, die Toch­ter Elsa, gebo­ren 1906, die noch im glei­chen Jahr, in dem sie sich mit Dr. Erwin Mey­er aus Ber­lin ver­mähl­te, 1928 im Alter von etwa 22 Jah­ren ver­starb. Zuletzt kam im Jahr 1911 noch ein­mal ein Sohn namens Kurt zur Welt, der spä­ter Ruth Hirsch­feld  heiratete.

[13] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​6​4​9​6​6​2​&​i​n​d=1 und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​6​4​9​6​6​4​&​i​n​d=1. (Zugriff: 20.1.2022). Zum Juden­haus in der Augs­bur­ger Hall­str. 14 sie­he den Arti­kel von Haus­mann, Alfred Das „Juden­haus“ Hall­stra­ße 14 in Augs­burg, online unter https://erinnerungswerkstatt-augsburg.de/content/1‑blog/20200307-das-judenhaus-in-der-hallstrasse-14/das-judenhaus-hallstrasse-14.pdf. (Zugriff: 20.1.2022)

[14] Geburts­re­gis­ter Bres­lau 1508 /​ 1888 und Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin Char­lot­ten­burg 735 /​ 1912. Auch sie müs­sen recht wohl­ha­bend gewe­sen sein. Im Ber­li­ner Adress­buch wird Zacha­ri­as Weiß als „Par­ti­cu­lier“ bezeich­net. Zudem hat­te er sei­nem immer­hin auch wohl­ha­ben­den Schwie­ger­sohn 1931 rund 6.000 RM gelie­hen, sie­he HHStAW 685 23 (15).

[15] Geburts­re­gis­ter Ber­lin Char­lot­ten­burg 590 /​ 1909.

[16] https://forum.ahnenforschung.net/archive/index.php/t‑34228.html. (Zugriff: 20.1.2022).

[17] Für Salo­mon Bacha­rach https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​2​0​4​5​8​7​3​:​9​8​6​8​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​6​4​e​7​c​3​9​c​3​1​1​8​3​7​1​8​b​3​8​3​6​5​5​d​4​8​2​d​2​8​6​1​&​_​p​h​s​r​c​=​E​k​t​4​6​4​9​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce, für Jet­te Bacha­rach sie­he https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​4​1​5​7​8​2​4​:​9​8​6​8​?​l​a​n​g​=​d​e​-DE. (Zugriff: 20.1.2022).

[18] HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (1, 20).

[19] Ebd.

[20] Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin Schö­ne­berg II 190 /​ 1919. Auch für die am 12.7.1892 gebo­re­ne Her­tha Erna Weiß han­del­te es sich um die zwei­te Ehe. In der Urkun­de wird sie als Her­tha Mül­ler, gebo­re­ne Weiß, bezeichnet.

[21] HHStAW 518 39589 I (145).

[22] HHStAW 685 23 Ein­kom­men­steu­er (25, 43).

[23] Am 29.6.1934 ging ein Schrei­ben beim Finanz­amt Wies­ba­den ein, laut dem Max Bacha­rach aus sei­ner Ein­la­ge bei ‚Bacha­rach & Waitz­fel­der’ für das Jahr 1933 Zin­sen in Höhe von 1.600 RM gut­ge­schrie­ben wor­den sei­en. Sie­he HHStAW 685 23 Ein­kom­men­steu­er (12). Ebd. (15). Max Bacha­rach hat­te durch sei­nen Steu­er­be­ra­ter Wer­bungs­kos­ten gel­tend gemacht, die daher resul­tier­ten, dass sein “Man­dant nach sei­nem Aus­schei­den aus der Fir­ma Bacha­rach und Waitz­fel­der bei die­ser Fa. noch ein grö­ße­res Gut­ha­ben unter­hielt und außer­dem noch Bürg­schaft leis­tet. Zur Kon­trol­le sei­ner For­de­rung als auch Bürg­schaft ist es erfor­der­lich, dass mein Man­dant min­des­tens ein­mal im Jahr nach Augs­burg fährt, wodurch ihm obi­ge Kos­ten als Min­dest­be­trag entstehen.“

[24] Aus­kunft Stadt­ar­chiv Augsburg.

[25] 685 23 c (1).

[26] HHStAW 685 23 Ein­kom­men­steu­er (41).

[27] HHStAW 518 51751 (21). In einer Ver­mö­gens­er­klä­rung aus dem Jahr 1940, in der Max Bacha­rach auch sei­ne Ein­künf­te ange­ben muss­te, trug er in das For­mu­lar für das lau­fen­de Jahr aller­dings den Betrag 8.500 RM ein, das erwar­te­te Ein­kom­men für das fol­gen­de Jahr gab er mit 6.500 RM an, sie­he HHStAW 519/​3 1084 (39a).

[28] Die Dresd­ner Bank, ansons­ten immer ein getreu­er Zuar­bei­ter des Regimes, teil­te der Devi­sen­stel­le am 28.11.1938 „der Ord­nung hal­ber mit, dass uns die im Depot des Herrn Bacha­rach, Wies­ba­den, befind­li­chen Wert­pa­pie­re im Kurs­wert von RM 43.000.– zur Siche­rung einer Bürg­schaft des Herrn Bacha­rach zu Guns­ten der Fir­ma Bie­brich & Waitz­fel­der, Augs­burg, bis zum Höchst­be­trag von RM 45.000.— die­nen“. Die­se älte­ren Rech­te wür­den den spä­ter auf­er­leg­ten Ansprü­chen des Staa­tes vor­an­ge­hen, beton­te die Bank noch ein­mal in einem wei­te­ren Schrei­ben vom 24.9.1938. HHStAW 519/​3 1084 (12, 16).

[29] HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (71).

[30] HHStAW 519/​3 1084 (3).

[31] Ebd.

[32] HHStAW 518 39589 I (3).

[33] https://collections.arolsen-archives.org/archive/130567300/?p=1&s=Werner%20Stadthagen&doc_id=130567300,
https://collections.arolsen-archives.org/archive/7172793/?p=1&s=Werner%20Stadthagen&doc_id=7172794 und https://collections.arolsen-archives.org/archive/10758619/?p=1&s=Werner%20Stadthagen&doc_id=10758619. (Zugriff: 20.1.2022).

[34] Tat­säch­lich wur­den ihm im Zusam­men­hang mit sei­nem spä­te­ren Aus­rei­se­be­geh­ren am 11.2.1938 bzw. am 13.12.1938 sowohl ein Leu­munds­zeug­nis als auch ein poli­zei­li­ches Füh­rungs­zeug­nis aus­ge­stellt, wor­in ihm beschei­nigt wur­de, dass er „noch nie wegen eines Ver­bre­chens oder Ver­ge­hens ver­ur­teilt wor­den ist, soweit bekannt, sich nicht mit anar­chis­ti­schen oder poli­ti­schen Umtrie­ben abgibt und auch kein Anhän­ger irgend einer Grup­pe ist, die sich zum gewalt­sa­men Umsturz bestehen­der Regie­rungs­for­men bekennt.“ Ebd. (6, 7).

[35] Ebd (49).

[36] HHStAW 519/​3 1084 (5).

[37] Ebd. (6 f.).

[38] HHStAW 685 23 c (21, 24). Dass die­se Süh­ne­leis­tung tat­säch­lich gezahlt wur­de, wur­de im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren durch ein Schrei­ben des Wies­ba­de­ner Finanz­amts vom 21.2.1947 bestä­tigt, sie­he HHStAW 685 23 a Ein­kom­men­steu­er (o.P.). Ein gro­ßer Teil der For­de­run­gen, mehr als 50.000 RM, wur­de durch die Abga­be von Wert­pa­pie­ren begli­chen, sie­he HHStAW 518 51751 II (32 f., 53 f.).

[39] HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (82). Die Käu­fer über­nah­men eine auf dem Haus­grund­stück ein­ge­tra­ge­ne Hypo­thek von 44.000 RM, sodass knapp 70.000 RM zur Aus­zah­lung kamen.

[40] Ebd. (73).

[41] HHStAW 519/​3 1084 (5). Weil der Kauf­preis nicht zur frei­en Ver­fü­gung der Ver­käu­fer gelang­te, wur­de die Immo­bi­lie 1952 den ehe­ma­li­gen Eigen­tü­mern bzw. deren Erben zurück­er­stat­tet, sie­he HHStAW 519 51751 (15 ff.).

[42] Ebd. (50, 53).

[43] HHStAW 519 /​3 1084 (18 f.).

[44] Der Name Cal­lo­mon schreibt sich eigent­lich mit Doppel-„l“.

[45] HHStAW 685 23 a Ein­kom­men­steu­er (17).

[46] Der Ver­trag wur­de am 1.6.1939 geschlos­sen. Falls das Geld nicht inner­halb der nächs­ten 30 Tage zur Ver­fü­gung ste­hen wür­de, soll­te der Schen­kungs­be­trag in Form von Wert­pa­pie­ren über­ge­ben wer­den. Dem­nach war das Geld für den Haus­ver­kauf seit einem hal­ben Jahr noch nicht ein­ge­gan­gen, wes­halb auch Ger­hard Mey­er mit sei­ner Fami­lie nicht län­ger hat war­ten kön­nen und Max Bacha­rach ihm den oben erwähn­ten Vor­schuss gab.

[47] Ebd. (28).

[48] Ebd. (29). Die Schen­kung war den­noch geneh­migt wor­den, sie­he ebd. (30). Max Rikoff hat im Novem­ber 1939 einen wei­te­ren Betrag über 271,88 RM als Rück­erstat­tung erhal­ten, für wel­chen Zweck, ist unklar.

[49] Ebd. (37, 39a, 41, 44).

[50] Ebd. (42).

[51] Ebd. (46). Es gab zwar auch in Wies­ba­den jüdi­sche Bür­ger namens Flörs­heim, aber Mar­tha und ihre Toch­ter Ger­tru­de hie­ßen Flörs­hei­mer. Mar­tha Flörs­hei­mer, gebo­re­ne Oppen­hei­mer, war am 1.9.1942 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wor­den, sie gehör­te aber zu den Weni­gen, die die Lager­zeit über­leb­ten und im Juni 1945 nach Wies­ba­den zurück­keh­ren konn­ten. Ihre Toch­ter war zuvor am 10.6.1942 nach Lub­lin depor­tiert wor­den. Sie wur­de in Sobi­bor ermordet.

[52] HHStAW 519/​3 1084 (54).

[53] Vik­tor Hirsch­feld wur­de am 15.6.1942 nach Sobi­bor depor­tiert und ermordet.

[54] HHStAW 519/​3 1084 (55).

[55] HHStAW 685 23 a Ein­kom­men­steu­er (o.P.).

[56] HHStAW 483 10127 (46, 95).

[57] Sie­he dazu oben das Kapi­tel über die Errich­tung der Juden­häu­ser.

[58] Für das Ehe­paar Strauss hat das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se ein Erin­ne­rungs­blatt her­aus­ge­ge­ben, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​S​t​r​a​u​s​s​-​M​a​x​-​M​a​r​i​e​.​pdf. (Zugriff: 20.1.2022).

[59] HHStAW 685 23 a (o.P.) Brief von Rechts­an­walt Dietz vom 3.9.48. Dies könn­te eine mög­li­che Erklä­rung für die obi­ge Mel­dung auf dem Papier des Zel­len­warts sein.

[60] HHStAW 519/​3 1084 (62). Das glei­che Umzugs­da­tum ist auch auf der Gestapo­kar­tei­kar­te vermerkt.

[61] HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (5).

[62] HHStAW 685 23 a Ein­kom­men­steu­er (o.P.) und HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (45).

[63] HHStAW 518 51751 (39).

[64] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​4​6​0​4​9​5​&​i​n​d=1 und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​4​6​0​4​9​6​&​i​n​d​=​1​,​d​azu https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​4​7​0​8​-​m​a​x​-​b​a​c​h​a​r​a​ch/ und https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​4​7​0​7​-​m​a​r​t​h​a​-​b​a​c​h​a​r​a​ch/ (Zugriff: 20.1.2022).
Im Rah­men des amt­li­chen Todes­er­klä­rungs­ver­fah­rens hat­te die Städ­ti­sche Betreu­ungs­stel­le fälsch­li­cher­wei­se noch ange­nom­men, dass das Ehe­paar Bacha­rach nach Ausch­witz depor­tiert wor­den sei. Man hat­te sogar damals  im August 1945 geglaubt, dass „noch Hoff­nun­gen auf eine Rück­kehr (bestehen wür­den), da immer noch eini­ge Häft­lin­ge über ande­re Läger zurück­keh­ren wür­den)“. HHStAW  (7). Auch bei Abschluss des Ver­fah­rens war man noch der Mei­nung, sie sei­en in Ausch­witz ums Leben gekommen.

[65] HHStAW 685 23 b Ver­mö­gen­steu­er (90). Fälsch­li­cher­wei­se ist das Depor­ta­ti­ons­da­tum hier mit dem 26.9.1942 angegeben.

[66] Zu sei­ner Arbeit im Frank­fur­ter Her­mes­weg sie­he Opfer­mann, Her­mes­weg, zum Schick­sal der Fami­lie sie­he oben das Kapi­tel zur Fami­lie Gut­h­mann.

[67] HHStAW 469/​33 2146 (27).

[68] https://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​4​7​0​4​-​j​o​s​e​f​-​b​a​c​h​a​r​a​ch/. (Zugriff: 20.1.2022)

[69] Laut ‚Map­ping the Lives’ hat­te er dort 1939 im Stadt­teil Lich­ten­berg in der Hirsch­ber­ger Str. 2 im zwei­ten Stock gewohnt, sie­he https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​1​1​f​9​4​7​f​e​-​f​f​3​1​-​4​b​a​5​-​9​5​a​f​-​c​8​b​2​1​f​1​a​c​200. (Zugriff: 20.1.2022).

[70] https://www.mappingthelives.org/bio/b1a0a5ca-4793–44dc-a912-849bd8e94e12 und https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​e​6​c​d​c​b​2​c​-​5​8​a​f​-​4​0​7​a​-​9​5​7​e​-​d​6​d​0​e​0​9​a​f​dcd. (Zugriff: 20.1.2022).

[71] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​1​0​6​8​/​i​m​a​g​e​s​/​K​_​1​8​5​6​_​0​8​0​6​1​5​-​0​4​0​9​?​p​I​d​=​1​1​3​1​6​537. (Zugriff: 20.1.2022).

[72] https://​www​.ancestry​.de/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​t​r​e​e​/​1​7​9​0​1​7​8​3​5​/​f​a​m​i​l​y​/​f​a​m​i​l​y​v​i​e​w​?​_​p​h​s​r​c​=​E​k​t​4​7​5​0​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​r​c​e​&​c​f​p​i​d​=​2​5​2​3​3​3​2​3​1​5​2​4​&​f​p​i​d​=​2​5​2​3​3​3​2​3​1​5​2​4​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​rue, (Zugriff: 20.1.2022) Die­se Anga­ben sind bis­her nicht durch amt­li­che Quel­len gesichert.

[73] Fami­li­en­buch Erlan­gen, http://www.lorlebergplatz.de/juden_in_erlangen_I_R‑Z.pdf. (Zugriff: 20.1.2022). Da ande­re Anga­ben des Fami­li­en­buchs zur Fami­lie Rosen­fels nach­weis­lich nicht rich­tig sind – der Ster­be­ein­trag zu Cloe ist defi­ni­tiv falsch – sind auch die­se und die wei­te­ren Anga­ben aus die­ser Quel­le mit Vor­sicht zu betrachten.

[74] Sie wird auch in der roman­haf­ten Bio­gra­phie von Regi­nas und Jet­tes Bru­der Hein­rich Berg­mann, dem Afri­ka­aus­wan­de­rer, erwähnt, als die­ser sei­ne Schwes­ter in Augs­burg besuchte:
“Hen­ry and his par­ents set off for Augs­burg in a hor­se drawn car­ria­ge. They were going to spend a night the­re with his sis­ter, Jet­te Bacha­rach, befo­re boar­ding a train to Frank­furt. After a few hours, they saw the twin spi­res of Augsburg’s cathe­dral glin­ting in the after­noon sun, and soon they were enjoy­ing Jette’s warm clear chi­cken soup with dum­plings and thin sli­ces of car­rot. Hen­ry was plea­sed to see her again after so many years, and the sight of her baby daugh­ter, Pep­pi, made him think about Jen­ny, and that soon they would also have child­ren to cher­ir­sh.” Yamey, Ali­wal, S. 177.

[75] Fami­li­en­buch Erlan­gen. Sie­he http://www.lorlebergplatz.de/juden_in_erlangen_I_R‑Z.pdf. (Zugriff: 20.1.2022).

[76] Ebd.

[77] Anfang der 30er Jah­re gab es in Ham­burg einen Zigar­ren­händ­ler Sig­mund Rosen­fels, der mög­li­cher­wei­se der Sohn von Pep­pi und Jakob Rosen­fels war.

[78] Laut Fami­li­en­buch Erlan­gen war er mit Frie­da Götz, gebo­ren am 29. Mai 1871 in Nürn­berg, verheiratet.

[79] https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​6​3​9​3​6​6​:​1​4​1​1​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​b​d​c​f​a​f​7​0​a​d​7​f​9​2​8​9​8​6​0​2​d​c​9​7​8​a​b​7​7​3​8​9​&​_​p​h​s​r​c​=​E​k​t​4​7​2​1​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 20.1.2022). Das Geburts­jahr des Ver­stor­be­nen ist mit unge­fähr 1888 angegeben.

[80] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​5​9​7​5​0​1​&​i​n​d=1, dazu https://www.ushmm.org/online/hsv/wexner/cache/1642671429–1279368-RG-15.083M.0203.00000514.jpg. (Zugriff: 20.1.2022). Ihr Mann war am 6.5.1876 in Augs­burg als Sohn von Albert Neu­bur­ger gebo­ren wor­den, sie­he https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​4​4​9​1​7​4​3​6​:​9​866. (Zugriff: 20.1.2022). Es scheint, als sei­en die Eltern von Fritz auch begü­tert gewe­sen, denn Fritz hat­te bereits 1895 als 19-Jäh­ri­ger – viel­leicht im Rah­men sei­ner beruf­li­chen Aus­bil­dung als Kauf­mann – eine Rei­se nach New York ange­tre­ten. Wie lan­ge er damals in den USA geblie­ben war, ist nicht bekannt. Sie­he https://​www​.ancestry​.de/​d​i​s​c​o​v​e​r​y​u​i​-​c​o​n​t​e​n​t​/​v​i​e​w​/​5​0​6​6​7​9​:​1​0​6​8​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​0​6​7​7​9​6​e​e​4​d​9​1​1​f​b​4​b​6​4​2​4​c​e​e​5​a​7​a​f​b​a​d​&​_​p​h​s​r​c​=​E​k​t​4​7​3​2​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 20.1.2022).

[81] https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​a​3​1​a​8​5​a​1​-​b​b​c​8​-​4​1​8​f​-​8​c​9​a​-​e​a​f​b​a​c​1​b​e​8c4. (Zugriff: 20.1.2022)

[82] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​5​9​9​9​8​8​&​i​n​d=1 und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​5​9​7​5​0​0​&​i​n​d=1. (Zugriff: 20.1.2022).
Zu Chelm­no sie­he Klein, Peter, Kulm­hof /​ Chelm­no – ein Todes­la­ger im ‚Reichs­gau Wart­hel­and’, in: Im Schat­ten von Ausch­witz, S. 45–61. Den Vor­gang des dort prak­ti­zier­ten Mas­sen­mords beschreibt Klein folgendermaßen: 
“Die ers­te Pha­se des Mas­sen­mor­des in Kulm­hof begann am 8. Dezem­ber 1941. Opfer waren Juden aus den benach­bar­ten Amts­be­zir­ken sowie Sin­ti und Roma aus dem Ghet­to Litz­mann­stadt. Damit begann auch die ‚Opti­mie­rung’ der ein­zel­nen Schrit­te, die das rei­bungs­lo­se Mor­den gewähr­leis­ten soll­ten. Wäh­rend der ers­ten Tötun­gen dien­te das Guts­haus nur als Umstei­ge­sta­ti­on in die Gas­wa­gen, mit denen die Opfer zu den Gru­ben des Wald­la­gers trans­por­tiert wur­den, wo dann die Ver­ga­sun­gen in den Wagen statt­fan­den. Die­ser Ablauf änder­te sich spä­ter. Bis zur Auf­lö­sung des Lagers am 7. April 1943 eta­blier­te sich fol­gen­de Vor­ge­hens­wei­se zur Tötung der Opfer:
Bei Ankunft fuhr jeweils ein ein­zel­ner die­ser Lkws durch das geöff­ne­te Tor auf den soge­nann­ten Schloss­hof. Anschlie­ßend muss­ten die Män­ner, Frau­en und Kin­der aus­stei­gen. Zuerst erklär­te ihnen ein, manch­mal mit einem wei­ßen Kit­tel beklei­de­tes, Mit­glied des Son­der­kom­man­dos, sie wür­den nun zum Arbeits­ein­satz wei­ter­trans­por­tiert. Davor jedoch müss­ten sämt­li­che Per­so­nen noch geduscht und des­in­fi­ziert wer­den. Dies geschä­he in den Räu­men des Guts­hau­ses, in das die Men­schen über eine Außen­trep­pe kamen, wo sie sich in einem grö­ße­ren Raum aus­zie­hen muss­ten. Einer der pol­ni­schen Häft­lin­ge regis­trier­te Wert­sa­chen und Klei­dungs­stü­cke zum Schein. Nach­dem sie sich ent­klei­det hat­ten, wur­den die Opfer dann zu einer Kel­ler­trep­pe getrie­ben, wo ein Schild mit der Auf­schrift ‚Zum Bad’ ange­bracht war. Zöger­ten die Men­schen beim Hin­ab­stei­gen, prü­gel­ten die Bewa­cher auf sie ein. Durch einen Kel­ler­gang, der sich über die gesam­te Län­ge des Gebäu­des zog, wur­den die Men­schen wei­ter­ge­trie­ben. Der Gang führ­te auf der ande­ren Sei­te zu einer Trep­pe wie­der hin­auf ins Freie auf eine Ram­pe, an deren Ende in glei­cher Höhe der Ver­ga­sungs­wa­gen mit geöff­ne­ten Heck­tü­ren stand. Die meis­te Zeit waren drei sol­cher ben­zin­be­trie­be­nen Last­wa­gen, die von außen dun­kel gestri­che­nen Möbel­wa­gen gli­chen, im Ein­satz. In die zwei klei­ne­ren pass­ten etwa jeweils 60 bis 80 Per­so­nen hin­ein, der grö­ße­re Lkw fass­te etwa 100 bis 120 Personen.
Die schrei­en­den und schla­gen­den deut­schen Gesta­po- und Poli­zei­be­am­ten und der kaum beleuch­te­te Kel­ler­gang sorg­ten dafür, dass die Men­schen den Flur in Panik ent­lang­has­te­ten, schon weil am ande­ren Ende das Tages­licht und der Trep­pen­auf­gang ins Freie zu sehen waren. Die­se Täu­schung sorg­te dafür, dass die Opfer wie von selbst in den Kas­ten­auf­bau des Mord­ge­fährts dräng­ten. Waren sämt­li­che Men­schen gefan­gen, wur­den die Heck­tü­ren ver­schlos­sen. Unter den Wagen befand sich ein beweg­li­ches Mit­tel­teil des Aus­puff­rohrs, das abge­schraubt und in einem Loch am Wagen­bo­den ange­schraubt wer­den konn­te. Wur­de der Motor ange­las­sen, gelang­ten die pro­du­zier­ten Abga­se so in den Kas­ten­auf­bau, und die Men­schen erstick­ten durch das Koh­len­mon­oxid. In der unmit­tel­ba­ren Umge­bung des Wagens auf dem Hof waren die Schreie der Men­schen und ihr ver­zwei­fel­tes Klop­fen deut­lich zu hören. Nach einer Lei­dens­zeit von meh­re­ren Minu­ten trat etwa sie­ben bis acht Minu­ten spä­ter Bewusst­lo­sig­keit und nach etwa zwei wei­te­ren Minu­ten der Tod ein.
Der Fah­rer des Gas­wa­gens ließ den Motor etwa 15 Minu­ten lau­fen; anschlie­ßend wur­de das fle­xi­ble Rohr­teil wie­der gelöst und mit dem eigent­li­chen Aus­puff­rohr ver­bun­den. Nun ver­ließ der Lkw den Hof und fuhr zum Wald­la­ger, das nach außen hin von den Schutz­po­li­zei­be­am­ten bewacht wur­de. Dort fuhr der Wagen an die lang­ge­streck­ten Gru­ben her­an, wo ein jüdi­sches Arbeits­kom­man­do die Lei­chen aus dem Kas­ten­auf­bau zog. Bevor es die Toten in die Gru­ben sta­pel­te, muss­te sie das Kom­man­do peni­bel nach ver­steck­ten Wert­sa­chen unter­su­chen, selbst Gold­zäh­ne wur­den den Ermor­de­ten her­aus­ge­bro­chen.“
Ebd. S. 52

[83] HHStAW 518 39589 I (53).

[84] Ebd. III (11).

[85] Ebd. II (288). Eine Schwes­ter von Wil­frie­de Strauss leb­te in Kapstadt.

[86] Ebd. II (289, 301).

[87] Ebd. I (101 f, 124 f.).

[88] Ebd. I (126).

[89] Ebd. III (104).