Julie Schönstädt


Judenhäuser Wiesbaden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Helene Wreschner, Frieda Strauß Goldschidt, Paul Leo Goldschmidt, Charlotte Goldschmidt
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus in der Her­mann­str. 17
Eige­ne Aufnahme
Wiesbaden, Juden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Frieda Goldschmidt, Philippsbergstr. 25
Lage des Juden­hau­ses Her­mann­str. 17
Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17
Bele­gung des Juden­hau­ses Her­mann­str. 17

 

 

 

 

 

 


Julie Schön­städt, eine älte­re ledi­ge Frau, ver­brach­te wohl zuletzt noch weni­ge Tage im Juden­haus in der Her­mann­str. 17, bevor sie Wies­ba­den ver­ließ. Gesi­chert ist das aber nicht, denn die­se Adres­se erscheint auf kei­nem amt­li­chen Schrei­ben und ist auch nicht auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ver­merkt. Ein­zig auf einer Lis­te, die ver­mut­lich unmit­tel­bar nach der Depor­ta­ti­on vom 10. Juni erstellt wur­de, erscheint ihr Name mit die­ser Adres­se.[1]

Gottschalk Schönstädt, Julie Schönstädt, Judenhaus Hermannstr. 17, Wiesbaden
Das Sie­gel ent­stammt einem Brief von Gott­schalk Schön­städt von 1894 und zeigt das gekreuz­te Ger­ber­mes­ser, das Zunft­zei­chen der Ger­ber
Mit Geneh­mi­gung von M. Win­kel­mann wur­de das Bild sei­nem Buch S. 84 ent­nom­men, sie­he Anm. 4

Wie lei­der nur all­zu oft bei soge­nann­ten „klei­nen Leu­ten“ sind auch im Fal­le der Haus­an­ge­stell­ten Julie Schön­städt die Doku­men­te und Quel­len, die Aus­kunft über ihr Leben geben, sehr rar. Ursprüng­lich leb­te die eigent­lich recht gro­ße Fami­lie Schön­städt in Nord­hes­sen in der nähe­ren Umge­bung von Arol­sen. Hirsch Schön­städt, der Groß­va­ter von Julie, war in dem öst­lich von Arol­sen gele­ge­nen Wei­ler Land­au mit Men­del Ruben Levy ver­hei­ra­tet. Wel­chen Beruf er aus­üb­te, ist nicht bekannt. Aus der Ehe sind aber ver­mut­lich sie­ben Kin­der her­vor­ge­gan­gen.[2] Nach dem ältes­ten Sohn Kop­pel folg­te am 11. Dezem­ber 1821 Gott­schalk, der Vater von Julie.[3] 1859 hat­te Gott­schalk die aus dem etwa 30 km ent­fern­ten Nie­der­mars­berg stam­men­de Hen­ri­et­te /​ Jet­te Lene Dal­berg gehei­ra­tet. Das Paar zog nach Lui­sen­thal, wo Gott­schalk Schön­städt eine Loh­ger­be­rei betrieb.[4] Das eigens kon­zi­pier­te Sie­gel der Fami­lie bezeugt sicher nicht nur den Stolz auf ein Hand­werk mit lan­ger Tra­di­ti­on, son­dern lässt wohl auch auf recht ein­träg­li­che Geschäf­te schließen.

Gottschalk Scönstädt, Julie Schönstädt, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 17
Das Eltern­haus von Julie Schön­städt in Lui­sen­thal bei Arol­sen
Mit Geneh­mi­gung von M. Win­kel­mann wur­de das Bild sei­nem Buch S. 85 ent­nom­men, sie­he Anm. 4

Nach Anga­ben von Win­ckel­mann wur­den dem Paar ins­ge­samt acht Kin­der gebo­ren, wovon das ältes­te, Her­mann, aber schon 1862, im Jahr sei­ner Geburt, wie­der starb. „Die Kin­der Phil­ipp, Hen­ri­et­te Jul­chen, Rudolf und Juli­us hei­ra­te­ten Ende des letz­ten Jahr­hun­derts und zogen weit weg in die Städ­te. In der Nähe blieb nur Rudolf Schön­städt, der mit sei­ner Frau Lina Stern nach Wrexen zog.“[5] Die­se Anga­ben sind zumin­dest, was Jul­chen, respek­ti­ve Julie, betrifft, nicht rich­tig, denn sie war bis zu ihrem Lebens­en­de ledig geblie­ben. Zudem war der genann­te Rudolf Schön­städt, ver­hei­ra­tet mit Lina Stern, kein Bru­der von Julie, son­dern ihr Nef­fe zwei­ten Gra­des.[6]

Sally Schönstädt, Mathilde Meta Schönstädt, Ida Schönstädt, Anna Saffra Schönstädt
Depor­ta­ti­ons­lis­te vom 20. 7. 1942 von Ham­burg nach Theresienstadt

Tat­säch­lich konn­te aber über das Schick­sal der ver­schie­de­nen Geschwis­ter von Julie nur wenig in Erfah­rung gebracht wer­den. Eini­ge waren in Lui­sen­thal, ande­re in Hel­sen zur Welt gekom­men, bei­des Orts­tei­le des heu­ti­gen Bad Arol­sen. Die bei­den jüngs­ten Geschwis­ter, Selig /​ Sali /​ Sal­ly und Meta waren wohl in Arol­sen geblie­ben und führ­ten dort in der Bahn­hofstr. 100 ein klei­nes Tex­til­ge­schäft, das aber pri­mär als Hau­sier­han­del betrie­ben wur­de. Der am 20. Juni 1869 gebo­re­ne Sal­ly war mit Ida Schloss ver­hei­ra­tet. Nicht nur Sal­lys Schwes­ter, die am 30. April 1873 gebo­re­ne Mat­hil­de Meta, son­dern auch die Mut­ter wohn­te nach dem Tod ihres Man­nes Hirsch Schön­städt im Jahr 1902 mit im Haus in der Bahn­hof­stra­ße. Aber auch die­ser Zweig der Fami­lie muss die nord­hes­si­sche Hei­mat bald ver­las­sen haben, denn die Toch­ter Anna Saf­ra wur­de am 26. Febru­ar 1911 in Ham­burg-Alto­na gebo­ren.[7] Über ihr Leben in dem stark jüdisch gepräg­ten Vier­tel Ham­burgs gibt es kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen. Zuletzt leb­ten sie dort im Juden­haus Rutsch­bahn 25 a.[8] Am 20. Juli 1942 wur­den Sal­ly, sei­ne Frau Ida und sei­ne Schwes­ter Meta Mat­hil­de von dort aus nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Nach weni­gen Wochen, am 21. Sep­tem­ber, brach­te ein Zug alle drei zur Ver­nich­tung nach Treblinka.

Julie Schönstädt, Sally Schönstädt, Meta Schönstädt
Page of Tes­tim­o­ny für Anna Saf­ra Schön­städt in Yad Vas­hem
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Sch%C3%B6nst%C3%A4dt&s_firstName=Anna&s_place=&s_dateOfBirth=

Der inzwi­schen erwach­se­nen Toch­ter Anna Saf­ra war zuvor die Emi­gra­ti­on in die Nie­der­lan­de gelun­gen. Wann dies geschah und unter wel­chen Umstän­den sie dort leb­te, ist nicht bekannt. Nach dem Ein­marsch der deut­schen Trup­pen war es in Hol­land für Juden nahe­zu so unsi­cher gewor­den, wie in Deutsch­land. Auch Anna Saf­ra konn­te ihre Ver­fol­ger nicht abschüt­teln. Sie wur­de ver­mut­lich in Ams­ter­dam auf­ge­grif­fen und nach Ausch­witz depor­tiert. Yad Vas­hem gibt ihren Todes­tag mit dem 19. Novem­ber 1943 an.[9]

Wäh­rend über das Schick­sal von Julies Geschwis­tern Phil­ipp, Hen­ri­et­te und Rudolf nichts bekannt ist, ein Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ist für sie nicht vor­han­den, so ist zumin­dest sicher, dass ihr jün­ge­rer Bru­der Juli­us mit sei­ner Fami­lie die Shoa über­leb­ten.[10]
Der am 8. Novem­ber 1874 gebo­re­ne Juli­us grün­de­te mit 24 Jah­ren in dem süd­lich von Mag­de­burg gele­ge­nen Staß­furt ein Klei­dungs­ge­schäft, das offen­sicht­lich von der Bevöl­ke­rung sehr gut ange­nom­men wur­de. Schon bald konn­te in der Stadt ein drei­stö­cki­ges Haus erwor­ben wer­den, in dem eine wei­te­re Filia­le für Her­ren- und Kna­ben­ar­ti­kel eröff­net wur­de, das zugleich als Wohn­haus für die Fami­lie dien­te. Juli­us hat­te – das genaue Datum ist nicht bekannt – die aus Hal­le stam­men­de Elli Leon­ti­ne Rech­nitz gehei­ra­tet. Aus die­ser Ehe waren am 25. Juli 1904 zunächst der Sohn Her­mann, dann am 11. August 1906 die Toch­ter Edith her­vor­ge­gan­gen. Bei­de Kin­der wan­der­ten recht­zei­tig aus, Her­mann um 1938 nach Paläs­ti­na und Edith hei­ra­te­te den Schwei­zer Isi­dor Rie­mer und leb­te mit ihm fort­an in Zürich. Es scheint etwas län­ger als in manch ande­ren Orten gedau­ert zu haben, bis aus den bis­her in Staß­furt so belieb­ten und geach­te­ten Geschäfts­leu­ten Schön­städt „Volks­fein­de“ wur­den, denen man jeg­li­che Bür­ger­rech­te ent­zie­hen woll­te. Aber 1938 wur­de in der Pogrom­nacht auch ihr Laden geplün­dert und zer­stört und Juli­us Schön­städt zusam­men mit ande­ren Staß­fur­ter Juden in „Schutz­haft“ genom­men. Das ein­mal so belieb­te Geschäft wur­de nicht ari­siert, son­dern liqui­diert, was bedeu­tet, dass es den bis­he­ri­gen Inha­bern nicht mög­lich war, den Laden noch zu ver­kau­fen. Es bestehe kein Bedarf an einem sol­chen Geschäft in Staß­furt, hat­te der Land­rat ver­kün­det. Haus und Grund­stück hin­ge­gen muss­ten 1939 zwangs­wei­se ver­kauft wer­den. Waren Juli­us und Elli schon auf die­se Wei­se um wesent­li­che Tei­le ihres Eigen­tums gebracht wor­den, so wur­den wei­te­re Kapi­ta­li­en fäl­lig, als sie dann eben­falls Deutsch­land ver­lie­ßen, um wenigs­tens ihr Leben zu ret­ten. Als ers­te Sta­ti­on auf ihrem lan­gen Weg in die Emi­gra­ti­on dien­te der Wohn­sitz ihrer Toch­ter in der Schweiz, aber blei­ben konn­ten sie hier ange­sichts der restrik­ti­ven Ein­wan­de­rungs­po­li­tik der Eid­ge­nos­sen nicht. Am 27. April 1939 reis­ten sie nach Boli­vi­en aus, wo sie die fol­gen­den Jah­re unter schwie­rigs­ten Ver­hält­nis­sen leben muss­ten. Erst 1947 durf­ten sie dann zu ihrer Toch­ter in die Schweiz kom­men. Juli­us Schön­städt ver­starb dort noch im sel­ben Jahr am 3. Okto­ber 1947, sei­ne Frau Elli am 7. März 1949. Vor ihrem ehe­ma­li­gen Haus in Staß­furt wur­den am 14. Okto­ber 2011 Stol­per­stei­ne zur Erin­ne­rung an die frü­he­ren Bewoh­ner gelegt.

Stol­per­stein in Straß­furt für Juli­us Schön­städt
Von Mige­bert — Eige­nes Werk, CC BY-SA 4.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​7​6​9​9​279
Stol­per­stein in Straß­furt für Elli Schön­städt
Von Mige­bert — Eige­nes Werk, CC BY-SA 4.0, https://​com​mons​.wiki​me​dia​.org/​w​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​c​u​r​i​d​=​5​7​6​9​9​275

Auch bei der am 30. Novem­ber 1866 gebo­re­nen Julie Schön­städt ist nicht bekannt, wann sie ihre Hei­mat­stadt ver­ließ. Schrift­bild und Aus­druck der weni­gen hand­schrift­li­chen Doku­men­te las­sen dar­auf schlie­ßen, dass sie auch nur eine rudi­men­tä­re Aus­bil­dung erhal­ten hat­te und ver­mut­lich schon bald als Hil­fe in ande­ren Haus­hal­ten arbei­ten muss­te. Wann sie erst­mals eine sol­che Anstel­lung in Wies­ba­den fand, lässt sich nicht mehr fest­stel­len. In den Adress­bü­chern der Stadt ist sie, die kei­nen eige­nen Haus­halt führ­te, nicht ver­zeich­net. Erst­mals ist sie als Bewoh­ne­rin der Stadt im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 nach­weis­bar. Damals wohn­te sie – ihr Beruf ist hier vage als „Hand­ar­bei­te­rin“ ange­ge­ben – am Michels­berg 28, unmit­tel­bar gegen­über der Syn­ago­ge. Aller­dings wohn­te in dem Haus mit damals etwa 20 Miet­par­tei­en nur eine wei­te­re jüdi­sche Per­son, eine Stu­den­tin, sodass man davon aus­ge­hen muss, dass sie damals dort noch in einem nicht­jü­di­schen Haus­halt ange­stellt war.

Ihre nächs­te Adres­se, die ers­te, die auf ihrer 1939 erstell­ten Gesta­po-Kar­tei­kar­te ein­ge­tra­gen ist, war die Rhein­str. 34, wo sie bei der Damen­schnei­de­rin D. Hüb­ner wohn­te. Ob sie hier auch ange­stellt war oder als Unter­mie­te­rin nur zum Ein­kom­men der Schnei­de­rin bei­trug, ist nicht bekannt. Ab dem 25. Okto­ber 1939 war sie dann im Haus­halt des Schnei­ders Sal­ly Blum und des­sen Frau Karo­li­ne, gebo­re­ne Wein­ber­ger, beschäf­tigt.[11]

Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17, Juden Wiesbaden, Arolsen
Ver­mö­gens­er­klä­rung von Julie Schön­städt
HHStAW 519/​3 7972 (5)

Wie viel sie hier ver­dien­te, lässt sich aus ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung nicht wirk­lich ent­neh­men. Im Juli 1940 hat­te die Devi­sen­stel­le Frank­furt gegen sie eine Siche­rungs­an­ord­nung erwirkt und sie zur Abga­be einer sol­chen Erklä­rung auf­ge­for­dert. Sie besaß damals immer­hin ein Bank­gut­ha­ben von mehr als 16.000 RM.[12] Da sie die­ses klei­ne Ver­mö­gen sicher nicht durch ihre Arbeit hat­te anhäu­fen kön­nen, ist davon aus­zu­ge­hen, dass es sich um ihren Erb­an­teil aus dem väter­li­chen Betrieb han­deln wird. Zudem besaß sie einen jähr­li­chen Ren­ten­an­spruch von 375 RM, der auf einer Reichs­schuld­buch­for­de­rung grün­de­te und halb­jähr­lich aus­ge­zahlt wur­de. Ver­mut­lich hat­te die­se Zah­lung die Devi­sen­stel­le auf den Plan geru­fen, denn die Reichs­schul­den­ver­wal­tung mach­te Anfang Juli 1940 die Frank­fur­ter Devi­sen­stel­le dar­auf auf­merk­sam, dass der am 1. Juli 1940 fäl­li­ge Betrag auf ein bis­her unge­si­cher­tes Kon­to flie­ße.[13] Die Kon­ten­si­che­rung erfolg­te unmit­tel­bar danach.

Judenhaus Wiesbaden, hermannstr 17
Julie Schön­städt teilt der Devi­sen­stel­le mit, dass sie ihre Wert­pa­pie­re bei der Deut­schen Bank hin­ter­legt hat
HHStAW 519/​3 23924 (3)

Die Devi­sen­stel­le hat­te bereits zuvor, im Dezem­ber 1939, ein Ver­fah­ren wegen Devi­sen­ver­ge­hens gegen sie eröff­net, da sie – so die Nach­richt der Reichs­bank an die Behör­de – im Besit­ze aus­län­di­scher Wert­pa­pie­re sei. Die­se Wert­pa­pie­re hat­te sie ent­ge­gen den Bestim­mun­gen des NS-Staa­tes zur Devi­sen­kon­trol­le bei sich zu Hau­se bewahrt und nicht in einer Bank hin­ter­legt. Man kann sicher davon aus­ge­hen, dass Julie Schön­städt kaum die Absicht gehabt haben wird, bewusst gegen die Geset­ze zu ver­sto­ßen, zu ver­mu­ten ist viel­mehr, dass ihr die­se Ver­pflich­tung nicht bekannt war. Viel­leicht hat­te sie auch die eigen­tüm­li­che Amts­spra­che der Reichs­bank gar nicht ver­stan­den und hat­te des­halb, der angeb­lich mehr­fa­chen Auf­for­de­rung, die Papie­re bei einer Bank zu hin­ter­le­gen, zunächst kei­ne Fol­ge geleis­tet. Nach­dem sie im April 1940 der Auf­for­de­rung nach­kam, wur­de das Ver­fah­ren ein­ge­stellt.[14]

Julie Schönstädt, Sally Blum, Judenhaus Hermannstr. 17 Wiesbaden
Mel­dung des Zel­len­lei­ters über die in sei­nem Bereich noch leben­den Juden – dar­un­ter Julie Schön­städt
HHStAW 483 10127 (132)

Das Gut­ha­ben, das Julie Schön­städt sicher auf­be­wahrt hat­te, um nach ihrem Arbeits­le­ben ein gesi­cher­tes Aus­kom­men für ihren Ruhe­stand zu haben, war ihr durch die Siche­rungs­an­ord­nung ent­zo­gen wor­den. Der zunächst gewähr­te Frei­be­trag von 300 RM wur­de auf 100 RM gekürzt, nach­dem sie in ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung den monat­li­chen Bedarf mit etwa 88 RM ange­ge­ben hat­te.[15]

Nicht nur die Finanz­be­hör­den hat­ten ein Auge auf Julie Schön­städt gewor­fen. Sie war auch bei der Gesta­po in den Ver­dacht gera­ten, ille­gal aus­wan­dern zu wol­len. Wor­auf die­se Annah­me grün­de­te, ist aus den Akten nicht ersicht­lich. Im Febru­ar 1942 hat­te die Frank­fur­ter Staats­po­li­zei­stel­le bei der Devi­sen­stel­le ange­fragt, ob Julie Schön­städt viel­leicht einen Antrag auf Ver­sen­dung von Umzugs­gut ein­ge­reicht hät­te. Die Devi­sen­stel­le ver­nein­te das, gab aber die Anfra­ge an die Deut­sche Bank wei­ter, die dar­auf­hin am 14. Febru­ar ant­wor­te­te, dass ihr von einem sol­chen Vor­ha­ben nichts bekannt und die letz­te Abhe­bung vom Kon­to am 27. Janu­ar 1942 erfolgt sei. Ein Bei­spiel für die „gute“ Zusam­men­ar­beit zwi­schen Behör­den und pri­va­ter Wirt­schaft, wenn es dar­um ging, die jüdi­schen Bewoh­ner zu kon­trol­lie­ren und zu drangsalieren.

Aus­zu­wan­dern kam für die inzwi­schen weit über sieb­zig­jäh­ri­ge Frau nicht mehr infra­ge. Wie sie schon in der Nach­richt an die Devi­sen­stel­le geschrie­ben hat­te, beab­sich­tig­te sie, die Zeit, die ihr noch blieb, in einem Heim, ver­mut­lich dem Jüdi­schen Alters­heim in der Gagern­stra­ße in Frank­furt, zu ver­brin­gen. Dazu kam es aber wohl nicht mehr. Zu den am 10. Juni 1942 aus Wies­ba­den depor­tier­ten gehör­te auch das Ehe­paar Blum, bei dem sie bis­her gewohnt und gear­bei­tet hat­te. Sie selbst ent­sprach wegen ihres hohen Alters nicht den Vor­ga­ben für die­sen Trans­port, der pri­mär noch arbeits­fä­hi­ge Juden in den Osten brin­gen soll­te. Aber auch Blums wur­den ver­mut­lich unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft in Lub­lin in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor über­stellt und umge­bracht.[16]

Es wer­den wohl nur weni­ge Tage im Juni 1942 gewe­sen sein, die Julie Schön­städt tat­säch­lich noch im Juden­haus Her­mann­str. 17 zuge­bracht hat­te. Des­we­gen erscheint ihr Name auch ein­zig mit die­ser Adres­se auf der Lis­te, die unmit­tel­bar nach dem 10. Juni erstellt wor­den sein muss. Ihre Gesta­po-Kar­tei­kar­te kennt die­se Adres­se nicht. Laut dor­ti­gem Ein­trag wur­de sie am 17. Juni 1942 aus der Lui­sen­str. 26 nach Frank­furt in das Jüdi­sche Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert. Der ehe­ma­li­ge Rechts­an­walt und spä­te­re „Kon­su­lent“ Bert­hold Gut­h­mann war am sel­ben Tag zu ihrem Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ten ernannt wor­den. Am 3. Juli 1942 teil­te er den Behör­den mit, dass Julie Schön­städt am Tag zuvor im Jüdi­schen Kran­ken­haus in der Gagern­str. 36 in Frank­furt ent­schla­fen sei.[17] Laut Ster­be­buch der Stadt Frank­furt war sie aller­dings bereits am 1. Juli dort ver­stor­ben.[18] Es gibt noch eine wei­te­re Unklar­heit bezüg­lich ihres Todes. In der Daten­bank der Gedenk­stät­te Neu­er Börn­eplatz wird als Todes­ur­sa­che Selbst­mord ange­ge­ben und ein Zusam­men­hang zu den Depor­ta­tio­nen her­ge­stellt, die in die­sen Tagen auch von Frank­furt aus­gin­gen. Im Ster­be­ein­trag wer­den hin­ge­gen „Herz­mus­kel­schwä­che – Alters­schwä­che – Chro­ni­sche Gelenk­ent­zün­dung“ als Todes­ur­sa­chen genannt.[19]

Die Kon­ten von Julie Schön­städt wur­den unmit­tel­bar nach ihrem Tod von der Devi­sen­stel­le gesperrt und durch den Reichs­fis­kus beschlag­nahmt. Immer­hin gestat­te­te man noch die Beglei­chung der Beer­di­gungs­kos­ten von 420 RM, die die Jüdi­sche Kul­tus­ge­mein­de Frank­furt in Rech­nung gestellt hat­te.[20]

Stand: 28. 08. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Unbe­kann­te Lis­te X 1.

[2] https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​5​8​9​2​5​8​3​9​943 (Zugriff: 28.8.2019).

[3] Kop­pel, ver­hei­ra­tet mit Regi­ne Rose aus dem west­fä­li­schen Pömb­sen, war am 10.5.1819 gebo­ren wor­den. Auch aus die­ser Ehe sind vie­le Kin­der und Kin­des­kin­der her­vor­ge­gan­gen, von denen eine gro­ße Zahl im Holo­caust ermor­det wur­de. Wei­te­re Kin­der von Hirsch und Men­del Schön­städt  waren Ruben – auch des­sen Enkel Rudolf mit Frau und Kind wur­de umge­bracht –, Lea, Hann­chen, Ber­ta und Regi­ne. Das Schick­sal die­ser genann­ten Fami­li­en­mit­glie­der und deren Nach­kom­men konn­te im Rah­men der vor­lie­gen­den Recher­che nicht wei­ter ver­folgt werden.

[4] Win­kel­mann, Micha­el, „Auf ein­mal sind sie weg­ge­macht“. Lebens­bil­der Arol­ser Juden im 20. Jahr­hun­dert. Eine Doku­men­ta­ti­on, Kas­sel 1992, kor­ri­gier­te Online­aus­ga­be 2008, S. 84.

[5] Ebd.

[6] Sie­he HHStAW 518 61603, hier i.B. (6, 16). Die Eltern von dem erwähn­ten Rudolf, gebo­ren am 20.11.1887, waren Hirsch und Hele­ne Schön­städt. Der Vater von Hirsch Schön­städt war Ruben Schön­städt, ein Bru­der von Gott­schalk Schön­städt, Julies Vater.

[7] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​2​8​8​6​5​4​&​i​n​d=1. (Zugriff: 28.8.2019).

[8] Die Ver­fol­gung und Ermor­dung der Ham­bur­ger Juden 1933–1945, Insti­tut für die Geschich­te der Deut­schen Juden, S. 222. Hier ist eine Lis­te der Bewoh­ner zumeist aus dem Jahr 1941 ange­ge­ben, Schön­städts sind hier nicht dabei. Das Juden­haus ist aber die Depor­ta­ti­ons­adres­se, sie­he https://​www​.sta​tis​tik​-des​-holo​caust​.de/​V​I​2​-​3​4​.​jpg. (Zugriff: 28.8.2019).

[9] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​2​8​8​6​5​4​&​i​n​d​=​1​&​w​i​n​I​d​=​-​8​3​6​3​7​3​4​0​1​5​1​5​1​2​2​5​487. (Zugriff: 28.8.2019). Für Anna saf­ra wur­de auch eine ‚Page of Tes­tim­o­ny’ in Yad Vas­hem hin­ter­legt. Die Auf­trag­ge­be­rin bezeich­net sich als deren Schä­ge­rin. Dem­nach müss­te sie min­des­tens noch einen Bru­der, viel­leicht aber noch mehr Geschwis­ter gehabt haben. Sie­he https://​names​fs​.yad​vas​hem​.org/​Y​A​D​V​A​S​H​E​M​/​0​1​0​3​1​7​4​9​_​2​4​0​_​2​3​1​0​/​1​1​7​.​jpg. (Zugriff: 28.8.2019).

[10] Die Dar­stel­lung folgt im Wesent­li­chen https://​www​.stas​s​furt​.de/​d​e​/​d​a​t​e​i​/​a​n​z​e​i​g​e​n​/​i​d​/​1​1​9​2​6​,​1​0​6​5​/​j​u​l​i​u​s​_​u​n​d​_​e​l​l​i​_​s​c​h​o​e​n​s​t​a​e​d​t​.​pdf. (Zugriff: 28.8.2019). Sie­he auch https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Sta%C3%9Ffurt. (Zugriff: 28.8.2019).

[11] Sal­ly Blum, der nach der Reichs­po­grom­nacht für mehr als ein Vier­tel­jahr in Dach­au inhaf­tiert wor­den war, hat­te mit sei­ner Frau einen Sohn namens Leo­pold, gebo­ren am 31.7.1916, der im Mai 1939 in die USA aus­wan­dern konn­te. Ein zwei­tes Kind war unmit­tel­bar nach sei­ner Geburt im Jahr 1922 verstorben.

[12] HHStAW 519/​3 7972 (5).

[13] Ebd. 1. Für sol­che Benach­rich­ti­gun­gen hat­te die Reichs­schul­den­ver­wal­tung eigens ein For­mu­lar mit dem Titel „Betrifft Zah­lun­gen und Leis­tun­gen an Juden aus Reichs­schuld­buch­for­de­run­gen“ erstellt.

[14] HHStAW 519/​3 23924 (pas­sim).

[15] HHStAW 519/​3 7972 (2, 5, 6).

[16] Da ihr Todes­tag unbe­kannt ist, wur­de er amt­lich auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

[17] HHStAW 519/​3 7972 (9).

[18] Ster­be­buch der Stadt Frank­furt 1096 /​ 1942.

[19] Ebd. Im Ster­be­ein­trag ist als letz­te Adres­se von Julie Schön­städt auch noch die Lui­sen­str. 26 ein­ge­tra­gen. Der Zugriff auf die Daten­bank der „Gedenk­stät­te Neu­er Börn­eplatz“ ist nur regis­trier­ten Nut­zern zugänglich.

[20] HHStAW 519/​3 7972 (10).