Bernhard Bodenheimer

Bernhard Bodenheimer war eines von fünf Kindern des Ehepaars Karl Zacharias und Reline / Relina Bodenheimer, geborene Wolff, die 1890 in Hamburg, dem Geburtsort der Ehefrau, geheiratet hatten.[1] Beide entstammten traditionsreichen Familien, deren Wurzeln sich über viele Generationen verfolgen lassen. Besonders die Familie Bodenheimer spielte in der jüdischen Gemeinde im Raum Darmstadt / Starkenburg eine ganz herausragende Rolle. So war der Großvater von Bernhard Bodenheimer, Herz Bodenheimer, maßgebend an der Gründung der „Israelitischen Religionsgesellschaft Darmstadt“ beteiligt und gehörte deren erstem Vorstand an. Aber auch andere Mitglieder der Familie nahmen wichtige Funktionen in der dortigen Gemeinde ein und engagierten sich auch finanziell beim Bau der Darmstädter Synagoge im Jahr 1873.[2] Dies war auch deshalb möglich, weil es dem Großvater mit der 1868 gegründeten Großhandlung für Getreide und Kolonialwaren gelungen war, für die große Familie ein sicheres wirtschaftliches Fundament zu legen. Neben dem Import von Tee und Kaffee, der in einer eigenen Rösterei weiterverarbeitet wurde, nahm man zunehmend auch heimische Landprodukte in die Handelspalette auf. Über viele Jahre gehörte auch das hessische Militär zum großen Kundenkreis der Firma.[3]

Welche genaue Erbregelung seinerzeit nach dem Tod des Firmengründers im Jahre 1902 getroffen worden war, konnte nicht mehr sicher ermittelt werde. Aber die Firma wurde nach dem Tod von Herz Bodenheimer zunächst vermutlich von den Söhnen gemeinsam, später von Simon allein weitergeführt. [4]

Es ist nicht auszuschließen, dass Karl Zacharias Bodenheimer als Bruder des neuen Eigentümers auch weiterhin in der Firma aktiv war – seine damalige Anschrift in Darmstadt war bezeichnender Weise identisch mit der Geschäftsadresse der Firma -, und er auf diese Weise in Hamburg, der Hafenstadt, in der ein Großteil der Kolonialwaren umgeschlagen wurde, seine zukünftige Frau, die Hamburgerin Reline Wolff kennengelernt hatte.

Neben Bernhard, der am 24. Juli 1895 in Darmstadt geboren wurde,[5] waren Karl Zacharias und Reline Bodenheimer im Laufe der Jahre vier weitere Kinder geschenkt worden, zunächst Leo (1892), dann die Tochter Mathilde (1893), genannt Tilly, nach Bernhard noch Wilhelm (1896), der sich später in seinem amerikanischen Exil William nannte, und zuletzt Siegfried (1898).

Das Leben des ledig gebliebenen Bernhard Bodenheimer spielte sich offensichtlich zwischen den Städten Darmstadt, Hamburg und Wiesbaden ab. Zuletzt lebte seine Mutter wieder in Hamburg. Es ist nicht bekannt ob und wann die Eltern dorthin übersiedelten. Möglicherweise zog die Mutter nach dem Tod ihres Mannes – das Datum ist nicht bekannt – auch alleine zurück in ihre Heimatstadt. Aber zumindest Bernhard scheint mit ihr dorthin gegangen zu sein, denn nach Angaben der dortigen jüdischen Gemeinde schied er wegen seines Umzugs nach Wiesbaden erst am 18. August 1936 aus der dortigen Gemeinde aus.[6] Was ihn dann nach Wiesbaden gezogen haben mag, ist nicht bekannt. Seine Wohnung lag im ersten Stock des Hinterhauses in der Mainzer Str. 19.[7] 1940 kehrte er dann von Mitte April bis Mitte Juni noch einmal für etwa zwei Monate nach Hamburg zurück, wo er wieder bei seiner Mutter unterkam. Vermutlich handelte es sich nur um einen längeren Besuch, denn er hatte seine Wohnung in der Mainzer Straße aufrechterhalten und konnte vermutlich nach seiner Rückkehr dort zunächst auch wieder einziehen.

Am 24. Juni 1940 hatte der zuständige Zellenwart des Blocks 1 in der Zelle 12 gemeldet, dass Bernhard Bodenheimer in diesem Haus alleine über eine 2 ½ Zimmerwohnung mit Küche verfüge.[8] Diese Angabe war zu diesem Zeitpunkt faktisch die Aufforderung an die Ortsgruppenleitung, Bernhard Bodenheimer in ein Judenhaus umzusiedeln. Der Zellenwart war auch an den Vermieter A. Schroth herangetreten, der sich aber wie auch bei seinen ebenfalls jüdischen Mietern Schreiber weigerte, der Forderung nach einer fristlosen Kündigung nachzukommen.[9] Ob ihm dann doch immerhin fristgerecht gekündigt wurde oder ob Bernhard Bodenheimer selbst auszog, ist nicht zu klären, aber laut Eintrag auf seiner Gestapo-Karteikarte bezog er zum 1. November 1940 im Judenhaus in der Bahnhofstraße ein Zimmer im dritten Stock als Untermieter bei Emma August.

Als die Ortsgruppe der NSDAP Wiesbaden im Februar 1941, also ein Vierteljahr nach diesem Vermerk, ihre Zellenleiter nach arbeitsfähigen Juden suchen ließ, meldete der gleiche Zellenwart, dass in der Mainzer Str. 19 ein Bernhard Bodenheimer „ohne Beruf“ wohne: „da erst 45 Jahre alt kann er auch noch arbeiten“[10] Auch wenn etwas verwunderlich, so wird man wohl dennoch davon ausgehen müssen, dass dieser Umzug ohne Wissen des Zellenleiters vonstatten gegangen war. Auch Hedwig Strauss hatte in einem Brief vom 25. Dezember 1940 an ihren Sohn über den Einzug von Herrn Bodenheimer berichtet. „Er kocht sich auch neukoscher, sei so exakt, wie der andere Herr das Gegenteil“ [11] – wobei mit dem „anderen Herrn“ unzweifelhaft Dr. Stahl gemeint war, dessen mangelnde Ordnung und Sauberkeit immer wieder Thema in den Briefen war. Hatte sich aber Herr Stahl zuletzt intensiv um die Pflege des bettlägerigen Herrn August gekümmert, so war es jetzt Herr Bodenheimer, der sich um die hinterbliebene Witwe kümmerte und sie „mittags in die Sonne führt,“ wie Hedwig Strauss ihrem Sohn lobend über ihre „braven Mieter“ schrieb[12] Trotz aller kleinen Querelen belegen solche in die Briefe eingestreuten Informationen immer wieder, wie solidarisch man in der gemeinsamen Not zusammenstand und sich gegenseitig stützte.

1942 hatte Bernhard Bodenheimer – so die Angabe seines Bruders – ein letztes Mal Kontakt mit seiner noch immer in Hamburg lebenden Mutter aufgenommen, bevor er am 23. Mai mit dem Transport DA 60 von Frankfurt aus in das Durchgangslager Izbica verbracht wurde. Aus dem ansonsten zumeist aus älteren Menschen bestehenden Transport waren in Lublin zwischen 120 und 160 arbeitsfähige Männer herausgeholt worden, um sie dort noch „verwerten“ zu können. Es liegt nahe, dass auch der erst 46 jährige Bernhard Bodenheimer zu den Selektierten gehörte.[13] Während man die große Mehrheit des Transports bald nach ihrer Ankunft im nahegelegenen Sobibor vergaste, wurden aus den Arbeitsfähigen in der kurzen Spanne bis zu ihrem Tod noch die letzten Kräfte herausgepresst. Keiner von ihnen hat überlebt. Bernhard Bodenheimer wurde am 4. Juli 1957 vom Amtsgericht Wiesbaden für tot erklärt.[14]

Die Mutter wurde am 19 Juli des gleichen Jahres von Hamburg aus mit dem TransportVI/2 56 mit etwa 800 weiteren Personen nach Theresienstadt gebracht. Immerhin gelang es 93 von ihnen, ihrem Schicksal zu entrinnen. Reline Bodenheimer gehörte nicht zu diesen Wenigen. Der Todesfallanzeige des Lagers Theresienstadt ist zu entnehmen, dass sie dort im Trakt Z 27 am 7. Februar 1943 um 23 Uhr an Rotlauf, einer Hautentzündung, zum Opfer fiel.[15]

Nur wenige Tage nach deren Tod kam die Tochter Mathilde, genannt Tilly, ebenfalls nach Theresienstadt.[16] Am 17. März 1943 wurde sie mit dem Transport I/90 von Berlin aus in dieses Ghetto gebracht. Es handelte sich dabei um den letzten von Berlin ausgehenden Großtransport mit insgesamt etwa 1300 Juden aus der Stadt selbst, aber auch aus vielen anderen Regionen Deutschlands.[17] Sie überlebte diese Vorstufe zur Hölle über eineinhalb Jahre. Am 9. Oktober 1944 brachte sie der Zug „Ep“ in die eigentliche Hölle: Auschwitz. Von den 1600 Insassen des Zuges überlebten nur 42. Sie gehörte mit Sicherheit zu denen, die sofort nach dem Einlaufen des Zuges in die Gaskammern geschickt wurde.[18]

Auch der älteste Bruder von Bernhard, Leo Bodenheimer, fiel dem Holocaust zum Opfer. Er war Patient der jüdischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz. Am 15 Juni 1942 verließ ein eigens von der Reichsbahn zusammengestellter Zug Da 22, bestehend aus 15 Personen- und 9 Güterwagen, mit 250 Patienten und etwa 100 Mitarbeitern den Bahnhof Bendorf mit dem vagen Ziel „Osten“. Am 19. Juni kam er in Lublin im „Generalgouvernement“ an. Die Leiden der kranken Patienten bei dieser viertägigen Fahrt, gefangen in einem plombierten Zug, bei sommerlicher Hitze müssen unvorstellbar gewesen sein. Schon auf seinem Weg bis Düsseldorf sollen eine beträchtliche Zahl von ihnen verstorben sein. In Lublin wurden, wie auch bei dem Transport von Bernhard Bodenheimer, die Arbeitsfähigen, vermutlich die Pfleger und Ärzte, zur Zwangsarbeit beim Aufbau des Lagers Majdanek herausgeholt, während die Übrigen unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern mit den Abgasen von Motoren umgebracht wurden. Leo Bodenheimer ist auf der Liste der Deportierten mit der Nummer 33 eingetragen.[19]

Überlebt haben die beiden Brüder Wilhelm, später William, und Siegfried Bodenheimer. Ihnen gelang rechtzeitig die Flucht in das amerikanische Exil. Aber auch die überlebenden Kinder von Mathilde und Max Marcus, die in Israel eine neue Heimat fanden, haben inzwischen eine große Zahl von Nachkommen.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 469/33 3853 (o.P.) Tag der Eheschließung war der 25.8.1890. Die Eltern von Reline Wolff waren  Louis Wolff (1821 – 1899) und Mathilde / Minka, geb. Nathan (1830-1870).

[2] Siehe dazu http://www.alemannia-judaica.de/darmstadt_religionsgesellschaft.htm. (Zugriff: 1.11.2017). Herz Bodenheimer  war auch Mitglied des ersten Vorstands des am 7. September 1871 gegründeten „Vereins der gesetzestreuen Israeliten der Provinz Starkenberg“. Herz und seine Frau Caroline / Katharina / Kele hatten vermutlich 10 Kinder. In GENI werden etwa 2500 Mitglieder der Familie Bodenheimer nachgewiesen. Zwar ist Bernhard Bodenheimer, sein Bruder Wilhelm, die Schwester Tilly und auch seine Eltern erfasst, nicht aber die weiteren Geschwister Siegfried und Leo. Laut Sterberegister waren die Eltern des am 10.9.1828 in Darmstadt geborenen und am 30.5.1900 dort auch gestorbenen Herz Naftali Bodenheimer die in Biblis lebenden Loeb Jehuda Bodenheimer und seine Frau Bella / Ella Mainzer oder Mentzer. Siehe Sterberegister Darmstadt 1900/531.

[3] HHStAW 518 41119 (145) und 518 43644 (15).

[4] Gertrud Bodenheimer, Ehefrau von Bernhards Onkel Berthold Bodenheimer, gibt als Todesjahr von Herz Bodenheimer fälschlicherweise das Jahr 1902an, wohingegen ihre Schwägerin Luise den Tod auf 1900 datiert. Auch divergieren die Aussagen bezüglich der Erbfolge. Während Luise ihren Vater Simon als alleinigen Erben benannte, gab Gertrud an, die drei Söhne (er hatte allerdings 4 Söhne !) hätten die Firma gemeinsam übernommen, siehe HHStAW 518 41119 (145) und HHStAW 518 43644 (16). Auch Simon Bodenheimer starb bereits 1908, sodass die Firma im Weiteren von dessen 3 Söhnen Leo, Max und Berthold Bodenheimer als gleichberechtigte Kapitaleigner weitergeführt wurde Die Firma selbst schein schon in den zwanziger Jahren ins Straucheln geraten zu sein, geriet aber nach 1933 durch Boykottaktionen endgültig in eine ausweglose Lage. Die Brüder Max und Berthold konnten Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre  mit ihren Familien in die USA gelangen, nachdem die Firma arisiert worden war. Von einem Überleben des Holocaust in ihrem Exil in Baltimore kann man aber kaum sprechen, denn schon 1943 verstarb Berthold  Bodenheimer vermutlich durch Selbsttötung. Max starb ebenfalls bereits 1951, Leo Bodenheimer wurde am 25.3.1942 von Darmstadt in das geschlossene Ghetto Piaski deportiert. Wann und wo er umgebracht wurde ist nicht bekannt. Der Tochter Eva, verheiratete Marx, gelang rechtzeitig die Flucht zunächst in die Schweiz, später in die USA. Siehe dazu die Akten HHStAW 518 4119, 518 41184 und 518 43644. Siehe auch  http://dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/Arisierung.htm. zu den Arisierungen in Darmstadt. (Zugriff: 1.11.2017).

[5] HHStAW 469/33 3853 (o.P.).

[6] HHStAW 469/33 3853 (8). Nach Angaben des Amtes für Wohnungswesen Hamburg war er in der Wahl- und Steuerkartei sogar bis 1943 in der Parkallee 11 gemeldet, ebd. (4b). Als Adresse der Mutter ist auf der Gestapo-Karteikarte für 1940 die Parkallee 31 angegeben.

[7] Diese Adresse gab er im Mai 1939 bei der Volkszählung an. Es ist auch die erste Adresse, die auf seiner Gestapo-Karteikarte eingetragen ist.

[8] HHStAW 483 10127 (87).

[9] HHStAW 483 10127 (117). Seine damaligen Mitbewohner Vater und Tochter Schreiber blieben bis zu ihrer geplanten Deportation im Juni 1942 in der Mainzer Straße wohnen, wo sie zuletzt aus Verzweiflung Selbstmord begingen.

[10] HHStAW 483 10127 (138).

[11] HHStAW 1183-1 (25.12.40). Auch Sebald Strauss erwähnt den Einzug von Bernhard Bodenheimer in einem Brief vom 3.2.1941 an seinen Sohn und schreibt, dass dieser „aus Hamburg zugezogen“ sei. Diese Formulierung ist in zweifacher Weise unkorrekt. Zum einen legt sie nahe, dass er unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Bahnhofstr. 46 gekommen sei. Da er aber erst nach dem Tod von Gustav August am 15.9.1940 ein Zimmer in dieser Wohnung erhielt, kann das nicht der Fall gewesen sein. Auch lässt er unberücksichtigt, dass Bernhard Bodenheimerdavor bereits seit etwa vier Jahren in Wiesbaden gelebt hatte.

[12] HHStAW 1183-1 (11.3.41).

[13] Siehe zu diesem Transport Kingreen, Gewaltsam verschleppt, a.a.O. S. 372.

[14] HHStAW 469/33 3853 (25). Der zunächst auf den 6. Mai 1945 festgelegte Todestag wurde später auf Grund historischer Forschungen revidiert und auf den 22. Juni 1942 vorverlegt, siehe den Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[15] https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/4/2/8/3142_ca_object_representations_media_42805_large.jpg. (Zugriff: 1.11.2017). Falsch ist hier die Angabe, sie sei Mutter von 4 statt 5 Kindern gewesen.

[16] Mathilde Bodenheimer war inzwischen mit Max Mordechai Marcus verheiratet.

[17] Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, a.a.O. S. 352.

[18] In Yad Vashem ist für sie eine Page of Testimony hinterlegt, siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/28021626_261_2071/168.jpg. (Zugriff: 1.11.2017).

[19] http://mahnmal-koblenz.de/index.php/daten-und-fakten/deportationen-von-juden-aus-koblenz-und-umgebung/556-liste-der-am-15-06-1942-aus-der-heil-und-pflegeanstalt-bendorf-sayn-ausgesiedelten-juden. (Zugriff: 1.11.2017).