Die Familie von Berthold und Chlothilde Haas, geborene Müller.


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6
Judenhaus Wiesbadaen, Judenäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Hallgarter Str. 6
Das Judenhaus Hallgarter Str. 6 früher
Mit Genehmigung M. Sauber

 

 

 

 

 


 Die Familie Haas lebte seit dem 1. November 1935 in der Hallgarter Str. 6 im dritten Stock, war also ebenfalls eingezogen, bevor das Gebäude zum Judenhaus erklärt wurde. Zuvor hatten sie in der Herderstr. 21 gewohnt.

Berthold Haas stammte nicht aus dem rheinhessischen Jugenheim, wie es in der Wiesbadener Opferliste fälschlicherweise steht, er war vielmehr am 24. Dezember 1866 in Ingenheim in der Pfalz, Kreis Bergzabern, geboren worden. [1] In dieser traditionsreichen und relativ großen jüdischen Gemeinde, die einmal etwa ein Drittel der Einwohner stellte, hatte die Familie Haas sich spätestens im 18. Jahrhundert angesiedelt, damals noch unter dem Namen Liebmann.[2] Trotz dieser langen Verbundenheit mit dem Ort, ist über die unmittelbaren Vorfahren von Berthold Haas nur wenig bekannt. Nicht einmal deren Berufe konnten ermittelt werden. Die Eltern, Raphael Haas und Sara, geborene Mayer, hatten insgesamt wohl neun Kinder, Raphael war das siebente, aber mehrere seiner Geschwister waren bereits im Kindesalter verstorben. Sein jüngster Bruder Heinrich fiel im Alter von rund 40 Jahren im Ersten Weltkrieg, das Schicksal der übrigen ist nicht bekannt.[3]

Es liegen auch keine Informationen darüber vor, wie Berthold Haas seine Frau Chlothilde Müller aus dem doch recht entfernten Würzburg kennengelernt hatte. Möglicherweise spielte dabei aber der Weinhandel eine Rolle, denn damit waren nicht nur viele Pfälzer Juden, sondern auch die Eltern seiner Frau befasst. Ihr Vater Adolph Müller kam aus der unterfränkischen Gemeinde Werrn, dem heutigen Niederwerrn, wo wiederum dessen Vater Isak Müller als Lehrer angestellt war. Seine Frau Karolina stammte aus dieser alten jüdischen Gemeinde in der Nähe von Schweinfurt. Adolph Müller, der ab 1861 mit seiner Familie in Würzburg lebte, war in erster Ehe mit Klara Müller, in zweiter Ehe mit Berta Lebrecht verheiratet. Deren Vater, der auch die Trauung vorgenommen hatte, war Bezirksrabbiner zunächst in Werrn, dann in Schweinfurt und einer der ersten Vertreter der jüdischen Reformbewegung.[4] In den beiden Ehen des Weinhändlers Adolph Müller waren insgesamt zwölf Kinder geboren worden. Nachdem deren Vater am 26. Juni 1896 verstarb, führte zunächst die Witwe, später Söhne das Geschäft weiter.[5]

Am 21. Oktober 1896 hatte deren Schwester Chlothilde laut Angabe der Todesfallanzeige von Theresienstadt in Heidingsfeld, heute ein Stadtteil von Würzburg, Berthold Haas geheiratet und in Ingenheim eine neue Familie gegründet.[6] Berthold, von Beruf Kaufmann, und seine Frau hatten zwei Kinder. Am 18. September 1897 war der Sohn Adolph geboren worden, knapp vier Jahre später, am 2. Juni 1901, die Tochter Eugenie.[7]

Judenhaus Hallgarter Str. 6, Adolf Haas, Adolph Haas
Anzeige über die „Arisierung“ des Kaufhauses Knopf in Karlsruhe
https://de.wikipedia.org/wiki/Warenhaus_Geschwister_Knopf#/media/File:Arisierung_Kaufhaus_Geschwister_Knopf_1938.jpg

Es ist nicht bekannt, wann der Sohn Adolf, der wie sein Vater Kaufmann geworden war, Wiesbaden verlassen hatte, um bei der im süddeutschen Raum führenden Warenhauskette Knopf Karriere zu machen.[8] In allen seinen späteren Wohnorten, Karlsruhe, Mannheim und Freiburg gab es Niederlassungen dieses 1881 von den jüdischen Geschwistern Max und Johanna Knopf gegründeten Konzerns. Die Kaufmannsfamilie hatte ihren Aufstieg ursprünglich mit dem Verkauf von Weiß- und Leinenwaren begründet. In Karlsruhe, dem Stammsitz des Unternehmens, hatte Adolf Haas zuletzt die Stelle eines Filialleiters inne. Als die Firma im Juli 1938 arisiert wurde, wird auch er seine Arbeit verloren haben. Am 11. November 1938 wurde er im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht verhaftet und für vier Wochen in Dachau interniert.[9] Von Karlsruhe aus wurde er am 22. Oktober 1940 noch Gurs in Frankreich verschleppt. Bei dieser Aktion, benannt nach den verantwortlichen Gauleitern Bürckel und Wagner, wurden insgesamt etwa 7.000 Juden aus Baden und der Saarpfalz in den unbesetzten Teil Frankreichs deportiert.[10] In einem Masterplan wurde mit Wissen der obersten SS-Führung damals im Kleinen ausgetestet, wie die späteren „Evakuierungen“ durchgeführt werden könnten, ohne den Widerstand der nichtjüdischen Bevölkerung hervorzurufen. Dadurch, dass schon damals das Hab und Gut der Deportierten sofort den „Volksgenossen“ mittels Auktionen zur Verfügung gestellt wurde, waren die Profiteure gerne bereit, mögliche moralische Bedenken zurückzustellen. Auf diese Weise zu Komplizen geworden, wundert es nicht, dass diese Aktion, obwohl in aller Offenheit durchgeführt, völlig reibungslos von statten gehen konnte.[11] Gurs, ursprünglich ein Auffanglager für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge am Rande der Pyrenäen, wurde zur Vorhölle für die dorthin verbrachte Menschen. Schon während des Transports waren viele verstorben. Unzählige kamen anschließend im Lager um, wo sie in Baracken auf engstem Raum auf dem nackten Boden schlafen mussten, wo Unzählige Krankheiten, Hunger und den schlimmen hygienische Verhältnissen zum Opfer fielen. All das hatte Adolf Haas überlebt. Wann er von Gurs in das Sammellager Drancy nördlich von Paris überstellt worden war, ist nicht bekannt. Am 10. August 1942 wurde er von dort aus nach Auschwitz deportiert, wo er einen Monat später, am 9. September 1942 ermordet wurde.[12]

Die Tochter Eugenie war bei ihren Eltern in Wiesbaden geblieben, hatte auch mit ihnen zusammen in den beiden bekannten Adressen, d.h. zuletzt auch im Judenhaus in der Hallgarter Straße gewohnt. Es ist wenig über die Familie bekannt, auch nicht, in welcher Sparte Berthold Haas ursprünglich als Kaufmann tätig war. Viel Geld kann er aber nicht verdient haben, den aus der Beschreibung seiner Lebensumstände und seiner finanziellen Verhältnisse, die er im Februar 1940 auf Anordnung der Devisenstelle Frankfurt abgab, geht hervor, dass er schon seit den frühen 30er Jahren in bitterer Armut lebte:
„Wir d.h. ich, meine Frau Mathilde Sara Haas + meine Tochter Eugenie Sara Haas, wurden vom Herbst 1931 bis September 1938 vom hiesigen städt. Fürsorgeamt unterstützt.
Im Mai machte ich eine kleine Erbschaft von 4800 RM, die Unterstützung wurde dennoch gewährt + mussten den Erbbetrag immer zum Leben dazunehmen. Vom Herbst 1938 an lebten wir von diesem Gelde + ist dasselbe nun verbraucht. Wir mussten uns nun um Unterstützung an die hiesige Israelische Kultusgemeinde wenden.“
[13]

Auch hier verzichtete die Devisenstelle auf die Errichtung eines Sicherungskontos und gewährte einen Freibetrag von 200 RM. Dass es keine weiter Korrespondenz zwischen der Familie Haas und der Devisenstelle gab, ergibt sich schon daraus, dass auf der Rückseite dieser Verfügung die Deportation des Ehepaares am 1. September 1942 nach Theresienstadt vermerkt ist.[14] Beide haben die Torturen nur wenige Wochen überlebt.

Klotilde starb schon frühmorgens am 10. Oktober angeblich an einem Bronchial- und einem Darmkatarrh.[15] Am 27. November ist nach Angaben des dortigen Arztes Dr. Wilhelm Levy Berthold an Altersschwäche gestorben.[16] Er war zwar 75 Jahre alt, aber die Ursache für seinen Tod war gewiss nicht das Alter, sonders das, was er in seinem Alter und schon die Jahre davor alles hat ertragen müssen.

Klothilde Haas, Chlodhilde Müller, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter St. 6
Todesfallanzeige des Konzentrationslagers Theresienstadt für Chlothilde Haas
https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/86955-haas-klothilde-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/.
Berthold Haas, Chlodhilde Müller, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter St. 6
Todesfallanzeige des Konzentrationslagers Theresienstadt für Berthold Haas
https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/90314-haas-berthold-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die 41jährige Tochter Eugenie war bereits vor ihren Eltern am 10. Juni in einem in Frankfurt zusammengestellten Transport mit insgesamt mehr als 1200 Juden aus Frankfurt, Wiesbaden und anderen Gemeinden des Regierungsbezirks Wiesbaden in den Osten deportiert worden. Über Lublin fuhr der Zug vermutlich unmittelbar weiter in das Vernichtungslager Sobibor. Wie bei allen anderen Teilnehmern dieses Transports gibt es keine Angaben darüber, wann Eugenie Haas dort unter welchen Umständen zu Tode gekommen ist.[17]

Stand: 25. 03. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] So steht es zumindest im Gedenkbuch des Bundesarchivs und in der Todesfallanzeige von Theresienstadt, siehe http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/90314-haas-berthold-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/ (Zugriff: 25.3.2019). Ebenso die Angabe des Schwagers Richard Müller in HHStAW 469/33 1951 (11).

[2] Zur Genealogie der Ingenheimer Juden siehe ausführlich die Seite „Jüdisches Leben in Ingenheim“, http://www.juedisches-leben-in-ingenheim.de/de/startseite/14/startseite.html. (Zugriff: 25.3.2019). Die folgenden Angaben beruhen auf den Recherchen der dortigen Projektgruppe, siehe dazu den Unterpunkt „die Menschen“.

[3] Raphael Haas, geboren am 27.12.1825 heiratete am 6.5. 1857 in Ingenheim die aus Heuchelheim bei Gießen stammende Sara Mayer. Das erste Kind, Regina, starb noch im Jahr ihrer Geburt 1858. Es folgten 1859 Zwillinge, von denen eins eine Totgeburt war, das Todesjahr des anderen Kindes, David, ist nicht bekannt. Auch die 1860 geborene Rosa überlebte das erste Jahr nicht. Eugenia, geboren 1862, wurde immerhin knapp 19 Jahre alt. Von dem 1863 geborenen Siegmund ist das Todesjahr genauso wenig bekannt wie das des 1868 geborenen Leo. Die vielen frühern Todesfälle, aber auch die weitgehend unbekannten Schicksale der Kinder können vielleicht als Indiz für die ärmlichen Verhältnisse gewertet werden, in denen die Familie Haas lebte. Aus diesem Grund waren auch aus Ingenheim viele Bewohner im Laufe des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert, siehe http://www.juedisches-leben-in-ingenheim.de/de/die-gemeinde/im-19-jahrhundert/10/im-19-jahrhundert.html. (Zugriff: 25.3.2019).

[4] Er war im Übrigen Großvater des späteren amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Deindustrialisierung Deutschland geforderte hatte. Siehe zur Bedeutung von Maier Lebrecht http://www.alemannia-judaica.de/schweinfurt_texte.htm#Zum%20Tod%20von%20Rabbiner%20Maier%20Lebrecht%20(1890), (Zugriff: 25.3.2019).

[5] Zur Familie Müller aus Würzburg siehe. Strätz, Würzburger Juden, S. 397-399. Einer der Söhne, der am 18. April 1884 geborene Richard Müller, hatte davon abweichend ein Jurastudium absolviert. Er war aktiv in jüdischen Vereinigungen und Institutionen und übernahm in der Zeit des Nationalsozialismus die Aufgabe eines Konsulenten für seine jüdischen Mitbürger. Dadurch, dass er in zweiter Ehe mit der Nichtjüdin, Helene Scheigele, verheiratet war, überlebte er die Zeit der Verfolgung als Partner in einer privilegierten Mischehe und konnte deshalb nach dem Ende der Diktatur die Todeserklärung für seine Schwester und seinen Schwager in Wiesbaden beantragen.

[6] http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/86955-haas-klothilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/. (Zugriff: 25.3.2019). Nach Angaben des Bruders von Chlothilde, Richard Müller, hatte die Heirat seines Erinnerns im Jahre 1897 stattgefunden, vermutlich eine falsche Erinnerung, siehe HHStAW 469/33 (11). Auch bei Deportationsdatum irrt der Bruder, der den 1. Juli 1942, statt den 1. September nannte, ebd. (1).

[7].Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 1534 / 1897 und 1002 / 1901.

[8] Siehe zu dieser Familie und dem von ihr geführten Warenhauskonzern https://de.wikipedia.org/wiki/Warenh%C3%A4user_Knopf. (Zugriff: 25.3.2019). Interessanterweise stammte die Familie Knopf wie auch die der Begründer des Warenhauses Tietz aus dem Ort Birnbaum, dem heutigen Międzychód in Polen. Nach dem Ende der Nazizeit wurde der ehemalige Knopf Konzern zum Teil von C&A, zum anderen Teil von Karstadt übernommen. Vermutlich war das Stammhaus in Karlsruhe der älteste Kaufhausstandort in Deutschland überhaupt.

[9] http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html.de?result#frmResults. (Zugriff: 25.3.2019).

[10] Zur Bedeutung dieser Aktion als Vorbereitung für die späteren Massendeportationen siehe Steinbach, Peter, Das Leiden – zu schwer und zu viel. Zur Bedeutung der Massendeportation südwestdeutscher Juden, in: Tribüne – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 49. Jg. Heft 195. 3. Quartal 2010, S. 109–120. Steinbach zieht hier auch eine Parallele zu der ersten Vertreibungsaktion der Juden nach Polen im November 1938, denn in beiden Fällen wurden die Staaten, die die Juden aufnehmen sollten, ohne vorherige Absprache vor vollendete Tatsachen gestellt.

[11] „Immer wieder hoben Berichte hervor, die Abschiebungen seien »reibungslos« verlaufen und »von der Bevölkerung kaum wahrgenommen« worden. Da die »Verhaftungen« nicht in der Dunkelheit erfolgten, sondern die Betroffenen bei Tagesanbruch in die großen zentralen Sammelstellen transportiert wurden, nachdem Polizisten sie festgenommen und durch die Straßen geführt hatten, war nicht mehr zu bezweifeln, dass in Zukunft derartige Aktionen vor den Augen aller durchgeführt werden konnten. Auch die Zusammenstellung der neun bzw. elf Sonderzüge erfolgte keineswegs geheim. Fahrpläne mussten mit dem sonstigen Zugverkehr abgestimmt werden. Damit wurde auch die Reichsbahn erstmals zum wichtigen Faktor bei Massendeportationen. Nicht zuletzt aber machte das allgemeine Interesse an der »Verwertung« des Besitzes der Deportierten deutlich, dass sich seit Kriegsbeginn die moralischen Maßstäbe noch einmal verschoben hatten. Wegen geringerer Vorteile schienen viele Deutsche Übergriffe gegen diffamierte und kriminalisierte Minderheiten hinzunehmen.“ Ebd. S. 112 f.

[12] Gedenkbuch für die Karlsruher Juden: http://gedenkbuch.informedia.de/index.php/PID/19/deport/358/name/1399/suche/%2A.html.(Zugriff: 25.3.2019).

[13] HHStAW 519/3 274 (3)

[14] HHStAW 519/3 274 (4) Das Amtsgericht Wiesbaden hatte zuvor am 6.8.47 gerichtlich das Todesdatum für beide auf den 31.12.1942 festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt war man offensichtlich noch nicht im Besitz der Unterlagen aus Theresienstadt, die zu einer späteren Revision dieses Beschlusses führten.

[15] Siehe Todesfallanzeige http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/86955-haas-klothilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/. (Zugriff: 25.3.2019)

[16] Siehe Todesfallanzeige aus Theresienstadt http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/90314-haas-berthold-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/. (Zugriff: 25.3.2019)

[17] Gottwaldt; Schulle, Judendeportationen, S. 214.