Viktor Weiss


Kaiser-Friedrich-Ring 72 heute
Eigene Aufnahme
Lage des ehemaligen Judenhauses
Belegung KFR 72
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 72

 

 

 

 

 


Mit einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Geschwindigkeit vollzog sich in Landau der Umbruch von einer intakten städtischen Gemeinschaft, in der über viele Jahrzehnte Juden gleichberechtigt neben Nichtjuden lebten, in eine von Hass, Vorurteilen und Gewalt zerrissene Lebenswelt. Viktor Weiss steht exemplarisch für eine Vielzahl von jüdischen Bürgern, die diesen Wandel am eigenen Leib erfahren mussten. Gerade noch hoch geachtet, mit Ehrungen überhäuft, und dann mit einem Mal zum verachteten Paria geworden, dem die Flucht aus seiner Heimatstadt und zuletzt sogar die Flucht in den Tod als einziger Ausweg blieb.

Stammbaum
Stammbaum der Familien Weiss und Neuschüler
GDB

Geboren wurde Viktor Weiss am 5. September 1868 in Landau.[1] Wer seine Eltern waren ist den Akten, die über ihn im Hessischen Hauptstaatsarchiv erhalten sind, nicht zu entnehmen. Aber drei Jahre zuvor waren sein Bruder Hermann und ein Jahr zuvor seine Schwester Emmy ebenfalls in Landau zur Welt gekommen, er am 23. Oktober 1865, sie am 8. Februar 1867.[2] In der Entschädigungsakte von Hermann Weiss befindet sich die Kopie seiner Geburtsurkunde, in der der Name der Eltern angeben ist.[3] Es heißt dort, dass er der Sohn des in Landau wohnhaften Moses Weiß und dessen Frau Sara Herz sei. Unterschrieben hat der die Geburt meldende Vater aber dann nicht mit Moses, sondern mit David Weiß. Auf den Meldekarten von Hermann wie auch von Viktor Weiss in Landau ist als Vater der beiden dann nur David Weiss, jetzt mit Doppel-S, und die Mutter mit Sara Hertz, mit „tz“, vermerkt.[4] Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass es sich bei Moses und David Weiss um identische Personen handelt und der Vater beide Namen trug, wovon letzterer nur der nichtamtliche Rufname war. Dem Eintrag ist zudem zu entnehmen, dass auch er schon den Beruf eines Lederhändlers ausübte, den dann die Söhne übernahmen.
Offensichtlich waren aber auch schon die Eltern von Moses bzw. David Weiss in Landau ansässig und betrieben hier ihre Geschäfte. So findet man im Landauer Wochenblatt vom Juli 1862 eine öffentliche Bekanntmachung, in der es heißt:
“Der Handelsmann Moses genannt David Weiß von hier, welcher durch Entschließung kgl. Regierung vom 2. April 1862 die Concession erhielt, in dem Hause seines Vaters Isaac Weiß, Nr. 49 a des gelben Stadtviertels, eine Niederlage von rohen Häuten kleinerer Tiere halten zu dürfen, beabsichtigt nun diese Niederlage mit Beilegung von 400 bis 500 Kalbfellen zu erweitern.“[5] Wegen der daraus resultierenden Geruchsbelästigungen, wurde sein Antrag zwar abgelehnt, aber nicht nur bestätigt dieser Schriftstück die Identität von Moses und David Weiss, sondern man erfährt darin auch den Namen von dessen Vaters. Allerdings gab es in Landau bereits zwei Isaac Weiss, die dort beide geschäftlich tätig waren. Vermutlich war Isaac Weiß, senior, der im ‚Eilboten’ im November 1840 eine Anzeige schaltete, in der er neben Hosenträgern, Strumpfbändern und Stoffen auch Zigarren, Käse und Weihnachtsgeschenke offerierte, derjenige, der als Davids Vater in Frage kommt. Isaak Weiß, junior, der als Wohnungsmakler in Erscheinung trat, könnte vielleicht ein Bruder oder Cousin von David Weiss gewesen sein.[6]

Wo die Vorfahren ursprünglich herkamen, ist leider nicht bekannt. Aber sie gehörten vermutlich zu der großen Zahl der jüdischen Familien des Umlandes von Landau, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in dem regionalen Zentrum niederließen und dort bald nicht nur wichtige Funktionen im Gemeindeleben ausübten, sondern auch dem wirtschaftlichen Leben generell bedeutende Impulse gaben, sogar zum strukturellen Wandel der Judenschaft und der gesamten Stadt beitrugen.[7] David Weiss und zwei weitere neu in Landau sesshaft gewordene Familien brachten erstmals den Lederhandel als Gewerbe in die Stadt.[8] Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, den sogenannten Gründerjahren, boomte auf Grund der vielen neuen Gewerbezweige, der Entfaltung des Verkehrs und Handels die Wirtschaft im ganzen Reich, so auch in Landau. Wegen der geographischen Gegebenheiten stand, ähnlich wie im Rheingau, allerdings auch bei den dortigen Juden der Weinhandel an erster Stelle. Von den 1912 gezählten 68 Weinhandlungen Landaus waren 47 in jüdischem Besitz.[9]

Aus der Altersangabe der Eltern bei Hermanns Geburt – der Vater war 22, die Mutter 26 Jahre alt – lässt sich erschließen, dass er um 1843, sie um 1839 geboren worden sein muss. Wann sie verstarben, konnte nicht geklärt werden. Als die Meldekarte für Viktor Weiss ausgestellt wurde, waren sie offenbar noch am Leben, allerdings nicht mehr in Landau, sondern in Karlsruhe, wohin zu einem nicht bekannten Zeitpunkt die Tochter Emmy geheiratet hatte. Ihr Ehemann, der Kaufmann Samuel Adler, war am 7. Dezember 1860 in Sommerhausen im Landkreis Würzburg geboren worden, lebte aber inzwischen in der badischen Metropole.[10]
Auf Hermanns Meldekarte aus Landau ist der Tod der Eltern mit einem einfachen Kreuzzeichen vermerkt. Offensichtlich waren beide in Zweibrücken verstorben. Ein Todesdatum ist aber hier nicht eingetragen.

Meldekarte Viktor WeisMeldekarte Hermann WeissMeldekarte Viktor WeissMeldekarte Hermann Weiss

Meldekarten von Hermann und Viktor Weiss aus Landau
Stadtarchiv Landau

Aus Zweibrücken stammte auch Helene, die Frau von Hermann Weiss. Die beiden hatten am 23. Dezember 1896 in der Heimatgemeinde der Braut die Ehe geschlossen. Sie war die am 13. Juni 1874 geborene Tochter von Maximilian und Mathilde Gugenheim, geborene Wolff.[11]

Geburt Lucie Neuschüler
Geburtseintrag von Lucie Neuschüler aus Rhaunen
Stadtarchiv Rhaunen

Wann und wo Viktor, das jüngste der drei Geschwister, die Ehe mit Lucie Neuschüler eingegangen war, konnte bisher leider nicht ermittelt werden. Seine Frau stammte aus der Hunsrückgemeinde Rhaunen, etwa 25 km nördlich von Idar-Oberstein gelegen. Dort war sie am 12. September 1875 als Tochter von Leopold Neuschüler und seiner Frau Julie Justine, geborene Loeb, zur Welt gekommen.[12] Die Mutter war zum Zeitpunkt der Geburt 25 Jahre alt, muss also selbst um etwa 1850 geboren worden sein. Für Leopold Neuschüler liegt sogar eine Geburtsurkunde vor. Er war am 26. März 1847 auch schon in Rhaunen geboren worden. Ob seine Eltern Nathan und Elisabeth Neuschüler, geborene Mayer, bereits von dort stammten oder zugezogen waren, ist nicht bekannt.[13]

Rhaunen war eine Gemeinde, in der Juden schon seit vielen Jahrhunderten, vielleicht sogar schon seit dem Mittelalter ansässig waren und die typischen Berufe der Landjuden, wie Viehhandel, Metzgereien oder kleine Läden für Landprodukte betrieben.
Den Namen Neuschüler findet man schon in einer Aufstellung der jüdischen Familienvorstände aus dem Jahr 1810.[14] Der dort genannte Leopold Neuschüler könnte der Vater, zumindest ein naher Verwandter des um 1807 geborenen Nathan Neuschüler, dem Großvater von Lucie Weiss, geborene Neuschüler, gewesen sein.

Lucie war das erste von insgesamt sechs Kindern von Leopold und Julie Justine Neuschüler, die alle noch in der Hunsrückgemeinde geboren wurden. Ihr folgte am 8. Oktober des folgenden Jahres der Sohn Arthur und am 8. März 1878 eine weitere Tochter mit dem Namen Elsa, die zeitlebens ledig blieb und am 19. Juli 1911 in Trier verstarb.[15] Über das Leben der beiden Söhne Richard, geboren am 15. Mai 1879,[16] und Eugen, geboren am 15. Juni 1882,[17] liegen keine weiteren Informationen vor. Möglicherweise waren sie schon frühzeitig aus Deutschland ausgewandert oder verstorben.
Um die Jahrhundertwende kam es auch in den ländlichen Regionen des Hunsrücks zu einem strukturellen Wandel, bei dem sehr viele Landbewohner in die größeren Städte der näheren Umgebung zogen. Gerade die Landjuden stellten einen großen Anteil an dieser „Fluchtbewegung“, die damals aber weniger durch Bedrohungen als durch Aufstiegserwartungen verursacht war. So waren damals auch Neuschülers aus Rhaunen nach Trier gezogen.

Dort heiratete die am 15. August 1884 noch in Rhaunen geborene Alma am 16. Juli 1910 den Kaufmann Ludwig Beiersdorf aus Pirmasens.[18] Ein Jahr später, am 12. August 1911, bekamen sie eine Tochter mit Namen Gretchen.[19] Es sollte das einzige Kind des Paares bleiben. Ob die Mutter früh verstarb oder aber die Ehepartner sich trennten, konnte nicht ermittelt werden. Ludwig Beiersdorf heiratete später Bertha Schneider aus Straßburg. Beide wurden am 12. März 1943 von Berlin aus nach Auschwitz deportiert und ermordet.[20]

 

Das Weigand’sche Haus in der Kirchstraße 28, der heutigen Martin-Luther-Str. 28

Die Wohnstätte und der Firmensitz der Familie Weiss in der Landauer Kirchstraße war, wie die meisten jüdischen Geschäfte, in der Altstadt, in der Umgebung des Marktes angesiedelt. Vermutlich hatte schon David Weiss das Haus mit der Nummer 28, das sogenannte Weigand’sche Haus, erworben und es später an seine Söhne übertragen, die es dann mit ihren Familien bewohnten.[21] Es handelt sich dabei nicht um ein einfaches Haus sondern um eine große Wohnanlage im spätbarocken-frühklassizistischen Stil, erbaut im späten 18. Jahrhundert. Das Gebäude war in jedem Fall geräumig genug, um dort zwei Familien und auch die Geschäftsräume der Lederhandlung unterbringen zu können.[22]

In den Ehen der Brüder wurden jeweils zwei Kinder geboren. Am 20 . November 1897 bekamen Hermann und Helene Weiss einen Sohn, der den Namen Otto David erhielt,[23] am 26. Dezember 1899 wurde dann noch Paul geboren.[24]
Auch Viktor und Lucie Weiss bekamen zunächst einen Sohn. Rudolf kam am 26. April 1900 zur Welt,[25] seine Schwester am 5. September 1906.[26]

Leider gibt es kaum Informationen über die wirtschaftliche Lage und Entwicklung des Unternehmens der beiden Brüder. Und auch Kreuter, die sich sehr intensiv mit vielen jüdischen Unternehmen Landaus befasst hat,[27] konnte hier offensichtlich nicht fündig werden. Aber es muss ein florierendes Unternehmen gewesen sein, das unweit der Schuhstadt Pirmasens ganz sicher auf einen festen Kundenkreis bauen konnte. Anders wären die vielen wohltätigen Aktionen von Viktor Weiss, der heute in Landau dafür wieder in Ehren gehalten wird, nicht möglich gewesen.

Zeppelin über Landau
Der Zeppelin über Landau
Stadtarchiv Landau

Einen festen Platz in der Lokalgeschichte hatte er sich aber schon im Jahr 1911 erworben, als es dem „Weiße Vikkes“, wie er im Volksmund genannt wurde, gelang, zum Volksfest am „Sedantag“, dem Tag zur Feier Niederlage der Franzosen im Krieg 1870/71, eine Fahrt des Zeppelins „Schwaben“ über Landau zu organisieren. Er selbst war unter den Passagieren des Luftschiffs, das über der Stadt kreiste und auf dem nahe gelegenen Ebenberg auch landete.[28] Für ganz Landau, welcher Konfession man sich auch immer zugehörig fühlte, eine außergewöhnliche Attraktion, die mit seinem Namen auf Dauer verbunden bleiben sollte.

Ohne Zweifel gehörten die Brüder Weiss, wie nahezu alle Landauer Juden, zu den assimilierten Glaubensbrüdern, die sich mit ihrer Heimat, der Pfalz, und nach der Reichsgründung aber auch dem Nationalstaat eng verbunden fühlten. Es waren eher die älteren Juden, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs der Euphorie, dass jetzt endlich und endgültig der Gegensatz Glaube oder Heimat, sprich: Jude oder Deutscher zu sein, aufgehoben werde, skeptisch gegenüberstanden.[29] Der Aufruf des ‚Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens’, die Glaubensgenossen müssten „über das Maß der Pflicht hinaus“ ihre Kraft dem Vaterlande widmen und „freiwillig zu den Fahnen eilen“, wurde auch in Landau gehört und befolgt. Hermann und Viktor Weiss waren dafür bereits zu alt, aber sowohl Otto und Paul, die Söhne von Hermann und Helene Weiss, als auch Rudolf, der Sohn von Viktor und Lucie Weiss, wurden eingezogen.[30]

Kriegsstammrolleneintrag für Otto Weiss
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1631/images/31421_BH15458-00013?pId=3590070
Kriegsrangliste Paul
Kriegsstammrolleneintrag für Paul Weiss
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/3590070:1631

Im Unterschied zu vielen anderen national eingestellten Juden, die eher von einem konservativen Gesellschaftsbild und Staatsverständnis geprägt waren, gehörte Viktor Weiss zu einer Minderheit liberal gesonnener Glaubensbrüder. Bereits seit 1909 war er politisch aktiv, zunächst im Gemeindekollegium, dann 1920 nach der ersten demokratischen Kommunalwahl als Stadtrat der DDP, der eher linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei.[31] Bis 1933 gehörte er diesem Gremium an, in das er auch von Nichtjuden immer wieder neu gewählt wurde.[32] In den verschiedensten Ausschüssen, zuletzt im Haupt- und Finanzausschuss, im Bau- und Umlagenausschuss, im Verwaltungsrat der Städtischen Sparkasse und im Schwimmbadausschuss, war er aktiv.[33]

Viktor Weiss
Viktor Weiss (links) im Kreis Landauer Honoratioren – das vermulich einzige Bild von ihm
Mit Genehmigung des Stadtarchivs Landau

Aber nicht nur im Rahmen dieser Funktionen, sondern auch als Privatmann setzte sich der sozial engagierte Politiker und Geschäftsmann für seine am unteren Rand der Gesellschaft lebenden Mitbürger ein. Und die Not gerade in den späteren Kriegsjahren – man denke etwa an den „Kohlrübenwinter“ 1916/17 – war unermesslich groß.

Schon im Jahr zuvor hatten Viktor und seine Frau Lucie Weiss eine Stiftung ins Leben gerufen, die mit 10.000 RM fundiert war. Ihren Zweck begründete er folgendermaßen:
„In schwerem Kampfe gegen eine Welt von Feinden steht unser deutsches Vaterland. Grosse Opfer an Blut und Gut werden in diesem Kampfe von unserem Volke gefordert. Auch aus unserer Stadt stehen zahlreiche Kämpfer im Felde, von denen so mancher siech und krank zurückkehren wird. Kummer und bange Sorgen um die Zukunft hat sich bei vielen Verwaisten eingeschlichen, deren Ernährer fürs Vaterland gestorben ist. Bittere Not steht für viele vor der Türe. Solche Not zu lindern, ist die Aufgabe der Allgemeinheit und vaterländische Pflicht jedes Einzelnen.“[34]
Das Geld sollte von sofort an bis längstens ein Jahr nach Friedensschluss an „hiesige, vom Felde heimgekehrte, bedürftige und würdige Krieger oder an Familien gefallener hiesiger bedürftiger Krieger verteilt werden“. Später erhöhte er die Summe der Stiftung auf 13.000 RM.

Spektakulär war auch der auf seine Initiative errichtete „Feldgraue“ vor der Landauer Stiftskirche, die Holzfigur eines deutschen Soldaten, in die Nägel geschlagen werden konnten, die zuvor gegen eine Spende erworben werden mussten. Neben einfachen, billigen Nägeln für Schulkinder gab es auch vergoldete, die den Namenszug des Spenders trugen. Etwa 17.000 Nägel brachten etwas mehr als 21.000 RM ein, Geld, das der Kriegsfürsorge und der Kriegswohlfahrtspflege zu Gute kommen sollte.[35] Dass der „Feldgraue“ letztlich nur noch das Grauen des Krieges als solches symbolisierte, hatte Viktor Weiss sicher nicht so gesehen. Auch den jüngsten Opfern an der „Heimatfront“ hat er damals geholfen, indem er 1917 auf seine Kosten eine größere Menge Schuhe, aber auch Schokolade und andere Süßigkeiten einkaufte und sie über entsprechende Listen der Schulverwaltung an bedürftige Kinder verteilen ließ.

Als eine noch bedeutendere Investition zu deren Nutzen muss man die ebenfalls auf Initiative von Viktor Weiss errichtete und auf seine finanzielle Unterstützung angewiesene ‚Landauer Gemeinnützige Milchanstalt’ ansehen. Auf seine Kosten wurden 27 Kühe angeschafft, deren Milch an Not leidende Familien umsonst oder zumindest verbilligt abgegeben wurde. Nach seinen Angaben hatte er bis 1920 50.000 RM an privaten Mitteln in dieses Projekt gesteckt.

Aber es war nicht nur Geld, das er bereitwillig zur Verfügung stellte, es war auch sein eigenes Leben, das er riskierte. Als nach dem Ersten Weltkrieg in der Pfalz eine seperatistische Bewegung entstand, die einen eigenen Staat unter dem Schirm Frankreichs zu etablieren versuchte, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Um zu verhindern, dass den Separatisten von ihren eigenen, allerdings frankreichfeindlichen Volksgenossen ein Leid zugefügt würde, hatte die französische Besatzung Geiseln gefordert und Viktor Weiss war einer derjenigen, dem diese Aufgabe nicht zufällig zufiel. Der Patriot Viktor Weiss galt als entschiedener Gegner dieser Bewegung, wenngleich man sich im Ziel, nämlich eine demokratische Entwicklung herbeizuführen, eigentlich einig war. Aber für Weiss konnte dies nur im Rahmen eines geeinten deutschen Nationalstaats und keinesfalls durch dessen Zerstörung realisiert werden. Dennoch wurde ihm diese Bereitschaft, sich als Geisel zu stellen, später von der Nazi-Presse angelastet. Er habe – so hieß es am 17. Februar 1934 im ‚Landauer Anzeiger’ – sich damit für die Sicherheit der Separatisten, ihrer Familien und ihres Eigentum eingesetzt.
Viktor Weiss war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sogar Mitglied des auch in Landau gegründeten Arbeiter- und Soldatenrats, der aber, anders als der Name suggeriert, keineswegs revolutionäre Absichten verfolgte, sondern – ähnlich wie in Wiesbaden – sich primär als Ordnungsmacht verstand und revolutionäre Unruhen gerade zu verhindern suchte.

Für sein großes politisches wie auch soziales Engagement hatte Viktor Weiss damals sehr viel Anerkennung und Bewunderung erfahren. In seiner Akte im Stadtarchiv Landau ist eine große Zahl der Danksagungen und auch eine Liste der Auszeichnungen, die ihm dafür verliehen wurden, gesammelt, darunter Briefe sowohl von einfachen Soldaten als auch von Honoratioren der Stadt. Noch während des Krieges wurde ihm 1917 der Ehrentitel eines Kommerzienrats verliehen.

All das zählte nicht mehr, als die NSDAP 1933 in der als „braune Revolution“ stilisierten Machtübertragung begann, die Verhältnisse in Deutschland grundlegend zu verändern.[36] In Landau erhielt die NSDAP in der März-Wahl 1933 56,4 Prozent der Stimmen und lag damit mehr als zehn Prozentpunkte über dem Reichsdurchschnitt.[37] Dass auch die Haltung gegenüber dem und den Juden sich in all den Jahren nicht wirklich geändert hatte, das die latenten Vorurteile unter den neuen Verhältnissen sehr leicht wieder geweckt werden konnten, geht aus einem Tagebucheintrag des Herausgebers des Landauer Anzeigers hervor, der im Zusammenhang mit der Errichtung der Milchanstalt entstand:
“Der dieses Unternehmen ins Leben gerufen, hat sich im Krieg wiederholt durch große Freigiebigkeit bemerkbar gemacht. Man hat ihm nachgerechnet, dass es keine Kunst sei, wohltätig zu sein, wenn man solche Gewinne wie er in seinem Lederhandel während des Krieges eingeheimst habe, aber man muss doch anerkennen, dass er zu jenen Juden gehört, die eine offene Hand haben, wo es gilt, eine Not zu lindern – es gibt auch andere – und dass er ein tatkräftiger Mann ist, der fast bei keiner gemeinnützigen Unternehmung fehlt und dem Wohl der Stadt nach seiner Weise zu dienen sucht. Seit er im Gemeindebevollmächtigtenkollegium sitzt, hat er oft von sich Reden machen, in einer für mich unangenehmen Art. Meiner germanischen Abneigung gegen das Wesen der jüdischen Rasse – nicht zu verwechseln mit dem landläufigen, auf Neid beruhenden Antisemitismus – sprach hier mit. Aber wenn er auch nur diese ‚Landauer Gemeinnützige Milchanstalt’ ins Leben gerufen und sonst nichts getan hätte, würde ich doch bekennen müssen: Hut ab vor diesem Mann!“[38]

Es mag einzelne Juden geben, vor denen man den Hut ziehen muss, aber der Jude als solcher ist artfremd, gehört nicht dazu. So muss man wohl diesen Kommentar lesen.
Schon wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ wurde Viktor Weiss am 10. März mit weiteren oppositionellen Landauern in „Schutzhaft“ genommen und in der Landauer Fortkaserne inhaftiert, ob als Jude oder als politischer Gegner sei dahingestellt.
Zu dieser Verhaftung notierte er:
„Als im Jahre 1933 der Umsturz kam, wurde ich als erster von den neuen Herren ins Gefängnis geworfen.
Ich war darüber gar nicht verwundert, denn als im Jahre 1918 die Franzosen in Landau einrückten, wurde ich ja auch als erster verhaftet und zwar wegen ‚franzosenfeindlicher Gesinnung’.
Als dann 1920 das Separatistengesindel in Landau zur Regierung gelangte, wurde ich auch als erster verhaftet und als ‚separatistenfeindlich’ in die 18. Kaserne eingesperrt.
So wurde ich dann natürlich auch im Jahre 1933 als erster nach dem Umbruch verhaftet.“
[39]

Er und sein jüdischer Stadtratskollege Richard Joseph von der SPD wurden zwar am gleichen Tag oder wenige Tage später wieder entlassen,[40] die übrigen dort Inhaftierten hatten in der ehemaligen Kaserne harte körperliche Arbeit zu verrichten. Der Landauer Anzeiger, dessen Herausgeber Kaußler zuvor bereits zitiert wurde, versuchte seinen Lesern einzureden, dass es den dort Gefangenen an nichts – außer der Freiheit! – fehle. Sie würden sich alle recht wohl fühlen.

Zwei Tage, nachdem man ihn in Schutzhaft genommen hatte, legte Viktor Weiss sein Stadtratsmandat mit folgendem Schreiben an den Bürgermeister nieder:
Landau, 12. März 1933
Sehr geehrter Oberbürgermeister !
Infolge der Aufregungen der letzten Tage sind meine Nerven derart angegriffen, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mein Stadtratsmandat auszuüben. Ich lege hiermit mein Amt als Stadtrat, welches ich dank des Vertrauens meiner Mitbürger über 23 Jahre lang, mit bestem Wissen und Gewissen, verwalten durfte, nieder. Meiner lieben Vaterstadt wünsche ich auch weiterhin das Allerbeste.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr sehr ergebener Viktor Weiss“
[41]
Solche Verhaftungen, die es überall in Deutschland in diesen Tagen gab, hatten die internationale Presse auf die bedrohliche Lage der Juden in Deutschland aufmerksam gemacht, was wiederum die Nazis Anfang April mit dem Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte zu einem Gegenschlag veranlasste. Schier unfassbar ist, dass sich sowohl der ‚Centralverein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens’ als auch der ‚Reichsbund jüdischer Frontsoldaten’ in Landau in einer öffentlichen Erklärung die Argumentation der Nazis zu eigen machten und gegen „die widerwärtige und lügnerische Greuelhetze des Auslands aufs schärfste protestiert(e)“. Die beiden Organisationen wendeten sich „mit Entrüstung gegen jede Einmischung des Auslands in innerdeutsche Angelegenheiten“. Sie „verwahrten sich feierlichst gegen den Vorwurf, dass das deutsche Judentum irgend etwas mit dieser Hetze zu tun“ habe. „Politische Drahtzieher und wirtschaftliche Konkurrenten Deutschlands haben diese Agitation entfacht. Jetzt sollen schuldlose Menschen für dieses Treiben, das sie nicht zu verantworten haben, büßen, indem ihnen ihre Lebensmöglichkeit genommen werden soll. Wir haben alle unsere Mitglieder, soweit sie nur irgendwelche Beziehungen zu Ausländern haben, aufgefordert, der Greuelhetze mit allem Nachdruck entgegenzutreten.“[42]
Die Erklärung schließt mit einem hilflosen Bekenntnis zum deutschen Vaterland, dem man sich „unlöslich verbunden fühlt“ und an dessen weiteren Aufstieg mitzuarbeiten man als „heilige Pflicht“ erachte.
Doch die Nazis ließ diese – man muss schon sagen – Anbiederung an die neuen Machthaber kalt. Sie führten ihre schon lange geplanten Aktionen – Gauleiter Bürckel hatte schon Mitte März dazu aufgerufen – in den ersten Apriltagen wie überall in Deutschland auch in Landau durch. Mit Plakaten zogen SA-Posten vor Geschäfte und Praxen, um Kunden vom Betreten der Einrichtungen abzuhalten. Allerdings soll es in Landau nicht zu gewalttätigen Übergriffen gekommen sein. Dennoch markiert dieses Datum den Beginn der systematischen Ausgrenzung der Juden aus dem Wirtschaftsleben in Deutschland, ein Prozess, der mit der Vernichtung der Existenzgrundlage und zuletzt mit der des Lebens selbst endete.
Für Viktor und Lucie Weiss war diese Boykottkampagne und sicher auch die hilflose Reaktion der Jüdischen Gemeinde Landau der letzte Impuls, der Stadt, die ihnen so viel zu verdanken hatte, den Rücken zu kehren. Laut Eintrag auf ihrer Meldekarte verließen sie am 22. Mai 1933 Landau, um ihren Lebensabend in Wiesbaden zu verbringen,[43] sicher nicht ahnend, was an Niedertracht und Grausamkeit dort noch auf sie wartete.

Im Hinblick auf die Firma ‚Gebr. Weiss’, scheint es allerdings bereits zu Beginn der dreißiger Jahre eine Veränderung gegeben zu haben. Viktor Weiss hatte sich wohl schon 1930 zumindest partiell aus der Firma zurückgezogen und seinen Sohn Rudolf als seinen Nachfolger eingesetzt. Er selbst blieb allerdings als stiller Gesellschafter dem Unternehmen erhalten. Vertraglich nicht fixiert war zwischen Vater und Sohn, zwischen denen „ein selten gutes, von unbegrenztem Vertrauen getragenes Verhältnis“ bestand, vereinbart worden, dass Viktor Weiss statt der sonst üblichen Kapitaleinlage dem Unternehmen weiterhin sein Wissen, sein Vertrauensverhältnis zu langjährigen Stammkunden und auch seine Arbeitskraft in Form von Reisen zu diesen Kunden einbringen sollte. Dafür wurde ihm eine jährliche Zahlung von 10.000 RM zugesichert.[44]

Ähnlich wie sein Bruder hatte auch Hermann Weiss seine berufliche Tätigkeit spätestens Anfang der 30er Jahre eingestellt, zumindest reduziert und dem älteren Sohn Otto David seine Rolle in der Geschäftsführung übertragen. Ob die beiden ein ähnliches Arrangement getroffen hatten wie Viktor Weiss und sein Sohn Rudolf, ist nicht bekannt. Vermutlich wurde damals auch die Firma von Landau nach Pirmasens verlegt, wohin die beiden Nachfolger dann auch zogen. Aus seiner Meldekartei ist zu entnehmen, dass Rudolf am 1. Januar 1932 den Ortswechsel vollzog. Ob dieser Umzug primär aus geschäftlichen Gründen stattfand oder Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus in Landau war, ist nicht mehr zu beurteilen. Man muss allerdings sagen, dass die NSDAP in Pirmasens eine noch größere Zustimmung und Gefolgschaft hatte als in Landau.[45] Vielleicht war der Grund auch rein privater Natur, denn am 25. Januar 1932 heiratete er die katholische Hilde Kuntz, die am 19. August 1911 in Hamm / Westfalen geboren worden war.[46].

Sein Cousin Otto Weiss wohnte spätestens seit 1930 mit seiner Familie in Pirmasens. Am 26. Januar 1930 hatte auch er durch seine Eheschließung mit Charlotte Roos aus Bingen eine eigene Familie gegründet.

Lotte Weiss Roos
Charlotte Roos als Kind
USC Shoa Foundation
Lotte Wess Roos
Charlotte, 12 Jhre alt
USC Shoa Foundation

Die Braut war in jedem Fall ein „gute Partie“, denn die am 10. März 1908 geborene Lotte, so wurde sie genannt, stammte aus einem bedeutenden Weinhandelshaus, nach ihren eigenen Angaben sogar aus einem der bedeutendsten Häuser Deutschlands, das von ihrem Vater Max Roos in Bingen betrieben wurde. Die Eheschließung fand in Wiesbaden statt, wo man anschließend im Hotel ‚Kaiserhof’ im Kreis der Familie dinierte. Am 12. Juni 1932 wurde in Pirmasens die Tochter Ellen geboren.[47]

Hochzeit Roos - Weiss
Hochzeitsfeier von Otto Weiss und Charlotte Roos im Kaiserhof in Wiesbaden 1930
USC Shoa Foundation

Hermann und Viktor Weiss lebten damals beide noch in Landau und Viktor hatte es sich nach Aussagen des damaligen Steuerberaters nicht nehmen lassen, tatsächlich weiterhin die Vertragsverhandlungen mit alten Kunden, mit denen er auch freundschaftlich verbunden war, zu übernehmen. Selbst nachdem das Geschäft nach Pirmasens verlegt worden war, kam er bis zu seinem Umzug im Frühjahr 1933 nach Wiesbaden weiterhin mindestens einmal in der Woche dort vorbei. Gleichwohl hatte er danach auch in den Jahren 1933 und 1934 die vereinbarte Zahlung von jeweils 10.000 RM noch erhalten.

Zahlen über den damaligen Geschäftsumfang liegen leider nicht mehr vor. Aber wohl schon im Jahr 1934 hatten sich die Familien entschlossen, das traditionsreiche Unternehmen zu liquidieren und auch die gemeinsamen Vermögen neu zu ordnen. Eine notarielle Urkunde, datiert auf den 1. März 1934, besagt, dass die beiden Brüder Hermann und Viktor Weiss die zwei Hausgrundstücke, die ihnen bisher jeweils zur Hälfte gehörten, damals so aufteilten, dass jeder eines der Häuser zum vollem Besitz erhielt. Hermann bekam das Haus in Landau in der Kirchstr. 28, jetzt Martin-Luther-Str. 28, und Viktor die Immobilie in Pirmasens An der Taubenstraße, zu der auch Lagerräume und offenbar auch eine Werkstatt mit einem Lederspanner gehörten. Zudem erhielt er von seinem Bruder eine Ausgleichszahlung über 2.000 RM. In dieser Urkunde wird außerdem erwähnt, dass die ehemals gemeinsame, als O.H.G. organisierte Firma inzwischen erloschen sei,[48] was also spätestens im Frühjahr 1934 geschehen sein muss.

Auch Hermann Weiss, der nach dem Machtantritt der Nazis in dem nun ihm allein gehörenden Haus in Landau wohnen blieb, geriet, obwohl sicher nicht so prominent wie sein in der Öffentlichkeit immer präsenter Bruder, als Jude schon bald in den Fokus der NS-Behörden. Schon im Sommer 1934 hatten diese den Verdacht gehegt, dass er und seine Ehefrau beabsichtigen würden, ihren inländischen Wohnsitz aufzugeben. Das wäre damals noch relativ leicht möglich gewesen, hätte aber die Zahlung der dann fälligen Reichsfluchtsteuer zur Folge gehabt. Bezug nehmend auf den Vermögenssteuerbescheid vom 1. Januar 1931, in dem ein Vermögen von 181.000 RM erfasst worden war, verlangte das Finanzamt die Hinterlegung von 48.000 RM zu Sicherung dieser dann fälligen Steuer.[49] Vermutlich wurde die entsprechende Summe tatsächlich verpfändet, denn das Ehepaar verließ damals Deutschland, kehrte allerdings nach wenigen Wochen wieder zurück. Sie hatten sich, wie das Amt konstatieren musste, allerdings nur zu einem Erholungsurlaub im Ausland aufgehalten, wo ist nicht bekannt. Entsprechend wurde im September 1934 die Sicherungsanordnung zunächst wieder aufgehoben und Hermann und Helene Weiss blieben vorerst weiterhin in Landau wohnen.

Inzwischen trat besonders in den pfälzischen Landgemeinden und kleinen Städten der wachsende Antisemitismus immer offener zu Tage und die Überlegungen, das Land zu verlassen, nahmen auch bei der Familie Weiss immer konkretere Formen an. Ein Cousin von Otto Weiss in den USA war bereit, die notwendigen Affidavite für ihn und seine Familie zu stellen.

Da Otto Weiss aber zunächst in Amerika eine sicher wirtschaftliche Basis für seine Familie aufbauen wollte, verließ er Deutschland zunächst alleine. Mit Glück fand er in Wisconsin im mittleren Westen sogar eine Anstellung im Lederhandel. Während dieser Zeit des Wartens, war seine Frau mit ihrer Tochter Ellen nach Landau gezogen, wo ihr eine eigene Wohnung über der ihrer Schwiegereltern zur Verfügung stand. Dort musste sie dann kurz vor ihrer geplanten Ausreise den Pogrom im November 1938 erleben.

In einem Interview mit der USC-Shoah-Foundation, das die damals 88jährige im Jahr 1996 gab,[50] in dem sie die Erinnerungen immer wieder überwältigten, sprach sie auch über diesen Abend. Hermann Weiss und seine Frau Helene hielten sich zum Zeitpunkt des Überfalls nicht in Landau auf, sondern waren nach München gefahren. Am Tag zuvor soll es eine Aufforderung gegeben haben, laut der alle Juden innerhalb von 24 Stunden Landau zu verlassen und sich auf der rechtsrheinischen Seite eine Unterkunft zu suchen hätten. Alles was sie in dieser Zeit nicht packen konnten, hätte zurückgelassen werden müssen.
Charlotte Weiss und das Kind waren praktisch schon auf dem Absprung nach Amerika, hatten auch schon alles gepackt und vom Zoll kontrollieren lassen. Nur stand das Umzugsgut noch in der Wohnung und war noch nicht von der Spedition abgeholt worden. Es wäre alles verloren gewesen, hätte sie der Aufforderung Folge geleistet. Ein NSDAP Mann, der früher im Betrieb der Gebrüder Weiss angestellt war, war zufällig im Parteibüro, in das Charlotte Weiss geeilt war, um ihre Situation zu erklären. Tatsächlich erhielt sie die Genehmigung in der Wohnung bleiben zu dürfen, bis die Kisten abgeholt würden. Und auch den Schwiegereltern wurde gestattet, länger in Landau bleiben zu dürfen.
Als es Abend wurde, kam dennoch der SA-Mob und stürmte die Wohnung der Schwiegereltern und zerschlug dort die gesamte wertvolle Einrichtung. Besonders betroffen machte sie, dass ein Sohn der Hausangestellten, die seit Jahren für das Ehepaar Weiss gearbeitet hatte, einer derjenigen war, der sich an diesem Gewaltexzess beteiligte.
Als „vandalische Zerstörungen“ hatte ein Zeuge im späteren Entschädigungsverfahren die Vorgänge dieser Nacht charakterisiert.[51] Die schöne Wohnung in der Martin-Luther-Str. 28 mit sieben Zimmern muss mit wertvollstem Mobiliar eingerichtet gewesen sein, zudem hingen an den Wänden zum Teil wertvolle Gemälde von Künstlern der Region, darunter auch ein Portrait der Mutter von Hermann und Viktor Weiss. All das fiel der Zerstörungswut der Nazihorden zum Opfer. In den Schränken, die aufgerissen und deren Inhalt heraus geworfen wurde, befanden sich teure Porzellanservice bekannter Hersteller, Kristalle und Vasen. Textilien, wie Bett- und Tischwäsche sowie Vorhänge, wurden zerschnitten und auf den Boden geworfen, echte Perserteppiche wurden genauso Objekt des Vandalismus wie eine wertvolle Standuhr mit Elfenbeinverzierungen. Der damals angerichtete materielle Schaden belief sich nach vorsichtigen Schätzungen auf mindestens 31.000 RM.[52]

Lotte Weiss selbst verbrachte die beiden folgenden Nächte bei hilfsbereiten Nachbarn und fuhr dann, ohne die Rückkehr der Schwiegereltern abzuwarten, nach Bingen zu ihren Eltern, wo es wohl nicht zu ähnlich schlimmen Ausschreitungen gekommen war. Von dort konnte sie noch im Dezember 1938 mit ihrer Tochter Ellen auf der ‚Washington’ die Fahrt nach New York antreten. Aber auch das muss noch einmal eine gefahrvolle Reise gewesen sein, da das Schiff in einen Wintersturm geriet, durch den mehrere Kabinen überflutet wurden.

Immerhin waren ihre Möbel bei dem Pogrom heil geblieben und konnten ebenfalls nach Amerika verschifft werden. In der kleinen Stadt Racine in Wisconsin, wo Otto Weiss Arbeit gefunden hatte, kam die Familie wieder zusammen. Aber auch Charlotte musste als Schneiderin, später als Dekorateurin zum Familieneinkommen beitragen. Zwar bekamen sie selbst nach Ellen keine weiteren Kinder mehr, aber als Charlotte Weiss das Interview gab, war sie bereits mehrfache Groß- und Urgroßmutter.[53] Charlotte Weiss, die in ihrem Interview noch eindringlich vor dem wachsenden Antisemitismus in den USA warnte, verstarb im Jahr 1999 im Alter von 91 Jahren.[54]
Ihren Eltern war es 1939 gelungen, nach Brasilien auszuwandern, wohin Charlottes zwei Jahre älterer Bruder zuvor bereits emigriert war. In einem Rückerstattungsverfahren wurde die Weinhandelsfirma ihren ehemaligen Eigentümern wieder zurückgegeben.

Weit weniger weiß man über das Schicksal von Ottos jüngerem Bruder Ernst Paul. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte er sich am 9. September 1922 von Landau nach Heidelberg abgemeldet.[55] Sein weiterer Lebensweg konnte nur ansatzweise rekonstruiert werden. Offensichtlich war er aber nicht in das Familienunternehmen eingetreten. Am Stichtag der Volkszählung im Mai 1939 wohnte er in München.[56] Er muss sich aber laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz danach im oberschlesischen Beuthen aufgehalten haben. Von dort wurde er am 15. Juni 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.[57] Wann er dort ermordet wurde, ist nicht bekannt.

 

Nachdem ihre Wohnung zerstört worden war und sie dort nur noch ein befristetes Aufenthaltsrecht besaßen, ganz abgesehen von dem nur zu verständlichen Wunsch, in dieser Stadt nicht länger bleiben zu wollen, müssen Hermann Weiss und seine Frau Helene sich nach ihrer Rückkehr entschlossen haben, Landau sofort zu verlassen. Dass ihre Wahl auf Wiesbaden als vorläufiges Fluchtziel fiel, hatte sicher mehrere Gründe. Zum einen wohnte dort seit fünf Jahren der Bruder Viktor mit seiner Frau und die Attraktivität der Stadt als solche hatte das Ehepaar Weiss sicher nicht erst bei der Hochzeit ihres Sohnes kennen gelernt. Auf seiner Wiesbadener Gestapokarteikarte ist der Termin des Umzugs nicht vermerkt, aber die Meldekarte in Landau enthält den entsprechenden Eintrag.

Hausverkauf
Verkauf des Hauses in Landau
HHStAW 685 839a (41)

Am 30. November 1938 hatten sich beide in Landau nach Wiesbaden abgemeldet. Da sie aber nicht nur ihre Heimatstadt, sondern Deutschland überhaupt verlassen wollten, nahmen sie Quartier in der in der Parkstr. 4 gelegenen Pension ‚Amalfi’,[58] eine Adresse, die ganz sicher nur entsprechend betuchten Gästen offen stand. Das Haus in Landau in der Martin-Luther-Str. 28 konnte im März 1939 für 42.000 RM an einen Kaufmann aus dem saarländischen St. Ingbert verkauft werden.[59] Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass Hermann Weiss sich bisher in zionistischen Kreisen engagiert hatte, war Palästina zum Zielland der Emigration gewählt worden.

In Wiesbaden wurden dann die letzten organisatorischen Angelegenheiten und Formalitäten für die Emigration abgeschlossen bzw. – aus einer anderen Perspektive – der Raubzug an den Emigrationswilligen vollendet. Durch die „Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ vom 3. Dezember 1938 und vom 21. Februar 1939, waren Juden gezwungen, Edelmetalle und ihren Schmuck bei öffentlichen Pfandleihanstalten abzugeben.[60] Das Ehepaar Weiss hatte damals Werte in Höhe von rund 8.000 RM abgeliefert und dafür einen Gegenwert von 274 RM erhalten.[61]
Bedeutender war der Einzug der Sondersteuern, wie der Judenvermögensabgabe, mit der die Juden die Zerstörungen während der „Reichskristallnacht“ begleichen sollten. Bezugsjahr war das Vermögen, das am 1. Januar 1935 im Steuerbescheid ausgewiesen war. Dies betrug bei Hermann Weiss und seiner Frau 197.000 RM, wovon 38.000 RM als Judenvermögensabgabe zu entrichten waren.[62]

Die Reichsfluchtsteuer war gegenüber der ersten Berechnung von 1934 im Mai 1939 berichtigt worden. Nicht mehr 48.000 RM, für die noch immer eine Sicherheit in Form von Wertpapieren in Landau hinterlegt waren, sollte er noch bezahlen, diese wurde nun bei einem verbliebenen Vermögen von etwas mehr als 100.000 RM jetzt auf knapp 27.000 RM festgesetzt.[63] Als dann im Juni 1939 die Abreise auch Deutschland unmittelbar bevorstand und er erneut eine Vermögenserklärung abgeben musste, gab er ein Gesamtvermögen von 151.000 RM an, ein Betrag, von dem aber die noch fälligen Raten der Judenvermögensabgabe und die Reichsfluchtsteuer in Höhe von insgesamt 60.000 RM noch abzuziehen war. 91.646 RM wären ihm damals noch geblieben. Aber es gab weitere Abzüge. So gingen 6.600 RM an die ‚Reichsvereinigung der Juden’, faktisch an das SS-Reichssicherheitshauptamt, und auch die sogenannte Dego-Abgabe war noch an den Fiskus für neu erworbene Waren zu zahlen.
Wie einer detaillierten Aufstellung für die Devisenstelle zu entnehmen ist, die insgesamt 18 Seiten umfasst, hatte man sich 1939 in Wiesbaden noch mit allen möglichen Waren eingedeckt, die in Palästina sicher nicht so ohne weiteres zu bekommen waren, z.B. ein Plattenspieler, Ventilator, Brotschneidemaschine, ein Körting Radioapparat und ein Frigidaire Kühlschrank – insgesamt Waren im Wert von 6.600 RM.[64] Neben einer zunächst festgelegten Dego-Abgabe von 3.000 RM für gängige Neuwaren, hatte die Devisenstelle zunächst die Zustimmung für die Ausfuhr dieser – eher – Luxuswaren verweigert. Unter der Bedingung, dass weitere 5.000 RM an die Deutsche Golddiskontbank gezahlt würden, sollte die Mitnahme dieser Gerätschaften dann doch erlaubt werden.[65] „Ist beigebracht“ ist auf dem entsprechenden Formular zu lesen. Insgesamt belief sich also dies Sonderausfuhrsteuer auf 8.000 RM.[66] Die nötige Unbedenklichkeitsbescheinigung erhielten sie vom Finanzamt Wiesbaden im August 1939.[67]

Am 4. Oktober 1939 meldeten sich Hermann und Helene Weiss, die bis zuletzt in den Pension in der Parkstraße gewohnt hatten, in Wiesbaden und damit in Deutschland ab, um ihre Reise nach Palästina anzutreten.[68] Der Weg führte sie zunächst mit der Eisenbahn nach Triest, von wo aus sie mit dem Schiff den Hafen von Haifa ansteuerten.[69]

Das Ehepaar Hermann und Helene Weiss melden sich in Wiesbaden nach Palästina ab
HHStAW 518 80427 (14)

Über ihr Leben in Palästina bzw. Israel ist nichts bekannt, aber vermutlich wird es ihnen dort besser gegangen sein, als manchem anderen, der ohne jegliche Mittel dort angekommen war. Aus einer Vermögensaufstellung aus dem Januar 1939 ergibt sich, dass man sich wohl auch schon früh dort Land gesichert hatte, zumindest legt das die Angabe der Devisenstelle Ludwigshafen nahe, laut der Hermann Weiss einen Anteilschein der ‚Bodengesellschaft Hanotoiah’ in Tel Aviv in der Höhe von fast 20.000 RM besaß.[70]

 

Ausreise Leopold u Emmy Beer
Ausreise von Leopold und Emmy Beer, geborene Weiss, in das chilenische Exil
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/144630297:2997?tid=&pid=&queryId=948bc605ef391ed58954398e443513e2&_phsrc=svo717&_phstart=successSource

Auch Viktor und Lucie Weiss werden immer wieder über die Emigration nachgedacht haben, aber konkrete Schritte scheinen sie nicht unternommen zu haben. Sie mussten zunächst mitansehen, wie ihre Familie allmählich zerfiel. Die erste die Deutschland verließ, war die Tochter Emmy. Im Antrag der Zollfahndungsstelle Mainz vom 31. August 1938, Viktor Weiss mit einer Sicherungsanordnung zu belegen, wird diese auch damit begründet, dass seine Tochter 1936 ausgewandert sei, er daher im Ausland auf deren Unterstützung bauen könne.[71] Wie aus den späteren Entschädigungsakten hervorgeht, war sie verheiratet mit einem Leopold Beer, über den aber nichts Näheres bekannt ist. Allerdings tauchen diese beiden Namen auf einer Passagierliste eines Schiffes auf, das am 26. August 1936 den Hafen von Liverpool mit dem Ziel Valparaiso in Chile verließ.[72] Man kann mit größter Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es sich hierbei um die Tochter und den Schwiegersohn von Viktor und Lucie Weiss handelt, denn die beiden lebten tatsächlich in der Zeit der Entschädigungsverfahren in Chile, allerdings zuletzt in Santiago. Emmy verstarb dort am 13. Juni 1959 noch bevor diese Verfahren abgeschlossen werden konnten.[73] Mehr konnte über das Schicksal von Emmy Beer, geborene Weiss, bisher nicht in Erfahrung gebracht werden.

Ihr Bruder Rudolf war nach der Liquidierung des Unternehmens zunächst in Pirmasens geblieben, konnte als Einkommen aber, von einzelnen alten Nachforderungen abgesehen, nur noch Mieteinnahmen verbuchen, die ihm der Vater, der weiterhin Eigentümer des dortigen Hauses war, wohl überlassen hatte. Aber diese beliefen sich in den Jahren 1936 bis 1938 auf etwa 2.000 bis 3.000 RM im Jahr. Auf den Monat umgerechnet war es in jedem Fall nicht viel, was dem kinderlos gebliebenen Paar zur Verfügung stand.[74] Vermutlich wird er schon damals weiter Mittel zum Lebensunterhalt von seinem Vater erhalten haben. Wie aus der Steuererklärung von Rudolf Weiss aus dem Jahr 1938 hervorgeht, wurde die Ehe mit seiner katholischen Frau Hilde am 23. August 1938 geschieden.[75] Ob die unterschiedliche „Rassezugehörigkeit“ hierbei eine Rolle spielte, wird sich nicht mehr beurteilen lassen.

Rudolf Weiss ist bereit, Deutschland zu verlassen
HHStAW 519/3 32910 (1)

Nach der Scheidung zog Rudolf Weiss nach Frankfurt in die Feldbergstr. 25, musste dort, da er kein eigenes Einkommen hatte, von seinem Vater mit monatlich etwa 600 RM unterstützt werden.[76] Am 17. Februar 1939 stellte er bei der Devisenstelle den Antrag, man möge sein Reisegepäck für seine Ausreise gemäß den gesetzlichen Bestimmungen überprüfen, er besäße weder Vermögen noch ein ausländisches Wertpapierdepot.[77] Als Zielland gab er Chile an, wo seine Schwester sich vermutlich bereit erklärt hatte, ihn aufnehmen.
Am 15. April wurde die Genehmigung erteilt und noch im selben Monat verließ er Deutschland,[78] allerdings hatte er 756 RM als Dego-Abgabe für neu erworbene Güter als Sondersteuer zu entrichten, ein Betrag, den sein Vater übernahm.[79] Die notwendigen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen für die Ausgabe eines Reisepasses lagen bereits seit Februar vor. Aufgrund fehlenden Vermögens war er offensichtlich nicht zur Judenvermögensabgabe oder zur Reichsfluchtsteuer herangezogen worden.

Die geglückte Emigration hatte aber noch ein Nachspiel, wobei allerdings nicht klar ist, ob die Aktenlage die tatsächlichen Vorgänge richtig widerspiegelt. In einem Schnellbrief des Auswärtigen Amtes vom 11. Februar 1942 an die Devisenstelle in Frankfurt heißt es:
“Nach einer dem Auswärtigen Amt zugegangenen vertraulichen Mitteilung der Deutschen Botschaft in Santiago sollen im Umzugsgut des nach Santiago ausgewanderten Juden Rudolf Weiss Perlen und sonstiger Schmuck im Wert von etwa 400.000 RM (vierhunderttausend) angeblich im Boden eines Kühlschrankes versteckt worden sein. Das Umzugsgut soll bei Brasch und Rothenstein, Frankfurt /Main, Mainzerstr. 25, eingelagert sein.“[80]
Diese Meldung ist schon aus zwei Gründen interessant, weil sie zum einen zeigt, wie sehr man auch im fernen Ausland als Feind des NS-Regimes unter Beobachtung stand und bespitzelt wurde. Nicht minder interessant ist aber auch, dass offensichtlich das Umzugsgut, das bereits freigegeben war, nach drei Jahren noch immer im Lager der Spedition stand, Emigranten somit keineswegs damit rechnen konnten, dass ihnen, wenn sie zunächst ohne dieses ausreisten, ihr Lift mit dem Auswanderungsgut nachgeliefert wurde. Im September 1940 hatte Rudolfs Vater noch eine Rechnung der genannten Firma für „Lagergeld“ in Höhe von 139 RM gezahlt, nachdem ihm die Devisenstelle die entsprechende Freigabe der zusätzlichen Ausgabe erteilt hatte.[81] Nicht auszuschließen ist, dass weitere Rechnungen dieser Art in der Folgezeit eingingen.

Auszug aus der Liste der Wertgegenstände, die Rudolf Weiss versuchte, außer Landes zu bringen
HHStAW 519/3 32910 (5)

Die Meldung rief die Zollfahndung auf den Plan, die sofort eine Klage wegen Devisenvergehens gegen Rudolf Weiss und eine Untersuchung der Gepäckstücke in die Wege leitete. Man fand angeblich tatsächlich eine Metallkiste mit Schmuck in dem besagten Kühlschrank, Schmuck der eigentlich bei den städtischen Pfandleihen hätte abgegeben werden müssen. Auf einer vierseitigen Liste waren die einzelnen Wertgegenstände, aufgeteilt in Schmuck und edle Bestecke, aufgeführt. Ihr reiner Metallwert wurde von der Zollfahndung auf etwa 30.000 RM geschätzt, ihr Verkaufswert zwar auf etwa 100.000 RM, aber keinesfalls auf 400.000 RM.[82] Dennoch bedauerlich, dass der Schmuggel misslungen war, da diese Summe für einen Neuanfang im chilenischen Exil ganz sicher für Rudolf von großem Nutzen gewesen wäre. Seine Strafe belief sich auf 10.000 RM plus 79,50 RM Vollstreckungsgebühren.

Die Wertgegenstände wurden von der Zollfahndung zu Gunsten des Deutschen Reiches eingezogen und sollten verwertet, sprich über Auktionatoren zu Geld für den klammen Staat gemacht werden.[83] Was dann folgte, liest sich allerdings wie Possenstück über diesen Machtstaat, der sich in seiner eigenen Bürokratie völlig verhedderte oder, was noch wahrscheinlicher ist, in dem einige der Wertgegenstände über dunklen Kanälen verschwanden und in privaten Taschen landeten: Zunächst hatte die Devisenstelle von dem für Rudolf Weiss zuletzt zuständigen Finanzamt Frankfurt-Ost die Meldung erhalten, dass die Verwertung bisher wohl rund 15.000 RM erbracht habe, die Strafe sich aber nur auf 10.000 RM beliefe. Sie fragte deshalb an, ob sie das restliche Geld auf ein noch einzurichtendes Sperrkonto auf den Namen Rudolf Weiss übertragen solle. Die Devisenstelle habe sein Gepäck seinerzeit nicht beschlagnahmt, somit stände ihm das Geld eigentlich zu. Offenbar war das Finanzamt ob dieser Anfrage irritiert und musste einräumen, dass die Meldung über die Verwertung ein Irrtum gewesen sei und man sie für ungültig erklären solle. Eine berichtige Nachricht würde folgen, was dann vier Monate später geschah. Der zuständige Sachbearbeiter sei „infolge Arbeitsüberlastung“ – das will man angesichts der Raubzüge des Staates gerne glauben – „bisher nicht dazu gekommen, die Gegenstände aus Edelmetall an die Pfandleihanstalt nach Berlin zur Verwertung zu übersenden.“ Die Genehmigung zur Übersendung liege bereits vor und würde in den nächsten Tagen erfolgen. Man habe aber schon für 333 RM in eigener Zuständigkeit Gegenstände verkauft und verbucht. Leider habe man aber vergessen die Devisenstelle davon zu unterrichten. Die „Annahmeanordnung“ über diesen Betrag wurde daraufhin erteilt.[84]
Der große „Schatzfund“ geriet dann offenbar erneut in Vergessenheit. Erst Mitte Februar 1943 fragte die Devisenstelle beim Hauptzollamt an, was daraus geworden sei. Man habe, so der Vermerk, den Schmuck und die anderen Edelmetallwaren am 29. Oktober 1942 nach Berlin geschickt und zwei Wochen später auch eine Bestätigung des Eingangs erhalten. Wiederum vier Wochen später bestätigte die Pfandleihanstalt den Eingang der Anfrage und versicherte, dass man demnächst Auskunft erteilen werde.[85] Und tatsächlich kam am 8. April 1943 die Nachricht, dass 350 RM eingenommen und in der Strafsache Weiss verbucht worden seien. Der Betrag war offensichtlich zunächst falsch verbucht worden, weshalb zunächst erst wieder eine neue „Annahmeanordnung“ ausgestellt werden musste. Eine Woche später, am 14. April, erhielt die Devisenstelle von der Zollfahndung ein weiteres Schreiben, in dem es heißt, dass die zuständige Berliner Pfandleihanstalt insgesamt einen Verwertungserlös von 903,34 RM erzielt habe. Man bitte um die notwendige „Annahmeanordnung“, die selbstverständlich erteilt wurde.[86] Mit diesem Erfolg schließt die Akte. Aus den einmal 400.000 RM waren etwas mehr als 1.000 RM geworden, aber man kann vermuten, dass angesichts der überbordenden Bürokratie die Beteiligten selbst die Übersicht über ihr Tun verloren und damit zugleich vielfältige Möglichkeiten zur Privatentnahme des geraubten jüdischen Gutes eröffneten. Irgendwo müssen die Broschen, Ringe, und silbernen Löffeln, vermutlich zum großen Teil Erbstücke der Familie Weiss, geblieben sein.

 

Biebricher Allee 36
Das Haus in der Biebricher Allee 36, ehemals Hindenburgallee, heute
Eigene Aufnahme

Nach der mehr oder weniger geglückten Auswanderung von Rudolf Weiss, waren die Eltern alleine in Wiesbaden zurückgeblieben. Nach ihrer Flucht aus Landau hatten sie zunächst kurzzeitig Quartier in dem einst sehr renommierten Hotel ‚Victoria’ in der Wilhelmstr. 1 genommen. Aber schon im Wiesbadener Adressbuch von 1934/35 sind sie mit der Adresse Hindenburgallee 36 eingetragen, der heutigen Biebricher Allee, wo sie eine Wohnung im ersten Stock angemietet hatten.
In den folgenden Jahren wurde auch das Ehepaar Weiss von den NS-Finanzbehörden systematisch um ihr Vermögen gebracht, obgleich man erstaunlicher Weise mit ihnen anders umging, als mit den meisten anderen wohlhabenden jüdischen Familien. Keine Frage, das Ehepaar Weiss gehörte auch in Wiesbaden zu den eher vermögenden Juden. Weil die Zollfahndungsstelle Mainz nach der Emigration der Kinder befürchtete, auch die Eltern könnten sich unter Umgehung der gültigen Devisenbestimmungen samt ihrer Habe ins Ausland absetzen, forderte sie bei der Devisenstelle eine Sicherungsanordnung, durch die ihnen die Verfügungsrechte über die eigenen Konten entzogen werden sollten. Das Vermögen wurde zum Stichtag 27. April 1938 auf 198.300 RM beziffert. Ob diese Zusammenstellung den Tatsachen entsprach, ist nicht zu überprüfen. Falsch ist zumindest schon beim ersten genannten Posten, dem Haus in der Elisenstr. 15 mit einem Wert von 25.800 RM, dass dieses in Wiesbaden stehen würde. Es handelte sich dabei vielmehr um das Wohn- und Geschäftshaus, in Pirmasens, was zuvor Rudolf

Weiss bewohnt hatte. Weiterhin ist ein Wertpapierdepot aufgeführt, das auf 134.000 RM geschätzt wurde. Ansonsten werden Darlehens- und Hypothekenforderungen, ein kleines Bankguthaben und Gegenstände aus Edelmetall und Gemälde benannt.[87]

Am 5. September 1938 folgte die Devisenstelle der Forderung der Zollfahndung und erteilte die Auflage, stellte wie zu dieser Zeit noch üblich die Erträgnisse der Vermögenswerte aber frei.[88] Am 20. Oktober reagierte Viktor Weiss auf diesen Eingriff in seine Rechte mit einem Brief, in dem er mit Verweis auf sein uneigennütziges Engagement für das deutsche Volk in der Vergangenheit um die Rücknahme der Anordnung bat. Er schrieb:
“Ich erhielt am 9.September 1938 einen Brief der Devisenstelle, in dem mir mitgeteilt wurde, daß der größte Teil meines Vermögens unter ‚Sicherungsanordnung gemäß § 37a des Devisengesetzes’ stehe.
Als Gründe für diese Sicherungsanordnung wird mitgeteilt:
‚Es ist zu befürchten, daß die sichergestellten Vermögenswerte unter Umgehung der bestehenden Vorschriften der Devisenbewirtschaftung entzogen werden.’
Durch diese Begründung legt die Devisenstelle einen ausserordentlich schweren Verdacht auf mich und bitte ich daher durch Aufbebung dieser ‚Sicherungsanordnung’ diesen vollständig unbegründeten Verdacht wieder von mir zu nehmen. Ich habe mein ganzes Leben lang auch nicht das Geringste gegen die Gesetze getan und werde auch – dessen kann die Devisenstelle fest überzeugt sein – nachdem ich in Ehren alt und grau geworden bin, niemals etwas gegen die bestehenden Gesetze tun. Ich hatte von jeher die freie Verfügung über mein Vermögen und habe diese Freiheit dazu benutzt, große Teile desselben, wie die Devisenstelle aus beiliegenden Akten ersehen kann, immer zum Nutzen meiner Mitbürger und meines Vaterlandes zu verwenden.
Ich habe in meinem langen Leben soviel für die Allgemeinheit geleistet, daß es sicher nicht unbescheiden ist, wenn ich die Devisenstelle bitte, die Sicherungsanordnung gegen mich wieder aufzuheben, damit ich die Gewißheit habe, daß die Behörden mich wieder als anständigen Menschen betrachten.
Ich habe diese Akten, aus denen zu ersehen ist, daß ich in vielen Fällen meinen Kopf und mein Vermögen für mein deutsches Vaterland aufs Spiel setzte, bei einer anderen Gelegenheit schon einmal der Devisenstelle vorgelegt.“
[89]

Das Schreiben hatte nicht, wie eigentlich zu erwarten war, eine harsche Reaktion zur Folge, sondern Viktor Weiss wurde „ersucht, zur Klärung der Angelegenheit (…) vorzusprechen.[90] Bei diesem Gespräch, so ist einer Aktennotiz zu entnehmen, konnte sich der Beamte davon überzeugen, „dass es sich bei Viktor Weiss nicht um einen Menschen handelt, der sein durch unsere Sicherungsanordnung gesperrtes Vermögen zum Schaden der Devisenbewirtschaftung verwendet.“ Er habe sich vielmehr während des Kriegs „als Philanthrop hervorgetan“ und sei während der „Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen 6 Wochen als Geisel inhaftiert“ gewesen. Die Sicherungsanordnung wurde tatsächlich wieder zurückgenommen – angesichts des Vermögens eine ganz sicher außergewöhnliche Rücksichtnahme gegenüber einem Juden.[91]
Selbst die Deutsche Bank scheint das in Erstaunen versetzt zu haben. Als Viktor Weiss das Depot seine Frau im 1939 auf sein eigenes übertragen wollte, fragte sie ungläubig bei der Devisenstelle an, ob er dazu berechtigt sei. Diese antwortete geradezu ungehalten: „Ich wiederhole meinen bereits mehrfach erteilten Bescheid, wonach die Sicherungsanordnung am 7. 11. 1938 aufgehoben wurde. Falls Sie Bedenken wegen dem Verkauf von Wertpapieren haben, wollen Sie sich bitte an die Wirtschaftsgruppe in Berlin wenden.“[92]

Die Bank hatte sich aber offenbar nicht an die Finanzaufsicht in Berlin, sondern gleich an die Gestapo gewandt. Zumindest muss man das aus einer längeren Notiz des Sachbearbeiters bei der Devisenstelle in Frankfurt schließen. Die Gestapo Frankfurt hatte nämlich nach dem Hinweis der Deutschen Bank an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden geschrieben und angefragt, ob es zu Viktor Weiss irgendwelche Vorgänge gebe. Der Sachbearbeiter, der zuvor die Sicherungsanordnung getroffen und dann wieder aufgehoben hatte, erstattete daraufhin am 13. September 1939 dem Regierungspräsidenten einen Bericht über den gesamten Vorgang und legte die Gründe für seine damalige Entscheidung noch einmal dar. Er räumte aber ein, dass nach der Neuregelung der „Sicherungsmaßnahmen“ durch den Reichswirtschaftsminister am 16. August 1939 wieder mit einer erneuten Sicherungsanordnung gegen Viktor Weiss zu rechnen sei.[93]

Viktor Weiss stellte gegenüber der Devisenstelle im April 1940 seine Situation dar
HHStAW 519/3 6537 (24)

Offenbar verzögerte sich das Verfahren noch einige Monate, aber im März 1940 wurde die Sicherungsanordnung dann mit einem Freibetrag von 600 RM neu erteilt.[94] Zugleich war Viktor Weiss zur Abgabe einer aktuellen Vermögenserklärung aufgefordert worden.
Gegenüber der letzten Vermögensaufstellung, die damals noch von der Zollfahndungsstelle Mainz stammte, hatten sich nicht nur seine Vermögens-, sondern seine Lebensverhältnisse insgesamt grundlegend verändert. Nicht nur seine Kinder waren weg, immerhin in einem sicheren Exilland, aber tiefgreifender war wohl der Tod seiner Frau Lucie, die am 28. Januar 1938 in Wiesbaden verstorben war.[95] Umsorgt wurde er von drei Hausangestellten, zwei nichtjüdischen Frauen und einer erst kürzlich eingestellten jüdischen „Hausdame“, die für ihn, der aus Krankheitsgründen selbst nicht mehr viele Wege außer Haus gehen könne, notwendige Botengänge übernehme. Die beiden nichtjüdischen Angestellten, waren schon seit vielen Jahren im Haushalt der Familie Weiss tätig gewesen, eine von ihnen, Frau Schauder, schon länger als 20 Jahre. Es mag verwundern, dass sich ein alter Mann, Jude, 1940 mit drei Angestellten umgab, die sich um ihn sorgen konnten, es scheint sogar angesichts der Not, in der viele Jüdinnen und Juden damals lebten, geradezu dekadent. Aber das war es ganz offensichtlich nicht. Es ging ihm vielmehr darum, diesen Angestellten Lohn und Brot zu verschaffen, der Jüdin, die sonst wohl kaum eine Chance gehabt hätte, und den beiden nichtjüdischen Frauen aus Dankbarkeit dafür, dass sie trotz aller Anfeindungen, die sie dafür sicher zu ertragen hatten, bei „dem Juden Weiss“ geblieben waren.
Der älteren, etwa 60 Jahre alten, ledigen Frau Schauder hatte er am 1. Dezember 1938 sogar das Haus in Pirmasens mit einem Einheitswert von 25.800 RM geschenkt, das zuvor der Sohn bewohnt hatte.[96] Aus der Familie würde dieses Haus, da war er sich wohl sicher, niemand mehr bewohnen und dem Staat sollte es nach seinem Tod nicht verfallen. Die Schenkung wurde vom Regierungspräsidenten mit der Auflage genehmigt, dass die Mieteinnahmen von der Beschenkten in den Haushalt für den gemeinsamen Lebensunterhalt eingebracht werden müssten.[97] Vielleicht handelte es sich aber auch um einen Scheinvertrag, um die Immobilie vor dem Zugriff der Nazis zu retten. Zumindest scheint Viktor Weiss im Oktober 1939 verschiedene Wertgegenstände seiner Haushälterin in dieser Absicht übereignet zu haben.[98]
Auch durch diese Schenkung hatte sich sein Vermögen gemindert. Es betrug im Vergleich zu 1938 jetzt nur noch 130.000 RM, zumeist in Form von Wertpapieren. Von diesem Betrag sind allerdings 40.000 als Schulden abzuziehen. Hinter dieser Summe, verbirgt sich vermutlich die verpfändete Reichsfluchtsteuer. Obwohl ihm 1938 die Führung eines Sicherungskontos erspart blieb, hatte man damals ein Pfand in Höhe von 50.000 RM in Form von Wertpapieren als Sicherung dieser Steuer verlangt,[99] die wahrscheinlich nach der Übertragung des Hauses und dem entsprechenden Vermögensverlust inzwischen um 10.000 RM gesenkt worden war. Obwohl Viktor Weiss Deutschland nie verlassen hatte, wurde am 17. Januar 1941 die Steuer in Höhe von 26.000 RM eingezogen.[100]
Weiterhin hatte die Judenvermögensabgabe nach der Reichspogromnacht, die bei ihm insgesamt 43.000 RM betrug,[101] ganz erheblich zur Minderung seines Vermögens und damit auch zu der seines Einkommens beigetragen, das ja nur noch auf der Verzinsung seines Kapitals beruhte. Sein Einkommen für das laufende Jahr 1940 bezifferte er auf etwa 6.000 RM, als Erwartung für das folgende Jahr nannte er sogar etwa 11.000 RM,.[102] möglichereise in der Absicht, so einen höheren Freibetrag gewährt zu bekommen. Im Begleitschreiben zu der Vermögenserklärung erklärte er nämlich, dass es im nicht möglich sei, einen 4-Personenhaushalt mit dem zugebilligten Freibetrag von 600 RM zu finanzieren, und bat um eine erhebliche Erhöhung dieses Betrags. Man gewährte ihm daraufhin 1.000 RM.[103]

Wie lange Viktor Weiss mit den drei Frauen noch in der Hindenburgallee zusammenleben konnte, ist nicht klar. Laut seiner Gestapokarteikarte war er am 30. April 1941 in das Haus Moritzstr. 14 gezogen, das schon zu dieser Zeit als Judenhaus deklariert war und der Familie Ackermann gehörte. Laut Vermerk auf der Karteikarte, soll er dort bei Rothschild eingezogen sein. Adolf und Johanna Rothschild wohnten dort von Jahresbeginn 1939 bis zu ihrer Deportation im Juni 1942. Man wird davon ausgehen können, dass es sich um einen erzwungenen Umzug handelte, denn Viktor Weiss hatte noch genügend finanzielle Mittel, um die bisherige Wohnung zu halten und die Trennung von den bisher vertrauten Personen hätte er wohl kaum freiwillig vollzogen.

In der in der Devisenakte enthaltenen Korrespondenz der Behörde mit Viktor Weiss gibt es allerdings keinen sicheren Beleg dafür, dass er jemals tatsächlich in der Moritzstraße wohnte. Auch Briefe, die nach dem 30. April 1941 an ihn gerichtet wurden, enthalten als Adressangabe weiterhin Hindenburgallee 36. Ebenso fehlt die neue Anschrift auf dem Deckel der Devisenakte, auf dem normalerweise die jeweiligen Adressen notiert wurden. Da die Eintragungen in der Kartei sich immer wieder als fehlerhaft erwiesen haben, kann man somit nicht sicher sein, dass er vor dem Umzug in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 72 tatsächlich zunächst für etwa ein Vierteljahr im Judenhaus in der Moritzstraße untergebracht war. Der Umzug in das Haus der Marxheimers am Kaiser-Friedrich-Ring ist dagegen durch ein Schreiben von ihm selbst an die Devisenstelle und auch durch weitere Briefe an ihn mit dieser Adresse belegt.[104] Dieser sichere Umzug fehlt dann aber bei den Eintragungen auf seiner Gestapokarteikarte.

Viktor Weiss meldet der Devisenstelle in Frankfurt den Umzug in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 72
HHStAW 519/3 6537 (34)

Ob dieser Umzug „freiwillig“ oder durch das Wohnungsamt erzwungen war, ist auf Basis der vorhandenen Unterlagen nicht zu entscheiden. Es ist allerdings erwähnenswert, dass nun ehemalige Berufskollegen aus dem Lederhandel, die sich möglicherweise auch schon von früher her kannten, unter einem Dach wohnten – möglicherweise ein Grund, weshalb Viktor Weiss dort einzog, als er seine bisherige Wohnung verlassen musste. Auch verfügte Viktor Weiss im Haus Kaiser-Friedrich-Ring 72 im zweiten Stockwerk über zwei Zimmer, genauso wie Leopold Marxheimer selbst, während Emil Marxheimer nur ein Zimmer beanspruchte. Das war für eine einzelne Person in einem Judenhaus eher außergewöhnlich und könnte ein weiterer Grund für einen erneuten Umzug gewesen sein, sofern er in der Moritzstraße, in der es vermutlich wesentlich beengter zuging, überhaupt zuvor gewohnt hatte.
Wenn Viktor Weiss bis zu diesem Zeitpunkt noch in der Hindenburgallee gewohnt hatte, dann wird man davon ausgehen können, dass er damals zwangsweise seine bisherige Wohnung verlassen musste. Hatte er aber zwischenzeitlich noch in der Moritzstraße gewohnt, dann war der Umzug in das Judenhaus am Kaiser-Friedrich-Ring unter den gegebenen Umständen wohl eher „freiwillig“ geschehen. Aus Sicht der Behörden oder der NSDAP hätte es zumindest kaum Sinn gemacht, Viktor Weiss von einem in ein anderes Judenhaus umzusiedeln.

In der weiteren Korrespondenz mit der Devisenstelle geht es zumeist um die finanzielle Unterstützung von Verwandten oder Bekannten. Sein soziales Gewissen hatte Viktor Weiss trotz der Bedrängnisse, in die er selbst inzwischen geraten war, nicht verloren. Er half, wo er nur konnte bzw. durfte.

Nachdem seine Kinder und die Familie seines Bruders ausgewandert waren, seine Frau verstorben war, lebte Ende der dreißiger Jahre aus der Familie Weiss nur noch seine inzwischen verwitwete Schwester Emmy in Deutschland. Auch sie war inzwischen alleine und verarmt und auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen.
In Emmys Ehe mit Samuel Adler waren zwei Söhne geboren worden. Der jüngere Paul Nathaniel, geboren am 12. April 1893 in Karlsruhe, wurde Opfer des Ersten Weltkriegs. Vermutlich in der Schlacht an der Somme erlitt er so schwere Verletzungen, dass er im Feldlazarett verstarb.[105]
Der erstgeborene Erich David, der am 8. März 1889 auch in Karlsruhe zur Welt kam,[106] hatte studiert und in Berlin eine Karriere als Arzt gemacht. Am 3. Dezember 1919 heiratete er die ebenfalls promovierte Chemikerin Irene Rosenberg in beider Heimatstadt Karlsruhe. Sie war dort am 2. Dezember 1890 als Tochter des Arztehepaars Max und Julia Rosenberg geboren worden.[107]
Ehe die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Samuel Adler am 23. August 1932 verstorben. Zuletzt muss die Witwe in eher prekären Verhältnissen gelebt haben, denn in der Devisenakte ihres Bruders Viktor befindet sich ein Schreiben an die Behörde, in dem er darum bat, seinen Freibetrag von 1.000 RM zu erhöhen, da er nicht nur seinen Sohn in Frankfurt, sondern auch seine Schwester in Karlsruhe monatlich mit jeweils 600 RM unterstützen müsse.[108] Ob sie diese Zuwendungen noch erhielt, ist nicht zu sagen. Geschrieben wurde der Brief im Januar 1939, am 24. Mai des gleichen Jahres starb sie in einem Karlsruher Krankenhaus im Alter von 72 Jahren. Die näheren Umstände ihres Todes sind nicht bekannt, aber eigenartig ist, dass dem Standesamt die Todesnachricht vom Oberstaatsanwalt des Landgerichts Karlsruhe übermittelt wurde.[109]

Emmy Adler war zuletzt auf die Hilfe ihres Bruders angewiesen, weil ihr Sohn Erich mit seiner Familie Deutschland inzwischen ebenfalls verlassen hatte. In seiner Ehe waren noch in Deutschland drei Kinder zur Welt gekommen, Lotte Helene, geboren am 8. November 1920, Kurt, geboren 20. September 1922, und Else Martha, geboren am 9. September 1927, die 1938 vom französischen Le Harve aus mit ihren Eltern den Weg ins Exil antraten. Am 23. Dezember 1938 betraten sie amerikanischen Boden.[110] Zunächst lebte die Familie in New York, später dann – beim Zensus 1950 – hatten sich die Eltern, die inzwischen um die 60 Jahre alt waren, in Greenfield / Massachusetts niedergelassen.[111] Dort wurden sie auch beide nach ihrem Tod begraben. Dr. Eric Adler verstarb am 21. Juli 1974, seine Frau am 30. September 1986.[112]

Damit war Viktor Weiss das letzte noch in Nazi-Deutschland verbliebene Mitglied der engeren Weiss-Familie. Finanzielle Unterstützung erhielten aber auch Mitglieder der Familie seiner verstorbenen Frau. Am 1. März 1941 bat er darum, „A. Neuschüler, Luxemburg, Neypergstr. 27“ monatlich mit 50 RM unterstützen zu dürfen. Die gleiche Bitte wiederholte er einen Monat später. Im Juni bat er darum über sechs Monate jeweils 75 RM „A. Neuschüler“ übersenden zu dürfen. Die Schenkungen wurden immer genehmigt.[113] Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei „A.Neuschüler“ um Arthur Neuschüler, dem jüngsten Bruder von Viktor Weiss’ verstorbener Frau Lucie. Er hatte am 5. Juni 1913 in Saarbrücken die dort lebende Johanna Steinthal, die ursprünglich aus dem nahe gelegenen Merzig stammte, geheiratet.[114] Bevor die Ehe am 12. Mai 1925 rechtskräftig geschieden wurde,[115] waren sie Eltern von drei Kindern geworden. Rudolf Leopold, Trude und Jost waren zwischen 1914 und 1921 alle in Trier geboren worden, wo die Familie damals vermutlich lebte.[116]

Seit wann die Mutter unter einer psychischen Erkrankung litt und in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn bei Koblenz eingeliefert wurde, konnte nicht ermittelt werden. Aber durch den Erlass des Reichsministers des Inneren vom 12. Dezember 1940 war festgelegt worden, dass „geisteskranke Juden“ künftig nur noch in der Anstalt in Bendorf-Sayn aufgenommen werden dürften. Auch das Personal bestand seit etwa 1939 ausschließlich aus Jüdinnen und Juden. Als die Anstalt sukzessive von den NS-Behörden aufgelöst wurde, konnte man so Patienten, Pfleger und Ärzte in drei großen Deportationen gemeinsam der Vernichtung preisgeben. Im ersten großen Transport, der am 22. März 1943 von Koblenz aus startete, befanden sich insgesamt 1000 Personen, darunter 337 aus der Stadt Koblenz und unter diesen wiederum 97 jüdische Patienten aus der Heilanstalt. Die Liste trägt den Schlussvermerk:
“Es wird hiermit bestätigt, dass die unter lfd. Nr. 1-337 auf Grund  der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941 – RGBl. I S. 722 – aufgeführten Juden am 22.3.1942 ausgewandert sind und somit die deutsche Staatsangehörigkeit verloren haben.
gez. Schubert.“
[117]
Eine von ihnen war Johanna Neuschüler. Das Ziel des Zuges war Izbica in Polen, das nach drei Tagen erreicht wurde. Wann sie dort ermordet wurde, ist nicht bekannt.
Der weitere Lebensweg ihres geschiedenen Mannes, des Bruders von Lucie Weiss, konnte nicht rekonstruiert werden. Er scheint sich aber zeitweise in Frankfurt aufgehalten zu haben,[118] muss sich aber dann vor 1940, vermutlich mit seinem Sohn Jost bzw. Johannes, nach Frankreich bzw. Luxemburg abgesetzt haben, wo er als Möbelhändler, sein Sohn als Tapezierer ihren Lebensunterhalt verdienten.[119] Zuletzt lebten beide zusammen in Luxemburg unter der Adresse, die auch Viktor Weiss in seinem Antrag als deren Aufenthalt angegeben hatte. Bei der Volkszählung 1940 in Luxemburg waren sie unter dieser Adresse registriert worden. Dann scheint Jost nach Frankreich abgeschoben worden zu sein, wo sich seine Spuren verlieren. Das Schicksal seines Vaters ist ebenfalls ungewiss, aber auch er gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zu den Opfern der Shoa. Es gibt Hinweise, dass er von Luxemburg „in den Osten“ deportiert, andere Quellen geben an, dass er in Belgien zu Tode kam. Sein Name ist allerdings im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht aufgeführt. [120]
Die Tochter Trude überlebte die Zeit des Nationalsozialismus. Wie ihr das gelang, ist bisher nicht recherchiert worden. Sie soll  am 27. August 1997 in Creteil bei Paris verstorben sein.[121]

Eine der vielen Bitten um Freigabe von Hilfsgeldern für Verwandte oder Bekannte
HHStAW 519/3 6537 (44)

Es lassen sich in den Akten noch weitere Anträge auf zusätzliche Freigaben von Geldern finden, allerdings ist es bisher nicht gelungen, diese sicher zu identifizieren, da einige von ihnen den häufigen Namen Meier trugen, der zudem in den verschiedensten Schreibweisen in den Unterlagen zu finden ist. Immerhin wohnten diese Meiers in der näheren Umgebung, in Wiesbaden oder Mainz, auch findet man diesen Namen unter den alten jüdischen Familien Landaus.[122] Daneben gab es auch Empfänger in Berlin, wo ein angeheirateter Neffe Walter Ungar in Wilmersdorf, Kaiser-Allee 196, ab Januar 1942 sogar monatlich 100 RM erhalten sollte.[123] Welche genaue verwandtschaftliche Verbindung zu ihm bestand, konnte nicht ermittelt werden.

Die Freigabe des Geldes für Walter Ungar, die noch einmal korrigiert werden musste, ist das letzte Lebenszeichen von Viktor Weiss. Am 10. September 1942 teilte die Commerzbank der Behörde mit, dass der Kontoinhaber verstorben sei.[124] Den Hintergrund für diesen Tod, der sich bereits vor zwei Wochen zugetragen hatte, verschwieg man geflissentlich oder hielt in vielleicht auch für völlig nebensächlich, für nicht der Rede wert.

Viktor Weiss Sterbeeintrag
Sterbeeintrag für Viktor Weiss
Sterberegister Wiesbaden 1846 / 1942

Als am 1. September die letzten Wiesbadener Juden, soweit sie nicht in einer „Mischehe“ lebten oder durch ihre Funktion in der Reichsvereinigung geschützt waren, „nach dem Osten“ deportiert werden sollten, stand auch der Name von Viktor Weiss auf der Liste. Schon am 29. August, am Schabbath hatten sich die Menschen in der zwar geschändeten, aber nicht zerstörten Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden, um die notwendigen Formalitäten für ihren Abtransport nach Theresienstadt zu erledigen. Genau an diesem Tag wurde Viktor Weiss um 13 Uhr tot in seiner Wohnung Kaiser-Friedrich-Ring 72 aufgefunden. „Vergiftung (Selbstmord)“ ist auf der Sterbeurkunde lapidar zu lesen. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die vorgegebenen Felder für die Namen der Eltern und der Ehefrau auszufüllen, obwohl seine Ehefrau nur vier Jahre zuvor in Wiesbaden verstorben war, sie also problemlos zu ermitteln gewesen wäre.[125] Es heißt hier einfach „unbekannt“. Die Erinnerung an die ganze Familie sollte offenbar bewusst ausgelöscht werden.

Vermögenseinzug von Viktor Weiss
HHStAW 519/3 6537 (47)

Am 11. September 1942 stellte die Gestapo Frankfurt eine Liste derjenigen Jüdinnen und Juden zusammen, „die nach Bekanntgabe ihrer für den 1.9.1942 vorgesehenen Evakuierung verstorben sind“. Es sind hier 35 Namen gelistet, Viktor Weiss war der letzte Namen auf dieser Liste derjenigen, die die Flucht in den Tod angetreten hatten, anstatt, wie vorgesehen, den Zug nach Theresienstadt zu besteigen. Es ging der Gestapo dabei nicht um die statistische Erfassung des von ihr verbreiteten Grauens, sondern ganz banal um die juristische Absicherung des Raubes an diesen Opfern. Mit Verweis auf die 1933 verabschiedete „Verordnung zum Schutze von Reich und Volk“ wurde das Vermögen der Toten eingezogen.[126] Was von der wertvollen Wohnungseinrichtung, der großen Gemäldesammlung, dem Schmuck und anderen Edelmetallen, die zu entschädigen Rudolf Weiss später verlangte,[127] damals noch übrig war, ist nicht zu sagen. Vieles war vermutlich gemäß den entsprechenden Verordnungen bereits an den Fiskus abgegeben worden, anderes, etwa bei Umzügen, notgedrungen versteigert worden. Eine Woche vor der anberaumten Deportation hatte Viktor Weiss noch einen Teil seiner wertvollen Möbel dem in Wiesbaden bekannten Kunsthändler Georg Glücklich und dessen Sohn für 2.000 RM verkauft, weit unter Wert, wie Rudolf Weiss im Entschädigungsverfahren beteuerte. Die beiden Kunsthändler ließen sich dann in diesem Verfahren 1953 auf einen Vergleich ein, laut dem sie die einzelnen Möbelstücke, alle aus der Biedermeierepoche, die noch immer in ihrem Besitz waren, aber durch Bombenschäden in ihrem Wert gemindert waren, den Erben von Viktor Weiss zurückzugaben.[128]

Das Grab von Viktor Weiss auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße in Wiesbaden
Eigene Aufnahme

Viktor Weiss war 74 Jahre alt geworden. Er konnte auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken, in dem er viele Menschen, ob Juden oder Nichtjuden, an diesem Erfolg hatte teilhaben lassen. Er wusste, dass er nichts mehr zu erwarten hatte als nur noch größeres Leiden. Seine Verwandten waren unerreichbar, emigriert, ermordet oder verstorben. Es gab wohl nichts und niemanden mehr, was ihn bzw. der ihn vor diesem letzten Schritt hätte zurückhalten können.

Auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße befindet sich sein Grab. Wer den Grabstein zu seiner Erinnerung wann hat aufstellen lassen, ist nicht bekannt. Ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse[129] und ein Stolperstein vor dem Haus in der heutigen Biebricher Allee 36 erinnern in Wiesbaden an diese bedeutende Persönlichkeit. In Landau wurde vor seinem früheren Haus in der Martin-Luther-Str.28 ein solcher Stein verlegt und sogar eine Straße ist dort nach ihm benannt.

Diese Zeichen des Erinnerns an das Unrecht, dass Viktor Weiss ertragen musste, können nicht vergessen machen, wie lange es dauerte und mit welchem Aufwand sein Sohn, der Anfang der 50er Jahre nach Deutschland und sogar in das Haus in Pirmasens zurückkehrte, darum kämpfen musste, wenigstens materielle Entschädigungen für das der Familie angetane Leid zu erhalten. Noch immer war es 1957 – mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Krieges – zu keiner Entscheidung über die Entschädigung der Reichsfluchtsteuer und der Judenvermögensabgabe gekommen. Seine Verzweiflung formulierte er am 26. Juni 1957 in einem Schreiben an die zuständige Behörde beim Regierungspräsidenten:
“Ich beziehe mich auf meinen Besuch bei Ihnen am 19. 6. und auf die mit Ihnen gehabte  Unterredung. Sie kennen meine grosse Notlage in der ich mich unverschuldet befinde. Ich habe meine Frau und drei kleine Kinder zu ernähren und bin leider nicht mehr in der Lage aufgrund meiner ca. 80%igen Erwerbsunfähigkeit ein Geschäft zu führen.“[130]
Wenn man sich drei Monate später bereit erklärte, Rudolf Weiss angesichts seiner aussichtslosen Lage wenigstens einen Vorschuss von 3.000 DM auf die zu erwartende Summe zu zahlen, so kann diese kleine Geste das völlige Versagen der stattlichen Behörden gegenüber den Opfern des NS-Unrechts nicht unvergessen machen. Eigentlich wäre in Anlehnung an Giordanos Verdikt von der „Zweiten Schuld“ im Hinblick auf die Entschädigungsverfahren von einer „Dritten Schuld“ der Deutschen zu sprechen.

 

 

Veröffentlicht: 20. 10. 2022

 

 

<< zurück                              weiter >>


 

 

Anmerkungen

[1] HHStAW 518 55235 (1).Der Nachname Weiss wird hier, von Zitaten abgesehen,  durchgängig mit „ss“ geschrieben, obgleich auch immer wieder die Variante mit „ß“ zu finden ist.

[2] Für Hermann Weiss HHStAW 518 80427 (18), für Emmy Weiss Sterberegister Karlsruhe 1347 / 1939.

[3] HHStAW 518 80427 (18).

[4] Auch im Sterbeeintrag der Tochter Emmy ist der Vater mit David Weiss angegeben, siehe Sterberegister Karlsruhe 1347 / 1939.

[5] Zit. nach Kreuter, Juden in Landau, S. 114.

[6] Ebd. S. 113 f.

[7] Kreuter, Juden in Landau, S. 203.

[8] Ebd. S. 206.

[9] Ebd. S. 224.

[10] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/556272:60533. (Zugriff: 15.10.2022)

[11] Maximilian Gugenheim stammte von Zweibrücken, wo er am 12.4.1840 geboren wurde. Er verstarb im Alter von 79 Jahren in Landau. Seine Frau war 1848 in Neustadt / Weinstraße geboren worden. Sie wurde nur 50 Jahre alt und verstarb am 16.1.1898 in Zweibrücken. Helene hatte noch mindestens eine Schwester mit Namen Emma, die am 29.6.1872 in Zweibrücken zur Welt kam. Sie verstarb am 29.6.1934 in Bonn. Angaben nach Genanet https://gw.geneanet.org/stjust1958?lang=de&pz=eva+malena&nz=cohen&p=maximilian&n=gugenheim. (Zugriff: 15.10.2022). Siehe auch Meldekarte von Hermann Weiss.

[12] Geburtsregister Rhaunen 107 / 1875.

[13] Geburtsregister Rhaunen 49 / 1847. Aus der in der Geburtsurkunde gemachten Altersangabe der Eltern von Leopold Neuschüler ist zu schließen, dass Nathan Neuschüler um das Jahr 1807, seine Frau Elisabeth um das Jahr 1811 geboren worden sein muss.

[14] http://www.alemannia-judaica.de/rhaunen_synagoge.htm. (Zugriff: 15.10.2022).

[15] Geburtsregister Rhaunen 29 / 1878 und Sterberegister Trier 523 / 1911.

[16] Geburtsregister Rhaunen 66 / 1879.

[17] Geburtsregister Rhaunen 95 / 1882.

[18] Heiratsregister Trier 183 / 1910. Der am 16.1.1876 geborene Ludwig war der Sohn von August Isaak und Bertha Beiersdorf, geborene Drechsler.

[19] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/105937015/person/292076861598/facts. (Zugriff: 15.10.2022). Am 4.4.1932 heiratete sie in Mannheim den vermutlich protestantischen Ludwig Jung, geboren am 17.3.1905.

[20] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1043076 und https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1043135. (Zugriff: 15.10.2022).

[21] Ebd. S. 235, dazu Meldekartei Hermann Weiss, Stadtarchiv Landau. Laut den beiden Meldekarteien lebten die beiden Brüder seit 1900 in dem Haus, Kreuter, Juden in Landau, S. 235, gibt dagegen an, Hermann sei bereits seit 1890, Viktor erst seit 1900 dort gemeldet gewesen.

[22] Ob nach dem Tod des Vaters – wann er verstarb ist nicht bekannt – die Mutter noch mit den beiden Söhnen in diesem Haus wohnte, wie Kreuter, Juden in Landau, S. 235, schreibt, ist insofern fraglich, als beide Elternteile laut der Meldekarteikarte von Hermann Weiss in Zweibrücken verstarben.

[23] Geburtsregister Landau 285 / 1897.

[24] Geburtsregister Landau 351 / 1899.

[25] Stadtarchiv Landau, Sachakte S 1 Familien (Weiss)

[26] HHStAW 518 55235 (7e).

[27] Kreuter, Juden in Landau, S. 213-279.

[28] Viktor Weiss hat einen Bericht über diese Fahrt abgefasst, der im Stadtarchiv Landau archiviert ist, siehe Stadtarchiv Landau, Sachakte S 1 Familien (Weiss).

[29] Kreuter, Juden in Landau, S. 286.

[30] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/1631/images/31421_BH15458-00013?pId=3590070, https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/3328350:1631?tid=&pid=&queryId=1704919e8105756219b88ccbaa0c334d&_phsrc=svo773&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/4825499:1631?tid=&pid=&queryId=8b80599a2acb1dcfa02ed1d08d74c399&_phsrc=svo468&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.10.2022).

[31] Noch außergewöhnlicher war die Mitgliedschaft seines einzigen jüdischen Magistratskollegen Richard Joseph, der als Weinhändler für die SPD im Magistrat saß.

[32] Stadtarchiv Landau, Sachakte S 1 Familien (Weiss)

[33] Ebd.

[34] Zit. nach Kreuter, Juden in Landau, S. 300.

[35] Siehe dazu auch ebd. S. 301, wo auch eine Abbildung des „Feldgrauen“ zu sehen ist.

[36] In einem kleinen Mundartstück des Chawwerusch Theaters, geschrieben von Walter Menzlaw, wurde dieser Umbruch auf eine Vorher- und eine Nachher-Szene verdichtet, die beide im damals besonders bei Juden angesagten Landauer Café Central spielen. Darin wird zunächst die große Verehrung für den jüdischen Wohltäter auf die Bühne gebracht, gefolgt von einem erneuten Treffen am Tag, an dem der April-Boykott auch in Landau durchgeführt wurde. Aus dem Wohltäter war plötzlich ein Jude, ein Rassefeind und Volksverräter geworden.

[37] Kreuter, Juden in Landau, S. 366.

[38] August Kaußler, August, Landau 1914/18. Das Tagebuch, S. 151, zit  nach Kreuter, Juden in Landau, S. 332 f.

[39] Stadtarchiv Landau, Sachakte S 1 Familien (Weiss).

[40] Die Angabe, dass es sich nur um einen Tag gehandelt hatte, ist bei Kreuter, Juden in Landau, S. 366, zu lesen. Sein Sohn gab im Entschädigungsverfahren an, er sei zwei Tage inhaftiert worden, siehe HHStAW 518 55235 (14).

[41] Stadtarchiv Landau, Sachakte S 1 Familien (Weiss).

[42] Zit. nach Kreuter, Juden in Landau, S. 336.

[43] Eine Kopie der Meldekarte wurde mir freundlicherweise vom Stadtarchiv Landau übermittelt.

[44] HHStAW 518 55235 (119 f., 145 f.).

[45] Siehe dazu Ankerlink

[46] HHStAW 676 2125 (43, 60).

[47] Charlotte Weiss hat später der US-Shoah-Foundation ein Interview gegeben, in dem sie das Geburtsdatum ihrer Tochter Ellen genannt hat, siehe https://vha-1usc-1edu-1vd5a2vqq07fd.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage?testimonyID=15013&returnIndex=0. (Zugriff: 15.10.2022). Auf der Passagierliste von der Überfahrt in die USA aus dem Jahr 1938 ist ihr Alter entsprechend mit 6 Jahren angegeben, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6258-0845?pId=25019693. (Zugriff: 15.10.2022).

[48] HHStAW 839a (15 ff.). Einzelne Einkünfte aus früheren Geschäftsabschlüssen gingen dennoch vereinzelt weiter ein.

[49] HHStAW 685 839a (18).

[50] https://vha-1usc-1edu-1vd5a2vqq0803.proxy.fid-lizenzen.de/viewingPage?testimonyID=15013&returnIndex=0. (Zugriff: 15.10.2022). Um das Interview sehen zu können, bedarf es einer gesonderten Lizenz. Die folgenden Ausführungen zum Schicksal der Familie von Otto und Lotte Weiss basieren auf diesem Interview.

[51] HHStAW 518 80427 (105).

[52] Zum Umfang der Zerstörungen siehe HHStAW 518 80427 (43, 103-106). Als Entschädigungssumme wurden 1957 30.000 DM den Nachkommen ausgezahlt, ebd. (106 f.).

[53] Ellen heiratete 1953 den am 12.8.1927 geborenen Jerry Cagen. Während er bereits am 20.12.1982 verstarb, lebte Ellen noch weitere 40 Jahre. Sie verstarb am 30.3.2012 in Illinois.

[54] https://gw.geneanet.org/rschoemann?n=roos&oc=&p=charlotte. (Zugriff: 15.10.2022).

[55] HHStAW 518 80427 (99).

[56] https://www.mappingthelives.org/bio/ca5aefcf-2a86-43e3-b64f-1853edff799f. (Zugriff: 15.10.2022).

[57] https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1586789. (Zugriff: 15.10.2022).

[58] HHStAW 518 80427 (4). Die Pension ist erstmals im Wiesbadener Adressbuch von 1938 eingetragen, sie gehörte einer A. Ross. Heute befindet sich an dieser Stelle ein moderner Hotelkomplex.

[59] HHStAW685 839a. (41). Dass das Haus wohl unter Wert verkauft wurde, ergibt sich schon daraus, dass die Genehmigung am 5.5.1939 nur unter der Bedingung erteilt wurde, dass der Käufer eine Ausgleichsabgabe an den Reichsfinanzminister von 1.000 RM zahlen würde, ebd. (o.P.).

[60] RGBl. 1938 I, 1909 vom 5.12.1938 und RGBl. 1939 I, 282 vom 21.2.1939.

[61] HHStAW 518 80427 (9), dazu der Bescheid vom 15.6.1955, ebd. (76-78).

[62] HHStAW 685 839a (37), dazu die Berechnungen vom Februar, ebd. (o.P.). Ein Neffe gab im Entschädigungsverfahren an, dass Hermann Weiss zu den „vermögensten Bürgern“ Landaus gehörte, siehe HHStAW 518 80427 (105).

[63] Ebd. (o.P.).

[64] HHStAW 519/3 18515 (5). Insgesamt sollen aber Neuanschaffungen im Wert von 20.000 RM erworben worden sein, siehe HHStAW 518 80427 (27).

[65] HHStAW 519/3 18515. (22).

[66] Ebd. (23).

[67] HHStAW 518 80427 (28).

[68] Ebd. (14).

[69] Zu den Reisekosten ebd. (79 f., 138-141).

[70] HHStAW 685 839a (39). Möglicherweise steht der Erwerb dieser Anteile in Verbindung mit einer anderen Angabe in einem Schreiben, dass die Finanzbehörde im Zusammenhang mit der Sicherungsanordnung im Jahr 1934 machte. Dort heißt es, dass diese nach der Rückkehr der beiden aus dem Ausland wieder aufgehoben worden sei und auch festgestellt worden sei, „dass die Einzahlung auf Sonderkonto II auf legalem Wege erfolgt sei“, ebd. (19). Was sich hinter dem genannten „Sonderkonto II“ verbirgt, konnte leider nicht geklärt werden.

[71] HHStAW 519/3 6537 (1).

[72] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/144630297:2997?tid=&pid=&queryId=948bc605ef391ed58954398e443513e2&_phsrc=svo717&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.10.2022).

[73] HHStAW 518 55235 (143).  Ihr Ehemann, der damals noch am Leben war, erbte die Ansprüche.

[74] Siehe HHStAW 676 2125 (passim).

[75] Ebd. (60).

[76] HHStAW 519/3 32910 B (3).

[77] Ebd. (3, 2, 5).

[78] HHStAW 519/3 32910 B. (15).

[79] HHStAW 519/3 32910. (15, 16). Am 14. Juli 1939 wurden erneut 200 RM Dego-Abgabe gefordert, aber aus den Akten ist nicht ersichtlich, ob die vorhergehende Forderung korrigiert wurde oder ob der Betrag zusätzlich gefordert wurde. Siehe ebd. (o.P.).

[80] HHStAW 519/3 32910 (1).

[81] HHStAW 519/3 6537 (27).

[82] HHStAW 519/3 32910 (3, 4).

[83] Ebd. (11).

[84] Ebd. (25).

[85] Ebd. (27),

[86] Ebd. (30, 32, 33).

[87] HHStAW 519/3 6537 (1).

[88] Ebd. (3ff.).

[89] Ebd. (8f.).

[90] Ebd. (9).

[91] Ebd. (9, 10).

[92] Ebd. (14).

[93] Ebd. (15 ff.).

[94] Ebd. (21).

[95] Sterberegister Wiesbaden 188 / 1938.

[96] HHStAW 519/3 6537 (11).

[97] Ebd. (24).

[98] HHStAW 518 55235 (49).

[99] HHStAW 519/3 6537 (7).

[100] HHStAW 518 55235 (99).

[101] Ebd. (82).

[102] Zur Vermögensaufstellung und zum Einkommen siehe HHStAW 519/3 6537 (24, 25).

[103] Ebd. (26).

[104] Ebd. (34).

[105] Sterberegister Karlsruhe 1543 / 1916.

[106] Heiratsregister Karlsruhe 1712 /1919.

[107] Ebd.

[108] HHStAW 519/3 6537 (12)

[109] Sterberegister Karlsruhe 1347 / 1939.

[110] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/51706237:2280. (Zugriff: 15.10.2022).

[111] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/159967059:62308. (Zugriff: 15.10.2022).

[112] https://de.findagrave.com/memorial/71544340/eric-d-adler. (Zugriff: 15.10.2022).

[113] Ebd. (30, 31, 34).

[114] Heiratsregister Saarbrücken 132 / 1913.

[115] Ebd.

[116] Rudolf Leopold wurde am 16.3.1914 geboren, er verstarb am 28.5.1918. Trude wurde am 26.1.1920 und Jost / Joseph am 30.1.1921 geboren.

[117] Zit. nach: Die Heil- und Pflegeanstalten für Nerven- und Gemütskranke in Bendorf, Koblenz, o.J., S. 79. Siehe zu diesem Transport auch Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 184 f., auch die Seite der Erinnerungsinitiative in Koblenz https://web25.otto.kundenserver42.de/Mahnmal_NEU/index.php/daten-und-fakten/deportationen-von-juden-aus-koblenz-und-umgebung/554-liste-der-am-22-03-1942-aus-dem-stadt-und-landkreis-koblenz-evakuierten-juden. (Zugriff: 15.10.2022).

[118] In der Devisenstelle Frankfurt wurde vermutlich eine Akte für ihn angelegt und als sein Heimatort Frankfurt angegeben. Allerdings verweist das Aktenzeichen JS 8011 nur auf die Devisenakte von Viktor Weiss. Siehe https://collections-server.arolsen-archives.org/G/wartime/02010101/0574/1338922/001.jpg. (Zugriff: 15.10.2022).

[119] http://www.genami.org/documents/Luxembourg/Luxembourg_notes.pdf (Zugriff: 15.10.2022).

[120] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=8149569&ind=1. (Zugriff: 15.10.2022).
Laut Genanet soll er am 11.8.1943 im belgischen Termonde ums Leben gekommen sein. Siehe https://gw.geneanet.org/mtepedino?n=neuschueler&oc=&p=arthur. (Zugriff: 15.10.2022).

[121] https://gw.geneanet.org/mtepedino?lang=en&iz=0&p=trude+gertrude&n=neuschueler. (Zugriff: 15.10.2022).

[122] Ein Gustav Meier, für den Viktor Weiss noch im Februar 1942 eine monatliche Unterstützung von 20 RM beantragte, soll damals in Wiesbaden in der Langgasse 26 gewohnt haben. Es gab zwar einen Gustav Meier in Wiesbaden, geboren am 27. Juli 1903 in Holzhausen ü. d. Aar und verheiratet mit Rosa Hirsch, geborene Seufert aus Dirmstein in der Pfalz, worüber eine Verbindung möglicherweise zu rekonstruieren wäre. Von diesem Gustav Meier ist aber nicht bekannt, dass er 1942 in der Langgasse wohnte. Seine Adresse war laut seiner Gestapokarteikarte seit Oktober 1940 das Judenhaus Stiftstr. 14.
Ob weitere Personen mit dem Namen Meier, die in Mainz wohnten, wiederum mit dem genannten Gustav Meier verwandt waren, ist bisher ebenfalls ungeklärt. So erhielten auch eine Olga Meier in Mainz, Umbach 5, desweiteren eine Mina und ein Otto Meier in der Mainzer Martinstr. 38 1942 Geld von Viktor Weiss, siehe HHStAW 519/3 6537 (40).

[123] Ebd. (37). Dieser Walter Ungar mit der entsprechenden Adresse ist zwar in Mapping the Lives, siehe https://www.mappingthelives.org/bio/38aa0589-09fa-44e6-8ef8-b9d302c23133, (Zugriff: 15.10.2022), nicht aber in den einschlägigen Opferlisten aus Yad Vashem oder des Bundesarchivs auffindbar. Wie er die Zeit des Nationalsozialismus überlebte, ist nicht bekannt. Möglicherweise war er mit einer Nichtjüdin verheiratet. In einem Schreiben von Rudolf Weiss im Entschädigungsverfahren seines Vaters wurde er mit dem Titel eines Landgerichtsrats a,D., wohnhaft in Höchst a.M., im April 1954 als potentieller Zeuge benannt, siehe HHStAW 518 55235 (14).

[124] HHStAW 519/3 6537 (46).

[125] Sterberegister Wiesbaden 1846 / 1942.

[126] HHStAW 519/2 1381 (13f.).

[127] HHStAW 518 55235 (29). Diese Wertsachen wurden im Entschädigungsverfahren mit rund 17.300 DM entschädigt, ebd. (77).

[128] Ebd. (54).

[129] http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Weiss-Victor.pdf. (Zugriff: 15.10.2022).

[130] HHStAW 518 55235 (32).