Abraham August Mohrenwitz


Felix Kaufmann, Jenny Kaufmann, Juden Wiesbaden
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Adolfs­al­lee 30 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Adolfsallee 30 Judenhaus
Lage des ehe­ma­li­gen Judenhauses
Felix Kaufmann, Jude, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Adolfs­al­lee 30

 

 

 

 

 


Wie die meis­ten übri­gen Bewoh­ner des Hau­ses kam auch Abra­ham August Moh­ren­witz aus eher begü­ter­ten Ver­hält­nis­sen. Er stamm­te aus dem unter­frän­ki­schen Som­mer­ach, wo die Fami­lie Moh­ren­witz 1828 mit der Grün­dung eines Han­dels­ge­schäfts ihren sozia­len Auf­stieg begrün­de­te.[1] Es war der Groß­va­ter von August Moh­ren­witz, Löb Sam­son Moh­ren­witz, der hier nicht nur mit Wein, son­dern auch mit Vieh und „sons­ti­gen Gegen­stän­den“ einen Han­del betrieb.[2]
1812 wur­de Lämm­lein /​ Levi Moh­ren­witz, der Vater von August, als eines von sie­ben Kin­dern gebo­ren.[3] Er hei­ra­te­te Sophia Kraus und arbei­te­te zunächst im Geschäft des Vaters, zog als Rei­sen­der durchs Land und bot sei­ne Waren der bäu­er­li­chen Bevöl­ke­rung an. In Som­mer­ach betrie­ben Läm(m)lein und sein jün­ge­rer Bru­der Löb Sam­son zudem bis 1866 die Gast­stät­te „Zum Schwan“, die einen sehr guten Ruf gehabt haben muss. Unweit davon stand in der Main­tor­str. 14 das Geburts­haus von Abra­ham August Moh­ren­witz, der am 26. Juni 1854 dort als drit­tes Kind des Paa­res gebo­ren wur­de und in dem klei­nen Win­zer­ort die ers­ten zwölf Jah­re sei­nes Lebens ver­brach­te.[4] Es müs­sen glück­li­che Jah­re gewe­sen sein. In einem Brief, den August im Juli 1933 von Frank­furt aus an den dama­li­gen Besit­zer der Gast­stät­te „Zum Schwan“ in sei­nem Hei­mat­ort schrieb, erwähn­te er, dass er noch immer gern an die Zeit sei­ner Kind­heit in Som­mer­ach zurück­den­ke. Geschrie­ben in der ers­ten Hoch­pha­se anti­se­mi­ti­scher Angrif­fe und Regle­men­tie­run­gen, erweckt der Brief den Ein­druck, als wol­le sich der Autor nach lan­ger Abwe­sen­heit der hei­mat­li­chen, wohl auch der deut­schen Wur­zeln ver­si­chern. Dahin­ter stan­den wohl die unsi­che­ren Fra­gen: Gehö­re ich noch zu euch? Bekennt ihr euch noch zu mir? Eine Ant­wort auf sei­nen Brief hat er ver­mut­lich nie erhal­ten.[5]

1861 war ein für die Juden Bay­erns bedeu­ten­des Jahr. Damals wur­de ihnen durch die Auf­he­bung des soge­nann­ten Matri­kel­pa­ra­gra­phen, mit dem bis­her die Zahl jüdi­scher Bewoh­ner einer Gemein­de regle­men­tiert wur­de, erst­mals Frei­zü­gig­keit gewährt, und auch Lämm­lein und sein Bru­der Salo­mon nutz­ten die­se neue Frei­heit und zogen 1866 nach Schwein­furt.[6]

August Mohrenwitz, Stefan Mohrenwitz, Fritz Mohrenwitz, Lothar Mohrenwitz, Jenny Scheidt, Lämlein Mohrenwitz
Stamm­baum der Fami­li­en Moh­ren­witz — Scheidt
(GDB-PLS)

Zuvor, am 13. Okto­ber 1883 [7] hat­te August die am 27. April 1864 in Kit­zin­gen gebo­re­ne Jen­ny Scheidt gehei­ra­tet. Sie war die Toch­ter von Bern­hard und Rosa Scheidt, gebo­re­ne Fech(en)heimer, einer eben­falls bekann­ten Händ­ler­fa­mi­lie im frän­ki­schen Raum.[8]

Bei­de Ehe­part­ner ent­stamm­ten somit bedeu­ten­den jüdi­schen Fami­li­en die­ser Regi­on und aus bei­den Fami­li­en sind nicht nur bemer­kens­wer­te Per­sön­lich­kei­ten her­vor­ge­gan­gen, die deut­li­che Spu­ren im wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Leben Deutsch­lands hin­ter­las­sen haben, aus bei­den füh­ren dar­über hin­aus auch ver­schie­de­ne Strän­ge in die Wies­ba­de­ner Judenschaft.

Der Vater von Jen­ny, Bern­hard Scheidt, am 27. Janu­ar 1838 als vier­tes Kind von Salo­mon und Janet­te Scheidt in Main­stock­heim gebo­ren, hat­te sich 1862 als Tuch­händ­ler in Kit­zin­gen nie­der­ge­las­sen und dort mit sei­nem Bru­der Lou­is mit viel Erfolg ein Geschäft aufgebaut.

Nach­dem sein Bru­der als Ban­kier und Bör­sen­mak­ler 1873 nach Frank­furt ver­zo­gen war, führ­te Bern­hard das Geschäft zunächst allei­ne wei­ter. Aber auch er wid­me­te sich offen­sicht­lich ab die­sem Zeit­punkt mehr dem Finanz- als dem Tex­til­ge­wer­be, denn im Kit­zin­ger Adress­buch von 1884 und 1894 fir­miert er als Ban­kier. Aus sei­ner Ehe mit der aus Bay­reuth stam­men­den Rosa Fech(en)heimer, geb. am 10. Novem­ber 1843, gin­gen neun Kin­der her­vor, Jen­ny, gebo­ren am 27 April 1864, war die Ältes­te.[9]

Nach der Ver­mäh­lung mit August Moh­ren­witz leb­te das Paar zunächst in Schwein­furt, wo sie ein Haus in der Krum­me­ga­s­se 12 besa­ßen.[10] Hier waren auch die drei Söh­ne Lothar am 3. Janu­ar 1886, Ste­phan am 18. Mai 1887 und Fried­rich Wil­helm am 25. Novem­ber 1888 gebo­ren wor­den. August Moh­ren­witz war in die­ser Zeit noch als Wein­händ­ler tätig, zumin­dest gab er das bei der Geburt sei­nes letz­ten Soh­nes als Beruf an.[11]  Aber auch ihn zog es um 1895 in die Finanz- und Wirt­schafts­me­tro­po­le am Main,[12] wohin 1901 auch die Eltern von Jen­ny und wei­te­re Mit­glie­der der Groß­fa­mi­lie folg­ten. Das Tex­til­ge­schäft im Zen­trum von Kit­zin­gen war 1871 von Bern­hard Scheidts jüngs­tem Bru­der Wolf über­nom­men wor­den, aber auch die­se Fami­lie kam 1903 nach Frank­furt.[13]

 

Wann August Moh­ren­witz die Bran­che wech­sel­te, ist nicht bekannt. Nach dem Ers­ten Welt­krieg grün­de­te er 1920 oder 1921 in Offen­bach die „Moh­ren­witz & Co. Zor­lig­wer­ke oHG“. [14] Die­se Fir­ma pro­du­zier­te und ver­trieb Leder- und Metall­wa­ren wie Rasier­ap­pa­ra­te, Mani­kü­re­sets und der­glei­chen mehr. 1924 wur­de der Sitz des Unter­neh­mens, an dem inzwi­schen auch die bei­den Söh­ne Ste­fan und Fried­rich betei­ligt waren, nach Frank­furt an den Unter­main­kai 19–20 ver­legt. Die Geschäf­te lie­fen offen­sicht­lich sehr gut, der durch­schnitt­li­che Gewinn hat­te selbst in der ers­ten Zeit der Nazi­herr­schaft noch jähr­lich mehr als 30.000 RM betra­gen und auch die Steu­er­un­ter­la­gen von Fried­rich Moh­ren­witz aus den Jah­ren bis 1937 wei­sen ein zu ver­steu­ern­des Ein­kom­men zwi­schen 15.000 RM und 17.000 RM aus.[15]

Fried­rich Moh­ren­witz, genannt Fritz, hat­te wohl zu die­sem Zeit­punkt die Fir­men­lei­tung weit­ge­hend über­nom­men, denn im Jüdi­schen Adress­buch Frank­furts aus dem Jahr 1935 steht bei sei­nem Namen die Berufs­be­zeich­nung „Fabri­kant“, bei dem des Vaters „Rent­ner“. Bei­de wohn­ten aber zusam­men im Haus in der Bür­ger­str. 10.[16]

Im sel­ben Jahr, 1935, starb Jen­ny, die Frau von August Moh­ren­witz, in die­sem Haus in Frank­furt. Es dau­er­te nur noch zwei wei­te­re Jah­re, bis die Fami­lie zer­bro­chen, das Haus ver­kauft und auch das Unter­neh­men ver­lo­ren war.

 

Der ers­te, der Deutsch­land ver­ließ, war Lothar, der ältes­te der Brü­der, der im Gegen­satz zu den bei­den ande­ren weni­ger Inter­es­se an geschäft­li­chen Din­gen hat­te, dafür umso mehr Anteil am kul­tu­rel­len Leben nahm. Aber auch die­ses Inter­es­se war ihm im Eltern­haus in die Wie­ge gelegt wor­den. Nach sei­nem Abitur hat­te er an ver­schie­de­nen Uni­ver­si­tä­ten Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten und Kunst­ge­schich­te stu­diert und war 1911 an der Uni­ver­si­tät Würz­burg pro­mo­viert worden.

Es war eine Zeit des lite­ra­ri­schen und künst­le­ri­schen Auf­bruchs, vom Ers­ten Welt­krieg nur kurz­fris­tig über­la­gert, aber nicht wirk­lich unter­bro­chen. Der Hype­ri­on-Ver­lag, in dem Lothar Moh­ren­witz nach sei­nem Stu­di­um zunächst zum Lek­tor und dann auch zum Ver­lags­lei­ter auf­stieg, tat sich durch die Pro­duk­ti­on von beson­ders lie­be­voll gestal­te­ten, an der Buch­kunst­be­we­gung ori­en­tier­ten Edi­tio­nen her­vor. Unter sei­ner Lei­tung soll das klei­ne Unter­neh­men regel­recht auf­ge­blüht sein.[17] 1913 wur­de der Ver­lag von dem für die lite­ra­ri­sche Avant­gar­de noch bedeu­ten­de­ren Kurt-Wolff-Ver­lag über­nom­men. In die­sem Ver­lag, einem der wohl wich­tigs­ten des deut­schen Expres­sio­nis­mus, der Autoren wie Franz Kaf­ka, Hein­rich Mann, Gott­fried Benn und Karl Kraus publi­zier­te, in dem die Dada­is­ten eine Büh­ne fan­den, wur­de Lothar Moh­ren­witz als Teil­ha­ber des als Akti­en­ge­sell­schaft orga­ni­sier­ten Unter­neh­mens in den Vor­stand beru­fen. [18] Ohne Zwei­fel gehör­te er mit die­ser Posi­ti­on zur intel­lek­tu­el­len Éli­te der Wei­ma­rer Zeit. Zwi­schen 30.000 und 40.000 RM habe sein jähr­li­ches Ein­kom­men damals betra­gen, gab er im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an.[19]

Nach dem finan­zi­el­len Ende und der Liqui­da­ti­on des Ver­lags 1932 – Wolff war nach dem Urteil sei­ner Mit­ar­bei­ter ein zu sehr lite­ra­risch und zu wenig betriebs­wirt­schaft­lich ori­en­tier­ter Ver­le­ger gewe­sen – wirk­te Lothar Moh­ren­witz als frei­er Lite­ra­tur­agent und Her­aus­ge­ber aus­län­di­scher Zeit­schrif­ten in Deutsch­land, u.a. der ‚Vogue’.

Als dann schon kurz nach der Macht­über­nah­me der Nazis am 1. Mai 1933 die Lite­ra­tur der­je­ni­gen, für die sich Moh­ren­witz mit sei­ner ver­le­ge­ri­chen Tätig­keit im Beson­de­ren enga­giert hat­te, dem Ver­dikt des „Kul­tur­bol­sche­wis­mus“ ver­fiel, als „Asphalt­li­te­ra­tur“ dif­fa­miert wur­de und mit dem Ruf der Stu­den­ten „Gegen Deka­denz und mora­li­schem Ver­fall“ oder „Gegen volks­frem­den Jour­na­lis­mus demo­kra­tisch-jüdi­scher Prä­gung“ auf den Schei­ter­hau­fen lan­de­te, ahn­te er ver­mut­lich, dass der berühm­te Satz von Hein­rich Hei­ne, „Dort wo man Bücher ver­brennt, ver­brennt man am Ende auch Men­schen,“ auch in die­sem Deutsch­land bald grau­si­ge Rea­li­tät wer­den könnte.

Ver­mut­lich im August 1935 mach­te sich Lothar Moh­ren­witz auf den Weg in das eng­li­sche Exil. Ein ehe­ma­li­ger Schul­ka­me­rad, der inzwi­schen Mit­glied der NSDAP gewor­den war, hat­te ihm dazu gera­ten. [20] Mög­li­cher­wei­se stand hin­ter die­sem eher über­stürz­ten Schritt auch eine kon­kre­te Bedro­hung, über die ihn der ehe­ma­li­ge Freund infor­miert hat­te. Er ver­ließ Deutsch­land nicht nur ohne jeg­li­che Geld­mit­tel, er muss­te auch sei­ne wert­vol­len Bücher, Gemäl­de und ande­re Kunst­ge­gen­stän­de zurück­las­sen. Wie viel er davon noch hat nach­ho­len kön­nen, ist nicht aus­zu­ma­chen. Im Dezem­ber 1938 erlaub­te ihm die Devi­sen­stel­le Frank­furt, ein Ölge­mäl­de „Madon­na mit dem Kind“ über einen nie­der­län­di­schen Anti­qui­tä­ten­händ­ler in sein Exil nach Eng­land zu trans­fe­rie­ren, nach­dem er der Deut­schen Gold­dis­kont­bank 9.000 RM über­wie­sen hat­te.[21]
Er war damals zunächst nach Eng­land gegan­gen, weil er dort Freun­de hat­te, bei denen er woh­nen konn­te und die ihn auch finan­zi­ell unter­stütz­ten. Dies war umso nöti­ger, als er kaum Chan­cen hat­te, hier als Agent für deut­sche Lite­ra­tur tätig wer­den zu kön­nen, zumal in Deutsch­land die lite­ra­ri­sche Pro­duk­ti­on fak­tisch zum Erlie­gen gekom­men war und es somit zumin­dest kei­nen der Autoren zu ver­mit­teln gab, für die er stand.

Nach die­ser Flucht ver­such­te Lothar Moh­ren­witz spä­tes­tens ab 1937 sei­ne offi­zi­el­le Aus­rei­se zu orga­ni­sie­ren. Noch immer war er for­mal in Frank­furt gemel­det. Sein eigent­li­ches Ziel war Kuba, für das er bereits ein Ein­rei­se­vi­sum erhal­ten hat­te. Mög­li­cher­wei­se soll­te der Weg über die USA gehen, viel­leicht beab­sich­tig­te er auch, zwi­schen­zeit­lich dort zu blei­ben. Zumin­dest konn­te er spä­ter im Ver­fah­ren Kos­ten für die Beschaf­fung der für die dor­ti­ge Ein­rei­se not­wen­di­gen Gebüh­ren nach­wei­sen.[22] Aber alle die­se Plä­ne zer­schlu­gen sich. Er blieb in Eng­land, obwohl ohne jeg­li­ches Erwerbs­ein­kom­men. Nach Aus­bruch des Krie­ges hat­te man ihm als Bür­ger eines Feind­staats jede Arbeits­auf­nah­me ver­bo­ten. Ob er sich tat­säch­lich an die­ses Ver­bot hielt, mag bezwei­felt wer­den, denn als er 1950 sein eng­li­sches Exil ver­ließ und in der Schweiz die „Mohrbooks“-Agentur grün­de­te, eine welt­weit renom­mier­te Lite­ra­tur­agen­tur, brach­te er nicht nur den Fir­men­na­men mit – „Mohr­books“ war sei­ne Tele­gramm­adres­se in Lon­don gewe­sen -, son­dern auch die Rech­te an Aga­tha Chris­tie, Win­s­ton Chur­chill und vie­len ande­ren bedeu­ten­den Schrift­stel­lern.[23] Gera­de für den Aus­tausch zwi­schen den eng­lisch­spra­chi­gen Autoren aus Groß­bri­tan­ni­en und den USA auf der einen und der kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Lite­ra­tur auf der ande­ren Sei­te, spiel­te die „Mohrbooks“-Agentur eine her­aus­ra­gen­de Rol­le. So fan­den durch sie John Le Car­re und Saul Bel­low ihren Weg nach Euro­pa, Wil­ly Brandts Arbei­ten ihren nach Eng­land und in die USA.

Anders als sei­nen Brü­dern war es Lothar Moh­ren­witz somit gelun­gen, nach dem Krieg an die erfolg­rei­che Kar­rie­re vor dem Exil anzu­knüp­fen und sich trotz aller Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ent­schä­di­gungs­be­hör­den auch als Geschäfts­mann wie­der zu eta­blie­ren, bevor er 1960 verstarb.

 

Ste­fan und Fritz tra­ten ihren Weg ins Exil defi­ni­tiv erst im Jahr 1937 an. Im Novem­ber 1937 ver­kauf­ten sie die Fir­ma, an der sie jeweils zur Hälf­te betei­ligt waren, an die bei­den ari­schen Mit­ar­bei­ter Schus­ter und Roth­schild. Zuvor war die Unter­neh­mens­form in eine KG umge­wan­delt wor­den, in die die bei­den Neu­in­ha­ber jeweils mit 10.000 RM ein­brach­ten. Das eigent­li­che Kapi­tal in Höhe von knapp 45.000 RM, das den Gebrü­dern Moh­ren­witz gehör­te, blieb als zu ver­zin­sen­des Dar­le­hen in der Fir­ma.[24] Anders for­mu­liert: Die Fir­ma wur­de ver­kauft, ohne dass dafür ein Ver­kaufs­preis unmit­tel­bar zu zah­len war. Die Hin­ter­grün­de dafür sind den Akten nicht zu ent­neh­men. Mög­li­cher­wei­se hoff­ten die Brü­der, auf die­se Wei­se ihr Unter­neh­men über die Zeit zu brin­gen, viel­leicht hat­ten sie aber ange­sichts der Druck­si­tua­ti­on auch kei­ne ande­re Mög­lich­keit. Eini­ge Indi­zi­en spre­chen aber eher für die ers­te Mög­lich­keit, wenn­gleich im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren die­se Mög­lich­keit nicht the­ma­ti­siert wurde.

In einem wei­te­ren Ver­trag war näm­lich fest­ge­legt wor­den, dass die Gebrü­der Moh­ren­witz auf­grund des gewähr­ten Dar­le­hens das Recht hat­ten, jeder­zeit Ein­blick in die Akten und die Geschäfts­räu­me zu neh­men, und sie sich zudem bereit erklär­ten, die Nach­fol­ger in die Geschäfts­tä­tig­keit ein­zu­füh­ren. Das spricht eher für eine güt­li­che Vereinbarung.

Auch soll­ten sie ins­ge­samt 70 % des Rein­ge­winns der Fir­ma erhal­ten, wäh­rend die neu­en Kom­man­di­tis­ten Schus­ter 25 % und Rot­schild nur 5 % bekom­men soll­ten.[25]

Sie blie­ben auch in ande­rer Wei­se dem Unter­neh­men wei­ter­hin ver­bun­den. „Die bei­den Drs. Moh­ren­witz beab­sich­tigt, nach Ita­li­en aus­zu­wan­dern, um von dort aus wei­ter­hin als Ver­tre­ter für die Frank­fur­ter Fir­ma zu arbei­ten. Auf wel­cher Grund­la­ge dies erfol­gen soll, ist noch nicht fest­ge­legt.“[26] Wenig spä­ter wur­de ver­trag­lich fixiert, dass Fritz und Ste­phan Moh­ren­witz als „Hand­lungs­agen­ten der Fir­ma für bestimm­te Bezir­ke (sog. Gene­ral­ver­tre­ter) bestellt“ wur­den.[27]

Den Cha­rak­ter einer Ari­sie­rung hat­te die­se Über­schrei­bung ganz offen­sicht­lich ursprüng­lich nicht. Es mag aller­dings sein, dass ange­sichts der wei­te­ren Ent­wick­lung die neu­en Eigen­tü­mer die ihnen ein­mal im treu­hän­de­ri­schen Sin­ne über­tra­ge­nen Rech­te zuneh­mend als eige­ne Rech­te inter­pre­tier­ten und die Lei­tung der Fir­ma im Lau­fe der Zeit auch real übernahmen.

Erst im Janu­ar 1939, nach­dem die Zoll­fahn­dungs­stel­le Mainz bei der Devi­sen­stel­le Frank­furt im August 1938 für den Vater August eine Siche­rungs­an­ord­nung erwirkt hat­te, wer­den in den Akten indi­rekt Zah­lun­gen für die Fir­ma ange­spro­chen. In einem Schrei­ben der Zoll­fahn­dung vom 21. Janu­ar 1939 wur­de zur Auf­la­ge gemacht, dass Rück­zah­lun­gen aus dem Dar­le­hen an die „Zoo­lig­wer­ke (! sic) Frank­furt auf das gesi­cher­te Kon­to flie­ßen müs­sen, was auch vom Unter­neh­men, das jetzt unter „Zor­lig-Werk, Schus­ter & Co.“ fir­mier­te, bestä­tigt wur­de.[28] Wie hoch der Preis der Fir­ma war, wie viel von dem ver­mut­li­chen Dar­le­hen auf das gesi­cher­te Kon­to zurück­ge­zahlt wur­de, lässt sich den Akten nicht ent­neh­men. Nach dem Krieg wur­de aller­dings in einem Ver­gleich zwi­schen den Erben und den dama­li­gen Erwer­bern eine Ent­schä­di­gung in Höhe von 90.000 DM ver­ein­bart,[29] was als Beleg dafür gewer­tet wer­den kann, dass damals kei­nes­falls ein ange­mes­se­ner Betrag ver­ein­bart wor­den war.

 

Es wird den bei­den Brü­dern nicht leicht gefal­len sein, das vom Vater auf­ge­bau­te Unter­neh­men und ihn selbst in völ­lig unsi­che­ren Ver­hält­nis­sen zurück­zu­las­sen. Bei­den war es, trotz aller poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­sen, gelun­gen, die Fir­ma nach dem Rück­zug von August Moh­ren­witz sicher durch die­se schwie­ri­ge Zeit zu füh­ren, jeder in sei­ner Rol­le: Ste­fan als aus­ge­bil­de­ter und pro­mo­vier­ter Jurist und Fritz als jemand, der als Kauf­mann von Anfang an in die Fir­ma hin­ein­ge­wach­sen war. Sie waren auch die allei­ni­gen Erben des väter­li­chen Ver­mö­gens ein­schließ­lich des Unter­neh­mens. Lothar war bereits zu einem frü­he­ren Zeit­punkt aus­ge­zahlt wor­den.[30] All das muss aber in völ­li­gem Ein­ver­neh­men von­stat­ten­ge­gan­gen sein. Der Zusam­men­halt der Fami­lie kommt u.a. dar­in zum Aus­druck, dass der Vater 1938, als die Kin­der schon längst im Aus­land waren, die­sen Gene­ral­voll­macht für alle zukünf­ti­gen Ent­schei­dun­gen erteil­te, die­se sich dar­auf­hin unter­ein­an­der die glei­che Ermäch­ti­gung gaben.[31] All das spricht für ein sehr enges Ver­trau­ens­ver­hält­nis untereinander.

Die Flucht tra­ten Fritz und Ste­phan gemein­sam an. Mit dabei war auch die am 21. Febru­ar 1898 in Frank­furt gebo­re­ne Erna Fuchs, gebo­re­ne Sta­ven­ha­gen, mit ihrer Toch­ter Vera. Ste­phan hat­te Erna Fuchs 1937 in Frank­furt gehei­ra­tet, nach­dem deren ers­te Ehe mit dem Arzt Dr. Sieg­mund Hein­rich Fuchs am 15. März 1937 in Frank­furt geschie­den wor­den war.[32] Sie waren im Dezem­ber 1937 ohne Mit­nah­me ihres Umzugs­gu­tes nach Ita­li­en gegan­gen, hat­ten aber zuvor etwa 55.000 RM aus der Fir­ma als Pri­vat­ent­nah­me zur Finan­zie­rung der Flucht her­aus­ge­nom­men.[33] Aber man hat­te Deutsch­land zu die­sem Zeit­punkt den­noch ohne Hast ver­las­sen, Fritz war sogar Anfang 1938 wie­der nach Frank­furt zurück­ge­kehrt, um zum einen die Fir­men­über­ga­be zum ande­ren die Ver­frach­tung des Umzugs­guts zu orga­ni­sie­ren.[34]

Waren die ers­ten Schrit­te ins Exil schein­bar pro­blem­los, so stell­te sich bald eine Viel­zahl von Pro­ble­men ein, die bei­na­he noch zum Schei­tern geführt hätten.

Aus den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren wis­sen wir, wel­che Hin­der­nis­se, büro­kra­ti­sche Fall­stri­cke und Regle­men­tie­run­gen die Brü­der Moh­ren­witz auf ihrem fast fünf­jäh­ri­gen Weg ins mexi­ka­ni­sche Exil über­win­den muss­ten, aber auch, wel­che unglaub­li­chen Anstren­gun­gen die deut­sche Nach­kriegs­bü­ro­kra­tie über etwa zehn Jah­re auf sich nahm, um eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung zu ver­hin­dern. Jede Aus­ga­be, Rei­se­kos­ten zu Kon­su­la­ten, Gebüh­ren für Doku­men­te, Tele­fo­na­te und Tele­gram­me usw. soll­ten zehn Jah­re spä­ter nach all dem Cha­os mit Quit­tung und eides­statt­li­cher Erklä­rung über die Not­wen­dig­keit der Aus­ga­be belegt wer­den. Die Brü­der, ver­mut­lich durch ihre beruf­li­che Tätig­keit geschult, konn­ten die­se For­de­run­gen weit­ge­hend erfül­len, aber wehe dem, der die­sen Ansprü­chen nicht genü­gen konn­te. Auch gab es – nicht zuletzt durch die inter­na­tio­na­len Ver­bin­dun­gen ihres Bru­ders Lothar – immer wie­der Freun­de und ein­fluss­rei­che Per­sön­lich­kei­ten, die trotz aller Hin­der­nis­se irgend­wie eine Mög­lich­keit fan­den, um ihnen den Weg in das siche­re Exil zu ebnen.

Die ers­te Etap­pe hat­te die Brü­der 1937 nach Genua in das faschis­ti­sche Ita­li­en geführt, wo sie auf ihre bereits zuvor bean­trag­ten mexi­ka­ni­schen Visa war­te­ten und ohne Arbeits­er­laub­nis, auch ohne eige­nes Ein­kom­men waren. Bele­ge dafür, dass gemäß den ursprüng­li­chen Ver­ein­ba­run­gen mit den neu­en Geschäfts­füh­rern Geld aus ihrer alten Fir­ma an sie floss, sind zumin­dest nicht mehr vor­han­den. Ver­ständ­lich die jetzt über­stürz­te Flucht, als auch Mus­so­li­ni am 17. Sep­tem­ber 1938 sei­ne an den Nürn­ber­ger Geset­zen ori­en­tier­ten anti­jü­di­schen Maß­nah­men anord­ne­te. „Über Nacht“ ver­lie­ßen sie Genua, um in der Schweiz Zuflucht zu suchen, wo sie dann die nächs­ten drei Jah­re ver­brin­gen muss­ten.[35]

„Dort konn­ten wir mit vie­ler (! sic) Mühe eine zeit­wei­se Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung ‚Tole­ranz­be­wil­li­gung’ bis zum Erhalt unse­res Mexi­co­vi­sums erwir­ken. Wäh­rend die­ses befris­te­ten Auf­ent­hal­tes haben wir alle regu­lä­ren Schwei­zer Steu­ern, wie Gemein­de-Kan­to­nal und eid­ge­nös­si­sche Steu­ern nebst Ver­mö­gens- und Ver­mö­gens­er­trags­steu­er sowie die all­ge­mein gel­ten­den Kri­sen­steu­ern und Wehr­op­fer ent­rich­tet. Außer­dem aber die (…) nur für Emi­gran­ten gel­ten­de Son­der­steu­er, gegen die — frei­lich ohne Erfolg — in der Schwei­zer Pres­se star­ker Wider­spruch erho­ben wur­de, in Anbe­tracht des Umstan­des, daß wir in der Wei­ter­wan­de­rung stan­den und, sobald wir die Visen und eine Pas­sa­ge hat­ten, die­se zur Aus­füh­rung kam, wur­de uns eine Vor­spra­che wegen die­ser Steu­er in Bern gewährt, sobald wir die ent­spre­chen­den Doku­men­te besäs­sen. Es ver­steht sich, daß neben dem mexi­ca­ni­schen Ein­wan­de­rer­vi­sum die Beschaf­fung der erfor­der­li­chen Tran­sit­vi­sen und einer Pas­sa­ge zu jener Zeit, jedes ein­zel­ne für sich mit nahe­zu unüber­wind­li­chen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den war — gar nicht zu reden von der Not­wen­dig­keit, alles dies zu einem Zeit­punkt zusam­men zu haben. So hat­ten wir die Über­fahrt – was das natür­li­che war – via USA geplant und uns das ent­spre­chen­de USA-Visum sowie die Pas­sa­ge ver­schafft.“[36]

Nicht nur galt es in der Schweiz, alle nur mög­li­chen For­mu­la­re und Bele­ge zu beschaf­fen, auch ver­such­te der Schwei­zer Staat ganz offen­sicht­lich, mit finan­zi­el­len Hebeln die Ein­rei­se aus Deutsch­land zu steu­ern und sich zugleich schad­los zu halten.
Als all das geschafft war, kam plötz­lich noch ein wei­te­res Hin­der­nis hin­zu, wodurch auch der Vater in Deutsch­land noch mit in die Pla­nun­gen ein­be­zo­gen wer­den musste.

„Im letz­ten Moment erschien ein Erlass der ame­ri­ka­ni­schen Regie­rung, dass eine Lan­dung von Deut­schen, die noch Ver­wand­te in Deutsch­land hat­ten, nicht zuläs­sig sei. Es hieß, dass Deut­sche, die noch Ver­wand­te in Deutsch­land hat­ten,  unter Andro­hung von Repres­sa­li­en gegen die­se zur Spio­na­ge in USA gezwun­gen wor­den sei­en.“[37]

Damit war der Weg nach Mexi­ko über die USA ver­sperrt, die Visa nichts mehr wert und die Anzah­lung für die Pas­sa­ge war eben­falls ver­lo­ren, denn die Schwei­zer Fir­ma wei­ger­te sich, das Geld zurückzuerstatten.

Der Vater hat­te zu die­sem Zeit­punkt Frank­furt bereits ver­las­sen und war nach Wies­ba­den gezo­gen. Sein Haus in der Bür­ger­str. 10 war ver­mut­lich im Som­mer 1939 zu einem Preis von 30.000 RM ver­kauft wor­den.[38] Selbst­ver­ständ­lich gelang­te das Geld nicht in sei­ne Hand, son­dern wur­de nach Abzug ver­schie­de­ner Kos­ten auf ein gesi­cher­tes Kon­to bei der Dresd­ner Bank hin­ter­legt. Ein Rest­be­trag von 405 wur­de ihm als Frei­be­trag zuge­stan­den. [39] Umge­hend wur­de auch die Reichs­flucht­steu­er­stel­le infor­miert, die gege­be­nen­falls fäl­li­ge Steu­er zu berech­nen, aber August Moh­ren­witz hat­te ange­sichts sei­nes hohen Alters eigent­lich gar nicht mehr die Absicht, das Land zu verlassen.

Er hat­te sich nach dem Ver­kauf des Hau­ses in Schwein­furt nun in Wies­ba­den ein Zim­mer in der von der Jüdin Ste­fa­nie Rabi­no­wicz geführ­ten Pen­si­on ‚Haus Dam­bach­tal’ gemie­tet, in der zu etwa der glei­chen Zeit auch Julie Stern wohn­te, die ihn auch auf dem wei­te­ren Weg in die Adolfs­al­lee beglei­ten soll­te. Der Wech­sel von einer groß­bür­ger­li­chen 7‑Zim­mer-Woh­nung in ein Ein­zel­zim­mer bedeu­te­te not­wen­di­ger­wei­se den Ver­zicht auf die gesam­te bis­he­ri­ge Ein­rich­tung. Auch hat­ten die Käu­fer auf der voll­stän­di­gen Räu­mung der Woh­nung bestan­den. Ein Wohn‑, Arbeits- und Schlaf­zim­mer, wie auch das Spei­se­zim­mer wur­den inner­halb kür­zes­ter Zeit unter ihrem Wert ver­kauft, sprich ver­schleu­dert.[40] Ver­schie­de­ne Ölge­mäl­de, die Söh­ne erin­ner­ten sich an Por­traits ihrer Eltern und Groß­el­tern, gin­gen in frem­de Hän­de über. Auch Gemäl­de fran­zö­si­scher Impres­sio­nis­ten, die August Moh­ren­witz durch Ver­mitt­lung von Lothar erwor­ben hat­te, sol­len dabei gewe­sen sein.[41] Aber auch der Fis­kus hat­te sich einen Anteil der Beu­te gesi­chert und die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be in Höhe von unge­fähr 15.000 RM ein­ge­zo­gen.[42]

Bis zum 1. Dezem­ber 1940 war August Moh­ren­witz in der Pen­si­on am Neu­berg 4 geblie­ben. Die fol­gen­den ein­ein­halb Jah­re wohn­te er in der Schwal­ba­cher Str. 47, einem Haus, das zwar der Jüdin Eli­sa­beth Tre­pel, der Wit­we von Eruch­im Tre­pel, gehör­te, aber kein Juden­haus war. Über sei­ne kon­kre­ten Lebens­um­stän­de in die­sem Haus ist nichts bekannt.

Aber bedrü­ckend muss die Situa­ti­on gewe­sen sein. Allei­ne zurück­ge­blie­ben, das Lebens­werk zer­stört, wur­de er nun auch noch damit kon­fron­tiert, unfrei­wil­lig, allein durch sein Ver­blei­ben in Deutsch­land, zum Bal­last für die Kin­der gewor­den zu sein, weil er durch sei­ne blo­ße Exis­tenz deren Ein­rei­se in die USA verhinderte.

Offen­sicht­lich setz­ten die­se nun von der Schweiz aus alle Hebel in Bewe­gung, um dem Vater auch noch eine Aus­rei­se aus Deutsch­land zu ermög­li­chen. Er selbst wur­de auch noch aktiv und trat in Kon­takt mit einem noch vor der NS-Zeit, damals mit sei­ner finan­zi­el­len Unter­stüt­zung in die USA aus­ge­wan­der­ten Vet­ter namens Lou­is Kup­fer, der inzwi­schen dort zu bedeu­ten­dem Reich­tum gekom­men war. Schon 1933 hat­te die­ser der Fami­lie Moh­ren­witz  jede Unter­stüt­zung bei einer Emi­gra­ti­on in die USA zuge­sagt. Damals hat­te man geglaubt, auf die­se Hil­fe nicht ange­wie­sen zu sein. Jetzt 1941, wand­te August Moh­ren­witz sich erneut an die­sen Vet­ter und bat um das not­wen­di­ge Affi­da­vit, nach­dem ihm vom ame­ri­ka­ni­schen Kon­su­lat in Stutt­gart die War­te­num­mer 56455 zuge­teilt wor­den war – jedoch zu spät. Lou­is Kup­fer teil­te ihm am 17. Sep­tem­ber 1941 mit, dass in Deutsch­land kei­ne Visa mehr für die USA aus­ge­stellt wür­den, da die Kon­su­la­te inzwi­schen alle geschlos­sen sei­en und für die Affi­da­vits „eine Sicher­stel­lung in erheb­li­cher Höhe geleis­tet wer­den“ müs­se. „Es tut mir daher sehr leid, dass [ich – K.F.] Dei­ne Bit­te nicht erfül­len kann ect. ect. Mit bes­ten Grüs­sen Dein Lou­is Kup­fer“.[43]

In einem lei­der nur als unda­tier­te Abschrift erhal­te­nen Brief an sei­ne Söh­ne teil­te er ihnen sicht­lich ver­är­gert die nega­ti­ve Bot­schaft mit: „Ich wer­de dar­auf­hin nicht mehr ant­wor­ten !“.[44] Aber die­ser Brief erreich­te sie nicht mehr.

Wie schwie­rig es sein wür­de, den Vater noch in die USA zu brin­gen, war ihnen sicher bewusst gewe­sen. Des­we­gen hat­ten sie bereits Schrit­te unter­nom­men, um ihm wenigs­tens die Aus­rei­se aus Deutsch­land zu ermög­li­chen, was dann auch ihre Wei­ter­rei­se nach Ame­ri­ka erlau­ben wür­de. Der Zynis­mus der schwei­zer Flücht­lings­po­li­tik mach­te die Aus­rei­se der Kin­der aus der Schweiz sogar zur Vor­aus­set­zung für die Ein­rei­se- und Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung des Vaters. „Es dürf­te bekannt sein, dass damals die Schweiz gröss­ten Wert dar­auf leg­te, dass Deut­sche mit nur vor­über­ge­hen­der Auf­ent­halts­be­wil­li­gung die Schweiz wie­der ver­lies­sen, um eine zu gros­se Ansamm­lung von refu­giés zu ver­mei­den. Da wir mit ins­ge­samt 4 Per­so­nen aus­reis­ten, konn­ten wir dafür die Zusi­che­rung für den Auf­ent­halt unse­res grei­sen Vaters erlan­gen.“[45]

Aber selbst ein sol­cher „Tausch“ war nicht ohne Wei­te­res zu bewerk­stel­li­gen. Fritz und Ste­phan mit sei­ner Fami­lie hat­ten inzwi­schen eine Mög­lich­keit gefun­den auch ohne Zwi­schen­stopp in den USA nach Mexi­ko zu gelan­gen. Aller­dings nur mit­hil­fe der mexi­ka­ni­schen Dele­gier­ten beim Völ­ker­bund in Genf und dem Enga­ge­ment eines ‚Comi­tés d’ Intelec­tu­el­les’ gelang es, die erfor­der­li­chen Visa und die Tickets für eine Über­fahrt mit einem por­tu­gie­si­schen Schiff zu erhal­ten. Im Juni 1941 erhiel­ten sie von dem Comi­té einen Brief, in dem ihnen die Schiffs­plät­ze und auch die Tran­sit­vi­sa für Por­tu­gal bestä­tigt wur­den, dass sie aber umge­hend die Rest­sum­me für die Tickets bezah­len müss­ten, weil die­se andern­falls wie­der ver­lo­ren sein wür­den. Der Nach­satz, „fuer eine Spen­de zu Guns­ten unse­res Komi­tées wären wir Ihnen aus­ser­dem ganz beson­ders dank­bar“, zeigt, dass auch bei die­ser Orga­ni­sa­ti­on die Hil­fe nicht ganz selbst­los war.[46]

 

Aber für den neu­en Weg bedurf­te es jetzt eines wei­te­ren Tran­sit­vi­sums für Kuba. Mexi­ko ver­lang­te inzwi­schen eine finan­zi­el­le Sicher­heit für Neu­ein­wan­de­rer und die Päs­se muss­ten zwei Jah­re gül­tig sein. Das deut­sche Kon­su­lat stell­te nor­ma­ler­wei­se aber nur Päs­se mit einer Gül­tig­keit von einem Jahr aus. Wie­der bedurf­te es der Für­spra­che und der per­sön­li­chen Vor­spra­che beim deut­schen Kon­su­lat in Zürich. Auch die Redu­zie­rung der Schwei­zer Emi­gran­ten­steu­er auf einen vor­läu­fi­gen, nied­ri­ge­ren Pau­schal­be­trag kam einen Tag vor der Abrei­se und nur durch die Ver­mitt­lung des Natio­nal­rats­mit­glieds, des Rechts­an­walts und Bür­ger­meis­ters von Locar­no zustan­de.[47] Wohl dem, der über sol­che Bezie­hun­gen ver­füg­te, und wehe dem, der nicht.

Etwa zur Zeit ihrer Abrei­se erhielt der Vater in Wies­ba­den einen Express­brief von einer Frau Dr. Son­der­eg­ger, einer Freun­din von Ste­phans Frau, die sich bereit erklärt hat­te, die Aus­rei­se von August Moh­ren­witz zu organisieren:
„Sehr geehr­ter Herr Mohrenwitz !
Bit­te mel­den Sie sich sofort beim nächs­ten Schwei­zer Con­su­lat für die Ertei­lung eines Ein­rei­se­vi­sums in die Schweiz. Alles ande­re wird von hier aus besorgt und infor­mie­ren Sie mich bit­te über das Ergeb­nis die­ses Schrit­tes. Ich schrei­be Ihnen im Auf­trag Ihrer Kin­der und wür­de mich freu­en, wenn ich Sie hier begrü­ßen dürfte!
Mit vie­len guten Wün­schen und mit herz­li­chen Grü­ßen bin ich Ihre
Til­de Sonderegger
Hotel Schwei­zer­hof, Ascona“

Auch jetzt war wie­der der Bür­ger­meis­ter von Locar­no ein­ge­schal­tet, der bereit war, alles nur Mög­li­che und Not­wen­di­ge zu unter­neh­men. Den­noch kam die Ange­le­gen­heit nicht voran.

Die Kin­der hat­ten sich inzwi­schen auf eine gefahr­vol­len Weg von der Schweiz durch das besetz­te Frank­reich gemacht, um über Spa­ni­en nach Lis­sa­bon zu gelan­gen. Mög­li­cher­wei­se hat­ten sie die­sen Teil des Weges nicht gemein­sam beschrit­ten, ein Brief des Vaters an Fritz vom Novem­ber 1941 deu­tet dar­auf hin:

„Unter­des­sen habe ich Euch am 2. Novbr. & am 7. Novbr. geschrie­ben & haupt­säch­lich mein (! sic) Besorg­nis aus­ge­drückt, dass ich kei­ne Zuschrift direct vom l. [lie­ben — K.F.] Ste­fan erhal­te & die­ser­halb über sein Befin­den mich ängs­ti­ge. Auch heu­te fehlt mir in Dei­ner Zuschrift l. Fritz jed­wel­cher direc­ter Gruss vom l. Ste­fan. Ich bin des­halb über das Befin­den des l. Ste­fan sehr besorgt & bit­te Euch drin­gend, mir sofort Nach­richt über des­sen Befin­den zukom­men zu lassen.“

Die ver­ständ­li­chen Sor­gen des Vaters waren jedoch unbe­grün­det. Von Lis­sa­bon aus star­te­te die „Ser­pa Pin­to“ Ende Novem­ber ihre Fahrt über Casa­blan­ca, wo wei­te­re spa­ni­sche Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men wur­den, die Azo­ren und die bri­ti­schen Ber­mu­das zunächst nach Kuba. Wegen des inzwi­schen erfolg­ten Ein­tritts der Ame­ri­ka­ner in den Krieg, dem sich einen Tag spä­ter, am 12. Dezem­ber 1941, auch Kuba anschloss, gab es hier wei­te­re Ver­zö­ge­run­gen. Mit Ver­spä­tung erreich­ten sie Vera­cruz in Mexi­ko. Weil man gezwun­ge­ner­ma­ßen auch mit einer klei­nen, unbe­kann­ten Schiff­fahrts­li­nie unter­wegs war, die, um U‑Bootangriffen aus dem Weg zu gehen, nicht die nor­ma­le Rou­te benutz­te, hat­te die gesam­te Über­fahrt mehr als einen Monat gedau­ert. Anfang Novem­ber 1941 waren sie von der Schweiz aus gestar­tet, Ende Dezem­ber kamen sie in Mexi­ko-City an.[48]

Ob der Vater, der wei­ter­hin in Wies­ba­den auf die not­wen­di­gen Papie­re für sei­ne Aus­rei­se in die Schweiz war­te­te, von ihrer glück­li­chen Ankunft im Exil noch Nach­richt erhal­ten hat, ist nicht bekannt.[49] Das War­ten auf die Papie­re war letzt­lich ver­ge­bens, sie erreich­ten ihn nicht mehr. Er wur­de viel­mehr – jetzt ver­mut­lich gezwun­ge­ner­ma­ßen – noch für die kur­ze Zeit, die ihm noch blieb, in das Juden­haus Adolfs­al­lee 30 ein­quar­tiert. Auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist als Datum des Ein­zugs der 7. April 1942 ein­ge­tra­gen. Vier Wochen spä­ter, am 9. Mai 1942, kurz bevor die Depor­ta­tio­nen aus Wies­ba­den began­nen, ist er dort im Alter von 87 Jah­ren ver­stor­ben. Im Ster­be­re­gis­ter ist als Todes­ur­sa­che „Harn­zer­set­zung“ notiert, eine natür­li­che Todes­ur­sa­che also,[50] aber was heißt das schon in sol­chen Zeiten.

 

 

Der Neu­an­fang im mexi­ka­ni­schen Exil scheint für die Söh­ne Fritz und Ste­phan Moh­ren­witz nicht ein­fach gewe­sen zu sein. Als Kom­mis­sio­när für Geschenk­ar­ti­kel, Bijou­te­rie­wa­ren, Uhren und der­glei­chen ver­such­te Letz­te­rer, sich und sei­ne Fami­lie zu ernäh­ren. Die Aus­kunf­tei ‚Schim­mel­p­feng-Aus­lands­dienst’, die im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren von deut­schen Behör­den zur Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung beauf­tragt wor­den war, hat­te wohl sogar Ein­blick in die Woh­nung von Ste­phan Moh­ren­witz genom­men: „Die Woh­nung ist schlecht möbliert, nur alte, sich im dürf­ti­gen Zustand befind­li­che Möbel sind vor­han­den.“[51]

Auch Fritz ging es nicht bes­ser, war doch das Recht auf Ein­wan­de­rung kei­nes­wegs mit einem Recht zur Arbeits­auf­nah­me ver­bun­den. Erst 1944 erhielt er eine aller­dings ein­ge­schränk­te Erlaub­nis. Er wur­de Teil­ha­ber an einer Im- und Export­ge­sell­schaft, die aber 1948 wegen Erfolg­lo­sig­keit wie­der auf­ge­löst wur­de. „Seit die­ser Zeit“, schrieb er den Ent­schä­di­gungs­be­hör­den in Deutsch­land im Okto­ber 1957, „bin ich – abge­se­hen von einer ein­mo­nat­li­chen Pro­be­tä­tig­keit mit einem Gehalt von 1000.- Mex. Pesos in einer Kon­ser­ven- und Wurst­wa­ren­fa­brik, die zu einer Anstel­lung nicht führ­te – trotz vie­ler Bemü­hun­gen ohne lukra­ti­ve oder kom­mer­zi­el­le Beschäf­ti­gung.“[52] Eine ande­re von der deut­schen Bot­schaft beauf­trag­te Aus­kunf­tei nann­te den Grund für die Nicht­ein­stel­lung. Fritz war durch ein Augen­lei­den – auf dem rech­ten Auge war er inzwi­schen gänz­lich, auf dem lin­ken nahe­zu erblin­det – den Anfor­de­run­gen nicht gewach­sen. „Was er gegen­wär­tig tut, ist nicht fest­zu­stel­len. Er lebt als Mie­ter in einer klei­nen Woh­nung (…).“ Immer­hin ver­merk­ten die Infor­man­ten noch, dass die Gebrü­der Moh­ren­witz „hier einen guten Ruf (genie­ßen).“ [53]

Zwar hat­ten sie zu die­sem Zeit­punkt eini­ge klei­ne­re Ent­schä­di­gun­gen erhal­ten, die For­de­rung nach Zah­lung einer Ren­te war aller­dings zunächst mit der Begrün­dung abge­lehnt wor­den, sie ver­füg­ten über ein hin­rei­chen­des Ein­kom­men. Man ver­wies hier­bei auf den Ver­gleich mit den neu­en Eigen­tü­mern der Zor­lig-Wer­ke, durch den sie zusam­men 90.000 DM erhal­ten hat­ten. Die­se Sum­me hät­te jedem „die Mög­lich­keit, sich eine Lebens­grund­la­ge zu schaf­fen“ gege­ben, „hat er dies unter­las­sen, so muß er sich die Unter­las­sung anrech­nen las­sen. (…) Es ist nicht der Wil­le des Gesetz­ge­bers gewe­sen, dass ein Ver­folg­ter eine Ren­te erhält, obwohl er eine aus­rei­chen­de Lebens­grund­la­ge hat, die ihm auch eine Vor­sor­ge für das Alter ermög­licht“, so der Wort­laut des Bescheids des Regie­rungs­prä­si­den­ten vom 9. April 1958, frei von jeg­li­cher Empa­thie für die Lei­dens­ge­schich­te der Opfer.[54]

Erst in einem zwei­ten Ver­fah­ren wur­de im Sep­tem­ber 1958 die­se inhu­ma­ne Ent­schei­dung revi­diert und ihnen eine monat­li­che Ren­te von 600 DM zuge­stan­den.[55]

Fried­rich Wil­helm Moh­ren­witz ver­starb am 27. Mai 1967 und Ste­fan, der sich in Mexi­ko Estab­an nann­te, etwa ein Jahr spä­ter am 13. Mai 1968, bei­de in Mexi­ko-City.[56]

Ver­öf­fent­licht:  01.12. 2017

Letz­te Ände­rung: 27. 04. 2020

 

 

« zurück                              weiter »


 

Anmer­kun­gen:

[1] Die Anga­ben zur Fami­lie Moh­ren­witz sind zum einen der Bio­gra­phi­schen Daten­bank Jüdi­sches Unter­fran­ken ent­nom­men, sie­he https://​jue​di​sches​-unter​fran​ken​.de/ (Zugriff: 24.11.2017). Ein­trag ‚Moh­ren­witz’, zum ande­ren zwei Arti­keln von Elmar Hoch­hol­zer in der Main­post vom 24.6.2014 „Letz­ter Gruß aus der NS-Zeit“ und „Am Ende ent­rech­tet und umher­ge­sto­ßen“, die sich bei­de mit der Fami­lie Moh­ren­witz befassen.

[2] Loeb Sam­son Moh­ren­witz ver­starb nach Hoch­hol­zer 1861.

[3] Zumin­dest zwei sei­ner Geschwis­ter sind nament­lich bekannt, näm­lich der am 17.7.1876 gebo­re­ne Salo­mon und Loeb Sam­son, des­sen Geburts­da­tum aber nicht bekannt ist. Salo­mon ver­starb am 3.7.1876, sein Bru­der Loeb Sam­son im Jahr 1877 in Schweinfurt.

[4] Er hat­te zwei älte­re Schwes­tern, die am 10.12.1948 gebo­re­ne Ernes­ti­ne und die am 19.4.1851 gebo­re­ne Kla­ra. Samm­lung E. Böh­rer, Schweinfurt.

[5] August Moh­ren­witz hat­te als Anlass für sei­nen Brief ein his­to­ri­sches Kurio­sum genutzt, denn er war im Besitz des Ori­gi­nals einer für die Gast­stät­te im Jahr 1817 vom „könig­lich baie­r­i­schen Land­ge­richt“ aus­ge­stell­ten Kon­zes­si­on zur Auf­stel­lung eines Bil­lard­ti­sches, den zu benut­zen aber „nur ange­se­he­nen Frem­den und Ein­woh­nern mit Aus­schluß der Jugend“ gestat­tet wor­den war. Sie­he den bereits zitier­ten Arti­kel von Hoc­h­ol­zer, Letz­ter Gruß aus der NS-Zeit, Main­post vom 24.6.2014.

[6] Der Pfar­rer von Som­mer­ach hat­te ihnen das dafür not­wen­di­ge Zeug­nis aus­ge­stellt: „Der Leu­mund der Lämm­lein Moh­ren­witz­schen Ehe­leu­te ist aus­ge­zeich­net.“ Ebd. Eine ent­fern­te Linie – die genaue Ver­bin­dung ist bis­her nicht bekannt – der Moh­ren­witz-Fami­lie, ein Sig­mund Moh­ren­witz, hat­te in Schwein­furt eben­falls eine Wein­hand­lung eröff­net. Ein Bild aus dem Jahr 1911, abge­druckt in der Main­post vom 24.6.2014, zeigt die etwa 40 bis 50 Per­so­nen umfas­sen­de Beleg­schaft der Fir­ma, die Sig­munds Söh­ne Isi­dor und Lud­wig zu die­ser Zeit am Schwein­fur­ter Korn­markt betrie­ben. Inner­halb weni­ger Jah­re gelang es den bei­den zu den bedeu­tends­ten Wein­kon­to­ris­ten des ost­frän­ki­schen Raums auf­zu­stei­gen, sogar zum könig­lich bay­ri­schen Hof­lie­fe­ran­ten zu avan­cie­ren Für die am 22.4.1942 mit 851 wei­te­ren Juden depor­tier­te Ehe­frau von Isi­dor Moh­ren­witz ist im Inter­net ein Gedenk­blatt ver­öf­fent­licht, auf dem auch ver­schie­de­ne Bil­der von der Bedeu­tung die­ser Fami­lie Moh­ren­witz im frän­ki­schen Raum zeu­gen, u.a. ist Lud­wig Moh­ren­witz in vol­ler Mon­tur als Schüt­zen­kö­nig von Schwein­furt im Jahr 1928/​29 zu sehen. Sie­he http://​www​.hist​ver​ein​wor​.de/​p​d​f​2​0​1​2​/​h​v​w​_​o​a​s​e​_​s​c​h​w​e​i​n​f​u​r​t​_​m​o​h​r​e​n​w​i​t​z​.​pdf. (Zugriff: 24.11.2017 — Lei­der ist die Sei­te inzwi­schen vom Netz genom­men worden).

[7] GENI ent­hält einen viel­glied­ri­gen Stamm­baum der Fami­lie Scheidt. Zudem haben Heinz und Thea Ruth Sky­te eine umfas­sen­de Dar­stel­lung ihrer Fami­lie erar­bei­tet und ins Inter­net gestellt, sie­he http://www.rijo.homepage.t‑online.de/pdf/en_de_ju_sky10104.pdf. (Zugriff: 24.11.2017). Zu Jen­ny Scheidt sie­he S. 6. Nach die­sem Ein­trag fand die Hoch­zeit 1884 statt.

[8] Umfas­send ist die Geschich­te der Fami­lie Scheidt im Kapi­tel über Otto Frank und sei­ne Frau Anna, gebo­re­ne Scheidt, behan­delt. Das Paar war Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses Kai­ser-Fried­rich-Ring 65. Die jün­ge­re Schwes­ter von Jen­ny Scheidt, Ber­tha, ver­hei­ra­tet mit David Blüt­hen­thal, leb­te zuletzt im Juden­haus in der Grill­par­zer­str. 9 in Wies­ba­den, wo sie sich kurz vor ihrer Depor­ta­ti­on das Leben nahm. Sie­he zu ihr das Kapi­tel „Grill­par­zer Str. 9“.

[9] Die Daten sind der Fami­li­en­ge­schich­te der Scheidts von H. und T.R. Sky­te ent­nom­men, sie­he oben. Sie wei­chen teil­wei­se von denen ab, die in GENI genannt werden.
Jen­nys Bru­der Moritz starb schon 1866, ein Jahr nach sei­ner Geburt; Min­na, geb. 9.1.1867, wur­de am 1.9.42 von Frank­furt aus nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo sie am 14.9.42 ver­starb; Juli­us, geb. 10.9.1886, emi­grier­te nach Süd­ame­ri­ka; Loui­se, geb. 31.7.1871, gest. 1918; Emma, geb. 6.1.1874, gest. 1947; Ber­tha, geb. 1877, gest. 8.6.1942; Sig­mund, geb. 25.4.1881, am 20.10.1941 von Frank­furt nach Litz­mann­stadt depor­tiert, dort am 1.5.1942 ver­stor­ben; Anna, geb. 4.5.1882, Emi­gra­ti­on in die USA, gest. 1959. Alle Geschwis­ter wur­den in Kit­zin­gen geboren.

[10] Das Haus wur­de wäh­rend der NS-Zeit kon­fis­ziert und zu einem der Schwein­fur­ter Juden­häu­ser gemacht, Samm­lung E. Böh­rer, Schweinfurt.

[11] HHStAW 518 76949 (12).

[12] Die­ses Datum gibt Elmar Hoch­hol­zer in der Main­post vom 24.6.2014 „Letz­ter Gruß aus der NS-Zeit“ an.

[13] Ein Enkel von Wolf Scheidt war der bedeu­ten­de Phi­lo­soph Ray­mond Klib­an­sky, von dem anläss­lich sei­nes Todes im Jahr 2005 in der Zeit zu lesen war: “Das Leben des Gelehr­ten Ray­mond Klib­an­sky liest sich wie das auf­ge­schla­ge­ne Buch des 20. Jahr­hun­derts.“ Unter ande­rem trug er dazu bei, dass die bedeu­ten­de Biblio­thek von Aby War­burg vor den Nazis geret­tet und nach Eng­land gebracht wer­den konn­te. Sie­he Die ZEIT 34 /​ 2005 vom 18.8.2005, auch DER SPIEGEL 34/​2005 vom 22.8.2005.

[14] HStAD Bestand H 14 Die­burg Nr. R 173/1–2. In einer eides­statt­li­chen Erklä­rung von Fritz Moh­ren­witz ist die Grün­dung des Unter­neh­mens in die Mit­te des Jah­res 1920 verlegt.

[15] HHStAW 518 76949 (10).

[16] https://​www​.tra​cin​g​the​past​.org/​i​m​a​g​e​s​/​J​e​w​i​s​h​_​F​r​a​n​k​f​u​r​t​_​A​d​d​r​e​s​s​b​o​o​k​.​pdf. (Zugriff: 24.11.2017).

[17] Sie­he Archiv für Geschich­te des Buch­we­sens (AGB), in: H‑Soz-Kult, 08.07.2016, S. 819 f.

[18] Ebd.

[19] HHStAW 518 76945 (84).

[20] HHStAW 518 76944 (113). Der Aus­rei­se­ter­min August 1935 grün­det auf sei­ner eige­nen Anga­be im Ent­schä­di­gungs­an­trag, sie­he HHStAW 518 76944 (84). In einem ande­ren Bescheid aus dem Jahr 1955 wird als Aus­rei­se­ter­min der Okto­ber 1937 genannt, ebd. (17). Dr. Fritz Moh­ren­witz gab im Rah­men eines Ver­hörs im Zusam­men­hang mit dem Vor­wurf eines Devi­sen­ver­ge­hens am 11.2.1938 eben­falls an: „Mein Bru­der hält sich seit Okt. 37 aus Ori­en­tie­rungs­grün­den in Eng­land auf, ist jedoch noch poli­zei­lich hier in Ffm. gemel­det.“ HHStAW 519/​3 17221 (19). Win­kel, Hubert, Erfolg hoch vier, ZEIT­ma­ga­zin 42 vom 11.10.1991, S. 46, ver­legt die Flucht nach Eng­land sogar in das Jahr 1934, ohne aber dafür Bele­ge zu benen­nen. Wahr­schein­lich ist, dass Lothar Moh­ren­witz bereits vor 1937 Eng­land aus beruf­li­chen Grün­den mehr­fach besucht hatte.

[21] HHStAW 518 76944 (6).

[22] HHStAW 518 76944 (18). In einem Brief vom 26.8.42, in dem Kurt Sta­ven­ha­gen von Wal­ter Strauss die unter­schied­li­chen Kos­ten für die Emi­gra­ti­on der Fami­lie Moh­ren­witz auf­ge­lis­tet wer­den, heißt es u.a.: „Lothar $ 500,– Dies war der vor­ge­se­he­ne Kos­ten­be­trag betreffs Mexi­ko. Von die­sem Pos­ten wur­den von letz­te­rem Pos­ten der Auf­stel­lung $ 250,– wie­der zurück­ge­zahlt. Wie oben erwähnt, bezie­hen sich die ver­brauch­ten $ 250,- auf das Cuba-Visum.“ HHStAW 518 76944 (7). Dem­nach hat­te Lothar Moh­ren­witz auch Kuba bzw. Mexi­ko als mög­li­che Zie­le in Betracht gezogen.

[23] Win­kel, Erfolg hoch vier, S. 46. Lothar Moh­ren­witz hat u.a. auch für den dama­li­gen Ver­le­ger Keel den ers­ten Titel sei­nes neu gegrün­de­ten Dio­ge­nes Ver­lags erwor­ben und damit den Auf­stieg die­ses bedeu­ten­den deutsch­spra­chi­gen Ver­lags mitbegründet.

[24] HHStAW 519/​3 17221 (3).

[25] HHStAW 519/​3 17221 (7).

[26] HHStAW 519/​3 17221 (4).

[27] HHStAW 519/​3 17221 (10). Gedacht war dabei an Ita­li­en, ihrem ers­ten Flucht­ziel, was den Ver­dacht nahe­legt, dass sie tat­säch­lich ursprüng­lich nicht den Plan hat­ten, von dort aus wei­ter nach Süd­ame­ri­ka zu gehen, wie sie spä­ter anga­ben. Dass aber bereits 1937 die Ein­wan­de­rung nach Mexi­ko bean­tragt wor­den war, ergibt sich aus der Vor­la­ge des ent­spre­chen­den Antrags im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren, sie­he HHStAW 518 76949–2 (212)

[28] HHStAW 519/​3 4574 (8, 10).

[29] HHStAW 518 76945 (28 ff.).

[30] HHStAW 519/​3 4574 (14).

[31] HHStAW 518 76759 (4, 6). Bei die­ser Gele­gen­heit muss sich Lothar auch zwi­schen­zeit­lich in der Schweiz auf­ge­hal­ten und dort sei­ne Brü­der getrof­fen haben, denn die am 28.4.1939 in Locar­no unter­zeich­ne­te Urkun­de über die gegen­sei­ti­ge Ertei­lung der Voll­macht trägt die Unter­schrif­ten der drei Brü­der. Sie liegt aller­dings nicht im Ori­gi­nal, son­dern nur als Abschrift vor.

[32] https://​ia600805​.us​.archi​ve​.org/​0​/​i​t​e​m​s​/​m​e​y​e​r​f​e​c​h​h​e​i​m​e​r​f​0​0​1​/​m​e​y​e​r​f​e​c​h​h​e​i​m​e​r​f​0​0​1​.​pdf (IX-11). In dem bereits ange­führ­ten Pro­to­koll der Ein­ver­nah­me von Fritz Moh­ren­witz im Devi­sen­ver­fah­ren erklär­te die­ser expli­zit, dass sein Bru­der Ste­phan im Jahr 1937 gehei­ra­tet hat­te. Den Namen der Braut erwähnt er aller­dings nicht, sie­he HHStAW 519/​3 17221 (18). In einem Ver­merk der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de aus dem Jahr 1964, in dem Bezug auf einen 1956 geschlos­se­nen Ver­gleich genom­men wur­de, ist die Rede von einem Bescheid, in dem dem Klä­ger Ste­phan Moh­ren­witz „für sei­ne mit Frau und Toch­ter erfolg­te Aus­wan­de­rung“ eine Ent­schä­di­gung von 600 DM gewährt wor­den sei. Dem­nach hät­te die Ehe­schlie­ßung noch in Euro­pa, also vor 1938 statt­ge­fun­den. Sie­he HHStAW 518 76945 (6). Hier ist von nur einer Toch­ter die Rede, in HHStAW 518 76944 (7) heißt es im Zusam­men­hang mit den Kos­ten für die Aus­wan­de­rung „Ernas child­ren: Dies ist der Son­der­be­trag für das wei­te­re Visum für die Kin­der“, wor­aus man schluss­fol­gern kann, dass mehr als eine Toch­ter sie beglei­te­te. In dem Bericht einer mexi­ka­ni­schen Aus­kunf­tei vom 28.8.1958, die im Auf­trag der Deut­schen Bot­schaft mit Ermitt­lun­gen über die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Gebrü­der Moh­ren­witz im Zusam­men­hang mit dem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren beauf­tragt wor­den war, heißt es: „Übri­gens haben sie [die Brü­der Moh­ren­witz – K.F.] hier einen Herrn Dr. Sta­ven­ha­gen, wel­cher der Schwa­ger eines der Her­ren Moh­ren­witz war, als Ver­wand­ten. Dr. Sta­ven­ha­gen ist sehr ver­mö­gend.“ Sie­he HHStAW 518 76945 (177). Es han­delt sich hier­bei um den 1899 gebo­re­nen Bru­der Kurt Erwin von Erna Moh­ren­witz, der mit sei­ner Frau Lore Rosa­lie, gebo­re­ne Grün­baum, im Som­mer 1940 zunächst in die USA gelang­te, dann spä­ter nach Mexi­ko über­sie­del­te, wo er am 15.1.1881 ver­starb. Erna Moh­ren­witz selbst war bereits am 24.11.1950 in Mexi­co-City verstorben.

[33] HHStAW 519/​3 17221 (18).

[34] 519/​3 17221 (15) .Eine nicht unbe­deu­ten­de Rol­le spiel­te hier­bei der Kauf von drei Gemäl­den im Wert von ca. 30.000 RM, hin­ter deren Kauf die NS-Behör­den einen ver­deck­ten Devi­sen­trans­fer ver­mu­te­ten, die Brü­der sahen dar­in hin­ge­gen eine ihrem bis­he­ri­gen Lebens­stan­dard ent­spre­chen­de Wohnungsausstattung.

[35] HHStAW 518 76945 (142). Das Gericht unter­stell­te in dem Ver­fah­ren, die Flucht sei mit der Ankunft in Genua zu Ende gekom­men, die lang­wie­ri­ge wei­te­re Fahrt nach Süd­ame­ri­ka sei somit eine Pri­vat­an­ge­le­gen­heit gewe­sen, für die eine Ent­schä­di­gung nicht gewährt wer­den kön­ne. Sie­he HHStAW 518 76949 (190). Erst 1964 konn­ten die Aus­wan­de­rungs­kos­ten nach Mexi­ko gericht­lich durch­ge­setzt wer­den. Ebd. (241). Ste­phan Moh­ren­witz war da bereits 77 Jah­re alt und hat­te nur noch weni­ge Jah­re zu leben.

[36] HHStAW 518 76945 (142).

[37] Ebd. (142).

[38] Die Brü­der gaben an, dass der Vater unmit­tel­bar nach ihrer Aus­rei­se das Haus ver­kauf­te, also 1937. Im Ent­schä­di­gungs­an­trag geben sie sogar ein prä­zi­ses Datum, den 15.6.1937 an, an dem er nach Wies­ba­den umge­zo­gen sei, HHStAW 518 76759 (1, 125). Das Haus scheint aber tat­säch­lich erst 1939 ver­kauft wor­den zu sein, zumin­dest haben erst zu die­sem Zeit­punkt ent­spre­chen­de Zah­lun­gen statt­ge­fun­den. Auch auf der Kar­tei­kar­te der Wies­ba­de­ner Gesta­po für August Moh­ren­witz ist unter „Zugang“ erst der 2.8.1939 ein­ge­tra­gen. Zum Zeit­punkt der Volks­zäh­lung im Mai 1939 war er eben­falls noch in Frank­furt gemel­det. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit hat der Umzug also erst im Lau­fe des Som­mers 1939 statt­ge­fun­den. Nicht ganz glück­lich ist die For­mu­lie­rung in dem sonst sehr infor­ma­ti­ven Arti­kel „Am Ende ent­rech­tet und umher­ge­sto­ßen“  von Elmar Hoch­hol­zer: „Am 2. August 1939 zieht er gegen sei­nen Wil­len nach Wies­ba­den.“ Dafür, dass die­ser Umzug durch amt­li­che Anwei­sung erzwun­gen war, gibt es kei­nen kon­kre­ten Beleg, ist auch ange­sichts der Tat­sa­che, dass er zunächst in ein Pen­si­ons­zim­mer zog, nicht sehr wahr­schein­lich. Außer Fra­ge steht natür­lich, dass die gesam­ten Lebens­um­stän­de durch Gewalt­ver­hält­nis­se geprägt waren und August Moh­ren­witz ganz sicher lie­ber in sei­ner Woh­nung in Frank­furt geblie­ben wäre.

[39] HHStAW 518 76759 (7, 8).

[40] HHStAW 518 76759 (125).

[41] Sie­he zum Haus­ver­kauf ins­ge­samt HHStAW 518 76759 (125, 197).

[42] HHStAW 518 76759 (17 f.).

[43] HHStAW 518 76759 (77).

[44] HHStAW 518 76759 (88)

[45] HHStAW 518 76759 (78).

[46] HHStAW 519/​3 17221 (10).

[47] Zu den viel­fäl­ti­gen Hin­der­nis­sen sie­he HHStAW 518 76949 (228 ff.) und HHStAW 518 76945 (142 f.).

[48] Der Bericht über die Flucht­sta­tio­nen war von Ste­phan und Fritz Moh­ren­witz ver­fasst und wur­de vom Anwalt im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren am 7.5.1958 der Behör­de beim Regie­rungs­prä­si­den­ten Wies­ba­den über­mit­telt, sie­he HHStAW 518 76945 (141–145).

[49] Das Dra­ma um sei­ne geplan­te Aus­rei­se ist nur des­halb akten­kun­dig gewor­den, weil die deut­sche Ent­schä­di­gungs­be­hör­de sich zunächst wei­ger­te, die von ihm gezahl­te Reichs­flucht­steu­er zu ent­schä­di­gen. Gegen die ers­te Ent­schei­dung, die Zah­lung von 21.500 RM Reichs­flucht­steu­er anzu­er­ken­nen, wur­de von­sei­ten des Regie­rungs­prä­si­den­ten Ein­spruch erho­ben. Erst nach der aus­führ­li­chen Dar­stel­lung der gesam­ten Flucht­ge­schich­te wur­de auch die Zah­lung einer sol­chen Steu­er durch den Vater aner­kannt und ent­schä­digt. Man war letzt­lich doch über­zeugt, dass er, um jede wei­te­re Ver­zö­ge­rung zu ver­hin­dern, die Steu­er vor­ab gezahlt hat­te. Sie­he 518 76759 (70, 72, 95 ff.).

[50] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1036/​1942, StadtA. Wi/​2 Nr. 2225. Eigen­ar­ti­ger­wei­se ist August Moh­ren­witz auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te für den 1. Sep­tem­ber 1942 auf­ge­führt, obwohl er zu die­sem Zeit­punkt bereits fast ein hal­bes Jahr tot war.

[51] HHStAW 518 76945 (167).

[52] HHStAW 518 76949 (106), auch HHStAW 519/​3 17221 (55).

[53] HHStAW 518 76945 (177).

[54] HHStAW 518 76945 (146 ff).

[55] HHStAW 518 76945 (169).

[56] Als Allein­er­ben hat­te Fritz sei­nen Bru­der Ste­phan ein­ge­setzt, der wie­der­um sei­ne bei­den Stief­töch­ter Maria May­er und Lisa Ellen Ward, bei­de geb. Foul­kes. HHStAW 518 76759 (216, 213).