Yvonne Wiegand, geborene Kassel, und ihre Eltern Max und Klara Kassel


Hirsch Offen Ester Rorberger Offen, Jakob Offen
Das ehemalige Judenhaus in der Frankenstr. 15
Eigene Aunahme
Lage des Judenhauses
Judenhaus Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Frankenstr. 15

 

 

 

 

 


Der Mädchennamen von Yvonne Wiegand – sie war als Yvonne Kassel geboren worden – erinnert unweigerlich an das erste große Verbrechen der Nazis in Wiesbaden. Ihr Vater, der Milchhändler Max Kassel, war in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1933 von einem Trupp SA-Männer auf brutalste Weise ermordet worden. Etwa zehn Jahre später wurde auch sie selbst zum Opfer, aber nicht mehr zu einem individuellen, sondern zu einem Opfer des industriellen Massenmordes im Vernichtungslager Sobibor.

Obwohl ihr Vater durch seinen frühen Tod nie Bewohner eines Judenhauses hat werden können, soll im gegebenen Rahmen dennoch auch seiner gedacht werden.[1] Die Ereignisse um seinen Tod werfen zudem ein Schlaglicht auf die Veränderungen, die sich unmittelbar nach der „Machtergreifung“ auch im Mikrokosmos dieser Stadt abzeichneten. Der eigentlichen Machtübertragung im Reich folgte nämlich eine tatsächliche Machtergreifung auf der kommunalen Ebene. Die Stadt wurde zumindest partiell zu einem rechtsfreien Raum, in dem die Nazihorden der SA sich anmaßten, nach eigenem Gutdünken staatliche Gewalt auszuüben. Die Täter im vorliegenden Fall stehen wiederum exemplarisch für das Milieu, aus dem sich die damalige SA zum großen Teil rekrutierte: die Zukurzgekommenen, Kriminelle, Säufer – also die Gruppe, die Marx einmal abfällig als „Lumpenproletariat“ charakterisiert hatte.[2] Bei allen Übereinstimmungen und Interessensidentitäten waren da Konflikte mit höheren SA-Chargen oder der SS unvermeidlich. Noch mehr mit den Repräsentanten der traditionellen Staatsmacht, die bei aller Distanz zur Weimarer Republik sich dennoch an die Verfassung gebunden fühlten. Noch begegneten viele Beamte der Strafverfolgungsbehörden, der Polizei und Staatsanwaltschaft, den neuen Machthabern mit einer gewissen Distanz. Es dauert aber nicht mehr lange bis auch die meisten der Nicht-Nazis bereit waren, sich den Erwartungen der neuen Herren in den braunen und schwarzen Uniformen zu unterwerfen. Insofern soll die sehr detaillierte Darstellung der Ereignisse um den Tod von Max Kassel nicht nur an diesen grausamen und tragischen Fall erinnern, es soll damit auch ein Blick auf diese besondere Umbruchsphase hier in Wiesbaden geworfen werden.

Yvonne Kassel, Klara Appel, Judenhaus Frankenstr. 15 Wiesbaden
Zeitungsnachricht über den Mord an Max Kassel in der Wiesbadener Zeitung vom 24.4.1933

Der Gewaltexzess dieses Abends hatte weit über die Stadt hinaus Aufsehen erregt, weil am gleichen Abend noch ein weiterer jüdischer Kaufmann, Salomon Rosenstrauch, Opfer des Terrors der Wiesbadener SA wurde. Nicht nur Wiesbadener Zeitungen verbreiteten die Nachricht über den Mord,[3] auch in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ und sogar im Londoner „Evening Standard“ soll in großer Aufmachung über die Ereignisse berichtet worden sein.[4] Der in der „Frankfurter Zeitung“ vom 24 April 1933 veröffentlichte Artikel wurde noch im gleichen Jahr sowohl in dem „Schwarzbuch über die Lage der Juden in Deutschland“ im Jahr 1933,[5] wie auch im ebenfalls 1933 erschienenen „Braunbuch“ über den Reichstagsbrand abgedruckt.[6]

Max Kassel, Klara Kassel, Klara Appel, SA-Mord Wiesbaden, Judenmord SA
Stammbaum von Yvonne Wiegand, geborene Kassel
(GDB-PLS)

Max Kassel war das dritte und letzte Kind des Ehepaars Simon und Jettchen Kassel, geborene Appel, die in Friedberg in Mittelhessen einen Kurzwarenladen betrieben.[7] Während von dem ältesten Kind weder Name, noch Geschlecht und nur das Geburtsjahr 1870 bekannt ist, weiß man von seiner älteren Schwester zumindest den Vornamen Emma und das genaue Geburtsdatum, den 17. April 1872. Max selbst war am 8. Februar 1874 geboren worden und hatte eine Ausbildung als Maler bzw. Anstreicher absolviert. Am 15. Mai 1895 meldete sich der gerade Einundzwanzigjährige in Friedberg ab, um nach Köln zu ziehen. Im folgenden Jahr übersiedelte er dann nach Berlin, wo sich seine Spuren zunächst verlieren. In der Urteilserklärung zu seinem Mordprozess heißt es, dass er sich vor seiner Niederlassung in Wiesbaden etwa 20 Jahre in Frankreich aufgehalten habe.[8] Dort, in Lille, wurde am 12. Februar 1902 auch seine Tochter Yvonne geboren. Ihre Mutter war bisher nicht bekannt. Allerdings erwähnte im späteren Ermittlungsverfahren die Zeugin Anfang, dass diese in der Heil- und Pflegeanstalt in Herborn untergebracht sei.[9] Das war 1933, zu einem Zeitpunkt, an dem Max Kassel bereits von ihr geschieden war, wie aus seinem Eintrag im Sterberegister der Stadt Wiesbaden hervorgeht.[10] Wie lange sie damals schon in Herborn untergebracht war, ist nicht bekannt. Allerdings ergibt sich aus dem dortigen Abgangsbuch, dass am 25. September 1940 eine Klara Kassel, geborene Appel aus Friedberg, die Anstalt verließ.[11] In Friedberg, auch Geburtsort von Max Kassel, war eine Klara Appel am 25. April 1880 als Tochter von Jakob Moses Appel und seiner Frau Malchen, geborene Herzberg, geboren worden.[12] Zwar gibt es keine Gewissheit, aber doch eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass Klara Appel die Mutter von Yvonne war. Ob Yvonne Wiegand zu dieser Zeit Kontakt zu ihrer Mutter hatte, ist nicht bekannt.[13]

Ihr Vater hatte in der Nähe von Lille über viele Jahre ein Textilgeschäft für Spitzenwaren betrieben. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er dann als Bürger eines Feindstaates vier Jahre interniert – die „Wiesbadener Zeitung“ sprachen in ihrem Bericht über den Mord interessanterweise von einem „Konzentrationslager“ -,[14] was letztlich zum Verlust seines Geschäfts und seines Vermögens führte. Etwa Mitte der Zwanziger Jahre kam er nach einem Aufenthalt von unbekannter Dauer in Frankfurt nach Wiesbaden. Seit dem 25. März 1925 hatte er ein Ladengeschäft und kurz danach auch eine Wohnung in der Webergasse 46 angemietet.[15]

Max Kassel, Yvonne Wiegand, Juden, Wiesbaden SA-Terror
Lage des Hauses Webergasse 46
Stadtarchiv Wiesbaden

Mit dem Verkauf von Molkereiprodukten – Milch, Käse, Butter – versuchte er sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Der Laden lag im Vorderhaus unmittelbar neben dem Eingang zur Straße hin, er selbst wohnte in einem Seitengebäude des Hinterhofs im ersten Stock in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Parterrewohnung des Hinterhauses bewohnte die knapp 40jährige Elisabeth Anfang aus Paderborn, die nach eigener Auskunft etwa seit 1920 mit Max Kassel bekannt war und ihm den Haushalt führte, gelegentlich auch im Geschäft aushalf. Sie war darüber hinaus wohl auch die neue Lebenspartnerin des geschiedenen Max Kassel.[16]

Seit dieser das Geschäft von den Eigentümern des Hauses – der ledigen Katharina Rösch und ihrem verheirateten Bruder Moritz Rösch – übernommen hatte, war es aufgeblüht. Im Zusammenhang mit dem an ihm begangenen Verbrechen gab Frau Rösch seinerzeit Auskunft über die Persönlichkeit des Mordopfers. Er soll ein zurückgezogener, ruhiger und ordentlicher Mieter gewesen sein, der seine Verbindlichkeiten gewissenhaft erfüllt und sich ausschließlich um sein Geschäft gekümmert habe.[17]

Möglicherweise wusste sie nicht, dass ihr Mieter sehr wohl auch gesellschaftlich und politisch engagiert war, als Kassierer sogar eine Funktion in der Wiesbadener SPD gehabt haben soll. Da die Mitgliederkartei der SPD Wiesbaden noch vor dem Parteienverbot aus Sicherheitsgründen verbrannt wurde, man eine zweite Kartei damals in einem Garten, der danach von einer Straße überbaut wurde, heute unauffindbar vergrub,[18] lässt sich die Zugehörigkeit von Max Kassel zur SPD heute nicht mehr mit völliger Sicherheit belegen. Gewisse Irritationen bezüglich seiner Mitgliedschaft rühren weniger daher, dass die Vermieterin davon nichts wusste, sondern weil auch die Tochter Yvonne, die bis zu ihrer Verehelichung mit ihrem Vater zusammenwohnte, in ihrer Aussage vor der Polizei angab, dass dieser sich politisch nicht betätigt habe. [19] Wenn sie überhaupt davon Kenntnis hatte, was nicht mit Sicherheit angenommen werden kann, zumal nicht bekannt ist, seit wann er diese Funktion als Kassierer überhaupt ausgeübt hatte, dann verschwieg sie es möglicherweise, weil sie in der aufgeheizten Stimmung dieser Tage befürchten musste, dass dies die Ermittlungen beeinflussen oder sogar sie selbst in Gefahr bringen könnte. Die SA wusste dagegen sehr wohl vom politischen Engagement des Max Kassel. Sie hielten ihn allerdings für einen Anhänger der KPD, der angeblich sogar Geld sammelte, um Waffen für den Kampf gegen die nationalsozialistische Bewegung zu beschaffen. Diese Einlassung der Täter könnte aber auch dem Zweck gedient haben, ihrer Tat die Akzeptanz von Partei- und – so hoffte man vielleicht – Ermittlungsbehörden zu verleihen. [20] Trotz gewisser Widersprüche und Unklarheiten wird man davon ausgehen können, dass Kassel sich für die Sozialdemokraten engagiert hatte.[21]

Ursprünglich war Max Kassel aber nicht als Sozialdemokrat, sondern als Jude ins Visier der SA geraten. Wie so viele andere Geschäftsleute musste auch Kassel erfahren, dass er, der über viele Jahre hinweg Juden wie Nichtjuden zu seinen Kunden gezählt hatte, über Nacht zum Hassobjekt wurde. Moritz Rösch, der Bruder von Frau Rösch und Miteigentümer des Hauses, hatte gemeinsam mit seiner Schwester das Geschäft an ihn verkauft und auch den Mietvertrag für den Laden und die Wohnung abgeschlossen. Inzwischen waren er und seine Frau zu überzeugten Nazis geworden. Der arbeitslose Rösch war bereits seit 1931 Mitglied der NSDAP und später auch der DAF und der NSV. Die Wohnung diente auch dazu, arbeitslosen und bedürftigen SA-Mitgliedern täglich einen kostenlosen Mittagstisch anzubieten.[22] Täglich traf sich somit eine Gruppe von etwa 15-20 SA-Männern im Vorderhaus und immer wieder kam es jetzt zu Konflikten. Sogar der gerade 10 Jahre alte Junge der Röschs soll Max Kassel mit Redensarten wie „Du Judas, warum bist du noch nicht verreckt?“, „Warum gehst du nicht nach Palästina?“ oder „Du kommst auch noch einmal dran!“ angegangen sein.[23] Die politische Einstellung ihres Bruders und seiner Familie belastete, so kann man aus Andeutungen schließen, auch die Beziehung der Geschwister Rösch untereinander. Aber nicht der Angefeindete selbst – er wurde sogar von Moritz Rösch bei politischen Konfrontationen als eher zurückhaltend beschrieben -, sondern seine nichtjüdische Haushälterin Frau Anfang scheint sich gegen die Anfeindungen gewehrt und den SA-Leuten Paroli geboten zu haben.

Max Kassel, Wiesbaden SA-Mord
Webergasse 46 mit der heutigen Bebauung
Eigene Aufnahme

Noch bevor der offizielle Boykott gegen die jüdischen Geschäftsleute Anfang April 1933 ausgerufen wurde, hatten einzelne SA-Leute, darunter auch der später angeklagte Franzreb, bereits am 21. März eine Aktion gegen Max Kassel gestartet. Der hatte, wie bisher üblich und von den übrigen Hausbewohnern und Nachbarn genutzt, auch an Sonn- oder an Feiertagen in seinem Laden „hinten herum“ Milchprodukte angeboten. Ein „nationaler Halbfeiertag“ – so Frau Anfang –, an dem der Laden geschlossen blieb, sie sich aber hinter dem Tresen darin aufhielt, war der konkrete Anlass für die Auseinandersetzungen im März gewesen. Sie wurde bedroht und wenige Tage später kam ein ganzer Trupp, darunter auch bekannte SAler vom Mittagstisch, und forderte die Schließung des Geschäfts. Obwohl der Laden gestürmt wurde und es zu Sachbeschädigungen kam, weigerten sich Max Kassel und Frau Anfang den Forderungen nachzukommen. Als die herbeigerufene Polizei eintraf, waren die Störer bereits verschwunden. Zu dieser Zeit beschäftigte Kassel in seinem Haushalt noch eine junge Frau, die der nationalsozialistischen Bewegung nahe stand, in der NSBO[24] organisiert und mit einem SS-Mann liiert war. Kassel hatte sie in der angespannten Situation gebeten, als Verkäuferin in den Laden zu gehen, um so potentielle weitere Angriffe zu verhindern. Wie sie später selbst angab, bestand das Arbeitsverhältnis seit etwa drei Jahren und man sei immer gut miteinander ausgekommen. Seit etwa einem Jahr habe sich das geändert und erst in den letzten zwei Wochen sei es zu ständigen Auseinandersetzungen besonders mit Frau Anfang wegen ihrer politischen Einstellung gekommen. Auch sie betonte, dass Max Kassel selbst sich an den Streitereien kaum beteiligt habe.

Die Angestellte weigerte sich nun der Bitte, in dieser Situation den Verkauf zu übernehmen, nachzukommen. Stattdessen verließ sie das Haus und nahm Kontakt mit ihren politischen Freunden von der NSBO und SA auf. Sie war nicht entlassen worden, wie sie zunächst behauptete, vielmehr hatte sie selbst das Arbeitsverhältnis gekündigt. Dennoch forderte sie mit Unterstützung ihres Vaters und der NSBO die Auszahlung von drei Monatsgehältern als Überbrückungsgeld. Die in einem von NSBO-Leuten aufgesetzten Brief gestellten Forderung, war mit einer handfesten Drohung verbunden: „Sollte ich bis Donnerstag mit der ersten Post keine Nachricht von Ihnen haben, dann dürfen Sie mit Rücksicht von meiner Seite nicht mehr rechnen und es werden andere Leute für mich mein Recht herstellen. Ich hoffe, dass sie klug genug sind & mir befriedigende Antwort erteilen, andernfalls ich obige Massnahmen sofort ergreife.“[25] Nach der erfolgreich durchgeführten „nationalen Revolution“ glaubten deren Anhänger nun mit der Androhung von Gewalt auch ihre ganz persönlichen Interessen widerspruchslos durchsetzen zu können. Max Kassel war nicht gewillt, sich der Nötigung zu beugen. Er unterschrieb das ihm vorgelegte Dokument, laut dem er die Angestellte entlassen hatte, nicht. Stattdessen zog er eine viel weiterreichende Konsequenz: Er beschloss den Laden ganz aufzugeben. Innerhalb kürzester Zeit fand er über einen Lieferanten einen Nachfolger für das Geschäft, das zum 1. Mai von den neuen Inhabern übernommen werden sollte.

Ganz sicher hatte man im Kreis der SA nicht vergessen, dass Max Kassel sich nicht gebeugt hatte. Klar, dass seine Person nun im Fokus der „Bewegung“ stand und sein Name auch bei denjenigen bekannt war, die nicht unmittelbar an den Ereignissen im März beteiligt gewesen waren. Insofern war die in der „Wiesbadener Zeitung“ geäußerte Mutmaßung, es habe sich bei dem Anschlag vom 22. April um einen eher privaten „Racheakt“ gehandelt, womöglich nicht völlig falsch.[26] Der Verlobte des Dienstmädchens gab auch zu, zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gewesen zu sein.[27] Politisch unterfüttert wurden diese ursprünglich noch eher privaten Motive dann durch die offiziellen Aktionstage der NSDAP gegen jüdische Geschäfte am 1. April. Jetzt konnte man seine kleine persönliche Rache, in das Gewand einer großen, nationalen Sache kleiden und ihr höchste Weihen verleihen.

Liest man die Aussagen von Zeugen und Beteiligten des Ermittlungsverfahrens in der Mordsache Kassel und noch mehr in den Protokollen der Spruchammerverfahren gegen Franzreb und Haas, dann wird man gewahr, welche Stimmung inzwischen in Wiesbaden herrschte, welche Akteure das Heft des Handelns in die Hand genommen hatten und wie wenig traditionelle Amtsträger auf kommunaler Ebene noch handlungsfähig waren. Der politische Alltag, hochgradig emotionalisiert, war trotz autoritärem Herrschaftsapparat dominiert von informellen und spontanen Entscheidungsprozessen. Gefasst wurden solche Beschlüsse offenbar zum großen Teil auf der Straße, in Stammkneipen und Parteiheimen, wo unter dem Einfluss von Unmengen Alkohol sich der über Jahre angestaute Frust über das eigene Scheitern mit dem Hochgefühl plötzlicher Macht vermischte – ein Gebräu unkontrollierbarer Aggressivität. Johann Lerch, einer der an dem Mordanschlag Beteiligten, hatte nach eigenem Bekunden an diesem Tag etwa 18 Flaschen Bier getrunken.[28] Am Todestag von Max Kassel hatte er seinen Geburtstag und auch den seines „Führers“ gefeiert. Letzterem zu Ehren hatte es im SA-Heim in der Gartenfeldstraße an diesem Tag Freibier gegeben – ob das bereits seit dem 20sten floss, ist den Aussagen nicht zu entnehmen, wäre aber nicht verwunderlich. Die Beteiligten hatten neben ihrer SA-Tätigkeit keine feste Arbeit, man war offenbar mehr oder weniger nur zum Schlafen zu Hause, ansonsten hielt man sich in den vertrauten Kneipen – die „Drei Hasen“ waren offenbar das Stammlokal – auf, wo man immer auf Gesinnungsgenossen traf und das eine oder andere Bier miteinander trank.

Von den insgesamt später angeklagten fünf SA-Männern, neben den Genannten, noch Ernst Krause und Ernst Franzreb, konnten die beiden letzteren bereits ein erhebliches Strafregister vorweisen. Franzreb war Mitte der zwanziger Jahre wegen mehrfachen schweren Raubes und versuchtem Mord zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt worden.[29] Durch eine Amnestie des Preußischen Staatsministeriums hatte er die Reststrafe nicht absitzen müssen. Lerch war ebenfalls mehrfach verurteilt worden, allerdings wegen geringerer Straftaten – immerhin Körperverletzung und „Kraftfahrzeugvergehen“  – zu Gefängnis und Geldstrafen. Lerch hatte wegen Hausfriedensbruch 10 Tage eingesessen. [30]

Franzreb, Haas, Lerch, Krause SA-Männer Wiesbaden, Mord Max Kassel
Die Täter
HHStAW 468 278

Der genaue Tathergang am späten Abend des 22. April lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, konnte auch schon damals auf Grund der divergierenden Aussagen der Beteiligten nicht völlig geklärt werden. Aber ganz offensichtlich standen an diesem Abend nicht Juden, sondern die politischen Gegner der Nazis, Sozialdemokraten und Kommunisten, im Fokus. Man befand sich, abgesehen vom Alkohol, auch in einem Siegestaumel, hatte man doch in den vergangenen Wochen in Wiesbaden die politische Macht übernommen. Der bisherige Oberbürgermeister Krücke, DVP-Mitglied, war Mitte März von der SA in „Schutzhaft“ genommen worden, NSDAP-Kreisleiter Piékarski hatte zwar nicht offiziell das Amt des Oberbürgermeisters, sondern nur das des Bürgermeisters eingenommen, bestimmte aber dennoch als eine zentrale Figur das kommunalpolitische Geschehen. Kommunisten durften im Stadtparlament schon nicht mehr auftreten, der Sozialdemokratie wurde in der Sitzung am 31. März – noch – das gleiche Schicksal nur angedroht.[31] In eben dieser Sitzung wurde Hitler zum Ehrenbürger er- und der „Schlossplatz“ in „Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt – Symbol des errungenen Sieges.

Aber es hatte in den vergangenen Wochen nicht nur die Aktion gegen Krücke gegeben, die SA sah sich legitimiert, eigenständig Jagd auf alle politischen Gegner zu machen. Gerade in der früheren „roten Hochburg“ im und um das Bergkirchenviertel hatte die SA nach dem 30. Januar inzwischen weitgehend die Macht erobert und die dort lebenden Anhänger der Arbeiterorganisationen immer wieder mit uniformierten Aufmärschen provoziert oder – noch schlimmer – durch Rollkommandos terrorisiert.[32]

Auch am Abend des 22. April sollte diese Macht demonstriert werden. Noch während des Saufgelages im SA-Heim hatte der Truppführer Krause seinen Leuten den Befehl gegeben, sich abends um 21 Uhr in Uniform und nüchtern (!) zu treffen. Es sei geplant, wie schon in den Tagen zuvor bei anderen, heute beim „Kommunistenführer“ Stotz im Katzenloch eine Hausdurchsuchung durchzuführen. Statt der erhofften Waffen, fand man dort aber nur Propagandamaterial, Ausweise und eine Fahne.[33] Der Trupp, die Anzahl der Beteiligten schwankt in den Berichten zwischen fünf und fünfzehn, traf sich anschließend wieder in der „Wirtschaft Krell“ bzw. „Gröll“, wo man bei Bier weitere mögliche Angriffsziele erörterte.[34] Inzwischen waren auch Franzreb, der tagsüber nicht im SA-Heim gewesen war, und Lerch zu der Gruppe gestoßen. Eigentlich wollte man noch zum Führer des Reichsbanner Wolf in der Niederwaldstraße. Das war aber den meisten angesichts der vorgerückten Stunde zu weit, weshalb man nach einem näher gelegenen Ziel suchte. Dass jetzt der vermeintliche Kommunist Kassel ins Visier geriet, ist sicher nicht zuletzt dem Konflikt geschuldet, den „SA-Kameraden“ zuvor mit ihm gehabt hatten. Man kann sicher davon ausgehen, dass der Vorfall zum Gesprächsthema an Tresen und Biertischen geworden war. Auch waren an diesem Abend die ehemalige Angestellte von Kassel, Anni Conrad, mit ihrem SS-Verlobten Boucher ebenfalls Gäste im besagten Wirtshaus. Möglicherweise hatten sie oder Franzreb, der die beiden kannte und nach eigenen Angaben auch bei dem Konflikt vor vier Wochen in der Webergasse involviert war, diese Alternative eingebracht.[35] Zudem wurde kolportiert, dass Kassel am Mittag den Reichskanzler als einen „Lump“, den man noch aufhängen werde, bezeichnet habe. Kassel wolle nach dem bereits abgeschlossenen Verkauf seines Milchladens, so hieß es, jetzt wieder zurück nach Frankreich gehen.[36] Es bot sich somit an, ihn zuvor noch zur Rechenschaft zu ziehen. Der Weg vom Katzenloch in die Webergasse war zudem nicht allzu weit und auch für angetrunkene SAler noch zu bewältigen.

Mord Max Kassel, Wiesbaden, SA, Judenhaus Wiesbaden
Der Tatort – Webergasse 46
HHStAW 468 278

Die 1933 unmittelbar nach der Tat so geschilderten Abläufe stimmen nicht mit der Version überein, die nach dem Krieg in einem neu anberaumten Gerichtsverfahren und auch in den damaligen Spruchkammerverfahren von Krause vorgebracht wurde: „An dem fraglichen Abend, den 22. April 1933, fand eine Führerbesprechung im Saalbau in der Dotzheimer Str. statt. Ich war an dieser Besprechung zugegen. Ich bekam von Reutlinger den Befehl Haussuchungen in der Ortsgruppe Nord zu veranlassen. Es wurde eine Fahne gesucht, die 1932 in Biebrich abgerissen worden ist und ausserdem Propaganda-Material der KPD. Ausserdem bekam ich von ihm den Befehl den Juden Kassel in der Webergasse zu verhaften. Ich wusste, dass in der Wirtschaft Gröll ein Truppabend meiner Leute war, ich begab mich hin. Ich teilte verschiedene Männer ein, die Haussuchungen vorzunehmen. Bei dem Befehl zur Verhaftung Kassel’s setzte Reutlinger ausdrücklich hinzu, dass derselbe verhaftet werden sollte, es dürfte ihm aber kein Leid geschehen. Ich habe den Befehl so an Lerch und Haas weitergegeben.“. Sich auf einen Befehlsnotstand zu berufen, war damals die gängige und oft auch erfolgreiche Methode sich der Verantwortung für schuldhaftes Handeln zu entziehen. Der Versuch misslang. Unabhängig davon, ob es einen solchen konkreten Befehl, Kassel zu verhaften, überhaupt gab, widersprach das Gericht dieser Einlassung grundsätzlich. Die SA habe damals weder das Recht gehabt, solche Befehle zu erteilen, noch habe für die Täter tatsächlich eine Gefahr für Leib und Leben bestanden. Ein Befehlsnotstand habe somit nicht vorgelegen.[37]

Franzreb, der als einziger die genaue Adresse von Kassel kannte, übernahm die Führung der Truppe, die gegen 23.30 Uhr das Haus in der Webergasse 46 erreichte. Nicht geklärt wurde bei den früheren Ermittlungen, auf welche Weise sich die Gruppe Zugang zum Hinterhaus verschaffte. Es spricht aber einiges dafür, dass man mit dem im zweiten Stock wohnenden Moritz Rösch Kontakt aufgenommen hatte und dieser der Gruppe den Zutritt in das Innere des Gebäudekomplexes ermöglichte. Auch seine Schwester hatte noch am Abend die Vermutung geäußert, dass ihr Bruder „die Hand bei dieser Tat im Spiel“ hatte.[38]

Max Kassel, Webergasse 46, Wiesbaden
Die aufgebrochene Tür zur Wohnung von Max Kassel
HHStAW 468 424

In jedem Fall gelangte die inzwischen auf 15 bis 20 Männer angewachsene Gruppe vom SA-Sturm I/80 ohne Gewaltanwendung in den Hinterhof. Krause, der Truppführer, blieb im Durchgang zum Hof stehen und erteilte die Befehle. Man solle Kassel „ordentlich durchhauen“ war der Auftrag für die etwa 5 Männer, die die Treppe zu seiner Wohnung hoch stürmten, darunter Franzreb, Haas und Lerch. Franzreb trug über seiner SA Uniform eine Ziviljacke, weil er als stadtbekannter SA-Mann immer befürchtete, Angriffen von militanten Linken ausgesetzt zu sein. Angeblich hatte er unterwegs Lerch seine Pistole gegeben, möglicherweise – so die Aussage von Lerch – auf Befehl von Krause.[39] Da die Wohnungstür verschlossen war, gab dieser den Befehl, gewaltsam einzudringen. Eine kleine Glasscheibe in der Tür wurde zerschlagen, sodass man sie von innen öffnen konnte, stand dann allerdings im Flur vor der ebenfalls verschlossenen Tür zu Kassels Schlafzimmer. Kassel, der bereits zu Bett gegangen war, war durch den Lärm aufgeschreckt, ans Fenster geeilt und hatte um Hilfe gerufen. In diesem Moment wurde die Tür eingetreten und aus ihrer Füllung gerissen. Es fielen mehrere Schüsse, abgegeben aus der Pistole von Lerch. Ein Schuss war bereits durch die noch verschlossene Tür gedrungen.[40]

Mord an Max Kassel, Wiesbaden, SA-Mord, Juden Wiesbaden
Zeitungsbericht vom 26.4.1933 über die Ermittlungen im Mordfasll Kassel in der Wiesbadener Zeitung

Die Obduktion der Leiche ergab, dass Kassel von insgesamt acht Schüssen getroffen wurde, von denen einer, der die gesamte linke Hälfte des Herzens abgerissen hatte, alleine schon tödlich gewesen wäre. Vier seien durch den Rücken, vier von vorne in den Körper eingedrungen. Die Einschusskanäle belegen auch, dass auf ihn noch geschossen worden war, nachdem er bereits zu Boden gegangen war.[41]

Als die gerufene Polizei eintraf war der Trupp unter Drohungen– „Judenmensch, Saumensch, wenn du dein Maul nicht hältst, passiert dir was!“ – gegenüber der aufgeschreckten Mitbewohnerin Anfang, die Franzreb erkannt und laut um Hilfe gerufen hatte, bereits geflohen. In kleinen Gruppen oder einzeln hatten sie sich vom Tatort entfernt, angeblich nicht wissend, dass Kassel tot war.

Bezeichnend für das denunziatorische Klima, das bereits in dieser Zeit offenbar in Wiesbaden herrschte, ist die freiwillige Aussage einer Frau Mohr am Montag nach dem Mord, mit der sie, konträr zu allen sonstigen Indizien, versuchte, die polizeilichen Ermittlungen in eine völlig absurde Richtung zu lenken:
„Am Freitag gegen 10,30 Uhr, ging ich über die Kreuzung Friedrichstr. / Schwalbacherstrasse. An der Ecke standen mehrere Männer jüdigen Typs. Etwa 10 m die Schwalbacherstrasse einwärts standen etwa 6-7 Personen, die dem Aussehen nach Komunisten waren.
Einer von den Juden ging zu den Komunisten und machte eine Angabe über Geld. Die Höhe habe ich nicht gehört. Die Komunisten verneinten hierauf, wahrscheinlich die Höhe der Summe. Der Jude ging wieder zurück und machte ein bedenkliches Gesicht. Nachdem er den andern Juden das Ergebnis erzählte, machte einer von ihnen ein spöttiges Gesicht nach dem Komunisten zu.
Ich hatte es sehr eilig und ging dann weiter. Aus dem Vorgang habe ich entnommen, dass hier über etwas verhandelt wurde und die Sache nicht ganz in Ordnung sei.
Da nun in der Nacht von Samstag auf Sonntag in der Webergasse ein Mord geschehen ist, nehme ich an, dass die Angelegenheit vom Freitag hier vielleicht in Zusammenhang zu bringen ist.“
[42]

Mord Max Kassel, Webergasse 46 Wiesbaden, SA Mord
Polizei im Dunklen
Wiesbadener Zeitung vom 28.4.1933

Erfolg hatte sie damit nicht. Dennoch sahen die Täter keinen Grund, sich in folgenden Tagen irgendwie bedeckt zu halten oder sich gar zu verstecken. Mit welcher Kaltblütigkeit sie agierten, zeigte sich schon wenige Tage später. Wieder ging es darum, Angehörige der politischen Opposition zu tyrannisieren. Mitglieder des Sturms I/80, darunter der Mörder Lersch und die SA-Leute Elsenberg und Krämer, hatten sich unter Führung von Krause im Cafe Waldeck in der Aarstraße getroffen. Zunächst plante man bei dem „Kommunistenführer Scheibe“ eine Durchsuchung durchzuführen, hatte davon dann angeblich abgesehen, weil dieser Frau und Kinder hatte. „Es wurde statt dessen vereinbart“, so Elsenberger in einer polizeilichen Vernehmung, „dass man etwas gegen Juden und Reichsbannerführer unternehmen wolle. Der Truppführer Ernst Krause bestellte uns, d.h. mich, den Lerch und den Haas für den nächsten nachm. 4 Uhr in den Saalbau Dotzheimerstrasse. Wir begaben uns zusammen zuerst zu einem gewissen Weinreb in der Rüdesheimerstrasse 3. (…) Während Krause vor dem Haus stehen blieb, gingen wir in das Haus hinein, mussten aber feststellen, dass Weinreb dort nicht mehr wohnte. Wir gingen dann wieder runter und wurden in die Hallgartenstrasse zu Danneboom geschickt. Krause blieb wieder vor dem Haus stehen mit seinem Fahrrad, während wir wieder zu dritt hinaufgingen.“[43] Aber hier trafen sie nur das Dienstmädchen und im Lager nur Frau Danneboom an. Auch hier entfernten sie sich wieder unverrichteter Dinge. „Während Haas und ich eigentlich nach Hause wollten, machte uns Krause noch auf einige Adressen aufmerksam und schließlich meinte er, jetzt hätte er den richtigen für uns. Er nannte den Wolf, der Jude und Reichsbannerführer sei und in der Niederwaldstrasse wohnt.“[44] Wolf, den man eigentlich schon an dem Mordabend aufsuchen wollte, sollte wegen seiner Reden gegen die Regierung zur Rechenschaft gezogen werden und man glaubte, auch Waffen bei ihm finden zu können. Dort angekommen fanden sie erneut nur das Dienstmädchen vor. Aber diesmal verschafften sie sich Zutritt zur Wohnung, durchsuchten Räume und Schränke. Das einzige, was sie fanden, war Geld, insgesamt ein Betrag von etwa 160 RM, den sie trotz des Protests der Hausangestellten mitnahmen und später aufteilten. Haas war aber von der Hausangestellten erkannt worden und als die SA-Männer sich am Abend wie verabredet trafen, wurden sie von dem SA-Sturmbannadjutanten Karbinsky zurechtgewiesen und vor der Kriminalpolizei gewarnt, die ihnen bereits auf der Spur sei. SA und Kriminalpolizei waren zu dieser Zeit noch nicht gleichgeschaltet, sondern konkurrierten noch um die Rolle als Ordnungsmacht. Die Überführten erklärten sich angesichts dieser Situation bereit, das Geld am anderen Morgen beim Sturmbannführer abzuliefern. Ihr Truppführer Krause, der an diesem abendlichen Treffen nicht teilgenommen hatte, war dazu nicht bereit. Er gab vor, das Geld aus Angst vor Entdeckung bereits in die Toilette geworfen zu haben. Die „Kameradschaft“ untereinander wurde bei der Frage, wer dem Standartenführer Reutlinger gegenüber die Schuld auf sich nehmen solle, schnell brüchig. Am anderen Morgen meinte Reutlinger gegenüber den dreien, Lerch, Elsenberger und Haas, ein Exempel statuieren zu müssen. Nach alter militärischer Tradition wurden sie „entehrt“, indem man ihnen die Spiegel vom Kragen riss. Alle drei wurden aus der SA ausgeschlossen. Auf ihrer Flucht vor der Polizei über Mainz nach Ludwigshafen gerieten sie in eine Schlägerei mit der SS, die sie in Ludwigshafen festsetzte. Drei Tage später wurden sie von der Wiesbadener SA dort abgeholt und am nächsten Tag zusammen mit Franzreb, der an der letzten Aktion nicht beteiligt war, nach Frankfurt in das dortige Westendheim, genannt „Perlenfabrik“, verbracht.[45]

Krause, der am Tage nach dem Diebstahl erst später alleine zu Reutlinger kam, wurde zunächst nur beurlaubt. Erst am 11. Mai wurde auch er von zwei SA-Scharführern festgenommen und in die SA-Zentrale in der Lessingstraße gebracht, um dort erneut verhört zu werden. Zwei Tage später überführte man ihn als „Schutzhäftling“ – so Krause – ebenfalls nach Frankfurt in die Westendstraße zu Haas, Lerch, Franzreb und Elsenberger. Am folgenden Tag erfuhren sie, dass sie nicht wegen der „Durchsuchungsaktionen“, sondern wegen des Mordes an Kassel verhaftet worden seien. Elsenberger, der an dem Mord nicht beteiligt war, wurde entlassen. Krause, der, obwohl involviert, sich in dieser Sache völlig unschuldig fühlte, ergriff noch in derselben Nacht die Flucht, was offensichtlich problemlos möglich war. Er sei über einen Zaun geklettert und dann zunächst bei Bekannten in Wiesbaden untergetaucht, gab er später an.[46] Auf Veranlassung des Sturmbannführers Engelhardt habe er sich dann in Rennerod im Westerwald versteckt, wo er durch den „Nassauer Beobachter“ von seinem Ausschluss aus der SA erfahren habe.[47]

Max Kassel, Mord, Flucht Franzreb, SA Wiesbaden
Auch über die Flucht der Täter wurde am 21.5.1933 in der Wiesbadener Zeitung berichtet

Am 19. Mai informierte die Frankfurter SA die Strafverfolgungsbehörde, dass alle vier „Schutzhäftlinge“, Franzreb, Haas, Krause und Lersch geflüchtet seien, woraufhin die Wiesbadener Polizei eine öffentliche Fahndung ausrief, sogar eine Belohnung von 500,- RM aussetzte und die Flüchtigen auch über das Radio suchen ließ.

Max Kassel, Ernst Franzreb, Judenhaus Wiesbaden,
Fahndung nach den entflohenen Tätern
HHStAW 468 424 (80)

Krause, der inzwischen in Wiesbaden zu seiner Frau zurückgekehrt war, stellte sich freiwillig. In einer Vernehmung, für die er sich zunächst von Reutlinger eine Aussagegenehmigung erteilen ließ, bestritt, irgendetwas mit dem Mord an Max Kassel zu tun zu haben. Er sei erst zum Tatort gekommen, als der Mord bereits geschehen war – eine ganz offensichtliche Lüge. Er habe, so offenbarte er weiter gegenüber der Polizei, schon einen Brief an Adolf Hitler und seinen Standartenführer geschrieben, damit diese ihm beistehen – ein Hinweis, der ganz offensichtlich als Drohung gegenüber den ermittelnden Beamten gedacht war.[48] Dennoch wurde am 9. Juni gegen ihn und den am gleichen Tag gefassten Johann Haas Haftbefehl erlassen, weil sie dringend verdächtigt seien, „mit anderen den Kaufmann Max Kassel vorsätzlich und mit Überlegung getötet zu haben“.[49]

Den beiden „Schutzhäftlingen“ Franzreb und Lersch gelang es ebenfalls, sich aus dem Lager abzusetzen. Inzwischen kann man es als gesichert ansehen, und Franzreb selbst bestätigte später diese Vermutung, dass sie bei der Flucht vor der Polizei die Unterstützung der SA hatten. Die Gesuchten tauchten in München in einer SA-Einrichtung unter falschem Namen unter, in der SA-Leute zu Hilfspolizisten ausgebildet wurden. In einem Verfahren nach dem Krieg um die Ermordung des Kommunisten Otto Quartsch, der am 16. Mai 1933 ebenfalls in Wiesbaden von SA- und SS-Männern niedergeschossen worden war, gab der damals auch zum Kreis der Verdächtigen gehörende Franzreb als Alibi an, dass er zur Tatzeit nachweislich in München gewesen sei. Er sei damals nach seiner ersten Inhaftierung nach etwa 4 bis 5 Tagen aus Frankfurt geflohen und zurück nach Wiesbaden gegangen. „Ich war nur eine Nacht zu Hause. Dann wurde ich von dem SA-Führer Engelhardt zur Standarte in die Lessingstrasse gebracht. Von dort brachte mich Reutlinger wieder nach Ffm-Bockenheim [in die „Perlenfabrik“ – K.F.]. Es können etwa 8 Tage gewesen sein, dass ich dort verblieb. Auf Veranlassung des Sturmbannführers Hoffmann bin ich dort zusammen mit Lerch entwichen und habe mich nach München begeben. Wir wurden mit dem Wagen des Gruppenführers Beckerle dorthin gefahren. In München unterstanden wir direkt Röhm.“[50]
Wie aus einem Brief hervorgeht, den Franzreb am 30 Mai an seine Frau in Wiesbaden schrieb, ging es ihm dort blendend: „Ich befinde mich noch vorläufig in der Hilfspolizei-Kurses Abfertigung Abteilung Franziskanerkeller. Bin den ganzen Tag in der Küche, mir geht es sehr gut, essen und trinken im übermaß. Habe bis heute genau 27 Lt. Bier gehabt. Auch eine gute Unterlage zu essen. Heute gab es Knödel u Gulasch, jeder Tag Schweinbraten u.s. weiter essen wie im Hotel. Habe gerade etwas freie Zeit, bis zur essen ausgabe. Mir gefällt es sehr gut hier, werde stark und kräftig. Was gibt es neues hier, stand etwas in der Zeitung. Hier standen die Berichte aus Frankfurt, und die Namen in der Zeitung.“[51]

Max Kassel, Franzreb, Judenhaus Wiesbaden, SA-Morde
Brief von Franzeb aus München an seine Frau in Wiesbaden
HHStAW 468 424 (101)

Im Weiteren gab er seiner Frau Anweisungen, ihn mit Kleidern und anderen Sachen für die weitere Flucht zu versorgen. Wer der Polizei in Wiesbaden den Aufenthalt von Franzreb und Lersch in München mitgeteilt hatte, ist nicht bekannt. Möglicherweise war sie aber in den Besitz des Briefes gelangt, denn als die Polizei Franzreb in München abholen wollte, wurde ihr von der dortigen SA eröffnet, dass sich auch Lersch in ihrer Obhut befände, wovon sie augenscheinlich bisher nichts wusste.[52] Die SA in München weigerten sich aber trotz Weisung des Münchner Polizeipräsidenten, die beiden herauszugeben und drohten den Beamten, dass sie sich einer Verhaftung der beiden mit Waffengewalt entgegenstellen würden. Der dortige SA-Führer Sigl gab an, „vom obersten SA Führer die strikte Anweisung erhalten (zu) habe(n), die beiden Leute unter allen Umständen festzuhalten.“[53] Erst die Intervention des Bayrischen Justizministers führte zur Freigabe der beiden. Aber anstatt sie den Wiesbadener Beamten zu übergeben, ermöglichte man ihnen die erneute Flucht durch eine Hintertür. Von München aus gelangten sie in das „Braune Haus“ nach Nürnberg. Wie es den Wiesbadener Polizisten dann doch noch gelang, die beiden zurückzubringen und sie festzusetzen, geht aus den Akten nicht hervor. Offensichtlich war es den traditionellen Institutionen der Staatsmacht doch noch einmal gelungen, sich gegenüber den Usurpatoren zu behaupten. Am 2. Juni wurden sie von zwei Wiesbadener und zwei Münchner Polizeibeamten in Einzeltransporten nach Wiesbaden überführt und im dortigen Landgerichtsgefängnis festgesetzt.[54]

Die Polizei hatte ab diesem Zeitpunkt somit alle Angeschuldigten in ihrem Gewahrsam. Am 11 Juli erging dann der Beschluss der Staatsanwaltschaft, dass der Haftbefehl vom 26. Mai 1933 gegen Lersch und Franzreb und der Haftbefehl vom 9. Juni 1933 gegen Haas mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft aufgehoben werden.[55] Am folgenden Tag wurden alle drei aus der Untersuchungshaft entlassen.[56] Laut den Ausführungen im Spruchkammerverfahren hatte der Rechtsberater der SA-Standarte, ein Dr. Kullmann, in diesem konkreten Fall mit dem Stabschef der SA Röhm Rücksprache gehalten und dabei erreicht, dass das Verfahren gegen sämtliche Beteiligte des Mordanschlags auf Max Kassel niedergeschlagen wurde.[57] Auf den politische Hintergrund dieser Entscheidung ist in einer Aktennotiz des zuständigen Untersuchungsrichters hingewiesen:
„1. Vermerk: Nach Zeitungsnachrichten soll ein Gesetz erlassen sein, durch das der Regierung die Befugnis eingeräumt ist, auch gerichtlich anhängige Strafverfahren im Wege der Abolition niederzuschlagen, wenn es sich um Strafverfahren handelt, die im Zusammenhang mit dem Kampf um die nationale Erhebung und der nationalsozialistischen Revolution stehen. Da möglicherweise hierdurch auch das vorliegende Verfahren betroffen wird, soll im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft (…) vorerst von weiteren Ermittlungen im Sinne des Antrags (…) abgesehen werden.
2. der Vernehmungstermin vom 27. des Mts. wird aufgehoben
3. die Zeuginnen Anfang, Frau Schneider u. Frau Auer abbestellen.“
[58]

Seit langem bestand die Forderung einer Amnestie für diejenigen, die nach noch geltendem Recht im Rahmen der „nationalen Revolution“ Straftaten begangen hatten. In einzelnen Ländern war ein Verzicht auf Strafverfolgung auch schon mehrfach erfolgt. So war der kommissarische Leiter des preußischen Justizministeriums Hölscher – Wiesbaden war damals preußisch – Mitte März ermächtigt worden, spezielle Gnadenerweise für Straftaten, die für die „nationale Erhebung“ begangen worden waren, zu erlassen.[59] Um die NS-Szene zu beruhigen, wurden die Maßnahmen sofort an die Presse weitergegeben und veröffentlicht. Im Sommer 1933 versuchte aber jetzt der inzwischen gefestigte nationalsozialistische Staat, die Willküraktionen der SA wieder zurückzudrängen – ein Konflikt der letztlich erst im folgenden Jahr mit der Niederschlagung des angeblichen SA-Putsches beendet wurde. Am 15. Juli wurde ein Gesetzt beschlossen, das der spätere Volksgerichtshofpräsident Freissler, damals Staatssekretär im Justizministerium, formuliert hatte. Stichtag für das Ende der „Nationalen Revolution“ sollte der 15. Juli 1933 sein und ab diesem Zeitpunkt „künftig jede strafbare rechtswidrige Handlungen, einerlei wer sie begangen hat, verfolgt“ werden. Für die davor liegende Zeit solle überprüft werden, ob die Taten „zur Errichtung des nationalsozialistischen Staates begangen“ worden sind, „bejahendenfalls“, solle dieser Tatsache „durch Niederschlagung oder Begnadigung Rechnung (ge)tragen“ werden.[60]

Auf diese Planungen und Entscheidungen übergeordneter Stellen im Justizapparat nahm vermutlich der Vermerk des Untersuchungsrichters Bezug. Die Angeklagten hatte vorgebracht, die Geldsammlungen eines Kommunisten für Waffenkäufe unterbunden zu haben – unzweifelhaft eine Tat, die den vorgegebenen Kriterien entsprach.

Nach seiner Freilassung wurde Franzreb nach eigenem Bekunden sofort wieder nach Frankfurt gebracht, „diesmal aber, um an einem SA-Führerlehrgang teilzunehmen. Mitte oder Ende Juli 1933 kam ich wieder nach Wiesbaden und wurde Führer der Stabswache in dem S.A.Haus in der Lessingstrasse.“ [61] Im Herbst ließ er sich nach eigenen Angaben von dieser Aufgabe entbinden, wurde zunächst Omnibusfahrer und später Arbeiter in der städtischen Gärtnerei. Seine Partei und SA-Karriere war keineswegs beendet, nur unterbrochen. Wie Bembenek schreibt „war Franzreb wieder zur Stelle“, als im November 1938 auch in Wiesbaden die Synagogen brannten, sowohl bei der Schändung der Synagoge am Michelsberg, als auch bei den Aktionen in Schierstein soll er sich aktiv beteiligt haben. Bei den damaligen Pogromen wären Berthold und Paul Guthmann beinahe Opfer seiner Mordlust geworden.[62]

Die Taten von Franzreb und seinen Mittätern wurden erst nach dem Krieg gesühnt – ausgenommen Lersch, derjenige der vermutlich die tödlichen Schüsse auf Kassel abgegeben hatte. Er war im Krieg an der russischen Front gefallen. Franzreb wurde 1945 wegen Mordes zunächst zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt, in Zweiter Instanz wurde das Urteil jedoch wieder aufgehoben. Das Gericht verurteilte ihn nur noch wegen Freiheitsberaubung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren und drei Monaten. Während man ihm eine „offensichtliche Neigung zu Grausamkeiten“ attestierte, billigte man seinen Mittätern Krause und Haas, die nach Meinung des Gerichts angeblich ursprünglich mit der Verhaftung von Kassel durch ihren SA-Vorgesetzten Leuthäuser beauftragt waren, zu, dass sie „aus Gewohnheit zum Gehorsam“ gehandelt hätten. Bei Haase brauche „die Strafe nicht wesentlich über das Mindestmaß hinauszugehen“, d.h. er wurde zu vier Jahren, sein Truppführer Krause zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. [63] Franzreb verstarb am 21.Januar 1988 im hohen Alter von 88 Jahren in Wiesbaden.

 

Am Tag der Ermordung hatte Yvonne Wiegand am späten Nachmittag ihren Vater noch besucht. Sie hatte vermutlich bis zu ihrer Eheschließung auch bei ihm in der Webergasse gewohnt.[64] Seit dem 30. August 1930 war sie mit dem aus Zweibrücken stammenden evangelischen Willi Alfred Wiegand verheiratet, der von Beruf Zahnarzt war. Das Paar lebte in den folgenden Jahren in der Dotzheimer Str. 76 im ersten Stock. Woran die Ehe scheiterte, ob es rein private Gründe waren oder ob der Ehemann aus Opportunitätsgründen sich zunehmend von seiner jüdischen Frau distanzierte, ist nicht zu sagen. Weder über sie, noch über ihn liegen Akten vor. In jedem Fall wurde Yvonne Wiegand durch die am 7. Juli 1939 vollzogene Scheidung zu Freiwild. Da sie keine Kinder hatte, verlor sie dadurch den bisherigen Schutz einer, wenn auch nicht privilegierten Mischehe und war jetzt wie jede andere Jüdin zu behandeln. Das Scheidungsurteil war für sie faktisch zugleich das Todesurteil, das nur noch nicht sofort vollstreckt wurde.

Psychiatrie Herborn Klara Appel, Friedberg, Klara Kassel Wiesbaden
Die Heil- und Pflegeanstalt Herborn um 1925
Mit Genehmigung Sammlung Rorbeck
Pschiatrie Herborn, Klara Appel, Klara Kassel
Schlafsaal in der Heil- und Pflegeanstalt Herborn um 1925
Mit Genehmigung Sammlung Rohrbeck

Vollstreckt wurde dagegen das Todesurteil gegen ihre Mutter, die als psychisch Kranke[65] noch weniger geschützt war, als ihre Tochter. Etwa zur gleichen Zeit, als diese geschieden wurde, bereitete man im Sommer 1939 in Berlin in der T4-Zentrale, benannt nach ihrem Sitz in der Tiergartenstr. 4 – den Massenmord an denjenigen vor, deren Leben nach Auffassung der Nazis wertlos war und nur Kosten verursachte. Allein auf der Basis von Meldebögen, die die verschiedenen Anstalten auszufüllen und nach Berlin zu schicken hatten, wurde dort von „Sachverständigen“ über Leben und Tod entschieden. Die grauen GEKRAT-Busse, die Busse der „Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft GmbH.“, brachten die Selektierten in eine der sechs über ganz Deutschland verteilten Tötungsanstalten, in denen die Patienten dann mit Kohlenmonoxyd getötet wurden. Aber noch bevor diese grausame Mordaktion der psychisch Kranken über die Meldebögen durchgeführt wurde, hatte das Reichsinnenministerium alle jüdischen Patientinnen und Patienten solcher Anstalten erfassen lassen, um sie in einer Sonderaktion vorab umzubringen.[66] In Hessen Nassau waren alle jüdischen Anstaltsinsassen bis zum 25. September 1940 in die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen zu verlegen. Das war exakt der Tag, an dem das Austrittsbuch der Herborner Anstalt auch den Abgang von Klara Kassel vermerkt hatte. Mit ihr wurden an diesem Tag 21 weitere jüdische Frauen und 16 jüdische Männer in die Sammelstation nach Gießen gebracht, eine letzter Zwischenaufenthalt auf ihrem Weg in den Tod. Wenige Tage später, am 1. Oktober 1940, wurden insgesamt 126 Patienten von dort aus weiter in die Tötungsanstalt Brandenburg transportiert und dort vermutlich noch am selben Tag ermordet.[67] Man muss davon ausgehen, dass Klara Kassel, Yvonnes Mutter, eines der Opfer war.

Irritierend ist zunächst allerdings der Vermerk des Standesamts Friedberg in Geburtsregistereintrag von Klara Appel / Kassel. Dort heißt es bezüglich ihres Todes: „Sterbebuch Cholm II 1941“.[68] Dahinter verbirgt sich aber nicht nur eine der typischen Strategien, mit denen die Nazis ihre Mordaktionen verschleierten, sondern auch eine infame Methode, um die Hinterbliebenen der Opfer noch einmal zu berauben. Diese erhielten nach dem Tod ihrer Verwandten eine Rechnung für Pflege- und Einäscherungskosten von der „Irrenanstalt“ Chelm, polnisch Cholm. die ihr Konto bezeichnenderweise beim Postscheckamt Berlin führte. Da niemand der Verwandten wirklich kontrollieren konnte, wann der Tod der Patienten in der weit entlegenen Anstalt angeblich eingetreten war, enthielten die in Berlin erstellten Rechnungen völlig willkürliche Beträge für entstandene Kosten. In Berlin wurden auch die jeweiligen „Trostbriefe“ und die Sterbeurkunden angefertigt, die dann gesammelt per Kurier nach Cholm gebracht, von einem dortigen Standesamt beurkundet und anschließend verschickt wurden.[69]

Yvonne Wiegand, Judenhaus Frankenstr. 15, Wiesbaden
Grabstein von Max Kassel auf dem Jüdischen Friedhof Plater Straße.
Die nur noch schwer lesbare Inschrift lautet: „Hier ruht mein lieber Vater Max Kassel
Geb. 8. 2. 1874
Gest. 22. 4. 1933″
Eigene Aufnahme

Eine Woche nach der Scheidung zog Yvonne Wiegand Mitte Juli 1939 in eine Wohnung im Haus Bismarckring 27, ein Haus in jüdischem Besitz, in dem es auch eine Reihe weiterer jüdischer Mieter gab, u.a. Meier und Elise Grünbaum bis zu ihrem Umzug im Februar 1941 nach Frankfurt.[70] Etwa ein Jahr blieb sie dort, bis sie am 18 Mai 1940 in das Judenhaus in der Frankenstr. 15 zog oder ziehen musste. Unterlagen darüber, wie es zu diesem Wohnungswechsel kam und wie ihr Leben dort aussah, sind nicht mehr vorhanden.

Am 23. Mai 1942 gehörte sie zu der noch relativ kleinen Gruppe von 23 Jüdinnen und Juden, die nach Izbica abgeschoben wurden. In diesem Durchgangsghetto südlich von Lublin verlieren sich ihre Spuren. Aber mit größter Wahrscheinlichkeit wurde auch sie im Gas des Vernichtungslagers Sobibor ermordet.[71]

Yvonne Wiegand hatte nach dem Tod ihres Vaters auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter noch einen Grabstein setzen können. Ihr selbst blieb ein solcher Stein der Erinnerung versagt.

 

Stand: 15. 04. 2019

 

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Anmerkungen:

 

[1] Vom Aktiven Museum Spiegelgasse wurde zu seinem Gedenken im Jahr 2005 bereits ein Erinnerungsblatt herausgegeben, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Max%20Kassel.pdf. (Zugriff: 24.02.2019)

[2] Bezeichnend ist, dass einer der SA-Aktivisten, Ernst Franzreb, in den Zwanziger Jahren in des KPD aktiv war.

[3] Während das „Wiesbadener Tagblatt“ nur eine sehr knappe Meldung brachte, erschien in der „Wiesbadener Zeitung“ auf der Seite „Wiesbadener Neueste Nachrichten“ ein ausführlicher Artikel, der den Mord als abscheuliche Tat verurteilte und in dem auch Zeugen zitiert wurden. Auch in den folgenden Tagen wurden noch weitere knappe Artikel zu dem Geschen publiziert. In keinem wurde jedoch die mögliche politische Dimension der Tat auch nur vage angedeutet. Weder bei Kassel oder bei Rosenstrauch wurde auf deren jüdische Herkunft Bezug genommen, noch wurde, obwohl naheliegend, im Hinblick auf die möglichen Täter und deren Motive ein Verdacht in Richtung nationalsozialistischer Bewegung geäußert.
Zufällig erschien am Tag, an dem über den Mord im „Wiesbadener Tageblatt“ berichtet wurde, auch eine Anzeige von Max Kassel, in der er ein „am Wald gelegenes schönes kl. Landhaus, 7 Zim,. Küche mit Nebengebäuden, 3 Morgen Land“ in der Nähe von Wiesbaden anbot. Es sei „geeignet für eine Geflügelfarm, billig zu verpachten oder zu verkaufen. Näh. Bei Max Kassel, Webergasse 46, Wiesbaden.“ Wiesbadener Tageblatt vom 24.4.1933. Ob es sich um Eigentum von Max Kassel handelte oder ob er hier nur als Makler auftrat, ist nicht bekannt.

[4] Bembenek, Politverbrecher, S. 104.

[5] Hieraus zitiert in Bembenek; Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S. 279 f.

[6] Braunbuch über den Reichstagsbrand und Hitlerterror, Faksimile-Nachdruck der Ausgabe von 1933, Frankfurt am Main 1978, S. 234 f.

[7] Zur Familie Kassel aus Friedberg siehe Müller, Hanno, Juden in Friedberg, Lich 2018, S. 160. Die Eltern von Simon Kassel waren der Viehhändler Mayer Kassel und Karoline, geborene Müller, aus Altenstadt, wo auch Simon Michel geboren worden war. Die Ehe mit Jettchen Appel, die 1841 in Felsberg geboren wurde, war 1869 geschlossen worden. Meyer Kassel, geboren 1843, war am 23.2.1876 bereits im Alter von nur 33 Jahren verstorben.

[8] Moritz, Klaus; Noam, Ernst, NS-Verbrechen vor Gericht. 1945-1955. Justiz und Judenverfolgung Bd. 2, Wiesbaden 1978, S. 74.

[9] Sie war wohl psychisch krank, denn schon vor 1933 war sie in der Heil- und Pflegeanstalt Herborn untergebracht, HHStAW 468 424 (23). In seinem Sterbeeintrag wird Max Kassel als „geschieden“ bezeichnet, siehe Sterberegister der Stadt Wiesbaden 559 / 1933.

[10] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 558 / 1933.

[11] Auskunft von Dr. Motz vom LWV Hessen in einer Mail vom 14.2.2019.

[12] Müller, Juden in Friedberg, S. 23. Klara hatte noch eine Schwester, die am 14.6.1878 geborene Jenny. Nach dem Tod von Malchen Appel am 8.5.1882 ging Jakob Moses Appel mit Dina Blum eine zweite Ehe ein, aus noch weitere 5 Kinder hervorgegangen sind.

[13] Ebd. Vermutlich war Klara Appel sogar eine Verwandte von Yvonnes Vater, dessen Mutter ebenfalls eine geborene Appel aus Friedberg war. Beide Familien lebten dort in der Judengasse in unmittelbarer Nachbarschaft miteinander.

[14] Wiesbadener Zeitung vom 24.4.1933. Die Zeitangabe 4 Jahre machte die Tochter bei einer Zeugenbefragung im Rahmen der Mordermittlungen, HHStAW 468 424 (9).

[15] HHStAW 468 424 (28). Im Wiesbadener Adressbuch ist er erstmals 1925/1926 vermerkt.

[16] Elisabeth Anfang gab an: „Unser Verhältnis war ein vertrautes, jedoch will ich darüber nicht sprechen. Ich kann nur soviel sagen, dass wir gegenseitig keine Geheimnisse hatten und war ich auch mit den geschäftlichen Dingen auf das Genaueste vertraut.“ Ebd. (23).

[17] Wiesbadener Zeitung vom 24.4.1933.

[18] Georg Buch. 1903-1995. Zum 100. Geburtstag, hg. Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden, 2003, S. 50 f.

[19] HHStAW 468 424 (9).

[20] So meinte der Angeklagte Franzreb, dass Kassel „schon viel Geld der KPD gegeben haben soll zu dem Zweck, die SA niederzumetzeln“. Ebd. (94). Der Angeklagte Lerch gab bei seiner Vernehmung an, man habe sich Kassel als Opfer ausgesucht, weil der „viel Geld der K.P.D. gestiftet habe zum Zweck, die SA zusammenzuschießen“. Ebd. (90). Diese Aussagen wurden allerdings gemacht, als die allgemeine Verfolgung der KPD bereits in vollem Gange war, die SPD noch nicht ganz so stark im Fokus der Nazis stand. Die Behauptung, Kassel sei Kommunist gewesen, musste in den Augen der SAler daher die Tat als legitim erscheinen lassen. Der Angeklagte Mittäter Haas gab in seinem Spruchkammerverfahren allerdings an: „Welche Motive oder Gründe zu der Verhaftung von Kassel vorlagen, darüber ist nicht gesprochen worden, ich weiß auch nicht wer der eigentliche Urheber zu dieser Verhaftung war.“ Spruchkammerverfahren Haas HHStAW BW 2084 (87).

[21] Es ist wenig wahrscheinlich, dass Max Kassel, der all die Jahre nach dem Krieg als Mitglied der SPD angesehen wurde, in Wirklichkeit in der KPD gewesen wäre. Überlebende SPD-Mitglieder wie Georg Buch hätten mit Sicherheit gegen diese Zuschreibung Einspruch erhoben, wenn er nicht ihr Parteigenosse gewesen wäre. Axel Ulrich meinte in einem Gespräch sich auch erinnern zu können, dass Georg Buch ihm gegenüber die Mitgliedschaft von Max Kassel in der SPD bestätigt habe. Dennoch bleibt es verwunderlich, dass Georg Buch in seiner 1988/90 entstandenen Replik auf den Widerstand in Wiesbaden und den Weg der SPD in den Untergrund im Frühjahr 1933 den Mord an einem ihrer Parteimitglieder in diesen Tagen unerwähnt lässt. Auch gibt es weder in den Ermittlungsakten aus dem Jahr 1933, noch im Urteil des Jahres 1949 einen Hinweis auf irgendein parteipolitisches Engagement von Kassel. Im Spruchkammerverfahren gegen Franzreb am 24. und 25.3.1950, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Mitgliedschaft in einer antifaschistischen Partei nicht mehr verschwiegen werden musste, sagte Frau Anfang, die vertraute Haushälterin von Kassel, aus: „Weshalb sie den Herrn Kassel umgebracht haben, weiss ich nicht, ich denke weil er Jude war. Herr K. hat sich um gar nichts gekümmert.“ Der letzte Satz ist wohl so zu verstehen, dass er sich um politische Angelegenheiten nicht gekümmert habe, was wiederum gegen eine Mitgliedschaft von Kassel in einer Partei spricht. In dem selben Verfahren antwortet allerdings der Zeuge August Müller auf die nicht protokollierte Frage des Vorsitzenden zur Parteizugehörigkeit von Kassel: „Ob seine [Max Kassels] Zugehörigkeit zur SPD Krause [einer der Täter – K.F.] bekannt gewesen sei, wisse er nicht.“ HHStAW BW 2085 (o.P.). Auch wenn dieser Satz des Protokolls kein sicherer Beleg ist, so muss er dennoch als weiteres wichtiges Indiz für die Mitgliedschaft von Kassel in der SPD gewertet werden, denn der Vorsitzende hat diese Mitgliedschaft in seiner Fragestellung unterstellt oder sogar davon gewusst. Verwunderlich bleibt aber, dass auch im Spruchkammerverfahren gegen den Mittäter Haas die mögliche Mitgliedschaft Kassels in der SPD weder in den Vernehmungen der Betroffenen, noch der Zeugen eine Rolle spielte. Obwohl bei der Entscheidung, Haas zu einem Hauptschuldigen zu erklären, die Tat explizit als politische eingeordnet wurde, wurde auch hier ausschließlich auf den Juden Kassel, nicht aber auf den Sozialdemokraten rekurriert: „Vorweg sei gesagt, dass es sich bei der Tötung des Juden Max Kassel um eine politische Angelegenheit handelt. Ohne gesetzliche Unterlagen und ohne eine besondere, der Allgemeinheit zugängige Erklärung wurden die Juden während der Nazizeit von den Anhängern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als vogelfrei angesehen.“ Spruchklammerverfahren Haas HHStAW BW 2084 (106).

[22] Rösch gab dazu an, dass sie von der Ortsgruppe mit Lebensmitteln beliefert wurden, die wiederum von den einzelnen Zellenleitern zunächst in ihren Zellen gesammelt worden waren. Ein Entgelt habe er dafür nicht erhalten, die Familie durfte aber selbst an den Malzeiten teilnehmen. Ebd. (88).

[23] HHStAW 468 424 (23) und Spruchkammerverfahren Haas HHStAW BW2024 (91).

[24] Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Eine Organisation, in der sich NSDAP-Mitglieder und Sympathisanten aus der Schicht der Lohnabhängigen ab 1927 zusammenschlossen, um innerhalb der Betriebe für die nationalsozialistische Bewegung zu agitieren. Bei der Besetzung der Gewerkschaftshäuser am 2. Mai 1933 spielte sie eine tragende Rolle.

[25] HHStAW 468 424 (15).

[26] Wiesbadener Neueste Nachrichten vom 24.4.1933.

[27] HHStAW 468 424 (42).

[28] Ebd. (90).

[29] Zur Biographie von Franzreb, der als „einer der eifrigsten Kämpfer vor Ort“ galt, siehe ausführlich Bembenek, Politverbrecher S. 99-102.

[30] HHStAW 468 424 (53, 44).

[31] Piékarski am 31.3.1933 in Wiesbadener Stadtparlament: „Die Kommunistische Partei, das organisierte Verbrechertum, kommt niemals mehr in ein deutsches Stadtparlament. Es ist selbstverständlich, dass eine derartige Verbrecherorganisation (…) in die Gefängnisse und die Arbeitshäuser gehört, aber nicht in die Parlamente des deutschen Volkes.“ An die Sozialdemokratie gewandt sagte er: „Das Schicksal, wenn auch ein unglückseliges, hat Ihnen einmal die Macht und das Recht gegeben, über Deutschland zu regieren. Das war einmal. Sie müssen sich damit abfinden, dass dieses Schicksal nie und nimmer an Sie herantreten wird. Sie müssen sich aber ebenso darüber im Klaren sein, meine Herren, dass das neue Deutschland von Ihnen rücksichtslos Rechenschaft fordern wird.“ Zit. nach Bembenek; Ulrich, Widerstand und Verfolgung, S. 29.

[32] Im Spruchkammerverfahren gegen Franzreb, der bei diesem Terror eine hervorragende Rolle einnahm, wurde auf Basis der verschiednen Zeugenaussagen die damalige Situation zusammenfassend folgendermaßen beschrieben: „Er [Franzreb – K.F.] war mehrere Jahre lang Führer von Rollkommandos, die schwere Gewalttaten, Misshandlungen und Morde gegen Juden, politische Gegner und anders Denkende verübte. Von den in Wiesbaden tätigen Aktivisten war der Betroffenen einer der schlimmsten und gefürchtetsten und als solcher stadtbekannt. Schon vor 1933 war er in der geschilderten Weise tätig. Nach 1933 waren seiner hemmungslosen Verbrechernatur keine Schranken mehr gesetzt. Im einzelnen hat die Verhandlung eine Reihe von Gewalttaten ergeben und zum größten Teil einwandfrei klargestellt. Wie der Zeuge Streb bekundet, der Kommunist und somit politischer Gegner des Betroffenen gewesen ist, jedoch nie mit dem Betroffenen in Konflikt geraten war, hat ihn der Betroffene Ende Januar 1933 in der Feldstraße mit einem Dolch angegriffen und ihm mehrere Stiche in Arm und Brust mit einem Dolch versetzt. Einige Zeit später drang er dann in die Wohnung des Zeugen ein, durchwühlte alles und bedrohte ihn und seine Frau mit dem Revolver. Gleichfalls im Januar 1933 war der Betroffene führend beteiligt an einem Überfall in der Ludwigstraße auf den Zeugen Schlosser, wobei er und andere SA-Leute mit dem Ruf: ‚Auf die roten Halunken’ den Genannten mit Stöcken und Schlagzeugen misshandelten und in dessen Wohnung einzudringen versuchten. Auch bei einem Überfall auf die Wohnung des Zeugen Löwenberg, ebenfalls Kommunist und Jude, wobei dieser schwer misshandelt und alle Einrichtungsgegenstände zerstört wurden, war der Betroffene beteiligt.“ Spruchkammerverfahren Franzreb HHStAW BW 2084 (o.P.) Die Aussage eines Zeugen namens Zufall, die sich auf den Tag der sogenannten Machtergreifung bezog, zeigt mit welcher Brutalität die SA und Franzreb vom ersten Tag an agierten: „Am 30. Januar 1933 kam es in der Hellmundstrasse vor dem jüdischen Lebensmittelgeschäft Königsberg zu einer Zusammenrottung von Nat.-Sozialisten. Bei Königsberg arbeitete ein (…) Ich kam die Prankenstrasse herauf. Vor dem Hause Frankenstr. 7 wurde ich von F[ranzreb]. überfallen. Er schlug mir mit einer Stahlrute über den Kopf. Peter  Mühlhöfer  kam mir zu Hilfe. F[ranzreb]. zog sich zu seinen Kameraden nach der Hellmundstr. zurück. An der Frankenstrasse drehte sich F[ranzreb] um und gab einen Schuss ab, der den Arbeiter Adolf  Deuser, der damals Frankenstr. 10 wohnte, traf. Deuser wurde bei dieser Gelegenheit ein Auge ausgeschossen. Später lief F[ranzreb] mit seinen Kumpanen die Hellmundstrasse herunter. An der Bleichstrasse gab F[ranzreb] den zweiten Schuss ab, der einen jungen Mann namens Krämer traf, der dadurch auch ein Auge verlor.“ Siehe zu der Brutalität dieser Rollkommandos in  diesen Tagen auch die Zeugenaussagen von Willi Streb, Georg Sparwasser, Karl Auracher, Willi Reh, Otto Amann, Krl Schlosser und Walter Löwenberg im Spruchkammerverfahren Franzreb. Die hier geschilderten Gewaltakte beziehen sich nur auf die SA-Gruppe um Franzreb, zu untersuchen wäre, wie viele andere Horden damals noch in Wiesbaden wüteten. Spruchkammerverfahren Franzreb HHStAW BW 2084 (9, 20 a, 40-47 und das nichtpaginierte Protokoll der Berufungskammerverhandlungen vom 24.3.-25.3.1950).

[33] HHStAW 468 424 (88, 90, 94).

[34] Spruchkammerverfahren Haas, HHStAW BW 2084 (94).

[35] HHStAW 468 424 (109).

[36] Ebd. (88).

[37] In dem Urteil vom 28.6.1949 heißt es: „Auch der Umstand, dass sie [die Angeklagten – K.F.] auf Befehl ihres Standartenführers zur Festnahme geschritten sind, steht der Widerrechtlichkeit nicht entgegen. Solche Befehle befreien den Untergebenen von der Verantwortlichkeit für sein Tun nur dann, wenn sie – wenn auch materiell nicht rechtmäßig – so doch gesetzmäßig sind, d.h. wenn sie von der Polizei oder irgendeiner staatlichen Vollstreckungsbehörde ausgehen. Befehle der SA waren nicht gesetzmäßig. Die SA war kein Teil der staatlichen Verwaltung. Ein Befehlsnotstand (§ 54StGB) hat nicht vorgelegen, weil die Nichtbefolgung des Befehls zur Festnahme keineswegs eine Gefahr für Leib und Leben mit sich gebracht hätte.“ Moritz; Noam, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 75. Bei seiner polizeilichen Vernehmung 1933 hatte Krause einen entsprechenden Befehl noch nicht ins Feld geführt, sogar bestritten, an der Tat überhaupt beteiligt gewesen zu sein. Er sei erst eher zufällig am Haus in der Webergasse vorbeigekommen, als Franzreb und Haase nach den Schüssen aus dem Haus gestürmt seien, er habe nur bei der vorherigen Hausdurchsuchung teilgenommen, für die es einen Auftrag gegeben haben soll. HHStAW 468 424 (88). Franzreb hatte in seinem Spruchkammerverfahren ausgesagt, dass Krause in dem SA-Lokal gesagt habe: „Wir haben Auftrag den Juden Kassel zu ermorden“. Spruchkammerverfahren Franzreb HHStAW BW 2084 (38) Einen solchen expliziten Mordauftrag von Reutlinger oder Krause hat es mit größter Sicherheit aber nicht gegeben. Bembenek, Politverbrecher, S. 103, hat die Behauptung Krauses, der Befehl sei von Reutlinger ausgegangen, übernommen. Er vermutete sogar, dass Reutlinger, der Juden mehrfach finanziell erpresst haben soll, sich sogar persönlich bereichern wollte. Er könnte es nach Meinung Bembeneks auf die dort vermutete Parteikasse abgesehen haben, vielleicht habe er sogar gehofft, den Erlös aus dem Geschäftsverkauf dort zu finden. Die Abläufe an diesem Abend bestätigen diese These jedoch nicht, was allerdings keineswegs ausschließt, dass die SA solche Raubzüge unternahm, wie die Ermittlungen über die Geschehnisse in den folgenden Tagen belegen.

[38] HHStAW 468 424 (3). Franzreb bestätigte ebenfalls, dass der Blockwartgehilfe Rösch ihnen den Schlüssel ausgehändigt habe. Abgesehen von Haas haben alle Beteiligte und auch andere Zeugen diese Version bestätigt. Nur Rösch selbst bestritt vehement, die SA-Leute ins Haus gelassen zu haben. Vermutlich befürchtete er, wegen Mittäterschaft zur Rechenschaft gezogen zu werden. In den Vernehmungen wurde auch immer wieder der Verdacht geäußert, dass Rösch selbst ein eigenes Interesse an der Verhaftung, wenn nicht sogar an der Ermordung von Kassel gehabt haben könnte. Er, der in großen finanziellen Schwierigkeiten gesteckt haben soll, hatte sich wohl mehrfach bei Kassel Geld geliehen. Als die SA-Leute am Abend kamen, um Kassel zu verhaften, soll er oder seine Frau gesagt haben: „Gottseidank, das wird endlich Zeit.“ Insinuiert wurde, dass Rösch mit der Verhaftung nicht nur einen politischen Gegner, sondern auch seinen Gläubiger loszuwerden hoffte. Siehe Spruchkammerverfahren gegen Franzreb und Haas HHStAW BW 2084 (94).

[39] Ebd. (90).

[40] Lerch behauptete später, dass auch andere der in die Zimmer Eingedrungenen bewaffnet gewesen seien, im Polizeibericht ist aber kein Hinweis auf unterschiedliche Patronenhülsen enthalten. Die Hülsen selbst befinden sich noch in der Akte. Auch gab Lerch an, von Kassel angegriffen worden zu sein, was unzweifelhaft eine reine Schutzbehauptung war. Ebd.

[41] Ebd. (32, 127). Auf den Abdruck der in den Ermittlungsakten enthaltenen Fotos der Leiche von Max Kassel mit den verschiedenen Einschüssen wird hier bewusst verzichtet. Es sind schreckliche, aber zugleich auch sehr berührende und – abhängig vom Auge des Betrachters – möglicherweise auch entwürdigende Bilder.

[42] Ebd. (21). Sprachliche Fehler im Original.

[43] Ebd. (63). Max Danneboom wohnte mit seiner Frau Regine, geborene Löwenstein, und dem Sohn Julius in der Hallgarter Str. 6. Sie besaßen dort eine Lebensmittelgroßhandlung. 1938 flohen sie in die Niederlande, wo Max Dannebaum 1939 verstarb. Seine Frau kam im Lager Westerbrook ums Leben, der Sohn blieb vermisst.

[44] Ebd.

[45] Bei der „Perlenfabrik“ handelte es sich um das erste KZ in Südhessen. In der ehemaligen Fabrik war später ein Erziehungsheim für straffällige, bedürftige und auffällige Jugendliche eingerichtet worden. Ende April 1933 errichteten die SA-Standarten 63 und 81 dort das KZ, in dem zugleich eine Ausbildungsstätte für SA-Führer, die zu Hilfspolizisten ausgebildet werden sollten, eingerichtet wurde. Siehe dazu Ullrich, Sybille, Frankfurt am Main („Perlenfabrik“), in: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 2, hg. Benz, Wolfgang; Distel, Barbara, München 2005, S. 98-100.

[46] Ebd. (88).

[47] HHStAW 468 278 I (86).

[48] HHStAW 468 424 (88).

[49] Ebd. (105) Ein Gesuch von Haas um Aufhebung des Haftbefehls wurde abgelehnt, ebd. (106, 112).

[50] HHStAW 468 278 I (34).

[51] HHStAW 468 424 (101). Sprachliche Fehler im Original.

[52] Da sich der Brief samt Kuvert in den Polizeiakten befindet, muss man vermuten, dass die Polizei ihn abgefangen hat. Unwahrscheinlich ist hingegen, dass Frau Franzreb ihren Mann verraten hatte. Sie selbst galt ebenfalls als glühende Anhängerin der NS-Bewegung und hatte Franzreb, der früher politisch eher im linken Spektrum aktiv war, sogar erst der nationalsozialistischen Bewegung zugeführt, siehe Bembenek, Politverbrecher S. 100 f.

[53] HHStAW 468 424 (76a).

[54] Ebd. (135) Siehe zu den Vorgängen auch die Ausführungen im Berufungsverfahren gegen die Entscheidung des Spruchkammerbeschlusses über Franzreb im März 1950, HHStAW BW 2084 (o.P.).

[55] HHStAW 468 424 (131).

[56] Ebd. (132, 133, 134). In den Akten gibt es keinen Hinweis darauf, dass auch der Truppführer Krause aus der Haft entlassen wurde. Die Gründe dafür sind nicht klar, möglicherweise waren die von ihm angeleiteten „Durchsuchungen“, sprich Raubzüge, nicht ohne Weiteres mit dem Inhalt des Amnestieerlasses zu vereinbaren. Seine Freilassung muss aber im Nachhinein noch erfolgt sein, denn er war im Oktober 1933 zusammen mit Franzreb bei der Stadt Wiesbaden als Omnibusfahrer eingestellt worden. Siehe Bembenek, Politverbrecher S. 107.

[57] Siehe dazu das Berufungsverfahren gegen die Entscheidung des Spruchkammerbeschlusses über Franzreb im März 1950, HHStAW BW 2084 (o.P.).

[58] Ebd. (138).

[59] Gruchmann, Lothar, Justiz im Dritten Reich 1933-1940: Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner, München 2001, 3. Aufl., S. 325. Mit diesem Erlass konnten Freiheitsstrafen oder Untersuchungshaft aufgehoben, aufgeschoben oder unterbrochen und anberaumte Termine abgesagt werden. Bei besonders schweren Straftaten bat der Minister allerdings um Unterrichtung, vermutlich behielt er sich da auch eine Prüfung vor.

[60] Ebd. S. 330 f.

[61] HHStAW 468 278 I (34).

[62] Siehe dazu ausführlich oben das Kapitel zur Familie Guthmann. Zu Franzrebs weiterer Karriere in Partei und SA siehe Bembenek, Politverbrecher, S. 107 ff.

[63] Siehe zum Urteil Noam; Moritz, NS-Verbrechen vor Gericht, S. 76 f. Zur Biographie und zur NS-Karriere siehe Bembenek, Politverbrecher, S. 99-112.

[64] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 356 / 1930.

[65] Genaueres über ihre Erkrankung ist nicht bekannt, da die Krankenakten in Herborn sogar noch nach dem Krieg vernichtet wurden.

[66] Der erste entsprechende Erlass erging am 15.4.1940, zwei Monate später, am 12.6., wurde er noch einmal erneuert. Im gleichen Monat wurden die ersten 200 jüdischen Insassen von Heil- und Pflegeeinrichtungen im Zuchthaus Brandenburg ermordet. Siehe Klee, Ernst, „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt a. M. 1985, S.258 ff.

[67] Zu den Vorgängen in Herborn siehe Lilienthal, Georg, Die Landesheilanstalt Herborn und der NS-Krankenmord, in: 100 Jahr Psychiatrie in Herborn. Rückblick, Einblick, Ausblick, hg. Vanja, Christina, Marburg 2011, S. 136-153, zum Mord an den in Herborn eingelieferten Juden bes. die Seiten137 f.

[68] Geburtsregister der Stadt Friedberg 44 / 1880, HStAM 924 534 (44).

[69] Klee, „Euthanasie“, S. 260 f.

[70] Die Entdeckung der in ihrer Frankfurter Wohnung versteckten Briefe veranlassten Inge Geiler das bewegende Buch „Wie ein Schatten sind unsere Tage“ über diese Familie zu schreiben.

[71] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11654787&ind=0. (Zugriff: 24.02.2019)