Eduard und Friederika Heilbron


Judenhaus Alexandrastr. 6 Wiesbaden, Albert Frank
Das Juden­haus Alex­and­rastr. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Lage des Juden­hau­ses
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Alex­and­rastr. 6

 

 

 

 

Edu­ard und Frie­da Heil­bron waren die ers­ten, die gezwun­gen wur­den, in dem neu ein­ge­rich­te­ten Juden­haus eine Woh­nung zu bezie­hen. Die 7‑Zim­mer-Woh­nung von Albert Frank im ers­ten Stock war durch ver­schie­de­ne Bau­maß­nah­men ent­spre­chend her­ge­rich­tet wor­den. Ob Heil­brons von Anbe­ginn nur eines der Zim­mer erhiel­ten oder ob sie im Lau­fe der Zeit wel­che abge­ben muss­ten, ist nicht zu sagen, zumin­dest ver­füg­ten sie 1942 nur noch über einen ein­zi­gen Raum.[1]

Friederika Stern Eduard Heilbron
Stamm­baum der Fami­lie Heil­bron /​ Stern /​ Wart­ski

Das Paar war im August 1931 aus dem süd­deut­schen Städt­chen Aalen nach Wies­ba­den gekom­men und hat­te hier zunächst in der Rüdes­hei­mer Str. 13 im ers­ten Stock gewohnt.[2] Auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist als letz­te Woh­nung vor der Juden­hausadres­se die Klop­stock­str. 2 ein­ge­tra­gen, in der sie seit dem 1. Okto­ber 1936 gelebt haben sollen.

Es ist nicht bekannt, was das Ehe­paar Heil­bron dazu bewo­gen haben könn­te, von Würt­tem­berg nach Wies­ba­den zu zie­hen. Aller­dings stamm­ten bei­de auch ursprüng­lich nicht aus dem süd­deut­schen Raum. Edu­ard Heil­bron war am 2. Janu­ar 1874 in Hagen in West­fa­len.[3] und sei­ne Frau Frie­de­ri­ke, kurz Frie­da genannt, am 26. April 1870 in Hed­des­heim in der Nähe von Bad Kreuz­nach gebo­ren worden.

Hei­rats­ur­kun­de von Edu­ard und Frie­da Heil­bron, gebo­re­ne Stern

Ihr Vater Zacha­ri­as Stern übte dort den Beruf eines Metz­gers und Kauf­manns aus, ihre Mut­ter Sara war die Toch­ter von Isaak und Ester Men­del, geb. Strauß, aus dem etwa 30 km ent­fern­ten Nie­der­wie­sen. Frie­da war das vier­te von ins­ge­samt acht Kin­dern.[4]

In Aalen bewohn­ten die Heil­brons nach ihrer Hei­rat am 26. Juni 1903 das 1904 von einem Gast­wirt und Metz­ger erbau­te Haus in der Bahn­hofstr. 18, das sie 1906 erwor­ben hat­ten. Hier wur­den auch die bei­den Kin­der Wil­helm am 26. Juli 1904 und Ire­ne Gise­la am 4. Okto­ber 1907 gebo­ren. In dem ins­ge­samt vier­stö­cki­gen Gebäu­de wur­de in zwei Stock­wer­ken ein Waren­haus ein­ge­rich­tet, in dem von etwa 30 Ange­stell­ten Manu­fak­tur­wa­ren, Her­ren- und Damen­kon­fek­ti­on, Wäsche, Weiß‑, Woll- und Kurz­wa­ren, aber auch Haus­halts­wa­ren, Geschenk­ar­ti­kel und Spiel­wa­ren ange­bo­ten wur­den.[5]

Aalen Heilbron Kaufhaus 1926
Kauf­haus Heil­bron in Aalen 1926
(GDB-PLS) Mit Geneh­mi­gung der Stol­per­stein-Initia­ti­ve Aalen

1931 been­de­te Edu­ard Heil­bron sicher nicht nur aus gesund­heit­li­chen Grün­den sei­ne Berufs­tä­tig­keit. Die NSDAP hat­te schon lan­ge zuvor gegen das Waren­haus gehetzt und in ihrer Chro­nik im Jahr 1929 notiert: „Auch hier beginnt jetzt die Juden­fra­ge ihre trau­ri­ge Rol­le zu spie­len. Dass der Waren­haus­ju­de Edu­ard Heil­bron und sein schmie­ri­ger Schwie­ger­sohn Wartzki jemals in den Mau­ern unse­rer Stadt Auf­nah­me gefun­den haben, bleibt eine ewi­ge Schan­de.“[6] Das Gebäu­de wur­de für monat­lich 1.050 RM ver­pach­tet, zunächst an eine Han­dels­ge­sell­schaft Wohl­wert Stau­fia G.m.b.H., Göp­pin­gen,[7] dann im Juni 1934 an die aus Erfurt stam­men­den jüdi­schen Kauf­leu­te Alfred und Kurt Bier­mann, die die Zei­chen der Zeit offen­bar nicht wirk­lich wahr­ge­nom­men hat­ten. Nach der Reichs­po­grom­nacht, in der auch die Schei­ben des ehe­ma­li­gen Kauf­hau­ses Heil­bron zer­schla­gen wur­den, brach­te die Gesta­po die bei­den neu­en Inha­ber in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au bzw. Buchen­wald.[8]

Die ari­sche Frau von Alfred Bier­mann und ihre Schwes­ter ver­such­ten zunächst, den Geschäfts­be­trieb durch eine „Namen­s­a­ri­sie­rung“ auf­recht­zu­er­hal­ten. Das Geschäft fir­mier­te in der fol­gen­den Zeit zunächst unter den Mäd­chen­na­men der bei­den als Knie­ser KG, wur­de dann 1940 in „Kauf­haus Helm“ umbe­nannt, nach­dem Hed­wig Knie­ser, vor­mals Bier­mann, im glei­chen Jahr einen ari­schen Kauf­mann namens Georg Helm gehei­ra­tet hat­te. [9]

Im April des­sel­ben Jah­res wur­de der inzwi­schen in Wies­ba­den leben­de Eigen­tü­mer des Hau­ses, Edu­ard Heil­bron, gezwun­gen, die Immo­bi­lie an die Knie­ser KG zu ver­kau­fen. Ursprüng­lich, so war es im Kauf­ver­trag ver­ein­bart, soll­te der Preis bei 120.000 RM lie­gen.[10] Die­ser ursprüng­lich vom Land­rat geneh­mig­te Ver­trag wur­de vom Würt­tem­ber­gi­schen Wirt­schafts­mi­nis­ter wie­der­um nur unter der Vor­aus­set­zung bewil­ligt, dass der Kauf­preis auf 80.000 RM gesenkt wür­de. Weil man sich offen­sicht­lich von Staats wegen für die neu­en Käu­fer, die „Knie­ser AG“ bzw. Georg Helm, ein­ge­setzt hat­te, for­der­te der Fis­kus nun auch sei­nen Anteil, näm­lich 20.000 RM als soge­nann­te „Aus­gleichs­ab­ga­be“ vom Käu­fer. [11] Der Ein­heits­wert des Geschäfts­hau­ses samt Grund­stück wur­de ein­fach auf 80.000 RM her­ab­ge­setzt. Käu­fer und NS-Fis­kus woll­ten sich nun die Dif­fe­renz zwi­schen altem und neu­em Preis tei­len. Edu­ard Heil­bron leg­te dage­gen allem Anschein nach Wider­spruch ein, denn in einem wei­te­ren Schrei­ben des Würt­tem­ber­ger Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums an Edu­ard Heil­bron vom 27. März 1941, das Bezug auf des­sen Beschwer­de vom 4. Febru­ar 1942 nahm, wur­de der Kauf­preis dann wie­der ange­ho­ben und auf 100.000 RM fest­ge­setzt. Der alte Kauf­preis von 120.000 RM sei aller­dings völ­lig über­höht gewe­sen, urteil­te der zustän­di­ge Sach­be­ar­bei­ter im Minis­te­ri­um. Ob damit auch die Aus­gleichs­ab­ga­be hin­fäl­lig wur­de, ist aus den Akten nicht zu ent­neh­men. Aus einer Notiz der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de ergibt sich aber, dass Heil­brons tat­säch­lich 100.000 RM in zwei Raten gezahlt wur­den. Nach Abzug der auf dem Grund­stück las­ten­den Schul­den wur­de ihnen die Rest­kauf­sum­me von 20.000 RM auf ein selbst­ver­ständ­lich gesi­cher­tes Kon­to über­tra­gen, auf das sie kei­nen frei­en Zugriff hat­ten.[12]

Ins­ge­samt eine für­wahr gelun­ge­ne Ari­sie­rung, in der nicht nur das Eigen­tum, son­dern zugleich qua­si auch eine Ehe ari­siert wor­den war. Vom 22. April 1940 an prang­te am ehe­ma­li­gen „Kauf­haus Heil­bron“ im Aalen bis 1947 das neue nun „deut­sche“ Fir­men­schild „Kauf­haus Helm“.

Die erwähn­te Siche­rungs­an­ord­nung unter dem Akten­zei­chen JS 296 für die Kon­ten der Heil­brons war bereits am 19. Janu­ar 1940 ergan­gen. Zu die­sem Zeit­punkt war der Ver­kauf des Hau­ses noch im Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren, wie man der Akte ent­neh­men kann. Edu­ard Heil­bron hat­te aber schon den zunächst oktroy­ier­ten Preis von 80.000 RM als Teil sei­nes Ver­mö­gens in der mit der Anord­nung ver­bun­de­nen For­de­rung zur Abga­be einer Ver­mö­gens­auf­stel­lung ange­ge­ben. Die­sem Betrag stan­den aber Schul­den in Höhe von fast 60.000 RM gegen­über, sodass er ein Rein­ver­mö­gen von rund 21.000 RM ange­ben konn­te. Sei­ne Lebens­hal­tungs­kos­ten belie­fen sich auf 609 RM. Die Devi­sen­stel­le geneh­mig­te ihm die­sen Betrag ab Febru­ar 1940 als monat­li­chen Frei­be­trag.[13]

Den rela­tiv hohen Betrag für den Lebens­un­ter­halt begrün­de­te Edu­ard Heil­bron gegen­über der Behör­de mit den Kos­ten für die Unter­brin­gung des Soh­nes Wil­li in der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Rom­mels­hau­sen, die zur Anstalt Stet­ten gehör­te. 420 RM kos­te­te die­se Unter­brin­gung monat­lich, also Zwei­drit­tel des zuge­stan­de­nen Betrags. Edu­ard Heil­bron gab in der Erklä­rung an, dass Wil­li bereits seit frü­hes­ter Kind­heit an einem psy­chi­schen Lei­den erkrankt sei.[14] Am 12. Okto­ber 1911 war er erst­mals als Sie­ben­jäh­ri­ger für etwa ein­ein­halb Jah­re dort zur sta­tio­nä­ren Behand­lung auf­ge­nom­men wor­den. Von 1921 bis zum 10. Sep­tem­ber 1940 leb­te er dann auf Dau­er in einem der Hei­me der Anstalt Stet­ten. An die­sem 10. Sep­tem­ber 1940 wur­de Wil­li auf Anord­nung des würt­tem­ber­gi­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums im Rah­men der T4-Akti­on mit ande­ren Pati­en­ten in die Tötungs­an­stalt Gra­feneck gebracht und dort noch am glei­chen Tag ermor­det.[15] Den Eltern wur­de der Mord ver­schwie­gen. Sie erhiel­ten auch nicht die sonst übli­chen Benach­rich­ti­gun­gen über eine plötz­lich auf­ge­tre­te­ne Blind­darm­ent­zün­dung, Blut­ver­gif­tung oder der­glei­chen, mit der der Mord ver­tuscht wer­den soll­te. Aber immer­hin muss ihnen die geplan­te Ver­le­gung des Soh­nes, aller­dings ohne Anga­be des Ziel­orts, wohl mit­ge­teilt wor­den sein, denn Edu­ard Heil­bron hat­te das Innen­mi­nis­te­ri­um um Rück­nah­me der Ver­le­gungs­an­ord­nung gebe­ten  und ver­sucht, das Kind in einer ande­ren Anstalt unter­zu­brin­gen. Man kann ver­mu­ten, dass er eine Ahnung von dem hat­te, was geplant war. Eine Ant­wort des Innen­mi­nis­te­ri­ums blieb aus. Am 25. Sep­tem­ber frag­te Edu­ard Heil­bron noch ein­mal in Rom­mels­hau­sen an, wohin man sei­nen Sohn ver­bracht habe. Er hoff­te noch, dass man in dem neu­en Heim sei­ne Adres­se nicht ken­ne, er nur des­we­gen ohne Nach­richt geblie­ben sei. Man teil­te ihm von Stet­ten aus aber mit, dass die Adres­se in den Akten ste­he, die der Sohn bei sei­ner Ver­le­gung mit­ge­bracht habe.[16] Kein Wort davon, dass er schon vor zwei Wochen umge­bracht wor­den war.

Wie der Vater von sei­nem Tod erfuhr, ist nicht bekannt. Sei­ne Urne wur­de aber auf dem jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße in Wies­ba­den beigesetzt.

 

Zu die­ser Zeit war die Toch­ter Ire­ne schon im süd­ame­ri­ka­ni­schen Exil. Sie hat­te am 26. Janu­ar 1927 den am 1. März 1897 in Königs­hüt­te /​ Ober­schle­si­en gebo­re­nen Kurt Wart­ski gehei­ra­tet. Die­ser hat­te sich im Ers­ten Welt­krieg frei­wil­lig gemel­det, wur­de mehr­fach ver­wun­det, dien­te aber den­noch nach dem Krieg wei­te­re zwei Jah­re als Grenz­schüt­zer in Ober­schle­si­en, nicht aus­zu­schlie­ßen, dass dies in einem der berüch­tig­ten Frei­korps geschah.[17]

Ken­nen­ge­lernt hat­te sich das Paar wohl in Aalen, wo der gelern­te Deko­ra­teur und Schil­der­ma­ler bis 1931 im Kauf­haus Heil­bron ange­stellt war.

Nach­dem Edu­ard Heil­bron sich aus dem Berufs­le­ben zurück­ge­zo­gen hat­te, ver­lie­ßen auch Ire­ne und Kurt Wart­ski Aalen und zogen nach Bad Kreuz­nach, wo Kurt den Lebens­un­ter­halt als „Wan­der­de­ko­ra­teur“ ver­dien­te. [18] Das Ein­kom­men reich­te aus, um die wach­sen­de Fami­lie zu ver­sor­gen, die vom Juni 1932 für fast genau ein Jahr in Bad Kreuz­nach in der Karl­str. 19 leb­te.[19]

Unmit­tel­bar nach dem Macht­an­tritt der Nazis muss es in Bad Kreuz­nach zu gewalt­tä­ti­gen Über­grif­fen gegen die Juden gekom­men sein. Ein stadt­be­kann­ter Nazi und Redak­teur des „Angriffs“, genannt „Knüp­pelkunt­ze“, habe ihn durch einen Bauch­schuss schwer ver­wun­det, sodass er unmit­tel­bar dar­auf nach Frank­reich, nach Paris, geflo­hen sei, gab er im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren zu Protokoll.

Kurt Heilbron, Irene Wartski
Der Rei­se­pass von Ire­ne Wart­ski
HHStAW 518 14201

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sei­ne Frau sei mit den Kin­dern und unter Zurück­las­sung der gesam­ten Ein­rich­tung sechs Wochen spä­ter gefolgt. Ihr Rei­se­pass, der im Ori­gi­nal erhal­ten geblie­ben ist, wur­de am 6. Juni 1933 in Bad Kreuz­nach für die­se Flucht aus­ge­stellt. Er spie­gelt zumin­dest zum Teil die ent­beh­rungs­rei­che Odys­see der Fami­lie, zu der bald sechs Kin­der gehö­ren soll­ten, davon vier Klein­kin­der bzw. Säug­lin­ge, in den fol­gen­den Jah­ren wider.[20]

Kurt Wartski, Irene Wartski Heilbron
Rei­se­pass für Kurt Wart­ski
HHStAW 518 56377

Kurt Wartski, Irene Wartski HeilbronKurt Wartski, Irene Wartski Heilbron

 

 

 

Kurt Wartski, Irene Wartski HeilbronKurt Wartski, Irene Wartski Heilbron

 

 

 

 

 

Kurt Wartski, Irene Wartski HeilbronKurt Wartski, Irene Wartski HeilbronKurt Wartski, Irene Wartski Heilbron

 

 

 

 

Mit Aus­stel­lung des Pas­ses hat­te sie ein bis zum 5. Juli 1933, also auf vier Wochen befris­te­tes Visum für die Aus­rei­se nach Frank­reich erhal­ten. Am 8. Juni über­schrit­ten sie die Gren­ze, eine Arbeits­er­laub­nis hat­ten sie – so ist es aus­drück­lich im Pass ver­merkt – für Frank­reich nicht. Im August 1935 wan­der­ten sie gemein­sam wei­ter nach Spa­ni­en, wo zumin­dest Ire­ne eben­falls eine Arbeits­er­laub­nis ver­sagt blieb. Ihr Mann gab aber spä­ter an, hier in sei­nem erlern­ten Beruf gear­bei­tet zu haben und auch ange­mes­sen bezahlt wor­den zu sein.[21] Im bas­ki­schen Bil­bao, wo sie unter­ge­kom­men waren, wird es die erhoff­te Sicher­heit kaum gege­ben haben, denn bereits jetzt waren die Kon­flik­te im Vor­feld des Bür­ger­kriegs – oft schon gewalt­sam aus­ge­tra­gen – über­all zu spü­ren. Bald schon muss­ten sie Spa­ni­en wie­der verlassen.

Aber ob die Anga­be von Ire­ne Wart­ski, die dor­ti­ge „Links­re­gie­rung“ habe sie „mit allen Kin­dern nach Deutsch­land zurück­ge­schickt“, wirk­lich rich­tig ist, muss bezwei­felt wer­den. Erst im Febru­ar 1936 gelang­te die Volks­front an die Macht, im Pass ist aber als Datum des Über­tritts über die fran­zö­si­sche Gren­ze schon der 18. Dezem­ber 1935 ange­ge­ben. Es ist aller­dings nicht aus­zu­schlie­ßen, dass loka­le Behör­den im Bas­ken­land eine sol­che Aus­wei­sung anord­ne­ten und mit­hil­fe des deut­schen Kon­suls auch umsetz­ten. Nach Dar­stel­lung von Kurt Wart­ski hat­ten sie näm­lich auf „Ver­an­las­sung des deut­schen Kon­suls in Bil­bao“ einen Flücht­lings­trans­port bestie­gen.[22] Aber erst ein wei­te­res hal­bes Jahr spä­ter betra­ten sie bei Saar­brü­cken wie­der deut­schen Boden. „Der Pass­in­ha­ber hat heu­te als Spa­ni­en-Flücht­ling die Reichs­gren­ze über­schrit­ten“,“ ist mit Datum 3. August 1936 in Ire­ne Wartskis Pass eingetragen.

Sie gin­gen nach Wies­ba­den, wo die Eltern von Ire­ne noch in der Klop­stock­stra­ße leb­ten. In der Tau­nus­str. 19 sol­len sie, so die Erin­ne­rung eines ehe­ma­li­gen Mit­be­woh­ners, „län­ge­re Zeit bis 1937 oder 1938“ gewohnt haben und bestä­tig­ten damit die Anga­ben von Kurt Wart­ski.[23] Arbeit hat­ten sie als Juden hier aber nicht fin­den kön­nen, somit waren sie auf die Unter­stüt­zung der Ver­wandt­schaft, beson­ders der Eltern bzw. Schwie­ger­el­tern, angewiesen.

Zwar war ihnen vom Kon­sul in Bil­bao ver­si­chert wor­den, auch als Jude gefahr­los nach Deutsch­land zurück­keh­ren zu kön­nen, den­noch wur­de Kurt Wart­ski, etwa ein hal­bes Jahr nach­dem sie deut­schen Boden betre­ten hat­ten, im Janu­ar 1937 als „Rück­wan­de­rer“ von der Gesta­po im Poli­zei­ge­fäng­nis Wies­ba­dens in „Schutz­haft“ genom­men.

Nur unter der Bedin­gung, dass die Fami­lie nicht nur Deutsch­land, son­dern dies­mal Euro­pa wie­der ver­lässt, sei er damals im Mai 1937 wie­der frei gekom­men, nach­dem sei­ne Frau die not­wen­di­gen Unter­la­gen besorgt hat­te. Am 15. April 1937 war sein Pass hier in Wies­ba­den um ein Jahr ver­län­gert wor­den, doch die Aus­rei­se ver­zö­ger­te sich bis Sep­tem­ber. Jeden Tag habe er sich in die­ser Zeit bei der Gesta­po mel­den müs­sen. Am 2. Sep­tem­ber – so ist im Pass zu sehen – wur­de für 50 RM vom Wies­ba­de­ner Poli­zei­prä­si­den­ten eine „Dring­lich­keits­be­schei­ni­gung nach Colum­bi­en erteilt“ – was immer das heißt. Vom Frank­fur­ter Kon­su­lat Kolum­bi­ens hat­ten sie ein Ein­rei­se­vi­sum erhal­ten. Die Gesta­po beglei­te­te die Fami­lie bis an die Gren­ze bei Saar­brü­cken. Erst hier wur­den ihnen die Päs­se für die Wei­ter­rei­se ausgehändigt.

Die­se zwei­te Flucht, die eigent­lich eher eine Ver­trei­bung war, ret­te­te sie zumin­dest vor der Ver­nich­tung, aber sie ver­lief alles ande­re als glück­lich. Wie­der ging es zunächst über Frank­reich – das Durch­rei­se­vi­sum schloss dies­mal aus­drück­lich die Ein­rei­se nach Spa­ni­en und sei­ne Ein­fluss­ge­bie­te in Marok­ko aus – nach Süd­ame­ri­ka. Von La Rochel­le aus tra­ten sie auf der „San­ta Ines“ ihre Fahrt an. An der ers­ten Zwi­schen­sta­ti­on, dem spa­ni­schen Orope­sa, kamen sie wegen eines hef­ti­gen Stur­mes erst ver­spä­tet an und ver­pass­ten das nächs­te Schiff, das sie über den Atlan­tik brin­gen soll­te.[24] Die genaue Rou­te ist nicht bekannt, nur ein Visum Pana­mas mar­kiert in den bei­den Päs­sen den unge­fäh­ren Weg nach Kolum­bi­en, das sie im Okto­ber 1937 erreichten.

In der Haupt­stadt Bogo­tá fand die acht­köp­fi­ge Fami­lie zunächst eine Zuflucht und Kurt Wart­ski konn­te hier bald wie­der sei­nen erlern­ten Beruf aus­üben. Aber das Höhen­kli­ma – die Stadt liegt auf 2650 Metern – ver­tru­gen wie so vie­le ande­re Emi­gran­ten auch sie nicht. Beson­ders Kurt Wart­ski muss dar­un­ter gelit­ten haben. Des­halb ent­schloss man sich nach ein­ein­halb Jah­ren, in das auf nur 1500 Meter lie­gen­de Cali zu über­sie­deln. Die fol­gen­den Jah­re hat die Fami­lie in gro­ßer Armut ver­bracht, wie Ire­ne Wart­ski berich­te­te. Neben immer wie­der auf­tre­ten­den Mala­ria­an­fäl­len bei den Eltern – die Kin­der blie­ben ver­schont – sei­en die man­gel­haf­te Ernäh­rung, die stän­di­ge Anspan­nung bei der Bewäl­ti­gung des All­tags, die Sor­gen um die in Deutsch­land zurück­ge­blie­be­nen Ver­wand­ten und die Anstren­gun­gen der Flucht die Grün­de dafür gewe­sen, dass sie seit die­ser Zeit an einer Viel­zahl kör­per­li­cher Gebre­chen und Krank­hei­ten zu lei­den hat­te. Zudem wur­den in die­sen schwe­ren Jah­ren noch zwei wei­te­re Kin­der gebo­ren – kaum vor­stell­bar, mit wel­chen Ent­sa­gun­gen, mit wie viel Ent­beh­run­gen die­se „geglück­te“ Flucht ver­bun­den gewe­sen sein muss.

 

Auch wis­sen wir nicht, ob der Kon­takt zu den Eltern in Wies­ba­den auf­recht­erhal­ten wer­den konn­te. Seit dem 1. Mai 1940 wohn­ten die­se im Juden­haus Alex­and­rastr. 6. Zwar sind die genau­en Hin­ter­grün­de des Umzugs nicht bekannt, man kann ange­sichts des Zeit­punk­tes den­noch ver­mu­ten, dass die­se Ein­quar­tie­rung erzwun­gen wor­den war.

Berech­nung der Reichs­flucht­steu­er für Edu­ard und Frie­da Heil­bron
HHStAW 519/​3 288 (21)

Ein Groß­teil der wert­vol­len Woh­nungs­ein­rich­tung, von der nicht nur die Toch­ter, son­dern auch Bekann­te bzw. Ver­wand­te des Ehe­paars zu berich­ten wuss­ten,[25] wird ver­mut­lich schon anläss­lich die­ses Woh­nungs­wech­sels ver­lo­ren gegan­gen sein, d.h. in einem der Auk­ti­ons­häu­ser Wies­ba­dens ver­schleu­dert wor­den sein.

Edu­ard und Frie­da Heil­bron hat­ten sogar offen­sicht­lich die schwa­che Hoff­nung, aus Deutsch­land noch her­aus­kom­men zu kön­nen. Die Aale­ner Haus­ver­wal­tung hat­te im Janu­ar 1941, nach dem Ver­kauf des Hau­ses, bei der Devi­sen­stel­le Frank­furt ange­fragt, wohin sie den Betrag für die Reichs­flucht­steu­er in Höhe von 12.000 RM über­wei­sen sol­le. Noch im Novem­ber 1941, im Okto­ber war gera­de ein gene­rel­les Aus­wan­de­rungs­ver­bot für Juden von der Reichs­re­gie­rung erlas­sen wor­den, mach­te das Finanz­amt Wies­ba­den die Devi­sen­stel­le dar­auf auf­merk­sam, dass Heil­brons aus­zu­wan­dern geden­ken.[26] Natür­lich war das zu die­sem Zeit­punkt ein völ­lig illu­sio­nä­res Unter­fan­gen, gleich­wohl hat­te der Staat die fäl­li­ge Steu­er offen­bar kassiert.

Kurt Wartski, Irene Wartski Heilbron, Eduard Heilbrin, Frieda Heilbron
Letz­te Auf­stel­lung über die Lebens­hal­tungs­kos­ten vor der Depor­ta­ti­on
HHStAW 519/​3 288 (23)

Wie das Jahr zwi­schen die­ser Mel­dung aus dem Novem­ber 1941 und der Auf­for­de­rung der Devi­sen­stel­le im Juni 1942, eine aktu­el­le Auf­stel­lung der Lebens­hal­tungs­kos­ten zu über­mit­teln, ver­lau­fen ist, ist nicht bekannt. Zeug­nis­se aus dem Innen­le­ben des Hau­ses lie­gen nicht vor.[27]
Das Ehe­paar war für den am 1. Sep­tem­ber 1942 anbe­raum­ten Trans­port nach The­re­si­en­stadt vor­ge­se­hen. Zwei Tage zuvor, am 30. August 1942, ver­starb Edu­ard Heil­bron. Über die Umstän­de sei­nes Todes gibt es unter­schied­li­che Ver­sio­nen. Auf sei­ner Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist zwar „Selbst­mord“, im offi­zi­el­len Ein­trag im Ster­be­re­gis­ter jedoch „Herz­mus­kel­in­farkt“ ver­merkt.[28] Sei­ne Toch­ter gab spä­ter an, er sei bei der „Ver­haf­tung durch die Staats­po­li­zei“ ver­stor­ben, was sie aller­dings nicht auf­grund eige­ner Zeu­gen­schaft aus­sa­gen konn­te.[29]

Den­noch spricht eini­ges für die­se Vari­an­te. Das Schrei­ben der „Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden Deutsch­lands“ vom 20. August 1942, in dem den zu Depor­tie­ren­den der genaue Ablauf mit­ge­teilt wur­de, besagt, dass sich die Betrof­fe­nen am Sams­tag, den 29. des Monats bis 13 Uhr im Syn­ago­gen­ge­bäu­de in der Fried­rich­stra­ße mit ihrem Gepäck ein­zu­fin­den hät­ten – „Ein­lass ab 10 Uhr“.[30] Allem Anschein nach war Edu­ard Heil­bron hier nicht erschie­nen, wenn er einen Tag spä­ter in sei­ner Woh­nung ver­starb. Es könn­te also sein, dass die Gesta­po ihn hier abho­len woll­te und er dabei vor Auf­re­gung einem Herz­an­fall erlag. Selbst­mor­de von Juden, unmit­tel­bar vor den jewei­li­gen Depor­ta­tio­nen aus­ge­führt, wur­den in den Ster­be­re­gis­tern kei­nes­wegs ver­heim­licht, sodass die ange­ge­be­ne Todes­ur­sa­che nicht in Zwei­fel gezo­gen wer­den muss. Unklar ist aller­dings, wo sich sei­ne Frau Frie­de­ri­ka zu die­ser Zeit auf­hielt, ob sie der Auf­for­de­rung allei­ne Fol­ge geleis­tet hat­te oder sich eben­falls noch in der Woh­nung befand. Sie wur­de – ohne bei der Beer­di­gung ihres Man­nes am glei­chen Tag auf dem jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße teil­neh­men und sich von ihm ver­ab­schie­den zu kön­nen – wie geplant am 1. Sep­tem­ber über Frank­furt nach The­re­si­en­stadt depor­tiert. Nach vier Wochen, am 29. Sep­tem­ber, wur­de sie und 268 wei­te­re Opfer mit dem Trans­port 1653 wei­ter nach Treb­linka gebracht und ermor­det.[31]

 

Grab­stein von Edu­ard Heil­bron auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße, auf dem auch an sei­ne Frau Frie­da erin­nert wird
Eige­ne Aufnahme

Die Toch­ter Ire­ne Wart­ski gehört zu den weni­gen ehe­ma­li­gen jüdi­schen Bür­gern Wies­ba­dens, die nach dem Krieg zurück­kehr­ten.[32] Wegen der kli­ma­be­ding­ten gesund­heit­li­chen Pro­ble­me hat­ten ihr Mann und sie sich dazu ent­schlos­sen und waren zunächst 1957 für elf Mona­te nach Deutsch­land gekom­men. Weil aber die Kin­der und Enkel in Kolum­bi­en zurück­ge­blie­ben waren, sie sich hier rela­tiv schnell wie­der erholt hat­ten, wag­ten sie dann doch noch ein­mal in das Land ihres Exils zurück­zu­keh­ren. Auch muss­ten, soll­te es zur end­gül­ti­gen Über­sied­lung nach Deutsch­land kom­men, dort die Ver­hält­nis­se geklärt, vor­han­de­nes Eigen­tum ver­kauft und der noch unmün­di­ge Sohn Peter geholt wer­den. Da sich ihr Gesund­heits­zu­stand dort zudem sehr schnell wie­der ver­schlech­ter­te, ent­schlos­sen sie sich 1961 zu die­sem Schritt. Von Bre­mer­ha­ven kom­mend tra­fen sie am 6. April mit ihrem jüngs­ten Sohn, der in Deutsch­land stu­die­ren soll­te, in Wies­ba­den ein. Es ist zwar nur eine Mar­gi­na­lie, aber den­noch bezeich­nend dafür, wie man hier damals mit den Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus umging: Das Hotel, das sie bezo­gen hat­ten, muss­ten sie am sel­ben Abend wie­der ver­las­sen, weil die Zim­mer für einen Ärz­te­kon­gress gebraucht wur­den![33]

Irene Wartski, Heilbron
Geschäfts­auf­ga­be von Ire­ne Wart­ski im Jahr 1964
HHStAW 518 43509 (160)

Für die Zurück­ge­kom­me­nen begann nun der lan­ge Kampf mit den Behör­den um Ent­schä­di­gun­gen, um Ren­te, um Erstat­tung von medi­zi­ni­schen Kos­ten und vie­les ande­re mehr. Der klei­ne Laden für Kurz‑, Weiß- und Woll­wa­ren, Spiel­sa­chen und Papier­wa­ren, den sie am 2. Janu­ar 1962 mit einem Teil der Ent­schä­di­gungs­sum­me in der Blü­cher­str. 27, wo sie im zwei­ten Stock auch wohn­ten, eröff­net hat­ten, warf jedoch kei­nen Ertrag ab. Im Gegen­teil, man mach­te nur Ver­lus­te. Bei­de lit­ten wei­ter­hin an den gesund­heit­li­chen Fol­gen des Exil­auf­ent­halts, sodass der Laden oft nicht geöff­net wer­den konn­te. Nach­dem Kurt Wart­ski am 1. Mai 1963 im Alter von 66 Jah­ren ver­stor­ben war, gab die Wit­we im fol­gen­den Jahr das Geschäft auf.[34]

Am 20. Mai 1997 ist sie in Cali, der Stadt, in der sie die Nazi­zeit unter schwie­rigs­ten Bedin­gun­gen über­leb­te und wo die Fami­li­en ihrer vie­len Kin­der noch immer leb­ten,[35] im hohen Alter von fast 90 Jah­ren ver­stor­ben.[36]

Juden Judenhaus Wiesbaden Alexandrastr. 6
Stol­per­stei­ne in Aalen für die Fami­lie Heilbron/​ Wartz­ky

Fast zwan­zig Jah­re spä­ter wur­den am 21. Febru­ar 1918 in Aalen die ers­ten Stol­per­stei­ne ver­legt. Sie erin­nern in der dor­ti­gen Bahn­hofstr. 18 an das Schick­sal der Fami­lie Heil­bron /​ Wart­ski, das über vie­le Jah­re eng mit Wies­ba­den ver­bun­den war.

 

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Unbe­kann­te Lis­te X 1 1942.

[2] HHStAW 518 14201 (66). So die Aus­kunft des Finanz­amts Aalen 1958. Im Fami­li­en­re­gis­ter der Stadt Aalen ist fest­ge­hal­ten, dass die Fami­lie am 15.8.1931 nach Wies­ba­den ver­zo­gen war, sie­he Fami­li­en­re­gis­ter der Stadt Aalen Fam. Reg. AAH II S. 259–260.

[3] Sein Vater war Moses Heil­bron, die Mut­ter Julia war eine gebo­re­ne Samu­el, sie­he Fami­li­en­re­gis­ter der Stadt Aalen Fam. Reg. AAH II S. 259–260. Zwar gab es in Hagen eine grö­ße­re Zahl Fami­li­en namens Heil­bron, eine genaue­re genea­lo­gi­sche Zuord­nung war bis­her aber nicht mög­lich. Auch wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum fami­liä­ren Hin­ter­grund konn­ten bis­her nicht ermit­telt werden.

[4] Zacha­ri­as Stern war am 9.10.1835 in Hed­des­heim gebo­ren wor­den und starb hier auch am 19.1.1892. Die Eltern waren Eli­as und Phil­ip­pi­na, geb. Ehren­stamm. Sara Men­del war am 5.6.1836 in Nie­der­wie­sen gebo­ren wor­den. Sie ver­starb am 26.4.1924 in Hed­des­heim, dem heu­ti­gen Gul­den­tal, wo auch ihr Mann begra­ben ist.

Die acht Kin­der der Fami­lie Stern waren: Stern, Moses, geb. 29.12.1863 in Hed­des­heim (Beruf wie der Vater), gest. 24.04.1943 The­re­si­en­stadt (depor­tiert am 25.07.1942); ver­hei­ra­tet mit Kahn, Lina, zuletzt wohn­haft in Duis­burg; Stern, Mar­kus geb. 27.02.1866 in Hed­des­heim, depor­tiert nach The­re­si­en­stadt, am 25.07.1942 wei­ter nach Treb­linka, Todes­tag unbe­kannt, ver­hei­ra­tet mit Vogel, Fan­ny, zuletzt wohn­haft in Duis­burg; Stern, Bene­dict, geb. 15.12.1867 in Hed­des­heim, wei­ter nichts bekannt; Stern, Frie­de­ri­ka geb.26.04.1870 Hed­des­heim; Stern, Lud­wig, geb. 19.06.1872 Hed­des­heim, wei­ter nichts bekannt; Stern, Ber­tha geb. 09.01.1875 Hed­des­heim, gest.  21.03.1937 Bad Kreuz­nach; Stern, Rosa­lia, geb. 11.02.1877 Hed­des­heim, gest. 17.09.1877 Hed­des­heim; Stern, Hein­rich, geb. 31.08.1879 Hed­des­heim,  depor­tiert am 01.12.1941 nach Riga-Jung­fern­hof, Todes­tag unbe­kannt, ver­hei­ra­tet mit Lin­dau­er, Augus­te, zuletzt wohn­haft in Stutt­gart. Die Infor­ma­tio­nen zur Fami­lie Stern ver­dan­ke ich einer Mit­tei­lung des Stan­des­amts Lan­gen­lons­heim. Die Geburts­ur­kun­de von Frie­de­ri­ka Stern mit den Anga­ben zu den Eltern ist auch in der Ent­schä­di­gungs­ak­te ihrer Toch­ter Ire­ne Gise­la ent­hal­ten, sie­he HHStAW 518 43509 (11).

[5] HHStAW 518 14201 (10, 24). Nicht gesi­chert sind die Anga­ben über die Zeit­an­ga­be über den Kauf des Hau­ses und die Eröff­nung des Geschäfts. Hier wur­den die neue­ren Anga­ben über­nom­men, die einem Zei­tungs­ar­ti­kel von Erwin Hau­er über das Schick­sal des Hau­ses in der „Reichs­po­grom­nacht“ ent­stam­men, sie­he Schwä­bi­sche Post vom 08.11.2005. Die Toch­ter der Heil­brons, Ire­ne Wart­ski, hat­te in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung vom 8.7.1957 ange­ge­ben, die Fir­ma sei 1903 gegrün­det wor­den, also noch vor dem Kauf des Hau­ses. Sie­he HHStAW 518 14201 (24). Mög­li­cher­wei­se gab es zuvor ein Geschäft unter einer ande­ren Adresse.

[6] Zitiert nach Bau­er, Karl­heinz, Juden im Raum Aalen, in: Aale­ner Jahr­buch 1984, S. 327. Sie­he hier auch die Berich­te über die wei­te­ren Anfein­dun­gen, die die Fami­lie Heil­bron und die ande­ren Juden zu ertra­gen hat­ten, i.B. S. 327–329.

[7] HHStAW 518 14201 (105).
Bau­er, Juden im Raum Aalen, S. 329 berich­tet über die wei­te­ren Gescheh­nis­se und zitiert hier erneut den „Chro­nis­ten“ der ört­li­chen NS-Bewe­gung, einen Stu­di­en­di­rek­tor Mutschler:
„Mutsch­ler berich­te­te dar­über: ‚Am 18. Sep­tem­ber wur­de die­ses Ramsch­ge­schäft mit echt jüdi­schen Lock­mit­teln eröff­net, und der Zulauf war dem­entspre­chend!’ Zur Eröff­nung gab es Omni­bus­frei­fahr­ten für die Kund­schaft aus der länd­li­chen Umge­bung. Die ört­li­chen gewerb­li­chen Ver­ei­ne hat­ten ver­geb­lich Pro­test gegen die­ses Geschäft erho­ben und die NSDAP agi­tier­te gegen das Unheil der jüdi­schen Waren­häu­ser. Am 3. Okto­ber fand ein öffent­li­cher Vor­trag über ‚Waren­häu­ser — die Ver­nich­ter des Mit­tel­stands’ statt. Der Besuch war schwach. Irgend jemand hat­te behaup­tet, daß an dem Wohl­wert-Bau auch ein Natio­nal­so­zia­list mit­ge­ar­bei­tet habe. ‚Mit die­sem Ein­wand, der dann immer wie­der ins Feld geführt wur­de, glaub­te man sich recht­fer­ti­gen zu kön­nen, wenn man jetzt mit Vor­lie­be bei Wohl­wert einkaufte!’“

[8] Alfred Bier­mann wur­de nach sei­ner Frei­las­sung spä­ter erneut ver­haf­tet und nach Ausch­witz ver­bracht, wo er am 11.8.1941 ums Leben kam, Kurt Bier­mann gelang zunächst nach sei­nem KZ-Auf­ent­halt in Buchen­wald die Flucht über Bel­gi­en nach Frank­reich, aber auch er wur­de fest­ge­nom­men und gelang­te eben­falls nach Ausch­witz. Sein Tod ist im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs mit dem 4.9.1942 datiert.

[9] Zuvor war die Ehe mit Alfred Bier­mann am 14.2.1939 auf­ge­ho­ben wor­den. Unter dem Namen „Kauf­haus Helm“ fir­mier­te das Geschäft bis 1947, bevor es an die Fir­ma Coop ver­kauft wur­de, sie­he Schwä­bi­sche Post vom 8.11.2005.

[10] HHStAW 518 1201 (113) Ein zuvor ver­ein­bar­ter Ver­kauf des Hau­ses an die Kreis­spar­kas­se Aalen war von der „Minis­te­ri­al­ab­tei­lung für Bezirks- und Kör­per­schafts­ver­wal­tung“ nicht geneh­migt wor­den, sie­he HHStAW 519/​3 288 (6).

[11] HHStAW 518 14201 (114).Rechtliche Basis für die Abga­be war §15 der Ver­ord­nung vom 15.12.1938. Sie­he dazu oben das Kapi­tel „Der gro­ße Raubzug“.

[12] HHStAW 518 14201 (113) und HHStAW 519/​3 288 (14).

[13] HHStAW 519/​3 288 (1, 3, 4).

[14] Die Schwes­ter gab an, dass Wil­li sich zunächst ganz nor­mal ent­wi­ckel­te, dann aber im 4. Lebens­jahr nach einer Diph­the­rie­er­kran­kung und der Behand­lung mit einem nicht genann­ten Serum sich psy­chisch der­art ver­än­der­te, dass er in einer Heil- und Pfle­ge­an­stalt unter­ge­bracht wer­den muss­te. HHStAW 518 43509 (73 f.).

[15] Die zeit­li­che Anga­be über die Ermor­dung  auf dem Ein­trag im Namen- und Gedenk­buch der Gedenk­stät­te Gra­feneck. Laut Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz und im Fami­li­en­re­gis­ter der Stadt Aalen Fam. Reg. AAH II S. 259–260 fand die Tötung erst am 22.9.1940 statt.

[16] Die Doku­men­te über den Schrift­wech­sel zwi­schen der Anstalt Stet­ten und Edu­ard Heil­bronn und auch den dort ein­ge­tra­ge­nen Todes­tag ver­dan­ke ich Herrn Wie­land von der Stol­per­stein­in­itia­ti­ve Aalen, die sich eben­falls mit dem Schick­sal ihres ehe­ma­li­gen jüdi­schen Mit­bür­gers Edu­ard Heil­bronn und sei­ner Fami­lie befasst.

[17] In einem unda­tier­ten Brief an die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de gibt er sehr detail­liert Aus­kunft über die­se Pha­se sei­nes Lebens. Er schreibt, dass er sich frei­wil­lig  zum Gre­na­dier­re­gi­ment in Schweid­nitz gemel­det habe, dann bis 1918 an der Front im Infan­te­rie­re­gi­ment 23 des 6. Armee­korps, nur unter­bro­chen von den zwei Ver­wun­dun­gen, gedient habe. Als Aus­zeich­nun­gen habe er das EK II und den Orden Schle­si­scher Adler 2. und 1. Klas­se, zudem das Ver­wun­de­ten­ab­zei­chen erhal­ten. Bei der nach dem Ers­ten Welt­krieg anbe­raum­ten Abstim­mung über die Zuge­hö­rig­keit Ober­schle­si­ens habe er gegen Polen und für das Deut­sche Reich votiert. Alle die­se Anga­ben deu­ten doch eher auf eine sol­che zumin­dest frü­her vor­han­de­ne natio­na­le Hal­tung hin. Sicher schwingt in der Beto­nung der erbrach­ten Leis­tun­gen und Opfer auch die Ent­täu­schung über den „Undank des Vater­lan­des“ mit. HHStAW 518 56377 (75).

[18] HHStAW 518 56377 (107). Sei­ne Eltern waren Adolf Wart­ski und des­sen Frau Sara, geb. Gold­stein, sie­he HHStAW 518 56377 (4).

[19] HHStAW 518 56377 (48). Auf­ent­halts­be­schei­ni­gung. Inzwi­schen waren die Kin­der Wer­ner (1927), Inge (1928) und Her­bert (1931) gebo­ren wor­den und Ire­ne war im Som­mer 1933 erneut hoch­schwan­ger mit dem vier­ten Kind Mar­le­ne. Sie­he Im Ein­trag im Rei­se­pass von Ire­ne Wart­ski HHStAW 518 14201.

[20] Der Rei­se­pass ist im Ori­gi­nal in der Ent­schä­di­gungs­ak­te HHStAW 518 14201 ent­hal­ten. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zur Emi­gra­ti­ons­ge­schich­te ent­hält die Ana­mne­se eines Arz­tes von Ire­ne Wart­ski aus dem Jahr 1963, sie­he HHStAW 518 43509 (71–78) und Brie­fe von Kurt Wart­ski an die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de, sie­he HHStAW  518 56377. Im Rei­se­pass von Ire­ne Wart­ski sind neben den bereits genann­ten noch die fol­gen­den Kin­der ein­ge­tra­gen: Mar­le­ne wur­de am 11.7.1933 kurz nach der Flucht und die Zwil­lin­ge Lili­an und Ali­ce am 10.7. 1934 gebo­ren. Spä­ter kamen noch Susan­ne und Peter hin­zu, letz­te­rer am 7.12.1943 im kolum­bia­ni­schen Exil.

[21] HHStAW 518 56377 (109).

[22] HHStAW 518 56377 (75, 109). In der letz­ten Quel­le gibt Kurt Wart­ski an, mit „dem Kriegs­schiff ‚Bes­sel’ unter Zurück­las­sung von Hab und Gut nach Deutsch­land zurück gekehrt“ zu sein.

[23] HHStAW 518 14201 (12, 16).

[24] HHStAW 518 56377 (72).

[25] HHStAW 518 14201 (28)

[26] HHStAW 519/​3 (11, 21). In HHStAW 518 14201 (26) wur­de 1957 vom Finanz­amt Wies­ba­den bestä­tigt, dass für Edu­ard Heil­bron eine Reichs­flucht­steu­er von 8.149 RM fest­ge­setzt und auch ent­rich­tet wor­den sei.

[27] Die recht genaue Auf­stel­lung der Lebens­hal­tungs­kos­ten gibt aber zumin­dest einen Ein­blick in die Lebens­ge­stal­tung jüdi­scher Bür­ger in der dama­li­gen Zeit. Aus der Gesamt­sum­me von 480 RM ergibt sich aber, dass die Anga­ben nur für die Grup­pe der Glau­bens­brü­der gilt, die deut­lich mehr als der Durch­schnitt an Ein­kom­men zur Ver­fü­gung hat­te. Die Mie­te betrug 110 RM, für Hei­zung Ener­gie fie­len etwa 50 RM an, für Lebens- und Genuss­mit­tel wur­den 200 RM ver­an­schlagt, 20 RM für Arz­nei (bei­de chro­nisch krank), 20 RM für die Rei­ni­gung, 30 RM für die Putz­frau, 20 RM für anfal­len­de Repa­ra­tu­ren an Klei­dung, Schu­hen und Haus, 15 RM für Ersatz­an­schaf­fun­gen, mit 10 RM wur­den Bedürf­ti­ge unter­stützt, für Sons­ti­ges (Fri­seur) wur­den 5 RM aus­ge­ge­ben. HHStAW 519/​3 288 (23).

[28] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1942/​1847. Gemel­det wur­de der Todes­fall von Lud­wig Fried aus der Kapel­len­str. 26, der dank der Tat­sa­che, dass er in einer Misch­ehe leb­te, den Holo­caust überlebte.

[29] HHStAW 518 14201 (10).

[30] Zit. nach: Juden in Wies­ba­den, a.a.O. S. 67.

[31] http://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​1​4​4​0​7​-​f​r​i​e​d​e​r​i​k​e​-​h​e​i​l​b​r​o​nn/. (Zugriff: 18.11.2017). Sie­he auch Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, a.a.O. S. 319 f.

[32] Die Autoren des Aus­stel­lungs­ka­ta­logs „Juden in Wies­ba­den“ geben die Zahl der Zurück­ge­kehr­ten mit 10 an, sie­he Juden in Wies­ba­den,  S. 66.

[33] HHStAW 518 43509 (26).

[34] HHStAW 518 43509 (121–126)

[35] Sie­he dazu die Anm. oben. In GENI sind die wei­te­ren Mit­glie­der der Fami­lie ver­zeich­net, sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​0​2​9​6​5​7​5​888. (Zugriff: 18.11.2017).

[36] Ein­trag in der Genea­lo­gi­schen Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wies­ba­den. Ein Bild des Grab­steins ist zu fin­den: http://​www​.cemen​te​rio​hebreo​de​ca​li​.com/​n​o​d​e​/​1​391 (Zugriff: 18.11.2017 — Link ist inzwi­schen abge­schal­tet 10.04.2019). Sie muss um 1996 Deutsch­land wie­der ver­las­sen haben, denn letzt­ma­lig ist sie im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1994/​95, hier mit der Adres­se Drei-Lili­en­platz 1 eingetragen.