Flucht in den Tod


Steinberg Judenhaus Wiesbaden Jude
Das Juden­haus Grill­par­zer­str. 9 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Grillparzerstr. 9 Wiesbaden
Das Haus Grill­par­zer­str. 9 seit­lich der Bie­bri­cher Allee
Judenhaus Grillparzerstr. 9, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Grill­par­zer­str. 9

 

 

 

 

 

 


Sechs jüdi­sche Mit­bür­ger hat­ten sich in die­sem Haus in der Grill­par­zer­stra­ße das Leben genom­men, weil das Leben ohne­hin uner­träg­lich gewor­den war, weil sie die Höl­len­fahrt der Depor­ta­tio­nen, an deren Ende auch nur ein noch viel grau­sa­me­rer Tod ste­hen wür­de, nicht mehr erle­ben woll­ten. Jul­chen Blu­men­thal, Ber­tha Blü­ten­thal, Elfrie­de und Moses Stein­berg, Ali­ce und Mat­hil­de Strauss.

Sechs allein in einem Haus, inner­halb weni­ger Tage. Sechs von 35, die in der kur­zen Zeit­span­ne vom 20. August bis zum letz­ten Tag vor der Depor­ta­ti­on am 1. Sep­tem­ber, auf die­se Wei­se ent­schie­den, nicht zu gehen.[1] Auf die Fra­ge des Staats­an­walts im Eich­mann-Pro­zess ant­wor­te­te die Zeu­gin Hil­de­gard Her­schel auf des­sen Fra­ge, ob es eine Mög­lich­keit gege­ben habe, sich der Depor­ta­ti­on zu ent­zie­hen, knapp mit „Nur durch Selbst­mord.“[2]

Wie vie­le es in ganz Deutsch­land waren, ist nur schwer zu schät­zen. Wäh­rend der Zeit zwi­schen 1941 und 1943, in der die Depor­ta­tio­nen ihren Höhe­punkt erreich­ten, sol­len es nach Kwiet min­des­tens 3000 bis 4000 gewe­sen sein. Allein in Ber­lin, wo die meis­ten Juden leb­ten, lag nach Goe­schel zwi­schen 1942 und 1943 jedem vier­ten Todes­fall unter Juden ein Akt der Selbst­tö­tung zugrun­de. Wäh­rend um 1940 die jüdi­sche Bevöl­ke­rung noch etwa 2 Pro­zent der Ber­li­ner Gesamt­be­völ­ke­rung aus­mach­te, war dort in die­ser Zeit fast jeder zwei­te offi­zi­ell gemel­de­te Selbst­mord der eines Juden.[3]

Ange­sichts einer sol­chen „Selbst­mor­d­epi­de­mie“ scheint die Hand­lung, die jeder Ein­zel­ne wahr­schein­lich in immenser Angst und Ver­zweif­lung an sich voll­zie­hen muss­te, zu ver­blas­sen, gera­de­zu zu ver­schwin­den in der Mas­se der Toten, nur mehr ein Phä­no­men zu sein. Sie voll­zo­gen die­se Tat, wie der israe­lisch-öster­rei­chi­sche His­to­ri­ker Her­bert Rosen­kranz bemerk­te, zumeist in ihrer Woh­nung, in ihrem Zim­mer, „still“ und „unbe­merkt“.[4] Auch bei den sechs Bewoh­nern der Grill­par­zer­stra­ße war die Tat sicher nicht eine Form des Wider­stands im übli­chen Sin­ne. Es soll­te kein Fanal, kein sym­bo­li­scher Akt sein, kein Auf­ruf an die ande­ren, end­lich auch ihr Leben in die Waag­scha­le zu wer­fen. Auch das hat es ver­ein­zelt gege­ben,[5] für die sechs, die sich in der Grill­par­zer­stra­ße umbrach­ten, für die war es zu spät. Es waren alte Men­schen, fünf Frau­en, ein Mann, [6] gezeich­net von den letz­ten zehn Jah­ren; des Lebens müde, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Wir wis­sen nicht, ob die­ses Bedürf­nis nach Ruhe ver­bun­den wur­de mit escha­to­lo­gi­schen Hoff­nun­gen, in wel­cher Form auch immer, oder ob selbst der erwar­te­te Fall in ein schwar­zes Loch tröst­li­cher schien, als ein Wei­ter­le­ben hier. Sicher steht hin­ter jedem die­ser Selbst­mor­de eine je eige­ne Lebens- und Lei­dens­ge­schich­te. Es bleibt auch dann, wenn es vie­le tun, ein im höchs­ten Maße indi­vi­du­el­ler Akt. Resi­gna­ti­on, Angst, Ver­zweif­lung, Ein­sam­keit haben sie zu die­sem Schritt gebracht. Es kann nicht dar­um gehen, die­ses Tun zu über­hö­hen – und den­noch haben sie damit etwas getan, was weit über die unmit­tel­ba­re Tat hin­aus­weist, näm­lich auf das Fun­da­ment unse­rer Ver­fas­sung, auf die Wür­de des Men­schen, die sie nur auf die­se Wei­se für sich zu bewah­ren wussten.

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] HHStAW 519/​2 1381. Allein am 29. August gab es 11 Todes­op­fer. Die Zusam­men­stel­lung der Opfer in einem Schrei­ben der Gesta­po Frank­furt vom 11.9.1942 an das Finanz­amt Wies­ba­den, lässt einen auch heu­te noch erschau­dern, ange­sichts der Käl­te des damit inten­dier­ten Ver­wal­tungs- und Ver­wer­tungs­akts. „Betr.: Beschlag­nah­me des Ver­mö­gens der­je­ni­gen Juden, die nach Bekannt­ga­be ihrer für den 1.9.1942 vor­ge­se­he­nen Eva­ku­ie­rung ver­stor­ben sind.“ Es fol­gen die Namen mit Anga­ben zur Per­son und dem Todes­da­tum. Der abschlie­ßen­de Satz lau­tet: „Zah­lun­gen dür­fen nur mit Geneh­mi­gung des Finanz­amts Wies­ba­den, dem die Ver­wal­tung und Ver­wer­tung des Ver­mö­gens der vor­be­zeich­ne­ten Juden obliegt, geleis­tet wer­den. Aus­ge­nom­men hier­von sind unauf­schieb­ba­re Zah­lun­gen für Steu­ern, öffent­li­che Abga­ben und Hypothekenzinsen.“

[2] Zit. nach Kwiet, Esch­we­ge, Selbst­be­haup­tung, S. 203.

[3] Goe­schel, Selbst­mord im Drit­ten Reich, S. 169.

[4] Kwiet, Esch­we­ge, Selbst­be­haup­tung, S. 201.

[5] Kwiet, Esch­we­ge, Selbst­be­haup­tung, S. 200.

[6] Goe­schel weist dar­auf hin, dass sich in die­ser Zeit unter Juden die sonst typi­sche Geschlech­ter­re­la­ti­on bei Selbst­mor­den schlecht­hin umkehr­te und sich nun mehr Frau­en als Män­ner töte­ten, die­se in ihrem Tun auch kon­se­quen­ter waren. Vgl. Goe­schel, Selbst­mord im Drit­ten Reich, S. 168 f.