Dora Hirschkind, ihre Schwester Lilly und Theobald Hirschkind

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Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Judenhaus in der Bahnhofstr. 25 heute
Eigene Aufnahme
Wiesbaden Bahnhofstr. 46 Sebald Strauss
Lage des Judenhauses
Judenhaus Wiesbaden Juden
Belegung des Judenhauses Bahnhofstr. 25

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Dora Hirschkind und ihre Schwester Lilly mit ihrem Mann Theobald Hirschkind wohnten in Wiesbaden vor ihrer Deportation in unterschiedlichen Judenhäusern, Dora in der Bahnhofstr. 25 und Lilly mit Theobald in der Lortzingstr. 7. Aber die Familien waren auf vielfältige Weise so eng miteinander verbunden, dass ihr Schicksal hier in einem Kapitel dargestellt werden soll.

Stammbaum der Familien Hirschkind – Kupfer
(GDB-PLS)

Die beiden Schwestern, geborene Kupfer, wie auch ihre jeweiligen Ehemänner stammten ursprünglich aus Ostbayern, aus dem fränkischen bzw. oberpfälzischen Raum. Wie in jüdischen Familien nicht unüblich, waren die beiden Schwestern Kupfer jeweils mit Brüdern aus der Familie Hirschkind verheiratet, die seit vielen Jahren in dem mittelfränkischen Städtchen Baiersdorf im heutigen Kreis Erlangen ansässig war. Seit dem 14. Jahrhundert besaß der Ort Stadtrechte und um dieselbe Zeit hatten sich dort vermutlich auch die ersten Juden angesiedelt. Wie überall sonst erlebten auch sie sehr unterschiedliche Zeiten. Phasen der Reglementierung, Verfolgung und Vertreibung wechselten mit solchen, in denen ihre Neuansiedlung gefördert und ihre Wirtschaftstätigkeit von oben protegiert wurde.[1] Die Blütezeit der Gemeinde, deren Rabbi über viele Jahre sogar die Stellung eines Oberrabbiners im Bereich der ehemaligen Markgrafschaft Bayreuth inne hatte, lag im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Damals waren mehr als ein Viertel der Bewohner Baiersdorfs jüdischen Glaubens. Fast einhundert Familien mit insgesamt 457 Mitgliedern sind in einer Aufstellung aus dem Jahr 1811 gelistet.[2] Den Namen Hirschkind sucht man in dieser Liste allerdings vergebens. Wann sie nach Baiersdorf kamen, ist nicht bekannt.

Judenhaus Bahnhofstr. 25 Wiesbaden, Hirschkind
Grabmal von Philipp Hirschkind in Baiersdorf
Mit Genehmigung von T. Föhl

Zwar verließen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung viele Juden die Stadt, um in den Zentren wie Erlangen oder Nürnberg ihren wirtschaftlichen Erfolg zu suchen – um 1900 hatte Baiersdorf nur noch einen jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa 2,5 Prozent -, aber zumindest einzelne Zweige der recht weitläufigen Familie Hirschkind gehörte zu denen, die damals blieben. Sie übten den traditionsreichen Metzgerberuf aus und dienten als Schochet in der Gemeinde. Philipp Hirschkind war der letzte Schächter, der die Region mit koscherem Fleisch versorgte.[3] Der Lokalhistoriker Gemeinhardt stellt in einer seiner Schriften über das Baiersdorfer Judentum fest, dass dieses ein „aktiver Teil der Gesamtgesellschaft“ und völlig „in das Gemeindeleben integriert gewesen“ sei. Juden waren im Stadtrat vertreten, die beiden Söhne von Philipp Hirschkind, Ernst und Max, hatten beide im Ersten Weltkrieg ihr Leben gelassen. Ihr Name befindet sich auf dem Ehrenmal für die Gefallenen neben denen der christlichen Kriegsopfer. Auch ihr Bruder Heinrich, ebenfalls Metzger von Beruf, hatte seinen Militärdienst geleistet, den Krieg aber überlebt.[4] Auch im Vereinsleben der Stadt, besonders bei der Feuerwehr, spielten die Hirschkinds eine bedeutende Rolle. Neben Philipp wurde auch sein Bruder Louis bzw. Lazarus Hirschkind in den Protokollbüchern immer wieder erwähnt, Letzterer wurde sogar zum Ehrenmitglied der örtlichen Feuerwehr ernannt.[5]

Dieser um 1846 geborene Lazarus Hirschkind, der ebenfalls das Metzgerhandwerk erlernt hatte, war der Vater der Ehemänner von Dora und Lilly Hirschkind. Mit seiner Frau, der im Mai 1846 geborenen Mina Gerstle, hatte er insgesamt fünf Kinder, die Tochter Eugenie, des Weiteren die Söhne Richard, Hugo, Theobald und zuletzt Albert.[6]

Dreien der Kinder gelang es nach der Machtübernahme der Nazis rechtzeitig in die USA auszuwandern. Im Januar 1939 waren die Formalitäten für die Auswanderung von Eugenie Hirschkind, die den Arzt Dr. Adolf Godlewsky geheiratet und mit ihm zuletzt in Frankfurt gewohnt hatte,[7] schon weitgehend abgeschlossen. Eine detaillierte 24-seitige Liste des Umzugsguts, darunter auch einige Kleinmöbel, war eingereicht, überprüft und genehmigt worden.[8] Ihr Ziel war die britische Stadt Birmingham, wohin sie am 20. März 1939 gemeinsam gehen wollten. Bis zu diesem Termin war die Reichsfluchtsteuer von 19.000 RM, die auf der Basis des Vermögens von 97.000 RM im Jahr 1935 berechnet worden war, zu begleichen.[9] Für die neu angeschafften Güter hatten sie zudem eine Dego-Abgabe von 8.300 RM zu entrichten. Den gesamten Schmuck und andere Gegenstände aus Edelmetallen mussten sie zuvor bei der städtischen Pfandleihe abgeben, dafür sollten sie „zu gegebener Zeit“ einen Betrag von 514 RM erhalten. [10] Ob die Ausreise zum geplanten Termin stattfinden konnte, ist nicht bekannt. Zumindest der Transfer der letzten Güter verzögerte sich bis in den Mai hinein. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde die letzte Genehmigung erteilt.[11] Gleichwohl gelang die Ausreise zunächst nach England, später auch die Weiterreise in die USA, wo das Paar den Namen Godley annahm.

 

Ob es sich bei dem im Frankfurter Jüdischen Adressbuch von 1935 genannten Albert Hirschkind, einem Prokuristen, um den jüngsten Sohn handelt, der nach dem Krieg ebenfalls als Berechtigter im Entschädigungsverfahren genannt ist, muss offen bleiben. Auf jeden Fall war Albert ebenfalls die Flucht gelungen. Wann er nach England ausgewandert war, konnte nicht ermittelt werden. Aber am 6. September 1943 schiffte sich der 70jährige mit seiner 64 Jahre alten Frau Emma auf der „Jamaica Producer“ in Avonmouth bei Bristol zur Überfahrt nach Amerika ein. Sie erreichten New York am 24. September. Als Kontaktperson hatten sie für England ihren Schwager M. Gerstle angegeben, in New York erwartete sie ihr Sohn L. Hirschkind.[12]

 

Auch Richard, dem zweitjüngste Sohn der Hirschkinds, gelang mit seiner Frau Auguste, geborene Baer, und den Kindern noch die Auswanderung in die Vereinigten Staaten.[13] Ihr Weg in die Emigration führte sie sogar über Wiesbaden, wo Richards Bruder Theobald und seine beiden Schwägerinnen Dora und Lilly inzwischen lebten. Wie lange sie sich hier aufhielten, ist nicht bekannt, aber auf der Passagierliste der „Oriente“, mit der sie am 10. März 1940 von Havanna / Kuba kommend die USA in New York erreichten, ist Wiesbaden als letzter Aufenthaltsort, sogar als „last permanent residence“ eingetragen.[14] Eine Gestapo-Karteikarte, wie sonst auch bei kurzen Aufenthalten nicht außergewöhnlich, ist für sie aber nicht angelegt worden.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 25
US-Zensus von 1940 mit Eintragungen zu Richard Hirschkind bzw. Hickins und seiner Familie
https://www.ancestry.com/interactive/2442/m-t0627-02670-00300?pid=15777505&backurl=https://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?dbid%3D2442%26h%3D15777505%26indiv%3Dtry%26o_cvc%3DImage:OtherRecord&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true

Aus der Ehe von Richard und Auguste Hirschkind waren zwei Kinder hervorgegangen. Die Tochter Edith Hertha war am 31.August 1914 in Krefeld, ihr Bruder Paul Hugo am 22. Juli 1923 in Dortmund geboren worden. Als Passagiere des Schiffes sind aber nur die Eltern und der Sohn, nicht aber die Tochter eingetragen. Sie war bereits im Oktober 1936 mit dem Schiff „Washington“ von Hamburg aus in die USA gelangt und war dort von ihrem Onkel Ludwig Baer, dem Bruder ihrer Mutter, aufgenommen worden. Die Neuankömmlinge konnten jetzt die Adresse ihrer Tochter, inzwischen verheiratet mit dem in Russland geborenen Abraham Kaplan, in New York als Anlaufstation angeben.

Hickin, Judenhaus, Wiesbaden
Antrag auf Einbürgerung von Richard Hirschkind
Zur Verfügung gestellt Ekkehard Hübschmann, contact@geepeetee.de

Die notwendigen Affidavite hatte ein Arzt Max Baer, vermutlich ein naher Verwandter von Auguste Hirschkind, und ein Kunsthändler namens Hans Liebmann gestellt. Als im Jahr 1940 in den USA ein Zensus erhoben wurde, lebte die Familie in New York und hatte inzwischen den Namen Hickin angenommen. Man kann vermuten, dass es der Familie, wie vielen anderen Emigranten auch, in den ersten Jahren sehr schlecht gegangen sein muss, denn in der Spalte „occupation“ der Zensus-Unterlagen klafft eine Lücke und auch in der Spalte „income“ ist nur eine Null eingetragen. Der als arbeitsuchend erfasste Richard Hirschkind, von Beruf Ingenieur, hatte auch schon im vorausgegangenen Jahr 1939 keine Anstellung gefunden.[15] Aber immerhin hatten sie alle ihr Leben retten können. 1945 wurden sie Staatsbürger des Landes, das sie aufgenommen hatte; Sohn Paul diente zu diesem Zeitpunkt in der amerikanischen Armee.

 

Anders verlief das Schicksal der beiden ebenfalls in Baiersdorf geborenen Söhne Hugo und Theobald. Auch wenn nicht bekannt ist, welchen Schulabschluss die beiden gemacht hatten und in welcher Sparte sie ausgebildet wurden, so werden auch sie eine ihren Brüdern entsprechende Qualifikation erworben haben, den beide heirateten in eine Familie ein, die im mittelfränkischen Ansbach eine hervorragende Stellung innehatte und hohes Ansehen genoss. Der aus Neuhaus stammende Eduard Kupfer hatte dort eine Nähseidenfabrik aufgebaut, die ihre Produkte überregional absetzen konnte und sogar bis heute eine führende Stellung in dieser Branche einnimmt.[16]

Im Heimatort des Firmengründers, in Neuhaus bestand bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine recht große jüdische Gemeinde, zu der laut Matrikelliste von 1824 auch ein Hausierer Michael Kupfer gehörte.[17] Ebenso ist ein Julius Kupfer, geboren 1831, als damaliger Bewohner des Ortes belegt.[18] Wenn auch nicht bekannt ist, ob es sich bei einem der beiden um einen direkten Vorfahren von Eduard Kupfer handelt, der am 2. Juli 1850 geboren wurde, so kann man aber gewiss davon ausgehen, dass es sich um nahe Verwandte des Firmengründers handelte.

Eduard Kupfer, Hirschkind Dora, Lilly Theobald
Alte Briefverschlussmarke der Firma Kupfer aus Papier
Copyright oldthing.de

Schon Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die jüdische Gemeinde in Neuhaus wieder aufgelöst. Zu viele ihrer Mitglieder waren abgewandert, so auch Eduard Kupfer, der mit der am 7. November 1851 geborenen Cerline / Lina Loewel aus Burgkunstadt verheiratet war.[19] In Burgkunstadt muss das Paar auch noch eine Weile gewohnt haben, denn hier kamen die beiden Töchter Dora, geboren am 8. November 1880,[20] und Lilly, geborenen am 23. Dezember 1882,[21] zur Welt. Vermutlich wurde hier auch die später in Ansbach ansässige Nähseidenfabrik gegründet, denn auf einem Firmenbriefkopf von 1950 wird als Gründungsjahr 1878 angegeben, ein Zeitpunkt, zu dem die Familie noch in Burgkunstadt lebte.[22]

Briefkopf der Firma Kupfer aus dem Jahr 1953, in dem das Gründungsjahr 1878 angegeben ist
HHStAW 518 16441 (25)

Dora, die ältere der beiden Töchter war auch diejenige, die zuerst heiratete. Am 8. Juli 1900 ehelichte sie in dem heute zu Ansbach gehörenden Eyb Hugo Hirschkind, den ebenfalls älteren Sohn von Lazarus und Mina Hirschkind.[23] Etwa vier Jahre später, am 12. April 1904 schlossen auch Lilly und Theobald Hirschkind die Ehe.[24] Zu diesem Zeitpunkt scheint Eduard Kupfer bereits aus dem Unternehmen ausgeschieden zu sein. Anders als in der vorgenannten Heiratsurkunde, in der er selbst noch als Kaufmann und Fabrikbesitzer vermerkt ist, wird er jetzt als Privatier und sein Schwiegersohn Theobald hingegen als Fabrikbesitzer bezeichnet. Aber auch der andere Schwiegersohn war inzwischen als Miteigentümer in das zu einer Personengesellschaft umgewandelten Unternehmen aufgenommen worden.

Anders als die Ehe der Letztgenannten, die kinderlos blieb, hatten Hugo und Dora Hirschkind zwei Kinder. Die Tochter Beate wurde am 16. Mai 1902 und der Sohn Max am 28. April 1903 in Ansbach geboren.[25] Dort besaßen die Familien ein großes Areal an der Triesdorfer Straße mit mehreren Häusern, die sowohl als Wohngebäude als auch zur Fabrikation der Seide und Garne genutzt wurden.[26]

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 25
Ansbach, Triesdorferstrasse 15, Eingang zum ehem. Anwesen Eduard Kupfer und Familien Hirschkind
Foto Ekkehard Hübschmann, contact@geepeetee.de, 29.08.2007

Noch bevor die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, waren Eduard Kupfer und seine Frau Lina, aber auch Hugo Hirschkind, der Ehemann von Dora, verstorben.[27] Andererseits waren durch die Eheschließung der beiden nun erwachsenen Kinder von Dora Hirschkind neue Mitglieder in die Familie aufgenommen worden. Beate Hirschkind hatte am 4. Oktober 1923 in den letzten Tagen der Hyperinflation und kurz vor der Ausgabe der Rentenmark[28] den nichtjüdischen Ansbacher Zahnarzt Reinhold Lutz geheiratet, ein Hauptmann und Freikorpskämpfer, der gegenüber der von den Nazis geforderten „nationale Erhebung“ zunächst vermutlich eher wohlwollend eingestellt war.[29]

Max Hirschkind, Hildegard Hirschkind
Spielefabrik Bomeisl 1909
Archiv FürthWiki e. V.

Ihr Bruder Max, der seit 1926 als Prokurist in der Firma fungierte, schloss im Jahr 1935 die Ehe mit der aus Fürth stammenden Jüdin Hildegard / Hilde Bomeisl. Ihre ebenfalls vermögenden Eltern Leopold und Marie Bomeisl, geborene Kleefeld, waren Eigentümer der bekannten Spielefabrik L. Kleefeld in Fürth, in der bis zu 180 Arbeiter und Angestellte beschäftigt waren.[30] Das Paar lebte zunächst in Ansbach, muss aber später nach Fürth gezogen sein.[31]

Hirschkind Juden, Judenhaus Wiesbaden
Werbung der Nähseidenfabrik Kuper aus dem Jahr 1937
http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/a-b/231-ansbach-bayern

1934 wurde nach dem Tod von Hugo Hirschkind für die Nähseidenfabrik Kupfer ein neuer Gesellschaftervertrag geschlossen, laut dem Max Hirschkind und Reinhold Lutz als persönlich haftende Gesellschafter fungierten, Theobald und Dora Hirschkind als Kommanditisten mit Einlagen von jeweils 180.000 RM an dem Unternehmen beteiligt blieben.[32] An den Hausgrundstücken in der Triesdorfer Straße waren die beiden Schwestern jeweils zur Hälfte beteiligt. Die Immobilie wurde per Vertrag vom 1. Juli 1934 an die Firma vermietet.[33]

Wie erfolgreich das Unternehmen einmal gewesen sein muss, lässt sich im Nachhinein an den Vermögen erkennen, die die Eigentümerfamilien später nachweisen konnten bzw. mussten. So gab Dora in einem im Zusammenhang mit ihrer geplanten Auswanderung in einem 1941 ausgefüllten Formular an, im Jahr 1935 ein Vermögen von 461.225 RM besessen zu haben.[34]

Klar war der Familie aber auch, dass sie als Juden unter NS-Regime keine Chance haben würden, ihr Unternehmen und ihr übriges Eigentum zu behalten. Der wachsende Antisemitismus war gerade in Ansbach schon früh zu spüren gewesen.

Juden stellten schon zu Beginn des Jahrhunderts dort eine sehr kleine Minderheit von etwa einem Prozent der Bevölkerung dar. Es gab darunter eine kleine Gruppe mittelständiger Geschäftsleute, die auch von den Konsumenten aller Schichten und Konfessionen aufgesucht wurden, aber sie waren – so Fitz – dort nicht integriert, sondern bestenfalls „geduldet“.[35] Spätestens seit 1933 schlug diese bisher eher latente Judenfeindschaft in offenen und manifesten Judenhass um. Wie vielfach sonst im Reich fanden auch in Ansbach sofort die ersten Aktionen gegen jüdische Geschäfte statt und im gleichen Jahr wurde im Stadtrat ein Beschluss gefasst, der den Zuzug von Juden aus dem Umland untersagte. Aus Protest gegen diese Maßnahme kappten ausländische Firmen alle Geschäftsbeziehungen zu Ansbacher Unternehmen.[36] Ob auch das jüdische Unternehmen Kupfer von diesem Boykotte betroffen war, ist nicht bekannt. Riesige Plakate auf eigens dafür gefertigten Holztafeln – 5 m lang und 2 m hoch – mit der Aufschrift „Die Juden sind unser Unglück“ waren ebenfalls sofort an Brücken und Eisenbahnunterführungen angebracht worden, ganz abgesehen von den vielen kleinen Plakaten, mit denen Handwerker und Ladenbesitzer ihr Geschäft als arisch auswiesen und vor dem Kauf in jüdischen Geschäften warten. Auf den Bahnsteigen und an jeder Straße, die in die Stadt führte, wurde den Ankommenden mitgeteilt, dass Juden hier unerwünscht seien.

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 25
Grabstein von Hugo Hirschkind in Ansbach
Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Ansbach ans-163
URL: http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat?id=ans-163
(letzte Änderungen – 2013-05-07 16:03)

Auch viele der noch dort lebenden Juden zogen die entsprechenden Konsequenzen und verließen die Stadt oder sogar das Land. Von 1933 bis 1938 halbierte sich ihre Zahl von 197 auf etwa 100.[37] Auch Lilly und Theobald Hirschkind verließen angesichts dieser Hetze Ansbach und meldeten sich am 1. August 1934 in Wiesbaden an, wo sie in der Wilhelminenstr. 42 I eine Wohnung bezogen.[38] Ob es für diese Wahl einen besonderen Grund gab, ist nicht bekannt. Möglicherweise war es einfach die Hoffnung, in dieser bei Rentiers so beliebten Stadt als Unbekannte einen ruhigen Lebensabend verbringen zu können. Als Kommanditist war Theobald Hirschkind mit dem operativen Geschäft ohnehin nicht mehr befasst. Dora Hirschkind blieb weiterhin in Ansbach, sicher wegen der Kinder, nicht zuletzt wohl auch, weil hier das Grab ihres verstorbenen Mannes war.

Kupfer, Eduard, Theobald, Hugo Dora, Hirschkind
Boykott-Aufruf gegen jüdische Geschäfte und Firmen in Ansabch
mit Genehmigung des Stadtarchivs Ansbach

1938, noch bevor Göring im Juli seine „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ erließ,[39] wurden in Ansbach die Boykottmaßnahmen verschärft. Der Einzelhandelsverband machte es seinen Lieferanten zur Bedingung, dass die Produktion der gelieferten Waren ausschließlich von rein arischen Unternehmen kommen musste. Immer mehr jüdische Geschäfte und Firmen waren zur Aufgabe gezwungen.

Auch in Ansbach wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Geschäfte und Wohnungen von Juden durch Rollkommandos der SA zertrümmert, ihre Eigentümer bzw. Bewohner in Haft genommen, gedemütigt und verängstigt. An körperliche Gewalt wollte man sich später nicht mehr erinnern, auch Bewohner sollen sich nicht an den Aktionen der SA beteiligt haben. Zwölf Wohnungen waren zum Teil schwer beschädigt worden. Um so erstaunlicher das Resümee der Autorin: „Es kam zu keinen Zwischenfällen und alles blieb ruhig. Erst am nächsten Morgen will die Bevölkerung, die nicht in unmittelbarer Nähe eines Juden wohnte und nicht durch den Lärm bereits nachts aus dem Schlaf gerissen worden war, von der ‚Bescherung’ erfahren haben bzw. sah sie, weil sie nicht zu übersehen war. (…) Die Ausschreitungen fanden – selbst in Parteikreisen – keinen Beifall, doch reagierte man mit Wegsehen oder ängstlichem Stillschweigen.“[40] Vergangenheitsbewältigung derer, die von allem nichts gewusst haben wollen.

Die Familie Hirschkind war aber offenbar an diesen Tagen insofern verschont geblieben, als weder ihre Wohnung noch die Geschäfts- und Fabrikräume zerstört wurden. Allerdings gehörte Max Hirschkind zu den 35 Männern – zu der Zeit lebten nur noch etwa 100 Juden in Ansbach -, die in der Nacht verhaftet und am 12. November zum Teil nach Nürnberg überführt wurden.[41] Ein Teil dieser Gruppe wurde noch nach Dachau verbracht. Ob auch Max Hirschkind darunter war, ist nicht bekannt.

Zu erkennen, dass es höchste Zeit zum Handeln war, bedurfte es nicht der Novemberereignisse, die Menetekel waren schon seit langem nicht mehr zu übersehen gewesen. Sicher hatte man sich in der Familie Hirschkind schon seit erheblicher Zeit darüber Gedanken gemacht, wie man das eigene Leben und auch die Firma retten könne. Um das Unternehmen vor einer Arisierung zu bewahren, zogen sich die jüdischen Familienmitglieder aus der Firma zurück und übertrugen in mehreren Schritten das Kapital auf Reinhold Lutz, den nichtjüdischen Ehemann von Beate, der Tochter von Dora Hirschkind. Bereits im Juli 1938 hatte Dora Hirschkind mit Genehmigung der Regierung Oberfrankens ihre Einlage von 180.000 RM auf 45.000 RM reduziert. 25.000 RM ließ sie sich auszahlen, die übrigen 110.000 RM wurden „dem Kapitalkonto des persönlich haftenden Gesellschafters der Firma Eduard Kupfer, Ansbach, Herrn Dr. Reinhold Lutz, Ansbach, gutgebracht.“[42] Ihren verbliebenen Kommanditistenanteil verkaufte sie dann im Dezember, nachdem der Pogrom gezeigt hatte, dass nichts mehr zu retten sein würde, „infolge der Wertminderung  … als lästiger Gesellschafter“ für nur 10.000 RM ebenfalls an ihren Schwiegersohn Reinhold Lutz. 5.000 RM davon wurden an den Oberbürgermeister und Kreisleiter Hänel und den Kreisobmann der DAF, ein Herr Stich, abgetreten, die darüber „in Vollmacht verfügen“ können sollten.[43] Die gleichen Vereinbarungen wurden auch zwischen Theobald Hirschkind und Reinhold Lutz, notgedrungen auch mit den NSDAP Funktionären der Stadt Ansbach geschlossen.[44] Auch vom Gebäudekomplex in der Triesdorfer Straße trennten sich die Schwestern, sie wurden zu einem Preis von 48.000 RM von der Nähseidenfabrik aufgekauft und in deren Kapitalstock überführt.[45] Zwar wurde Reinhold Lutz gezwungen, die Firma in „Bavaria – Nähseidenfabrik“ umzubenennen, aber Reinhold Lutz hat es verstanden, dass der Namen des jüdischen Unternehmensgründers nicht in Vergessenheit geriet. Der Betrieb konnte mit diesem Kompromiss immerhin die schwierigen Jahre der NS-Zeit überdauern.

Kupfer Eduard, Hirschkind Dora Lilly Theobald
Die von den Nazis erzwungene Umbenennung der Firma findet sich noch auf dem Briefkopf aus der Nachkriegszeit wieder
HHStAW 469-33 2206 (7)

Auch die Erbengemeinschaft von Dora Hirschkind und den Kindern wurde aufgelöst. Beate war bereits abgefunden worden, sodass die Mutter nur noch ihren Sohn Max auszahlen musste. Am 22. November 1938 teilte sie der Regierung Oberfranken mit, dass sie mit Genehmigung des Oberfinanzpräsidenten Nürnberg diesem insgesamt 110.000 RM übertragen habe.[46] Bereits im vergangenen August hatte sie ihm eine Schenkung von 25.000 gemacht, eine gleiche Summe hatte er auch von seinem Onkel Theobald und der Tante Lilly erhalten.[47] In einer Vermögenserklärung vom 2. Dezember 1938 gab Dora Hirschkind an, jetzt noch über ein Vermögen von 190.000 RM zu verfügen.[48]

Nach Abschluss dieser finanziellen Transaktionen verließ auch Dora Hirschkind Ansbach und zog nach Wiesbaden, wo sie bei ihrer Schwester und ihrem Schwager in der Wilhelminenstr. 42 aufgenommen wurde. Dora kam damit einem Beschluss der Stadt Ansbach vom 1. Januar 1939 zuvor, in der alle Juden aufgefordert wurden, die Stadt zu verlassen. Zwar meldete die Fränkische Zeitung schon am 14. Januar 1939, dass Ansbach „judenfrei“ sei, tatsächlich gab es aber bis Jahresbeginn 1940 noch vier Juden in der Stadt und die letzte in Mischehe lebende Jüdin verlies den Ort erst im September 1940.[49] Nach 1945, als man mehr oder weniger beschämt auf die eigene Geschichte zurückblickte, brüstete man sich in Ansbach damit, dass von dort keine Juden deportiert worden seien. Dass man sie bereits zuvor alle vertrieben hatte, verschwieg man geflissentlich.[50]

 

Die sicher persönlich schwierigste Entscheidung bei der Auflösung der Firma hatte Beate Lutz zu treffen. Für sie war damit auch die Auflösung der Ehe verbunden. Man war sich vermutlich zu Recht nicht sicher, ob die Firma in einer kinderlosen Mischehe hätte weitergeführt werden können. Vermutlich wollte sie auch nicht mehr in dem Land bleiben, das ihr alles genommen und ihr gesamtes Leben zerstört hatte. Noch im Herbst 1938 hatte man Überlegungen, sich zu trennen und auszuwandern, gegenüber den Behörden strikt zurückgewiesen.

In einem undatierten Fragebogen, den Beate Lutz ausgefüllt hatte, heißt es unter Punkt 1: „weder mein Mann noch ich wandern aus“ und unter Punkt 3 noch einmal: „Ich beabsichtige nicht auszuwandern (…).“[51]. Der Fragebogen trägt zwar den Eingangsstempel der Devisenstelle Frankfurt mit Datum 4. März 1939, scheint aber bereits 1938 ausgefüllt worden zu sein. In einem Brief an den Oberfinanzpräsidenten Nürnberg vom 28.Oktober 1938, der ebenfalls den Eingangsstempel der Devisenstelle Frankfurt mit der Datierung 4. März 1939 trägt, heißt es nämlich: „Gemäß Ihrer Aufforderung vom 5. Oktober 1938 bez. 11. Oktober 1938 reiche ich die übersandten Fragebogen ein und gestatte mir hierzu folgendes zu bemerken: Eine Auswanderung kommt für mich aus den im Fragebogen ersichtlichen Gründen – Verheiratung mit dem deutschblütigen ehem. Hauptmann Dr. Reinhold Lutz – nicht in Frage.“ Ganz offensichtlich waren die Ereignisse im November maßgebend für den Sinneswandel gewesen.

Damit Beate Lutz ohne weitere Probleme ausreisen konnte, trennten sich die Ehepartner einvernehmlich. Am 4. Juni 1939 wurde die Ehe geschieden,[52] nachdem die Ehefrau praktisch auf alle Ansprüche gegenüber ihrem Mann verzichtet hatte. Dieser übernahm dafür aber die Kosten ihrer Auswanderung nach England, auch die gegenüber den deutschen Behörden. [53] Am 21. Februar 1939 erteilte das Finanzamt Ansbach die notwendige Unbedenklichkeitsbescheinigung. Ihr Vermögen ist hier mit 106.000 RM angegeben, ein Vermögen, das nach der Vereinbarung nun an ihren Noch-Ehemann Reinhold Lutz fallen sollte.[54]

Zu dieser Zeit wohnte Beate Lutz bereits in Wiesbaden, ganz in der Nähe ihrer Mutter bzw. Tante und ihres Onkels in der Wilhelminenstr. 47 im zweiten Stock. Von dieser Adresse aus bat sie noch im Februar die Devisenstelle in Frankfurt darum, ihr Reisegepäck überprüfen zu lassen, da sie so schnell wie möglich Deutschland verlassen wolle. Sie stelle keinen Transferantrag zur Ausfuhr von Kapital, auch besitze sie kein Auslandsdepot, schrieb sie an die Behörde. Einzig ihr Reisegepäck war ihr von dem gesamten einstigen Vermögen geblieben. Sie gab daher auch an, im Ausland sich eine Anstellung suchen zu wollen.[55] Ihr ehemaliger Ehemann musste allein für die Ausfuhr neu erworbener Güter 1.523 RM Dego-Abgabe zahlen.[56]

In England hatte sie wohl zunächst Unterkunft bei ihrer Tante Eugenie Godlewsky in Birmingham gefunden, zumindest ist deren Adresse bei ihrer späteren Ausreise in die USA als Kontakt in England angegeben. Diese erfolgte allerdings erst im Mai 1948. Die damals 46jährige Beate Lutz, von Beruf Sekretärin, gab an zu ihrem Bruder Max zu wollen, der inzwischen in New York lebte.[57]

 

Max und seine Frau mit dem am 12. März 1936 geborenen Sohn Walter Hugo hatten sich ebenfalls entschlossen, Deutschland zu verlassen. Zuvor waren auch sie von den deutschen Finanzbehörden ein großer Teil ihres Vermögens von 200.000 RM geraubt worden. Ein Viertel, d.h. 50.000 RM, musste von Max, weitere 8.250 RM von seiner Frau als Judenvermögensabgabe abgeführt werden. Auf fast 40.000 RM wurde die Reichsfluchtsteuer festgesetzt. Etwa 100.000 RM mussten sie somit aufbringen, um sich und den kleinen Sohn in Sicherheit zu bringen. Auch ihr Weg führte sie noch einmal für ein halbes Jahr nach Wiesbaden, sicher auch, um sich von Mutter, Onkel und Tante zu verabschieden. In Ansbach war die Situation für Juden zudem inzwischen unerträglich geworden. Am 24. Dezember 1938 kamen sie von dort und bezogen eine Wohnung in der Sonnenberger Straße. Obwohl sie polizeilich gemeldet waren – die Auskunft über ihren Aufenthalt erteilte im späteren Entschädigungsverfahren die Wiesbadener Polizei – wurde eine Gestapo-Karteikarte auch für sie nicht angelegt. Am 4. Juni 1939 meldeten sie sich in Wiesbaden ab und gaben als Zielort Brüssel an.[58]

Über die weiteren Stationen ihrer gefahrvollen Flucht gibt ein Brief Auskunft, den Max Hirschkind am 13. Oktober 1941 an Verwandte, eine Familie Rosenfeld in Palästina, auf dem Schiff ‚Marques de Camillas’ während der Überfahrt nach Kuba schrieb:
„Dear Aunt Martha, dear Uncle Leo and dear Rudi,
A time rich in sorrow and distress, seemingly interminable, is our lot. For the longest time you have heard nothing from me, from my family from any of us. Now I will report to you in broad strokes:
On 07/06/40 I drove with my wife and child from Wiesbaden to Brussels. On 05/10/40 Belgium was pulled into the war. I was interned, and France was ‘donein’.
The dreadfulcamps of St.-Cyprien and Gurs are now behind me. Now my dear wife and our little boy are travelling with me to Cuba. Both of my loved ones followed me to France of their own accord. Through artillery fire they made their way to find husband and father.
In June/July 1940 they themselves were interned at Gurs for seven weeks. Then they came to St.-Cyprien-Plage, and until the end of October 1940 we saw each other nearly every day for a few hours, albeit under punishing conditions.
Then we separated again for five month. I came to Gurs.
I heard that approximately 8.000 people, young and old, who were housed in various sourrounding units, were Jewish people from Baden and the Palatinate. The good Aunt Dora, who in the meantime had heard that ‘people from Belgium’ had arrived, searched for us, as I did for her.
We found each other promptly, and our delight at seeing each other was extraordinary and emotional.”
Im Folgenden schreibt er, wie er der gemeinsamen Tante Dora geholfen hatte und sie mit notwendigen Lebensmitteln versorgte. „On Feruary 28th I was able to leave Gurs. Sick leave. I was not a cover, I was indeed sick. On 02/27/41, I bade farewell to our dear aunt, and after that we corresponded.” Nachdem er über einen längeren Zeitraum keine Nachrichten mehr von ihr erhielt, erfuhr er, dass die Tante verstorben war. „This last correspondence came to my hands on 10/03/41. Before that, we were in Marseille for fourteen days to make arrangements for our migration to Cuba. (…)
Now I come to our loved ones: my dearest little mother; I did not inform of aunt Dora’s passing. Aunt Lilli and uncle Theobald are still in Wiesbaden. My in-laws (in Bossum – Holland) write that they are well. Beate in in England and has found a secretarial job.
Woe is me when I think of the separation and the sorrow, the misery and the hardships of these dear ones – but may we persevere!
Now I will end with my best wishes for your health, and sending you most heartfelt and loyal greetings.”
[59]

In Kuba, ihrer neuen Zufluchtsstätte, wurde die junge Familie allerdings von einem weiteren Schicksalsschlag getroffen: Am 19. Mai 1944 kam Hildegard Hirschkind bei einem Badeunfall ums Leben.[60] Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Friedhof von Havanna. Max Hirschkind wanderte nach dem Krieg in die USA aus.

 

In Wiesbaden zurückgeblieben waren Dora Hirschkind und ihre Schwester Lilly mit ihrem Mann Theobald. Aber auch sie wollten nicht bleiben. Noch im Mai 1939 kaufte Dora Hirschkind unter Verkennung von Hitlers Kriegsplänen ein Villengrundstück in Heemstede bei Amsterdam für 26.000 RM. Im August des gleichen Jahres setzte die Reichsfluchtsteuerstelle die Höhe der zu zahlenden Abgabe auf 32.850 RM fest. Auch der Termin der Ausreise stand bereits fest, wie sich aus dem Antrag für die notwendige steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung ergibt. Es sollte der 15. Oktober 1939 sein.[61] Aber dazu kam es nicht mehr. Sie habe zu ihren Kindern gewollt, aber durch den Kriegsausbruch sei dieses Vorhaben „auf absehbare Zeit unmöglich“ geworden, schrieb sie am 2. November 1939 an das Finanzamt Wiesbaden.[62] Sie schilderte in diesem Brief ihre derzeitige persönliche und besonders ihre finanzielle Lage, in der Hoffnung, man würde ihr die geforderte 5. Rate der Judenvermögensabgabe erlassen:

Am 8. 11. 1880 geboren, stehe ich vor der Vollendung des 59ten Jahres, bin aber seit längerer Zeit leidend und mit Unterbrechungen in ärztlicher Behandlung (…). Ich bin seit 1933 Witwe und alleinstehend; meine beiden Kinder sind ausgewandert und haben selbst bisher im Ausland noch keine Existenz finden können. Mein der Veranlagung zu Grunde gelegtes Vermögen ist bis heute empfindlich zurückgegangen. (…) Ich hatte erhebliche Kosten durch den notwendig gewordenen Umzug von Ansbach nach Wiesbaden mit hohen Lagerspesen, weiter nicht unbeträchtliche Aufwendungen für ärztliche Behandlung. (…) Ein Betrag von RM 32.850,– ist als Reichsfluchtsteuersicherheit festgelegt. Mit dem Zeitpunkt  der Auswanderung verfällt dieser Betrag und es muss dann auch die jüdische Auswanderungsabgabe mit mehreren tausend Mark gezahlt werden. – Im Hinblick auf die in Aussicht genommene Auswanderung bin ich in einem devisenrechtlich genehmigten Vertrag ferner Verpflichtungen eingegangen, die mich in Höhe von rund RM 39.000,- belasten. Es war dabei daran gedacht, dass durch einen Transfer des (nach Zahlung der unmittelbaren Auswanderungskosten einschliesslich Dego-Abgabe) verbleibenden Restvermögens eine lediglich als Sicherung des Existenzminimums zu betrachtende kleinere Reserve im Ausland verfügbar sein sollte, ohne die bei meinem Alter und meinem Gesundheitszustand und der Vermögenslosigkeit meiner Kinder die Möglichkeit einer Auswanderung für mich selbst überhaupt nicht gegeben gewesen wäre.

Die Zahlung der vollen Rate für die weitere Teilleistung zur Judenvermögensabgabe würde mich unter diesen geschilderten Umständen besonders hart treffen. Auch dann, wenn meine Auswanderung auf längere Zeit hin nicht erfolgen kann, werden die von mir eingegangenen Verbindlichkeiten erfüllt werden müssen; mein verfügbar bleibendes Vermögen, dessen Zinserträgnisse bisher schon wegen meiner durch Krankheit gesteigerten Bedürfnisse für die Bestreitung des laufenden Unterhaltes nicht ausreichen, muss daher auf unbestimmte Zeit hinaus für meine Lebenshaltung in Anspruch genommen werden. Da ich unterhaltspflichtige und unterhaltsfähige Verwandte im Inland nicht mehr habe, bin ich darauf angewiesen, das Vermögen für diesen Zweck soweit und solange als möglich zu erhalten.
Ich bitte deshalb, in Berücksichtigung der vorgetragenen besonderen Verhältnisse und zur Vermeidung einer evtl. entstehenden Härte, meinem eingangs gestellten Antrag zu entsprechen.“[63]

Zwar erscheint das damalige Vermögen von 189.000 RM, das zur Grundlage der Berechnung gemacht wurde, im Vergleich zu denjenigen, die nur mit Hilfe von Almosen ihre karge Existenz fristen konnten, unfassbar hoch zu sein, dennoch bleibt die erzwungene Abgabe von 47.250 RM ohne Frage ein Raub der öffentlichen Hand.[64]

Es blieb auch nicht bei dieser Enteignung durch die Steuerbehörde. 1941 war sie gezwungen worden, ihren gesamten Aktienbestand der Preußischen Staatsbank anzubieten.[65] Wie die Verrechnung im Detail aussah, ist dem Schreiben nicht zu entnehmen, vermutlich hatte sie aber – wie auch sonst üblich – entsprechende Schuldverschreibungen anzunehmen, die mit dem verlorenen Krieg und dem Ruin der Staatsfinanzen völlig wertlos wurden.
Die Abgabe ihres Schmucks im Jahr 1939, der für sie vermutlich von größerem ideellen als finanziellem Wert war, aber immerhin in der Vermögensaufstellung von 1938 auf 1.213 RM geschätzt worden war, fiel gegenüber den genannten Maßnahmen kaum mehr ins Gewicht. Sie erhielt dafür gerade mal 498 RM auf ihrem Konto gutgeschrieben.[66]

Am 1. Januar 1940 besaß sie trotz der Übereignung der Firmenanteile formal noch immer ein Vermögen von 116.000 RM, das durch die beträchtlichen Einkommen der letzten Jahre zustande gekommen war.[67]

Auf dieses Geld konnte sie aber nicht zurückgreifen, denn auch gegen sie war im August 1940 eine Sicherungsanordnung ergangen. Man genehmigte ihr zunächst nur einen Freibetrag von 250 RM, über die sie im Monat verfügen konnte.[68] Nachdem sie ihre Vermögenserklärung abgegeben hatte, wurde der Betrag auf 550 RM angehoben. Das entsprach dem Bedarf, den sie selbst angegeben hatte.[69] Wie wenig sie mit ihrem Vermögen tatsächlich machen konnte, zeigte sich im Dezember 1940, als sie die Devisenstelle um die Erlaubnis bat, ihrem Sohn Max und seiner Frau, die zu dieser Zeit in Südfrankreich interniert waren, Lebensmittel zukommen zu lassen. „Umstehenden Antrag kann nicht stattgegeben werden,“ ist knapp und bündig auf der Rückseite notiert.[70] Wie willkürlich die Behörde bei solchen Anträgen agierte, wird offenbar, als im Mai 1941 die Überweisung von 1.000 RM an Leo und Marie Bomeisl, die nach Holland emigrierten Eltern ihrer Schwiegertochter Hildegard, ohne Probleme genehmigt wurde.[71] Daneben unterstützte sie monatlich mit 25 RM auch ihren Cousin Raphael Gerstle, der in München im dortigen jüdischen Altersheim lebte und – wie sie schrieb – „äußerst bedürftig“ sei.[72]

Judenhaus Bahnhofstr. 25, Wiesbaden, Juden
Aus dem Fragebogen für Auswanderer, Eintragungen von Dora Hirschkind, Nov. 1941
HHStAW 519/3 28371 (3)

Noch im Herbst 1941 versuchte Dora Hirschkind zusammen mit Theobald und Lilly Hirschkind offenbar noch einmal ihre eigenen Auswanderungspläne zu realisieren, zumindest bat sie im Oktober 1941 die Devisenstelle um die zusätzliche Freigabe von 500 RM „zur Bezahlung von Telegramm-, Fahrtkosten usw.“, die im Zusammenhang mit diesem Vorhaben angefallen seien.[73] Auch den „Fragebogen für Auswanderer“ hatte sie am 11. November 1941 noch an die Devisenstelle geschickt, darin umfassend über ihr Vermögen, Einkommen und ihre letzten Wohnsitze Auskunft gegeben. Als Ziel ihrer geplanten Ausreise war Kuba angegeben, wo ihr Sohn inzwischen gestrandet war.[74] Wenn das Vorhaben hätte realisiert werden können, dann wäre dabei ihr damals noch immer vorhandenes Vermögen von 112.000 RM nahezu völlig aufgebraucht worden. Neben der Reichsfluchtsteuer in der Höhe von fast 30.000 RM und der Jüdischen Auswandererabgabe von 22.000 RM, ist in der Kostenzusammenstellung von Dora Hirschkind ein unglaublich hoher Betrag von 41.250 RM für die eigentliche Passage und den Transfer des Guts eingesetzt. [75] Vermutlich waren die Kosten für eine solche Überfahrt durch die Risiken, die der Seekrieg im Atlantik verursachte, inzwischen so horrend angestiegen. (Bild ) Aber auch dieser Versuch, dem Tod in einem der deutschen Vernichtungslager zu entkommen, scheiterte. Am 27. Februar 1942 wurde ihr erneut mitgeteilt, dass „die Auswanderung in absehbarer Zeit nicht möglich“ sei.[76]

Dora Hirschkind
Einweisung in das Judenhaus Bahnhofstr. 25

Bis zu diesem Zeitpunkt war Dora Hirschkind noch nicht gezwungen worden, in einem der inzwischen eingerichteten Judenhäuser zu leben. Am 10. Oktober 1939 war sie aus der Wohnung ihrer Schwester in der Wilhelminenstraße ausgezogen und hatte sich in der Pension am Neuberg 4 eingemietet, die von der Jüdin Stephanie Rabinowicz geführt wurde. Es war ein freiwilliger Umzug, der auch nur dazu dienen sollte, den Winter zu überbrücken. Sie plante eigentlich, im Februar oder März wieder zurück in die Wohnung ihrer Schwester zu ziehen. Stattdessen nahm sie aber – so meldete sie am 5. März 1941 dem Finanzamt – „mit Genehmigung des Städt. Wohnungsamtes“ eine Unterkunft in der Sonnenberger Str. 42.[77] Die Formulierung legt nahe, dass es sich hierbei um einen genehmigten, aber nicht erzwungenen Umzug handelte. Anders scheint es aber beim folgenden Wohnungswechsel gewesen zu sein, den sie ebenfalls dem Finanzamt Wiesbaden meldete. Am 9. April 1942 teilt sie mit, dass sie ihre Wohnung in die Bahnhofstr. 25 „verlegt“ habe – auch hier lässt die Formulierung den Grund noch offen. Mit rotem Stift hat aber der Sachbearbeiter im Finanzamt darunter das Wort „Überweisung“ geschrieben, ein deutlicher Hinweis auf die Zwangseinweisung in das dortige Judenhaus.[78]

Wo sie dort ein Zimmer erhielt ist nicht bekannt. In jedem Fall wird sie nur einen kleinen Teil ihrer Möbel hat mitnehmen können. Die übrigen wurden bei der Firma Rettenmayer untergestellt, wo vermutlich auch später nach der Deportation diejenigen landeten, für die es in der kleinen Behausung noch Platz gegeben hatte. Eine genaue Liste, die die Spedition nach dem Krieg vorlegte, gibt Auskunft über den Umfang des eingelagerten Gutes, das am 3. September 1942 von der Firma dem Finanzamt übergeben und anschließend zur Freude der Wiesbadener Bevölkerung versteigert wurde.[79]

Deportationen Frankkfurt, Hedwig Loeb, Dora Hirschbrand, Judenhaus Wiesbaden
Die Großmarkthalle in Frankfurt – Ort der organisierten „Judenevakuierung“
HHStAW 461 30983 (160)

Dora Hirschkind wohnte genau ein Vierteljahr im Judenhaus in der Bahnhofstraße. Zuletzt hatte sie noch Besuch von Gustel Bomeisl, der Tante ihrer Schwiegertochter Hildegard. Sie war noch einmal nach Wiesbaden gekommen, um sich persönlich von ihr zu verabschieden.[80] Dora Hirschkind muss zu diesem Zeitpunkt demnach bereits von dem anstehenden Deportationstermin gewusst haben. Sie war die einzige, die aus dem Judenhaus Bahnhofstr. 25 auf der Liste für den Transport am 10. Juni 1942 stand. Am Morgen des 11. Juni kamen die etwa 380 Wiesbadener Juden mit dem Zug in Frankfurt an. Vom Bahnhof wurden sie in einer Kolonne durch die Stadt zur Großmarkthalle geführt, wo auch die aus sonstigen hessischen Städten und Gemeinden ausgewählten Juden versammelt wurden. Mehr als 1250 Menschen bestiegen noch an diesem Tag den Zug mit der Nummer „Da 18“, der sie nach Lublin bringen sollte. Dora Hirschkind gehörte mit Sicherheit nicht zu den etwa 200, die dort zum Arbeitseinsatz in das Lager Majdanek geschickt wurden. Sie gehörte zur großen Gruppe, die weiter nach Sobibor verbracht wurde.

Über das weitere Prozedere nach Ankunft im dortigen Vernichtungslager liefert Wienert eine knappe Beschreibung:

Sobibor
https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=100434&ind=3

„Die Deportationszüge hielten zunächst an der Bahnstation in Sobibor. Von dort konnten 18 bis 20 Waggons gleichzeitig ins Lager gefahren werden, bei größeren Transporten wurde der Zug in zwei oder drei Einheiten geteilt. (…) Nachdem ein Zug an der Rampe im Lagerinneren angekommen war, wurden die Deportierten aus den Waggons ins Lager II getrieben. Dort mussten sie sich im Freien entkleiden und ihre Wertsachen an einer ‚Kasse’ abgeben, die sich im Erdgeschoss des ehemaligen Forsthauses, der Lagerverwaltung, befand. Sämtliches Gepäck der Opfer kam in Magazine gegenüber dem Forsthaus, wurde dort von Gefangenen durchsucht, sortiert und nach Anweisung der SS zum Abtransport für eine weitere Verwertung vorbereitet. Schriftstücke und persönliche Dokumente der Opfer wurden verbrannt.
Alten Menschen, Kranken, Gebrechlichen und Invaliden, die nicht selbstständig laufen konnten, sowie Kindern ohne Begleitung wurde bei ihrer Ankunft mitgeteilt, dass sie in ein ‚Lazarett’ kämen. Mit Fuhrwerken brachte man sie dann entweder zu den Massengräbern im Lager III oder zu einer Grube östlich davon im Wald und erschoss sie. Die Erschießungsgrube war neben einer kleinen Holzkapelle ausgehoben worden, die sich bereits vor der Errichtung des Lagers dort befand.
Die übrigen Deportierten wurden, nachdem sie sich im Lager II entkleidet hatten, von dort aus von Trawniki-Männern
[81] und unter Aufsicht, zum Teil auch Beteiligung einzelner SS-Männer durch den erwähnten ‚Schlauch’ zu den Gaskammern getrieben. In der Regel geschah dies nach Geschlechtern getrennt, Kinder gingen mit den Frauen.
Anders als in Belzec wurde in Sobibor für die Gaskammern kein Holzhaus, sondern ein Ziegelgebäude mit Betonfundament errichtet. In dem Gebäude befanden sich drei Kammern mit einer quadratischen Grundfläche von jeweils 16 Quadratmetern, jede der Kammern war durch eine eigene Tür von der Außenseite zugänglich. Der Zutritt zu den Gaskammern erfolgte nicht ebenerdig, sondern über eine Art Veranda, die sich entlang des Gebäudes erstreckte. Auf dessen Rückseite befanden sich ebenfalls Türen, durch die die Leichen aus den Kammern gezogen wurden. Bis zu 200 Menschen wurden bei einem Tötungsvorgang in die drei Kammern gesperrt. In einem Schuppen neben dem Gebäude stand der Motor, dessen Abgase über Rohrleitungen in die Gaskammern geleitet wurden, sodass die Opfer an den Abgasen erstickten. Dies dauerte etwa 20-30 Minuten. Danach mussten jüdische Gefangene die Leichen aus den Kammern ziehen und zu den Massengräbern transportieren. Im Zuge des Lagerausbaus scheint dazu später eine Lorenbahn angelegt worden zu sein.“
[82]

Von der Ankunft im Lager bis zur Beseitigung der Leichen vergingen bei 600 Opfern maximal drei Sunden. Als weitere Gaskammern errichtet wurden konnten im gleichen Zeitraum bis zu 1200 ermordet werden.

Wann Dora Hirschkind Opfer dieses bestialischen und industriellen Massenmords wurde, ist nicht bekannt. Am 31. Januar 1949 wurde sie durch Beschluss des Amtsgerichts Wiesbaden mit dem Datum 8. Mai 1945 für tot erklärt.[83]

Fünf Tage nach ihrer Deportation verfügte das Finanzamt Wiesbaden auf Basis der entsprechenden Gestapo-Mitteilung den Vermögensverfall auf Grund der Elften Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941. Damit auch dieser letzte Raub ordnungsgemäß verbucht werden konnte, wurde zunächst noch die Reichsfluchtsteuer von 29.091 RM abgezogen.[84] Sie war in dem Moment fällig geworden, als der Deportationszug die Grenze des Deutschen Reichs überfahren hatte.

 

Lilly und Theobald Hirschkind konnten noch ein weiteres Vierteljahr in Wiesbaden ausharren, bevor auch sie „evakuiert“ wurden. Seit August 1934 bewohnten sie den ersten Stock in der Wilhelminenstr. 42, in bester Villenlage im Nerotal.
Auch sie wurden nach dem Novemberpogrom vom hiesigen Finanzamt zur „Sühneleistung“ herangezogen. Als Vermögen von Theobald Hirschkind wurden auf 313.000 ermittelt, was zunächst eine Sonderabgabe von 62.650 RM in vier Raten á 15.650 RM bedeutet hätte. Mit der fünften Rate waren es dann 78.250 RM die alleine er zu zahlen hatte. Lilly Hirschkind wurde gesondert veranlagt. Ihr wurden insgesamt 68.500 RM genommen, sodass das Ehepaar insgesamt 146.750 RM als Sondersteuer zu zahlen hatte.[85] Trotz oder auch wegen dieses gewaltigen Kapitalschwunds begannen sie mit den Vorbereitungen ihrer Auswanderung. Wie Dora erwarben auch sie im Sommer 1939 im holländischen Hemmsteden ein Villengrundstück, für das sie weitere 86.000 RM zu zahlen hatten.[86] Eine Woche vor Kriegsausbruch erhielten sie die Mitteilung über die zu leistende Reichsfluchtsteuer. Sie war bei dem vorhandenen gemeinsamen Vermögen von 600.000 RM auf einen Betrag von 150.000 RM festgesetzt worden.[87] Auch bei ihnen verhinderte der deutsche Überfall auf Polen und im folgenden Jahr der Einmarsch in die westlich gelegenen Nachbarstaaten die Flucht.

Theo Hirschkind Lilly Hirschkind
Das Scheitern der Auswanderungspläne
HHStAW 519-3 28381 (7)

Zusammen mit der Schwester bzw. Schwägerin versuchten Theobald und Lilly Hirschkind im Oktober 1941 noch einmal aus Deutschland heraus zu kommen. Auch sie gaben als Reiseziel statt des ursprünglichen Ziels Holland, jetzt Kuba an. Von ihrem in einem Wertpapierdepot angelegten Vermögen von nominal 415.000 RM wären durch die für die Auswanderung anfallenden Kosten noch etwas mehr als 100.000 RM übrig geblieben. Rund 200.000 RM wären für die Reichsfluchtsteuer und die Jüdische Auswandererabgabe angefallen, 82.000 RM für die Überfahrt.[88] Zwar wurde die beantragte steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung erteilt, sicher das geringste Hindernis, aber der Weg aus Deutschland heraus war inzwischen versperrt. Das wurde auch ihnen am 27. Februar 1942 mitgeteilt.[89]

Hirschkind, Dora
Das ehemalige Judenhaus in der Albrechtstr. 13 heute
Eigene Aufnahme

Zu dieser Zeit hatten sie ihre schöne Wohnung in der Wilhelminenstraße schon verlassen – bzw. verlassen müssen. Zwar gibt es dafür keinen schriftlichen Beleg, aber die gesamten Umstände lassen darauf schließen, dass ihre neue Adresse in der Albrechtstr. 13 auf einer Zwangseinweisung beruhte. In dem dort eingerichteten Judenhaus hatten sie eine Unterkunft im Obergeschoss erhalten.[90] Über die Größe der dortigen Wohnung oder auch nur Zimmer liegen keine Informationen vor, aber es handelte sich immer noch um die ehemalige Beletage des Hauses. Am 24. Mai 1941 waren sie dort ein-, am 8. Oktober des gleichen Jahres wieder ausgezogen.[91] Die Gründe für diesen erneuten Umzug sind nicht bekannt. Eine Verbesserung wird er kaum gebracht haben, denn in dem Judenhaus in der Lortzingstr. 7, ihrer neuen Adresse, hatten sie zu zweit nur noch einen Raum zu Verfügung.[92] Sie lebten hier zusammen mit dem Ehepaar Siegfried und Jenny Seligmann, die selbst zwei Zimmer bewohnen durften.[93] In jedem Fall wird es sich um sehr beengte Verhältnisse gehandelt haben. Das Mobiliar, mit dem die Villenwohnung zuvor vermutlich reich ausgestattet war, war nach Angaben des Rechtsanwalts im späteren Entschädigungsverfahren zum größten Teil schon während der Reichspogromnacht zerstört worden, den Rest hatten sie bei ihrer Deportation zurücklassen müssen.[94]

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 25
Todesfallanzeige Theobald Hirschkind aus Theresienstadt

Lilly und Theobald gehörten zu der großen Gruppe Wiesbadener Juden, die am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Nachdem die Wiesbadener Juden in Frankfurt angekommen waren, zogen sie in einer Kolonne vom Hauptbahnhof entlang des Mains zur Großmarkthalle. Den Alten und Gehbehinderten war erlaubt worden, unter Bewachung der Polizei die Straßenbahn zu benutzen, denn noch am gleichen Tag sollte der Transport mit der Nummer XII/2 nach Theresienstadt aufbrechen. Im Haus 302 war ihnen das Zimmer 110 zugeteilt worden. Nach ihrer Ankunft konnten Hirschkinds den Kontakt zu Bomeisls noch aufrecht erhalten. Sie schickten den Internierten noch eine gewisse Zeit „Liebespakete“, deren Empfang auch immer bestätigt worden sei. Die letzte Nachricht, die sie erhielten kam Ende März 1943. In diesem Brief teilte Lilly ihren Verwandten den Tod von Theobald mit, der am 3. März im Lager an einer Lungenentzündung verstorben war.[95]

Lilly Hirschkind wurde etwa ein Jahr später, am 15. Mai 1944, mit einem Transport von 2503 Menschen in das Vernichtungslager Auschwitz überführt. Die damaligen drei Transporte vom 15., 16. und 18. Mai hatten das Ziel, Theresienstadt für die anstehende Inspektion des Roten Kreuzes ein wenig zu entvölkern, um so die Inspektoren über die wahren Zustände dort im Unklaren zu lassen. Ein Teil der 7500 damals Deportierten kamen in andere Arbeitslager, manchen gelang es sogar zu überleben. Lilly Hirschkind, versehen mit der Gefangenennummer 1672, gehörte zu denjenigen, die unmittelbar nach Ankunft in die Gaskammern geschickt und ermordet wurden.[96]

Stand: 12. 02. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

Nach dem Krieg war es zu einem Vergleich zwischen den ehemaligen Mitgliedern der Eigentümerfamilie der Nähseidenfabrik und Reinhold Lutz, der nach eigenem und auch nach Bekunden überlebender Hirschkind-Familienmitglieder die Firma über all die Jahre „treuhänderisch“ weitergeführt hatte,[97] gekommen. Es handelte sich dabei um keinen Vergleich der einen Kompromiss zwischen gegensätzlichen Interessen darstellte, sondern einer der an das vertrauensvolle Verhältnis aus früheren Jahren anknüpfte. Die jüdischen Familienmitglieder hatten sogar Reinhold Lutz Generalvollmacht erteilt, damit er, das einzige noch in Deutschland lebende ehemalige Familienmitglied, die Interessen der übrigen gegenüber dem deutschen Staat als Rechtsnachfolger des NS-Regimes wahrnehmen konnte.[98] Das heute noch aktive Unternehmen mit Sitz in Ansbach hat den Namen seines jüdischen Gründers nicht vergessen und firmiert heute – wieder  erfolgreich als ‚Eduard Kupfer – Nähseiden Vertriebs Gmbh & Co. KG’ in Ansbach und noch immer ist die Geschäftsadresse die Triesdorfer Str. 15.[99]

 

[1] Zur wechselhaften Geschichte der Baiersdorfer Juden siehe Schneeberger, Michael, Jüdische Landgemeinden in Bayern (22): Baiersdorf – Merkas haJeudim. Über die Geschichte der Juden in Baiersdorf, in: Jüdisches Leben in Bayern, Mitteilungsblatt des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern 23, Nr. 108, München 2008, S. 27-36. Einmal kam es Anfang des 17. Jahrhunderts sogar dazu, dass der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach-Bayreuth die Juden seines Territoriums seiner Frau Maria zum Geschenk machte; ein wohl eher außergewöhnlicher Vorgang, der es ihm aber wegen eigener pekuniärer Interessen ermöglichte, die Forderung des Landtags und der christlichen Händler, die „schlimmsten Feinde der ganzen Christenheit“ aus dem Land zu vertreiben, zu umgehen. Ebd. S. 28 f.

[2] http://www.alemannia-judaica.de/baiersdorf_synagoge.htm. (Zugriff: 9.11.2018). Siehe auch The History of Jews of Baiersdorf in der digitalen Sammlung des Leo-Baeck-Instituts: http://digital.cjh.org/view/action/singleViewer.do?dvs=1542037254548~233&locale=de&VIEWER_URL=/view/action/singleViewer.do?&DELIVERY_RULE_ID=6&frameId=1&usePid1=true&usePid2=true. (Zugriff: 9.11.2018). Ebenso die umfassende Aufarbeitung der jüdischen Geschichte von Baiersdorf von Gemeinhardt, Horst, Baiersdorfer Wurzelwerk – Spurensuche zur jüdischen Geschichte Baiersdorfs, Baiersdorf 2014, 2. Aufl., hier i.B. S. 20 f. Zur religiösen Struktur der Stadt siehe ebd. S. 17. Erst 1885 wuchs die Zahl der Katholiken in der evangelisch dominierten Gemeinde über die der Juden hinaus.

[3] Philipp Hirschkind, geboren am 3.8.1851, gestorben am 12.5.1926, ist auf dem jüdischen Friedhof in Baiersdorf begraben. Auf diesem sehr alten, innerhalb der früheren Stadtmauer gelegenen Friedhof befinden sich die letzten Ruhestätten der Juden aus der gesamten Region. Auch dieser Friedhof wurde von den Nationalsozialisten geschändet, die alten Grabsteine wurden herausgerissen und von den übrigen Bürgern zur Pflasterung ihrer Höfe verwendet. Nicht nur sollte der Friedhof als ‚Guter Ort’, als geweihte Stätte, geschändet werden, man wollte auch auf den Toten noch herumtrampeln, sie mit Füßen treten. Nach dem Krieg zwangen die Amerikaner die Bewohner, den Friedhof wieder herzurichten. Der Grabstein von Philipp Hirschkind gehört zu den noch sehr gut erhaltenen. Siehe zum jüdischen Friedhof von Baiersdorf. http://www.alemannia-judaica.de/baiersdorf_friedhof.htm (Zugriff: 9.11.2018) und Gemeinhardt, Baiersdorfer Wurzelwerk, S. 51-71.

[4] Er emigrierte 1935 nach Frankreich. Über diese Zeit gibt es nur sehr vage Informationen, er war wohl zeitweise interniert, möglicherweise auch als dienstwilliger Ausländer in der französischen Kriegswirtschaft im unbesetzten Teil Frankreichs eingesetzt. Am 26.9.1946 ist er im Alter von nur 56 Jahren in Mühlhausen verstorben. Seine Frau ist 1947 in die USA ausgewandert. Siehe Gemeinhardt, Baiersdorfer Wurzelwerk, S. 39-42, auch http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20349/Baiersdorf%20Gemeinhardt%20Rede%20Kohn.pdf. (Zugriff: 9.11.2018). Nach GENI hatten Philipp Hirschkind und seine Frau Julie, geborene Wassermann, noch drei weitere Kinder: Wilhelm, Marie und Anna. Siehe https://www.geni.com/family-tree/index/6000000002322581412. (Zugriff: 9.11.2018).

[5] Gemeinhardt, Horst, Zur gesellschaftlichen Stellung der Juden in Baiersdorf um die Jahrhundertwende, in: Aus der jüdischen Geschichte Baiersdorfs, hg. Trägerverein Jüdisches Regionalmuseum Mittelfranken und Fürth und Schneittach e.V., 1992, S. 80 ff. Gemeinhardt hat in seinem Festvortrag zum 150sten Jubiläum der Baiersdorfer Feuerwehr geäußert, dass es sich bei den genannten um drei Brüder handelt. Siehe https://www.infranken.de/regional/forchheim/baiersdorfer-wehr-feiert-150-jaehriges-bestehen;art216,3374339. (Zugriff: 9.11.2018). Louis und Lazarus Hirschkind müssen aber identische Personen gewesen sein. Siehe dazu Anm 517.

[6] Nach Auskunft von Dr. Hübschmann, „Jüdische Ansbacher der 1930er Jahre“, kompilierte Daten, Informationen und Forschungsergebnisse. Ab 2005 laufend ergänz und überarbeitet von Ekkehard Hübschmann, Harsdorf/Oberfranken, Version 29.11.2018 (Unpubl. Maschinenskript) sind die Namen in der Entschädigungsakte Bavaria Nähseidenfabrik genannt; allerdings ohne Angabe der Geburtsdaten, sodass eine Identifizierung einzelner Personen nur unter Vorbehalt vorgenommen werden kann.

[7] Dr. med. Adolf Godlewsky war am 24.1.1874 in Szednik in Litauen geboren worden. HHStAW 519/3 15229 (34).

[8] Ebd. (5-29, 45).

[9] Ebd. (35).

[10] Ebd. (40 f.). Es handelte sich weitgehend um Bestecke, die ebenfalls detailliert in einer Liste aufgeführt wurden (43).

[11] Ebd. (48).

[12] Über den Sohn gibt es keine  weiteren Informationen. Die Angaben zur Auswanderung von Albert Hirschkind stammen aus familysearch.com. Sie wurden mir freundlich erweise zur Verfügung gestellt von Hübschmann, Ekkehard, „Jüdische Ansbacher der 1930er Jahre“, Kompilierte Daten, Informationen und Forschungsergebnisse . Ab 2005 laufend ergänz und überarbeitet von Ekkehard Hübschmann, Harsdorf/Oberfranken, contact@geepeetee. Version vom 29.11.2018. Unpubl. Maschinenskript.

[13] Nach Strätz, Würzburger Juden, S. 67 war die am 27.2.1888 in Würzburg geborene Auguste Baer die Tochter des Landprodukten- und Zigarren- und Kaffeehändlers Hermann Baer und seiner Frau Rosa, geborene Bodenheimer. Strätz gibt an, dass die Ehe der Tochter mit dem am 25.3.1876 in Baiersdorf geborenen Richard Hirschkind im Jahr 1913 in Würzburg geschlossen wurde. Er gibt allerdings als Namen der Eltern des Ehemanns Louis Hirschkind, Kaufmann in Baiersdorf, und Mina, geborene Geistler, aus Nürnberg an. Ein Louis Hirschkind war von Gemeinhardt als Bruder von Lazarus und Philipp Hirschkind genannt worden. Es ist allerdings sicher, dass Louis und Lazarus identische Personen sind, Louis nur der Rufname von Lazarus war und aus Mina Gerstle durch einen Lese- oder Schreibfehler Mina Geistler wurde.

[14] Aus den Unterlagen zur Auswanderung geht hervor, dass die Familie sich eigentlich in Dortmund niedergelassen hatte, Wiesbaden wohl nur für einen eher kurzen Zeitraum vor der Emigration aufgesucht hatte. Die Angaben zur Auswanderung der Familie von Richard Hirschkind stammen aus familysearch.com. Sie wurden mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Hübschmann, Jüdische Ansbacher.

[15] https://www.ancestry.com/interactive/2442/m-t0627-02670-00300/15777505?backurl=https%3a%2f%2fwww.ancestry.com%2f1940-census%2fusa%2fNew-York%2fRichard-Hickin_k2lss&ssrc=&backlabel=Return. (Zugriff: 9.11.2018). In einem Verzeichnis der Studierenden der Technischen Hochschule München aus dem Jahr 1894 ist ein Richard Hirschkind als Student in der mechanisch-technischen Abteilung eingetragen, siehe http://mediatum.ub.tum.de/doc/1439547/1439547.pdf. (Zugriff: 9.11.2018) und auch in der Datenbank Jüdisches Unterfranken ist der Beruf von Richard Hirschkind mit Ingenieur angegeben. http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;24702;unscharf;;1;Hirschkind;Richard;;;;;;;;;;;;;alle;;;;;~ORDER~BY~name,vorname~;;;;;;1;111111111111111111;000_speziell_gesucht;ENDE;1~24702~. (Zugriff: 9.11.2018).

[16] Auch in Bamberg gab es zwei Seidenfabriken mit dem Namen Kupfer, zum einen „Kupfer, Heßlein und Co.“, zum anderen „Kupfer & Mohrenwitz“. Siehe Gedenkbuch der jüdischen Bürger Bambergs, 2008, S. 49 und S. 195. Vermutlich waren alle Kupferschen Seitenfabriken verwandtschaftlich miteinander verbunden. Dieser Frage konnte im gegebenen Rahmen aber nicht weiter nachgegangen werden. Zu klären wäre auch, ob es bei der Firma „Kupfer & Mohrenwitz“ eine Verbindung zu Abraham Mohrenwitz gibt, der ein Bewohner des Judenhauses Adolfsallee 30 in Wiesbaden war. Auch seine Familie hatte fränkische Wurzeln. Siehe dazu oben.

[17] http://www.alemannia-judaica.de/bad_neuhaus_synagoge.htm. (Zugriff: 9.11.2018).

[18] http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/juf/Datenbank/detailsinclude.php?global=;search;25879. (Zugriff: 9.11.2018).

[19] Die Geburtsdaten von Eduard und Lina Kupfer verdanke ich den Recherchen von Hübschmann, Jüdische Ansbacher.

[20] Geburtseintrag Standesamt Burgkunstadt 45 / 1880.

[21] Geburtseintrag Standesamt Burgkunstadt 44 / 1882. Die Schreibweise von Lilly variiert in den verschiedenen Dokumenten, die hier verwendete entspricht der des Geburtseintrags.

[22] Das Bild wurde mir freundlicherweise von Hübschmann, Jüdische Ansbacher zur Verfügung gestellt. Auf einem Briefaufkleber der Firma aus einem nicht bekannten Jahr heißt es: „Eduard Kupfer, Seidenmanufaktur – Burgkunstadt“Quelle.

[23] Heiratsregister Eyb 4 /1900. Als Trauzeuge ist neben Eduard Kupfer ein in Gera wohnhafter Otto Kupfer im Alter von 47 Jahren notiert, drei Jahre jünger als Eduard Kupfer. Möglicherweise handelte es sich um einen Bruder.

[24] Heiratsregister Ansbach 32 / 1904.

[25] HHStAW 518 16442 (11) und HHStAW 469/33 2206 (15).

[26] Es handelt sich um die Häuser mit den Nummern 15, 15a, 21 und 23, die alle auf einem zusammenhängenden Grundstück lagen. Der Einheitswert der Häuser wurde 1937 mit rund 35.000 RM taxiert, siehe HHStAW 685 300 a (81), ihr Verkehrswert im folgenden Jahr aber mit insgesamt 77.500 RM bemessen, HHStAW 685 302 f (4).

[27] Beide verstarben in Ansbach, Eduard Kupfer am 23.4.1918, Lina Kupfer am 21.12.1925. Auskunft Herr Hübschmann bzw. HHStAW 685 302 c (10). Hugo Hirschkind verstarb am 1.12.1930 Auskunft Stadtarchiv Ansbach vom 16.11.2018.

[28] Auch die Firma E. Kupfer Nähseidenfabrik war von der schweren Wirtschaftskrise erheblich betroffen. So schrieb Theobald Hirschkind am 28.2.1924 an das Finanzamt Ansbach: „Der vollständige Verfall der deutschen Währung hat sowohl in geschäftlicher, als auch in privater Hinsicht unheilbare Wunden geschlagen. Die letzten 3 Monate des Jahres 1923 haben bei schlechtester Beschäftigung nicht diejenigen Geschäfte gebracht, die notwendig waren, Gehälter und Löhne für die Angestellten und Arbeiter aufzubringen. Daneben waren auch große Steuerbeträge abzuführen, die ebenfalls aus der Substanz bestritten werden mussten. Ferner sind Aktien, Pfandbriefe und vor allen Dingen Staatspapiere fast wertlos geworden.“ HHStAW 685 302 b (1).

[29] Reinhold Lutz war am 16.7.1894 geboren worden. Den Hinweis auf seine Freikorpsaktivitäten gab seine Frau Beate in einem Fragebogen im Jahr 1938, siehe HHStAW 519/3 15650 (19).

[30] Hildegard, geboren am 24.8.1911, hatte mit Sofie Luise zumindest noch eine Schwester. Die Eltern waren kaum weniger vermögend als die Hirschkinds. Sie besaßen nicht nur die Spielefabrik, sondern auch das Hausgrundstück, auf dem die Fabrik stand. Das Unternehmen im Wert von 330.000 RM wurde bei einer „Zwangsveräußerung“, sprich Arisierung, zum Preis von 220.000 RM verkauft und die Eigentümer emigrierten am 17.8.1939 nach Holland, von wo sie nach ihrer Verhaftung im Mai 1939 nach Sobibor deportiert und ermordet wurden. Ihr Nachlass verfiel dem Deutschen Reich. Siehe HHStAW 518 16442 (6, 8, 12) und https://www.fuerthwiki.de/wiki/index.php/Spielefabrik_L._Kleefeld_%26_Co. (Zugriff: 9.11.2018).

[31] HHStAW 518 16442 (43). Als letzte Adresse ist dort die Königswartstr. 54 angegeben, allerdings müssen sie später wieder zurück nach Ansbach gegangen sein, denn von dort zogen sie am 24.12.1938 nach Wiesbaden, ebd. (47).

[32] Siehe den Vertrag in Gänze HHStAW 685 302 c (1).

[33] Ebd. (o.P.).

[34] HHStAW 685 300 a (158).

[35] Fitz, Diana, Ansbach unterm Hakenkreuz, Ansbach 1994, S. 83. Siehe hier auch die Ausführungen zu den verschiedenen jüdischen Geschäftsleuten der Stadt.

[36] Fitz, Ansbach unterm Hakenkreuz, S. 86.

[37] Ebd. S. 93.

[38] HHStAW 685 302 a (77). Mit ihnen kam auch die junge Köchin Rosa Wachinger, die aber vermutlich nicht jüdischen Glaubens war. Überprüfen, ob Hauseigentum.

[39] RGBl I 1938 S. 1580.

[40] Fitz, Ansbach unterm Hakenkreuz, S. 104. Zu den Ereignissen in der Vorphase der Reichspogromnacht und in der Nacht selbst siehe ebd. S. 96-116.

[41] Die Autorin gibt die Ereignisse mit mehr als fragwürdigen Formulierungen wieder: „Man war anscheinend doch so human, sie [die 15 nicht nach Nürnberg Verbrachten – K.F.] aufgrund ihres Alters nicht abtransportieren zu lassen. Sie kamen am 14.11.1938 um 18 Uhr frei. Bei der ‚Deportation’ nach Nürnberg schien demnach nur Alter und Gesundheitszustand ein Kriterium gewesen zu sein. Nicht etwa die Tatsache, ob oder wie viel sich einer hat zu schulden kommen lassen. Denn anhängen konnte man ihnen im Großen und Ganzen sowieso nichts.“ Hervorhebungen – K.F.

[42] HHStAW 685 300 a (38).

[43] Ebd. (59, 47). Theobald Hirschkind wollte die Verluste, die durch den Verkauf der Anteile entstanden waren, steuerlich absetzen. Dies wurde ihm von einem Finanzbeamten zunächst verweigert – „Die Vermögenseinbusen haben die Gesellschafter auf Grund der ergangenen Judengesetze erlitten; solche Verluste sind vom Einkommen nicht abzugsfähig,“ – dann aber durch einen Entscheid des Oberfinanzpräsidenten doch gewährt. Man wies darauf hin, dass „allgemeine Grundsätze des Steuerrechts“ durch die Judengesetze nicht geändert worden seien. HHStAW 685 302 c (44, 47). Das galt selbstverständlich nur für die allgemeinen Grundsätze, da, wo aber spezifische Steuergesetze für Juden geschaffen worden waren, hoben diese die allgemeinen Grundsätze sehr wohl auf.

[44] HHStAW 685 302 b (41), c (47), f (10, 20), HHStAW 685 302 b (43).

[45] HHStAW 685 300 a (43). Ihr Wert war im gleichen Jahr auf 77.500 RM geschätzt worden, HHStAW 685 302 f (4)

[46] HHStAW 685 300 a (40, 41, 42, 82).

[47] Ebd. (37) und HHStAW 685 302 b (66).

[48] HHStAW 685 300 a (44).

[49] Fitz, Ansbach unterm Hakenkreuz, S. 110

[50] Siehe dazu den Bericht der Fränkische Landeszeitung vom 17.11.2008 über eine Stadtführung des Historikers Dr. Hübschmann anlässlich des Pogroms in Ansbach vor 70 Jahren.

[51] 519/3 15650 (20).

[52] HHStAW 469/33 2206 (15).

[53] HHStAW 519/3 15650 (1 f.) Es heißt hier: „Mit diesem Vertrag hat die Ehefrau auf alle ihre Ansprüche anlässlich der Auseinandersetzung verzichtet, wogegen Sie [Reinhold Lutz – K.F.] sich verpflichtet haben, alle nach dem Gesamtgutsteil der Ehefrau betreffenden öffentlichen Ansprüche sowie alle Kosten öffentlich – rechtlicher und privatrechtlicher Natur zu übernehmen, die durch die Auswanderung der Ehefrau bis zur Ankunft am Reiseziel im Auslande erwachsen.  Alle Gesamtgutsgegenstände, mit Ausnahme der zum persönlichen Gebrauch der Ehefrau dienenden Gegenstände, sind auf Sie als Alleinberechtigten übertragen.“

[54] Ebd. (2).

[55] Ebd. (6). Die Liste der Gegenstände ebd. (11 ff).) Interessanterweise hatte man ihr neben einem Goldring und einer goldenen Uhr zunächst alle Bücher, zumeist Literatur, gestrichen, ausgenommen Kochbuch und ein Englischwörterbuch. Die Mitnahme der Bücher wurde allerdings später doch noch genehmigt, siehe ebd. (34-37).

[56] HHStAW 519/3 15650 (32, 7 ff). Wie aus einem Brief ihres Bruders zu erfahren ist, hatte sie tatsächlich eine Anstellung als Sekretärin gefunden, siehe unten.

[57] [57] Die Angaben zu ihrer Ausreise stammen aus familysearch.com. Sie wurden mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Hübschmann, Jüdische Ansbacher.

[58] HHStAW 518 16442 (47).

[59] Bonelli, Charlotte, Exit Berlin: How one woman saved her family from Nazi Germany, New Haven, London 2014, S. 251-255. Der Brief war ursprünglich in deutscher Sprache verfasst, ist aber hier von der Autorin des Buches in Englisch wiedergegeben.

[60] HHStAW 518 16442 (1, 7) und Fränkische Landeszeitung vom 26.9.2017.

[61] HHStAW 685 300 a (105, 109, 115, 116). Die benötigten Bescheinigungen wurden erteilt.

[62] Ebd. (122 f.).

[63] Ebd.

[64] HHStAW 685 300 b (o.P.).

[65] HHStAW 685 300 (83).

[66] HHStAW 518 16441 (14),

[67] Ihr jährliches Einkommen betrug 1935 etwa 19.000 RM, 1936 = 24.000 RM, 1937 = 20.500 RM, 1938 = 16.300 RM, 1939 = 8.600 RM und 1940 = 5.200 RM, siehe HHStAW 685 300 a (158).

[68] HHStAW 519/3 550 (1).

[69] Ebd. (4). Sie gab darin an, derzeit in einer Pension zu wohnen – siehe unten Neuberg 4

[70] Ebd. (6).

[71] Ebd. (8).

[72] Ebd. (4, 16).

[73] Ebd. (9).

[74] HHStAW 519/3 28371 (2).

[75] Ebd. (2, 3).

[76] Ebd. (7).

[77] Zu den Umzügen siehe HHStAW 685 300 b (45, 70, 72, 73).

[78] Ebd. (81), die entsprechende Meldung an die Devisenstelle Frankfurt erfolgte am 21.3.1941, siehe HHStAW 519/3 550 (7).

[79] HHStAW 518 16441 (15 f.).

[80] HHStAW 469/33 32206 (2). Gustel Bomeisel war mit Moritz Bomeisl verheiratet, der mit seinem Bruder Leopold die Firma Spielefabrik Kleefeld besessen hatte. Moritz Bomeisl, der von dem Besuch später berichtete, gibt fälschlicherweise als Ziel der Deportation Theresienstadt statt.

[81] Trawniki-Männer waren meist osteuropäische Hilfskräfte, die im SS-Lager Trawniki, 40 km südöstlich von Lublin, speziell zur Durchführung des Massenmords ausgebildet worden waren.

[82] Wienert, Annika, Das Vernichtungslager Sobibor, in: Im Schatten von Auschwitz. Spurensuche in Polen, Belarus und der Ukraine: Begegnen, Erinnern, Lernen, hg. Langenbach Martin, Liever, Hanna, Bonn 2017, S. 88 f.

[83] HHStAW 469/33 2206 (34).

[84] HHStAW 685 300 a (161).

[85] HHStAW 685 302 f (12, 22, o.P.).

[86] HHStAW 685 302 b (67).

[87] Ebd. (42).

[88] HHStAW 519/3 28381 (2,3,5). Die Wertpapiere brachten dem Ehepaar weiterhin ein beträchtliches Einkommen: 1939 = 20.000 RM, 1940 = 16.500 RM, allerdings war auch ihnen der Zugriff durch eine Sicherungsanordnung verwehrt. Zwar ist die entsprechende Devisenakte nicht mehr vorhanden, aber im Februar 1940 wurde eine Sicherungsanordnung  gegen Lilly Hirschkind angeordnet, woraufhin Theobald der Devisenstelle schrieb, dass Lilly seine Frau sei und sie „im gesetzlichen Güterstand“ leben und Ihm daher alle Vermögensteile seiner Frau zustehen würden. Die Sicherungsanordnung  gegen seine Frau wurde daraufhin wieder aufgehoben, was nur bedeuten kann, dass eine solche zuvor auch gegen Theobald erlassen worden war. Siehe HHStAW 519/3 343.

[89] HHStAW 519/3 28381 (7).

[90] Zum Judenhaus Albrechtstr. 13 siehe oben

[91] Siehe Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte und HHStAW 519/3 28381 (2).

[92] Siehe Liste X 1.

[93] Unbekannte Liste X 3. Es heißt hier unter Bemerkungen zu Seligmann: „Teilw. Hirschkind“.

[94] HHStAW 518 16443 (74). Ursprünglich war der Schaden für die Wohnungseinrichtung auf 20.000 RM beziffert worden, hinzu kam die Beschlagnahme von Pelzen und Schmuck in Höhe von etwa 15.000 RM, ebd. (3).

[95] HHStAW 469/33 2206 (3) und Todesfallanzeige aus Theresienstadt Siehe https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/96073-hirschkind-theobald-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 9.11.2018).

[96] Siehe Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz und Gedenkbuch von Theresienstadt, https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=4821738&ind=1&winId=3828515922457128067. (Zugriff: 9.11.2018). Ihr Todestag ist daher identisch mit dem des Transports.

[97] HHStAW 469/33 2206.

[98] HHStAW 518 16443 (4).

[99] Unmittelbar nach dem Krieg hatte man zunächst eine Kompromisslösung für den Namen gefunden. Ein Briefkopf aus dem Jahr 1947 nennt sowohl den oktroyierten wie auch den alten Namen.