Mathilde Levy


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6
Judenhaus Wiesbadaen, Judenäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Hallgarter Str. 6
Das Judenhaus Hallgarter Str. 6 früher
Mit Genehmigung M. Sauber

 

 

 

 

 


Die Hallgarter Str. 6 hatte für ein dreiviertel Jahr eine weitere Mitbewohnerin mit dem Familienname Levy. Mathilde Levy war unverheiratet und stammte aus dem lothringischen Diedenhofen / Thionville, wo sie am 17. Oktober 1874 geboren worden war.[1] Die Levys gehörten zu den alteingesessenen Familien dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinde. Von ihrer Herkunft spricht somit nichts dafür, dass sie mit der Familie von Arthur Levy aus Bierstadt in irgendeiner Weise verwandt war. Ihre Eltern waren der Gemischtwarenhändler Jacob Levy und seine erste Frau Sophie, geborene Straus. Aus der gleichen Ehe ist am 10. November 1876 eine weitere Tochter Clementine hervorgegangen.[2] Wann die Mutter der beiden starb, ist nicht bekannt, aber die beiden folgenden Kinder von Jacob Levy wurden von seiner zweiten Frau Sophie Reichmann geboren. Zunächst kam am 12. Juni 1882 Max, dann am 22. Mai 1883 Ludwig zur Welt, beide ebenfalls in Thionville.[3]

Clementine Levy, Max Levy, Max Leven, Ludwig Lewy, Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Stammbaum von Mathilde Levy
(GDB – PLS)

Möglicherweise war über den letztgeborenen Ludwig Levy eine Verbindung entstanden, die dazu geführt hatte, dass auch Mathilde Levy in das Rhein-Main-Gebiet kam. Der Metzgermeister hatte die aus Holzhausen über der Aar stammende Johanna Blumenthal geheiratet und war mit ihr zunächst nach Mainz, später nach Mannheim gezogen. Deren Schwester Martha Blumenthal, die mit dem Buchdrucker Julius Kahn verheiratet war, hatte sich schon zu Beginn der zwanziger Jahr in Wiesbaden niedergelassen, wo sie dann der Verfolgung während der NS-Diktatur ausgesetzt waren.[4] Dass auch Mathilde Levy zuletzt in dem Judenhaus in der Hallgarter Straße wohnte, in dem auch Julius Kahn und seine Frau Martha untergebracht waren, wird kaum Zufall gewesen sein.

Ob es auch eine dauerhafte Verbindung zu dem zweiten Stiefbruder Max gab, ist nicht bekannt.[5] Er beschritt einen völlig anderen Lebensweg, als seine Geschwister. Als Exportkaufmann hatte er schon während seiner Ausbildung internationale Erfahrungen gemacht. Noch vor dem Ersten Weltkrieg heiratete er Emmi Buchthal, mit der er zusammen drei Kinder hatte. Am 21. April 1914 war noch in Krefeld, dem ersten Wohnsitz des Paares, der Sohn Heinz geboren worden. Es folgte am 7. September 1917 die erste Tochter Hannah, die dann in Paderborn zur Welt kam. Die zweite Tochter Anita wurde am 26. Januar 1920 in Solingen geboren. Hier wurde Max Levy zu einer wichtigen Figur im linken politischen Milieu, in das er vermutlich durch die Auseinandersetzungen über die deutsche Kriegsteilnahme bzw. Kriegsschuld gefunden hatte. 1918 war er zunächst der USPD, nach ihrer Gründung dann der KPD beigetreten. Mit einher ging eine Distanzierung von seinen jüdischen Wurzeln. Schon 1916 war er aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten, der – anders als seine Frau und sein Sohn – auch die beiden Töchter nie angehörten. Auch legte er zu einem nicht bekannten Zeitpunkt seinen jüdischen Namen Levy ab und nahm stattdessen den Familienname Leven an. Unter diesem Namen veröffentlichte er als Redakteur der kommunistischen Solinger Zeitung ‚Bergische Arbeiterstimme’ seine Artikel. Auch in verschiedenen Gremien der Stadt engagierte er sich im Besonderen für kulturelle Belange der Arbeiterschaft. Dass Max Leven als Jude und Marxist zum bevorzugten Ziel des nationalsozialistischen Terrors werden musste, steht außer Frage. In der Reichspogromnacht endeten diese Angriffe für ihn tödlich. Lokale NS-Größen drangen in seine Wohnung ein, zwangen ihn sich zu Boden zu knien und erschossen ihn eiskalt mit einem Kopfschuss. Seine Frau griff man am folgenden Morgen traumatisiert, durch die Stadt irrend auf. Am 26. Oktober 1941 wurde sie mit ihrer Tochter Anita in das Ghetto Litzmannstadt / Lodz deportiert. Beide wurden später im Vernichtungslager Chelmno ermordet, Emmi Leven am 10. September 1942, Anita zwei Jahre später am 26. Juni 1944.
Ihre Schwester Hannah, eine ausgebildete Krankenschwester, war nach Berlin gezogen, wo sie im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße arbeitete. Mit anderen Angestellten und Ärzten wurde sie am 26. Oktober 1942 im Rahmen der sogenannten „Gemeindeaktion“ mit etwa 800 Juden, alles Bedienstete der Jüdischen Gemeinde mit ihren Familien, darunter 55 Kinder, nach Riga deportiert, wo sie alle unmittelbar nach Ankunft in den dortigen Wäldern erschossen wurden.[6]
Vermutlich gelang es nur dem Sohn Heinz, der bereits 1935 nach Frankreich geflüchtet war, der Shoa zu entkommen. Sein Schicksal konnte aber bisher nicht geklärt werden.[7]

Weniger ist über die beiden ledig gebliebenen Töchter von Jacob Levy aus erster Ehe bekannt. Auch diese beiden wurden in den Lagern der Nazis umgebracht. Über ihr vorheriges Leben liegen aber nur sehr wenige bzw. sogar widersprüchliche Informationen vor.

Clemetine Levy soll zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Westfalen gezogen sein und dort zuletzt in Arnsberg gelebt haben. Es waren insgesamt zehn Transporte mit Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg, die von Dortmund aus die jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager in den Osten brachten. Der Zug, der am 29 Juli 1942 mit 978 Personen den Bahnhof verließ, hatte die Zugnummer „Da 72“. Sein Ziel war Theresienstadt, das am folgenden Tag erreicht wurde. In diesem Zug soll nach Angaben des Gedenkbuchs des Bundesarchivs Koblenz auch Clementine Levy gewesen sein. Am 23. September 1942 sei sie dann mit dem Transport Bq 1129 und weiteren 2004 Bewohnern des Ghettos der Vernichtung im Gas von Treblinka zugeführt worden.[8]
Abweichend von dieser Version enthält das ‚Memorial to the Jews Deported from France 1942-1944’ von Serge Klarsfeld ebenfalls einen Eintrag für eine Clementine Levy aus Thionville, allerdings mit einem im Geburtsjahr abweichenden Geburtsdatum. Statt 1876 hier das Jahr 1877 angegeben. Ansonsten stimmen aber die Daten überein, sodass es eher unwahrscheinlich ist, dass es sich um zwei verschiedene Personen handelt. Nach diesem Eintrag wäre Clementine Levy von Drancy aus mit dem Transport 71 am 13. April 1944 nach Auschwitz deportiert worden und dort umgekommen.[9] Welche der Versionen richtig ist, konnte bisher nicht geklärt werden.

Das Schicksal ihrer älteren Schwester Mathilde kann hingegen als gesichert angesehen werden. Aber auch über ihr vorheriges Leben ist in den vorhandenen Akten nur wenig überliefert worden. Auf der Karteikarte der Gestapo ist noch vermerkt, dass sie als Haushälterin tätig war, aber wegen ihres hohen Alters nicht mehr arbeitsfähig sei. 1935 und auch 1939 war sie in der Goebenstr. 30 als Untermieterin bei einer Familie Link gemeldet. Möglicherweise hatte sie hier noch als Haushaltsgehilfin gearbeitet. Am 8. Februar 1939 zog sie in die Hallgarter Str. 6, in dem ihre entfernten Verwandten Julius und Martha Kahn schon seit vielen Jahren wohnten. Aber selbst zum Zeitpunkt ihres Einzugs war das Haus noch nicht als Judenhaus deklariert. Für zwei Wochen, vom 20. Oktober bis zum 3. November 1941, war sie vorübergehend in das ehemalige Israelitische Schwesternheim, inzwischen aber auch zum Judenhaus gewordene Gebäude in der Geisbergstr. 24 umgezogen. Was der Anlass dafür war, bzw. wer diesen Wohnungswechsel veranlasst hatte, ist nicht bekannt.

In welchen ärmlichen Verhältnissen sie ihr Leben fristete ergibt sich aus einem ausgefüllten Formular, das die Devisenstelle ihr zugesendet hatte. Am 30. April 1940 gab sie darin an, über kein Vermögen und kein Einkommen zu verfügen. Auf der Rückseite sind allerdings doch ein paar kleine finanzielle Zuwendungen angegeben, die nicht sie selbst, sondern eine andere Person, aber offensichtlich in ihrem Auftrag eintragen hatte. Sie erhalte von der Jüdischen Wohlfahrtspflege monatlich 9,- RM, weiterhin eine Wohnungsbeihilfe von 7,60 RM und 3,20 RM verdiene sie sich monatlich als Haushaltshilfe. Damit war aber nicht einmal der von ihr angegebene monatliche Bedarf von 23 RM zu decken.[10] Ein solches Leben ist bestenfalls noch als ein Vegetieren zu bezeichnen.

Auf eine neue Anfrage der Devisenstelle im August 1942, ob sich ihre finanziellen Verhältnisse in irgendeiner Weise geändert hätten, antwortete sie: „Ich teile Ihnen höflichst mit, dass sich bei mir gar nichts geändert hat.“11]

Nur zwei Wochen später trat dann doch eine grauenhafte Veränderung in ihrem Leben ein: Wenige Tage später erhielt auch sie die Aufforderung, sich am letzten Shabbat des Monats August im Hof der Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden, um am 1. September die Fahrt nach Theresienstadt anzutreten. Nur einen Monat hielt sie das Leben im dortigen Ghetto noch durch. Am Morgen des 4. Oktober verstarb sie kurz vor Vollendung ihres 68sten Lebensjahrs an einem akuten Darmkatarrh.[12]

Stand: 07. 07. 2019

 

 

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Anmerkungen:

[1] Geburtsregister Thionville 169 / 1874. In der Todesfallanzeige von Theresienstadt ist zwar das zunächst richtig eingetragen Geburtsjahr 1874 durch 1875 ersetzt worden. Zur Todesfallanzeige siehe http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/84848-levy-mathilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt (Zugriff: 2.5.2019).

[2] Geburtsregister Thionville 194 / 1876. In den verschiedenen Opferlisten gibt es davon abweichende Geburtsdaten, siehe dazu unten.

[3] Geburtsregister Thionville 79 / 1882 und 71 / 1883.

[4] Zum Schicksal der Familien der Geschwister Blumenthal siehe oben https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hallgarter-str-6/julius-und-martha-kahn-geborene-blumenthal-und-ihre-geschwister/.

[5] Die folgende Darstellung beruht auf den Recherchen der Stolpersteingruppe Solingen, die ihre Ergebnisse auf ihrer Internetseite https://www.solingen.de/de/archiv/stolperstein-leven-max-leven-emmi-geborene-buchthal-buchthal-emmi-verheiratete-leven-leven-heinz-leven-hannah-leven-anita-94048/ veröffentlicht hat. (Zugriff: 7.7.2019). Horst Sassin, Mitglied der Gruppe, erforscht derzeit besonders die journalistischen Arbeiten von Max Leven in der ‚Bergischen Arbeiterstimme’. Im verdanke ich auch wichtige Informationen zur Genealogie der Familie Levy.

[6] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 259.

[7] Zum Gedenken an Max Leven und seine Familie hat sich in Solingen eine Initiative gegründet, die das ehemalige Wohnhaus in der heutigen, ebenfalls zur Erinnerung an ihn in Max-Leven-Gasse umbenannten Straße, zu einer Bildungs- und Gedenkstätte umwidmen möchte, siehe https://stolpersteine-solingen.de/gedenkstaette-max-leven/978. (Zugriff: 7.7.2019). Auf der Seite sind auch Bilder der Familie, des Gebäudes, in dem die ‚Bergische Arbeiterstimme’ verlegt wurde, und auch das ehemalige Wohnhaus der Familie zu sehen. Zudem sind hier weiterführende Literaturhinweise zu finden.

[8] Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz, Gedenkbuch Theresienstadt https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/21317-klementine-levy/. (Zugriff: 7.7.2019). Hier ist allerdings ein anderes Geburtsdatum angegeben, statt 10.11.1876 der 11.3.1876. Sie soll sich während des Krieges und vor ihrer Übersiedlung nach Arnsberg in Ettelbrueck in Luxemburg aufgehalten haben. Zum Transport siehe Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 304 f.

[9] . https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=3197162&ind=7. (Zugriff: 3.7.2019). Laut einem weiteren Eintrag von Yad Vashem, in dem diese Clementine ebenfalls mit dem Geburtsjahr 1877 eingetragen ist, hatte sie vor der Internierung in Drancy als Kassiererin in Nancy und Meurthe in Lothringen gelebt und gearbeitet. https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=6860208&ind=12. (Zugriff: 7.7.2019)

[10] HHStAW 519/3 3449 (2).

[11] Ebd. (5).

[12] http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/84848-levy-mathilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt. (Zugriff: 3.7.2019).