Mathilde Levy


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6

 

 

 

 

 


Die Hallgarter Str. 6 hatte für ein dreiviertel Jahr eine weitere Mitbewohnerin mit dem Familienname Levy. Mathilde Levy war unverheiratet und stammte aus dem lothringischen Diedenhofen, wo sie am 17. Oktober 1874 geboren worden war.[1] Die Familie Levy gehörte zu den alteingesessenen Familien dieser traditionsreichen jüdischen Gemeinde. Von ihrer Herkunft spricht somit nichts dafür, dass sie mit der Familie von Arthur Levy aus Bierstadt in irgendeiner Weise verwandt war.[2]

Ansonsten ist nur sehr wenig über sie bekannt. Nicht einmal die Namen der Eltern wurden in der einzig erhaltenen Akte, eine Devisenakte, festgehalten. Auf der Karteikarte der Gestapo ist noch vermerkt, dass sie als Haushälterin tätig war, aber wegen ihres hohen Alters nicht mehr arbeitsfähig sei. 1935 und auch 1939 war sie in der Goebenstr. 30 als Untermieterin bei einer Familie Link gemeldet. Möglicherweise hatte sie hier noch als Haushaltsgehilfin gearbeitet. Am 8. Februar 1939 zog sie in die Hallgarter Str. 6, die zu diesem Zeitpunkt noch kein Judenhaus war. Für zwei Wochen, vom 20. Oktober bis zum 3. November 1941, war sie vorübergehend in die Geisbergstr. 24 umgezogen. Was der Anlass dafür war, bzw. wer diesen Wohnungswechsel veranlasst hatte, ist nicht bekannt.

In welchen ärmlichen Verhältnissen sie ihr Leben fristete ergibt sich aus einem ausgefüllten Formular, das die Devisenstelle ihr zugesendet hatte. Am 30. April 1940 gab sie darin an, über kein Vermögen und kein Einkommen zu verfügen. Auf der Rückseite sind allerdings doch ein paar kleine finanzielle Zuwendungen angegeben, die nicht sie selbst, sondern eine andere Person, aber offensichtlich in ihrem Auftrag eintragen hatte. Sie erhalte von der Jüdischen Wohlfahrtspflege monatlich 9,- RM, weiterhin eine Wohnungsbeihilfe von 7,60 RM und 3,20 RM verdiene sie sich monatlich als Haushaltshilfe. Damit war aber nicht einmal der von ihr angegebene monatliche Bedarf von 23 RM zu decken.[3] Ein solches Leben ist bestenfalls noch als ein Vegetieren zu bezeichnen.

Auf eine neue Anfrage der Devisenstelle im August 1942, ob sich ihre finanziellen Verhältnisse in irgendeiner Weise geändert hätten, antwortete sie: „Ich teile Ihnen höflichst mit, dass sich bei mir gar nichts geändert hat.“[4]

Nur zwei Wochen später trat dann doch eine grauenhafte Veränderung in ihrem Leben ein: Wenige Tage später erhielt auch sie die Aufforderung, sich am letzten Shabbats des Monats August im Hof der Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden, um am 1. September die Fahrt nach Theresienstadt anzutreten. Nur einen Monat hielt sie das Leben im dortigen Ghetto noch durch. Am Morgen des 4. Oktober verstarb sie kurz vor Vollendung ihres 68sten Lebensjahrs an einem akuten Darmkatarrh.[5]

Stand: 05. 05. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] In der Todesfallanzeige von Theresienstadt ist zwar das zunächst eingetragen Geburtsdatum korrigiert worden und statt dem Geburtsjahr 1874 das Jahr 1875 eingetragen worden. Es muss sich aber hier mit großer Wahrscheinlichkeit um einen Fehler handeln, denn sowohl in der Devisenakte als auch auf der Gestapo-Karteikarte ist das Jahr 1875 eingetragen. Zur Todesfallanzeige siehe http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/84848-levy-mathilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt (Zugriff: 2.5.2019).

[2] Möglicherweise gibt es aber eine andere Verbindung in die Hallgarter Straße. Johanna Blumenthal, die Schwester von Martha Blumenthal, verheiratete Kahn, war mit dem Metzger Ludwig Levy verheiratet, der ebenfalls aus Diedenhofen stammte. Vermutlich war er mit Mathilde Levy verwandt, siehe oben https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hallgarter-str-6/julius-und-martha-kahn-geborene-blumenthal-und-ihre-geschwister/#_ftnref56.

[3] HHStAW 519/3 3449 (2).

[4] Ebd. (5).

[5] http://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/84848-levy-mathilde-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt