Hermannstr. 17


Judenhäuser Wiesbaden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Helene Wreschner, Frieda Strauß Goldschidt, Paul Leo Goldschmidt, Charlotte Goldschmidt
Das ehemalige Judenhaus in der Hermannstr. 17
Eigene Aufnahme
Wiesbaden, Juden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Frieda Goldschmidt, Philippsbergstr. 25
Lage des Judenhauses Hermannstr. 17
Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17
Belegung des Judenhauses Hermannstr. 17

 

 

 

 

 

 


Berthold Goldschmidt und seine Familie

In der im Wiesbadener Westend gelegenen kleinen Hermannstraße gab es sogar zwei Judenhäuser. Die Straße, nur etwa zweihundert Meter lang, zweigt in Richtung Osten von dem, das gesamte Viertel durchtrennenden Bismarckring, in östlicher Richtung ab. Wie die Frankenstraße, die parallel dazu verläuft und in der ebenfalls ein Judenhaus stand, reicht sie nicht bis zur Schwalbacher Straße, sondern stößt etwa in der Mitte auf die Hellmundstraße. Dieses Viertel, das in der Zeit entstanden war, als auch Wiesbaden in der Phase der Industrialisierung über seine bisherigen Grenzen hinauswuchs, hatte schon immer einen besonderen Charakter. Und bei allen Wandlungen, die es seit dem 19. Jahrhundert gegeben hat, hat es sich diese Besonderheiten bis heute, wo es zum Wohngebiet vieler Arbeitsemigranten geworden ist, bewahrt.

Es war, wie etwa auch das noch ältere Bergkirchenviertel schon immer das Wohngebiet der einfachen Leute, der Arbeiter, Handwerker, einfachen Angestellten und der kleinen Geschäfte. Ein wunderbares Bild dieses Milieus hat Willy Rink, der in der Hermannstraße aufgewachsen war, in seinem Buch „Das Judenhaus“ gezeichnet:
Im Westend war damals von der Weltkurstadt, als die Wiesbaden sich auf Plakaten, in Prospekten und in den örtlichen Zeitungen darzustellen versuchte, nichts zu bemerken. Es war und ist auch heute noch die Wohnwelt kleiner Leute und der Geschäfte, deren Kunden sie waren und sind. Das Kurviertel mit dem Kurhaus, der Spielbank, dem Kurpark, mit seinen Badehäusern, Hotels, Restaurants, Cafes, Grünanlagen, Kutschen- und Reitwegen und die benachbarten Villenviertel waren damals ein Teil der Stadt, den die Bewohner des Westends allenfalls auf Sonntagsspaziergängen zu Gesicht bekamen. (…) Die Hermannstraße, in der wir nun wohnten, war eine kleine Nebenstraße des Bismarckrings, einer breiten Allee, in deren Mitte eine doppelte Platanenreihe samt gepflastertem Gehweg die Fahrspuren beider Richtungen trennte, auf denen sich in den dreißiger Jahren viele Last- und wenige Personenautos, Straßenbahnen, Pferdegespanne, Handwagen und Fahrräder bewegten. Hier, nicht in den Nebenstraßen, befanden sich die größeren Geschäfte des Westends, die Apotheken und Drogerien, die Bank- und Postfilialen, Konditoreien und Feinkostgeschäfte, die Friseursalons und Blumenläden. Neben den Hauseingängen mit den messingnen Türklinken und Klingelknöpfen fanden sich die Schilder von Rechtsanwälten, Ärzten, Zahnärzten, Bücherrevisoren und anderen Angehörigen freier Berufe. Darunter bis 1933 viele jüdische Namen. Bescheiden, um nicht zu sagen ärmlich, boten sich im Vergleich dazu damals die Nebenstraßen dar, die Walram-, Hellmund- und Frankenstraße – um nur einige benachbarte Straßen zu nennen. Fünfzehn Häuser auf jeder Seite bildeten die Hermannstraße, jedes drei oder vier Stockwerke hoch, manche mit roten Backsteinfassaden, Vorder- und Hinterhäusern, mit Höfen dazwischen, auf denen Fuhrwerke und Fahrräder abgestellt wurden. Manchmal fand sich im Hof ein gemauerter oder aus Wellblech gefertigter Schuppen, in dem kleine Handwerksbetriebe oder deren Lager untergebracht waren. Eine Bäckerei, eine Metzgerei und ein Kramladen, allesamt klein und unansehnlich, besetzten die Straßenecken, dazwischen eine Schuhmacherei, eine Kohlenhandlung und eine Pferdemetzgerei, die freilich bald liquidiert wurde, weil die Kunden ausblieben. Ganz deutlich sehe ich noch den Bäckermeister Gerbig, seinen Laden, in dem Frau Gerbig Brot, Brötchen und süßes Gebäck verkaufte und die Backstube, in der die Hausfrauen vor Festtagen ihre Kuchenbleche abgaben, die sie unter den Armen oder auf dem Kopf herbeitrugen und später wieder abholten. Ich sehe die Metzgerei Wolf, in der ich als kleiner Junge nachmittags, mit einem Notizzettel in der Hand, in den das Geld eingewickelt war, Blut- oder Leberwurst kaufte, am Ende immer von Frau Wolf mit einer Scheibe Fleischwurst belohnt. Auch den Kramladen Nattermann, in dem es an Dingen des täglichen oder gelegentlichen Bedarfs ungefähr alles gab, was man anderswo in der Nähe nicht kaufen konnte. Der Laden war vollgestopft mit Bürsten, Besen, Eimern, Tüten, Büchsen, Flaschen, Kartons und Schachteln. In der kleinen Öffnung zwischen all diesen Dingen, die teils auf dem Boden oder auf der Theke standen, teils von der Decke hingen, schaute Herr Nattermann oder seine Frau wie aus einem Bilderrahmen den Kunden entgegen, die den Laden betraten und die beide fast alle beim Namen kannten. Nie mehr später, weder im Inland noch im Ausland, habe ich einen so skurrilen Laden gesehen. Auch nicht in mancherlei pittoresken Bazaren. Dann: Der Tabakladen Bergmann, in dem ich für meinen Stiefvater jeden Samstag Zigarettentabak der Marke „Wie immer“ und Zigarettenpapier der Marke „Job“ holte. Die Schuhmacherei Beilstein, die mir darum in guter Erinnerung ist, weil es Herrn Beilstein, einem „Arier“, eines Tages verboten wurde, jüdischen Kunden, die er seit Jahren kannte, weiterhin die Schuhe zu reparieren. (…) Im Haus nebenan verkaufte die Kohlenhandlung Nemnich Brennholz, Kohle, Koks und Briketts, die den Kunden, die nicht mit dem Handwagen vorfuhren, mit dem Pferdegespann ins Haus geliefert wurden. Bleibt der Pferdemetzger Landau, ein Cousin meiner jüdischen Onkel und Tanten, der Mitte der dreißiger Jahre vergeblich versuchte, Kunden für sein Pferdefleisch, die Pferdewurst und das in kleine Flaschen abgefüllte Kammfett zu finden, das bei einfachen Leuten im Rufe stand, dem Haarausfall entgegenzuwirken. [1]

Das Westend war zugleich das Viertel, in dem auch viele der ärmeren Juden, oft Menschen, die vor den Pogromen im Russischen Reich geflohen waren, sich niedergelassen und ihm eine Prägung gegeben hatten, die mitunter stark an ein osteuropäisches Schtetl erinnerte.[2]

Berthold Goldschmidt, geboren am 16. Juni 1901 in Wiesbaden, der Eigentümer des Hauses Hermannstr. 17 war allerdings kein Ostjude, auch wohnte er selbst nicht in diesem Stadtteil, dennoch war er durch seine Herkunft auf vielfältige Weise mit der Tradition des ostjüdischen Judentums verbunden.

Sein Vater Felix Goldschmidt war das vierte Kind von Joseph und Auguste Goldschmidt, die ihre Kinder alle in Hamburg zur Welt gebracht hatte. In der Elbestadt hatte der promovierte Pädagoge Joseph Goldschmidt, Sohn eines Kantors aus dem Bezirk Posen, als Direktor der dortigen Talmud Thora Realschule, ein bedeutende Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinde. Er war – so heißt es in dem Nachschlagwerk „Das jüdische Hamburg“ etwas pathetisch „ein gesetzestreuer Jude, der den jüdischen Glauben als erstes Erziehungsziel auf sein Banner schrieb.“[3] Daneben gehörte aber auch das Studium der deutschen Klassik und der deutschen Geschichte zu den wesentlichen Bildungszielen der Anstalt, die er über 30 Jahre autoritär zu leiten wusste. Als nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg demokratische Ideen auch die Schulen erreichten, gab er, der fest im wilhelminischen Zeitgeist verwurzelt war und seine Schüler immer wieder aufgeforderte hatte, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden, seine Stellung als Direktor widerwillig auf.[4]

Man wird davon ausgehen können, dass diese konservativ-nationale und dem orthodoxen Judentum verpflichtete Haltung auch das Familienleben und die Erziehung der Kinder prägte. Die älteste Tochter Rebekka, geboren am 29. April 1870, heiratete dementsprechend in eine der bedeutenden, weitverzeigten und traditionsreichen Rabbi-Familien aus dem Gebiet um Posen ein. Dr. Jacob Jehuda Leopold Wreschner, ältester Sohn von Zev Nahum Wolf Wreschner und seiner Frau Charlotte, geborene Falk, war später über lange Jahre bis 1934 Rabbi in Bad Homburg, wo er am 31. März 1935 verstarb. Wie nicht unüblich in jüdischen Familien heiratete Felix Goldschmidt die Schwester von Leopold Wreschner, die 1872 geborene Helene / Hela Wreschner.

Felix hatte zunächst in Hamburg nach seinem Abschluss der Mittelschule eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Sein weiterer beruflicher Werdegang ist allerdings nur lückenhaft rekonstruierbar. 1896 war am 25. Januar in Straßburg Martin, das erste Kind in der Ehe mit Helene geboren worden. Möglicherweise hatte er in dieser Zeit im Elsass eine Anstellung. Wo das nächste Kind, die 1897 geborene Alice zur Welt kam, ist nicht bekannt. Aber schon der folgende Sohn Berthold war am 16. Juni 1901 in Wiesbaden geboren worden und auch Heinrich ist mit dem Datum 29. Februar 1904 im Wiesbadener Geburtsregister eingetragen. Erstmals ist Felix Goldschmidt im Wiesbadener Adressbuch von 1899/00 als Teilhaber der „F.Goldschmidt & Co“ Schuhwarenhandlung, die ihren Sitz in der Kirchhofgasse hatte, eingetragen, während er selbst in der Gustav-Adolfstr. 14 wohnte. In den folgenden Jahren ist er mehrfach umgezogen, ist dabei aber von einer kurzen Ausnahme abgesehen, immer in dem Gebiet links der Platter Straße geblieben.[5] 1911 sind Goldschmidts erstmals als Bewohner der Philippsbergstraße verzeichnet, noch hatten sie aber eine Wohnung im Haus 33 angemietet. Ein Hinweis auf den Schuhhandel ist in den Einträgen nicht mehr vorhanden. Sein Sohn Martin gab im späteren Entschädigungsverfahren an, dass der Vater während des Ersten Weltkriegs eine Anstellung bei der Nassauischen Landesbank angenommen habe. Er muss hier immerhin soviel verdient haben, vielleicht hatte er sich auch die beginnende Inflation zu Nutze gemacht, dass er eine Immobilie erwerben konnte. 1921 wird Felix Goldschmidt im Wiesbadener Adressbuch erstmals als Eigentümer des Hauses Philippsbergstr. 25 bezeichnet. Aber erst 1934 ist er auch selbst mit seiner Familie dort eingezogen, nachdem er zuvor noch einige Jahre in der Herrngartenstr. 4 verbracht hatte.[6]

Um diese Zeit, so Martin Goldschmidt, hatten er und sein Bruder Heinrich die elterliche Wohnung bereits verlassen,[7] sodass in dem Haus Philippsbergstr15 nur Felix Goldschmidt mit seiner Frau Helene und der Sohn Berthold wohnten. Berthold hatte bis zum Einjährigen das Reformrealgymnasium in Wiesbaden, die heutige Oranienschule, besucht und anschließend in Damstadt eine Lehre bei der „Darmstädter Holzgroßhandelsgesellschaft Maier“ gemacht. Mit knapp zwanzig Jahren machte er sich dann durch Übernehme der bereits bestehenden Firma „Güttler & Co., G.m.b.h.“ als Holzhändler in Wiesbaden selbstständig. Zur Firma, die nicht nur Holz, sondern auch Kohle vertrieb, gehörten ein kleines Sägewerk und ein Lagerplatz am Dotzheimer Bahnhof. Zur Belieferung der Kunden standen zwei Transporter und auch zwei Kraftwagenfahrer zur Verfügung. Das Kapital für die Übernahme der Firma stammte zum großen Teil, möglicherweise auch ganz von der Mutter, die auch formal Miteigentümerin am Unternehmen war und zunächst auch alleine als Geschäftsführerin fungierte.[8] Durch Änderung des Gesellschaftsvertrages wurde 1926 auch Berthold mit der Geschäftsführung beauftragt.[9]Auch der Vater arbeitete nach Angabe seines Sohnes Martin zuletzt im Betrieb mit.

Die Geschäfte müssen recht gut gelaufen sein – Steuerunterlagen der Firma waren nach dem Krieg leider nicht mehr auffindbar -, denn bereits 1926 kaufte Berthold Goldschmidt, genauer: seine Firma die Immobilie in der Hermannstr. 17 von dem bisherigen Eigentümer Alois Resch, der das Gebäude selbst erst 1923 erworben hatte. Am 21. Mai 1926 wurde der Kaufvertrag abgeschlossen und am 15 Februar 1927 wurde der Eigentumswechsel im Grundbuch der Stadt Wiesbaden eingetragen. Ausdrücklich ist vermerkt, dass nicht eine natürliche Person, sondern die Firma Eigentümerin des Hauses wurde.[10]

Bevor Berthold Goldschmidt eine eigene Familie in Wiesbaden gründete, scheint er bereits einmal verheiratet gewesen zu sein. Mit Hinweis auf die Eintragungen im Heiratsregister von Rotterdam 1811-1835 gab eine Elsa Graaff-Hausdorf im Zusammenhang mit der Hinterlegung einer ‚Page of Testimony’ für ihre Schwester Lea Hausdorf in Yad Vashem an, dass diese früher mit Berthold Goldschmidt aus Wiesbaden verheiratet gewesen sei. Die am 14. April 1926 in Rotterdam geschlossene Ehe sei aber schon bald wieder geschieden worden.[11]

Bisher konnte nicht ermittelt werden, wann und wo Berthold Goldschmidt seine zweite Frau kennengelernt und geehelicht hatte. Frieda Strauß kam aus Ober-Seemen im Vogelsberg, einer relativ großen jüdischen Landgemeinde, die im 19. Jahrhundert nahezu ein Fünftel der örtlichen Bewohner stellte. Aus welcher Familie die am 23. November 1902 Geborene kam, ist bisher ebenfalls unklar.[12] Am 24. Juli 1931 wurde in Darmstadt zunächst die Tochter Charlotte, genannt Lotte geboren. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass Berthold noch während seiner Ausbildung dort seine spätere Frau kennengelernt und diese vielleicht auch noch in Darmstadt geheiratet hatte. Ein Jahr nach Lottes Geburt, dann schon in Wiesbaden, kam der Sohn Paul Leo zur Welt.[13]

Der Tod von Helena Goldschmidt am 12. Februar 1936 hatte weitreichende Folgen für die Familie, aber auch für die Firma. Im Mai 1937 wurde die Gesellschaft aufgelöst und in ein Einzelunternehmen umgewandelt, das von Berthold Goldschmidt nun alleine geführt wurde.[14]

Den Vater muss der Verlust seiner Frau tief getroffen haben. Er sei damals sehr deprimiert, sogar depressiv geworden, so sein Sohn Martin, und auch den im folgenden Jahr erlittenen Schlaganfall des Vaters führte er auf den Tod seiner Ehefrau zurück. Man wird aber kaum bezweifeln können, dass auch die Veränderung des politischen Klimas und der Niedergang des zuvor blühenden Geschäfts für diesen Gemütswandel verursacht hatten. Seit dem Schlaganfall war der Vater teilweise gelähmt und auf ständige Hilfe angewiesen. Allein deshalb wohnte er zusammen mit der vierköpfigen Familie von Berthold zusammen in der Philippsbergstr. 25. Der Anteil des Hauses in der Philippsbergstraße, der Helene Goldschmidt gehört hatte, war an den Witwer und die Kinder Martin, Heinrich und Alice bzw. deren Kinder übergegangen. Berthold selbst erhielt die Firmenanteile der Mutter und damit auch das Haus in der Hermannstr. 17, das ja Teil des Betriebsvermögens war.[15]

Felix Goldstein, Helene Wreschner Goldstein, Berthold Goldstein, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Stolperstein für Siegmund Aron, dem Ehemann von Alice Goldstein
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_Grindelberg_74a_(Siegmund_Aron)_in_Hamburg-Harvestehude.jpg

Die Geschwister von Berthold waren damals bereits aus Wiesbaden weggezogen. Die erste, die ihre Heimatstadt verlassen hatte, war Alice. Sie heiratete als Achtzehnjährige 1918 den etwa 15 Jahre älteren Hamburger Bankbeamten Samuel Siegmund Aron.[16] Alice und Siegmund Aron hatten vier Kinder, denen allen die Ausreise aus Deutschland gelang.[17] Alice Aron selbst war bereits am 8. November 1935 und somit noch vor ihrer Mutter in Hamburg verstorben, ihr Mann wurde 1941 von dort aus nach Lodz / Litzmannstadt deportiert, wo er am 4. September 1942 ermordet wurde. Zu seiner Erinnerung ist in Hamburg im dortigen jüdischen Viertel am Grindelberg ein Stolperstein gesetzt worden.[18]

Die beiden Brüder Martin und Heinrich waren zumindest zeitweise in Wien wohnhaft. Als nach dem Tod der Mutter ihr Vermögen in einem komplizierten Erbverteilungsvertrag aufgeteilt wurde, waren sie selbst nicht anwesend, aber ihre damaligen Adressen in der Donaumetropole wurden im Erbschein festgehalten.[19] Bereits 1924 hatte Martin Goldschmidt dort Elisabeth, genannt Liesel Figdor geheiratet.[20] Martin Goldschmidt gab später an, bereits 1929 in Wien als Geschäftsmann tätig gewesen zu sein. Er habe damals von seinem Vater und seinem Bruder mehrere Tausend Reichsmark erhalten, um dort eine eigene Firma aufbauen zu können.[21] Er war wie sein Bruder Holzhändler, hatte als Importeur und Großhändler nach eigenen Angaben aber ein weit größeres Geschäftvolumen als das Wiesbaden Geschäft. Bei 50.000 RM habe sein jährliches Einkommen in den Jahren von 1930 bis 1933 gelegen.[22] Aber schon ab 1936 sei eine weitere Geschäftstätigkeit unmöglich gewesen.[23]

Auch wenn dazu keine Angaben vorliegen, so kann man dennoch vermuten, dass auch sein jüngerer Bruder Heinrich in dieser Firma tätig war, zumal sie zusammen Wiesbaden verlassen hatten. Auch er hatte mit einer Wienerin eine Familie gegründet. Die dort am 11. August 1913 geboren Hertha Lea Stroh war auch die Mutter der beiden Kinder Zeev und Yehudit.[24] Wann die Ehe geschlossen wurde und wann und wo die beiden Kinder geboren wurden, ist nicht bekannt. Vermutlich hatte das Paar um 1938, vielleicht nach dem sogenannten „Anschluss“ Europa verlassen und war nach Palästina ausgewandert.

Zumindest von Martin Goldschmidt weiß man, dass er 1938 unter abenteuerlichen Umständen mit seiner Frau die Flucht angetreten hat. Es gibt keine amtlichen Belege dafür, dass er sich zuvor noch längere Zeit in Wiesbaden aufgehalten hatte. Allerdings liegen eidesstattliche Erklärungen vor, nach denen er 1938 mit seiner Frau in Wiesbaden im Haus seines Vaters lebte und sogar anstelle seines erkrankten Vaters mehrfach gottesdienstliche Funktionen in der Synagoge in der Friedrichstraße übernommen hatte. Im September soll er dann von Wiesbaden aus die Ausreise angetreten haben.[25] Er selbst gab über die Umstände seiner Flucht folgende Auskunft:
„Da ich Kriegsteilnehmer war u. mich s.Z. freiwillig zum Kriegsdienst meldete u. das Ehrenkreuz f. Frontkämpfer besaß, glaubte ich in meiner Einfalt, dass mir nichts passieren kann. Deshalb bin ich erst gegen Ende 1838 aus Deutschland weg (fluchtartig verlassen), das ganze Hab und Gut zurücklassend, nachdem ich gewarnt worden bin, dass ich verhaftet werde. Ich bin m. Frau illegal nach Palästina weg, auf einem Frachter, wobei ich b. Mitarbeit an den Handfingern durch schweren eisernen Gegenstand verletzt wurde und einige Finger zerbrachen, als Befehl gegeben wurde, hinunterzusteigen, um sich vor den Engländern zu verstecken. Ärztliche Hilfe gab es nicht. Ich kam illegal in Palästina an und meine Frau verdiente den Lebensunterhalt.“[26] Es handelte sich um ein seeuntüchtiges Kohleschiff, das auf dem Mittelmeer immer wieder von der britischen Marine verfolgt wurde. Als Folge der Verletzung mussten ihm in Palästina zwei Finger der linken Hand amputiert werden.

Martin Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Helene Wreschner Goldschmidt, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Die Hauptstaraße von Petah Tikva zwischen 1948 und 1951
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_46979_Main_Street_in_Petah_Tikva.jpg?uselang=de

Martin Goldschmidt hat in seiner neuen Heimat Israel nie mehr zu seiner alten Stärke und Tatkraft zurückgefunden. Ärzte diagnostizierten die typischen Symptome einer Entwurzelungsdepression. Er litt unter Alpträumen, ständiger Ermüdung und sozialen Phobien, wagte nicht mehr aus dem Haus zu gehen und war somit in den folgenden Jahren in seiner Arbeitsfähigkeit sehr eingeschränkt.[27] Seine Frau war diejenige, die mit einer Suppenküche und der Vermietung von Zimmern für den gemeinsamen Lebensunterhalt aufkam. Aber in der ersten Zeit hätten sie ständig unter Hunger gelitten, sich oft ausschließlich von Orangen ernährt.[28] Am 3. September 1976 ist er in Petach Tikvah, zu Deutsch „Tor der Hoffnung“ in seiner neuen Heimat verstorben.[29] Bild
Sein Bruder, der in Israel den Namen Boaz Chaim annahm, war bereits drei Jahre zuvor am 28. September 1973 in Jerusalem, wo er ein Cafehaus betrieb, verstorben.[30]

Immerhin waren die Geschwister von Berthold Goldschmidt, soweit sie bei Beginn der Deportationen noch am Leben waren, alle mit ihren Kindern nach Palästina entkommen und trotz aller widrigen Umstände am Leben geblieben. Einzig der Schwager Siegfried Aron und Bertholds erste Frau waren dem schrecklichen Morden nicht entkommen. Auch Berthold Goldschmidt hatte, wie sich aus den Akten ersehen lässt, zuletzt Auswanderungspläne angestellt. Man wird vermuten können, dass die Verantwortung für den gelähmten Vater, der 1938 70 Jahre alt geworden war und dem eine solche Veränderung kaum mehr zuzumuten war, ihn davon abgehalten hat, diesen Schritt schon früher zu tun. Sein Geschäft war längst zum Erliegen gekommen. Juden wurden mit Holz schon seit Jahren nicht mehr beliefert und zumindest einen Lieferwagen hatten Nazi-Banden bei einem Brandanschlag zerstört. Am 17. April 1939 war das Geschäft dann offiziell abgemeldet worden.[31] Sein Bruder habe sich zuletzt mit der Auslieferung von Sprudelwasser noch ein wenig Geld verdient – so Martin Goldschmidt. Haupteinkommensquelle seien jedoch die Mieteinnahmen aus dem Haus in der Hermannstr. 17 und dem in der Philippsbergstraße gewesen.[32]

Im späteren Judenhaus in der Hermannstr. 17 wohnte laut Jüdischem Adressbuch von 1935 im Jahr der Herausgabe noch kein Jude und auch im letzten Wiesbadener Adressbuch von 1938 ist unter den insgesamt 16 Mietparteien kein jüdischer Bewohner auszumachen.

. Im Dezember 1938 waren dann mit den Ehepaaren Bronne und Hirschberger die ersten jüdischen Mieter eingezogen. Ihre Kinder kamen zu unterschiedlichen Terminen in den folgenden Jahren nach. Bronnes mussten später noch in das Judenhaus Hermannstr. 26 und zuletzt am 15. August 1941 vor ihrer Deportation noch in das Judenhaus in der Stiftstr. 14/16 umziehen, für die Familie Hirschberger, soweit sie in Wiesbaden blieb, war die Hermannstr. 17 die letzte Wohnung vor der Reise in den Tod. So auch für Leo Mayer und Fanny Schwarz, die beide im Februar 1930 dort einquartiert wurden. Julie Schönstädt war im Juni 1942 nur noch wenige Tage in dem Haus, bevor sie von dort nach Frankfurt überführt wurde. Angesichts der drohenden Deportation nahm sie sich dort das Leben. Es waren also insgesamt 12 jüdische Bewohner, die in dem Judenhaus zumindest zeitweise zu leben gezwungen waren. Sie fielen alle dem Holocaust zum Opfer.

Auch unter den neun Mietparteien in der Philippsbergstraße gab es zunächst keine jüdischen Bewohner[33] Aber immerhin trugen aus beiden Häusern insgesamt 25 Mieter zum Einkommen der Goldschmidts bei. Da aber weder die Unterlagen der Hausverwaltung, noch die Einkommensteuererklärungen der betreffenden Jahre  vorliegen, ist nicht zu sagen, wie hoch die monatlichen Nettoerträge tatsächlich waren. Allein die Vermögenserklärung, die am 16. Januar 1940 im Zusammenhang mit der kurz zuvor erlassenen Sicherungsanordnung abgegeben werden musste, gibt einen Hinweis auf die Einkommenssituation. Danach waren Goldschmidts wegen zu geringer Einkünfte von der Einkommensteuer freigestellt.[34] Man muss also davon ausgehen, dass die beiden Immobilien keinen Gewinn abwarfen.
Wie prekär die finanzielle Lage der Familie war, zeigte sich schon 1938, als nach dem Novemberpogrom nahezu alle Juden zur „Sühneleistung“ herangezogen wurden. Im Januar 1939 erhielten Goldschmidts die Aufforderung bei einem Vermögen, das abgesehen von dem auf 935 RM geschrumpften Betriebsvermögen ausschließlich aus Grundvermögen, d.h. den beiden Häusern, bestand und mit 28.000 RM, abzüglich der Verbindlichkeiten von 14.000 RM auf ebenfalls 14.000 RM taxiert wurde, in vier Raten zu je 700 RM insgesamt 2.800 RM als Judenvermögensabgabe zu zahlen.[35] In dem Brief, den Frieda Goldschmidt daraufhin an die Devisenstelle mit der Bitte schrieb, man möge die Forderung stunden, weil sie über keine flüssigen Mittel verfüge, erfährt man zudem, dass ihr Mann bei der allgemeinen Verhaftungswelle ebenfalls inhaftiert und in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht worden war.[36] Goldschmidts sahen nur die Möglichkeit durch den Verkauf des Hauses in der Hermannstr. 17 die notwendigen Mittel aufzubringen. Der Hausverwalter Bier war zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Suche nach einem Interessenten beauftragt worden. Nachdem Bier diesen Auftrag gegenüber der Devisenstelle bestätigte, war man bereit auf die Eintreibung des Geldes bis zum Abschluss des Verkaufs zu verzichten. Mit einer entsprechenden Sicherungshypothek wurde das Grundstück solange belastet.[37] Schon am 11. November 1939 kam der Kaufvertrag mit einem Dr. Theodor Brümmer zustande und noch am gleichen Tag wurde die entsprechende Auflassung im Grundbuch vermerkt. Die endgültige Umschreibung erfolgte am 26. Januar 1940.[38] Der zu zahlende Preis lag mit 28.000 RM deutlich unter dem 1939 von dem Feldgericht festgesetzten Einheitswert von 32.000 RM.[39] Nach Abzug aller Hypotheken sowie anderweitiger Kosten und Schulden blieben den Verkäufern noch etwa 10.000 RM von der erlösten Summe, die selbstverständlich auf das gesicherte Konto überwiesen werden mussten. Als im November noch die nachträgliche fünfte Rate der Judenvermögensabgabe eingefordert wurde, schrieb Berthold Goldschmidt am 13. November 1939 an die Devisenstelle in Frankfurt:
„Ich habe das Haus verkauft und hoffe, dass der Vertrag genehmigt wird. (…) Im Falle meiner Auswanderung werde ich das relativ kleine Restvermögen bestimmt zu Beschaffung der Passage u. dgl. Benötigen und wenn noch etwas übrig bleibt, wird es kaum ausreichen, um meiner Familie solange den notdürftigsten Lebensunterhalt zu sichern, bis ich dieselbe ins Ausland nachkommen lassen kann. Wenn es mir gelingen sollte, mit der Familie zusammen auszuwandern, reicht es ohnedies bestimmt nicht für Passagen, Gepäckfracht u.s.w.
Aus diesen Gründen bitte ich höflichst um Erlass, oder zumindest um erhebliche Ermäßigung der 5. Rate.“
[40]

Weder der Erlass der 5. Rate, noch die geplante Ausreise aus Deutschland kam zustande. Auch der Betrag, der letztlich tatsächlich übrig blieb, belief sich nur noch auf 8.530 RM.[41] Als monatlichen Bedarf gab Berthold Goldschmidt gegenüber der Devisenstelle einen Betrag von 700 RM an, darunter 35 RM für Gas und Strom, 320 RM für den Lebensunterhalt und 45 RM für eine Hausangestellte an. 300 RM veranschlagte er für Kosten, die aus dem Hausbesitz in der Philippsbergstraße resultierten. Es sei ein sechsköpfiger Haushalt zu versorgen, da neben seiner eigenen vierköpfigen Familie auch der Vater und der Schwager, Mayer Max Salomon Strauß, der am 10. Februar 1905 in Pfungstadt geborene jüngere Bruder seiner Frau, mit ihnen zusammen leben würden.[42] Seinen Antrag, den monatlichen Freibetrag seinen Verpflichtungen entsprechend anzupassen, lehnte die Devisenstelle ab. Deutlich wird in diesem Zusammenhang, auch wieder einmal die Rolle, die die Banken bei der Einschränkung der Lebensmöglichkeiten spielten, auch wenn es sich hier nur um eine Petitesse handelt. Die Nassauische Landesbank gab die Bitte an die Devisenstelle mit dem Vermerk weiter, dass sie „das Verlangen des Goldschmidt nicht befürworten (möchte); anscheinend ist er als Strassenarbeiter bei der Firma W. & L. Scheid, Limburg, neuerdings beschäftigt. Ein monatlicher Freibetrag von RM 400,- erscheint uns als ausreichend.[43] Die Devisenstelle machte sich diese Einschätzung selbstverständlich zu eigen. Und auch als Berthold im April 1940 mit Verweis auf die durch die Arbeit bei Scheid zusätzlichen Kosten für Kleidung Anfahrt und Essen erneut um Erhöhung des Betrags um wenigstens 100 RM bat, erhielt er die Antwort, dass man dem Antrag „nicht zu entsprechen vermag“.[44]

Auf noch perfidere Weise übte der von der DAF eingesetzte Hausverwalter der Philippsbergstr. 25 Druck auf De Familie Goldschmidt aus. Da auch der Vater, dem das Haus zur Hälfte gehörte durch die Judenvermögensabgabe in finanzielle Nöte geraten war, wollte sein Sohn die Abgabe für ihn übernehmen. Das war sogar rechtlich durch eine entsprechende Vereinbarung abgesichert. Dennoch schrieb dieser Verwalter Eugen Bier der Devisenstelle, diese solle die Zahlungsannahme des Sohnes verweigern: „Nur so tritt der Fall ein, dass der Jude Felix Goldschmidt gezwungen wird, das Haus zu verkaufen, das mit der Zeit immer mehr heruntergewirtschaftet wird. Nach meiner Ansicht wollen die Juden, die auch bereits seit 1 ½ Jahr (! Sic) keine Hypothekenzinsen bezahlen bis zu ihrer Auswanderung in dem Haus wohnen und dann das vollkommen verfallene Haus hier zurücklassen. Dieser Umstand kann von der Devisenstelle leicht durchkreuzt werden, indem sie nicht mehr gestattet, dass der Jude Berthold Goldschmidt für seinen Vater, den Felix Goldschmidt bezahlen darf. Der alte Goldschmidt wird dann gezwungen sein, das Haus verkaufen zu müssen. Seit Jahr und Tagen hat diese Gesellschaft nur Nutzen aus den beiden Häusern gezogen und nie etwas erneuern lassen.“[45] Der Brief war geschrieben worden, nachdem die Nassauischen Landesbank wegen der Rückstände bei den Hypothekenzinsen eine Zwangsversteigerung des Wohngrundstücks in die Wege geleitet hatte. Am 29. Mai 1940 erlaubte die Devisenstelle dann doch noch, dass Berthold Goldschmidt gemäß den schriftlichen Vereinbarungen die bestehenden Zinsrückstände für seinen Vater begleichen durfte und sicherte damit noch einmal den Verbleib der Familie in ihrem Haus.

Im Sommer des folgenden Jahres, am 11. Juni 1941, verstarb Felix Goldschmidt nach langer Krankheit. Er wurde auf dem Altjüdischen Friedhof am Hellkundsweg beigesetzt. Felix als Alleinerbe übernahm seinen Anteil am Haus in der Philippsbergstraße.

In dem Brief an die Devisenstelle, in dem dieser den Tot seines Vaters mitteilte, informierte er sie auch über den Auszug seines Schwagers aus dem Haus.[46] Max Strauß war um 1939 nach Wiesbaden gekommen, wo er von der Schwester aufgenommen wurde. Nach einer längeren Haftstrafe, die er wegen diverser Sittlichkeitsvergehen verbüßen musste,[47] hatte sich seine Frau Erna Worms von ihm scheiden lassen und war mit den beiden Kindern in die USA emigriert.[48] Laut seiner Gestapo-Karteikarte hatte er aber bereits am 3. Dezember 1940, also etwa ein halbes Jahr früher die bisherige gemeinsame Wohnung verlassen und war in das Judenhaus in der Ludwigstr. 3 gezogen.[49]
Ein weiterer Verwandter der Familie Goldschmidts hatte zuletzt in der Philippsbergstr. 25 gewohnt. Meier Salomon Wreschner, genannt Max, der Neffe von Helena Goldschmidt ist zwar weder auf der Gestapo-Karteikarte, noch auf sonstigen Listen als Bewohner des Hauses vermerkt, aber sein Schwiegersohn Samson Raphael Erlanger und sein Enkel Kurt Örzel-Erlanger haben im Entschädigungsverfahren die Philippsbergstraße als dessen letzte Adresse in Wiesbaden angegeben. Auch er war schon lange leidend. Am 29. April 1942 kam er deshalb nach Frankfurt in das Jüdische Krankenhaus in der Gagernstraße, wo er am 11. Mai 1942 verstarb.[50] Er blieb durch seinen Tot von den Deportationen verschont, die im Frühsommer in einer zweiten Welle etwa 3000 Frankfurter Juden nach Izbica und Sobibor brachten.

Dieses Schicksal blieb der Familie von Berthold Goldschmidt nicht erspart. In dem Transport, der am 10. Juni 1942 Frankfurt verließ, waren auch etwa 350 Wiesbadener Juden, darunter das Ehepaar Goldschmidt mit ihren beiden Kindern, dem neunjährigen Paul Leo und der zehnjährigen Lotte. Zielbahnhof war Lublin im sogenannten Generalgouvernement. Hier wurden die noch Arbeitsfähigen aus dem Zug geholt und nach Majdanek zum Aufbau des dortigen Konzentrationslagers ausgesondert. Auch Berthold Goldschmidt gehörte zu den Selektierten. Im Totenbuch von Majdanek ist sein Name unter der laufenden Nummer 2463 eingetragen. Nach nur sechs Wochen war er dort am 29. Juli 1942 zu Tode gekommen.[51] Frieda, Lotte und Paul Leo wurden nach der Trennung von ihrem Vater in die Gaskammern von Sobibor gebracht und ermordet.[52]

Die beiden arisierten Häuser wurden den überlebenden Erben zurückerstattet. In einem Vergleich mit den Nachkriegseigentümern des ehemaligen Judenhauses in der Hermannstr. 17 waren diese bereit gegen die Zahlung von 17.000 DM diesen die Immobilie zu überlassen.[53]
Das Haus in der Philippsbergstraße war nach der Deportation seiner Eigentümer zunächst durch Vermögensverfall in die Hände der Vermögensverwertungsstelle beim Finanzamt Wiesbaden gelangt. Entgegen der ansonsten weitgehend beachteten Verkaufssperre jüdischer Immobilien, war das Haus offenbar noch im Juni 1942 verkauft worden. Auch hier war es 1951 zu einem Vergleich gekommen, durch die die neuen Besitzer die ehemals jüdische Immobilie behalten durften.[54]

Stand: 24. 07. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Rink, Das Judenhaus, S. 10 f.

[2] Siehe Schneider, Familie Tiefenbrunner, S. 117 ff.

[3] http://www.dasjuedischehamburg.de/inhalt/goldschmidt-joseph. (Zugriff: 20.7.2019).

[4] Joseph Goldschmidt, geboren am 9.11.1842 verstarb am 13.6.1925 in Hamburg, die Lebensdaten seiner Frau, Auguste sind so wenig bekannt, wie ihr Mädchenname. Er selbst hatte für sein Engagement für das Kaiserreich 1917 das Eiserne Kreuz am schwqarz-weißen Band erhalten.

[5] Ab 1903 firmiert das Geschäft als Schuhwaren-Großhandlung, Kommissions-Geschäft zunächst mit Sitz in der Drudenstr. 7, in den folgenden Jahren dann in der Querfeldstr. 4, wo Goldscheins auch jeweils wohnten.

[6] Nach Auskünften, die die Polizei im Rahmen des Entschädigungsverfahrens einholte, sollen Goldschmidts von 1924 an in der Philippsbergstr. 25 gewohnt haben, siehe HHStAW 518 4273 (86). Diese Angabe stimmt aber nicht mit denen in den Wiesbadener Adressbüchern überein.

[7] Ebd. (101).

[8] Ebd. 102. Die Firma ist 1920 erstmals im Wiesbadener Adressbuch mit der Adresse Philippsbergstr. 33 eingetragen.

[9] Ebd. (94).

[10] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 85 Bl. 1274 Innen. Der damals gezahlte Preis ist nur schwer einzuschätzen. Sofort mussten 7.500 RM gezahlt werden, aber auf dem Haus lasteten noch zwei Hypotheken, sogenannte Papiermarkthypotheken im Wert von 23.500 und 26.300 Mark. Welchen Wert diese wohl noch vor der Einführung der Rentenmark aufgenommenen Belastungen real hatten, entzieht sich meiner Kenntnis. Der Einheitswert des Hauses betrug 1935 33.000 RM.

[11] https://www.geni.com/people/Lea-Hausdorff/6000000002764829170?from_flash=1&fsession_id=1563779937917&through=6000000020209091365#/tab/source. (Zugriff: 20.7.2019). Die Tochter von Jacob und Paula Hausdorf / Hauzdorf, geborene Bondi, wurde am 12.2.1943 in Auschwitz ermordet.

[12] Im Internet ist eine Liste der seit 1933 aus Ober Seemen abgewanderten Juden hinterlegt. Darin sind auch Mitglieder einer oder mehrerer Familien Strauß genannt. Ob Frieda aus einer dieser Familien kam, ist möglich, aber nicht belegbar, siehe https://archive.org/details/gedernoberseemenf001/page/n3, (Zugriff: 20.7.2019). Interessant ist zudem, dass es in Ober Seemen auch eine Reihe von Personen gab, die den Name Goldschmidt führten. Ob es hier verwandtschaftliche Beziehungen zu den Goldschmidts in Wiesbaden gab, konnte im gegebenen Rahmen nicht untersucht werden. Siehe dazu http://www.alemannia-judaica.de/ober-seemen_synagoge.htm. (Zugriff: 20.7.2019).

[13] Siehe die Einträge auf der Gestapo-Karteikarte von Berthold Goldschmidt.

[14] HHStAW 518 4273 (100).

[15] Siehe zu der sehr komplizierten Vereinbarung das Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 85 Bl. 1274 Innen.

[16] Die Angabe, dass Siegmund Aron Bankbeamter war, ist der Niederschrift über Erbauseinandersetzung des Vermögens der Goldschmidts entnommen, siehe ebd.

[17] Die Namen der Kinder lauten: Waldemar Aron, geboren am 11.10.1918; Herbert Aron, geboren am 30.1.1920; Ruth Aron, geboren am 2.23.1922 und Manfred Aron 9.11.1924, siehe HHStAW 518 4273 (88). Außer Waldemar, der nach Australien gelangte, lebten die übrigen Geschwister später in Israel.

[18] Nach dem Tod seiner Frau Alice heiratete Siegmund Aron zu einem nicht bekannten Datum Baszion Bascine Heimann. Aus dieser Ehe sind keine weiteren Kinder hervorgegangen. Sie wurde zunächst mit ihrem Mann am 25.10.1941 nach Lodz verschleppt, dann im September 1942 in Kulmhof / Chelmno umgebracht. Auch für sie liegt am Grindelberg ein Stolperstein.

[19] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 85 Bl. 1274 Innen.

[20] HHStAW 518 12063 I (72). Elisabeth Figdor war am 26.4.1900 in Wien geboren worden.

[21] HHStAW 518 4273 (102).

[22] HHStAW 518 12063 I (41).

[23] Ebd. (41).

[24] Angaben nach GENI https://www.geni.com/people/Herta-Lea-Goldschmidt/6000000020208310415?through=6000000020209091365#/tab/media. (Zugriff: 20.7.2019).

[25] HHStAW 518 12063 (13, 15).

[26] Ebd. (18).

[27] Ebd. (17 f.).

[28] Ebd. (106, 111).

[29] Ebd. (149). Der Todestag seiner Frau Elisabeth konnte nicht ermittelt werden. Zu Petach Tikwa siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Petach_Tikwa. (Zugriff: 20.7.2019). Es war die erste jüdische Bauernsiedlung in Palästina, östlich von Tel Aviv gelegen.

[30] HHStAW 518 12063 (56). Auch hier ist nicht bekannt, wann seine Frau Hertha Lea verstarb.

[31] HHStAW 518 4273 ( 94, 143).

[32] HHStAW 518 4372 (102).

[33] Am 1. September 1940 waren dann doch noch jüdische Mieter in das Haus gekommen. Karl Simon und seine Frau Gerda, geborene Lichtenstein, stammten aus Wehen, einem Ortsteil der heutigen Gemeinde Taunusstein. Ob sie eingewiesen oder tatsächlich von Goldschmidts aufgenommen worden waren, ist nicht bekannt. Aber es muss für sie gute Gründe gegeben haben die Taunusgemeinde zu verlassen, denn Karl Simon soll nach Augenzeugenberichten 1938 unter der Anschuldigung, ein arisches Hausmädchen belästigt zu haben, mit Stockschlägen durch den Ort getrieben worden sein. In  der Philippsbergstr.25 muss dann am 21.10.1941 noch die Tochter Liwie Lina geboren worden sein. Die Familie mit ihrem nicht einmal einjährigen Kleinkind wurde zusammen mit den Vermietern am 10.6.1942 nach Lublin deportiert und ermordet. Die Angaben beruhen auf einem Vermerk in der Genealogischen Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[34] HHStAW 519/3 1876 (5). Am 8.1.1940 war bei der Nassauischen Landesbank ein entsprechendes Sicherungskonto eingerichtet worden.

[35] 685 204 (8).

[36] Ebd. (9, 13). Dem letztgenannten Schreiben, datiert mit dem 13.2.1939, ist zu entnehmen, dass er zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht frei gekommen war.

[37] Ebd. (12, 14, 15). Die Hypothek belief sich auf 3.500 RM, weil auch andere Steuerschulden durch den Verkauf des Hauses beglichen werden sollten.

[38] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 85 Bl. 1274 Innen.

[39] Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983. Im Kaufvertrag ist der letzte Einheitswert sogar mit 33.000 RM angegeben. Bei dem Käufer handelte es sich, wie sich bald herausstellte, um einen völlig überschuldeten Betrüger, gegen den am 20.8.1940 ein Haftbefehl erlassen wurde, der nur unter der Auflage 100.000 RM Kaution zu stellen, außer Vollzug gesetzt wurde. Am, 5.3.1942 wurde die Immobilie an einen anderen Besitzer weiterverkauft, ebd.

[40] HHStAW 685 204 o.P.).

[41] HHStAW 519/3 1876 (5).

[42] Ebd. Bei der Volkszählung vom Mai 1939 gab Max Straus die Philippsbergstr. 25 bereits als seine Wohnadresse an.

[43] Ebd. (10). Die Firma Scheid aus Limburg taucht immer wieder als Profiteur jüdischer Zwangsarbeit in den Akten auf.

[44] Ebd. (12).

[45] Ebd. (16).

[46] HHStAW 519/3 1888 (13).

[47] Es ist bisher nicht geklärt, ob es sich dabei tatsächlich um Sexualvergehen im heutigen Sinne handelte oder nur um Anschuldigungen, die auf der rassistischen Sexualgesetzgebung des NS-Staates resultierten.

[48] Angaben laut Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden. Erna Worms war am 11.10.1903 in Lauterbach geboren worden, die beiden Kinder hießen Irvin und Beatrice.

[49] Siehe zu seiner Person und seinem Schicksal im Kapitel zum Judenhaus Ludwigstr. 3.

[50] HHStAW 518 44864 (3, 4). Umzugsdatum laut Eintrag in der Gestapo-Karteikarte. Mayer Salomon Max Wreschner war am 20.9.1867 bei Posen geboren worden. Er war der Sohn von Akiva Jacob Wreschner, geboren am 9.4.1839, dem jüngeren Bruder von Felix Goldschmidts Frau Helena Wreschner. Mit seiner Frau Mathilde Metel Bloch und seiner Tochter hatte er zuvor lange in Wiesbaden in der Neubauerstr. 6 gewohnt. Seine Frau war schon am 13.12.1927 in Wiesbaden verstorben. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof am Hellkundsweg begraben. Die am 28.11.1897 geborene einzige Tochter Irma Theba war mit dem Luzerner Juden Samson Raphael Erlanger verheiratet und lebte mit ihm in dessen Heimatstadt in der Schweiz. Das Paar hatte mehrere Kinder. Sie selbst verstarb noch vor dem Kriegsausbruch und dem Beginn der Shoa am 20.10.1938.

[51] Majdanek 1942, The Book of Prisoner Death, Lublin 2004, S. 144.

[52] Da dieser industrielle Massenmord keinen bürokratischen Niederschlag gefunden hat, musste nach dem Krieg der Todestag der drei amtlich auf den Tag des Kriegsendes, den 8. Mai 1945, festgelegt werden.

[53] HHStAW 518 4273 (115 f.).

[54] Ebd. (125).