Die Familien Hermann Isselbächer und Joseph Strauß


Ackermann, Klara, Arthur, Judenhäuser Wiesbaden
Das frühere Judenhaus in der Hermannstr. 26 heute
Eigene Aufnahme
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden,
Lage des ehemaligen Judenhauses Hermannstr. 26
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Hermannstr. 26

 

 

 

 

 


 

Judenhaus Hermannstr. 26 Wiesbaden, Hermann Isselbächer, Joseph Strauss
Stammbaum des Familienverbands Löwenstein – Isselbächer – Strauss

Neben den Familien Feibel – Wolf, wohnte noch ein weiterer Familienverband im Judenhaus Hermannstr. 26. Es handelt sich um die über die Ehe von Hermann und  Karolina Isselbächer, geborene Strauß, miteinander verbundenen Familien Isselbächer und Strauß – zwei Familien, die zum einen links, zum anderen rechts des Rheins beheimatet waren und vermutlich als Händler auf irgendeinem der vielen Märkte zusammengefunden hatten. Dass die beiden Familien die letzten Wochen vor ihrer Auswanderung in dem damals noch nicht zum Judenhaus erklärten Gebäude in der Hermannstr. 26 zubrachten, ist vermutlich auf die verwandtschaftliche Verbindung zu Löwensteins zurückzuführen.

Der Name Isselbächer verweist – wie bei der erzwungenen Festlegung fester Familiennamen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts oft geschehen – auf die Herkunft der Familie, auf die kleine Ortschaft Isselbach, die heute zur Stadt Diez gehört. Die Landgemeinde zwischen Limburg und Montabaur gelegen, bildete mit dem benachbarten Holzappel, mit dem Isselbach neben weiteren kleinen Orten auch eine Synagogengemeinde bildete, eine Hochburg jüdischer Besiedlung in diesem Westerwälder Raum.[1] Und die Familie, die den Ortsnamen als ihren Eigennamen wählte, nahm dort offenbar eine führende Stellung ein. Alle im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz aufgeführten Namen der Shoa-Opfer dieser Gemeinde tragen den Namen Isselbächer.[2]

hermann Isselbächer, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Die Metzgerfamilie Isselbächer im Verkehrs- und Adreßbuch 1925/26 Unterlahn Diez Nassau Bad Ems Ober- u. Niederlahnstein einschl. der Landgemeinden

Wann sich die Isselbächers in Isselbach angesiedelt hatten ist nicht bekannt, aber zumindest kennen wir die Lebensdaten von Hermann Isselbächers Großvaters Abraham Isselbächer, der am 17. Februar 1816 bereits in Isselbach geboren wurde. Er war, bevor er am 19. Januar 1886 dort auch verstarb, zweimal verheiratet und hatte mit seiner ersten aus Vilmar an der Lahn stammenden Frau Eva Saalberg zunächst drei Kinder, mit seiner zweiten Frau Jannchen Herz – sie kam aus Tiefenbach – weitere fünf Nachkommen. Aus der folgenden Generation gingen soweit bisher bekannt – wiederum vierzehn Kinder hervor. Vermutlich waren es aber noch einige mehr.[3] In jedem Fall bildete diese große Zahl von Geschwistern, Halbgeschwistern, Neffen, Nichten, Halbneffen und Halbnichten, Cousinen und Cousins mit all ihren angeheirateten Partnern den Kern der Isselbacher jüdischen Gemeinde. Manche zogen später auch in die umliegenden Orte, heirateten dort und gründeten neue Familien. So auch Hermann Isselbächer, der zu einem nicht bekannten Zeitpunkt seine Heimatgemeinde verließ und sich in der benachbarten Kleinstadt Montabaur niederließ. Er übte als Viehhändler den traditionellen Beruf der Familie aus und baute dort vermutlich eine Art Dependance des gemeinsamen Unternehmens auf. Mit einem solchen Netzwerk familiärer Betriebsstützpunkte an verschiedenen Orten, war es einfacher, die unterschiedlichen Märkte zu bestücken und den bäuerlichen Viehbedarf wie auch den der Metzger abzudecken. Aber auch Schuster, Metzger oder Fellhändler, also dem Viehhandel nahe Berufe, lassen sich unter den Isselbächers finden. „Die Geschäfte deckten die gesamte Angebotspalette ab“ – so Vongehr – und machten Isselbach sozusagen zu einem frühen Einkaufszentrum für das gesamte Gelbachtal.[4]

Hermann Isselbächer, Karolina Isselbächer, Judenhaus Wiesbaden
Anmeldung der Familie Isselbächer in Montabaur
Stadtarchiv Montabaur

Hermanns Vater Isaak, der der ersten Ehe von Abraham Isselbächer entstammte, war mit der am 4. August 1854 in Steinfischbach geborenen Lina Steinberg verheiratet.[5] Nicht bekannt ist, wann die Ehe geschlossen wurde. Da aber Emilie, das erste von insgesamt acht Kindern, im Januar 1881 geboren wurde – sie verstarb bereits nach sechs Wochen -, kann man davon ausgehen, dass das Paar um 1879/80 geheiratet hatte. Hermann, geboren am 19. Oktober 1894, war das jüngste der Kinder. Als er am 30 Juni 1927 in Rüdesheim an der Nahe mit der aus Norheim stammenden Karolina Strauß die Ehe schloss, war er laut Heiratseintrag bereits in Montabaur wohnhaft. Schon 1926 hatte er dort das Wohngrundstück in der Hospitalstr. 2-3 erworben, wo er auch seine Viehhandlung einrichtete, die er am 19. Oktober des folgenden Jahres förmlich anmeldete. Am gleichen Tag erfolgte auch die Eintragung in die Haushaltungsliste von Montabaur. [6] Möglicherweise war er erst zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in das Haus eingezogen. Ob die Familie zuvor in Koblenz wohnte, wo am 13. April 1928 die Tochter Eleonore geboren wurde,[7] ist ungewiss, aber eher unwahrscheinlich. Ein Eintrag im dortigen Adressbuch ist in jeden Fall nicht vorhanden. Neben einer Haushaltshilfe – eine getaufte Katholikin – war auch Lina Isselbächer, die Mutter von Hermann, eingezogen. Ihr Mann Moses war offensichtlich damals schon verstorben.

Lore Isselbächer im Kindergarten um 1933
Stadtarchiv Montabaur

Die Familie blieb in den folgenden Jahren in dem Westerwaldstädtchen, wo sie mit der wachsenden antisemitischen Hetze konfrontiert wurde, die in ganz Deutschland grasierte. Die Judenfeindschaft in dieser früher zum Bistum Trier gehörenden Stadt hatte eine lange Tradition. Die Juden, die dort seit dem späten 13. Jahrhundert nachgewiesen werden können, waren in den folgenden Jahrhunderten wie alle ihre Glaubensbrüder in diesem Territorium schlimmsten Verfolgungen ausgesetzt. Die wenigen Überlebenden der Pogrome im Bistum Trier in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wurden 1418 vertrieben und erst im 16. Jahrhundert durften sich wieder vereinzelt jüdische Familien dort ansiedeln, die aber auch weiterhin in jeder Hinsicht rigidesten Reglementierungen ausgesetzt waren. Selbst das Ende der bischöflichen Herrschaft 1806 brachte keine Verbesserung der Verhältnisse. Die Lage der Juden in Montabaur, das damals dem Herzogtum Nassau zugeschlagen worden war, soll sogar mit Abstand die schlechteste im gesamten Territorium gewesen sein.[8] Dennoch nahm im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre Zahl stetig zu und mit der Eingliederung Nassaus in den preußischen Staat erlangten auch sie endlich wenigstens eine formale Gleichstellung. Ein sozialer Aufstieg gelang aber nur den wenigsten, wenngleich seit der Reichsgründung doch immer häufiger auch die Juden Montabaurs am gesellschaftlichen Leben teilnahmen und sich in den verschiedensten Vereinen und Organisationen engagierten. Seit 1905, dem Jahr, in dem mit 117 die meisten jüdischer Bürger in Montabaur gezählt wurden, ging deren Zahl aber wieder stetig zurück. 1933 bestand die dortige Gemeinde nur noch aus 72 Personen.[9]

Als bald nach der „Machtergreifung“ am 1. April in Deutschland zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen wurde, standen auch vor den Läden in Montabaur die Posten der SA – hauptsächlich Einheimische – und bedrohten Inhaber wie Kunden. Ob sie auch das Haus von Hermann Isselbächer belagerten, ist nicht bekannt, aber nur wenige Wochen später erschien sein Name, neben vielen anderen, auf einem Pamphlet, mit dem nach der April-Aktion der Druck auf die jüdischen Geschäftsleute aufrecht erhalten werden sollte.

Hermann Isselbächer, Montabaur, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Antisemitisches Pamphlet aus Montabaur 1933
Stadtarchiv Montabaur

Wurden solche Aktionen zunächst von der Bevölkerung, die mehrheitlich politisch der katholischen Zentrumspartei nahe stand,[10] abgelehnt, so änderte sich das innerhalb kürzester Zeit: „Die Spannung in der Stadt wuchs. Zusehends mehr enge Freund wandten sich innerhalb der nächsten zwei Jahre von den jüdischen Familien ab. Es kam vor, daß Juden auf der Straße von SA-Leuten angepöbelt wurden; die Menschen in der Stadt waren systematisch eingeschüchtert worden. Wenn auch ein Großteil nichts gegen Juden vorzubringen, ja stets in guter Nachbarschaft mit ihnen gelebt hatte, waren jetzt doch nur noch sehr wenige bereit, den Bedrängten zu helfen.“[11] Und solcher Hilfe und Solidarität hätte es dringend bedurft, denn es blieb nicht bei verbalen Attacken. Immer wieder kam es zu Gewaltaktionen, Fenster wurden eingeworfen und Menschen verprügelt.

Wie überall auf dem Land wurden die jüdischen Viehhändler im Besondern angefeindet, auch dann, wenn man seit vielen Jahren ihre Dienste immer gerne in Anspruch genommen hatte. Bereits 1935, zwei Jahre bevor diesen faktisch per Gesetz ein Berufsverbot erteilt wurde – die Zulassung war von da an an die Bedingung der „persönlichen Zuverlässigkeit“ geknüpft, ein Kriterium, das nach NS-Ideologie ein Jude prinzipiell nicht erfüllen konnte – versuchte man sie von den Märkten in der Region fernzuhalten. Der Bezirksbauernführer hatte – so eine Bekanntmachung der Bürgermeisters von Montabaur vom 25. September 1935 – eine eigene „Nutzviehvermittlung“ aufgebaut, um jedem Landwirt ab sofort die Möglichkeit zu geben, „ohne den Juden Kauf- und Verkaufsgeschäfte in Nutzvieh tätigen bzw. seinen anfallenden Viehabsatz zu tätigen.“ Er erwartete, „dass sich jeder Landwirt als wahrer deutscher Volksgenosse seiner Pflicht bewusst ist und keine Geschäfte in Nutztier mit Juden mehr tätigt.“[12]

In dieser Stadt und in diesem Land wollten Hermann Isselbächer und seine Familie nicht länger bleiben. Etwa seit dieser Zeit werden sie sich intensiver mit dem Gedanken befasst haben, in einem anderen Land neu anzufangen. 1938 hatten sich diese Überlegungen auch angesichts der beschränkten Aufnahmebereitschaft anderer Länder auf Uruguay konkretisiert.

Am 14 Juli 1938 verkaufte Hermann Isselbächer sein Haus in der Hospitalstraße an den Malermeister Adam Hackenbruch und dessen Frau für 7.500 RM. Da im Grundbuch auf das Haus noch eine Hypothek über 3.000 RM eingetragen war, blieben von der Summe nur noch 4.500 RM übrig. Dieser Restbetrag sollte gezahlt werden, wenn die notwendigen Genehmigungen der Behörden für den Verkauf eingegangen seien. Bis zur Ausreise nach Uruguay, wofür das Visum zu diesem Zeitpunkt bereits beantragt worden war, sollte die Familie aber noch gegen einen Mietzins von monatlich 30 RM in dem Haus bleiben dürfen.

Wie zu erwarten, waren die vielen bürokratischen Hürden nicht so schnell zu nehmen, sodass Isselbächers nicht mehr vor den Ereignissen im November 1938 Deutschland verlassen konnten. Als habe die SA in Montabaur nicht auf den 9. November warten können, wurde schon in der Nacht vom 3. auf den 4. November die Synagoge aufgebrochen und ein Reihe verschiedener Kultgegenstände geraubt. Bereits einen Tag vor der Pogromnacht hatten dann Unbekannte die Fensterscheiben eines jüdischen Bewohners eingeworfen, was vermutlich dazu führte, dass städtische Beamte, darunter der Polizeiwachtmeister Rüger, verschiedene jüdische Bürger vor den geplanten Aktionen in der folgenden Nacht warnten.[13]

Genutzt hat es freilich nichts. Eine Ahnung von dem Terror, den die SA am 10. November in Montabaur ausübte, bekommt man, wenn man den zusammenfassenden, auf Zeitzeugendokumenten und –aussagen gestützten Bericht von Markus Wild liest:

Am Morgen des 10. November 1938 kam ein Rollkommando des (sic!) SA Höhr und Grenzhausen unter Führung des SA Obersturmführers H. mit Lastwagen nach Montabaur. Sie sperrten die Wallstraße mit Seilen ab und zerstörten die Inneneinrichtung der Synagoge. Dabei wurden weitere Einrichtungsgegenstände gestohlen und in die Diensträume der SA-Standarte Montabaur gebracht. Anschließend besetzten einige SA-Männer unter Führung des Obersturmführers C. zwei Dienstzimmer im Erdgeschoß des Rathauses. Gegen Mittag fuhr dieser Trupp sämtliche jüdischen Häuser an und zwang die Bewohner (z. T. unter Androhung von Waffengewalt) verschiedene Einrichtungsgegenstände wie z. B. Büroeinrichtungen, Schreibmaschinen u. a. an die SA herauszugeben. Am Morgen hatte C. alle Angehörigen der SA angewiesen, sich am Abend gegen 20 Uhr in der Stadt einzufinden und ,vor den einzelnen Judenhäusern Demonstrationen zu veranstalten’, doch schon in den späten Nachmittagsstunden kam es zu ersten schweren Übergriffen. Die SA z. T. in Uniform, z. T. in Zivil drang gewaltsam in die Geschäfte und Wohnungen ein, zerschlägt die Fensterscheiben und verwüstet das Inventar. Einigen jüdischen Bürgern gelang in letzter Minute die Flucht, die meisten jedoch wurden auf brutalste Weise mißhandelt, getreten, geschlagen, beschimpft, bespuckt und zum Rathaus gebracht. Menschenmengen versammelten sich in der Bahnhofstraße sowie am kleinen und großen Markt, viele wandten sich bestürzt ab, nur wenige versuchten einzugreifen. Es gab aber auch Leute, die nicht der SA angehörten und sich ebenfalls an den Ausschreitungen beteiligten; sie schlugen wahllos auf die an ihnen Vorbeigeführten (viele Alte, Frauen und Kinder) ein und beschimpften sie. Die Polizei, die vom Landrat in größerer Zahl in Montabaur zusammengezogen worden war, stand dabei und sah tatenlos zu.
Die SA registrierte alle jüdischen Personen im Rathaus und unterzog sie z. T. peinlichen Verhören. Einige jüdische Geschäftsleute wurden mit vorgehaltener Pistole von Angehörigen der SA Montabaur gezwungen, ihre Kfz-Schlüssel und Papiere herauszugeben, die Fahrzeuge wurden kurzerhand beschlagnahmt. Unter Stockschlägen und Fußtritten verlud man die jüdischen Bürger etwa um 23 Uhr in Omnibusse und fuhr sie von Montabaur nach Kirchähr, wo sie die SA zwei Tage lang, zusammen mit den Juden aus Isselbach, gefangen hielt. Ebenfalls gegen 23 Uhr legten SA-Angehörige und einige fanatische Helfershelfer aus der Zivilbevölkerung einen Brand in der Synagoge, der allerdings nach kurzer Zeit gelöscht werden konnte. (…)

Hermann Isselbächer, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Karteikarte von Hermann Isselbächer des KZs Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/archive/6143193/?p=1&s=Isselb%C3%A4cher&doc_id=6143195

Von Kirchähr aus wurden am 11.11.’38 alle jüdischen Männer zwischen 18 und 60 Jahren mit einem Omnibus nach Frankfurt in ein von der SS bewachtes Sammellager nahe dem Güterbahnhof gebracht, wo man ihnen alle mitgenommenen Habseligkeiten nahm. Von hier aus transportierte man sie wenig später mit Zügen in Viehwaggons ins KZ Buchenwald bei Weimar.“[14] Auch Hermann Isselbächer war unter den Inhaftierten, allerdings war er bereits am 1. Dezember wieder freigekommen, sicher auch weil er nachweisen konnte, dass seine Vorbereitung für die Ausreise aus Deutschland schon recht weit gediehen waren. Die Anstrengungen wurden jetzt forciert.

Hermann Isselbächer Lore Isselbächer, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Ich bitte, anliegendes Zeugnis dem aus der Schule entlassenenen Kinde Lore Isselbächer (jüdisch) zustellen zu lassen.“
Stadtarchiv Montabaur

Für Lore war es sicher ein entscheidender Einschnitt, dass sie unmittelbar nach den Novemberereignissen gezwungen wurde, die Schule zu verlassen. Nicht einmal das Zeugnis durfte sie sich noch abholen, es wurde ihr auf Veranlassung des Schulleiters vom Bürgermeisteramt zugeschickt.

Am 7. Februar 1939 übermittelte die Wiesbadener Spedition Rettenmayer der Devisenstelle in Frankfurt die notwendigen Unterlagen für die Emigration der Isselbächers: eine Liste des eingelagerten Umzugsguts, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der Steuerstelle Montabaur und eine Vermögenserklärung von Hermann Isselbächer. Darin gab er an, dass er im November 1938 noch etwa 7.300 RM besessen habe, jetzt, im Januar 1939, aber nur noch über rund 3.500 RM verfüge. Detailliert führte er darin auf, wodurch sein Vermögen in dieser kurzen Zeit um die Hälfte dezimiert worden war. So war offensichtlich auch das inzwischen verkaufte Haus in Montabaur während des Pogroms beschädigt worden, denn für die Reparatur am 12. November sind Kosten von 82 RM eingetragen – ein relativ kleiner Betrag angesichts der anderen Posten. Neben Kosten, die durch die bevorstehende Ausreise und die Inhaftierung bedingt waren, bildete die Hinterlegung von fast 2.500 RM für die Sühneabgabe den größten Betrag. Den Rest von 3.500 RM benötige er – so schrieb er – für die Ausreise, den Kauf der Schiffskarten und die Fahrt nach Hamburg, wo das Schiff nach Uruguay vermutlich ablegen sollte.[15].

Hermann Isselbächer, Karolina Isselbächer, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Vermögenserklrärung von Hermann Isselbächer kurz vor der Emigration 1939
HHStAW 519-3 10411 (8)

Den zweitgrößten Betrag machen auf der Liste die Umzugskosten nach Wiesbaden aus. Laut dieser Aufstellung hatte die Familie Montabaur bereits am 14. November, also unmittelbar nach dem Pogrom verlassen.[16] Allerdings stimmt diese zeitliche Angabe nicht mit der auf der Gestapokarteikarte von Hermann Isselbächer überein, nach der die Familie erst am 15. März 1939 in Wiesbaden angemeldet wurde. Vermutlich waren Hermanns Frau und auch die 10jährige Tochter damals, nach dem Pogrom und der Festnahme ihres Mannes sofort zu ihren Verwandten nach Norheim geflohen und hatten auch einen Teil der Möbel dorthin geholt. Den Hauptteil des Mobiliars war aber wohl schon zu diesem Zeitpunkt bei der Firma Rettenmayer in Wiesbaden untergestellt worden. Die Auswanderung war ja damals schon längst beschlossen. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Anfang Dezember scheint Hermann ebenfalls fürs Erste bei seinen Verwandten in Norheim gelebt zu haben, denn in einem Schreiben des Bürgermeisters von Montabaur an die Devisenstelle vom 6. März 1939 heißt es, dass er sich „jetzt in Norheim / Nahe“ aufhalte. [17] In keinem der Schreiben gibt es zu dieser Zeit einen Hinweis auf eine Wiesbadener Wohnung, sodass man davon ausgehen muss, dass die Familie tatsächlich erst am 15. März 1939 für knapp vier Wochen in die Hermannstr. 26 gezogen war.

Jacob Strauss
Grabmal von Jacob Strauß auf dem jüdischen Friedhof in Hüffelsheim
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20166/Hueffelsheim%20Friedhof%20160.jpg

In Norheim lebte zu dieser Zeit nur noch Karolinas Vater Joseph Strauß und ihr Bruder Julius Karl. Ihre Mutter Selma, geborene Grünewald aus Waldhilbersheim, war bereits am 23. Oktober 1928 verstorben. Mindestens seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Familie Strauß, die ebenfalls im Vieh- und Weinhandel tätig war, in Norheim ansässig. Der Großvater von Karolina Strauß, jetzt verheiratete Isselbächer, Jacob Strauß, war am 21. Mai 1840 bereits dort geboren worden. Am 22. Januar 1870 hatte er im benachbarten Hüffelsheim die zwei Jahre ältere Minohe / Maria Klein aus Wellmich bei Sankt Goarshausen geheiratet. Wie viele Kinder dem Paar insgesamt geboren wurden, ist nicht bekannt, aber zumindest hatte Joseph Strauß noch zwei Brüder. Simon, bis zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben als Holzhändler tätig, lebte 1938 in Kassel. Julius war wie sein Bruder Joseph in Norheim geblieben. Josephs Frau Selma, gebar mindestens vier Kinder. Dem ältesten, dem am 1. September 1900 geborenen Julius Karl, folgten noch drei Mädchen und ein weiterer Sohn namens Sigmund. Während der älteste Sohn in Norheim blieb, wo er vermutlich den väterlichen Betrieb übernehmen sollte,[18] verließen die vier Töchter durch ihre jeweiligen Ehen die Heimat an der Nahe. Karolina, die älteste, hatte – wie bereits ausgeführt – am 30. Juni 1927 Hermann Isselbächer geheiratet und war mit ihm nach Montabaur gezogen. Martha war mit dem Idsteiner Viehhändler Hugo Löwenstein und Betty mit dem Kaufmann Leopold Kramer aus Niedernolm vermählt.[19]

Als Karolina und ihre Tochter nach dem Novemberpogrom in Norheim ankam, waren auch dort die Vorbereitungen für eine Emigration schon längst in Angriff genommen worden. Schon am 17. Dezember 1937 hatte die Gestapostelle Koblenz dem Finanzamt Kreuznach mitgeteilt, dass der Viehhändler Joseph Strauß wahrscheinlich nach Südamerika auswandern wolle.[20] Diese Mitteilung ging zurück auf eine Information des Bürgermeisters von Norheim, nachdem am 8. November 1938 Joseph Strauß dort ein Leumundszeugnis zwecks Vorlage bei einem ausländischen Konsulat beantragt hatte. Der eifrige Bürgermeister hatte umgehend die folgende Stellen informiert: Staatspolizeistelle Koblenz, Zollfahndung Koblenz, Reichsbankanstalt Koblenz, Devisenstelle Köln und den Präsidenten des Landesfinanzamts in Berlin, damit diese die notwendigen Maßnahmen zur Verhinderung einer angeblichen Kapitalflucht rechtzeitig treffen könnten.

Die Wahl war auf Südamerika gefallen, weil Karolinas Bruder Sigmund zu einem nicht bekannten Zeitpunkt bereits dorthin ausgewandert war. Von Uruguay aus wird er alle Hebel in Bewegung gesetzt haben, damit auch weitere Verwandte ihm würden folgen können. Denn in Norheim gab es inzwischen keinen Platz mehr für einen jüdischen Viehhändler. Die überlieferten Steuerakten enthalten keine Angaben über den Geschäftsumfang der Familie Strauß vor der NS-Zeit, aber in den Jahren zwischen 1935 und 1937 sehen die Zahlen eigentlich noch recht gut aus. Es wurden trotz aller Behinderungen immerhin noch jährliche Umsätze zwischen 90.000 RM und sogar 120.000 RM gemacht,[21] aber die Erträge waren mit Jahreseinkommen von 4.000 bis 6.000 RM relativ bescheiden. Dennoch ging es der Familie sicher besser als manch anderem jüdischen Viehhändlern, der bereits in diesen ersten Jahren sein Geschäft kaum mehr aufrechterhalten konnten. Sogar für ein Auto, das zum Besuch der verschiedenen Märkte auch notwendig war, hatte das Einkommen gereicht. Zudem besaß die Joseph Strauß ein eigenes Haus – in der Adolf-Hitler-Str. 67 ! – im Wert von 11.000 RM.[22] Vermutlich hatte darin aber zuletzt der Sohn Julius Karl gewohnt – ob er eine Familie hatte, ist nicht bekannt –, denn dessen Vater schrieb in dem bereits zitierten Brief an das Finanzamt Kreuznach, dass er als Witwer mit der Familie seines Bruders Julius in dessen Haus lebe.

Nie war der Betrieb von Joseph Strauß dem Finanzamt etwas schuldig geblieben, dennoch nutzten die dortigen Beamten jetzt alle Möglichkeiten, um den Viehhändler zu schädigen. So wurde z. Bsp. ein fehlender Eintrag in einer Liste, der aber in einer anderen Spalte vorhanden war, zum Anlass genommen, statt der ermäßigten Umsatzsteuer für Viehhandelsbetriebe von 0,5 Prozent, den vollen Steuersatz von 2 Prozent zu verlangen. Der Einspruch von Joseph Strauß blieb erfolglos, obgleich die Eintragungen in den vergangenen Jahren in dieser Form nie bemängelt worden waren. Solche Maßnahmen dienten dazu, die Juden zu vergraulen, lange bevor man ihnen die Fenster und die Türen einschlug, lange bevor man sie in die Todeszüge trieb.

Joseph Strauß, Norheim, Juden Wiesbaden, Judenhäuser Wiesbaden

Versuch des Viehwirtschaftsverbands Joseph Strauß mit einem Berufsverbot zu belegen
HHStAW 685 796 a

Schon am 4. Oktober 1937 hatte der Viehwirtschaftsverband Rheinland beim Finanzamt Kreuznach angefragt, „ob der nichtarische Viehverteiler Josef Strauß aus Norheim über – zu ergänzen wäre: genügend – Betriebskapital verfügt. Ich beabsichtige die Zulassung des Strauß zu widerrufen, wenn seine wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ganz geordnet sind.“[23] Sie waren geordnet, wie das Finanzamt bestätigte. Es war ihm formal nichts anzuhaben, aber inzwischen hatte die antisemitische Propaganda ihr Wirkung soweit entfaltet, dass die Kunden ausblieben und das Geschäft seit September 1937 faktisch zum Erliegen gekommen war.[24] Wenige Monate später, zum 1. Mai 1938, entzog ihm der Viehwirtschaftsverband auch formell die Handelserlaubnis.[25]

Joseph Strauß, Norheim, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Berechnung der Sühneleistung für Joseph Strauß
HHStAW 685 796a

Bis Joseph und sein Sohn Julius Karl Strauß aus Deutschland herauskamen, dauerte es nach dem Berufsverbot noch fast ein ganzes Jahr. Ob die Familie Strauß im November 1938 auch Opfer des angeblichen Volkszorns über das Attentat in Paris wurde, ist nicht bekannt, auch nicht, ob Mitglieder verhaftet wurden. Zur sogenannten Sühneleistung wurde die Familie aber selbstverständlich auch herangezogen. Zunächst hatte man das Vermögen mit 20.000 RM angesetzt. Joseph Strauß konnte aber nachweisen, dass die verschiedenen mit eingerechneten Darlehen und Hypotheken kaum mehr einzutreiben waren. Entweder waren die Schuldscheine von völlig verarmten Juden gezeichnet, auch aus der eigenen Familie, oder aber von nichtjüdischen Bauern, die in diesen Zeiten ein solches Problem leicht aussitzen konnten. Die Zeit – und nicht sie – würde die Schulden tilgen.[26] Das Finanzamt minderte tatsächlich den der Abgabe zugrunde gelegten Vermögenswert auf 15.000 RM – Julius Strauß hatte es auf reale 10.000 RM beziffert – und forderte einen Betrag von 3.000 RM als Judenvermögensabgabe. Da allein das Haus mit einem Wert von 11.000 RM angesetzt war, ein Teil des angerechneten Vermögens auch nach der Korrektur aus nicht einlösbaren Forderungen bestand, wäre nach der Abgabe der Sondersteuer so gut wie nichts mehr übrig geblieben.[27] Man wäre daher in jedem Fall gezwungen gewesen, das Haus zu verkaufen. Vermutlich war das auch bereits geschehen, bevor sich der Pogrom ereignete und die Zwangsabgabe fällig wurde. Es existiert ein Verkaufsvertrag vom Juni 1938, dem Joseph Strauß sowie alle Kinder zugestimmt hatten, sogar sein Sohn Sigmund, der damals schon in Montevideo lebte. Käuferin war die Modistin Margaretha Thomas aus Norheim, die für einen Kaufpreis von 12.500 RM auch die gesamte Einrichtung übernehmen wollte.[28] Irritierend ist allerdings, dass offensichtlich später noch weitere Verhandlungen mit einem Metzger geführt wurden. Nicht klar ist, ob es dabei nur um die Übernahme des Geschäfts von Joseph Strauß ging – möglicherweise betrieb er nebenbei auch eine Metzgerei – oder um die Immobilie. Es könnte sein, dass die Behörden den Verkauf des Hauses an die Modistin aus irgendwelchen Gründen nicht genehmigt hatten, was immer wieder vorkam. Nicht genehmigt wurde in jedem Fall der Vertrag mit dem Metzger, weil es für eine zweite Metzgerei nach Meinung des Regierungspräsidenten in Norheim keinen Bedarf gebe.[29]

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein anderer Aspekt, der offensichtlich macht, wie phantasievoll die deutschen Volksgenossen waren, wenn es darum ging, sich an den Juden zu bereichern. Der Vertrag war von einer deutschen Behörde abgelehnt worden, die Kosten für die gescheiterten Verhandlungen hatten aber gefälligst die Juden zu zahlen. Der Metzgermeister ließ sich alle Aufwendungen, die im Zusammenhang mit den Verhandlungen angefallen waren, von Joseph Strauß erstatten: diverse Reisekosten, Stempelgebühren und „Auslagen für Wegzehrung bei diesen Fahrten für 16 Personen“ in Höhe von 25 RM, insgesamt 127,30 RM.[30]

Wenn auch nicht geklärt werden konnte, wer das Haus zu welchem Preis erwarb, so kann man dennoch sicher davon ausgehen, dass es verkauft wurde. Anders hätten die Sühneleistung und die Kosten für die Ausreise gar nicht aufgebracht werden können.[31] Am 14. Februar 1938 hatte Joseph Strauß erstmals eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung beim Finanzamt Kreuznach beantragt, Voraussetzung für die Ausgabe eines Reisepasses. Einen erneuten Antrag stellte er im März 1939, die ihm nach Zahlung der Judenvermögensabgabe auch ohne Bedenken ausgestellt wurde.[32]

Weshalb Hermann Isselbächer mit seiner Familie und Joseph Straus mit seinem Sohn Julius Karl nicht bis zur endgültigen Ausreise in Norheim blieben, sondern noch die Strapazen eines weiteren Umzugs nach Wiesbaden auf sich nahmen, ist nicht bekannt. Vielleicht war ihre Situation inzwischen in dem kleinen Ort unerträglich geworden, vielleicht konnten sie auch nicht länger in dem bereits verkauften Haus bleiben.

In Wiesbaden im Haus Hermannstr. 26 gab es zumindest Menschen, die Familie von Hermann Löwenstein, bei denen sie kurzfristig unterkommen konnten. Löwensteins waren sowohl mit Issselbächers wie auch mit der Familie von Joseph Strauß verwandt. Es handelte sich sozusagen um ein verwandtschaftliches Dreiecksverhältnis. Hermann Isselbächers Bruder Jacob, geboren am 8. Mai 1883 in Isselbach, war mit Mathilde Löwenstein verheiratet, die wiederum die Cousine von Hermann Löwenstein, dem Bewohner des Judenhauses war. Andererseits war Martha Strauß, die Schwester von Karolina Isselbächer, mit dem Viehhändler Hugo Löwenstein in Idstein verheiratet, ebenfalls ein Cousin von Hermann Löwenstein.[33] Es waren Notzeiten und da hat man sich ganz sicher geholfen. Zwar steht auf der Gestapokarteikarte von Hermann Isselbächer, dass die Familie bei Ackermanns gewohnt hätte, oft bezieht sich dieser Eintrag aber auch auf den Hauseigentümer. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass die insgesamt fünf Personen auf Ackermanns und Löwensteins aufgeteilt wurden.[34]

Wann genau die Familien Strauß und Isselbächer nach Wiesbaden zogen, ist nicht mehr feststellbar. Die Angaben in den Akten sind diesbezüglich eher verwirrend. Nachdem ihm im März 1939 die geforderte Unbedenklichkeitsbescheinigung Joseph Strauß zugestellt worden war, wurden die Finanzakten am 22. August 1939 mit dem Verweis, der Genannte sei dorthin verzogen, an das nun zuständige Finanzamt Wiesbaden übersandt.[35] Etwa zum gleichen Zeitpunkt meldete das Wiesbadener Zollamt dem Kreuznacher Finanzamt, dass das Umzugsgut der Familie bei der Spedition Rettenmayer zur „Devisennachschau“ für den 23. August angemeldet sei.[36] Laut Eintrag auf der Gestapokarteikarte war Joseph Strauß mit seinem Sohn Julius Karl aber bereits am 8. April 1939 nach Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay, aufgebrochen. Es scheint fast, als habe man das Umzugsgut in Wiesbaden zurückgelassen. Vielleicht hatte es beim Zoll oder der Devisenstelle Verzögerungen gegeben und man entschied sich, in jedem Fall die bereits erworbene  Schiffskarte zu nutzen und auf das Umzugsgut zu verzichten. Ebenfalls am 8. April hatten auch Hermann Isselbächer, seine Frau und Tochter Wiesbaden verlassen, wie ihrer Gestapokarteikarte zu entnehmen ist. Ihr Umzugsgut war schon am 14. November 1938 bei der Firma Rettenmayer eingelagert und bereits im Februar reisefertig gemacht worden. Am 14. März 1939 meldete die Zollfahndungsstelle Mainz, dass sie die Kisten überprüft habe, sodass die Umzugslisten von der Devisenstelle mit einem Genehmigungsvermerk versehen werden könnten.[37] Es war allerdings zunächst noch die sogenannte Dego-Abgabe für neu angeschaffte Güter zu zahlen – ein Betrag von 240 RM. Auch waren alle Edelmetalle und Schmuck – vom Ehering abgesehen – zuvor abzugeben. [38] Allem Anschein nach war nur dieses Umzugsgut mit nach Südamerika gekommen.

Niemand aus der Familie hat nach 1945 einen Antrag auf Entschädigung gestellt. Somit liegen auch keine detaillierten und sicheren Informationen darüber vor, wie es den Geflüchteten in ihrer neuen Heimat Uruguay erging, ob sie dort überhaupt Fuß fassen und in ihrem bisherigen Beruf tätig werden konnten. Allerdings soll Eleonore Isselbächer in einem Brief aus dem Jahr 1981 an eine ehemalige Schulkameradin geäußert haben, dass die Familie dort eine gute Aufnahme gefunden hätte.[39] Sie selbst habe in Montevideo die Volksschule besucht und sehr schnell Spanisch gelernt, auch habe sie noch einen Abschluss an einer Handelsschule machen können. Ihrem Vater hingegen sei es sehr schwer gefallen, sich in Uruguay eine neue Existenz aufzubauen.

 

 

 

 

Die Familie Isselbächer ging 1946 von Uruguay in die USA
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Im September 1946 konnte die gesamte Familie etwa eineinhalb Jahre später in die USA übersiedeln, in der Hoffnung dort leichter voranzukommen. Über Buenos Aires gelangten sie nach New York, wo laut Einwanderungsunterlagen Hugo Löwenstein, der Schwager von Karoline und Hermann Isselbächer, als Kontaktperson fungierte. Vermutlich hatte er auch die notwendigen Garantieerklärungen abgegeben. Bei ihm, der mit Martha Strauß, der Schwester von Karoline in Willimantic, einer kleinen Stadt in Connecticut, verheiratet war, konnten sie auch zunächst unterkommen.[40] Aber auch der Neustart in den USA war nach Angaben von Eleonore sehr mühsam. Schon bei der Einreise hatte Hermann Isselbächer angegeben, Molkereiarbeiter zu sein. Mitten in seiner neuen Heimatstadt eröffnete er nach etwa drei Jahren ein eigens Milchgeschäft, in dem Lore die Milch der eigenen etwa 30 Kühe verkaufte, die im nahe gelegenen Stall standen. Später ging die Tochter nach New York, wo sie eine Anstellung bei einer Versicherungsgesellschaft fand. 1953 heiratete sie den Kölner Emigranten Manfred Weiss. 1958 wurde ihr Sohn Robert geboren, der als Mediziner Karriere machte.

Grabstein von Hermann und Karolina Isselbächer in Mansfield, Connecticut
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Eleonora Weiss verstarb am 16. Januar 2007 in New York.[41] Ihre Eltern waren in Willimantic geblieben, wo Hermann Isselbächer am 6. April 1978, seine Frau am 18. Januar 1988 verstarben.[42]

 

 

 

 

Veröffentlicht 02. 02. 2020

Letzte Änderung 24. 07. 2020

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Auch wenn die Gemeinde selbst nicht allzu groß war, stellten ihre Mitglieder 1925 bis zu 15 Prozent der Einwohnerschaft, siehe Schmelz, Uziel Oscar, Die jüdische Bevölkerung Hessens. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933, Tübingen 1996, S. 385.

[2] Siehe auch das Sterberegister der Juden aus Holzappel, Isselbach und Langenscheid (heute Rheinland-Pfalz), 1917-1938, HHStAW 365 354, wo die meisten der Verzeichneten aus der Familie Isselbächer stammen.

[3] Ganz herzlich gedankt sei an dieser Stelle Frau I. Vongehr, die z. Zt. dabei ist, die Geschichte der Isselbacher Juden aufzuarbeiten. Obwohl die Arbeit noch nicht abgeschlossen ist, hat sie mir bereitwillig die bisherigen Ergebnisse ihrer genealogischen Forschung zur Familie Isselbächer überlassen. Auf ihre Initiative hin erinnert heute in ihrer Gemeinde eine Gedenktafel an die ermordeten Juden von Isselbach. Siehe zu ihrem Anliegen und zu ihrer Initiative http://evangelisch-nassauer-land.de/index.php/component/icagenda/58-gedenktafel-wird-eingeweiht. (Zugriff: 26.1.2020).

[4] Ebd.

[5] Wichtige Informationen zu den beiden Familien verdanke ich dem  Stadtarchiv von Rüdesheim / Nahe und dem Stadtarchiv Montabaur.

[6] Zum Kauf des Hauses, siehe HHStAW 519/3 10411 (2). Zur Anmeldung der Viehhandlung, siehe die Betriebsblätter von 1927 im Stadtarchiv Montabaur Abteilung 4, A 301-302. Ebenfalls in der Abteilung 4 sind die Haushaltslisten archiviert.
Die ohne Quellenhinweis gemachte Angabe bei Wild, Markus, Montabaur. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde, Hachenburg 1991, S. 176, Hermann Isselbächer sei 1931 von Isselbach nach Montabaur gezogen, ist angesichts der vorliegenden Dokumente nicht haltbar.

[7] Geburtsregister Koblenz 417 / 1928. Auf der Haushaltsliste ist dagegen fälschlicherweise Montabaur als Geburtsort angegeben. Im dortigen Geburtsregister ist ein Eintrag für Eleonore nicht vorhanden.

[8] Wild, Markus, Montabaur, in: Juden im Westerwald. Leben, Leiden und Gedenken, hg. Jösch, Joachim / Jungbluth, Uli, Montabaur 1998, S. 203.

[9] Wild, Markus, Montabaur. Geschichte der jüdischen Gemeinde, Anhang F, S. 180.

[10] Siehe die Wahlergebnisse in Montabaur von 1924 bis 1933. Bei der Wahl am 14.9.1930 hatte die NSDAP gerade mal 49 Stimmen, das Zentrum dagegen fast 1000. Und auch bei der Wahl im März 1933 kam die NSDAP zwar auf 730 Stimmen, aber immer noch war das Zentrum mit 1245 Stimmen deutlicher Sieger. Siehe Wild, Montabaur, S. 182. Auch wenn sich in Hochburgen des Zentrums die NSDAP zunächst schwer tat, so muss man dennoch sehen, dass es auch in der dem Zentrum nahe stehenden Bevölkerung einen latenten, wenn nicht sogar offenen Antisemitismus gab, der auf dem jahrhundertealten, religiös begründeten Antijudaismus gründete, sich aber gerade dadurch von dem rassistisch geprägten Antisemitismus der Nationalsozialisten unterschied. Gleichwohl konnten die Ideologen der völkischen Weltanschauung relativ leicht an diese traditionelle Judenfeindschaft anknüpfen.

[11] Ebd. S. 26 f. Im Anhang des Buches ist eine ganze Reihe von Dokumenten zusammengestellt, die die zunehmende Bedrückung der jüdischen Bewohner belegen.

[12] Ebd. Dok. 22, S. 74.

[13] Ebd. S. 29.

[14] Ebd. S. 29 f.

[15] HHStAW 519/3 10411 (4, 5, 6, 7, 8). Die Restsumme durfte er tatsächlich behalten.

[16] Offensichtlich stand das Haus in der folgenden Zeit leer, denn in der Kostenaufstellung ist auch ein Betrag von 50 RM für dessen Bewachung aufgeführt.

[17] HHStAW 685 796 a Vermögenssteuerakte (1-39, 2-3). Beiden Brüdern hatte Joseph Geld geliehen. Da es sich um beträchtliche Summen zwischen 3.000 RM und 4.000 RM handelte, kann man schließen, dass sich beide in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten befanden. Simon Strauß lebte – wie aus einem Brief von Joseph Straus aus dem Januar 1939 hervorgeht – zu dieser Zeit bereits in Palästina,  siehe HHStAW 685 796 a (6). Auch sein Bruder Julius wird vermutlich ausgewandert sein. Zumindest hatte er laut dem genannten Schreiben vom Dezember 1938 bereits die Erlaubnis zur Ausreise nach Südafrika oder Lateinamerika.

[18] Laut seiner Steuerakte, die nur Angaben zu den Jahren 1937 und 1938 enthält, hatte Julius Karl den Weinhandel übernommen, der allerdings in diesen Jahren nur noch ein Einkommen unter der steuerpflichtigen Grenze einbrachte, siehe HHStAW 685 798 (passim).

[19] HHStAW 685 796 c (8/39). Martha Strauß war am 19.7.1904, Siegmund am 19.8.1906 und Betty am 29.1.1908. Die Informationen zur Familie Strauß verdanke ich der Auskunft der Verbandsgemeinde Rüdesheim / Nahe.

[20] Ebd. b (2-38).

[21] Ebd. c Umsatzsteuerakten.

[22] Ebd. a, Vermögenserklärung 1938.

[23] Ebd. a (o.P.).

[24] Ebd. b (3-38).

[25] Ebd. b (3-39).

[26] Ebd. Vermögensteuerakte (3, 4, 5).

[27] Ebd. (11).

[28] Ebd. c (10-38). Sein Bruder Julius hatte sein Haus bereits zuvor verkauft, dabei allerdings ein wesentlich schlechteren Preis aushandeln können. Statt des ursprünglich angesetzten Verkaufspreis von 15.000 RM, hatte er nicht einmal 10.000 RM erzielen können, ebd. a (5).

[29] Ebd. a Vermögensteuerakte (13).

[30] Ebd. (16).

[31] Ebd. (10, 37). Am 14.2.1938 teilte Joseph Strauß dem Finanzamt Kreuznach mit, dass er den Betrag für die Judenvermögensabgabe dem Notar übergeben habe. Einen Monat später bestätigte dieser dem Finanzamt Kreuznach gegenüber den Empfang des Betrags in Höhe von 2.968 RM und teilte diesem mit, dass er die Summe in den nächsten Tagen dem Finanzamt überweisen werde.

[32] Ebd. (38).

[33] Hugo und Mathilde Löwenstein waren Kinder von Ferdinand / Feist Löwenstein, dem Bruder von Nathan Löwenstein, dem Vater von Hermann Löwenstein. Jacob und Mathilde Isselbächer, geborene Löwenstein wurden mit ihren beiden Kindern Isaak Herbert, geboren am 20.11.1919, und Helmut, geboren am 20.12.1921 von Isselbach nach Minsk deportiert, Die gesamte Familie fiel dort dem Holocaust zum Opfer. Todesdaten sind nicht bekannt. Hugo Löwenstein, geboren 1895, ist 1959 in Connecticut / USA verstorben. Vermutlich konnte auch seine Frau Martha, geborene Strauß, mit in die USA auswandern, zumindest hatte sie 1938 beim Verkauf des elterlichen Hauses in Norheim noch gelebt. Über ihr weiteres Schicksal konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Siehe zu Hugo Löwenstein https://esch-taunus.de/?tag=loewenstein. (Zugriff: 26.1.2020).

[34] Willi Rink, Das Judenhaus, erwähnt die Familie Isselbächer sowie Vater und Sohn Strauß in seinem Buch über das Judenhaus Hermannstr. 26 nicht.

[35] Ebd. (o.P.)

[36] Ebd. (39).

[37] HHStAW 519/3 10411 (14).

[38] Ebd. (13, 14).

[39] Der Brief von Eleonore Isselbächer lag mir nicht vor, sein Inhalt wurde mir von C.P. Beuttenmüller, der das Schicksal der Juden aus Montabaur recherchiert, mitgeteilt. Ihm sei ausdrücklich dafür Dank gesagt. Eine zweite Quelle über das Leben der Isselbächers nach der Flucht, ist ein Videointerview, das ein ehemaliger Mitschüler bei einem Besuch bei Eleonora Isselbächer, inzwischen verheiratete Weiss, 1996 in New York machte. Auch diese Information verdanke ich Herrn Beutemüller.

[40] Die Familie Strauß, zu der auch der damals neunjährige Sohn Heinz gehörte, war im Oktober 1938 von Rotterdam nach New York ausgewandert, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6235-0523?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=24062305&backurl=https%3A%2F%2Fsearch.ancestry.de%2Fcgi-bin%2Fsse.dll%3Fdbid%3D7488%26h%3D24062305%26indiv%3Dtry%26o_vc%3DRecord%3AOtherRecord%26rhSource%3D61117. (Zugriff: 9.7.2020).

[41] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=3693&h=88660483&tid=&pid=&queryId=3591d0537e37ba0c47d46fc33046ccb6&usePUB=true&_phsrc=ryV1529&_phstart=successSource. (Zugriff: 9.7.2020).

[42] Siehe die Eintragung auf dem Grabstein. Laut GENI gibt es in den USA einige Isselbächer / Isselbacher-Familien, die mit großer Sicherheit auf die jüdischen Familien aus Isselbach zurückzuführen sind.