Arthur Straus und seine Frau Anna, geborene Waller

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Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Judenhaus in der Bahnhofstr. 25 heute
Eigene Aufnahme
Wiesbaden Bahnhofstr. 46 Sebald Strauss
Lage des Judenhauses
Judenhaus Wiesbaden Juden
Belegung des Judenhauses Bahnhofstr. 25

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Als das Judenhaus in der Bahnhofstr. 46 im Sommer 1942 geräumt wurde, musste auch das Ehepaar Straus die Wohnung verlassen, die es seit etwa 1935 dort angemietet hatte – einige Jahre bevor das Haus zu einem Judenhaus wurde. Auch Arthur und Anna Straus blieb damals keine andere Wahl, als in ein anderes Ghettohaus, das in der Bahnhofstr. 25, zu ziehen.

Walter Straus
Mit Genehmigung von Marianne Sutin
Anna Straus, geborene Waller
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Bis 1935 hatte die Familie in dem Haus in der Emser Str. 6 gewohnt, in das Arthurs Vater Benedict Straus,[1] im Jahr 1894 eingezogen war. Der Vater kam aus dem osthessischen Städtchen Sterbfritz bei Schlüchtern. Hier war er um 1843 als Sohn des Handelsmanns Lissmann Straus und seiner Frau Esther, ihr Mädchenname war Rödelheimer, geboren worden.[2] Die für den Vater angegebene Berufsbezeichnung „Handelsmann“ klingt etwas hochtrabend, angesichts der verbreiteten Armut in dieser Region. Die des Hausierers wäre vermutlich angemessener gewesen. Auf Grundlage eines Erinnerungsbuches, das der aus Sterbfritz stammende Jude Max Dessauer hinterließ, hat Müller ein sehr einfühlsames und zugleich kritisches Portrait dieser für das Zusammenleben von Juden und Christen typischen Landgemeinde des 19. Jahrhunderts gezeichnet. In dem Ort hatten sich vermutlich bald nach dem Dreißigjährigen Krieg mit wohlwollender Unterstützung des Landesherren Juden angesiedelt. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse stammen allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert und erst im folgenden Jahrhundert erlebte die Gemeinde ihre eigentliche Blütezeit. Immerhin waren in dessen zweiter Hälfte etwa 15 Prozent der örtlichen Bevölkerung von rund 1000 Personen jüdischen Glaubens. Vor dem Hintergrund antisemitischer Strömungen gerade im Kaiserreich und vor dem, was dann nach 1933 auch in Sterbfritz geschah, erscheinen die Erinnerungen Dessauers von dem örtlichen Zusammenleben vor 1933 geradezu idyllisch und verklärend: „Wie es früher war wissen nur noch die Ältesten. Christen und Juden lebten hier einmal brüderlich beieinander. Die Christen wie die Juden hatten für sich ihre Glaubensgemeinschaft. Aber außerhalb des religiösen Bereichs gab es im Alltag viele Bindungen, die konfessionelle Unterschiede aufhoben. So war eine christlich –jüdische Lebensgemeinschaft entstanden, eine Symbiose, die nun unwiederbringlich dahin ist.“[3] Aber es hat diese engen Beziehungen untereinander wohl tatsächlich gegeben. Müller vermutet, dass die weit verbreitete Armut in dieser Region zwischen Vogelsberg, Spessart und Rhön die Menschen solcher kleinen Orte miteinander verband und sie dazu zwang, sich nicht nur in bedrängenden Situationen, sondern auch im alltäglichen Leben gegenseitig zu unterstützen.[4] Das ist sicher richtig, solange es eine Gleichheit in der Armut gab. Als aber spätestens um die Jahrhundertwende der Strukturwandel auch diese ländlich geprägten Gemeinden ergriff, sich auch eine so kleine Gemeinschaft zu differenzieren begann, konnte eine solche Ideologie wie die des Antisemitismus auch hier leicht zur Erklärung des eigenen Ungemachs herhalten. Gerade weil die Juden vom Landbesitz ausgeschlossen waren, bisher weitgehend als kleine Händler und Hausieren über das Land fahren oder sogar laufen mussten, sie somit nicht wie die Bauern an eine Scholle gebunden waren, gelang es ihnen jetzt, wesentlich flexibler auf die neue Zeit zu reagieren. Sie waren es auch oft, die in den kleinen Landgemeinden den technischen Fortschritt in Form von Telefonen, Radios oder Motorfahrzeugen einführten.[5] Während die Einwohnerzahl von Sterbfritz von 1835 bis 1939 insgesamt weitgehend konstant blieb, nahm bezeichnenderweise die der Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und nicht erst seit 1933 kontinuierlich ab. Wer konnte, zog in die Städte und versuchte hier sein Glück, die Zurückgebliebenen konnten dann umso leichter zum Opfer antisemitischer Ressentiments werden.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstraße
Erster Eintrag für Bendikt Straus im Wiesbadener Adressbuch von 1896/97

Auch Benedict Straus gehörte zu denen, die schon frühzeitig ihrem Heimatort den Rücken kehrten. Nach ihrer Heirat am 8. Dezember 1864[6] kam er zusammen mit seiner Frau Hedwig, geborene Bacharach aus Mansbach im heutigen Kreis Hersfeld-Rotenburg, um 1866 nach Wiesbaden, wo die beiden zunächst in der Langgasse 55 ein Textilgeschäft eröffneten, das unter dem Namen ‚Manufakturwarenhandlung Bacharach & Strauss’ firmierte. Der Name lässt darauf schließen, dass seine Ehefrau auch einiges Kapital mit in die Firma eingebracht hatte, ihre Familie vermutlich sogar daran beteiligt war.[7] Man findet das Paar mit unterschiedlichen Wohnadressen in den jeweiligen Wiesbadener Adressbüchern, zunächst am Kochbrunnenplatz 2, dann am Michelsberg 7. 1872/73 zog das Ehepaar samt Ladengeschäft in die Webergasse 21, womit man auch der betuchten Kundschaft des Kurviertels ein Stück näher gekommen war. (Bild). Man hatte sich inzwischen als Damenkonfektionsgeschäft etabliert und war sogar als „Hoflieferant ihrer königlichen Hoheit, der Landgräfin von Hessen“, im Adressbuch eingetragen.

Arthur Straus Anna Waller Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstraße
Familien Straus und Waller
[GDB-PLS]
Im Jahr 1875 hatte Benedict Straus zusammen mit seiner Frau das Haus in der Webergasse auch käuflich erworben, es allerdings 1893 dann wieder veräußert.[8] Sie selbst wohnten seit 1886 zunächst in der der Kapellenstr. 2, dann ab 1889 in der Luisenstr. 12 im zweiten Stock und zuletzt noch einmal für zwei Jahre in der Emser Str. 4a. 1894 zog die Familie in der gleichen Straße als Mieter in das Haus mit der Nummer 6.

Am 1. September 1873, dem Jahr des Umzugs in die Webergasse, war der Sohn Arthur zur Welt gekommen.[9] Er war das fünfte Kind des Paares, vier weitere sollten in den nächsten Jahren noch folgen. Das erste Kind, Joseph, geboren am 8. Oktober 1868, verstarb schon nach einem Vierteljahr am 18. Januar 1869. Helen, die ihm am 25. Dezember 1869 folgte, hatte eine körperliche Behinderung, vermutlich von Geburt an. Sie blieb zeitlebens ledig und lebte im Haushalt der Eltern bzw. später in dem ihres Bruders Arthur. Die nächste Tochter Selma wurde am 29. Oktober 1870 geboren und verstarb im Alter von nur 21 Jahren am 29. Mai 1892. Man kann sich vorstellen, wie schwer diese ersten Ehejahre für Arthur und Anna Straus gewesen sein müssen. Die folgende Tochter Minna, geboren am 12. Juni 1872 heiratete im Mai 1898 den Uhrmacher Samuel Kupperschlag aus Warburg in Westfalen.[10] Möglicherweise lebte das Paar zunächst bei den Eltern des Mannes in Carmen,[11] Minna muss aber später wieder nach Wiesbaden zurückgekommen sein, zumindest ist sie im Jüdischen Adressbuch von 1935 als Bewohnerin der Rüdesheimer Str. 2 verzeichnet. Aber weder ist sie da als Witwe aufgeführt, noch ist ihr Mann als Mitbewohner vermerkt. Sie wohnte dort vielmehr zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Betti, die am 12. Juli 1875 nach Arthur geboren worden war.[12] Sie hatte den Kaufmann Bernhard Seligmann geheiratet, der am 11. Mai 1932 im Alter von 67 verstarb. Um 1905 war die Familie mit dem am 6. Dezember 1904 in Krefeld geborene Herbert nach Wiesbaden gekommen. Während Herbert in die USA emigrieren konnte, wurde die Mutter am 1. September 1942 von Wiesbaden aus deportiert. Bereits zwei Tage nach Ankunft in Theresienstadt war sie dort am 3. September zu Tode gekommen.[13] Ihrem jüngeren Bruder Paul, geboren am 31. Oktober 1867, hingegen gelang die Flucht. Er ließ sich in England nieder, wo er als Börsenmakler tätig war. Verheiratet war er mit einer Nichtjüdin namens Mary-Ann.[14] Otto Salomon, geboren am 2. Oktober 1876, und die am 19. November 1885 geboren Olga heirateten beide in die Familie Kohlberg aus Lauenförde, Kreis Einbeck, ein. Otto ehelichte Meta Kohlberg, seine Schwester deren Bruder Albert. Letztere reisten bald nach ihrer Eheschließung mit Hilfe dort bereits lebender Verwandter von Albert Kohlberg nach Süd-Afrika aus, wo sie ihre beiden Kinder Hedwig und Walther aufzogen.[15]

 

Mit dem Verkauf des Hauses in der Webergasse im Jahr 1893 hatte sich für Benedict Straus offensichtlich auch eine berufliche Neuorientierung ergeben. Zwar ist er im Adressbuch 1894/95 noch mit seinem Damenkonfektionsgeschäft vermerkt, aber bereits jetzt betrieb er daneben eine Versicherungsagentur. Ab dem folgenden Jahr erscheint er in den Adressbüchern nur noch mit dieser Profession. Auch das Büro wurde jetzt in die Emser Str. 6 verlegt. Zu dieser Zeit übernahm er auch die Aufgabe des Rendanten für die Jüdische Gemeinde Wiesbadens, die er zeitlebens bis zu seinem Tod inne hatte.[16]

Darüber hinaus war er in verschiedenen Vereinen aktiv und engagierte sich sogar als Präsident sowohl in der Wiesbadener Freimaurerloge als auch in einer jüdischen Loge. Im Wiesbadener Stadtrat, dem er ebenfalls angehörte, setzte er sich im Besonderen für soziale Belange der Bevölkerung ein. In der Notzeit während des Ersten Weltkriegs forderte er dort in seiner letzten Rede mehr öffentliche Mittel für solche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Nach dieser Rede, gehalten am 18. Oktober 1917, erlag er noch im Versammlungsraum einem Herzanfall.[17]

Anzeige von Bendikt Straus im Wiesbadener Adressbuch von 1873
Eintrag im Adressbuch 1893/94, in dem erstmals auch Versicherungsleistungen angeboten werden

Sein Sohn Arthur Straus hatte eine Ausbildung in einem Juweliergeschäft absolviert, zumindest ist das die Berufsbezeichnung, die im späteren Entschädigungsverfahren angegeben wurde.[18] Vermutlich hatte er aber, wenn überhaupt, nur kurz in diesem Beruf gearbeitet. In den Adressbüchern der Stadt ist er bereits im Jahr 1907, in dem er erstmals mit einem eigenen Haushalt gelistet ist, als Immobilien- und Hypothekenmakler eingetragen. Gewohnt hat er damals im elterlichen Haus in der Emser Str. 6.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 46, Bahnhofstr. 25
Anzeige von Arthur Straus im Wiesbadener Adressbuch von 1927

Im Jahr 1911 war der Vater aus diesem Haus ausgezogen und hatte die folgenden Jahre zunächst in der Emser Str. 47 I, dann bis zu seinem Tod in der Weißenburger Str. 6 gelebt. Die Versicherungsagentur, die weiterhin die alte Adresse hatte, wurde in dieser Zeit vermutlich von beiden gemeinsam betrieben und ging allmählich auf den Sohn über. Nach dem Tod von Benedict Strauss im Jahr 1917 wurde Arthur nicht nur deren alleiniger Inhaber, er übernahm als neuer Rendant auch das Amt des Vaters in der Jüdischen Gemeinde und wurde später auch der Schriftführer des Vorstands.

Ernst und Anna Waller mit Tochter Hilde

Arthurs Frau Anna Waller war eine Jüdin aus Köln, das fünfte von insgesamt sechs Kindern von David und Sophie Waller, geborene Tiefenthaler.[19] Der ältesten Schwester Auguste, verheiratet mit Paul Servos, gelang mit ihren Kindern die Emigration nach Palästina.

Ihr 1874 geborener Bruder Bruno Benjamin war bereits 1908 in Köln verstorben. Auch ihre am 12. Juli 1875 geborene Schwester Bertha erlebte wie auch ihr Ehemann Emil Katzenstein die Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. Aber immerhin gelangten auch deren beide Kinder Fritz und Anni / Hannah nach Palästina.[20] Der 1878 geborene Otto wurde nur 22 Jahre alt. Annas jüngerer Bruder Ernst, geboren am 26. März 1884 ebenfalls in Köln, war vermutlich wegen seiner aus Frankfurt stammenden Frau Margarete / Gretel Loeb ebenfalls in das Rhein-Main-Gebiet gekommen und hatte dort eine Handelsvertretung der Firma ‚Hirsch & Co. Strickwaren’ aus Mühlhausen übernommen. Die Familie, in der am 12. Juni 1913 die Tochter Hilde zur Welt kam, scheint in gediegenen wirtschaftlichen Verhältnissen gelebt zu haben, wie die Tochter, der 1936 über Holland die Ausreise nach Israel gelang, im späteren Entschädigungsverfahren angab. In der sehr gut ausgestatteten Wohnung ihrer Eltern in der Brentanostraße soll eine umfangreiche Bibliothek und auch eine sehr wertvolle Grammophonplattensammlung mit klassischer Musik vorhanden gewesen sein. Aber schon kurz nach dem Machtantritt der Nazis hatte Ernst Waller seine Stellung verloren und verdiente als Sekretär der Loge B’nai B’rith etwas Geld, um seine Familie zu ernähren.[21] Die Tochter hatte ebenfalls ihre Lehre in dem traditionsreichen und bedeutenden Frankfurter ‚Antiquariat Joseph Baer & Co.’ aufgeben müssen. Sie war nach Holland gegangen und hatte sich dort in verschiedenen Kursen auf ihre Ausreise nach Palästina und ihre Arbeit in einem Kibbuz vorbereitet. 1936 betrat sie den Boden des zukünftigen Staates Israel, in dem sie am 10. Mai 2004 als Drorah Gafni, Mutter von fünf Kindern, auch begraben wurde. Ihre Eltern dagegen fielen dem Holocaust zum Opfer. Am 20. Oktober 1941 wurden beide von Frankfurt aus mit dem ersten Transport aus dieser Stadt in das damalige Lager Litzmannstadt / Lodz gebracht. Am Tag zuvor waren die 1100 bis 1200 Juden, zumeist Bewohner des gutbürgerlichen Westends, von SA-Leuten aus ihren Wohnungen herausgeholt und in die Großmarkthalle getrieben worden, wo der Zug mit der Nummer DA 6 bereits auf sie wartete, nachdem er wenige Tage zuvor eine gleiche Zahl Prager Juden in den Tod gebracht hatte. Wann und unter welchen Umständen der Bruder und die Schwägerin von Anna Straus zu Tode kamen, ist nicht bekannt.[22]

 

Hedy und Walter Straus
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Aber auch die Familie von Arthur und Anna Straus wurde schon bald von weiteren schweren Schicksalsschlägen getroffen. Am 29. Januar 1911 kamen die Zwillinge Walter und Wilhelm zur Welt, von denen aber nur Walter überlebte. Die Tochter Hedwig Sofie, genannt Heddy, wurde etwa eineinhalb Jahre später am 24. Mai 1912 geboren. Auch sie verstarb schon im Alter von nicht einmal acht Jahren an den Masern.[23] Einen episodenhaften Einblick in die vorherige Zeit einer noch unbeschwerten Kindheit gewährt die Erinnerung von Annas Nichte Louise, die die Familie oft in Wiesbaden besuchte: „I remeber taking the two children home one day after a trip into the Taunus when Aunt Anna had to pay a visit on the way back. Walter and Heddy were linked in my arms, one on each side, bombarding me with questions about school. I was then a pupil one of the upper forms while Walter was on the point of starting school. The two could not hear enough about teachers and children and breaks and punishments, especially ‘verhauen’ was the most important question. Both were very lively and full of ideas. They heard, of course, a lot at home: Mother [Anna] could recite, by heart, whole chapters from Thomas Mann’s books, she had Goethe’s and Heine’s poems at her fingertips. Father [Arthur] was well versed in history and very interested in art. He was a leading member of Wiesbaden’s art society.”[24]

Arthur und Anna Straus
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Arthur und Anna Straus führten nach Angaben von Marianne Sutin ein offenes Haus. Immer wieder wurden Verwandte, Bekannte und Freunde zum Essen eingeladen, Empfänge gegeben, bei denen gesungen und musiziert wurde oder literarische Werke vorgetragen und besprochen wurden.[25] Walter war derjenige, der die musische Begabung seiner Mutter geerbt und auch das Klavierspielen erlernt hatte.

Zwar sind keine Steuerakten von Arthur Straus überliefert, sodass präzise Aussagen über die Vermögens- und Lebensverhältnisse seiner Familie nicht gemacht werden können. Aber aus späteren Erklärungen von Freunden und Bekannten geht hervor, dass es auch ihnen ursprünglich finanziell recht gut gegangen sein muss: „Die Lage des Hauses, in dem das Ehepaar Straus wohnte“ – gemeint ist hier die spätere Wohnung in der Bahnhofstr. 46 – „und die Möbel und die sonstigen Einrichtungen der Wohnung ließen erkennen, dass das Ehepaar Straus in ihrer sozialen Stellung dem Teil des Bürgertums angehörte, das man wohlhabend nennt“, gab im späteren Entschädigungsverfahren der Medizinalrat Mansfeld zu Protokoll.[26] Er hatte das Ehepaar im Jahr 1939 in der Bahnhofstr. 46 besucht, wo die beiden noch über eine unter den gegebenen Verhältnissen recht geräumige Wohnung mit drei Zimmern, Küche und sogar zwei Büroräumen verfügten.[27] In den Büroräumen wird er zu diesem Zeitpunkt kaum mehr seiner früheren Tätigkeit als Versicherungsagent nachgegangen sein, sondern auch hier Aufgaben erledigt haben, die im Zusammenhang mit seiner Funktion als Rendant gestanden haben. Die Jüdische Gemeinde Wiesbadens, die damals von Justizrat Moritz Marxheimer geleitet wurde, hatte zu dieser Zeit noch etwa 3.200 Mitglieder, wovon etwa 1.000 als Zensiten die finanziellen Lasten der Gemeinde aufzubringen hatten.[28] Man kann davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der damit verbundenen umfassenden Verwaltungsarbeiten, die unter den bedrückenden Verhältnissen der kommenden Jahre sicher nicht ab-, sondern eher noch zugenommen haben, von Arthur Straus zuhause in diesen Büroräumen erledigt werden mussten. Es handelte sich bei dieser Tätigkeit nicht um eine ehrenamtliche, sondern um eine, für die er vermutlich all die Jahre von der Gemeinde entsprechenden entlohnt wurde.[29]

Walter Straus im Jahr 1928
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Als weiteres Indiz für einen gewissen Wohlstand der Familie kann die Tatsache angesehen werden, dass dem Sohn Walter ein Medizinstudium ermöglicht wurde, Er hatte nach dem Besuch der Grundschule, in die er 1917 eingetreten war, das Abitur an einem der städtischen Gymnasien ablegen können. Hatte er zu Beginn noch viele Freunde unter seinen nichtjüdischen Mitschülern, so war er auf dem Gymnasium zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Anschließend nahm er an der Universität Freiburg ein Medizinstudium auf, wechselte, nachdem er dort 1934 als Jude exmatrikuliert worden war, nach Basel in der Schweiz, wo er seine universitäre Ausbildung zum Abschluss brachte. Er hatte sich entschlossen eine Facharztausbildung als Psychiater zu absolvieren und arbeitete zwischenzeitlich in Zürich in einer entsprechenden Einrichtung.

In welche Identitätskrise Walter durch die Ereignisse geworfen worden war, wird man gewahr, wenn man die Briefe an seine Cousine Anni aus diesen Tagen liest, die die bewusste, dennoch wohl schwierige Entscheidung getroffen hatte, nach Palästina zu gehen.

„Was das ‚veraltete u. verkalkte Europa’ angeht und den ‚würzigen Geschmack von Palästina’ oder, so ähnlich, so kann ich letzteres natürlich nicht beurteilen. Ich weiss nur, dass mir eine Anhäufung von Juden, wo es sei, rein körperlich Unlustgefühle erweckt, die sich in Brechreiz, Schweißausbrüchen und Gefäßerweiterung der Kopfhautarterien äußert, psychisch in Wut u. Ekel (z. T. gegen mich selbst), sodass ich am liebsten oft laut heulen möchte. Das ist eine Primitivreaktion, die ich oft versucht habe, mit Vernunftgründen zu bekämpfen – was mir aber bisher immer misslungen ist. Wie weit ich damit meine eigenen „jüdischen“ Eigenschaften meine, bleibt dahingestellt.“[30]

Da Palästina für ihn keine Alternative war, der Versuch, die Schweizer Staatsangehörigkeit zu erlangen, aussichtslos war, wandte er sich an einen Cousin in New York, der ihm half, ein Visum für die USA zu erhalten. Als die Eltern ihn in der Schweiz besuchten, versuchte er sie davon zu überzeugen, ebenfalls aus Deutschland zu emigrieren. Sie waren damals dazu noch nicht bereit. Zum einen unterschätzten sie wohl noch immer die Gefahr, in der sie selbst auch waren, und glaubten, wie so viele, dass Hitler bald abgewirtschaftet haben werde, zum anderen sahen sie sich aber auch in der Verantwortung: „Also, because they worked for the Jewish community, they felt responsible to stay and make sure that those who were not able to emigrate were taken care of.
They had lived in Germany all their lives, and were reluctant to leave everything and start a new life in a strange country. Many of their neighbours in Wiesbaden felt the same way. So, although thousands of young Jews left Germany at that time to find jobs, finish their education, and escape the Nazi oppression, many older people chose to stay. Also, there were limited number of visas available, and many communities felt that it was more important to get the younger people out.“[31]

Ein letztes Mal hatten die Eltern ihren Sohn 1938 in England, kurz vor seiner Ausschiffung nach Amerika, in Southampton getroffen. Auch wenn sie selbst damals noch nicht gehen wollten bzw. konnten, hofften sie ihn später in den USA wiedersehen zu können.[32] Zu einem solchen Wiedersehen kam es nicht mehr, denn zu dem Zeitpunkt, als sie nach dem Ausbruch des Krieges ihre damalige Entscheidung revidierten, war es bereits zu spät.
Dennoch hatten sie sich damals, wenn auch eher unverbindlich, auf eine mögliche spätere Ausreise vorbereitet, wie man aus einem Brief erfährt, den Anna Straus im Sommer 1939 an ihre Nichte Anni  in Palästina schrieb:
„Sonntags Vormittags ‚treiben’ wir 2 Stunden lang Englische Conversation mit einer Amerikanerin, aber es bleibt wenig an wirklichen Kenntnissen hängen. Trotzdem müssen wir ein bisschen für unser ‚Fortkommen’ tun, obgleich an solches noch nicht zu denken ist, weil England noch nicht funktioniert.“[33]

Walter, der zunächst in New York bei der Familie seiner Cousine Ida Straus lebte,[34] musste in Amerika erneut ein Examen ablegen. Nach seinem erfolgreichen Anschluss erhielt er zunächst eine Anstellung in einem Sanatorium in Illinois, später am State Hospital in New York, wo er in den ärmsten Vierteln der Stadt arbeitete und – wie er in einem weiteren Brief an seine Cousine Anni in Palästina 1938 schrieb – auch seine letzten Illusionen über dieses Land verlor. „Die unteren Klassen sind meist Neger und Iren. Das Rassenbewusstsein den Negern gegenüber ist sehr stark, der stillschweigende, von geschliffenster Höflichkeit überdeckte gesellschaftliche Antisemitismus auch ziemlich ausgesprochen. Ich bin überzeugt, dass bei einer Fortdauer der Krise man auch vor Hitlermethoden nicht zurückschrecken würde. Vorläufig ist der Lebensstandard der Mittelklasse aber noch zu hoch, um ein Pulverfass von Unzufriedenheit zu werden.“ [35] Dieses Urteil über das Land, das ihn aufgenommen hatte, erklärt sich auch aus der Wahrnehmung seiner selbst als Exilant. Schon zu Beginn des Briefes schrieb er Anni, die offensichtlich in Palästina ähnliche Erfahrungen machen musste und überlegte, von dort auch in die USA zu kommen, von seinem Gefühl der Verlorenheit in diesem Land:
„Liebe Anni, hoffentlich erreicht Dich dieser Brief unversehrt, ich meine körperlich, von geistiger Unversehrtheit zu sprechen, wäre zu viel verlangt. Vor etwa 2 Monaten schickte mir Mutter einen Brief von Dir. Dass Du in P.[alästina] nicht am richtigen Platz bist, war vorauszusehen. Keiner von uns Deutschen ist am richtigen Platz, sondern im Exil – wir alle leben nicht mehr, sondern existieren nur noch. Es gibt noch Augenblicke wo ein Strahl aus ‚alten Zeiten’ einen erwärmt, ein Konzert, ein Buch, ein Volkslied. Aber die Strahlen gehen vorüber und lassen ein noch intensiveres Kältegefühl zurück. Nachdem wir uns aber einmal entschieden haben, selbst die nackteste Existenz dem Freitod vorzuziehen, (die Unentschiedenheit der Frage ist bei mir noch nicht sehr lange überwunden, und ich wage auch nicht zu behaupten, dass sie endgültig entschieden ist), bleibt nichts anderes übrig als für seine Existenz zu sorgen. Alles, was das Leben von der Existenz unterscheidet: Möglichkeiten zu ‚werken und zu wirken’, zu genießen, für künftige Generationen sinnvoll vorzusorgen, all das ist in Frage gestellt, wenn nicht unmöglich geworden.“[36]

Immerhin schien im die Arbeit einen gewissen Halt gegeben. Sie sei „sehr interessant“ und er „lerne eine Menge neuer Sachen“, schrieb er im gleichen Brief. Seinen Verdienst legte er soweit wie möglich zurück, um für die Kosten der Ausreise seiner Eltern aufkommen zu können. Frankreich bot damals Visen für Juden an, sofern eine bestimmte Summe an Devisen auf einer französischen Bank deponiert würden. Gerade als Walter das nötige Geld zusammenhatte, überfielen die Deutschen Frankreich und konfiszierten alle jüdischen Konten. Damit war nicht nur sein gesamtes Erspartes verloren, schlimmer: auch die letzte Chance die Eltern noch zu retten waren damit zerstört. In dieser ausweglosen Situation versuchte Walter Straus aus Verzweiflung seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Der Versuch scheiterte, weil ein Kollege ihn rechtzeitig fand.

Nach seiner Genesung zog er zunächst wieder zu seinen Verwandten nach New York, anschließend ließ er sich in Trenton, New Jersey, nieder, wo er am dortigen Hospital eine Anstellung erhielt. Hier lernte er seine spätere Frau Mary Culliton kennen, die dort eine Ausbildung als Krankenschwester machte. Zu dieser Zeit stand Walter noch in brieflichem Kontakt mit seinen Eltern. Erst im Dezember 1941, nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor und dem folgenden Kriegseintritt der USA, brach die Verbindung ab.

Walter und Mary Straus, vermutlich mit der Tochter Hedy
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Auch Walter war durch dieses Ereignis unmittelbar betroffen. Als „enemy alien“ verlor er die Freizügigkeit und musste auf Geheiß des FBI in Trenton bleiben. Seine Absicht, als Soldat in das amerikanische Militär einzutreten, scheiterte an seiner körperlichen Verfassung. Aber im Rahmen dieses Planes hatte er zunächst am 3. Dezember 1943 Mary Culliton, die inzwischen ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, geheiratet und im Frühjahr 1944 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben. Im Oktober 1944 kam das erste Kind der beiden zur Welt. In Erinnerung an Walters früh verstorbene Schwester erhielt sie den Namen Hedy. Es folgten noch die Söhne Peter, John, Nick und zuletzt Marianne, die mit der Aufzeichnung der Geschichte ihrer Großeltern die Erinnerung an sie bewahrt hat.[37]

Dass Arthur und Anna Straus solange zögerten, ihre Ausreise zu betreiben, hatte sicher noch andere Gründe als die bisher genannten. Es gab neben der Jüdischen Gemeinde auch noch die behinderte Schwester von Arthur, für die er sich sicher noch mehr verantwortlich fühlte, die er aber auch nicht retten konnte. Nach dem Tod von Benedict Straus hatte sie bei ihrem Bruder in der Emser Straße gewohnt. Möglicherweise war sie bei deren Umzug in die Bahnhofstr. 46 in einem Heim untergebracht worden. In einem Brief vom 29. August 1940 an die Devisenstelle heißt es: „Meine Schwester Helene Sarah Straus ist krank und gelähmt und im Jüdischen Krankenhaus und Altersheim in Mainz untergebracht. Ich muss sie monatlich mit RM 100,– unterstützen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sie demnach noch gelebt.[38]

Noch ein weiterer Aspekt könnte für die Blindheit gegenüber der Bedrohung maßgeblich gewesen sein: Trotz gegenteiliger Erfahrungen gingen viele Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinden, die seit dem 4. Juli 1939 mit der Gründung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland faktisch dem RSHA unterstellt waren, davon aus, dass sie bei den Deportationen verschont bleiben würden. Man betrachtete sich als notwendigen Rädchen im Getriebe der NS-Rassenpolitik, ohne jedoch deren letzte Konsequenz, die „Endlösung“, wirklich durchschaut zu haben. Auch Arthur Straus musste als Rendant unfreiwillig seinen Beitrag an der Ausraubung seiner Glaubensbrüder im Dienste der SS und des NS-Staates leisten und die Abgaben einfordern, über die die Gemeinde aber selbst nicht mehr verfügen konnte.[39]

Unabhängig davon, ob er das Land verlassen wollte, wurde im August 1940 auch sein kleines Vermögen gesichert. In der Vermögenserklärung, die im Rahmen dieser Maßnahme immer auszufüllen war, gab er an, noch etwa 3.500 RM auf einem Sparkonto zu besitzen und jährliche Einkünfte von 6.800 RM zu erhalten.[40] Damit konnte er gerade seine monatlichen Ausgaben von 520 RM decken. Die Miete von nur 65 RM lässt vermuten, dass er damals schon nicht mehr über alle Zimmer der ehemals großen Wohnung verfügen konnte, sie vielmehr inzwischen mit anderen Mietern teilen musste. Die Kosten von 50 RM für eine Hausangestellte begründete er damit, dass auch seine Frau Anna für die Jüdische Gemeinde tätig war und selbst den Haushalt nicht mehr führen konnte. Weitere 100 RM wurden für die Versorgung von seiner Schwester Helene benötigt. Er selbst – so schrieb er am 29. August 1940 an die Devisenstelle in Frankfurt – leide an Diabetes und bedürfe einer besonderen Diät, die weitere Kosten verursache. Immerhin gewährte die Stelle ihm einen Freibetrag von 500 RM. 1942, nachdem Arthur Straus erneut zu einer Einkommens- und Vermögenserklärung aufgefordert worden war, wurde dieser Betrag am 17. März auf 300 RM herabgesetzt. Es wurde ihm allerdings anheim gestellt, Gelder zur Unterstützung seiner Schwester, die sich inzwischen auf nur noch 50 RM beliefen, gesondert zu beantragen. Demnach war auch sie im März 1942 noch am Leben. Wann und wo sie umgebracht wurde, ob sie ein Opfer der Euthanasieaktion wurde, ist nicht bekannt.[41]

Als dann seit dem Mai 1942 die Züge auch von Wiesbaden in die Ghettos und Lager im Osten rollten, waren auch Arthur und Anna Straus betroffen, wenngleich sie zunächst bei der Deportation noch verschont blieben. Zunächst mussten auch sie am 15. Juni, ihre Wohnung verlassen, als das Haus in der Bahnhofstr. 46 fünf Tage nach der großen Deportation vom 10. Juni „judenrein“ gemacht wurde. Ob Berthold Guthmann, der zu dieser Zeit die Leitung der Jüdischen Gemeinde inne hatte und mit dem Arthur Straus wohl täglich zusammenarbeitete, ihm und seiner Frau eine Unterkunft in seinem nahe gelegenen Haus in der Bahnhofstr. 25, das allerdings auch schon zum Judenhaus geworden war, anbot, oder ob die Behörden oder die örtliche NSDAP in dort einquartierten, ist nicht mehr zu sagen. Im Erdgeschoss stand den beiden jetzt nur noch ein Zimmer zur Verfügung.[42] Wo die vielteilige und wertvolle Einrichtung der früheren 5-Zimmerwohnung geblieben war, konnte auch im Entschädigungsverfahren nicht geklärt werden. Dass sie aber bis zuletzt in diesem einen Raum untergebracht war, ist wenig wahrscheinlich. Sie wird vermutlich gegen einen geringen Obulus zum Wohlbefinden der einen oder anderen christlichen Familie beigetragen haben.

Belastender als die Einschränkungen, die durch die Enge im Judenhaus hervorgerufen wurden, werden die gewesen sein, die sich für Arthur und Anna Straus aus ihrer Mitarbeit in der Jüdischen Gemeinde ergaben, da sie nun auch unmittelbar in die Organisation der Deportationen einbezogen wurden. In welcher Form das konkret geschah, ist in Bezug auf Arthur Straus nicht mehr zu sagen. Neben seiner Funktion als Rendant leitete er zuletzt zusammen mit seiner Frau auch die Geschäftsstelle der Jüdischen Gemeinde.[43] In seiner ersten Position oblag ihm die Eintreibung und Weiterleitung der verschiedenen Abgaben, die nicht nur Emigranten, sondern auch die Deportierten über die Reichsvereinigung zu Gunsten des Reichssicherheitshauptamtes des SS zu leisten hatten.[44] Die Listen der zu Deportierenden wurden zwar in der Bezirksverwaltung in Frankfurt anhand der vorgegebenen Kriterien zusammengestellt, die Übergabe der Anweisungen an die Betroffenen gehörte aber in den Aufgabenbereich der örtlichen Geschäftsstelle. „Wir haben die Überbringung der Mitteilungen von den nationalsozialistischen Behörden an unsere jüdischen Mitbürger übernommen, weil sie durch uns auf menschenwürdige und barmherzige Weise übermittelt wurden“, soll Leo Baeck angesichts der Schwere dieser schrecklichen Aufgabe geäußert haben.[45] Ähnlich wird auch Arthur Straus seine Rolle gesehen haben.

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstraße
Bei der Frau im Zentrum des Bildes handelt es sich wahrscheinlich um Anna Straus. Aufgenommen wurde es bei der Vorbereitung des Transports vom 1.9.1942 nach Theresienstadt im Hof der Synagoge in der Friedrichstr. 33
HHStAW 3002-2 16556

Möglicherweise ist Anna Straus auf einer der Fotografien abgebildet, die am Tag vor der letzten großen Deportation nach Theresienstadt im Hof der Synagoge aufgenommen wurden.[46] Da sie selbst nicht zu den Abgeschobenen gehörte, kann sie nur in einer anderen Funktion dort anwesend gewesen sein. Vielleicht betreute sie als Mitglied der Geschäftsstelle die vielen Alten und Schwachen, die gerade für diesen Transport ausgewählt worden waren. Bild Eine sehr ambivalente Rolle in jedem Fall. Es waren nur noch wenige Juden, die nach diesem letzten großen Transport in Wiesbaden zurückblieben; zum einen diejenigen, die in einer Mischehe lebten, und zum anderen eben die drei Ehepaare bzw. Familien Guthmann, Goldstein und Straus, die durch ihre Tätigkeit für die Reichsvereinigung noch einen gewissen Schutz genossen.

Knapp ein Vierteljahr später, nachdem die Arbeiten in Wiesbaden abgeschlossen waren und die dortige Jüdische Gemeinde aufgelöst bzw. in die Frankfurter Gemeinde eingegliedert war, wurden auch die verbliebenen Mitarbeiter am 20. November 1942 zwangsweise umgesiedelt, aber immer noch nicht in ein Lager, sondern zunächst nach Frankfurt, wo sie im Hermesweg 5-7 einquartiert wurden. Bereits am Tag zuvor hatte Arthur Straus der Devisenstelle in Frankfurt die „Verlegung seines Wohnsitzes“ mitgeteilt.[47] Bild Anna Straus teilte den Freunden und Verwandten über das im neutralen Schweden lebende und mit ihnen befreundete Ehepaar Eugene und Hedwig Gottschalk am gleichen Tag ebenfalls ihre bevorstehende Umsiedlung mit:

„Liebe Freunde! Von Herzen freuten wir uns über Euere Nachrichten und hoffen, dass sie ein Auftakt zur weiteren Verbindung bedeutet. Auch interessierte uns alles und von allen Freunden  zu vernehmen. Besonders vermissen wir Gertrud sehr. Es dürfte diese und auch Euch  interessieren, dass wir morgen – am 20. ds. Mts. nach Frankfurt /M. übersiedeln, zusammen mit unseren Nachbarn, wo wir Hermesweg 7 in ein Gemeinschaftshaus zu wohnen kommen u. sehr saubere ausreichende Kojen in einem Schlafsaal erhalten. Unsere beiden Geburtsstädte werden uns aber immer unvergesslich bleiben: Alaaf Kölle, wo man – so unmöglich es klingt – wir in der Antwerpenstr. noch als erwachsene Menschen ‚Tellerdrehen’ spielten, und die geliebte gesegnete Kur- und Taunusstadt Wiesbaden mit den Wanderungen und den manchmaligen ersten Frühstücken unter Eichen und Buchen auf Fischzucht und Platte! Indes (sic), ich will nicht sentimental werden, sondern froh berichten, dass mein Mann die Operation ohne zurückbleibende Folgen, endlich überstanden hat und wir nun hoffen wollen, gesund zu bleiben und dann unseren Jungen ebenso wiedersehen, wie Ihr Euere Kinder. Ich bitte, alle Freunde u. Verwandte von Herzen von uns zu grüßen, auch den Paul Kl. unsere neue Anschrift zu geben. Wir werden niemanden vergessen! Ich wünsche Euch Gutes und Schönes und grüße Euch mit den früheren freundschaftlichen Gefühlen von Herzen! Euere Anna.“[48]

Ursprünglich beherbergten die Gebäude im Frankfurter Hermesweg eine Schule für religiöse Studien und auch eine Synagoge, die aber in der „Kristallnacht“ völlig zerstört worden war. Im Mai 1942 hatten die NS-Behörden dann zunächst die Bewohner des Jüdischen Altersheims aus dem Röderweg 77 dort einquartiert und dann dort zusätzlich ein Sammellager eingerichtet, wo die Juden auch über einen längeren Zeitraum vor ihrer Deportation zu wohnen gezwungen wurden. Hier befand sich auch die letzte Krankenstation für Juden, nachdem das Jüdische Krankenhaus am 1. November 1942 geschlossen worden war. Zum 1. Januar 1943 wurden auch die verschiedenen Verwaltungsstellen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und die Bezirksstelle der Reichsvereinigung Hessen-Nassau in den Gebäuden im Hermesweg konzentriert, wo sie unter dem Vorsitz des jüdischen Rechtsanwalts Max Cohen und der Kontrolle des „Beauftragten der Gestapo bei der jüdischen Wohlfahrtspflege“ Ernst Holland, einem fanatischen Antisemiten, ihre Aufgaben bei der formalen Abwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland zu vollziehen hatten. Vermutlich war allen klar, dass das Versprechen, sie würden nach getaner Arbeit unbehelligt in die Schweiz ausreisen können, völlig wertlos war.[49] Um den eigenen Tod so lange wie möglich hinauszuzögern war es geboten, die Arbeit so langsam zu erledigen, wie nur irgend möglich. Man arbeitete – wie Charlotte Opfermann später notierte – „mit wenig Enthusiasmus“, war eigentlich geneigt, die am Tage geleistete Arbeit nachts wieder zu zerstören, um so die eigene Deportation zu verhindern. Wie Anna Straus in einem Brief mitteilte, waren die neu hinzugekommenen Kollegen aus Wiesbaden bei den bisherigen Mitarbeitern des Gemeindebüros deshalb auch nur ungern aufgenommen worden, würden sie doch dazu beitragen, die eigene Deportation zu beschleunigen. Entsprechend deprimiert war sie in den ersten Wochen, wie sie am 7. Februar 1943 auf einer weiteren Postkarte an Eugene und Hedwig Gottschalk schrieb:

Judenhaus Bahnhofstr 25 Wiesbaden, Anna Waller
Karte von Anna Straus an Freunde nach dem Umzug in den Hermesweg
Anna Waller, Arthur Straus
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Dass erst heute Antwort auf Eure Karte v. 2.12.42 erfolgt liegt an der seelischen Verfassung der ersten Wochen in dem neuen ‚Leben’. Nun habe ich mich selbst wiedergefunden, hauptsächlich infolge der wunderbaren Ausgeglichenheit meines Mannes. Wir betätigen uns teils büromässig, teils hauswirtschaftlich, gelten aber nach wie vor als die ‚Hergeloffenen’.(…) Wenn ich an die Hochzeit von Anna und Titus denke – das tue ich zuweilen – so kommt mir dies alles wie ein Märchen aus uralten Zeiten vor. (…) Trotz allem ist es ein köstlicher Trost zu wissen, dass es noch Freunde gibt, die unserer gedenken. Wie auch wir über Zeit u. Raum, Berge und Meere lange Treue und Anhänglichkeit bewahren. Mit innigsten Grüßen und Wünschen für Euer Ergehen verbleiben wir Eure Anna u. Arthur.“ [50]

Zunächst war Arthur Straus zusammen mit Berthold Guthmann noch damit befasst, die Akten des Wiesbadener Konsulentenbüros und die der Wiesbadener Gemeinde zu sortieren und abzulegen. Vermutlich arbeitete Anna Straus nicht nur in der Küche und im Haushalt mit,[51] möglicherweise war sie auch an der Vorsorgung der Alten und Kranken beteiligt, aber Belege dafür gibt es nicht.

Bereits bevor die Vernichtung des Judentums im Bezirk Hessen-Nassau im Juni 1943 in bürokratischer Hinsicht abgeschlossen war und die Bezirksstelle aufgelöst werden konnte, waren Arthur und Anna Straus am 16. März 1943 von Frankfurt aus über Berlin mit dem Transport I/90 nach Theresienstadt deportiert worden. Am 14 März hatten sie in einem Brief Bekannte davon noch unterrichten können: „Wir abwandern morgen nach Theresienstadt. Benachrichtige die anderen. Hoffen auf Wiedersehen.“[52] Das Hoffen war vermutlich von vielen Zweifeln und Ängsten überlagert. Ein Zug mit 42 weiteren Menschen brachte sie zunächst nach Berlin,[53] wo der eigentliche Transport mit fast 1300 Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten zusammengestellt wurde. Am 17. März verließ er Berlin und erreichte Theresienstadt am folgenden Tag.[54]

Man wird vermuten können, dass das Ehepaar Straus wusste, dass Theresienstadt nicht der menschenfreundliche Ruhesitz für alte Juden war, wie die NS-Propaganda glauben machen wollte, sondern ein Konzentrationslager, in dem Mord und Tod zum Alltag gehörten. Aber immerhin konnten die Insassen in beschränktem Umfang und kontrolliert mit Verwandten und Freunden kommunizieren und sogar Pakete erhalten. Auf einer vorgefertigten Lagerpostkarte schrieb Anna Straus am 16. November 1943 wiederum an das Ehepaar Gottschalk, dass sie eine Mittelohrentzündung überstanden habe. Zudem bedankte sie sich für ein kleines Paket mit Lebensmitteln, die sie und ihren Mann sehr erfreut hätten.[55] Eine weitere Postkarte vom 8. August 1944 ist erhalten geblieben, diesmal von Arthur Straus geschrieben und wiederum an Gottschalks in Stockholm gerichtet:
„Liebe Freunde!
Euere Karte vom Januar kam jetzt an, erfreute uns aber noch sehr. Auch durch Titus hören wir manchmal von Ihnen. Dass Gertrud u. Mieze je Großmutter geworden sind, können [wir] kaum fassen. Bitte, grüsst sie von uns sehr, wir werden sie u. Sie ebenso wenig vergessen wie Sie uns. Hoffentlich bleiben Sie weiterweiter gesund u. hören Gutes von den Kindern. Ihr Schwager ist elastisch u. wir sprechen uns oft u. erinnern uns oft Eurer selbstgebackenen guten Kuchen mit Wonne. Mit den innigsten Grüssen u. der Hoffnung bald wieder von Ihnen zu hören. Dies alles auch im Namen meiner lieben Frau.
Verbleibe Ihr
Arthur Straus.“
[56]

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 25
Die letzte Karte von Arthur Straus aus Theresienstadt
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

 

 

 

 

 

 

 

Es war die letzte Karte, die von ihnen aus Theresienstadt nach Außen gelangte, scheinbar mit einem eher belanglosen Inhalt. Zwischen den Zeilen offenbart sie aber doch all die Ängste, Hoffnungen und Erinnerungen der beiden in diesen letzten Wochen ihres Lebens.[57]

Über die insgesamt eineinhalb Jahre, die sie in diesem Altersgetto verbrachten, liegen ansonsten keine weiteren Informationen vor. Auch Charlotte Opfermann erwähnt sie in ihren Erinnerungen an Theresienstadt nicht mehr, obwohl sie oder ihre Familienangehörigen sicher hier noch einmal Kontakt mit ihren ehemaligen Mitbewohnern gehabt haben werden.

‚Fahrkarten‘ in den Tod
Mit Genehmigung von Marianne Sutin

Die Bemühungen von Walter Straus und seiner Cousine Hannah Katzenstein, für Arthur und Anna Straus noch einen Weg in das sichere Ausland zu finden, waren letztlich zwar noch erfolgreich, aber für die KZ-Insassen kam die Meldung, die Hanna Katzenstein am 11. Oktober 1944 erhielt, viel zu spät. In dem Schreiben der Jewish Agency for Palestina, Department of Immigration heißt es:
“In connection with your request for a certificate of immigration fort he above [Straus, Artur, und his wife Anna Sara (!) Straus, Theresienstadt] we herewith inform you that your request has been granted and the above have been included in the list of special cases from Theresienstadt, which has been transferred to the Department of Immigration of the Government on 25. September 1944, under number M/438/43/y/e/241.”[58]

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstraße
Page of Testimony für Anna Straus übermittelt von
https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1492961

Am 28. Oktober 1944, also etwa zwei Wochen später, wurden beide von Theresienstadt aus mit mehr als 2000 anderen Opfern nach Auschwitz in den Tod geschickt. Es war der letzte der sogenannten „Herbsttransporte“ und es war der letzte, bei dem bei Ankunft in Birkenau noch einmal eine Selektion in Arbeitsfähige und „Nichtverwertbare“ vorgenommen wurde. 1689 wurden noch am gleichen Tag in den Gaskammern ermordet. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Ehepaar Artur und Anna Straus unter den Opfern dieses Tages.[59] Bild Liste.

Vier Tage zuvor war auf der anderen Seite des Ozeans ihre Enkelin Hedy, das erste Kind von Walter und Mary Straus geboren worden.[60]

Stand: 22. 06. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Die Schreibweise des Namens Straus variiert in den verschiedenen Dokumenten immer wieder (Straus, Strauss und Strauß). Auch wenn im Geburtseintrag von Arthur für ihn selbst und seinen Vater die Variante Strauß mit „ß“ zu lesen ist, so wird hier durchgängig die am häufigsten genutzte Schreibweise mit einfachem „s“ – Straus – verwendet, die Variante, mit der Arthur Straus auch selbst unterzeichnete.

[2] Sterbeeintrag von Benedict Straus im Sterberegister Wiesbaden 1789/1917.

[3] Dessauer, Aus unbeschwerter Zeit, S. 14, zit. nach Müller, Thomas, Max Dessauer (1893-1962): Ein Sterbfritzer Jude, sein Leben und seine Erinnerungen an die ‚unbeschwerte Zeit‘, in: Unsere Heimat. Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel e.V. Schlüchtern, Heft 14, 1998, S. 19.

[4] Ebd. S. 20. An verschiedenen Beispielen zeigen Dessauer bzw. Müller diese engen Kontakte zwischen den Religionsgemeinschaften auf. An den Feiertagen wurde die jeweils andere Gruppe mit den traditionellen Geschenken, Weihnachtsplätzchen bzw. Matzenbrot, bedacht. Man kannte die religiösen Bestimmungen der christlichen – in Sterbfritz primär evangelischen – und jüdischen Glaubensgemeinschaft und akzeptierte diese nicht nur, sondern man war wechselseitig sogar behilflich bei deren Befolgung So leitete der christliche Lehrer den jüdischen Singverein während des Sabatth-Gottesdienstes, da die Leitung eines Chores am Sabbath als Arbeit angesehen wurde, die den Sabbathregeln widersprach. Sicher nicht nur in Sterbfritz entwickelte sich das Institut der Sabbathfrauen, von den Juden „Schabbesgoje“ genannt. Das waren christliche Frauen, die am Freitagabend bei den wohlhabenderen Juden die notwendigen Hausarbeiten verrichteten. Bei ärmeren Juden machten das Nachbarskinder für kleine Geschenke wie Süßigkeiten. Diese Dienstleistung, die sogar von Müttern auf die Töchter vererbt wurde, begründete oft sehr enge und langlebige Verbindungen zwischen den Familien. Eine geradezu kitschige Episode, die sich 1910 zugetragen haben soll, schildert Dessauer in seinen Erinnerungen. Seine Mutter habe nach der Geburt eines ihrer Kinder auch das zur gleichen Zeit geborene Kind einer christlichen Nachbarin gesäugt, da diese zu schwach war, das Neugeborene selbst zu stillen: „Diese Frau“, die eigene Mutter des Autors, „war gesund und stark und sie ließ es sich nicht nehmen, unseren Hannes und ihre Tochter mit an ihre vollen Brüste, das eine Kind links, das andere rechts, zu nehmen, wo sich beide satt trinken konnten.“ „Es scheint schwer vorstellbar“ so Müllers Anmerkung dazu, „wie in diese dörfliche Harmonie die nationalsozialistische Ideologie mit ihren rassistischen Gedanken von der ‚Reinheit der des deutschen Blutes’ eindringen konnte.“ Ebd. S. 24. Und dennoch geschah das auch hier, zum Teil auch durch Personen, die von Außen Einfluss nahmen und gegen die ansässigen Juden hetzten. Andererseits wählten aber schon 1924 fast ein Viertel der Bewohner die NSDAP und bei der Märzwahl 1933 lag deren Stimmanteil sogar bei 67 Prozent.  Während der gesamten Zeit der Weimarer Republik hatte sie in Sterbfritz bei Wahlen immer einen deutlich größeren Zuspruch erhalten als im Landkreis oder im Reich. Das bedeutet aber keineswegs, dass die geschilderten Bindungen zwischen Juden und Christen einem verfälschendem, harmonisierenden und verdrängenden Blick auf die „guten alten Zeiten“ geschuldet sein müssen, es sind vielmehr solche Ungleichzeitigkeiten und Disparitäten, die sowohl das Bewusstsein der einzelnen, wie auch eine ganze Gemeinschaft in solchen Zeiten des Umbruchs prägen können. Siehe zu Sterbfritz in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ebd. S. 64-78.

[5] Müller verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass 1926 von 29 Telefonanschlüssen in Sterbfritz vierzehn in jüdischen Haushalten waren, dies bei einem Bevölkerungsanteil von 8 Prozent, ebd. S. 7 und S. 18.

[6] Sutin, Marianne, The Strauses of Wiesbaden. A Family Story of Holocaust and Survival. 1997. Unveröffentlichtes Typoskript. Marianne Sutin ist eine Enkelin von Arthur Straus. Sie hat dem Verfasser diese Erinnerungen dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

[7] Mitglieder der Familie Bacharach wohnten seit 1872 zusammen mit der Familie Straus in der Webergasse 21.

[8] HHStAW 362/33 B23 (85 Eintrag 1996).

[9] HHStAW 518 38842 (21).

[10] Die Eltern des am 29.9.1863 geborenen Joseph Kupperschlag waren der Kaufmann Samuel Kupperschlag und dessen Frau Henriette, geborene Alsbach. Das Paar lebt zum Zeitpunkt der Eheschließung in Carmen in Westfalen und hatte die beiden Kinder Ida, geboren 1910, und Henry, geboren 1902. Sutin, The Strauses of Wiesbaden, o.P.

[11] Ebd.

[12] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 421 / 1875.

[13] Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[14] Sutin, The Strauses of Wiesbaden, o.P. Nach den Angaben seiner Großnichte legte er seinen angeblichen jüdischen Vornamen Saul ab und nahm erst hier den Namen Paul an, um nicht auch im Exil antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt zu sein. Im Geburtsregister ist aber als Vorname eindeutig Paul und nicht Saul eingetragen. Siehe Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 371 / 1876.

[15] Ebd. Auch Otto Straus und seine Frau Meta sind im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht verzeichnet. Vermutlich haben auch sie überlebt.

[16] Der Rendant einer Gemeinde, der Schatzmeister, war zuständig für die Einziehung und Verwaltung der Gemeindebeiträge – bzw. Steuern einer kirchlichen Einrichtung. Dieses Vertrauensamt gibt sie sowohl in den christlichen Kirchen wie auch in den jüdischen Gemeinden.

[17] Sutin, The Strauses of Wiesbaden, o.P.

[18] So zum Beispiel HHStAW 518 38842 (1, 23).

[19] David Waller war am 21.10.1843 geboren worden. Er verstarb am 8.6.1902. Sophie Waller, geboren 12.10.1846, gestorben am 3.5.1911 stammte aus einer Kölner Bankiersfamilie. Die Angaben sind einem handschriftlich gefertigten Familienstammbaum der Wallers entnommen, der mir von Frau Sutin zur Verfügung gestellt wurde. Diesem sind auch die folgenden Daten zu den Geschwistern von Anna Waller entnommen.

[20] Mit Anna, die ihren Namen in Palästina in Hanni bzw. eigentlich Hannah ändern ließ, unterhielt Walter Straus, der Sohn von Arthur und Anna Straus, einen intensiven und offenen Briefwechsel, in dem die Frage des Zionismus, die der jüdischer Identität und auch persönliche Krisen thematisiert wurden. Beide bemühten sich auch intensiv Arthur und Anna Straus zur Emigration zu verhelfen, siehe dazu unten.

[21] Es handelt sich um dieselbe Loge, der auch Jakob Guthmann und Paul Lazarus angehörten, siehe dazu die Anmerkungen xxx

[22] Zum Schicksal von Ernst Waller und seiner Familie siehe HHStAW 518 42985 passim. Zum Transport am 20.10.1941 Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S.66 f, 72 f.

[23] HHStAW 365 916 Begräbnisliste Jüdischer Friedhof Platter Straße.

[24] Sutin, The Strauses of Wiesbaden, o.P.

[25] Ebd. Anna Strauß selbst trug bei solchen Gelegenheiten eigene Gedichte vor oder trat auch als Sängerin auch von klassischen Arien auf.

[26] HHStAW 518 38842 (6). Ähnlich äußerte sich eine Nichte namens Anni Katzenstein, die auch auf das wertvolle Porzellan, auf Silberbesteck und wertvolle Brief- und Münzsammlungen verwies, ebd. (9). Auch hatte Arthur Straus bis 1938 bzw. 1939 zwei Lebensversicherungen mit jährlichen Beiträgen von durchschnittlich etwa 800 RM ohne Unterbrechungen stets bedient, siehe ebd. (82-97).

[27] HHStAW 483 10127 (79). Die Meldung des Zellenwarts mit den entsprechenden Angaben stammt vom 1.6.1940.

[28] https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/id/173/current/1/sn/jgv?q=YTo0OntzOjg6Im9ydHNuYW1lIjtzOjk6IldpZXNiYWRlbiI7czoxMjoib3JpZW50aWVydW5nIjtzOjIyOiJvaG5lIEJlcsO8Y2tzaWNodGlndW5nIjtzOjEwOiJ0cnVua2llcmVuIjtzOjE6IjEiO3M6NToib3JkZXIiO3M6ODoib3J0c25hbWUiO30=. (Zugriff: 9.11.2018).

[29] Zuletzt, bis zum Zeitpunkt des Umzugs nach Frankfurt, hatte sein monatliches Entgelt etwa 440 RM betragen, HHStAW 518 38842 (68). Möglicherweise war es früher aber wesentlich höher gewesen.

[30] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200. Nachlass Straus. Der Brief wurde am 27.12.1934 in Wiesbaden geschrieben, als er nach Weihnachten zu Besuch bei seinen Eltern dort weilte.

[31] Sutin, The Strauses of Wiesbaden, o.P.

[32] Ebd. Sie brachten ihrem Sohn als Abschiedsgeschenk einen Smoking mit, da sie der Meinung waren, jeder in den USA würde sich für das abendliche Dinner entsprechend kleiden – ein Beleg dafür, welche falschen Vorstellungen über das Exilland damals hier in Deutschland kolportiert wurden.

[33] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200. Nachlass Straus, Brief vom 1.7.1939.

[34] Ida Straus war die Tochter von Minna Kupperschlag, geborene Straus. Ida heiratete Joseph Munz und ließ ihren Vornamen in Jane umändern. Ihre Mutter Minna Straus gelangte über England ebenfalls nach New York

[35] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200. Nachlass Straus. Brief vom 14.11.1938.

[36] Ebd.

[37] Walter Straus ist im Jahr 1995, seine Frau Mary im August 1997 verstorben.

[38] HHStAW HHStAW 519/3 8023 (9).

[39] Siehe zu dieser Problematik generell Meyer, Mitarbeiter der Reichsvereinigung, S. 20 f.

[40] HHStAW 519/3 8023 (3).

[41] HHStAW 519/3 8023 (9, 11, 12). Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz und auch in Yad Vashem ist sie allerdings nicht als Opfer des NS-Regimes eingetragen.

[42] Siehe Liste x1.

[43] HHStAW 518 38842 (57).

[44] Siehe dazu im Detail Meinl, Zwilling, Legalisierter Raub, S. 464 ff.

[45] Zit. nach Opfermann, Hermesweg, S. 410.

[46] Ob es sich tatsächlich um Anna Straus handelt, ist ungewiss. Die Angabe beruht auf der Bildunterschrift in Drummer, Heike, Zeuginnen und Zeugen der Deportationen aus Frankfurt am Main, in: Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945, München – London – New York 2016, S. 93. Es heißt dort: „Vor der Deportation aus Wiesbaden: Juden mussten sich im Hof der Synagoge Friedrichstraße einfinden. Die Gemeindeschwester mit dem weißen Häubchen ist Anna Strauss, Wiesbaden, Wiesbaden 1. September 1942.“ Auf Nachfrage beim Jüdischen Museum in Frankfurt konnte leider kein Beleg oder eine sonstige Quelle für die Identifizierung erbracht werden, auch nicht dafür, dass die abgebildete Frau im Vordergrund eine Gemeindeschwester oder überhaupt eine Schwester ist. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das angebliche Häubchen nämlich als das Namensschild, das der im Hintergrund stehende Jude vor seine Brust hält. Dennoch ist es möglich, dass es sich bei der Frau tatsächlich um Anna Straus handelt und sie vor längerer Zeit, möglicherweise von einem Zeitzeugen erkannt wurde, dies dann aber nur mündlich weitergegeben wurde, sodass die Quelle für die Identifikation nur verloren gegangen ist. Paul Kester, ehemals Paul Kleinstrass, ein früherer Bekannter des Ehepaar Straus, der als Jugendlicher für Arthur Straus Hilfsdienste erledigt hatte, hielt es aber in einem Gespräch am 18.12.2018 ebenfalls für sehr wahrscheinlich, dass die abgebildete Frau Anna Straus ist, von einem Dienst als Gemeindeschwester war ihm dagegen nichts bekannt.

[47] HHStAW 519/3 8023 (13, 14).

[48] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200, Nachlass Straus. Bei dem erwähnten Paul Kl. Handelt es sich vermutlich um Paul Kleinstrass, später Paul L. Kester, dessen Familie mit Strausens befreundet war und der als Junge für Arthur Straus gearbeitet hatte. Als 14jähriger hatte er 1939 nach Schweden auswandern können. Siehe zu seinem Schicksal Kester, Paul L, Erinnerungen. Kindheit und Jugend in Deutschland und Schweden, Wiesbaden 2014. Mit den ebenfalls erwähnten Nachbarn sind vermutlich Guthmanns gemeint. Zu der Zeit im Hermesweg Frankfurt siehe auch Opfermann, Hermesweg, passim.

[49] Meyer, Handlungsspielräume, S. 72.

[50] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200, Nachlass Straus. dazu Opfermann, Hermesweg, S. 411. Die erwähnte Anna war die Schwester von Eugen Gottschalk. Titus Gottschalk überlebte Theresienstadt, seine Frau Anna ist, soweit die Karte von Anna Strauß an Gottschalks vom Juni 1944 noch zu entziffern ist, vermutlich kurz zuvor in Theresienstadt verstorben, siehe ebd.

[51] Davon berichtete Charlotte Guthmann-Opfermann. Sie erwähnt in diesem Zusammenhang die dürftige Versorgung der dort Lebenden mit Lebensmitteln: „Es gab hauptsächlich Suppe und Brot zu essen. Wir hatten wenig Fleisch, ich erinnere mich an Ochsen- oder Pferdeleber. Milch hatten wir keine. Rituelle Kost gab es schon lange nicht mehr. Frau Strauss hatte Spüldienst und berichtete lakonisch, daß das sehr leicht von der Hand ginge, denn die Töpfe und Teller wären gar nicht fettig. Ein taktvoller Hinweis, daß die Verpflegung an Nährwert zu wünschen übrig ließ.“ Opfermann, Hermesweg, S. 408. Zu den allgemeinen Lebensumständen im Hermesweg siehe oben die Ausführungen im Kapitel zur Familie Guthmann.

[52] Zit. nach „Und keiner hat für uns den Kaddisch gesagt …“ – Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945. Begleitpublikation zu gleichnamigen Ausstellung, Frankfurt 2005, S. 379. Auch hier konnte auf Anfrage beim Jüdischen Museum Frankfurt die Authentizität der Zeilen nicht belegt werden. Aus welchem Brief zitiert wurde und wo dieser Brief archiviert ist, ist dort nicht bekannt.

[53] Drummer, Zeuginnen und Zeugen, S. 92.

[54] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt, Schulle, Deportationen, S. 352.

[55] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200, Nachlass Straus.

[56] Ebd.

[57] Ebd.

[58] Stadtarchiv Wiesbaden NL 200. Nachlass Straus.

[59] Ebd. S. 440. Fälschlicherweise geben Gottwaldt/Schuller als Tag der Ermordung den 30.9. statt den 30.10. an. Es muss sich hier um einen Versehen handelt, da der Zug nach eigenem Bekunden am 30.10. in Auschwitz ankam. Ihr Todestag wurde später auf den 8.5.1945 festgelegt.

[60] Ebd.