Arthur Straus und seine Frau Anna, geborene Waller

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Wiesbaden, Guthmann Jakob, Berthold, Claire Paul Charlotte Opfermann
Das Judenhaus in der Bahnhofstr. 25 heute
Eigene Aufnahme
Wiesbaden Bahnhofstr. 46 Sebald Strauss
Lage des Judenhauses
Judenhaus Wiesbaden Juden
Belegung des Judenhauses Bahnhofstr. 25

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Als das Judenhaus in der Bahnhofstr. 46 im Sommer 1942 geräumt wurde, musste auch das Ehepaar Straus die Wohnung verlassen, die es seit etwa 1935 dort angemietet hatte – einige Jahre bevor das Haus zu einem Judenhaus wurde. Auch Arthur und Anna Straus blieb damals keine andere Wahl, als in ein anderes Ghettohaus, das in der Bahnhofstr. 25, zu ziehen.

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 46, Bahnhofstr. 25
Arthur Straus
https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=1492964&ind=4
Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstr. 46, Bahnhofstr. 25
Anna Straus
https://photos.yadvashem.org/photo-details.html?language=en&item_id=1492961&ind=8

Bis 1935 hatte die Familie in dem Haus in der Emser Str. 6 gewohnt, in das Arthurs Vater Benedict Straus,[1] im Jahr 1894 eingezogen war. Der Vater kam aus dem osthessischen Städtchen Sterbfritz bei Schlüchtern. Hier war er um 1843 als Sohn des Handelsmanns Lissmann Straus und seiner Frau Esther, ihr Mädchenname war Rödelheimer, geboren worden.[2] Die für den Vater angegebene Berufsbezeichnung „Handelsmann“ klingt etwas hochtrabend, angesichts der verbreiteten Armut in dieser Region. Die des Hausierers wäre vermutlich angemessener gewesen. Auf Grundlage eines Erinnerungsbuches, das der aus Sterbfritz stammende Jude Max Dessauer hinterließ, hat Müller ein sehr einfühlsames und zugleich kritisches Portrait dieser für das Zusammenleben von Juden und Christen typischen Landgemeinde des 19. Jahrhunderts gezeichnet. In dem Ort hatten sich vermutlich bald nach dem Dreißigjährigen Krieg mit wohlwollender Unterstützung des Landesherren Juden angesiedelt. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse stammen allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert und erst im folgenden Jahrhundert erlebte die Gemeinde ihre eigentliche Blütezeit. Immerhin waren in dessen zweiter Hälfte etwa 15 Prozent der örtlichen Bevölkerung von rund 1000 Personen jüdischen Glaubens. Vor dem Hintergrund antisemitischer Strömungen gerade im Kaiserreich und vor dem, was dann nach 1933 auch in Sterbfritz geschah, erscheinen die Erinnerungen Dessauers von dem örtlichen Zusammenleben vor 1933 geradezu idyllisch und verklärend: „Wie es früher war wissen nur noch die Ältesten. Christen und Juden lebten hier einmal brüderlich beieinander. Die Christen wie die Juden hatten für sich ihre Glaubensgemeinschaft. Aber außerhalb des religiösen Bereichs gab es im Alltag viele Bindungen, die konfessionelle Unterschiede aufhoben. So war eine christlich –jüdische Lebensgemeinschaft entstanden, eine Symbiose, die nun unwiederbringlich dahin ist.“[3] Aber es hat diese engen Beziehungen untereinander wohl tatsächlich gegeben. Müller vermutet, dass die weit verbreitete Armut in dieser Region zwischen Vogelsberg, Spessart und Rhön die Menschen solcher kleinen Orte miteinander verband und sie dazu zwang, sich nicht nur in bedrängenden Situationen, sondern auch im alltäglichen Leben gegenseitig zu unterstützen.[4] Das ist sicher richtig, solange es eine Gleichheit in der Armut gab. Als aber spätestens um die Jahrhundertwende der Strukturwandel auch diese ländlich geprägten Gemeinden ergriff, sich auch eine so kleine Gemeinschaft zu differenzieren begann, konnte eine solche Ideologie wie die des Antisemitismus auch hier leicht zur Erklärung des eigenen Ungemachs herhalten. Gerade weil die Juden vom Landbesitz ausgeschlossen waren, bisher weitgehend als kleine Händler und Hausieren über das Land fahren oder sogar laufen mussten, sie somit nicht wie die Bauern an eine Scholle gebunden waren, gelang es ihnen jetzt, wesentlich flexibler auf die neue Zeit zu reagieren. Sie waren es auch oft, die in den kleinen Landgemeinden den technischen Fortschritt in Form von Telefonen, Radios oder Motorfahrzeugen einführten.[5] Während die Einwohnerzahl von Sterbfritz von 1835 bis 1939 insgesamt weitgehend konstant blieb, nahm bezeichnenderweise die der Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und nicht erst seit 1933 kontinuierlich ab. Wer konnte, zog in die Städte und versuchte hier sein Glück, die Zurückgebliebenen konnten dann umso leichter zum Opfer antisemitischer Ressentiments werden.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstraße
Erster Eintrag für Bendikt Straus im Wiesbadener Adressbuch von 1896/97

Auch Benedict Straus gehörte zu denen, die schon frühzeitig ihrem Heimatort den Rücken kehrten. Zusammen mit seiner Frau Hedwig, geborene Bacharach aus Mansbach im heutigen Kreis Hersfeld-Rotenburg, muss er um 1866 nach Wiesbaden gekommen sein, wo die beiden zunächst in der Langgasse 55 ein Textilgeschäft eröffneten, das unter dem Namen ‚Manufakturwarenhandlung Bacharach & Strauss’ firmierte. Der Name lässt darauf schließen, dass seine Ehefrau auch einiges Kapital mit in die Firma eingebracht hatte, ihre Familie vermutlich sogar daran beteiligt war.[6] Zunächst kann man das Paar mit unterschiedlichen Wohnadressen in den Wiesbadener Adressbüchern finden, zunächst am Kochbrunnenplatz 2, dann am Michelsberg 7. 1872/73 zog das Ehepaar samt Ladengeschäft in die Webergasse 21, womit man auch der betuchten Kundschaft des Kurviertels ein Stück näher gekommen war. Man hatte sich inzwischen als Damenkonfektionsgeschäft etabliert und war sogar als „Hoflieferant ihrer königlichen Hoheit, der Landgräfin von Hessen“, im Adressbuch eingetragen.
Am 1. September 1873, dem Jahr des Umzugs in die Webergasse, war der Sohn Arthur zur Welt gekommen.[7] Er war das fünfte Kind des Paares, drei weitere sollten in den nächsten Jahren noch folgen.[8]

Arthur Straus Anna Waller Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstraße
Familien Straus und Waller
(GDB-PLS)

Im Jahr 1875 hatte Benedikt Straus zusammen mit seiner Frau das Haus in der Webergasse auch käuflich erworben, es allerdings 1893 dann wieder veräußert.[9]  Sie selbst wohnten seit 1886 zunächst in der der Kapellenstr. 2, dann ab 1889 in der Luisenstr. 12 im zweiten Stock und zuletzt noch einmal für zwei Jahre in der Emser Str. 4a. 1894 zog die Familie in der gleichen Straße in das Haus mit der Nummer 6. Mit dem Verkauf des Hauses in der Webergasse hatte sich für Lazarus Straus offensichtlich auch eine berufliche Neuorientierung ergeben. Zwar ist er im Adressbuch 1894/95 noch mit seinem Damenkonfektionsgeschäft vermerkt, aber bereits jetzt betrieb er daneben eine Versicherungsagentur. Ab dem folgenden Jahr erscheint er in den Adressbüchern nur noch mit dieser Profession. Auch das Büro wurde jetzt in die Emser Str. 6 verlegt. Zu dieser Zeit übernahm er auch die Aufgabe des Rendanten für die Jüdische Gemeinde Wiesbadens, die er zeitlebens bis zu seinem Tod am 18. Oktober 1917 inne hatte.[10]

Eintrag im Adressbuch 1893/94, in dem erstmals auch Versicherungsleistungen angeboten werden
Anzeige von Bendikt Straus Im Wiesbadener Adressbuch von 1873

Sein Sohn Arthur Straus hatte eine Ausbildung in einem Juweliergeschäft absolviert, zumindest ist das die Berufsbezeichnung, die im späteren Entschädigungsverfahren angegeben wurde.[11] Vermutlich hatte er aber, wenn überhaupt, nur kurz in diesem Beruf gearbeitet. In den Adressbüchern der Stadt ist er bereits im Jahr 1907, in dem er erstmals mit einem eigenen Haushalt gelistet ist, als Immobilien- und Hypothekenmakler eingetragen. Gewohnt hat er damals im elterlichen Haus in der Emser Str. 6.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 46, Bahnhofstr. 25
Anzeige von Arthur Straus im Wiesbadener Adressbuch von 1927

Im Jahr 1911 war der Vater aus diesem Haus ausgezogen und hatte die folgenden Jahre zunächst in der Emser Str. 47 I, dann bis zu seinem Tod in der Weißenburger Str. 6 gelebt. Die Versicherungsagentur, die weiterhin die alte Adresse hatte, wurde in dieser Zeit vermutlich von beiden gemeinsam betrieben und ging allmählich auf den Sohn über. Nach dem Tod von Benedict Strauss im Jahr 1917 wurde Arthur nicht nur deren alleiniger Inhaber, er übernahm als neuer Rendant auch das Amt des Vaters in der Jüdischen Gemeinde und wurde später auch der Schriftführer des Vorstands.

Ernst und Anna Waller mit Tochter Hilde

Arthurs Frau Anna Waller war eine Jüdin aus Köln, Tochter von David und Sophie Waller, geborene Tiefenthaler. Ihr ältester 1874 geborener Bruder Bruno Benjamin Waller war bereits 1908 in Köln verstorben. Ihr jüngerer Bruder Ernst, geboren am 26. März 1884 ebenfalls in Köln, war vermutlich wegen seiner aus Frankfurt stammenden Frau Margarete / Gretel Loeb ebenfalls in das Rhein-Main-Gebiet gekommen und hatte dort eine Handelsvertretung der Firma ‚Hirsch & Co. Strickwaren’ aus Mühlhausen übernommen. Die Familie, in der am 12. Juni 1913 die Tochter Hilde zur Welt kam, scheint in gediegenen wirtschaftlichen Verhältnissen gelebt zu haben, wie die Tochter, der 1936 über Holland die Ausreise nach Israel gelang, im späteren Entschädigungsverfahren angab. In der sehr gut ausgestatteten Wohnung ihrer Eltern in der Brentanostraße soll eine umfangreiche Bibliothek und auch eine sehr wertvolle Grammophonplattensammlung mit klassischer Musik vorhanden gewesen sein. Aber schon kurz nach dem Machtantritt der Nazis hatte Bruno Waller seine Stellung verloren und verdiente als Sekretär der Loge B’nai B’rith etwas Geld, um seine Familie zu ernähren.[12] Die Tochter hatte ebenfalls ihre Lehre in dem traditionsreichen und bedeutenden Frankfurter ‚Antiquariat Joseph Baer & Co.’ aufgeben müssen. Sie war nach Holland gegangen und hatte sich dort in verschiedenen Kursen auf ihre Ausreise nach Palästina und ihre Arbeit in einem Kibbuz vorbereitet. 1936 betrat sie den Boden des zukünftigen Staates Israel, in dem sie am 10. Mai 2004 als Drora Gafni, Mutter von fünf Kindern, auch begraben wurde. Ihre Eltern dagegen fielen dem Holocaust zum Opfer. Am 20. Oktober 1941 wurden beide von Frankfurt aus mit dem ersten Transport aus dieser Stadt in das damalige Lager Litzmannstadt / Lodz gebracht. Am Tag zuvor waren die 1100 bis 1200 Juden, zumeist Bewohner des gutbürgerlichen Westends, von SA-Leuten aus ihren Wohnungen herausgeholt und in die Großmarkthalle getrieben worden, wo der Zug mit der Nummer DA 6 bereits auf sie wartete, nachdem er wenige Tage zuvor eine gleiche Zahl Prager Juden in den Tod gebracht hatte. Wann und unter welchen Umständen der Bruder und die Schwägerin von Anna Straus zu Tode kamen, ist nicht bekannt.[13]

Zwar sind keine Steuerakten von Arthur Straus überliefert, sodass präzise Aussagen über die Vermögens- und Lebensverhältnisse seiner Familie, die inzwischen durch die Geburt des Sohnes Walter am 29. Januar 1911 auf drei Personen angewachsen war,[14] nicht gemacht werden können. Aber aus späteren Erklärungen von Freunden und Bekannten geht hervor, dass es auch ihnen ursprünglich finanziell recht gut gegangen sein muss: „Die Lage des Hauses, in dem das Ehepaar Straus wohnte“ – gemeint ist hier die spätere Wohnung in der Bahnhofstr. 46 – „und die Möbel und die sonstigen Einrichtungen der Wohnung ließen erkennen, dass das Ehepaar Straus in ihrer sozialen Stellung dem Teil des Bürgertums angehörte, das man wohlhabend nennt“, gab im späteren Entschädigungsverfahren der Medizinalrat Mansfeld zu Protokoll.[15] Er hatte das Ehepaar im Jahr 1939 in der Bahnhofstr. 46 besucht, wo sie noch über eine unter den gegebenen Verhältnissen recht geräumige Wohnung mit drei Zimmern, Küche und sogar zwei Büroräumen verfügte.[16] In den Büroräumen wird er zu diesem Zeitpunkt kaum mehr seiner früheren Tätigkeit als Versicherungsagent nachgegangen sein, sondern auch hier Aufgaben erledigt haben, die im Zusammenhang mit seiner Funktion als Rendant gestanden haben. Die Jüdische Gemeinde Wiesbadens, die damals von Justizrat Moritz Marxheimer geleitet wurde, hatte zu dieser Zeit noch etwa 3.200 Mitglieder, wovon etwa 1.000 als Zensiten die finanziellen Lasten der Gemeinde aufzubringen hatten.[17] Man kann davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der damit verbundenen umfassenden Verwaltungsarbeiten, die unter den bedrückenden Verhältnissen der kommenden Jahre sicher nicht ab-, sondern eher noch zugenommen haben, von Arthur Straus zuhause in diesen Büroräumen erledigt werden mussten. Es handelte sich bei dieser Tätigkeit nicht um eine ehrenamtliche, sondern um eine, für die er vermutlich all die Jahre von der Gemeinde entsprechenden entlohnt wurde.[18]

Als weiteres Indiz für einen gewissen Wohlstand der Familie kann die Tatsache angesehen werden, dass dem Sohn Walter ein Medizinstudium ermöglicht wurde, das dieser, nachdem er 1934 in Freiburg als Jude exmatrikuliert worden war, in Basel zum Abschluss brachte. 1938 gelang ihm die Ausreise in die USA, wo er 1941 Mary Culliton heiratete. Das Paar lebte mit ihren fünf Kindern im Staat New York.[19]

Dafür, dass auch seine Eltern noch den Weg ins Ausland gesucht hätten, gibt es in den Akten keine Belege oder auch nur Indizien. Vielleicht spielte der enge Zusammenhalt der Bewohner des Judenhauses in der Bahnhofstr. 46 dabei eine Rolle. Eigenartig ist aber, dass das Ehepaar Straus, obwohl es doch zu den Altmietern des Hauses gehörte, in den vielen Briefen der Hauseigentümer an ihren Sohn im Exil nirgendwo erwähnt wird. Noch ein weiterer Aspekt könnte für die Blindheit gegenüber der Bedrohung verantwortlich sein: Trotz gegenteiliger Erfahrungen gingen viele Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinden, die seit dem 4. Juli 1939 mit der Gründung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland faktisch dem RSHA unterstellt waren, davon aus, dass sie bei den Deportationen verschont bleiben würden. Man betrachtete sich als notwendigen Rädchen im Getriebe der NS-Rassenpolitik, ohne jedoch deren letzte Konsequenz, die „Endlösung“, wirklich durchschaut zu haben. Auch Arthur Straus musste als Rendant unfreiwillig seinen Beitrag an der Ausraubung seiner Glaubensbrüder im Dienste der SS und des NS-Staates leisten und die Abgaben einfordern, über die die Gemeinde aber selbst nicht mehr verfügen konnte.[20]

Unabhängig davon, ob er das Land verlassen wollte, wurde im August 1940 auch sein kleines Vermögen gesichert. In der Vermögenserklärung, die im Rahmen dieser Maßnahme immer auszufüllen war, gab er an, noch etwa 3.500 RM auf einem Sparkonto zu besitzen und jährliche Einkünfte von 6.800 RM zu erhalten.[21] Damit konnte er gerade seine monatlichen Ausgaben von 520 RM decken. Die Miete von nur 65 RM lässt vermuten, dass er damals schon nicht mehr über alle Zimmer der ehemals großen Wohnung verfügen konnte, sie vielmehr inzwischen mit anderen Mietern teilen musste. Die Kosten von 50 RM für eine Hausangestellte begründete er damit, dass auch seine Frau Anna für die Jüdische Gemeinde tätig war und selbst den Haushalt nicht mehr führen konnte. Weitere 100 RM wurden für die Versorgung seiner Schwester benötigt, die krank und gelähmt, im Jüdischen Altersheim in Mainz untergebracht war. Er selbst – so schrieb er am 29. August 1940 an die Devisenstelle in Frankfurt – leide an Diabetes und bedürfe einer besonderen Diät, die weitere Kosten verursache. Immerhin gewährte die Stelle ihm einen Freibetrag von 500 RM. Aber schon im folgenden Jahr, nachdem Arthur Straus erneut zu einer Einkommens- und Vermögenserklärung aufgefordert worden war, wurde dieser Betrag am 17. März auf 300 RM herabgesetzt. Es wurde ihm allerdings anheim gestellt, Gelder zur Unterstützung seiner Schwester gesondert zu beantragen.[22]

Als dann seit dem Mai 1942 die Züge auch von Wiesbaden in die Ghettos und Lager im Osten rollten, waren auch Arthur und Anna Straus betroffen, wenngleich sie zunächst bei der Deportation noch verschont blieben. Zunächst mussten auch sie am 15. Juni, ihre Wohnung verlassen, als das Haus in der Bahnhofstr. 46 fünf Tage nach der großen Deportation vom 10. Juni „judenrein“ gemacht wurde. Ob Berthold Guthmann, der zu dieser Zeit die Leitung der Jüdischen Gemeinde inne hatte und mit dem Arthur Straus wohl täglich zusammenarbeitete, ihm und seiner Frau eine Unterkunft in seinem nahe gelegenen Haus in der Bahnhofstr. 25, das allerdings auch schon zum Judenhaus geworden war, anbot, oder ob die Behörden oder die örtliche NSDAP in dort einquartierten, ist nicht mehr zu sagen. Im Erdgeschoss stand den beiden jetzt nur noch ein Zimmer zur Verfügung.[23] Wo die vielteilige und wertvolle Einrichtung der früheren 5-Zimmerwohnung geblieben war, konnte auch im Entschädigungsverfahren nicht geklärt werden. Dass sie aber bis zuletzt in diesem einen Raum untergebracht war, ist wenig wahrscheinlich.

Belastender als die Einschränkungen, die durch die Enge im Judenhaus hervorgerufen wurden, werden die gewesen sein, die sich für Arthur und Anna Straus aus ihrer Mitarbeit in der Jüdischen Gemeinde ergaben, da sie nun auch unmittelbar in die Organisation der Deportationen einbezogen wurden. In welcher Form das konkret geschah, ist in Bezug auf Arthur Straus nicht mehr zu sagen. Neben seiner Funktion als Rendant leitete er zuletzt zusammen mit seiner Frau auch die Geschäftsstelle der Jüdischen Gemeinde.[24] In seiner ersten Position oblag ihm die Eintreibung und Weiterleitung der verschiedenen Abgaben, die nicht nur Emigranten, sondern auch die Deportierten über die Reichsvereinigung zu Gunsten des Reichssicherheitshauptamtes des SS zu leisten hatten.[25] Die Listen der zu Deportierenden wurden zwar in der Bezirksverwaltung in Frankfurt anhand der vorgegebenen Kriterien zusammengestellt, die Übergabe der Anweisungen an die Betroffenen gehörte aber in den Aufgabenbereich der örtlichen Geschäftsstelle. „Wir haben die Überbringung der Mitteilungen von den nationalsozialistischen Behörden an unsere jüdischen Mitbürger übernommen, weil sie durch uns auf menschenwürdige und barmherzige Weise übermittelt wurden“, soll Leo Baeck angesichts der Schwere dieser schrecklichen Aufgabe geäußert haben.[26] Ähnlich wird auch Arthur Straus seine Rolle gesehen haben.

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstraße
Bei der Frau im Zentrum des Bildes handelt es sich wahrscheinlich um Anna Straus. Aufgenommen wurde es bei der Vorbereitung des Transports vom 1.9.1942 nach Theresienstadt im Hof der Synagoge in der Friedrichstr. 33
HHStAW 3002-2 16556

Möglicherweise ist Anna Straus auf einer der Fotografien abgebildet, die am Tag vor der letzten großen Deportation nach Theresienstadt im Hof der Synagoge aufgenommen wurden.[27] Da sie selbst nicht zu den Abgeschobenen gehörte, kann sie nur in einer anderen Funktion dort anwesend gewesen sein. Vielleicht betreute sie als Mitglied der Geschäftsstelle die vielen Alten und Schwachen, die gerade für diesen Transport ausgewählt worden waren. Eine sehr ambivalente Rolle in jedem Fall. Es waren nur noch wenige Juden, die nach diesem letzten großen Transport in Wiesbaden zurückblieben; zum einen diejenigen, die in einer Mischehe lebten und zum anderen eben die drei Ehepaare bzw. Familien Guthmann, Goldstein und Straus, die durch ihre Tätigkeit für die Reichsvereinigung noch einen gewissen Schutz genossen.

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstraße
Umzug nach Frankfurt in den Hermesweg
HHStAW 519/3 8023 (13)

Knapp ein Vierteljahr später, nachdem die Arbeiten in Wiesbaden abgeschlossen waren und die dortige Jüdische Gemeinde aufgelöst bzw. in die Frankfurter Gemeinde eingegliedert war, wurden auch die verbliebenen Mitarbeiter am 20. November 1942 zwangsweise umgesiedelt, aber immer noch nicht in ein Lager, sondern zunächst nach Frankfurt, wo sie im Hermesweg 5-7 einquartiert wurden. Bereits am Tag zuvor hatte Arthur Straus der Devisenstelle in Frankfurt die „Verlegung seines Wohnsitzes“ mitgeteilt.[28]

Ursprünglich beherbergten die Gebäude im Frankfurter Hermesweg eine Schule für religiöse Studien und auch eine Synagoge, die aber in der „Kristallnacht“ völlig zerstört worden war. Im Mai 1942 hatten die NS-Behörden dann zunächst die Bewohner des Jüdischen Altersheims aus dem Röderweg 77 dort einquartiert und dann dort zusätzlich ein Sammellager eingerichtet, wo die Juden auch über einen längeren Zeitraum vor ihrer Deportation zu wohnen gezwungen wurden. Hier befand sich auch die letzte Krankenstation für Juden, nachdem das Jüdische Krankenhaus am 1. November 1942 geschlossen worden war. Zum 1. Januar 1943 wurden auch die verschiedenen Verwaltungsstellen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und die Bezirksstelle der Reichsvereinigung Hessen-Nassau in den Gebäuden im Hermesweg konzentriert, wo sie unter dem Vorsitz des jüdischen Rechtsanwalts Max Cohen und der Kontrolle des „Beauftragten der Gestapo bei der jüdischen Wohlfahrtspflege“ Ernst Holland, einem fanatischen Antisemiten, ihre Aufgaben bei der formalen Abwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland zu vollziehen hatten. Vermutlich war allen klar, dass das Versprechen, sie würden nach getaner Arbeit unbehelligt in die Schweiz ausreisen können, völlig wertlos war.[29] Um den eigenen Tod so lange wie möglich hinauszuzögern war es geboten, die Arbeit so langsam zu erledigen, wie nur irgend möglich. Man arbeitete – wie Charlotte Opfermann später notierte – „mit wenig Enthusiasmus“, war eigentlich geneigt, die am Tage geleistete Arbeit nachts wieder zu zerstören, um so die eigene Deportation zu verhindern. Wie Anna Straus in einem Brief mitteilte, waren die neu hinzugekommenen Kollegen aus Wiesbaden bei den bisherigen Mitarbeitern des Gemeindebüros deshalb auch nur ungern aufgenommen worden, würden sie doch dazu beitragen, die eigene Deportation zu beschleunigen.[30] Zunächst war Arthur Straus zusammen mit Berthold Guthmann noch damit befasst, die Akten des Wiesbadener Konsulentenbüros und die der Wiesbadener Gemeinde zu sortieren und abzulegen. Vermutlich arbeitete Anna Straus nicht nur in der Küche und im Haushalt mit,[31] möglicherweise war sie auch an der Vorsorgung der Alten und Kranken beteiligt, aber Belege dafür gibt es nicht.

Judenhaus Wiesbaden, Bahnhofstraße
Page of Testimony für Anna Straus, übermittelt von
https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=1492961

Bereits bevor die Vernichtung des Judentums im Bezirk Hessen-Nassau Juni 1943 in bürokratischer Hinsicht abgeschlossen war und die Bezirksstelle aufgelöst werden konnte, waren Arthur und Anna Straus am 16. März 1943 von Frankfurt aus über Berlin mit dem Transport I/90 nach Theresienstadt deportiert worden. Am 14 März hatten sie in einem Brief Bekannte davon noch unterrichten können: „Wir abwandern morgen nach Theresienstadt. Benachrichtige die anderen. Hoffen auf Wiedersehen.“[32] Das Hoffen war vermutlich von vielen Zweifeln und Ängsten überlagert. Ein Zug mit 42 weiteren Menschen brachte sie zunächst nach Berlin,[33] wo der eigentliche Transport mit fast 1300 Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten zusammengestellt wurde. Am 17. März verließ er Berlin und erreichte Theresienstadt am folgenden Tag.[34] Über die eineinhalb Jahre, die sie in diesem Altersgetto noch verbrachten, liegen keine weiteren Informationen vor. Auch Charlotte Opfermann erwähnt sie in ihren Erinnerungen an Theresienstadt nicht mehr, obwohl sie oder ihre Familienangehörigen sicher hier noch einmal Kontakt mit ihren ehemaligen Mitbewohnern gehabt haben werden. Am 28. Oktober des folgenden Jahres wurden beide von Theresienstadt aus mit mehr als 2000 anderen Opfern nach Auschwitz in den Tod geschickt. Es war der letzte der sogenannten „Herbsttransporte“ und es war der letzte, bei dem bei Ankunft in Birkenau noch einmal eine Selektion in Arbeitsfähige und „Nichtverwertbare“ vorgenommen wurde. 1689 wurden noch am gleichen Tag in den Gaskammern ermordet. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Ehepaar Artur und Anna Straus unter den Opfern dieses Tages.[35]

Stand: 10. 12. 2018

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Anmerkungen:

[1] Die Schreibweise des Namens Straus variiert in den verschiedenen Dokumenten immer wieder (Straus, Strauss und Strauß). Auch wenn im Geburtseintrag von Arthur für ihn selbst und seinen Vater die Variante Strauß mit „ß“ zu lesen ist, so wird hier durchgängig die am häufigsten genutzte Schreibweise mit einfachem „s“ – Straus – verwendet, die Variante, mit der Arthur Straus auch selbst unterzeichnete.

[2] Sterbeeintrag von Benedict Straus im Sterberegister Wiesbaden 1789/1917.

[3] Dessauer, Aus unbeschwerter Zeit, S. 14, zit. nach Müller, Thomas, Max Dessauer (1893-1962): Ein Sterbfritzer Jude, sein Leben und seine Erinnerungen an die ‚unbeschwerte Zeit‘, in: Unsere Heimat. Mitteilungen des Heimat- und Geschichtsvereins Bergwinkel e.V. Schlüchtern, Heft 14, 1998, S. 19.

[4] Ebd. S. 20. An verschiedenen Beispielen zeigen Dessauer bzw. Müller diese engen Kontakte zwischen den Religionsgemeinschaften auf. An den Feiertagen wurde die jeweils andere Gruppe mit den traditionellen Geschenken, Weihnachtsplätzchen bzw. Matzenbrot, bedacht. Man kannte die religiösen Bestimmungen der christlichen – in Sterbfritz primär evangelischen – und jüdischen Glaubensgemeinschaft und akzeptierte diese nicht nur, sondern man war wechselseitig sogar behilflich bei deren Befolgung So leitete der christliche Lehrer den jüdischen Singverein während des Sabatth-Gottesdienstes, da die Leitung eines Chores am Sabbath als Arbeit angesehen wurde, die den Sabbathregeln widersprach. Sicher nicht nur in Sterbfritz entwickelte sich das Institut der Sabbathfrauen, von den Juden „Schabbesgoje“ genannt. Das waren christliche Frauen, die am Freitagabend bei den wohlhabenderen Juden die notwendigen Hausarbeiten verrichteten. Bei ärmeren Juden machten das Nachbarskinder für kleine Geschenke wie Süßigkeiten. Diese Dienstleistung, die sogar von Müttern auf die Töchter vererbt wurde, begründete oft sehr enge und langlebige Verbindungen zwischen den Familien. Eine geradezu kitschige Episode, die sich 1910 zugetragen haben soll, schildert Dessauer in seinen Erinnerungen. Seine Mutter habe nach der Geburt eines ihrer Kinder auch das zur gleichen Zeit geborene Kind einer christlichen Nachbarin gesäugt, da diese zu schwach war, das Neugeborene selbst zu stillen: „Diese Frau“, die eigene Mutter des Autors, „war gesund und stark und sie ließ es sich nicht nehmen, unseren Hannes und ihre Tochter mit an ihre vollen Brüste, das eine Kind links, das andere rechts, zu nehmen, wo sich beide satt trinken konnten.“ „Es scheint schwer vorstellbar“ so Müllers Anmerkung dazu, „wie in diese dörfliche Harmonie die nationalsozialistische Ideologie mit ihren rassistischen Gedanken von der ‚Reinheit der des deutschen Blutes’ eindringen konnte.“ Ebd. S. 24. Und dennoch geschah das auch hier, zum Teil auch durch Personen, die von Außen Einfluss nahmen und gegen die ansässigen Juden hetzten. Andererseits wählten aber schon 1924 fast ein Viertel der Bewohner die NSDAP und bei der Märzwahl 1933 lag deren Stimmanteil sogar bei 67 Prozent.  Während der gesamten Zeit der Weimarer Republik hatte sie in Sterbfritz bei Wahlen immer einen deutlich größeren Zuspruch erhalten als im Landkreis oder im Reich. Das bedeutet aber keineswegs, dass die geschilderten Bindungen zwischen Juden und Christen einem verfälschendem, harmonisierenden und verdrängenden Blick auf die „guten alten Zeiten“ geschuldet sein müssen, es sind vielmehr solche Ungleichzeitigkeiten und Disparitäten, die sowohl das Bewusstsein der einzelnen, wie auch eine ganze Gemeinschaft in solchen Zeiten des Umbruchs prägen können. Siehe zu Sterbfritz in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ebd. S. 64-78.

[5] Müller verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass 1926 von 29 Telefonanschlüssen in Sterbfritz vierzehn in jüdischen Haushalten waren, dies bei einem Bevölkerungsanteil von 8 Prozent, ebd. S. 7 und S. 18.

[6] Mitglieder der Familie Bacharach wohnten seit 1872 zusammen mit der Familie Straus in der Webergasse 21.

[7] HHStAW 518 38842 (21). Zumindest eine weitere Tochter namens Helene wurde dem Paar noch geboren, wann ist allerdings nicht bekannt, siehe HHStAW 519/3 8023 (9). Möglicherweise Zwillingsschwester, siehe Geburtseintrag. Insgesamt 8 Kinder – siehe GDB-PLS

[8] Nur wenig ist über die Geschwister von Arthur bekannt. Der älteste Bruder Joseph, geboren am 8.10.1868, verstarb schon nach einem Vierteljahr am 18.1.1869. Von der danach geborenen Schwester gibt es immerhin noch ein Lebenszeichen aus dem Jahr 1940. In der Devisenakte von Arthur Straus HHStAW 519/3 8023 (9) ist ein Brief von ihm, datiert mit 29.8.1940, an die Behörde erhalten, in dem es heißt: „Meine Schwester Helene Sarah Straus ist krank und gelähmt und im Jüdischen Krankenhaus und Altersheim in Mainz untergebracht. Ich muss sie monatlich mit RM 100,– unterstützen.“ Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz und auch in Yad Vashem ist sie allerdings nicht als Opfer des NS-Regimes eingetragen. Die nächste Tochter Selma wurde am 29.10.1870 geboren und verstarb mit 21 Jahren am 29.5.1892. Von Minna ist nur das Geburtsdatum 12.6.1872 bekannt. Arthurs jüngere Geschwister waren Paul, geboren am 31.10.1876, Otto Salomon, geboren am 2.10.1878 und zuletzt Olga, geboren am 19.11.1885. Ihre Todesdaten sind nicht bekannt. Alle Kinder wurden in Wiesbaden geboren. Olga heiratete den Kaufmann Albert Kolberg aus Lauenförde, Kreis Einbeck. Sie überlebte den Holocaust in Südafrika. Angaben laut Eintragungen in der Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[9] HHStAW 362/33 B23 (85 Eintrag 1996).

[10] Der Rendant einer Gemeinde, der Schatzmeister, war zuständig für die Einziehung und Verwaltung der Gemeindebeiträge – bzw. Steuern einer kirchlichen Einrichtung. Dieses Vertrauensamt gibt sie sowohl in den christlichen Kirchen wie auch in den jüdischen Gemeinden.

[11] So zum Beispiel HHStAW 518 38842 (1, 23).

[12] Es handelt sich um dieselbe Loge, der auch Jakob Guthmann und Paul Lazarus angehörten, siehe dazu die Anmerkungen xxx

[13] Zum Schicksal von Ernst Waller und seiner Familie siehe HHStAW 518 42985 passim. Zum Transport am 20.10.1941 Gottwaldt; Schulle, Judendeportationen, S.66 f, 72 f.

[14] HHStAW 518 38842 (110). Walter war eigentlich ein Zwillingskind, sein Bruder Wilhelm verstarb aber nach nur wenigen Tagen am 2.2.1911. Seine jüngere Schwester Hedwig, geboren am 24.5.1912 wurde auch nur sieben Jahre alt. Ihr Todesdatum ist der 14.10.1919. Daten laut Genealogischer Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[15] HHStAW 518 38842 (6). Ähnlich äußerte sich eine Nichte namens Anni Katzenstein, die auch auf das wertvolle Porzellan, auf Silberbesteck und wertvolle Brief- und Münzsammlungen verwies, ebd. (9). Auch hatte Arthur Straus bis 1938 bzw. 1939 zwei Lebensversicherungen mit jährlichen Beiträgen von durchschnittlich etwa 800 RM ohne Unterbrechungen stets bedient, siehe ebd. (82-97).

[16] HHStAW 483 10127 (79). Die Meldung des Zellenwarts mit den entsprechenden Angaben stammt vom 1.6.1940.

[17] https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/xsrec/id/173/current/1/sn/jgv?q=YTo0OntzOjg6Im9ydHNuYW1lIjtzOjk6IldpZXNiYWRlbiI7czoxMjoib3JpZW50aWVydW5nIjtzOjIyOiJvaG5lIEJlcsO8Y2tzaWNodGlndW5nIjtzOjEwOiJ0cnVua2llcmVuIjtzOjE6IjEiO3M6NToib3JkZXIiO3M6ODoib3J0c25hbWUiO30=. (Zugriff: 9.11.2018).

[18] Zuletzt, bis zum Zeitpunkt des Umzugs nach Frankfurt, hatte sein monatliches Entgelt etwa 440 RM betragen, HHStAW 518 38842 (68). Möglicherweise war es früher aber wesentlich höher gewesen.

[19] Ebd. (104). Eines der Kinder war der Sohn John Straus, der 1999 noch einmal Kontakt mit der Entschädigungsbehörde aufgenommen hatte.

[20] Siehe zu dieser Problematik generell Meyer, Mitarbeiter der Reichsvereinigung, S. 20 f.

[21] HHStAW 519/3 8023 (3).

[22] Ebd. (9, 11, 12).

[23] Siehe Liste x1.

[24] HHStAW 518 38842 (57).

[25] Siehe dazu im Detail Meinl, Zwilling, Legalisierter Raub, S. 464 ff.

[26] Zit. nach Opfermann, Hermesweg, S. 410.

[27] Ob es sich tatsächlich um Anna Straus handelt, ist ungewiss. Die Angabe beruht auf der Bildunterschrift in Drummer, Heike, Zeuginnen und Zeugen der Deportationen aus Frankfurt am Main, in: Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle. Die Deportation der Juden 1941-1945, München – London – New York 2016, S. 93. Es heißt dort: „Vor der Deportation aus Wiesbaden: Juden mussten sich im Hof der Synagoge Friedrichstraße einfinden. Die Gemeindeschwester mit dem weißen Häubchen ist Anna Strauss, Wiesbaden, Wiesbaden 1. September 1942.“ Auf Nachfrage beim Jüdischen Museum in Frankfurt konnte leider kein Beleg oder eine sonstige Quelle für die Identifizierung erbracht werden, auch nicht dafür, dass die abgebildete Frau im Vordergrund eine Gemeindeschwester oder überhaupt eine Schwester ist. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das angebliche Häubchen nämlich als das Namensschild, das der im Hintergrund stehende Jude vor seine Brust hält. Dennoch ist es möglich, dass es sich bei der Frau tatsächlich um Anna Straus handelt und sie vor längerer Zeit, möglicherweise von einem Zeitzeugen erkannt wurde, dies dann aber nur mündlich weitergegeben wurde, sodass die Quelle für die Identifikation nur verloren gegangen ist. Paul Kester, ehemals Paul Kleinstrass, ein früherer Bekannter des Ehepaar Straus, der als Jugendlicher für Arthur Straus Hilfsdienste erledigt hatte, hielt es aber in einem Gespräch am 18.12.2018 ebenfalls für sehr wahrscheinlich, dass die abgebildete Frau Anna Straus ist, von einem Dienst als Gemeindeschwester war ihm dagegen nichts bekannt.

[28] HHStAW 519/3 8023 (13, 14).

[29] Meyer, Handlungsspielräume, S. 72.

[30] Opfermann, Hermesweg, S. 411.

[31] Davon berichtete Charlotte Guthmann-Opfermann. Sie erwähnt in diesem Zusammenhang die dürftige Versorgung der dort Lebenden mit Lebensmitteln: „Es gab hauptsächlich Suppe und Brot zu essen. Wir hatten wenig Fleisch, ich erinnere mich an Ochsen- oder Pferdeleber. Milch hatten wir keine. Rituelle Kost gab es schon lange nicht mehr. Frau Strauss hatte Spüldienst und berichtete lakonisch, daß das sehr leicht von der Hand ginge, denn die Töpfe und Teller wären gar nicht fettig. Ein taktvoller Hinweis, daß die Verpflegung an Nährwert zu wünschen übrig ließ.“ Opfermann, Hermesweg, S. 408. Zu den allgemeinen Lebensumständen im Hermesweg siehe oben die Ausführungen im Kapitel zur Familie Guthmann.

[32] Zit. nach „Und keiner hat für uns den Kaddisch gesagt …“ – Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945. Begleitpublikation zu gleichnamigen Ausstellung, Frankfurt 2005, S. 379. Auch hier konnte auf Anfrage beim Jüdischen Museum Frankfurt die Authentizität der Zeilen nicht belegt werden. Aus welchem Brief zitiert wurde und wo dieser Brief archiviert ist, ist dort nicht bekannt.

[33] Drummer, Zeuginnen und Zeugen, S. 92.

[34] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt, Schulle, Deportationen, S. 352.

[35] Ebd. S. 440. Fälschlicherweise geben Gottwaldt/Schuller als Tag der Ermordung den 30.9. statt den 30.10. an. Es muss sich hier um einen Versehen handelt, da der Zug nach eigenem Bekunden am 30.10. in Auschwitz ankam. Ihr Todestag wurde später auf den 8.5.1945 festgelegt.