Ernst Siegmund Wolf, seine Frau Hilda, geborene Feibel, und ihre Tochter Inge

 

Außer Albert Wolf, der mit der Familie Löwenstein in das Judenhaus eingezogen war, wohnte in der Hermannstr. 26 noch ein Familie Wolf. Verwandtschaftliche Verbindungen zwischen dem aus Mainz stammenden Albert und den aus Ockenheim hinzugezogenen Wolfs gab es aber zumindest unmittelbar nicht.

Ockenheim, ein kleiner Weinort zwischen Bingen und Ingelheim gelegen konnte auf eine lange jüdische Tradition zurückblicken, bevor die Nazis diese gewaltsam beendeten.[1] In dem Gebiet zwischen Bingen und Mainz, das über viele Jahrhunderte zum Territorium des Mainzer Erzbischofs gehörte, hatten sich schon früh Juden niedergelassen, hatten immer die obligatorischen Beschränkungen ihrer rechtlichen Stellung und die besonderen finanziellen Belastungen ertragen müssen. Letztere, oft verknüpft mit sogenannten Schutzbriefen, bewahrten sie aber keineswegs vor Vertreibung und Verfolgung, etwa im Zusammenhang mit den Kreuzzügen, die auch in Bingen dazu führten, dass das dortige Judenviertel geplündert wurde. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden die Juden im Mainzer Kurfürstentum erneut vertrieben und erst ein Jahrhundert später siedelten sie sich erneut im Binger Raum an. Der erste namentlich bekannt Jude in Bingen war ein Nathan Wolf, der 1632 im überlieferten Schriftgut erwähnt wurde.[2] In dieser Zeit gab es auch in Ockenheim Juden, die sogar über Landbesitz verfügten. Juden mit dem Namen Wolf wurden in der Landgemeinde aber erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts registriert.[3] Es dauerte bis zur Reichsgründung 1871, bis die Juden in dem zum Rabbinat Bingen gehörenden Gebiet tatsächlich rechtlich den übrigen Bürgern gleichgestellt wurden, allerdings durften die jüdischen Kinder schon seit Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts in Rheinhessen die normale Schule besuchen, was sicher eine wesentliche Rolle für die soziale Integration in den folgenden Jahrzehnten spielte.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchen in den Quellen immer wieder die Namen von Abraham, Jakob und Benjamin Wolf auf, wobei ersterer der Vater gewesen zu sein scheint, denn er übergab den beiden anderen verschiedene Grundstücke in Ockenheim. So ist 1808, als die Juden bürgerliche Namen annehmen mussten, unter den insgesamt vier dort lebenden jüdischen Familien, die als Vieh-, Schuh-, Wein- und Kolonialwarenhändler oder als Schuster tätig waren, auch der von Abraham Wolf genannt.[4]

Es war vermutlich der bereits erwähnte Benjamin Wolf, der um 1814 eine Barbara Strauss heiratete und damit den Stammbaum begründete, aus dem letztlich Ernst Siegmund Wolf, der Bewohner des Wiesbadener Judenhauses hervorging.[5] Benjamin und Barbara Wolf hatten – soweit bekannt – sechs Kinder. Abraham, der Großvater von Ernst Siegmund, geboren am 23. Oktober 1832, war der fünfte Nachkomme.[6]

Hermann Zimmern, Hugo Zimmer, Bertha Feibel, Ferinand Feibel, Ida Feibel Guthmann, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Stammbäume der Familien Feibel – Wolf – Zimmern
(GDB-PLS)

Wie die meisten der Ockenheimer Juden war auch Abraham Wolf Handelsmann, der allerdings seine Tätigkeit in unterschiedlichen Sparten entfaltete. Eine Anzeige stellt sein Angebot im Vieh- und Milchhandel heraus, er ist darüber hinaus auch als Weinhändler in den Akten vermerkt. 1881 wurde ihm sogar die Erlaubnis zur Errichtung einer Ziegelei erteilt. Ob dieser Plan realisiert wurde, ist nicht bekannt. Die Steuerunterlagen zeigen, dass Abraham Wolf eher zur gehobenen jüdischen Mittelschicht gehörte. Andere jüdische Familien, wie die von Leopold Herz oder Joseph Nathan, verfügten aber über ein fast doppelt so großes Grundvermögen wie die Wolfs. Neben mehreren Knechten und Mägden waren – so lässt sich der Anzeige entnehmen – auch die Söhne von Abraham Wolf im Geschäft tätig und wohl auch zu Teilhabern am Unternehmen gemacht worden. Außer den fünf bekannten Söhnen, waren in der Ehe mit Henriette Sommer auch drei Töchter geboren worden.[7] Nachdem das erste Kind 1864 bereits nach vier Wochen verstarb, wurde Benjamin, der Vater von Ernst Siegmund, am 25. November 1865 etwa ein Jahr nach dem Tod der Schwester geboren. Auch er hatte laut Eintrag in seiner Gestapokarteikarte den Beruf des Viehhändlers erlernt. Später wird er in den Dokumenten aber allgemein als Kaufmann oder – so auf seine Gestapokarteikarte – als kaufmännischer Angestellter bezeichnet.[8]

Abraham Wolf,Benjamin Wolf, Rebekka Schuster, Ernst Siegmund Wolf, Frieda Hilda Wolf, Inge Wolf, Ockenheim, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Familie von Abraham und Henriette Wolf anlässlich ihrer Goldenen Hochzeit 1913
http://www.alemannia-judaica.de/ockenheim_synagoge.htm

Als Abraham und Henriette Wolf im Sommer 1913 ihre Goldene Hochzeit feierten, wurde dieser Ehrentag nicht nur mit den Glaubensgenossen in der Synagoge gefeiert, auch der Bürgermeister war mit dem Gemeinderat erschienen, „um in schlichten aber herzlichen Worten zu gratulieren, indem sie das Jubelpaar als bestes Gemeindemitglied bezeichneten. Der katholische Geistliche begann seine Glückwünsche mit den Worten: ‚Wie schön sind deine Zelte, o Israel, wie herrlich deine Wohnung o Jakob‘ und betonte das harmonische Zusammenleben von Christen und Juden.“ Nach einer Feier in der Synagoge, erschienen abends „um 7 Uhr die verschiedenen Vereine des Ortes, Gesang-, Turn- und Kriegervereine mit Fahnen, Musik und Lampions vor dem Festsaal; die Musik spielte schöne Weisen, herrliche Lieder ertönten, und einer der Vorsitzenden brachte in begeisterten Worten dem Jubelpaare ein donnerndes Hoch, in der die große Menge und die Musik jubelnd einstimmten.“[9]

Auf dem Foto sind sicher auch der inzwischen erwachsene Benjamin mit seiner Frau Rebekka, geborene Schuster, zu sehen, es ist aber nicht bekannt, wer der Abgebildeten sie sind, auch nicht, wann sie geheiratet haben und woher Rebekka kam. Vermutlich sind auch die beiden Kinder des Paares Josef und Ernst Siegmund zu sehen. Letzterer, sein Rufname war Ernst, war am 12. März 1895 in Ockenheim geboren worden.[10] Josef, dessen Geburtsdatum Hinkel nicht überliefert hat, kam als Landsturmmann im Ersten Weltkrieg am 16. April 1917 bei einem Giftgasangriff an der französischen Front ums Leben. Auch sein Bruder Ernst hatte am Krieg teilgenommen und war daraus als Schwerbeschädigter wieder heimgekehrt.[11]Zwei weitere Mitglieder der Ockenheimer Großfamilie Wolf, Julius und Siegfried Friedrich Wolf, waren bereits in den Jahren 1915 und 1916 gefallen. An sie wird in der Gemeinde gemeinsam mit den anderen Gefallenen auf einer Gedenktafel für die Opfer des Ersten Weltkrieges erinnert. Noch wurde in Ockenheim der Einsatz der Juden für ihr Vaterland gewürdigt und nicht diskreditiert, noch galten sie in weiten Kreisen nicht als Verräter, die die „Schmach von Versailles“ bewusst herbeigeführt hätten. Es war eine Zeit, in der in Ockenheim noch alles in Ordnung zu sein schien, eine Zeit, in der Juden und Christen friedlich ihren Geschäften nachgingen und man auch gemeinsam in Vereinen und anderen örtlichen Organisationen wie der Feuerwehr aktiv war.

Judenhaus Hermannstr. 26 Wiesbaden, Ernst Wolf, Frieda Hilda Wolf geb. Feibel, Inge Wolf
Synagoge in Ockenheim
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20116/Ockenheim%20Synagoge%20110.jpg

Schon in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war das ehemalige einfache Bethaus in der Ortsmitte zu einer repräsentativen Synagoge umgestaltet worden. Man hatte das Gebäude innen wie außen mit den damals angesagten maurischen Schmuckelementen versehen und mit einer Empore für Frauen aufgestockt. Hinkel hat sicher Recht, wenn er die Lage dieses Sakralbaus einer religiösen Minderheit an einen so zentralen Ort als Beleg für das friedvolle Zusammenleben der Konfessionen deutet.[12]

Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 26,
Ernst Wolf (ganz links) im Kreise von Freunden und Verwandten
Hinkel Ockenheimer Juden S. 56

Allerdings scheinen die jungen Leute der jüdischen Gemeinde im Ort auch eigene Gruppen gebildet zu haben, in denen sie ihre Freizeit verbrachten. Ein Bild aus dem Jahr 1918 zeigt mehrere Mitglieder der Großfamilie Wolf zusammen mit anderen jüdischen Mitbürgern und deren Verwandte. Ganz links ist Ernst Siegmund Wolf zu sehen, damals noch Junggeselle. Am 23. Mai 1921 heiratete er Frieda Feibel, genannt Hilda, aus Groß Winternheim bei Mainz.[13] Dort lebten zu dieser Zeit noch ihre Eltern Ferdinand Feibel und seine Frau Ida, geborene Guthmann, die zuletzt auch nach Wiesbaden in das Judenhaus in der Hermannstr. 26 kamen. Ihre andere Tochter Bertha, geboren am 13. Mai 1895 ebenfalls in Groß Winternheim, war mit Hugo Zimmern verheiratet, der bei der Trauung von Ernst und Frieda als Trauzeuge fungierte. Am 29. März 1923 wurde in der Ehe von Ernst und Hilda das einzige Kind, die Tochter Inge – mitunter auch als Ingeborg bezeichnet – geboren.[14] Im gleichen Jahr verstarb am 8. April deren Großmutter Rebekka Wolf mit 56 Jahren und am 27. November der Urgroßvater Abraham mit 91 Jahren.[15]

Ob und inwieweit die Juden in Ockenheim den wachsenden Antisemitismus in den Jahren der Weimarer Republik in ihrem Heimatort auch zu spüren bekamen, ist schwer zu sagen. Aber Hinkel weist darauf hin, dass 1920 noch 10 jüdische Familien im Ort lebten, 1933 waren nur noch 21 Personen jüdischen Glaubens gemeldet. Als am 1. April 1933 auch in Ockenheim deren Geschäfte boykottiert werden sollten, stellte sich der Bürgermeister mit einer eher ambivalenten Aktion noch schützend vor sie, indem er die anrückenden SA-Gruppen aus Bad Kreuznach damit abwehrte, dass er die Schließung der Geschäfte bereits veranlasst habe und es auswärtiger SA-Männer nicht bedürfe. Er hatte sie tatsächlich zuvor gebeten, ihre Läden geschlossen zu lassen, um so einen SA-Aufmarsch zu verhindern. Nur zwei Jahre später ließ der gleiche Bürgermeister dann an den Ortseingängen Schilder „Juden unerwünscht“ aufstellen.

Die Reichspogromnacht ging – so Hinkel – in Ockenheim „ohne Spuren“ vorbei. Jüdische Geschäfte habe es nicht mehr gegeben, die Synagoge war bereits nicht mehr in der Hand der Gemeinde, sie hatte schon 1935 zwangsweise verkauft werden müssen,[16] und die Toten seien ohnehin in Gau-Algesheim bestattet worden, sodass es auch zu keiner Schändung des Friedhofs hatte kommen können.

Sollte es nach 1938 noch Bewohner jüdischen Glaubens in Ockenheim gegeben haben,[17] so waren diese Anfang 1941 zwangsweise nach Bingen umgesiedelt worden, wo sie bis zu ihrer Deportation zumeist in den dortigen Judenhäusern untergebracht waren. Wann genau Benjamin Wolf und die Familie seines Sohnes Ernst ihren Heimatort verlassen hatten, lässt sich nicht mehr feststellen, aber im Wiesbadener Adressbuch von 1938 ist die Familie von Ernst Wolf bereits gelistet, sodass sie spätestens seit April 1938 dort gewohnt haben muss. Ihre Anschrift war die Körnerstr. 8, wo sie im dritten Stock eine Wohnung angemietet hatten.

Auch wenn der verwitwete Vater im Adressbuch nicht explizit genannt ist, so wird man dennoch davon ausgehen, dass auch er damals mit nach Wiesbaden gekommen war. Laut einem Eintrag in seiner Gestapokarteikarte zog der fast 74jährige am 12. September 1939 vermutlich aus gesundheitlichen Gründen nach Mainz in ein Altersheim in der Emmerich Josef Str. 5. So kam es, dass er nicht mit der Familie seines Sohnes in das Judenhaus in der Hermannstr. 26 ziehen musste, das Leben in einem Judenhaus blieb ihm aber dennoch nicht erspart. Vermutlich waren die Lebensumstände in Mainz zuletzt sogar schlimmer als in Wiesbaden. Die Deportation in den Tod markierte aber ohnehin den Endpunkt des Leidensweges, ob in Wiesbaden oder Mainz.

Frieda Hilda Feibel, Frieda Hilda Wolf, Ernst Siegmund Wolf, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Kennkarte von Ernst Siegmund Wolf, ausgestellt in Mainz 1939
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0448.pdf

In Mainz war am 17. Oktober 1939 von der dortigen Polizeibehörde für Benjamin Wolf noch eine Kennkarte ausgestellt worden, die zynischer Weise sogar bis Oktober 1944 gültig sein sollte. Gesichtsausdruck und Haltung auf dem obligatorischen Passbild spiegeln das erfahrene Leid und auch die Hoffnungslosigkeit dieses vormals erfolgreichen Geschäftsmannes wider.

Über die knapp drei Jahre, die er in Mainz verbrachte, liegen keine Informationen vor. Als man 1942 begann auch die deutschen Juden in die Vernichtungslager zu überstellen, wurde auch in Mainz im März der erste Transport mit etwa 1000 Menschen aus Rheinhessen und der Stadt selbst zusammengestellt.[18] Zwei weitere Transporte folgten im Herbst, der erste am 27., der zweite am 30. September.

Wie schon bei der Deportation im Frühjahr war der Termin frühzeitig, d.h. am 18. August 1942, also sechs Wochen vor der geplanten Aktion bekannt gegeben geworden. Es sollen, so hieß es in dem Schreiben, neben allein stehenden jüdischen „Mischlingen“, primär Juden über 65 Jahre, auch gebrechliche und schwerbehinderte, selbst solche mit Kriegsauszeichnungen, bis zum 15. September erfasst werden.[19] Bereits seit dem Frühjahr, verstärkt noch einmal im Spätsommer nach der erneuten Ankündigung einer „Evakuierungsaktion“ war es in Mainz zu einer Vielzahl von Umsiedlungen gekommen. Die Juden wurden auch hier in Judenhäusern zusammengezogen. Mindestens zwei Personen mussten sich dort ein Zimmer teilen. Ab wann Benjamin Wolf in dem Judenhaus in der Breidenbacher Str. 25 wohnte, ist nicht bekannt. Es war mit mindestens 122 jüdischen Bewohnern das größte der Mainzer Judenhäuser.[20] Allein auf der Deportationsliste vom 27. September 1942 sind etwas mehr als 100 Opfer mit dieser Adresse eingetragen.[21] In keinem der Wiesbadener Judenhäuser hat es je eine solch unvorstellbar große Zahl an Bewohnern gegeben. Wie schon im Frühjahr häufte sich in Mainz erneut die Zahl der Selbsttötungen im Laufe des September, nachdem bekannt wurde, was geplant war. Es waren hauptsächlich die Alten, die, gänzlich ohne Hoffnung, sich für die Flucht in den Tod entschieden. Die letzten vier Tage verbrachten die Menschen in der Goetheschule, wo notdürftig ein Matratzenlager errichtet worden war. Hier wurden die üblichen Formalitäten wie Eigentumsübertragung erledigt und die der Verschleierung dienenden Heimeinkaufsverträge abgeschlossen. Benjamin Wolf wird vermutlich nicht mehr über die finanziellen Mittel verfügt haben, um einen solchen Vertrag eingehen zu können. Um 4 Uhr morgens mussten die Lastwagen bestiegen werden, die die Menschen zu dem wartenden Zug brachten. Einer soll an diesem Morgen noch auf dem Hof der Schule tot zusammengebrochen sein.[22]

Ernst Siegmund Wolf, Hilda Wolf, Judenhäuser Wiesbaden
Todesfallanzeige für Benjamin Wolf aus Theresienstadt
https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/90236-wolf-benjamin-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/

Von den fast 1300 und überwiegend weiblichen Deportierten des 27. September waren etwa 1000 über 65 Jahre alt, bei dem Transport der drei Tage später folgte waren es nur noch zwei. In dem Zug mit der Nummer Da 520 befanden sich nicht nur Mainzer Juden, sondern auch diejenigen, die zuvor in Bingen, Alzey oder auch in Bad Nauheim, Friedberg oder Worms gesammelt worden waren und nun in Mainz oder auf der nächsten Station in Darmstadt noch zugeführt wurden. So kam es, dass Benjamin Wolf vermutlich schon in der Goetheschule auf seine beiden jüngeren Brüder Isidor und Leonard stieß, die so mit ihm diesen letzten Weg gemeinsam gingen. Keiner von ihnen hat Theresienstadt überlebt. Als erster starb der jüngste Bruder Leonhard nach nur wenigen Wochen am 21. Oktober. Benjamin hielt die Strapazen und die Entbehrungen bis zum 3. Dezember durch. Als Todesursache diagnostizierte der Arzt Dr. Schwarzkopf einen Darmkatarrh – die gängige Lüge in Theresienstadt, um das massenhaften Sterben mit einer medizinischen und damit natürlichen Ursache zu bemänteln.[23] Isidor kam am 27. April 1943 zu Tode.[24]

Das Schicksal der anderen beiden Brüder Salomon und Karl ist nicht bekannt. Der Schwester Bertha, inzwischen verwitwete Sichel, war es gelungen, mit ihren beiden Söhnen Manfred und Benno in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Leopold Sichel, ihr Mann, den sie am 3. Mai 1899 geheiratet hatte und mit dem sie in Hanau ein wohl recht gut gehendes Milch- und Buttergeschäft betrieben hatte,[25] war – so Bertha Sichel – 1934 in Folge der Aufregung verstorben, die durch die Verhaftung seines Sohnes Benno verursacht worden war. Man hatte diesen wegen Hochverrats angeklagt und erst nach etwa zwei Monaten aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen. Da auch das Milchgeschäft nicht mehr zu halten war, entschloss sich Bertha Sichel das Haus in Hanau zu verkaufen und auszuwandern. Den im Kaufvertrag vereinbarten Betrag für das Haus hatte sie nie erhalten. Am 23. Juli 1937 schiffte sie sich mit ihrem Sohn Benno und dessen Frau auf der „Washington“ nach Amerika ein.[26] Wenn auch in großer Armut, so konnte sie dort, sie lebten in den 50er Jahren in Chicago, zumindest dem Schicksal ihrer Geschwister und dem ihres Neffen entkommen.

Nur wenige Tage nach Benjamin Wolf musste auch der Sohn Ernst mit seiner Frau Hilda in Wiesbaden einen Zug besteigen, der sie nach Theresienstadt brachte. Aber auch für sie war das dortige Ghetto nicht der Beginn, nicht einmal das Ende ihres Leidensweges. Nach ihrem Umzug nach Wiesbaden müssen sie in großer finanzieller Not gewesen sein. Leider ist keine Devisenakte erhalten geblieben – möglicherweise war wegen des nicht vorhandenen Vermögens eine solche auch nie angelegt worden -, die Auskunft über seine Situation hätte geben können, einzig eine lückenhafte Steuerakte gewährt einen groben Einblick. Aber schon dem Berechnungsbogen für die Festlegung der Judenvermögensabgabe ist zu entnehmen, dass die Familie keinerlei Vermögen besaß und dementsprechend auch nicht zu dieser Sondersteuer herangezogen wurde.[27] Wie alle anderen Juden wurden aber auch sie gezwungen, ihren Schmuck und ihre Edelmetalle beim Leihamt der Stadt abzugeben. Ein Beleg vom 23. März 1939 besagt, dass Wolfs für die 200 Gramm „div Silber“ 3,60 RM erhielten.[28] In jedem Fall kein Betrag, der die alltägliche Not mildern konnte.

Am 25. Februar 1940 hatte Ernst Wolf in dem Brief, in dem er das Finanzamt Wiesbaden um die Steuerermäßigung wegen seiner Kriegsbeschädigung bat, diesem mitgeteilt, dass er monatlich 150 RM von seinem Schwager Hugo Zimmern erhalte. Mit diesem Geld müsse er den Lebensunterhalt für seine Familie bestreiten, zu der damals auch noch die inzwischen fast 17jährige Tochter Inge gehörte. Die 150 RM hatte er seit dem 1. April 1939 erhalten, am 5 November 1941 waren sie letztmals in den Genuss dieser Zuwendung gekommen, die zuletzt sogar 200 RM betragen haben muss. Bisher war das Geld vom Ausländersperrkonto von Hugo Zimmern ausgezahlt worden, der Anfang 1939 zunächst alleine über Frankreich nach England ausgewandert war und später seine Frau nachholte. Inzwischen hatte aber das Reich sich das Konto angeeignet – Konten von deutschen Juden, die das Land verließen, verfielen seit dem November 1941 dem Reichsfiskus -,[29] sodass Wolfs zunächst ohne finanzielle Mittel waren.[30] Seit Oktober 1941 hatte Ernst Wolf aber eine Stelle bei einer der bekannten Firmen gefunden, die ohne Skrupel bereit waren, jüdische Arbeiter zu miserabelsten Bedingungen einzustellen: Die ‚Idsteiner Lederwerke Landauer-Donner, Aktiengesellschaft’ bescheinigte dem Finanzamt im Februar 1942, dass Ernst Wolf für den Zeitraum zwischen dem 20. Oktober und dem 31. Dezember 1942 einen Bruttolohn von 277,75 RM, nach Abzug der einbehaltenen Lohnsteuer, netto 239,69 RM erhalten habe.[31] Vergeblich hatte er im Februar 1942 darum gebeten, dass ihm auch weiterhin die Einkommensteuer erlassen würde, im Gegenteil erhielt er im Mai die Aufforderung bis zum 10. Juni noch 115 RM an Steuern nachzuzahlen. Man kann die Verzweiflung nur erahnen, die ihn dazu veranlasste, „unter Berücksichtigung meiner schlechten wirtschaftlichen Lage“, sogar „höfl.“, um die Möglichkeit zu bitten, die Steuerschuld in monatlichen Raten von 10 RM zahlen zu dürfen. Ob die Bitte gewährt wurde, ist den Akten nicht zu entnehmen.

Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden, Juden Wiesbaden,
Brief von Ernst Wolf an das Finanzamt Wiesbaden vom Mai 1942
HHStAW 685 856 (o.P.)

Der Brief ist das einzige Dokument, das von Wolfs aus dem Judenhaus Hermannstr. 26 abgesendet wurde. Hier waren sie zum 1. Mai 1942 eingezogen. Ob sie ihre Möbel aus der Körnerstraße mit in das Judenhaus hatten bringen können, ist ungewiss. Zeugen gaben an, Hilda Wolf habe früher eine sehr gute Wohnungseinrichtung, eine umfassende Wäscheausstattung, Kleider und sogar ein Klavier im Gesamtwert von mindestens 10.000 RM mit in die Ehe gebracht. Diese Sachen seien später alle konfisziert und vom Finanzamt versteigert worden.[32]

Ob der Umzug administrativ erzwungen oder ihrer finanziellen Situation geschuldet war, ist nicht zu sagen. Zwang war es in jedem Fall. Sie bewohnten hier in den ihnen verbleibenden Monaten die Parterrewohnung im Hinterhaus.[33] Der Liste X1 ist zudem zu entnehmen, dass sie dort über zweieinhalb Zimmer verfügten. Ein weiterer Eintrag belegt, dass diese Liste nach dem 10 Juni 1942 erstellt sein muss, denn die Zahl der dort Wohnenden ist mit zwei Personen angegeben. Das hatte einen sehr traurigen Grund. War bisher die finanzielle Not vielleicht am bedrückendsten gewesen, so war inzwischen eine viel größere Sorge hinzugekommen. Die inzwischen 19jährige Tochter Inge war knapp sechs Wochen nach dem Einzug am 10. Juni mit dem Transport ‚Da 18’ zunächst nach Frankfurt und von dort am folgenden Tag nach Lublin deportiert worden. Vermutlich kam sie sie schon kurz nach der Ankunft im Gas von Sobibor ums Leben.

Die folgenden Monate bis zu ihrer eigenen Deportation mussten die Eltern in völliger Ungewissheit über das Schicksal ihrer Tochter durchstehen. Irgendwelche Zeugnisse oder Dokumente über diesen letzten Zeitabschnitt ihres Lebens in Wiesbaden sind nicht mehr vorhanden. Am 1. September bestiegen auch sie den Zug nach Theresienstadt, der an der Schlachthoframpe für die etwa 370 ältere Juden aus Wiesbaden bereitstand. In Frankfurt verließ der Zug mit der Nummer Da 509 mit nun etwa 1110 Juden das Gleis der Großmarkthalle. 32 Menschen dieses Transports überlebten die Deportation. Ernst Siegmund und seine Frau Hilda gehörten nicht dazu. Zwei Jahre hatten sie Theresienstadt überlebt, dann musste dort im Herbst 1944 Platz für Neuankömmlinge geschaffen werden.[34] In dem vierten von insgesamt elf Transporten, mit denen mehr als 16.000 Menschen in die Gaskammern von Auschwitz befördert wurden, waren auch Ernst Wolf und seine Frau. Aufzeichnungen über diesen Massenmord hat man in Auschwitz damals nicht mehr gemacht. Der Tod der beiden und auch der der verschollenen Tochter Inge wurde nach dem Krieg auf Antrag von Berta Zimmern, der Schwester von Hilda Wolf, am 5. Juli 1949 amtlich auf den Tag des Kriegsendes, den 8. Mai 1945, festgelegt.[35]

Stand: 08. 01. 2020

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Darüber, wann die letzten jüdischen Mitbürger Ockenheim verließen, gibt es unterschiedliche Aussagen. Auf der Seite http://www.alemannia-judaica.de/ockenheim_synagoge.htm, (Zugriff: 3.1.2020) heißt es, dass „1938 kein jüdischer Einwohner mehr gezählt wurde. Die letzte jüdische Familie, die Ockenheim verließ und nach Amerika emigrieren konnte, war die Familie Wolf, die in der Mainzer Straße einen Gemischtwarenhandel innehatte.“ Hinkel, Erich, Wo sind sie geblieben? Spuren Ockenheimer Juden, Ingelheim 2003, S. 57 f., gibt dagegen an, dass „die Ockenheimer Juden Anfang 1941 wie alle Juden im Kreisgebiet nach Bingen umziehen mussten.“ Möglicherweise meint er damit aber auch die Juden, die ursprünglich aus Ockenheimkamen, sich inzwischen aber in anderen Orten des Kreises niedergelassen hatten.

[2] Hinkel, Erich, Ockenheimer Juden, S. 5. Auf die sehr verdienstvolle und umfassende Arbeit von Hinkel, die auch online unter https://www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Rheinhessenportal/Bibliothek/Aufsaetze/Hinkel/OckenheimerJuden_klein.pdf. (Zugriff: 3.1.2020) abrufbar ist, wird im Folgenden immer wieder Bezug genommen. Er hat anhand der vorhandenen Register-, Steuer- oder anderer Geschäftsunterlagen versucht, die jüdische Bevölkerung Ockenheims in der Zeit vor der NS-Herrschaft namentlich zu erfassen. Aufgrund der Vielzahl gleicher Namen, aber auch einiger offensichtlicher Fehler ist es allerdings kaum möglich eindeutige Stammbäume der Familien anzulegen. Dies würde eine neue umfassende Recherche erfordern, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich ist.

[3] Ebd. S. 7-9.

[4] Ebd. S. 12.

[5] Benjamin Wolf verstarb am 11.2.1859. Im Todeseintrag sind seine Eltern Abraham und Brigitta Wolf angegeben, siehe ebd. S. 27. Ob dieser Abraham und dieser Benjamin Wolf mit den zuvor genannten identisch ist, ist wahrscheinlich, aber nicht gesichert.

[6] Abrahams Geschwister waren Isack, geboren am 12.7.1815, Michael, geboren am 16.12.1820, Jetta, geboren am 4.9.1823, Sara, geboren 2.9.1829 und zuletzt Anna Clara, geboren 18.12.1835, siehe ebd. S. 13 und S. 20-23.

[7] Die Ehe war am 29.12 1863 in Ockenheim geschlossen worden. Henriette Sommer – einmal wird sie von Hinkel auch mit dem Nachnamen Sauermann aufgeführt – war die Tochter von Johann Sommer und seiner Frau Rosalie, geborene Leser. Henriette war am 3.4.1839 in Bacharach geboren worden. Zum Zeitpunkt der Heirat lebte sie in Steeg, siehe ebd. S. 26. Neben den bereits benannten Kindern Teresa, die am 11.12.1864 verstarb, und Benjamin –ihm wird von Hinkel einmal der Vorname Bernhard zugeschrieben -, wurden folgende Kinder geboren: Siegmund am 9.12.1867, Leonard am 1.3.1872, Salomon am 9.3.1875, Bertha am 2.4.1877 zuletzt Karl am 27.4.1883. Bei Hinkel ist fälschlicher Weise als Vater von Bertha statt Abraham Wolf ein Jakob Wolf angegeben., In der Geburtsurkunde 14 / 1877 vom Standesamt Ockenheim ist dagegen Abraham Wolf als Vater benannt, siehe HHStAW 518 40074 (30). Siehe insgesamt die Geburtseinträge bei Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 20-24.

[8] Das Aktives Museum Spiegelgasse hat 2016 ein Erinnerungsblatt für die Familie von Ernst Siegmund Wolf veröffentlicht, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Wolf-Ernst-Siegmund.pdf. (Zugriff: 3.1.2020). Darauf ist eine Anzeige des Textilgeschäfts von Siegmund Wolf in Ockenheim abgebildet. Im Text wird insinuiert, dass es sich dabei um das Geschäft von Ernst Siegmund Wolf handelt. Dies ist nicht richtig. Das Bild ist dem Buch Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 38 entnommen. Die unmittelbar unter dem Inserat abgedruckte Rechnung dieses Geschäfts mit der Unterschrift von Siegmund Wolf zeigt, dass es sich nicht um den Ernst Siegmund Wolf handeln kann, der den Bittbrief vom 25.2.190 an das Finanzamt Wiesbaden geschrieben hat. Dieser Brief ist ebenfalls auf dem Erinnerungsblatt abgedruckt. Nicht nur ist das Schriftbild völlig unterschiedlich, auch hat Ernst Siegmund immer mit seinem Rufnamen Ernst unterschrieben, während der Geschäftsinhaber mit Siegmund unterzeichnete. Zudem wurde die Rechnung am 15.7.1906 erstellt, einem Zeitpunkt, zu dem Ernst Siegmund gerade elf Jahre alt war. Vermutlich gehörte das Textilgeschäft dem am 9.12.1867 geborenen Siegmund Wolf, einem Bruder von Ernst Wolfs Vater Benjamin Wolf. Er wäre somit der Onkel von Ernst Siegmund gewesen.

[9] Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ vom 31. Dezember 1913, zit. nach http://www.alemannia-judaica.de/ockenheim_synagoge.htm. (Zugriff: 3.1.2020). Sogar der Großherzog von Hessen ließ ein Portrait seiner selbst mit eigenhändiger Unterschrift überreichen.

[10] Geburtsregister Ockenheim 11/1895.

[11] HHStAW 685 856 (1). In einem Brief vom 25.1.1940 an das Finanzamt Wiesbaden bat er um eine Steuerermäßigung, die ihm als Kriegsbeschädigter zustehe. Zumindest für das Jahr 1942 ist belegt, dass ihm „wegen Beschädigung“ 100 RM von seinem Arbeitslohn steuerfrei blieben, siehe ebd. (12).

[12] Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 64.

[13] Im Geburtseintrag HHStAW 469/33 2525 (4) und in der Heiratsurkunde, ebd. (8) ist nur der Name Frieda verzeichnet, in den Akten wird sie aber durchgängig als Hilda bezeichnet, nur vereinzelt werden beide Namen verwendet. In der Abschrift der Geburtsurkunde aus dem Jahr 1949, ist noch der weitere Vorname Sara angegeben, möglicherweise handelt es sich hier aber um den Zwangsnamen, der, obwohl längst vorgeschrieben, noch nicht gelöscht war. In seinen erhaltenen Steuererklärungen aus den Jahren 1939 und 1941 nennt Ernst Siegmund Wolf als Tag der Eheschließung statt dem 23. Mai den 26. Mai 1921, siehe HHStAW 685 856 (2, 14).

[14] Geburtsregister Ockenheim 9/1923.

[15] Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 56.

[16] Nach 1945 musste der Eigentümer, der das Gebäude erworben hatte und als Lagerhalle nutzte, zwar eine zusätzliche Summe zu dem früheren Kaufpreis nachzahlen, zu einem Verkauf des Gebäudes an die Gemeinde Ockenheim war er aber damals nicht bereit. Welche Absicht er mit der Aufstellung einer Lourdes-Madonna unmittelbar vor der ehemaligen Synagoge verfolgte, ist leicht zu erahnen. Siehe dazu Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 64 f.

[17] Siehe Anm. 1.

[18] Siehe dazu Tagebuch einer Jüdischen Gemeinde 1941/43, hg. Keim, Anton, Mainz 1968, S. 69 ff.

[19] Ebd. S. 82.

[20] http://www.mainz1933-1945.de/rundgang/teil-i-innenstadt/judenhaus.html. (Zugriff: 3.1.2020).

[21] Siehe die Liste in „Als die letzte Hoffnung verbrannten …“, Dokumentation zu einem Projekt der Stadt Mainz in Zusammenarbeit mit dem Verein für Sozialgeschichte aus Anlass des 50. Jahrestages des Novemberpogroms 1938, hg. Dr. Anton Keim im Auftrag der Stadt Mainz, o.J., S. 297-309, wo die Deportationsliste vom 27.9.1942 abgedruckt ist.

[22] Zu den Umständen des Transports siehe Tagebuch einer Jüdischen Gemeinde, S. 82-93.

[23] https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/90236-wolf-benjamin-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 3.1.2020).

[24] Die Angaben zu den Todesdaten sind dem Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz entnommen.

[25] Die im Entschädigungsverfahren gemachte Angabe, dass der Jahresumsatz etwa 100.000 bis 150.00 RM und das Einkommen zwischen 15.000 und 20.000 RM betragen haben soll, erscheint allerdings doch etwas hoch gegriffen zu sein, siehe HHStAW 518 40074 (18), dazu (64, 93 f.).

[26] Ebd. und (20). Benno Sichel hatte zu diesem Zeitpunkt in Berlin gelebt. Er hatte dort bis 1935 ein Geschäft für Bedarfsartikel zur Klischeeherstellung betrieben, siehe ebd. (11). Das Schicksal des ersten Sohnes Manfred ist nicht bekannt. Als nach dem Krieg die Familie Rückerstattungsanträge stellte, ist sein Name unter den Antragstellern nicht aufgeführt, ebd. (12). Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist er allerdings auch nicht gelistet,

[27] HHStAW 685 856 (o.P.). Die Sondersteuer wurde erst ab einem Vermögen von mehr als 5.000 RM eingezogen.

[28] HHStAW 518 44720 (10).

[29] Siehe dazu oben das Kapitel Auswanderung, Deportation und die Rolle der Finanzverwaltung.

[30] Ebd. (12, 16).

[31] Ebd. (17)

[32] HHStAW 518 44720 (8, 9).

[33] Rink, Das Judenhaus, S. 77, schreibt, dass die Familie Wolf in die Wohnung der Löwensteins eingewiesen worden sei und dort bis zu ihrer Deportation gewohnt hätte. Die Adressangabe auf dem Brief HHStAW 685 856 (o.P.) belegt aber eindeutig, dass ihre Wohnung im Hinterhaus lag. Auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Wolf-Ernst-Siegmund.pdf. (Zugriff: 3.1.2020),  ist zwar richtig die Hinterhausadresse angegeben, falsch ist hier aber die Angabe, dass das auch die Wohnung der Löwensteins gewesen sei. Deren Wohnung, das schreibt auch Rink, lag aber unzweifelhaft im Vorderhaus. Daraus ergibt sich, dass die Familie Wolf mit größter Wahrscheinlichkeit nicht in einer Wohnung mit Löwensteins zusammengelebt hatten. Nicht auszuschließen ist aber, dass Wolfs,  nachdem Löwensteins im Juni deportiert worden waren, deren Wohnung im Vorderhaus bezogen, wahrscheinlich ist das aber eher nicht.

[34] Siehe zu diesen Transporten Gottwald / Schulle, Judendeportationen, S. 435 ff.

[35] HHStAW 469/33 2525 (17).

 

Stand: 08. 01. 2020

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Darüber, wann die letzten jüdischen Mitbürger Ockenheim verließen, gibt es unterschiedliche Aussagen. Auf der Seite http://www.alemannia-judaica.de/ockenheim_synagoge.htm, (Zugriff: 3.1.2020) heißt es, dass „1938 kein jüdischer Einwohner mehr gezählt wurde. Die letzte jüdische Familie, die Ockenheim verließ und nach Amerika emigrieren konnte, war die Familie Wolf, die in der Mainzer Straße einen Gemischtwarenhandel innehatte.“ Hinkel, Erich, Wo sind sie geblieben? Spuren Ockenheimer Juden, Ingelheim 2003, S. 57 f., gibt dagegen an, dass „die Ockenheimer Juden Anfang 1941 wie alle Juden im Kreisgebiet nach Bingen umziehen mussten.“ Möglicherweise meint er damit aber auch die Juden, die ursprünglich aus Ockenheimkamen, sich inzwischen aber in anderen Orten des Kreises niedergelassen hatten.

[2] Hinkel, Erich, Ockenheimer Juden, S. 5. Auf die sehr verdienstvolle und umfassende Arbeit von Hinkel, die auch online unter https://www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Rheinhessenportal/Bibliothek/Aufsaetze/Hinkel/OckenheimerJuden_klein.pdf. (Zugriff: 3.1.2020) abrufbar ist, wird im Folgenden immer wieder Bezug genommen. Er hat anhand der vorhandenen Register-, Steuer- oder anderer Geschäftsunterlagen versucht, die jüdische Bevölkerung Ockenheims in der Zeit vor der NS-Herrschaft namentlich zu erfassen. Aufgrund der Vielzahl gleicher Namen, aber auch einiger offensichtlicher Fehler ist es allerdings kaum möglich eindeutige Stammbäume der Familien anzulegen. Dies würde eine neue umfassende Recherche erfordern, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich ist.

[3] Ebd. S. 7-9.

[4] Ebd. S. 12.

[5] Benjamin Wolf verstarb am 11.2.1859. Im Todeseintrag sind seine Eltern Abraham und Brigitta Wolf angegeben, siehe ebd. S. 27. Ob dieser Abraham und dieser Benjamin Wolf mit den zuvor genannten identisch ist, ist wahrscheinlich, aber nicht gesichert.

[6] Abrahams Geschwister waren Isack, geboren am 12.7.1815, Michael, geboren am 16.12.1820, Jetta, geboren am 4.9.1823, Sara, geboren 2.9.1829 und zuletzt Anna Clara, geboren 18.12.1835, siehe ebd. S. 13 und S. 20-23.

[7] Die Ehe war am 29.12 1863 in Ockenheim geschlossen worden. Henriette Sommer – einmal wird sie von Hinkel auch mit dem Nachnamen Sauermann aufgeführt – war die Tochter von Johann Sommer und seiner Frau Rosalie, geborene Leser. Henriette war am 3.4.1839 in Bacharach geboren worden. Zum Zeitpunkt der Heirat lebte sie in Steeg, siehe ebd. S. 26. Neben den bereits benannten Kindern Teresa, die am 11.12.1864 verstarb, und Benjamin –ihm wird von Hinkel einmal der Vorname Bernhard zugeschrieben -, wurden folgende Kinder geboren: Siegmund am 9.12.1867, Leonard am 1.3.1872, Salomon am 9.3.1875, Bertha am 2.4.1877 zuletzt Karl am 27.4.1883. Bei Hinkel ist fälschlicher Weise als Vater von Bertha statt Abraham Wolf ein Jakob Wolf angegeben., In der Geburtsurkunde 14 / 1877 vom Standesamt Ockenheim ist dagegen Abraham Wolf als Vater benannt, siehe HHStAW 518 40074 (30). Siehe insgesamt die Geburtseinträge bei Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 20-24.

[8] Das Aktives Museum Spiegelgasse hat 2016 ein Erinnerungsblatt für die Familie von Ernst Siegmund Wolf veröffentlicht, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Wolf-Ernst-Siegmund.pdf. (Zugriff: 3.1.2020). Darauf ist eine Anzeige des Textilgeschäfts von Siegmund Wolf in Ockenheim abgebildet. Im Text wird insinuiert, dass es sich dabei um das Geschäft von Ernst Siegmund Wolf handelt. Dies ist nicht richtig. Das Bild ist dem Buch Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 38 entnommen. Die unmittelbar unter dem Inserat abgedruckte Rechnung dieses Geschäfts mit der Unterschrift von Siegmund  Wolf zeigt, dass es sich nicht um den Ernst Siegmund Wolf handeln kann, der den Bittbrief vom 25.2.1940 an das Finanzamt Wiesbaden geschrieben hat. Dieser Brief ist ebenfalls auf dem Erinnerungsblatt abgedruckt. Nicht nur ist das Schriftbild völlig unterschiedlich, auch hat Ernst Siegmund immer mit seinem Rufnamen Ernst unterschrieben, während der Geschäftsinhaber mit Siegmund unterzeichnete. Zudem wurde die Rechnung am 15.7.1906 erstellt, einem Zeitpunkt, zu dem Ernst Siegmund gerade elf Jahre alt war. Vermutlich gehörte das Textilgeschäft dem am 9.12.1867 geborenen Siegmund Wolf, einem Bruder von Ernst Wolfs Vater Benjamin Wolf. Er wäre somit der Onkel von Ernst Siegmund gewesen.

[9] Frankfurter Israelitischen Familienblatt“ vom 31. Dezember 1913, zit. nach  http://www.alemannia-judaica.de/ockenheim_synagoge.htm. (Zugriff: 3.1.2020). Sogar der Großherzog von Hessen ließ ein Portrait seiner selbst mit eigenhändiger Unterschrift überreichen.

[10] Geburtsregister Ockenheim 11/1895.

[11] HHStAW 685 856 (1). In einem Brief vom 25.1.1940 an das Finanzamt Wiesbaden bat er um eine Steuerermäßigung, die ihm als Kriegsbeschädigter zustehe. Zumindest für das Jahr 1942 ist belegt, dass ihm „wegen Beschädigung“ 100 RM von seinem Arbeitslohn steuerfrei blieben, siehe ebd. (12).

[12] Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 64.

[13] Im Geburtseintrag HHStAW 469/33 2525 (4) und in der Heiratsurkunde, ebd. (8) ist nur der Name Frieda verzeichnet, in den Akten wird sie aber durchgängig als Hilda bezeichnet, nur vereinzelt werden beide Namen verwendet. In der Abschrift der Geburtsurkunde aus dem Jahr 1949, ist noch der weitere Vorname Sara angegeben, möglicherweise handelt es sich hier aber um den Zwangsnamen, der, obwohl längst vorgeschrieben, noch nicht gelöscht war. In seinen erhaltenen Steuererklärungen aus den Jahren 1939 und 1941 nennt Ernst Siegmund Wolf als Tag der Eheschließung statt dem 23. Mai den 26. Mai 1921, siehe HHStAW 685 856 (2, 14).

[14] Geburtsregister Ockenheim 9/1923.

[15] Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 56.

[16] Nach 1945 musste der Eigentümer, der das Gebäude erworben hatte und als Lagerhalle nutzte, zwar eine zusätzliche Summe zu dem früheren Kaufpreis nachzahlen, zu einem Verkauf des Gebäudes an die Gemeinde Ockenheim war er aber damals nicht bereit. Welche Absicht er mit der Aufstellung einer Lourdes-Madonna unmittelbar vor der ehemaligen Synagoge verfolgte, ist leicht zu erahnen. Siehe dazu Hinkel, Ockenheimer Juden, S. 64 f.

[17] Siehe Anm. 1.

[18] Siehe dazu Tagebuch einer Jüdischen Gemeinde 1941/43, hg. Keim, Anton, Mainz 1968, S. 69 ff.

[19] Ebd. S. 82.

[20] http://www.mainz1933-1945.de/rundgang/teil-i-innenstadt/judenhaus.html. (Zugriff: 3.1.2020).

[21] Siehe die Liste in „Als die letzte Hoffnung verbrannten …“, Dokumentation zu einem Projekt der Stadt Mainz in Zusammenarbeit mit dem Verein für Sozialgeschichte aus Anlass des 50. Jahrestages des Novemberpogroms 1938, hg. Dr. Anton Keim im Auftrag der Stadt Mainz, o.J., S. 297-309, wo die Deportationsliste vom 27.9.1942 abgedruckt ist.

[22] Zu den Umständen des Transports siehe Tagebuch einer Jüdischen Gemeinde, S. 82-93.

[23] https://www.holocaust.cz/databaze-dokumentu/dokument/90236-wolf-benjamin-oznameni-o-umrti-ghetto-terezin/. (Zugriff: 3.1.2020).

[24] Die Angaben zu den Todesdaten sind dem Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz entnommen.

[25] Die im Entschädigungsverfahren gemachte Angabe, dass der Jahresumsatz etwa 100.000 bis 150.00 RM und das Einkommen zwischen 15.000 und 20.000 RM betragen haben soll, erscheint allerdings doch etwas hoch gegriffen zu sein, siehe HHStAW 518 40074 (18), dazu (64, 93 f.).

[26] Ebd. und (20). Benno Sichel hatte zu diesem Zeitpunkt in Berlin gelebt. Er hatte dort bis 1935 ein Geschäft für Bedarfsartikel zur Klischeeherstellung betrieben, siehe ebd. (11). Das Schicksal des ersten Sohnes Manfred ist nicht bekannt. Als nach dem Krieg die Familie Rückerstattungsanträge stellte, ist sein Name unter den Antragstellern nicht aufgeführt, ebd. (12). Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist er allerdings auch nicht gelistet,

[27] HHStAW 685 856 (o.P.). Die Sondersteuer wurde erst ab einem Vermögen von mehr als 5.000 RM eingezogen.

[28] HHStAW 518 44720 (10).

[29] Siehe dazu oben das Kapitel Auswanderung, Deportation und die Rolle der Finanzverwaltung.

[30] Ebd.  (12, 16).

[31] Ebd. (17)

[32] HHStAW 518 44720 (8, 9).

[33] Siehe zu diesen Transporten Gottwald / Schulle S. 435 ff.

[34] HHStAW 469/33 2525 (17).