Johanna Windmüller


Hirschkind, Dora
Das Juden­haus in der Albrecht­str. 13 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Wiesbaden, Liebmann, Albert
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Albrecht­str. 13
Albrechtstrf. 13, Judenhaus, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Albrecht­str. 13

 

 

 

 

 

 


Stamm­baum der Fami­lie Wind­mül­ler
GDB

Als Letz­te kam am 14. April 1942 die Wit­we Johan­na Wind­mül­ler in die Albrecht­str. 13.[1] Ursprüng­lich stamm­te sie aus dem Städt­chen Bün­de in der Nähe von Her­ford in West­fa­len. Hier war sie am 18. Juni 1858 als Toch­ter von Leser Gans /​ Ganz gebo­ren wor­den. Die Fami­lie gehör­te zu den eta­blier­ten Geschäfts­leu­ten der Stadt, die sich auch aktiv am Leben der dor­ti­gen jüdi­schen Gemein­de betei­lig­te. Erstaun­lich ist aller­dings, dass der Name von Johan­nas Mut­ter nicht über­lie­fert wurde.

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller
Isaac Abra­ham Wind­mül­ler
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Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller, Frieda Levy, Judenhaus Albrechtstr. 13, Wiesbaden
Johan­na Chan­na Wind­mül­ler, gebo­re­ne Jacob­sen
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Umso umfas­sen­der ist die Fami­li­en­chro­nik ihres Man­nes Levi oder – wie er sich selbst nann­te – Lou­is Wind­mül­ler, die weit zurück bis in das 17., mög­li­cher­wei­se sogar in das 16. Jahr­hun­dert reicht.[2] Sei­ne Eltern waren Isaac Abra­ham Wind­mül­ler und des­sen zwei­te Frau Johan­na Chan­na, gebo­re­ne Jabob­sen. 1872 hat­te er sein Abitur abge­legt und anschlie­ßend ein Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men, das er mit einer Pro­mo­ti­on abschlie­ßen konnte.

Nevi­ges, Elber­fel­der Stra­ße, wo die Fami­lie Wind­mül­ler wohnte

Nach ihrer Ver­lo­bung, von der man zwar nicht weiß, wann sie statt­fand, von der aber zumin­dest die Anzei­ge erhal­ten geblie­ben ist, gin­gen Johan­na Ganz und Lou­is Wind­mül­ler, am 1. Dezem­ber 1880 in Bün­de, dem Hei­mat­ort der Ehe­frau, die Ehe ein.

Ver­lo­bungs­an­zei­ge von Johan­na Ganz und Lou­is Wind­mül­ler
Mit Dank an Dorit Ron
Lou­is und Johan­na Wind­mül­ler um 1890 in Nevi­ges
Mit Dank an Dorit Ron

Im west­fä­li­schen Nevi­ges, wo das Paar spä­ter in der Elber­fel­der Str. 21 leb­te, prak­ti­zier­te Lou­is Wind­mül­ler seit 1877 als Sani­täts­rat, prak­ti­scher Arzt und Geburtshelfer.

Aber auch poli­tisch war er zumin­dest auf kom­mu­na­ler Ebe­ne aktiv. Als Mit­glied der „Frei­sin­ni­gen Par­tei“, die zum fort­schritt­li­chen Flü­gel des Libe­ra­lis­mus im Deut­schen Kai­ser­reich zu zäh­len ist, war er zum Bei­geord­ne­ten des Gemein­de­rats gewählt wor­den. Nach der Revo­lu­ti­on leg­te er 1919 die­ses Man­dat nie­der. Ob ihn dazu poli­ti­sche Grün­de, sein Alter oder womög­lich sein Gesund­heits­zu­stand ver­an­lasst hat­ten, ist nicht bekannt. Er starb aber bald dar­auf am 21. August 1921 im Alter von 72 Jah­ren in Wup­per­tal-Elber­feld.[3]

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller
Sei­te aus der Wind­muel­ler-Fami­ly Coll­ec­tion mit der Sei­te über die Fami­lie von Lou­is und Johan­na Wind­mül­ler
https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​w​i​n​d​m​u​e​l​l​e​r​f​a​m​i​l​y​f​0​0​4​/​p​a​g​e​/​n​8​9​/​m​o​d​e​/​2up

In Nevi­ges waren zuvor auch die bei­den Söh­ne des Paa­res gebo­ren wor­den, zunächst am 2. März 1883 Wal­ter,[4] dann am 5. Juni 1886 Wer­ner.[5] Wal­ter trat in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters und stu­dier­te in Bonn, Würz­burg, Ber­lin und Hei­del­berg Medi­zin, pro­mo­vier­te 1911 und über­nahm noch im sel­ben Jahr die Pra­xis des Vaters. Nach Brie­fen, auf die in der Fami­li­en-Chro­nik Bezug genom­men wird, war Wal­ter einer der Ers­ten, die sich noch vor Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs als Frei­wil­li­ge gemel­det hat­ten. Vom 20. August 1914 bis zum Kriegs­en­de im Novem­ber 1918 dien­te er haupt­säch­lich als Trup­pen­arzt an der Front. Nach Kriegs­en­de wur­de er vom Land­rat beauf­tragt, die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung des Krei­ses zu über­neh­men. Am 14. Novem­ber 1920 hei­ra­te­te er in Sayn bei Koblenz die am 18. April 1891 dort gebo­re­ne Else Jaco­by. Die Ehe blieb kin­der­los, aber die Tat­sa­che, dass das Paar am 22. Juli 1930 von Bre­mer­ha­ven aus zu einer Gesell­schafts­rei­se zum Nord­kap auf­bre­chen konn­te, zeigt sei­nen geho­be­nen Lebens­stan­dard.[6] Sein durch­schnitt­li­ches Jah­res­ein­kom­men lag zwi­schen 25.000 RM und 40.000 RM.[7] Aber schon bald nach­dem die Nazis an die Macht gekom­men waren, kam es zu Kon­flik­ten mit der Par­tei und den Kran­ken­kas­sen, wes­halb das Paar am 30. August 1937 Nevi­ges ver­ließ und nach Köln zog.[8]

Sein Bru­der Wer­ner absol­vier­te ein Phar­ma­zie­stu­di­um und führ­te zunächst in Rem­scheid eine Apo­the­ke. 1926 ehe­lich­te er Frie­da /​ Frie­del Levy, die am 21. Okto­ber 1902 in Dan­zig gebo­ren wor­den war.[9] Im fol­gen­den Jahr wur­de ihnen am 15. Juni eine Toch­ter geschenkt, die den Namen Ursu­la /​ Ursel erhielt.[10] Auch Wer­ner Wind­mül­ler wur­de unter der NS-Dik­ta­tur zur Auf­ga­be sei­nes Geschäfts gezwun­gen.[11]

Fami­lie Wind­mül­ler
v.l.n.r.: Frie­del, Wer­ner, Johan­na, Wal­ter und Else Wind­mül­ler
Mit Dank an Dorit Ron

Über den Zeit­punkt, seit wann Johan­na Wind­mül­ler Bür­ge­rin der Stadt Wies­ba­den war, machen die Quel­len unter­schied­li­che Aus­sa­gen. So ist auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te als Zugangs­da­tum der 28. Okto­ber 1926 fest­ge­hal­ten. Auf wel­cher Basis die­se Datie­rung erfolg­te, ist aller­dings unklar, denn die Kar­tei selbst wur­de erst 1938 ange­legt. Aller­dings könn­te auf die damals noch exis­tie­ren­den Unter­la­gen der Mel­de­be­hör­den zurück­ge­grif­fen wor­den sein. Im Gedenk­buch der Vel­ber­ter Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist ihr Umzug erst auf den 21. Novem­ber 1933 datiert.[12]

“Oma Win” mit Enkel­toch­ter Ursu­la, um 1930
Mit Dank an Dorit Ron

Aber die­se Anga­be ist defi­ni­tiv falsch, denn in ihrem Nach­lass befand sich eine Post­kar­te, die, datiert auf den 30. Juni 1930, zur Erin­ne­rung an den „Tag der Befrei­ung“ an ihre damals gera­de drei Jah­re alt gewor­de­ne Enke­lin Ursu­la gerich­tet war. An die­sem Tag hat­ten die fran­zö­si­schen Trup­pen fünf Jah­re vor dem eigent­lich fest­ge­leg­ten Ter­min das Rhein­land geräumt, das sie seit Ende des Ers­ten Welt­kriegs besetzt hiel­ten. Auch in Wies­ba­den, wo eben­falls fran­zö­si­sche Trup­pen sta­tio­niert waren, hat­te die­ses Ereig­nis eine natio­na­le Wel­le der Begeis­te­rung aus­ge­löst, die offen­sicht­lich auch Johan­na Wind­mül­ler ergrif­fen hat­te: „Frei ist der Rhein und soll es immer blei­ben“, hat­te sie auf die Kar­te geschrie­ben. Wich­ti­ger im Hin­blick auf ihre Bio­gra­fie ist aber die Absen­der­an­ga­be „Wies­ba­den Son­nen­ber­ger Str. 24“,[13] die auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te erst als zwei­te Anschrift auf­ge­führt ist. Dem­nach hat­te sie mit Sicher­heit schon vor 1930 in Wies­ba­den gewohnt. Da als ers­te Adres­se auf die­ser Kar­te die Tan­nen­ber­ger­str. 34 ange­ge­ben ist, eine Stra­ße in Bie­brich, die bis Mai 1933 den Namen des Arbei­ter­füh­rers Karl Lieb­knechts trug, könn­te das dort eben­falls ver­merk­te Zugangs­da­tum 28. Okto­ber 1926 tat­säch­lich rich­tig sein. Lei­der sind die städ­ti­schen Mel­de­un­ter­la­gen im Krieg zer­stört wor­den, wes­halb eine gesi­cher­te Zeit­an­ga­be bezüg­lich ihres Umzugs nach Wies­ba­den nicht mög­lich ist.
Da es sich bei der Adres­se Son­nen­ber­ger Str. 24 um die Pen­si­on ‚Hele­ne’ han­delt, ist es nach­voll­zieh­bar, wie­so ihr Name nicht in den städ­ti­schen Adress­bü­chern ver­zeich­net ist. Nicht zu erklä­ren ist aber, wes­halb sie auch nicht in dem 1935 erschie­ne­nen Jüdi­schen Adress­buch auf­ge­führt ist.
Laut ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te wech­sel­te sie am 26. Novem­ber 1938 erneut ihr Quar­tier. Das Haus Leber­berg 11a war eben­falls eine Pen­si­on, die den schö­nen Namen ‚Inter­na­tio­na­les Frem­den­heim’ trug. Ob die nur weni­ge Tage zuvor statt­ge­fun­de­ne Reichs­po­grom­nacht der Grund für den Umzug war, man jüdi­sche Bewoh­ner in dem Haus nicht mehr dul­den woll­te, ist nahe­lie­gend, aber nicht zu belegen.

Das letz­te Foto von Johan­na Wind­mül­ler
Mit Dank an Dorit Ron

Schon seit eini­gen Jah­ren vor ihrem Umzug nach Wies­ba­den war Johan­na Wind­mül­ler Wit­we gewor­den. Nach dem Tod ihres Ehe­man­nes am 21. August 1921,[14] der auf dem jüdi­schen Fried­hof Am Wein­berg in Wup­per­tal-Elber­feld bei­gesetzt wor­den war, blieb Johan­na Wind­mül­ler bis zu ihrem Lebens­en­de allein­ste­hend. Wie vie­le ande­re älte­re und ver­mö­gen­de Herr­schaf­ten zog es wohl auch sie in die belieb­te Kur­stadt am Rhein. Als recht betuch­te Pri­va­tie­re konn­te sie sich in Wies­ba­den über die gesam­te Zeit die Unter­brin­gung in einer der vie­len Pen­sio­nen leisten.

Ihr Ver­mö­gen weck­te selbst­ver­ständ­lich auch die Begehr­lich­kei­ten des klam­men NS-Staa­tes. Da waren zunächst die Immo­bi­li­en. In der Ver­mö­gens­er­klä­rung, die abzu­ge­ben auch Johan­na Wind­mül­ler mit Stand 27. April 1938 gezwun­gen wur­de, gab sie das Haus Adolf-Hit­ler-Str. 72 in Nevi­ges an, das Haus, in dem sie frü­her mit ihrem Mann und den Kin­dern gewohnt hat­te. Es war 1935 mit einem Ein­heits­wert von 14.900 RM taxiert wor­den.[15] Das ehe­ma­li­ge Ein­fa­mi­li­en­haus war inzwi­schen zum Mehr­fa­mi­li­en-Miets­haus umge­baut wor­den und die Eigen­tü­me­rin hat­te es 1939 noch ein­mal auf­wen­dig für 10.000 RM reno­vie­ren las­sen. Um die Reno­vie­rung bezah­len zu kön­nen, hat­te sie sogar bei ihrem Sohn Wal­ter eine Hypo­thek über 8.000 RM auf­ge­nom­men und ins Grund­buch ein­tra­gen las­sen.[16]
Den Akten des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens ist zu ent­neh­men, dass sie neben die­sem Haus auch noch im Besitz zwei­er Häu­ser in Wup­per­tal-Elber­feld war, die sie in der oben genann­ten Ver­mö­gens­er­klä­rung aber nicht ange­ge­ben hat­te. Es han­delt sich um die zwei Gebäu­de in der Elber­fel­der Str. 21 und 72. Auch in spä­te­ren Ver­mö­gens­er­klä­run­gen tau­chen die nicht auf, wur­den aber ihren Erben 1950 und 1951 zurück­er­stat­tet, nach­dem das Deut­sche Reich sich die­se nach ihrer Depor­ta­ti­on ange­eig­net hat­te.[17]
Dane­ben besaß sie aber auch ein Wert­pa­pier­de­pot in Höhe von etwa 35.000 RM [18] und Hypo­the­ken­for­de­run­gen, die nicht unbe­trächt­li­che Zins­er­trä­ge abwar­fen. Gold­pfand­brie­fe im Wert von 4.000 RM hat­te sie noch 1937 gegen eine lebens­lan­ge Ren­te ein­ge­tauscht.[19]

Johanna Windmüller
Johan­na Wind­mül­ler bit­tet ver­ge­bens um den Erlass der 5. Rate der Juden­steu­er
HHStAW 685 852b (18)

Als nach der Reichs­po­grom­nacht Johan­na Wind­mül­ler zur Zah­lung der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be, der „Juden­steu­er“, her­an­ge­zo­gen wur­de, errech­ne­te das Finanz­amt Wies­ba­den ein Gesamt­ver­mö­gen von 36.700 RM, wobei die bei­den Häu­ser in Wup­per­tal in der Auf­stel­lung aller­dings fehl­ten! Davon wur­de die Hypo­thek ihres Soh­nes abge­zo­gen, sodass 28.000 RM zur Grund­la­ge der Berech­nung gemacht wur­den. In vier Raten mit je 1.400 RM soll­te sie zusam­men 5.600 RM abge­ben.[20] Um die Sum­me auf­brin­gen zu kön­nen, muss­te sie sich von einem gro­ßen Teil ihrer Wert­pa­pie­re tren­nen.[21] Als im fol­gen­den Jahr auch von ihr die zusätz­li­che 5. Rate gefor­dert wur­de, bat sie dar­um, ihr die­se doch bit­te zu erlas­sen. Ihr Ver­mö­gen bestehe nur noch aus 13.500 RM. Sie ste­he im 82. Lebens­jahr und müs­se von den Ein­nah­men leben, die ihr Ver­mö­gen abwer­fe. Das Gesuch wur­de erwar­tungs­ge­mäß abge­lehnt.[22]

Inzwi­schen hat­te sich ohne­hin vie­les in ihrem Leben ver­än­dert. Am 2. April 1939 war sie in die ‚Pen­si­on Con­ra­dy‘ in der Rüdes­hei­mer Str. 1 gezo­gen. Die­se war wahr­schein­lich kos­ten­güns­ti­ger als die bis­he­ri­gen, die allein wegen ihrer Lage in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Kur­park wesent­lich teu­rer gewe­sen sein dürften.

Johanna Windmüller Austritt aus Jüdischer Gemeinde
Johan­na Wind­mül­ler erklärt ihren Aus­tritt aus der Jüdi­schen Gemein­de
HHStAW 685 852a (9)

Über den Grund, wes­halb sie 1938 aus der Israe­li­schen Kul­tus­ge­mein­de aus­ge­tre­ten war, kann man nur Mut­ma­ßun­gen anstel­len. Die­sen Schritt, der auch auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te fest­ge­hal­ten wur­de, voll­zog sie laut einer Mit­tei­lung des Amts­ge­richts vom 1. Dezem­ber 1938 an das Finanz­amt Wies­ba­den mit Wir­kung zum 24. Dezem­ber 1938. Es sieht fast so aus, als sei der Ter­min Weih­nach­ten bewusst gewählt wor­den, aber wel­che Absicht damit ver­bun­den gewe­sen sein könn­te, ist nicht nach­zu­voll­zie­hen. Eine Hin­wen­dung zum Chris­ten­tum kann es kaum gewe­sen sein, denn in der Steu­er­erklä­rung von 1939 gab sie unter Glau­bens­be­kennt­nis „frei­re­li­gi­ös“ an.

Johanna Windmüller Steuer
Der Finanz­be­am­te kor­ri­giert den Ein­trag von Johan­na Wind­mül­ler auf ihrer Steu­er­erklä­rung 1939
HHStAW 685 852a (17)

Der dicke Rot­schrift des Steu­er­be­am­ten über­schrieb die­sen Ein­trag mit „jd“ für Jude.[23] Für den NS-Staat war Jude kei­ne Fra­ge des reli­giö­sen Bekennt­nis­ses, son­dern eine der Ras­se. Die etwa­ige Hoff­nung, mit dem Aus­tritt aus der Gemein­de den Repres­sio­nen der Nazis ent­ge­hen zu kön­nen, konn­te nach der Ver­ab­schie­dung der Ras­se­ge­set­ze daher wohl kaum noch ihr Motiv gewe­sen sein. Wahr­schein­li­cher sind dage­gen Grün­de welt­an­schau­li­cher Natur, zumal ja auch ihr ver­stor­be­ner Ehe­mann als „Frei­sin­ni­ger“ kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen gegen­über eher eine distan­zier­te Hal­tung ein­ge­nom­men haben wird. Die­se Skep­sis mag noch dadurch bestärkt wor­den sein, dass die jüdi­schen Gemein­den nicht nur kei­nen Schutz vor den Angrif­fen des NS-Appa­rats leis­ten konn­ten, sie sich viel­mehr auf­grund der erzwun­ge­nen Koope­ra­ti­on für man­chen sogar als Teil die­ses Sys­tems darstellten.

Auch wenn Johan­na Wind­mül­ler ange­sichts der wach­sen­den Bedro­hung ver­mut­lich den Schritt ihrer bei­den Söh­ne, Deutsch­land mit ihren Fami­li­en zu ver­las­sen, begrüß­te und unter­stütz­te, bedeu­te­te das für sie den­noch die wohl bedrü­ckends­te Ver­än­de­rung in ihrem Leben. Von da an war sie allein den NS-Behör­den ausgeliefert.

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller, Frieda Levy, Judenhaus Albrechtstr. 13, Wiesbaden
Hei­rats­ur­kun­de von Wer­ner und Frie­da Levy,
Hei­rats­re­gis­ter Dan­zig 625 /​ 1926

Schon 1936 konn­te Wer­ner zunächst nach Jugo­sla­wi­en und von da wei­ter nach Paläs­ti­na flüch­ten. Genaue­res ist nicht bekannt, aber offen­bar hat­ten er und sei­ne Frau Sym­pa­thien für die zio­nis­ti­sche Bewe­gung und in Jugo­sla­wi­en gab es Aus­bil­dungs­la­ger, die auf eine Ein­wan­de­rung nach Paläs­ti­na vor­be­rei­te­ten. Ob sie sich aber dort auf­hiel­ten, ist nicht bekannt.
In Paläs­ti­na fan­den sie in Kiryat Dia­lik bei Hai­fa eine neue Hei­mat. Die Sied­lung war um die­se Zeit von der RASSCO, einer im Rah­men des Haa­va­ra-Abkom­mens ent­stan­de­nen Sied­lungs­ge­sell­schaft, errich­tet wor­den, mit dem Ziel, beson­ders mit­tel­stän­di­schen Migran­ten eine neue Hei­mat zu bie­ten.[24] Hier grün­de­te Wer­ner Wind­mül­ler wie­der eine Apo­the­ke, wobei er mög­li­cher­wei­se die not­wen­di­gen Anschaf­fun­gen mit­hil­fe der für Paläs­ti­n­aemi­gran­ten güns­ti­gen Devi­sen­re­ge­lun­gen des Haa­va­ra-Abkom­mens finan­zie­ren konnte.

Wal­ter Wind­mül­ler bei einem Besuch bei sei­ner Mut­ter, kurz vor sei­ner Emi­gra­ti­on nach Uru­gu­ay
Mit Dank an Dorit Ron

Wal­ter, der Arzt und älte­re Bru­der von Wer­ner, konn­te im Juli 1939 mit sei­ner Frau noch nach Süd­ame­ri­ka aus­wan­dern.[25] Wie alle Emi­gran­ten war er zuvor von dem NS-Staat noch aus­ge­raubt wor­den. Nach­dem er schon die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be in Höhe von fast 25.000 RM bezahlt hat­te, fiel dann auch noch die Reichs­flucht­steu­er in Höhe von rund 6.700 RM an. Etwas mehr als 1.600 RM betrug die DEGO-Abga­be für neu erwor­be­ne Güter, die mit ins Aus­land genom­men wer­den soll­ten. Die Rei­se­kos­ten selbst belie­fen sich auf rund 3.000 RM – alles in allem nahe­zu 35.000 RM, die die Steu­er­be­hör­den ganz geset­zes­kon­form dem ver­folg­ten Ehe­paar abnah­men.[26] Über den Scha­den, der ihm durch das Zurück­las­sen von Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den zusätz­lich ent­stand, kann hier nur spe­ku­liert werden.
Ver­mut­lich waren Wal­ter und sei­ne Frau damals noch in der Hoff­nung gegan­gen, in ihrem Exil­land Uru­gu­ay wie­der eine neue Arzt­pra­xis auf­bau­en zu kön­nen. Die­se Hoff­nung muss sich bald zer­schla­gen haben, aus wel­chen Grün­den, ist nicht bekannt. Ver­mut­lich wur­den die Abschlüs­se aus Deutsch­land dort nicht aner­kannt oder aber es fehl­te das nöti­ge Kapi­tal. In einem am 3. Febru­ar 1941 an sei­nen Bru­der in Paläs­ti­na gerich­te­ten Brief schrieb er über sei­ne dama­li­ge Lage: „Mei­ne Tätig­keit, was Quan­ti­tät und Porte­mo­naie (!) anbe­langt lässt sehr zu wün­schen übrig, scha­de, aber nicht zu ändern. Und da die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se hier alles ande­re wie gut sind, seit dem wir hier, so ist auch sonst nichts zu machen. Viel­leicht ändert sich auch das, wenn die Welt hof­fent­lich bald mal wie­der zur Ruhe kommt u. in rich­ti­ge Bah­nen gelenkt wird.“[27] Sei­ne Situa­ti­on ver­bes­ser­te sich jedoch auch nach 1945 zumin­dest nicht wesent­lich. Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ver­si­cher­te er an Eides statt, dass er in Uru­gu­ay „kein anre­chen­ba­res eige­nes Ein­kom­men“ mehr gehabt habe.[28]
Aber die wirt­schaft­li­che Not war damals nicht sei­ne pri­mä­re Sor­ge. Sie galt, wie in dem zitier­ten Brief an Wer­ner deut­lich wird, der Mut­ter, von der er seit Novem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res nichts mehr gehört hat­te. Er trös­te­te sich damit, dass auch ande­re Flücht­lin­ge in ihrem latein­ame­ri­ka­ni­schen Exil kei­ne Nach­rich­ten von ihren Ver­wand­ten in Deutsch­land mehr erhal­ten hat­ten, aber auch die Ver­bin­dung zu sei­nem Bru­der in Paläs­ti­na wur­de immer wie­der unterbrochen.
Immer­hin scheint aber in der Zeit vor dem Krieg der Kon­takt von Johan­na Wind­mül­ler mit der Fami­lie bei Hai­fa noch funk­tio­niert zu haben. Das Fami­li­en­ar­chiv ent­hält eine wei­te­re Post­kar­te, die Johan­na Wind­mül­ler im Juni 1939 dort­hin geschickt hat­te. Es sind Glück­wün­sche an Wer­ner und beson­ders an Ursu­la, die bei­de im Juni ihre Geburts­ta­ge fei­ern konn­ten.[29]
Nur weni­ge Wochen spä­ter hat­te Hit­ler den Zwei­ten Welt­krieg pro­vo­ziert und damit wur­de auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen all den­je­ni­gen, die es noch ins Aus­land geschafft hat­ten, und den­je­ni­gen, die, aus wel­chen Grün­den auch immer, zurück­ge­blie­ben waren, wesent­lich schwie­ri­ger. Nur über das Rote Kreuz konn­ten noch Nach­rich­ten, bestehend aus weni­gen Zei­len, über­mit­telt werden.

Brief von Wer­ner an sei­ne Mut­ter 1941
Mit Dank an Dorit Ron

Ein sol­cher Brief, der am 24. Janu­ar 1940 aus Isra­el von Wer­ner an sei­ne Mut­ter gerich­tet war, benö­tig­te meh­re­re Wochen, bis er sie erreich­te. Die weni­gen erlaub­ten Sät­ze schei­nen so nichts­sa­gend zu sein und las­sen doch die gro­ße Sor­ge erahnen:
Lie­be Mut­ter, wie geht es Dir. Uns geht es gut. Vie­le Grüs­se und Küs­se mit den bes­ten Wün­schen von uns allen.
Dein Wer­ner.
“[30]

Am 19. März ant­wor­te­te die Mutter:
Mein l[ieber] Werner!
Erfreut über Eure gute Nach­richt. Mir geht es sehr gut! Mehre[re] Brie­fe an Euch abgegangen.
Grü­ße & Küsse
Eure Mut­ter“
[31]

Wenn die Mut­ter schreibt, dass es ihr „sehr gut“ gehe, dann mag das im Ver­gleich zu vie­len ande­ren Jüdin­nen und Juden, die, abhän­gig von der jüdi­schen Wohl­fahrt, damals ein mehr als kärg­li­ches Dasein fris­te­ten, sogar noch zutref­fend gewe­sen sein, aber „sehr gut“ ging es auch ihr nicht. Auch sie litt ver­mut­lich ange­sichts der für Juden erlaub­ten Ratio­nen stän­dig an Hun­ger, auch sie litt unter der Aus­gren­zung, die auch sie, beson­ders nach der Ein­füh­rung des „Gel­ben Sterns“, ertra­gen muss­te. Aber, obwohl schon über 80 Jah­re alt, war sie geis­tig noch völ­lig auf der Höhe. Nach Aus­sa­ge ihres Treu­hän­ders, der für die Wup­per­ta­ler Häu­ser zustän­dig war und sie mehr­fach in Wies­ba­den besuch­te, blieb sie, zumin­dest solan­ge sie in der Rüdes­hei­mer Stra­ße woh­nen konn­te, auch zuver­sicht­lich und guten Mutes. Und es gab wohl eini­ge – nicht­jü­di­sche – Men­schen in ihrer Umge­bung, die die Ver­bin­dung zu ihr nicht abbra­chen, mit ihr spra­chen und sie wohl auch mit zusätz­li­chen Lebens­mit­teln ver­sorg­ten. Aber in einem Brief an Wal­ter, der des­sen Inhalt im Herbst 1941 an Wer­ner wei­ter­lei­te­te, hat­te sie ihrem Sohn berich­tet, dass zwar gesund­heit­lich bei ihr noch alles in Ord­nung sei, sie aber an einer „gro­ßen Depres­si­on“ lei­de.[32]

Johan­na Wind­mül­ler konn­te ihren 83. Geburts­tag 1941 mit Kuchen und Blu­men noch in der Rüdes­hei­mer Str. 1 fei­ern.
Mit Dank an Dorit Ron

Obwohl sie sich in der ‚Pen­si­on Con­ra­dy‘ rela­tiv wohl­fühl­te, wuch­sen ihre Ängs­te und nur noch sel­ten ver­ließ sie das Haus. Und umge­kehrt wuch­sen auch die Sor­gen der Söh­ne um ihre Mutter.
Im Mai 1941 schrieb Wer­ner aus Kiri­at Bia­lik bei Hai­fa über das Rote Kreuz wie­der eine Nach­richt – sie durf­te nur 25 Wor­te ent­hal­ten – an sei­ne Mut­ter, die die­se erst im Okto­ber erreich­te: „Sind in Sor­ge, weil ohne Nach­richt von Dir.“[33]

Das letz­te Lebens­zei­chen, das die Kin­der von ihrer Mut­ter erhiel­ten:
Lie­be Kin­der! Alles gut, freu­te mich sehr durch Wal­ter Bes­tes über Euch zu hören. Eben­so höret Ihr von mir zu allen Geburts­ta­gen.
Grü­ße, Küs­se
Mut­ter
Mit Dank an Dorit Ron

Im Novem­ber schrieb dann Wal­ter sei­nem Bru­der einen Brand­brief nach Paläs­ti­na. Er hat­te in Uru­gu­ay inzwi­schen von den begin­nen­den Depor­ta­tio­nen in Deutsch­land gehört und bat ihn, er sol­le über JOINT[34] alles nur Mög­li­che und Not­wen­di­ge unter­neh­men, um die Mut­ter zu retten:
„Nach den unend­lich trau­ri­gen Nach­rich­ten über die Exporta­ti­on aller Juden aus Deutsch­land, die zum Teil schon durch­ge­führt ist, habe ich auch unend­li­che Sor­ge wegen Mut­ter, die hier­hin zu brin­gen mei­ne gröss­te Sor­ge bei Tag und Nacht ist u. war. Ich hat­te der l.[ieben] Mut­ter vom ers­ten Augen­blick unse­res Hier­seins stän­dig Bet­tel­brie­fe geschrie­ben, nach hier nach­zu­kom­men, Mut­ter hat­te aber aus Alters- und ande­ren Grün­den stets abge­lehnt. Damals war es für mich leicht was die Bear­bei­tung u das Erlan­gen des hie­si­gen Visums anbe­lang­te, wenn nur die nöti­gen Gel­der hier depo­niert u sonst zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten und wenn die l. Mut­ter, was ich immer wie­der gera­ten hat­te, die ord­nungs­mäs­sig über das Gene­ral-Kon­su­lat Ham­burg v Uru­gu­ay ein­ge­reich­ten Papie­re v Mut­ter hier gewe­sen wären, Jetzt ist alles viel schwe­rer gewor­den.“[35]

Bis­her hat­te sich Johan­na Wind­mül­ler immer gegen eine Emi­gra­ti­on mit den Wor­ten „Einen alten Baum ver­pflanzt man nicht“ gewehrt, jetzt aber, aller­dings zu spät, hat­te sie offen­bar dem Drän­gen von Wal­ter nach­ge­ge­ben und ein­ge­wil­ligt. So schreibt er in sei­nem Brief an Wer­ner wei­ter, dass ihre Brie­fe nicht mehr ganz so alar­mie­rend klin­gen wür­den, „aber immer­hin so, dass Mut­ter sich jetzt ent­schlos­sen hat, auch nach hier aus­zu­wan­dern. Wenn auch die l. Mut­ter im gros­sen gan­zen tap­fer und weni­ger unru­hig schreibt, so ist mit Sicher­heit anzu­neh­men, dass sie dort die nächs­te Zukunft fürch­tet u dass sie eben unter allen Umstän­den her­aus muss, kos­te es was es wol­le u mag dabei pas­sie­ren was will. Ich aber auch Du wir dür­fen jetzt nicht erlah­men u Opfer brin­gen soweit es in unse­ren Kräf­ten steht.“[36]
Im Wei­te­ren gab er sei­nem Bru­der kon­kre­te Anwei­sun­gen, was die­ser unter­neh­men müs­se, um die Mut­ter zu ret­ten. Er selbst war offen­sicht­lich auch aus finan­zi­el­len Grün­den, viel­leicht auch wegen feh­len­der Ver­bin­dun­gen, nicht in der Lage, die­se Schrit­te selbst zu unternehmen.

Aber die­ser letz­te Ver­such, die Mut­ter noch her­aus­zu­ho­len, kam zu spät. Eine Emi­gra­ti­on nach dem gene­rel­len Aus­wan­de­rungs­ver­bot für Juden durch den Erlass Görings vom 23. Okto­ber 1941 mach­te dies unmög­lich. Und damit wur­de auch das wei­te­re Schick­sal von Johan­na Wind­mül­ler unab­wend­bar. Das bedeu­te­te zunächst, dass sie die Pen­si­on von Frau Rosen­zweig in der Rüdes­hei­mer Stra­ße ver­las­sen und in das Juden­haus in der Albrecht­stra­ße zie­hen muss­te, in dem ihr eben­falls ein Zim­mer zur Ver­fü­gung stand. Auch hat­te sie wenigs­tens zunächst noch einen Teil ihres Mobi­li­ars, das dann spä­ter zum Nut­zen ari­scher Bür­ger und dem der Staats­kas­se vom Finanz­amt ver­stei­gert wur­de, zunächst noch mit­neh­men kön­nen. Nur noch ein knap­pes hal­bes Jahr, über das lei­der kei­ne Quel­len mehr vor­lie­gen, muss­te bzw. durf­te sie dort ver­brin­gen. Dann wur­de auch sie „eva­ku­iert“, wie die NS-Behör­den den Weg in die Ver­nich­tung euphe­mis­tisch umschrieben.

Eine Woche vor der für den 1. Sep­tem­ber 1942 anbe­raum­ten Depor­ta­ti­on der meis­ten noch in Wies­ba­den ver­blie­be­nen Juden, war den Betrof­fe­nen von der Bezirks­stel­le ein Schrei­ben aus­ge­hän­digt wor­den, laut dem sie sich am 29. August in der ehe­ma­li­gen Syn­ago­ge in der Fried­richstr. 33, die als Sam­mel­stel­le ein­ge­rich­tet wor­den war, ein­zu­fin­den hät­ten, um die letz­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Maß­nah­men – sprich: den Raub ihrer letz­ten Habe – über sich erge­hen zu las­sen. Wer noch mehr als 1.000 RM besaß, wur­de gezwun­gen, einen soge­nann­ten „Heimein­kaufs­ver­trag“ abzu­schlie­ßen, der vor­gab, die Kos­ten für Unter­kunft, Ver­pfle­gung und sogar ärzt­li­che Betreu­ung bis zu ihrem Lebens­en­de den „Eva­ku­ier­ten“ zu gewäh­ren. Das Geld wur­de auf ein Kon­to ein­ge­zahlt, das die SS beim ‚Bank­haus Heinz, Teck­len­burg und Co.’ In Ber­lin ein­ge­rich­tet hat­te. Johan­na Wind­mül­ler über­wies dafür ins­ge­samt etwa 8.100 RM.  Ob sie an das Ver­spre­chen glaub­te, ist unge­wiss. Das übri­ge Ver­mö­gen fiel nach ihrem Tod dem Reichs­fis­kus in die Hände.
In den Genuss eines wei­te­ren Ver­mö­gens­werts von Johan­na Wind­mül­ler war zuvor schon ein Land­wirt aus Nevi­ges gekom­men, der ihr dor­ti­ges Haus in der Adolf-Hit­ler-Str. 72, der frü­he­ren Elber­fel­der Stra­ße, kauf­te. Der Preis betrug 17.000 RM und lag damit nicht unbe­trächt­lich über dem letz­ten Ein­heits­wert von 14.900 RM. Selbst­ver­ständ­lich war das Geld nicht mehr in ihre Hän­de gelangt, son­dern es füll­te nach ihrem Abtrans­port die klam­men Kas­sen des Reichs.

Deportation Wiesbaden 1.9.1942, Synagoge Friedrichstraße
Sam­mel­stel­le in der Syn­ago­ge Fried­rich­stra­ße am Vor­abend der Depor­ta­ti­on
HHStAW 3008/​2 16554

Am Vor­abend des Tages, an dem sie sich an der Sam­mel­stel­le ein­fin­den muss­te, hat­te sie ein letz­tes Mal Frau Rosen­zweig, die Eigen­tü­me­rin der Pen­si­on Con­ra­dy, besucht. Sie war ihr in den letz­ten drei Jah­ren ganz offen­sicht­lich zu einer Freun­din gewor­den. Ein Brief, den die­se Frau Bös­ser 1947 – den Namen trug sie nach einer erneu­ten Ver­hei­ra­tung nach Kriegs­en­de – an Wal­ter Wind­mül­ler in Uru­gu­ay schrieb, scheint Beleg dafür zu sein. Er ist zudem von beson­de­rem Inter­es­se, weil die Ver­fas­se­rin hier­in expli­zit bezeugt, dass der Umzug von Johan­na Wind­mül­ler in das Juden­haus Albrecht­str. 13 am 14. April 1942 erzwun­gen war. Aber auch in ande­rer Hin­sicht ist die­ser Brief, in dem es pri­mär um den letz­ten Abend vor der Depor­ta­ti­on geht, ein wich­ti­ges Zeit­do­ku­ment, zum einen im Hin­blick auf die Depor­ta­tio­nen selbst, zum ande­ren aber auch für die Stim­mung und Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nis­men der Betrof­fe­nen unmit­tel­bar nach dem Krieg. Er soll des­halb hier in Gän­ze zitiert werden:

Johanna Windmüller
Brief von Frau Bös­ser S. 1

Wies­ba­den 14.12.47

Sehr geehr­ter Herr Dr. Windmüller
Ich hat­te vor einem Jahr bereits einen aus­führ­li­chen Brief an Sie geschrie­ben, doch da ich kei­ne Str. wuss­te, hat die­ser Sie wohl nicht erreicht. Habe nun durch den Herrn Pete­ro Ihre Adr. ein­ge­holt und möch­te Ihnen von Ihrer Frau Mut­ter berich­ten. Ich neh­me an, dass Fr. San. Rat Ihnen noch von ihrem Aus­zug von uns schrieb, da sie laut Vor­schrift in eine jüd. Fami­lie über­sie­deln muss­te. Zu uns durf­te sie nicht mehr kom­men, so besuch­te ich sie 2x in der Woche abends, wenn es dun­kel wur­de, und brach­te ihr Brot, Kuchen, Gel­lee und Ver­schie­de­nes zum Essen, wovon ich wuss­te, ich mache ihr eine beson­de­re Freu­de. Als die Nach­richt kam, sämt­li­che Juden müss­ten aus Wbn raus, nahm sie das gar nicht tra­gisch, weil man ihr ver­si­cher­te, sie kämen alle nach Wien in ein Damen­stift. So half ich ihr einen gr. Kof­fer packen, mit all ihren schöns­ten Sachen, und in 2. gr. Woll­de­cken die Matrat­zen, Feder- und Bett­zeug, so wie es Vor­schrift war.

Johanna Windmüller
Brief von Frau Bös­ser S. 2
HHStAW 518 37646 (6)

Am letz­ten Abend, als ich bei ihr war, sprach sie ziem­lich zuver­sicht­lich, dass die Nazis ja doch den Krieg ver­lie­ren wür­den, und sie sowie die Tour­kof­fer (?) von Wien wie­der zu mir zurück käme. Frau San. Rat. war ja immer ein Opti­mist. Von einem Sam­mel­la­ger aus ging, wie ich dann hör­te, in aller Frü­he der Zug nach Litz­mann­stadt (Polen) und von dem Ende der armen, armen Men­schen hat man zur Genü­ge gehört.
Dies war nun der Wunsch Ihrer so geschätz­ten Frau Mut­ter Ihnen unser letz­tes Zusam­men­sein zu berich­ten, im Fal­le ihr irgend etwas zusto­ßen wür­de. Die Sach­wer­te in dem jüd. Haus wur­den ja alle von der Gesta­po her­aus geholt und ver­stei­gert. Ja Herr Dr. es waren schwe­re Zei­ten, ich glau­be bestimmt, dass Ihre Frau Mut­ter in ihrem hohen Alter in Litz­mann­stadt einen raschen Tod fand, anders war es bei mei­nem Mann, der von 1939 bis 42 in 3erlei Lagern gequält wur­de, bis er 1942 in Buchen­wald starb. Sei­ne Urne habe ich mir hier her kom­men las­sen. Was man da an See­len­leid und Ver­bit­te­run­gen mit­mach­te, kann man nicht schildern.
5 Wochen nach dem Tod mei­nes Man­nes starb mei­ne Mut­ter. Es war eine schlim­me Zeit für mich. Gott­lob ist trotz der üblen Zer­stö­run­gen in der Rüdesh. Str. unser Haus und mei­ne Woh­nung bis auf Schön­heits­feh­ler heil geblie­ben. So hei­ra­te­te ich 3 Jah­re spä­ter einen Herrn, der mir in mei­nem Kum­mer stets zur Sei­te stand. Lei­der haben sich nun die Zei­ten so ver­schlech­tert, dass es heu­te ein trau­ri­ges Los ist in Deutsch­land zu leben. Die Pen­si­on habe ich auf­ge­ge­ben, d.h. mein Mann u. ich dür­fen nur 2 Zim­mer bewoh­nen, die ande­ren habe ich noch ver­mie­tet, aber ohne Ver­pfle­gung. Es ist ja heu­te eine Not für uns 2 eine Mal­zeit auf den Tisch zu brin­gen bei 150 Gramm Mar­ga­ri­ne und 400 gr. Fleisch im gan­zen Monat, kein Ei, kei­ne Milch und kei­ne Butter.
Hof­fent­lich haben Sie sich geehr­ter Herr Dr. gut ein­ge­lebt und erfreu­en sich einer guten Praxis.
Grü­ßen Sie bit­te Ihre Gemah­lin freundl. von mir, und bestä­ti­gen Sie mei­nen Brief bald­mög­lich, und sei­en Sie viel­mals gegrüßt von Ihrer
Emmy Bös­ser
[37]

Todes­fall­an­zei­ge für Johan­na Wind­mül­ler
https://​ca​.jewish​mu​se​um​.cz/​m​e​d​i​a​/​z​m​a​r​c​h​/​i​m​a​g​e​s​/​3​/​2​/​9​/​8​0​3​6​1​_​c​a​_​o​b​j​e​c​t​_​r​e​p​r​e​s​e​n​t​a​t​i​o​n​s​_​m​e​d​i​a​_​3​2​9​1​8​_​l​a​r​g​e​.​jpg

Johan­na Wind­mül­ler war nicht nach Litz­mann­stadt gebracht wor­den, wie Frau Bös­ser mein­te, schon gar nicht nach Wien, wie sie selbst zunächst hoff­te. Der Zug, den die Jüdin­nen und Juden am Mor­gen des 1. Sep­tem­ber 1942 an einem Neben­gleis des Haupt­bahn­hofs, das eigent­lich für die Vieh­trans­por­te des nahe gele­ge­nen Schlacht­hofs gedacht war, bestei­gen muss­ten, hat­te The­re­si­en­stadt zum Ziel. Aber – und das hat­te die Freun­din rich­tig ver­mu­tet – die Stra­pa­zen die­ses Trans­ports und das Lager selbst über­leb­te sie nur kurz. Nach nur drei Wochen ver­starb Johan­na Wind­mül­ler am 24. Sep­tem­ber 1942 im soge­nann­ten Alters­ghet­to von The­re­si­en­stadt.[38]

Aber auch die emi­grier­ten Fami­li­en der bei­den Söh­ne von Johan­na Wind­mül­ler wur­den durch die Fol­gen der NS-Herr­schaft auch in ihren Exil­län­dern noch hart getroffen.
Nur weni­ge Jah­re konn­te die Fami­lie von Wer­ner Wind­mül­ler das Leben in ihrer neu­en Hei­mat genie­ßen. Schon am 13. April 1951 ver­starb Wer­ner in der – so hat­te man gehofft – siche­ren Heim­statt, dem kurz zuvor gegrün­de­ten Staat Isra­el, mit nur 65 Jahren.
Die Toch­ter Ursu­la hei­ra­te­te 1958 in Isra­el Peter Wis­brun, einen Jugend­freund aus Rem­scheid. Er war der am 27. Novem­ber 1927 gebo­re­ne Sohn von Gus­tav und Her­ta Wis­brun, die in ihrer Hei­mat­stadt frü­her eines der füh­ren­den Tex­til­ge­schäf­te besa­ßen. Die Eltern hat­ten ihren Sohn ange­sichts der immer bedroh­li­che­ren Ver­fol­gung als Elf­jäh­ri­gen im Dezem­ber 1938 in ein Schwei­zer Kin­der­heim gebracht. Der ursprüng­li­che Plan, bald gemein­sam nach Paläs­ti­na aus­zu­wan­dern, schei­ter­te. Erst 1940 gelang es den Eltern, sich in einem ille­ga­len Trans­port über Wien und das Schwar­ze Meer Rich­tung Paläs­ti­na auszuschiffen.

Patria
Der Unter­gang der ‘Patria’
https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​P​a​t​r​i​a​_​d​i​s​a​s​t​e​r​#​/​m​e​d​i​a​/​F​i​l​e​:​S​i​n​k​i​n​g​_​o​f​_​t​h​e​_​P​a​t​r​i​a​_​(​1​9​4​0​)​.​jpg

Ihr Schiff war die berühm­te „Patria“, der damals von den Bri­ten die Anlan­dung dort ver­wei­gert wur­de. Auf deren Geheiß soll­ten die Flücht­lin­ge an Bord nach einer lan­gen und ent­beh­rungs­rei­chen Odys­see wei­ter nach Mau­ri­ti­us gebracht wer­den. Die mili­tan­te, zio­nis­ti­sche Haga­na-Orga­ni­sa­ti­on woll­te das ver­hin­dern. Der Spreng­satz, der nur ein Leck in das Schiff schla­gen soll­te, war falsch berech­net, sodass es in kür­zes­ter Zeit sank. Etwa 300 Men­schen kamen dabei ums Leben, dar­un­ter auch Peters Schwes­ter Suse.[39] Die übri­ge Fami­lie über­leb­te zwar, wur­de aber zunächst inter­niert. Nach all den Stra­pa­zen und dem Leid durch den Ver­lust der Toch­ter ver­starb Gus­tav Wis­brun schon im fol­gen­den Jahr. Als Peter dann 1945 end­lich auch nach Paläs­ti­na aus­wan­dern durf­te, fand er nur noch sei­ne Mut­ter vor. Sie wur­de 1981 in Isra­el begra­ben.[40]
Als Aus­druck ihrer israe­li­schen Iden­ti­tät, nahm Ursu­la Wind­mül­ler dort den Namen Esther an, als Fami­li­en­na­me wähl­ten sie und ihr Mann den Namen Ron statt Wisb­urn. Am 14. Okto­ber 1958 wur­de in Hai­fa als ers­tes Kind des Paa­res Dorit gebo­ren, am 12. April 1961 folg­te ihr Bru­der Gad. Die Fami­lie von Dorit lebt heu­te in den USA.

Die Lebens­um­stän­de von Wal­ter und sei­ner Frau Else in Uru­gu­ay blie­ben für die bei­den auch wei­ter­hin so schwie­rig, dass sich ihre Schwä­ge­rin Frie­da, die in Isra­el durch ihre Zuge­hö­rig­keit zum Kib­buz abge­si­chert war, im Juli 1955 auf ihre eige­nen Ansprü­che bzw. die ihres ver­stor­be­nen Man­nes zuguns­ten ihres Schwa­gers und ihrer Schwä­ge­rin ver­zich­te­te.[41]
Aber noch bevor die Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren zu Ende gekom­men waren, ver­starb Wal­ter am 17. Janu­ar 1957 in Mon­te­vi­deo im Alter von 73 Jah­ren.[42] Er teil­te damit das Schick­sal von vie­len Anspruchs­be­rech­tig­ten, die ver­star­ben, bevor die deut­sche Ent­schä­di­gungs­bü­ro­kra­tie ihre Ermitt­lun­gen zum Abschluss gebracht hat­te. Aller­dings waren schon zuvor eini­ge Vor­aus­zah­lun­gen an das Ehe­paar gezahlt wor­den, um deren Situa­ti­on zu erleichtern.

 

Ver­öf­fent­licht: 16. 11. 2017

Letz­te Revi­si­on: 10. 06. 2026

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Ein ganz beson­de­rer Dank sei vor­ab Dorit Ron, der Uren­ke­lin von Johan­na Wind­mül­ler, gesagt, die bereit­wil­lig ihr Fami­li­en­ar­chiv, im Beson­de­ren ihre Fotos, für die­se Doku­men­ta­ti­on zur Ver­fü­gung stellte.

[2] Der Stamm­va­ter der heu­te weit­ver­zweig­ten und in alle Welt zer­streu­ten Fami­lie Wind­mül­ler, die ursprüng­lich im ost­west­fä­li­schen Raum um Beckum ansäs­sig war, war der um 1680 gebo­re­ne Levi Wind­mül­ler. Fünf Gene­ra­tio­nen spä­ter wur­de am 8. April 1849 in Oel­de wie­der ein Levi Wind­mül­ler gebo­ren. Er war das sechs­te von ins­ge­samt acht Kin­dern des Kauf­manns Isaak bzw. Itzig Wind­mül­ler und sei­ner zwei­ten, am 4. Febru­ar 1840 geehe­lich­ten Frau Johan­na Jacob­son. Die Anga­ben sind der Wind­muel­ler Fami­ly Chro­nic­le, Rich­mond Vir­gi­nia 1981, ent­nom­men. Zur hier rele­van­ten Gene­ra­ti­on sie­he S. 122 f. Es las­sen sich aber alle Ver­bin­dun­gen zurück zum Stamm­va­ter Levi Wind­mül­ler und auch zu den ver­schie­de­nen ande­ren Zwei­gen der Fami­lie genau ver­fol­gen. Der Groß­va­ter von Lou­is war der 1780 gebo­re­ne Abra­ham Wind­mül­ler, des­sen Vater der 1741 gebo­re­ne Isaac Wind­mül­ler. Des­sen Vater wie­der­um, der 1705 gebo­re­ne Mey­er Wind­mül­ler, war der Sohn des Stamm­va­ters Levi. Die vom Leo-Baeck-Insti­tut digi­ta­li­sier­te Chro­nik ent­hält nicht nur genea­lo­gi­sche Daten, son­dern auch Erin­ne­run­gen der zumeist emi­grier­ten Fami­li­en­mit­glie­der an ihre Eltern und Groß­el­tern, außer­dem auch Bil­der zur Fami­li­en­ge­schich­te. Sie­he https://​archi​ve​.org/​d​e​t​a​i​l​s​/​w​i​n​d​m​u​e​l​l​e​r​f​a​m​i​l​y​f​004. (Zugriff: 10.10.2023). Sie­he auch https://​www​.bgv​-vel​bert​-har​den​berg​.de/​c​m​s​/​d​a​t​e​n​/​J​u​d​e​n​-​i​m​-​N​i​e​d​e​r​b​e​r​g​i​s​c​h​e​n​-​Z​w​e​i​t​e​-​e​r​w​e​i​t​e​r​t​e​-​A​u​f​l​a​g​e​-​2​0​1​2​.​pdf. Hier die Sei­ten 21–24. (Zugriff 31.05.2026).

[3] Sie­he zur Bio­gra­phie von Lou­is Wind­mül­ler Karl Fried­rich Her­haus, Die jüdisch-christ­li­che Epi­so­de des 1853 wie­der­be­grün­de­ten Gym­na­si­ums Arnol­dinum in Burg­stein­furt 1853–1937, Müns­ter 2013, S. 13. http://​www​.arnol​dinum​.de/​a​r​n​o​l​d​i​n​u​m​/​f​i​l​e​s​/​s​t​o​l​p​e​r​s​t​e​i​n​e​_​h​e​r​h​a​u​s​_​2​5​_​0​2​_​2​0​1​4​.​pdf. (Zugriff: 15.11.2017) — inzwi­schen ist die Sei­te vom Netz genom­men). Mög­li­cher­wei­se hat­te das Paar zuletzt in Elber­feld gelebt, zumin­dest besa­ßen sie hier zwei Wohn­grund­stü­cke, die nach dem Krieg zurück­er­stat­tet wur­den, sie­he HHStAW 518 37646 (4).

[4] Geburts­re­gis­ter Nevi­ges 98 /​ 1883.

[5] Wind­muel­ler Fami­ly Chro­nic­le, S. 123.

[6] http://​www​.pas​sa​gier​lis​ten​.de/. (Zugriff: 10.10.2023).

[7] HHStAW 518 37646 (19).

[8] https://​www​.bgv​-vel​bert​-har​den​berg​.de/​c​m​s​/​d​a​t​e​n​/​J​u​d​e​n​-​i​m​-​N​i​e​d​e​r​b​e​r​g​i​s​c​h​e​n​-​Z​w​e​i​t​e​-​e​r​w​e​i​t​e​r​t​e​-​A​u​f​l​a​g​e​-​2​0​1​2​.​pdf. (Zugriff: 10.10.2023).

[9] Hei­rats­re­gis­ter Dan­zig 625 /​ 1926. Ihre Eltern waren der Pri­va­tier Simon Levy und des­sen Frau Cäci­lie, gebo­re­ne Saen­ger, die bei­de in Dan­zig wohnten.

[10] https://​www​.bgv​-vel​bert​-har​den​berg​.de/​c​m​s​/​d​a​t​e​n​/​J​u​d​e​n​-​i​m​-​N​i​e​d​e​r​b​e​r​g​i​s​c​h​e​n​-​Z​w​e​i​t​e​-​e​r​w​e​i​t​e​r​t​e​-​A​u​f​l​a​g​e​-​2​0​1​2​.​pdf. (Zugriff: 10.10.2023). Nach Wind­muel­ler Fami­ly Chro­nic­le, S. 123, wur­de die Toch­ter in Rem­scheid gebo­ren. Die glei­che Anga­be fin­det sich bei Her­haus, Arnol­dinum, S. 14, anders in GENI, wonach die Toch­ter den Namen Esther erhielt bzw. ver­mut­lich ange­nom­men hat. Sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​i​n​d​e​x​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​2​6​7​8​6​5​5​032.

[11] Wind­muel­ler Fami­ly Chro­nic­le, S. 209, dazu auch Her­haus, Arnol­dinum, S. 13 f.

[12] https://www.velbert.de/gedenkbuch/suche/detailseite/?tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bgedenkbuch%5D=125&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Baction%5D=show&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bcontroller%5D=Gedenkbuch&cHash=218879386ae564b0a2f4d150be2ac8a3. (Zugriff: 15.11.2017).

[13] Dorit Ron Fami­ly Archiv.

[14] https://​www​.bgv​-vel​bert​-har​den​berg​.de/​c​m​s​/​d​a​t​e​n​/​J​u​d​e​n​-​i​m​-​N​i​e​d​e​r​b​e​r​g​i​s​c​h​e​n​-​Z​w​e​i​t​e​-​e​r​w​e​i​t​e​r​t​e​-​A​u​f​l​a​g​e​-​2​0​1​2​.​pdf. S. 23. (Zugriff 31.05.2026).

[15] HHStAW 685 852b (1) und 519/​3 852b (3).

[16] HHStAW 685 852a (12).

[17] HHStAW 518 37646 (4).

[18] Ebd. (17).

[19] HHStAW 519/​3 852b (2).

[20] Ebd. (13).

[21] HHStAW 518 37646. (8).

[22] Ebd. (18).

[23] HHStAW 519/​3 852a (17).

[24] Son­der; Tre­zip, Erkauf­te Hei­mat, S. 4.

[25] HHStAW 518 37646 (19).

[26] Ebd. (20).

[27] Dorit Ron Fami­ly Archiv.

[28] HHStAW 518 37646 (21).

[29] Dorit Ron Fami­ly Archiv. Sie schrieb:
„Kommt ein Kar­tel geflogen
zu Ursel Wind­mül­ler ins Haus
das hat Oma Wind, nicht gelogen,
denn vie­le Geburtstagsküsse
flie­gen mit hinaus.
Sei mei­ne innigst gelieb­te Ulla herz­lichst beglückwünscht.
Dir & Dei­nen Eltern alles Gute und Gruß und Kuss von Oma Windmüller“

Geschrie­ben wur­de die Kar­te in der Rüdes­hei­mer Str.1.

[30] Dorit Ron Fami­ly Archiv.

[31] Ebd. Geschrie­ben war der Brief in der Pen­si­on Conrady.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Zu JOINT sie­he https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​J​o​i​n​t​_​D​i​s​t​r​i​b​u​t​i​o​n​_​C​o​m​m​i​t​tee und https://​www​.jue​di​sche​-all​ge​mei​ne​.de/​j​u​e​d​i​s​c​h​e​-​w​e​l​t​/​e​i​n​-​j​a​h​r​h​u​n​d​e​r​t​-​h​i​l​fe/. (Zugriff 31.05.2026).

[35] Dorit Ron Fami­ly Archiv.

[36] Ebd.

[37] HHStAW 518 37646 (6–7). Wenn es oben heißt, dass Johan­na Wind­mül­ler in Frau Bös­ser eine Freun­din gefun­den zu haben scheint, dann will die­se vor­sich­ti­ge For­mu­lie­rung zum Aus­druck brin­gen, dass die Hal­tung von Frau Bös­ser in den Jah­ren des Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht so ein­deu­tig war, wie der Brief nahe­legt. Frau Bös­ser hat­te am 14.6.1927 in Wies­ba­den, damals noch als Frau Emi­lie Wirs­dör­fer, gebo­ren am 10.10.1899 in Wies­ba­den, den aus Polen stam­men­den Juden Isaak Ernst Rosen­zweig, gebo­ren am 26.4.1898 in Bend­zin, gehei­ra­tet. Sie­he Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 399 /​ 1927. In allen Doku­men­ten ist ihr Mäd­chen­na­me Wirs­dör­fer ergänzt mit dem Zusatz „genannt Con­ra­dy“, den bereits die Eltern in ihrem Namen führ­ten. Davon abge­lei­tet wur­de der Name der Pension.
Ihr Ehe­mann von Emi­lie, der Manu­fak­tur­wa­ren­händ­ler Ignatz Ernst Rosen­zweig wur­de, wie auch im Brief ange­spro­chen, am 9.9.1939 ver­haf­tet und durch­lief im Wei­te­ren die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ora­ni­en­burg, Dach­au und zuletzt Buchen­wald, wo er am 14.6.1942 ermor­det wur­de, sie­he Ster­be­re­gis­ter Wei­mar II 1203 /​ 1942.
Noch vor sei­nem Tod hat­te sei­ne Ehe­frau, die spä­te­re Frau Bös­ser, die Schei­dung ein­ge­reicht. Zu die­sem Zweck war für den 2.6.1942 ein Pro­zess vor dem Land­ge­richt in Wies­ba­den anbe­raumt wor­den. Isaak Rosen­zweig befand sich zu die­sem Zeit­punkt im KZ Buchen­wald. Im Begrün­dungs­schrei­ben des Anwalts heißt es in einem gestelz­ten Juristendeutsch:
„Die Auf­he­bungs­kla­ge wird auf § 37 des E.G. gestützt. Der Beklag­te ist Jude und hat sich die Klä­ge­rin bei Schlie­ßung der Ehe über die­se Eigen­schaft des Beklag­ten geirrt. Nach dem heu­ti­gen Stand der Din­ge hät­te sie nie­mals mit dem Beklag­ten die Ehe geschlos­sen. Dazu kommt, dass der Beklag­te seit 9.9.1939 ver­haf­tet ist und sich im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger befin­det und besteht kei­ne Aus­sicht, dass er aus dem­sel­ben ent­las­sen wird, zumal er pol­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ist. Die Klä­ge­rin hat sich infol­ge ihrer Ehe­schlies­sung die größ­ten Unan­nehm­lich­kei­ten zuge­zo­gen und ist ihr ver­schie­dent­lich von behörd­li­cher Sei­te nahe­ge­legt wor­den, sich schei­den zu las­sen, andern­falls sie ihrem Beruf als Pen­si­ons­lei­te­rin nicht mehr nach­ge­hen darf. Ueber all die­se Fol­gen der Ehe­schlie­ßung mit einem Juden war sich die Klä­ge­rin bis­her nicht im Klaren. (…)
Die Ehe ist durch das Ver­hal­ten des Beklag­ten und durch sei­ne Ver­haf­tung voll­stän­dig zer­rüt­tet. Auch der Beklag­te selbst wünscht die Auf­he­bung der Ehe.“ HHStAW 518 863 I (13 f.).
Es ist schwer zu beur­tei­len, ob die Aus­füh­run­gen des Anwalts tat­säch­lich den Wil­len der Noch-Ehe­frau von Isaak Rosen­zweig zum Aus­druck brin­gen und sie tat­säch­lich selbst eine Auf­lö­sung der Ehe wünsch­te. Ganz offen­sicht­lich war erheb­li­cher Druck auf sie aus­ge­übt wor­den, und gera­de von­sei­ten des Juden­re­fe­ren­ten Bode­wig sind sol­che Inter­ven­tio­nen hin­läng­lich bekannt. Sie­he dazu oben im Kapi­tel über Juli­us Nathan und auch die dor­ti­ge Anm. 24. Ver­mut­lich wur­de auch Isaak Rosen­zweig im KZ ent­spre­chend unter Druck gesetzt, viel­leicht war ihm sogar die Haft­ent­las­sung ver­spro­chen wor­den. All das wird sich nicht mehr klä­ren las­sen. Aber es gab eben auch vie­le Part­ner bzw. Part­ne­rin­nen in sol­chen Misch­ehen, die, um Unan­nehm­lich­kei­ten aus dem Weg zu gehen, sich sehr schnell dem Wil­len der NSDAP beug­ten und bereit­wil­lig einer Schei­dung zustimm­ten. Dass man nach dem Krieg sein eige­nes Ver­hal­ten gera­de gegen­über den Ange­hö­ri­gen der Opfer in ein bes­se­res Licht zu rücken ver­such­te, ist nach­voll­zieh­bar, zumal die Aus­sa­gen für die­se nicht oder kaum über­prüf­bar waren.
Es gibt aber noch einen Aspekt in die­sem Brief, der irri­tiert, näm­lich das angeb­li­che Ziel des Trans­ports vom 1. Sep­tem­ber. Es war schon zu die­sem Zeit­punkt bekannt, dass der Zug nach The­re­si­en­stadt fah­ren wür­de. Es wur­den ja sogar die Heimein­kaufs­ver­trä­ge genau für das Alters­ghet­to The­re­si­en­stadt abge­schlos­sen. Litz­mann­stadt /​ Lodz stand damals nicht zur Debat­te. Und selbst wenn man 1942 unsi­cher über das tat­säch­li­che Ziel gewe­sen sein soll­te, 1947, als Frau Bös­ser den Brief an Wal­ter Wind­mül­ler schrieb, gab es kei­nen Zwei­fel mehr, wohin man auch Johan­na Wind­mül­ler gebracht hat­te. Hat­te sie sich am Ende so wenig für das Schick­sal der damals Depor­tier­ten inter­es­siert, dass sie das nicht wusste?
Man muss hof­fen, dass trotz die­ser sicher pro­ble­ma­ti­schen Aspek­te in der Bio­gra­phie von Frau Rosen­zweig bzw. Bös­ser sie in der Zeit, in der Johan­na Wind­mül­ler in ihrer Pen­si­on wohn­te, sie ihr eine Freun­din und Stüt­ze gewe­sen war.
Bevor ihre Schei­dung von Isaak Rosen­zweig rechts­kräf­tig wur­de, kam ihr Mann noch im Som­mer 1942 in Buchen­wald ums Leben. Am 7.7.1945 hei­ra­te­te sie in Wies­ba­den den Stu­di­en­rat Dr. Rein­hard Bös­ser, eben­falls seit Jah­ren Mie­ter im Haus Rüdes­hei­mer Str. 1, wo auch  ihre Pen­si­on ein­ge­rich­tet war. Sie­he Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 481 /​ 1945.

[38] Ihre Enke­lin hat ihr in Yad-Vas­hem ein Erin­ne­rungs­blatt gewid­met, auf dem auch ein Bild von Johan­na Wind­mül­ler zu sehen ist. http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Windm%C3%BCller&s_firstName=Johanna&s_place=.

[39] Zur Kata­stro­phe der ‚Patria’ sie­he u.a. https://​www​.haga​lil​.com/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​0​0​/​1​1​/​p​a​t​r​i​a​.​htm. (Zugriff: 10.10.2023).

[40] Zum Schick­sal der ehe­ma­li­gen jüdi­schen Schü­le­rin­nen und Schü­ler des Leib­niz Gym­na­si­ums in Rem­scheid hat die Schu­le eine sehr umfas­sen­de Sei­te online gestellt, der auch die hier dar­ge­leg­ten Infor­ma­tio­nen zu Peter Wis­brun /​ Ron ent­nom­men sind. Man fin­det dort auch einen Brief, den die­ser 2011 an die Schu­le geschrie­ben hat. Sie­he https://​www​.leib​niz​-rem​scheid​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​6​/​0​9​/​J​a​h​r​e​s​s​c​h​r​i​f​t​_​2​0​1​1​.​pdf. (Zugriff: 10.10.2023. Der Brief ist inzwi­schen lei­der von der Home­page ent­fernt wor­den, (Zugriff 31.05.2026).

[41] HHStAW 518 37646 (28, 53).

[42] Ebd. (1).