Johanna Windmüller

 Als Letzte kam am 14 April 1942 die Witwe Johanna Windmüller in die Albrechtstr. 13. Ursprünglich stammte sie aus dem Städtchen Bünde in der Nähe von Herford in Westfalen. Hier war sie am 18. Juni 1858 als Tochter von Leser Gans geboren worden. Während über ihren familiären Hintergrund sonst nichts bekannt ist, auch den Namen der Mutter weiß man nicht, reicht die Familienchronik ihres Mannes Levi oder Louis Windmüller zurück bis in das 17., möglicherweise sogar in das 16. Jahrhundert.[1] Johanna und Louis heirateten am 1. Dezember 1880 in Bünde, dem Heimatort der Ehefrau.[2]

1872 hatte Levi Windmüller Abitur ein Abitur abgelegt und anschließend ein Medizinstudium aufgenommen, das er mit einer Promotion zum Dr. med. abschließen konnte. Im westfälischen Neviges, wo das Paar lebte, praktizierte Louis, wie er sich selbst nannte, als Sanitätsrat, praktischer Arzt und Geburtshelfer. Aber auch politisch war Louis Windmüller zumindest auf kommunaler Ebene aktiv. Als Mitglied der „Freisinnigen Partei“, die zum fortschrittlichen Flügel des Liberalismus im Deutschen Kaiserreich zu zählen ist, war er zum Beigeordneten des Gemeinderats gewählt worden. Nach der Revolution legte er 1919 dieses Mandat nieder. Ob ihn dazu politische Gründe, sein Alter oder womöglich sein Gesundheitszustand veranlasst hatten, ist nicht bekannt. Er starb aber bald darauf am 21. August 1921 im Alter von 72 Jahren in Wuppertal Elberfeld.[3]

In Neviges waren zuvor auch die beiden Söhne des Paares geboren worden, zunächst am 2. März 1883 Walter, dann am 5. Juni 1886 Werner.[4] Walter studierte wie sein Vater Medizin, promovierte 1911 und übernahm später die Praxis des Vaters. Nach Briefen, auf die in der Familien-Chronik Bezug genommen wird, war Walter einer der Ersten, die sich noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Freiwillige beworben hatte. Vom 20. August 1914 bis zum Kriegsende im November 1918 diente er hauptsächlich als Truppenarzt an der Front. Nach Kriegsende wurde er vom Landrat beauftragt, die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu übernehmen. Nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren und es zu Konflikten mit ihnen und den Krankenkassen kam, zog er nach Köln.

Sein Bruder Werner absolvierte ein Pharmaziestudium und führte zunächst in Remscheid eine Apotheke, bis auch er durch die NS-Diktatur zur Aufgabe gezwungen wurde. [5]

Über den Zeitpunkt, seit wann Johanna Windmüller Bürgerin der Stadt Wiesbaden war, machen die Quellen unterschiedliche Aussagen. So ist auf ihrer Gestapo-Karteikarte als Zugangsdatum der 28. Oktober 1926 festgehalten, im Gedenkbuch der Velberter Opfer des Nationalsozialismus ist ihr Umzug nach Wiesbaden allerdings erst auf den 21. November 1933 datiert. Als neue Adresse in Wiesbaden ist die Tannenbergerstr. 34 angegeben,[6] weitere Anschriften sind auf ihrer Gestapo-Karteikarte vermerkt. Sie beginnen zunächst ohne Datumsangabe mit der Sonnenberger Str. 24, es folgt ab dem 26. November 1938 das Haus Leberberg 11a und ab dem 2. April 1939 die Rüdesheimer Str. 1.

Über die Zeit von Johanna Windmüller hier in Wiesbaden gibt es nicht sehr viele Informationen. Auch sie wurde Ende 1938 bei einem Gesamtvermögen von 28.000 RM zunächst zur Zahlung der Judenvermögensabgabe in Höhe von 7.000 RM gezwungen, aber auch sie wird die fünfte Rate ein Jahr später noch zu zahlen gehabt haben.[7]

Über den Grund, weshalb sie am 18. Juni 1938 laut Eintrag auf der Gestapo-Karteikarte aus der Israelischen Kultusgemeinde ausgetreten war, kann man nur Mutmaßungen anstellen. Die Hoffnung, so den Repressionen der Nazis entgehen zu können, wird nach der Verabschiedung der Rassegesetze wohl kaum noch der Grund gewesen sein können. Wahrscheinlicher sind dagegen Gründe weltanschaulicher Natur, da ja auch ihr verstorbener Ehemann als „Freisinniger“ kirchlichen Einrichtungen gegenüber eher eine distanzierte Haltung eingenommen hatte. Diese Haltung mag noch dadurch bestärkt worden sein, dass die Jüdische Gemeinden nicht nur keinen Schutz vor den Angriffen des NS-Apparats bieten konnten, sich vielmehr für manchen sogar als Teil dieses Systems darstellten.

Ihren beiden Söhnen war es inzwischen gelungen, Deutschland zu verlassen. Walter Windmüller, der am 14. November 1920 in Sayn bei Koblenz die am 18. April 1891 dort geborene Else Jacoby geheiratet hatte, war mit ihr Ende August 1938 in die Uruguay emigriert. Schon zuvor war der jüngere Bruder Werner 1936 zunächst nach Jugoslawien und von da weiter nach Palästina geflüchtet, wo er später in Kiryat Dialik wieder eine Apotheke besaß. Auch er hatte zuvor geheiratet. Aus der Ehe mit seiner aus Danzig stammenden Frau Friedel, geborene Lewy, ist zumindest eine Tochter hervorgegangen.[8]

Allem Anschein nach waren zumindest die drei Jahre, die sie vor dem Einzug in da Judenhaus Albrechtsraße noch in der Rüdesheimer Str. 1 verbringen konnte, trotz aller Einschränkungen und Erniedrigungen im Alltag, eine relativ gute Zeit gewesen sein, zumindest scheint sie in ihrer Vermieterin, ganz offensichtlich eine Arierin, eine Freundin gefunden zu haben.

Ein Brief, den diese Frau Bässer 1947 an den emigrierten Sohn Walter Windmüller schrieb, ist Beleg dafür. Er ist zudem von besonderem Interesse, weil die Verfasserin hierin explizit bezeugt, dass der Umzug von Johanna Windmüller in das Judenhaus Albrechtstr. 13 erzwungen war. Aber auch in anderer Hinsicht ist dieser Brief, in dem es primär um den letzten Abend vor der Deportation geht, ein wichtiges Zeitdokument, zum einen im Hinblick auf die Deportationen selbst, zum anderen aber auch für die Stimmung und Verarbeitungsmechanismen der Betroffenen unmittelbar nach dem Krieg. Er soll deshalb hier in Gänze zitiert werden:

Wiesbaden 14.12.47

Sehr geehrter Herr Dr. Windmüller
Ich hatte vor einem Jahr bereits einen ausführlichen Brief an Sie geschrieben, doch da ich keine Str. wusste, hat dieser Sie wohl nicht erreicht. Habe nun durch den Herrn Petero Ihre Adr. eingeholt und möchte Ihnen von Ihrer Frau Mutter berichten. Ich nehme an, dass Fr. San. Rat Ihnen noch von ihrem Auszug von uns schrieb, da sie laut Vorschrift in eine jüd. Familie übersiedeln musste. Zu uns durfte sie nicht mehr kommen, so besuchte ich sie 2x in der Woche abends, wenn es dunkel wurde, und brachte ihr Brot, Kuchen, Gellee und Verschiedenes zum Essen, wovon ich wusste, ich mache ihr eine besondere Freude. Als die Nachricht kam, sämtliche Juden müssten aus Wbn raus, nahm sie das gar nicht tragisch, weil man ihr versicherte, sie kämen alle nach Wien in ein Damenstift. So half ich ihr einen gr. Koffer packen, mit all ihren schönsten Sachen, und in 2. gr. Wolldecken die Matratzen, Feder- und Bettzeug, so wie es Vorschrift war.
Am letzten Abend, als ich bei ihr war, sprach sie ziemlich zuversichtlich, dass die Nazis ja doch den Krieg verlieren würden, und sie sowie die Tourkoffer (?) von Wien wieder zu mir zurück käme. Frau San. Rat. war ja immer ein Optimist. Von einem Sammellager aus ging, wie ich dann hörte, in aller Frühe der Zug nach Litzmannstadt (Polen) und von dem Ende der armen, armen Menschen hat man zur Genüge gehört.
Dies war nun der Wunsch Ihrer so geschätzten Frau Mutter Ihnen unser letztes Zusammensein zu berichten, im Falle ihr irgend etwas zustoßen würde. Die Sachwerte in dem jüd. Haus wurden ja alle von der Gestapo heraus geholt und versteigert. Ja Herr Dr. es waren schwere Zeiten, ich glaube bestimmt, dass Ihre Frau Mutter in ihrem hohen Alter in Litzmannstadt einen raschen Tod fand, anders war es bei meinem Mann, der von 1939 bis 42 in 3erlei Lagern gequält wurde, bis er 1942 in Buchenwald starb. Seine Urne habe ich mir hier her kommen lassen. Was man da an Seelenleid und Verbitterungen mitmachte, kann man nicht schildern.
5 Wochen nach dem Tod meines Mannes starb meine Mutter. Es war eine schlimme Zeit für mich. Gottlob ist trotz der üblen Zerstörungen in der Rüdesh. Str. unser Haus und meine Wohnung bis auf Schönheitsfehler heil geblieben. So heiratete ich 3 Jahre später einen Herrn, der mir in meinem Kummer stets zur Seite stand. Leider haben sich nun die Zeiten so verschlechtert, dass es heute ein trauriges Los ist in Deutschland zu leben. Die Pension habe ich aufgegeben, d.h. mein Mann u. ich dürfen nur 2 Zimmer bewohnen, die anderen habe ich noch vermietet, aber ohne Verpflegung. Es ist ja heute eine Not für uns 2 eine Malzeit auf den Tisch zu bringen bei 150 Gramm Margarine und 400 gr. Fleisch im ganzen Monat, kein Ei, keine Milch und keine Butter.
Hoffentlich haben Sie sich geehrter Herr Dr. gut eingelebt und erfreuen sich einer guten Praxis.
Grüßen Sie bitte Ihre Gemahlin freundl. von mir, und bestätigen Sie meinen Brief baldmöglich, und seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrer
Emmy Bösser[9]

Johanna Windmüller war nicht nach Litzmannstadt gebracht worden, wie Frau Bässer meinte, schon gar nicht nach Wien, wie sie selbst zunächst hoffte, der Transport vom 1. September 1942, auf dem man ihr die Nummer 932 zugewiesen hatte, ging nach Theresienstadt. Aber – und das hatte die Freundin richtig vermutet –die Strapazen dieses Transports und das Lagerleben überlebte sie nur kurz. Nach nur drei Wochen verstarb sie am 24. September 1942.[10]

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Der Stammvater der heute weitverzweigten und in alle Welt zerstreuten Familie Windmüller, die ursprünglich im ostwestfälischen Raum um Beckum ansässig war, war der um 1680 geborene Levi Windmüller. Fünf Generationen später wurde am 8. April 1849 in Oelde wieder ein Levi Windmüller geboren. Er war das sechste von insgesamt acht Kindern des Kaufmanns Isaak bzw. Itzig Windmüller und seiner zweiten, am 4. Februar 1840 geehelichten Frau Johanna Jacobson. Die Angaben sind der Windmueller Family Chronicle, Richmond Virginia 1981, entnommen. Zur hier relevanten Generation siehe S. 122 f. Es lassen sich aber alle Verbindungen zurück zum Stammvater Levi Windmüller und auch zu den verschiedenen anderen zweigen der Familie genau verfolgen. Der Großvater von Louis war der 1780 geborene Abraham Windmüller, dessen Vater der 1741 geborene Isaac Windmüller. Dessen Vater, der 1705 geborene Meyer Windmüller war der Sohn des Stammvaters Levi. Die vom Leo-Baeck-Institut digitalisierte Chronik enthält nicht nur genealogische Daten, sondern auch Erinnerungen der zumeist emigrierten Familienmitglieder an ihre Eltern und Großeltern, außerdem auch Bilder zur Familiengeschichte. Siehe https://archive.org/details/windmuellerfamilyf004.

[2] Zuvor war er kurz mit der Johannas Schwester verheiratet, die aber bald nach der Hochzeit verstarb.

[3] Siehe zur Biographie von Louis Windmüller Karl Friedrich Herhaus, Die jüdisch-christliche Episode des 1853 wiederbegründeten Gymnasiums Arnoldinum in Burgsteinfurt 1853-1937, Münster 2013 S. 13. http://www.arnoldinum.de/arnoldinum/files/stolpersteine_herhaus_25_02_2014.pdf. Möglichweise hatte das Paar zuletzt in Elberfeld gelebt, zumindest besaßen sie hier zwei Wohngrundstücke, die nach dem Krieg zurückerstattet wurden, siehe HHStAW 518 37646 (4).

[4] Windmueller Family Chronicle, a.a.O. S. 123.

[5]. Windmueller Family Chronicle, a.a.O. S. 209, dazu auch Herhaus, Arnoldinum, a.a.O., S. 13 f.

[6] https://www.velbert.de/gedenkbuch/suche/detailseite/?tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bgedenkbuch%5D=125&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Baction%5D=show&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bcontroller%5D=Gedenkbuch&cHash=218879386ae564b0a2f4d150be2ac8a3. (Zugriff: 15.11.2017).

[7] HHStAW 518 37646 (8)..

[8] HHStAW 518 37646 (5). Nach Windmueller Family Chronicle, a.a.O. S. 123 hieß die Tochter Ursel und wurde am 15.6.1927 in Remscheid geboren, die gleichen Angaben finden sich bei Herhaus, Arnoldinum, a.a.O., S. 14, anders in GENI, wo die Tochter den Namen Esther hat, inzwischen verheiratet ist und Mutter zweier Kinder ist. Siehe https://www.geni.com/family-tree/index/6000000002678655032.

[9] HHStAW 518 37646 (6-7).

[10] Ihre Enkelin hat ihr in Yad-Vashem ein Erinnerungsblatt gewidmet, auf dem auch ein Bild von Johanna Windmüller zu sehen ist. http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Windm%C3%BCller&s_firstName=Johanna&s_place=.