Johanna Windmüller


Hirschkind, Dora
Das Judenhaus in der Albrechtstr. 13 heute
Eigene Aufnahme
Judenhaus Wiesbaden, Liebmann, Albert
Lage des ehemaligen Judenhauses Albrechtstr. 13
Albrechtstrf. 13, Judenhaus, Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Albrechtstr. 13

 

 

 

 

 

 


Stammbaum der Familie Windmüller
GDB

Als Letzte kam am 14. April 1942 die Witwe Johanna Windmüller in die Albrechtstr. 13.[1] Ursprünglich stammte sie aus dem Städtchen Bünde in der Nähe von Herford in Westfalen. Hier war sie am 18. Juni 1858 als Tochter von Leser Gans / Ganz geboren worden. Die Familie gehörte zu den etablierten Geschäftsleuten der Stadt, die sich auch aktiv am Leben der dortigen jüdischen Gemeinde beteiligte. Erstaunlich ist allerdings, dass der Name von Johannas Mutter nicht überliefert wurde.

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller
Isaac Abraham Windmüller
https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/collection/1030/tree/172596833/person/252242773237/media/2b58cd46-4405-42ea-8340-d7df387bc390?_phsrc=Ekt1226&usePUBJs=true
Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller, Frieda Levy, Judenhaus Albrechtstr. 13, Wiesbaden
Johanna Channa Windmüller, geborene Jacobsen
https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/collection/1030/tree/172596833/person/252242773207/media/1811b23e-d54a-4356-83b7-d62ddb09ef41?_phsrc=Ekt1229&usePUBJs=true

Umso umfassender ist die Familienchronik ihres Mannes Levi oder – wie er sich selbst nannte – Louis Windmüller, die weit zurück bis in das 17., möglicherweise sogar in das 16. Jahrhundert reicht.[2] Seine Eltern waren Isaac Abraham Windmüller und dessen zweite Frau Johanna Channa, geborene Jabobsen. 1872 hatte er sein Abitur abgelegt und anschließend ein Medizinstudium aufgenommen, das er mit einer Promotion abschließen konnte.

Neviges, Elberfelder Straße, wo die Familie Windmüller wohnte

Nach ihrer Verlobung, von der man zwar nicht weiß, wann sie stattfand, von der aber zumindest die Anzeige erhalten geblieben ist, gingen Johanna Ganz und Louis Windmüller, am 1. Dezember 1880 in Bünde, dem Heimatort der Ehefrau, die Ehe ein.

Verlobungsanzeige von Johanna Ganz und Louis Windmüller
Mit Dank an Dorit Ron
Louis und Johanna Windmüller um 1890 in Neviges
Mit Dank an Dorit Ron

Im westfälischen Neviges, wo das Paar später in der Elberfelder Str. 21 lebte, praktizierte Louis Windmüller seit 1877 als Sanitätsrat, praktischer Arzt und Geburtshelfer.

Aber auch politisch war er zumindest auf kommunaler Ebene aktiv. Als Mitglied der „Freisinnigen Partei“, die zum fortschrittlichen Flügel des Liberalismus im Deutschen Kaiserreich zu zählen ist, war er zum Beigeordneten des Gemeinderats gewählt worden. Nach der Revolution legte er 1919 dieses Mandat nieder. Ob ihn dazu politische Gründe, sein Alter oder womöglich sein Gesundheitszustand veranlasst hatten, ist nicht bekannt. Er starb aber bald darauf am 21. August 1921 im Alter von 72 Jahren in Wuppertal-Elberfeld.[3]

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller
Seite aus der Windmueller-Family Collection mit der Seite über die Familie von Louis und Johanna Windmüller
https://archive.org/details/windmuellerfamilyf004/page/n89/mode/2up

In Neviges waren zuvor auch die beiden Söhne des Paares geboren worden, zunächst am 2. März 1883 Walter,[4] dann am 5. Juni 1886 Werner.[5] Walter trat in die Fußstapfen seines Vaters und studierte in Bonn, Würzburg, Berlin und Heidelberg Medizin, promovierte 1911 und übernahm noch im selben Jahr die Praxis des Vaters. Nach Briefen, auf die in der Familien-Chronik Bezug genommen wird, war Walter einer der Ersten, die sich noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Freiwillige gemeldet hatten. Vom 20. August 1914 bis zum Kriegsende im November 1918 diente er hauptsächlich als Truppenarzt an der Front. Nach Kriegsende wurde er vom Landrat beauftragt, die medizinische Versorgung der Bevölkerung des Kreises zu übernehmen. Am 14. November 1920 heiratete er in Sayn bei Koblenz die am 18. April 1891 dort geborene Else Jacoby. Die Ehe blieb kinderlos, aber die Tatsache, dass das Paar am 22. Juli 1930 von Bremerhaven aus zu einer Gesellschaftsreise zum Nordkap aufbrechen konnte, zeigt seinen gehobenen Lebensstandard.[6] Sein durchschnittliches Jahreseinkommen lag zwischen 25.000 RM und 40.000 RM.[7] Aber schon bald nachdem die Nazis an die Macht gekommen waren, kam es zu Konflikten mit der Partei und den Krankenkassen, weshalb das Paar am 30. August 1937 Neviges verließ und nach Köln zog.[8]

Sein Bruder Werner absolvierte ein Pharmaziestudium und führte zunächst in Remscheid eine Apotheke. 1926 ehelichte er Frieda / Friedel Levy, die am 21. Oktober 1902 in Danzig geboren worden war.[9] Im folgenden Jahr wurde ihnen am 15. Juni eine Tochter geschenkt, die den Namen Ursula / Ursel erhielt.[10] Auch Werner Windmüller wurde unter der NS-Diktatur zur Aufgabe seines Geschäfts gezwungen.[11]

Familie Windmüller
v.l.n.r.: Friedel, Werner, Johanna, Walter und Else Windmüller
Mit Dank an Dorit Ron

Über den Zeitpunkt, seit wann Johanna Windmüller Bürgerin der Stadt Wiesbaden war, machen die Quellen unterschiedliche Aussagen. So ist auf ihrer Gestapo-Karteikarte als Zugangsdatum der 28. Oktober 1926 festgehalten. Auf welcher Basis diese Datierung erfolgte, ist allerdings unklar, denn die Kartei selbst wurde erst 1938 angelegt. Allerdings könnte auf die damals noch existierenden Unterlagen der Meldebehörden zurückgegriffen worden sein. Im Gedenkbuch der Velberter Opfer des Nationalsozialismus ist ihr Umzug erst auf den 21. November 1933 datiert.[12]

„Oma Win“ mit Enkeltochter Ursula, um 1930
Mit Dank an Dorit Ron

Aber diese Angabe ist definitiv falsch, denn in ihrem Nachlass befand sich eine Postkarte, die, datiert auf den 30. Juni 1930, zur Erinnerung an den „Tag der Befreiung“ an ihre damals gerade drei Jahre alt gewordene Enkelin Ursula gerichtet war. An diesem Tag hatten die französischen Truppen fünf Jahre vor dem eigentlich festgelegten Termin das Rheinland geräumt, das sie seit Ende des Ersten Weltkriegs besetzt hielten. Auch in Wiesbaden, wo ebenfalls französische Truppen stationiert waren, hatte dieses Ereignis eine nationale Welle der Begeisterung ausgelöst, die offensichtlich auch Johanna Windmüller ergriffen hatte: „Frei ist der Rhein und soll es immer bleiben“, hatte sie auf die Karte geschrieben. Wichtiger im Hinblick auf ihre Biografie ist aber die Absenderangabe „Wiesbaden Sonnenberger Str. 24“,[13] die auf ihrer Gestapokarteikarte erst als zweite Anschrift aufgeführt ist. Demnach hatte sie mit Sicherheit schon vor 1930 in Wiesbaden gewohnt. Da als erste Adresse auf dieser Karte die Tannenbergerstr. 34 angegeben ist, eine Straße in Biebrich, die bis Mai 1933 den Namen des Arbeiterführers Karl Liebknechts trug, könnte das dort ebenfalls vermerkte Zugangsdatum 28. Oktober 1926 tatsächlich richtig sein. Leider sind die städtischen Meldeunterlagen im Krieg zerstört worden, weshalb eine gesicherte Zeitangabe bezüglich ihres Umzugs nach Wiesbaden nicht möglich ist.
Da es sich bei der Adresse Sonnenberger Str. 24 um die Pension ‚Helene’ handelt, ist es nachvollziehbar, wieso ihr Name nicht in den städtischen Adressbüchern verzeichnet ist. Nicht zu erklären ist aber, weshalb sie auch nicht in dem 1935 erschienenen Jüdischen Adressbuch aufgeführt ist.
Laut ihrer Gestapokarteikarte wechselte sie am 26. November 1938 erneut ihr Quartier. Das Haus Leberberg 11a war ebenfalls eine Pension, die den schönen Namen ‚Internationales Fremdenheim’ trug. Ob die nur wenige Tage zuvor stattgefundene Reichspogromnacht der Grund für den Umzug war, man jüdische Bewohner in dem Haus nicht mehr dulden wollte, ist naheliegend, aber nicht zu belegen.

Das letzte Foto von Johanna Windmüller
Mit Dank an Dorit Ron

Schon seit einigen Jahren vor ihrem Umzug nach Wiesbaden war Johanna Windmüller Witwe geworden. Nach dem Tod ihres Ehemannes am 21. August 1921,[14] der auf dem jüdischen Friedhof Am Weinberg in Wuppertal-Elberfeld beigesetzt worden war, blieb Johanna Windmüller bis zu ihrem Lebensende alleinstehend. Wie viele andere ältere und vermögende Herrschaften zog es wohl auch sie in die beliebte Kurstadt am Rhein. Als recht betuchte Privatiere konnte sie sich in Wiesbaden über die gesamte Zeit die Unterbringung in einer der vielen Pensionen leisten.

Ihr Vermögen weckte selbstverständlich auch die Begehrlichkeiten des klammen NS-Staates. Da waren zunächst die Immobilien. In der Vermögenserklärung, die abzugeben auch Johanna Windmüller mit Stand 27. April 1938 gezwungen wurde, gab sie das Haus Adolf-Hitler-Str. 72 in Neviges an, das Haus, in dem sie früher mit ihrem Mann und den Kindern gewohnt hatte. Es war 1935 mit einem Einheitswert von 14.900 RM taxiert worden.[15] Das ehemalige Einfamilienhaus war inzwischen zum Mehrfamilien-Mietshaus umgebaut worden und die Eigentümerin hatte es 1939 noch einmal aufwendig für 10.000 RM renovieren lassen. Um die Renovierung bezahlen zu können, hatte sie sogar bei ihrem Sohn Walter eine Hypothek über 8.000 RM aufgenommen und ins Grundbuch eintragen lassen.[16]
Den Akten des Entschädigungsverfahrens ist zu entnehmen, dass sie neben diesem Haus auch noch im Besitz zweier Häuser in Wuppertal-Elberfeld war, die sie in der oben genannten Vermögenserklärung aber nicht angegeben hatte. Es handelt sich um die zwei Gebäude in der Elberfelder Str. 21 und 72. Auch in späteren Vermögenserklärungen tauchen die nicht auf, wurden aber ihren Erben 1950 und 1951 zurückerstattet, nachdem das Deutsche Reich sich diese nach ihrer Deportation angeeignet hatte.[17]
Daneben besaß sie aber auch ein Wertpapierdepot in Höhe von etwa 35.000 RM [18] und Hypothekenforderungen, die nicht unbeträchtliche Zinserträge abwarfen. Goldpfandbriefe im Wert von 4.000 RM hatte sie noch 1937 gegen eine lebenslange Rente eingetauscht.[19]

Johanna Windmüller
Johanna Windmüller bittet vergebens um den Erlass der 5. Rate der Judensteuer
HHStAW 685 852b (18)

Als nach der Reichspogromnacht Johanna Windmüller zur Zahlung der Judenvermögensabgabe, der „Judensteuer“, herangezogen wurde, errechnete das Finanzamt Wiesbaden ein Gesamtvermögen von 36.700 RM, wobei die beiden Häuser in Wuppertal in der Aufstellung allerdings fehlten! Davon wurde die Hypothek ihres Sohnes abgezogen, sodass 28.000 RM zur Grundlage der Berechnung gemacht wurden. In vier Raten mit je 1.400 RM sollte sie zusammen 5.600 RM abgeben.[20] Um die Summe aufbringen zu können, musste sie sich von einem großen Teil ihrer Wertpapiere trennen.[21] Als im folgenden Jahr auch von ihr die zusätzliche 5. Rate gefordert wurde, bat sie darum, ihr diese doch bitte zu erlassen. Ihr Vermögen bestehe nur noch aus 13.500 RM. Sie stehe im 82. Lebensjahr und müsse von den Einnahmen leben, die ihr Vermögen abwerfe. Das Gesuch wurde erwartungsgemäß abgelehnt.[22]

Inzwischen hatte sich ohnehin vieles in ihrem Leben verändert. Am 2. April 1939 war sie in die ‚Pension Conrady‘ in der Rüdesheimer Str. 1 gezogen. Diese war wahrscheinlich kostengünstiger als die bisherigen, die allein wegen ihrer Lage in unmittelbarer Nähe zum Kurpark wesentlich teurer gewesen sein dürften.

Johanna Windmüller Austritt aus Jüdischer Gemeinde
Johanna Windmüller erklärt ihren Austritt aus der Jüdischen Gemeinde
HHStAW 685 852a (9)

Über den Grund, weshalb sie 1938 aus der Israelischen Kultusgemeinde ausgetreten war, kann man nur Mutmaßungen anstellen. Diesen Schritt, der auch auf ihrer Gestapokarteikarte festgehalten wurde, vollzog sie laut einer Mitteilung des Amtsgerichts vom 1. Dezember 1938 an das Finanzamt Wiesbaden mit Wirkung zum 24. Dezember 1938. Es sieht fast so aus, als sei der Termin Weihnachten bewusst gewählt worden, aber welche Absicht damit verbunden gewesen sein könnte, ist nicht nachzuvollziehen. Eine Hinwendung zum Christentum kann es kaum gewesen sein, denn in der Steuererklärung von 1939 gab sie unter Glaubensbekenntnis „freireligiös“ an.

Johanna Windmüller Steuer
Der Finanzbeamte korrigiert den Eintrag von Johanna Windmüller auf ihrer Steuererklärung 1939
HHStAW 685 852a (17)

Der dicke Rotschrift des Steuerbeamten überschrieb diesen Eintrag mit „jd“ für Jude.[23] Für den NS-Staat war Jude keine Frage des religiösen Bekenntnisses, sondern eine der Rasse. Die etwaige Hoffnung, mit dem Austritt aus der Gemeinde den Repressionen der Nazis entgehen zu können, konnte nach der Verabschiedung der Rassegesetze daher wohl kaum noch ihr Motiv gewesen sein. Wahrscheinlicher sind dagegen Gründe weltanschaulicher Natur, zumal ja auch ihr verstorbener Ehemann als „Freisinniger“ kirchlichen Einrichtungen gegenüber eher eine distanzierte Haltung eingenommen haben wird. Diese Skepsis mag noch dadurch bestärkt worden sein, dass die jüdischen Gemeinden nicht nur keinen Schutz vor den Angriffen des NS-Apparats leisten konnten, sie sich vielmehr aufgrund der erzwungenen Kooperation für manchen sogar als Teil dieses Systems darstellten.

Auch wenn Johanna Windmüller angesichts der wachsenden Bedrohung vermutlich den Schritt ihrer beiden Söhne, Deutschland mit ihren Familien zu verlassen, begrüßte und unterstützte, bedeutete das für sie dennoch die wohl bedrückendste Veränderung in ihrem Leben. Von da an war sie allein den NS-Behörden ausgeliefert.

Levy Louis Windmüller, Johanna Gas Ganz Windmüller, Walter Windmüller, Werner Windmüller, Ursel Windmüller, Frieda Levy, Judenhaus Albrechtstr. 13, Wiesbaden
Heiratsurkunde von Werner und Frieda Levy,
Heiratsregister Danzig 625 / 1926

Schon 1936 konnte Werner zunächst nach Jugoslawien und von da weiter nach Palästina flüchten. Genaueres ist nicht bekannt, aber offenbar hatten er und seine Frau Sympathien für die zionistische Bewegung und in Jugoslawien gab es Ausbildungslager, die auf eine Einwanderung nach Palästina vorbereiteten. Ob sie sich aber dort aufhielten, ist nicht bekannt.
In Palästina fanden sie in Kiryat Dialik bei Haifa eine neue Heimat. Die Siedlung war um diese Zeit von der RASSCO, einer im Rahmen des Haavara-Abkommens entstandenen Siedlungsgesellschaft, errichtet worden, mit dem Ziel, besonders mittelständischen Migranten eine neue Heimat zu bieten.[24] Hier gründete Werner Windmüller wieder eine Apotheke, wobei er möglicherweise die notwendigen Anschaffungen mithilfe der für Palästinaemigranten günstigen Devisenregelungen des Haavara-Abkommens finanzieren konnte.

Walter Windmüller bei einem Besuch bei seiner Mutter, kurz vor seiner Emigration nach Uruguay
Mit Dank an Dorit Ron

Walter, der Arzt und ältere Bruder von Werner, konnte im Juli 1939 mit seiner Frau noch nach Südamerika auswandern.[25] Wie alle Emigranten war er zuvor von dem NS-Staat noch ausgeraubt worden. Nachdem er schon die Judenvermögensabgabe in Höhe von fast 25.000 RM bezahlt hatte, fiel dann auch noch die Reichsfluchtsteuer in Höhe von rund 6.700 RM an. Etwas mehr als 1.600 RM betrug die DEGO-Abgabe für neu erworbene Güter, die mit ins Ausland genommen werden sollten. Die Reisekosten selbst beliefen sich auf rund 3.000 RM – alles in allem nahezu 35.000 RM, die die Steuerbehörden ganz gesetzeskonform dem verfolgten Ehepaar abnahmen.[26] Über den Schaden, der ihm durch das Zurücklassen von Einrichtungsgegenständen zusätzlich entstand, kann hier nur spekuliert werden.
Vermutlich waren Walter und seine Frau damals noch in der Hoffnung gegangen, in ihrem Exilland Uruguay wieder eine neue Arztpraxis aufbauen zu können. Diese Hoffnung muss sich bald zerschlagen haben, aus welchen Gründen, ist nicht bekannt. Vermutlich wurden die Abschlüsse aus Deutschland dort nicht anerkannt oder aber es fehlte das nötige Kapital. In einem am 3. Februar 1941 an seinen Bruder in Palästina gerichteten Brief schrieb er über seine damalige Lage: „Meine Tätigkeit, was Quantität und Portemonaie (!) anbelangt lässt sehr zu wünschen übrig, schade, aber nicht zu ändern. Und da die wirtschaftlichen Verhältnisse hier alles andere wie gut sind, seit dem wir hier, so ist auch sonst nichts zu machen. Vielleicht ändert sich auch das, wenn die Welt hoffentlich bald mal wieder zur Ruhe kommt u. in richtige Bahnen gelenkt wird.“[27] Seine Situation verbesserte sich jedoch auch nach 1945 zumindest nicht wesentlich. Im Entschädigungsverfahren versicherte er an Eides statt, dass er in Uruguay „kein anrechenbares eigenes Einkommen“ mehr gehabt habe.[28]
Aber die wirtschaftliche Not war damals nicht seine primäre Sorge. Sie galt, wie in dem zitierten Brief an Werner deutlich wird, der Mutter, von der er seit November des vergangenen Jahres nichts mehr gehört hatte. Er tröstete sich damit, dass auch andere Flüchtlinge in ihrem lateinamerikanischen Exil keine Nachrichten von ihren Verwandten in Deutschland mehr erhalten hatten, aber auch die Verbindung zu seinem Bruder in Palästina wurde immer wieder unterbrochen.
Immerhin scheint aber in der Zeit vor dem Krieg der Kontakt von Johanna Windmüller mit der Familie bei Haifa noch funktioniert zu haben. Das Familienarchiv enthält eine weitere Postkarte, die Johanna Windmüller im Juni 1939 dorthin geschickt hatte. Es sind Glückwünsche an Werner und besonders an Ursula, die beide im Juni ihre Geburtstage feiern konnten.[29]
Nur wenige Wochen später hatte Hitler den Zweiten Weltkrieg provoziert und damit wurde auch die Kommunikation zwischen all denjenigen, die es noch ins Ausland geschafft hatten, und denjenigen, die, aus welchen Gründen auch immer, zurückgeblieben waren, wesentlich schwieriger. Nur über das Rote Kreuz konnten noch Nachrichten, bestehend aus wenigen Zeilen, übermittelt werden.

Brief von Werner an seine Mutter 1941
Mit Dank an Dorit Ron

Ein solcher Brief, der am 24. Januar 1940 aus Israel von Werner an seine Mutter gerichtet war, benötigte mehrere Wochen, bis er sie erreichte. Die wenigen erlaubten Sätze scheinen so nichtssagend zu sein und lassen doch die große Sorge erahnen:
Liebe Mutter, wie geht es Dir. Uns geht es gut. Viele Grüsse und Küsse mit den besten Wünschen von uns allen.
Dein Werner.
[30]

Am 19. März antwortete die Mutter:
Mein l[ieber] Werner!
Erfreut über Eure gute Nachricht. Mir geht es sehr gut! Mehre[re] Briefe an Euch abgegangen.
Grüße & Küsse
Eure Mutter“
[31]

Wenn die Mutter schreibt, dass es ihr „sehr gut“ gehe, dann mag das im Vergleich zu vielen anderen Jüdinnen und Juden, die, abhängig von der jüdischen Wohlfahrt, damals ein mehr als kärgliches Dasein fristeten, sogar noch zutreffend gewesen sein, aber „sehr gut“ ging es auch ihr nicht. Auch sie litt vermutlich angesichts der für Juden erlaubten Rationen ständig an Hunger, auch sie litt unter der Ausgrenzung, die auch sie, besonders nach der Einführung des „Gelben Sterns“, ertragen musste. Aber, obwohl schon über 80 Jahre alt, war sie geistig noch völlig auf der Höhe. Nach Aussage ihres Treuhänders, der für die Wuppertaler Häuser zuständig war und sie mehrfach in Wiesbaden besuchte, blieb sie, zumindest solange sie in der Rüdesheimer Straße wohnen konnte, auch zuversichtlich und guten Mutes. Und es gab wohl einige – nichtjüdische – Menschen in ihrer Umgebung, die die Verbindung zu ihr nicht abbrachen, mit ihr sprachen und sie wohl auch mit zusätzlichen Lebensmitteln versorgten. Aber in einem Brief an Walter, der dessen Inhalt im Herbst 1941 an Werner weiterleitete, hatte sie ihrem Sohn berichtet, dass zwar gesundheitlich bei ihr noch alles in Ordnung sei, sie aber an einer „großen Depression“ leide.[32]

Johanna Windmüller konnte ihren 83. Geburtstag 1941 mit Kuchen und Blumen noch in der Rüdesheimer Str. 1 feiern.
Mit Dank an Dorit Ron

Obwohl sie sich in der ‚Pension Conrady‘ relativ wohlfühlte, wuchsen ihre Ängste und nur noch selten verließ sie das Haus. Und umgekehrt wuchsen auch die Sorgen der Söhne um ihre Mutter.
Im Mai 1941 schrieb Werner aus Kiriat Bialik bei Haifa über das Rote Kreuz wieder eine Nachricht – sie durfte nur 25 Worte enthalten – an seine Mutter, die diese erst im Oktober erreichte: „Sind in Sorge, weil ohne Nachricht von Dir.“[33]

Das letzte Lebenszeichen, das die Kinder von ihrer Mutter erhielten:
Liebe Kinder! Alles gut, freute mich sehr durch Walter Bestes über Euch zu hören. Ebenso höret Ihr von mir zu allen Geburtstagen.
Grüße, Küsse
Mutter
Mit Dank an Dorit Ron

Im November schrieb dann Walter seinem Bruder einen Brandbrief nach Palästina. Er hatte in Uruguay inzwischen von den beginnenden Deportationen in Deutschland gehört und bat ihn, er solle über JOINT[34] alles nur Mögliche und Notwendige unternehmen, um die Mutter zu retten:
„Nach den unendlich traurigen Nachrichten über die Exportation aller Juden aus Deutschland, die zum Teil schon durchgeführt ist, habe ich auch unendliche Sorge wegen Mutter, die hierhin zu bringen meine grösste Sorge bei Tag und Nacht ist u. war. Ich hatte der l.[ieben] Mutter vom ersten Augenblick unseres Hierseins ständig Bettelbriefe geschrieben, nach hier nachzukommen, Mutter hatte aber aus Alters- und anderen Gründen stets abgelehnt. Damals war es für mich leicht was die Bearbeitung u das Erlangen des hiesigen Visums anbelangte, wenn nur die nötigen Gelder hier deponiert u sonst zur Verfügung gestanden hätten und wenn die l. Mutter, was ich immer wieder geraten hatte, die ordnungsmässig über das General-Konsulat Hamburg v Uruguay eingereichten Papiere v Mutter hier gewesen wären, Jetzt ist alles viel schwerer geworden.“[35]

Bisher hatte sich Johanna Windmüller immer gegen eine Emigration mit den Worten „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ gewehrt, jetzt aber, allerdings zu spät, hatte sie offenbar dem Drängen von Walter nachgegeben und eingewilligt. So schreibt er in seinem Brief an Werner weiter, dass ihre Briefe nicht mehr ganz so alarmierend klingen würden, „aber immerhin so, dass Mutter sich jetzt entschlossen hat, auch nach hier auszuwandern. Wenn auch die l. Mutter im grossen ganzen tapfer und weniger unruhig schreibt, so ist mit Sicherheit anzunehmen, dass sie dort die nächste Zukunft fürchtet u dass sie eben unter allen Umständen heraus muss, koste es was es wolle u mag dabei passieren was will. Ich aber auch Du wir dürfen jetzt nicht erlahmen u Opfer bringen soweit es in unseren Kräften steht.“[36]
Im Weiteren gab er seinem Bruder konkrete Anweisungen, was dieser unternehmen müsse, um die Mutter zu retten. Er selbst war offensichtlich auch aus finanziellen Gründen, vielleicht auch wegen fehlender Verbindungen, nicht in der Lage, diese Schritte selbst zu unternehmen.

Aber dieser letzte Versuch, die Mutter noch herauszuholen, kam zu spät. Eine Emigration nach dem generellen Auswanderungsverbot für Juden durch den Erlass Görings vom 23. Oktober 1941 machte dies unmöglich. Und damit wurde auch das weitere Schicksal von Johanna Windmüller unabwendbar. Das bedeutete zunächst, dass sie die Pension von Frau Rosenzweig in der Rüdesheimer Straße verlassen und in das Judenhaus in der Albrechtstraße ziehen musste, in dem ihr ebenfalls ein Zimmer zur Verfügung stand. Auch hatte sie wenigstens zunächst noch einen Teil ihres Mobiliars, das dann später zum Nutzen arischer Bürger und dem der Staatskasse vom Finanzamt versteigert wurde, zunächst noch mitnehmen können. Nur noch ein knappes halbes Jahr, über das leider keine Quellen mehr vorliegen, musste bzw. durfte sie dort verbringen. Dann wurde auch sie „evakuiert“, wie die NS-Behörden den Weg in die Vernichtung euphemistisch umschrieben.

Eine Woche vor der für den 1. September 1942 anberaumten Deportation der meisten noch in Wiesbaden verbliebenen Juden, war den Betroffenen von der Bezirksstelle ein Schreiben ausgehändigt worden, laut dem sie sich am 29. August in der ehemaligen Synagoge in der Friedrichstr. 33, die als Sammelstelle eingerichtet worden war, einzufinden hätten, um die letzten organisatorischen Maßnahmen – sprich: den Raub ihrer letzten Habe – über sich ergehen zu lassen. Wer noch mehr als 1.000 RM besaß, wurde gezwungen, einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ abzuschließen, der vorgab, die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und sogar ärztliche Betreuung bis zu ihrem Lebensende den „Evakuierten“ zu gewähren. Das Geld wurde auf ein Konto eingezahlt, das die SS beim ‚Bankhaus Heinz, Tecklenburg und Co.’ In Berlin eingerichtet hatte. Johanna Windmüller überwies dafür insgesamt etwa 8.100 RM.  Ob sie an das Versprechen glaubte, ist ungewiss. Das übrige Vermögen fiel nach ihrem Tod dem Reichsfiskus in die Hände.
In den Genuss eines weiteren Vermögenswerts von Johanna Windmüller war zuvor schon ein Landwirt aus Neviges gekommen, der ihr dortiges Haus in der Adolf-Hitler-Str. 72, der früheren Elberfelder Straße, kaufte. Der Preis betrug 17.000 RM und lag damit nicht unbeträchtlich über dem letzten Einheitswert von 14.900 RM. Selbstverständlich war das Geld nicht mehr in ihre Hände gelangt, sondern es füllte nach ihrem Abtransport die klammen Kassen des Reichs.

Deportation Wiesbaden 1.9.1942, Synagoge Friedrichstraße
Sammelstelle in der Synagoge Friedrichstraße am Vorabend der Deportation
HHStAW 3008/2 16554

Am Vorabend des Tages, an dem sie sich an der Sammelstelle einfinden musste, hatte sie ein letztes Mal Frau Rosenzweig, die Eigentümerin der Pension Conrady, besucht. Sie war ihr in den letzten drei Jahren ganz offensichtlich zu einer Freundin geworden. Ein Brief, den diese Frau Bösser 1947 – den Namen trug sie nach einer erneuten Verheiratung nach Kriegsende – an Walter Windmüller in Uruguay schrieb, scheint Beleg dafür zu sein. Er ist zudem von besonderem Interesse, weil die Verfasserin hierin explizit bezeugt, dass der Umzug von Johanna Windmüller in das Judenhaus Albrechtstr. 13 am 14. April 1942 erzwungen war. Aber auch in anderer Hinsicht ist dieser Brief, in dem es primär um den letzten Abend vor der Deportation geht, ein wichtiges Zeitdokument, zum einen im Hinblick auf die Deportationen selbst, zum anderen aber auch für die Stimmung und Verarbeitungsmechanismen der Betroffenen unmittelbar nach dem Krieg. Er soll deshalb hier in Gänze zitiert werden:

Johanna Windmüller
Brief von Frau Bösser S. 1

Wiesbaden 14.12.47

Sehr geehrter Herr Dr. Windmüller
Ich hatte vor einem Jahr bereits einen ausführlichen Brief an Sie geschrieben, doch da ich keine Str. wusste, hat dieser Sie wohl nicht erreicht. Habe nun durch den Herrn Petero Ihre Adr. eingeholt und möchte Ihnen von Ihrer Frau Mutter berichten. Ich nehme an, dass Fr. San. Rat Ihnen noch von ihrem Auszug von uns schrieb, da sie laut Vorschrift in eine jüd. Familie übersiedeln musste. Zu uns durfte sie nicht mehr kommen, so besuchte ich sie 2x in der Woche abends, wenn es dunkel wurde, und brachte ihr Brot, Kuchen, Gellee und Verschiedenes zum Essen, wovon ich wusste, ich mache ihr eine besondere Freude. Als die Nachricht kam, sämtliche Juden müssten aus Wbn raus, nahm sie das gar nicht tragisch, weil man ihr versicherte, sie kämen alle nach Wien in ein Damenstift. So half ich ihr einen gr. Koffer packen, mit all ihren schönsten Sachen, und in 2. gr. Wolldecken die Matratzen, Feder- und Bettzeug, so wie es Vorschrift war.

Johanna Windmüller
Brief von Frau Bösser S. 2
HHStAW 518 37646 (6)

Am letzten Abend, als ich bei ihr war, sprach sie ziemlich zuversichtlich, dass die Nazis ja doch den Krieg verlieren würden, und sie sowie die Tourkoffer (?) von Wien wieder zu mir zurück käme. Frau San. Rat. war ja immer ein Optimist. Von einem Sammellager aus ging, wie ich dann hörte, in aller Frühe der Zug nach Litzmannstadt (Polen) und von dem Ende der armen, armen Menschen hat man zur Genüge gehört.
Dies war nun der Wunsch Ihrer so geschätzten Frau Mutter Ihnen unser letztes Zusammensein zu berichten, im Falle ihr irgend etwas zustoßen würde. Die Sachwerte in dem jüd. Haus wurden ja alle von der Gestapo heraus geholt und versteigert. Ja Herr Dr. es waren schwere Zeiten, ich glaube bestimmt, dass Ihre Frau Mutter in ihrem hohen Alter in Litzmannstadt einen raschen Tod fand, anders war es bei meinem Mann, der von 1939 bis 42 in 3erlei Lagern gequält wurde, bis er 1942 in Buchenwald starb. Seine Urne habe ich mir hier her kommen lassen. Was man da an Seelenleid und Verbitterungen mitmachte, kann man nicht schildern.
5 Wochen nach dem Tod meines Mannes starb meine Mutter. Es war eine schlimme Zeit für mich. Gottlob ist trotz der üblen Zerstörungen in der Rüdesh. Str. unser Haus und meine Wohnung bis auf Schönheitsfehler heil geblieben. So heiratete ich 3 Jahre später einen Herrn, der mir in meinem Kummer stets zur Seite stand. Leider haben sich nun die Zeiten so verschlechtert, dass es heute ein trauriges Los ist in Deutschland zu leben. Die Pension habe ich aufgegeben, d.h. mein Mann u. ich dürfen nur 2 Zimmer bewohnen, die anderen habe ich noch vermietet, aber ohne Verpflegung. Es ist ja heute eine Not für uns 2 eine Malzeit auf den Tisch zu bringen bei 150 Gramm Margarine und 400 gr. Fleisch im ganzen Monat, kein Ei, keine Milch und keine Butter.
Hoffentlich haben Sie sich geehrter Herr Dr. gut eingelebt und erfreuen sich einer guten Praxis.
Grüßen Sie bitte Ihre Gemahlin freundl. von mir, und bestätigen Sie meinen Brief baldmöglich, und seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrer
Emmy Bösser
[37]

Todesfallanzeige für Johanna Windmüller
https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/3/2/9/80361_ca_object_representations_media_32918_large.jpg

Johanna Windmüller war nicht nach Litzmannstadt gebracht worden, wie Frau Bösser meinte, schon gar nicht nach Wien, wie sie selbst zunächst hoffte. Der Zug, den die Jüdinnen und Juden am Morgen des 1. September 1942 an einem Nebengleis des Hauptbahnhofs, das eigentlich für die Viehtransporte des nahe gelegenen Schlachthofs gedacht war, besteigen mussten, hatte Theresienstadt zum Ziel. Aber – und das hatte die Freundin richtig vermutet – die Strapazen dieses Transports und das Lager selbst überlebte sie nur kurz. Nach nur drei Wochen verstarb Johanna Windmüller am 24. September 1942 im sogenannten Altersghetto von Theresienstadt.[38]

Aber auch die emigrierten Familien der beiden Söhne von Johanna Windmüller wurden durch die Folgen der NS-Herrschaft auch in ihren Exilländern noch hart getroffen.
Nur wenige Jahre konnte die Familie von Werner Windmüller das Leben in ihrer neuen Heimat genießen. Schon am 13. April 1951 verstarb Werner in der – so hatte man gehofft – sicheren Heimstatt, dem kurz zuvor gegründeten Staat Israel, mit nur 65 Jahren.
Die Tochter Ursula heiratete 1958 in Israel Peter Wisbrun, einen Jugendfreund aus Remscheid. Er war der am 27. November 1927 geborene Sohn von Gustav und Herta Wisbrun, die in ihrer Heimatstadt früher eines der führenden Textilgeschäfte besaßen. Die Eltern hatten ihren Sohn angesichts der immer bedrohlicheren Verfolgung als Elfjährigen im Dezember 1938 in ein Schweizer Kinderheim gebracht. Der ursprüngliche Plan, bald gemeinsam nach Palästina auszuwandern, scheiterte. Erst 1940 gelang es den Eltern, sich in einem illegalen Transport über Wien und das Schwarze Meer Richtung Palästina auszuschiffen.

Patria
Der Untergang der ‚Patria‘
https://en.wikipedia.org/wiki/Patria_disaster#/media/File:Sinking_of_the_Patria_(1940).jpg

Ihr Schiff war die berühmte „Patria“, der damals von den Briten die Anlandung dort verweigert wurde. Auf deren Geheiß sollten die Flüchtlinge an Bord nach einer langen und entbehrungsreichen Odyssee weiter nach Mauritius gebracht werden. Die militante, zionistische Hagana-Organisation wollte das verhindern. Der Sprengsatz, der nur ein Leck in das Schiff schlagen sollte, war falsch berechnet, sodass es in kürzester Zeit sank. Etwa 300 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter auch Peters Schwester Suse.[39] Die übrige Familie überlebte zwar, wurde aber zunächst interniert. Nach all den Strapazen und dem Leid durch den Verlust der Tochter verstarb Gustav Wisbrun schon im folgenden Jahr. Als Peter dann 1945 endlich auch nach Palästina auswandern durfte, fand er nur noch seine Mutter vor. Sie wurde 1981 in Israel begraben.[40]
Als Ausdruck ihrer israelischen Identität, nahm Ursula Windmüller dort den Namen Esther an, als Familienname wählten sie und ihr Mann den Namen Ron statt Wisburn. Am 14. Oktober 1958 wurde in Haifa als erstes Kind des Paares Dorit geboren, am 12. April 1961 folgte ihr Bruder Gad. Die Familie von Dorit lebt heute in den USA.

Die Lebensumstände von Walter und seiner Frau Else in Uruguay blieben für die beiden auch weiterhin so schwierig, dass sich ihre Schwägerin Frieda, die in Israel durch ihre Zugehörigkeit zum Kibbuz abgesichert war, im Juli 1955 auf ihre eigenen Ansprüche bzw. die ihres verstorbenen Mannes zugunsten ihres Schwagers und ihrer Schwägerin verzichtete.[41]
Aber noch bevor die Entschädigungsverfahren zu Ende gekommen waren, verstarb Walter am 17. Januar 1957 in Montevideo im Alter von 73 Jahren.[42] Er teilte damit das Schicksal von vielen Anspruchsberechtigten, die verstarben, bevor die deutsche Entschädigungsbürokratie ihre Ermittlungen zum Abschluss gebracht hatte. Allerdings waren schon zuvor einige Vorauszahlungen an das Ehepaar gezahlt worden, um deren Situation zu erleichtern.

 

Veröffentlicht: 16. 11. 2017

Letzte Revision: 10. 06. 2026

 

 

<< zurück 


Anmerkungen:

 

[1] Ein ganz besonderer Dank sei vorab Dorit Ron, der Urenkelin von Johanna Windmüller, gesagt, die bereitwillig ihr Familienarchiv, im Besonderen ihre Fotos, für diese Dokumentation zur Verfügung stellte.

[2] Der Stammvater der heute weitverzweigten und in alle Welt zerstreuten Familie Windmüller, die ursprünglich im ostwestfälischen Raum um Beckum ansässig war, war der um 1680 geborene Levi Windmüller. Fünf Generationen später wurde am 8. April 1849 in Oelde wieder ein Levi Windmüller geboren. Er war das sechste von insgesamt acht Kindern des Kaufmanns Isaak bzw. Itzig Windmüller und seiner zweiten, am 4. Februar 1840 geehelichten Frau Johanna Jacobson. Die Angaben sind der Windmueller Family Chronicle, Richmond Virginia 1981, entnommen. Zur hier relevanten Generation siehe S. 122 f. Es lassen sich aber alle Verbindungen zurück zum Stammvater Levi Windmüller und auch zu den verschiedenen anderen Zweigen der Familie genau verfolgen. Der Großvater von Louis war der 1780 geborene Abraham Windmüller, dessen Vater der 1741 geborene Isaac Windmüller. Dessen Vater wiederum, der 1705 geborene Meyer Windmüller, war der Sohn des Stammvaters Levi. Die vom Leo-Baeck-Institut digitalisierte Chronik enthält nicht nur genealogische Daten, sondern auch Erinnerungen der zumeist emigrierten Familienmitglieder an ihre Eltern und Großeltern, außerdem auch Bilder zur Familiengeschichte. Siehe https://archive.org/details/windmuellerfamilyf004. (Zugriff: 10.10.2023). Siehe auch https://www.bgv-velbert-hardenberg.de/cms/daten/Juden-im-Niederbergischen-Zweite-erweiterte-Auflage-2012.pdf. Hier die Seiten 21-24. (Zugriff 31.05.2026).

[3] Siehe zur Biographie von Louis Windmüller Karl Friedrich Herhaus, Die jüdisch-christliche Episode des 1853 wiederbegründeten Gymnasiums Arnoldinum in Burgsteinfurt 1853-1937, Münster 2013, S. 13. http://www.arnoldinum.de/arnoldinum/files/stolpersteine_herhaus_25_02_2014.pdf. (Zugriff: 15.11.2017) – inzwischen ist die Seite vom Netz genommen). Möglicherweise hatte das Paar zuletzt in Elberfeld gelebt, zumindest besaßen sie hier zwei Wohngrundstücke, die nach dem Krieg zurückerstattet wurden, siehe HHStAW 518 37646 (4).

[4] Geburtsregister Neviges 98 / 1883.

[5] Windmueller Family Chronicle, S. 123.

[6] http://www.passagierlisten.de/. (Zugriff: 10.10.2023).

[7] HHStAW 518 37646 (19).

[8] https://www.bgv-velbert-hardenberg.de/cms/daten/Juden-im-Niederbergischen-Zweite-erweiterte-Auflage-2012.pdf. (Zugriff: 10.10.2023).

[9] Heiratsregister Danzig 625 / 1926. Ihre Eltern waren der Privatier Simon Levy und dessen Frau Cäcilie, geborene Saenger, die beide in Danzig wohnten.

[10] https://www.bgv-velbert-hardenberg.de/cms/daten/Juden-im-Niederbergischen-Zweite-erweiterte-Auflage-2012.pdf. (Zugriff: 10.10.2023). Nach Windmueller Family Chronicle, S. 123, wurde die Tochter in Remscheid geboren. Die gleiche Angabe findet sich bei Herhaus, Arnoldinum, S. 14, anders in GENI, wonach die Tochter den Namen Esther erhielt bzw. vermutlich angenommen hat. Siehe https://www.geni.com/family-tree/index/6000000002678655032.

[11] Windmueller Family Chronicle, S. 209, dazu auch Herhaus, Arnoldinum, S. 13 f.

[12] https://www.velbert.de/gedenkbuch/suche/detailseite/?tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bgedenkbuch%5D=125&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Baction%5D=show&tx_gedenkbuch_gedenkbuch%5Bcontroller%5D=Gedenkbuch&cHash=218879386ae564b0a2f4d150be2ac8a3. (Zugriff: 15.11.2017).

[13] Dorit Ron Family Archiv.

[14] https://www.bgv-velbert-hardenberg.de/cms/daten/Juden-im-Niederbergischen-Zweite-erweiterte-Auflage-2012.pdf. S. 23. (Zugriff 31.05.2026).

[15] HHStAW 685 852b (1) und 519/3 852b (3).

[16] HHStAW 685 852a (12).

[17] HHStAW 518 37646 (4).

[18] Ebd. (17).

[19] HHStAW 519/3 852b (2).

[20] Ebd. (13).

[21] HHStAW 518 37646. (8).

[22] Ebd. (18).

[23] HHStAW 519/3 852a (17).

[24] Sonder; Trezip, Erkaufte Heimat, S. 4.

[25] HHStAW 518 37646 (19).

[26] Ebd. (20).

[27] Dorit Ron Family Archiv.

[28] HHStAW 518 37646 (21).

[29] Dorit Ron Family Archiv. Sie schrieb:
„Kommt ein Kartel geflogen
zu Ursel Windmüller ins Haus
das hat Oma Wind, nicht gelogen,
denn viele Geburtstagsküsse
fliegen mit hinaus.
Sei meine innigst geliebte Ulla herzlichst beglückwünscht.
Dir & Deinen Eltern alles Gute und Gruß und Kuss von Oma Windmüller“

Geschrieben wurde die Karte in der Rüdesheimer Str.1.

[30] Dorit Ron Family Archiv.

[31] Ebd. Geschrieben war der Brief in der Pension Conrady.

[32] Ebd.

[33] Ebd.

[34] Zu JOINT siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Joint_Distribution_Committee und https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/ein-jahrhundert-hilfe/. (Zugriff 31.05.2026).

[35] Dorit Ron Family Archiv.

[36] Ebd.

[37] HHStAW 518 37646 (6-7). Wenn es oben heißt, dass Johanna Windmüller in Frau Bösser eine Freundin gefunden zu haben scheint, dann will diese vorsichtige Formulierung zum Ausdruck bringen, dass die Haltung von Frau Bösser in den Jahren des Nationalsozialismus nicht so eindeutig war, wie der Brief nahelegt. Frau Bösser hatte am 14.6.1927 in Wiesbaden, damals noch als Frau Emilie Wirsdörfer, geboren am 10.10.1899 in Wiesbaden, den aus Polen stammenden Juden Isaak Ernst Rosenzweig, geboren am 26.4.1898 in Bendzin, geheiratet. Siehe Heiratsregister Wiesbaden 399 / 1927. In allen Dokumenten ist ihr Mädchenname Wirsdörfer ergänzt mit dem Zusatz „genannt Conrady“, den bereits die Eltern in ihrem Namen führten. Davon abgeleitet wurde der Name der Pension.
Ihr Ehemann von Emilie, der Manufakturwarenhändler Ignatz Ernst Rosenzweig wurde, wie auch im Brief angesprochen, am 9.9.1939 verhaftet und durchlief im Weiteren die Konzentrationslager Oranienburg, Dachau und zuletzt Buchenwald, wo er am 14.6.1942 ermordet wurde, siehe Sterberegister Weimar II 1203 / 1942.
Noch vor seinem Tod hatte seine Ehefrau, die spätere Frau Bösser, die Scheidung eingereicht. Zu diesem Zweck war für den 2.6.1942 ein Prozess vor dem Landgericht in Wiesbaden anberaumt worden. Isaak Rosenzweig befand sich zu diesem Zeitpunkt im KZ Buchenwald. Im Begründungsschreiben des Anwalts heißt es in einem gestelzten Juristendeutsch:
„Die Aufhebungsklage wird auf § 37 des E.G. gestützt. Der Beklagte ist Jude und hat sich die Klägerin bei Schließung der Ehe über diese Eigenschaft des Beklagten geirrt. Nach dem heutigen Stand der Dinge hätte sie niemals mit dem Beklagten die Ehe geschlossen. Dazu kommt, dass der Beklagte seit 9.9.1939 verhaftet ist und sich im Konzentrationslager befindet und besteht keine Aussicht, dass er aus demselben entlassen wird, zumal er polnischer Staatsangehöriger ist. Die Klägerin hat sich infolge ihrer Eheschliessung die größten Unannehmlichkeiten zugezogen und ist ihr verschiedentlich von behördlicher Seite nahegelegt worden, sich scheiden zu lassen, andernfalls sie ihrem Beruf als Pensionsleiterin nicht mehr nachgehen darf. Ueber all diese Folgen der Eheschließung mit einem Juden war sich die Klägerin bisher nicht im Klaren. (…)
Die Ehe ist durch das Verhalten des Beklagten und durch seine Verhaftung vollständig zerrüttet. Auch der Beklagte selbst wünscht die Aufhebung der Ehe.“ HHStAW 518 863 I (13 f.).
Es ist schwer zu beurteilen, ob die Ausführungen des Anwalts tatsächlich den Willen der Noch-Ehefrau von Isaak Rosenzweig zum Ausdruck bringen und sie tatsächlich selbst eine Auflösung der Ehe wünschte. Ganz offensichtlich war erheblicher Druck auf sie ausgeübt worden, und gerade vonseiten des Judenreferenten Bodewig sind solche Interventionen hinlänglich bekannt. Siehe dazu oben im Kapitel über Julius Nathan und auch die dortige Anm. 24. Vermutlich wurde auch Isaak Rosenzweig im KZ entsprechend unter Druck gesetzt, vielleicht war ihm sogar die Haftentlassung versprochen worden. All das wird sich nicht mehr klären lassen. Aber es gab eben auch viele Partner bzw. Partnerinnen in solchen Mischehen, die, um Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, sich sehr schnell dem Willen der NSDAP beugten und bereitwillig einer Scheidung zustimmten. Dass man nach dem Krieg sein eigenes Verhalten gerade gegenüber den Angehörigen der Opfer in ein besseres Licht zu rücken versuchte, ist nachvollziehbar, zumal die Aussagen für diese nicht oder kaum überprüfbar waren.
Es gibt aber noch einen Aspekt in diesem Brief, der irritiert, nämlich das angebliche Ziel des Transports vom 1. September. Es war schon zu diesem Zeitpunkt bekannt, dass der Zug nach Theresienstadt fahren würde. Es wurden ja sogar die Heimeinkaufsverträge genau für das Altersghetto Theresienstadt abgeschlossen. Litzmannstadt / Lodz stand damals nicht zur Debatte. Und selbst wenn man 1942 unsicher über das tatsächliche Ziel gewesen sein sollte, 1947, als Frau Bösser den Brief an Walter Windmüller schrieb, gab es keinen Zweifel mehr, wohin man auch Johanna Windmüller gebracht hatte. Hatte sie sich am Ende so wenig für das Schicksal der damals Deportierten interessiert, dass sie das nicht wusste?
Man muss hoffen, dass trotz dieser sicher problematischen Aspekte in der Biographie von Frau Rosenzweig bzw. Bösser sie in der Zeit, in der Johanna Windmüller in ihrer Pension wohnte, sie ihr eine Freundin und Stütze gewesen war.
Bevor ihre Scheidung von Isaak Rosenzweig rechtskräftig wurde, kam ihr Mann noch im Sommer 1942 in Buchenwald ums Leben. Am 7.7.1945 heiratete sie in Wiesbaden den Studienrat Dr. Reinhard Bösser, ebenfalls seit Jahren Mieter im Haus Rüdesheimer Str. 1, wo auch  ihre Pension eingerichtet war. Siehe Heiratsregister Wiesbaden 481 / 1945.

[38] Ihre Enkelin hat ihr in Yad-Vashem ein Erinnerungsblatt gewidmet, auf dem auch ein Bild von Johanna Windmüller zu sehen ist. http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Windm%C3%BCller&s_firstName=Johanna&s_place=.

[39] Zur Katastrophe der ‚Patria’ siehe u.a. https://www.hagalil.com/archiv/2000/11/patria.htm. (Zugriff: 10.10.2023).

[40] Zum Schicksal der ehemaligen jüdischen Schülerinnen und Schüler des Leibniz Gymnasiums in Remscheid hat die Schule eine sehr umfassende Seite online gestellt, der auch die hier dargelegten Informationen zu Peter Wisbrun / Ron entnommen sind. Man findet dort auch einen Brief, den dieser 2011 an die Schule geschrieben hat. Siehe https://www.leibniz-remscheid.de/wp-content/uploads/2016/09/Jahresschrift_2011.pdf. (Zugriff: 10.10.2023. Der Brief ist inzwischen leider von der Homepage entfernt worden, (Zugriff 31.05.2026).

[41] HHStAW 518 37646 (28, 53).

[42] Ebd. (1).