Liebmann und Karoline Strauss, geborene Bender


Ackermann, Klara, Arthur, Judenhäuser Wiesbaden
Das frühere Judenhaus in der Hermannstr. 26 heute
Eigene Aufnahme
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden,
Lage des ehemaligen Judenhauses Hermannstr. 26
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Hermannstr. 26

 

 

 

 

 

 


Neben der Familie Strauss aus Norheim lebte noch ein weiteres Ehepaar mit diesem Namen in der Hermannstr. 26. Liebmann Strauss und seine Frau Karoline waren allerdings bereits eingezogen, bevor man das Judenhaus offiziell zu einem solchen erklärt hatte. Vermutlich gab es auch keine verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Strauss-Familien.

Ursprünglich waren Liebmann und Karoline Strauss im Rheingaustädtchen Geisenheim beheimatet. Das Schicksal dieser alt eingesessenen Familie kann als exemplarisch für das so vieler anderer jüdischer Familien angesehen werden. Georg Strauss, ein Bruder von Liebmann Strauss, fasste in einem späteren Schreiben an die Entschädigungsbehörde dieses Schicksal in wenigen Sätzen, aber umso prägnanter zusammen:

„Ich bin am 25. März 1880 in Geisenheim geboren als Sohn von Abraham Strauss geb. 1. Juli 1823, Sohn des Nathan Strauss geb. 1795 ebenfalls in Geisenheim. Meine Familie existiert schon 500 Jahre am selben Platz nachweisbar seit 1459, welches damals nach dem Arier-Paragraph durch einen Verwandten von mir, Herrn Amtsgerichtsrat Alfredo Strauss in Wiesbaden festgestellt wurde. Ich habe in Geisenheim das Gymnasium besucht, habe aktiv gedient, 2 Übungen mitgemacht und war Kriegsteilnehmer 1914-1918. In den Jahren 40-42 habe 9 Familienmitglieder in Auschwitz und Theresienstadt verloren, 4 Geschwister, 1 Schwager, 1 Schwägerin, 2 Nichten und ein Junge von 13 Jahren, Sohn der einen Nichte. Ich denke genug Opfer gebracht zu haben.“[1]

Es ist die Geschichte der Zerstörung einer ganzen Familie, einer Familie, die seit Jahrhunderten Deutschland als Heimat begriffen und wie alle anderen Bürger Opfer für dieses Land gebracht hatte. Diejenigen die den Holocaust überlebten, wurden zerstreut über die verschiedenen Kontinente, einige hatten sich nach Afrika gerettet, andere nach Süd- oder Nordamerika. Der erwähnte Alfred Strauss war einer der wenigen, die nach dem Kriegsende aus seinem Exil in Bolivien wieder nach Deutschland in seine Heimatstadt Wiesbaden zurückkehrten.

Aber auch in Geisenheim war bereits lange vor der Machtübernahme der NSDAP, etwa seit der Gründung des Kaiserreichs, der jüdische Bevölkerungsanteil kontinuierlich zurückgegangen, so dass bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts Juden kaum mehr ein Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung stellten.[2] Die meisten entstammten der Großfamilie Strauss, die alle im alten Ortskern ihre Wohnungen und Geschäftsräume hatten. Die Verwurzelung dieser Familie über viele Jahrhunderte in dieser Region hatte zur Folge, dass es sehr viele Familien mit dem Namen Strauss im Rheingau gab und die verwandtschaftlichen Verbindungen untereinander einen kaum mehr zu entwirrenden Knäuel bilden.[3]

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Grabsteine von Abraham und Babette Strauss in Rüdesheim
http://www.alemannia-judaica.de/ruedesheim_friedhof.htm

Der oben zitierte Georg Strauss war das jüngste der zahlreichen Kinder des Handelsmanns Abraham Strauss und dessen Frau Babette, geborene Herzog, die von der anderen Rheinseite aus dem rheinhessischen Niedersaulheim stammte.[4] Am 15. Januar 1866 war dem Paar zunächst die Tochter Elisabeth, genannt Lisette, geboren worden. Durch ihre am 16. August 1893 mit Isaak Löwenthal geschlossene Ehe hatte auch sie Verbindungen nach Wiesbaden.[5] Zwar war ihr Mann am 20. Januar 1867 in Marienfels im heutigen Rhein-Lahnkreis zur Welt gekommen, aber zur Zeit der Eheschließung lebte der Metzgermeister in Wiesbaden – Schierstein. Nach der Heirat ließ sich das Paar in Geisenheim nieder, wo es in der Taunusstr. 15 neben der Metzgerei auch einen Viehhandel betrieb. Von ihren drei Töchtern konnten zwei, Johanna und Fanny, dem Holocaust entfliehen, sie selbst und ihre Tochter Selma wurden in unterschiedlichen Konzentrationslagern ermordet. Die Eltern kamen in Treblinka ums Leben, Selma, das jüngste der Mädchen, in Stutthof.[6]

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Karteikarte für Sigmund Strauss aus Theresienstadt
https://collections.arolsen-archives.org/archive/5101587/?p=1&s=Sigmund%20Strauss&doc_id=5101587

Auch der am 2. Juli 1869 geborene Sigmund entging dem Holocaust nicht. Am 11. Dezember 1942 verlor er sein Leben in Theresienstadt, wohin man ihn am 27. September 1942 von Darmstadt aus gebracht hatte. Gewohnt hatte er aber schon seit vielen Jahren in Bingen, zuletzt in der Rathausstr. 23.[7] Als der Vater Abraham Strauss 1901 starb war er es, der dem Standesamt den Tod meldete. Schon damals gab er Bingen als seinen Wohnort an.

Nathan, ein weiterer Sohn des Paares, geboren am 20. Mai 1871, war schon als Siebzehnjähriger 1888 in die USA ausgewandert. Im Census von 1920 ist er als Bürger der USA in den Listen mit dem Beruf eines „Brokers“, eins Maklers aufgeführt. Seine Staatsbürgerschaft hatte er schon 1892 erhalten. Nicht bekannt ist, wann er die 1884 in Frankfurt geborene Laura Kramer heiratete. 1907 war in Bakersfield, wo die Familie sich niedergelassen hatte, zunächst der Sohn Armaund geboren worden, sein Bruder Robert kam sechs Jahre später zur Welt.[8] Vater und die beiden Söhne betrieben später in Bakersfield die Juwelenhandlung ‚Strauss Nathan & Sons’. Ob es all die Jahre Kontakte mit der Familie in Geisenheim gab, ist nicht bekannt, aber spätestens als es wichtig wurde, solche Verwandte in den USA zu haben, wird man sich dieser Verbindungen wieder erinnert haben. Es ist sicher kein Zufall, dass Nathans Neffe Alex später für eine kurze Zeit in Bakersfield unterkam.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Familie von Nathan Strauss im Census von 1920
https://www.ancestry.com/genealogy/records/nathan-strauss-24-2rm6pb1

Liebmanns jüngere Schwester Fanny, die am 7. April 1877 geboren worden war, heiratete am 19. Januar 1905 Jakob Strauss aus dem benachbarten Oestrich.[9] Auch hier gab es mehrere Familien, die diesen Namen trugen. Ob Jakobs Vater Abraham Strauss, der mit Hanna Weil verheiratet war, vielleicht weitläufig mit der Familie Strauss aus Geisenheim verwandt war, ist daher nur schwer zu sagen. Jakob Strauss, geboren am 4. Mai 1869, soll schon 1922 oder 1927 verstorben sein.[10] Die beiden Kinder, Albert und Johanna, die in der Ehe geboren wurden, waren zu dieser Zeit noch im Jugend- bzw. im frühen Erwachsenenalter. Albert war am 6. Dezember 1905, seine Schwester am 25. Mai 1907 geboren worden. [11] Im Haus der Eltern in der Römerstr. 6 war auch ihr Laden für Manufakturwaren, sprich Textilien aller Art, aber auch für Kurzwaren untergebracht.

Über den Umfang des Geschäfts liegen keine verlässlichen Angaben vor, da die örtlichen Finanzakten am Ende des Krieges der von der NSDAP befohlenen „Einstampfaktion“ zum Opfer fielen. Die Gemeinde behauptete später dennoch, das Geschäft sei „nie über einen kleinen Rahmen hinaus“ gekommen und die Familie habe vom Ertrag des Geschäfts alleine nicht leben können, weshalb der Sohn eine Angestelltentätigkeit habe ausüben müssen. Zumindest ab 1932 sei die Gewerbesteuerveranlagung kaum über die damaligen Mindestbeträge hinaus gekommen.[12] Sicher ist es zutreffend, dass ein solches Geschäft in einer Landgemeinde keine allzu großen Umsätze gehabt haben wird, aber immerhin reichten die Erträge aus, um in all den Jahren die Witwe und Johanna, die im Geschäft mitarbeitete, zu ernähren.[13]

Albert hatte nach dem vierjährigen Besuch der Grundschule in Oestrich für weitere sieben Jahre das Gymnasium in Geisenheim besucht, diese mit der Unterprima-Reife verlassen, um eine Banklehre bei der Zweigstelle der ‚Diskonto-Gesellschaft’ in Rüdesheim zu beginnen.[14] Auch nach Abschluss der Ausbildung konnte er dort zunächst noch bleiben, wechselte aber 1926 zur ‚Getreide-Kreditbank’ nach Mainz. In der Bankenkrise, im Gefolge der großen Depression Ende der Zwanziger Jahre, ging auch dieses Geldhaus unter, sodass Albert Strauss seit 1930 arbeitslos war. Da auch keine Aussicht bestand, in seinem erlernten Beruf in absehbarer Zeit eine Arbeit zu finden, trat er – vermutlich eher formal – in das Geschäft der Mutter ein, versuchte aber weiterhin eine Anstellung im Bankgewerbe zu finden. Inzwischen war aber die NSDAP an die Macht gekommen, sodass es nun politische Gründe gab, die einen solchen Wiedereinstieg verhinderten. Im April 1933 erhielt er die Möglichkeit, eine Stelle im ‚Bankhaus Gerst & Co’ im mittelfränkischen Gunzenhausen anzutreten. Nach seinen Angaben wurde ihm als Jude jedoch von der örtlichen Stadtverwaltung der Zuzug nach Gunzenhausen verwehrt, sodass sich auch diese Hoffnung zerschlug und er weiterhin in Geisenheim ohne eigenes Einkommen bleiben musste.[15]

Bis 1933 liefen auch die Handelsgeschäfte der Brüder von Fanny Strauss trotz aller wirtschaftlichen Krisen und trotz wachsender antisemitischer Ressentiments noch recht gut. Ihr jüngerer Bruder Georg, geboren am 25. März 1880,[16] betrieb in Geisenheim in der Marktstr. 24 seit dem 1. Juli 1907 einen Laden für Lebens- und Futtermittel, der auch eine Konzession für den Weinhandel besaß. Im Jahr nach der Geschäftseröffnung, am 20. August 1908, heiratete er in ihrer Heimatstadt Limburg Emma Strauss, die Tochter von William und Bertha Strauss, geborene Stern.[17] Am 1. Juli 1909 kam ihr Sohn Alfred in Geisenheim zur Welt.[18] Nach seinen Volkschuljahren schloss er seine Schulausbildung am Rheingau-Gymnasium in Geisenheim ab, wo er als Jude vermutlich ohne Diskriminierungen in die Klassen- und Schulgemeinschaft aufgenommen war.[19]

Das Geschäft von Georg Strauss und seiner Frau muss einmal recht einträglich gewesen sein. Zwar sind auch hier die Finanzakten zum Ende der NS-Zeit weitgehend bewusst vernichtet worden, aber einige wenige Zahlen können als Indiz für diese Annahme herangezogen werden. So beliefen sich die Erträge des Unternehmens zwischen den Jahren 1931 und 1934, also in den Jahren, in denen die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise noch und der zunehmende politische Druck zu spüren waren, immer über 5.000 RM. Erst 1935 brachen sie kurzfristig ein, um dann aber in den Folgejahren bis 1938 wieder auf die früheren Werte anzusteigen. Das Vermögen, das 1935 steuerlich veranlagt wurde, betrug 82.000 RM.[20] Er habe im selben Jahr noch einen Umsatz von 300.000 RM angemeldet, schrieb Georg Strauss in seinem bereits zitierten Brief an die Entschädigungsbehörde: „In diesem Jahr war großer Futtermangel. Hatte als an einem Tage 8 Waggons Heu, Klee, Stroh und Futtermittel auf der Bahnstation. Trotzdem dass die Nazis Posten standen, holten die Landwirte restlos ab und waren mir sehr dankbar.“[21] Drei Jahre später hatten die ‚dankbaren’ Bauern keine Hemmungen, das Eigentum von Georg Strauss zu zerschlagen und nur wenig hat gefehlt, dann hätte man auch den Juden selbst erschlagen.

Anders als Georg Strauss bekamen seine beiden älteren Brüder Liebmann und Max Strauss, die in Geisenheim gemeinsam ein Möbel- und Manufakturwarengeschäft, zudem ein Kommissionshandel hauptsächlich mit Wein betrieben, die Auswirkungen des politischen und wirtschaftlichen Drucks unmittelbar nach der „Machtergreifung“ zu spüren. Während Liebmann Strauss mit seiner Frau und Tochter in einem Haus in der Kirchstr. 1b wohnten, lebte Max Strauss mit seiner Familie in einem Anwesen in der Marktstr. 2, wo auch die Geschäftsräume und das Lager untergebracht waren. Das Wohngrundstück, das den beiden Brüdern je zur Hälfte gehörte, war 1935 mit einem Einheitswert von 19.000 RM bewertet worden.[22]

Max war am 12. März 1873, sein Bruder Liebmann am 12. März 1875 geboren worden.[23] Über ihren früheren Lebensweg ist nichts bekannt, aber vermutlich hatten sie im Geschäft der Eltern mitgearbeitet, das dann von ihnen auch übernommen worden war. Am 3. Juni 1908 heiratete Liebmann Strauss die am 10. Februar 1885 in Kaiserslautern geborene Carolina / Karoline Bender.[24] Etwa um die gleiche Zeit wird auch sein Bruder die Ehe mit Auguste Bender, der am 10.2.1885 ebenfalls in Kaiserslautern geborenen älteren Schwester von Karolina, geschlossen haben, denn beide Paare bekamen im folgenden Jahr ihre ersten Kinder.[25] Man kann vermuten, dass die Beziehung zwischen den beiden Familien durch die geschäftliche und die doppelte familiäre Bindung sehr eng gewesen sein wird.

Am 22. September 1909 kam in der Ehe des jüngeren Bruders die Tochter Alice zur Welt,[26] zwei Monate zuvor waren am 18. Juli in der Ehe von Max und Auguste Strauss die Zwillinge Erna und Alexander, genannt Alex, geboren worden.[27] Die beiden Cousinen Erna und Alice besuchten nach ihren ersten Volksschuljahren das Ursulinum in Geisenheim, damals eine von katholischen Ordensschwestern geführte Privatschule für Mädchen, wo diese ihre Ausbildung mit der Mittleren Reife abschließen konnten.[28] Auch die beiden Brüder Alex und Kurt gingen zunächst auf die höhere Schule in Geisenheim, die der ältere Alex am Ende der 12ten, Kurt nach der 11ten Klasse verließ. Beide schlossen daran eine kaufmännische Lehre an, die Alex seit 1927 in Frankfurt bei der Firma H. & F. Adler absolvierte, eine Firma die auf die Herstellung von Stoffen für Sport- und Berufskleidung spezialisiert war. Nach Abschluss der Ausbildung trat er 1932 in das Unternehmen seines Vaters und Onkels ein, das er als ältester Sohn später einmal übernehmen sollte.[29] Kurt machte seine Lehre in Mainz bei der Firma Leonard Tietz, die er ebenfalls im Frühjahr 1927 begann. Nach deren Abschluss blieb er zunächst noch als Verkäufer in Mainz, wechselte aber 1932 in die Tietz-Filiale nach Darmstadt, wo er die Abteilung für Teppiche, Gardinen und Dekorationsstoffe übernahm.[30] Auch er war somit bestens darauf vorbereitet, in dem Geisenheimer Familienunternehmen später eine führende Stellung zu übernehmen.

Solche Überlegungen und Pläne waren spätestens mit dem Machtwechsel von 1933 obsolet geworden. Auch in Geisenheim drängten die neuen Herren zunehmend in die örtlichen Machtpositionen und sehr schnell veränderte sich das Klima zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern. In der weitgehend katholisch geprägten Kleinstadt, in der in den Jahren der Republik politisch das Zentrum dominiert hatte, aber auch die Sozialdemokraten eine für eine bäuerlich strukturierte Gemeinde eine relativ starke, zeitweise sogar führende Position einnahmen, war die NSDAP bei den Wahlen im März 1933 auf „nur“ knapp 23 Prozent gekommen, während sie reichsweit das doppelte erreichen konnte. Das Zentrum gewann die Wahl mit 36,6 Prozent, die SPD folgte mit 29,9 Prozent. Ergebnisse, die denen im Reich und im übrigen Hessen völlig zuwider liefen.[31] Man darf aber nicht übersehen, dass bereits 1930 im „Deutschen Haus“ in Geisenheim sich eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet hatte, die – so Hell – im Laufe der Jahre Geisenheim zu einer Hochburg der Partei im Rheingau machte.[32] Im gleichen Jahr entstand dort auch eine SA-Einheit, aus der 1932 die lokale SS hervorging, die wiederum von der Wiesbadener SS-Standarte geführt wurde.[33] Es gab diese Kräfte also trotz einer relativ starken republikanischen Gesinnung schon vor 1933 und die wenigen jüdischen Familien Geisenheims wurden bald zum Angriffsziel antisemitischer Aktionen. Gewachsene Beziehungen zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung boten dann keinen Schutz mehr.[34] Mit Blick auf verschiedene Rheingaugemeinden beschreibt Hell, wie schnell ab 1933 auch dort das Alltagsleben sich aufgrund der neuen politischen Verhältnisse veränderten: Traditionelle Geschäfte boten auf einmal „Braunhemden“ an, christliche Jugendgruppen verloren ihre Mitglieder und „wilde Amtsenthebungen“ sorgten dafür, dass linke Kommunalpolitiker – noch sah man den politischen Gegner und nicht die Juden als Hauptfeind an – aus ihren Ämtern verjagt wurden. Aber schon im April gab es auch die ersten antisemitischen Beschlüsse der Gemeindeparlamente. So wurde etwa in Oestrich und in Winkel beschlossen, dass Juden sonntags nicht mehr ihren Geschäften nachgehen durften. In Oestrich wurden Juden von der öffentlichen Auftragsvergabe ausgeschlossen und bereits im April 1933 wurde auch in Rüdesheim ein Schild „Juden unerwünscht“ am Ortseingang aufgestellt.[35] An einen Vorgang im Frühjahr 1933, dem ein Mitglied der Familie Strauss – um wen genau, ist nicht bekannt – zum Opfer fiel, erinnerte sich später ein Beobachter der Szene mit Scham, weil ihm damals der Mut zum Einschreiten gefehlt hatte:
,,An einem Samstag im Februar kamen mir zwei Personen entgegen: ein Hüne in SA-Uniform und der kleine Herr Strauß aus Geisenheim, der auf dem Weg zur Rüdesheimer Synagoge war. Der SA-Mann trieb mit Fußtritten den kleinen Mann in den tiefen Straßengraben hinunter. Der kleine Herr Strauß lief ein paar Schritte im Graben, und wenn er wieder heraufkletterte, stieß ihn der Kerl mit einem Fußtritt wieder hinunter. So gingen sie gemeinsam nach Rüdesheim, und so sah ich sie von weitem kommen. Ich kannte den Herrn Strauß, und er kannte mich. Ich fuhr ganz langsam, vielleicht lässt der Kerl von dem Treiben ab. Aber der brutale Kloben, den ich nicht kannte, kümmerte sich nicht um den Radfahrer, ich hörte den Herrn Strauß betteln: ‚Hannes (oder irgend ein anderer Name) hör doch uff, ich kenne doch dein Vadder so gut’, was den Kerl noch wilder machte, und ich – fuhr vorüber.“[36]

Der Jude Strauss gehörte in die Gosse, nicht auf die Straße. Noch war sein Leben nicht wirklich bedroht, die Aktion zielte vielmehr auf seine Würde als Mensch. War sie – im Bewusstsein der Täter ! – zerstört, dann war der nächste Schritt ein leichter.

Solche Schikanen und Erniedrigungen gingen einher mit der Ausgrenzung aus dem dörflichen Leben auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das Geschäft, das einmal zu den bedeutendsten Steuerzahlern der Gemeinde gehörte,[37] wurde in wenigen Jahren in den Ruin getrieben. Zwar fehlen auch hier die Steuerunterlagen der Jahre vor 1933 weitgehend, aber zumindest auf Grund der kommunalen Gewerbesteuerangaben von 1931 bis 1937 lassen sich ansatzweise die früheren Erträge rekonstruieren. So konnte 1931 noch ein Gewinn von knapp 15.000 RM erwirtschaftet werden. Im folgenden Jahr hinterließen allerdings die Wirtschaftskrise, vielleicht auch andere nicht bekannte Faktoren, deutliche Spuren in der Bilanz. Eine steuerliche Veranlagung für die Gewerbesteuer hat 1932 nicht stattgefunden. 1933 lag der Gewinn dann nur noch bei der Hälfte des Referenzjahrs 1931 und stagnierte in den Jahren 1934 und 1935 bei etwa 5.000 RM.[38] Die Entschädigungsbehörde ging später davon aus, dass das Einkommen der Anteilseigner vor 1933 jährlich etwa 5.000 RM betragen haben musste,[39] womit aber nicht ausgeschlossen ist, dass es in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise, in der so genannten Stabilitätsphase, erheblich höher gewesen war. Zumindest verfügte Liebmann Strauss zum Stichtag 1. Januar 1935 über ein Vermögen von 28.450 RM.[40] In jedem Fall ist den Akten zu entnehmen, dass neben den persönlichen Anfeindungen auch das Geschäft der Brüder Strauss unter dem Machtwechsel ganz entscheidend zu leiden hatte.

Schon in dieser Zeit, also noch vor den Ereignissen der Reichspogromnacht, war man in den Familien zu dem Entschluss gekommen, Deutschland verlassen zu wollen. Wie in den meisten jüdischen Familien ging es zunächst darum, die Kinder in Sicherheit zu wissen.
Die ersten, die Deutschland verließen, waren die Kinder von Max Strauss. Erna, die am 3. November 1931 in Geisenheim den aus dem saarländischen Saarlouis stammenden Arthur Ernst Wolff geheiratet hatte und mit ihm in den folgenden Jahren in dessen Heimatstadt lebte, war zusammen mit ihrem Mann am 18. Februar 1936 nach Luxemburg gezogen.[41] Schon bald darauf muss das Paar aber weiter nach Belgien gegangen sein, denn von dort aus hatte Ernst Wolff im Sommer seinem Schwager Kurt einen Geldbetrag nach Südafrika in dessen Exilland übermittelt.[42] Zwar gibt es ausschließlich für Ernst Wolff noch einen weiteren Beleg für dessen Aufenthalt im Sommer 1938 in Brüssel in der Rue de Jolly,[43] nicht aber für seine Frau Erna. Es ist aber zu vermuten, dass zu dieser Zeit beide gemeinsam dort lebten. Welchen Weg ihr Leben danach nahm, ist bisher nicht bekannt. Es scheint aber so, als ob sie sich rechtzeitig vor dem Einmarsch der deutschen Truppen haben retten können, denn weder ist im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz, noch in Yad Vashem ein Eintrag für sie als Holocaust-Opfer vorhanden. Möglicherweise gelangten auch sie wie ihr Bruder Kurt und später ihre Eltern nach Südafrika, aber Belege für diese Vermutung gibt es nicht.

Ihr Zwillingsbruder Alex, der nach seiner kaufmännischen Ausbildung in Frankfurt zunächst wieder nach Geisenheim in das Geschäft der Familie zurückgekehrt war, muss schon Ende 1933 dort wieder ausgestiegen, da es wegen der Boykottaktionen bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich war, seine Stelle zu finanzieren. Stattdessen fand er eine Anstellung als Reisender bei Siegmund Eppstein in Frankfurt, einer in der Weserstr. 3 gelegenen Tuchgroßhandlung, die damals für bedeutende Tuchfabriken wie ‚Rentsch’ in Gera oder ‚Ehrlich’ in Forst Tuche in ganz Deutschland vertrieb. Sein Reisebezirk war der gesamte süddeutsche Raum südlich der Mainlinie. Noch verdiente er gut. Neben einem Fixum von 300 RM monatlich bezog er Spesen, von denen er nach eigenen Worten allein hätte leben können.[44] 1935 musste er diese Tätigkeit aufgeben, weil es ihm nicht länger möglich war, als Jude bei nichtjüdischen Kunden Angebote zu unterbreiten und Verträge abzuschließen. Für etwa zwei Jahre übernahm der Sportbegeisterte danach noch die Leitung der Versandabteilung der Frankfurter Sportartikelfirma Lorentz & Co. Auch hier verdiente er immerhin noch 500 RM monatlich.[45] Aber als nach dem Ende der Olympiade die zwischenzeitlich partiell eingestellte antisemitische Kampagne wieder voll entfacht wurde, war auch Alex Strauss klar, dass er Deutschland verlassen musste. Nachdem ihm die notwendigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausgestellt waren,[46] meldete er sich am 31. Oktober 1937 in Frankfurt ab [47] und fuhr mit der ‚SS Washington’ zunächst von Hamburg nach New York und von dort mit der ‚SS California’ von der ‚Panama-Pacific-Line’ weiter nach Los Angeles. Nach einem Aufenthalt in Bakersfield in Kalifornien – möglicherweise in der Familie seines Onkels Nathan – fand er 1938 in San Franzisko eine neue Heimstadt. Aber auch für ihn, der die englische Sprache noch nicht beherrschte, war der Neustart im Exil sehr beschwerlich. Zunächst verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Hilfsarbeiten, als Packer, bevor er 1943 als Soldat in die amerikanische Armee eintrat. Nach Kriegsende war er erneut arbeitslos. Erst im folgenden Jahr fand er eine Stellung, die ihn und seine Familie ernährte.[48]

 Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Alexander Strauss wohnte 1940 in San Franzisko als Mieter bei einer Familie Strauss
https://www.ancestry.com/interactive/2442/m-t0627-00318-00560/71408916?backurl=https%3a%2f%2fwww.ancestry.com%2f1940-census%2fusa%2fCalifornia%2fAlex-Strauss_2h9zwf&ssrc=&backlabel=Return#?imageId=m-t0627-00318-00559

Kurt, der jüngere Bruder der Zwillinge, fand nach 1933, nachdem er bei Leonard Tietz in Mainz im August 1933 entlassen worden war, ebenfalls in Mainz noch einmal eine Anstellung bei der dort ansässigen Firma für Polstereiartikel Abt / Kahn-Hut, die in jüdischem Besitz war. Aber auch diese Beschäftigung als Abteilungsleiter musste er im Sommer 1934 wieder aufgeben. Mit dem ausgezeichneten Zeugnis, das ihm von seinem bisherigen Arbeitgeber ausgestellt worden war, erhielt er noch einmal eine dreimonatige Anstellung – diesmal weitab vom Rhein-Main-Gebiet – in Danzig und eine ebenso kurze Beschäftigung in Gleiwitz in Oberschlesien. Er habe diese Stelle aufgegeben und sei nach Geisenheim zurückgekehrt, um „weiteren Verfolgungen zu entgehen“.[49] Ob er selbst unmittelbaren Angriffen ausgesetzt war oder er die Stimmung insgesamt als feindlich erlebte, hat er nicht weiter ausgeführt. Von Geisenheim aus betrieb er nun seine Ausreise nach Südafrika. Das Schiff „Guilio Cesare“ der Lloyd Triestino lief in Genau aus und erreichte den Zielhafen Kapstadt am 13. Juni 1936. Von dort reiste er weiter nach Johannesburg. Auch er teilte das Schicksal vieler Flüchtlinge, im Exil zunächst weitgehend ohne Mittel und Verdienst und auf die Unterstützung von Verwandten, Freunden oder Hilfsorganisationen angewiesen zu sein. Der Versuch mit einem Partner, Eugen Adler, ein eigenes Geschäft für Innendekoration aufzubauen, scheint gescheitert zu sein,[50] denn am 16. Dezember 1936 fand er dann eine Anstellung bei der Johannesburger Firma J. Eskapa & Co., für die er auch in den folgenden Jahren noch tätig war.[51]

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Alice Strauss, die Tochter von Liebmann und Karoline Strauss

Auch das einzige Kind von Liebmann und Karoline Strauss, Alice, hatte spätestens 1936, vielleicht aber auch schon früher Deutschland verlassen. Eine Berufsausbildung hatte sie vermutlich nach ihrem Abschluss der Mittleren Reife nicht mehr gemacht. Am 27. Juni 1934 war sie in Geisenheim mit dem damals schon in Luxemburg lebenden Handelsreisenden Siegfried Strauss eine Ehe eingegangen. Es war allerdings deutscher Staatsbürger und am 26. März 1906 in Steinbach am Donnersberg geboren worden.[52] Vermutlich lebte das Paar nach der Heirat im damals noch sicheren Luxemburg, wo am 10. März 1936 auch ein Pass für Alice Strauss ausgestellt wurde.[53] Leider liegen keine Angaben darüber vor, wann das Paar auf welchem Weg in die USA emigrierte, wo sie zuletzt im Staat New York lebten. Ihr weiteres Schicksal ist bisher nicht bekannt.[54]

1937 reiste auch Alfred, der Sohn von Georg und Emma Strauss aus Deutschland aus. Er hatte 1928 an dem staatlichen Real Gymnasium in Geisenheim noch sein Abitur machen können und anschließend in Offenbach in der Getreidegroßhandlung ‚Kamberg A.G.’ bis 1931 eine Ausbildung als Kaufmann abgeschlossen. Danach war er nach Geisenheim zurückgekehrt, um dort die Geschäftsführung in der elterlichen Frucht- und Weinhandlung zu übernehmen. Er hatte nach seinen Angaben von seinen Eltern damals ein Gehalt von 7.500 RM im Jahr bezogen.[55] Wie gut die Geschäfte früher gelaufen sein müssen, es handelte sich immerhin um das größte Handelsunternehmen dieser Art in der gesamten Region, zeigt sich unter anderem daran, dass Alfred bei seiner Auswanderung, die ihn über Paris in den Hafen von Boulonge führte, wo er das Schiff ‚Almeda Star’ der ‚Blue Star Line’ bestieg und in der 1. Klasse die Überfahrt nach Brasilien antrat. Von Rio reiste er unmittelbar danach weiter nach Sao Paulo.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Briefkopf der Firma Georg Strauss
HHStAW 474/3 1839

Allerdings ist nicht klar, ob es sich tatsächlich um eine geplante Flucht handelte oder um eine „Informationsreise“ nach Brasilien, die gemäß seinen Angaben gegenüber der Devisenstelle zunächst nur dem Zweck dienen sollte, geeigneten Grundstücke bzw. Länderein für ein langfristiges Auswanderungsprojekt zu finden.[56] Um den Kauf tätigen zu können, sollten Alfred von seinem Vater 8.000 RM auf einem Sperrkonto einer brasilianischen Bank als Geschenk überwiesen werden.[57] Ob diese Schenkung genehmigt wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Offensichtlich plante man den Aufbau einer Plantage und man hatte sogar sogar schon Kontakte mit einer Konservenfabrik in Magdeburg aufgenommen, die bereits in Brasilien aktiv war.[58] Allerdings stellte sich heraus, dass keines der Objekte geeignet oder akzeptabel war, zumindest kam ein Kaufvertrag nicht zustande. Weil es sich eigentlich nur um eine zeitlich begrenzte Informationsreise handeln sollte, hatte Alfred auch ein Rückfahrtticket buchen müssen. In einem undatierten Brief an die Devisenstelle Frankfurt schrieb sein Vater schon im Sommer 1937, dass sein Sohn in Brasilien bleiben werde:
“Ich gestatte mir darauf hinzuweisen, dass es sich bei der ausgeführten Reise um eine Informationsreise handelte, und nimmt mein Sohn die zufällige Möglichkeit durch einen dortigen Bürgen, den Daueraufenthalt zu erlangen, war.(sic)[59]
Es könnte aber auch ohne Weiteres sein, die Vermutung liegt eigentlich nahe, dass Alfred von Anbeginn plante, in Brasilien zu bleiben und die Informationsreise nur fingiert war, um das notwendige Einreisevisum zu erhalten.[60] Ihm gelang es nach zwei Jahren, in denen er ohne Einkommen war, dort ein Unternehmen aufzubauen, das ihm in den folgenden Jahren stetig wachsende Einnahmen sicherte. So war es ihm dann auch möglich, noch rechtzeitig auch seine Eltern nach Südamerika zu holen.

Geplant hatten die ihre Flucht schon länger, aber erst die Ereignisse im Herbst 1938 gaben den letzten Anstoß, diese Pläne auch zu realisieren. Der Verlust ihres gesamten Vermögens war der hohe Preis den sie für die Rettung ihres Lebens zu zahlen hatten.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Gefangenenkarte von Georg Strauss aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/archive/7205419/?p=1&s=Georg%20Strauss&doc_id=7205420

Am 12. September 1938, also noch vor dem Novemberpogrom, war das Haus in der Marktstr. 24 für 25.000 RM an einen Wiesbadener Interessenten verkauft worden – ein Preis, der nach Angabe von Georg Strauss nur die Hälfte des tatsächlichen Wertes betrug.[61] Das einst so florierende Geschäft selbst wurde von einer örtlichen Winzerfamilie aufgekauft, gezahlt wurde aber nur für die noch vorhandenen Lagerbestände. Die gesamten Erlöse mussten wie üblich auf ein gesichertes Konto eingezahlt werden. Das Ehepaar Strauss hatte noch bis zum 1. November 1938 in der Wohnung bleiben dürfen, um die notwendigen Vorbereitungen zur Ausreise zu treffen. So waren die Möbel und alles andere Inventar, was mit nach Südamerika genommen werden sollte, verpackt und in einem Raum abgestellt worden. Nach Abschluss dieser Arbeiten, zog das Paar nach Frankfurt in den Reuterweg 80. Die Ereignisse am 10. November erlebten sie daher dort und nicht in ihrer Heimatgemeinde. Georg Strauss war einer von den insgesamt etwa 2621 Männern, die an diesem Tag in Frankfurt verhaftet wurden und anschließend in die Konzentrationslager Buchenwald verbracht wurden. Eine weitere Gruppe von mehreren Hundert wurde in Dachau inhaftiert. Er kam „schon“ nach etwa vier Wochen frei, weil er inzwischen das Visum für Brasilien erhalten hatte. Als er danach – bei den neuen Eigentümern Geibel angekündigt – nach Geisenheim fuhr, um sich um sein Umzugsgut zu kümmern, stand er zunächst vor verschlossenen Türen. Dass der Neubesitzer des Hauses nicht anwesend war, hatte seinen Grund. Während des Pogroms war der Mob – laut Georg Strauss nach einem entsprechenden Tipp von Frau Geibel – in den verschlossenen Raum eingedrungen, in dem die Kisten mit dem Umzugsgut standen. In einer eidesstattlichen Erklärung berichtete die ehemalige Hausgehilfin der Familie Strauss später über die Ereignisse an diesem Abend: „In den Novembertagen 1938 wurden diese beiden Räume ausgeräubert, so dass sich, soviel ich dann hörte, später nichts mehr in den Räumen befand. Der Inhalt der Räume soll mit LKW abgefahren worden sein. Obwohl ich früher als Hausgehilfin bei den Eheleuten Strauss tätig war und im Hause gegenüber wohnte, wagte an dem betreffenden Tage nicht, die Strasse zu betreten, da man mir ohnehin dauernd Schwierigkeiten machte, weil ich als Judenfreundin verschrieen war. Sämtliche Leute aus der Nachbarschaft sagten mir aber damals sofort, dass der Inhalt der beiden Räume im ersten Stockwerk auf die Strasse geworfen und auf LKWs geladen und abgefahren worden sei.“[62]
Es muss allerdings noch weiteres Frachtgut gegeben haben, das nicht in diesen beiden Räumen gelagert worden war. Das „Emigrationsgewinnler“-Unternehmen Rettenmayer wandte sich am 29. April 1947 an den bereits im Exil lebenden Georg Strauss und drückte sein tiefes Bedauern über das Geschehene aus: „Ich muss Ihnen die sehr betrübliche Mitteilung machen, dass leider durch die Kriegsereignisse unser Büro vernichtet wurde und damit auch die Akten mit allen Unterlagen, sodass ich Ihnen mit Einzelheiten leider nicht mehr anhand gehen kann (sic). Ich weiß nur, dass es sich bei Ihnen um hochwertige, kaum wieder zu ersetzende Gegenstände, insbesondere vielfach um Maschinen handelte.“ Dennoch war er „selbstverständlich gerne bereit [Herrn Strauss] jegliche Hilfe zuteil werden zu lassen“ und für dessen Wünsche er „jederzeit selbstverständlich ein Gehör“ haben werde. „Lediglich aus dem Lagerbuch konnte ich feststellen, dass Ihr am 3.12.1938 bei uns eingelagertes Gut im November 1940 durch das Finanzamt in Wiesbaden zur Versteigerung kam.
Soweit uns Kosten entstanden waren für Lagerung usw. wurden diese zu dortmals üblichen Sätzen an uns vergütet, der Rest ebenfalls an das Finanzamt abgeführt.“
[63] Gut, dass der NS-Staat Rettenmayer damals angemessen an der Beute beteiligt hatte, sonst wären wohl u.U. Nachforderungen an die Familie Strauss für die lange Lagerdauer erhoben worden. Er hatte bereits vorab 2026 RM für die Einlagerung und die Verschiffung nach Brasilien bezahlt![64]

Aber selbstverständlich gab sich der Staat nicht mit diesen Vermögensresten zufrieden. Voraussetzung für die Auswanderung war zunächst, dass die verschiedenen fälligen Steuern beim Finanzamt abgegolten wurden. Am 15. Dezember 1938 erhielt Georg Strauss den Bescheid über die zu zahlende Judenvermögensabgabe in Höhe von 9.600 RM jeweils für ihn und seine Frau, zusammen somit 19.200 RM,[65] Die Reichsfluchtsteuer, berechnet nach dem Basiswert des Vermögens von 1935, das damals 82.000 RM betrug, belief sich auf 20.500 RM. Für neu erworbene Waren musste die sogenannte Dego-Abgabe in Höhe von 2.409 RM entrichtet werden.[66] Am 21, Dezember 1938 wurde ihm dann vom Finanzamt Rüdesheim die notwendige Unbedenklichkeitsbescheinigung erteilt, die Voraussetzung für die Ausstellung eines Reisepasses und damit für eine Ausreise war. Mehr als 40.000 RM hatte er dem Fiskus des NS-Staates hinterlassen müssen, um sein eigenes Leben und das seiner Frau zu retten. Am 21. Dezember hatte Georg Strauss noch ein Bankfach gemietet, in den er den gesamten Schmuck, Uhren, Armbänder, Halsketten, Ringe mit Brillanten, deponierte. Die Entnahme der Wertgegenstände war nur mit Genehmigung der Devisenstelle möglich. Vielleicht hatte Georg Strauss tatsächlich geglaubt, sie in diesem Safe vor dem Zugriff bewahren zu können. Ein Irrtum, denn auch diese Wertgegenstände wurden später beschlagnahmt.[67]

Seit dem Fortgang ihres Sohnes hatten die Eltern die eigene Ausreise betrieben und eigentlich hätte die Ausreise schon vor dem November 1938 stattfinden sollen. Aber im Sommer wurden alle Einreisevisen bis November /Dezember gesperrt,[68] sodass ihnen wegen dieser Verzögerung die bitteren Erfahrungen der Reichspogromnacht nicht erspart blieben.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Ticket für die Überfahrt von Georg und Emma Strauss nach Brasilien
HHStAW 518 3297 I (95)

Am 30. Dezember des Jahres 1938 bestiegen Georg und seine Frau Emma in Hamburg das Schiff ‚Antonio Delfino’ der ‚Hamburg-Südamerikanischen-Dampfschiffahrts-Gesellschaft’, das sie nach Brasilien zu ihrem Sohn brachte.[69] Die Sicherheit, die der brasilianische Staat von den Einwanderern verlangte, 3.000 Milreis, wurde von  Georgs Bruder Nathan Strauss aus Kalifornien gestellt.[70] Vom Anlegehafen Santos mussten sie mit der Bahn noch die letzte Etappe nach Sao Paulo mit der Eisenbahn überwinden.

Dort angekommen – „mit 10 Mark“ [71] – war der fast Sechzigjährige zunächst arbeitslos, sodass die Eltern bis 1944 von ihrem Sohn, der zunächst auch noch in sehr prekären Verhältnissen lebte, versorgt werden mussten. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Vater in der Firma von Alfred Strauss mit einem entsprechenden Gehalt angestellt.[72]

In dieser Firma ‚Roupas’, die zunächst als G.m.b.H. gegründet worden war, dann zu einer AG umgewandelt und von Alfred Strauss als Direktor geführt wurde, verdiente Alfred Strauss selbst im Jahr 1940 umgerechnet gerade mal knapp 800 RM, zehn Jahre später waren es mehr als 18.000 RM.[73] Inzwischen gehört das Unternehmen, das er zusammen mit dem Emigranten Bernhard Walter Heymann aus Langenlonsheim aufgebaut hatte,[74] zu einem in Brasilien führenden Werk zur Herstellung von Berufskleidung.
1943 hatte Alfred, der sich nun Alfredo nannte, die 1920 in Braunschweig geborene Annelise Herzberg geheiratet. Die beiden Söhne, Carlos Eduardo, geboren 1950, und der zwei Jahre jüngere Marcelo Roberto, wurden beide Ingenieure und hatten damit die Qualifikation erworben, um an den erfolgreichen Aufstieg des Vaters anzuknüpfen.[75] Der Großvater der beiden Söhne von Alfred Strauss, Georg Strauss, starb am 1. Dezember 1968, seine Frau Emma am 23. November 1976 in Sao Paulo,[76] Alfred Strauss selbst im März 1994.[77]

Auch Alfreds Cousin Albert, der Sohn von Fanny und Jakob Strauss, konnte Deutschland verlassen, bevor die Deportationen begannen, den Pogrom des Jahres 1938 erlebte er aber noch in seinem Heimatort Oestrich, wohin er zurückgekehrt war, nachdem eine Beschäftigung in dem von ihm erlernten Beruf nicht mehr möglich war. Er habe damals im Geschäft der Mutter mitgearbeitet, habe als Hausierer versucht, die noch vorhandenen Waren in den Nachbargemeinden zu verkaufen oder wenigstens die vorhandenen Außenstände einzutreiben. Da auch die Schwester noch im Betrieb mitarbeitete, das Geschäft ohnehin stark zurückgegangen sei, habe es eigentlich keinen Bedarf für seine Mitarbeit gegeben, so die spätere Auskunft der Gemeinde.[78] Die Hetzjagd auf die Juden in Oestrich erreichte ihren Höhepunkt mit den initiierten Aktionen am 10. November 1938. Zu dieser Zeit lebten nur noch vier jüdische Familien im Ort. Neben dem Weinhändler Rosenthal, dem Manufakturwarenhändler Ernst Strauss, dem Wein- und Viehhändler Leopold Strauss waren das nur noch Fanny Strauss mit den beiden Kindern in ihrem Haus in der Römerstr. 6.

Über die Vorgänge an diesem Tag gibt ein Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 23. Februar 1949, in dem zumindest einige der Beteiligten verurteilt wurden, detailliert Auskunft:
„Die Anwesen dieser jüdischen Bürger sind sämtlich am 10. November 1938 schwer demoliert worden. Den Beginn dieser Ausschreitungen machte eine kleine Gruppe auswärtiger, nicht ermittelter Täter, die etwa zwischen 17 und 18 Uhr in die einzelnen jüdischen Häuser eindrangen und dort Zerstörungen des Mobiliars und der sonstigen Einrichtungsgegenstände vornahmen. Diese Täter hielten sich jedoch nicht lange auf, und die von ihnen vorgenommenen Demolierungen waren nicht übermäßig schwer. Die Ausschreitungen wurden dann durch eine Vielzahl von Oestricher Bürgern einige Zeit später – etwa zwischen 19 Uhr und 19.30 Uhr – fortgesetzt und erreichten hierbei ihren Höhepunkt gegen 20.30 Uhr. Wie lange diese Ausschreitungen angedauert haben, hat nicht mehr mit Sicherheit festgestellt werden können. Wahrscheinlich sind sie im wesentlichen etwa um 21.30 Uhr abgeschlossen gewesen. Nach diesem Zeitpunkt haben sich nur noch Einzelne an dem Wein des Eduard Rosenthal vergriffen. Zwischen 23 und 24 Uhr kam dann noch einmal eine Gruppe von Auswärtigen (aus Eltville) unter Führung des SA-Hauptsturmführers H., die sich zum Anwesen Rosenthal begab und dort etwa 200 noch vorhandene Weinflaschen zerschlug. Teilnehmer an dieser Aktion konnten namentlich nicht mehr festgestellt werden mit Ausnahme von H., der deswegen bereits in dem Verfahren gegen die Teilnehmer an der Eltviller Judenaktion rechtskräftig verurteilt ist.

Das Schwergewicht der Ausschreitungen gegen die Juden in Oestrich lag hiernach in der Zeit von etwa 19 Uhr bis etwa 21.30 Uhr. Während dieser Zeit wurden sämtliche jüdischen Anwesen heimgesucht. Bei Ernst Strauß wurde die Wohnungs- und Geschäftseinrichtung kurz und klein geschlagen, die reichlichen Warenbestände wurden zum größten Teil von den Teilnehmern der Aktion geplündert. Ähnliche Ausmaße nahmen die Ausschreitungen gegen die Familie Jakob Strauß Witwe [Fanny Strauss- K.F.] in der Römerstraße an. Auch hier wurden die Einrichtungen des Hauses wie des Geschäfts aufs Schwerste demoliert. Möbelstücke, darunter ein größerer Schrank, und Hausrat jeder Art wurden auf die Straße geworfen und dadurch zerstört. Die noch anwesenden jüdischen Bürger Jakob Strauß Wwe., Johanna und Albert Strauß, mußten sich Beschimpfungen und Verunglimpfungen, Johanna und Albert Strauß auch erhebliche Mißhandlungen gefallen lassen. […] Bei Rosenthal galt indessen das Hauptinteresse dem großen Weinkeller, in dem es zu erheblichen Demolierungen und Plünderungen des dort lagernden Flaschenweins kam.
Während der ganzen Zeit der Ausschreitungen waren die Straßen von Oestrich außergewöhnlich belebt: Eine große Menschenmenge war auf den Beinen, begab sich zu den einzelnen Judenhäusern und verweilte dort in mehr oder weniger großer Entfernung von den noch andauernden Zerstörungshandlungen.
[79]

Die in dem Urteil angesprochenen Misshandlungen, denen Albert Strauss ausgesetzt war, werden im Geständnis von einem der Beteiligten genauer geschildert. Zunächst hatte der Aussagewillige beobachtet, wie das Haus von Ernst Strauss demoliert worden war, war dann mit seiner Frau weiter in die Römerstr. 6 gegangen, wo ebenfalls eine Gruppe Oestricher, deren Namen er zum größten Teil erinnerte, mit ihrem Werk zugange war. Er selbst habe sich weder hier, noch an der nächsten Aktion im Haus Rosenthal beteiligt, sei aber dann von einem Ferdinand Müller aufgefordert worden, mit zurück zum Haus von Fanny Strauss zu gehen:
„Er bat mich, doch einmal mit ihm dorthin zu gehen. Er wollte mit Albert Strauß, auf den er große Wut hatte, abrechnen. Da ich auch mit Albert Strauß seit Jahren stark verfeindet war, ließ ich mich überreden und ging mit ihm. Als wir an das Haus kamen, sahen wir, wie Albert Strauß gerade die Römerstraße herunterkam und ins Haus lief. Müller lief ihm nach und erwischte Albert unten im Flur. Dort haben wir ihn dann mit der Hand geschlagen. Auf der Treppe stand Josef Weber und zerschlug mit einer Axt das Treppengeländer. Auf das Geschrei von Albert erschienen oben auf der Treppe noch Theodor Christ und Martin Schlupp aus Winkel. Als wir Albert gehen ließen, wollte er die Treppe hinauf, wurde aber von den dort Stehenden wieder heruntergestoßen. Dabei wurde ihm von Weber ein Topf oder ein Eimer auf den Kopf geschlagen.“ Nach der Aktion sei man innerhalb der Ortsgruppe erstaunt darüber gewesen, dass so viele “Nicht-Pg.s“ sich so aktiv daran beteiligt hätten.[80]

Den Überfall auf das Haus bestätigte auch Georg Strauss, der Bruder von Fanny, in einer eidesstattlichen Erklärung im Rahmen des Entschädigungsverfahrens:
„Bezüglich des Schadens am Eigentum kann ich folgendes angeben: Ich weiß, daß eine Horde am 10. Nov. 1938 in das Haus meiner Schwester eingedrungen ist und fast alles zerschlagen und geplündert hatte. Ich selbst bin im Dezember selbst in Östrich gewesen und habe festgestellt, dass die Wohnung fast kahl war. Meine Schwester erklärte mir, das übrige sei zerschlagen worden und wäre unbrauchbar. Außerdem weiß ich, daß meine Schwester und deren Tochter, Johanna Strauß, mißhandelt worden sind.
Meiner Schwester gehörte das ganze Haus, sie selbst bewohnte bis kurz vor November 1938 das ganze Haus und ihr gehörten alle Einrichtungsgegenstände. Die Zimmer waren gut bürgerlich ausgestattet. Der Schaden ging in die Tausende.“
[81]

Es blieb nicht nur bei den Plünderungen und Misshandlungen, wie auch sonst in Deutschland wurden auch in Oestrich die männlichen jüdischen Bürger verhaftet und in Konzentrationslager überführt. Vom 12. November 1938 bis zum 12. April des folgenden Jahres saß auch Albert Strauss im KZ Buchenwald ein. Mit der Häftlingsnummer 3736 versehen, war er als „Aktionsjude“ im Block 50 in der Baracke 2a untergebracht. Offenbar war aber nicht nur die Tatsache, dass er Jude war, ein Grund seiner Verhaftung, auf seiner Häftlingskarte ist auch vermerkt, dass er von 1926 bis 1928 Mitglied einer „Demokr. Jugendgruppe“ war.[82] Mit den wenigen Kleidungsstücken, die er bei seiner Verhaftung trug, musste er die eisigen Wintermonate im Lager auf dem Ettersberg bei Weimar überstehen. Ein kleines Paket mit zwei Paar Socken erhielt er im Februar.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26 Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26 Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26 Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26

 

 

 

 

 

 

 

Gefangenenkarteikarten für Albert Strauss aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/archive/7205239/?p=1&s=Albert%20Strauss&doc_id=7205240

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Brief von Fanny Strauss an die Lagerleitung in Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/archive/7205239/?p=1&s=Albert%20Strauss&doc_id=7205240

Als Voraussetzung für seine Entlassung, wie häufig geschehen, hatte er sich zum Verlassen des Landes verpflichten müssen. Seine Mutter hatte die dafür notwendigen Vorbereitungen getroffen und einen Pass beantragt. Allerdings sind die Daten bezüglich seiner Entlassung aus dem KZ sehr verwirrend. Als Entlassungsdatum ist in seinen Papieren der 12. April 1939 eingetragen. Vom 11. Mai bis zum 17. Juli 1939 war er dann in Frankfurt gemeldet.[83] Andererseits existiert aber ein Brief seiner Mutter an die Kommandantur von Buchenwald vom 27. Juni 1939, in dem sie darum bittet, dass man ihren Sohn veranlassen möge, sich Passbilder anfertigen zu lassen und diese per Nachnahme zu ihr nach Oestrich zu schicken, was eigentlich darauf schließen lässt, dass er zu diesem Zeitpunkt noch im Lager gewesen sein müsste. Noch verwirrender ist dann, dass auf dem Brief die Notiz, „erl. am 1.2.39“ zu lesen ist. Diese nicht nachvollziehbaren Datierungen werden sich nicht mehr aufklären lassen. Das nur für „Auswanderungszwecke“ gültig polizeiliche Führungszeugnis aus Frankfurt, in dem die Meldedaten angegeben sind, ist wiederum am 4. August ausgestellt worden. Zu dieser Zeit muss Albert Strauss demnach noch in Deutschland gewesen sein. Ein weiteres polizeiliches Führungszeugnis seiner Heimatgemeinde, welches das Datum 19. Juli 1939 trägt, bescheinigt im, dass er nach seinem Aufenthalt in Frankfurt nach Oestrich zurückgekommen war, vermutlich um die letzten bürokratischen Formalitäten zu erledigen und um sich von seiner Familie zu verabschieden.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Abmeldung von Alexander Strauss nach Bakersfield / Kalifornien
HHStAW 518 68486 (6)

Über Köln, Brüssel, Ostende, Dover gelangte er nach Richborough in England – wann genau ist nicht bekannt. Um eine Einreisegenehmigung für die Britischen Inseln zubekommen, musste er eine Fahrkarte zur Weiterfahrt nach Shanghai vorlegen, wo man ihn offensichtlich auch nicht haben wollte. Über die Gründe, weshalb er dieses Ticket nicht nutzte oder nutzen konnte, machte er keine Angaben.[84] Möglicherweise war es zwischen seiner Ankunft in England und der geplanten Weiterreise zum Ausbruch des Krieges gekommen, was zur Folge hatte, dass er stattdessen als Angehöriger eines Feindstaates am 1. Mai 1940 interniert wurde. Auch liegen keine Informationen darüber vor, wie und wann es ihm danach gelang, weiter nach Kanada zu reisen. Aber auch in Kanada wurde er zunächst wieder interniert und erst am 31. Oktober 1942 endgültig in Freiheit entlassen. Von Montreal aus konnte er dann 1945 nach Kalifornien reisen, wo andere Mitglieder des Familienverbandes lebten. Von 1946 bis 1955 war er offensichtlich im Juweliersgeschäft seines Onkels Nathan Strauss in Bakersfield angestellt. Schon bei seiner Entlassung aus Buchenwald hatte er die USA als Ziel seiner Ausreise angegeben. 1955 wurde das Geschäft des Onkels geschlossen und Alfred Strauss musste sich nach einer neuen Arbeitsstelle umsehen.[85]  Ganz offensichtlich war der früh ausgewanderte Nathan Strauss eine wichtige Stütze für die gesamte Familie in dieser schweren Zeit gewesen. Wie der weitere Lebensweg seines Neffen Alfred Strauss aussah, ist nicht bekannt. Am 1. April 1978 ist Albert Strauss in Kalifornien verstorben.[86]

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Grabstein für Albert Strauss in Kalifornien
https://de.findagrave.com/memorial/142501134/albert-strauss#view-photo=116894460.

Wohl etwa zum gleichen Zeitpunkt wie Albert hatten auch seine Mutter und Schwester Oestrich verlassen. Schon im Jahr zuvor, noch vor dem Pogrom, hatte der Bürgermeister verfügt, dass ihr Geschäft, das ohnehin seit 1933 immer weniger Umsatz machte, endgültig geschlossen wurde.[87] Am 27. Februar 1939 war das Haus in der Römerstr. 6 samt Stallungen und Waschküche verkauft worden, allerdings durften sie als ehemaligen Eigentümer dann noch bis zum September in dem stark demolierten Haus wohnen bleiben. Weil es so sehr beschädigt worden war, wurde der Kaufpreis entsprechend reduziert und die Käufer ließen auf eigene Kosten die notwendigen Reparaturen durchführen. Wie die neue Besitzerin im Entschädigungsverfahren selbst zugab, hatte Fanny Strauss bei den damaligen Verkaufsverhandlungen 1939 bemerkt, dass sie eigentlich einen höheren Preis hätte verlangen wollen, es aber angesichts der Schäden bei einem Preis von 12.000 RM belassen wolle.[88] Selbstverständlich wurde das Geld auf ein zu errichtendes Sperrkonto eingezahlt und Fanny Strauss dazu verpflichtet, eine aktuelle Vermögenserklärung abzugeben.[89] In der am 7. Juli 1939 übermittelten Aufstellung gab sie an, 500 RM aus einem noch nicht genehmigten Grundstücksverkauf, 600 RM an Wertpapieren und den Erlös aus dem Hausverkauf zu besitzen. 4.900 RM waren bereits auf dem gesperrten Konto eingegangen, 5.000 RM betrug die Restforderung.[90] In der Aufstellung sind auch Verbindlichkeiten aufgeführt, die sie zu begleichen hatte, darunter auch Operationskosten für ihren Sohn Albert in Höhe von 300 RM. Auch ist hier eine Rate – vermutlich die dritte – der Judenvermögensabgabe in Höhe von 350 RM angegeben. Daraus lässt sich schließen, dass insgesamt 1.400 RM bzw. mit der 5. Rate 1.750 RM dieser Sondersteuer von Fanny Strauss zu zahlen waren.[91]

In weiteren Schreiben an die Devisenstelle bat sie darum, ihr einen monatlichen Freibetrag von 400 RM zu gewähren, da sie sowohl für ihren eigenen Lebensunterhalt wie auch für den ihrer Tochter und ihren Sohn aufkommen müsse. Letzterer arbeite unentgeltlich in Frankfurt zur „Umschichtung“.[92] Tatsächlich wurde der Freibetrag in dieser Höhe zunächst zugestanden, im Mai des folgenden Jahres aber zunächst auf 300 RM,[93] dann im Januar 1942 auf 250 RM und zuletzt im März 1942 auf nur noch 200 RM herabgesetzt.[94]

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Brief von Fanny Strauss an die Devisenstelle vom Juli 1939, in dem sie ihre finanzielle Situation darstellt
HHStAW 519/3 7836 (3)

Aber zu diesem Zeitpunkt war Albert Strauss schon längst im sicheren Exil. Fanny Strauss mit ihrer Tochter Johanna waren nach dem Verkauf des Hauses am 22. September 1939 nach Wiesbaden in die Dotzheimer Str. 31 gezogen, wo sie im zweiten Stock wohnten.[95] Vermutlich fühlte sich Johanna verantwortlich für ihre verwitwete Mutter und hatte wohl gar nicht erst versucht, Deutschland zu verlassen. Sie gehörte daher als einzige dieser Strauss-Generation zu den Opfern des Holocaust.

Vermutlich lebten die beiden Frauen in der Dotzheimer Straße zusammen mit Jettie Still, geborene Rabinowicz. Deren Sohn Bernhard war im August 1939 im Alter von 16 Jahren noch rechtzeitig nach Schottland gebracht worden, ihr Mann Hersch Still war bereits im Juni nach Belgien geflohen. Für ihn hatte von dort aus eine Odyssee begonnen, die nach verschiedenen Aufenthalten in Afrika 1940 in England endete – viel zu spät, um seine in Wiesbaden zurückgebliebene Frau zu retten.[96] Diese bestieg am 10. Juni 1942 zusammen mit Fanny und Johanna Strauss den Transport mit der Zugnummer DA 18, der am folgenden Tag von Frankfurt aus etwa 1250 Juden aus mehreren hessischen Landkreisen, darunter 618 aus Frankfurt und 371 aus Wiesbaden, in die eigentlich polnische, jetzt im sogenannten Generalgouvernement liegende Stadt Lublin brachte. Etwa 200 arbeitsfähige Männer wurden dort aussortiert und für Zwangsarbeiten in das Lager Majdanek überstellt. Die übrigen brachte der Zug nach Sobibor unmittelbar in den Lagerbereich II, wo sich die die Deportierten entkleiden mussten und wo ihnen die letzte Habe, kleinere Wertsachen, Nahrungsmittel und Erinnerungen genommen wurden. Danach wurden sie in eine der drei etwa 16 qm großen Kammern getrieben, in die über Rohrleitungen die Abgase der im Nebengebäude installierten Motoren einströmten. Unfassbare 20 bis 30 Minuten dauerte es, bis die Opfer dieser mörderischen Tortur endlich den Tod fanden.[97]

Max und Auguste Strauss waren noch bis 1939 in Geisenheim geblieben. Ob bürokratische Hindernisse oder die vage Hoffnung, die Verfolgung der Juden könne nicht noch über das bisherige Maß gesteigert werden, sie davon abhielt, Deutschland schon früher zu verlassen, ist nicht bekannt. Ihr Bleiben hatte zur Folge, dass sie das schreckliche Jahr 1938 noch in Geisenheim erleben mussten. Als Indiz für den alltäglichen Antisemitismus, den die Familie Strauss ganz sicher in all den Jahren zwischen 1933 und 1938 ertragen musste kann ein aktenkundig gewordene Vorfall vom Sommer 1938 gewertet werden, der aber genauso zeigt, dass es damals auch in Geisenheim noch Menschen gab, die sich nicht an der allgemeinen Hetze beteiligten. Max Strauss war bei einem Rundgang durch den Ort, bei dem er von säumigen Schuldnern die fälligen Raten einkassieren wollte, von einer ihm bekannten Frau verfolgt worden und mit ihr in Streit geraten. Sie beschuldigte ihn, sie mit „freches Frauenzimmer“ beschimpft zu haben, was Max Strauss aber entschieden bestritt. Bei einer polizeilichen Vernehmung, konnten selbst von der besagten Frau benannte Zeuginnen nicht bestätigen, dass die Worte gefallen waren. Am Abend des gleichen Tages kam dann eine Gruppe von fünf Männern in Zivil in das Haus von Max Strauss in der Marktstr. 2 und wollten ihn zwingen, zuzugeben, die Beschimpfung gemacht zu haben. Als er weiterhin bei seiner Aussage blieb kam es zu dem von Liebmann Strauss in einem an die Anwälte seines Bruders gerichteten Schreiben:

„Daraufhin gingen sie ihm bis ins Zimmer nach, rissen ihn vom Divan auf den Boden und schleiften ihn, da er nicht ohne Weiteres mitging, durch den Flur die Treppe herunter, führten ihn öffentlich, nur mit Hemd und Hose bekleidet, durch die Straße bis zum Rathaus, wo er nun seit dem 17.ten in Schutzhaft ist. Die Polizei war bei der Festnahme nicht zugegen, es waren alles Leute in Zivil, welche bei der S.A. sind, außerdem ein Herr Mangold, welcher hier bei Geh. Staatspolizei sein soll. Legitimiert hat er sich aber nicht. Mein Bruder hat infolge der Misshandlungen und Aufregungen Herzbeschwerden, Schwellungen und Hautabschürfungen am Bein und musste gestern einen Arzt in Anspruch nehmen. Er befindet sich in Schutzhaft auf dem hiesigen Rathaus und wurde uns bei einer persönlichen Vorsprache auf dem Landratsamt in Rüdesheim heute morgen mitgeteilt, dass wir uns an die Geheime Staatspolizei in Frankfurt wenden sollen, wo die Akten bereits vorliegen.“ Die Vorsprache des Anwalts hatte Erfolg. Wie lange Max Strauss aber damals inhaftiert war, ist nicht bekannt. Am 14. Oktober 1938 wurde dem Anwalt ein Scheck für seine Dienste übermittelt.[98] Die Freiheit währte nur vier Wochen.

Schon vor diesem Zwischenfall hatten Max und Auguste Strauss für ihre Flucht aus Deutschland konkrete Schritte unternommen, nachdem ihre Kinder in Sicherheit waren. Zwar wurde das Haus in der Marktstr. 2, das Max und Liebmann Strauss gemeinsam gehörte, erst im März 1939 endgültig verkauft, Verhandlungen hatte es aber schon viel früher gegeben. Ein geplanter Verkauf, der den Eigentümern sogar 5.500 RM mehr eingebracht hätte, wurde allerdings von dem damaligen NSDAP-Kreisleiter verhindert, weil der Aspirant – so Max Strauss – „bei den Nazi-Stellen nicht so gut angeschrieben war“.[99] Laut diesem Kaufvertrag, abgeschlossen am 8. September 1938, sollte das Haus samt Geschäft am 1. Oktober übergeben werden.[100] Stattdessen ging das Hausgrundstück für nur 17.500 RM an einen von den örtlichen Parteikreisen bevorzugten Schreinermeister und Möbelhändler aus Geisenheim.[101] Die Ereignisse vom November 1938 hatten nachdrücklich gezeigt, wie wenig man unter den gegebenen Machtverhältnissen ausrichten konnte und dass ein weiteres Zögern lebensbedrohlich sein würde.

Zwar schreibt Friedmann, dass die Ausschreitungen in Geisenheim im Vergleich zu Frankfurt oder Gießen – seine beiden Vergleichsstädte – weniger ernst gewesen seien, schreibt aber dann auch, dass Max und Liebmann Strauss dieser Einschätzung sicher widersprochen hätten, waren die beiden neben Ludwig Mayer doch die Hauptleidtragenden dieser Nacht in Geisenheim.[102]

„Zu den besonders schlimmen Ereignissen jenes Tages gehört es, daß auch Jugendliche und Kinder zur Mitwirkung bei dem Pogrom herangezogen wurden. In verschiedenen Orten benutzten politische Leiter Hitlerjugend und Schüler als Demonstranten und Provokateure’, um Ausschreitungen der Bevölkerung auszulösen. (…) In Geisenheim sind es hauptsächlich Schüler der dortigen Versuchs- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau, die unter Führung eines Geisenheimer SS-Mannes zu dem Anwesen eines jüdischen Kaufmanns marschieren. In ihren Aktentaschen führen sie Steine mit sich. Vor dem jüdischen Haus angelangt, offnen sie ihre Aktentaschen, rufen ‚Juda verrecke’ und werfen überfallartig die Scheiben ein.“[103]

Max Strauss hat im Rahmen des Entschädigungsverfahrens präzisiert, welche Schäden damals von der der Nazi-Horde, die sich gegen 14.00 vor seinem Haus versammelt hatte, angerichtet wurden: Fensterrahmen, Läden, Scheiben und Türen wurden zerschlagen, ein Buffet zertrümmert und das gesamte Geschirr und die Gläser in den Schränken waren zu Bruch gegangen. Allein dieser Schaden habe bei etwa 7.000 RM gelegen. Auch das gesamte Warenlager, darunter 150 Herrenanzüge und Mäntel seien mit Lastwagen fortgeschafft worden. Ebenso wurden die Möbel im Haus, die man nicht zu Bruch geschlagen habe, samt der sich darin befindlichen Wäsche und der persönlichen Wertgegenstände mitgenommen. Auch das Weinlager wurde geplündert und eine private Stahlkassette sei entwendet worden. Neben dem darin aufbewahrten Bargeld, fast 900 RM, hätten sich darin auch geschäftliche Schuldscheine befunden, sodass bestehende Forderungen nicht mehr nachgewiesen werden konnten – die Entschuldung „beim Juden“ auf die klassische Art. Max Strauss musste nur eine Nacht im Gefängnis verbringen, aber die Zeit reichte dem Mob aus, um den Kassenschrank in den Geschäftsräumen zu öffnen und die dort einliegenden Geschäftspapier und weiteres Bargeld zu stehlen.[104] Der Schaden habe insgesamt etwa 40.000 RM ausgemacht, 25.000 RM davon allein für das geraubte Gut aus dem Lager.

Es ist nur schwer vorstellbar, wie das Ehepaar Strauss noch mehr als ein weiteres Vierteljahr in diesem Ort hat leben können. Aber es dauerte noch Monate, bis die notwendigen Bescheinigungen für die Ausreise ausgestellt waren. Die steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamts Rüdesheim, eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die beiden aus Deutschland heraus durften, wurde am 27. März 1939 ausgefertigt.[105] Sein Geldvermögen, das am 1. Januar 1935 noch fast 30.000 RM betragen hatte, war inzwischen deutlich zusammengeschrumpft. Man hatte die letzten Jahre weitgehend von dem Ersparten leben müssen. Nach dem Pogrom war die wohl beträchtliche Judenvermögensabgabe zu begleichen.[106] Die Dego-Abgabe für neu erworbene Güter, die mit ins Ausland genommen werden sollten, war mit 30 RM relativ gering wie auch die Pflichtabgabe an die ‚Reichsvereinigung der Juden in Deutschland’, die 50 RM betrug. Die Auswanderungskosten, Fahrkarten, Besorgungskosten usw. hatten sich auf fast 3.000 RM summiert.[107] Sein Vermögen, Stand 6. April 1939, betrug nach seinen Angaben nur noch 7.079 RM.[108]
Als 1938 der erste, dann wieder annullierte Kaufvertrag über das Haus in der Marktsraße zustande gekommen war und die Gemeinde alle involvierten Behörden über die Auswanderungsabsichten der Familie Strauss unterrichtete, wurde als Zielland Luxemburg angegeben worden, wo die Tochter Erna mit ihrem Mann damals noch lebten.[109] Man muss aber davon ausgehen, dass das nur eine Zwischenstation sein sollte, denn das eigentliche Ziel war Südafrika, wo Sohn Kurt sich inzwischen eine Existenz aufgebaut hatte. Diese Vermutung ergibt sich daraus, dass Liebmann Strauss, der den ‚Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut’ am 10. Juni 1939 an Stelle seines Bruders einreichte, darin Johannesburg als Ziel angegeben hatte – vermutlich zu einem Zeitpunkt, an dem sein Bruder mit Frau die Grenzen Deutschlands bereits überschritten hatten.[110]
Genaue Informationen, wann Max und Auguste Strauss Deutschland verließen und wann sie weiter nach Südafrika zogen liegen nicht vor. Max Strauss verstarb am 2. Oktober 1959 in Johannesburg, wann seine Frau verstarb ist nicht bekannt.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Umzug von Liebmann und Karoline Straus nach Wiesbaden
HHStAW 685 800a (24)

Zum 1. September 1939 verließen auch Liebmann und Karoline Strauss Geisenheim und zogen nach Wiesbaden in das Haus in der Hermannstr. 26. Drei Tage später unterrichtete Liebmann Strauss das Finanzamt Rüdesheim von diesem Umzug. [111] Dass sie aus ihrem Heimatort wegwollten war nur zu verständlich, Wiesbaden, die nächst größere Stadt war damals Ziel vieler Rheingauer Juden. Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass auch Liebmann Strauss während der Reichspogromnacht verhaftet oder seine Wohnung angegriffen worden war. Aber natürlich hatte auch er mit seinen Glaubensbrüdern und – schwestern und seinen Verwandten gelitten. Auch hatte er die Hälfte des Schadens zu tragen, der im Geschäftshaus in der Marktstraße angerichtet worden war.

Noch in Geisenheim wurden er und seine Frau vom zuständigen Finanzamt in Rüdesheim zur Zahlung der Judenvermögensabgabe aufgefordert. Über die Höhe liegen mehrere Berechnungen vor. Liebmann Strauss konnte offensichtlich durch mehrfache Interventionen erreichen, dass die erste Zahlungsaufforderung aus dem Dezember 1938 in der Höhe von 2.600 RM für jeden Ehepartner im Februar 1939 auf jeweils 1.400 RM abgesenkt wurde. Die Korrektur war notwendig, weil der ursprüngliche Kaufvertrag über das Haus in der Marktstraße nicht genehmigt worden war, dennoch hatten Liebmann und Karoline Strauss jeweils vier Raten von 350 RM, somit insgesamt 2.800 RM dieser Sondersteuer zu leisten.[112]

Als im Herbst 1939 die 5. Rate eingefordert wurde, wohnten sie bereits in Wiesbaden. Die Zahlung dieser Rate wurde ihnen erlassen, weil sie jeweils einen Betrag, der unter 500 RM lag, hätten zahlen müssen.[113] Aus dem Bittschreiben, das Karolina Strauss in dieser Angelegenheit im November 1939 an das Finanzamt Wiesbaden schickte, geht hervor, das auch sie mit ihrem Mann geplant hatten, Deutschland zu verlassen. Sie schreibt darin:
“Meine Auswanderung nach USA ist durch Bürgschaft wohl gesichert, jedoch infolge der Quotennummer 26359 vorerst noch nicht möglich anzugeben, wann diese erfolgen kann.
Das noch vorhandene Vermögen ist so gering, dass ich sehr sparsam und bescheiden leben muss, um die Lebensnotwendigkeiten anteilgemäß davon bestreiten zu können und die zur Überfahrt nach USA entstehenden Kosten erledigen zu können.“
[114]

Sie wollten vermutlich zu ihrem Sohn Alex, der damals in Kalifornien wohnte. In einem Brief, den Hedwig Strauss, Ehefrau von Sebald Strauss, ebenfalls aus Geisenheim stammend und Eigentümer des Judenhauses in der Bahnhofstr. 46, am 7. April 1940 an ihren im Südamerikanischen Exil lebenden Sohn Alfred, erwähnt auch sie die Auswanderungsabsichten der Verwandten:
“Vater ist heute schon auf dem Langenbeckplatz [damalige Adresse des St. Josefs-Hospitals – K.F.] gewesen bei Liebmann Strauss aus Geisenheim. Er wohnt hier. In Köln hatte man ihm gesagt, mit einem Nabelbruch, komme [er – K.F] nicht in die USA. So hat er sich einer Operation unterzogen, kommt morgen wieder nach hause.“[115]

Wie lange sie an diesem Strohhalm der Rettung festhielten, auf ein Wunder hofften, ist schwer zu sagen. Spätestens seit dem 23. Oktober 1941, dem Tag, an dem Himmler verfügte, „dass die Auswanderung von Juden mit sofortiger Wirkung zu verhindern“ sei,[116] mussten die letzten Hoffnungen, das rettende Ufer auf der anderen Seite des Ozeans noch zu erreichen, erstorben sein.

Inzwischen war auch das Zuhause in der Hermannstr. 26 offiziell zu einem Judenhaus erklärt worden. Dort war wohl im Spätsommer im ersten Stock des Vorderhauses eine kleine Wohnung freigeworden.[117] Ob diese Wohnung ihnen durch das Städtische Wohnungsamt oder auch die Jüdische Gemeinde vermittelt worden war, ist nicht mehr zu klären.

Von Wiesbaden aus wickelte Liebmann Strauss noch die Liquidation der Firma ab, deren alleiniger Inhaber er nach der Flucht seines Bruders war. Diese Veränderung wie auch seinen Umzug teilte er dem Finanzamt Rüdesheim am 3. September 1939 mit. Trotz der Zerstörungen während der Pogromnacht müssen noch verwertbare Waren vorhanden gewesen sein. Ein Geisenheimer Manufakturwarenhändler kaufte die restlichen Kleider, der Käufer des Hauses, ein Schreiner und Möbelhändler, die noch verwertbaren Möbel auf. Somit hatte Liebmann Strauss im Jahr 1940 doch noch einmal Einnahmen in Höhe von knapp 1.500 RM.[118] Im Februar 1940 war auch gegen Liebmann Strauss eine Sicherungsanordnung ergangen. Noch besaß er auf seinen Konten einen Betrag von 7.163 RM, seinen Lebensunterhaltsbedarf gab er für zwei Personen mit 210 RM an.[119]. Ein Schreiben an das Finanzamt Wiesbaden aus dem Januar zeigt, wie sein Vermögen in den beiden folgenden Jahren zusammengeschrumpft war. Am 1. Januar 1941 hatte es noch knapp 4.200 RM, am 1. Januar 1942 nur noch 2.500 RM betragen.[120] Einen Monat später war er erneut aufgefordert worden, darzulegen, wie viel Geld er für seinen Lebensbedarf benötige. In der Aufstellung, die insgesamt einen Betrag von 200 RM ausmachte, ist auch ein Posten „Bahn, Omnibusfahrt zur Arbeitsstelle nach Idstein circa 20,-“ aufgeführt.[121] Spätestens seit dem 27. Oktober 1941 war er als Zwangsarbeiter bei der Idsteiner Firma ‚H[einri]ch. Berninger & CO.’, einer Fabrik für Ledererzeugnisse eingestellt worden. Eine Lohn- und Steuerbescheinigung vom 20. Februar 1942 belegt, dass er für den Zeitraum bis zum Jahresende 1941 dort einen noch zu versteuernden Bruttolohn von 230 RM erhielt. Die Fahrtkosten zur Arbeitsstelle hatte er – wie in seiner Vermögenserklärung erkennbar – selbst zu tragen.[122] Wie lange er dort zur Arbeit gezwungen war, ist nicht sicher anzugeben, auch nicht, ob er möglicherweise während der Woche sogar in Idstein wohnen musste. In einer nach dem Krieg erstellten Liste des ITS, in der die Namen der Juden aufgeführt sind, die zeitweise in Idstein lebten, ist auch Liebmann Strauss verzeichnet. Als Aufenthaltszeit ist dort der Zeitraum vom 27. Oktober 1941 bis zum 15. März 1942 angeben.[123] In einem ergänzenden Datensatz ist hingegen der 21. August 1942 als Aufenthaltsende in Idstein angegeben.[124]

Über ihre Zeit im Judenhaus, über das Leben miteinander liegen leider keine Informationen vor. Auch Willy Rink erwähnt das Ehepaar Strauss, vom Einzug abgesehen, in seinen biographischen Notizen nur noch einmal. Nachdem bei der ersten großen Deportation die Hausbesitzer Ackermann am 10. Juni 1942 deportiert worden waren, seien beide, so gibt er an, noch für kurze Zeit in deren Wohnung in der Etage über ihrer bisherigen Wohnung gezogen.[125]

Zum nächsten Deportationstermin am 1. September 1942 waren auch Liebmann und Karoline Strauss aufgefordert worden, sich für die „Evakuierung“ in den Osten bereit zu machen. Der Transport, der gemäß den Vorgaben von Eichmann weitgehend aus älteren jüdischen Männern und Frauen bestehen sollte, brachte etwa 1100 Menschen über Frankfurt in das Altersghetto Theresienstadt. Ebenfalls im Zug saßen die Mitbewohner der Hermannstr. 26 Ferdinand und Eleonore Feibel sowie Ernst und Hilda Wolf.

Es gibt keine Informationen von Überlebenden, keine Briefe oder andere Nachrichten, die Auskunft über ihre Leidenszeit dort geben. Man kann nur aus den Berichten anderer, die es irgendwie schafften, am Leben zu bleiben, schließen, was sie zu ertragen hatten.[126] Am 4. April 1944 wurde Liebmann Strauss nach 19 Monaten ermordet. Ob er durch die unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager sein Leben verlor oder Opfer unmittelbarer Gewalt wurde, ist nicht bekannt.[127] Für Karoline Strauss war das Leiden in Theresienstadt noch nicht beendet. Ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes wurde sie mit dem Transport Ep 470 am 9. Oktober 1944 noch weiter in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Es war der siebte von insgesamt elf Liquidationstransporten, mit denen mehr als 18.000 Juden aus Theresienstadt angeblich zum Arbeitseinsatz, tatsächlich aber für den Tod in den Gaskammern von Auschwitz selektiert wurden. Nur einem sehr kleinen Prozentsatz dieser Transporte gelang es, sich der Mordmaschinerie zu entziehen. Da Karoline Strauss ganz sicher nicht zu denen gehörte, die man noch zu irgendwelchen Arbeiten heranziehen konnte, kann man mit Sicherheit annehmen, dass sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz ihr Leben in einer der Gaskammern verlor.

Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Gedenkstein für die Opfer des Holocaust in Geisenheim
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Geisenheim_Rheingau_Gedenkstein_J%C3%BCdische_Mitb%C3%BCrger.jpg
Abraham Strauss, Babette Strauss Herzog, Nathan Strauss , Laura Strauss Kramer, Elisabeth Strauss Löwenthal, Isaak Löwenthal, Sigmund Strauss, Max Strauss Auguste Strauss Bender, Liebmann Strauss, Karoline Strauss Bender, Fanny Strauss, Jakob Strauss, Georg Strauss, Emma Strauss, Alfred Strauss, Albert Strauss, Alice Strauss, Siegfried Strauss, Kurt Strauss, Ernst Wolff, Erna Strauss Wolff, Alex Strauss, Geisenheim, Wiesbaden Judenhaus, Hermannstr. 26
Gedenkstein für die Opfer des Holocaust in Oestrich
https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/juf/id/4262

 

 

 

 

 

 

 

Stand: 25. 03. 2020

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 3297 I (214).

[2] Friedman, Jonathan C. The Lion and the Star. Gentile-Jewish Relations in Three Hessian Communtities, 1919-1945, Lexington 1998, S. 32, dazu https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/439004010. (Zugriff: 21.2.2020).

[3] Siehe zu den verschiedenen Familien Strauß auch die Anmerkungen von Hell, Walter, Die Juden von Oestrich – Winkel vom 17. Jahrhundert bis zu ihrer Vertreibung und Vernichtung. In: Der Ausscheller Nr. 35-38/2006, S. 32 ff. Friedmann schreibt in seiner exemplarischen Fallstudie über die Beziehungen zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in drei hessischen Gemeinden zwischen 1919 und 1945, in der er neben den Städten Frankfurt und Gießen, Geisenheim als typische Landgemeinde betrachtet: „Perhaps the most interesting characteristic of Geisenheim Jewry was ist kinship; thirteen Jews in the village were members of the extended Strauss family. Friedman, Lion and Star, S. 32.
Bisher konnte nicht geklärt werden, welche verwandtschaftliche Verbindung zwischen der Familie von Abraham Strauss und seinen Kindern zu dem in Wiesbaden ansässigen Sebald Strauss und seinem Sohn Alfred bestand. Dass sie aber vorhanden war, kann auf Grund des oben zitierten Briefes aber als sicher gelten.

[4] HHStAW 518 9243 (10).Abraham Strauss war am 1.7.1823, seine Frau am 19.5.1835 als Tochter von Georg Herzog und dessen Frau Juliane Hirsch geboren worden. Babette Strauss verstarb am 2.9.1911 in Geisenheim, Sterberegister Geisenheim 37 /1911. Abraham Strauss selbst war bereits am 17.9.1901 verstorben, ebd. 56/1901. Dem Sterbeeintrag ist zu entnehmen, dass auch die Eltern von Abraham, Nathan und Johanna Strauss, geborene Heymann, bereits als Händler in Geisenheim wohnhaft waren.

[5] Heiratsregister Geisenheim 4 / 1893.

[6] Zum Schicksal der Familie Liebmann Strauss siehe ausführlich oben https://moebus-flick.de/die-judenhaeuser-wiesbadens/hallgarter-str-6/julius-und-luise-loewenthal/#_ftnref6. Siehe auch den Beitrag der Stolpersteininitiative Geisenheim https://www.rheingau.de/aktuelles/details/12642. (Zugriff: 26.1.2020).

[7] https://www.juedisches-bingen.de/110.0.html. (Zugriff: 26.1.2020). Auch bei der Hochzeit seiner Schwester Fanny hatte er als Treuzeuge fungiert. Im Jahr 1904 hatte er in der Rathausstr. 21 gewohnt. Heiratsregister Geisenheim 1 / 1905.

[8] https://www.ancestry.com/genealogy/records/nathan-strauss-24-2rm6pb1. (Zugriff: 21.2.2020). Laut ancestry verstarb Nathan Strauss am 9.1.1950, seine Frau 1933 in Bakersfield. Armaund und sein Bruder sind inzwischen ebenfalls verstorben, der Ältere im Jahr 1982, der Jüngere 1990.
Laut amerikanischem Census von 1930 hatte die Einreise von Nathan Strauss in die USA allerdings erst 1891 stattgefunden, siehe https://www.myheritage.de/research/collection-10134/volkszahlung-1930-der-vereinigten-staaten?itemId=142977914-&groupId=3a6fbc85d33310cdee857ee81e896f09&action=showRecord&recordTitle=Nathan+Strauss#fullscreen. (Zugriff: 7.4.2020).

[9] Heiratsregister Geisenheim 1 / 1905.

[10] Die Angabe 1922 beruht auf https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/juf/id/4262. (Zugriff: 21.2.2020). In einem Schreiben des Gemeindevorstands Oestrich vom 1.3.1956 an die Entschädigungsbehörde heißt es dagegen, er sei 1927 verstorben, siehe HHStAW 518 38432 (45). Hell, Juden von Oestrich, S. 33 nennt ebenfalls das Jahr 1922, gibt aber keine Quelle an.

[11] HHStAW 518 38432 (6, 7). Im Erbschein ebd. (32) wird fälschlicherweise der 16.12.1905 als Geburtstag von Albert angegeben.

[12] Ebd. (45, 47).

[13] HHStAW 518 38434 (24). Hell, Juden von Oestrich, S. 36, schreibt, dass mit Ausnahme der Familie von Arthur Hallgarten alle Juden in Oestrich-Winkel, von denen die meisten im Handel mit Vieh und Wein tätig waren, nicht vermögend gewesen seien.

[14] Zum Schulbesuch der Rheingauschule in Geisenheim vom  28.4.1916 bis zum 24.3.1923 HHStAW 518 3429 (46). Die folgenden biografischen Angaben beruhen auf den umfangreichen Ausführungen seines Anwalts Roy im Entschädigungsverfahren, siehe ebd. (64-72).

[15] Ebd. (4, 24). Der Stadtrat Gunzenhausen hat im Rahmen des Entschädigungsverfahrens bestritten, dass es eine solche Zuzugssperre gegeben habe und Albert Strauss mit seiner Angabe die „Unwahrheit“ sage. Bis 1938 habe die alte bayrische Meldeordnung gegolten. Da eine solche Mitteilung in jedem Fall in schriftliche Form erfolgt wäre, wurde der Antragsteller aufgefordert, ein solches Schreiben als Beleg für seine Behauptung vorlegen. Man tat so, als hätten nicht lange vor 1938 an tausenden Ortseingängen, wie auch in Rüdesheim, die Schilder „Juden unerwünscht“ gestanden, auch schon 1933. Siehe https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/juden-nicht-erwuenscht-1933.html. (Zugriff: 21.2.2020). Zurecht hat der Anwalt von Albert Strauss dazu ausgeführt, dass es laut Gesetz auch in Bayern „verboten war, seinen Mitbürger zu erschlagen und dass trotzdem in den Jahren 1933-1938 hunderte von Juden in Bayern ermordet wurden, ohne dass der Staatsanwalt einen Finger erhoben hätte“. Ebd. (103). Ein förmlicher Beschluss über eine Zuzugssperre für Juden scheint in Gunzenhausen tatsächlich erst im Oktober 1935 gefasst worden zu sein, siehe ebd. (83, 88), was aber eine Ablehnung eines Antrags in der vorherigen Zeit nicht ausschließt. Man hätte theoretische dagegen klagen können, aber wohl kaum Recht bekommen. Die Bank selbst, die in jüdischem Besitz war, wurde 1938 arisiert.

[16] Geburtsregister Geisenheim 20 / 1880.

[17] Heiratsregister Limburg 38 / 1908. Bertha Strauss war am 3.7.1884 in Limburg geboren worden. Auch hier sind weitere verwandtschaftliche Verbindungen zur Familie Strauss in Geisenheim nicht ausgeschlossen.

[18] Geburtsregister Geisenheim 53 / 1909.

[19] Friedman, Lion and Star, S. 81. “Low attendance on the part of Jewish children at both Gentile and Jewish educational institutions in Geisenheim and Rüdesheim did not imply faulty integration but rather that there were very few Jewish children of school age in either town. Antisemitism in Geisenheim schools was essentially limited to the School for Viticulture and Horticulture.”

[20] HHStAW 518 68485 (50) und HHStAW 518 3297 I (28).

[21] HHStAW 518 3297 I (214).

[22] HHStAW 518 9271 (27). Laut HHStAW 518 9243 (70) bestand das Anwesen aus dem Wohnhaus mit einem Anbau, Nebengebäuden, einer Remise und Stallungen.

[23] Geburtsregister Geisenheim 11 / 1873 und 21 / 1875. Auskunft des Stadtarchivs Kaiserslautern vom 25.2.2020.

[24] Heiratsregister Geisenheim 174 / 1908, dazu Geburtsregister Kaiserslautern 144 / 1885. In der Geburtsurkunde ist der Vorname in der ersten Form geschrieben, in späteren Dokumenten ist ihr Name aber meist mit Karoline angegeben.

[25] Die Eltern der beiden Schwestern waren Abraham Bender, geboren am 23.6.1848 in Lohnsfeld, gestorben am 12.9.1922 in Kaiserslautern, und Mina, geborene Lövinger (auch Levingen), geboren am 23.6.1856 in Laubheim, gestorben am 1.4.1936 in Geisenheim. Neben den beiden genannten Töchtern hatte das Paar noch drei weitere Kinder. Der Sohn Julius Benny, geboren am 21.3.1880 in Kaiserslautern wurde am 26.11.1936 mit seiner Frau und zwei Kindern nach den USA / Los Angeles abgemeldet. Die Tochter Laura Rega, geboren am 12.11.1882 verstarb am 1.12.1887 im Alter von nur fünf Jahren in Kaiserslautern. Das jüngste Kind, Arthur Joseph, geboren am 22.11.1889 ist am 4.11.1916 im Ersten Weltkrieg bei Heudicourt (vermutlich Heudicourt an der Somme) gefallen. Angaben laut Auskunft des Stadtarchivs Kaiserslautern vom 25.2.2020.

[26] HHStAW 518 9244.

[27] Geburtsregister Geisenheim 57 / 1909 für Alex, für Erna Information des Stadtarchivs Geisenheim.

[28] Friedman, Lion and Star, S. 81.

[29] HHStAW 518 68486 (7).

[30] HHStAW 518 16896 (10).

[31] Friedman, Lion and Star, S. 118. Im Reich war das Zentrum auf 1,5 und in Hessen auf etwa 13 Prozent gekommen. Die SPD erreichte im Reich 18,3, in Hessen etwa 20 Prozent. Bei der Gemeindewahl von 1933 hatte in Geisenheim die NSDAP 4 der insgesamt 16 Mandate erworben, siehe Hell, Vom „Braunhemd“ zum „Persilschein“, S. 70.

[32] Hell, Vom „Braunhemd“ zum „Persilschein“, S. 29.

[33] Ebd. S. 47 f.

[34] Friedmann, Lion and Star, S. 91 schreibt über diese Beziehungen: For Geisenheim, intimate Jewish-Gentile relationships were even more fascinating given the lack of intermarriages and conversions. Traditional small-town attitudes may have worked against mixed unions between Jews and Gentiles there, but they by no means interfered with the development of meaningful friendships. Georg and Emma Strauss frequently had Frau Schnabel and other Gentile friends as house guests, and their son Alfredo maintained contact with a former classmate until his death in Sao Paolo in March 1994. Asked to describe Jewish-Christian relations in Geisenheim, Alfredo responded, ‘The relationship between Jews and non-Jews was very good until the first years of the Hitler era.’ Alex Strauss, the son of Max and Auguste Strauss, also had a soccer friend by the name of Dillmann, who, during the 1930s, was required to join the Nazi Party as an employee of the post office. Their bond endured in secret until Alex’s emigration in 1934. Although rural mores and the religious background of the extended Strauss family acted as obstacles to intermarriage, neither the Strausses nor their Catholic friends saw the latter as a central issue. Of the three towns, Geisenheim (im Vergleich zu Gießen und Frankfurt – K.F.) may have had the most intimate structure of Jewish-Gentile relations, even without mixed marriages. Still, several Jews and non-Jews from Giessen and Geisenheim shared the perception that most Gentiles had little interest in Jews, let alone contact with them.”

[35] Hell, Vom „Braunhemd“ zum „Persilschein“, S. 71-82.

[36] Krämer-Badoni, Rudolf, Zwischen allen Stühlen. Erinnerungen eines Literaten, München 1985, S. 13, zit. nach Hell, Vom „Braunhemd“ zum „Persilschein“, S. 79 f.

[37] So Alex Strauss in einer eidesstattliche Erklärung, siehe HHStAW 518 68468 (7).

[38] HHStAW 518 9271 (52).

[39] Ebd. (87). Im Entschädigungsverfahren von Max Strauss hatte man für die Jahre bis 1935 sogar ein aus dem Geschäftsbetrieb erwachsenes anteiliges jährliches Einkommen von 15.000 RM zu Grunde gelegt, siehe HHStAW 518 9243 (o.P. – Bescheid vom 14.4.1955).

[40] HHStAW 518 9271 (112).

[41] Ernst Arthur Wolff, geboren am 2.10.1898, war das sechste Kind des Kaufmanns David Wolff, geboren am 26.7.1853 in Nalbach und seiner Frau Rosa, geborene Ensheimer, geboren am 2.8.1857 in Göckingen. Während sein Vater am 14.4.1932 in Saarlouis verstarb, wurde seine Mutter Opfer des Holocaust. Sie kam am 7.10.1943 in Ghetto von Theresienstadt ums Leben. Seine am 27.11.1883 geborene Schwester Irma wurde wie auch sein Bruder Eugen, geboren am 18.7.1888, in Auschwitz ermordet. Das gleiche Schicksal ereilte dessen Frau Margot, geborene Falk, aus Dortmund. Siehe Klauck, H. Peter, Jüdisches Leben in der Stadt und im Landkreis Saarlouis 1680 – 1940, Saarlouis 2016, S. 865 und 872.

[42] HHStAW 518 16896 (26).

[43] Klauck, Jüdisches Leben in Saarlouis, S. 865 und 872 .

[44] HHStAW 518 68486 (7).

[45] Ebd. (15).

[46] Ebd.(11, 12).

[47] Ebd. (6).

[48] In San Franzisko wohnte er bei der Volkszählung 1940 bei der Familie von einem Albert Strauss, geboren am 28.2.1899 in Büdesheim in Osthessen, Sohn von Sussmann und Jaquette Strauss, geborene Openheimer. Albert und seine Frau Erna, geborene Lindheimer, geboren am 11.12.1901, hatten die beiden Kinder Harry, geboren 1925, und Trude, geboren 1928. Ob es auch hier eine verwandtschaftliche Verbindung gab, konnte bisher nicht geklärt werden. Siehe https://www.ancestry.com/1940-census/usa/California/Alex-Strauss_2h9zwf. (Zugriff: 21.2.2020). Albert Strauss und seine Familie waren früher wohnhaft in Frankfurt, wo sie ein recht gut gehendes Textilgeschäft betrieben. Zunächst hatte man versucht, durch Aufnahme eines nichtjüdischen Teilhabers das Geschäft zu retten, 1938 entschloss sich Albert Strauss angesichts der aussichtslosen Lage mit seiner Familie auszuwandern. Im Juli wurde er dann noch eines Devisenvergehens beschuldigt und etwa drei Wochen in Darmstadt inhaftiert. Am 17.8.1938 reiste die Familie über Cherbourg in die USA aus und ließ sich in San Franzisko nieder. Albert Strauss verstarb im dortigen Exil bereits am 23.5.1943. Siehe zum Schicksal der Familie HHStAW 518 57506 1-3 (passim).

[49] HHStAW 518 16896 (10).

[50] Die eigene Einlage von £40 hatte ihm sein Schwager Ernst Wolff geliehen, der zu dieser Zeit mit seiner Frau bereits in Brüssel lebte. Seinen Lebensunterhalt erhielt er bis zum Ende des Jahres vom „Fund for German Jewry“, siehe ebd. (26).

[51] Zu seinen biographischen Angaben siehe ebd. passim, bes. (10-11, 26)

[52] HHStAW 518 9271 (16).

[53] Ebd. (15).

[54] Die letzten Dokumente der Entschädigungsakte stammen aus den frühen 70er Jahren. Zumindest bis 1973 muss Alice Strauss noch gelebt haben. In http://www.steinbach-am-donnersberg.de/Geschichte/Seite%20377-379.pdf. (Zugriff: 21.2.2020) wird auf den Tod von einem aus Steinbach stammenden Siegfried Strauss in den USA verwiesen, allerdings ohne ein Datum zu nennen. Auch wird in diesem Artikel mehrfach auf die in Steinbach damals ansässige Familie Strauss verwiesen, leider ist dem Text nicht zu entnehmen, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis Siegfried Strauss zu den Genannten stand.

[55] HHStAW 518 68485 (17, 33).  Diese Angabe über sein Gehalt wurde später von der Entschädigungsbehörde bezweifelt, (ebd. 36), da die Erträge der Firma in den Jahren zwischen 1931 und 1937 nur zwischen 5.700 RM und 3.000 RM gelegen hatten, ebd. (19). Allerdings waren die Berechnungen sehr vage, da es außer den Angaben über die Gewerbesteuerveranlagung keine weiteren Steuerunterlagen mehr gab. Alfred Strauss erklärte die Unstimmigkeit mit seiner schon lange geplanten Auswanderung, mit der er über das Gehalt auch Teile des früher angesparten Vermögens außer Landes gebracht werden sollten, ebd. (41).

[56] HHStAW 474/3 1839 (o.P.).

[57] Ebd. (0.P.)

[58] Ebd. (o.P.).

[59] Ebd. (o.P.) Im Brief wird auf einen Antrag zur Rückerstattung der Kosten für das Rückfahrticket Bezug genommen, der am 22.7.1937 gestellt worden war. Die Rückzahlung wurde vermutlich verweigert. Das Reisebüro entgegnete unter Hinweis auf die Bestimmung der Devisenstellen, dass „Fahrgäste, die nur aus formellen Gründen derartige Rückfahrscheine gekauft haben und sich nach Eintreffen im Bestimmungshafen, im Ausland niederlassen, den Gegenwert der nicht genutzten Rückpassage solange sperren, bis das unter falscher Voraussetzung in Anspruch genommene Landgangsgeld in Valuta zurückgezahlt wird. Da Herr Strauss seinerzeit RM 300,– Landgangsgeld erhalten hat und mit demselben Schiff, wie vorgesehen, nicht zurückgekehrt ist, wird die Devisenstelle wahrscheinlich den erwähnten Passus anwenden.“ Ebd. ‚Landgangsgeld’ war Geld in Form von Devisen, das den Reisenden von der Reichsbank zur Verfügung gestellt worden war.

[60] HHStAW 518 68485 (4).Die Reisekosten beliefen sich damals auf 1.657 RM, auch (12), wo allerdings die Kosten mit nur 1.267 RM angegebenen wurden. Dieser letzte Betrag war Basis für die Berechnung der Entschädigung. Aber auch dieser wurde nicht voll anerkannt, weil er ja ohnehin seinen Lebensunterhalt in dieser Zeit hätte bestreiten müssen, weshalb man den Schaden um weitere 130 RM kürzte, siehe ebd. (24 f.)

[61] HHStAW 518 3297 I (163), dazu ebd. I (214).. In einem Vergleich beim Rückerstattungsverfahren wurden 1955 den ehemaligen Eigentümern weitere 11.000 DM für die Überlassung des Hauses an den damaligen Erwerber zugesprochen. Ebd. I (124).

[62] Ebd. I (69).

[63] Ebd. I (114).

[64] Ebd. I (100).

[65] Ebd. I 62).

[66] Ebd. I (9).

[67] Ebd. I (64, 68, 98).

[68] HHStAW 474/3 1839 (o.P.)

[69] HHStAW 518 3297 I (95), Die Ticketkosten betrugen weitere 1.390 RM. Siehe auch die diversen Briefwechsel zur Ausreise in HHStAW 474/3 1893.

[70] H474/3 1839 (o.P.). Etwas irritierend ist, dass der Beruf von Nathan Strauss hier mit Zahnarzt angegeben ist. Möglicherweise wollte man in der Korrespondenz mit den NS-Behörden die dem antisemitischen Klischee entsprechende Verbindung von Jude und Juwelen vermeiden. Es kann sich aber bei dem in dem Schreiben erwähnten Bruder Nathan in Bakersfield / Kalifornien nur um den 1888 Ausgewanderten handeln. Dass er inzwischen Zahnarzt geworden war, erscheint eher unwahrscheinlich. Die Währungsangabe ‚Milreis’ ist angesichts der damaligen Inflation in Brasilien nur schwer in Dollar oder RM anzugeben.

[71] HHStAW 518 3297 I (214).

[72] Ebd. I (66, 111).

[73] Ebd. I (61). Der Name der Firma wurde bei der Umwandlung der Unternehmensform in ‚Roupas Profissionais’ geändert

[74] Bernhard Walter Heymann, geboren am 5.1.1911.

[75] Biographisches Hdb. der deutschsprachigen Emigration nach 1933 Bd. I., Institut für Zeitgeschichte München, München 1980, S. 745.

[76] HHStAW 518 3297 I (Deckblatt) und ebd. II (o.P.).

[77] Friedman, Lion and Star, S. 91. Wann seine Frau verstarb, ist nicht bekannt.

[78] HHStAW 518 3429 (47).

[79] Zit. nach Kropat, Kristallnacht in Hessen, S. 115 f.

[80] Ebd. S. 118 ff.

[81] HHStAW 518 3429 (15). In der Anlage zum Entschädigungsantrag war der entstandene Schaden in der Wohnung auf 15.000 RM beziffert worden, siehe ebd. (3).

[82] Ebd. (32).

[83] Ebd. (13).

[84] HHStAW 518 38432 (101).

[85] HHStAW 518 3429 (12). Die Angaben über den Fluchtweg sind in einem Urteil des 2. Zivilsenats des Oberlandesgerichts Frankfurt a. M. von 1962 enthalten. So lange hatte es gedauert, bis man Albert Strauss in einem langwierigen Verfahren die ihm zustehende Entschädigung zusprach. Siehe ebd. (128).

[86] https://de.findagrave.com/memorial/142501134/albert-strauss. (Zugriff: 21.2.2020).

[87] HHStAW 518 38432 (115).

[88] HHStAW 518 38432 (70 f.). In einem Vergleich mit dem Land Hessen wurden Albert Strauss für die Wertminderung des Hauses durch die Zerstörungsaktion neben den 5.000 DM für die Schäden an der Einrichtung und den Waren weitere 3.000 DM zugesprochen. Die neuen Eigentümer durften das Haus zu dem damals gezahlten Preis behalten. Ebd. (68 f.).

[89] HHStAW 519/3 7608 (1).

[90] Ebd. Dass diese Summe nicht dem Verkaufspreis entsprach, lag daran, dass von dem Erlös noch eine Hypothek über 2.100 RM zu tilgen war. Siehe den Kaufvertrag ebd. (5-8).
In der Akte ist noch ein weiterer Grundstücksverkauf enthalten. Am 27.2.1939 war ein Grundstück und ein Acker in Oestrich für insgesamt 852 RM verkauft worden, der ursprünglich den Eltern von Jakob Strauss, Fannys verstorbenem Mann, gehört hatte. Der Erlös ging zu gleichen Teilen an Fanny Strauss und an einen Leopold Strauss, dessen Adresse mit Frankfurt, Hans Handwerksstr. 25 II angegeben ist. Weder im Jüdischen, noch im Städtischen Adressbuch von Frankfurt ist er allerdings aufgeführt. Dennoch lässt die Verteilung des Geldes die Vermutung zu, dass dieser Leopold ein Bruder von Jakob gewesen sein könnte, vielleicht aber auch der Nachkomme eines Bruders bzw. einer Schwester. Siehe ebd. (9).

[91] Ebd. (2).

[92] Ebd. (2). Der Begriff „Umschichtung“ bedeutet eigentlich, dass er in Vorbereitung auf seine Auswanderung einen neuen Beruf erlernte. Was er damals konkret bei welcher Institution lernte, ist nicht bekannt.

[93] Im Mai 1940 hatte die Devisenstelle von ihr noch einmal eine Vermögenserklärung verlangt. Ihr waren noch knapp 7.000 RM geblieben. Als monatlichen Bedarf hatte sie jetzt nur noch etwa 300 RM angegeben, ebd. (13). Nach ihrer Deportation verfiel das noch vorhandene Vermögen dem Deutschen Reich, ebd. (19).

[94] Ebd. (4, 14, 15, 18).

[95] Eintrag auf der Gestapokarteikarte für Fanny Strauss. Dazu HHStAW 518 38434 (16).

[96] Siehe zum Schicksal der Familie Still das Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse  http://tng.paul-lazarus-stiftung.de/documents/EB-Still-Jente.pdf. (Zugriff: 21.2.2020).

[97] Zum Ablauf des Massenmords in Sobibor siehe Im Schatten von Auschwitz, S., 88 ff.

[98] HHStAW 474/3 1841 (2, 3, 4).

[99] HHStAW 518 9243 (131).

[100] HHStAW 519/3 12326 (2) Die Akte enthält den gesamten Kaufvertrag, der allerdings nicht genehmigt wurde. Siehe zu dem Vorgang auch die Umsatzsteuerakte der Gebrüder Strauss 685 800 b (13, 18).

[101] Der Einheitswert des Hauses betrug Stand 1935 19.000 RM. Der Verkehrswert soll aber bei 23.000 RM gelegen haben, siehe HHStAW 518 9271 (27, 32). In einem 1951 zustande gekommenen Vergleich zwischen Max Strauss und seiner Nichte Alice Straus auf der einen und den damaligen Käufer auf der anderen Seite, verpflichteten sich letztere, insgesamt 12.000 DM nachzuzahlen, HHStAW 518 9243 (13 ff.).

[102] Friedman, Lion and Star, S. 158.

[103] Kropat, Kristallnacht in Hessen, S. 68.

[104] HHStAW 518 9243 (36-41, 73f.). SA-Männer hatten ihn gezwungen, den Schlüssel für den Schrank herauszugeben.

[105] Ebd. (29). In 519/3 20368 ist in verschiedenen Bescheinigungen festgestellt, dass Max Strauss keinerlei Steuerschulden habe.

[106] Welche Summe dabei die Judenvermögensabgabe ausmachte, lässt sich den Unterlagen nicht mit Sicherheit entnehmen. Max Strauss gab an 17.000 RM gezahlt zu haben, HHStAW 518 9243 (36), in einer anderen Aufstellung HHStAW 519/3 20368 (o.P.) ist die Zahl 2.000 RM zu lesen. Diese Zahl bezieht sich vermutlich aber nur auf eine Rate. Bei 4 Raten wären das insgesamt 8.000 RM gewesen. Nicht auszuschließen ist aber, dass die Ehepartner – wie auch Liebmann und Karoline Strauss – einzeln veranlagt worden waren, sodass sich dann eine Gesamtsumme von 16.000 RM ergeben würde.

[107] HHStAW 519/3 20368 (o.P.), auch HHStAW 518 9243 (37).

[108] HHStAW 519/3 20368 (o.P.).

[109] HHStAW 519/3 12326 (6). Unterrichtet wurden die Staatspolizeistelle Frankfurt, Zollfahndung Frankfurt, der Gemeindevorstand der Gemeinde Geisenheim, die dortige Reichsbankanstalt, die Devisenstelle Kassel und der Präsident des Landesfinanzamts Berlin.

[110] HHStAW 519/3 20368 (2). Als Inhalt der insgesamt 4 Kisten waren 262 Posten aufgeführt, offenbar auch noch Reste aus dem Geschäft, etwa 66 bunte Handtücher oder 60 alte Kopfkissen.

[111] HHStAW 685 800 a (24).

[112] HHStAW 685 800 Vermögenssteuer (6, 7, 11, 13, 18, 21, 22).

[113] Ebd. (o.P.).

[114] Ebd. (24)

[115] HHStAW 1189 1.

[116] Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem ‚Prinz-Albrecht-Gelände’. Eine Dokumentation, Berlin 200113, S. 117.

[117] Rink, Das Judenhaus, S. 13. Vermutlich handelte es sich um die Wohnung der Familie Hermann Isselbächer, der war mit seiner Frau und Tochter im März 1939 dort eingezogen und zu einem nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt – noch im Frühjahr, vielleicht aber auch erst im Sommer – von dort aus nach Südamerika ausgewandert war.

[118] Ebd. b (62, 63, 64).

[119] HHStAW 519/3 7608 (4, 5). Auch im Fall von Liebmann Strauss hatte der Verkauf des Hauses in Geisenheim die kommunale Behörde veranlasst, die entsprechenden Ämter darüber zu informieren, dass dieser vermutlich seine Auswanderung plane, ebd. (13).

[120] HHStAW 685 800 Vermögensteuer (39).

[121] HHStAW 519/3 7608 (38).

[122] HHStAW 685 800 a (34). Zur Lederfabrik Beringer siehe auch http://www.alt-idstein.de/html/industrie.html. (Zugriff: 21.2.2020). Dass die Firma auch jüdische Zwangsarbeiter beschäftigte, ist in diesem Artikel allerdings nicht angesprochen. Bei Brüchert, Zwangsarbeit in Wiesbaden, ist zwar die Idsteiner Lederfabrik Landauer, nicht aber Beringer erwähnt. Auch Ludwig Bronne, der ebenfalls zeitweise im Judenhaus Hermannstr. 26 wohnte, war Zwangsarbeiter bei dieser Firma.

[123] https://www.ancestry.com/interactive/61758/0298_70472780_1?pid=8040252&backurl=https://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D61758%26h%3D8040252%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV1%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV1&_phstart=successSource&usePUBJs=true.(Zugriff: 21.2.2020).

[124] https://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=61758&h=8040252&tid=&pid=&usePUB=true&_phsrc=ryV1&_phstart=successS. (Zugriff: 21.2.2020).

[125] Rink, Das Judenhaus, S. 77.

[126] Siehe z. Bsp. Opfermann, Remembering Theresienstadt.

[127] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/34557-liebmann-strauss/. (Zugriff: 21.2.2020).