Alma Rubinstein und die Familie ihres Sohnes Leo Rubinstein


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses

 

 

 

 

 

 

 


Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Stammbaum der Familie Rubinstein
GDB

Alma Rubinstein kam mit einigen anderen älteren Paaren erst im Sommer 1942, also nur wenige Wochen vor der großen Deportation Anfang September, in das Judenhaus in der Herrngartenstr. 11. Sie stammte nicht aus einer schon lange in Wiesbaden ansässigen jüdischen Familie, hatte sich aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit ihrem Mann in der Stadt niedergelassen. Ursprünglich kam sie aus dem Osten des Deutschen Reiches, ihr Mann Nachman Moshe Rubinstein sogar aus dem bei seiner Geburt noch zum russischen Zarenreich gehörigen Kaunas / Kowno. Dort war er vermutlich am 14. Februar 1848 als Sohn von Leiser und Hene Rubinstein, geborene Warschowtschik, zur Welt gekommen.[1] Diese sehr präzise Angabe des Geburtsdatums verdanken wir der Heiratsurkunde von Nachmann und Alma Rubinstein, die am 21. Januar 1904 in Danzig ausgestellt wurde. In der Ostseestadt war die Braut am 5. Februar 1870 als Tochter des Lehrers Benjamin Schreiber und seiner Frau Meta Perls geboren worden.[2] Nachmann Rubinstein war wie sein Vater Kaufmann gewesen. Vielleicht hatte er seine Frau bei einer seiner Handelsunternehmungen in der auch für Russland wichtigen Handelsstadt Danzig kennen gelernt. Nach der Eheschließung müssen die beiden aber zumindest noch eine gewisse Zeit in Kaunas gelebt haben, denn dort wurde am 13. November 1904 ihr Sohn Leo Lazarus geboren.[3] Ob die Familie später wegen der Repressalien, die die jüdische Bevölkerung zu jener Zeit in Russland zu erdulden hatte, oder aus wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verließ, ist nicht bekannt. Auch wissen wir nicht, ob sie damals direkt in die für russische Exilanten attraktive Kurstadt kamen. Vielleicht gelangten sie auch erst über Umwege, vielleicht auch nach einem längeren Aufenthalt in einer anderen Stadt, wie etwa Berlin, wo damals viele Ostjuden strandeten, nach Wiesbaden. Im Wiesbadener Adressbuch von 1913 ist die Familie erstmals eingetragen. Sie wohnte in der Schwalbacher Str. 9 II, eine Adresse, die am westlichen Rand des Stadtteils liegt, der damals gerade von osteuropäischen und orthodoxen Juden bevorzugt wurde.[4] Leider liegen keine Angaben darüber vor, in welcher Sparte sich der Kaufmann betätigte und welchen Umfang seine Geschäfte hatten. Aber vermutlich gehörte er nicht zu den vielen Kleingewerbetreibenden, die sich, wie viele andere seiner ostjüdischen Glaubensbrüder, mit nur dürftigen Umsätzen gerade so am Leben halten konnten. Vermutlich hatte er Vermögen mitgebracht, wie sich aus dem gesellschaftlichen Aufstieg seines Sohnes erschließen lässt.

Kapellenstr. 14 in Wiesbaden heute
Eigene Aufnahme

Den erlebte der Vater selbst nicht mehr, denn ihm war nur noch eine relativ kurze Lebenszeit in Wiesbaden vergönnt. Nachmann Moshe Rubinstein starb bereits am 6. November 1915, [5] also nur etwa zwei bis drei Jahre nachdem er sich hier niedergelassen hatte. Begraben wurde er auf dem Jüdischen Friedhof der Alt-Israelitischen Gemeinde am Hellkundweg. Seine Frau, die dem Standesamt die Todesnachricht überbrachte, gab damals an, dass ihr Mann im sechzigsten Lebensjahr verstorben sei, was allerdings erheblich von der Geburtsangabe in der Heiratsurkunde abweicht. Er muss, sollte die dortige Angabe stimmen, zum Todeszeitpunkt schon 67 Jahre alt gewesen sein. Alma Rubinstein war mit nur 45 Jahren zur Witwe geworden. Etwa ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes gab sie die bisherige Wohnung auf und zog in die zweite Etage des Hauses Kapellenstr. 14. Im Wiesbadener Adressbuch von 1917 ist sie mit dieser Anschrift erstmals aufgeführt. Dort blieb sie bis die Nazis sie 1942 aus ihrer Wohnung vertrieben und in ein Judenhaus einwiesen.

Wovon Alma Rubinstein damals ihren Lebensunterhalt bestritt, ist den vorliegenden Quellen nicht zu entnehmen, aber immerhin musste sie über so viele finanzielle Mittel verfügt haben, dass ihr Sohn nach seiner Schulzeit nicht sofort Geld verdienen musste, sondern eine ordentliche Ausbildung absolvieren konnte. Er war vom 1. Januar 1921 bis zum 31. Dezember 1924 bei einer „Metzgereiartikelfabrik“ – möglicherweise bei der bekannten er Firma Steinberg & Vorsanger – in die Lehre gegangen und hatte anschließend in seinem Beruf eine Arbeitstelle als kaufmännischer Angestellter gefunden – wo, ließ sich nicht ermitteln.[6]

Sein nächster Sprung auf der Karriereleiter stand in Verbindung mit der Beziehung zu seiner zukünftigen Frau, der nichtjüdischen Margot Heineck. Ob er sie über seine Arbeit bei deren Vater Max Heinrich Heineck, verheiratet mit Klara, geborene Ringel, kennen gelernt hatte, oder ob er über die Beziehung zu ihr zu seiner neuen Beschäftigungsstelle kam, ist nicht klar. Auf jeden Fall hatte er sich seit 1929 in Wiesbaden und Mainz bei der Allianz-Versicherungsgesellschaft zum Versicherungskaufmann fortgebildet und seit dem 1. November 1930 in der Agentur von Max Heineck, der die Bezirksvertretung des Konzerns inne hatte, eine neue und sicher recht gut dotierte Stelle gefunden. Möglicherweise konnte er mit seinem Einkommen auch die Mutter unterstützen, sofern die nicht auf eigenes Vermögen zurückgreifen konnte.

Im folgenden Jahr heiratete er am 1. September 1931 die am 12. August 1908 in Wiesbaden geborene Tochter seines Chefs.[7] Margot Heineck hatte früher bis zur ihrem „Einjährigen“-Abschluss im Jahr 1924 das Wiesbadener Lyzeum besucht und anschließend weitere fünf Jahre Musik studiert.[8] Religiöse Einstellungen, geschweige denn Vorbehalte gegenüber Juden scheinen in der Familie Heineck keine Rolle gespielt zu haben. Im späteren Sterbeeintrag von Max Heineck wurde dieser sehr allgemein als „gottgäubig“ bezeichnet,[9] seine Tochter gab in einer Umzugsmeldung aus dem Jahr 1942 sogar an „glaubenslos“ zu sein.[10] Formal scheint aber die Ehe nach jüdischen Ritus vollzogen worden zu sein, denn in den beiden erhaltenen Steuererklärungen aus den Jahren 1936 und 1937 heißt es, dass sowohl Leo als auch Margot Rubinstein der israelitischen Glaubensgemeinschaft angehören würden.[11]

Taunusstr. 14 in Wiesbaden heute
Eigene Aufnahme

Am 20. April 1933 – ein wahrlich unglückliches Geburtsdatum – kam ihr einziger Sohn Rolf zur Welt.[12] Die junge Familie lebte in diesen Jahren in einer großen Stadtwohnung in der Taunusstr. 14, unmittelbar am Kurviertel und unweit des Kochbrunnens gelegen. Der soziale Aufstieg schien gesichert, zumal er laut einer eidesstattlichen Erklärung seiner Schwiegermutter im Entschädigungsverfahren ab 1937 mit 50 Prozent an den Provisionen der Agentur seines Schwiegervaters beteiligt werden sollte.[13] Dass Leo Rubinstein aber finanziell auch damals schon auf eigenen Füßen stand, kann man an dem Kredit von 22.000 RM ersehen, den er Max Heineck zur Verfügung gestellt hatte, um einen größeren Immobilienkauf tätigen zu können. Sein Schwiegervater erwarb damals – vermutlich auch als langfristige Kapitalanlage für seine Tochter und deren Mann gedacht – die Hälfte des Hausgrundstücks in der Friedrichstr. 51.[14]

Das Ende der Karriere von Leo Rubinstein kam aber bald, nämlich schon 1935. Die ehemalige Buchhalterin der Agentur gab im Entschädigungsverfahren an, dass am 2. November 1935 Max Heineck einen Anruf „höheren Ortes“ erhielt, vermutlich die Direktion der Allianz in Frankfurt oder Mainz, die ihn zwang seinen jüdischen Schwiegersohn und Mitarbeiter sofort zu entlassen.[15] Von da an bis zum Juli 1936 war er arbeitslos, erhielt aber dann doch noch einmal eine Anstellung bei der jüdischen Firma Salberg in Wiesbaden als Bürovorsteher und Buchhalter. Nach der Reichspogromnacht verlor er aber auch diese Tätigkeit. Es folgten fast eineinhalb Jahre Arbeitslosigkeit, gefolgt von einer Phase, in der er zum „jüdischen Arbeitseinsatz“ auf Baustellen für schwerste körperliche Arbeiten herangezogen wurde. Laut seinem Arbeitsbuch war das zunächst die Firma Wilhelm Kirchner in Frankfurt, eine Firma, die Straßenbau, Rodungen und Sprengarbeiten ausführte, bei der er vom 4. Mai 1940 an als Zwangsarbeiter für einen sehr geringen Lohn schuften musste. Anschließend war er bis zum 29. Januar 1942 bei der Wegebaufirma August Fichter beschäftigt, die ebenfalls in Frankfurt ansässig war, aber auch eine Zweigniederlassung in Wiesbaden hatte. Sein Verdienst betrug dort jeweils etwa 100 RM im Monat.[16]

In diesen beiden letzten Jahren hatte sich das Leben seiner Familie, wie auch das seiner Mutter und aller noch in Wiesbaden verbliebenen Juden grundlegend verändert. Alma Rubinstein wohnte zwar noch in ihrer Wohnung in der Kapellenstr. 14, aber offenbar ahnte sie schon länger, welche Absichten die Nazis hegten und dass sie dort nicht würde bleiben können. Nur so ist zu erklären, dass sie am 5. Januar 1941 ein Testament verfasste, in dem sie ihr gesamtes Mobiliar der Schwiegermutter ihres Sohnes vermachte, nicht ihrer Schwiegertochter, denn die war nach NS-Terminologie „jüdisch versippt“, und war deshalb – wie sie wohl erkannt hatte – ebenfalls in Gefahr.[17] Bereits am 20. Juli 1940 war gegen Alma Rubinstein unter dem Aktenzeichen JS-6971 eine Sicherungsverfügung erlassen worden, durch die ihr der freie Zugriff auf ihre Finanzen entzogen werden sollte. Über 200 RM sollte sie monatlich frei verfügen dürfen.[18] Offenbar war auch sie bisher finanziell von dem Ehepaar Heinack unterstützt worden, denn an Max Heinack schrieb sie am 5. August einen Brief – dazu war sie durch die Sicherungsanordnung verpflichtet –, dass sie nur noch Geld über das gesicherte Konto in Empfang nehmen dürfe.[19] Laut der Vermögenserklärung, zu deren Abgabe sie ebenfalls verpflichtet war, besaß sie im Sommer 1940 keinerlei liquide Mittel mehr, allerdings hatte sie ein Darlehen von 1.348,05 RM vergeben – der Darlehensnehmer ist nicht angegeben – was ganz offensichtlich auch dazu diente, das Geld vor dem Zugriff durch die Partei und den Staat zu schützen. Sie hatte bei der Dresdner Bank ein gesichertes Konto angelegt, auf das ihr „arischer Schuldner“, wie sie schrieb, monatlich 150 bis 200 RM einzahlen würde. Da sie bezüglich des Empfangs von Geldern nur den Brief an Max Heineck geschrieben hatte, liegt die Vermutung nahe, dass das Geld bei ihm in Sicherheit gebracht worden war und sie bei Bedarf auf dieses Geld zugreifen konnte. Diesen Bedarf gab sie mit insgesamt 210 RM an – 30 RM für Miete, 150 RM für den eigentlichen Lebensunterhalt und 30 RM für Sonstiges.[20]

Dass ihr Eigentum nicht mehr geschützt war, mussten alle Juden bitter erfahren als sie 1939 gezwungen wurden, Schmuck, Edelmetalle und wertvolle Kleidung weit unter Wert bei den kommunalen Pfandanstalten abzuliefern. Von Eheringen abgesehen, blieb nichts verschont, selbstverständlich auch kultische Gerätschaften wie Leuchter und dergleichen nicht. Sie selbst musste sich im März von einigen silbernen Besteckteilen und einem Ring trennen. Ihr Sohn hatte damals silberne Bestecke, Leuchter, Ringe und Bruchgold im Wert von nahezu 1.000 RM und ein wertvolles Radiogerät abgeben müssen. Was er dafür als Gegenwert erhielt, ist in den Dokumenten nicht überliefert.[21] In dem laufenden Jahr war Leo Rubinstein zudem zur Abgabe der Judenvermögensabgabe verpflichtet, die bei ihm insgesamt 3.800 RM betrug.[22] Seine Mutter blieb mangels Vermögen davor offensichtlich bewahrt.

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Schreiben von Margot Rubinstein an die Devisenstelle vom 14.8.1940
HHStAW 519/3 5974 (7)

Im Juli 1940 wurde auch gegen Leo Rubinstein eine Sicherungsanordnung mit einem vorläufigen Freibetrag von 300 RM erlassen.[23] Vermutlich hatte Margot Rubinstein die folgende Korrespondenz mit der Devisenstelle in der Hoffnung übernommen, als Arierin gewisse Zugeständnisse erhalten zu können. Weil sie selbst „Voll-Arierin“ sei – wie sie schrieb – und der Hilfsarbeiterlohn ihres Mannes ohnehin unter dem Freibetrag liegen würde, bat sie darum, auf die Einrichtung eines weitere Kosten verursachenden, gesicherten Kontos zu verzichten. Man möge ihr bitte erlauben, die monatlichen Zuwendungen ihres Vaters in Höhe von 250 RM, deren sie zum Lebensunterhalt dringend bedürfe, direkt entgegennehmen zu dürfen.[24] Auf der beigefügten Vermögenserklärung gab sie an, außer einem Bargeldbetrag von 350 RM nichts zu besitzen. Das Jahreseinkommen ihres Mannes bezifferte sie auf 345 RM. Auch Leo bat darum, seinen dürftigen Zwangsarbeiterlohn wöchentlich in bar erhalten zu dürfen. Ihren monatlichen Bedarf gaben sie mit insgesamt 390 RM an, wovon 115 RM auf die Miete, 200 RM auf den allgemeinen Bedarf und 75 RM auf Sonstiges entfielen.[25] Die Devisenstelle machte trotz allem nur geringe Zugeständnisse. Grundsätzlich blieb die Sicherungsanordnung und die Verpflichtung, ein gesichertes Konto zu führen, in Kraft, aber man erlaubte, dass sowohl Leo Rubinstein seinen Lohn, wie auch seine Ehefrau die Unterstützung ihres Vaters bis zu einer Höhe von 250 RM direkt entgegennehmen dürfe. Sollte das Einkommen aber 350 RM übersteigen, dann hatten sie das Übrige auf das gesicherte Konto einzuzahlen.[26]

Die Einengung der finanziellen Möglichkeiten, war die eine, der erzwungene Umzug war die andere große Veränderung, von der die Familie im Jahr 1940 betroffen wurde. Auf Grundlage der neuen Mietgesetze wurden sie bereits im September 1940 aus ihrer Wohnung in der Taunusstraße mehr oder weniger heraus geworfen. Dieser Fall ist einer der wenigen, in dem das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure bei der Entmietung des jüdischen Wohnraums sehr gut dokumentiert ist. Deswegen soll er hier umfassend dargestellt werden.

Am 16. September erhielt Leo Rubinstein von der Hausverwaltung ein Schreiben folgenden Inhalts:

“In meiner Eigenschaft als Verwalter des Hausgrundstücks Taunusstraße 14, Eigentümer Erbengemeinschaft Engel, sehe ich mich veranlasst, das mit Ihnen bestehende Mietverhältnis über die Wohnung im Haus Taunusstraße 14 III Stock zur Auflösung zu bringen.
Ich ersuche Sie deshalb, sich umgehend mit der Vermittlungsstelle des Städtischen Wohnungsamtes in der Dé Laspeestraße in Verbindung zu setzen und sich dort eine andere Wohnung zuteilen zu lassen.
Ich ersuche Sie mir innerhalb der nächsten 8 Tage über das Ergebnis Ihrer diesbezüglichen Bemühungen Kenntnis zu geben. Der Ordnung halber kündige ich Ihnen und Ihrer Ehefrau die Wohnung bereits heute zum nächsten zulässigen Termin.“
Hochachtungsvoll
Schneider“
[27]

Wie der Hausverwalter nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft im Entschädigungsverfahren bestätigte, beruhte die Kündigung auf einer Anweisung der NSDAP.[28] Die in dem damaligen Schreiben aufgebaute Drohkulisse gegen den Hausverwalter wie auch den Mieter Rubinstein, sollte dieser irgendwelche Schwierigkeiten machen, ist unübersehbar:

„N. S. D. A. P. Kreis Wiesbaden                               Wiesbaden, der 6.September 1940
Der Kreiswirtschaftsberater

In dem Mietwohngrundstück Taunusstraße 14 wohnt nach getroffenen Feststellungen die jüdische Familie Rubinstein.
Auf Grund des Reichsgesetzes vom 30.4.1939 ersuche ich Sie hiermit das bestehende Mietverhältnis mit dieser Mietpartei bis längstens 30.9.1940 zu lösen und durch Vermittlung des städt. Wohnungsamtes (Delaspeéstraße) einen geeigneten arischen Mieter aus einem jüdischen Hausgrundstück zu übernehmen.
Vollzugsmeldung bitte ich zu erstatten.
Ich setze hierbei voraus, daß das notwendige Verständnis für die durch das obenerwähnte Reichsgesetz erstrebten volksgemeinschaftlichen Gründe vorhanden ist und Sie dessen Bedeutung nicht verkennen.
Falls die jüdischen Mieter der durch die Kündigung bezweckten Absicht Schwierigkeiten entgegensetzen, bitte ich Sie, mich schriftlich zu unterrichten, damit ich die je nach des Falles gebotenen Maßnahmen veranlassen kann.
Heil Hitler!
gez. Staab“[29]

Leo Rubinstein und seine Familie hatten seit der Eheschließung im Jahr 1931 in dieser Wohnung in der Taunusstraße gewohnt. Am 8. Januar 1941 bestätigte die Hausverwaltung die erzwungen Kündigung der bisherigen Mieter:
“Als Verwalter des Hauses Taunusstr. 14 teile ich Ihnen mit, dass ich die von Ihnen hinsichtlich Ihres Mietverhältnisses in dem vorbezeichneten Hause ausgesprochene Kündigung zum 1.2.cr. annehme.
Die Wohnung ist bereits zu diesem Termin anderweitig vermietet.“
gez. Schneider“
[30]

Zum 31. Januar 1941 waren Rubinsteins gezwungen, in die erste Etage des Judenhauses im Nerotal 43 zu ziehen.[31] Man muss allerdings konstatieren, dass ihre neue Wohnung sicher nicht schlechter als ihre bisherige war, was die Lage anbetrifft, sogar noch schöner. Das Haus Nerotal 43 war eine Villa am Südhang des Nerobergs unmittelbar am Neropark gelegen. Rubinsteins hatten das Glück, die Wohnung von Anna Bacharach übernehmen zu können. Anna Bacharach war es nach dem Tod ihres Mannes, im Dezember 1940 noch gelungen Deutschland Richtung Argentinien zu verlassen.[32] Das Haus war bereits im Mai 1941 an die Ehefrau des Arztes Oskar Hieber verkauft worden.[33] „Konsulent“ Berthold Guthmann hatte es übernommen, die zurückgelassene Einrichtung, hauptsächlich Lampen und Gardinen, treuhänderisch an den Nachmieter zu verkaufen. Rubinsteins mussten darüber hinaus die Wohnung auf eigene Kosten, insgesamt etwa 500 RM, renovieren, wofür ihnen aber die Januarmiete erlassen wurde.[34] Die Umzugs- und Renovierungskosten konnte das Paar selbstverständlich nicht alleine aufbringen. Auch hier musste der Vater bzw. Schwiegervater helfen. Am 12. Januar 1941 bat seine Tochter die Devisenstelle, 500 RM von ihrem Vater als Sonderausgaben „anlässlich unseres Umzugs von einem arischen in ein jüdisches Haus“ entgegennehmen zu dürfen.[35] Die monatliche Miete betrug dort weiterhin etwa 100 RM.[36]

Die Hintergründe dafür, weshalb Rubinsteins im Mai 1942 diese Wohnung im Nerotal wieder verlassen mussten, sind aus den noch vorliegenden Dokumenten nicht mehr genau nachzuvollziehen. Aber ganz offensichtlich hatte auch diesmal wieder die örtliche NSDAP Einfluss genommen, wie aus einem Schreiben der Hausverwaltung Merten vom 17. April 1942 hervorgeht.
„Betr.: Nerotal 43
Ueber die Ortsgruppe der NSDAP. Südend habe ich erfahren, dass keine Möglichkeit mehr für Sie besteht, in Ihre Wohnung in obigem Hause zu gelangen.
Um nun einen baldigen Ablauf Ihres Mietverhältnisses herbeizuführen, ersuche ich Sie unter Vorlage der Mietquittungen auf der Ortsgruppe Südend, Wiesbaden, Scheffelstrasse den Empfang der Wohnungsschlüssel und die Vorbereitungen zur Uebergabe der Wohnungseinrichtungen durch die NSDAP, in die Wege zu leiten.
Nur auf diese Art und Weise wäre ein baldiger Ablauf dieser Angelegenheit und eine Neuvermietung der Wohnungen möglich.
Ich bitte, mir bis spätestens zum 20.4.1942 mitzuteilen, was in dieser Angelegenheit von Ihnen unternommen worden ist.
Franz Mertmann (gez)“
[37]

Ein weiteres Schreiben vom 5. Mai könnte ein Hinweis auf die Ursache des Konflikts enthalten:
„Nach Mitteilung der N.S.D.A.P. steht der Rückgabe Ihrer Möbel noch die Mietzahlung für die Monate April und Mai 1942 im Wege. Nach Zahlung dieser beiden Mieten und der Vorlage der Quittungen auf dem Büro der N.S.D.A.P. Wiesbaden, Schenkendorfstrasse, steht einer Rückgabe der Möbel an Sie, nichts mehr im Wege.
Ich bin aufgefordert worden, Ihnen zur Erledigung Ihrer Angelegenheit, eine Frist auf den 8. Mai abends 6 Uhr zu setzen. Ich bin angehalten nach Ablauf dieses Termins Bericht zu erstatten.

Franz Mertmann als Verwalter“[38]

Leo Rubinstein selbst gab später im Entschädigungsverfahren zu dem Vorgang an, dass die Wohnung „am 9.5.1941 von der Geheimen Staatspolizei, Wiesbaden, beschlagnahmt“ worden sei und er „sämtliche Räume nebst Inventar zur Verfügung stellen musste.“ Obwohl er die Räume nicht mehr habe bewohnen können, hätte er „auf Veranlassung der Ortsgruppe der NSDAP, Südend, die Miete für 13 Monate weiter bezahlen“ müssen.[39]

Es könnte sein, dass Leo Rubinstein seine Miete nicht rechtzeitig gezahlt hatte und der Familie daraufhin der Zugang zu ihrer Wohnung versperrt worden war – man muss bedenken, dass er in dieser Zeit schon als Zwangsarbeiter nur noch über ein sehr geringes Einkommen verfügte -, aber das erscheint eher unwahrscheinlich, denn die Eltern hätten ihrer Tochter in dieser Situation sicher unter die Arme gegriffen. Wahrscheinlicher ist hingegen, dass ein arischer Mieter Interesse an der sehr schönen Wohnung hatte, obwohl sie in einem Judenhaus war. Klar war ohnehin, dass im Laufe des Jahres diese Form der Unterbringung der Juden durch die anstehenden Deportationen ihren Zweck erfüllt haben würde und man gerade die attraktiveren Häuser allmählich wieder den „Volksgenossen“ zugänglich machen konnte. Da Rubinsteins mit dem erneuten Rauswurf aus ihrer Wohnung sicher nicht einverstanden waren, hatten sie vermutlich im April die Mietzahlung eingestellt und waren daraufhin ausgesperrt worden. Es blieb ihnen aber letztlich nichts anderes übrig, als sich dem Druck zu beugen. Am 10. Mai 1942 zogen sie in die Kirchgasse 50 als Untermieter bei Ludwig Fried ein.[40] Auch er war seit 1939 als Zwangsarbeiter im Straßenbau tätig und lebte wie auch Leo Rubinstein in einer sogenannten Mischehe.

Obwohl Rubinsteins jetzt nicht mehr in einem Judenhaus wohnten, hatten sich die räumlichen Gegebenheiten in ihrer neuen Unterkunft erheblich verschlechtert. Den größten Teil ihres Mobiliars konnten sie in ihren dortigen Zimmern nicht mehr unterbringen. Am 4. Juni 1942 wurde der größte Teil davon durch die Firma Jacoby aus der alten Wohnung abgeholt und in der Spedition eingelagert. Die Kosten für den Transport und die Einlagerung beliefen sich auf fast 700 RM, ein Betrag für den der Schwiegervater Max Heineck aufkam.[41] .

Allerdings blieben Rubinsteins nicht sehr lange in dieser Wohnung, möglicherweise war dort bei seinem Arbeitskollegen auch nur Leo Rubinstein eingezogen. Ein Teil der Möbel wurde, so ist der Rechnung der Spedition zu entnehmen, nämlich schon damals in die Mauergasse 10 gebracht, in der die Familie sich allerdings offiziell erst am 29. November 1941 anmeldete.[42] Auffällig ist auch, dass der Umzug in die Mauergasse auf der Gestapokarteikarte durch Gänsefüßchen faktisch mit dem gleichen Datum versehen ist, wie der in die Kirchgasse. Das könnte auch auf eine, wohl erzwungene, kurzfristige räumliche Trennung des Paares hinweisen. Vielleicht sind aber auch hier, wie des Öfteren, die Eintragungen in der Kartei der Gestapo nicht präzise. Unklar ist zudem, ob sie hier über eine eigene Wohnung verfügen konnten oder wieder in Untermiete mit allen Einschränkungen leben mussten.

Die gesamte Lebenssituation hatte sich inzwischen, eigentlich schon seit 1941, zudem dadurch verschärft, dass Leo seit September erkrankt und arbeitsunfähig geschrieben worden war. Er litt, sicher auch bedingt durch die gesamten Umstände, an einer neurologisch bedingten Muskelerkrankung. Immerhin hatte er zu dieser Zeit noch Anspruch auf rund 3 RM Krankengeld pro Tag.[43] Da es damals keine Perspektive auf eine Verbesserung seines Gesundheitszustandes gab, wurde er ab dem 17. März 1942 verrentet. Das Geld, das er jetzt erhielt, entsprach mit monatlich 66 RM etwa dem des Krankengeldes – in jeden Fall zu wenig, um davon eine dreiköpfige Familie ernähren zu können. Hinzu kamen die teuren Arzneimittel, die er benötigte und die wegen der hohen Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen wurden. Seine Frau schätzte später, dass sie insgesamt etwa 500 RM dafür aufgewendet hatte.[44]

Kapellenstr. 18 heute
Eigene Aufnahme

Die im Juni 1942 erzwungene Abgabe mehrere Kleidungsstücke, übrigens auch Kleidung seiner arischen Ehefrau, fielen angesichts der sonstigen Belastungen kaum mehr ins Gewicht.[45] Auch die Mutter hatte sich im Rahmen dieser „Kleidersammlung“ noch von einer Jacke, einem Hut, einem seidenen Tuch, einem Tüllrock und einem weißen Unterrock trennen müssen.[46] Zwei Monate später musste sie noch einen Pelzmantel abgeben, den sie erstaunlicherweise damals noch besaß.[47] Diese eher kleinen Diebstähle der Machthaber dienten sicher primär dazu, die Juden in jeder nur möglichen Form zu piesacken, sie zeigen aber auch wie sehr schon damals die NS-Wirtschaft unter dem Engpass an Grundstoffen litt.

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Schreiben von Alma Rubinstein an die Devisenstelle vom 6.6.1942
HHStAW 519/3 5973 (7)

Etwa zur gleichen Zeit hatte man Alma Rubinstein ein letztes Mal aufgefordert, der Devisenstelle ihre gegenwärtigen Kosten für den Lebensunterhalt mitzuteilen. Der Brief erreichte sie noch in ihrer Wohnung in der Kapellenstr. 18, in die sie inzwischen umgezogen war. In ihrem Antwortschreiben gab sie an, von der Jüdischen Wohlfahrtspflege monatlich mit 41,10 RM unterstützt zu werden. Ein Mittagessen bekomme sie in deren Küche täglich kostenlos. Andere Einkünfte habe sie keine. 25 RM betrug ihre Miete, sodass ihr für alle anderen Bedürfnisse monatlich 16 RM blieben.[48]

Das Schreiben ist das letzte Lebenszeichen von Alma Rubinstein. Dass man sie am 31. Juli noch für wenige Wochen in das Judenhaus Herrngartenstr. 11 verfrachtete, hatte, wenn es nicht reine Schikane war, sicher bestenfalls noch organisatorische Gründe. In jedem Fall wurden ihr auf diese Weise die letzten Tage in Wiesbaden noch schwerer gemacht, als sie ohnehin waren. Wo sie dort untergebracht worden war, ist nicht bekannt. Möglicherweise blieb sie dort auch nur ganz kurz, denn ihre letzte Adresse, die Adresse, mit der sie auf der Deportationsliste vom 1. September 1942 geführt wurde, war die Geisbergstr. 24. Das ehemalige Jüdische Schwesternheim hatte aber zuletzt eher die Funktion einer Sammelstelle für den anstehenden Transport. Ob sie da noch eine Wohnung im eigentlichen Sinne hatte, muss bezweifelt werden. Der Zug, mit mehr als 350 hauptsächlich älteren Juden aus Wiesbaden, verließ die Stadt am 1. September 1942, machte noch einmal in Frankfurt Halt und fuhr, nachdem er dort mit mehr als 800 weiteren Opfern aufgefüllt worden war, Richtung Theresienstadt. Genau ein Jahr nach ihrer „Evakuierung“, verstarb Alma Rubinstein am 1. September 1943 in diesem Ghetto an Herzversagen.[49]

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Todesfallanzeige für Alma Rubinstein in Theresienstadt
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Karteikarte von Alma Rubinstein aus Theresienstadt
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Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es in diesem letzten Lebensjahr noch einen Kontakt zwischen Mutter und Sohn gab. So hat sie ganz sicher auch nicht mehr erfahren, welche Leidenszeit in diesem Jahr für ihren Sohn und seine Familie begann.

Nicht einmal 40 Jahre alt, aber wegen seiner schweren Erkrankung bereits verrentet, hatte er mit ansehen müssen, wie seine Mutter deportiert wurde. Am Tag nachdem der Transport Wiesbaden verlassen hatte, begann Leo Rubinstein unentgeltlich im Büro der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, d.h. im Büro von Berthold Guthmann, Georg Goldstein und Arthur Straus zu arbeiten. Diese Beschäftigung endete am 30. November 1942. Angesichts der Tatsache, dass – abgesehen von den in Mischehe Lebenden – es in Wiesbaden keine  Juden mehr gab, wurde das Büro der Reichsvereinigung nach Frankfurt in den Hermesweg verlegt, weshalb Leo Rubinstein diese Aufgabe wieder verlor.[50]

Ein halbes Jahr später, am 11. Mai 1943, wurde er festgenommen und zunächst im Wiesbadener Polizeigefängnis inhaftiert. Zu den Gründen hatte er sich selbst nie geäußert. Auch die Polizei konnte später im Entschädigungsverfahren keine Angaben dazu machen, weil das Gefangenen-Aufnahmebuch vernichtet worden war. Immerhin hatte man notiert, dass die Verhaftung durch die Gestapo veranlasst worden war. Bis zum 23. Juni hielt man ihn im Polizeigefängnis fest.[51] Danach kam er aber nicht frei, sondern wurde in das Wiesbadener Gerichtsgefängnis in der Albrechtstraße überführt.[52] Von dort durfte er noch schriftlich Kontakt mit seiner Frau halten. Zwei Ausschnitte solcher Briefe, in denen es um die Alltagsbewältigung, aber auch um Grundsätzlicheres ging, sind erhalten geblieben. „Seit dem 23.6. bin ich in der Albrechtstraße und kannst Du die Wäsche dienstags hier abgeben und holen. Ich bitte noch um folgende Sachen: Rasierzeug (Apparat, Pinsel Seife und wöchentlich 3 Rasierklingen)“. Im zweiten Brief vom 1. September 1943, der an seine Frau und den Sohn Rolf gerichtet war, heißt es: „Meine Beiden! Zum 1.9. dankte ich dem Schöpfer besonders für den 12. Jahrestag, da Du mir, mein Glück, die Hand zum Lebensbunde reichtest – und welchen Kummer habe ich Dir in den letzten Jahren ganz unfreiwillig bereitet.“[53] Seine Frau brachte ihm nicht nur die nötige Kleidung und Hygieneartikel, sondern sie hatte auch für die Verpflegung ihres Gatten aufzukommen – 1,50 RM je Tag, d.h. insgesamt 64,50 RM für die 43 Tage.[54] Was immer der Anlass für die Inhaftierung gewesen war, in jedem Fall wird offensichtlich, wie gering der Schutz der in Mischehen lebenden Juden tatsächlich war. Kleinste Anlässe, wie ein nicht deutlich genug sichtbarer Judenstern auf der Kleidung, eine falsche Bemerkung oder auch ein sonstiger Verstoß gegen die unüberschaubare Liste von Verboten genügte für eine solche Maßnahme. Oft folgte danach die Überstellung in ein KZ – so auch im Fall von Leo Rubinstein.

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Leo Rubinsteins Arm mit der tätowierten Nummer aus Auschwitz – HHStAW 518 28775 (35 o)

Vom Gerichtsgefängnis wurde er vermutlich Mitte September 1943 nach Auschwitz deportiert. Zum genauen Datum, an dem die Überführung stattfand, gibt es in den Quellen unterschiedliche Angaben. Leo Rubinstein selbst hatte in seinem Entschädigungsantrag den 24. September genannt, auf der Gestapokarteikarte ist der 15. September eingetragen, der Zeuge Karl Selig erinnerte sich, dass sie beide am 16. September deportiert worden seien.[55] In der von den Nazis geführten „Buchhaltung“ der Deportationen aus Wiesbaden kann man sehen, dass sowohl am 15., als auch am 16. jeweils kleinere Gruppen nach Auschwitz verbracht wurden, zunächst am 15. eine Gruppe von vier Männern, darunter auch Leo Rubinstein, und eine Frau, am folgenden Tag dann Karl Selig und zwei weitere Frauen.[56]

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Inhaftierungskarte von Rolf Rubinstein in Theresienstadt
https://collections.arolsen-archives.org/archive/5118981/?p=1&s=Rolf%20Rubinstein&doc_id=5118981

In sicher größter Sorge und Angst blieben seine Frau Margot und der damals zehnjährige Sohn Rolf zurück. Sie hatten am 12. Februar 1944 noch einmal ihre Wohnung gewechselt, vielleicht auch zwangsweise wechseln müssen und wohnten von da an in der Scharnhorststr, 28. Rolf hatte zuvor von 1939 bis 1941 noch die jüdische Schule besucht, war aber danach ohne jede Beschäftigung geblieben.[57] Als dann seit Januar 1945 auf Befehl des RSHA systematisch Partner aus Mischehen und deren Kinder in vielen, zumeist kleineren Transporten nach Theresienstadt deportiert wurden, gehörte auch Rolf zu den Opfern dieser Aktion. Am 12. Februar verließ der mit 616 Menschen zweitgrößte dieser späten Transporte mit der Nummer 534-XII/10 den Frankfurter Bahnhof, um über Leipzig das ehemalige Altersghetto anzusteuern,[58] in dem zu dieser Zeit schon ein großes Chaos herrschte. Gerade eine Woche zuvor hatte nach geheimen Verhandlungen Himmlers mit jüdischen Organisationen ein Zug mit 1200 Juden das Ghetto Richtung Schweiz verlassen dürfen, zugleich rollten von überall aus dem Altreich neue Züge mit Juden heran. Vermutlich war sogar noch der Bau von neuen Vernichtungsanlagen geplant.[59] Zugleich hatten aber auch Verhandlungen mit dem Internationalen Roten Kreuz zur Übergabe von einzelnen Gruppen jüdischer Gefangenen begonnen, bevor das Lager dann am 5. Mai 1945 ganz der Obhut des Roten Kreuzes übergegeben wurde. Drei Tage später übernahm die Rote Armee die Kontrolle in dem von Typhus durchseuchten Ghetto. Im Juli 1945 – die genaueren Umstände sind nicht bekannt – kam der zwölfjährige Rolf Rubinstein wieder zurück zu seiner Mutter nach Wiesbaden.

Wie es seinem Vater Leo Rubinstein gelang, gerade auch angesichts seiner Erkrankung, die Hölle von Auschwitz zu überleben und in welchem Lager er dort genau war, ist nicht bekannt. Als am 27. Januar 1945 die Rote Armee auch dieses Konzentrationslager befreite, wurde dieser Tag aber nicht zum Tag der Befreiung von Leo Rubinstein, sondern ihn ereilte stattdessen nach einer Odyssee durch verschiedene Sammellager für die KZ-Opfer ein besonders tragisches Schicksal. Er blieb mit anderen Befreiten zunächst bis März in Auschwitz, wurde dann als displaced person in ein Sammellager nach Kattowitz gebracht. Ende April ging es dann in das nächste Lager nach Czernowitz. Von hier aus sollten holländische Gefangene aus Auschwitz zunächst nach Odessa und von dort per Schiff über das Mittelmeer in ihre Heimat gebracht werden. Irgend jemand hatte den Sowjets verraten, dass er kein Holländer, sondern Deutscher sei, was Leo Rubinstein auch deshalb verschwiegen hatte, weil er als ein in Kowno geborener „Deutschbalte“, obwohl auch Jude, in großer Gefahr war.[60] Die baltischen Völker hatten die Eroberung ihres Landes durch die sowjetischen Truppen keineswegs als Befreiung empfunden, sondern als Okkupation, weshalb Deutschbalten von den sowjetischen Soldaten generell erst einmal als potentielle Feinde angesehen wurden. Für Leo Rubinstein hatte dies zur Konsequenz, dass er jetzt wie ein normaler deutscher Soldat in ein Kriegsgefangenenlager bei Odessa geschickt wurde, d.h. er wurde obendrein mit denjenigen zusammengepfercht, die diesem Staat, der ihn hat umbringen wollen, zur Weltherrschaft hatten verhelfen wollten.[61] Selbst das immer wieder vorgezeigte untrügliche Zeichen seiner Inhaftierung in Auschwitz als Jude, die eintätowierte Nummer auf seinem Unterarm, konnte keine Freilassung bewirken. Seine Frau musste damals zumindest vage vom Schicksal ihres Mannes erfahren haben, denn sie gab in einem 1948 ausgefüllten Formular an, dass er „noch am Leben sein soll“.[62]

Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Entlassungsschein von Auschwitz
HHStAW 518 28775 (35k)
Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Entlassungsschein aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft
HHStAW 518 28775 (35 m)
Nachmann Moshe Rubinstein, Alma Rubinstein Schreiber, Leo Lazarus Rubinstein, Margot Rubinstein Heineck, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11, Nerotal 43
Entlassungsschein aus dem Durchgangslager Hersfeld
HHStAW 518 28775 (35 n)

 

 

 

 

 

 

 

Aber erst im März des folgenden Jahres gelangte er im Rahmen einer generellen Freilassung von Kriegsgefangenen wieder nach Deutschland und kam am 29. März zunächst im Durchgangslager Hersfeld unter. Zurück in Wiesbaden dauerte es Monate, bis er physisch und psychisch wieder soweit genesen war, dass er selbst für seinen eigenen Lebensunterhalt und den seiner Familie sorgen konnte. Ursprünglich hatte er nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft den Wunsch geäußert, mit seiner Familie in die USA oder vielleicht auch nach Israel auswandern zu wollen, „because he has enough suffered during all the years“, wie der Mitarbeiter der der IRO auf dem Antrag notierte. In Israel lebte Leos Schwester Lola Pines. Zwar besaß man deren Adresse in Tel Aviv, aber Margot Rubinstein konnte damals keine näheren Angaben zu deren Lebenssituation machen. Nicht bekannt ist, ob die Verwandten zumindest seit dem Kriegsende in Verbindung standen. In den USA hatte Leo Rubinstein als mögliche Kontaktperson einen Efim Cytron angeben. In welchem Verhältnis er zu Rubinsteins stand, konnte nicht geklärt werden. Auf die Frage, ob er in Deutschland bleiben wolle, hatte er unmittelbar nach seiner Rückkehr der Interviewerin noch geantwortet: „is depending from circumstances. [63]

https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/002.jpg

Vielleicht wäre die Familie, wenn Leo Rubinstein früher wieder nach Hause gekommen wäre, tatsächlich ausgewandert, aber 1949 schien mit der Verabschiedung des Grundgesetzes sich das Land trotz einer nur sehr halbherzig durchgeführten Entnazifizierung doch zu einem demokratischen Staat und Gemeinwesen entwickeln zu wollen. Sohn Rolf hatte sich noch 1946 der „Vereinigung der aus Theresienstadt Befreiten“ und im folgenden Jahr der „United Zionist Rew. Organization“ angeschlossen.[64] Wie sein weiteres Leben verlief, ist nicht bekannt. Er verstarb aber am 2. April 2005 in seiner Heimatstadt Wiesbaden, nur zwei Jahre nach seiner Mutter.[65] Auch sie hatte noch vor der Rückkehr ihres Mannes begonnen, sich politisch zu engagieren und war Mitglied der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN“ geworden.[66] Sie wollte ihren Beitrag dafür zu leisten, dass den Entrechteten jetzt Recht geschehen und das allgemein angestimmte Credo „Nie wieder!“ auch Realität werden würde. Leo Rubinstein erhielt nach seiner Rückkehr und Genesung eine Anstellung bei der Entschädigungsbehörde und konnte hier Einfluss darauf nehmen, dass Leidensgenossen nicht in gleicher Weise, wie er selbst abgefertigt würden. Er verstarb am 10. April 1993 im hohen Alter von 88 Jahren in Wiesbaden.[67] In der Taunusstr. 14 wurde, obwohl er sein Leben in der Shoa nicht verlor, ein Stolperstein zur Erinnerung an ihn und die Leidensgeschichte seiner Familie gelegt.

 

Veröffentlicht: 10. 12. 2020

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 38230 (7), Heiratsurkunde (Abschrift).

[2] Ebd. Beglaubigte Abschrift der Heiratsurkunde 64 / 1904 des Standesamts Danzig. Der Vater der Braut war damals 60 Jahre, ihre Mutter 62 Jahre alt. Brautzeuge war ein Leopold Perls.

[3] HHStAW 518 28775 I (34b). 995 / 1928 Jüdisches Registrationsamt Kaunas. Das dort angegeben Geburtsdatum, der 31.10.1904, entspricht dem oben genannten im Julianischen Kalender. Die Beschneidung erfolgte nach diesem Kalender am 7.11.1904. Irritierend ist, dass nach dem Krieg seine Frau gegenüber der amerikanischen Militärverwaltung angab, er sei an diesem Tag in Amsterdam, in Holland, geboren worden, siehe https://collections.arolsen-archives.org/archive/79668258/?p=1&s=Rolf%20Rubinstein&doc_id=79668261. (Zugriff: 3.12.2020). Vermutlich hatte er zumindest noch eine Schwester, die sich nach dem Krieg Lola Pines nannte und in Israel lebte. Mehr konnte über sie nicht herausgefunden werden. Siehe https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/004.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[4] Siehe dazu die Ausführungen in den Kapiteln Hermannstr. 17 und 26.

[5] Sterberegister Wiesbaden 1889 / 1915. Nach dieser Angabe wäre er erst 1855 geboren worden. Dieses vermutlich falsche Geburtsjahr wurde aber auf seinem Grabstein und auch in der Datenbank Jüdischer Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden übernommen.

[6] Siehe sein Arbeitsbuch, das in seiner Entschädigungsakte HHStAW 518 28775 I (36) als Kopie aufbewahrt ist.

[7] HHStAW 518 28775 (34c), dazu Geburtsregister Wiesbaden 1556 / 1908.

[8] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/007.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[9] Sterberegister Königstein / Taunus 81 / 1944.

[10] HHStAW 518 28775 I (38 u).

[11] HHStAW 518 28775 II (247).

[12] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden.

[13] Sterberegister HHStAW 518 28775 I (36 n), II (247a u 247 c).

[14] Ebd. (36 i, 41).

[15] Ebd. (36 d).

[16] Ebd. (36 b).

[17] HHStAW 518 3820 (12).

[18] HHStAW 519/3 5973 (1).

[19] Ebd. (3).

[20] Ebd. (4).

[21] HHStAW 518 28775 I (38, 38 a).

[22] Ebd. (81, 38 d).

[23] HHStAW 519/3 5974 (1).

[24] Ebd. (3, 4, 7).

[25] Ebd. (5).

[26] Ebd. (7).

[27] HHStAW 518 28775 I (38 g).

[28] Ebd. (38 h) „Sehr geehrter Herr Rubinstein!
Wunschgemäß bestätige ich Ihnen hiermit, daß mein Schreiben an Sie  vom 16. Sept. 1940 veranlaßt worden war durch die mir von der früheren NSDAP, Kreis Wiesbaden zugegangenen Aufforderung vom 6.Sept.1940, wonach ich mit Rücksicht darauf, daß Sie Jude sind, das mit Ihnen hinsichtlich der Wohnung im Hause Taunusstraße 14 bestehende Mietverhältnis aufzukündigen.
Eine Abschrift der mir damals zugegangenen Aufforderung vom 6. 9. 1940 füge ich bei.
Hochachtungsvoll
Schneider

[29] Ebd. (38 c).

[30] Ebd. (38 j), „cr“ steht für „currentis“ = des laufenden Jahres.

[31] Ebd. (38 l). Die offizielle Ummeldung war bereits am 25.1.1941 erfolgt.

[32] Siehe zum Schicksal der Hauseigentümer Bacharach unten das Kapitel über das Judenhaus Nerotal 43. Auch ist ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse zu Carl und Anna Bacharach erschienen, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Bacharach.pdf. (Zugriff: 3.12.2020).

[33] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 39 Bl. 773 Innen.

[34] HHStAW 518 28775 I (38 m – s).

[35] HHStAW 519/3 5974 (8). Der Bitte wurde entsprochen.

[36] HHStAW 518 28775 I (38 t). Hier ist die Gesamtmiete von 1.523 RM für den gesamten Mietzeitraum von 1.2.1941 bis 31.5.1942 angegeben.

[37] Ebd. (38 w).

[38] Ebd. (39).

[39] Ebd. (38 d).

[40] Ebd. (38 v). Der Eintrag des Umzugs auf der Gestapokarteikarte erfolgte am 14.5.1942. Zu Ludwig Fried hat das Aktive Museum Spiegelgasse ein Erinnerungsblatt herausgebracht, siehe https://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt-Fried-Schiffer-080825.pdf. Siehe ebenfalls zur Familie oben das Kapitel über Helene Schiffer, der Schwägerin von Ludwig Fried.

[41] HHStAW 518 28775 I (39 a-g, q)

[42] Ebd. (38 v).

[43] Ebd. (34 g).

[44] Ebd. (34 o). Sein behandelnder Arzt war Dr. Alfred Goldschmidt, der als Jude ebenfalls in einer Mischehe lebte und auf diese Weise den Holocaust überleben konnte.

[45] Ebd. (38 f).

[46] HHStAW 518 28230 (13).

[47] Ebd. (14).

[48] HHStAW 519/3 5973 (7). Zu dieser Sammelaktion von Wollsachen und Pelzen, angeblich für die deutschen Soldaten an der eisigen Ostfront, hatte Hitler bereits im Winter 1941/42 aufgerufen. Am 5.1.1942 wurden die Juden zunächst nur zur Abgabe verpflichtet, in einem zweiten Rundschreiben wenige Tage später wurde seitens der Gestapo mit „schärfsten staatspolizeilichen Maßnahmen“ gegenüber denen gedroht, die ihrer Abgabepflicht nicht Folge leisten würden.

[49] Sterbeurkunde Standesamt Arolsen Abt. I, 698 / 1951. Noch bevor sie verstorben war, hatte sich der Reichsfiskus ihr restliches Vermögen angeeignet und dabei auch das Mobiliar, das per Testament Frau Heinecke zugedacht war, geraubt.

[50] HHStAW 518 28775 I (67). Siehe dazu auch die Ausführungen im Kapitel über Berthold Guthmann und Arthur Straus. Insgesamt gab es nach dem Wegzug der drei Familien nach Zählung der NS-Bürokratie trotzdem immerhin noch 174 Juden in Wiesbaden, siehe Wanderbewegung der Juden in der Stadt Wiesbaden vom 1. Januar 1934 an, Stadtarchiv Wiesbaden WI/2 2225.

[51] Ebd. (35 b).

[52] Ebd. (35 r),dazu die beiden Zeugenaussagen von Karl Selig und dem ebenfalls damals inhaftierten Heinz Lichtenstein, ebd. (35 e, f, h). Karl Seligs Frau Henriette Else, geborene Haas, war nach NS-Sprachgebrauch Halbjüdin, Heinz Lichtensteins Frau Hildegard Brückner war evangelisch.

[53] Ebd. (35 c).

[54] Ebd. (39 i).

[55] Ebd. (35 h).

[56] Wanderbewegung der Juden in der Stadt Wiesbaden vom 1. Januar 1934 an, Stadtarchiv Wiesbaden WI/2 2225.

[57] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/001.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[58] Nur der Transport aus Wien mit mehr als 1000 Menschen am 8.3.1945 war größer, die meisten hatten sonst etwa 10 bis 50 Insassen. Dass Rolf Rubinstein in diesem Transport war, gilt als gesichert, siehe u.a. https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=1498251, (Zugriff: 3.12.2020). Eigenartig ist aber, dass sein Name nicht auf der Liste „Wanderbewegung der Juden in der Stadt Wiesbaden vom 1. Januar 1934 an“ steht, Stadtarchiv Wiesbaden, WI 2 / 2225 steht. Hier sind für diesen Tag nur die Namen von Max Kaplan, Helene Müller und Frieda Weinand aufgeführt, alles jüdische Partner aus einer „Mischehe“. Möglicherweise fehlt der Name von Rolf Rubinstein, weil er im Unterschied zu den übrigen nur „Halbjude“ war.

[59] Benz, Theresienstadt, S. 198 f., Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 365 ff, 467.

[60] Es sei an dieser Stelle noch einmal auf die irritierende Angabe seiner Frau hingewiesen, dass ihr Mann in Amsterdam geboren wurde, siehe oben Anm. 3. Möglicherweise hatte man das als Legende für den Notfall abgesprochen. In einem anderen Formular, Application for IRO Assistance, ausgefüllt am 17.8.1949 hat sie dann wieder Kowno als Geburtsort ihres Mannes angegeben, siehe https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/006.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[61] HHStAW Dieser tragischen Geschichte wurde noch die Krone dadurch aufgesetzt, dass die Entschädigungsbehörde sich zunächst weigerte, auch die Zeit in dem russischen Lager zu entschädigen. Zum einen wurde argumentiert, habe er diese Gefangenschaft selbst verschuldet, weil er bewusst die Unwahrheit bezüglich seiner Herkunft gesagt hatte, zum anderen gäbe es keinen Zusammenhang zwischen der KZ-Inhaftierung und der Internierung in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Dies sei nicht durch den NS-Staat, sondern durch den Sowjetstaat geschehen und nur der allein sei dafür verantwortlich. Erst ein Urteil des Landgerichts Darmstadt vom 20.10.1955 hat diese absurde, vom Geist des Kalten Krieges geprägte Entscheidung der Behörde aufgehoben, siehe HHStAW 518 28775 I (70), dazu das Urteil des Gerichts ebd. II (154 f.).

[62] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/003.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[63] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/010.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[64] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/003.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[65] Information Stadtarchiv Wiesbaden.

[66] https://collections.arolsen-archives.org/H/CM1/Post_War/03020101/0709/158205107/003.jpg. (Zugriff: 3.12.2020).

[67] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden.