Marta Wolff


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses

 

 

 

 

 

 


Zu den ersten Bewohnern des Judenhauses Herrngartenstr. 11 gehörte neben der Familie Friedmann, den Ehepaaren Wertheimer und Reininger, den beiden Ledigen Elly / Ella Reinach und Clara Weil auch Marta Wolf.[1] Abgesehen von Friedmanns, die bereits im Sommer 1940 dort einquartiert worden waren, zogen die anderen Genannten alle im folgenden November dort ein, zumeist nur wenige Tage versetzt. Auf den ersten Blick scheint diese Marta Wolff zu den vielen jüdischen Frauen gehört zu haben, die weitgehend unscheinbar geblieben sind und vielleicht – wie etwa auch Elly Reinach – als ledige Haushälterin irgendwo in Diensten einer anderen reicheren Familie gestanden hatten. Man wusste bisher fast nichts über sie. Keine Familienmitglieder, nicht einmal die Eltern sind in der Datenbank jüdischer Bürger des Stadtarchivs Wiesbaden oder in der Genealogischen Datenbank der Paul Lazarus Sammlung überliefert. Allein zwei dünne Akten über ihr Leben liegen im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Akten, die sich weitgehend ausschließlich mit der Frage befassen, wie die Rente der Steuerpflichtigen zu bewerten und zu versteuern sei. Und doch enthalten sie kleine Hinweise, dass Marta Wolff mehr als diese unscheinbare Frau gewesen sein muss, als die sie zunächst erscheint. So ist zum einen der Steuerakte, aber auch ihrer Gestapokarteikarte zu entnehmen, dass sie vor ihrem Umzug in das Judenhaus in Wiesbaden in der Parkstr. 36, wohnte, eine der besten Lagen, die die Stadt zu bieten hat, grenzt die mit den schönsten Villen bebaute Allee doch unmittelbar an den Kurpark an. Weiterhin gibt die Steuerakte darüber Auskunft, dass sie ihren Lebensunterhalt, abgesehen von ihrer eigenen eher bescheidenen Rente, mit Geldern bestritt, die ihr ein in Nizza lebender Bruder namens Theodor gewährte.[2] Fragen werfen auch die Berufsbezeichnungen auf, die in den verschiedenen Unterlagen genannt werden. In der Gestapokarteikarte ist „berufslos“ eingetragen, was allerdings keine Rückschlüsse auf ihre frühere Berufstätigkeit zulässt. In den Steuerakten bezeichnet sie sich zumeist als „Privatiere“, in den Einkommensteuererklärungen von 1935 und 1936 aber auch als „Privatlehrerin a.D.“ In einem Brief an das Finanzamt Garmisch gab sie darüber hinaus an, ihren Beruf als Photographin vor einigen Jahren aufgegeben zu haben.[3]

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Stammbaum der Familie Wolff
GDB

Wenn man all diesen Spuren nachgeht, dann findet man eine Frau, die aus einer Familie stammte, die das politische, wie auch das kulturelle Leben Deutschlands während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik entscheidend mitgeprägt hatte. Und auch sie selbst hatte ihren Teil dazu beigetragen, nicht im gleichen Maße wie ihr viel berühmterer Bruder Theodor, aber auch von ihr sind Werke ihres früheren Schaffens erhalten geblieben. Gleichwohl bleibt vieles aus ihrem Leben angesichts der dürftigen Quellenlage leider weitgehend im Dunklen.

Marta Wolff, Martha Wolff, Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Marta Wolff
Mit freundlicher Genehmigung von www.fotorevers.eu.

Den Namen ihrer Eltern – und damit auch die Verbindung zu ihrem Bruder Theodor – verdanken wir dem Todeseintrag von Marta Wolff, den das Standesamt Arolsen am 9. August 1954 für die mehr als zehn Jahre zuvor in Theresienstadt ermordete Jüdin ausstellte. Sie war am 6. September 1871 in Berlin als Tochter von Adolph und Recha Wolff, geborene Davidsohn, zur Welt gekommen.[4] Ihr Vater wiederum, ein Berliner Tuchhändler, war eines von vier Kindern des Spirituosenfabrikanten Gabriel Wolff aus dem niederschlesischen Grünberg, dem heutigen polnischen Zielona Góra, und dessen Frau Friedericke Seligsohn.[5] Theodor Wolff charakterisierte seinen und Martas Vater in „La Terrasse“, einer seiner vielen biographischen Schriften, folgendermaßen:
“Mein Vater war als junger Mann aus Schlesien gekommen, aus der Gegend von Grünberg, wo der sauerste Wein wächst, und wo mein Großvater, der solche wenig respektierten Weinberge besaß, eine offenbar einträgliche Schnapsfabrikation betrieb. Die Firma, die mein Vater in Berlin gründete, verkaufte »en gros« die geblümten Kattune, die damals bei den Berlinerinnen sehr beliebt waren, offenbar ein Nachklang der Mode aus der sogenannten Biedermeierzeit. Er war mittelgroß, schlank, hatte volles kastanienbraunes Haar und einen kleinen Backenbart, wie unter Wilhelm I. die meisten Bürger – die österreichischen Franz-Joseph-Backenbärte waren länger – und er trug immer schwarze Anzüge, einen sorgfältig gebügelten Zylinderhut und duldete, bis zu seiner Krankheit, sehr penibel und korrekt auch in seinem Äußeren, kein Stäubchen auf seinem Rock. Noch weniger gab es auf seiner Rechtschaffenheit auch nur den kleinsten Staubfleck, alles musste bis auf den letzten Pfennig stimmen, seine schöne, klare und kräftige Handschrift war der graphische Ausdruck dieser kaufmännischen Solidität. (…) Sein religiöses Empfinden hielt sich nicht an rituelle Vorschriften, aber an den höchsten Feiertagen nahm er in der Synagoge seinen gemieteten Sitz ein und er fastete am Versöhnungstag.“[6]

Die Mutter Recha Wolff war die Tochter des renommierten Danziger Arztes Israel Davidsohn und seiner Frau Emilie.[7] Aus dieser Linie – so die Erinnerungen von Theodor Wolff – stammten die politischen und die künstlerischen Impulse, die das Leben der Familie nicht minder wie die Geschäftstätigkeit des Vaters prägten. Israel Davidsohn hatte sich nicht nur als Arzt, sondern auch als Aktivist der 48er Revolution in demokratischen und liberalen Kreisen einen Namen gemacht. Am 3. Januar 1865 heirateten Adolph Wolff und Recha Davidsohn in Berlin. [8]

Mit seinem Textilhandel hatte Adolph Wolff ein nicht unbeträchtliches Vermögen erworben und konnte, nachdem die ersten Kinder geboren worden waren, zunächst in eine große Wohnung in einem vornehmen Berliner Viertel ziehen, sich bald sogar ein eigenes Haus in der Potsdamer Str. 26a leisten, einem nicht minder guten Viertel zwischen Landwehrkanal und Tiergarten gelegen. Würde die Familie heute aus ihren ehemaligen Fenstern schauen können, so wäre ihr Blick auf die Stelen des Mahnmals für die ermordeten Juden gerichtet.

Marta Wolff, Theodort Wolff, Judenhaus Wiesbaden, Judenhäuser, Herrngartenstr. 11
Portrait Theodor Wolff
https://www.bdzv.de/twp/theodor-wolff/historischefotos/

Bald nach der Hochzeit war am 16. April 1866 Catharina, genannt Käthe, als erstes Kind des Paares geboren worden.[9] Zwei Jahre später kam am 6. Juni 1867 die Tochter Clara zur Welt.[10] Theodor, der berühmte Spross der Familie, wurde am 2. August 1868 geboren.[11] Seine Schwester Martha, die es später nach Wiesbaden verschlug, folgte drei Jahre später am 6. September 1871.[12] Als letztes Kind wurde 1876 noch ein weiterer Sohn namens Fritz geboren.[13]

Sösemann folgt in seiner Biographie den Lebenslinien von Theodor, seine Geschwister bleiben darin eher unwesentliche Randfiguren. So ist z. Bsp. Marta in der gesamten Biographie nur zweimal, im Zusammenhang mit ihrer Geburt und ihrem Tod, knapp erwähnt.[14]

Die historische Bedeutung, die Theodor Wolff gerade in der Weimarer Republik erlangte, ist kaum vorstellbar ohne die Verbindung der Familie Wolff zu einer anderen wohl insgesamt noch bedeutenderen Familie dieser Zeit: Die Familie Mosse. Adolph Wolffs ältere Schwester Ulrike war mit Marcus Mosse verheiratet, mit dem sie insgesamt elf Kinder hatte. Aus dieser Familie gingen in den folgenden Jahrzehnten unzählige Wissenschaftler von Rang und politisch engagierte Kulturschaffende hervor.[15] Einer der Söhne war Rudolf Mosse, der Begründer des ‚Berliner Tageblatts’, dem liberalen Blatt in der Reichshauptstadt.[16] Als Theodor Wolff die Schule abbrach, bot ihm sein Cousin die Möglichkeit an, eine Lehre in seinem Zeitungs-Verlag zu absolvieren. Damit begründete er dessen Karriere, deren Bedeutung allein darin zum Ausdruck kommt, dass heute der bedeutendste Journalistenpreis in Deutschland seinen Namen trägt und seinem Andenken gewidmet ist. Mit vielen Persönlichkeiten der damaligen geistigen und politischen Elite war er bekannt oder sogar vertraut. Man korrespondierte miteinander oder traf sich persönlich zu einem Gedankenaustausch. Im wöchentlichen Leitartikel des Chefredakteurs in der Montagsausgabe fanden diese Gespräche dann ihren journalistischen Niederschlag.[17] Es ist hier nicht der Ort, um diese außerordentliche Karriere nachzuzeichnen – sie ist umfassend von Sösemann beschrieben -, aber es soll doch darauf hingewiesen werden, dass er sich nicht nur als Chefredakteur der Zeitung ‚Berliner Tageblatt und Handelsblatt’, kurz des ‚BT’, einen Namen machte und in dieser Stellung, die er von 1906 bis 1933 inne hatte, für die Entwicklung seines Vaterlandes zu einem demokratisch, liberalen Rechtsstaat engagierte, sondern auch als Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei in der Frühphase der Weimarer Republik für einen eher linken Liberalismus stand. Allerdings zog er sich bald wieder aus der Parteipolitik zurück, war aber weiter über die Parteigrenzen hinweg für eine Stärkung des Parlamentarismus als Bollwerk gegen ein Wiedererstarken monarchistischer Bestrebungen, aber auch gegen die neu aufkommenden nationalsozialistischen Bedrohungen. Als diese Hoffnung mit der Machtübernahme der Nazis 1933 erstarb, gehörte er zu den ersten, die Deutschland verließen. Sein Name hatte bereits beim Hitler-Putsch von 1923 und dem geplanten Marsch auf Berlin auf der vorbereiteten Verhaftungsliste der NSDAP gestanden und er befand sich mit Sicherheit auch jetzt auf einer der Todeslisten der SA oder anderer völkischer Mordbanden.[18]  Unzweifelhaft musste er um sein Leben fürchten, zumal Göring in einer seiner Reden während des Wahlkampfs im Februar 1933 ganz offen der „jüdischen Presse“ gedroht hatte, dass ihr „das freche Lügenmaul gestopft werden“ würde. Wer damit auch gemeint war, wusste Theodor Wolff sehr genau.

Marta Wolff, Theodort Wolff, Judenhaus Wiesbaden, Judenhäuser, Herrngartenstr. 11
Theodor Wolff mit seiner Frau Aenne
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Es ging aber inzwischen nicht nur um sein eigenes Leben, sondern auch um das seiner Familie. Seit Oktober 1902 war er mit der nichtjüdischen Schauspielerin Marie Louise Anna Hickethier, genannt Aenne, verheiratet,[19] mit der er inzwischen drei erwachsene Kinder hatte: Richard war am 14. Juni 1906 noch in Paris geboren worden, wo Theodor Wolff damals noch als Korrespondent des ‚BT’ tätig war, dessen Bruder Rudolf am 9. Mai 1907 in Berlin, wo auch die Tochter Lilly am 7. August 1909 zur Welt kam.

Es gab aber noch einen weiteren Grund Deutschland, Berlin und sein Lebenswerk, das ‚BT’, zu verlassen. Er wollte den Kurs Geschäftsleitung, die inzwischen der Schwiegersohn von Rudolf Mosse, Hans Lachmann-Mosse, innehatte, nicht länger mittragen. Lachmann-Mosse glaubte schon lange vor der so genannten Machtergreifung, die Zeitung durch die personelle Ausdünnung der politischen Redaktion und die inhaltliche Anpassung an den nationalistischen Mainstream, also mit Sparmaßnahmen und Unterwerfung unter den Zeitgeist, langfristig ökonomisch über Wasser halten zu können.[20] Seinen letzten Leitartikel in der ‚Berliner Zeitung’ unmittelbar vor der letzten Reichstagswahl im März 1933 verband Theodor Wolff mit dem dringenden Appell an den Leser wählen zu gehen „und mit Hilfe des Stimmscheins die Bestätigung einer Regierung abzulehnen, die seiner Auffassung vom Staatswohl und Einzelwohl, seinem Freiheitsbedürfnis und seiner Weltanschauung widerspricht.“[21]

Noch am Morgen nach dem Reichstagsbrand verließ er Berlin und brachte sich zunächst in München in Sicherheit. Am 10 März verließ er dann Deutschland zunächst alleine, wohnte kurzzeitig bei Verwandten seiner Frau in Tirol, um von dort aus Asyl in der Schweiz zu beantragen. Seine Familie war bis Ende März 1933 in Berlin geblieben, um unter der ständigen Gefahr, verhaftet zu werden, die endgültige Ausreise zu organisieren. Aenne Wolff kam mit der jüngsten Tochter Lilly ebenfalls in die Schweiz, wo ihr Mann bei Lugano ein kleines Haus gemietet hatte. Dass man am 10. Mai 1933 mit dem Ruf „Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard“ auch seine Werke auf den in Berlin aufgerichteten Scheiterhaufen warf, wird man dort aus den Zeitungen erfahren haben.[22]

Die Hoffnung, in der Schweiz bleiben zu können zerschlug sich im Herbst, als die schweizer Behörden die Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung verweigerten. So wurde im Dezember Nizza, wo man eine Wohnung an der berühmten Promenade des Anglais 63 angemietet hatte, zur vorläufigen Endstation der Flucht.

Marta Wolff, Theodort Wolff, Judenhaus Wiesbaden, Judenhäuser, Herrngartenstr. 11
Theodor Wolff im Exil in Nizza
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Vermutlich war es Resignation, die Theodor Wolff in seinem südfranzösischen Exil davon abhielt, weiter in größerem Umfang noch journalistisch tätig zu sein. Den inhaltlichen Niedergang „seines“ ‚Berliner Tageblatts’ konnte er nur fassungslos und kopfschüttelnd aus der Ferne verfolgen, etwa als die Morde im Gefolge des sogenannten „Röhmputschs“ von dem Blatt mit der Überschrift „Durchgegriffen!“ goutiert wurden.[23] Statt sich mit der Tagespolitik auseinanderzusetzen, begann er sich eher historischen Studien zuzuwenden, verfasste Artikel, die dann auch in den unterschiedlichsten internationalen Zeitungen publiziert wurden.

Immerhin hatte er seine Bibliothek und zumindest Teile seines Mobiliars unter allerdings beträchtlichen finanziellen Einbußen noch nach Nizza holen können,[24] sodass er im dortigen Exil seinen zuvor in Berlin gepflegten großbürgerlichen Lebensstil nicht aufgeben musste.[25] Auch standen ihm noch hinreichend finanzielle Mittel zur Verfügung, da er etwa ein Drittel davon bereits im Vorfeld der Flucht außer Landes geschafft hatte.[26] Sein Vermögen hatte 1928 etwa 500.000 RM betragen und sein jährliches Einkommen war 1934 noch auf etwa 100.000 RM geschätzt worden.[27] Von dem Geld lebten aber nicht nur er und seine Frau, sondern zum großen Teil auch die Kinder mit ihren jeweiligen Familien.[28]

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Brief von Marta Wolff an das Finanzamt von Garmisch
HHStAW 685 864a (2)

Unterstützt wurde auch seine Schwester Marta, die vermutlich die Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik weitgehend in Berlin verbracht hatte. Ob sie es damals nötig hatte, für ihren Lebensunterhalt einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, ist eher unwahrscheinlich. Ihr Bruder Theodor hatte, so Sösemann, vom Vater eine Erbschaft von 100.000 RM erhalten.[29] Sollte ihr und den anderen Geschwistern nicht die gleiche Summe übertragen worden sein, so wird man in jedem Fall ein Arrangement gefunden haben, welches ihr als einer allein stehenden Frau damals eine finanziell abgesicherte Existenz ermöglichte. Wenn sie in dieser Zeit aber auch als Fotografin tätig war, so diente dies wohl kaum dem Broterwerb, sondern war als Hobby eher Teil ihres Bohèmienlebens, das sie vor dem Ersten Weltkrieg in der Reichshauptstadt führte. Zumindest beinhalten die Fotografien, die von ihr im Getty-Archiv zu finden sind, zumeist Portraits von in Berlin ansässigen Künstlern, Literaten oder Komponisten.[30]

In den Tagebuchaufzeichnungen ihres Bruders Theodor finden sich vereinzelt Hinweise auf ihr damaliges Leben in Berlin, wo sie offenbar intensiv am Leben der gesamten Wolff-Familie teilgenommen hat. So war sie zum Beispiel mit ihrem Bruder Fritz am Bahnhof, als Theodor mit seiner Familie im Winter 1907 von Paris nach Berlin übersiedelte, um dort die Leitung des ‚Berliner Tageblatts’ zu übernehmen. Im folgenden Jahr weilte sie mit ihrer Mutter zur Sommerfrische in Tirol und wiederum im nächsten Jahr besuchte sie wieder mit ihrer Mutter die Kinder des Bruders Theodor auf Gut Schenkendorf, wohin die Familie Mosse sie eingeladen hatte. Tante Marta war dabei, als die Nichte Lilly und die Neffen Richard und Rudolf zum ersten Mal den Tiergarten und das Theater besuchten und sie begleitete sie auch mit Großmutter in den berühmten Zirkus Busch, wo man natürlich gemeinsam einen Platz in der Loge hatte.[31] Auffällig ist, dass Theodor Wolff, wenn er in seinem Tagebuch von seiner Schwester Marta spricht, sie immer in einem Atemzug mit der Mutter erwähnt, so als seien die beiden unzertrennlich gewesen. Auch im letzten Dokument der von Sösemann herausgegebenen Sammlung, eine Notiz vom 3. August 1913, ist Marta erwähnt. Die Geschwister, Marta, Theodor und Käthe, stehen zusammen bei der Mutter auf dem Balkon ihres Hauses und sorgen sich um deren Gesundheit. Recha Wolff hatte zwei Wochen zuvor einen Anfall, vermutlich einen Herzanfall, erlitten und fühlte sich offensichtlich selbst dem Tod nahe: „Es muss ja doch mal Abend werden. Der Tag war schön durch euch,“ sagte sie noch beim Abschied [32]– um dann aber doch noch fast zehn weitere Jahre zu leben. Sie verstarb am 17. November 1922.[33]

Als dann weitere zehn Jahre später in Berlin den Nazis die Macht in die Hände fiel, verließ Marta Ende 1933 die Stadt, wo sie zuletzt in der ‚Pension Mea’ in der Dörnbergstr. 7 gewohnt hatte.[34] Es mag erstaunen, dass sie damals das faschistische Italien als ihr Exilland wählte. Die Gründe dafür sind nicht bekannt, aber neben eher persönlichen Motiven könnte sie auch die zumindest widersprüchliche Bewertung des Diktators durch ihren Bruder Theodor zu diesem Schritt bewogen haben.[35] Darüber, wie sie die zehn Monate dort selbst erlebte, liegen keine Zeugnisse vor. Am 8. Oktober 1934 war sie nach Deutschland zurückgekommen und hatte sich zunächst im bayrischen Garmisch niedergelassen. Zwar gab sie an, auf Dauer bleiben zu wollen, aber ein Ort so nahe an der Grenze lässt auch andere Vermutungen zu.[36]

Schon damals erhielt sie von ihrem Bruder monatlich 150 RM, somit insgesamt 1800 RM im Jahr. Hinzu kamen knapp 1.000 RM, die ihr aus eigenem Kapitalvermögen zuflossen.[37] Eigenes Arbeitseinkommen hatte die inzwischen über Sechzigjährige nicht mehr. Auch hatte sie ihren Beruf als Fotografien vermutlich schon vor längerer Zeit aufgegeben, denn als das Finanzamt Garmisch in Berlin die entsprechenden Steuerunterlagen anforderte, erhielt die Behörde die Antwort, dass solche nicht vorhanden seien, da die Steuerpflichtige in Berlin nicht als Gewerbetreibende geführt worden sei.[38] Als sie im November 1935 mit einer Steuerforderung in Höhe von 148 RM auf ihr Einkommen konfrontiert wurde, bat sie darum, diesen Betrag in drei Raten zahlen zu dürfen, was darauf schließen lässt, dass sie über keine eigenen finanziellen Reserven verfügte. In dem Brief widersprach sie auch der geforderten Kirchensteuer von knapp 12 RM. Sie sei weder Angehörige der evangelischen, noch der katholischen Kirche, vielmehr bezeichnete sie sich in mehreren Steuererklärungen selbst als „Dissidentin“, also jemand, der sich keiner religiösen Gruppe zuordnet. Die im elterlichen Haushalt bereits gelebte partielle Distanz zur jüdischen Religion und Tradition hatte sich ähnlich wie bei ihrem Bruder bei ihr offensichtlich zu einer deutlichen Ablehnung jeglicher religiöser und klerikaler Traditionen verfestigt. Das scheint sich auch durch die Zwangsidentität als Jude durch den NS-Staat nicht geändert zu haben.[39]

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Umzug von Marta Wolff in die Parkstr. 36
HHStAW 685 864a (17)

Der Brief vom November 1935 war schon nicht mehr in Garmisch, sondern in Wiesbaden abgeschickt worden, wo Marta Wolff seit dem 1. November im Haus Adolfsallee 22 eine Wohnung im ersten Stock bezogen hatte.[40] Dort blieb sie ein Vierteljahr, zog dann in die Victoria-Str. 7, ebenfalls in eine Wohnung in der ersten Etage.[41] Beides sind Mehrfamilienhäuser für Mieter mit gehobenen Ansprüchen, zumeist Wohnungen mit vier oder noch mehr Zimmern, sodass man davon ausgehen kann, dass Marta Wolff hier jeweils zur Untermiete wohnte. Möglicherweise war das der Grund, weshalb sie schon Anfang Mai 1936 erneut umzog. Diesmal fand sie in der Parkstr. 36 – wie sie in der Ummeldung angab – eine „eigene Wohnung“.[42] Es handelte sich dabei selbstverständlich auch nur um eine Mietwohnung, für die sie zumindest im Jahr 1939 dem Eigentümer, einem Major von Scheven, insgesamt 638 RM Miete zu zahlen hatte.

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Das Haus in der Parkstr. 36
Eigene Aufnahme

Sie verfügte auch in den folgenden Jahren über das gleiche Einkommen wie zuvor, wurde nach ihrem 65sten Geburtstag auf ihren Antrag sogar einer günstigeren Steuerklasse zugeordnet. Statt wie bisher als Ledige, wurde sie ab diesem Zeitpunkt Verheirateten gleichgesetzt, sodass sie statt der etwa 160 RM nur noch knapp 120 RM jährlich zu zahlen hatte.[43] Am 19. Februar 1938 teilte sie dem Finanzamt Wiesbaden mit, dass sie im vergangenen Jahr von ihrem Bruder kein Geld mehr erhalten habe, sie deshalb davon ausgehe, gänzlich von der Einkommensteuer befreit zu sein. Und tatsächlich wurde sie aus der V-Liste – der Kontrollliste für die Vermögensteuer – gestrichen,[44] von der Einkommensteuer wurde sie allerdings nicht befreit.

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Theodor Wolff wird die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2027/images/32323_063852-02156?treeid=&personid=&hintid=&queryId=6ab658c59307560d329036b43290ceb9&usePUB=true&_phsrc=ryV1959&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=2145

Es ist nicht bekannt, ob Marta Wolff wusste, weshalb die Zuwendungen ihres Bruders seit 1937 ausgefallen waren, ob sie zu dieser Zeit überhaupt noch in brieflichem Kontakt mit ihrem Bruder stand.[45] Der NS-Staat hatte Theodor Wolff in diesem Jahr die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen und sein in Deutschland verbliebenes Vermögen beschlagnahmt,[46] darunter offenbar auch das Auslandsperrguthaben, von dem seiner Schwester Marta bisher ihre monatlichen Unterstützungsgelder überwiesen worden waren. In den folgenden Jahren lebte sie von ihren Rentenansprüchen, zum einen von einer privaten Leibrente, die ihr monatlich in Höhe von knapp 140 RM ausgezahlt wurde und zum anderen von einer Berufsunfähigkeitsrente, aus der sie ab April 1940 zusätzlich 35 RM monatlich erhielt.[47]

Als alle Juden mit Bezug auf das Datum 27. April 1938 ihr Vermögen bei den Finanzbehörden anmelden mussten, teilte sie auf dem vorgegebenen Formular mit, neben einem silbernen Brotkorb und einer silbernen Butterdose keine Vermögen zu besitzen. Ihre Rentenversicherung und die daraus erwachsenden Bezüge gab sie auch an.[48] Bei der nach der Reichspogromnacht eingeforderte „Sühneabgabe“ wurde diese Ansprüche dann zur Berechnungsgrundlage für die Festlegung der Judenvermögensabgabe herangezogen, sodass auf der Basis von einem Rohvermögen von 13.000 RM, sie zur Zahlung von insgesamt 2.600 RM verpflichtet wurde. Als ein Jahr später von ihr auch die zusätzliche 5. Rate in der Höhe von 650 RM eingefordert wurde, bat sie im November und noch einmal im Dezember 1939 darum, sie davon freizustellen.[49] Sie habe die bisherigen vier Raten bezahlt, sei 68 Jahre alt und ohne Erwerbsmöglichkeit. Die Rente und das kleine Vermögen, das auf der hiesigen Bank liege, diene ihrem Lebensunterhalt und für den möglichen Fall einer Erkrankung.[50] Tatsächlich befürwortete der Finanzbeamte ihre Bitte, sodass der Oberfinanzpräsident Kassel ihr die 5. Rate am 28. November 1939 erließ.[51]

Das war die letzte menschliche Geste, die die NS-Behörden ihr gegenüber zeigten. Noch im Mai 1942 meldete die Reichsbankstelle Wiesbaden die regelmäßigen Einkünfte aus der Rentenversicherung der Devisenstelle in Frankfurt und stellte ihr anheim, eine Sicherungsanordnung zu erlassen.[52] Marta Wolff musste daraufhin – die erste größere Deportation aus Wiesbaden fand zwei Tage später statt – noch am 21. Mai 1942 der Frankfurter Behörde eine Vermögenserklärung übermitteln. Nominal besaß sie noch ein Vermögen von rund 15.000 RM. Dabei handelte es sich aber – abgesehen von dem kleinen Bankguthaben von knapp 200 RM – ausschließlich um die Ansprüche, die ihr aus den beiden Rentenversicherungen zukünftig – welch ein Hohn ! – erwuchsen. Marta Wolff wurde tatsächlich noch verpflichtet bei der Deutschen Bank ein Sicherungskonto anzulegen,[53] obwohl längst klar war, dass sie das Ende des Jahres kaum würde noch erleben werden.

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11, Parkstr. 36
Der Zellenleiter der NSDAP-Zelle 08 meldet dem Ortsgruppenleiter die Wohnanschrift von Marta Wolff
HHStAW 483 10127 (95)

Die Vorbereitungen zur „Endlösung der Judenfrage“ waren inzwischen längst in Gang gesetzt worden. Auch in Wiesbaden hatte die NSDAP inzwischen mit der Einrichtung der Judenhäuser begonnen und die Blockwarte bzw. Zellenleiter mit dem Aufspüren der in ihrem Bezirk lebenden Juden beauftragt. So meldete der für die Zelle 08 der Ortsgruppe Süd-Ost zuständige NSDAP-Mann zweimal seiner vorgesetzten Dienststelle, dass in der Parkstraße 36 die „Witwe Wolf“ (!) bei einem Major von Schäven (!) wohne.[54] Der zweite der beiden Zettel trägt  das Datum 6. Juni 1940. Fünf weitere Monate durfte sie wohl noch in der Parkstraße bleiben, bis sie laut der Eintragung auf ihrer Gestapokarteikarte zum 11. November 1940 in das Judenhaus in der Herrngartenstr. 11 umziehen musste. Sie bewohnte dort vermutlich alleine ein Zimmer im zweiten Stock, wo auch Wertheimers und Eva Zwick die letzten Wochen vor ihrer Deportation verbrachten.[55]

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Todesfallanzeige für Marta Wolff aus Theresienstadt
https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/83857-wolff-martha-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/

Am 1.September wurde sie mit den übrigen alten und gebrechlichen Wiesbadener Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt verbracht. Es waren nur drei Wochen, die sie in diesem als „Altersghetto“ deklarierten KZ überlebte. Am Mittag des 22. September 1942 verstarb sie im Wohnblock Q 317, in dem man sie im Zimmer 19 untergebracht hatte, an einer Lungenentzündung.[56]

Zu diesem Zeitpunkt lebte ihr Bruder Theodor noch in Nizza, aber letztlich teilte auch er das gleiche Schicksal wie sie. Mit Kriegsbeginn, der Besetzung Frankreichs und der Errichtung des Vichy-Regimes hatte sich auch die Lage der nach Südfrankreich geflohenen Exilanten veränderte.[57] Als dann auch Italien Frankreich den Krieg erklärte und Mussolini das Gebiet um Nizza zur Militärzone erklärte, wurde die Lage noch dramatischer. Als man nun auch dort die Geflüchteten in unmenschlichen Lagern zu internieren begann, mussten das Ehepaar Wolff und ihre Tochter Lilly sich erneut auf die Flucht begeben. Auf dem Land fanden sie in der Nähe von Montauban bei einem österreichischen Bekannten einen Unterschlupf, kehrten aber vier Wochen später leichtsinniger Weise wieder nach Nizza zurück.

Marta Wolff, Theodort Wolff, Judenhaus Wiesbaden, Judenhäuser, Herrngartenstr. 11
Theodor Wolff mit Albert Einstein
https://www.bdzv.de/twp/theodor-wolff/historischefotos/

Verwunderlich ist, dass es Theodor Wolff mit all seinen Verbindungen und seinen immer noch beträchtlichen finanziellen Mitteln nicht schaffte, in das sichere Ausland, die USA oder wenigsten England, zu gelangen, zumal sein Sohn Richard bereits in den USA lebte und verschiedene Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Thomas Mann oder auch der Inhaber der ‚New York Times’ sich vehement für ihn einsetzten. Und tatsächlich war ihm im September 1940 auch das notwendige Visum bereitgestellt worden. Er ließ dann aber die Zeit verstreichen, ohne es zu benutzen – bis es dann zu spät war. „Eigentlich, nur um zu sehen, ob und wie“, schrieb er damals in einem Brief vom April 1941, „habe ich vor kurzem auch die Ausreisevisa nachgesucht, die sofort, schon nach drei Tagen, bewilligt wurden. All diese Dokumente ruhen im Schrank, bisher war meine Neigung, sie zu benutzen, ausserordentlich gering. Amerika? – vielleicht nicht ganz so schlimm, wenn man dort den grossen Mäzen oder ein sicheres Einkommen, ein genügendes, vorfinden kann, aber die neue Welt ist schon unter die alten Emigranten verteilt. Und wenn man eine vielköpfige Familie hat, ist die Geldfrage ein schweres Hemmnis. Mindestens bis zum Herbst (…) will ich, (…) mir dieses unglückselige Europa noch weiter ansehen. Wenn man die Dinge nicht meistern kann, bleibt Fatalismus eine erlaubte Philosophie. Indessen, eine, die mir im Grunde widerstrebt.“ Der Vertreter der Hilfsorganisation berichtete später, Theodor Wolff habe nach langen Gesprächen sich nicht dazu durchringen können, „seine Bücher, seine Bilder, und seine Wohnung (…) aufzugeben – auch nicht um sein Leben zu retten“.[58]

Aber selbstverständlich gab es auch andere Gründe: Rudolf, der damals noch in der Fremdenlegion diente, von dem man lange nichts gehört hatte, Lillys schwierige familiäre und finanzielle Situation und hinzu kam noch die eigene angeschlagene Gesundheit nach einer schwierigen Augenoperation. Ende 1942 war er dann allem Anschein nach bereit, die Reise anzutreten, nachdem ihn auch seine Schwester Käthe und deren Tochter Alice aus London brieflich dringend dazu geraten hatten, sich in Sicherheit zu bringen.[59] Inzwischen war aber der Zeitkorridor für ein solches Unterfangen endgültig geschlossen, nachdem amerikanische Truppen in Nordafrika gelandet waren und die deutschen Besatzungstruppen durch das Vichy-Gebiet an das Mittelmeer vorstießen. Nun waren auch die durch Razzien bedroht, die sich bisher relativ sicher gefühlt hatten. Schon am 2. Juni 1941 war Theodor Wolff in das zentrale Judenregister eingetragen worden, konnte also zu jeder Zeit problemlos aufgespürt werden. Am 23. Mai 1943 wurde er von italienischen Truppen vermutlich im Auftrag der Gestapo verhaftet.[60] Nach kurzem Aufenthalt im Gefängnis der italienischen Stadt Imperia, wurde er über Marseille dann am 28. Juni 1943 weiter in das berüchtigte Sammellager Drancy bei Paris verbracht. Anders als die dort internierten Juden, die in großen Transporten in die Todeslager wie Auschwitz oder Sobibor deportiert wurden, erhielt Theodor Wolff eine besondere Behandlung. Er wurde als Polizeigefangener nach Berlin in das Gestapo-Gefängnis Moabit gebracht, vermutlich um ihn noch als Geisel verwerten zu können. Wenigstens dieses Ansinnen blieb den Nazis versagt. Der 75jährige war inzwischen körperlich in einem so schlechten Zustand – Kreislaufschwäche, Entzündungen im Magen- und Darmbereich, Netzhautablösung auf beiden Augen und viele andere Beschwerden -, dass die Polizei sich gezwungen sah, ihn in das Jüdische Krankenhaus in Berlin einliefern zu lassen.[61] Nach einer Operation verstarb er dort am 23. September 1943.[62] Bei der anschließenden Beerdigung auf dem Jüdischen Friedhof Berlin Weißensee waren nur wenige Trauergäste anwesend, Paul Löbe, der ehemalige Reichstagspräsident, soll unter ihnen gewesen sein. „Die Henkersgesellschaft der Hakenkreuzler zerschlug ihm alles Glück seines Lebens, zerschlug ihm den Frieden des Abends“, schrieb der ehemalige Schulkamerad und frühere Redakteur der ‚Vossischen Zeitung’ Max Osborn in einem Nachruf aus dem amerikanischen Exil über den Tod seines Freundes und Kollegen.

Die nicht jüdische Ehefrau Aenne und die Halbjüdin Lilly fürchteten nach der Verhaftung von Theodor Wolff ebenfalls um ihr Leben. Sie versteckten sich erneut, diesmal in den Bergen auf einem Bauernhof bei einer von Lillys französischen Freundinnen, wo sie sich ihren Unterhalt durch ihre Mitarbeit verdienten.[63] Am Ende des Krieges hatte sich Richard Wolff im Rahmen seines Militäreinsatzes nach Berlin versetzen lassen, um dort das Schicksal seines Vaters zu klären, von dem weder dessen Frau, noch die Kinder unterrichtet waren. Zur Erinnerung an ihn ließ er auf dem Friedhof in Berlin Weißensee damals einen Grabstein setzen, heute ein Ehrengrab der Stadt Berlin. Seine Mutter, die nach der Kapitulation der deutschen Truppen zunächst nach Nizza zurückgekehrt war, holte er nach Amerika, wo sie am 30. April 1956 im hohen Alter von 84 Jahren in New York verstarb.[64] Lilly blieb in Frankreich, in Nizza, wo nach dem Krieg auch ihr Mann, von dem sie 1949 allerdings standesamtlich geschieden wurde, als Honorarkonsul tätig war.[65] Ihr selbst, die nach der Trennung eine Lebensgefährtin gefunden hatte, gelang noch eine erfolgreiche Karriere als Innenarchitektin.[66]

Fritz Wolff, Theodor Wolff, Marta Martha, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Selbstportrait von Fritz Wolff
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/61/Fritz_Wolff_-_Selbstbildnis.jpg

Auch Fritz Wolff, der mit seiner Frau Elsa ebenfalls im französischen Exil lebte und dort von Theodor mehrfach von Nizza aus in Paris besucht worden war, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus nicht. Er verstarb 1940 in der französischen Hauptstadt in einem Krankenhaus, kurz bevor sie von den deutschen Truppen besetzt wurde.[67]

Über das Schicksal der älteren Schwester Käthe, die mit dem Berliner Kaufmann Hans Hirschfeld verheiratet, aber nach dessen frühem Tod am 29. Oktober 1900 sehr lange Zeit verwitwet war,[68] ist nur wenig bekannt. Auch sie hatte Deutschland verlassen, war mit ihrer Tochter Alice aber nach England gegangen und wurde dort ebenfalls von ihrem Bruder Theodor Mitte der dreißiger Jahre noch einmal besucht. Danach scheint aber der Kontakt zu ihr wie auch zur Schwester in Wiesbaden abgerissen zu sein. Wie lange die Schwestern Marta und Käthe untereinander die Verbindung aufrechterhalten hatten bzw. konnten, lässt sich auf Basis der dürftigen Quellenlage nicht sagen. Käthe Hirschfeld verstarb am 17. März 1941 in ihrem britischen Exil.[69]

Veröffentlicht: 30. 09. 2020

Letzter Änderung: 21. 10. 2020

 

 

 

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Anmerkungen:

[1] Die Schreibweise des Vornamens ist in den Akten nicht eindeutig, mal ist er mit ‚h’, mal ohne geschrieben. Marta selbst hat bei Unterschriften immer die Schreibweise ‚Marta’ verwendet, die dementsprechend auch hier durchgängig angewandt wurde.

[2] HHStAW 685 864 a (1, 8, 23).

[3] Ebd. (2).

[4] Standesamt Arolsen 716 / 1954. Darin ist als Berufsbezeichnung ebenfalls ‚Fotografin’ angegeben.

[5] Sösemann, Bernd, Theodor Wolff. Ein Leben mit der Zeitung, Stuttgart 2012, S. 26. Siehe zur Familie von Theodor Wolff auch das neueste von Sösemann herausgegebene Werk, „Es ist im Grunde eine schöne Zeit“, Vaters Tagebuch 1906-1913, Göttingen 2018, im Besonderen die ausführliche Einführung S. 11-52. Im Weiteren wird auf diese beiden grundlegenden biographischen Werke über Theodor Wolff immer wieder zurückgegriffen. Siehe auch Theodor Wolff. Der Journalist. Berichte und Leitartikel. Hg. Sösemann, Bernd, Düsseldorf 1993, S. 18. Inzwischen gibt es auch eine von Sösemann betreute Homepage mit sehr viel Bildmaterial, auf der das Leben und Wirken von Theodor Wolff nachvollzogen werden kann, siehe http://web.fu-berlin.de/akip/tw/index.html. (Zugriff: 25.9.2020). Daneben sei auf die etwas ältere Arbeit von Goldbach, Christel, Distanzierte Beobachtung: Theodor Wolff und das Judentum, Oldenburg 2002 verwiesen, in dem primär das Schaffen von Theodor Wolff im Hinblick auf seine jüdische Herkunft Gegenstand der Untersuchung ist.

[6] Sösemann, Theodor Wolff, S. 26.

[7] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?dbid=61114&h=900010748&indiv=try&o_vc=Record:OtherRecord&rhSource=61114. (Zugriff: 25.9.2020).

[8] Sösemann, Theodor Wolff, S. 27. Recha war in jungen Jahren mit dem später bekannten und vielseitigen Dichter Johannes Trojan aus Danzig eng befreundet.

[9] Heiratsregister Berlin 796 / 1887.

[10] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?viewrecord=1&r=5545&db=GLutheranBrandenburg&indiv=try&h=504004. (Zugriff: 25.9.2020). Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Möglicherweise verstarb sie bereits im Kindesalter, denn auch in der Biographie über ihren Bruder Theodor von Sösemann bleibt sie unerwähnt. Er schreibt vielmehr, dass Käthe das älteste der Kinder gewesen sei. Sösemann, Theodor Wolff, S. 27. Auch bei Goldbach, Theodor Wolff, bleibt sie unerwähnt.

[11] Theodor Wolff, hg. Sösemann, S. 18.

[12] HHStAW 685 864a (2).

[13] Theodor Wolff, hg. Sösemann, S. 18.

[14] Sösemann, Theodor Wolff, S. 27, 256. Nicht anders bei Goldbach, hier S. 60, 90.

[15] Zur Familie Mosse und ihre Verbindungen zur Familie Wolff siehe Sösemann, Schöne Zeit, S. 33 ff.

[16] Ein Enkel von Rudolf Mosse war der Historiker George L. Mosse, der mit seiner bereits 1966 erschienen Quellensammlung zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus ganz entscheidend zur weiteren Erforschung dieses Aspekts nationalsozialistischer Herrschaft beigetragen hat. In Deutschland erschien das Werk allerdings erst 1978, siehe Mosse, George L., Der nationalsozialistische Alltag. So lebte man unter Hitler, Königstein / Ts. 1978.

[17] Zu diesen Bekannten gehörten Persönlichkeiten wie Kurt Tucholsky, Gustav Stresemann, Albert Einstein, Gerhart Hauptmann, Max Liebermann, Joseph Roth oder Karlheinz Stockhausen, um nur einige zu nenne. Siehe dazu auch den Abbildungsanhang in Sösemann, Theodor Wolff.

[18] Sösemann, Theodor Wolff, S. 217 ff.

[19] Marie Louise Hickethier war am 20.1.1872 in Berlin als Tochter von Johann Friedrich und Adelgunde Hickethier, geborene Wutschke, geboren worden, siehe ebd. S. 55 f. Sie war zuvor mit dem inzwischen verstorbenen Regisseur am Leipziger Stadttheater Victor Carl Grünberg verheiratet gewesen, Heiratsregister Berlin IVb 847 / 1893.

[20] Siehe dazu das ausführliche Zitat in Theodor Wolff , S. 23 f.

[21] Ebd. S. 27.

[22] Zit. nach: 10.Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, hg. Walberer Ulrich, Frankfurt a. M. 1983, S. 115.

[23] Sösemann, Theodor Wolff, S. 232 f.

[24] Laut Sösemann wurde neben der Reichsfluchtsteuer, die etwa 50.000 RM betrug – ursprünglich hatte man fast 80.000 RM gefordert -, einen Zuschlag in unbekannter Höhe gezahlt. Das Mobiliar hatte drei Jahre bei einer Berliner Spedition gelegen, bevor es unter Vermittlung des Reichsaußenministers Freiherr von Neurath nach Nizza versandt werden durfte, ebd. S. 227.

[25] Dazu gehörten auch die vielen illustren Gäste des französischen oder deutschen Kulturlebens, wie Stefan Zweig, André Gide, Franz Werfel, Walter Hasenclever oder Heinrich Mann, um nur einige zu nennen, ebd. S. 231.

[26] Goldbach, Theodor Wolff, S. 85.

[27] Sösemann, Theodor Wolff, 229. Die Zahlenangaben beruhen auf den Akten der Entschädigungsbehörde von Berlin Charlottenburg. Laut Sösemann gelang es Theodor Wolff durch seine Verbindung zum Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, dass er seine in RM angelegten Wertpapiere verkaufen durfte und über die Gutschrift verfügen konnte, ohne den sonst üblichen devisenrechtlichen Beschränkungen zu unterliegen.

[28] Richard ging, wie seine Eltern 1933 zunächst nach Frankreich, wanderte dann unter Bereitstellung der nötigen Geldmittel durch den Vater 1935 oder 1936 in die USA aus, diente vier Jahre in der Army und war nach dem Krieg als Bankangestellter in New York tätig. Rudolf, der zunächst auch in die Redaktion des ‚Berliner Tageblatts’ eingetreten war, floh ebenfalls 1933 nach Paris, wo er für geringes Einkommen Artikel in diversen Exilblättern veröffentlichte. Um französischer Staatsbürger werden zu können, trat er 1939 in die Fremdenlegion ein und wurde im Krieg in Nordafrika eingesetzt. Im März 1943 heiratete er die holländische Jüdin Hélène Marie Tenbergen, die ebenfalls vor den Nazis geflohen war und seit 1940 in Nizza lebte. Lilly, von Beruf Reklamezeichnerin, hatte 1934 in Berlin Dr. Alfred Sprinz geheiratet. Auch sie war zunächst Ende März mit der Mutter nach Nizza gekommen, dann aber mit ihrem Mann wieder nach Berlin zurückgekehrt. Die beiden trennten sich aber schon nach vier Jahren wieder. Unmittelbar vor der Reichspogromnacht war es ihnen durch Vermittlung von Theodor Wolff noch gelungen, wieder nach Frankreich auszureisen. Lilly blieb nach der Trennung im Umfeld ihrer Eltern in Südfrankreich. Siehe ebd. S. 229 ff.

[29] Sösemann, Schöne Zeit, S. 13.

[30] https://www.gettyimages.de/fotos/marta-wolff?family=editorial&phrase=marta%20wolff&sort=mostpopular#. (Zugriff: 25.9.2020). Wann, wo und in welchem Rahmen sie eine Lehrtätigkeit ausübte, wie in diversen späteren Steuererklärungen angegeben, ließ sich nicht ermitteln.

[31] Sösemann, Schöne Zeit S. 70, 79, 88, 98, 118.

[32] Ebd. S. 207.

[33] Goldbach, Theodor Wolff, S. 59.

[34] HHStAW 685 864a (2).

[35] Siehe dazu Sösemann, Theodor Wolff, S. 199-202. Hintergrund für die auch öffentlich ausgetragene Kontroverse über die Einschätzung des Mussolinis war ein Interview, das Theodor Wolff 1930 mit diesem in Italien führte. Siehe dazu auch den am 2.11.1930 veröffentlichten Leitartikel im Berliner Tageblatt in Theodor Wolff, hg. Sösemann, S. 282-288.

[36] HHStAW 685 864 a (2).

[37] Ebd. (5).

[38] Ebd. (4).

[39] Siehe Goldbach, Theodor Wolff, S. 125 ff. Trotz dieser Ablehnung jüdischer Rituale und Vorschriften hat zumindest Theodor Wolff sein Judentum nicht verleugnet. Im folgenden Zitat aus seinem Artikel „Die Juden“ scheint sogar ein wenig Wehmut über etwas Verlorenes mitzuschwingen: „Wenn hinter den Fenstern einer benachbarten Wohnung ein frommes Ehepaar die Sabbathlichter anzündet, so sind das zwar nicht meine Kerzen, aber ihr Licht ist warm.“ Das noch eigentlich noch längere Zitat ist der Arbeit von Goldbach vorangestellt, daher ohne Seitenangabe. Theodor Wolff nahm allerdings gegenüber den orthodoxen osteuropäischen Juden eine eher kritische Haltung ein, befürchtete sogar, dass diese mit ihrer konservativen Haltung dem Antisemitismus Vorschub leisten könnten, siehe Sösemann, Schöne Zeit S. 44.

[40] Sösemann, Theodor Wolff, S. (11, 15).

[41] Ebd. (16).

[42] Ebd. 17.

[43] Ebd. (24).

[44] Ebd. (33).

[45] Sösemann meint, dass er damals Kontakt nur noch zu seinem in Paris lebenden Bruder Fritz und nach dessen Tod zur hinterbliebenen Witwe aufrechterhalten habe. Sösemann, Theodor Wolff, S. 256

[46] Ebd., S. 228.

[47] HHStAW 685 864 a (45), dazu HHStAW 519/3 31401 (2, 3). In der Einkommensteuererklärung für das Jahr 1939 hatte sie als Einkommen zusätzlich 200 RM angegeben, die sie „für Bemühungen der nach Amerika ausgewanderten Math. Sara Bernstein“ erhalten habe. Mathilde Bernstein, geboren Hess, war im Juni 1939 mit ihrem Mann Fritz Bernstein zu ihren Kindern in den USA ausgewandert.

[48] HHStAW 519/3 31401 (2).

[49] Ebd. (5, 6).

[50] Ebd. (12, 26).

[51] Ebd.. (o.P.).

[52] Ebd. 2, 3).

[53] Ebd. (4, 7). Man gewährte ihr einen monatlichen Freibetrag von 165 RM.

[54] HHStAW 483 10127 (83, 95). Zu dem gesamten Vorgang siehe oben das Kapitel ‚Errichtung der Judenhäuser’.

[55] Unbekannte Liste X 1, laufende Nummer 108.

[56] Todesfallanzeige Theresienstadt, siehe https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/83857-wolff-martha-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/. (Zugriff: 25.9.2020).

[57] Siehe zu den folgenden Ausführungen Sösemann, Theodor Wolff, S. 236 ff.

[58] Zit. nach Sösemann, Theodor Wolff, S. 247 f. Siehe dazu auch S. 249 ff. An Geld hätte es ihm im Übrigen in den USA nicht gefehlt. Mit der ‚New York Times’ war sogar bereits ein Vertrag geschlossen worden, der ihm ein „sehr hohes Einkommen“ gesichert hätte, ebd. S. 250.

[59]Goldbach, Theodor Wolff, S. 93.

[60] Die Abläufe des Tages sind detailliert in einem Erinnerungsprotokoll von Rudolf und Helna Wolff festgehalten worden, siehe ebd. S. 251 f. Auch zu den folgenden Ereignissen siehe ebd. S. 251-257.

[61] Goldbach weist darauf hin, dass in allen bisherigen Veröffentlichungen über Theodor Wolff davon ausgegangen wurde, dieser sei im Lager Oranienburg inhaftiert worden. Dieses Lager war aber zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen, sodass er höchsten im Lager Sachsenhausen inhaftiert gewesen sein könnte. Die Gedenkstätte Sachenhausen konnte Belege für seinen Aufenthalt dort bisher nicht finden, Siehe Goldbach, Theodor Wolff, S. 94 Anm. 165.

[62] Sösemann, Theodor Wolff , S. 255.

[63] Sösemann, Schöne Zeit, S. 51 f.

[64] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61535/images/47952_554231-01752?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=651859. (Zugriff: 25.9.2020).

[65] Sösemann, Theodor Wolff, S. 256.

[66] Sösemann, Schöne Zeit, S. 29. Sie soll am 4.7.1992 in Cagnes-Sur-Mer in Südfrankreich verstorben sein, siehe https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=62201&h=8808000&tid=&pid=&queryId=6cbfa53ae834cf406e8220270efe7234&usePUB=true&_phsrc=ryV2127&_phstart=successSource, (Zugriff: 3.10.2020). Sösemann gibt allerdings als Todesjahr das Jahr 1990 an, siehe Sösemann, Schöne Zeit, S. 33.

[67] Ebd. S. 256. In Theodor Wolff, hg. Sösemann, S. 18 schreibt der Herausgeber, dass Fritz Wolff sich damals das Leben nahm. Dies scheint aber eine Fehlinformation gewesen zu sein.

[68] Sterbeeintrag Standesamt Berlin IX 1783 / 1900. Der 1859 Geborene wurde nur 42 Jahre alt

[69] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/61665/images/48741_b429011-00094?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=128608. (Zugriff: 25.9.2020).