Dotzheimer Str. 15


Judenhaus Wiesbaden, Dotzheimer Str. 15
Juden­haus Dotz­hei­mer Str. 15 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Dotzheimer Str. 15 Judenhaus Wiesbaden
Lage des Juden­hau­ses Dotz­hei­mer Str. 15
Judenhaus Dotzheimer Str. 15 Wiesbaden Belegung
Bele­gung der Dotz­hei­mer Str. 15

 

 

 

 

 


Die bei­den Juden­häu­ser in der Dotz­hei­mer Str. 15 und der Rüdes­hei­mer Str. 16 stel­len eine Beson­der­heit unter den Juden­häu­sern dar, weil sie anders als üblich nicht in jüdi­schem Besitz waren. Beim Haus in der Dotz­hei­mer Stra­ße waren die Eigen­tums­ver­hält­nis­se so unklar, dass sogar die Behör­den und Par­tei­stel­len zuletzt selbst den Über­blick ver­lo­ren hat­ten. Zwar wur­den die Gebäu­de fak­tisch nicht bzw. kaum als Juden­häu­ser genutzt, den­noch ist es mehr als erstaun­lich, dass auch sie auf die Lis­te von 1940 gerie­ten, da zum Zeit­punkt der Ein­rich­tung der Juden­häu­ser die­se unkla­ren Ver­hält­nis­se bereits bestan­den und es ange­sichts der Viel­zahl von jüdi­schen Immo­bi­li­en hin­rei­chend Alter­na­ti­ven gege­ben hät­te. Ver­wo­ben ist die Geschich­te der bei­den Häu­ser mit dem Schick­sal der aus Wies­ba­den-Bier­stadt stam­men­den Eigen­tü­mer­fa­mi­lie Abra­ham, die durch die Wirt­schafts­kri­sen der Zeit und die Ver­fol­gung, die sie zu erlei­den hat­te, zer­brach. Umso erstaun­li­cher ist es aber, dass kein Mit­glied der Fami­lie unmit­tel­bar Opfer des Holo­caust wur­de. Allen, die nicht schon vor der letz­ten Pha­se der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik ver­stor­ben waren, gelang die Flucht ins Exil. Sie konn­ten zwar ihr Leben ret­ten, aber alles ande­re war ver­lo­ren. Der Neu­an­fang in einem frem­den Land bedeu­te­te für alle eine schwie­ri­ge Zeit mit vie­len Ent­beh­run­gen und Belastungen.

 

Familie Abraham

Abraham
Stamm­baum der Fami­lie Abra­ham
GDB

Gus­tav Abra­ham war einer von fünf Söh­nen von Bern­hard Abra­ham und sei­ner Frau Julia, geb. Rosen­thal, einer jüdi­schen Fami­lie, die seit min­des­tens drei Gene­ra­tio­nen in Wies­ba­den-Bier­stadt ansäs­sig war.[1] Der Groß­va­ter Dani­el Abra­ham hat­te schon das Hand­werk eines Schuh­ma­chers aus­ge­übt, der Vater Bern­hard Abra­ham war bereits zum Unter­neh­mer auf­ge­stie­gen und hat­te 1872 in dem Wies­ba­de­ner Vor­ort ein Geschäft für Manu­fak­tur­wa­ren eröff­net.[2] In einem der älte­ren Adress­bü­cher von Nas­sau, dem des Jah­res 1891/​92, ist das Geschäft erst­mals mit der Adres­se Käl­ber­gas­se 11 ein­ge­tra­gen. Auch war das Haus damals schon im Besitz des Geschäfts­in­ha­bers. Um 1907 wur­de die Stra­ße in Ellen­bo­gen­gas­se umbenannt.

Geschäfts­haus der Fami­lie Abra­ham in der frü­he­ren Bier­stad­ter Käl­ber­gas­se bzw. Ellen­bo­gen­gas­se
Pri­vat

Ihm und sei­ner Frau Julia waren zwi­schen 1879 und 1889 in ihrem dor­ti­gen Haus in der heu­ti­gen Bogen­gas­se 12 fünf Söh­ne gebo­ren wor­den, zunächst Juli­us, dann Dani­el Theo­dor. Es folg­ten ab dem Jahr 1882 Gus­tav, der spä­te­re Eigen­tü­mer der bei­den Juden­häu­ser, 1984 Sieg­mund und zuletzt 1889 noch Leo­pold Fritz.[3]
Schon gerau­me Zeit vor dem Tod des Fir­men­grün­ders am 22. Okto­ber 1913 war das Unter­neh­men an die Söh­ne über­tra­gen wor­den, das fort­an unter der Bezeich­nung „Gebrü­der Abra­ham Wies­ba­den“ fir­mier­te. Bereits im Adress­buch von 1911 ist Bern­hard nur noch als Pri­va­tier ein­ge­tra­gen, jetzt wohn­haft in der Wil­helm­str. 25, der heu­ti­gen Limes­stra­ße. Das Geschäft befand sich von da an bis 1917 weni­ge Häu­ser wei­ter in der Wil­helm­str. 29, an der Ecke Limes-/Post­stra­ße mit­ten im Zen­trum von Bierstadt.

Ob der zweit­äl­tes­te Sohn Dani­el dar­an noch betei­ligt war, ist eher unwahr­schein­lich, denn er war als Kauf­mann damals schon in Ber­lin ansäs­sig, wo er am 3. Novem­ber 1905 die evan­ge­li­sche Frie­da Emma Eli­sa­beth Puls aus Bor­nis bei Pots­dam hei­ra­te­te.[4] Dem Paar wur­de am 9. Janu­ar 1906 eine Toch­ter geschenkt, die den Namen Lucie erhielt.[5]

Erin­ne­rungs­ta­fel an die Kriegs­op­fer der jüdi­schen Gemein­de im Ers­ten Welt­krieg in der frü­he­ren Syn­ago­ge, dar­un­ter auch Theo­dor Abra­ham
Archiv P. Riese

Die Ehe, so muss man sagen, stand lei­der unter kei­nem guten Stern, denn die Mut­ter ver­starb schon am 22. Febru­ar des fol­gen­den Jah­res, ver­mut­lich im Zusam­men­hang mit einer wei­te­ren Geburt.[6] Dani­el Abra­ham selbst fiel am 28. Sep­tem­ber 1918 in einer der mör­de­ri­schen Schlach­ten des Ers­ten Welt­kriegs.[7] Die noch im Kin­des­al­ter zur Wai­se gewor­de­ne Toch­ter wur­de offen­bar von ihren Bier­stad­ter Ver­wand­ten auf­ge­nom­men und groß­ge­zo­gen. Zumin­dest ist, als sie am 12. Dezem­ber 1923 unter Bei­sein der Trau­zeu­gen Sieg­mund und Leo­pold Abra­ham in Bier­stadt den ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger Edu­ard Lewis hei­ra­te­te, der Wies­ba­de­ner Vor­ort als ihr Wohn­ort ange­ge­ben.[8] Sein Beruf ist in dem Hei­rats­ein­trag mit Che­mi­ker ange­ge­ben, aber spä­ter war er in Aus­tra­li­en als Dia­man­ten­händ­ler aktiv. Ver­mut­lich waren die bei­den bald nach der Hoch­zeit auf den fünf­ten Kon­ti­nent aus­ge­wan­dert, wo sich für den Che­mi­ker mit einem Inter­es­se am Dia­man­ten­han­del ganz sicher gro­ße Per­spek­ti­ven eröff­ne­ten. Dass spä­ter vie­le Fami­li­en­mit­glie­der ange­sichts der Bedro­hung ihres Lebens durch die Nazis, Ret­tung in Aus­tra­li­en such­ten, ist ver­mut­lich auf die­se Ver­bin­dung zu ihrer Nich­te Lucie, spä­ter Lucy, zurückzuführen.

Anzei­ge der Fir­ma Bern­hard Abra­ham
Archiv P. Riese

Wie das väter­li­che Erbe zwi­schen den Brü­dern im Detail auf­ge­teilt wur­de, ob auch Lucie dabei bedacht wur­de, war nicht mehr fest­zu­stel­len. Aller­dings erscheint in der Bilanz des Jah­res 1922 der von den Brü­dern zuvor gegrün­de­ten ‚Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik’ eine klei­ne Ein­la­ge in das Unter­neh­men in ihrem Namen.[9] Das Haus in der Wil­helm­stra­ße war nach Anga­ben der Adress­bü­cher wohl zunächst dem ältes­ten Sohn Juli­us über­schrie­ben wor­den. Ob das aber den Tat­sa­chen ent­sprach, ist ungewiss.

Denn auch er war wie sein Bru­der Dani­el ein Opfer des Ers­ten Welt­kriegs gewor­den. Zwar fiel er nicht in einer der mör­de­ri­schen Schlach­ten, aber er erhol­te sich nie mehr von den trau­ma­ti­schen Erfah­run­gen, die er in den Gemet­zeln an den ver­schie­de­nen Fron­ten machen muss­te. Nach einem Kopf­schuss, den er bereits im Sep­tem­ber 1915 erhal­ten hat­te, nach einem mehr­mo­na­ti­gen Laza­ret­t­auf­ent­halt und dem erneu­ten Kriegs­ein­satz an der Ost­front, kam er 1915 in rus­si­sche Gefan­gen­schaft. Erst 1920 kehr­te er nach Deutsch­land zurück, krank, apa­thisch, depres­siv und weit­ge­hend arbeits­un­fä­hig. Sein wei­te­res Leben, in dem die Krank­heits­sym­pto­me sich immer stär­ker aus­präg­ten, ver­brach­te er in unter­schied­li­chen psych­ia­tri­schen Pfle­ge­an­stal­ten, in der Israe­li­ti­schen Anstalt Sayn, wo er bereits im Janu­ar 1921 erst­mals ein­ge­lie­fert wur­de, in den Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken Göt­tin­gen und Mar­burg und zuletzt noch für weni­ge Wochen auf dem Eich­berg bei Elt­ville im Rheingau.

Julius Abraham
Ein­lie­fe­rung von Juli­us Abra­ham auf den Eich­berg
HHStAW 430/​1 8035
HHStAW 430–1‑803 (o.P.)

 

 

 

 

 

Laut sei­ner Kran­ken­ak­te war bei ihm schon 1924 eine fort­ge­schrit­te­ne Schi­zo­phre­nie dia­gnos­ti­ziert wor­den, die ihm eine eigen­stän­di­ge Lebens­füh­rung unmög­lich mach­te. Zwei Tage vor sei­nem Able­ben war er vom Eich­berg noch in das Wies­ba­de­ner Kran­ken­haus über­führt wor­den, wo er am 24. April 1927, also nur zwei Jah­re nach sei­nem Bru­der Gus­tav, ver­starb.[10]

 

 

Die Familie von Siegmund Abraham

Rosa Abra­ham
Pri­vat
Sieg­mund Abra­ham
Pri­vat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anzei­gen der ‘Gebrü­der Abraham’

Neu­eröff­nung des Geschäfts unter dem Namen “Gebrü­der Abra­ham“
Anzei­ge vom 22.10.1910
Archiv P. Riese
Archiv P. Riese
Anzei­ge der Fir­ma ‘Gebrü­der Abra­ham’
Archiv P. Riese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gebrüder Abraham
Anzei­ge der Gebr. Abra­ham in den Bier­stad­ter Nach­rich­ten vom 14. 9. 1914

Mit dem Ende des Krie­ges schei­nen die Brü­der die Eigen­tums­ver­hält­nis­se neu geord­net zu haben, denn ab 1920 war dann Sieg­mund Abra­ham allei­ni­ger Inha­ber des Geschäfts „Gebr. Abra­ham“, das aber inzwi­schen in Bier­stadt an der Ecke Lang­gas­se /​ Rat­haus­stra­ße, heu­te die Ecke Post­stra­ße /​ Raiff­ei­sen­stra­ße, ange­sie­delt war.[11]

Schon im Jahr 1913 war er aus der Wil­helm­stra­ße aus­ge­zo­gen und hat­te eine Woh­nung in der Bier­stad­ter Rat­haus­str. 21, ein Jahr spä­ter in der 23 ange­mie­tet. Anlass dafür war die Grün­dung einer eige­nen Fami­lie. Am 21. März 1912 ehe­lich­te Sieg­mund Abra­ham die am 21. Dezem­ber 1887 in Wert­heim am Main gebo­re­ne Rosa Som­mer.[12]
Ein Jahr nach der Hoch­zeit war am 11. März 1913 der Sohn Theo­dor Erich und am 19. Okto­ber 1918 die Toch­ter Klä­re Inge­borg gebo­ren wor­den.[13]

Rosa Abra­ham mit den Kin­dern Erich und Klä­re Inge
Pri­vat

Sieg­mund Abra­ham gelang es, die Fir­ma durch die schwie­ri­gen Jah­re der Wei­ma­rer Repu­blik zu brin­gen und damit sogar ein ansehn­li­ches Ver­mö­gen zu erwer­ben. So besaß er neben dem Haus in der Bier­stad­ter Lan­gas­se, in dem er ab 1915 mit sei­ner Fami­lie wohn­te, eine wei­te­re Immo­bi­lie in der Goe­benstr. 32 in der Wies­ba­de­ner Innen­stadt.[14]

Textilfirma Abraham Bierstadt
Arti­kel in einer Wies­ba­de­ner Zei­tung anläss­lich des 50-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums der Fir­ma Abra­ham
HHStAW 518 695 I (86)

Anläss­lich des 50. Jubi­lä­ums der „Gebr. Abra­ham“ im Jahr 1922 erschien ein klei­ner Arti­kel in einer der Wies­ba­de­ner Zei­tun­gen, in dem die Leis­tung und die Per­sön­lich­keit des Inha­bers gewür­digt wur­den: „Dank der Rüh­rig­keit und Beschei­den­heit sei­nes Lei­ters, dank des­sen durch Lau­ter­keit des Cha­rak­ters all­seits geschätz­ter Per­sön­lich­keit hat sich das Geschäft zu einer belieb­ten Bezugs­quel­le für soli­de Qua­li­tät ent­wi­ckelt und hat die schwe­ren Kri­sen­jah­re der Nach­kriegs­zeit glatt und unge­schwächt über­stan­den.“[15]
Es steht außer Fra­ge, dass die im Ort ver­wur­zel­te Fami­lie höchs­tes Anse­hen genoss und damals auf­grund ihres Glau­bens kei­nes­wegs aus­ge­grenzt wur­de. In einer Chro­nik der katho­li­schen Gemein­de wird aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben, dass „der ers­te katho­li­sche Got­tes­dienst nach der Zeit der Refor­ma­ti­on Ende März 1907 im jet­zi­gen Abraham‘schen  Hau­se abge­hal­ten wur­de“.[16] Und es gibt ein wun­der­schö­nes Foto, auf dem ihre Toch­ter Inge lächelnd im Kreis ihrer Bier­städ­ter Mit­schü­le­rin­nen zu erken­nen ist. Wer so sehr in das dörf­li­che Leben inte­griert war, der muss­te nicht um die Zukunft sei­nes Geschäfts ban­gen – so glaub­te man.

Inge Abra­ham (Mit­te) im Kreis ihrer Mit­schü­ler
Archiv P. Riese

Und es ging zunächst auch wei­ter­hin auf­wärts. Laut den Bilan­zen der Jah­re 1929 bis 1932 waren selbst in die­sen Kri­sen­jah­ren immer Gewin­ne zwi­schen 25.000 RM und 32.000 RM erwirt­schaf­tet wor­den. Im Haus­halt konn­te man sich eine Köchin, ein Kin­der­fräu­lein, eine Putz­frau und einen Chauf­feur leis­ten.[17]

Das Geschäfts­haus in der Lang­gas­se 18
Archiv P. Riese

War dem Unter­neh­men in dem oben zitier­ten Arti­kel „für die Zukunft noch ein wei­te­res Empor­blü­hen“ pro­phe­zeit wor­den, so war ein Jahr­zehnt spä­ter aus der „geschätz­ten Per­sön­lich­keit“ ein „blut­saugen­der Para­sit am deut­schen Volk“ gewor­den, wie von der Nazi­pro­pa­gan­da bezüg­lich der jüdi­schen Geschäfts­leu­te all­seits ver­kün­det wur­de. Ent­spre­chend gin­gen schon 1933 die Erträ­ge, sicher nicht zuletzt auf­grund des im April aus­ge­ru­fe­nen Boy­kotts gegen alle jüdi­schen Geschäf­te, deut­lich zurück. Sie fie­len in die­sem Jahr auf 20.000 RM.[18]

Archiv P. Riese
Not­ver­ord­nungs-Anzei­ge der ‘Gebr. Abraham’

Im Janu­ar 1932 war­ben die ‘Gebrü­der Abra­ham’ ange­sichts der wach­sen­den Ver­ar­mung brei­ter Bevöl­ke­rungs­schich­ten und des Rück­zugs des Staa­tes aus sei­ner sozi­al­po­li­ti­schen Ver­ant­wor­tung mit einer eige­nen ‘Not­ver­ord­nung’, ein Wer­be­gag, der ver­mut­lich auch als Kri­tik an einer Poli­tik ver­stan­den wer­den kann, die nur noch mit Not­ver­ord­nun­gen zu regie­ren in der Lage war. Die star­ken Preis­nach­läs­se, die Sieg­mund Abra­ham offe­rier­te, waren aber zugleich Kon­se­quenz der Brüning’schen Defla­ti­ons­po­li­tik, die auch die klei­nen Geschäf­te  in den Ruin trieb. Mög­li­cher­wei­se sah er aber auch schon 1932, nicht nur wegen der wirt­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen, son­dern auch wegen der sich zuspit­zen­den poli­ti­schen Situa­ti­on in die­sen Kri­sen­jah­ren, das bal­di­ge Ende sei­nes Geschäfts gekom­men, und der Inven­tur­aus­ver­kauf berei­te­te bereits einen gene­rel­len Aus­ver­kauf vor. Als im April 1932 der Preu­ßi­sche Land­tag neu gewählt wur­de, erhielt die NSDAP von den 2727 Stim­men bereits 1285. Wel­cher Jude soll­te ange­sichts die­ser Ent­wick­lung kei­ne Angst bekommen?

Ver­mut­lich war der wirt­schaft­li­che Nie­der­gang des Geschäfts daher nicht der eigent­li­che Grund, wes­halb Sieg­mund Abra­ham mit sei­ner Fami­lie bald dar­auf Bier­stadt und auch Wies­ba­den verließ.

Erich Abra­ham
Pri­vat

Ein ört­li­cher SA-Trupp unter Lei­tung des Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten und SA-Stan­dar­ten­füh­rers Reut­lin­ger hat­te schon bald nach der „Macht­er­grei­fung“ an dem 20-jäh­ri­gen Theo Erich Abra­ham exe­ku­tiert, was die liqui­da­to­ri­sche Het­ze impli­zit for­der­te. Am 30. März 1933 wur­de er über­fal­len und miss­han­delt. Über Stun­den hielt man ihn fest, prü­gel­te ihn, droh­te ihm mit Erschie­ßung und zwang ihn zuletzt, eine Fla­sche, gefüllt mit einer öli­gen Flüs­sig­keit, zu trin­ken, wodurch er zeit­le­bens ein­ge­schränkt erwerbs­fä­hig blieb.[19]

Theo Erich, der noch 1933 an der Ober­re­al­schu­le am Zie­ten­ring, der heu­ti­gen Leib­niz­schu­le, sein Abitur able­gen konn­te, begann in der Schweiz ein Stu­di­um, das er aber wie­der abbre­chen muss­te, weil den Eltern ver­wei­gert wur­de, ihn dort finan­zi­ell zu unter­stüt­zen. Es begann für ihn eine Odys­see, die ihn in den fol­gen­den Jah­ren um die gesam­te Welt füh­ren sollte.

1934 ging er zunächst nach Paläs­ti­na, war aber dort wegen sei­ner Erkran­kung den Stra­pa­zen der land­wirt­schaft­li­chen Arbeit nicht gewach­sen. Ende Dezem­ber 1934 wan­der­te er zunächst allei­ne in die USA aus.

Klä­re Inge Abra­ham
Pri­vat

Auch Klä­re Inge­borg durf­te, nach­dem sie ihre ers­ten vier Volks­schul­jah­re in Bier­stadt hin­ter sich gebracht hat­te, eine höhe­re Schu­le in der Stadt besu­chen. Bis 1934 besuch­te sie das Lyze­um I, das wun­der­schö­ne Mäd­chen­gym­na­si­um im Zen­trum der Stadt, zwi­schen Schloss, Rat­haus und Stadt­kir­che gele­gen. Zu die­ser Zeit gab es noch eine Rei­he ande­rer jüdi­scher Mäd­chen, die die­se Schu­le besuch­ten. Erst nach der Reichs­po­grom­nacht wur­de ihnen der wei­te­re Schul­be­such dort ver­wehrt. Der Grund, wes­halb Klä­re Inge­borg die Schu­le bereits 1934 ver­ließ, war der Umzug der Fami­lie nach Frank­furt. Offen­sicht­lich fand sie dort nicht sofort eine Auf­nah­me in dem renom­mier­ten jüdi­schen Gym­na­si­um, dem Phil­an­thro­pi­en, und ging statt­des­sen 1934 für ein Jahr in die Schweiz, wo sie in Lau­sanne eine Schu­le besuch­te. 1935 kehr­te sie nach Frank­furt zurück, wo sie jetzt am Phil­an­thro­pi­um auf­ge­nom­men wur­de. Aller­dings blieb sie auch dort nur ein Jahr und wech­sel­te dann für kur­ze Zeit an eine Frank­fur­ter Han­dels­schu­le. Die Aus­bil­dung dort brach sie vor­zei­tig ab, genau­so wie die Schwes­tern­aus­bil­dung im Jüdi­schen Kin­der­heim in der Hans-Tho­ma-Stra­ße. Sie selbst gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass sie 1936 habe aus­wan­dern müs­sen. Ob es dafür einen kon­kre­ten Anlass gab oder aber der wach­sen­de All­tags­an­ti­se­mi­tis­mus sie zu die­ser Ent­schei­dung gebracht hat­te, ist nicht bekannt. In jedem Fall muss es für die noch recht jun­ge Frau eine sehr schwie­ri­ge Ent­schei­dung gewe­sen sein, denn sie bedeu­te­te nicht nur die Tren­nung von den Eltern, son­dern auch von ihrem Freund, ihrem zukünf­ti­gen Ehe­part­ner Hein­rich Kauf­mann, den sie in die­ser Zeit ken­nen­ge­lernt hat­te. Auch er ent­stamm­te einer begü­ter­ten Kauf­manns­fa­mi­lie, die in Frank­furt ansäs­sig war. Es gibt ein Foto, das die bei­den Ostern 1935 zusam­men bei einem Hockey­spiel der Schild-Mann­schaft zeigt. Bis die Ehe geschlos­sen wur­de, ver­gin­gen aber noch eini­ge Jah­re, denn Inge war damals erst 17 Jah­re alt.

Nach­dem bereits 1933 nach Anga­ben von Theo Erich Abra­ham das Geschäft der Eltern in Bier­stadt ari­siert wor­den war [20] und man die Gewalt­be­reit­schaft der Nazis hin­rei­chend erfah­ren hat­te, such­ten auch die Eltern nach einem Ort, um in Frie­den leben zu können.

Das ari­sier­te Geschäfts­haus von Sieg­mund Abra­ham 1933 als Kulis­se bei einem Nazi-Auf­marsch.
Ver­mut­lich war die Fami­lie schon nach Frank­furt ver­zo­gen, denn die Roll­lä­den im 1. Stock sind her­un­ter­ge­las­sen
Archiv P. Riese

Sie ver­lie­ßen zunächst ihre Hei­mat­stadt Wies­ba­den, in der ihnen zuletzt so viel Leid ange­tan wor­den war. Zwar sind Sieg­mund und Rosa Abra­ham eigen­ar­ti­ger­wei­se nicht im Jüdi­schen Adress­buch der Stadt Frank­furt von 1935, dafür aber in den kom­mu­na­len Adress­bü­chern der Jah­re 1935 bis 1937 ein­ge­tra­gen. In Frank­furt mie­te­ten sie die Par­terre­woh­nung im Haus Bocken­hei­mer Land­str. 93 an, das einem Dr. Kirsch­baum gehör­te.[21]

Klä­re als jun­ge Frau
Pri­vat

Schon bald nach dem Umzug nach Frank­furt, der im Lau­fe des Jah­res 1934 oder zu Beginn des Jah­res 1935 statt­ge­fun­den haben muss, unter­nahm Sieg­mund Abra­ham im Sep­tem­ber 1935 allei­ne eine „Infor­ma­ti­ons­rei­se“ in die USA – so die For­mu­lie­rung des Soh­nes –, um die Emi­gra­ti­ons­per­spek­ti­ven für die übri­ge Fami­lie, im Beson­de­ren zunächst für Klä­re, zu eru­ie­ren.[22] Die Eltern woll­ten die 17-Jäh­ri­ge bei ihrem älte­ren Bru­der in New York in Sicher­heit brin­gen. Im Juni des fol­gen­den Jah­res konn­te sie dann auf dem Schiff ‚Washing­ton‘ von Ham­burg aus nach New York zu Erich, jetzt Eric, fah­ren.[23] Nur einen Monat spä­ter kam Heinz Kauf­mann eben­falls nach, um Clai­re, wie sie sich jetzt nann­te, dort zu besu­chen.[24]

Noch waren die Eltern in Frank­furt geblie­ben, aber die viel­leicht vage Hoff­nung, dort an die frü­he­ren geschäft­li­chen Erfol­ge anknüp­fen zu kön­nen, erwies sich als Irr­tum. Aus einem Schrei­ben an das Finanz­amt Frank­furt geht her­vor, dass sein Ver­mö­gen zwi­schen 1935 und 1937 um fast 28.000 RM, d.h. um 20 Pro­zent, zurück­ge­gan­gen war. Offen­bar glaub­ten auch vie­le Kun­den, Rech­nun­gen bei Juden nicht mehr oder zumin­dest nicht mehr pünkt­lich bezah­len zu müs­sen. So sind in der Auf­stel­lung der Ver­mö­gens­ver­lus­te auch Außen­stän­de in der Höhe von 3.000 RM auf­ge­führt.[25] In einer wei­te­ren, von Rechts­an­walt Bert­hold Gut­h­mann erstell­ten Lis­te aus dem Jahr 1936, kommt die­ser sogar auf eine Sum­me von 7–8.000 RM an sol­chen unbe­zahl­ten Rech­nun­gen.[26] Aller­dings zei­gen die Geschäfts­un­ter­la­gen der Fir­ma, dass zum Bei­spiel ehe­ma­li­ge Kun­den aus Bier­stadt sogar noch bis ins Jahr 1936 ihre erwor­be­nen Waren in klei­nen Beträ­gen mit 5 Mark oder sogar nur mit einer Mark abzahl­ten.[27] Die­ses Geschäfts­mo­dell vie­ler jüdi­scher Händ­ler war ja gera­de der Grund für deren ambi­va­len­te Stel­lung: Bei ihnen konn­te man sich etwas leis­ten, ohne gleich alles bezah­len zu müs­sen, stand aber auch immer in der Schuld bei „dem Juden“.

 

 

 

 

 

Geschäfts­buch der Fir­ma Abra­ham mit Ein­tra­gun­gen für Bier­stad­ter Kun­den aus dem Jahr 1933, die aber bis 1937 reichen
HHStAW 474–11 36

Spä­tes­tens im Lau­fe des Jah­res 1936 muss die Ent­schei­dung der Eltern gefal­len sein, selbst auch Deutsch­land zu ver­las­sen. Am 1. Janu­ar 1937 wur­de dann das Haus in Bier­stadt für 25.000 RM, nach Abzug der Kos­ten für 22.850 RM, ver­kauft. Der Ein­heits­wert hat­te immer­hin 30.300 RM betra­gen, was für Abra­hams eine wei­te­re Min­de­rung ihres frü­her erwirt­schaf­te­ten Ver­mö­gens bedeu­te­te.[28]

Das Haus in der Goe­benstr. 32 mit einem Ein­heits­wert von 46.500 RM im Jahr 1935 wur­de eben­falls noch im Janu­ar 1937 ver­äu­ßert. Für die­ses erhielt Sieg­mund Abra­ham nur noch 40.000 RM. Die­se Sum­me wur­de ihm aller­dings nicht aus­ge­zahlt, da die Immo­bi­lie nicht unbe­las­tet war, wie sich im spä­te­ren Rück­erstat­tungs­ver­fah­ren zeig­te.[29] Auch eine hohe Lebens­ver­si­che­rung muss­te mit Ver­lus­ten zurück­ge­kauft wer­den,[30] um die Kos­ten der Aus­wan­de­rung selbst und die For­de­run­gen des Staa­tes, die bei sei­nen flüch­ten­den Bür­gern anfie­len, beglei­chen zu kön­nen.[31]
Sieg­mund Abra­ham hat­te die Anga­ben über sei­ne dama­li­gen Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se im Hin­blick auf die bei der Emi­gra­ti­on fäl­lig wer­den­de Reichs­flucht­steu­er gemacht. Aus einem Schrei­ben des Frank­fur­ter Finanz­amts vom 22. Janu­ar 1937 geht her­vor, dass die­se auf rund 15.600 RM fest­ge­setzt wur­de.[32] Wie aus den steu­er­li­chen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen der Frank­fur­ter Behör­den vom März 1937 her­vor­geht, waren Abra­hams den For­de­run­gen nach­ge­kom­men und durf­ten dann im Mai 1937 Deutsch­land ver­las­sen und nach Aus­tra­li­en aus­rei­sen, das Land, für das sie damals noch ein Visum erhal­ten hat­ten, von dem auch Theo Erich und auch ihre Toch­ter Clai­re Inge­borg Gebrauch mach­ten.[33]

Sieg­mund und Rosa Abra­ham wan­dern nach Aus­tra­li­en aus
HHStAW 518 695 I (21)

Wann die bei­den aus den USA nach Frank­furt zurück­ge­kehrt waren, ist nicht bekannt. Mög­li­cher­wei­se tra­fen sie sich auch erst mit den Eltern in Mar­seil­le, wo das Schiff lag, das sie in den neu­en und frem­den Kon­ti­nent brin­gen soll­te. Auf­fäl­lig ist zumin­dest, dass nur die Eltern sich am 14. Mai 1937 ord­nungs­ge­mäß in Frank­furt abmel­de­ten.[34] Am 22. Mai 1937 ver­lie­ßen sie zusam­men mit den bei­den Kin­dern auf dem bri­ti­schen Schiff „Strath­na­ver“ von der süd­fran­zö­si­schen Hafen­stadt aus ihren Hei­mat­kon­ti­nent Euro­pa.[35]

Die ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge in Bier­stadt
Archiv P. Riese

So muss­ten sie nicht mehr erle­ben, wie die erst 1927 anläss­lich ihres 100-jäh­ri­gen Bestehens reno­vier­te Syn­ago­ge sogar noch eine Nacht vor den lan­des­wei­ten Pogro­men im Novem­ber 1938 geschän­det wur­de, muss­ten auch nicht mehr erle­ben, wie ihr Fried­hof zer­stört und die Grab­stei­ne ihrer Vor­fah­ren von den Dorf­be­woh­nern als bil­li­ges Bau­ma­te­ri­al abtrans­por­tiert wur­den. Auch blie­ben sie davon ver­schont, mit­an­se­hen zu müs­sen, wie das Gebäu­de ihres nicht zer­stör­ten Got­tes­hau­ses nach dem Krieg als Lager­raum genutzt wur­de und wie man dann, – noch zu Beginn der Sieb­zi­ger­jah­re – ohne jeg­li­chen Wider­spruch aus der poli­ti­schen oder christ­li­chen Gemein­de den Abriss geneh­mig­te, um Platz für einen Geschäfts- und Wohn­kom­plex zu schaffen.

Dass die ver­schie­de­nen Mit­glie­der der Fami­lie, beson­ders aber die von Sieg­mund Abra­ham, Aus­tra­li­en als Exil­land wähl­ten, lag aber wohl weni­ger dar­an, dass sie mög­lichst weit ent­fernt von die­sem Ort der Schan­de leben woll­ten, son­dern eher dar­an, dass es ver­mut­lich über ihre Nich­te Lucie, wie noch zu zei­gen sein wird, bereits eine Ver­bin­dung in die­ses Land gab, wodurch ihnen allen die Auf­nah­me dort sicher erleich­tert wurde.

Rosa und Sieg­mund Abra­ham in Aus­tra­li­en
Pri­vat

Ein wirk­li­cher Neu­be­ginn ist der Fami­lie in Aus­tra­li­en, wo sie sich in Mel­bourne nie­der­ließ, den­noch nicht mehr gelun­gen. Zwar erhiel­ten sie, die seit Jah­ren staa­ten­los waren, 1944 noch die aus­tra­li­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, aber Sieg­mund Abra­ham, der in dem frem­den Land kei­ne Arbeit mehr fin­den konn­te, ver­starb schon am 9. Mai 1946 in Mel­bourne, sei­ne Frau Rose am 17. April 1968.[36] Der Sohn Theo­dor Erich /​ Eric hat­te Zeit sei­nes Lebens an den Fol­gen der Miss­hand­lun­gen zu lei­den, die ihm 1933 von den SA-Leu­ten zuge­fügt wor­den waren. Drei Ord­ner fül­len die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den deut­schen Behör­den um eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für das erfah­re­ne Leid, das eige­ne wie auch das der Eltern.
Er war es auch, der nach dem Krieg im Namen der Fami­lie die Rück­erstat­tungs­an­trä­ge für die bei­den Immo­bi­li­en in Bier­stadt und der Wies­ba­de­ner Innen­stadt stell­te. Das Haus in der Bier­stad­ter Lang­gas­se 18, das der Rechts­vor­gän­ger der spä­te­ren Raiff­ei­sen­bank am 11. Janu­ar 1937 erwor­ben hat­te, war durch Kampf­hand­lun­gen schwer beschä­digt wor­den, sodass die Fami­lie auf eine rea­le Rück­ga­be ver­zich­te­te und sich mit einer Aus­gleichs­zah­lung zufrie­den gab.

Die Rui­ne des Geschäfts­hau­ses in der Lan­gas­se 18
Archiv P. Riese
Die neu­errich­te­te Raiff­ei­sen­bank am Platz des frü­he­ren Geschäfts von Sieg­mund Abra­ham
Archiv P. Riese

Die Innen­stadt­im­mo­bi­lie in der Goe­ben­stra­ße muss­te den Ange­hö­ri­gen von Sieg­mund Abra­ham aber wie­der resti­tu­iert wer­den.[37]
1953 hei­ra­te­te Eric in New York Bertl David Fischl, eine Emi­gran­tin, die in Wein­heim an der Berg­stra­ße gebo­ren wor­den war, aber die Ehe wur­de spä­ter wie­der geschie­den.[38] Eric Abra­ham ver­starb 1981 im aus­tra­li­schen Malvern.

Eine sehr erfolg­rei­che Kar­rie­re als Mode­de­si­gne­rin und auch als Modell gelang aller­dings Clai­re Inge­borg in Aus­tra­li­en. Die Grund­la­gen dafür hat­te sie schon in den USA als Desi­gne­rin in einem New Yor­ker Kauf­haus gelegt.[39] Bereits bei ihrer Ankunft in Aus­tra­li­en erschien ein Arti­kel über sie in der dor­ti­gen Pres­se, in dem nicht nur ihre sprach­li­chen Fähig­kei­ten – die 19-Jäh­ri­ge sprach neben Deutsch auch per­fekt Fran­zö­sisch und Eng­lisch –, son­dern auch ihr Mode­ge­schmack – per­fek­ter Sitz, statt teu­re Mate­ria­li­en – her­vor­ge­ho­ben wurde.

Heinz und Inge Kauf­mann
Pri­vat
Über­sied­lung des Ehe­paars Kauf­man von Aus­tra­li­en in die USA

Inge Clai­re Kauf­mann
Pri­vat

Am 11. März 1940 hei­ra­te­te sie Heinz Kauf­mann, den zehn Jah­re älte­ren Jugend­freund aus Deutsch­land, der sich zwi­schen­zeit­lich in Paläs­ti­na auf­ge­hal­ten hat­te. Clai­re Inge konn­te in den USA ihre Kar­rie­re mit viel Erfolg fort­set­zen. 1940 erschien sie sogar als „Cover-Girl“ des ame­ri­ka­ni­schen „PIC“-Magazins.
Zuletzt leb­te das Paar in Tuc­son, Ari­zo­na, wo Clai­re Inge schon 1965 im Alter von nur 47 Jah­ren viel zu früh ver­starb. Ihr Ehe­mann über­leb­te sie um mehr als 30 Jah­re. Auch er ist auf dem Fried­hof von Tuc­son bei­gesetzt.[42]

Die Grä­ber von Sieg­mund und Rosa Abra­ham in Aus­tra­li­en
Pri­vat

 

Das Schicksal der Familie von Gustav Abraham und das seiner Brüder Leopold und Julius

Heiratsurkunde von Gustav Abraham und Anna Messerschmid
Hei­rats­ur­kun­de von Gus­tav Abra­ham und Anna Mes­ser­schmidt
HHStAW 518 50685 (7)

Gus­tav Abra­ham, der Eigen­tü­mer der spä­te­ren Juden­häu­ser Dotz­hei­mer Str. 15 und Rüdes­hei­mer Str. 16, muss noch vor Beginn des Krie­ges und spä­tes­tens nach dem Abschluss sei­ner kauf­män­ni­schen Aus­bil­dung von Wies­ba­den weg­ge­zo­gen sein, denn am ers­ten Weih­nachts­tag des Jah­res 1914 hei­ra­te­te er in Köln Annie /​ Anna Mes­ser­schmidt. Die Hoch­zeit war nach jüdi­schem Ritus voll­zo­gen wor­den, sei­ne Frau gab als Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit auch „israe­li­tisch“ an, war ihrer Her­kunft nach aber nicht-jüdisch,[43] sodass die bei­den Söh­ne Erik Theo­dor und Bern­hard nach NS-Ter­mi­no­lo­gie als „Halb­ju­den“ gal­ten. Wäh­rend Letz­te­rer am 19. Juli 1915 in Köln-Ehren­feld zur Welt kam, wur­de Erik am 8. Juli 1917 in Brüs­sel gebo­ren.[44]

Noch vor dem Ende des zwei­ten Jahr­zehnts kamen Abra­hams nach Wies­ba­den zurück, wo Gus­tav Abra­ham 1919, ganz in der Tra­di­ti­on der Fami­lie, zunächst noch mit einem Part­ner namens Hen­ry Gaspard, den er ver­mut­lich wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit von Wies­ba­den ken­nen­ge­lernt hat­te, eine eige­ne Tex­til­ma­nu­fak­tur grün­de­te, die „Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik Wies­ba­den oHG.” Sie war anders als das Geschäft sei­ner Eltern und das sei­nes Bru­ders Sieg­mund nicht in Bier­stadt, son­dern in der Innen­stadt, zunächst in der Kirch­gas­se 74 ange­mel­det, der Adres­se sei­nes Kompagnons.

Im Janu­ar 1920 erwar­ben dann die bei­den Kauf­leu­te zusam­men das Haus Dotz­hei­mer Str. 15 von einer Erben­ge­mein­schaft Beil­stein zu einem Kauf­preis – die Nach­kriegs­in­fla­ti­on war schon in vol­lem Gan­ge – von ins­ge­samt 135.000 RM. Über­nom­men wur­den mit dem Kauf die im Grund­buch ein­ge­tra­ge­nen Belas­tun­gen der Immo­bi­lie. Bereits nach knapp vier Wochen stieg Gaspard aus nicht bekann­ten Grün­den wie­der aus dem Ver­trag aus und das Wohn­grund­stück wur­de am 24. Juli 1920 allein auf den Namen von Gus­tav Abra­ham in das Grund­buch der Stadt Wies­ba­den ein­ge­tra­gen.[45]

Das Haus in der Dotz­hei­mer Str. 15, erbaut im Jahr 1871, gehört zu den typi­schen Wohn­an­la­gen der west­li­chen Stadt­er­wei­te­rung, die mit dem Zuzug von gelern­ten und unge­lern­ten Arbei­tern, Hand­wer­kern und Dienst­per­so­nal in der Auf­schwung­pha­se nach der Reichs­grün­dung not­wen­dig wur­de. 1891 wur­de der Kom­plex noch ein­mal erwei­tert und an das Vor­der­haus ein Sei­ten­bau und ein Hin­ter­haus ange­baut, die bei­de teil­wei­se gewerb­lich genutzt wurden.

Etwa um die glei­che Zeit wur­de von Gus­tav Abra­ham das Haus in der Rüdes­hei­mer Str. 16 von einem Fer­di­nand Han­son erwor­ben.[46] In die zwei­te Eta­ge die­ses Hau­ses, das zumin­dest spä­ter eben­falls auf der Lis­te der Juden­häu­ser stand, zog damals die Fami­lie selbst ein. Das Haus Dotz­hei­mer Str. 15 wur­de ver­mie­tet. Neben den bei­den Haus­grund­stü­cken, besa­ßen Abra­hams noch ein Bau­grund­stück in der Main­zer Stra­ße und zwei Gar­ten­grund­stü­cke bei Bier­stadt.[47]

Ver­mut­lich das ehe­ma­li­ge Fabrik­ge­bäu­de der “Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik” in der Main­zer Str. 116
Eige­ne Aufnahme

Das Gebäu­de, in dem sich die ‚Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik‘ befand, lag etwas außer­halb in der Main­zer Str. 116 und gehör­te nicht der Fami­lie Abra­ham, son­dern einem Xaver Wim­mer, und war bis­her als Tanz­saal mit Büh­ne genutzt wor­den. Außer­dem befand sich auch eine grö­ße­re Zahl von ver­mie­te­ten Woh­nun­gen in die­sem Kom­plex, von denen eine ab 1921 von Leo­pold Abra­ham für kur­ze Zeit bewohnt wur­de.[48]
Gus­tav Abra­hams Frau zitier­te im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren einen Zei­tungs­ar­ti­kel der hei­mi­schen Pres­se aus den Zwan­zi­ger­jah­ren, der das Unter­neh­men fol­gen­der­ma­ßen beschrieb: „Als ers­ter deut­scher Pio­nier hat Herr Abra­ham die Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik in der Main­zer­stras­se in Wies­ba­den begrün­det – ein impo­san­ter Fabrik­bau, der schon durch ver­schie­de­ne Anbau­ten erheb­lich ver­grös­sert wer­den muss­te. Im Erd­ge­schoss befin­den sich die luf­ti­gen moder­nen Fabri­ka­ti­ons­sä­le, die Ver­sand­räu­me und die Büros, wäh­rend in den obe­ren Eta­gen Woh­nun­gen geschaf­fen wor­den sind. Die rasche Blü­te des Unter­neh­mens, das heu­te 350 Arbei­ter und Ange­stell­te beschäf­tigt, lässt sich nur dadurch erklä­ren, dass die Fir­ma die Geschmacks­rich­tung der neu­en Mode getrof­fen und damit gros­se Erfol­ge erzielt hat. Unter dem Schutz­wort ‚Tri­ca­bra‘ sind die Arti­kel der Fabrik: Gestrick­te Golf­ja­cken, Jacken, Jum­pers sowie Blu­sen, Klei­der und Kos­tü­me in Wol­le und Kunst­sei­de bekannt. Es braucht wohl nicht erwähnt zu wer­den, dass die moderns­ten Maschi­nen in die­sem Mus­ter­be­trieb benutzt wur­den. Durch die Rei­he sozia­ler Maß­nah­men, wie eige­ne Betriebs­kran­ken­kas­se, eige­ne Betriebs­spar­kas­se, eige­ne Lebens­mit­tel­ver­sor­gung hat sich die Fir­ma einen Stamm guter Arbei­ter und Ange­stell­ter für alle Zei­ten gesi­chert. Die Fir­ma ist bis zum Herbst mit Auf­trä­gen voll beschäf­tigt.“[49]

Brief­kopf der “Nas­sai­schen Woll­wa­ren­fa­brik” aus dem Jahr 1921
HHStAW 685 5 (6)

Ver­mut­lich beher­berg­te das unter die­ser Anschrift noch heu­te exis­tie­ren­de alte Back­stein­ge­bäu­de die frü­he­re ‚Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik‘, um die es damals ganz offen­sicht­lich noch bes­tens bestellt war.
Nach dem frü­hen Aus­stieg von Hen­ry Gaspard war Gus­tav Abra­ham zunächst allei­ni­ger Inha­ber der Fir­ma. Aber auch sein Bru­der Leo­pold war wohl von Anbe­ginn als Pro­ku­rist ein­ge­stellt[50]  und auch finan­zi­ell betei­ligt, wie man aus einem Schrei­ben aus dem Jahr 1922 an das Finanz­amt Wies­ba­den schlie­ßen kann: 1922 bat er die­ses um Stun­dung der Ein­kom­mens­steu­er­schul­den mit dem Argu­ment, sein gesam­tes Ver­mö­gen sei in der Fir­ma sei­nes Bru­ders ange­legt und kön­ne nicht ohne wei­te­res her­aus­ge­nom­men wer­den.[51] Ab 1924/​25 war er dann neben Gus­tav auch offi­zi­ell als Inha­ber im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen.[52]

Les­sing­str. 4 heu­te
Eige­ne Aufnahme

In die­sem Zeit­raum um 1925 wur­den nach dem Ende der Infla­ti­on noch wei­te­re Immo­bi­li­en erwor­ben: Zum einen kauf­te Gus­tav Abra­ham das reprä­sen­ta­ti­ve Haus Les­sing­str. 4, in das er mit sei­ner Fami­lie selbst ein­zog. 1929 wur­de es ange­sichts der auf­zie­hen­den Kri­se aller­dings wie­der ver­äu­ßert. Wei­ter­hin kam das Fabrik­ge­bäu­de an der Ecke Plat­ter Stra­ße und Gus­tav-Adolf-Stra­ße in den Besitz der Abrahams.

Die ehe­ma­li­ge Fabrik­hal­le an der Plat­ter Stra­ße wird gegen­wär­tig saniert
Eige­ne Aufnahme

Das heu­te noch exis­tie­ren­de, von dem jüdi­schen Archi­tek­ten und Regie­rungs­bau­meis­ter Albert Hein­rich Hess ent­wor­fe­ne Gebäu­de konn­te ver­mut­lich von einer Ver­wand­ten, von einer Cor­ne­lia Abra­ham, gebo­re­ne Simon, zum Preis von 42.000 RM über­nom­men wer­den. Als Eigen­tü­mer wur­den aber nicht Gus­tav oder Leo­pold Abra­ham, son­dern die Fir­ma ‚Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik‘ im Grund­buch ein­ge­tra­gen.[53] Offen­bar fehl­te es aber zunächst am Kapi­tal, um die Lie­gen­schaft pro­duk­tiv nut­zen zu kön­nen. Statt­des­sen wur­de das Gebäu­de als Saal mit Gale­rien für Ver­an­stal­tun­gen, etwa zum Tan­zen, ange­bo­ten. Im Adress­buch von 1929 ist es noch immer als Turn­hal­le verzeichnet.

Leo­pold Abra­hams Haus Römer­berg 14 heu­te
Eige­ne Aufnahme

Wann Leo­pold Abra­ham das Haus Römer­berg 14 erwarb, ließ sich nicht mehr mit Sicher­heit ermit­teln. Im Wies­ba­de­ner Adress­buch ist er erst 1930 als Besit­zer ein­ge­tra­gen, aber bereits in sei­ner Steu­er­erklä­rung aus dem Jahr 1925 gab Leo­pold an, er und sei­ne damals wohl in New York leben­de Nich­te Lucie Lewis sei­en jeweils zur Hälf­te Eigen­tü­mer der Immo­bi­lie.[54]

Die Geschwis­ter Gus­tav und Leo­pold Abra­ham hat­ten ihr Unter­neh­men zunächst mit gro­ßem Erfolg durch die ers­ten Kri­sen­jah­re der Repu­blik geführt. Den Erwerb der ver­schie­de­nen Immo­bi­li­en hat­ten sie ver­mut­lich in den Zei­ten der Infla­ti­on und danach als siche­re Kapi­tal­an­la­ge ange­se­hen.[55] Die „Nas­saui­sche Woll­wa­ren­fa­brik Wies­ba­den – Fabri­ka­ti­on von Fan­ta­sie-Woll­wa­ren” – wie sie sich in einer Anzei­ge im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1920 bezeich­ne­te – soll nach Aus­kunft von Annie Abra­ham in ihren bes­ten Jah­ren deutsch­land­weit aktiv gewe­sen sein.[56]

Nassauische Wollwarenfabrik Wiesbaden Abraham
Ers­te finan­zi­el­le Pro­ble­me der ‘Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­bri­k’
HHStAW 519/​2 2089 (6)

Aber lan­ge bevor anti­se­mi­ti­sche Boy­kott­ak­tio­nen ihre Wir­kung ent­fal­ten konn­ten, geriet das Unter­neh­men in Schief­la­ge. Ob der frü­he Tod von Gus­tav Abra­ham – er ver­starb schon am 19. März 1925 im Alter von nur 42 Jah­ren – die Ursa­che für den Nie­der­gang war oder die ins­ge­samt schwie­ri­ge wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Situa­ti­on, ist nur schwer aus­zu­ma­chen, ver­mut­lich spiel­ten ver­schie­de­ne Fak­to­ren, auch der kre­dit­fi­nan­zier­te Kauf der diver­sen Immo­bi­li­en, eine Rolle.
Schon in sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung von 1925 gab Leo­pold Abra­ham an, die Fir­ma, an der er einen Anteil von 40 Pro­zent besaß, habe Ver­lus­te von fast 20.000 RM gemacht und er selbst habe in die­sem Jahr kein Ein­kom­men bezo­gen.[57] In den fol­gen­den Jah­ren schien sich die Situa­ti­on zunächst aber wie­der zu sta­bi­li­sie­ren. Erst 1930 muss­te er dem Finanz­amt wie­der mel­den, kein Ein­kom­men erzielt zu haben.[58]
Eigent­lich war die Fir­ma laut dem Gesell­schaf­ter­ver­trag nach dem Tod von Gus­tav Abra­ham zum Erlie­gen gekom­men. Leo­pold, der nach dem Tod sei­nes Bru­ders die Geschäfts­füh­rung zumin­dest for­mal über­nom­men hat­te, unter­ließ es aber, die not­wen­di­ge Ände­rung im Han­dels­re­gis­ter ein­tra­gen zu las­sen, sodass das Unter­neh­men wei­ter­hin aktiv blieb, gleich­wohl letzt­lich ohne wirt­schaft­li­chen Erfolg.[59] Die Fir­ma war inzwi­schen völ­lig über­schul­det und konn­te anste­hen­de Zah­lun­gen nicht mehr leis­ten. Es stand in einem Ver­fah­ren, das Gläu­bi­ger damals gegen die Fir­ma ein­ge­lei­tet hat­ten, außer Fra­ge, dass auch Anna Abra­ham von der wei­te­ren Exis­tenz der Fir­ma wuss­te, sie damals eben­falls Ver­bind­lich­kei­ten für die Fir­ma ein­ge­gan­gen war. 1930 stan­den sie und Leo­pold Abra­ham noch als Gesell­schaf­ter der ‚Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik‘, Main­zer Stra­ße 116, im Han­dels­re­gis­ter. Wovon sie und ihre bei­den Kin­der damals leb­ten, ist nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen. Ver­mut­lich gab es noch Erspar­nis­se, denn in ihrer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung für das Jahr 1931 gab auch sie an, ohne Ein­kom­men zu sein.[60]
Auch die ver­schie­de­nen ver­mie­te­ten Immo­bi­li­en war­fen kaum Erträ­ge ab, im Gegen­teil, sie ver­ur­sach­ten meist höhe­re Kos­ten als Gewinne.

Das Haus der Abra­hams in der Rüdes­hei­mer Str. 16, das eben­falls auf der Lis­te der Juden­häu­ser stand.
Eige­ne Aufnahme

1929 erscheint Anni Abra­ham in der Adress­buch­aus­ga­be erst­mals als Pri­va­tie­re, wohn­haft in der Fritz-Reu­ter-Str. 8 I. Anfang des Jah­res, so ist dem Erb­schein zu ent­neh­men, hat­te sie noch in der bereits ver­kauf­ten Les­sing­str. 4 gewohnt.[61] Ähn­lich unüber­sicht­lich, wie sich die geschäft­li­chen Ver­hält­nis­se damals dar­stell­ten, waren auch ihre Wohn­ver­hält­nis­se in den spä­ten Zwan­zi­ger- und frü­hen Drei­ßi­ger­jah­ren. Schon im fol­gen­den Jahr leb­te sie in einer Woh­nung in der Bier­stad­ter Str. 42 im ers­ten Stock. Danach zog sie mit den Kin­dern in Häu­ser, die zum Immo­bi­li­en­be­sitz der Abra­hams gehör­ten, 1932 zunächst in die Plat­ter Str. 18, dann, ab 1934, in die Rüdes­hei­mer Str. 16 in die 2. Etage.

Leo­pold Abra­ham, der zuletzt die Fir­ma gelei­tet hat­te, mel­de­te sich am 19. Mai 1933 mit unbe­kann­tem Ziel poli­zei­lich aus Wies­ba­den ab.[62] Die Unter­schrift auf dem Abmel­de­bo­gen, stamm­te nicht von ihm selbst, son­dern ver­mut­lich von dem Haus­ver­wal­ter, sodass davon aus­zu­ge­hen ist, dass er Wies­ba­den damals bereits ver­las­sen hatte.

Das Bank­haus Krier eig­net sich die Immo­bi­lie Römer­berg 14 von Leo­pold
Abra­ham an
HHStAW 685 2a (1)

Noch bevor die Gehei­me Staats­po­li­zei ihm die Staats­bür­ger­schaft ent­zog, eine ent­spre­chen­de Anfra­ge über sei­ne Ver­mö­gens­wer­te ging im Finanz­amt Wies­ba­den am 29. März 1939 ein, hat­te sich das bei der Ver­wal­tung und Ver­wer­tung jüdi­scher Ver­mö­gen über­aus rüh­ri­ge Bank­haus Krier die Beu­te ange­eig­net. Bei einer am 20. Okto­ber 1938 ange­setz­ten Zwangs­ver­stei­ge­rung des Hau­ses Römer­berg 14, das den bei­den längst aus Deutsch­land geflo­he­nen Leo­pold Abra­ham und sei­ner Nich­te Lucie gehör­te, hat­te Hubert Krier mit sei­nem Gebot von 6.000 RM den Zuschlag erhal­ten. Leo­pold Abra­ham hat­te das Haus 1924 zum Preis von 10.000 RM erwor­ben, sein Ein­heits­wert wur­de 1935 mit 27.800 RM taxiert – eine für den Ver­mö­gens­ver­wal­ter höchst ertrag­rei­che Ari­sie­rung.[63]

Wohin Leo­pold damals geflo­hen war, ist nicht bekannt, aber Jah­re spä­ter kön­nen sei­ne Spu­ren wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Am 16. April 1938 lief das Schiff ‚Mat­so­nia‘ von Hono­lu­lu auf Hawaii aus und steu­er­te den Hafen von San Fran­cis­co an. Einer der Pas­sa­gie­re war Leo­pold Abra­ham, der in den Rei­se­un­ter­la­gen ange­ge­ben hat­te, sei­ne letz­te „per­ma­nent resi­dence“ sei Prag gewe­sen. Auch gab er als Kon­takt­per­son in den USA einen Freund, Leo Fan­ta aus Prag, an. Ver­mut­lich, so kann man dar­aus schlie­ßen, war er 1933 zunächst in die benach­bar­te Tsche­cho­slo­wa­kei geflo­hen und hat­te dann, als die Lage auch dort bedroh­li­cher wur­de, sei­nen Weg fortgesetzt.

Über­fahrt der Fami­lie Lewis und von Leo­pold Abra­ham von Mel­bourne nach Hono­lu­lu
https://www.ancestry.de/search/collections/1502/records/15664691?tid=&pid=&queryId=30842451–8cd5-46f2-9777-ef400f74fb59&_phsrc=SbT2472&_phstart=successSource

Nicht weni­ger inter­es­sant ist aber, dass sich auf dem Schiff auch eine Lucy Lewis befand, bei der es sich – was auf den ers­ten Blick nicht zu erken­nen ist – um sei­ne Nich­te Lucie han­del­te, die Toch­ter sei­nes früh in Ber­lin ver­stor­be­nen Bru­ders Dani­el Theo­dor. Sie war, wie bereits ver­merkt, seit 1923 mit dem ame­ri­ka­ni­schen Staats­bür­ger und Dia­man­ten­händ­ler Edward Lewis ver­hei­ra­tet und hat­te inzwi­schen eine Toch­ter namens Peg­gy Elsie.[64] Auch die Toch­ter hat­te inzwi­schen die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft, war aber am 22. Febru­ar 1928  Caul­field, im aus­tra­li­schen Staat Vic­to­ria, gebo­ren wor­den,[65] was bedeu­tet, dass ihre Mut­ter mit ihrer Fami­lie sich zuvor seit län­ge­rer Zeit auf die­sem Kon­ti­nent befun­den haben muss. Als letz­ten Auf­ent­halt in Aus­tra­li­en hat­te Lucy die Stadt Mel­bourne ange­ge­ben. Am 28. Febru­ar 1938 war sie auf dem­sel­ben Schiff mit ihrer Fami­lie zunächst von dort nach Hawaii gekom­men, und auch bei die­ser Fahrt wur­de sie bereits von ihrem Onkel Leo­pold beglei­tet. Wann er aus der inzwi­schen zum ‚Pro­tek­to­rat Böh­men-Mäh­ren‘ gewor­de­nen Tsche­cho­slo­wa­kei flie­hen konn­te und auf wel­chem Weg er dann nach Aus­tra­li­en gelang­te, bleibt aber wei­ter­hin offen.

Ein­bür­ge­rungs­an­trag von Lucy Lewis — Mischel in den USA
https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​1​6​2​9​/​r​e​c​o​r​d​s​/​8​4​7​9​991

Als Lucy 1949 die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft bean­trag­te, hieß sie mit Nach­na­men inzwi­schen Mischel. Ihr bis­he­ri­ger Ehe­mann Edward war am 2. Juni 1940 einem Herz­schlag erle­gen,[66] und am 2. Janu­ar 1945 war sie eine neue Ehe mit dem in New York gebo­re­nen, inzwi­schen aber in Los Ange­les leben­den Abe /​ Abra­ham Mischel ein­ge­gan­gen. Auch war in die­ser zwei­ten Ehe am 5. Mai 1946 in ihrem neu­en Lebens­mit­tel­punkt Los Ange­les eine wei­te­re Toch­ter, Mar­le­ne, gebo­ren wor­den.[67] Aber auch Abe Mischel, gebo­ren am 1. April 1908 im gali­zi­schen Strij,[68] starb nur weni­ge Jah­re nach der erneu­ten Ehe­schlie­ßung am 5. März 1949 in der kali­for­ni­schen Metropole.
Bei der Volks­zäh­lung im Jahr 1950 war Abe Mischel – manch­mal auch Mischl geschrie­ben – ent­spre­chend nicht mehr in der Haus­halts­lis­te ein­ge­tra­gen. Aber statt sei­ner leb­te dort nun – ver­mut­lich aber schon seit der gemein­sa­men Ankunft – Lucys Onkel Leo­pold mit der Fami­lie zusam­men und war als „Agent“ für Kra­wat­ten und Socken noch mehr oder weni­ger in sei­ner alten Bran­che tätig.[69]
Er ver­starb am 24. Janu­ar 1954 im kali­for­ni­schen Ven­tura,[70] sei­ne Nich­te Lucy am 27. Dezem­ber 1971 in Los Ange­les.[71]

Nach dem Tod ihres Ehe­manns und der Flucht von Leo­pold muss­te Annie Abra­ham, die Wit­we von Gus­tav, in den kom­men­den schwe­ren Jah­ren selbst noch die Lei­tung der ‚Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik‘ über­neh­men. Gegen­über dem Finanz­amt schil­der­te sie ihre deso­la­te Situa­ti­on. Sie bat um Steu­er­stun­dung, weil andern­falls auch die Woll­wa­ren­fa­brik geschlos­sen wer­den müss­te, wodurch – jetzt nur noch – „80 bis 100 Leu­te brot­los und der Stadt zur Last fal­len wür­den. Die Erfül­lung mei­ner steu­er­li­chen Ver­pflich­tun­gen wären mir als­dann ganz unmög­lich gemacht und aus­ser­dem hät­te das Finanz­amt für die Zukunft einen bis­her schon enor­me Beträ­ge bezah­len­den Betrieb ver­lo­ren.“[72]

Es gelang aber trotz des Ent­ge­gen­kom­mens der Steu­er­be­hör­den auch in dem fol­gen­den Jahr nicht, die Lage zu sta­bi­li­sie­ren. Laut Bilanz der Fir­ma aus dem Jahr 1932 waren inzwi­schen Ver­lus­te in der Höhe von mehr als 50.000 RM auf­ge­lau­fen, sodass am 17. August 1932 end­gül­tig Kon­kurs ange­mel­det wur­de.[73] Hypo­the­ken muss­ten auf die Grund­stü­cke auf­ge­nom­men wer­den, die eben­falls fast kei­ne Erträ­ge abwer­fen.[74] 1935 waren das Haus in der Rüdes­hei­mer Stra­ße mit 85.000 RM und das in der Dotz­hei­mer Stra­ße mit 36.000 RM belas­tet und damit völ­lig über­schul­det.[75] Selbst die rela­tiv gerin­gen Ver­mö­gens­steu­er­for­de­run­gen konn­ten nicht mehr auf­ge­bracht wer­den und wur­den in den Jah­ren 1934 und 1936 sogar von den inzwi­schen von Nazis durch­setz­ten Finanz­be­hör­den nie­der­ge­schla­gen.[76] Am 18. Juli 1936 erteilt das Finanz­amt Wies­ba­den die Anwei­sung, Frau Annie Abra­ham aus der V‑Liste zu strei­chen,[77] nach­dem die­se in der Steu­er­erklä­rung von 1935 notiert hat­te, dass sie kein Ver­mö­gen habe und von der öffent­li­chen Unter­stüt­zung lebe. Mit den 431 RM, die sie erhielt, müs­se sie sich und den Sohn Erik, der noch bei ihr in Wies­ba­den lebe, ernähren.

Der älte­re Sohn Bern­hard hat­te nach sei­nem Schul­ab­schluss das Tech­ni­kum in Reut­lin­gen besucht und soll­te hier eigent­lich als Tex­til­tech­ni­ker aus­ge­bil­det wer­den, um spä­ter die elter­li­che Fir­ma zu über­neh­men. Er war auch in den Zwan­zi­ger­jah­ren schon mit einem Anteil von 3/​16 an der ‚Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik‘ betei­ligt, die damals noch Gewin­ne abwarf.[78] Einen Abschluss hat er in Reut­lin­gen aber nicht mehr abge­legt.[79] Er war statt­des­sen wie­der nach Wies­ba­den zurück­ge­kehrt und bei sei­ner Mut­ter gemel­det. Die Suche nach einer Anstel­lung oder einem Volon­ta­ri­at erwies sich ange­sichts der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on, aber auch wegen des wach­sen­den Anti­se­mi­tis­mus als sehr schwie­rig. Nach Aus­sa­ge der Mut­ter hat­te ein ehe­ma­li­ger Geschäfts­part­ner und Freund von Gus­tav Abra­ham die Anstel­lung von Bern­hard schon 1933 mit der Begrün­dung abge­lehnt, „dass er es sei­ner Arbei­ter wegen nicht wage, mei­nen Sohn mit dem Fami­li­en­na­men Abra­ham in sei­ne Fabrik ein­zu­stel­len“.[80]

Nicht allei­ne die aus­sichts­lo­se beruf­li­che Per­spek­ti­ve, eher die Erfah­run­gen, die sein Cou­sin Erich mit der SA gemacht hat­te, aber auch eine kon­kre­te Bedro­hung sei­ner eige­nen Per­son waren der Grund, dass bereits zu Beginn der NS-Herr­schaft eine Aus­wan­de­rung von Bern­hard ins Auge gefasst wur­de: „Auf­grund der aber­ma­li­gen Vor­la­dung der Gesta­po, Wies­ba­den, ergriff er Dezem­ber 1933 die Flucht nach Paläs­ti­na (Tel Aviv). Weil er gehört hat­te, dass damals auch schon Halb­ari­er im KZ ver­schwan­den“, schrieb die Mut­ter in ihrer Begrün­dung zum Ent­schä­di­gungs­an­trag von Bern­hard, ohne aber die Anläs­se für die­se Vor­la­dun­gen zu prä­zi­sie­ren.[81] In Paläs­ti­na, sei­nem ers­ten Exil, konn­te Bern­hard nicht wirk­lich Fuß fas­sen, da es dort kei­ne sei­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen ent­spre­chen­de beruf­li­che Per­spek­ti­ve gab. Auch hat­te er wegen feh­len­der Sprach­kennt­nis­se erheb­li­che Pro­ble­me. So schlug er sich dort über drei Jah­re mit Hilfs­ar­bei­ten durch. Als „Halb­ju­de“ sah er sich hier nicht wirk­lich akzep­tiert, von Voll­ju­den sogar dis­kri­mi­niert, und litt zuneh­mend an Depres­sio­nen.[82]
Ähn­li­che Erfah­run­gen mach­te auch sein Bru­der Erik. Nach Anga­ben sei­ner Mut­ter folg­te er im Dezem­ber 1934 sei­nem Bru­der nach Paläs­ti­na, nach­dem er den Besuch der Ora­ni­en­schu­le, einem Wies­ba­de­ner Gym­na­si­um, das er seit 1927 besucht hat­te, abbre­chen muss­te.[83]

Etwa zwei bis drei Jah­re müs­sen sie sich dort gemein­sam auf­ge­hal­ten haben, denn Annie Abra­ham gab in einem Brief vom 14. August 1957 an die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de an, dass sie „nach drei Jah­ren“, also 1936, „die Mög­lich­keit (hat­te) Allan und Erik Tau­send engl. Pfund nach Paläs­ti­na zu über­wei­sen, womit die­se dann die Wei­ter­rei­se nach Aus­tra­li­en usw. finan­zie­ren konn­ten.“[84]

Aber zumin­dest Bern­hard ist damals nicht nach Aus­tra­li­en aus­ge­wan­dert, son­dern er muss erst ein­mal wie­der zurück nach Deutsch­land gekom­men sein. Im Janu­ar 1937 bean­trag­te Annie Abra­ham bei den hie­si­gen Behör­den die Pass­ver­län­ge­rung für ihren wei­ter­hin in Wies­ba­den, Rüdes­hei­mer Str. 14, gemel­de­ten Sohn Bern­hard, da die­ser „dem­nächst zu Ver­wand­ten aus­rei­sen (möch­te),“ – womit die Fami­lie von Sieg­mund Abra­ham oder die sei­ner Cou­si­ne Lucy gemeint sein kann – „um sich eine Stel­lung zu suchen“.[85] Das Finanz­amt Wies­ba­den frag­te bei der Steu­er­fahn­dung an, ob Grün­de vor­lä­gen, dem Aus­rei­se­wil­li­gen die gefor­der­te steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung zu ver­wei­gern. Schon eine Woche spä­ter wur­de das ver­neint, Reichs­flucht­steu­er fal­le nicht an, da der Antrag­stel­ler über kei­ne Ver­mö­gens­wer­te ver­fü­ge. Gegen die Ver­län­ge­rung des Pas­ses oder die Aus­stel­lung eines Visums bestün­den somit kei­ne Beden­ken.[86] Erst am 13. Juli 1937 über­schritt er nach den Unter­la­gen des Finanz­amts Wies­ba­den die deutsch-bel­gi­sche Gren­ze, um nach Brüs­sel zu gehen. Wie lan­ge und bei wem er sich dort auf­hielt – Brüs­sel war sei­ne Geburts­stadt –, ist nicht bekannt. Aber von dort muss er zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt dann nach Aus­tra­li­en wei­ter­ge­reist sein.

Die Aus­stel­lung eines Pas­ses für Bern­hard Abra­ham wird geneh­migt
HHSAW 685 2a (8)

Zumin­dest Bern­hard, der in Aus­tra­li­en den Namen Allan Ber­nard annahm,[87] konn­te so ver­mut­lich ‚im Nach­hin­ein‘ legal aus dem Deut­schen Reich aus­wan­dern, womit der Staat sich aber auch die Zugriffs­mög­lich­keit auf sein Eigen­tum ver­schaff­te. Im März 1939 frag­te die Gesta­po, die Bern­hard Abra­ham „zur Aus­bür­ge­rung vor­schla­gen“ woll­te, beim Wies­ba­de­ner Finanz­amt an, ob der Genann­te noch Ver­mö­gens­wer­te im Inland besä­ße, ob Steu­er­ver­feh­lun­gen oder Ein­tra­gun­gen über „volks­schäd­li­ches Ver­hal­ten“ vor­lä­gen. Die Ant­wort des Finanz­amts war in allen Punk­ten nega­tiv. [88]

Am 15. Juli 1939 stell­te dann die SS den Antrag auf Aberken­nung der deut­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit von „dem Juden [! — K.F.] Bern­hard Abra­ham“. Damit ver­bun­den war die Auf­for­de­rung an die Poli­zei­stel­le Frank­furt, das Ver­mö­gen unter Mit­hil­fe des Wies­ba­de­ner Finanz­amts zu erfas­sen und sicher­zu­stel­len.[89] Bereits zuvor, näm­lich am 13. Dezem­ber 1939, hat­te die Gesta­po Frank­furt mit dem Ver­merk „Streng ver­trau­lich“ dem Grund­buch­amt in Wies­ba­den die Beschlag­nah­mung der gesam­ten Ver­mö­gens­wer­te von Bern­hard Abra­ham mit­ge­teilt und um einen ent­spre­chen­den Ver­merk im Grund­buch gebe­ten. „Aus sicher­heits­po­li­ti­schen Grün­den ist Abra­ham oder sons­ti­gen Per­so­nen von mei­nen Mass­nah­men kei­ne Kennt­nis zu geben“, hieß es abschlie­ßend in dem Schrei­ben.[90]

Im Febru­ar 1940 mel­det Wies­ba­den zurück, dass weder die Mut­ter noch der Sohn über Ver­mö­gens­wer­te ver­fü­gen, die Mut­ter sogar mit­tel­los sei.[91] Das Haus in der Dotz­hei­mer Str. 15, an dem Bern­hard genau­so wie an dem in der Rüdes­hei­mer Str. 16 mit einem Anteil von 3/​8 betei­ligt war, befän­de sich in Zwangs­ver­wal­tung, das in der Rüdes­hei­mer Stra­ße, in dem die Mut­ter noch woh­ne, sei am 29. Janu­ar 1940 zwangs­ver­stei­gert wor­den.[92]

 

Das Finanz­amt Moa­bit will das Haus Dotz­hei­mer Str. 15 ver­wer­ten
HHStAW 519/​3 2087d (12b)

Weil auch in die­sem Fall die ver­schie­de­nen Behör­den, Ämter und Insti­tu­tio­nen – Gesta­po Frank­furt, RSHA Ber­lin, Finanz­amt Wies­ba­den, Finanz­amt Moa­bit, das Finanz­amt Frank­furt, zuletzt auch noch der Haus­ver­wal­ter Bri­el und die Kom­mu­nal­ver­wal­tung – invol­viert waren, brach wie­der das Cha­os aus: Brie­fe über­schnit­ten sich, unter­schied­li­che Sach­be­ar­bei­ter waren damit befasst und Kom­pe­ten­zen waren unklar defi­niert. Der Wirr­warr ent­stand ursäch­lich aber dadurch, dass auf der einen Sei­te durch die Ver­schul­dung pri­vat­recht­li­che Ansprü­che auf das Ver­mö­gen der Abra­hams mit den poli­tisch-staats­recht­lich begrün­de­ten Maß­nah­men der Ber­li­ner Behör­den auf der ande­ren Sei­te in Kon­flikt gerie­ten, sodass die unter­schied­lichs­ten Ämter und Behör­den damit befasst waren.

So mel­de­te z. B. die Frank­fur­ter Gesta­po im April 1940 an das Finanz­amt Moa­bit, dem für im Aus­land leben­de Staats­bür­ger zustän­di­gen Finanz­amt,[93] die Immo­bi­li­en sei­en bei­de zwangs­ver­stei­gert wor­den, [94] was die­ser Behör­de zuvor im Febru­ar vom Finanz­amt Wies­ba­den gera­de anders dar­ge­stellt wor­den war.[95] Nur das Haus in der Rüdes­hei­mer Stra­ße war ver­stei­gert wor­den, das in der Dotz­hei­mer stand wei­ter­hin nur unter Zwangs­ver­wal­tung. Haus­ver­wal­ter Bri­el berich­te­te eben­falls nach Ber­lin, dass sei­nes Wis­sens nicht ein­mal ein Antrag auf Zwangs­ver­stei­ge­rung für die Dotz­hei­mer Stra­ße vor­lä­ge.[96]

 

Aus­bür­ge­rung von Bern­hard Abra­ham
HHStAW 519/​2 2087 d30b (22)

Am 25. Mai 1940 wur­de die Aus­bür­ge­rung von Bern­hard Abra­ham vor­schrifts­mä­ßig vom Reichs­in­nen­mi­nis­ter im „Deut­schen Reichs­an­zei­ger“ Nr. 120 öffent­lich bekannt gege­ben, womit die for­ma­le Vor­aus­set­zung eines Ver­mö­gens­ein­zugs gege­ben war, der sich aber zum einen nur auf 3/​8 des Hau­ses Dotz­hei­mer Stra­ße bezie­hen konn­te, zum ande­ren auch die­ser 3/​8‑Anteil wegen der hohen Schul­den­last fak­tisch kei­nen Ver­mö­gens­wert mehr darstellte.

Unge­ach­tet des­sen frag­te das jetzt durch die Aus­bür­ge­rung zustän­di­ge Finanz­amt Ber­lin Moa­bit am 25. April 1940, bereits vier Mona­te vor der im Reichs­an­zei­ger Nr. 179 vom 4. August 1941 öffent­lich bekannt gege­be­nen Beschlag­nah­mung sei­nes Ver­mö­gens, an, ob die Grund­stü­cke für „reichs­ei­ge­ne Zwe­cke“ in Betracht kom­men wür­den.[97] In einem dezi­dier­ten Bericht nach Moa­bit wur­de das von Trom­mers­hau­sen, dem Vor­sit­zen­den des Wies­ba­de­ner Finanz­amts, in Anbe­tracht des Zustands des Gebäu­de­kom­ple­xes verneint.

„Bei­de Häu­ser [Vor­der- u. Hin­ter­haus — K.F.] sind mehr als ver­wahr­lost … Nur eine 5 Zim­mer-Whg. im Vor­der­haus, die an einen Beam­ten der Luft­waf­fe ver­mie­tet ist, wur­de wohn­lich eingerichtet. …
Ich hal­te das Grund­stück für reichs­ei­ge­ne Zwe­cke … dau­ernd nur für beschränkt geeig­net, soweit es sich um die drei Woh­nun­gen des Vor­der­hau­ses handelt. …
Die 3 Woh­nun­gen des Hin­ter­hau­ses mit je 3 Zim­mern schei­den wegen ihrer Lage und Bau­art und des ver­wahr­los­ten Zustands als Woh­nung für Reichs­be­diens­te­te ganz aus.“
Gegen die Über­nah­me der Woh­nun­gen im Vor­der­haus, die bewohnt sei­en, sprä­chen die hohen auf­zu­wen­den­den Instand­set­zungs­kos­ten. „Auch vor­über­ge­hend kön­nen die Räu­me nicht benutzt wer­den, etwa zur Unter­brin­gung von Behör­den. Sie sind zu klein, man­gel­haft und nicht über­all heiz­bar.“[98]

Offen­sicht­lich hat­te sich auch in Ber­lin inzwi­schen die Erkennt­nis durch­ge­setzt, dass das Haus in der Dotz­hei­mer Stra­ße noch nicht zwangs­ver­stei­gert wor­den war, denn man war jetzt geneigt, auf einen Ver­kauf des Hau­ses hin­zu­wir­ken. Man wand­te sich des­halb zum einen wegen eines ange­mes­se­nen Ver­kaufs­prei­ses an den Ober­bür­ger­meis­ter der Stadt Wies­ba­den, zum ande­ren woll­te man vom Haus­ver­wal­ter wis­sen, ob die Erben, deren Ver­mö­gen durch die Beschlag­nah­mung von Bern­hards Anteil unbe­rührt blie­ben, einem Ver­kauf zustim­men wür­den und wer über eine ent­spre­chen­de Ver­kaufs­voll­macht ver­fü­ge. Das Haus war bis­her – so die Mel­dung von Bri­el am 13. Febru­ar 1942 nach Ber­lin – steu­er­lich wie wirt­schaft­lich als „arisch“ betrach­tet wor­den, war des­we­gen sogar steu­er­lich begüns­tigt behan­delt wor­den.[99] Auch hat­te sich die Mut­ter, die bis­her nichts von der Aus­bür­ge­rung ihres Soh­nes erfah­ren hat­te, gegen die­se zur Wehr gesetzt und dem Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten mit­ge­teilt, dass die­ser in Deutsch­land nur vor­über­ge­hend abge­mel­det sei und sich beim deut­schen Kon­su­lat in Aus­tra­li­en vor­schrifts­mä­ßig ange­mel­det habe. Außer­dem bemerk­te sie empört, dass ihr „Sohn nicht Bern­hard Isra­el heisst, da er Halb­ari­er ist“.[100]

Wohl wegen der Kom­ple­xi­tät der Lage kam es im Wei­te­ren weder zur Zwangs­ver­stei­ge­rung, noch zu einem Ver­kauf des Hau­ses. Da aber ein Ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren inzwi­schen ein­ge­lei­tet wor­den war, sei ein Ver­kauf oder auch eine Umschrei­bung des Besit­zes auf das Reich bis auf Wei­te­res nicht mehr mög­lich, so der Zwangs­ver­wal­ter Bri­el in einem Schrei­ben aus dem August 1942 an das Finanz­amt Wies­ba­den. Zudem kön­ne das Reich nach sei­ner Mei­nung an der Über­nah­me des Hau­ses kein Inter­es­se haben, weil es dann letzt­lich nur die Rest­schul­den über­neh­men wür­de.[101]

Die ins­ge­samt unkla­re Situa­ti­on mag der Grund dafür gewe­sen sein, dass das auf den frü­her erstell­ten Lis­ten als Juden­haus aus­ge­wie­se­ne Gebäu­de die­se Funk­ti­on fak­tisch nicht wahr­nahm. Weder wur­de die dort schon lan­ge woh­nen­de Fami­lie Blu­men­thal bzw. die ihrer Toch­ter Ste­pha­nie ein­ge­wie­sen noch ver­mut­lich Kla­ra Stern, die aller­dings erst im August 1939 ein­zog. Nicht mit Sicher­heit ist zu sagen, ob Cla­ra Levy, die mit die­ser Adres­se auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te vom 1. Sep­tem­ber 1942 stand, tat­säch­lich dort gewohnt hat­te. In einer Auf­stel­lung der Mie­ter des Jah­res 1941 durch den dama­li­gen Zwangs­ver­wal­ter Klier ist noch ein Mie­ter namens Land­au auf­ge­führt, der zumin­dest dem Namen nach einen jüdi­schen Hin­ter­grund gehabt haben könn­te. Aber bis­her war es nicht mög­lich, die­sen Mie­ter, des­sen Vor­na­me nicht bekannt ist, zu iden­ti­fi­zie­ren. Ansons­ten waren die Woh­nun­gen des Hau­ses Anfang der Vier­zi­ger­jah­re von etwa zehn nicht­jü­di­schen Mie­tern besetzt.[102]

Dar­über, was in der End­pha­se der NS-Herr­schaft mit dem Haus geschah, geben die Akten kei­ne Aus­kunft mehr. Man hat den Ein­druck, die Behör­den waren sich selbst nicht mehr über des­sen Sta­tus im Kla­ren. Am 24. März 1947 stell­ten die ehe­ma­li­gen Eigen­tü­mer des Hau­ses Dotz­hei­mer Str. 15, die Erben­ge­mein­schaft Abra­ham, den Antrag auf Rück­erstat­tung ihres ehe­ma­li­gen Besit­zes und die ent­spre­chen­de Ände­rung des Grund­buchs. Dann stell­te man aber fest, dass es im Grund­buch kei­ne Ein­tra­gun­gen gab, die auf eine vor­he­ri­ge Über­tra­gung der Eigen­tums­rech­te hin­ge­wie­sen hät­te, auch nicht für den beschlag­nahm­ten Anteil von Bern­hard Abra­ham, weder durch eine Zwangs­ver­stei­ge­rung noch durch eine for­ma­le Aneig­nung des NS-Staa­tes. Ein Rück­erstat­tungs­an­trag für das Haus in der Dotz­hei­mer Str. 15, nach dem Krieg gestellt von Bern­hard Abra­ham, respek­ti­ve Allan Ber­nard, erüb­rig­te sich aus die­sem Grund.[103] Das Haus in der Dotz­hei­mer Str. 15 war wei­ter­hin im Besitz der Erben, der bei­den Brü­der und ihrer Mut­ter. Das Haus in der Rüdes­hei­mer Str. 16, das 1939 zwangs­ver­stei­gert und im wei­te­ren Kriegs­ver­lauf erheb­lich beschä­digt wor­den war,[104] wur­de durch einen Ver­gleich nach dem Krieg den Neu­ei­gen­tü­mern, die eine Aus­gleichs­zah­lung zu leis­ten hat­ten, zuge­spro­chen.[105]

Dem Wie­der­gut­ma­chungs­an­trag von Bern­hard Abra­ham für „Scha­den in der Aus­bil­dung“ wur­de nach fast 5 Jah­ren statt­ge­ge­ben. Das war umso drin­gen­der, als er seit sei­ner Emi­gra­ti­on oft über lan­ge Zeit­räu­me krankt und auch arbeits­un­fä­hig war. Zuletzt hat­te er noch eine Anstel­lung als Schal­ter­be­am­ter, aber in sei­nem erlern­ten Beruf konn­te er nie mehr arbei­ten. Die Zah­lung von 5.000 DM erreich­te Bern­hard aber nicht mehr, weil er, schon lan­ge unter Depres­sio­nen lei­dend, am 13. Juni 1959 in Bris­bane in Aus­tra­li­en ver­starb.[106] Bis sei­ne Frau das Geld tat­säch­lich in Emp­fang neh­men konn­te, dau­er­te es wegen diver­ser büro­kra­ti­scher Hür­den fast noch ein­mal 10 wei­te­re Jahre.

Eric Ber­nard tritt in die aus­tra­li­sche Armee ein
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Eric Ber­nard ali­as Bern­hard Abra­ham
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Über den wei­te­ren Lebens­weg von Erik Abra­ham in Aus­tra­li­en ist nur wenig bekannt. Auch er hat­te sei­nen frü­he­ren Namen abge­legt und nann­te sich in Aus­tra­li­en Eric Robert Ber­nard.[107] Im Mai 1957 stell­te er, der zu die­sem Zeit­punkt sei­nen Lebens­un­ter­halt als Taxi­fah­rer ver­dien­te, nur einen Ent­schä­di­gungs­an­trag für sei­nen Aus­bil­dungs­scha­den.[108] Hier schil­der­te er knapp, sein Leben, nach­dem er von Paläs­ti­na wei­ter nach Aus­tra­li­en gereist war. Mit Kriegs­be­ginn wur­de er – ver­mut­lich weil Deut­scher, aber obwohl Halb­ju­de – zunächst als ene­my ali­en einer Arbeits­ko­lon­ne zuge­teilt, die im Hafen schwe­re Trans­port­ar­bei­ten zu ver­rich­ten hat­te. Unter den Ver­let­zun­gen, die er sich damals zuge­zo­gen hat­te, litt auch er sein gan­zes Leben. Am 10. März 1942 trat er dann in die aus­tra­li­sche Armee ein, sicher auch, um die dor­ti­ge Staats­bür­ger­schaft zu erlan­gen.[109] Wenn er sich in dem Auf­nah­me­for­mu­lar als Athe­is­ten bezeich­net, so ist dies vor dem Hin­ter­grund des Erleb­ten und Erlit­te­nen nur all­zu ver­ständ­lich. Er wohn­te damals in der Stadt Caul­field im Staat Vic­to­ria, der Stadt, in der auch Peg­gy, die Toch­ter sei­ner Cou­si­ne Lucy, gebo­ren wur­de. Man kann somit davon aus­ge­hen, dass die bei­den geflo­he­nen Fami­li­en­mit­glie­der der Bier­stad­ter Abra­hams dort zumin­dest anfäng­lich gemein­sam leb­ten, ob in einem Haus oder nur zusam­men in der Stadt, lässt sich nicht mehr feststellen.
1944 hei­ra­te­te Eric Robert die Aus­tra­lie­rin Leo­no­ra Ada Mur­rell, mit der er zusam­men ein Kind hat­te, das um das Jahr 1955 gebo­ren wur­de.[110] 
Wann Erik Ber­nard, vor­mals Erik Abra­ham, ver­starb, konn­te nicht ermit­telt werden.

Die Mut­ter, Annie Abra­ham, blieb als Nicht­jü­din wäh­rend der Nazi­zeit in Deutsch­land, konn­te aber wohl nach dem Krieg ihre Kin­der in Aus­tra­li­en besu­chen, wo sie mehr als drei Jah­re blieb.[111] Nach ihrer Rück­kehr nach Deutsch­land ging sie am 15. Juni 1951 mit Jakob Schmitz, gebo­ren am 16. Okto­ber 1875 in Schwarz /​ Rhein­dorf, eine neue Ehe ein.[112]

 

Ver­öf­fent­licht: 23. 11. 2017

Letz­te Revi­si­on: 24. 06. 2026

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Am 22.4.1878 war in Lan­gen­hain, dem Geburts­ort der Ehe­frau, die Ehe geschlos­sen wor­den, Hei­rats­re­gis­ter Lan­gen­hain 3 /​1878.

[2] Zum Grün­dungs­da­tum sie­he die Anga­be  in HHStAW 518 695 I (85).

[3] Juli­us wur­de am 17.1.1879, , Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 5 /​ 1879; Dani­el Theo­dor am 13.9.1880, Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 40 /​ 1880; Gus­tav am 21.6.1882, , Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 28 /​ 1882; Sieg­mund am 23.3.1884, Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 17 /​ 1884 und Leo­pold Fritz am 21.5.1889, Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 29 /​ 1889, gebo­ren. Etwas ver­wir­rend sind Auf­zeich­nun­gen über die Geschich­te der jüdi­schen Gemein­de Bier­stadt, in denen die dort leben­den jüdi­schen Fami­li­en knapp vor­ge­stellt wer­den. Auch die Fami­lie Abra­ham wird kurz erwähnt. Es heißt da: „In der Lang­gas­se (Raiff­ei­sen­stra­ße) betrieb der 1886 in Bier­stadt gebo­re­ne Gis­bert Abra­ham ein Tuch­ge­schäft. Beson­ders beliebt war sein blau­er Schür­zen­stoff.“ 1075 Jah­re Bier­stadt, S. 83. Aus der Adress­an­ga­be muss man schlie­ßen, dass ein wei­te­res Mit­glied der hier behan­del­ten Fami­lie Abra­ham han­deln gemeint ist. Ein sol­ches Mit­glied mit dem Namen Gis­bert ist aber nicht bekannt. Laut Geburts­re­gis­ter wur­de im Jahr 1886 in kei­ner Fami­lie Abra­ham über­haupt ein Kind gebo­ren. Ver­wun­der­lich ist wei­ter­hin, dass auf einer Skiz­ze des Ortes mit den Anschrif­ten sei­ner jüdi­schen Bewoh­ner eben­falls die­ser Gis­bert Abra­ham ein­ge­zeich­net ist. Ob es sich um den­sel­ben Autor han­delt, ist nicht bekannt, aber zu ver­mu­ten. Mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit han­delt es sich aber um einen Feh­ler. Gemeint ist wahr­schein­lich Sieg­mund Abra­ham, der aller­dings 1884 zur Welt kam.

[4] Hei­rats­re­gis­ter Ber­lin 1393 /​ 1905. Die Eltern der Braut waren der Gärt­ner Her­mann Puls und sei­ne Frau Augus­ta, gebo­re­ne Schwarz.

[5] Geburts­re­gis­ter Ber­lin 103 /​ 1906.

[6] Ster­be­re­gis­ter Ber­lin 574 /​ 1907

[7] Ster­be­re­gis­ter Ber­lin-Neu­kölln I 13 /​ 1920. Auch sein Bru­der Leo­pold war als Unter­of­fi­zier im Ers­ten Welt­krieg ein­ge­zo­gen wor­den, kam aber, anders als sei­ne bei­den Brü­der Dani­el und Juli­us, rela­tiv unbe­scha­det wie­der zurück.

[8] Hei­rats­re­gis­ter Bier­stadt 39 /​ 1923. Edward Lewis war am 31.8.1890 als Sohn des aus­ge­wan­der­ten Bri­ten Charles Lewis und sei­ner Frau Pau­li­ne, gebo­re­ne Epstein, in El Paso gebo­ren wor­den. Sie­he https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​1​1​7​4​/​r​e​c​o​r​d​s​/​6​4​6​781. (Zugriff 31.05.2026).

[9] HHStAW 685 5a (22).

[10] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 547 /​ 1927.

[11] Vie­le Infor­ma­tio­nen über das Schick­sal der Fami­lie von Sieg­mund Abra­ham beru­hen auf dem beein­dru­cken­den Erin­ne­rungs­buch, das sei­ne Enke­lin ange­fer­tigt und dem Autor des vor­lie­gen­den Tex­tes freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt hat.
Auch Peter Rie­se aus Bier­stadt ist zu dan­ken, der sein Archiv über die Geschich­te Bier­stadts für die­se Doku­men­ta­ti­on eben­falls bereit­wil­lig geöff­net hat.

[12] Die Eltern von Rosa Som­mer waren Mar­dachä­us und Kla­ra Som­mer, geb. Kan­der, die zum Zeit­punkt der Hoch­zeit, dem 21.3.1912, in Würz­burg, dem Ort der Ehe­schlie­ßung, leb­ten, sie­he Hei­rats­re­gis­ter Würz­burg 129 /​ 1912. Hei­rats­re­gis­ter Würz­burg 129 /​ 1887. Der Geburts­schein von Rosa Som­mer trägt die Regis­ter­num­mer 99 /​ 1897 des Stan­des­amts Wert­heim, sie­he HHStAW 518 52930 (5).

[13] Geburts­re­gis­ter Bier­stadt 17 /​ 1913 und 27 /​ 1918.

[14] Nach den Bilan­zen der Jah­re 1929 bis 1933 wur­den trotz Welt­wirt­schafts­kri­se Brut­to­ge­win­ne zwi­schen 20 und 30 000 RM erwirt­schaf­tet, das jähr­li­che Ein­kom­men lag bei etwa 10.000 bis 15.000 RM und das Ver­mö­gen von Sieg­mund Abra­ham betrug 1935 63.000 RM. Sie­he 518 695 I (26) und (85). Das Haus in der Goe­ben­stra­ße wur­de 1937 ver­kauft, nach dem Krieg wie­der zurück­er­stat­tet, das Haus in Bier­stadt wur­de gegen eine Aus­gleichs­zah­lung dem neu­en Eigen­tü­mer über­las­sen, sie­he ebd. (39).

[15] HHStAW 518 695 I 86.

[16] Pri­vat­ar­chiv Peter Riese.

[17] Ebd. (85).

[18] Ebd.

[19] Sie­he zu dem gesam­ten Vor­gang, der auch in einem Poli­zei­pro­to­koll fest­ge­hal­ten wur­de, HHStAW 518 5291, i. B. (4, 10–12, 45, 113).

[20] HHStAW 518 695 I (85). In einer Anmer­kung in der Genea­lo­gi­schen Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung unter The­re­se Som­mer, der Frau von Sieg­fried Abra­ham, ist die Ari­sie­rung des Betrie­bes aller­dings erst auf das Jahr 1935 datiert. Es heißt hier ergän­zend, dass der Käu­fer die ver­ein­bar­te Kauf­sum­me nicht zah­len konn­te, die Nazis hät­ten dar­auf­hin Abra­hams, die zuvor nach Frank­furt ver­zo­gen sei­en, wie­der nach Bier­stadt zurück­be­or­dert. Eine Quel­len­an­ga­be für die­se Infor­ma­ti­on ist aller­dings nicht vor­han­den. Die Ent­schä­di­gung für Scha­den am wirt­schaft­li­chen Fort­kom­men wur­de aber tat­säch­lich vom 1.4.1933 an gewährt, sie­he ebd. (112 f).

[21] HHStAW 518 695 I (21).

[22] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​5​7​1​1​-​0​0​8​1​?​p​I​d​=​2​2​0​1​3​553. (Zugriff 31.05.2026).

[23] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​r​e​c​o​r​d​s​/​2​1​2​6​6​0​3​2​?​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​4​0​4​1​9​d​3​8​-​a​1​1​0​-​4​1​9​d​-​b​9​d​2​-​e​7​c​d​0​0​5​7​c​8​5​4​&​_​p​h​s​r​c​=​S​b​T​2​3​4​6​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff 31.05.2026).

[24]

[25] HHStAW 518 695 I (22). Unter den Aus­ga­ben sind hier neben den all­ge­mei­nen Lebens­hal­tungs­kos­ten für die Fami­lie von ins­ge­samt 16.000 RM auch die Kos­ten für die Infor­ma­ti­ons­rei­se in die USA mit 1.200 RM und die Aus­stat­tung der Toch­ter anläss­lich ihrer geplan­ten Aus­wan­de­rung in Höhe von 7.000 RM angeführt.

[26] Ebd. (57).

[27] HHStAW 474/​11 36 (pas­sim).

[28] Ebd. Falsch ist aller­dings sei­ne Ver­mu­tung, die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be habe sich etwa in glei­cher Höhe belau­fen müs­sen. Die­se Son­der­steu­er für Juden wur­de erst nach dem Pogrom von 1938 erho­ben, konn­te also nicht mehr von Sieg­mund Abra­ham, der bereits 1937 das Land ver­ließ, gefor­dert werden.

[29] Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983, dazu HHStAW 518 695 I (39).

[30] Ebd. (101 f.).

[31] Allein die Kos­ten für die Aus­wan­de­rung der vier­köp­fi­gen Fami­lie belie­fen sich auf  3.000 £ und wur­den mit 7.000 DM ent­schä­digt, ebd. (137).

[32] Ebd.(35 f.).

[33] Zu den Ein­rei­se­be­din­gun­gen nach Aus­tra­li­en sie­he Hdb. der deutsch­spra­chi­gen Emi­gra­ti­on 1933 – 1945, S. 162 f. Bis 1937 hat­te Aus­tra­li­en eine sehr restrik­ti­ve Ein­wan­de­rungs­po­li­tik ver­folgt, die nur weni­gen hun­dert zah­lungs­kräf­ti­gen Emi­gran­ten die Ein­rei­se ermög­lich­te. Nach gewis­sen Erleich­te­run­gen ab 1937 waren es dann zunächst ca. 500, die auf­ge­nom­men wur­den. Obwohl auch wei­ter­hin die Ein­rei­se­be­wil­li­gung an finan­zi­el­le Bedin­gun­gen geknüpft wur­de, schnell­ten die Zah­len in den fol­gen­den Jah­ren hoch, sodass ins­ge­samt etwa 7 000 Flücht­lin­ge dort­hin gelangten.

[34] Ebd. (30b). Bei einer spä­te­ren Ein­rei­se in die USA gab Clai­re Inge­borg an, die USA am 9.5.1937, also unmit­tel­bar vor der Aus­rei­se nach Aus­tra­li­en, ver­las­sen zu haben, sie­he https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​9​4​9​/​r​e​c​o​r​d​s​/​1​4​7​0​594. (Zugriff 31.05.2026).

[35] Die poli­zei­li­che Abmel­dung aus Frank­furt, wo die Eltern zuletzt in Unter­mie­te in der Bocken­hei­mer Land­str. 93 gewohnt hat­ten, sie­he HHStAW 518 695 I (21). Die Toch­ter Klä­re Inge­borg hat zu die­ser Zeit dem­nach nicht mehr bei den Eltern gewohnt. Aber auch sie ist auf der Pas­sa­gier­lis­te als „Miss I. Abra­ham“ ein­ge­tra­gen, sie­he ebd. (130b). Zur Reichs­flucht­steu­er sie­he HHStAW 518 695 I (26). Frap­pie­rend in der Argu­men­ta­ti­on des mit dem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren befass­ten Juris­ten, immer­hin Jus­tiz­rat und Notar, ist aller­dings die völ­li­ge Unkennt­nis des his­to­ri­schen Hin­ter­grunds der Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be, von der er annimmt, dass auch sie in etwa glei­cher Höhe von den Abra­hams gezahlt wor­den sein müs­se. Zum Zeit­punkt der Aus­rei­se 1937 war die­se Son­der­steu­er im Gefol­ge der „Reichs­kris­tall­nacht“ noch über­haupt nicht erlas­sen worden.

[36] HHStAW 518 695 I (137, 169).

[37] HHStAW 518 695 I (133).

[38] Bertl David Fischl Abra­ham ver­starb am 14.8.1994 in New York.

[39] Es han­del­te sich um das Kauf­haus ‚Bon­wit Tel­ler‘ in der 5th Ave­nue, das inzwi­schen abge­ris­sen wur­de, um Platz für den prot­zi­gen Trump-Tower zu machen.

[40] Die Eltern des Bräu­ti­gams waren Sali und Irma, gebo­re­ne Gideon, denen zuvor die Flucht in die USA gelun­gen war.

[41] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​6​0​6​1​4​/​r​e​c​o​r​d​s​/​2​3​512. (Zugriff 31.05.2026).

[42] https://​images​.fin​da​gra​ve​.com/​p​h​o​t​o​s​/​2​0​1​1​/​5​7​/​6​6​1​9​2​1​5​0​_​1​2​9​8​8​6​8​1​1​2​4​3​.​jpg und https://​images​.fin​da​gra​ve​.com/​p​h​o​t​o​s​/​2​0​1​1​/​5​7​/​6​6​1​9​2​1​4​9​_​1​2​9​8​8​6​8​0​1​0​8​4​.​jpg. (Zugriff 31.05.2026).

[43] Hei­rats­re­gis­ter Köln II 723 /​ 1914. Die Eltern der am 3.2.1889 in Yer­res /​ Paris gebo­re­nen Anna Abra­ham (genannt Annie) waren Joseph Mes­ser­schmidt und Anna Maria, geb. Melsheimer.

[44] HHStAW 518 50685 (6), mit den offi­zi­el­len Geburts­da­ten der bei­den Kinder.

[45] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 78 Bl. 1167 Innen.

[46] Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1920 ist Gus­tav Abra­ham erst­mals als Eigen­tü­mer des Hau­ses ein­ge­tra­gen. Im Adress­buch 1918 ist als Vor­ei­gen­tü­mer Han­son angegeben.

[47] HHStAW 685 2 a (2, 4).

[48]  HHStAW 685 5a (15). Spä­ter zog er aber in die sicher luxu­riö­se­re Main­zer Str. 20. Das dor­ti­ge ehe­ma­li­ge Gebäu­de ist heu­te durch einen Neu­bau ersetzt wor­den. Aller­dings besa­ßen Abra­hams das brach­lie­gen­de Nach­bar­grund­stück Main­zer Str. 118, das als Bau­land aus­ge­wie­sen war, aber in den Jah­ren bis zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs unbe­baut blieb. In einem Schrei­ben an das Finanz­amt Wies­ba­den erklär­te Leo­pold Abra­ham 1927, das Grund­stück sei erwor­ben wor­den, um „dort spä­ter nach Ablauf unse­res Miet­ver­tra­ges im Jahr 1930 ein neu­es Fabrik­ge­bäu­de zu errich­ten“. Sie­he HHStAW 685 5c (67).

[49] HHStAW 518 50698 (14).

[50] Für das Jahr 1920 wur­de ihm ein Ein­kom­men von 7.500 RM bestä­tigt, HHStAW 685 5 (6). 1922 bat er das Finanz­amt Wies­ba­den um Stun­dung der Ein­kom­mens­steu­er mit dem Argu­ment,  sein gesam­tes Ver­mö­gen sei in der Fir­ma sei­nes Bru­ders ange­legt und kön­ne nicht ohne Wei­te­res her­aus­ge­nom­men werden.

[51] Ebd. (17).

[52] In den frü­hen Zwan­zi­ger­jah­ren wur­de in Wies­ba­den eine wei­te­re Fir­ma in der­sel­ben Bran­che gegrün­det: die ‚Gebr. Abra­ham A.G. Mön­chen Glad­bach‘, als deren Vor­stand die zwei Brü­der Juli­us und Gus­tav Abra­ham fun­gier­ten. Sie stamm­ten aller­dings aus Schloch­au in West­preu­ßen. Sitz der Fir­ma und ihres Direk­tors Juli­us Abra­ham war zunächst die Hum­boldt­str. 10, die laut Adress­buch als Immo­bi­lie auch in sei­nem Besitz war, spä­ter die Gold­gas­se 4. Sein Bru­der Gus­tav wohn­te in der Les­sing­str. 4. Die­se zufäl­li­ge Iden­ti­tät der Namen und der Bran­che ist, wenn man die Unter­neh­mun­gen in den Adress­bü­chern iden­ti­fi­zie­ren will, mit­un­ter sehr ver­wir­rend. Die Fir­ma wur­de 1927 an das Kauf­haus Lud­wig Tietz ver­kauft und war zum 28.3.1929 end­gül­tig erlo­schen. Sie­he HHStAW 685 6 (pas­sim).

[53] HHStAW 685 2 a (20). Es han­delt sich um die Ehe­frau von Juli­us Abra­ham, der aller­dings nicht iden­tisch mit dem Schwa­ger von Anna Abra­ham war. Der Ehe­mann von Cor­ne­lia Abra­ham war am 12.9.1886 in Schloch­au in West­preu­ßen gebo­ren wor­den. Ob es eine ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hung zwi­schen den bei­den Abra­ham-Fami­li­en gab, ist nicht bekannt.

[54] HHStAW 685 5c (56).

[55] Eben­falls im Jahr 1924 hat­te ihr Bru­der Sieg­mund, wie bereits ver­merkt, die Immo­bi­lie in der Wies­ba­de­ner Goe­benstr. 32 erworben.

[56] HHStAW 518 50685 (13).

[57] HHStAW 685 5a (45 f.).

[58] Ebd. (111).

[59] Sie­he dazu den Pro­zess um die Siche­rungs­ein­tra­gun­gen im Grund­buch, Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 78 Bl. 1167 Innen (153 ff).

[60] HHStAW 685 2b (53 f.)

[61] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 78 Bl. 1167 Innen (137).

[62] HHStAW 685 5a (14). In der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung des Jah­res 1933 ist noch prä­zi­ser fest­ge­hal­ten, Leo­pold Abra­ham sei „bereits seit Ende April 1933 mit unbe­kann­tem Auf­ent­halt von Wies­ba­den fort“. Ebd. (24). Im Adress­buch von 1934/​35 ist Leo­pold Abra­ham  noch als Eigen­tü­mer des Römer­berg 14 auf­ge­führt, aller­dings mit dem Zusatz „aus­wärts“.

[63] Ebd. (o.P.).

[64] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​9​4​9​/​r​e​c​o​r​d​s​/​1​3​8​4​072. (Zugriff 31.05.2026).

[65] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​1​6​6​4​/​r​e​c​o​r​d​s​/​3​0​0​0​2​9​558. (Zugriff 31.05.2026).

[66] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​8​7​0​4​/​r​e​c​o​r​d​s​/​5​8​238. (Zugriff 31.05.2026).

[67] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​3​9​9​8​/​r​e​c​o​r​d​s​/​1​3​0​7​943. (Zugriff 31.05.2026).

[68] Abe Abra­ham Mischel selbst war der geschie­de­ne Vater von 4 Kindern.

[69] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​6​2​3​0​8​/​r​e​c​o​r​d​s​/​2​6​1​1​3​4​844. (Zugriff 31.05.2026).

[70] https://​www​.ancestry​.de/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​p​e​r​s​o​n​/​t​r​e​e​/​1​2​0​6​1​4​7​1​2​/​p​e​r​s​o​n​/​2​8​2​3​1​1​3​1​0​1​9​2​/​f​a​c​t​s​?​_​p​h​s​r​c​=​S​b​T​2​4​8​9​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff 31.05.2026). 1940 hat­te die Devi­sen­stel­le Frank­furt noch ein­mal eine Über­prü­fung der „Nas­saui­schen Woll­wa­ren­fa­brik“ anbe­raumt, obwohl die Fir­ma längst nicht mehr exis­tier­te. In einem Ver­merk heißt es aller­dings, dass das Ver­fah­ren ein­ge­stellt wor­den sei, weil die bei­den Inha­ber, Gus­tav und Leo­pold, nach Recher­chen des Gewer­be­steu­er­amts und der Poli­zei inzwi­schen ver­stor­ben sei­en. Sie­he HHStAW 519/​3 23661 (2). Zumin­dest im Hin­blick auf Leo­pold Abra­ham ein Irrtum!

[71] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​5​1​8​0​/​r​e​c​o​r​d​s​/​5​0​5​0​839. (Zugriff 31.05.2026).

[72] HHStAW 519/​2 2089 (6). Hat­te der erwirt­schaf­te­te Gewinn 1928 noch 18.100 RM betra­gen, so hat­te er sich im fol­gen­den Jahr um mehr als die Hälf­te auf  rund 7.000 RM redu­ziert, sie­he Ein­kom­men­steu­er­mel­dun­gen HHStAW 519/​2 2088.

[73] HHStAW 685 5a (17).

[74] Für die Dotz­hei­mer Str. 15 ste­hen in der Bilanz von 1933 den Miet­ein­nah­men von 4.247 RM Aus­ga­ben von 4.438 RM ent­ge­gen, sodass 191 RM als Ertrag des gesam­ten Jah­res blie­ben, sie­he HHStAW 685 2 (85). In den Jah­ren zuvor war das nur gering­fü­gig mehr.

[75] Der Ein­heits­wert der bei­den Wohn­ge­bäu­de war im Jahr 1932 auf 79.800 RM bzw. 43.300 fest­ge­legt wor­den, 1935 aber neu berech­net und auf 55.800 RM bzw. 34.600 RM her­ab­ge­setzt wor­den, sie­he HHStAW 519/​2 2089 (7,8) und HHStAW 685 2 (48, 49).

[76] HHStAW 685 2 c.

[77] HHStAW 685 2 a (101) Die V‑Liste ist die beim Finanz­amt geführ­te Vermögensteuerkontroll-Liste.

[78] So konn­te er in den Jah­ren 1928 noch etwa 3.4000 RM, 1929 noch 1.350 RM als gewerb­li­ches Ein­kom­men ver­steu­ern. Sie­he HHStAW 519/​2 2088 (11, 26).

[79] Nicht nach­zu­voll­zie­hen ist, wie­so die Mut­ter im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren zunächst angab, er habe in Reut­lin­gen Examen gemacht, dann aber weni­ge Wochen spä­ter ein­ge­ste­hen muss­te, dass er dort kei­nen Abschluss gemacht hat­te. Sie­he HHStAW 51850685 (9, 13). Ins­ge­samt blei­ben die Aus­füh­run­gen der Mut­ter zur Bio­gra­fie ihrer Söh­ne dif­fus und widersprüchlich.

[80] HHStAW 518 50685 (9).

[81] HHStAW 518 50685 (11). Es han­del­te sich bei die­ser Aus­rei­se um kei­ne offi­zi­el­le Aus­wan­de­rung, Bern­hard war wei­ter­hin deut­scher Steu­er­bür­ger, der bis 1936 eine Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung, aller­dings ohne ein Ein­kom­men erzielt zu haben, abgab. Laut ‚Map­ping the Lives‘ war er damals über Bel­gi­en aus­ge­wan­dert. Bele­ge dafür sind nicht ange­ge­ben, sie­he https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​3​2​9​0​6​8​3​a​-​2​3​5​a​-​4​f​b​4​-​9​8​a​0​-​d​d​4​d​1​9​d​6​5​1​0​8​?​f​o​r​e​n​a​m​e​=​B​e​r​n​h​a​r​d​&​s​u​r​n​a​m​e​=​A​b​r​a​h​a​m​&​r​e​s​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​b​i​r​t​h​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​d​e​a​t​h​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​d​e​p​o​r​t​a​t​i​o​n​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​e​m​i​g​r​a​t​i​o​n​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​e​x​p​u​l​s​i​o​n​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​i​m​p​r​i​s​o​n​m​e​n​t​_​s​i​n​g​l​e​_​f​d​=​f​a​l​s​e​&​l​a​t​=​5​0​.​3​0​6​1​8​5​6​&​l​o​n​=​1​2​.​3​0​0​7​0​8​3​&​z​o​o​m​=​6​&​m​a​p​_​a​g​g​=​r​e​s​i​d​e​n​c​e​&​l​a​n​g​u​a​g​e​=de. (Zugriff 31.05.2026).

[82] HHStAW 518 50685 (11, 13).

[83] HHStAW 50698 (3, 9).

[84] HHStAW 518 50685 (9) In einem Brief des Haus­ver­wal­ters Bri­el an den Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten von Ber­lin-Bran­den­burg vom 27.3.42 erwähnt die­ser, Erik sei 34 oder 35 nach Aus­tra­li­en aus­ge­wan­dert, sie­he HHStAW 519/​2 2087 (29).

[85] HHStAW 685 2 a (1, 6).

[86] HHStAW 519/​2 2087 (d2, d3) und HHStAW 685 2 (6).

[87] HHStAW 518 50698 (1).

[88] HHStAW 519/​2 2087 (d4) Schrei­ben vom 8. bzw. 13.3.1939.

[89] Ebd. (d75, d76) Ein glei­cher Auf­trag erging vom Finanz­amt Moa­bit, dem bei Ver­mö­gens­ent­zug auf der Basis des Ent­zugs der Staats­an­ge­hö­rig­keit zustän­di­gen Finanz­amt. Bern­hard Abra­ham war nach NS-Defi­ni­ti­on nur Halb­ju­de.

[90] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 78 Bl. 1167 Innen (152).

[91] In die­sem Schrei­ben des Finanz­amts Wies­ba­den vom 16.2.1940 heißt es wei­ter­hin: „Bern­hard Abra­ham ist am 13. Juli 1937 nach Brüs­sel aus­ge­wan­dert.“ Er habe zuletzt in der Rüdes­hei­mer Stra­ße bei sei­ner Mut­ter gewohnt, HHStAW 519/​2 2087 (d8). Es kann also nicht gänz­lich aus­ge­schlos­sen wer­den, dass Bern­hard von Paläs­ti­na noch ein­mal nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt war, bevor er dann über Brüs­sel nach Aus­tra­li­en aus­wan­der­te. Aller­dings gibt es sonst kei­ne Hin­wei­se auf eine sol­che Rückkehr.

[92] HHStAW 519/​2 2087 (4).

[93] Sie­he i.B. zur Rol­le des Finanz­amts Moa­bit, Meinl /​ Zwil­ling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 243 f.

[94] HHStAW 519/​2 2087 (d84).

[95] Ebd. (d8).

[96] Ebd. (d83).

[97] Ebd. (d12).

[98] Ebd. 2087 (26)

[99] Ebd., dar­in auch der vom Finanz­amt Wies­ba­den am 20.5.41 ange­for­der­te Grund­buch­aus­zug vom Amts­ge­richt, der die­se Eigen­tums­ver­hält­nis­se und die seit dem 12.6. 34 bestehen­de Zwangs­ver­wal­tung des Grund­stücks bestätigt.

[100] HHStAW 519/​2 2087 (d46). Her­vor­he­bung im Original.

[101] Ebd. (d66).

[102] Ebd. (27–30).

[103] HHStAW 519/​2 2087 (d90).

[104] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 109 Bl. 1643 Innen (157, 159).

[105] Ebd. (193).

[106] HHStAW 518 50685 (38). Der Name sei­ner Frau war Edna May, gebo­re­ne Stan­ley. Das Paar hat­te eine Toch­ter, die zum Zeit­punkt des Todes ihres Vaters in Syd­ney als Leh­re­rin tätig war, ebd. (39).

[107] HHStAW 519 50698 (1).

[108] Ebd. (pas­sim).

[109] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​6​1​9​8​7​/​r​e​c​o​r​d​s​/​1​2​310. (Zugriff 31.05.2026).

[110] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​6​1​6​4​9​/​r​e​c​o​r​d​s​/​1​4​5​3​956. (Zugriff 31.05.2026)., dazu HHStAW 518 50698 (1).

[111] HHStAW 518 50685 (39).

[112] Hei­rats­re­gis­ter Schlan­gen­bad 8 /​1951.