
Eigene Aufnahme


Die beiden Judenhäuser in der Dotzheimer Str. 15 und der Rüdesheimer Str. 16 stellen eine Besonderheit unter den Judenhäusern dar, weil sie anders als üblich nicht in jüdischem Besitz waren. Beim Haus in der Dotzheimer Straße waren die Eigentumsverhältnisse so unklar, dass sogar die Behörden und Parteistellen zuletzt selbst den Überblick verloren hatten. Zwar wurden die Gebäude faktisch nicht bzw. kaum als Judenhäuser genutzt, dennoch ist es mehr als erstaunlich, dass auch sie auf die Liste von 1940 gerieten, da zum Zeitpunkt der Einrichtung der Judenhäuser diese unklaren Verhältnisse bereits bestanden und es angesichts der Vielzahl von jüdischen Immobilien hinreichend Alternativen gegeben hätte. Verwoben ist die Geschichte der beiden Häuser mit dem Schicksal der aus Wiesbaden-Bierstadt stammenden Eigentümerfamilie Abraham, die durch die Wirtschaftskrisen der Zeit und die Verfolgung, die sie zu erleiden hatte, zerbrach. Umso erstaunlicher ist es aber, dass kein Mitglied der Familie unmittelbar Opfer des Holocaust wurde. Allen, die nicht schon vor der letzten Phase der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik verstorben waren, gelang die Flucht ins Exil. Sie konnten zwar ihr Leben retten, aber alles andere war verloren. Der Neuanfang in einem fremden Land bedeutete für alle eine schwierige Zeit mit vielen Entbehrungen und Belastungen.
Familie Abraham

GDB
Gustav Abraham war einer von fünf Söhnen von Bernhard Abraham und seiner Frau Julia, geb. Rosenthal, einer jüdischen Familie, die seit mindestens drei Generationen in Wiesbaden-Bierstadt ansässig war.[1] Der Großvater Daniel Abraham hatte schon das Handwerk eines Schuhmachers ausgeübt, der Vater Bernhard Abraham war bereits zum Unternehmer aufgestiegen und hatte 1872 in dem Wiesbadener Vorort ein Geschäft für Manufakturwaren eröffnet.[2] In einem der älteren Adressbücher von Nassau, dem des Jahres 1891/92, ist das Geschäft erstmals mit der Adresse Kälbergasse 11 eingetragen. Auch war das Haus damals schon im Besitz des Geschäftsinhabers. Um 1907 wurde die Straße in Ellenbogengasse umbenannt.

Privat
Ihm und seiner Frau Julia waren zwischen 1879 und 1889 in ihrem dortigen Haus in der heutigen Bogengasse 12 fünf Söhne geboren worden, zunächst Julius, dann Daniel Theodor. Es folgten ab dem Jahr 1882 Gustav, der spätere Eigentümer der beiden Judenhäuser, 1984 Siegmund und zuletzt 1889 noch Leopold Fritz.[3]
Schon geraume Zeit vor dem Tod des Firmengründers am 22. Oktober 1913 war das Unternehmen an die Söhne übertragen worden, das fortan unter der Bezeichnung „Gebrüder Abraham Wiesbaden“ firmierte. Bereits im Adressbuch von 1911 ist Bernhard nur noch als Privatier eingetragen, jetzt wohnhaft in der Wilhelmstr. 25, der heutigen Limesstraße. Das Geschäft befand sich von da an bis 1917 wenige Häuser weiter in der Wilhelmstr. 29, an der Ecke Limes-/Poststraße mitten im Zentrum von Bierstadt.
Ob der zweitälteste Sohn Daniel daran noch beteiligt war, ist eher unwahrscheinlich, denn er war als Kaufmann damals schon in Berlin ansässig, wo er am 3. November 1905 die evangelische Frieda Emma Elisabeth Puls aus Bornis bei Potsdam heiratete.[4] Dem Paar wurde am 9. Januar 1906 eine Tochter geschenkt, die den Namen Lucie erhielt.[5]

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Die Ehe, so muss man sagen, stand leider unter keinem guten Stern, denn die Mutter verstarb schon am 22. Februar des folgenden Jahres, vermutlich im Zusammenhang mit einer weiteren Geburt.[6] Daniel Abraham selbst fiel am 28. September 1918 in einer der mörderischen Schlachten des Ersten Weltkriegs.[7] Die noch im Kindesalter zur Waise gewordene Tochter wurde offenbar von ihren Bierstadter Verwandten aufgenommen und großgezogen. Zumindest ist, als sie am 12. Dezember 1923 unter Beisein der Trauzeugen Siegmund und Leopold Abraham in Bierstadt den amerikanischen Staatsbürger Eduard Lewis heiratete, der Wiesbadener Vorort als ihr Wohnort angegeben.[8] Sein Beruf ist in dem Heiratseintrag mit Chemiker angegeben, aber später war er in Australien als Diamantenhändler aktiv. Vermutlich waren die beiden bald nach der Hochzeit auf den fünften Kontinent ausgewandert, wo sich für den Chemiker mit einem Interesse am Diamantenhandel ganz sicher große Perspektiven eröffneten. Dass später viele Familienmitglieder angesichts der Bedrohung ihres Lebens durch die Nazis, Rettung in Australien suchten, ist vermutlich auf diese Verbindung zu ihrer Nichte Lucie, später Lucy, zurückzuführen.

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Wie das väterliche Erbe zwischen den Brüdern im Detail aufgeteilt wurde, ob auch Lucie dabei bedacht wurde, war nicht mehr festzustellen. Allerdings erscheint in der Bilanz des Jahres 1922 der von den Brüdern zuvor gegründeten ‚Nassauischen Wollwarenfabrik’ eine kleine Einlage in das Unternehmen in ihrem Namen.[9] Das Haus in der Wilhelmstraße war nach Angaben der Adressbücher wohl zunächst dem ältesten Sohn Julius überschrieben worden. Ob das aber den Tatsachen entsprach, ist ungewiss.
Denn auch er war wie sein Bruder Daniel ein Opfer des Ersten Weltkriegs geworden. Zwar fiel er nicht in einer der mörderischen Schlachten, aber er erholte sich nie mehr von den traumatischen Erfahrungen, die er in den Gemetzeln an den verschiedenen Fronten machen musste. Nach einem Kopfschuss, den er bereits im September 1915 erhalten hatte, nach einem mehrmonatigen Lazarettaufenthalt und dem erneuten Kriegseinsatz an der Ostfront, kam er 1915 in russische Gefangenschaft. Erst 1920 kehrte er nach Deutschland zurück, krank, apathisch, depressiv und weitgehend arbeitsunfähig. Sein weiteres Leben, in dem die Krankheitssymptome sich immer stärker ausprägten, verbrachte er in unterschiedlichen psychiatrischen Pflegeanstalten, in der Israelitischen Anstalt Sayn, wo er bereits im Januar 1921 erstmals eingeliefert wurde, in den Universitätskliniken Göttingen und Marburg und zuletzt noch für wenige Wochen auf dem Eichberg bei Eltville im Rheingau.

HHStAW 430/1 8035

Laut seiner Krankenakte war bei ihm schon 1924 eine fortgeschrittene Schizophrenie diagnostiziert worden, die ihm eine eigenständige Lebensführung unmöglich machte. Zwei Tage vor seinem Ableben war er vom Eichberg noch in das Wiesbadener Krankenhaus überführt worden, wo er am 24. April 1927, also nur zwei Jahre nach seinem Bruder Gustav, verstarb.[10]
Die Familie von Siegmund Abraham

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Anzeigen der ‚Gebrüder Abraham‘

Anzeige vom 22.10.1910
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Mit dem Ende des Krieges scheinen die Brüder die Eigentumsverhältnisse neu geordnet zu haben, denn ab 1920 war dann Siegmund Abraham alleiniger Inhaber des Geschäfts „Gebr. Abraham“, das aber inzwischen in Bierstadt an der Ecke Langgasse / Rathausstraße, heute die Ecke Poststraße / Raiffeisenstraße, angesiedelt war.[11]
Schon im Jahr 1913 war er aus der Wilhelmstraße ausgezogen und hatte eine Wohnung in der Bierstadter Rathausstr. 21, ein Jahr später in der 23 angemietet. Anlass dafür war die Gründung einer eigenen Familie. Am 21. März 1912 ehelichte Siegmund Abraham die am 21. Dezember 1887 in Wertheim am Main geborene Rosa Sommer.[12]
Ein Jahr nach der Hochzeit war am 11. März 1913 der Sohn Theodor Erich und am 19. Oktober 1918 die Tochter Kläre Ingeborg geboren worden.[13]

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Siegmund Abraham gelang es, die Firma durch die schwierigen Jahre der Weimarer Republik zu bringen und damit sogar ein ansehnliches Vermögen zu erwerben. So besaß er neben dem Haus in der Bierstadter Langasse, in dem er ab 1915 mit seiner Familie wohnte, eine weitere Immobilie in der Goebenstr. 32 in der Wiesbadener Innenstadt.[14]

HHStAW 518 695 I (86)
Anlässlich des 50. Jubiläums der „Gebr. Abraham“ im Jahr 1922 erschien ein kleiner Artikel in einer der Wiesbadener Zeitungen, in dem die Leistung und die Persönlichkeit des Inhabers gewürdigt wurden: „Dank der Rührigkeit und Bescheidenheit seines Leiters, dank dessen durch Lauterkeit des Charakters allseits geschätzter Persönlichkeit hat sich das Geschäft zu einer beliebten Bezugsquelle für solide Qualität entwickelt und hat die schweren Krisenjahre der Nachkriegszeit glatt und ungeschwächt überstanden.“[15]
Es steht außer Frage, dass die im Ort verwurzelte Familie höchstes Ansehen genoss und damals aufgrund ihres Glaubens keineswegs ausgegrenzt wurde. In einer Chronik der katholischen Gemeinde wird ausdrücklich hervorgehoben, dass „der erste katholische Gottesdienst nach der Zeit der Reformation Ende März 1907 im jetzigen Abraham‘schen Hause abgehalten wurde“.[16] Und es gibt ein wunderschönes Foto, auf dem ihre Tochter Inge lächelnd im Kreis ihrer Bierstädter Mitschülerinnen zu erkennen ist. Wer so sehr in das dörfliche Leben integriert war, der musste nicht um die Zukunft seines Geschäfts bangen – so glaubte man.

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Und es ging zunächst auch weiterhin aufwärts. Laut den Bilanzen der Jahre 1929 bis 1932 waren selbst in diesen Krisenjahren immer Gewinne zwischen 25.000 RM und 32.000 RM erwirtschaftet worden. Im Haushalt konnte man sich eine Köchin, ein Kinderfräulein, eine Putzfrau und einen Chauffeur leisten.[17]

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War dem Unternehmen in dem oben zitierten Artikel „für die Zukunft noch ein weiteres Emporblühen“ prophezeit worden, so war ein Jahrzehnt später aus der „geschätzten Persönlichkeit“ ein „blutsaugender Parasit am deutschen Volk“ geworden, wie von der Nazipropaganda bezüglich der jüdischen Geschäftsleute allseits verkündet wurde. Entsprechend gingen schon 1933 die Erträge, sicher nicht zuletzt aufgrund des im April ausgerufenen Boykotts gegen alle jüdischen Geschäfte, deutlich zurück. Sie fielen in diesem Jahr auf 20.000 RM.[18]


Im Januar 1932 warben die ‚Gebrüder Abraham‘ angesichts der wachsenden Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und des Rückzugs des Staates aus seiner sozialpolitischen Verantwortung mit einer eigenen ‚Notverordnung‘, ein Werbegag, der vermutlich auch als Kritik an einer Politik verstanden werden kann, die nur noch mit Notverordnungen zu regieren in der Lage war. Die starken Preisnachlässe, die Siegmund Abraham offerierte, waren aber zugleich Konsequenz der Brüning’schen Deflationspolitik, die auch die kleinen Geschäfte in den Ruin trieb. Möglicherweise sah er aber auch schon 1932, nicht nur wegen der wirtschaftlichen Verwerfungen, sondern auch wegen der sich zuspitzenden politischen Situation in diesen Krisenjahren, das baldige Ende seines Geschäfts gekommen, und der Inventurausverkauf bereitete bereits einen generellen Ausverkauf vor. Als im April 1932 der Preußische Landtag neu gewählt wurde, erhielt die NSDAP von den 2727 Stimmen bereits 1285. Welcher Jude sollte angesichts dieser Entwicklung keine Angst bekommen?
Vermutlich war der wirtschaftliche Niedergang des Geschäfts daher nicht der eigentliche Grund, weshalb Siegmund Abraham mit seiner Familie bald darauf Bierstadt und auch Wiesbaden verließ.

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Ein örtlicher SA-Trupp unter Leitung des Landtagsabgeordneten und SA-Standartenführers Reutlinger hatte schon bald nach der „Machtergreifung“ an dem 20-jährigen Theo Erich Abraham exekutiert, was die liquidatorische Hetze implizit forderte. Am 30. März 1933 wurde er überfallen und misshandelt. Über Stunden hielt man ihn fest, prügelte ihn, drohte ihm mit Erschießung und zwang ihn zuletzt, eine Flasche, gefüllt mit einer öligen Flüssigkeit, zu trinken, wodurch er zeitlebens eingeschränkt erwerbsfähig blieb.[19]
Theo Erich, der noch 1933 an der Oberrealschule am Zietenring, der heutigen Leibnizschule, sein Abitur ablegen konnte, begann in der Schweiz ein Studium, das er aber wieder abbrechen musste, weil den Eltern verweigert wurde, ihn dort finanziell zu unterstützen. Es begann für ihn eine Odyssee, die ihn in den folgenden Jahren um die gesamte Welt führen sollte.
1934 ging er zunächst nach Palästina, war aber dort wegen seiner Erkrankung den Strapazen der landwirtschaftlichen Arbeit nicht gewachsen. Ende Dezember 1934 wanderte er zunächst alleine in die USA aus.

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Auch Kläre Ingeborg durfte, nachdem sie ihre ersten vier Volksschuljahre in Bierstadt hinter sich gebracht hatte, eine höhere Schule in der Stadt besuchen. Bis 1934 besuchte sie das Lyzeum I, das wunderschöne Mädchengymnasium im Zentrum der Stadt, zwischen Schloss, Rathaus und Stadtkirche gelegen. Zu dieser Zeit gab es noch eine Reihe anderer jüdischer Mädchen, die diese Schule besuchten. Erst nach der Reichspogromnacht wurde ihnen der weitere Schulbesuch dort verwehrt. Der Grund, weshalb Kläre Ingeborg die Schule bereits 1934 verließ, war der Umzug der Familie nach Frankfurt. Offensichtlich fand sie dort nicht sofort eine Aufnahme in dem renommierten jüdischen Gymnasium, dem Philanthropien, und ging stattdessen 1934 für ein Jahr in die Schweiz, wo sie in Lausanne eine Schule besuchte. 1935 kehrte sie nach Frankfurt zurück, wo sie jetzt am Philanthropium aufgenommen wurde. Allerdings blieb sie auch dort nur ein Jahr und wechselte dann für kurze Zeit an eine Frankfurter Handelsschule. Die Ausbildung dort brach sie vorzeitig ab, genauso wie die Schwesternausbildung im Jüdischen Kinderheim in der Hans-Thoma-Straße. Sie selbst gab im Entschädigungsverfahren an, dass sie 1936 habe auswandern müssen. Ob es dafür einen konkreten Anlass gab oder aber der wachsende Alltagsantisemitismus sie zu dieser Entscheidung gebracht hatte, ist nicht bekannt. In jedem Fall muss es für die noch recht junge Frau eine sehr schwierige Entscheidung gewesen sein, denn sie bedeutete nicht nur die Trennung von den Eltern, sondern auch von ihrem Freund, ihrem zukünftigen Ehepartner Heinrich Kaufmann, den sie in dieser Zeit kennengelernt hatte. Auch er entstammte einer begüterten Kaufmannsfamilie, die in Frankfurt ansässig war. Es gibt ein Foto, das die beiden Ostern 1935 zusammen bei einem Hockeyspiel der Schild-Mannschaft zeigt. Bis die Ehe geschlossen wurde, vergingen aber noch einige Jahre, denn Inge war damals erst 17 Jahre alt.
Nachdem bereits 1933 nach Angaben von Theo Erich Abraham das Geschäft der Eltern in Bierstadt arisiert worden war [20] und man die Gewaltbereitschaft der Nazis hinreichend erfahren hatte, suchten auch die Eltern nach einem Ort, um in Frieden leben zu können.

Vermutlich war die Familie schon nach Frankfurt verzogen, denn die Rollläden im 1. Stock sind heruntergelassen
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Sie verließen zunächst ihre Heimatstadt Wiesbaden, in der ihnen zuletzt so viel Leid angetan worden war. Zwar sind Siegmund und Rosa Abraham eigenartigerweise nicht im Jüdischen Adressbuch der Stadt Frankfurt von 1935, dafür aber in den kommunalen Adressbüchern der Jahre 1935 bis 1937 eingetragen. In Frankfurt mieteten sie die Parterrewohnung im Haus Bockenheimer Landstr. 93 an, das einem Dr. Kirschbaum gehörte.[21]

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Schon bald nach dem Umzug nach Frankfurt, der im Laufe des Jahres 1934 oder zu Beginn des Jahres 1935 stattgefunden haben muss, unternahm Siegmund Abraham im September 1935 alleine eine „Informationsreise“ in die USA – so die Formulierung des Sohnes –, um die Emigrationsperspektiven für die übrige Familie, im Besonderen zunächst für Kläre, zu eruieren.[22] Die Eltern wollten die 17-Jährige bei ihrem älteren Bruder in New York in Sicherheit bringen. Im Juni des folgenden Jahres konnte sie dann auf dem Schiff ‚Washington‘ von Hamburg aus nach New York zu Erich, jetzt Eric, fahren.[23] Nur einen Monat später kam Heinz Kaufmann ebenfalls nach, um Claire, wie sie sich jetzt nannte, dort zu besuchen.[24]
Noch waren die Eltern in Frankfurt geblieben, aber die vielleicht vage Hoffnung, dort an die früheren geschäftlichen Erfolge anknüpfen zu können, erwies sich als Irrtum. Aus einem Schreiben an das Finanzamt Frankfurt geht hervor, dass sein Vermögen zwischen 1935 und 1937 um fast 28.000 RM, d.h. um 20 Prozent, zurückgegangen war. Offenbar glaubten auch viele Kunden, Rechnungen bei Juden nicht mehr oder zumindest nicht mehr pünktlich bezahlen zu müssen. So sind in der Aufstellung der Vermögensverluste auch Außenstände in der Höhe von 3.000 RM aufgeführt.[25] In einer weiteren, von Rechtsanwalt Berthold Guthmann erstellten Liste aus dem Jahr 1936, kommt dieser sogar auf eine Summe von 7-8.000 RM an solchen unbezahlten Rechnungen.[26] Allerdings zeigen die Geschäftsunterlagen der Firma, dass zum Beispiel ehemalige Kunden aus Bierstadt sogar noch bis ins Jahr 1936 ihre erworbenen Waren in kleinen Beträgen mit 5 Mark oder sogar nur mit einer Mark abzahlten.[27] Dieses Geschäftsmodell vieler jüdischer Händler war ja gerade der Grund für deren ambivalente Stellung: Bei ihnen konnte man sich etwas leisten, ohne gleich alles bezahlen zu müssen, stand aber auch immer in der Schuld bei „dem Juden“.
Geschäftsbuch der Firma Abraham mit Eintragungen für Bierstadter Kunden aus dem Jahr 1933, die aber bis 1937 reichen
HHStAW 474-11 36
Spätestens im Laufe des Jahres 1936 muss die Entscheidung der Eltern gefallen sein, selbst auch Deutschland zu verlassen. Am 1. Januar 1937 wurde dann das Haus in Bierstadt für 25.000 RM, nach Abzug der Kosten für 22.850 RM, verkauft. Der Einheitswert hatte immerhin 30.300 RM betragen, was für Abrahams eine weitere Minderung ihres früher erwirtschafteten Vermögens bedeutete.[28]
Das Haus in der Goebenstr. 32 mit einem Einheitswert von 46.500 RM im Jahr 1935 wurde ebenfalls noch im Januar 1937 veräußert. Für dieses erhielt Siegmund Abraham nur noch 40.000 RM. Diese Summe wurde ihm allerdings nicht ausgezahlt, da die Immobilie nicht unbelastet war, wie sich im späteren Rückerstattungsverfahren zeigte.[29] Auch eine hohe Lebensversicherung musste mit Verlusten zurückgekauft werden,[30] um die Kosten der Auswanderung selbst und die Forderungen des Staates, die bei seinen flüchtenden Bürgern anfielen, begleichen zu können.[31]
Siegmund Abraham hatte die Angaben über seine damaligen Vermögensverhältnisse im Hinblick auf die bei der Emigration fällig werdende Reichsfluchtsteuer gemacht. Aus einem Schreiben des Frankfurter Finanzamts vom 22. Januar 1937 geht hervor, dass diese auf rund 15.600 RM festgesetzt wurde.[32] Wie aus den steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen der Frankfurter Behörden vom März 1937 hervorgeht, waren Abrahams den Forderungen nachgekommen und durften dann im Mai 1937 Deutschland verlassen und nach Australien ausreisen, das Land, für das sie damals noch ein Visum erhalten hatten, von dem auch Theo Erich und auch ihre Tochter Claire Ingeborg Gebrauch machten.[33]

HHStAW 518 695 I (21)
Wann die beiden aus den USA nach Frankfurt zurückgekehrt waren, ist nicht bekannt. Möglicherweise trafen sie sich auch erst mit den Eltern in Marseille, wo das Schiff lag, das sie in den neuen und fremden Kontinent bringen sollte. Auffällig ist zumindest, dass nur die Eltern sich am 14. Mai 1937 ordnungsgemäß in Frankfurt abmeldeten.[34] Am 22. Mai 1937 verließen sie zusammen mit den beiden Kindern auf dem britischen Schiff „Strathnaver“ von der südfranzösischen Hafenstadt aus ihren Heimatkontinent Europa.[35]

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So mussten sie nicht mehr erleben, wie die erst 1927 anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens renovierte Synagoge sogar noch eine Nacht vor den landesweiten Pogromen im November 1938 geschändet wurde, mussten auch nicht mehr erleben, wie ihr Friedhof zerstört und die Grabsteine ihrer Vorfahren von den Dorfbewohnern als billiges Baumaterial abtransportiert wurden. Auch blieben sie davon verschont, mitansehen zu müssen, wie das Gebäude ihres nicht zerstörten Gotteshauses nach dem Krieg als Lagerraum genutzt wurde und wie man dann, – noch zu Beginn der Siebzigerjahre – ohne jeglichen Widerspruch aus der politischen oder christlichen Gemeinde den Abriss genehmigte, um Platz für einen Geschäfts- und Wohnkomplex zu schaffen.
Dass die verschiedenen Mitglieder der Familie, besonders aber die von Siegmund Abraham, Australien als Exilland wählten, lag aber wohl weniger daran, dass sie möglichst weit entfernt von diesem Ort der Schande leben wollten, sondern eher daran, dass es vermutlich über ihre Nichte Lucie, wie noch zu zeigen sein wird, bereits eine Verbindung in dieses Land gab, wodurch ihnen allen die Aufnahme dort sicher erleichtert wurde.

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Ein wirklicher Neubeginn ist der Familie in Australien, wo sie sich in Melbourne niederließ, dennoch nicht mehr gelungen. Zwar erhielten sie, die seit Jahren staatenlos waren, 1944 noch die australische Staatsangehörigkeit, aber Siegmund Abraham, der in dem fremden Land keine Arbeit mehr finden konnte, verstarb schon am 9. Mai 1946 in Melbourne, seine Frau Rose am 17. April 1968.[36] Der Sohn Theodor Erich / Eric hatte Zeit seines Lebens an den Folgen der Misshandlungen zu leiden, die ihm 1933 von den SA-Leuten zugefügt worden waren. Drei Ordner füllen die Auseinandersetzungen mit den deutschen Behörden um eine angemessene Entschädigung für das erfahrene Leid, das eigene wie auch das der Eltern.
Er war es auch, der nach dem Krieg im Namen der Familie die Rückerstattungsanträge für die beiden Immobilien in Bierstadt und der Wiesbadener Innenstadt stellte. Das Haus in der Bierstadter Langgasse 18, das der Rechtsvorgänger der späteren Raiffeisenbank am 11. Januar 1937 erworben hatte, war durch Kampfhandlungen schwer beschädigt worden, sodass die Familie auf eine reale Rückgabe verzichtete und sich mit einer Ausgleichszahlung zufrieden gab.

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Die Innenstadtimmobilie in der Goebenstraße musste den Angehörigen von Siegmund Abraham aber wieder restituiert werden.[37]
1953 heiratete Eric in New York Bertl David Fischl, eine Emigrantin, die in Weinheim an der Bergstraße geboren worden war, aber die Ehe wurde später wieder geschieden.[38] Eric Abraham verstarb 1981 im australischen Malvern.
Eine sehr erfolgreiche Karriere als Modedesignerin und auch als Modell gelang allerdings Claire Ingeborg in Australien. Die Grundlagen dafür hatte sie schon in den USA als Designerin in einem New Yorker Kaufhaus gelegt.[39] Bereits bei ihrer Ankunft in Australien erschien ein Artikel über sie in der dortigen Presse, in dem nicht nur ihre sprachlichen Fähigkeiten – die 19-Jährige sprach neben Deutsch auch perfekt Französisch und Englisch –, sondern auch ihr Modegeschmack – perfekter Sitz, statt teure Materialien – hervorgehoben wurde.

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Am 11. März 1940 heiratete sie Heinz Kaufmann, den zehn Jahre älteren Jugendfreund aus Deutschland, der sich zwischenzeitlich in Palästina aufgehalten hatte. Claire Inge konnte in den USA ihre Karriere mit viel Erfolg fortsetzen. 1940 erschien sie sogar als „Cover-Girl“ des amerikanischen „PIC“-Magazins.
Zuletzt lebte das Paar in Tucson, Arizona, wo Claire Inge schon 1965 im Alter von nur 47 Jahren viel zu früh verstarb. Ihr Ehemann überlebte sie um mehr als 30 Jahre. Auch er ist auf dem Friedhof von Tucson beigesetzt.[42]

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Das Schicksal der Familie von Gustav Abraham und das seiner Brüder Leopold und Julius

HHStAW 518 50685 (7)
Gustav Abraham, der Eigentümer der späteren Judenhäuser Dotzheimer Str. 15 und Rüdesheimer Str. 16, muss noch vor Beginn des Krieges und spätestens nach dem Abschluss seiner kaufmännischen Ausbildung von Wiesbaden weggezogen sein, denn am ersten Weihnachtstag des Jahres 1914 heiratete er in Köln Annie / Anna Messerschmidt. Die Hochzeit war nach jüdischem Ritus vollzogen worden, seine Frau gab als Religionszugehörigkeit auch „israelitisch“ an, war ihrer Herkunft nach aber nicht-jüdisch,[43] sodass die beiden Söhne Erik Theodor und Bernhard nach NS-Terminologie als „Halbjuden“ galten. Während Letzterer am 19. Juli 1915 in Köln-Ehrenfeld zur Welt kam, wurde Erik am 8. Juli 1917 in Brüssel geboren.[44]
Noch vor dem Ende des zweiten Jahrzehnts kamen Abrahams nach Wiesbaden zurück, wo Gustav Abraham 1919, ganz in der Tradition der Familie, zunächst noch mit einem Partner namens Henry Gaspard, den er vermutlich während seiner Abwesenheit von Wiesbaden kennengelernt hatte, eine eigene Textilmanufaktur gründete, die „Nassauische Wollwarenfabrik Wiesbaden oHG.“ Sie war anders als das Geschäft seiner Eltern und das seines Bruders Siegmund nicht in Bierstadt, sondern in der Innenstadt, zunächst in der Kirchgasse 74 angemeldet, der Adresse seines Kompagnons.
Im Januar 1920 erwarben dann die beiden Kaufleute zusammen das Haus Dotzheimer Str. 15 von einer Erbengemeinschaft Beilstein zu einem Kaufpreis – die Nachkriegsinflation war schon in vollem Gange – von insgesamt 135.000 RM. Übernommen wurden mit dem Kauf die im Grundbuch eingetragenen Belastungen der Immobilie. Bereits nach knapp vier Wochen stieg Gaspard aus nicht bekannten Gründen wieder aus dem Vertrag aus und das Wohngrundstück wurde am 24. Juli 1920 allein auf den Namen von Gustav Abraham in das Grundbuch der Stadt Wiesbaden eingetragen.[45]
Das Haus in der Dotzheimer Str. 15, erbaut im Jahr 1871, gehört zu den typischen Wohnanlagen der westlichen Stadterweiterung, die mit dem Zuzug von gelernten und ungelernten Arbeitern, Handwerkern und Dienstpersonal in der Aufschwungphase nach der Reichsgründung notwendig wurde. 1891 wurde der Komplex noch einmal erweitert und an das Vorderhaus ein Seitenbau und ein Hinterhaus angebaut, die beide teilweise gewerblich genutzt wurden.
Etwa um die gleiche Zeit wurde von Gustav Abraham das Haus in der Rüdesheimer Str. 16 von einem Ferdinand Hanson erworben.[46] In die zweite Etage dieses Hauses, das zumindest später ebenfalls auf der Liste der Judenhäuser stand, zog damals die Familie selbst ein. Das Haus Dotzheimer Str. 15 wurde vermietet. Neben den beiden Hausgrundstücken, besaßen Abrahams noch ein Baugrundstück in der Mainzer Straße und zwei Gartengrundstücke bei Bierstadt.[47]

Eigene Aufnahme
Das Gebäude, in dem sich die ‚Nassauische Wollwarenfabrik‘ befand, lag etwas außerhalb in der Mainzer Str. 116 und gehörte nicht der Familie Abraham, sondern einem Xaver Wimmer, und war bisher als Tanzsaal mit Bühne genutzt worden. Außerdem befand sich auch eine größere Zahl von vermieteten Wohnungen in diesem Komplex, von denen eine ab 1921 von Leopold Abraham für kurze Zeit bewohnt wurde.[48]
Gustav Abrahams Frau zitierte im späteren Entschädigungsverfahren einen Zeitungsartikel der heimischen Presse aus den Zwanzigerjahren, der das Unternehmen folgendermaßen beschrieb: „Als erster deutscher Pionier hat Herr Abraham die Nassauische Wollwarenfabrik in der Mainzerstrasse in Wiesbaden begründet – ein imposanter Fabrikbau, der schon durch verschiedene Anbauten erheblich vergrössert werden musste. Im Erdgeschoss befinden sich die luftigen modernen Fabrikationssäle, die Versandräume und die Büros, während in den oberen Etagen Wohnungen geschaffen worden sind. Die rasche Blüte des Unternehmens, das heute 350 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, lässt sich nur dadurch erklären, dass die Firma die Geschmacksrichtung der neuen Mode getroffen und damit grosse Erfolge erzielt hat. Unter dem Schutzwort ‚Tricabra‘ sind die Artikel der Fabrik: Gestrickte Golfjacken, Jacken, Jumpers sowie Blusen, Kleider und Kostüme in Wolle und Kunstseide bekannt. Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, dass die modernsten Maschinen in diesem Musterbetrieb benutzt wurden. Durch die Reihe sozialer Maßnahmen, wie eigene Betriebskrankenkasse, eigene Betriebssparkasse, eigene Lebensmittelversorgung hat sich die Firma einen Stamm guter Arbeiter und Angestellter für alle Zeiten gesichert. Die Firma ist bis zum Herbst mit Aufträgen voll beschäftigt.“[49]

HHStAW 685 5 (6)
Vermutlich beherbergte das unter dieser Anschrift noch heute existierende alte Backsteingebäude die frühere ‚Nassauische Wollwarenfabrik‘, um die es damals ganz offensichtlich noch bestens bestellt war.
Nach dem frühen Ausstieg von Henry Gaspard war Gustav Abraham zunächst alleiniger Inhaber der Firma. Aber auch sein Bruder Leopold war wohl von Anbeginn als Prokurist eingestellt[50] und auch finanziell beteiligt, wie man aus einem Schreiben aus dem Jahr 1922 an das Finanzamt Wiesbaden schließen kann: 1922 bat er dieses um Stundung der Einkommenssteuerschulden mit dem Argument, sein gesamtes Vermögen sei in der Firma seines Bruders angelegt und könne nicht ohne weiteres herausgenommen werden.[51] Ab 1924/25 war er dann neben Gustav auch offiziell als Inhaber im Handelsregister eingetragen.[52]

Eigene Aufnahme
In diesem Zeitraum um 1925 wurden nach dem Ende der Inflation noch weitere Immobilien erworben: Zum einen kaufte Gustav Abraham das repräsentative Haus Lessingstr. 4, in das er mit seiner Familie selbst einzog. 1929 wurde es angesichts der aufziehenden Krise allerdings wieder veräußert. Weiterhin kam das Fabrikgebäude an der Ecke Platter Straße und Gustav-Adolf-Straße in den Besitz der Abrahams.

Eigene Aufnahme
Das heute noch existierende, von dem jüdischen Architekten und Regierungsbaumeister Albert Heinrich Hess entworfene Gebäude konnte vermutlich von einer Verwandten, von einer Cornelia Abraham, geborene Simon, zum Preis von 42.000 RM übernommen werden. Als Eigentümer wurden aber nicht Gustav oder Leopold Abraham, sondern die Firma ‚Nassauische Wollwarenfabrik‘ im Grundbuch eingetragen.[53] Offenbar fehlte es aber zunächst am Kapital, um die Liegenschaft produktiv nutzen zu können. Stattdessen wurde das Gebäude als Saal mit Galerien für Veranstaltungen, etwa zum Tanzen, angeboten. Im Adressbuch von 1929 ist es noch immer als Turnhalle verzeichnet.

Eigene Aufnahme
Wann Leopold Abraham das Haus Römerberg 14 erwarb, ließ sich nicht mehr mit Sicherheit ermitteln. Im Wiesbadener Adressbuch ist er erst 1930 als Besitzer eingetragen, aber bereits in seiner Steuererklärung aus dem Jahr 1925 gab Leopold an, er und seine damals wohl in New York lebende Nichte Lucie Lewis seien jeweils zur Hälfte Eigentümer der Immobilie.[54]
Die Geschwister Gustav und Leopold Abraham hatten ihr Unternehmen zunächst mit großem Erfolg durch die ersten Krisenjahre der Republik geführt. Den Erwerb der verschiedenen Immobilien hatten sie vermutlich in den Zeiten der Inflation und danach als sichere Kapitalanlage angesehen.[55] Die „Nassauische Wollwarenfabrik Wiesbaden – Fabrikation von Fantasie-Wollwaren“ – wie sie sich in einer Anzeige im Wiesbadener Adressbuch von 1920 bezeichnete – soll nach Auskunft von Annie Abraham in ihren besten Jahren deutschlandweit aktiv gewesen sein.[56]

HHStAW 519/2 2089 (6)
Aber lange bevor antisemitische Boykottaktionen ihre Wirkung entfalten konnten, geriet das Unternehmen in Schieflage. Ob der frühe Tod von Gustav Abraham – er verstarb schon am 19. März 1925 im Alter von nur 42 Jahren – die Ursache für den Niedergang war oder die insgesamt schwierige wirtschaftliche und politische Situation, ist nur schwer auszumachen, vermutlich spielten verschiedene Faktoren, auch der kreditfinanzierte Kauf der diversen Immobilien, eine Rolle.
Schon in seiner Einkommensteuererklärung von 1925 gab Leopold Abraham an, die Firma, an der er einen Anteil von 40 Prozent besaß, habe Verluste von fast 20.000 RM gemacht und er selbst habe in diesem Jahr kein Einkommen bezogen.[57] In den folgenden Jahren schien sich die Situation zunächst aber wieder zu stabilisieren. Erst 1930 musste er dem Finanzamt wieder melden, kein Einkommen erzielt zu haben.[58]
Eigentlich war die Firma laut dem Gesellschaftervertrag nach dem Tod von Gustav Abraham zum Erliegen gekommen. Leopold, der nach dem Tod seines Bruders die Geschäftsführung zumindest formal übernommen hatte, unterließ es aber, die notwendige Änderung im Handelsregister eintragen zu lassen, sodass das Unternehmen weiterhin aktiv blieb, gleichwohl letztlich ohne wirtschaftlichen Erfolg.[59] Die Firma war inzwischen völlig überschuldet und konnte anstehende Zahlungen nicht mehr leisten. Es stand in einem Verfahren, das Gläubiger damals gegen die Firma eingeleitet hatten, außer Frage, dass auch Anna Abraham von der weiteren Existenz der Firma wusste, sie damals ebenfalls Verbindlichkeiten für die Firma eingegangen war. 1930 standen sie und Leopold Abraham noch als Gesellschafter der ‚Nassauischen Wollwarenfabrik‘, Mainzer Straße 116, im Handelsregister. Wovon sie und ihre beiden Kinder damals lebten, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Vermutlich gab es noch Ersparnisse, denn in ihrer Einkommensteuererklärung für das Jahr 1931 gab auch sie an, ohne Einkommen zu sein.[60]
Auch die verschiedenen vermieteten Immobilien warfen kaum Erträge ab, im Gegenteil, sie verursachten meist höhere Kosten als Gewinne.

Eigene Aufnahme
1929 erscheint Anni Abraham in der Adressbuchausgabe erstmals als Privatiere, wohnhaft in der Fritz-Reuter-Str. 8 I. Anfang des Jahres, so ist dem Erbschein zu entnehmen, hatte sie noch in der bereits verkauften Lessingstr. 4 gewohnt.[61] Ähnlich unübersichtlich, wie sich die geschäftlichen Verhältnisse damals darstellten, waren auch ihre Wohnverhältnisse in den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren. Schon im folgenden Jahr lebte sie in einer Wohnung in der Bierstadter Str. 42 im ersten Stock. Danach zog sie mit den Kindern in Häuser, die zum Immobilienbesitz der Abrahams gehörten, 1932 zunächst in die Platter Str. 18, dann, ab 1934, in die Rüdesheimer Str. 16 in die 2. Etage.
Leopold Abraham, der zuletzt die Firma geleitet hatte, meldete sich am 19. Mai 1933 mit unbekanntem Ziel polizeilich aus Wiesbaden ab.[62] Die Unterschrift auf dem Abmeldebogen, stammte nicht von ihm selbst, sondern vermutlich von dem Hausverwalter, sodass davon auszugehen ist, dass er Wiesbaden damals bereits verlassen hatte.

Abraham an
HHStAW 685 2a (1)
Noch bevor die Geheime Staatspolizei ihm die Staatsbürgerschaft entzog, eine entsprechende Anfrage über seine Vermögenswerte ging im Finanzamt Wiesbaden am 29. März 1939 ein, hatte sich das bei der Verwaltung und Verwertung jüdischer Vermögen überaus rührige Bankhaus Krier die Beute angeeignet. Bei einer am 20. Oktober 1938 angesetzten Zwangsversteigerung des Hauses Römerberg 14, das den beiden längst aus Deutschland geflohenen Leopold Abraham und seiner Nichte Lucie gehörte, hatte Hubert Krier mit seinem Gebot von 6.000 RM den Zuschlag erhalten. Leopold Abraham hatte das Haus 1924 zum Preis von 10.000 RM erworben, sein Einheitswert wurde 1935 mit 27.800 RM taxiert – eine für den Vermögensverwalter höchst ertragreiche Arisierung.[63]
Wohin Leopold damals geflohen war, ist nicht bekannt, aber Jahre später können seine Spuren wieder aufgenommen werden. Am 16. April 1938 lief das Schiff ‚Matsonia‘ von Honolulu auf Hawaii aus und steuerte den Hafen von San Francisco an. Einer der Passagiere war Leopold Abraham, der in den Reiseunterlagen angegeben hatte, seine letzte „permanent residence“ sei Prag gewesen. Auch gab er als Kontaktperson in den USA einen Freund, Leo Fanta aus Prag, an. Vermutlich, so kann man daraus schließen, war er 1933 zunächst in die benachbarte Tschechoslowakei geflohen und hatte dann, als die Lage auch dort bedrohlicher wurde, seinen Weg fortgesetzt.

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Nicht weniger interessant ist aber, dass sich auf dem Schiff auch eine Lucy Lewis befand, bei der es sich – was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist – um seine Nichte Lucie handelte, die Tochter seines früh in Berlin verstorbenen Bruders Daniel Theodor. Sie war, wie bereits vermerkt, seit 1923 mit dem amerikanischen Staatsbürger und Diamantenhändler Edward Lewis verheiratet und hatte inzwischen eine Tochter namens Peggy Elsie.[64] Auch die Tochter hatte inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft, war aber am 22. Februar 1928 Caulfield, im australischen Staat Victoria, geboren worden,[65] was bedeutet, dass ihre Mutter mit ihrer Familie sich zuvor seit längerer Zeit auf diesem Kontinent befunden haben muss. Als letzten Aufenthalt in Australien hatte Lucy die Stadt Melbourne angegeben. Am 28. Februar 1938 war sie auf demselben Schiff mit ihrer Familie zunächst von dort nach Hawaii gekommen, und auch bei dieser Fahrt wurde sie bereits von ihrem Onkel Leopold begleitet. Wann er aus der inzwischen zum ‚Protektorat Böhmen-Mähren‘ gewordenen Tschechoslowakei fliehen konnte und auf welchem Weg er dann nach Australien gelangte, bleibt aber weiterhin offen.

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Als Lucy 1949 die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragte, hieß sie mit Nachnamen inzwischen Mischel. Ihr bisheriger Ehemann Edward war am 2. Juni 1940 einem Herzschlag erlegen,[66] und am 2. Januar 1945 war sie eine neue Ehe mit dem in New York geborenen, inzwischen aber in Los Angeles lebenden Abe / Abraham Mischel eingegangen. Auch war in dieser zweiten Ehe am 5. Mai 1946 in ihrem neuen Lebensmittelpunkt Los Angeles eine weitere Tochter, Marlene, geboren worden.[67] Aber auch Abe Mischel, geboren am 1. April 1908 im galizischen Strij,[68] starb nur wenige Jahre nach der erneuten Eheschließung am 5. März 1949 in der kalifornischen Metropole.
Bei der Volkszählung im Jahr 1950 war Abe Mischel – manchmal auch Mischl geschrieben – entsprechend nicht mehr in der Haushaltsliste eingetragen. Aber statt seiner lebte dort nun – vermutlich aber schon seit der gemeinsamen Ankunft – Lucys Onkel Leopold mit der Familie zusammen und war als „Agent“ für Krawatten und Socken noch mehr oder weniger in seiner alten Branche tätig.[69]
Er verstarb am 24. Januar 1954 im kalifornischen Ventura,[70] seine Nichte Lucy am 27. Dezember 1971 in Los Angeles.[71]
Nach dem Tod ihres Ehemanns und der Flucht von Leopold musste Annie Abraham, die Witwe von Gustav, in den kommenden schweren Jahren selbst noch die Leitung der ‚Nassauischen Wollwarenfabrik‘ übernehmen. Gegenüber dem Finanzamt schilderte sie ihre desolate Situation. Sie bat um Steuerstundung, weil andernfalls auch die Wollwarenfabrik geschlossen werden müsste, wodurch – jetzt nur noch – „80 bis 100 Leute brotlos und der Stadt zur Last fallen würden. Die Erfüllung meiner steuerlichen Verpflichtungen wären mir alsdann ganz unmöglich gemacht und ausserdem hätte das Finanzamt für die Zukunft einen bisher schon enorme Beträge bezahlenden Betrieb verloren.“[72]
Es gelang aber trotz des Entgegenkommens der Steuerbehörden auch in dem folgenden Jahr nicht, die Lage zu stabilisieren. Laut Bilanz der Firma aus dem Jahr 1932 waren inzwischen Verluste in der Höhe von mehr als 50.000 RM aufgelaufen, sodass am 17. August 1932 endgültig Konkurs angemeldet wurde.[73] Hypotheken mussten auf die Grundstücke aufgenommen werden, die ebenfalls fast keine Erträge abwerfen.[74] 1935 waren das Haus in der Rüdesheimer Straße mit 85.000 RM und das in der Dotzheimer Straße mit 36.000 RM belastet und damit völlig überschuldet.[75] Selbst die relativ geringen Vermögenssteuerforderungen konnten nicht mehr aufgebracht werden und wurden in den Jahren 1934 und 1936 sogar von den inzwischen von Nazis durchsetzten Finanzbehörden niedergeschlagen.[76] Am 18. Juli 1936 erteilt das Finanzamt Wiesbaden die Anweisung, Frau Annie Abraham aus der V-Liste zu streichen,[77] nachdem diese in der Steuererklärung von 1935 notiert hatte, dass sie kein Vermögen habe und von der öffentlichen Unterstützung lebe. Mit den 431 RM, die sie erhielt, müsse sie sich und den Sohn Erik, der noch bei ihr in Wiesbaden lebe, ernähren.
Der ältere Sohn Bernhard hatte nach seinem Schulabschluss das Technikum in Reutlingen besucht und sollte hier eigentlich als Textiltechniker ausgebildet werden, um später die elterliche Firma zu übernehmen. Er war auch in den Zwanzigerjahren schon mit einem Anteil von 3/16 an der ‚Nassauischen Wollwarenfabrik‘ beteiligt, die damals noch Gewinne abwarf.[78] Einen Abschluss hat er in Reutlingen aber nicht mehr abgelegt.[79] Er war stattdessen wieder nach Wiesbaden zurückgekehrt und bei seiner Mutter gemeldet. Die Suche nach einer Anstellung oder einem Volontariat erwies sich angesichts der wirtschaftlichen Situation, aber auch wegen des wachsenden Antisemitismus als sehr schwierig. Nach Aussage der Mutter hatte ein ehemaliger Geschäftspartner und Freund von Gustav Abraham die Anstellung von Bernhard schon 1933 mit der Begründung abgelehnt, „dass er es seiner Arbeiter wegen nicht wage, meinen Sohn mit dem Familiennamen Abraham in seine Fabrik einzustellen“.[80]
Nicht alleine die aussichtslose berufliche Perspektive, eher die Erfahrungen, die sein Cousin Erich mit der SA gemacht hatte, aber auch eine konkrete Bedrohung seiner eigenen Person waren der Grund, dass bereits zu Beginn der NS-Herrschaft eine Auswanderung von Bernhard ins Auge gefasst wurde: „Aufgrund der abermaligen Vorladung der Gestapo, Wiesbaden, ergriff er Dezember 1933 die Flucht nach Palästina (Tel Aviv). Weil er gehört hatte, dass damals auch schon Halbarier im KZ verschwanden“, schrieb die Mutter in ihrer Begründung zum Entschädigungsantrag von Bernhard, ohne aber die Anlässe für diese Vorladungen zu präzisieren.[81] In Palästina, seinem ersten Exil, konnte Bernhard nicht wirklich Fuß fassen, da es dort keine seinen Qualifikationen entsprechende berufliche Perspektive gab. Auch hatte er wegen fehlender Sprachkenntnisse erhebliche Probleme. So schlug er sich dort über drei Jahre mit Hilfsarbeiten durch. Als „Halbjude“ sah er sich hier nicht wirklich akzeptiert, von Volljuden sogar diskriminiert, und litt zunehmend an Depressionen.[82]
Ähnliche Erfahrungen machte auch sein Bruder Erik. Nach Angaben seiner Mutter folgte er im Dezember 1934 seinem Bruder nach Palästina, nachdem er den Besuch der Oranienschule, einem Wiesbadener Gymnasium, das er seit 1927 besucht hatte, abbrechen musste.[83]
Etwa zwei bis drei Jahre müssen sie sich dort gemeinsam aufgehalten haben, denn Annie Abraham gab in einem Brief vom 14. August 1957 an die Entschädigungsbehörde an, dass sie „nach drei Jahren“, also 1936, „die Möglichkeit (hatte) Allan und Erik Tausend engl. Pfund nach Palästina zu überweisen, womit diese dann die Weiterreise nach Australien usw. finanzieren konnten.“[84]
Aber zumindest Bernhard ist damals nicht nach Australien ausgewandert, sondern er muss erst einmal wieder zurück nach Deutschland gekommen sein. Im Januar 1937 beantragte Annie Abraham bei den hiesigen Behörden die Passverlängerung für ihren weiterhin in Wiesbaden, Rüdesheimer Str. 14, gemeldeten Sohn Bernhard, da dieser „demnächst zu Verwandten ausreisen (möchte),“ – womit die Familie von Siegmund Abraham oder die seiner Cousine Lucy gemeint sein kann – „um sich eine Stellung zu suchen“.[85] Das Finanzamt Wiesbaden fragte bei der Steuerfahndung an, ob Gründe vorlägen, dem Ausreisewilligen die geforderte steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung zu verweigern. Schon eine Woche später wurde das verneint, Reichsfluchtsteuer falle nicht an, da der Antragsteller über keine Vermögenswerte verfüge. Gegen die Verlängerung des Passes oder die Ausstellung eines Visums bestünden somit keine Bedenken.[86] Erst am 13. Juli 1937 überschritt er nach den Unterlagen des Finanzamts Wiesbaden die deutsch-belgische Grenze, um nach Brüssel zu gehen. Wie lange und bei wem er sich dort aufhielt – Brüssel war seine Geburtsstadt –, ist nicht bekannt. Aber von dort muss er zu einem nicht bekannten Zeitpunkt dann nach Australien weitergereist sein.

HHSAW 685 2a (8)
Zumindest Bernhard, der in Australien den Namen Allan Bernard annahm,[87] konnte so vermutlich ‚im Nachhinein‘ legal aus dem Deutschen Reich auswandern, womit der Staat sich aber auch die Zugriffsmöglichkeit auf sein Eigentum verschaffte. Im März 1939 fragte die Gestapo, die Bernhard Abraham „zur Ausbürgerung vorschlagen“ wollte, beim Wiesbadener Finanzamt an, ob der Genannte noch Vermögenswerte im Inland besäße, ob Steuerverfehlungen oder Eintragungen über „volksschädliches Verhalten“ vorlägen. Die Antwort des Finanzamts war in allen Punkten negativ. [88]
Am 15. Juli 1939 stellte dann die SS den Antrag auf Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit von „dem Juden [! – K.F.] Bernhard Abraham“. Damit verbunden war die Aufforderung an die Polizeistelle Frankfurt, das Vermögen unter Mithilfe des Wiesbadener Finanzamts zu erfassen und sicherzustellen.[89] Bereits zuvor, nämlich am 13. Dezember 1939, hatte die Gestapo Frankfurt mit dem Vermerk „Streng vertraulich“ dem Grundbuchamt in Wiesbaden die Beschlagnahmung der gesamten Vermögenswerte von Bernhard Abraham mitgeteilt und um einen entsprechenden Vermerk im Grundbuch gebeten. „Aus sicherheitspolitischen Gründen ist Abraham oder sonstigen Personen von meinen Massnahmen keine Kenntnis zu geben“, hieß es abschließend in dem Schreiben.[90]
Im Februar 1940 meldet Wiesbaden zurück, dass weder die Mutter noch der Sohn über Vermögenswerte verfügen, die Mutter sogar mittellos sei.[91] Das Haus in der Dotzheimer Str. 15, an dem Bernhard genauso wie an dem in der Rüdesheimer Str. 16 mit einem Anteil von 3/8 beteiligt war, befände sich in Zwangsverwaltung, das in der Rüdesheimer Straße, in dem die Mutter noch wohne, sei am 29. Januar 1940 zwangsversteigert worden.[92]

HHStAW 519/3 2087d (12b)
Weil auch in diesem Fall die verschiedenen Behörden, Ämter und Institutionen – Gestapo Frankfurt, RSHA Berlin, Finanzamt Wiesbaden, Finanzamt Moabit, das Finanzamt Frankfurt, zuletzt auch noch der Hausverwalter Briel und die Kommunalverwaltung – involviert waren, brach wieder das Chaos aus: Briefe überschnitten sich, unterschiedliche Sachbearbeiter waren damit befasst und Kompetenzen waren unklar definiert. Der Wirrwarr entstand ursächlich aber dadurch, dass auf der einen Seite durch die Verschuldung privatrechtliche Ansprüche auf das Vermögen der Abrahams mit den politisch-staatsrechtlich begründeten Maßnahmen der Berliner Behörden auf der anderen Seite in Konflikt gerieten, sodass die unterschiedlichsten Ämter und Behörden damit befasst waren.
So meldete z. B. die Frankfurter Gestapo im April 1940 an das Finanzamt Moabit, dem für im Ausland lebende Staatsbürger zuständigen Finanzamt,[93] die Immobilien seien beide zwangsversteigert worden, [94] was dieser Behörde zuvor im Februar vom Finanzamt Wiesbaden gerade anders dargestellt worden war.[95] Nur das Haus in der Rüdesheimer Straße war versteigert worden, das in der Dotzheimer stand weiterhin nur unter Zwangsverwaltung. Hausverwalter Briel berichtete ebenfalls nach Berlin, dass seines Wissens nicht einmal ein Antrag auf Zwangsversteigerung für die Dotzheimer Straße vorläge.[96]

HHStAW 519/2 2087 d30b (22)
Am 25. Mai 1940 wurde die Ausbürgerung von Bernhard Abraham vorschriftsmäßig vom Reichsinnenminister im „Deutschen Reichsanzeiger“ Nr. 120 öffentlich bekannt gegeben, womit die formale Voraussetzung eines Vermögenseinzugs gegeben war, der sich aber zum einen nur auf 3/8 des Hauses Dotzheimer Straße beziehen konnte, zum anderen auch dieser 3/8-Anteil wegen der hohen Schuldenlast faktisch keinen Vermögenswert mehr darstellte.
Ungeachtet dessen fragte das jetzt durch die Ausbürgerung zuständige Finanzamt Berlin Moabit am 25. April 1940, bereits vier Monate vor der im Reichsanzeiger Nr. 179 vom 4. August 1941 öffentlich bekannt gegebenen Beschlagnahmung seines Vermögens, an, ob die Grundstücke für „reichseigene Zwecke“ in Betracht kommen würden.[97] In einem dezidierten Bericht nach Moabit wurde das von Trommershausen, dem Vorsitzenden des Wiesbadener Finanzamts, in Anbetracht des Zustands des Gebäudekomplexes verneint.
„Beide Häuser [Vorder- u. Hinterhaus – K.F.] sind mehr als verwahrlost … Nur eine 5 Zimmer-Whg. im Vorderhaus, die an einen Beamten der Luftwaffe vermietet ist, wurde wohnlich eingerichtet. …
Ich halte das Grundstück für reichseigene Zwecke … dauernd nur für beschränkt geeignet, soweit es sich um die drei Wohnungen des Vorderhauses handelt. …
Die 3 Wohnungen des Hinterhauses mit je 3 Zimmern scheiden wegen ihrer Lage und Bauart und des verwahrlosten Zustands als Wohnung für Reichsbedienstete ganz aus.“
Gegen die Übernahme der Wohnungen im Vorderhaus, die bewohnt seien, sprächen die hohen aufzuwendenden Instandsetzungskosten. „Auch vorübergehend können die Räume nicht benutzt werden, etwa zur Unterbringung von Behörden. Sie sind zu klein, mangelhaft und nicht überall heizbar.“[98]
Offensichtlich hatte sich auch in Berlin inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Haus in der Dotzheimer Straße noch nicht zwangsversteigert worden war, denn man war jetzt geneigt, auf einen Verkauf des Hauses hinzuwirken. Man wandte sich deshalb zum einen wegen eines angemessenen Verkaufspreises an den Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden, zum anderen wollte man vom Hausverwalter wissen, ob die Erben, deren Vermögen durch die Beschlagnahmung von Bernhards Anteil unberührt blieben, einem Verkauf zustimmen würden und wer über eine entsprechende Verkaufsvollmacht verfüge. Das Haus war bisher – so die Meldung von Briel am 13. Februar 1942 nach Berlin – steuerlich wie wirtschaftlich als „arisch“ betrachtet worden, war deswegen sogar steuerlich begünstigt behandelt worden.[99] Auch hatte sich die Mutter, die bisher nichts von der Ausbürgerung ihres Sohnes erfahren hatte, gegen diese zur Wehr gesetzt und dem Oberfinanzpräsidenten mitgeteilt, dass dieser in Deutschland nur vorübergehend abgemeldet sei und sich beim deutschen Konsulat in Australien vorschriftsmäßig angemeldet habe. Außerdem bemerkte sie empört, dass ihr „Sohn nicht Bernhard Israel heisst, da er Halbarier ist“.[100]
Wohl wegen der Komplexität der Lage kam es im Weiteren weder zur Zwangsversteigerung, noch zu einem Verkauf des Hauses. Da aber ein Versteigerungsverfahren inzwischen eingeleitet worden war, sei ein Verkauf oder auch eine Umschreibung des Besitzes auf das Reich bis auf Weiteres nicht mehr möglich, so der Zwangsverwalter Briel in einem Schreiben aus dem August 1942 an das Finanzamt Wiesbaden. Zudem könne das Reich nach seiner Meinung an der Übernahme des Hauses kein Interesse haben, weil es dann letztlich nur die Restschulden übernehmen würde.[101]
Die insgesamt unklare Situation mag der Grund dafür gewesen sein, dass das auf den früher erstellten Listen als Judenhaus ausgewiesene Gebäude diese Funktion faktisch nicht wahrnahm. Weder wurde die dort schon lange wohnende Familie Blumenthal bzw. die ihrer Tochter Stephanie eingewiesen noch vermutlich Klara Stern, die allerdings erst im August 1939 einzog. Nicht mit Sicherheit ist zu sagen, ob Clara Levy, die mit dieser Adresse auf der Deportationsliste vom 1. September 1942 stand, tatsächlich dort gewohnt hatte. In einer Aufstellung der Mieter des Jahres 1941 durch den damaligen Zwangsverwalter Klier ist noch ein Mieter namens Landau aufgeführt, der zumindest dem Namen nach einen jüdischen Hintergrund gehabt haben könnte. Aber bisher war es nicht möglich, diesen Mieter, dessen Vorname nicht bekannt ist, zu identifizieren. Ansonsten waren die Wohnungen des Hauses Anfang der Vierzigerjahre von etwa zehn nichtjüdischen Mietern besetzt.[102]
Darüber, was in der Endphase der NS-Herrschaft mit dem Haus geschah, geben die Akten keine Auskunft mehr. Man hat den Eindruck, die Behörden waren sich selbst nicht mehr über dessen Status im Klaren. Am 24. März 1947 stellten die ehemaligen Eigentümer des Hauses Dotzheimer Str. 15, die Erbengemeinschaft Abraham, den Antrag auf Rückerstattung ihres ehemaligen Besitzes und die entsprechende Änderung des Grundbuchs. Dann stellte man aber fest, dass es im Grundbuch keine Eintragungen gab, die auf eine vorherige Übertragung der Eigentumsrechte hingewiesen hätte, auch nicht für den beschlagnahmten Anteil von Bernhard Abraham, weder durch eine Zwangsversteigerung noch durch eine formale Aneignung des NS-Staates. Ein Rückerstattungsantrag für das Haus in der Dotzheimer Str. 15, nach dem Krieg gestellt von Bernhard Abraham, respektive Allan Bernard, erübrigte sich aus diesem Grund.[103] Das Haus in der Dotzheimer Str. 15 war weiterhin im Besitz der Erben, der beiden Brüder und ihrer Mutter. Das Haus in der Rüdesheimer Str. 16, das 1939 zwangsversteigert und im weiteren Kriegsverlauf erheblich beschädigt worden war,[104] wurde durch einen Vergleich nach dem Krieg den Neueigentümern, die eine Ausgleichszahlung zu leisten hatten, zugesprochen.[105]
Dem Wiedergutmachungsantrag von Bernhard Abraham für „Schaden in der Ausbildung“ wurde nach fast 5 Jahren stattgegeben. Das war umso dringender, als er seit seiner Emigration oft über lange Zeiträume krankt und auch arbeitsunfähig war. Zuletzt hatte er noch eine Anstellung als Schalterbeamter, aber in seinem erlernten Beruf konnte er nie mehr arbeiten. Die Zahlung von 5.000 DM erreichte Bernhard aber nicht mehr, weil er, schon lange unter Depressionen leidend, am 13. Juni 1959 in Brisbane in Australien verstarb.[106] Bis seine Frau das Geld tatsächlich in Empfang nehmen konnte, dauerte es wegen diverser bürokratischer Hürden fast noch einmal 10 weitere Jahre.

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Über den weiteren Lebensweg von Erik Abraham in Australien ist nur wenig bekannt. Auch er hatte seinen früheren Namen abgelegt und nannte sich in Australien Eric Robert Bernard.[107] Im Mai 1957 stellte er, der zu diesem Zeitpunkt seinen Lebensunterhalt als Taxifahrer verdiente, nur einen Entschädigungsantrag für seinen Ausbildungsschaden.[108] Hier schilderte er knapp, sein Leben, nachdem er von Palästina weiter nach Australien gereist war. Mit Kriegsbeginn wurde er – vermutlich weil Deutscher, aber obwohl Halbjude – zunächst als enemy alien einer Arbeitskolonne zugeteilt, die im Hafen schwere Transportarbeiten zu verrichten hatte. Unter den Verletzungen, die er sich damals zugezogen hatte, litt auch er sein ganzes Leben. Am 10. März 1942 trat er dann in die australische Armee ein, sicher auch, um die dortige Staatsbürgerschaft zu erlangen.[109] Wenn er sich in dem Aufnahmeformular als Atheisten bezeichnet, so ist dies vor dem Hintergrund des Erlebten und Erlittenen nur allzu verständlich. Er wohnte damals in der Stadt Caulfield im Staat Victoria, der Stadt, in der auch Peggy, die Tochter seiner Cousine Lucy, geboren wurde. Man kann somit davon ausgehen, dass die beiden geflohenen Familienmitglieder der Bierstadter Abrahams dort zumindest anfänglich gemeinsam lebten, ob in einem Haus oder nur zusammen in der Stadt, lässt sich nicht mehr feststellen.
1944 heiratete Eric Robert die Australierin Leonora Ada Murrell, mit der er zusammen ein Kind hatte, das um das Jahr 1955 geboren wurde.[110]
Wann Erik Bernard, vormals Erik Abraham, verstarb, konnte nicht ermittelt werden.
Die Mutter, Annie Abraham, blieb als Nichtjüdin während der Nazizeit in Deutschland, konnte aber wohl nach dem Krieg ihre Kinder in Australien besuchen, wo sie mehr als drei Jahre blieb.[111] Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ging sie am 15. Juni 1951 mit Jakob Schmitz, geboren am 16. Oktober 1875 in Schwarz / Rheindorf, eine neue Ehe ein.[112]
Veröffentlicht: 23. 11. 2017
Letzte Revision: 24. 06. 2026
Anmerkungen:
[1] Am 22.4.1878 war in Langenhain, dem Geburtsort der Ehefrau, die Ehe geschlossen worden, Heiratsregister Langenhain 3 /1878.
[2] Zum Gründungsdatum siehe die Angabe in HHStAW 518 695 I (85).
[3] Julius wurde am 17.1.1879, , Geburtsregister Bierstadt 5 / 1879; Daniel Theodor am 13.9.1880, Geburtsregister Bierstadt 40 / 1880; Gustav am 21.6.1882, , Geburtsregister Bierstadt 28 / 1882; Siegmund am 23.3.1884, Geburtsregister Bierstadt 17 / 1884 und Leopold Fritz am 21.5.1889, Geburtsregister Bierstadt 29 / 1889, geboren. Etwas verwirrend sind Aufzeichnungen über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Bierstadt, in denen die dort lebenden jüdischen Familien knapp vorgestellt werden. Auch die Familie Abraham wird kurz erwähnt. Es heißt da: „In der Langgasse (Raiffeisenstraße) betrieb der 1886 in Bierstadt geborene Gisbert Abraham ein Tuchgeschäft. Besonders beliebt war sein blauer Schürzenstoff.“ 1075 Jahre Bierstadt, S. 83. Aus der Adressangabe muss man schließen, dass ein weiteres Mitglied der hier behandelten Familie Abraham handeln gemeint ist. Ein solches Mitglied mit dem Namen Gisbert ist aber nicht bekannt. Laut Geburtsregister wurde im Jahr 1886 in keiner Familie Abraham überhaupt ein Kind geboren. Verwunderlich ist weiterhin, dass auf einer Skizze des Ortes mit den Anschriften seiner jüdischen Bewohner ebenfalls dieser Gisbert Abraham eingezeichnet ist. Ob es sich um denselben Autor handelt, ist nicht bekannt, aber zu vermuten. Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich aber um einen Fehler. Gemeint ist wahrscheinlich Siegmund Abraham, der allerdings 1884 zur Welt kam.
[4] Heiratsregister Berlin 1393 / 1905. Die Eltern der Braut waren der Gärtner Hermann Puls und seine Frau Augusta, geborene Schwarz.
[5] Geburtsregister Berlin 103 / 1906.
[6] Sterberegister Berlin 574 / 1907
[7] Sterberegister Berlin-Neukölln I 13 / 1920. Auch sein Bruder Leopold war als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg eingezogen worden, kam aber, anders als seine beiden Brüder Daniel und Julius, relativ unbeschadet wieder zurück.
[8] Heiratsregister Bierstadt 39 / 1923. Edward Lewis war am 31.8.1890 als Sohn des ausgewanderten Briten Charles Lewis und seiner Frau Pauline, geborene Epstein, in El Paso geboren worden. Siehe https://www.ancestry.de/search/collections/1174/records/646781. (Zugriff 31.05.2026).
[9] HHStAW 685 5a (22).
[10] Sterberegister Wiesbaden 547 / 1927.
[11] Viele Informationen über das Schicksal der Familie von Siegmund Abraham beruhen auf dem beeindruckenden Erinnerungsbuch, das seine Enkelin angefertigt und dem Autor des vorliegenden Textes freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
Auch Peter Riese aus Bierstadt ist zu danken, der sein Archiv über die Geschichte Bierstadts für diese Dokumentation ebenfalls bereitwillig geöffnet hat.
[12] Die Eltern von Rosa Sommer waren Mardachäus und Klara Sommer, geb. Kander, die zum Zeitpunkt der Hochzeit, dem 21.3.1912, in Würzburg, dem Ort der Eheschließung, lebten, siehe Heiratsregister Würzburg 129 / 1912. Heiratsregister Würzburg 129 / 1887. Der Geburtsschein von Rosa Sommer trägt die Registernummer 99 / 1897 des Standesamts Wertheim, siehe HHStAW 518 52930 (5).
[13] Geburtsregister Bierstadt 17 / 1913 und 27 / 1918.
[14] Nach den Bilanzen der Jahre 1929 bis 1933 wurden trotz Weltwirtschaftskrise Bruttogewinne zwischen 20 und 30 000 RM erwirtschaftet, das jährliche Einkommen lag bei etwa 10.000 bis 15.000 RM und das Vermögen von Siegmund Abraham betrug 1935 63.000 RM. Siehe 518 695 I (26) und (85). Das Haus in der Goebenstraße wurde 1937 verkauft, nach dem Krieg wieder zurückerstattet, das Haus in Bierstadt wurde gegen eine Ausgleichszahlung dem neuen Eigentümer überlassen, siehe ebd. (39).
[15] HHStAW 518 695 I 86.
[16] Privatarchiv Peter Riese.
[17] Ebd. (85).
[18] Ebd.
[19] Siehe zu dem gesamten Vorgang, der auch in einem Polizeiprotokoll festgehalten wurde, HHStAW 518 5291, i. B. (4, 10-12, 45, 113).
[20] HHStAW 518 695 I (85). In einer Anmerkung in der Genealogischen Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung unter Therese Sommer, der Frau von Siegfried Abraham, ist die Arisierung des Betriebes allerdings erst auf das Jahr 1935 datiert. Es heißt hier ergänzend, dass der Käufer die vereinbarte Kaufsumme nicht zahlen konnte, die Nazis hätten daraufhin Abrahams, die zuvor nach Frankfurt verzogen seien, wieder nach Bierstadt zurückbeordert. Eine Quellenangabe für diese Information ist allerdings nicht vorhanden. Die Entschädigung für Schaden am wirtschaftlichen Fortkommen wurde aber tatsächlich vom 1.4.1933 an gewährt, siehe ebd. (112 f).
[21] HHStAW 518 695 I (21).
[22] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_5711-0081?pId=22013553. (Zugriff 31.05.2026).
[23] https://www.ancestry.de/search/collections/7488/records/21266032?tid=&pid=&queryId=40419d38-a110-419d-b9d2-e7cd0057c854&_phsrc=SbT2346&_phstart=successSource. (Zugriff 31.05.2026).
[25] HHStAW 518 695 I (22). Unter den Ausgaben sind hier neben den allgemeinen Lebenshaltungskosten für die Familie von insgesamt 16.000 RM auch die Kosten für die Informationsreise in die USA mit 1.200 RM und die Ausstattung der Tochter anlässlich ihrer geplanten Auswanderung in Höhe von 7.000 RM angeführt.
[26] Ebd. (57).
[27] HHStAW 474/11 36 (passim).
[28] Ebd. Falsch ist allerdings seine Vermutung, die Judenvermögensabgabe habe sich etwa in gleicher Höhe belaufen müssen. Diese Sondersteuer für Juden wurde erst nach dem Pogrom von 1938 erhoben, konnte also nicht mehr von Siegmund Abraham, der bereits 1937 das Land verließ, gefordert werden.
[29] Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983, dazu HHStAW 518 695 I (39).
[30] Ebd. (101 f.).
[31] Allein die Kosten für die Auswanderung der vierköpfigen Familie beliefen sich auf 3.000 £ und wurden mit 7.000 DM entschädigt, ebd. (137).
[32] Ebd.(35 f.).
[33] Zu den Einreisebedingungen nach Australien siehe Hdb. der deutschsprachigen Emigration 1933 – 1945, S. 162 f. Bis 1937 hatte Australien eine sehr restriktive Einwanderungspolitik verfolgt, die nur wenigen hundert zahlungskräftigen Emigranten die Einreise ermöglichte. Nach gewissen Erleichterungen ab 1937 waren es dann zunächst ca. 500, die aufgenommen wurden. Obwohl auch weiterhin die Einreisebewilligung an finanzielle Bedingungen geknüpft wurde, schnellten die Zahlen in den folgenden Jahren hoch, sodass insgesamt etwa 7 000 Flüchtlinge dorthin gelangten.
[34] Ebd. (30b). Bei einer späteren Einreise in die USA gab Claire Ingeborg an, die USA am 9.5.1937, also unmittelbar vor der Ausreise nach Australien, verlassen zu haben, siehe https://www.ancestry.de/search/collections/7949/records/1470594. (Zugriff 31.05.2026).
[35] Die polizeiliche Abmeldung aus Frankfurt, wo die Eltern zuletzt in Untermiete in der Bockenheimer Landstr. 93 gewohnt hatten, siehe HHStAW 518 695 I (21). Die Tochter Kläre Ingeborg hat zu dieser Zeit demnach nicht mehr bei den Eltern gewohnt. Aber auch sie ist auf der Passagierliste als „Miss I. Abraham“ eingetragen, siehe ebd. (130b). Zur Reichsfluchtsteuer siehe HHStAW 518 695 I (26). Frappierend in der Argumentation des mit dem Entschädigungsverfahren befassten Juristen, immerhin Justizrat und Notar, ist allerdings die völlige Unkenntnis des historischen Hintergrunds der Judenvermögensabgabe, von der er annimmt, dass auch sie in etwa gleicher Höhe von den Abrahams gezahlt worden sein müsse. Zum Zeitpunkt der Ausreise 1937 war diese Sondersteuer im Gefolge der „Reichskristallnacht“ noch überhaupt nicht erlassen worden.
[36] HHStAW 518 695 I (137, 169).
[37] HHStAW 518 695 I (133).
[38] Bertl David Fischl Abraham verstarb am 14.8.1994 in New York.
[39] Es handelte sich um das Kaufhaus ‚Bonwit Teller‘ in der 5th Avenue, das inzwischen abgerissen wurde, um Platz für den protzigen Trump-Tower zu machen.
[40] Die Eltern des Bräutigams waren Sali und Irma, geborene Gideon, denen zuvor die Flucht in die USA gelungen war.
[41] https://www.ancestry.de/search/collections/60614/records/23512. (Zugriff 31.05.2026).
[42] https://images.findagrave.com/photos/2011/57/66192150_129886811243.jpg und https://images.findagrave.com/photos/2011/57/66192149_129886801084.jpg. (Zugriff 31.05.2026).
[43] Heiratsregister Köln II 723 / 1914. Die Eltern der am 3.2.1889 in Yerres / Paris geborenen Anna Abraham (genannt Annie) waren Joseph Messerschmidt und Anna Maria, geb. Melsheimer.
[44] HHStAW 518 50685 (6), mit den offiziellen Geburtsdaten der beiden Kinder.
[45] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 78 Bl. 1167 Innen.
[46] Im Wiesbadener Adressbuch von 1920 ist Gustav Abraham erstmals als Eigentümer des Hauses eingetragen. Im Adressbuch 1918 ist als Voreigentümer Hanson angegeben.
[47] HHStAW 685 2 a (2, 4).
[48] HHStAW 685 5a (15). Später zog er aber in die sicher luxuriösere Mainzer Str. 20. Das dortige ehemalige Gebäude ist heute durch einen Neubau ersetzt worden. Allerdings besaßen Abrahams das brachliegende Nachbargrundstück Mainzer Str. 118, das als Bauland ausgewiesen war, aber in den Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unbebaut blieb. In einem Schreiben an das Finanzamt Wiesbaden erklärte Leopold Abraham 1927, das Grundstück sei erworben worden, um „dort später nach Ablauf unseres Mietvertrages im Jahr 1930 ein neues Fabrikgebäude zu errichten“. Siehe HHStAW 685 5c (67).
[49] HHStAW 518 50698 (14).
[50] Für das Jahr 1920 wurde ihm ein Einkommen von 7.500 RM bestätigt, HHStAW 685 5 (6). 1922 bat er das Finanzamt Wiesbaden um Stundung der Einkommenssteuer mit dem Argument, sein gesamtes Vermögen sei in der Firma seines Bruders angelegt und könne nicht ohne Weiteres herausgenommen werden.
[51] Ebd. (17).
[52] In den frühen Zwanzigerjahren wurde in Wiesbaden eine weitere Firma in derselben Branche gegründet: die ‚Gebr. Abraham A.G. Mönchen Gladbach‘, als deren Vorstand die zwei Brüder Julius und Gustav Abraham fungierten. Sie stammten allerdings aus Schlochau in Westpreußen. Sitz der Firma und ihres Direktors Julius Abraham war zunächst die Humboldtstr. 10, die laut Adressbuch als Immobilie auch in seinem Besitz war, später die Goldgasse 4. Sein Bruder Gustav wohnte in der Lessingstr. 4. Diese zufällige Identität der Namen und der Branche ist, wenn man die Unternehmungen in den Adressbüchern identifizieren will, mitunter sehr verwirrend. Die Firma wurde 1927 an das Kaufhaus Ludwig Tietz verkauft und war zum 28.3.1929 endgültig erloschen. Siehe HHStAW 685 6 (passim).
[53] HHStAW 685 2 a (20). Es handelt sich um die Ehefrau von Julius Abraham, der allerdings nicht identisch mit dem Schwager von Anna Abraham war. Der Ehemann von Cornelia Abraham war am 12.9.1886 in Schlochau in Westpreußen geboren worden. Ob es eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen den beiden Abraham-Familien gab, ist nicht bekannt.
[54] HHStAW 685 5c (56).
[55] Ebenfalls im Jahr 1924 hatte ihr Bruder Siegmund, wie bereits vermerkt, die Immobilie in der Wiesbadener Goebenstr. 32 erworben.
[56] HHStAW 518 50685 (13).
[57] HHStAW 685 5a (45 f.).
[58] Ebd. (111).
[59] Siehe dazu den Prozess um die Sicherungseintragungen im Grundbuch, Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 78 Bl. 1167 Innen (153 ff).
[60] HHStAW 685 2b (53 f.)
[61] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 78 Bl. 1167 Innen (137).
[62] HHStAW 685 5a (14). In der Einkommensteuererklärung des Jahres 1933 ist noch präziser festgehalten, Leopold Abraham sei „bereits seit Ende April 1933 mit unbekanntem Aufenthalt von Wiesbaden fort“. Ebd. (24). Im Adressbuch von 1934/35 ist Leopold Abraham noch als Eigentümer des Römerberg 14 aufgeführt, allerdings mit dem Zusatz „auswärts“.
[63] Ebd. (o.P.).
[64] https://www.ancestry.de/search/collections/7949/records/1384072. (Zugriff 31.05.2026).
[65] https://www.ancestry.de/search/collections/1664/records/300029558. (Zugriff 31.05.2026).
[66] https://www.ancestry.de/search/collections/8704/records/58238. (Zugriff 31.05.2026).
[67] https://www.ancestry.de/search/collections/3998/records/1307943. (Zugriff 31.05.2026).
[68] Abe Abraham Mischel selbst war der geschiedene Vater von 4 Kindern.
[69] https://www.ancestry.de/search/collections/62308/records/261134844. (Zugriff 31.05.2026).
[70] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/120614712/person/282311310192/facts?_phsrc=SbT2489&_phstart=successSource. (Zugriff 31.05.2026). 1940 hatte die Devisenstelle Frankfurt noch einmal eine Überprüfung der „Nassauischen Wollwarenfabrik“ anberaumt, obwohl die Firma längst nicht mehr existierte. In einem Vermerk heißt es allerdings, dass das Verfahren eingestellt worden sei, weil die beiden Inhaber, Gustav und Leopold, nach Recherchen des Gewerbesteueramts und der Polizei inzwischen verstorben seien. Siehe HHStAW 519/3 23661 (2). Zumindest im Hinblick auf Leopold Abraham ein Irrtum!
[71] https://www.ancestry.de/search/collections/5180/records/5050839. (Zugriff 31.05.2026).
[72] HHStAW 519/2 2089 (6). Hatte der erwirtschaftete Gewinn 1928 noch 18.100 RM betragen, so hatte er sich im folgenden Jahr um mehr als die Hälfte auf rund 7.000 RM reduziert, siehe Einkommensteuermeldungen HHStAW 519/2 2088.
[73] HHStAW 685 5a (17).
[74] Für die Dotzheimer Str. 15 stehen in der Bilanz von 1933 den Mieteinnahmen von 4.247 RM Ausgaben von 4.438 RM entgegen, sodass 191 RM als Ertrag des gesamten Jahres blieben, siehe HHStAW 685 2 (85). In den Jahren zuvor war das nur geringfügig mehr.
[75] Der Einheitswert der beiden Wohngebäude war im Jahr 1932 auf 79.800 RM bzw. 43.300 festgelegt worden, 1935 aber neu berechnet und auf 55.800 RM bzw. 34.600 RM herabgesetzt worden, siehe HHStAW 519/2 2089 (7,8) und HHStAW 685 2 (48, 49).
[76] HHStAW 685 2 c.
[77] HHStAW 685 2 a (101) Die V-Liste ist die beim Finanzamt geführte Vermögensteuerkontroll-Liste.
[78] So konnte er in den Jahren 1928 noch etwa 3.4000 RM, 1929 noch 1.350 RM als gewerbliches Einkommen versteuern. Siehe HHStAW 519/2 2088 (11, 26).
[79] Nicht nachzuvollziehen ist, wieso die Mutter im Entschädigungsverfahren zunächst angab, er habe in Reutlingen Examen gemacht, dann aber wenige Wochen später eingestehen musste, dass er dort keinen Abschluss gemacht hatte. Siehe HHStAW 51850685 (9, 13). Insgesamt bleiben die Ausführungen der Mutter zur Biografie ihrer Söhne diffus und widersprüchlich.
[80] HHStAW 518 50685 (9).
[81] HHStAW 518 50685 (11). Es handelte sich bei dieser Ausreise um keine offizielle Auswanderung, Bernhard war weiterhin deutscher Steuerbürger, der bis 1936 eine Einkommensteuererklärung, allerdings ohne ein Einkommen erzielt zu haben, abgab. Laut ‚Mapping the Lives‘ war er damals über Belgien ausgewandert. Belege dafür sind nicht angegeben, siehe https://www.mappingthelives.org/bio/3290683a-235a-4fb4-98a0-dd4d19d65108?forename=Bernhard&surname=Abraham&res_single_fd=false&birth_single_fd=false&death_single_fd=false&deportation_single_fd=false&emigration_single_fd=false&expulsion_single_fd=false&imprisonment_single_fd=false&lat=50.3061856&lon=12.3007083&zoom=6&map_agg=residence&language=de. (Zugriff 31.05.2026).
[82] HHStAW 518 50685 (11, 13).
[83] HHStAW 50698 (3, 9).
[84] HHStAW 518 50685 (9) In einem Brief des Hausverwalters Briel an den Oberfinanzpräsidenten von Berlin-Brandenburg vom 27.3.42 erwähnt dieser, Erik sei 34 oder 35 nach Australien ausgewandert, siehe HHStAW 519/2 2087 (29).
[85] HHStAW 685 2 a (1, 6).
[86] HHStAW 519/2 2087 (d2, d3) und HHStAW 685 2 (6).
[87] HHStAW 518 50698 (1).
[88] HHStAW 519/2 2087 (d4) Schreiben vom 8. bzw. 13.3.1939.
[89] Ebd. (d75, d76) Ein gleicher Auftrag erging vom Finanzamt Moabit, dem bei Vermögensentzug auf der Basis des Entzugs der Staatsangehörigkeit zuständigen Finanzamt. Bernhard Abraham war nach NS-Definition nur Halbjude.
[90] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 78 Bl. 1167 Innen (152).
[91] In diesem Schreiben des Finanzamts Wiesbaden vom 16.2.1940 heißt es weiterhin: „Bernhard Abraham ist am 13. Juli 1937 nach Brüssel ausgewandert.“ Er habe zuletzt in der Rüdesheimer Straße bei seiner Mutter gewohnt, HHStAW 519/2 2087 (d8). Es kann also nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass Bernhard von Palästina noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt war, bevor er dann über Brüssel nach Australien auswanderte. Allerdings gibt es sonst keine Hinweise auf eine solche Rückkehr.
[92] HHStAW 519/2 2087 (4).
[93] Siehe i.B. zur Rolle des Finanzamts Moabit, Meinl / Zwilling, Legalisierter Raub, S. 243 f.
[94] HHStAW 519/2 2087 (d84).
[95] Ebd. (d8).
[96] Ebd. (d83).
[97] Ebd. (d12).
[98] Ebd. 2087 (26)
[99] Ebd., darin auch der vom Finanzamt Wiesbaden am 20.5.41 angeforderte Grundbuchauszug vom Amtsgericht, der diese Eigentumsverhältnisse und die seit dem 12.6. 34 bestehende Zwangsverwaltung des Grundstücks bestätigt.
[100] HHStAW 519/2 2087 (d46). Hervorhebung im Original.
[101] Ebd. (d66).
[102] Ebd. (27-30).
[103] HHStAW 519/2 2087 (d90).
[104] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 109 Bl. 1643 Innen (157, 159).
[105] Ebd. (193).
[106] HHStAW 518 50685 (38). Der Name seiner Frau war Edna May, geborene Stanley. Das Paar hatte eine Tochter, die zum Zeitpunkt des Todes ihres Vaters in Sydney als Lehrerin tätig war, ebd. (39).
[107] HHStAW 519 50698 (1).
[108] Ebd. (passim).
[109] https://www.ancestry.de/search/collections/61987/records/12310. (Zugriff 31.05.2026).
[110] https://www.ancestry.de/search/collections/61649/records/1453956. (Zugriff 31.05.2026)., dazu HHStAW 518 50698 (1).
[111] HHStAW 518 50685 (39).
[112] Heiratsregister Schlangenbad 8 /1951.

