Julius und Martha Kahn, geborene Blumenthal, und ihre Geschwister


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus in der Hall­gar­ter Str. 6
Eige­ne Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Hall­gar­ter Str. 6
Judenhaus Wiesbadaen, Judenäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Hall­gar­ter Str. 6
Das Juden­haus Hall­gar­ter Str. 6 frü­her
Mit Geneh­mi­gung M. Sauber

 

 

 

 

 


Im Haus leb­te schon län­ger ein jüdi­sches Ehe­paar, eben­falls mit dem Fami­li­en­na­men Kahn. Die bei­den hat­ten zunächst in der Wall­ufer Str. 8 gewohnt, erschei­nen erst­mals im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1932/​33 mit der Adres­se der Hall­gar­ter Str. 6.

Juden Wiesbaden, Judenhaus Hallgarter Str. 6, Judenhäuser Wiesbaden,
Stamm­baum der Fami­lie Kahn /​ Blu­men­thal
(GDB-PLS)

Juli­us Kahn, von Beruf Buch­dru­cker bzw. Schrift­set­zer oder auch Buch­bin­der,[1] stamm­te aus dem heu­te zu Rei­chels­heim im Oden­wald gehö­ren­den Pfaf­fen-Beer­furth, wo er am 26. Mai 1892 gebo­ren wur­de. Hier hat­te sich die Fami­lie Kahn, wie auch eini­ge ande­re jüdi­sche Fami­li­en, im 18. Jahr­hun­dert ange­sie­delt.[2] Es han­del­te sich zumeist um sehr arme Juden, die ganz tra­di­tio­nell im Vieh­han­del tätig waren. Die klei­ne Gemein­de bestand im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert, der Zeit ihrer größ­ten Aus­deh­nung, aus nie mehr als 10 bis 15 steu­er­pflich­ti­gen Mit­glie­dern. Ins­ge­samt waren damals etwa 8 Pro­zent der Bevöl­ke­rung jüdi­schen Glau­bens. Aber das genüg­te, um einen eige­nen Vor­ste­her zu haben, der zeit­wei­se auch als Leh­rer und Scho­ch­et amtier­te. Ihre ärm­li­chen Häu­ser waren im gesam­ten Ort ver­teilt, was als Indiz dafür ange­se­hen wer­den kann, dass die jüdi­schen Mit­bür­ger auch ins­ge­samt in das dörf­li­che Leben inte­griert waren. Das Haus, das die Fami­lie Löb /​ Kahn von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wei­ter­ver­erbt hat­te, stand in der Pfalz­stra­ße, dem heu­ti­gen Pfäl­zer Platz, und war 1821 von Salo­mon Löb erwor­ben wor­den. Hint­ge Löb, die Toch­ter von Samu­el und sei­ner Frau Hen­del, hei­ra­te­te einen aus Elms­hau­sen stam­men­den Salo­mon Kahn. Das Paar über­nahm das Haus im Jahr 1836. Ihr Sohn Joseph Kahn (I), gebo­ren 1825, war der Vater des Buch­bin­ders Joseph Kahn (II), der in sei­ner Gemein­de die wich­ti­ge Auf­ga­be des Vor­be­ters über­nom­men hat­te. Ver­hei­ra­tet war er mit der um ein Jahr jün­ge­ren Emma Jakob, mit der er ins­ge­samt sechs Kin­der auf­zog. Das ältes­te war der spä­ter in Wies­ba­den leben­de Juli­us Kahn, der als Buch­dru­cker wie sein Vater beruf­lich mit der Her­stel­lung von Büchern befasst war. Juli­us war am 25. Mai 1892 gebo­ren wor­den. Ihm folg­ten die Schwes­tern Ida am 15. Janu­ar 1894, Jen­ny am 2. Okto­ber 1895 und Hann­chen am 2. April 1898. Am 17. März 1900 wur­de der Bru­der Jakob und am 25. Janu­ar 1902 noch die Schwes­ter Rosa gebo­ren.[3]

Nur dem zwei­ten Sohn Jakob gelang es mit sei­ner Fami­lie recht­zei­tig Deutsch­land zu ver­las­sen. Die übri­gen über­leb­ten die Zeit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur nicht.[4] Als im Gefol­ge des Atten­tats von Gryn­span auf den Lega­ti­ons­rat von Rath es auch in Pfaf­fen-Beer­furth im Novem­ber 1938 zu „spon­ta­nen“ Aktio­nen gegen die dort noch leben­den Juden kam, waren die Eltern bereits ver­stor­ben, der Vater am 26. März 1935, die Mut­ter 1937.[5] Sie muss­ten nicht mehr erle­ben, wie die ört­li­chen Funk­tio­nä­re der SA und NSDAP die Häu­ser der alt­ein­ge­ses­se­nen jüdi­schen Mit­bür­ger demo­lier­ten, ihre Geschäf­te plün­der­ten und ein­zel­ne von ihnen auch kör­per­lich miss­han­del­ten.[6] Bereits 1937 war die klei­ne jüdi­sche Gemein­de auf­ge­löst wor­den, nach­dem die meis­ten der ehe­ma­li­gen Mit­glie­der weg­ge­zo­gen oder gar aus­ge­wan­dert waren.[7]

Josef Kahn, Emma Kahn, Jenny Kahn, Ida Kahn, Hannchen Kahn, Jakob Kahn, Rosa Kahn, Judenhaus Wiesbaden
Grab­stei­ne von Joseph und Emma Kahn auf dem Juden­fried­hof in Rei­chels­heim
Gemein­de­ar­chiv Reichelsheim

Auch Juli­us Kahn und sei­ne Frau Mar­tha, gebo­re­ne Blu­men­thal, leb­ten zu die­ser Zeit schon lan­ge in Wies­ba­den, wo sie am 4. Okto­ber 1923 gehei­ra­tet hat­ten.[8] Die gelern­te Schnei­de­rin war am 16. Juli 1890 in Holz­hau­sen als jüngs­te von vier Töch­tern des Ehe­paars Joseph und Julia Blu­men­thal gebo­ren wor­den.[9] Auch aus die­ser alten, einst sehr regen jüdi­schen Gemein­de waren im Zuge der wach­sen­den Dis­kri­mi­nie­rung fast alle Mit­glie­der abge­wan­dert und in die Städ­te gezo­gen. Auch die Eltern von Mar­tha, Joseph und Julia Blu­men­thal, gebo­re­ne Land­au, hat­ten zumin­dest zuletzt bei den Kahns in der Hall­gar­ter Str. 6 gewohnt, wo sie am 30. Juli 1930 und er am 20. August 1932 ver­star­ben.[10]

 

Judenhäuser, Judenhaus, Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Juli­us Kahn gibt der Devi­sen­stel­le Aus­kunft über sein monat­li­ches Ein­kom­men
HHStAW 519/​3 3291 (4)

Ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen über das kin­der­los geblie­be­ne Ehe­paar Kahn gibt es erst ab den spä­ten 30er Jah­ren, als Juli­us Kahn schon nicht mehr in sei­nem erlern­ten Beruf arbei­ten konn­te. Bei sei­ner Ver­mö­gens­er­klä­rung, die er im März 1940 abge­ben muss­te, schrieb er, dass er kein Ver­mö­gen besit­ze und für etwa 30 RM Wochen­lohn bei der Maschi­nen­fa­brik Scheid in Lim­burg arbei­te.[11] Dass es sich hier­bei um Zwangs­ar­beit han­del­te, ergibt sich schon aus die­sem gerin­gen Lohn.[12] Dane­ben erhielt er noch eine monat­li­che Kriegs­be­schä­dig­ten­ren­te von 22,20 RM. Juli­us Kahn war, wie auch sein Bru­der Jakob, dem Auf­ruf im Ers­ten Welt­krieg zur angeb­li­chen Ver­tei­di­gung des Vater­lan­des gefolgt und hat­te dabei ein Augen­licht ein­ge­büßt.[13] Mar­tha besaß ursprüng­lich eine Schnei­de­rei in der Wall­ufer Str. 8, aber schon ab 1933 müs­sen die Erträ­ge stark zurück­ge­gan­gen sein, sodass auch sie kaum zum gemein­sa­men Lebens­un­ter­halt bei­tra­gen konn­te. 1938 wur­de das klei­ne Ate­lier end­gül­tig geschlos­sen.[14] Auf der 1939 erstell­ten Gesta­po-Kar­tei­kar­te ihres Man­nes hat­te man sie wegen eines Herz­feh­lers sogar als arbeits­un­fä­hig eingestuft.

Nach Anga­ben ihrer Nich­te Hil­de Kahn-Cohen, der Toch­ter der Schwes­ter Recha Mattauch, bewohn­te das Ehe­paar Kahn in der Hall­gar­ter Str. 6 im ers­ten Stock eine 3‑Zimmerwohnung mit Man­sar­de. Zumin­dest ein Zim­mer davon hat­ten sie spä­tes­tens seit 1939 an Ama­lie Katz ver­mie­tet.[15] Das zusätz­li­che monat­li­che Ein­kom­men von 38 RM aus Unter­ver­mie­tung hat­ten die bei­den ord­nungs­ge­mäß bei ihrer Ver­mö­gens­er­klä­rung ange­ge­ben.[16]

Ange­sichts die­ser mehr als dürf­ti­gen finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se ver­zich­te­te die Devi­sen­stel­le vor­läu­fig auf die Errich­tung eines Siche­rungs­kon­tos, „erlaub­te“ sogar, dass Juli­us Kahn sei­nen Zwangs­ar­bei­ter­lohn unmit­tel­bar in bar ent­ge­gen­neh­men durf­te.[17] Der gewähr­te Frei­be­trag von 250 RM war ange­sichts des monat­li­chen Ein­kom­mens gera­de­zu ein Hohn.

Nicht rich­tig sind die in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung ihres Schwa­gers 1949 gemach­ten Anga­ben, wonach die bei­den „Pfings­ten 1942 (…) auf Ver­an­las­sung der Gesta­po mit ca. 100 ande­ren Juden in der alten Syn­ago­ge Fried­rich­stra­ße ein­ge­sperrt und nach ca. 4 Tagen mit der Eisen­bahn abtrans­por­tiert“ wor­den sei­en. Er sei mit sei­ner Frau Sido­nie, der Schwes­ter von Mar­tha, am Tage zuvor „beim Packen der beschränk­ten Habe, die mit­ge­nom­men wer­den durf­te, zuge­gen“ gewe­sen und sie hät­ten auch am fol­gen­den Tag die bei­den noch zur Syn­ago­ge beglei­tet.[18]

Es ist hin­ge­gen sicher, dass bei­de erst am 1. Sep­tem­ber 1942 mit dem letz­ten gro­ßen Trans­port nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wur­den. Die zurück­ge­las­se­nen Gegen­stän­de und Möbel wur­den anschlie­ßend ver­mut­lich zuguns­ten der Ver­wer­tungs­stel­le beim Finanz­amt Wies­ba­den ver­stei­gert.[19] Nach­dem die Ver­wand­ten Ende 1943 erfah­ren hat­ten, dass Juli­us und Mar­tha Kahn nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wor­den waren, hat­ten sie ihnen noch Lebens­mit­tel­pa­ke­te geschickt, aber nie eine Ein­gangs­be­stä­ti­gung oder ein ande­res Lebens­zei­chen erhal­ten, obwohl sie zu die­ser Zeit noch dort inhaf­tiert gewe­sen sein müssen.

Der wei­te­re Weg in die Ver­nich­tung kann bei Juli­us Kahn nicht mehr genau nach­ge­zeich­net wer­den. Am 28. Sep­tem­ber 1944 wur­de er von The­re­si­en­stadt nach Ausch­witz über­führt, aber nicht dort, son­dern knapp drei Mona­te spä­ter kam er, ver­se­hen mit der Häft­lings­num­mer 115661, am 23. Dezem­ber 1944 in Dach­au zu Tode, wohin man ihn am 10. Okto­ber ver­bracht hat­te.[20] Ange­sichts der vor­rü­cken­den sowje­ti­schen Front hat­te man bereits im Som­mer 1944 begon­nen, die noch arbeits­fä­hi­gen KZ-Insas­sen in die Lager im Reich zu ver­le­gen, bereits Mona­te bevor die eigent­li­chen Todes­mär­sche im Janu­ar 1945 began­nen. Unter wel­chen Umstän­den er in Dach­au sein Leben ver­lor, ist nicht bekannt.

Judenhaus Hallgarter St. 6, Wiesbaden
Stol­per­stei­ne für Juli­us und Mar­tha Kahn, gebo­re­ne Blu­men­thal, in der Hall­gar­ter Str. 6 in Wies­ba­den
Eige­ne Aufnahme

Ähn­lich erging es Mar­tha, die eben­falls noch nach Ausch­witz gebracht wur­de, aller­dings erst am 4. Okto­ber 1944. Von dem Trans­port, der etwa 1500 Men­schen umfass­te, wur­den nach einer Selek­ti­on eini­ge hun­dert Jun­ge und Gesun­de in das Durch­gangs­la­ger ein­ge­wie­sen, dar­un­ter 271 Frau­en, alle ande­ren wur­den direkt in die Gas­kam­mern geschickt und umge­bracht.[21] Mar­tha Kahn, 54 Jah­re alt und schon zuvor als nicht arbeits­fä­hig aus­ge­wie­sen, wird nicht zu denen gehört haben, denen man noch einen Auf­schub gewähr­te. Weil aber eine amt­li­che Bestä­ti­gung für ihre Ermor­dung fehlt, wur­de sie nach dem Krieg per Gerichts­be­schluss für tot erklärt.[22]

Recha Mattauch, Recha Kahn, Hilde Mattauch, Johanna Blumenthal, Sidonie Blumenthal, Martha Kahn Blumenthal, Judenhaus WiesbadenKahn
Kar­te von Recha Mattauch an ihren Schwa­ger Hein­rich Gör­gens aus dem Jahr 1946
HHStAW 469/​33 2361 (6)

Im Jahr 1946 wuss­ten die Geschwis­ter, sofern sie über­lebt hat­ten, noch nichts von dem Schick­sal der ande­ren. Eine Post­kar­te von Recha Mattauch, der am 24. Juni 1879 gebo­re­nen Schwes­ter von Mar­tha, geschrie­ben am 17. Mai 1946 in Por­tu­gal an den Schwa­ger Hein­rich Johann Gör­gens, bezeugt die­ses Unwis­sen, aber auch die Ahnung des Gesche­he­nen: „Nun da man wie­der schrei­ben kann, ist es mein Ers­tes zu fra­gen, wie es dir geht. Ich hof­fe, du bist gesund geblie­ben, auch dei­ner Mut­ter geht es gut. Bei uns ist alles soweit gut, nur feh­len die Nach­rich­ten unse­rer lie­ben Geschwis­ter. Kannst du mir nicht irgend­wel­che Aus­kunft geben, es ist doch in der Leer­stra­ße eine Aus­kunfts­stel­le, bit­te erkun­di­ge dich dort u. schrei­be mir. (…) Es ist ein Glück, dass die schwe­re Zeit vor­bei ist, nun wird es auch bald hof­fent­lich mal bes­ser wer­den, wenn es auch noch eine Zeit bis dahin währt.“[23]

Zu die­ser Zeit war der Adres­sat der Post­kar­te bereits ver­wit­wet. Für sei­ne Frau Sido­nie, die am 9. März 1882 wie die ande­ren Schwes­tern in Holz­hau­sen über Aar gebo­ren wor­den war, war die mit Hein­rich Johann Gör­gens am 3. Juni 1933 in Wies­ba­den geschlos­se­ne Ehe bereits die zwei­te.[24] In der ers­ten Ehe mit Juli­us Rei­chen­berg, wur­de am 26. Novem­ber 1911 die Toch­ter Ama­lie Eli­sa­beth gebo­ren.[25] Das Paar leb­te zu die­ser Zeit in Cam­berg im Tau­nus. Ihr ers­ter Ehe­mann ver­starb nach Anga­ben der Toch­ter im Jahr 1913.[26]

Der am 3. Juni 1888 in Styrum, einer Gemein­de zwi­schen Ober­hau­sen und Mül­heim an der Ruhr, gebo­re­ne zwei­te Ehe­mann war von Beruf Inge­nieur und sei­ner Her­kunft nach kein Jude, son­dern katho­lisch getauft wor­den. Bei der Ehe­schlie­ßung hat­ten sie bereits zusam­men in der Rüdes­hei­mer Str. 25 gewohnt, waren aber spä­ter aus finan­zi­el­len Grün­den in die Adler­str. 18 umge­zo­gen.[27] Auch sie leb­ten in eher beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen, denn Heinz Gör­gens war bereits seit 1932 berufs­un­fä­hig und sei­ne Frau ver­dien­te Geld als „Pro­pa­gan­dis­tin“, zuletzt als Ver­tre­te­rin für „Mag​gi“​-Pro​duk​te. Ihre etwa 200 RM Gehalt stell­ten somit den Haupt­teil der monat­li­chen Ein­künf­te dar. Aber 1933 ver­lor auch sie ihre Arbeit, da sie kei­ne Mög­lich­keit mehr hat­te, in nicht­jü­di­schen Haus­hal­ten ihre Pro­duk­te vor­zu­stel­len. Das Paar leb­te von da an von der klei­nen Ren­te, etwas weni­ger als 100 RM, die ihrem Ehe­mann zustand.[28] Ver­su­che des Ehe­manns, trotz sei­ner kör­per­li­chen Beschwer­den wie­der Arbeit zu fin­den, waren wegen sei­ner jüdi­schen Ehe­frau ver­ge­bens oder nur von kur­zer Dau­er.[29]

Sidonie Görgens Blumenthal, Martha Blumenthal, Julius Kahn, Judenhaus Hallgarter Str. 6 Wiesbaden
Arbeits­buch von Hein­rich Gör­gens
HHStAW 518 54408 (28)

Aber nicht nur die schwie­ri­gen wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se hat­ten sie dem Régime zu ver­dan­ken. Wegen „Ver­ge­hens“ gegen die 1938 erlas­se­ne Ver­ord­nung zum Tra­gen eines Zwangs­na­mens, hat­te man Sido­nie zu einer Stra­fe von 75 RM ver­ur­teilt.[30]

1942 waren fast alle jüdi­schen Mit­bür­ger aus Wies­ba­den depor­tiert wor­den,[31] geblie­ben waren noch die Part­ner und Kin­der in bzw. aus soge­nann­ten Misch­ehen. Ab dem Früh­jahr 1943 ver­lo­ren aber auch sie ihren bis­he­ri­gen Schutz. Über­all in den süd­hes­si­schen Städ­ten, in Frank­furt, Darm­stadt, Offen­bach und Wies­ba­den, began­nen die Ver­haf­tun­gen. In klei­nen Grup­pen wur­den sie zunächst in den ört­li­chen Gefäng­nis­sen fest­ge­setzt und anschlie­ßend in die ver­schie­de­nen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­bracht. So auch in Wies­ba­den.[32]

Judenhaus Hallgarter Str. 6 Wiesbaden, Martha Kahn, Julius Kahn
Vor­la­dung bei der Gesta­po für Sido­nie Gör­gens. Die Rück­sei­te ist nicht mehr les­bar
HHStAW 518 54408 (30)

Als Sido­nie Gör­gens am 25. März 1943 von der Gesta­po für den fol­gen­den Tag eine Vor­la­dung erhielt, wuss­te sie sehr genau – so eine Bekann­te in ihrer eides­statt­li­chen Erklä­rung –, was das zu bedeu­ten hat­te: „Kurz vor ihrem Tode im Jahr 1943 besuch­te ich Frau Gör­gens. Sie erklär­te mir da, dass ihre bei­den Schwes­tern mit ihren Män­nern zur Gesta­po bestellt wor­den sei­en und seit die­ser Zeit ver­schleppt sind, sie nie etwas von ihnen gehört habe. Sie fol­ger­te dar­aus, dass die­se nur gemor­det wur­den und die­ses Schick­sal wol­le sie, wenn sie von der Gesta­po ver­haf­tet wür­de oder zu die­ser bestellt wer­den soll­te, durch einen Sturz aus dem Fens­ter oder durch Gas­ver­gif­tung abbie­gen. Mein Abra­ten stieß bei ihr auf einen uner­schüt­ter­li­chen Ent­schluss. Ich erfuhr dann wenig spä­ter durch ihren Mann, dass sie eine Vor­la­dung zur Gesta­po zum ande­ren Tag erhal­ten, sich in der Nacht vor­her durch Schlaf­ta­blet­ten und Öff­nen des Gas­hah­nes ihrem Leben ein Ende berei­tet hat­te.“ Sie war am frü­hen Mor­gen des 26. März 1943 in ihrer Woh­nung in der Adler­stra­ße ver­stor­ben.[33] Vorladung

Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6
Das Geschäft ‘Frank & Marx’ im Hin­ter­grund links
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Ihre Toch­ter Ama­lie, gebo­re­ne Rei­chen­berg, hat­te die Nach­richt vom Tod ihrer Mut­ter in ihrem Exil in Süd­afri­ka erhal­ten, wohin sie recht­zei­tig aus­ge­wan­dert war. Ansons­ten bleibt aber vie­les in ihrer Bio­gra­phie unklar oder sogar wider­sprüch­lich. Zunächst war sie wohl mit ihrer Mut­ter und ihrem Stief­va­ter nach Wies­ba­den gekom­men und hat­te auch mit ihnen zusam­men gewohnt. Ende der Zwan­zi­ger- und in den ers­ten Drei­ßi­ger­jah­ren war sie als Ver­käu­fe­rin in dem jüdi­schen Tex­til­ge­schäft „Frank & Marx“ in der Kirch­gas­se 31, Ecke Fried­rich­stra­ße, ange­stellt, wobei der genaue Zeit­raum im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren nicht geklärt wer­den konn­te.[34] Offen blieb, ob sie  ihre Arbeits­stel­le nach ihrer Ehe­schlie­ßung am 21. Dezem­ber 1933 mit dem aus Als­feld stam­men­den Artur Strauss selbst auf­ge­ge­ben hat­te,[35] oder ob sie im Zusam­men­hang mit der Ari­sie­rung des Unter­neh­mens, die eben­falls am Jah­res­en­de 1933 statt­ge­fun­den hat­te,[36] ent­las­sen wor­den war. Ihr ehe­ma­li­ger Ehe­mann bestä­tig­te die ers­te, ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­te­rin­nen dage­gen die zwei­te Mög­lich­keit.[37] Auch wenn die­se Fra­ge im Hin­blick auf die Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che for­mal­ju­ris­tisch von Rele­vanz war, so ist sie ange­sichts der Tat­sa­che, dass Ama­lie Rei­chen­berg in jedem Fall über kurz oder lang ent­las­sen wor­den wäre, letzt­lich uner­heb­lich: Auch sie war unzwei­fel­haft ein Opfer der anti­jü­di­schen Arbeits­markt­po­li­tik des NS-Staates.

Julius Kahn, Martha Blumenthal
Die Kirch­gas­se 1907 mit dem Geschäfts­haus ‘Frank & Marx’ links im Vor­der­grund
Stadt­ar­chiv Wiesbaden

Nach­dem ihre Tan­te Mar­tha etwa 1932 mit ihrem Mann die Woh­nung in der Hall­gar­ter Str. 6 bezo­gen hat­te, muss auch Ama­lie hier ein­ge­zo­gen sein, mög­li­cher­wei­se in das Man­sar­den­zim­mer, das zur Woh­nung gehör­te. Ama­lia gab in ihrem Ent­schä­di­gungs­an­trag an, ihre Tan­te sei bis zu ihrem 15. Lebens­jahr ihre „rightful guar­di­an“ gewe­sen.[38] Nach der Hei­rat wohn­te das Paar nach Anga­ben ihres Stief­va­ters in der Rüdes­hei­mer Stra­ße.[39] In Wies­ba­den war am 29. Mai 1936 auch ihre Toch­ter Ursu­la Maud gebo­ren wor­den, die nach Anga­ben der Mut­ter aber schon im Alter von zehn Jah­ren ver­starb.[40]

Rät­sel­haft blei­ben die Anga­ben von Ama­lie Strauss über ihre Ver­haf­tung. So gab sie ein­mal an, im April 1935 in Worms ver­haf­tet und für ein hal­bes Jahr in das KZ Ost­ho­fen ver­bracht wor­den zu sein. Sie, damals schwan­ger, sei erst frei­ge­las­sen wor­den, als sie sich schrift­lich zur Aus­rei­se aus Deutsch­land inner­halb von zwei Wochen ver­pflich­tet habe.[41] Grund für die Inhaf­tie­rung – so ergänz­te sie spä­ter – sei eine von ihr ver­schick­te Ansichts­kar­te mit einem Hit­ler-Kon­ter­fei gewe­sen, des­sen Augen sie zuvor aus­ge­sto­chen habe.[42] Die­se Anga­ben sind aller­dings nur schwer mit amt­li­chen Unter­la­gen zu ver­ein­ba­ren, nach denen sie vom 2. bis zum 24. Janu­ar 1936 für einen kur­zen Zeit­raum noch ein­mal in Als­feld, der Hei­mat­stadt des Ehe­manns, gemel­det war.[43] In einer ande­ren Dar­stel­lung, die aber eben­falls nicht den Tat­sa­chen ent­spre­chen kann, war sie bereits 1934 ver­haf­tet wor­den, nach­dem ihr Mann schon damals allei­ne aus­ge­wan­dert sein soll.[44] Weder ihr dama­li­ger Mann, noch ihr Stief­va­ter konn­ten im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ihre Anga­ben bezüg­lich die­ser Inhaf­tie­rung bestä­ti­gen, auch Behör­den oder Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie der IST ver­füg­ten über Unter­la­gen, die ihre Dar­stel­lung belegen.

Sicher ist hin­ge­gen, dass das Paar getrennt im Jahr 1936 Deutsch­land ver­ließ und nach Süd­afri­ka aus­wan­der­te. Arthur Strauss gab an, er habe bereits im August 1936 die Rei­se ange­tre­ten und sei­ne Frau ein Vier­tel­jahr spä­ter nach­ge­holt – mit der Toch­ter ist zu ver­mu­ten. Gemäß den Nach­for­schun­gen des Rechts­an­walts von Ama­lie Strauss, war die­se am 26. Okto­ber 1936 mit dem Schiff „War­wick Cast­le“ in Kap­stadt ange­kom­men, nach­dem sie sich zuvor „meh­re­re Mona­te“ in Lon­don auf­ge­hal­ten hat­te, wohin ihr Mann das Geld für die Über­fahrt gesen­det habe.[45]

In ihrem Exil­land Süd­afri­ka, in dem sie den Namen Ali­ce Ber­na­dette Joan Ama­ly annahm,[46] wur­de zwar am 5. Okto­ber 1939 noch der gemein­sa­me Sohn Michel Mario, der sich spä­ter Mike nann­te, gebo­ren, den­noch schei­ter­te die Ehe bald dar­auf. [47] Auch eine zwei­te Ehe mit einem ansons­ten nicht bekann­ten Mann namens Mil­ler wur­de zu einem unbe­kann­ten Zeit­punkt wie­der auf­ge­löst. 1957 ging sie noch eine drit­te Ehe mit Aaron David Mau­rice Cowan ein.[48] Gesund­heit­lich war ihr Leben im Exil eine ein­zi­ge Lei­dens­ge­schich­te. Etwa ab 1961 war sie wegen eines Rücken­scha­dens, der ihrer Mei­nung nach Fol­ge der KZ-Inhaf­tie­rung war, bett­lä­ge­rig, und sie litt – so klag­te sie – zuneh­mend unter Gedächt­nis­ver­lust.[49] Am 10. Febru­ar 1965 ist sie infol­ge einer kom­pli­zier­ten Ope­ra­ti­on an ihrer Wir­bel­säu­le in Johan­nes­burg, ihrem letz­ten Wohn­sitz, ver­stor­ben.[50]

 

Ali­ces Tan­te, die ältes­te Schwes­ter von Mar­tha und Sido­nie Blu­men­thal, über­leb­te die Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus im por­tu­gie­si­schen Exil. Die am 24. Juni 1879 eben­falls in Holz­hau­sen gebo­re­ne Recha Blu­men­thal war ursprüng­lich mit dem Kauf­mann und Pro­ku­ris­ten Karl Franz Mattauch ver­hei­ra­tet und leb­te mit ihm zusam­men in Kai­sers­lau­tern.[51] Hier war auch die gemein­sa­me Toch­ter Hil­de­gard Fan­ny, ihr ein­zi­ges Kind, am 7. April 1910 gebo­ren wor­den.[52] Ihr Vater ver­starb bereits unmit­tel­bar nach dem Ers­ten Welt­krieg am 19. Mai 1919 in Kai­sers­lau­tern. Den­noch gelang es der Mut­ter, in die­ser sicher recht schwie­ri­gen Zeit ihrer Toch­ter eine Gesangs­aus­bil­dung als Opern- und Kon­zert­sän­ge­rin am Pfäl­zi­schen Kon­ser­va­to­ri­um und an der Opern­schu­le in Mann­heim zu ermög­li­chen. Bis 1933 fei­er­te sie auf ver­schie­de­nen Büh­nen und auch im Rund­funk gro­ße Erfol­ge im Fach Ope­ret­te wie auch Oper, und man pro­gnos­ti­zier­te ihr eine gro­ße Zukunft. Aber ab 1934 wur­de sie über­all boy­kot­tiert, sodass sie für sich und ihre beruf­li­che Kar­rie­re in Deutsch­land kei­ne Chan­ce mehr sah. Zusam­men mit ihrem damals noch Ver­lob­ten, dem aus Gla­den­bach bei Mar­burg stam­men­den Arzt Arthur Grün­stein, der als Jude hier eben­falls kei­ne Berufs­per­spek­ti­ve mehr hat­te, ging sie im April 1934 zunächst nach Eng­land, wo die bei­den hei­ra­te­ten. Eigent­lich woll­ten sie von dort aus wei­ter nach Ägyp­ten, wo ihrem Mann eine Stel­le als Arzt ange­bo­ten wor­den war, aber auf dem Weg dort­hin ver­starb die­ser plötz­lich am 25. August 1934 in Luga­no in der Schweiz. In ihrer Not, sie war inzwi­schen schwan­ger gewor­den, kehr­te sie zu ihrer Mut­ter nach Kai­sers­lau­tern zurück, wo am 12. Febru­ar 1935 ihr Sohn Peter Arthur zur Welt kam. Im fol­gen­den Jahr, im März 1936, ver­ließ Hil­de mit ihrer Mut­ter und ihrem Sohn Deutsch­land und flüch­te­te über Rot­ter­dam zu Freun­den nach Lis­sa­bon. Nur kur­ze Zeit muss­te sie den gemein­sa­men Unter­halt als Fuß­pfle­ge­rin erwirt­schaf­ten, dann gelang es ihr wie­der, in ihrem eigent­li­chen Beruf als Sän­ge­rin Aner­ken­nung zu gewin­nen und Enga­ge­ments, beson­ders im Radio, zu erhalten.

Als mit Beginn des Krie­ges und noch mehr, als nach der Wann­see­kon­fe­renz im Janu­ar 1942 ganz Euro­pa nach Juden „durch­ge­kämmt“ wur­de, fühl­ten sich Hil­de und ihre Mut­ter auch in Por­tu­gal nicht mehr sicher. Noch 1942 fuh­ren sie mit dem spa­ni­schen Schiff „Cabo de Hor­nos“ nach Argen­ti­ni­en, wo es ihnen nach all den Wir­run­gen gelang, doch noch ein­mal ein neu­es Leben auf­zu­bau­en. Die dort sehr schnell geschlos­se­ne und bald wie­der geschie­de­ne Ehe mit Fritz Gug­gen­hei­mer – man wür­de heu­te ver­mut­lich abfäl­lig von einer „Schein­ehe“ spre­chen[53] – half ihr, in dem neu­en Exil­land Fuß zu fas­sen und ihre unter­bro­che­ne Kar­rie­re mit gro­ßem Erfolg fort­zu­set­zen. Auf vie­len Büh­nen der Welt, im Radio, aber auch in Syn­ago­gen prä­sen­tier­te sie ihr breit gefä­cher­tes künst­le­ri­sches Oeu­vre. 1961 wur­de sie als bes­te Sän­ge­rin Argen­ti­ni­ens aus­ge­zeich­net. Einen Anteil an die­sem Erfolg hat­te sicher ihr drit­ter Ehe­mann, der qua­si als Mana­ger ihre Auf­trit­te orga­ni­sier­te. Sie hat­te den aus Ham­burg stam­men­den Kauf­mann Rudolf Hahn-Cohen ver­mut­lich am 7. Janu­ar 1946 gehei­ra­tet.[54]

Nach dem Ende ihrer Büh­nen­kar­rie­re war sie über vie­le Jah­re noch als Gesangs­leh­re­rin aktiv, bevor sie am 1. April 2002 in Mar del Pla­ta in Argen­ti­ni­en ver­starb.
In ihrer Hei­mat­stadt Kai­sers­lau­tern hat man zu Ehren die­ser bedeu­ten­den Toch­ter der Stadt, die noch zwei Mal zu Kon­zert­auf­trit­ten dort­hin zurück­kehr­te – sehr spät – im Jahr 2011 einen Platz benannt.
Ihre Mut­ter Recha erleb­te nur noch den Beginn der gro­ßen Kar­rie­re ihrer Toch­ter. Sie war bereits am 13. August 1954 in ihrem argen­ti­ni­schen Exil ver­stor­ben.[55]

 

Nach Argen­ti­ni­en hat­te sich auch die Toch­ter von Recha Mattauchs Schwes­ter Johan­na ret­ten kön­nen. Über Johan­na Blu­men­thal, gebo­ren am 17. Mai 1885, und ihre Fami­lie lie­gen ins­ge­samt nur weni­ge Infor­ma­tio­nen vor. Sie war mit dem aus loth­rin­gi­schen Dieden­ho­fen, heu­te Thion­ville, stam­men­den Metz­ger­meis­ter Lud­wig Levy ver­hei­ra­tet.[56] Nach ihrer Ehe­schlie­ßung leb­te das Paar in Mainz, wo am 12. März 1819 auch die Toch­ter Ruth Sophie zur Welt kam.[57] Spä­ter zog die Fami­lie nach Mann­heim. Ihre Toch­ter war zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt nach Esens in Fries­land ver­zo­gen, wo sie am 19. August 1938 den land­wirt­schaft­li­chen Gehil­fen Josef Wolff hei­ra­te­te. Sie selbst, 19 Jah­re alt, ist in der Hei­rats­ur­kun­de als land­wirt­schaft­li­che Prak­ti­kan­tin aus­ge­wie­sen.[58] Das legt die Ver­mu­tung nahe, dass sich die bei­den damals schon inten­siv auf ihre spä­te­re Aus­wan­de­rung vor­be­rei­te­ten. Ursprüng­lich war die recht gro­ße Fami­lie Wolff, in die Ruth Sophie ein­ge­hei­ra­tet hat­te – Joseph hat­te sie­ben Geschwis­ter – im Vieh­han­del und als Metz­ger tätig. Auch in Esens, wo es seit dem 17. Jahr­hun­dert jüdi­sches Leben gab, nah­men nach 1933 die Repres­sa­li­en gegen­über den dort leben­den Juden immer mehr zu, sodass sich vie­le zur Aus­wan­de­rung ent­schlos­sen, so auch die gesam­te Fami­lie Wolff, die zum größ­ten Teil nach Süd­ame­ri­ka, eini­ge aber auch in die USA aus­reis­ten.[59]

Joseph und Ruth Sophie Wolff mel­de­ten sich 1938 von Esens nach Mann­heim ab, sicher um sich dort von den Eltern bzw. Schwie­ger­el­tern zu ver­ab­schie­den. Lan­ge kön­nen sie nicht geblie­ben sein, denn noch im sel­ben Jahr ver­lie­ßen auch sie Deutsch­land, um nach Argen­ti­ni­en in ihr siche­res Exil zu gelan­gen. Über ihr Leben dort ist nichts bekannt, man wird aber davon aus­ge­hen kön­nen, dass die Fami­li­en­mit­glie­der dort unter­ein­an­der wei­ter­hin in Kon­takt gestan­den haben.

Ob auch ihre Eltern Johan­na und Lud­wig Levy Aus­wan­de­rungs­plä­ne hat­ten, ist nicht bekannt. Rea­li­siert wer­den konn­ten sie in jedem Fall nicht mehr. Im Rah­men der Wag­ner-Bürckel-Akti­on wur­den sie am 22. Okto­ber 1940 von Mann­heim aus zunächst nach Gurs in das nicht­be­setz­te Frank­reich ver­schleppt.[60] Die heu­te in Isra­el leben­de Ami­ra Gezow erleb­te damals als elf­jäh­ri­ges Kind die­sen Tag in Mann­heim. In einer Nacht-und-Nebel-Akti­on waren sie aus ihren Woh­nun­gen gezerrt und in einem pro­zes­si­ons­ähn­li­chen Fuß­marsch durch die Stadt zum Haupt­bahn­hof getrie­ben wor­den, wo sie in die Züge ver­la­den wur­den – die Stra­ßen gesäumt von Men­schen, die applau­dier­ten oder bes­ten­falls weg­schau­ten. Nur weni­ge schäm­ten sich ange­sichts des­sen, was sie sahen. Das Ziel lag 1170 Kilo­me­ter ent­fernt: Gurs am Ran­de der Pyre­nä­en, das ehe­ma­li­ge Lager für Kriegs­flücht­lin­ge des Spa­ni­schen Bür­ger­kriegs. „Das Lager ist ein Schlamm­loch, die Bara­cken kaum heiz­bar, man schläft auf dem Boden auf Stroh­sä­cken, kei­ne Medi­zin, bei­ßen­der Hun­ger und pure Ver­zweif­lung. Das Lager, etwa so groß wie die Hei­del­ber­ger Alt­stadt, ist in Bara­cken­kom­ple­xe getrennt, von Sta­chel­draht umsäumt, Män­ner und Frau­en getrennt, Fami­li­en zer­ris­sen. In den Bara­cken drän­gen sich 60 Gefan­ge­ne, beim Gang zur offe­nen Latri­ne ver­sinkt man im Morast. Zu Angst, Hun­ger und Ver­zweif­lung gesellt sich der Ver­lust jeder Pri­vat­heit.“[61]

Das Lager in Gurs

Täg­lich star­ben dort durch­schnitt­lich etwa sie­ben Men­schen. Zwar gab es eine Kran­ken­stu­be, aber weder medi­zi­ni­sches Gerät, noch Medi­ka­men­te. Die­je­ni­gen, die die­se Höl­le über­lebt hat­ten, wur­den nach zwei Jah­ren, im August 1942, über das Sam­mel­la­ger Dran­cy bei Paris nach Ausch­witz ver­bracht und im Gas ermor­det. Ami­ra Gezow über­leb­te, weil ihr Vater sie geis­tes­ge­gen­wär­tig in letz­ter Sekun­de aus dem Zug gesto­ßen hat­te. Mit Hil­fe jüdi­scher Akti­vis­ten der Resis­tance gelang ihr und ande­ren Kin­dern die Flucht.[62]

Johan­na und Lud­wig Levy konn­ten ihrem Schick­sal nicht mehr ent­kom­men. Der Zug, der Dran­cy am 10. August 1942 ver­ließ, brach­te sie in die Gas­kam­mern von Ausch­witz. Bei­de wur­den nach dem Krieg amt­lich für tot erklärt. Der Todes­tag von Johan­na Levy wur­de auf den 31. August 1942 fest­ge­legt.[63]

 

Das glei­che Schick­sal erlit­ten die bei­den ledi­gen Schwes­tern ihres Schwa­gers Juli­us Kahn, die am 2. Okto­ber 1895 gebo­re­ne Jen­ny und die am 25. Janu­ar 1902 gebo­re­ne Rosa Kahn aus Pfaf­fen-Beer­furth. Bei­de erleb­ten die ers­ten Jah­re der Dik­ta­tur in Mann­heim, wohin Jen­ny am 30. April 1932, ihre Schwes­ter am 10. Juli 1933 von ihrem Geburts­ort gezo­gen waren.[64] Wie ihre Ver­wand­ten wur­de sie mit dem Trans­port am 22. Okto­ber 1940 von dort zunächst nach Gurs, dann in das Sam­mel­la­ger Dran­cy bei Paris ver­bracht. Vier Tage nach Johan­na und Lud­wig Lewy muss­te sie dort den Zug bestei­gen, der dann auch sie der Ver­nich­tung in Ausch­witz zuführ­te.[65]

 

Judenhaus Wiesbaden, Hallgarter Str. 6, Julius Kahn, Martha Kahn
Gesta­po-Kar­tei­kar­te von Ida Kahn, ange­legt in Heil­bronn
StadtA HN B11 73

Ihre Schwes­ter Ida, gebo­ren am 15. Janu­ar 1894 in Pfaf­fen-Beer­furth, wur­de von Heil­bronn aus depor­tiert. Auf ihrer Kar­tei­kar­te ist ver­merkt, dass sie am 1. Janu­ar 1940 von Wies­ba­den nach Heil­bronn, genau­er nach Sont­heim, einem 1938 ein­ge­mein­de­ten Orts­teil, gekom­men war.[66] Sie wird aber kaum län­ger in Wies­ba­den gewe­sen sein, denn von der hie­si­gen Gesta­po wur­de für sie kei­ne sol­che Kar­tei­kar­te aus­ge­stellt. Ver­mut­lich han­del­te es sich um einen eher kur­zen Besuch bei ihrem Bru­der und ihrer Schwä­ge­rin in der Hall­gar­ter Stra­ße. Dies wird auch durch einen Brief bestä­tigt, den Juli­us Kahn am 29. Dezem­ber 1939 an die Bür­ger­meis­te­rei in Pfaf­fen-Beer­furt geschrie­ben hat­te:
„Im Auf­trag mei­ner Schwes­ter Ida Kahn, die bei mir zu Besuch war und ab 1. Jan. eine Stel­le als Haus­ge­hil­fe in Heil­bronn-Sont­heim (Würt­temb.) ange­nom­men hat, bit­te ich Sie höfl. um Zusen­dung ihres Abmel­de­schei­nes, sowie Aus­stel­lung einer Lohn­steu­er­kar­te für 1940 an die Adres­se Ida Kahn, per Adr.: Jüd. Alters­heim ‚Wil­helms­ru­he’ Heil­bronn-Sont­heim (Würt­tem­berg).
Da laut Gesetz der Reichs­mel­de­ord­nung die Anmel­dung inner­halb 3 Tagen zu erfol­gen hat, wol­len Sie die­se Ange­le­gen­heit sobald als mög­lich erle­di­gen.
Juli­us Isra­el Kahn
Hall­gar­ter Str. 6“
[67]

Ida Kahn, Julius Kahn, Judenhaus Wiesbaden
Das Lan­des­asyl ‘Wil­helms­ruh’ in Sont­heim bei Heil­bronn um 1906
Zeit­ge­nös­si­sche Zeichnung

In Sont­heim, einem Ort mit einer sehr lan­gen jüdi­schen Tra­di­ti­on,[68] war im Jahr 1907 auf Initia­ti­ve des „Israe­li­ti­schen Män­ner­ver­eins für Kran­ken­pfle­ge und Lei­chen­be­stat­tung” in Stutt­gart das Lan­des­asyl „Wil­helms­ru­he“ errich­tet wor­den, das als jüdi­sches Alter­heim die wenig bemit­tel­ten Glau­bens­brü­der und –schwes­tern auf­neh­men soll­te.[69] Zunächst für 32 Insas­sen kon­zi­piert, wur­de es im Lau­fe der Jah­re mehr­fach erwei­tert und beher­berg­te 1937 knapp 80 Per­so­nen. „Die­ses Heim“ war – so Frank – „engs­tens mit der Geschich­te der Depor­ta­tio­nen ver­knüpft. Bereits im Novem­ber 1938 ström­ten in die­ses Heim auch zahl­rei­che neue Juden und Jüdin­nen der älte­ren Gene­ra­ti­on ein, die sich wohl dort eine grö­ße­re Sicher­heit ver­spra­chen. Sie kamen teil­wei­se aus Heil­bronn, die Zim­mer muß­ten zum Teil dop­pelt belegt wer­den. Nach Beginn des Krie­ges im Sep­tem­ber 1939 wur­de das Lan­des­asyl Ziel einer Anzahl von jüdi­schen Flücht­lin­gen, die aus der Pfalz, aus dem Saar­ge­biet und aus Baden dort­hin über­wie­sen wur­den, so daß die Bele­gungs­zahl von etwa 150 Per­so­nen erreicht wur­de.“[70] Eine der damals dort Gestran­de­ten war die damals 46-jäh­ri­ge Ida Kahn. Viel­leicht war sie dort­hin gegan­gen, um die dort herr­schen­de Not zu lin­dern, viel­leicht auch nur, um ihre eige­ne Not­la­ge durch einen klei­nen Ver­dienst zu verbessern.

Im Novem­ber 1940 wur­de das Lan­des­asyl geräumt, um dar­in Platz für „volks­deut­sche Rück­wan­de­rer“ aus den erober­ten „deut­schen Ost­ge­bie­ten“ zu schaf­fen. Die bis­he­ri­gen Bewoh­ner wur­den ent­we­der in ihre alten Hei­mat­ge­mein­den oder aber in ande­re Alters­hei­me ver­bracht. Ida Kahn erhielt in dem schnell zum neu­en Alters­heim umfunk­tio­nier­ten Haus des im Dezem­ber 1940 emi­grier­ten Sont­hei­mer Arz­tes Dr. Juli­us Picard in der Lauf­fe­ner Str. 12 eine neue Anstellung.

In ins­ge­samt vier Trans­por­ten – von Ein­zel­de­por­ta­tio­nen abge­se­hen – wur­den vom Novem­ber 1941 bis August 1942 die Heil­bron­ner Juden in unter­schied­li­che Lager im Osten gebracht. Ida Kahn gehör­te zum drit­ten aus 16 Per­so­nen bestehen­den Trans­port, mit dem am 24. April 1942 die Opfer zunächst nach Stutt­gart in das Sam­mel­la­ger am Kil­les­berg gebracht wur­den, wo sie unter schlimms­ten hygie­ni­schen Zustän­den dem Ter­ror der Gesta­po und SS aus­ge­lie­fert waren. Anders als bei den vor­he­ri­gen Abschie­bun­gen teil­te die Gesta­po den ört­lich zustän­di­gen Poli­zei­be­hör­den und Land­rä­ten dies­mal offen mit, wel­che Bedeu­tung die­sem Trans­port zukam: „Die in der letz­ten Zeit in ein­zel­nen Gebie­ten durch­ge­führ­te Umsied­lung von Juden nach dem Osten stellt den Beginn der End­lö­sung der Juden­fra­ge im Alt­reich, der Ost­mark und im Pro­tek­to­rat Böh­men und Mäh­ren dar.“[71]

Am 26. April, nach einem zwei­ein­halb Kilo­me­ter lan­gen Marsch durch Stutt­gart, bestie­gen die 16 aus Heil­bronn mit vie­len ande­ren aus Würt­tem­berg, Hohen­zol­lern, Baden und auch aus Luxem­burg und Trier den Reichs­bahn­zug „DA 56“,[72] für den ursprüng­lich Traw­ni­ki als Ziel vor­ge­se­hen war. Am 10. April war dann Izbica als neu­er Bestim­mungs­ort fest­ge­legt wor­den. Nach drei Tagen, am 29. April, erreich­te der Zug sein Ziel Izbica, nach­dem zuvor, wie üblich, in Lub­lin die arbeits­fä­hi­gen Män­ner für den Bau des Lagers Maj­da­nek her­aus­ge­holt wor­den waren. In Izbica ver­lie­ren sich die Spu­ren von Ida Kahn. Wann und wo sie umge­bracht wur­de, ist nicht bekannt.[73]

Dem jün­ge­ren Bru­der von Juli­us Kahn, dem am 17. März 1900 gebo­re­nen Jakob, war es als ein­zi­gem der Geschwis­ter gelun­gen, mit sei­ner Frau und sei­ner Toch­ter dem Holo­caust zu ent­kom­men. Er war als Buch­bin­der im glei­chen Métier wie sein Vater und sein Bru­der geblie­ben. Dank einer Grip­pe­er­kran­kung hat­te er nur kurz am Ers­ten Welt­krieg teil­neh­men müs­sen und ihn auch des­halb unver­sehrt über­stan­den. Am 18. August 1931 hei­ra­te­te er die am 6. März 1904 in Groß-Kar­ben gebo­re­ne Jen­ni Kahn. [74]Ein Jahr spä­ter, am 26. August 1932 kam ihr ein­zi­ges Kind, die Toch­ter Her­tha, zur Welt.

Jenny Kahn Pfaffen-Beerfurth, Judenhaus Wiesbaden, Julius Kahn, Juden Wiesbaden
Rei­se­pass von Jakob Kahn und sei­ner Frau Jen­ny
http://​www​.stol​per​stei​ne​-in​-kar​ben​.de/juden_in_grk_alle.htm.

Am 13. Juni 1936 mel­de­te sich die jun­ge Fami­lie von ihrem bis­he­ri­gen Wohn­sitz Pfaf­fen-Beer­furth ab, um in die USA zu gehen. Mit ihnen wan­der­te auch Jen­nis Mut­ter Johan­na Kahn aus. New York wur­de zu ihrer neu­en Hei­mat, wo Jen­ni aller­dings schon am 19. April 1956 ver­starb. Jakob, jetzt Jack Kahn, wur­de fast 93 Jah­re alt. Er ver­starb eben­falls in New York am 31. Janu­ar 1993.[75]

Von den vie­len Geschwis­tern der bei­den Fami­li­en Kahn und Blu­men­thal war es nur Jakob mit sei­ner Fami­lie und Recha mit ihrer Toch­ter gelun­gen, dem Holo­caust zu ent­kom­men. Auch die jewei­li­gen Part­ner, sofern sie Juden waren, wur­den ermor­det. Aber immer­hin gab es eini­ge Enkel, die ver­hin­der­ten, dass die Fami­li­en gänz­lich aus­ge­löscht wurden.

Stand: 10. 04. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] HHStAW 518 4341 In der Hei­rats­ur­kun­de wird er als Buch­dru­cker (7), im Toten­schein sei­nes Vaters als Schrift­set­zer bezeich­net (62). Im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren gibt die Nich­te Ali­ce Cowan im Jah­re 1958 an, er sei Buch­bin­der gewe­sen, sie­he HHStAW 518 18613 (7)

[2] Sie­he zur Fami­lie Kahn und zur jüdi­schen Gemein­de in Pfaf­fen-Beer­furt Hie­ro­ny­mus, E. Juden in Pfaf­fen­beer­furth, in Grü­ne­wald, Rein­hard, Gegen das Ver­ges­sen – Juden in Rei­chels­heim, Lin­den­fels 1998, S. 298–323.

[3] Ebd. S. 312. Ergän­zen­de Anga­ben ver­dan­ke ich Herrn Schwinn vom Archiv der Gemein­de Reichelsheim.

[4] Abge­se­hen von Hann­chen, über deren wei­te­res Schick­sal kei­ne siche­ren Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen. Sie hat­te sich nach Aus­kunft des Archivs Rei­chels­heim am 15.5.1916 nach Wein­heim abge­mel­det, wo sie eine Stel­lung als Dienst­mäd­chen annahm. Aller­dings kehr­te sie bereits nach einem hal­ben Jahr in ihre Hei­mat­stadt Pfaf­fen-Beer­furth zurück. Sie­he http://​www​.juden​-in​-wein​heim​.de/de​/personen​/k​/kahn-hannchen.html. (Zugriff: 10.04.2019) Im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz gibt es kei­nen Hin­weis dar­auf, dass sie Opfer des NS-Regimes gewor­den war. Mög­li­cher­wei­se ver­starb sie bereits, bevor die Depor­ta­tio­nen began­nen. Nicht aus­zu­schlie­ßen ist aber auch, dass ihr, viel­leicht ver­hei­ra­tet, doch noch die Flucht gelang. Aber als ledi­ges Dienst­mäd­chen wird sie kaum die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten dazu gehabt haben.

[5] Hiro­ny­mus, Juden in Pfaf­fen­beer­furth, S. 306.

[6] Sie­he zu den Ereig­nis­sen wäh­rend der Reichs­po­grom­nacht aus­führ­lich ebd. S. 299–305. Bereits 1935 hat­te der Gemein­de­rat in Pfaf­fen-Beer­furth beschlos­sen, dass der­je­ni­ge, der mit Juden wei­ter­hin Geschäf­te mach­te, sich außer­halb der „Volks­ge­mein­schaft“ stel­len wür­de, und sei­nen Anspruch auf Los­holz und ande­re For­men der kom­mu­na­len Sozi­al­für­sor­ge ver­wirkt hät­te. Auch wur­den die­se „Juden­knech­te“ von der Auf­trags­ver­ga­be bei kom­mu­na­len Pro­jek­ten aus­ge­schlos­sen. Ebd. S. 299.

[7] Ebd. S. 307.

[8] Hei­rats­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 890 /​ 1923. Erst­mals ist Juli­us Kahn im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1924/​25 mit der Anschrift Wall­ufer Str. 8 auf­ge­führt, sein Beruf ist hier mit Schrift­set­zer angegeben.

[9] HHStAW 518 4341 (67) Dane­ben gab es noch Johan­na, ver­hei­ra­tet mit dem Kauf­mann Lud­wig Levy, Sido­nie, ver­hei­ra­tet mit dem Inge­nieur Hein­rich Goer­gens, und Recha, ver­hei­ra­te­te Mattauch. Sie­he dazu die unter­schied­li­chen Ver­wei­se in der Ent­schä­di­gungs­ak­te von Mar­tha Kahn, HHStAW 518 4341. Gör­gens wird im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 als katho­lisch bezeichnet!

[10] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 977 /​ 1930 und 1040 /​ 1932. Joseph Blu­men­thal war am 12.5.1852 in Holz­hau­sen, Julia Land­au am 4.10.1855 in Cam­berg gebo­ren wor­den, sie­he HHStAW 518 4341 (62, 63). Auch die Stief-Schwä­ge­rin von Johan­na Blu­men­thal, Mat­hil­de Levy, wohn­te im Juden­haus Hall­gar­ter Str 6. Sie­he zu ihrem Schick­sal unten.

[11] HHStAW 519/​3 3291 (4). Sie­he dazu auch Brü­chert, Zwangs­ar­beit in Wies­ba­den, S. 251.

[12] Nach­dem die Juden nicht mehr als bil­li­ge Arbeits­kräf­te zur Ver­fü­gung stan­den, griff man  nicht nur in die­ser Fir­ma auf frem­de Zwangs­ar­bei­ter zurück. Die Fir­ma Scheid besaß von 1942 bis 1945 ein eige­nes Lager mit einer Kapa­zi­tät für 160 Arbeits­kräf­te. Sie­he dazu Topo­gra­phie des Natio­nal­so­zia­lis­mus in Hes­sen http://​lagis​-hes​sen​.de/de​/subjects​/xsrec​/id​/2661​/current​/723​/pageSize​/40​/page​/19​/sn​/nstopo​?q=YToxOntzOjE0OiJrbGFzc2lmaWthdGlvbiI7czoyMzoiV2lydHNjaGFmdDpad2FuZ3NhcmJlaXQiO30=. (Zugriff: 10.04.2019).

[13] Hiro­ny­mus, Juden in Pfaf­fen­beer­furth, S. 299. Ergän­zen­de Infor­ma­tio­nen dazu, beru­hend auf Auf­zeich­nun­gen des Leh­rers Becken­haupt, stell­te das Archiv von Rei­chels­heim zur Ver­fü­gung. Dem­nach war Juli­us Kahn am 20.9.1914 ein­ge­zo­gen und an der Ost­front ein­ge­setzt wor­den. Ver­wun­det wur­de er am 21.2.1915. Ende Janu­ar 1916 wur­de er nach einem län­ge­ren Laza­ret­t­auf­ent­halt erneut an die Front beor­dert, dies­mal an die West­front nach Frank­reich. Bei Kriegs­en­de geriet er in bri­ti­sche Gefan­gen­schaft, aus der er am 28.9.1919 ent­las­sen wurde.

[14] HHStAW 518 18613 (25).

[15] Sie­he zu ihrem Schick­sal das Kapi­tel unten.

[16] HHStAW 519/​3 3291 (4).

[17] Ebd. (5).

[18] Ebd. (14).

[19] HHStAW 518 18613 (4).

[20] Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[21] Gott­waldt /​ Schul­le S. 439 f. In der Wies­ba­de­ner Opfer­lis­te ist des­we­gen der Tag des Trans­ports, der 4. Okto­ber, auch als Todes­da­tum eingetragen.

[22] HHStAW 469/​33 2361 (21). In der damals von ihrem Schwa­ger Hein­rich Gör­gens bean­trag­ten Todes­er­klä­rung waren Juli­us und Mar­tha Kahn am 13.6.1949 für tot erklärt wor­den. Als gemein­sa­mer Todes­tag war der 8.5.1945 amt­lich fest­ge­legt worden.

[23] Ebd. (6).

[24] Ebd. (9) Geburts­ur­kun­de, (10) Hei­rats­ur­kun­de der ers­ten Ehe, HHStAW 518 54408 (1) Hei­rats­ur­kun­de der zwei­ten Ehe.

[25] Geburts­re­gis­ter der Stadt Cam­berg 112 /​ 1911.

[26] HHStAW 518 47096 (26).

[27] HHStAW 518 54408 (16).

[28] Ebd. (3).

[29] Ebd. (29). Hier sind sei­ne Ein­künf­te in den Jah­ren 1933 bis 1945 detail­liert auf­ge­führt. Aus der Steu­er­kar­te war für jeden Arbeit­ge­ber ersicht­lich, dass er mit einer Jüdin ver­hei­ra­tet war.

[30] Hein­rich Gör­gens gab an, dass sei­ne Frau auf sei­ne Ver­an­las­sung hin ihren Zwangs­na­men nicht geführt habe. Es han­del­te sich hier­bei offen­sicht­lich um einen bewuss­ten Akt all­täg­li­chen Wider­stands, denn den bei­den war wohl bekannt, dass auch der jüdi­sche Part­ner in einer Misch­ehe einen sol­chen Namen füh­ren musste.

[31] Nach Bem­be­nek leb­ten am 31.12.1942 noch 177 Juden im Stadt­kreis Wies­ba­den, sie­he Bem­be­nek /​ Dick­el, Kein deut­scher Patri­ot mehr, S. 76.

[32] Ebd. S. 76 f. Bis in den Febru­ar 1945 gab es sol­che Depor­ta­tio­nen von Wies­ba­den aus.

[33] HHStAW 518 54408 (16), auch (18). Sie­he den Ster­be­ein­trag im Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 702 /​ 1943. Anders als in ent­spre­chen­den Ster­be­ein­trä­gen sonst, wur­de die Selbst­tö­tung in die­sem Fall ver­schwie­gen. Es heißt hier, sie sei an einer Herz­mus­kel­ent­ar­tung verstorben.

[34] Sie selbst hat­te zum einen ange­ge­ben, von 1928 bis 1931 oder 1932 bei der Fir­ma als Strumpf­ver­käu­fe­rin gear­bei­tet zu haben, HHStAW 518 47096 (44), das Nach­fol­ge­un­ter­neh­men nach dem Krieg bestä­tig­te „unver­bind­lich“, dass sie dort bis 1933 gewe­sen sei, ebd. (46). Aber auch eine ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­te­rin gab an, dass sie dort bis Ende 1933 mit einem Gehalt von etwa 200 RM ange­stellt gewe­sen sei, ebd. (133).

[35] Hei­rats­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1170 /​ 1933. Der am 9.4.1912 gebo­re­ne Artur Strauss war eben­falls Jude und als Han­dels­ver­tre­ter tätig, ebd. (44).

[36] HHStAW 518 47096 (120) Zum 31.10.1933 war die Fir­ma Frank & Marx von Peter Lit­zen­bur­ger, Manu­fak­tur- und Mode­wa­ren, über­nom­men worden.

[37] Ebd. (119) und (133).

[38] HHStAW 518 4341 (9). Nicht klar ist, ob damit nur die Erzie­hungs­be­rech­ti­gung oder sogar die Funk­ti­on eines recht­li­chen Vor­munds gemeint ist. Wel­che Grün­de das hat­te, ist in der Akte nicht erwähnt.

[39] HHStAW 518 47096. (155).

[40] Geburts­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 929 /​ 1936, dazu HHStAW 518 47096 (103).

[41] Ebd. (5). Sie gab hier wei­ter­hin an, man habe ihr hier ihr gesam­tes Eigen­tum und ihre Schmuck­sa­chen geraubt. Sie und ihre Mit­ge­fan­ge­nen sei­en all­mor­gend­lich von SS-Leu­ten kör­per­lich „unter­sucht“ wor­den, man habe sie ver­ge­wal­tigt und gezwun­gen, nachts stun­den­lang auf einem Bein zu stehen.

[42] Ebd. (94, 98). Dies­mal gab sie an, in Trier ver­haf­tet wor­den zu sein.

[43] Ebd. (89).

[44] Ebd. (44).

[45] Ebd. 94. Auch ihr Stief­va­ter gab an, ihre Aus­wan­de­rung im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten finan­ziert zu haben, ebd. (155).

[46] Ebd. (173).

[47] HHStAW 518 4341 (40). Die­ser wan­der­te spä­ter nach Aus­tra­li­en aus. Die Schei­dung erfolg­te nach den Anga­ben von Ali­ce Strauss im Jahr 1940, sie­he HHStAW 518 47096 (44).

[48] Ebd. (98). Die Ehe wur­de am 16.8.1957 geschlossen.

[49] Ebd. (100).

[50] Ebd. (147, 173). Es sei hier nur dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren von Ali­ce Cowan, wie sie zuletzt hieß, in meh­re­ren Punk­ten vor ihrem Tod nicht zu Ende gebracht wer­den konn­te. Dies lag auch an ihren – mög­li­cher­wei­se krank­heits­be­dingt – nicht immer prä­zi­sen Anga­ben, bot aber der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de immer auch einen Anlass, das Ver­fah­ren zu ver­zö­gern. Ihr Unver­ständ­nis und ihre Unge­duld hat Ali­ce Cowan in meh­re­ren Brie­fen zum Aus­druck gebracht. Mit wel­chem Man­gel an Empa­thie man auf die­se Brie­fe reagier­te, es ging in die­sem Fall um die Ent­schä­di­gung für ihre Mut­ter Sido­nie Gör­gens, soll exem­pla­risch an einem Ant­wort­schrei­ben des Sach­be­ar­bei­ters auf einen von ihr in Eng­lisch ver­fass­ten Brief auf­ge­zeigt wer­den:
„Ich bestä­ti­ge den Ein­gang Ihres Schrei­bens vom 23.6.1961. Zu mei­nem Bedau­ern bin ich nicht in der Lage, Ihnen auf Ihr Schrei­ben nähe­re Aus­kunft zu ertei­len, da das Schrei­ben in eng­lisch abge­fasst ist. Da Sie in Deutsch­land gebo­ren sind, darf ich wohl davon aus­ge­hen, dass Sie noch der deut­schen Spra­che mäch­tig sind und ich darf Sie daher bit­ten, in Zukunft Ihre Schrei­ben an mei­ne Behör­de in deut­scher Spra­che abfas­sen zu wol­len.“
HHStAW 518 54408 (66). Dass Deutsch auch die Spra­che der Mör­der war, die vie­le der Exi­lier­ten nie mehr über ihre Lip­pen brach­ten, scheint die­sem Beam­ten in kei­ner Wei­se bewusst gewe­sen zu sein.

[51] Karl Franz Mattauch war am 20.8.1878 in Böh­men gebo­ren wor­den. Die Infor­ma­tio­nen zur Fami­lie Mattauch sind ent­nom­men dem Arti­kel von Sil­via Glo­cer, Chris­ti­na Rich­ter-Ibá­ñez: Hil­de Mattauch, in: Lexi­kon ver­folg­ter Musi­ker und Musi­ke­rin­nen der NS-Zeit, Clau­dia Mau­rer Zenck, Peter Peter­sen, Sophie Fett­hau­er (Hg.), Ham­burg: Uni­ver­si­tät Ham­burg. Eine Foto­gra­fie der Künst­le­rin ist unter fol­gen­dem Link zu fin­den: https://​www​.bv​-pfalz​.de/einst-beste-sngerin-argentiniens-stammt-aus-kaiserslautern/. (Zugriff: 05.04.2019).

[52] HHStAW 518 18613 (1) und HHStAW 518 4341 (46).

[53] Die Ehe wur­de am 11.1.1943 geschlos­sen. In dem Lexi­kon-Arti­kel über sie heißt es dazu: „Mattauch (hei­ra­te­te) sofort Fritz Gug­gen­hei­mer, um als Immi­gran­tin akzep­tiert zu werden.“

[54] Das Datum ist im Lexi­kon­ar­ti­kel mit einem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen, kann also nicht als gesi­chert ange­se­hen wer­den. Der 1901 gebo­re­ne Rudolf Hahn-Cohen ver­starb im Jahr 1990. Ebd.

[55] HHStAW 518 4341 (46).

[56] Ebd. (69). Lud­wig Levy war dort am 22. Mai 1883 gebo­ren worden.

[57] Geburts­re­gis­ter der Stadt Mainz 302 /​ 1919. Min­des­tens bis 1923 leb­ten sie in Mainz, denn Lud­wig Levy fun­gier­te bei der Hoch­zeit von Juli­us Kahn und Mar­tha Blu­men­thal als Trau­zeu­ge. Die dama­li­ge Adres­se in Mainz war die Hin­den­burg­str. 51, sie­he ebd. (67).

[58] HHStAW 518 4341 (66).

[59] http://​www​.online​-ofb​.de/famreport.php​?ofb=juden_nw&ID=I4268&nachname=Wolff&lang=de. (Zugriff: 05.04.2019).

[60] Zur Wag­ner-Bürckel-Akti­on sie­he auch die Anmer­kun­gen oben im Kapi­tel zu Haas, dort befin­den sich auch wei­ter­füh­ren­de Literaturangaben.

[61] Nor­bert Gio­van­ni­ni, 75 Jah­re Depor­ta­ti­on nach Gurs: Hun­ger und Schlamm waren all­ge­gen­wär­tig, Rhein-Neckar-Zei­tung vom 22.10.2015.

[62] Ber­ling­hof, Harald, Depor­ta­ti­on aus Mann­heim. Eine Zeit­zeu­gin erin­nert sich, in: Rhein-Neckar-Zei­tung vom 22.10.2015.

[63] Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[64] Hiro­ny­mus, Juden in Pfaf­fen­beer­furth, S. 307 und Infor­ma­ti­on von Herrn Schwinn vom Gemein­de­ar­chiv Reichelsheim.

[65] Ein­trag im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[66] Stadt­ar­chiv Heil­bronn, StadtA HN, B11-73 001090.

[67] Mit­tei­lung des Gemein­de­ar­chivs Reichelsheim.

[68] Sie­he Fran­ke, Hans, Geschich­te und Schick­sal der Juden in Heil­bronn. Vom Mit­tel­al­ter bis zu der Zeit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung  (1050–1945), Heil­bronn 1963, kor­ri­gier­te Onlin­ever­si­on 2009, S. 173 ff.

[69] Sie­he zur Geschich­te des Lan­des­asyls „Wil­helms­ru­he“, ebd. S. 180 ff. Das Haus lag in der Her­mann-Wolf-Str. 31, die von den Nazis in Raiff­ei­sen­stra­ße umbe­nannt wur­de. Her­mann Wolf war ein jüdi­scher Unter­neh­mer, ursprüng­lich aus Öhrin­gen, der durch die Ansied­lung einer Schuh­fa­brik wesent­lich zum wirt­schaft­li­chen Auf­stieg des Ortes bei­getra­gen hat­te, sie­he ebd. S. 215.

[70] Ebd. 181 f.

[71] Zitiert nach Häns­chen, Izbica S. 330, Anm. 221.

[72] Aus­führ­lich ist die­ser Trans­port beschrie­ben in Häns­chen, Stef­fen, Das Tran­sit­ghet­to Izbica im Sys­tem des Holo­caust, Ber­lin 2018, S. 325–334. Auch Gott­waldt; Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 201 f. Gott­waldt; Schul­le ver­mu­ten, dass die Zahl der damals Depor­tier­ten weit grö­ßer war, als offi­zi­ell bekannt. Sie geben statt 628 Per­so­nen etwa 1000 an, also eine Zahl, wie sie auch bei sons­ti­gen Trans­por­ten üblich.

[73] Es lie­gen aller­dings Berich­te über die Situa­ti­on in Izbica bei Ankunft des Zuges dort vor, die angeb­lich auf Brie­fen beru­hen, die Teil­neh­mer des Stutt­gar­ter Trans­por­tes nach Hau­se schi­cken konn­ten. Ob die­se sehr beschö­ni­gen­den Berich­te der jüdi­schen Glau­bens­ge­mein­de Stutt­gart auf­grund zen­sier­ter Brie­fe zustan­de kamen, oder aber bewusst ver­fälscht wur­den, um die Gemein­de, Bekann­te und beson­ders die Ange­hö­ri­gen der Depor­tier­ten zu beru­hi­gen, kann nicht beur­teilt wer­den. Izbica war für alle, die dort anka­men, die Höl­le, in der es fak­tisch kei­ne Chan­ce zum Über­le­ben gab. Da am glei­chen Tag, als der zwei­te Bericht in Stutt­gart ver­fasst wur­de, der ers­te Trans­port Wies­ba­den mit dem Ziel Izbica ver­ließ, sol­len Aus­zü­ge aus die­sen Berich­ten hier zitiert wer­den. Der ers­te stammt vom 13. 5.1942, der zwei­te vom 23.5.1942:
„Izbica ist ein klei­ner Fle­cken, jedoch kein Dorf mit Stroh­ka­ten, son­dern mit Stein­häu­sern. Die Abwan­de­rer sind in die­sen Stein­häu­sern unter­ge­bracht, also nicht in Bara­cken, wie irr­tüm­lich aus der Bezeich­nung >Block< usw. ange­nom­men wer­den konn­te. Die Teil­neh­mer des Trans­ports haben ihr Gepäck aus­nahms­los erhal­ten. […] In Izbica ist auf den ers­ten Blick beson­ders der Schmutz und der Schlamm auf den Stra­ßen auf­fal­lend (vor den Häu­sern 30cm tief!) Dies wird sich jedoch mit der wär­me­ren Wit­te­rung sehr bald bes­sern.
Es liegt nun alles dar­an, daß die Arbeits­fä­hi­gen unver­züg­lich mit Auf­räu­mungs- und Instand­set­zungs­ar­bei­ten begin­nen. Die Abwan­de­rer sind an ihrem neu­en Auf­ent­halts­ort sehr viel sich selbst über­las­sen und unter weni­ger stren­ger Beauf­sich­ti­gung als in der alten Hei­mat. Es gibt zwei­fel­los für die Arbeits­fä­hi­gen reich­lich Gele­gen­heit, sowohl in der offen­bar gut bewirt­schaf­te­ten Land­wirt­schaft, als auch in klei­ne­ren Indus­trien Beschäf­ti­gung zu fin­den. Das Land ist frucht­bar. Es ist alles zu haben.“

Wei­ter:
„Der Ort Izbica ist eine Bahn­sta­ti­on. Es woh­nen dort bereits eini­ge tau­send aus Deutsch­land abge­wan­der­ter Juden. Pol­ni­sche Juden schei­nen im Ort über­haupt nicht mehr zu sein. Die gan­ze Ver­wal­tung ist in jüdi­scher Hand und die Orga­ni­sa­ti­on auch bei der Ankunft des süd­deut­schen Trans­ports habe gut funk­tio­niert. Das Gepäck sei soweit nötig durch Ord­ner in die Quar­tie­re, die schon bereit­ge­stellt gewe­sen sei­en, gebracht wor­den. Es ist dort ein jüdi­scher Bür­ger­meis­ter, ein jüdi­sches Woh­nungs­amt, jüdi­sche Poli­zei, alles von Deutsch­land abge­wan­der­ten Juden besetzt. Die Gegen ist frucht­bar und vom Krieg völ­lig unbe­rührt. Die Vege­ta­ti­on ist zurück. Bei Ankunft des Trans­por­tes habe es noch geschneit. Es sei anzu­neh­men, dass, sobald Gemü­se gewach­sen sei, auch die Ernäh­rungs­la­ge erheb­lich bes­ser wer­de. Auch die ärzt­li­che Betreu­ung ist inso­fern gesi­chert, als 25 jüdi­sche Ärz­te am Plat­ze sind. Die Unter­künf­te sei­en nicht schlecht. Die Häu­ser wür­den auch äus­ser­lich einen ordent­li­chen Ein­druck machen. Man glau­be, dass die Sied­lung sich gedeih­lich ent­wi­ckeln kön­ne. Zwei Pri­vat­brie­fen, die offen­bar in guter Stim­mung geschrie­ben sind, ent­neh­men wir, dass ein Teil unse­rer Abwan­de­rer in das Arbeits­la­ger Augus­tov­ka in der Nähe von Izbica gekom­men ist. Das Lager sei auf einem gro­ßen Guts­hof in schö­ner Lage (Fel­der, Wäl­der, klei­ne Flüs­se und Seen): Kühe, Scha­fe und Hüh­ner vor­han­den. Die Frau­en sind in der Küche und mit leich­ten Feld­ar­bei­ten beschäf­tigt. Eini­ge Män­ner sind auch bei der Ord­nungs­po­li­zei tätig.“ Zitiert nach Häns­chen, Izbica, S. 33 f.

[74] Sie war die Toch­ter von Karl und Johan­na Kahn. Ob es eine ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Kahn-Fami­li­en gab, ist nicht bekannt. Sie­he http://​www​.stol​per​stei​ne​-in​-kar​ben​.de/juden_in_grk_alle.htm.

[75] Ebd.

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942