Franziska Horowitz — Stummer


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Juden­haus heu­te
Eige­ne Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Herrn­gar­ten­str. 11

 

 

 

 

 

 

 


Man könn­te fast den Ein­druck gewin­nen, als sei Fran­zis­ka Horo­witz am 8. Novem­ber 1940 aus dem Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11 aus­ge­zo­gen, um Platz zu schaf­fen für die vie­len, die in den fol­gen­den Mona­ten zwangs­wei­se in die­ses Haus ein­quar­tiert wer­den soll­ten. Sie war wohl damals frei­wil­lig aus­ge­zo­gen, aber nicht, um in ein siche­res Land im Wes­ten zu gelan­gen, son­dern um dort­hin zurück­zu­keh­ren, woher ihre Fami­lie Anfang des Jahr­hun­derts gekom­men war: Nach Kra­kau, im damals schon von den deut­schen Trup­pen besetz­ten soge­nann­ten Generalgouvernement.

Franziska Kahn, Rosa Mantel, Irma Mantel, Franziska Stummer Horowitz, Rywa Stummer Horowitz, Judenhäuser Wiesbaden, Herngartenstr. 11,
Stamm­baum von Fran­zis­ka Horo­witz — Stum­mer
GDB

Von dort stamm­ten ihre Eltern Isaak Juda Stum­mer und Rywa Stern, die in Kra­kau im Jahr 1906 die Ehe geschlos­sen hat­ten.[1] Der fami­liä­re Hin­ter­grund ist des­halb etwas ver­wir­rend, weil es in den dor­ti­gen jüdi­schen Fami­li­en offen­sicht­lich üblich war, die Ehe­schlie­ßung nur vom Rab­bi durch­füh­ren zu las­sen und die­ser Zere­mo­nie anschlie­ßend kei­ne stan­des­amt­li­che Bestä­ti­gung und eine ent­spre­chen­de Namens­än­de­rung fol­gen zu las­sen. Isaak Juda war am 16. Dezem­ber 1872 gebo­ren wor­den. Als Nach­na­me trug er nur den Namen sei­ner Mut­ter Cha­na Stum­mer. Den Nach­na­men sei­nes Vaters Wolf Horo­witz nahm der Sohn durch Adop­ti­on erst sehr viel spä­ter in Wies­ba­den an. Auch Fran­zis­kas Mut­ter hat­te als Nach­na­men wie­der­um den von ihrer Mut­ter Ryfka Leya Stern behal­ten, obwohl die­se mit einem Berisch Frie­di­ger ver­hei­ra­tet war.[2] Rywa, gebo­ren am 6. Okto­ber 1879 in Kra­kau,[3] war die jüngs­te von zumin­dest ins­ge­samt drei bekann­ten Kin­dern des Paa­res. Ihr um ein Jahr älte­rer Bru­der Her­zel war am 20. Janu­ar 1878[4] und eine älte­re Schwes­ter Rude /​ Rosa war sogar schon am 25. Febru­ar 1871 gebo­ren wor­den.[5] Man kann sicher davon aus­ge­hen, dass auch in den dazwi­schen lie­gen­den Jah­ren wei­te­re Kin­der gebo­ren wur­den, die aber früh ver­star­ben oder bis­her nicht rich­tig zuge­ord­net wer­den konnten.

Die Grün­de, wes­halb Isaak und Rywa Horo­witz kurz nach ihrer Hoch­zeit Kra­kau und Polen, das vor dem Ers­ten Welt­krieg Teil des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Kai­ser­reichs war, ver­lie­ßen, sind heu­te nur noch zu ver­mu­ten. Es wer­den wahr­schein­lich pri­mär wirt­schaft­li­che Moti­ve gewe­sen sein, die sie zu die­sem Schritt ver­an­lasst hat­ten, denn die recht­li­che Situa­ti­on war für Juden, die in die­ser Zeit etwa ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung Kra­kaus stell­ten, nach den Refor­men Mit­te des 19. Jahr­hun­derts nicht mehr so drü­ckend wie zuvor. Aber den­noch waren die Juden auch hier immer wie­der Anfein­dun­gen aus­ge­setzt. Sicher spiel­te es auch eine Rol­le, dass Rywas Schwes­ter Rosa /​ Rude mit ihrem Mann Lud­wig Löbel Man­tel, genannt Gros­shut, weni­ge Jah­re zuvor bereits Polen ver­las­sen und sich in Wies­ba­den nie­der­ge­las­sen hat­te. Sie bewohn­ten mit ihren ins­ge­samt fünf Kin­dern seit 1900 das Haus in der Wage­mann­str. 27, wo sie einen Laden für Alt­klei­der und Anti­qui­tä­ten betrie­ben.[6]

Aber all die Hoff­nun­gen, die Rywa Stern und Isaak Juda Stum­mer mit der Über­sied­lung nach Deutsch­land ver­bun­den haben mögen, erfüll­ten sich nicht. Sie gehör­ten in Wies­ba­den zu der Grup­pe der aus­ge­grenz­ten und dis­kri­mi­nier­ten Gemein­schaft ost­eu­ro­päi­scher Juden, wenn­gleich nicht bekannt ist, dass sie sich in der Gemein­de selbst enga­giert hät­ten.[7] Aber neben dem kol­lek­ti­ven Schick­sal muss­ten sie auch viel per­sön­li­ches Leid erfah­ren, lan­ge bevor die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Fami­lie end­gül­tig zerstörten.

Im Jahr nach ihrer Ankunft – sie hat­ten eine Woh­nung in der Klei­nen Weber­gas­se 9 im ers­ten Stock gefun­den – wur­de am 11. Sep­tem­ber 1907 ihre Toch­ter Irma gebo­ren,[8] zwei Jah­re spä­ter, am 22. Juli 1909, die Toch­ter Fran­zis­ka.[9] Bei­de erhiel­ten den Nach­na­men Stummer.

Isaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Anzei­ge von Isaak Stum­mer im Wies­ba­de­ner Tage­blatt vom 3.4.1924
Isaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
HHStAW 685 812b

Obwohl die Fami­lie um das Jahr 1914 in die Neu­gas­se 19 umzog, eine Stra­ße, die im alten his­to­ri­schen Fünf­eck, dem alten Stadt­zen­trum, liegt, gin­gen die Geschäf­te wei­ter­hin sehr schlecht. Wie vie­le ande­re Ost­ju­den übte auch Isaak Stum­mer den Beruf eines Tröd­lers, eines Alt­wa­ren­händ­lers aus, von denen es auch in Wies­ba­den sehr vie­le gab. Das Ein­kom­men war so gering, dass sich sogar das Finanz­amt im Zusam­men­hang mit der Steu­er­erklä­rung von 1928 zur Fra­ge ver­an­lasst sah, wie er mit die­sen gerin­gen Erträ­gen eine Fami­lie ernäh­ren kön­ne.[10] Schon 1923 hat­te er in einem per­sön­li­chen Brief der Behör­de sei­ne Lage geschildert:
“Im vori­gen Jah­re erkrank­te mir eine Toch­ter von 16 Jah­ren, die etwa 10 Mona­te an einer Lun­gen­krank­heit litt und am 4. Novem­ber v. J. gestor­ben ist. Die Krank­heit selbst kos­te­te mich sehr viel, selbst die Beer­di­gungs­kos­ten allein kos­te­ten G[old] M[ark] 151.- so dass ich zer­bro­chen bin. Ueber­dies geht mein Geschäft gar­nicht. Wenn ich einen offe­nen Laden hät­te, müss­te ich ihn bei die­sem Geschäfts­gang schlie­ßen. Ich füh­re mein Geschäft nur in mei­ner Woh­nung. Ich selbst bin auch lei­dend u. bin bei die­sen Ver­hält­nis­sen nicht in der Lage die mir bemes­se­nen Ein­kom­men­steu­ern zu bezahlen.
Hochachtungsvoll
Isaak Stum­mer.“
[11]

Einen Ein­druck vom Geschäfts­um­fang erhält man, wenn man zwei Sei­ten aus sei­ner Steu­er­ak­te betrach­tet, wobei die ers­te aus dem Jahr 1920 die Ankäu­fe in der ange­ge­be­nen Zeit belegt, die zwei­te Ver­käu­fe im Jahr 1928 widerspiegelt.

Isaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
HHStAW 685 812c (6)
Isaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
HHStAW 685 812b (60)

Obwohl auch in die­sen Auf­zeich­nun­gen immer wie­der klei­ne Schmuck­stü­cke auf­ge­führt sind und er auch ent­spre­chen­de Inse­ra­te in Wies­ba­de­ner Zei­tun­gen auf­gab, hat­te er eigent­lich – so die Mel­dung der Poli­zei­be­hör­de an das Finanz­amt vom 23. Okto­ber 1924 – kei­ne Geneh­mi­gung zum Han­del mit Edel­me­tal­len.[12] Aber trotz die­ser wohl mehr oder weni­ger gedul­de­ten Geset­zes­über­tre­tung reich­ten die Ein­künf­te kaum zum Leben aus. Man war auf die Unter­stüt­zung von Ver­wand­ten – Namen wer­den nicht genannt – in den USA ange­wie­sen, die in Brief­um­schlä­gen ein­zel­ne Dol­lar­no­ten nach Deutsch­land schick­ten. Betrach­tet man die Beträ­ge – drei­mal 2 Dol­lar, ein­mal 25 Dol­lar –, dann kann es auch denen jen­seits des Oze­ans nicht sehr viel bes­ser gegan­gen sein.[13]

Irma Stummer
“Hier ruht unser Son­nen­schein” — Grab­stein von Irma Stum­mer auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Stra­ße
Eige­ne Aufnahme

Unter die­sen Lebens­um­stän­den hat­ten auch die bei­den Töch­ter kaum eine Chan­ce, sich gesund zu ent­wi­ckeln. Irma ver­starb am 4. Novem­ber 1923 – ver­mut­lich an TBC – bereits im Jugend­al­ter und auch Fran­zis­ka war dar­an so schwer erkrankt, dass sie zumin­dest zeit­wei­se nicht arbeits­fä­hig war.[14]

Am 6. Sep­tem­ber 1932 zogen die Eltern zusam­men mit Fran­zis­ka in die Klei­ne Schwal­ba­cher Str. 2.[15] Ob die Geschäf­te dort auf Dau­er bes­ser als in den vor­he­ri­gen Lagen gelau­fen wären, sei dahin­ge­stellt. Durch die Macht­über­nah­me der Nazis gab es ohne­hin bald kei­ne Zukunft mehr für einen ost­jü­di­schen Trödler.

Isaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Fran­zis­ka Horo­witz teilt dem Finanz­amt ihren neu­en, durch Adop­ti­on erwor­be­nen Namen Horo­witz mit
HHStAW 685 812b (87)

Nicht klar sind sowohl die Grün­de, als auch der for­mal­recht­li­che Vor­gang, der es Isaak Stum­mer im Som­mer 1933 ermög­lich­te, durch „Adop­tie­rung“ den Namen Horo­witz anzu­neh­men.[16] Es ist eher unwahr­schein­lich, dass damals sei­ne Eltern noch leb­ten und noch im hohen Alter von etwa 80 Jah­ren eine stan­des­amt­li­che Ehe ein­ge­gan­gen waren. Aber auch die Adop­ti­on durch einen ande­ren Ver­wand­ten scheint wenig wahr­schein­lich, zumal in den Unter­la­gen kein ent­spre­chen­des amt­li­ches Schrift­stück zu fin­den ist. Ver­mut­lich han­delt es sich bei die­ser Form der „Adop­ti­on“ allein um die Über­nah­me des väter­li­chen Nach­na­mens, was wohl rela­tiv unpro­ble­ma­tisch war, wenn der Vater sei­ne Vater­schaft zuvor aner­kannt hat­te. Im Gefol­ge die­ser „Adop­ti­on“ erhiel­ten nun auch sei­ne Frau und Fran­zis­ka die­sen neu­en Nachnamen.

Wie er schon in sei­nem Brief an das Finanz­amt Wies­ba­den ange­deu­tet hat­te, war auch er selbst seit län­ge­rer Zeit krank. Am 15. März 1936 ver­starb Isaak Horo­witz in den Städ­ti­schen Kli­ni­ken in Wies­ba­den im Alter von 63 Jah­ren,[17] beer­digt wur­de er auf dem Jüdi­schen Fried­hof an der Plat­ter Straße.

Durch sei­nen Tod blieb er von den ver­schärf­ten Ver­fol­gungs­maß­nah­men der fol­gen­den Jah­re ver­schont, die noch vor der Reichs­po­grom­nacht gera­de gegen die pol­ni­schen Juden gerich­tet waren. Die ver­wit­we­te Rywa Horo­witz gehör­te wie auch ihre Schwes­ter Rose mit ihrer damals noch in Wies­ba­den leben­den Toch­ter Irma zu den­je­ni­gen,[18] die Opfer der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen dem pol­ni­schen und dem deut­schen Staat um die damals im Reich leben­den pol­ni­schen Juden wur­den. Am 28. Okto­ber 1938 waren auch sie im Rah­men der soge­nann­ten ‚Polen­ak­ti­on’ qua­si über Nacht und ohne die Mög­lich­keit, ihre Habe mit­neh­men zu kön­nen, mit vie­len ande­ren von den deut­schen Behör­den aus­ge­wie­sen wor­den. Rywa Horo­witz und ihre Schwes­ter Rosa mit Toch­ter Irma muss­ten aller­dings nicht im Nie­mands­land an der Gren­ze blei­ben, son­dern konn­ten zu ihren Ver­wand­ten nach Kra­kau rei­sen.[19] Am 28. Dezem­ber stell­te Rywas Toch­ter Fran­zis­ka, die als staa­ten­los kate­go­ri­siert offen­sicht­lich blei­ben oder wie­der zurück­keh­ren durf­te, einen Antrag, ihrer Mut­ter das ihr gehö­ren­de Umzugs­gut nach­schi­cken zu dür­fen. Der Finanz­be­am­te, der ein Pro­to­koll über das Gespräch mit Fran­zis­ka Horo­witz anfer­tig­te, notier­te dar­in, dass es kei­ne Ver­mö­gens­wer­te gab, die trans­fe­riert wer­den muss­ten, das Umzugs­gut viel­mehr aus­schließ­lich aus gebrauch­ten Klei­dern und alter Wäsche bestehe. Die Mut­ter sei zuletzt wei­ter­hin von Ver­wand­ten und der Jüdi­schen Gemein­de unter­stützt wor­den, Fran­zis­ka Horo­witz habe hin­ge­gen bis zum 22. August 1938 eine Anstel­lung bei der Fir­ma ‚Rie­sel & Sper­ber’, einer Sack­hand­lung in der Dotz­hei­mer Str. 13, gehabt.[20] Ob die Klei­der der Mut­ter nach die­sem Gespräch nach Polen gesandt wer­den durf­ten, ist in der Akte nicht notiert.

Die fol­gen­den fast vier Jah­re nach der Abschie­bung der Mut­ter ver­brach­te Fran­zis­ka Horo­witz, von einem kur­zen Auf­ent­halt in Bad Kis­sin­gen abge­se­hen, in Wies­ba­den. Ob die häu­fi­gen Woh­nungs­wech­sel in die­ser Zeit Fol­ge ihres völ­lig unsi­cher gewor­de­nen Lebens oder ihrer Tätig­keit als Haus­an­ge­stell­te waren, ist aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve nur schwer zu beur­tei­len. Ver­mut­lich spiel­ten bei­de Fak­to­ren eine Rol­le. Noch detail­lier­ter als auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te hat­te sie die wech­seln­den Anschrif­ten auf einem For­mu­lar ein­ge­tra­gen, das im Zusam­men­hang mit ihrer eige­nen spä­te­ren Abwan­de­rung ent­stan­den war.[21]

Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Fran­zis­ka Horo­witz gab gegen­über den Finanz­be­hör­den Aus­kunft über ihre Wohn­an­schrif­ten seit 1937
HHStAW 519/​3 32517 (3)

Spä­tes­tens im Juli 1937 war sie aus der elter­li­chen Woh­nung in der Klei­nen Schwal­ba­cher Str. 2 aus­ge­zo­gen und war zunächst für ein Jahr in der Kirch­gas­se 54 unter­ge­kom­men. Die Woh­nung hat­te sie offen­sicht­lich nicht auf­ge­ge­ben, als sie sich aus nicht bekann­ten Grün­den im Sep­tem­ber 1938 für etwa vier Wochen in Bad Kis­sin­gen auf­hielt. Danach, also auch in dem Zeit­raum, in dem ihre Mut­ter abge­scho­ben wur­de, wohn­te sie bis Ende Novem­ber 1939 wie­der in der Kirch­gas­se. In dem Haus leb­te damals kei­ne jüdi­sche Fami­lie, sodass sie dort kaum gleich­zei­tig als Haus­an­ge­stell­te tätig gewe­sen sein wird. Anfang Dezem­ber 1938 zog sie für ein Vier­tel­jahr in die Lui­sen­str. 17, wo die jüdi­sche Fami­lie Ber­ney wohn­te. Zwar gibt die Gestapo­kar­tei­kar­te kei­nen Hin­weis dar­auf, dass sie dort ein Zim­mer zur Unter­mie­te bezo­gen hat­te, aber die Schnei­de­rei der Ber­neys hat­te im sel­ben Monat schlie­ßen müs­sen, sodass die­se zur Finan­zie­rung ihrer 4‑Zimmerwohnung sicher an einer sol­chen Unter­ver­mie­tung inter­es­siert gewe­sen sein wer­den.[22] Es könn­te aller­dings auch sein, dass sie auch dort schon als Haus­ge­hil­fin tätig war. Eine neue Anstel­lung war ver­mut­lich auch der Grund für den nächs­ten Umzug Mit­te Febru­ar 1939 in die Rhein­str. 98. In die­sem Haus wohn­te zu die­ser Zeit der jüdi­sche Kauf­mann Her­mann Juli­us Hall­hei­mer mit sei­ner evan­ge­li­schen Frau Eli­sa­beth. Mög­li­cher­wei­se war sie für ein knap­pes hal­bes Jahr bei die­sem Ehe­paar beschäf­tigt.[23] Die nächs­te Adres­se, die sie auf dem For­mu­lar angab, war die Schlich­ter­str. 10, wo das jüdi­sche Ehe­paar Karl und Ber­ta Rei­nin­ger seit etwa 1935 leb­te. Dass sie hier mit Sicher­heit als Haus­halts­hil­fe fun­gier­te, ergibt sich aus einem Schrei­ben, das sie am 20. Febru­ar 1940 an die Devi­sen­stel­le in Frank­furt rich­te­te, nach­dem sie von die­ser auf­ge­for­dert wor­den war, ihre Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se offenzulegen:
“Da ich völ­lig ohne Ver­mö­gen bin und mir auch von kei­ner Sei­te Ein­künf­te zur Ver­fü­gung ste­hen und in Aus­sicht ste­hen, rei­che ich die Siche­rungs­an­ord­nung zurück.
In mei­ner Tätig­keit als Haus­ge­hil­fin steht mir ein Monats­lohn von RM 35,– neben Inva­li­den­kas­se- Kran­ken­kas­se- Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung und Bür­ger­steu­er als Ein­nah­me zur Bestrei­tung mei­ner Unkos­ten ver­füg­bar und erhal­te in mei­ner Tätig­keit freie Kost, Woh­nung muß ich von den 35,– selbst bezah­len, was mit Hei­zung und Licht pro Monat ca. RM 17,50 beträgt.
Unter Berück­sich­ti­gung mei­ner wirt­schaft­li­chen Lage bit­te ich um Befrei­ung von der Siche­rungs­an­ord­nung.“
[24]

Ob es sich dabei tat­säch­lich um ein for­ma­les Arbeit­ge­ber- Arbeit­neh­mer­ver­hält­nis han­del­te, muss bezwei­felt wer­den, denn auch Rei­ni­gers waren schon 1940 völ­lig ver­armt und auf Unter­stüt­zung der Jüdi­schen Gemein­de ange­wie­sen. Man wird viel­mehr ver­sucht haben, irgend­wie gemein­sam über die Run­den zu kom­men, erst recht, nach­dem Fran­zis­ka Horo­witz am 16. März 1940 zusam­men mit Rei­nin­gers zwangs­wei­se in das Juden­haus in der Herrn­gar­ten­str. 11 umquar­tiert wur­de. Im drit­ten Stock­werk erhiel­ten sie eine gemein­sa­me Woh­nung. Zwar leb­ten dort zuletzt fünf Per­so­nen, aber ob das im Jahr zuvor bereits auch der Fall war, ließ sich nicht mehr rekonstruieren.

Im Sep­tem­ber 1940 stell­te Fran­zis­ka Horo­witz einen Antrag auf Mit­nah­me von Umzugs­gut für sich selbst und bat zugleich um die not­wen­di­ge steu­er­li­che Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung für eine Aus­rei­se aus Deutsch­land. Auch in die­sem For­mu­lar gab sie an, kein Ver­mö­gen zu besit­zen und ihren Lebens­un­ter­halt als Haus­an­ge­stell­te zu ver­die­nen.[25] Es kann daher nicht viel gewe­sen sein, was sie hat­te mit­neh­men wol­len, aber selbst das Weni­ge wur­de ihr ver­wehrt. Ohne Begrün­dung ver­füg­te der Sach­be­ar­bei­ter weni­ge Tage nach der Antrag­stel­lung: „Ihren Antrag zwecks Mit­nah­me von Umzugs­gut nach dem Gene­ral-Gou­ver­ne­ment leh­ne ich hier­mit ab.“[26]

Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Die Devi­sen­stel­le hat­te Fran­zis­ka Horo­witz aus den Augen ver­lo­ren, die Wies­ba­de­ner Poli­zei teil­te ihr die Über­sied­lung nach Polen erst im Dezem­ber 1942 mit.
HHStAW 519/​3 383 (8)

Dass sie, anders als die meis­ten Aus­wan­de­rer, nicht einen west­li­chen Staat als Ziel angab, son­dern das ehe­ma­li­ge pol­ni­sche Kra­kau, war sicher nicht der fal­schen Hoff­nung geschul­det, dort in Frie­den und Sicher­heit leben zu kön­nen. Zwar war das gene­rel­le Aus­rei­se­ver­bot für Juden noch nicht erteilt wor­den, aber eine rea­lis­ti­sche Chan­ce hät­te es für die völ­lig mit­tel­lo­se Frau – trotz Ver­wand­ten in den USA – ohne­hin nicht gege­ben, in ein sol­ches Land zu gelan­gen. Sie woll­te ganz offen­sicht­lich die Zeit, die ihr noch gege­ben war, mit ihrer Mut­ter und im Krei­se von deren Fami­lie verbringen.

Die­se wohn­ten damals in der Burg­str. 39, der Grodzka 39, im alten Zen­trum von Kra­kau, das nörd­lich vom eigent­li­chen jüdi­schen Vier­tel und noch wei­ter vom spä­te­ren Ghet­to ent­fernt auf der ande­ren Sei­te der Weich­sel lag. 1940 war in Kra­kau ein Ghet­to noch nicht ein­ge­rich­tet wor­den, aber in der Woh­nung, die Rywas Bru­der Her­zel Frie­di­ger in der Burg­stra­ße besaß oder ange­mie­tet hat­te, leb­ten vor Fran­zis­kas Ankunft seit ihrer Abschie­bung aus Deutsch­land bereits sei­ne Frau Sara und sei­ne bei­den Schwes­tern Rude, ver­wit­we­te Man­tel, mit ihrer Toch­ter Irma, und auch Rywa Horo­witz. Wohl noch im Novem­ber 1940 kam dann sei­ne Nich­te Fran­zis­ka hin­zu.[27] In der Drei-Zim­mer-Woh­nung mit Vor­raum und Küche wur­de es zuneh­mend eng, aber sicher nicht so, wie im Wies­ba­de­ner Juden­haus.


Herzel Friediger, Sara Friediger SchmausIsaak Stummer Horowitz, Franziska Horowitz Stummer, Rywa Horowitz Stummer, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11

 

 

 

 

 

 

Die Bewoh­ner der Kra­kau­er Burg­str. 39 müs­sen eine Iden­ti­täts­kar­te bean­tra­gen — USHMM

(https://www.ushmm.org/online/hsv/wexner/cache/1602088086–1971443-RG-15.098M.0107.00000691.jpg und (https://www.ushmm.org/online/hsv/wexner/cache/1602088086–1971444-RG-15.098M.0107.00000692.jpg)


Her­zel Frie­di­ger war von Beruf Kürsch­ner gewe­sen und, wenn man die Lage sei­ner Woh­nung betrach­tet, ver­mut­lich auch ein­mal ein recht erfolg­rei­cher. Sein Betrieb war inzwi­schen geschlos­sen wor­den, aber er war damals von der Wehr­machts­ab­tei­lung ‚Wirt­schaft’ zur Zwangs­ar­beit bei der Kra­kau­er Fir­ma ‚Kotar­ba’ abge­stellt wor­den, die für die deut­schen Sol­da­ten Pel­ze her­stell­te. Der Fra­ge­bo­gen, der die­se Infor­ma­tio­nen ent­hält, dien­te zur Erfas­sung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung Kra­kaus im Früh­jahr 1941. Am 3. März wur­de die Ein­rich­tung des Ghet­tos beschlos­sen und inner­halb der nächs­ten drei Wochen muss­ten alle Juden und Jüdin­nen in die­sen Wohn­be­zirk umge­zo­gen sein. Der Fra­ge­bo­gen ist das letz­te Lebens­zei­chen zumin­dest der weib­li­chen Bewoh­ner der Burg­str. 39. Ob sie bereits im Ghet­to zu Tode kamen oder im März 1943 noch des­sen Liqui­da­ti­on erleb­ten, ist nicht bekannt. Die noch Arbeits­taug­li­chen waren damals in das KZ Plas­zow, die Übri­gen ins Gas von Ausch­witz-Bir­ken­au geschickt wor­den. Viel­leicht konn­ten sie sich auch der Umsied­lung in das Ghet­to zunächst ent­zie­hen und waren mit Her­zel Frie­di­ger in das etwa zehn Kilo­me­ter süd­lich von Kra­kau gele­ge­ne Wie­liez­ka gelangt, wo die­ser am 18. Juli 1942 ver­haf­tet wur­de.[28]

Herzel Friediger
Gefan­ge­nen­kar­te für Her­zel Frie­di­ger aus dem KZ Buchen­wald
Arol­sen Archiv

Die­se Infor­ma­ti­on beruht auf einem Ein­trag auf einer Häft­lings­kar­te des KZs Buchen­wald, in das er am 5. August 1944 ein­ge­lie­fert wor­den war.[29] Ver­mut­lich hat man dort sei­ne Fer­tig­kei­ten als Kürsch­ner bzw. Schnei­der in Anspruch genom­men. Nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass es ihm sogar gelang, die fol­gen­den Mona­te bis zum Zusam­men­bruch des NS-Regimes zu über­ste­hen und zu über­le­ben. Sein Name ist weder in Yad Vas­hem noch im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ver­merkt. Aber auch für die übri­gen Mit­be­woh­ner der Burg­stra­ße gibt es kei­ne siche­ren Nach­wei­se über ihr Schick­sal. Weder Sara Frie­di­ger, Her­zels Frau, noch sei­ne Schwes­ter Rywa Horo­witz oder deren Toch­ter Irma sind in den ent­spre­chen­den Opfer­lis­ten ver­zeich­net. Den­noch kann man mit größ­ter Wahr­schein­lich­keit anneh­men, dass sie auf die eine oder ande­re Wei­se damals ihr Leben ver­lo­ren haben.[30]

Rosa Mantel, Ludwig Löb Mantel

Rosa Rude Man­tel
https://​pho​tos​.yad​vas​hem​.org/​p​h​o​t​o​-​d​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​_​i​d​=​1​9​3​7​5​5​8​&​i​n​d​=13
Irma Man­tel
https://​pho​tos​.yad​vas​hem​.org/​p​h​o​t​o​-​d​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​_​i​d​=​1​9​0​6​7​1​1​&​i​n​d​=11

Ob und wie lan­ge Rosa /​ Rude Man­tel – Gros­shut mit ihrer Toch­ter Irma in Polen noch zusam­men­blei­ben konn­te, ist nicht sicher zu sagen. Sie sol­len laut Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs zunächst nach Izbica depor­tiert wor­den sein,[31] müs­sen aber spä­ter noch in das etwa 25 km süd­lich von Lub­lin gele­ge­ne Ghet­to Bycha­wa trans­por­tiert wor­den sein. Zumin­dest stam­men die letz­ten Nach­rich­ten von Irma, zwei Post­kar­ten, die sie im Früh­jahr 1942 an ihre in Schwe­den leben­de Schwes­ter Fran­zis­ka schi­cken konn­te, von dort. Sie beschrieb dar­in die schreck­li­chen Bedin­gun­gen, unter denen sie im dor­ti­gen Ghet­to, in dem 1942 etwa 2600 Juden inter­niert waren, vege­tie­ren muss­ten, den Hun­ger und die Käl­te, und bat ihre Schwes­ter, Pake­te mit dem Nötigs­ten zu schi­cken: „Hof­fent­lich haben wir dann die Sachen, die wir so drin­gend brau­chen. Wir sind ohne Klei­dungs­stü­cke, Wäsche, Schu­he u. schla­fen ohne Bett­wä­sche. War­um habt ihr uns inzwi­schen kei­ne Fisch­kon­ser­ven geschickt, die letz­ten von dem Fisch­ge­schäft habe rich­tig erhal­ten (!). Wenn ihr wüss­tet wie drin­gend nötig wir das alles haben und so schreck­lich für uns so lan­ge auf das Paket gewar­tet zu haben, was das für uns bedeu­tet ist kaum zu schil­dern. Noch sind wir gott­lob gesund aber wir wären glück­lich, wenn ihr uns bald hel­fen wür­det mit Lebens­mit­teln u. Sar­di­nen. Ich habe immer für zu hau­se gesorgt und ste­he mit gebun­de­nen Hän­den u. kann mir selbst nicht hel­fen.“[32] Da Irma in der Kar­te immer von „wir“ bzw. „uns“ schreibt, wird man ver­mu­ten dür­fen, dass sich ihre Mut­ter, Tan­te und Cou­si­ne auch dort befanden.

Franziska Kahn, Rosa Mantel, Irma Mantel, Franziska Stummer Horowitz, Rywa Stummer Horowitz, Judenhäuser Wiesbaden, Herngartenstr. 11,
HHStAW 3008/​1 14258 und 14259
Franziska Kahn, Rosa Mantel, Irma Mantel, Franziska Stummer Horowitz, Rywa Stummer Horowitz, Judenhäuser Wiesbaden, Herngartenstr. 11,
Post­kar­te von Irma Man­tel aus dem Ghet­to Ryche­wo an ihre Schwes­ter Fran­zis­ka in Schweden

 

 

 

 

 

 

Am 11. Okto­ber 1942 wur­de das Ghet­to auf­ge­löst und die noch dort leben­den Juden wur­den über Bel­zec nach Sobi­bor in den Tod geschickt.[33] Die Mut­ter soll – so zumin­dest die Anga­be im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz – aller­dings in Maj­da­nek ermor­det wor­den sein.[34] Ihr Todes­tag wur­de nach dem Krieg amt­lich auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.

Irma Mantel, Rosa Mantel
Hed­wig Man­tel
https://​pho​tos​.yad​vas​hem​.org/​p​h​o​t​o​-​d​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​_​i​d​=​1​9​0​6​8​3​6​&​i​n​d​=12

Hed­wig, die Toch­ter von Rose und Lud­wig Man­tel, die bei der soge­nann­ten ‚Polen­ak­ti­on’ nicht abge­scho­ben wor­den war, wur­de am 10. Juni 1942 mit ihrem Sohn Heinz von Wies­ba­den aus nach Lub­lin depor­tiert und starb kurz dar­auf in der Gas­kam­mer von Sobi­bor. Ama­lie war bereits am 5. Febru­ar 1941 im Rah­men der Eutha­na­sie in der Tötungs­an­stalt Hada­mar ermor­det wor­den. Gie­se­la, ver­hei­ra­te­te Zwart, und auch Sal­ly Man­tel – Gros­shut leb­ten nach dem Krieg in den USA, wohin sie auf unter­schied­li­chen Wegen gelangt waren. Fran­zis­ka war bereits 1938 mit ihrem Mann Sal­ly /​ Simon Kahn nach Schwe­den aus­ge­wan­dert. Von Mal­mö aus streng­te sie auch im Namen ihrer noch leben­den Geschwis­ter die Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren in Deutsch­land an.

 

Ver­öf­fent­licht: 14. 10. 2020

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​d​b​i​d​=​1​4​8​0​&​h​=​2​1​7​9​9​0​&​i​n​d​i​v​=​t​r​y​&​o​_​v​c​=​R​e​c​o​r​d​:​O​t​h​e​r​R​e​c​o​r​d​&​r​h​S​o​u​r​c​e​=​1​367. (Zugriff: 3.10.2020).

[2] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​1​4​8​0​&​h​=​1​6​7​5​2​3​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​0​2​d​9​d​3​3​8​c​3​c​2​c​8​e​e​0​e​8​2​d​e​c​9​5​1​e​a​d​3​9​8​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​2​0​8​1​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 3.10.2020).

[3] HHStAW 685 812.

[4] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​d​b​=​J​e​w​I​D​C​a​r​d​s​K​r​a​k​o​w​&​i​n​d​i​v​=​t​r​y​&​h​=​1​8​7​959, (Zugriff. 3.10.2020).

[5] HHStAW 518 2099 (1).

[6] Ebd. (17, 20). Nach dem Tod von Lud­wig Man­tel Gros­shut am 22.12.1934 in Wies­ba­den, Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 1548/​1934, führ­te sei­ne Frau das Geschäft zunächst wei­ter. Aber spä­tes­tens seit den 30er Jah­ren waren die Umsät­ze und die Erträ­ge so gering, dass kei­ne steu­er­li­che Ver­an­la­gung mehr statt­fand. Pfän­dun­gen sei­tens des Finanz­amts wur­den wie­der­holt als „frucht­los“ nie­der­ge­schla­gen, sie­he ebd. (14). Über das Schick­sal der Fami­lie gibt ein Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Wies­ba­den Aus­kunft, sie­he http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Rosa%20Grosshut%20mit%20ihren%20Toechtern%20Irma%20und%20Hedwig%20sowie%20dem%20Enkel%20Heinz.pdf. (Zugriff. 3.10.2020). Die Kin­der des Paa­res, die alle in Wies­ba­den gebo­ren wur­den, waren Irma, gebo­ren am 11.5.1902, dann Gise­la, gebo­ren am 1.8.1903. Es folg­te mit Sal­ly Fried­rich, gebo­ren am 16.7.1906, der wohl bekann­tes­te Spross der Fami­lie, der nicht nur pro­mo­vier­ter Jurist war, son­dern auch als Lite­rat mit ver­schie­de­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen her­vor­ge­tre­ten ist. Sie­he dazu als Über­blick https://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​a​l​l​y​_​G​r​o​s​s​hut, (Zugriff: 3.10.2020), auch den Arti­kel im Wies­ba­de­ner Kurier vom 11.08.2020. Am 15.10.1907 wur­de Hed­wig gebo­ren. Bern­hard, gebo­ren am 16.10.1908, ver­starb im Alter von nicht ein­mal zwei Jah­ren am 29.6.1910. Zuletzt kamen am 24.9.1910 Ama­lie und am 28.6.1914 Fran­zis­ka in Wies­ba­den zur Welt. Anga­ben nach ‚Jüdi­sche Bür­ger Wies­ba­dens’, Daten­bank des Stadt­ar­chivs Wiesbaden.

[7] In den ver­schie­de­nen Ver­ei­nen der jüdi­schen Gemein­de, die im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 auf­ge­führt sind, taucht der Name Stum­mer nicht auf.

[8] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1685 /​ 1907.

[9] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 1326 /​1909.

[10] HHStAW 685 812b (30).

[11] Ebd. (26).

[12] HHStAW 685 812a (108).

[13] HHStAW 685 812b (26).

[14] Ster­be­ein­trag für Irma Stum­mer, Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1402 /​  1923.
In der Steu­er­erklä­rung des Jah­res 1929 schreibt der Vater, das Fran­zis­ka „tuber­ko­los krank & nicht arbeits­fä­hig“ sei, HHStAW 685 812b (64).

[15] Ebd. (81).

[16] Ebd. (87).

[17] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 453 /​ 1936.

[18] Irma Man­tel, gebo­ren am 11.5.1902 in Wies­ba­den, war zuvor 15 Jah­re lang ers­te Ver­käu­fe­rin im Schuh­haus Isi­dor San­del, eben­falls ost­jü­di­sche Emi­gran­ten, das am Mau­ri­ti­us­platz gele­gen war und als eines der füh­ren­den Schuh­ge­schäf­te der Stadt galt, sie­he Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 899 /​ 1902 und HHStAW 518 757 (15).

[19] Ihre Schwes­ter Rosa /​ Rude wur­de mit den Töch­tern Irma und Hed­wig nach Bycha­wa bei Lub­lin ver­bracht, zumin­dest erreich­ten die aus­ge­wan­der­ten Kin­der von dort die letz­ten Nachrichten.

[20] HHStAW 685 812b (o.P.). Fran­zis­ka Horo­witz ist zwar im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 als pol­ni­sche Staats­bür­ge­rin auf­ge­führt, auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te ist die­se ursprüng­li­che Ein­ord­nung ein­ge­klam­mert und durch „staa­ten­los“ ersetzt worden.

[21] HHStAW 519/​3 32517 (3).

[22] Zur Fami­lie Ber­ney sie das Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ve Muse­ums Spie­gel­gas­se http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​e​r​n​e​y​-​H​e​i​n​r​i​c​h​.​pdf. (Zugriff: 3.10.2020).

[23] Her­mann Hall­hei­mer nahm sich am 27.3.1943 das Leben, sie­he Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 726 /​ 1943.

[24] HHStAW 519/​3 383 (5). Die Siche­rungs­an­ord­nung wur­de von der Devi­sen­stel­le zurückgenommen.

[25] 519/​3 32517 (1, 4).

[26] Ebd. (16).

[27] Sara Frie­di­ger, gebo­re­ne Schmaus, war 1884, Rude Man­tel 1871 und Irma Man­tel 1902 gebo­ren wor­den. Her­zel und Sara Frie­di­ger hat­ten drei Kin­der, die aber damals nicht in der Woh­nung der Eltern wohn­ten. Ihre Namen und ihr Schick­sal ist nicht bekannt.

[28] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​6​1​7​6​4​&​h​=​2​7​2​7​8​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​0​8​2​2​3​1​1​b​2​5​9​a​2​8​5​8​9​2​9​9​d​2​7​a​0​2​2​3​8​3​5​a​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​2​0​8​7​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff: 3.10.2020).

[29] Im Arol­sen-Archiv sind eine gan­ze Rei­he von Doku­men­ten vor­han­den, die sei­ne Anwe­sen­heit dort bele­gen, sie­he https://collections.arolsen-archives.org/archive/5893098/?p=1&s=Friediger%20Hercel&doc_id=5893099. (Zugriff: 3.10.2020).

[30] Wie aus den Ent­schä­di­gungs­ak­ten für Rosa und Irma Man­tel her­vor­geht, wur­den bei­de für tot erklärt und ent­spre­chen­de Erb­schei­ne aus­ge­stellt, sie­he HHStAW 518 757 (7) und HHStAW 518 2099 (4). Die ande­re Kar­te, geschrie­ben am 11.1.1942, der Post­stem­pel trägt aller­dings das Datum 11.6.1942, ist als Kopie in HHStAW 518 757 (4, 5) zu finden.

[31] https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​1​5​3​8​194. (Zugriff. 3.10.2020).

[32] HHStAW 3008/​1 14258 und 14259, Das Paket mit Klei­dung war zuvor wegen einer feh­len­den Devi­sen­ge­neh­mi­gung wie­der zurückgegangen.

[33] https://​sztetl​.org​.pl/​e​n​/​t​o​w​n​s​/​b​/​6​1​0​-​b​y​c​h​a​w​a​/​1​1​6​-​s​i​t​e​s​-​o​f​-​m​a​r​t​y​r​d​o​m​/​4​5​1​1​5​-​g​h​e​t​t​o​-​b​y​c​h​awa. (Zugriff: 3.10.2020).

[34] https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​5​8​8​1​0​3​&​i​n​d=1. (Zugriff. 3.10.2020). Ob es dafür einen Beleg gibt, ist dem Ein­trag nicht zu entnehmen.