Die Familie von Hermann und Selma Löwenstein, geborene Vogel


Ackermann, Klara, Arthur, Judenhäuser Wiesbaden
Das frü­he­re Juden­haus in der Her­mann­str. 26 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden,
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Her­mann­str. 26
Judenhäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Her­mann­str. 26

 

 

 

 

 

 


Nach den Erin­ne­run­gen von Wil­ly Rink waren Löwen­steins die ers­ten jüdi­schen Mie­ter, die in das Haus der Acker­manns ein­zo­gen, nach­dem im Vor­der­haus eine Woh­nung frei gewor­den war.[1] Auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te ist lei­der kein Zugangs­da­tum nach Wies­ba­den ver­merkt, aber die Anga­be von Rink, der Ein­zug habe im Novem­ber 1938 statt­ge­fun­den, scheint inso­fern plau­si­bel, als vie­le Juden nach dem Novem­ber­po­grom die Land­ge­mein­den ver­lie­ßen, um in den anony­me­ren Städ­ten Zuflucht zu suchen. Nach den Mel­de­un­ter­la­gen der Stadt Idstein hat­ten sich Löwen­steins aller­dings bereits am 23. August 1938 von ihrem bis­he­ri­gen Wohn­sitz nach Wies­ba­den abge­mel­det und waren gleich in die Her­mann­str. 26 gezo­gen.[2] In die­sem Haus, das dann Ende des fol­gen­den Jah­res zum Juden­haus wur­de, blie­ben sie die rest­li­che Zeit in Wies­ba­den woh­nen. Es war ihre letz­te Sta­ti­on auf dem Weg in die Vernichtung.

Hermann Löwenstein, SElma Löwenstein Vogel, Irene Löwenstein, Edith Löwenstein Saretzki, Ilse Löwenstein, Hans Saretzki
Stamm­baum der Fami­lie Löwen­stein
(GDB-PLS)

Schon in den Jah­ren zuvor hat­ten sie viel­fach erfah­ren müs­sen, was es heißt, als Jude in einem Kli­ma des auf­ge­peitsch­ten Anti­se­mi­tis­mus leben zu müs­sen. Es war aber nicht nur die­se Lei­dens­ge­schich­te, die sie mit nach Wies­ba­den brach­ten, son­dern auch eine Fami­li­en­tra­di­ti­on, die weit in das 18. Jahr­hun­dert zurück­reicht. In die­ser Fami­lie, deren ers­ter bekann­ter Ver­tre­ter ein Jakob Moyes oder Moses war, der wie auch sei­ne Frau Sara 1746 in Meudt im Wes­ter­wald gebo­ren wor­den war, hat­ten sich auch durch die gro­ße Zahl der Nach­kom­men — zwan­zig Kin­der waren kein Ein­zel­fall — ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dun­gen erge­ben, die sich nicht nur über Deutsch­land, son­dern, bedingt durch Emi­gra­ti­on und Ver­trei­bung, heu­te über die gan­ze Welt erstre­cken.[3] Zwei Gene­ra­tio­nen nach Jakob Moy­ses nahm des­sen Enkel Hayum David den Namen Löwen­stein an, die Fami­lie sei­ner Frau Rosa­lie /​ Rös­chen /​ Reis hat­te sich den Namen Fuld gewählt.[4] Rosa­lie Löwen­stein gehör­te zu den sehr frucht­ba­ren Frau­en die­ser Fami­lie und gebar ins­ge­samt zwan­zig Kin­der, wovon Nathan und Feist /​ Fer­di­nand, das neun­te und das neun­zehn­te Kind, für die hier betrach­te­te Fami­lie von beson­de­rer Bedeu­tung waren.

Nathan Löwenstein, Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein, Esch, Judenhaus Wiesbaden
‘Nathans Haus’ in Esch, das Eltern­haus von Her­mann Löwen­stein und sei­nen Geschwis­tern
Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von M. Ott

Nathan Löwen­stein war am 3. August 1847 noch in Lan­gen­dern­bach gebo­ren wor­den, dann aber in das bei Idstein gele­ge­ne Esch ver­zo­gen. Ver­mut­lich fand die­ser Umzug im Zusam­men­hang mit sei­ner Ehe­schlie­ßung statt. 1875 hat­te er die aus dem Nach­bar­ort Stein­fisch­bach stam­men­de Rebec­ca Stein­berg, gebo­ren am 12. Juni 1850, gehei­ra­tet.[5] Wie in jüdi­schen Fami­li­en nicht unüb­lich, hat­te Nathans Bru­der Feist /​ Fer­di­nand Rebec­cas Schwes­ter Rosa Stein­berg geehe­licht. Auch sie waren nach Esch ver­zo­gen, wo sie einen Vieh­han­del betrie­ben.[6] Da auch Nathan in die­sem Geschäfts­feld tätig war und auch ver­schie­de­ne Kin­der der bei­den die­se Berufs­tra­di­ti­on fort­setz­ten, kann man ver­mu­ten, dass auch schon Vor­fah­ren der bei­den in die­sem tra­di­tio­nel­len Beruf der Land­ju­den tätig waren.[7]

Nathan Löwenstein, Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein Vogel, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 26
‘Nathans Haus’ in Esch, Hof­sei­te
Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von M. Ott

„Nathans Haus“ in der ehe­ma­li­gen Born­gas­se ist noch heu­te ein Begriff in Esch.[8] Zwar machen die aus den frü­hen Sech­zi­ger­jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts erhal­te­nen Foto­gra­fien des Hau­ses einen eher ärm­li­chen Ein­druck, aber sie spie­geln den sozia­len Sta­tus, den die Fami­lie damals in Esch ein­nahm, ver­mut­lich nicht mehr adäquat wider. Die jüdi­schen Vieh­händ­ler gehör­ten auch in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts im All­ge­mei­nen zur länd­li­chen geho­be­nen Mittel‑, wenn nicht sogar Ober­schicht,[9] im kon­kre­ten Ein­zel­fall war das aller­dings von sehr vie­len Fak­to­ren abhän­gig. In einer Fami­lie mit zwan­zig Kin­dern waren zum einen hin­rei­chend mit­hel­fen­de Arbeits­kräf­te vor­han­den, aber ob der Markt in die­ser Regi­on aus­reich­te, um die­se gro­ße Zahl der Fami­li­en­mit­glie­der auch zu ernäh­ren, geschwei­ge denn ein Ver­mö­gen zu bil­den, muss doch als sehr frag­lich erschei­nen. Immer­hin waren in der Ehe von Nathan und Rebec­ca Löwen­stein nicht mehr ganz so vie­le Kin­der gebo­ren wor­den,[10] was sicher zu einem leich­ten Anstieg des Lebens­stan­dards geführt haben wird. Die bei­den ältes­ten Söh­ne, David, gebo­ren am 18. Dezem­ber 1878,[11] und Heymann, ein­ge­deutscht Her­mann, gebo­ren am 5. März 1881,[12] waren zunächst nicht nur ihrem Hei­mat­ort Esch, son­dern auch beruf­lich der Fami­li­en­tra­di­ti­on treu geblie­ben. Neben dem Vieh­han­del betrie­ben Löwen­steins wie prak­tisch die meis­ten Land­be­woh­ner auch Land­wirt­schaft, zum einen für den Eigen­be­darf, aber auch zur Ver­sor­gung des Viehs. Über­schüs­se wer­den in klei­nem Umfang auch in den Han­del gelangt sein. Nach Her­mann waren dann am 2. Dezem­ber 1885 zunächst die Toch­ter Rosa gebo­ren wor­den.[13] Ihr folg­te am 6. April 1889 mit Sali ein wei­te­rer Sohn[14] und zuletzt am 17. Juli 1895 wie­der eine Toch­ter, die den Namen Sel­ma erhielt.[15]

Nathan Löwenstein, Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein, Esch Juden, Judenhaus Wiesbaden
Rück­sei­te des Hau­ses mit Schup­pen
Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von M. Ott

Am 14. August 1912 hei­ra­te­te Her­mann Löwen­stein die aus Nie­der-Saul­heim stam­men­de Sel­ma Vogel. Sie, gebo­ren am 12. März 1891, war die Toch­ter des „Han­dels­manns“ Hein­rich Vogel und sei­ner Frau Johan­na, gebo­re­ne Oppen­heim. An der Hoch­zeit, die im Hei­mat­ort der Braut statt­fand, konn­te Her­manns Vater nicht mehr teil­neh­men, da er zu die­sem Zeit­punkt bereits ver­stor­ben war.[16]

Ein Jahr nach der Ehe­schlie­ßung kam am 20. Juli 1913 die ers­te Toch­ter Ire­ne zur Welt. Ihr kur­zes Leben war gezeich­net von der Not wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs und der dar­auf fol­gen­den Wirt­schafts­kri­se. Am 14. Novem­ber 1925 ver­starb sie im Alter von nur 12 Jah­ren im Pau­li­nen­stift in Wies­ba­den.[17] Zwei wei­te­re Töch­ter waren dem Paar noch vor dem schwe­ren Ver­lust des ers­ten Kin­des gebo­ren wor­den. Zunächst war am 2. August 1915 Edith in Esch zur Welt gekom­men.[18] Am 1. Okto­ber 1922 zog die Fami­lie in das nur weni­ge Kilo­me­ter ent­fern­te Idstein,[19] wo sie in der Löher­gas­se 6 ein Haus erwor­ben hat­te. Neben den Stal­lun­gen für den Betrieb umfass­te der Wohn­be­reich immer­hin fünf Zim­mer.[20] Am 10. Okto­ber 1923 bekam das Paar dort die letz­te Toch­ter, die den Namen Ilse erhielt.[21] In der Klein­stadt mit etwa 4.500 Ein­woh­nern leb­ten zu Beginn der 30er Jah­re 178 Juden, davon 100 im Kal­men­hof, einer Ein­rich­tung für geis­tig behin­der­te Men­schen unter­schied­li­chen Alters. Im Ort selbst wohn­ten meh­re jüdi­sche Groß­fa­mi­li­en, die unter­ein­an­der ver­wandt und zumeist im Kleinwaren‑, im Vieh- und Fut­ter­mit­tel­han­del tätig waren. Neben den meis­ten zur unte­ren Ein­kom­mens­grup­pe zäh­len­den Fami­li­en gehör­ten auch eini­ge zu den eher Wohl­ha­ben­den. Wenn man zudem bedenkt, dass es neben libe­ra­len auch ortho­do­xe Juden gab und auch die poli­ti­schen Hal­tun­gen die gesam­te Band­brei­te des dama­li­gen Par­tei­en­sys­tems wider­spie­gel­ten, so wird man bei der Idstei­ner Juden­schaft ohne Wei­te­res von einer sehr hete­ro­ge­nen Grup­pe spre­chen kön­nen.[22]

Löwen­steins schei­nen ursprüng­lich zu den eher Bes­ser­ge­stell­ten gehört zu haben, zumin­dest ent­sprach die Aus­stat­tung der Woh­nung einem geho­be­nen Stan­dard – „gut­bür­ger­lich“, wie von der Toch­ter Edith spä­ter cha­rak­te­ri­siert. Die Räu­me sei­en mit leder­be­zo­ge­nen Sitz­mö­beln, Per­ser­tep­pi­chen und wei­te­ren Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den aus gedie­ge­nem Holz möbliert gewe­sen. Auch die Aus­stat­tung der Küche und das Geschirr hät­ten aus bes­ter Mar­ken­wa­re bestan­den. Als wei­te­res Indiz für den geho­be­nen Lebens­stan­dard ist zudem die Tat­sa­che zu wer­ten, dass die Mut­ter immer eine fes­te Haus­an­ge­stell­te hat­te und man den Kin­dern die Aus­bil­dung an einer höhe­ren Schu­le, das hieß damals an einer Mit­tel­schu­le, ermög­lich­te. Die Toch­ter gab aber auch an, dass zumin­dest ein Teil der Aus­stat­tung von ihrer Mut­ter als Aus­steu­er mit in die Ehe ein­ge­bracht wor­den war. [23] Aber gegen Ende der Zwan­zi­ger Jah­re muss auch die all­ge­mei­ne Not sich auf die Ein­künf­te von Her­mann Löwen­stein aus­ge­wirkt haben. Zwar lie­gen kei­ne Steu­er­ak­ten mehr vor, aber nach Aus­kunft des Finanz­amts Wies­ba­den, abge­ge­ben im Rah­men des spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens, konn­te die Fami­lie von 1930 bis zur Macht­über­tra­gung 1933 über­haupt kei­ne Ein­künf­te mehr aus ihrem Gewer­be­be­trieb erzie­len, im Gegen­teil, es wur­den mehr als 7.000 RM Ver­lus­te gemacht.[24]

Neben der all­ge­mei­nen Wirt­schafts­kri­se wer­den hier auch schon die übli­chen Anfein­dun­gen gegen Juden eine Rol­le gespielt haben, die gera­de in Kri­sen­zei­ten sehr schnell auf­bra­chen. Dass dann „Zuge­wan­der­te“, also nicht im Ort ver­wur­zel­te Juden, die­se Stim­mung als ers­te zu spü­ren beka­men, ist nicht ver­wun­der­lich, zumal wenn es sich um Vieh­händ­ler han­del­te. Wenig spä­ter war es aber dann völ­lig egal, wie lan­ge man als Jude bereits in einer Gemein­de sess­haft und wie gut man bis­her dort inte­griert war. Aus Nach­barn wur­den Fein­de und aus Geschäfts­part­nern wur­den „Schma­rot­zer am deut­schen Volkskörper“.

Wie über­all in Deutsch­land war es auch in Idstein Ende März, Anfang April 1933 zu orga­ni­sier­ten Boy­kott­ak­tio­nen gekom­men, um so der angeb­li­chen „Greu­el­pro­pa­gan­da“ der Aus­lands­pres­se über die Lage der Juden in Deutsch­land Ein­halt zu gebie­ten. Noch bevor der „Stür­mer“ sein Gift bis in die kleins­ten Ort­schaf­ten ver­sprü­hen konn­te, scheint die hei­mat­li­che „Idstei­ner Zei­tung“ die­se Funk­ti­on über­nom­men und ent­schei­dend dazu bei­getra­gen zu haben, den ursprüng­lich eher öko­no­misch begrün­de­ten Anti­se­mi­tis­mus in einen Ras­sen­an­ti­se­mi­tis­mus zu über­füh­ren. Anknüp­fungs­punkt dafür waren die jüdi­schen Vieh­händ­ler, die man aus­schal­ten und von den Vieh­märk­ten aus­schlie­ßen woll­te. Exem­pla­risch für die­se Hetz­kam­pa­gne ist ein Arti­kel der Zei­tung vom 25. Juli 1935:
„Deut­sche Bauern!
Noch immer seid ihr begau­nert und beschwin­delt wor­den, wenn ihr mit den Juden gehan­delt habt. Noch immer gibt es Bau­ern, die nicht wis­sen, dass der Jude der Toten­grä­ber des deut­schen Bau­ern­tums war. Deut­sche Jung­bau­ern! Wollt ihr mit zuse­hen, dass Euch Euer Erbe, wel­ches Eure Väter mit Mühe und Arbeit zusam­men­schaff­ten, der jüdi­schen Gier zum Opfer fällt. Erst dann habt Ihr immer den Juden erkannt, wenn er bereits Euer Besitz­tum als sein Eigen­tum an sich erschwin­delt hatte.
Der Jahr­hun­der­te alte Markt auf der Alten­burg bei Heft­rich, mit dem deut­sches Brauch­tum unlös­bar ver­bun­den war, wur­de auf ein­mal die Stät­te jüdi­schen Wucher­geis­tes und jüdi­scher Pro­fit­gier. Es ist daher die schöns­te Auf­ga­be der Bewe­gung, dem Bau­ern die Mög­lich­keit zu ver­schaf­fen, ohne den Juden Vieh zu handeln.
Am 25. Juli ist Euch die Gele­gen­heit gebo­ten, ohne der jüdi­schen Gewinn­sucht aus­ge­setzt zu sein, mit deut­schen Bau­ern Vieh zu handeln.
Erscheint zahl­reich und beweist Eure Treue zum Füh­rer und Volk am 25. Juli auf dem juden­frei­en Markt auf der Alten­burg bei Heft­rich.“
[25]

Judenhäuser Wiesbaden
Berufs­ver­bot für jüdi­sche Vieh­händ­ler vom 1.10.1938
HHStAW 412 2237 (o.P.)

Auch wur­den die jüdi­schen Vieh­händ­ler in Idstein bespit­zelt. Es wur­den genaue Lis­ten ange­legt, wer sich dem Druck nicht gebeugt hat­te und wei­ter­hin sei­nem „Vieh­ju­den“ treu geblie­ben war. Obwohl auch Her­mann Löwen­stein zu den bespit­zel­ten gehör­te, konn­te er in den Jah­ren von 1933 bis zur Geschäfts­auf­ga­be im Jahr 1938 noch Ein­künf­te erzie­len, aber die­se lagen zumeist jähr­lich nur zwi­schen 400 und 700 RM.[26] Zum Unter­halt einer Fami­lie reich­te die­ses Ein­kom­men nicht mehr aus. Das Aus für sein Vieh­han­dels­ge­schäft, das schon längst zum Erlie­gen gekom­men war, wur­de im Okto­ber 1938 auch offi­zi­ell ver­kün­det. Den jüdi­schen Vieh­händ­lern wur­de an die­sem Tag von der zustän­di­gen Stel­le des Vieh­wirt­schafts­ver­bands die wei­te­re Aus­übung ihres Berufs ver­bo­ten.[27] Offen­sicht­lich war das Über­le­ben in die­ser schwie­ri­gen Zeit nur mög­lich, weil ein Bru­der von Sel­ma Löwen­stein, Leo Vogel, der mit sei­ner Frau Lil­li in Mann­heim leb­te, die Fami­lie Löwen­stein finan­zi­ell unter­stütz­te. Nach­dem die­ser aber 1937 nach Aus­tra­li­en aus­ge­wan­dert war, fehl­ten die­se Mit­tel ganz sicher spür­bar.[28]

Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein, Ilse Löwenstein
Ediths Abgangs­zeug­nis von der Land­wirt­schafts­schu­le Idstein
HHStAW 518 58851 (10)

Als die Toch­ter Edith nach ihrem Schul­ab­schluss im Juni 1933 nach Hol­land ging, bedeu­te­te das auch eine finan­zi­el­le Ent­las­tung für die Eltern. Der eigent­li­che Grund für die Aus­rei­se bestand aber dar­in, dass sie nicht glaub­te, in Deutsch­land noch ihren Berufs­wunsch, Land­schafts­gärt­ne­rin zu wer­den, wür­de rea­li­sie­ren kön­nen. Zwar hat­te sie zunächst die Mäd­chen­klas­se der Land­wirt­schafts­schu­le in Idstein besucht und 1932 dort auch ein aus­ge­zeich­ne­tes Abschluss­zeug­nis erhal­ten,[29] die Fort­füh­rung ihrer Aus­bil­dung wur­de ihr aber durch die Zeit­um­stän­de unmög­lich gemacht. Dass die Eltern zunächst nicht erlau­ben woll­ten, dass die gera­de erst 16-jäh­ri­ge Toch­ter allei­ne nach Wies­ba­den zog, um dort in der Stadt­gärt­ne­rei das für die wei­te­re Aus­bil­dung gefor­der­te Prak­ti­kum zu absol­vie­ren, ist selbst aus heu­ti­ger Sicht nur zu ver­ständ­lich. Des­halb arbei­te­te sie in der fol­gen­den Zeit in Esch in einem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb. Als sie dann im August 1933 das 18. Lebens­jahr erreicht hat­te, war es zu spät. Der städ­ti­sche Betrieb wei­ger­te sich jetzt, eine Jüdin zu einem Prak­ti­kum zuzu­las­sen. Damit war ihr die Mög­lich­keit, ihre Aus­bil­dung mit einem Diplom abzu­schlie­ßen, ver­wehrt. Auch in Hol­land konn­te sie ihren Berufs­wunsch nicht mehr ver­wirk­li­chen. Sie hat­te gehofft, dort in einer Blu­men­züch­te­rei unter­zu­kom­men, aller­dings hat­te man ihr die Ein­rei­se dann nur unter der Vor­aus­set­zung gestat­tet, dass sie dort eine Anstel­lung als Haus­halts­hil­fe anneh­men würde.

Mit der Ver­schlim­me­rung der Lage in Deutsch­land wur­de immer kla­rer, dass eine Rück­kehr nicht mehr mög­lich sein wür­de. Immer grö­ßer wur­de auch die Gefahr, dass es zu einem gro­ßen Krieg kom­men wür­de, in dem Hol­land mit Sicher­heit von deut­schen Trup­pen besetzt wür­de. Ihr Onkel Leo Vogel und sei­ne Frau Lil­li, gebo­re­ne Rhein­hei­mer, die die Fami­lie schon zuvor unter­stützt hat­ten, waren mit ihrem sieb­zehn­jäh­ri­gen Sohn Heinz im April 1938 zunächst vom bri­ti­schen Sout­hamp­ton aus mit dem Schiff nach Mon­tré­al in Kana­da gelangt.[30] Von hier aus setz­ten sie ihre Flucht nach Aus­tra­li­en fort. Dort ange­kom­men hal­fen sie dann 1939 ihrer Nich­te Edith, eben­falls dort­hin aus­zu­wan­dern. Von Den Haag wie­der­um über Sout­hamp­ton gelang­te sie kurz vor Kriegs­be­ginn mit dem Schiff „Jer­ves Bay“ nach Syd­ney. Eigent­lich war geplant, dass sie als unmit­tel­ba­re Ver­wand­te den Nach­zug der übri­gen Fami­li­en­mit­glie­der leicht orga­ni­sie­ren kön­nen, ein Plan, der sich aber mit dem Kriegs­aus­bruch und der damit ver­bun­de­nen Ein­stel­lung des Post­ver­kehrs zer­schlug.[31]

Leo Vogel, Selma Vogel, Heinz Vogel, Judenhaus Wiesbaden, Hermann Löwenstein
Pas­sa­gier­lis­te der ‘Mont­cla­re’, mit der die Fami­lie Vogel von Eng­land nach Kana­da über­setz­te
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Für die Eltern und die jün­ge­re Schwes­ter war die Situa­ti­on in Idstein inzwi­schen immer uner­träg­li­cher gewor­den. 1936 kam es dort zu mas­si­ven Gewalt­ak­ti­on gegen die jüdi­schen Mit­bür­ger. In der Nacht vom 4. zum 5. August waren in sechs Häu­sern die Fens­ter­schei­ben mit Stei­nen ein­ge­wor­fen wor­den, dar­un­ter auch die Häu­ser von Her­mann und David Löwen­stein.[32] Wei­te­re Aktio­nen die­ser Art haben sich bei ande­ren jüdi­schen Fami­li­en im Herbst zuge­tra­gen. Man leb­te also in einem Kli­ma stän­di­ger Angst und war in allen Lebens­mög­lich­kei­ten ein­ge­schränkt. So hat­te auch Ilse inzwi­schen kei­ne Mög­lich­keit mehr, eine Berufs­aus­bil­dung, nicht mal eine Schul­aus­bil­dung nach ihren Wün­schen zu been­den. Am 1. April 1930 war sie in Idstein ein­ge­schult wor­den, am 11. Juni 1936 wur­de sie – so das Schrei­ben des Idstei­ner Magis­trats im Jahr 1967 an die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de — an die Jüdi­sche Schu­le in Wies­ba­den in der Main­zer Stra­ße „über­wie­sen“ – gera­de so, als habe es sich dabei um einen ganz nor­ma­len Vor­gang im Rah­men einer Schul­lauf­bahn gehan­delt.[33]

Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein, Ilse Löwenstein, Juden Idstein
Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Stadt­ar­chivs Idstein
Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden, Hermann Löwenstein, Selma Löwenstein
Ilse Löwen­stein und ihre Mit­schü­ler in der Jüdi­schen Schu­le in Wies­ba­den. Neben ihr die Leh­re­rin Lot­te Bern­stein, dahin­ter Rab­bi­ner Dr. Fin­kel­sche­rer
Archiv Akti­ves Muse­um Spie­gel­gas­se, Wiesbaden

In jedem Fall muss­te ihr zu die­sem Zeit­punkt klar sein, dass ihr Berufs­wunsch Kran­ken­schwes­ter zu wer­den, nicht mehr in Erfül­lung gehen wür­de. Unklar ist, ob Ilse täg­lich nach Wies­ba­den in die Schu­le gepen­delt war oder ob sie zumin­dest pha­sen­wei­se dort einen Schlaf­platz bei Bekann­ten gefun­den hat­te. Aber schon im August 1938 — noch vor der Reichs­po­grom­nacht [34] – ver­lie­ßen auch die Eltern die Tau­nus­ge­mein­de und bezo­gen die Woh­nung in der Her­mann­str. 26, viel­leicht auch um der Toch­ter den täg­li­chen, lan­gen Schul­weg zu erspa­ren. Aber auch ande­re Grün­de spiel­ten dabei sicher eine Rol­le. So war es im Som­mer 1938 erneut zu gewalt­sa­men Angrif­fen auf jüdi­sche Bür­ger in Idstein gekom­men, wobei mög­li­cher­wei­se ein gro­ßer Teil des Mobi­li­ars der Löwen­steins geplün­dert oder zer­schla­gen wur­de.[35] Das Haus in Idstein war bereits 1938 ver­kauft wor­den [36] — ob vor oder nach dem Umzug, konn­te bis­her nicht geklärt wer­den. Mit­ge­kom­men war auch der von ihnen in Pfle­ge genom­me­ne Albert Wolf. Die Drei-Zim­mer-Woh­nung in Wies­ba­den soll­te eigent­lich nur eine kur­ze Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg nach Aus­tra­li­en sein, wur­de jedoch die letz­te Sta­ti­on auf ihrem Weg in die Vernichtung.

Lei­der hat Wil­ly Rink den neu­en Bewoh­nern des Hau­ses, in dem er selbst als Kind leb­te, kei­ne grö­ße­re Auf­merk­sam­keit geschenkt. Abge­se­hen vom Ein­zug wer­den sie in sei­nen Erin­ne­run­gen kaum mehr erwähnt. Somit gibt es auch kei­ne authen­ti­schen Zeug­nis­se, wie sie von den ande­ren, zumeist nicht­jü­di­schen Mie­tern auf­ge­nom­men und behan­delt wur­den. Sei­ne all­ge­mei­nen Anmer­kun­gen zum Umgang mit­ein­an­der tref­fen aber sicher auch auf Löwen­steins zu. Die Art und Wei­se, wie man sich begeg­ne­te, etwa im Trep­pen­haus oder auf dem Hof, war ein wesent­li­cher Indi­ka­tor für das Ver­hält­nis, das die ari­schen und die jüdi­schen Bewoh­ner jeweils zuein­an­der hat­ten: „Ers­tens: Nicht-Grü­ßen und Weg­schau­en. Zwei­tens: ver­le­ge­nes, gemur­mel­tes Grü­ßen. Drit­tens: Freund­li­ches Grü­ßen als Zei­chen der Nor­ma­li­tät, die es frei­lich gar nicht mehr gab.“[37] Aber allein dadurch, dass der Mie­ter Igstein, „PG“, damit qua­si Ohr und Sprach­rohr der Par­tei, sei­ne Kon­troll­funk­ti­on im gesam­ten Haus wahr­nahm, ver­mie­den die ande­ren Mie­ter, einen offe­nen Kon­takt mit ihren jüdi­schen Mit­be­woh­nern, um nicht als „Juden­freun­de“ ange­schwärzt zu werden.

Am Nach­mit­tag nach der Reichs­po­grom­nacht hat­te der Zel­len­wart Igstein sei­nen gro­ßen Auf­tritt. Vom Hof aus ver­kün­de­te er allen, ob sie es hören woll­ten oder nicht, „dass nun Schluss mit der Scho­nung der Juden sei. Sie soll­ten alle aus­wan­dern, dann sei die ‚Juden­fra­ge’ gelöst. Auch bei die­ser Gele­gen­heit“, so Rink, „habe er kei­ne posi­ti­ven oder nega­ti­ven Kom­men­ta­re von Haus­be­woh­nern ver­nom­men. Sie hiel­ten sich auch im Gespräch unter­ein­an­der bedeckt.“[38] Eini­ge der Bewoh­ner ver­such­ten auch zu lavie­ren, unter­schie­den zwi­schen den jüdi­schen Mit­be­woh­nern, die man kann­te und respek­tier­te, und den fer­nen Juden, die angeb­lich dem Bild der NS-Ras­sen­ideo­lo­gie ent­spra­chen.[39] Ver­mut­lich merk­ten sie gar nicht, wie sehr die­se viel­leicht sogar gut gemein­te, schein­ba­re Dif­fe­ren­zie­rung ihre jüdi­schen Mit­be­woh­ner tref­fen musste.

Rink weist aber auch dar­auf hin, dass die The­ma­tik ‚Juden und Dik­ta­tur’ nicht stän­di­ges Gesprächs­the­ma im Haus war, die Kom­mu­ni­ka­ti­on unter­ein­an­der sich oft auch um All­täg­lich­kei­ten, das Wet­ter oder ande­re Bana­li­tä­ten dreh­te. Auch in die­sen Zei­ten wur­de gelacht, es wur­den Wit­ze gemacht und – zumin­dest von den Nicht­ju­den – wur­de immer auch ein Stück nor­ma­ler All­tag gelebt.[40]

Dass Löwen­steins in Rinks Erin­ne­run­gen nur eine mar­gi­na­le Rol­le spie­len, mag auch dar­an lie­gen, dass sie im Vor­der­haus wohn­ten, wel­ches ohne­hin ein eher eigen­stän­di­ges Sozi­al­ge­bil­de dar­stell­te. Vie­le Juden hat­ten inzwi­schen aber auch gelernt, sich mög­lichst unauf­fäl­lig zu ver­hal­ten und qua­si eine Nicht­exis­tenz zu leben.

So ist von den fast vier Jah­ren, die die Fami­lie in dem Haus zubrach­te und das wäh­rend die­ser Zeit zum Juden­haus wur­de, fast nichts geblie­ben, was davon erzählt. Außer einem Bild viel­leicht, einer klei­nen Sze­ne, die sich  in das Gedächt­nis von Wil­ly Rink ein­ge­brannt hat, ein Bild, an das er sich bis zu sei­nem Lebens­en­de immer wie­der erin­ner­te, wenn er der Men­schen gedach­te, die am 10. Juni 1942 das Haus ver­las­sen muss­ten. Es ist das Bild von Ilse Löwen­stein: „Und nie­mals mehr wür­de aus dem Fens­ter im ers­ten Stock des Vor­der­hau­ses, wo sie mit ihren Eltern gewohnt hat­te, Ilse Löwen­stein schau­en, das schö­ne Mäd­chen, in das ich mich damals als Sech­zehn­jäh­ri­ger ver­liebt hat­te, obwohl wir kein Wort wech­seln konn­ten, weil sie die Woh­nung schon lan­ge nicht mehr ver­las­sen durf­te. Denn auch die Schu­le in der Main­zer Stra­ße war geschlos­sen wor­den. Aber in der Erin­ne­rung sehe ich sie in den Mona­ten vor der Depor­ta­ti­on immer noch am Fens­ter ste­hen und in den Hof schau­en, mit ihren schö­nen schwar­zen Haa­ren, ihren dunk­len, bren­nen­den, von Stolz und Schmerz gezeich­ne­ten Augen, mit Bli­cken, die durch die Men­schen im Hof und durch die gegen­über­lie­gen­de Haus­wand hin­durch­gin­gen. Ich wer­de ihr Gesicht im Fens­ter zum Hof nie ver­ges­sen. Es steht wie in einem Bil­der­rah­men, hin­ter mat­tem Glas, vor mei­nen inne­ren Augen, wenn mich die Erin­ne­rung an die dama­li­ge Zeit erfasst.“[41]

Wahr­nehm­bar ver­än­der­ten sich durch die Zwangs­ein­wei­sun­gen die Wohn­ver­hält­nis­se im Vor­der­haus: Sie pass­ten sich den beschei­de­nen Ver­hält­nis­sen im Hin­ter­haus immer mehr an und zuletzt leb­ten die jüdi­schen Bewoh­ner unter enge­ren Ver­hält­nis­sen als die Arbei­ter im hin­te­ren Teil des Gebäu­des. Ein­zel­ne Fami­li­en ver­füg­ten bald nur noch über ein Zim­mer und muss­ten Küche und Bad gemein­sam nut­zen. Auch Löwen­stein hat­ten wie Acker­manns zwei ihrer ursprüng­lich drei Zim­mer abge­ben und unter­ver­mie­ten müs­sen. Am 1. Mai 1942 war die drei­köp­fi­ge Fami­lie Wolf ein­ge­wie­sen und knapp sechs Wochen spä­ter mit Löwen­steins depor­tiert wor­den.[42]

Am 8. Juni 1942 war ihnen über die Bezirks­stel­le Hes­sen-Nas­sau der Reichs­ver­ei­ni­gung der Juden mit­ge­teilt wor­den, dass sie sich mit ihrer Toch­ter Ilse am 10. Juni um 8 Uhr mor­gens für den Trans­port in den Osten bereit­zu­hal­ten hät­ten. Instruk­tio­nen, was einer­seits mit­zu­neh­men sei, was ande­rer­seits nicht mit­ge­nom­men wer­den durf­te, wel­che Maß­nah­men zur Siche­rung des Besit­zes zu tref­fen sei­en, all das war in einem geson­der­ten Bei­blatt akri­bisch auf­ge­lis­tet.[43]

Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Her­mann, Sel­ma und Ilse Löwen­stein auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te vom 10. Juni 1942
HHStAW 519/​2 1381

Am Mor­gen des 10. Juni kamen nach einer kur­zen Fahrt nach Frank­furt zu den etwa 370 Wies­ba­de­ner Juden wei­te­re 880 Juden aus der Main­me­tro­po­le und dem übri­gen Regie­rungs­be­zirk Wies­ba­den hin­zu, sodass der gesam­te Trans­port etwa 1250 Men­schen umfass­te – deut­lich mehr als die ursprüng­lich geplan­te Zahl von etwa 1000 Men­schen. Fast alle, bis auf etwa 180 bis 250 arbeits­fä­hi­ge Män­ner, die an der Ram­pe von Lub­lin für einen Arbeits­ein­satz zur Errich­tung des KZs Maj­da­nek her­aus­ge­holt wur­den, ver­brach­te man in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor, wo sie bald nach ihrer Ankunft ermor­det wur­den. Von kei­nem der die­sem Trans­port Zuge­teil­ten hat es noch jemals ein Lebens­zei­chen gegeben.

1949 bean­trag­te die ein­zi­ge Über­le­ben­de der Fami­lie Löwen­stein, Edith Saretz­ki, gebo­re­ne Löwen­stein, beim Amts­ge­richt Wies­ba­den eine Todes­er­klä­rung für ihre Eltern Her­mann und Sel­ma und ihre Schwes­ter Ilse. Am 21. Mai 1949 wur­de ein ent­spre­chen­der Beschluss des Amts­ge­richts Wies­ba­den gefasst. Da es kei­ne genaue­ren Hin­wei­se auf die Umstän­de ihres Todes gab, wur­de für alle drei als Todes­tag der 8. Mai 1945 fest­ge­legt.[44] Vor dem Haus in der Her­mann­stra­ße lie­gen drei Stol­per­stei­ne mit ihren Namen, die dar­an erin­nern, dass auch hier ein­mal jüdi­sche Mit­bür­ger leb­ten, die der Nazi-Tyran­nei zum Opfer fielen.

Unmit­tel­ba­re Pro­fi­teu­re der Depor­ta­tio­nen waren eini­ge Bewoh­ner des Hin­ter­hau­ses. Auf Für­spra­che des Zel­len­lei­ters Ick­stadt erhiel­ten die Fami­lie Stein – Herr Stein war Mit­glied der NSDAP und der SS – und die des Bau­ar­bei­ters Grab­ner die Woh­nun­gen von Acker­manns und Löwen­steins. Sogar die Möbel und den zurück­ge­las­se­nen Haus­rat hat­ten sie – so Rink – gegen eine „sym­bo­li­sche Spen­de“ über­neh­men dür­fen.[45]

 

Her­mann, Sel­ma und Ilse Löwen­stein waren nicht die ein­zi­gen der gro­ßen Fami­lie, die dem Holo­caust zum Opfer fie­len. Eini­gen Mit­glie­dern der Geschwis­ter­fa­mi­li­en von Her­mann war es aber auch gelun­gen, ihren Ver­fol­gern zu ent­kom­men. Oft war das aber ver­bun­den mit schreck­li­chen Ent­beh­run­gen und Ängs­ten um die Ange­hö­ri­gen, von denen man sich tren­nen muss­te oder über deren Schick­sal man im Unkla­ren blieb. So auch bei der Fami­lie von Her­manns älte­rem Bru­der David Löwenstein.

Anders als die Fami­lie von Her­mann Löwen­stein hat­ten er und sei­ne Frau Ber­tha, gebo­re­ne Wein­berg, die letz­ten Wochen des Jah­res 1938 und damit auch die Reichs­po­grom­nacht noch in Idstein erlebt. Hier­hin waren sie bereits nach ihrer Hoch­zeit im Mai 1909 gezo­gen [46] und hat­ten dort ein Wohn­grund­stück mit Stal­lun­gen in der Wies­ba­de­ner Str. 10 erwor­ben.[47]

Dort waren auch die drei Kin­der zur Welt gekom­men, zunächst Clot­hil­de am 22. Febru­ar 1911. Ihr folg­ten der Sohn Nor­bert, der spä­ter eigent­lich den Betrieb über­neh­men soll­te, am 15. April 1914 und zuletzt, fast zehn Jah­re spä­ter, am 20. Mai 1923 noch die Toch­ter Ruth.[48] Zwi­schen den Gebur­ten der letz­ten bei­den Kin­der lag der Ers­te Welt­krieg, an dem David Löwen­stein in einer Land­sturm­kom­pa­nie teil­ge­nom­men hat­te,[49] sodass in die­ser Zeit eine gere­gel­te Han­dels­tä­tig­keit kaum mög­lich gewe­sen sein wird. Da auch die fol­gen­de Zeit durch diver­se Kri­sen gekenn­zeich­net war und nur in den weni­gen Jah­ren zwi­schen 1924 und 1928 auch wirt­schaft­lich eine gewis­se Pro­spe­ri­tät herrsch­te, kön­nen die im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren gemach­ten Anga­ben über durch­schnitt­li­che monat­li­che Ein­kom­men von etwa 1.000 RM [50] vor der NS-Zeit eigent­lich nur auf die­se kur­ze Zeit­span­ne zuge­trof­fen haben. Aber selbst das erscheint vor dem Hin­ter­grund der Steu­er­da­ten wenig wahr­schein­lich.[51] Man muss in jedem Fall kon­sta­tie­ren, dass die Fami­lie von David Löwen­stein in sehr ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen leb­te und sie schon in den Jah­ren, bevor Hit­ler an die Macht kam, oft nicht wuss­te, wovon sie den Lebens­un­ter­halt bestrei­ten soll­te. Neben ver­schie­de­nen all­ge­mei­nen Ursa­chen, wie poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen, war die Not ganz wesent­lich dem schlech­ten Gesund­heits­zu­stand des Fami­li­en­ober­haupts geschul­det. Schon seit Ende des Krie­ges war David Löwen­stein an Dia­be­tes erkrankt, lag oft wochen‑, sogar mona­te­lang im Kran­ken­haus, wo er meh­re­re Ope­ra­tio­nen hat über sich erge­hen las­sen müs­sen. Da die Fami­lie nicht kran­ken­ver­si­chert war, kamen zu den Min­de­run­gen der Ein­nah­men die hohen Krank­heits­kos­ten noch hin­zu. Als die ältes­te Toch­ter Clot­hil­de 1931 den aus dem frie­si­schen Neu­stadt­gö­dens stam­men­den Bern­hard Josephs hei­ra­te­te, hat­ten die Eltern zur Finan­zie­rung der Aus­steu­er einen Kre­dit über 4.500 RM auf­neh­men und die­sen durch eine Hypo­thek auf das Haus absi­chern müs­sen.[52]

David Löwenstein, Alfred Löwenstein, Judenhaus Hermannstr. 26, Wiesbaden
Brief von Ber­tha Löwen­stein an das Finanz­amt in Bad Schwal­bach
HHStAW 676 3598 (44)

Immer wie­der muss­te das Finanz­amt gebe­ten wer­den, die Zah­lung fäl­li­ger Steu­ern zu stun­den oder sogar auf deren Ein­trei­bung gänz­lich zu ver­zich­ten. Es soll hier exem­pla­risch nur einer der vie­len Brie­fe wie­der­ge­ge­ben wer­den, die Ber­tha Löwen­stein im Febru­ar 1931 ver­zwei­felt an das Finanz­amt Bad Schwal­bach schrieb:
“Obschon ich dem Herrn Regie­rungs­rat mit­ge­teilt hat­te, daß mein Mann wie­der dau­ernt (sic) krank ist so wur­de doch die Här­te aus­ge­führt und von dem Voll­zie­hungs­be­am­te gepfän­det. Ich bin ganz ver­zwei­felt mein Mann liegt wie­der seit Sonn­tag im Kran­ken­haus in Frank­furt weil er es zu Hau­se gar nicht mehr aus­hal­ten konn­te, nun ste­he ich wie­der ohne etwas Ver­dienst und muß doch auch für die Kos­ten vom Kran­ken­haus auf­kom­men. Ich bit­te doch den Herrn Regie­rungs­rat etwas Rück­sicht auf mei­ne Lage zu neh­men und mir die Steu­er zu stunden
Achtungsvoll
Frau D. Löwen­stein“
[53]

Hat­te man 1931 auf ein sol­ches Ersu­chen noch posi­tiv reagiert, so wur­de im August 1933 die Zwangs­ein­trei­bung von rück­stän­di­gen Steu­ern ange­droht [54] Die dis­kri­mi­nie­ren­de Steu­er­ge­setz­ge­bung für Juden nach 1933 ver­schärf­te die Situa­ti­on natür­lich noch ein­mal erheb­lich, zumal jetzt zwi­schen 1933 und 1935 die Ein­nah­men der Fami­lie auch nach eige­nem Bekun­den auf bes­ten­falls 100 RM monat­lich zurück­gin­gen und sie danach fak­tisch gänz­lich zum Erlie­gen kamen. Man habe gänz­lich von Rück­la­gen leben müs­sen, wobei aber unklar ist, wor­in die bestan­den haben könnten.

Wie bereits gesagt, hat­te der Sohn Nor­bert eigent­lich den väter­li­chen Betrieb über­neh­men sol­len. Er war 1929 zur Aus­bil­dung nach Frank­furt gegan­gen, wo er in der Metz­ge­rei von Adolf Hess einen ent­spre­chen­den Abschluss gemacht hat­te. 1931 war er zurück nach Idstein gekom­men und hat­te im elter­li­chen Betrieb mit­ge­ar­bei­tet. Auf­grund der Het­ze gegen jüdi­sche Vieh­händ­ler kam es 1934 auf dem Markt in Alten­bach zu einem Zusam­men­stoß mit SA-Män­nern, die die anwe­sen­den Juden angrif­fen und auf sie ein­schlu­gen. Nor­bert hat­te sich zur Wehr gesetzt, wur­de zunächst ver­haf­tet, konn­te aber in dem Getüm­mel ent­wei­chen und zu Ver­wand­ten nach Cam­berg flüch­ten. Am nächs­ten Tag infor­mier­te ihn der Vater, dass das Haus in Idstein von SA und SS beob­ach­tet wer­de und er auf kei­nen Fall nach Hau­se kom­men sol­le. Damit begann sei­ne Flucht, die letzt­end­lich erst in Süd­afri­ka enden soll­te. Zunächst blieb er eini­ge Tage bei sei­nem Onkel Sali Löwen­stein in Koblenz, dann bei Bekann­ten in Neu­wied, und zuletzt ging er ohne jeg­li­che Habe ille­gal über die Gren­ze nach Hol­land zur Fami­lie sei­ner Schwes­ter in Aal­ten. Eine Arbeits­er­laub­nis hat­te er dort nicht, wes­halb er auf die Unter­stüt­zung des „Komi­tees für jüdi­sche Emi­gran­ten“ ange­wie­sen war. „Das Leben wae­rend (sic) die­ser Zeit war sehr schwer fuer mich, da ich auf die Hil­fe freund­li­cher Men­schen ange­wie­sen war­um Leib und See­le zusam­men zu hal­ten. Ich war oft tage­lang ohne Essen und schla­fen muss­te ich bei allen Wet­tern im Frei­en.“[55] Das Komi­tee finan­zier­te für ihn auch die Über­fahrt mit dem ita­lie­ni­schen Schiff ‚Sis­tia­na’, das für die Ein­rei­se in Süd­afri­ka gefor­der­te Depo­sit von 100 £ lieh ihm ein Freund, der inzwi­schen im bri­ti­schen Exil leb­te.[56]

Am 18. Sep­tem­ber 1936 erreich­te er das Land, das ihm zur neu­en Hei­mat wur­de. [57] Nur unter größ­ten Anstren­gun­gen und erst nach einer lan­gen Pha­se der Not gelang es ihm nach etwa fünf Jah­ren, einen eige­nen Betrieb auf­zu­bau­en, die „Norman’s But­chery“ in Graaf-Rei­net, aber auch danach dau­er­te es noch Jah­re, bis er ein Ein­kom­men erwirt­schaf­te­te, das ihm ein Leben in beschei­de­nem Wohl­stand ermög­lich­te.[58]

Im Novem­ber 1938 ver­setz­te man sei­nen Eltern, die ohne­hin schon am Boden lagen, wäh­rend des Pogroms in Idstein einen letz­ten Schlag. Wie­der hat­te die „Idstei­ner Zei­tung“ nach dem Atten­tat von Paris mit ihren Arti­keln die Men­schen im Tau­nus aufgeputscht:
“Man weiß in Deutsch­land sehr wohl, wo die Ver­ant­wort­li­chen an die­ser neu­en jüdi­schen Blut­tat sit­zen. (…) Die­ses Ver­bre­chen kann für die Juden in Deutsch­land, ganz gleich wel­cher Staats­an­ge­hö­rig­keit, nicht ohne Fol­gen blei­ben. Seit Jahr und Tag sieht das inter­na­tio­na­le Juden­tum sei­ne Haupt­auf­ga­be dar­in, Deutsch­land zu belei­di­gen und zu ver­leum­den. Jedes Mit­tel der Lüge, der Het­ze und der Tat­sa­chen­ver­dre­hung ist die­sen jüdi­schen Dun­kel­män­nern recht. Es kommt ihnen nicht dar­auf an, die Völ­ker in einen blu­ti­gen Krieg hin­ein­zu­het­zen, wenn sie nur das ihnen vor­schwe­ben­de Ziel der Ver­nich­tung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land errei­chen zu kön­nen glau­ben.“[59]

Nach­dem von höchs­ten Stel­len ange­ord­net, die SA-Hor­den lan­des­weit zum Angriff gegen die Juden, deren Geschäf­te und Got­tes­häu­ser auf­ge­ru­fen wor­den waren, schritt auch in Idstein die SA-Stan­dar­te 224 ‚Nie­der­wald’ mit Sitz in Wies­ba­den unter Füh­rung ihres Stan­dar­ten­füh­rers Gethöf­fer zur Tat. Zunächst hat­te man die Syn­ago­ge in Rüdes­heim in Brand gesetzt. In Idstein, wo man eigent­lich Glei­ches tun woll­te, ver­zich­te­te man aller­dings dar­auf, weil dadurch die mit­tel­al­ter­li­che Stadt ins­ge­samt gefähr­det wor­den wäre. Statt­des­sen wur­de aber die gesam­te Innen­ein­rich­tung des Got­tes­hau­ses zer­schla­gen und mit­samt den Gebets­bü­chern und Tho­ra­rol­len unter Mit­hil­fe vie­ler Idstei­ner Bür­ger auf Wagen ver­la­den und anschlie­ßend zum Markt­platz gefah­ren. In den Flam­men des dort auf­ge­rich­te­ten Schei­ter­hau­fens soll­te die Erin­ne­rung an mehr als zwei Jahr­hun­der­te jüdi­schen Lebens in Idstein ver­nich­tet werden.

David Löwenstein, Hermann Löwenstein
Bericht des Bür­ger­meis­ters von Idstein an den Land­rat über die Zer­stö­run­gen wäh­rend der Pogrom­nacht
HHStAW 418 1564 (44 f.)

Am Nach­mit­tag zog die Meu­te von etwa 30 bis 60 Men­schen dann zu den Häu­sern der noch in Idstein leben­den Juden, dar­un­ter auch zu dem von David Löwen­stein, zer­schlu­gen die Fens­ter­schei­ben und zer­stör­ten auch hier die Innen­ein­rich­tung.[60] Einen detail­lier­ten Bericht über die Zer­stö­rung schick­te der Bür­ger­meis­ter von Idstein am 12. Novem­ber an den Land­rat in Bad Schwal­bach. Dar­in heißt es bezüg­lich David Löwenstein:
“Anschlie­ßend wur­de etwa im glei­chen Umfan­ge die Innen­ein­rich­tung des Wohn­hau­ses des jüdi­schen Vieh­händ­lers David Löwen­stein I, hier, Wies­ba­de­n­er­stras­se, zer­trüm­mert. Fens­ter und Türen wur­den in der glei­chen Wei­se beschä­digt und Lebens­mit­tel und Ein­mach­obst ver­nich­tet.” [61]

Alle männ­li­chen Juden zwi­schen 18 und 60 Jah­ren wur­den noch am glei­chen Abend über Nacht in „Schutz­haft“ genom­men und nach Anga­ben des Bür­ger­meis­ters am nächs­ten Tag wie­der ent­las­sen. Dem steht aller­dings ein Schrei­ben der Gesta­po Frank­furt ent­ge­gen, das zwar nicht datiert ist, aber zu der Kor­re­spon­denz die­ser Tage gehört. Danach waren die männ­li­chen Juden des Krei­ses zunächst in Lim­burg zu sam­meln und dann nach Frank­furt zu über­stel­len. Von dort aus wur­den sie wahr­schein­lich in die KZs Buchen­wald oder Dach­au ver­bracht.[62]

Pogromnach Idstein, David Löwenstein, Hermann Löwenstein, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Befehl zur Ver­haf­tung der männ­li­chen Juden in Idstein wäh­rend des Novem­ber­po­groms
HHStAW 418 1564 (o.P.)

Ob und wenn ja, wie lan­ge auch David Löwen­stein inhaf­tiert war, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er den Ent­schluss, aus Deutsch­land aus­zu­wan­dern, schon längst gefasst hat­te oder ob man ihm in der Haft – wie in so vie­len ande­ren Fäl­len – das zur Vor­aus­set­zung für sei­ne Frei­las­sung gemacht hat­te. Ende des Jah­res hat­ten sich Löwen­steins, soweit sie noch offi­zi­ell in Idstein gemel­det waren, nach Frank­furt abge­mel­det.[63] Sie wohn­ten dort in der Ost­end­str. 11.[64]

David Löwenstein, Hermann Löwenstein, Bertha Löwenstein, Selma Löwenstein, Edith Löwenstein, Ilse Löwenstein
Bericht über die Abwan­de­rung von Juden aus dem Unter­tau­nus­kreis im 4. Quar­tal 1938
HHStAW 418 1564 (o.P.)

Zuvor konn­te David Löwen­stein noch das Haus mit Hof­grund­stück und Gar­ten an einen Nach­barn ver­kau­fen. Dass es sich hier ganz offen­sicht­lich um kei­nen frei­en Ver­kauf, son­dern um eine Ari­sie­rung han­del­te, beweist allein die Tat­sa­che, dass das Haus spä­ter zurück­er­stat­tet bzw. durch einen Ver­gleich den neu­en Besit­zern über­las­sen wur­de.[65] In wel­cher schwie­ri­gen Situa­ti­on sich David Löwen­stein damals befand und wie sehr die Käu­fer die Akti­on der SA, die letzt­lich zum Ver­kauf des Hau­ses geführt hat­te, gou­tier­ten, lässt sich dar­an erken­nen, dass sie von dem Geschä­dig­ten ver­lang­ten, die zer­schla­ge­nen Fens­ter auf eigen Kos­ten wie­der instand zu set­zen. Weil David Löwen­stein aber völ­lig mit­tel­los war, leg­te man ihm die not­wen­di­gen Bar­mit­tel vor und zog den Betrag vom Kauf­preis ab.[66]

Über den Ver­bleib der Ein­rich­tung konn­te im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren kei­ne Klä­rung gefun­den wer­den. Ein Teil war ganz sicher demo­liert wor­den. Obwohl der Bür­ger­meis­ter 1938 in sei­nem Brief über die Zer­stö­rung von Löwen­steins Ein­rich­tung berich­tet hat­te, konn­te sich spä­ter 1960 aller­dings kei­ner der  befrag­ten „alt­ein­ge­ses­se­nen Bür­ger“ erin­nern, dass auch Löwen­steins Woh­nung betrof­fen gewe­sen war.[67] Ande­re, viel­leicht auch beschä­dig­te Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de waren ver­mut­lich mit nach Frank­furt genom­men wor­den, denn als die Vor­be­rei­tun­gen zur Aus­rei­se abge­schlos­sen waren, reich­ten Löwen­steins eine Lis­te mit Umzugs­gut ein, die sie mit in ihr Exil zu neh­men beab­sich­tig­ten. Es könn­te aber auch sein, dass es sich bei den genann­ten Möbeln um die der inzwi­schen ver­stor­be­nen Mut­ter von David und Her­mann Löwen­stein han­del­te.[68] Rebe­cka Löwen­stein war wohl die letz­te jüdi­sche Bewoh­ne­rin von Esch Nach den Pogro­men, bei denen auch sie Angriffs­ziel der Meu­te gewor­den war, wur­de sie in Frank­furt in die Psych­ia­trie ein­ge­lie­fert wor­den, wo sie sich ver­mut­lich am 4. Dezem­ber 1938 das Leben nahm.[69]

Bei der Vor­be­rei­tung der Aus­rei­se mit all den ver­schie­de­nen Anträ­gen und aus­zu­fül­len­den For­mu­la­ren, war Ber­tha Löwen­stein weit­ge­hend auf sich allei­ne gestellt, denn ihr Mann war wegen sei­ner Zucker­er­kran­kung wie­der in das Jüdi­sche Kran­ken­haus in der Gagern­stra­ße ein­ge­lie­fert wor­den und die bei­den ältern Kin­der waren bereits im Aus­land. Nur die jüngs­te Toch­ter Ruth leb­te noch bzw. wie­der bei den Eltern in Idstein.

Sie hat­te zunächst seit 1929 die dor­ti­ge Schu­le besucht, war aber dann ab Juni 1936 wie ihre Cou­si­ne Ilse zwangs­wei­se auf die jüdi­sche Schu­le nach Wies­ba­den gewech­selt.[70] Ostern 1937 wur­de sie dort wie­der abge­mel­det, um – so ihr Wunsch — in Frank­furt eine Aus­bil­dung als Kran­ken­schwes­ter zu begin­nen. Da sie aber kei­ne Lehr­stel­le fand, besuch­te sie ver­mut­lich statt­des­sen die in der Quin­ckestr. 20 gele­ge­ne jüdi­sche Haus­hal­tungs­schu­le.[71] Nach etwa einem Jahr kehr­te sie wie­der zurück nach Idstein, wo sie bis Ende 1938 im Eltern­haus leb­te und dort auch die schreck­li­chen Ereig­nis­se wäh­rend des Novem­ber­po­groms erle­ben muss­te. Wohl auch des­halb berei­te­te sie danach ihre Aus­rei­se aus Deutsch­land vor. Nach einem erneu­ten kur­zen Auf­ent­halt in Frank­furt zog sie zu ihrer Schwes­ter Clot­hil­de nach Aal­ten in Hol­land.[72] Eine Arbeits­er­laub­nis erhielt auch sie nicht, sodass sie für etwa ein Jahr im Haus­halt ihrer Schwes­ter aus­half und auf die­se Wei­se ihren Lebens­un­ter­halt verdiente.

Die Eltern hoff­ten, dass Aal­ten auch für sie ein siche­rer Zufluchts­ort sein wür­de. Sie erhiel­ten auch die not­wen­di­gen Geneh­mi­gun­gen und steu­er­li­chen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen für einen Rei­se­pass, der ihnen die Aus­rei­se nach Hol­land ermög­lich­te. Auch die Umzugs­lis­ten wur­den – soweit ersicht­lich – zuletzt ohne wei­te­re Bean­stan­dun­gen akzep­tiert.[73] Ber­tha Löwen­stein hat­te in einer hand­schrift­li­chen Anmer­kung auf dem Antrag dar­um gebe­ten, „nichts mehr strei­chen zu wol­len, da ich mir Leu­te in Kost & Logis neh­men will und hier [in Deutsch­land – K.F.] doch für mei­ne alten Sachen gar nichts mehr bekom­me. Auch bit­te ich mei­ne par (sic) sil­ber­ne Löf­fel in mei­nem Hand­ge­päck zu geneh­mi­gen, da ich Sie (sic) gleich benö­ti­ge“.[74] Ob die Eröff­nung eines Hau­ses mit Frem­den­zim­mern tat­säch­lich geplant oder ob mit die­ser Anga­be nur die Hoff­nung ver­bun­den war, mög­lichst das gesam­te Umzugs­gut mit­neh­men zu kön­nen, ist nicht bekannt. Rea­lis­tisch waren sol­che Plä­ne wohl kaum.

Nach­dem die bei­den im Novem­ber 1938 in Hol­land ange­kom­men waren, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit, ihre neue Frei­heit zu genie­ßen. Sie wohn­ten in Aal­ten zwar nicht zusam­men mit der Fami­lie ihrer Toch­ter Clot­hil­de, aber immer­hin in der glei­chen Stra­ße und damit in unmit­tel­ba­rer Nähe.[75] Ruth, die bis­her bei ihrer Schwes­ter gelebt hat­te, zog nach deren Ankunft nun zu ihren Eltern, ver­mut­lich um sich bes­ser um sie küm­mern zu kön­nen. Bei­de Eltern­tei­le waren gezeich­net von Krank­heit, Sor­gen und Ent­beh­run­gen und hat­ten kaum mehr Kraft zum Leben. Trotz sei­ner schwe­ren Dia­be­tes über­leb­te David Löwen­stein sei­ne Frau um gut ein­ein­halb Jah­re. Ber­tha Löwen­stein starb bereits am 10. Novem­ber 1940, er selbst am 26. April 1942, bei­de in Aal­ten.[76]

So blieb es ihnen wenigs­tens erspart, die Fest­nah­me ihrer Toch­ter Ruth mit­er­le­ben zu müs­sen. Auch wenn sie kei­ne ordent­li­che Aus­bil­dung hat­te, so konn­te sie zuletzt als unge­lern­te Schwes­ter im Kran­ken­haus von Apel­doorn, wo sie auch wohn­te, arbei­ten und sich ein wenig Geld zum Leben ver­die­nen. Unmit­tel­bar nach ihrer Ver­haf­tung wur­de sie am 22. Janu­ar 1943 von Hol­land nach Ausch­witz depor­tiert und dort ange­kom­men am 25. Janu­ar im Gas ermor­det.[77]

Clot­hil­de war auch nach dem Krieg noch in Aal­ten ansäs­sig. Wie es ihr gelun­gen war, die Besat­zung durch die deut­schen Trup­pen und die Ver­fol­gung dort zu über­ste­hen, ist nur zum Teil bekannt. Ihr Mann Bern­hard Josephs war im Novem­ber 1942 zunächst allei­ne unter­ge­taucht, spä­ter konn­ten sich alle in dem etwa 12 km von Aal­ten ent­fern­ten Zieu­went ver­steckt hal­ten.[78] Nach dem Krieg wan­der­te die Fami­lie, in der ins­ge­samt sechs Kin­der gebo­ren wor­den waren, nach Ame­ri­ka aus. Zuletzt leb­te sie in Mor­ris­town in New Jer­sey. Wäh­rend ihr Mann Bern­hard schon 1980 ver­stor­ben sein soll, lie­gen über Clot­hil­de Josephs Able­ben unter­schied­li­che Anga­ben vor. Sie soll aber 96 oder sogar 100 Jah­re alt gewor­den sein.[79]

 

Auch Her­mann Löwen­steins jün­ge­re Schwes­ter Sel­ma war mit ihrer Fami­lie vor den Nazis nach Hol­land geflo­hen, aller­dings ver­ge­bens.[80] Sie war gemäß der Fami­li­en­tra­di­ti­on mit dem Vieh­händ­ler Juli­us Her­mann ver­hei­ra­tet, der am 7. Dezem­ber 1891 in Hed­des­dorf, heu­te ein Stadt­teil von Neu­wied, gebo­ren wor­den war. Dort hat­te die Fami­lie auch zuletzt gewohnt und dort war auch ihre Toch­ter Edith Lie­se gebo­ren wor­den.[81] Wann sie die Flucht nach Hol­land antra­ten, ist nicht bekannt, aber bei ihrer Ver­haf­tung am 30. Sep­tem­ber 1942 wohn­ten sie in Ams­ter­dam in der Roer­stra­at 1151. Nur zwei Tage blie­ben sie im Sam­mel­la­ger Wes­ter­bork, dann wur­den sie am 2. Okto­ber nach Ausch­witz depor­tiert. Aber auch den letz­ten Gang in das Ver­nich­tungs­la­ger konn­ten sie nicht gemein­sam gehen, denn ver­mut­lich in Cosel, dem heu­te pol­ni­schen Koz­le, wur­de Juli­us Her­mann mit etwa 300 arbeits­fä­hi­gen Män­nern von der SS aus dem Zug geholt und in ein Zwangs­ar­beits­la­ger ver­schleppt. In Koz­le selbst war unter dem Namen „Blech­ham­mer“ im Lau­fe des Zwei­ten Welt­kriegs ein gan­zes Lager­sys­tem für ins­ge­samt etwa 50 000 Kriegs­ge­fan­ge­ne, Zwangsarbeiter/​innen und Straf­ge­fan­ge­ne errich­tet wor­den. Im April 1942 ent­stand das geson­der­te Arbeits­la­ger für Juden, das soge­nann­te „Bahn­hofs­la­ger“, wel­ches Teil des Lager­kom­ple­xes Ausch­witz war und einer gan­zen Rei­he Unter­neh­men, dar­un­ter auch der Wies­ba­de­ner Fir­ma Dycker­hoff, bil­li­ge Skla­ven­ar­bei­ter zur Ver­fü­gung stell­te.[82] Ob Juli­us zunächst hier ein­ge­setzt wur­de oder ob er gleich in das Arbeits­la­ger Schop­pi­nitz /​ Szo­pie­nice bei Kat­to­witz kam, wo er ver­mut­lich am 31. Okto­ber 1943 ums Leben kam,[83] ist nicht bekannt. In die­sem weit­ge­hend unbe­kann­ten Lager waren die aus­schließ­lich männ­li­chen Häft­lin­ge für die Fir­ma Haa­ge haupt­säch­lich im Gleis­bau tätig. Da der Todes­tag von Juli­us Her­mann mit der Schlie­ßung des Lagers Anfang Novem­ber 1943 zusam­men­fällt,[84] liegt es nahe, dass er dort einer Mord­ak­ti­on zum Opfer gefal­len ist. Sei­ne Frau Sel­ma war im Zug geblie­ben und direkt in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz geschickt wor­den. Ihr Todes­tag ist im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz mit dem 5. Okto­ber 1942 angegeben.

 

Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26, Juden, Wiesbaden
Stol­per­stei­ne für David, Ber­tha und Ruth Löwen­stein in Idstein in der Wies­ba­de­ner Str. 22. Zwei 10te Klas­sen der Pes­ta­loz­zi-Schu­le hat­ten mit ihrem Leh­rer und mit Unter­stüt­zung des Stadt­ar­chivs Idstein das Schick­sal der Fami­lie Löwen­stein auf­ge­ar­bei­tet und sich für die Ver­le­gung der Stei­ne ein­ge­setzt.
Foto Stadt­ar­chiv Idstein

Ihrer Toch­ter Edith Lie­se gelang es jedoch, der Todes­ma­schi­ne­rie der Nazis zu ent­kom­men – wie, ist bis­her nicht bekannt. Sie leb­te nach dem Krieg in den USA, wo sie mit Howard De Cas­tro ver­hei­ra­tet war und mit ihm zwei Kin­der, Janet und Emroy, hat­te. Sie ver­starb im Staat New York im Jahr 1999, ihr Mann drei Jah­re spä­ter.[85]

 

Rosa, die älte­re Schwes­ter von Her­mann Löwen­stein, hat nur die ers­ten bei­den Jah­re der NS-Dik­ta­tur erle­ben müs­sen. Auch sie hat­te einen Ehe­mann aus einer Vieh­händ­ler­fa­mi­lie gehei­ra­tet, der, wie auch der Mann ihrer Schwes­ter Sel­ma, aus dem heu­ti­gen Neu­wied stamm­te.[86] Damals war der Geburts­ort von Oskar Salo­mon noch ein eigen­stän­di­ger Ort namens Nie­der­bie­ber. Oskar Salo­mon war dort am 29. Novem­ber 1882 als eines von ins­ge­samt vier Kin­dern von Sieg­mund und Ama­lie Salo­mon, gebo­re­ne Ahr­wei­ler, zur Welt gekom­men. Gehei­ra­tet hat­ten die bei­den aber in Esch. Trau­zeu­gen bei der am 10. Okto­ber 1910 gefei­er­ten Hoch­zeit waren ihre Brü­der Sali und Her­mann.[87] Zunächst muss das Paar in Nie­der­bie­ber gewohnt haben, denn hier kamen die bei­den Kin­der, Max am 16. Febru­ar 1916 und Ama­lie, genannt Mal­li, am 15. Okto­ber 1920, zur Welt. Nach­dem Rosa am 7. Novem­ber 1935 in Nie­der­bie­ber ver­stor­ben war, scheint der Vater mit den bei­den Kin­dern nach Süd­deutsch­land umge­zo­gen zu sein. Zumin­dest wur­den in Stutt­gart die Rei­se­do­ku­men­te aus­ge­stellt, mit denen zunächst im Jahr 1938 Max, der übri­gens eben­falls den Metz­ger­be­ruf erlernt hat­te, über Ham­burg in die USA aus­wan­der­te. Sein Vater folg­te ihm im August 1941 von Bar­ce­lo­na aus. Zuvor, im Jahr 1939, war bereits die Toch­ter Ama­lie nach Eng­land ausgewandert.

 

Sali Löwenstein, Hedwig Löwenstein
Die Fami­lie in Koblenz im Mai 1939
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=61&c=0&m=0&s=0&xywh=-853%2C-99%2C3001%2C1966

Dra­ma­tisch, aber letzt­lich mit gutem Aus­gang ende­te die Ret­tung der Fami­lie von Her­manns jün­ge­rem Bru­der Sali.[88] Er wohn­te in den Drei­ßi­ger­jah­ren in Koblenz und damit in der Nähe sei­ner bei­den Schwes­tern. Dort hat­te ihn sein Nef­fe Nor­bert auf sei­ner Flucht nach Hol­land 1936 noch besucht. Sali Löwen­stein und sei­ner Frau Hede /​ Hed­wig, gebo­re­ne Anschel, waren zwei Söh­ne gebo­ren wor­den, Ernst Nor­bert am 28. Mai 1926 und Gün­ther Micha­el am 4. Febru­ar 1931. Im März 1939 konn­ten die Eltern die bei­den mit einem Kin­der­trans­port nach Bel­gi­en schi­cken, wo sie in Ant­wer­pen unter­ka­men. [89]

Sie selbst, die — wie den Ein­tra­gun­gen auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te zu ent­neh­men ist — bereits 1935 mit ört­li­chen Par­tei­bon­zen in Kon­flikt gera­ten waren, flüch­te­ten Ende August 1939 mit einem zeit­lich begrenz­ten Visum nach Eng­land, um von dort die gemein­sa­me Aus­rei­se in die USA zu orga­ni­sie­ren. Tat­säch­lich erhielt das Eltern­paar im März 1940 die Ein­rei­se­er­laub­nis für die USA, sodass sie am 11. Juni 1940 auf der ‚Britta­nic’ die Über­fahrt antre­ten konnten.

Sali Löwenstein,
Gestapo­kar­tei­kar­te von Sali Löwen­stein aus Koblenz
Sali Löwenstein, Enst Löwenstein, Günther Michael Löwenstein, Hedwig Anschel Löwenstein
Arol­sen-Archi­ves

 

 

 

 

 

Sali Löwenstein, Hedwig Löwenstein, Ernst Norbert Löwenstein, Gunther Michael Löwenstein
Pas­sa­gier­lis­te der ‘Bri­tan­nic#, mit der Sali und Hed­wig Löwen­stein in die USA fuh­ren
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Allei­ne zurück­ge­blie­ben waren aber in Bel­gi­en die bei­den Kin­der, neun und vier­zehn Jah­re alt, wobei nicht klar ist, ob und wie häu­fig es einen direk­ten Kon­takt zu ihnen gab. In ihrem Nach­lass befan­den sich aller­dings Bil­der, die die Pfle­gel­tern den eigent­li­chen Eltern wohl in der Zeit der Tren­nung geschickt hat­ten und die Kin­der mit die­sen und deren eige­nen Kin­dern zei­gen. Nach­dem die Eltern am 21. Juni 1940 den Hafen von New York erreicht hat­ten, setz­ten sie nun alles in Bewe­gung, um ihre Kin­der nachzuholen.

Sali, Sol Löwenstein, Hedwig, Hermann Löwenstein, Judenhäuser Wiesbaden, hermannstr. 26
Rei­se­pass von Gün­ther Löwen­stein
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=61&c=0&m=0&s=0&xywh=-853%2C-99%2C3001%2C1966
Sol Löwenstein, Sali Löwenstein
Rei­se­pass von Ernst Löwen­stein
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=61&c=0&m=0&s=0&xywh=-853%2C-99%2C3001%2C1966

 

 

 

 

 

Ver­schie­de­ne Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, Kon­su­la­te, sogar der SD in Ant­wer­pen waren in den lang­wie­ri­gen Pro­zess invol­viert, der sich immer wie­der ver­zö­ger­te: Gel­der muss­ten bezahlt wer­den, die Affi­da­vits ent­spra­chen zunächst nicht den Anfor­de­run­gen, und zuletzt waren die Schiffs­kar­ten ungül­tig gewor­den, weil die Schiff­fahrts­ge­sell­schaft einen neu­en Eigen­tü­mer bekam. Am 20. Sep­tem­ber 1941 erhiel­ten die bei­den Kin­der vom SD in Ant­wer­pen dann einen Durch­lass­schein für die Fahrt von Bel­gi­en nach Ber­lin, um sich dort die Papie­re für die Aus­rei­se in die USA zu holen.

Gunther Löwenstein, Ernst Löwenstein
Zei­tungs­mel­dung über die Ankunft der bei­den Kin­der in den USA vom 5.2.1942
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=61&c=0&m=0&s=0&xywh=-853%2C-99%2C3001%2C1966

Mit wel­chen Ängs­ten die bei­den die­se Rei­se durch das Fein­des­land gemacht haben wer­den, ist kaum vor­stell­bar. In Ber­lin erhiel­ten sie den Rei­se­pass, der ihnen dann die „ein­ma­li­ge Aus­rei­se aus dem Reichs­ge­biet“ erlaub­te und für ein hal­bes Jahr gül­tig war. Am 18. Okto­ber 1942 über­fuh­ren sie bei Neu­burg an der Mosel die Reichs­gren­ze mit dem Zug Rich­tung Spa­ni­en. Der Pass ent­hält den Stem­pel der Zoll­be­hör­de in Bar­ce­lo­na mit dem Datum 22. Okto­ber 1942. Die por­tu­gie­si­sche Gren­ze erreich­ten sie am 14. Novem­ber des glei­chen Jah­res. In Lis­sa­bon küm­mer­te sich das „Trans­mi­gra­ti­ons-Büro“ für jüdi­sche Flücht­lin­ge um sie. Am 21. Dezem­ber wur­den sie dort vor dem Betre­ten des Schif­fes „Ser­pa Pin­to“ noch ärzt­lich unter­sucht. Bald dar­auf begann auch für sie die Über­fahrt in die Frei­heit. Anfang Febru­ar 1942 konn­ten die Eltern ihre bei­den Söh­ne end­lich wie­der in die Arme schlie­ßen – ein Wie­der­se­hen, das damals sogar in der ame­ri­ka­ni­schen Pres­se Auf­se­hen erregte.

Hede Löwenstein, Loewenstein, Hermann Löwenstein, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Hed­wig Löwen­stein — Aus­weis des Jüdi­schen Kul­tur­bunds
https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=61&c=0&m=0&s=0&xywh=-853%2C-99%2C3001%2C1966

Sali Löwen­stein, der sich in den USA Sol nann­te, starb 1952, sei­ne Frau im Dezem­ber 1981. Bei­de sind auf dem Fried­hof in Conklin im Staat New York beer­digt.[90] Ernest setz­te die Fami­li­en­tra­di­ti­on fort und wur­de Far­mer und Vieh­händ­ler in Nor­wich im Staat New York. Mit sei­ner Frau Davina hat­te er drei Söh­ne und eine Toch­ter und vie­le Enkel. Am 12. Juli 2012 ist er in Lake Worth in Flo­ri­da, wohin er nach Been­di­gung sei­nes Arbeits­le­bens gezo­gen war, ver­stor­ben.[91] Sei­nen jün­ge­ren Bru­der Gün­ther, der sich in den USA Guy nann­te, über­leb­te er um etli­che Jah­re. Die­ser hat­te mit sei­ner Frau Ursu­la bis 1987 eben­falls im Staat New York gelebt und war wie sein Bru­der Milch­far­mer gewor­den. Nach­dem er sich zur Ruhe gesetzt hat­te, war er nach San Die­go in Kali­for­ni­en gezo­gen, wo er am 26. Janu­ar 2005 im Krei­se sei­ner gro­ßen Fami­lie ver­starb.[92]

 

Hermann Löwenstein, Sali Löwenstein, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 26
Grab­stein für Sol und Hed­wig Löwen­stein
https://​de​.fin​da​gra​ve​.com/​m​e​m​o​r​i​a​l​/​9​0​8​5​9​694

 

Stand: 19. 12. 2019

Letz­te Ände­rung 03. 01. 2021

 

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Rink, Juden­haus S. 13. Das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se hat 2013 ein Erin­ne­rungs­blatt für Her­mann Löwen­stein und sei­ne Fami­lie her­aus­ge­ge­ben, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​L​o​e​w​e​n​s​t​e​i​n​-​H​e​r​m​a​n​n​.​pdf. (Zugriff: 19.11.2019).

[2] HHStAW 518 22730 (46).

[3] http://​stern​mail​.co​.uk/​s​l​d​/​d​e​s​c​e​n​d​.​p​h​p​?​p​e​r​s​o​n​I​D​=​I​4​0​9​&​t​r​e​e​=​S​L​t​r​e​e​&​d​i​s​p​l​a​y​=​c​o​m​p​a​c​t​&​g​e​n​e​r​a​t​i​o​n​s​=10. (Zugriff: 19.11.2019). Hier sind meh­re­re hun­dert Per­so­nen ver­zeich­net, die Löwen­steins machen dar­in nur einen Bruch­teil aus. Fälsch­li­cher­wei­se ist hier der Nach­na­me von Her­mann Löwen­steins Frau Sel­ma statt mit Vogel mit Anschel ange­ge­ben. Anschel war der Nach­na­me von Sali Löwen­steins Frau Hed­wig /​ Hede.

[4] https://www.ancestry.com/genealogy/records/jakob-loewenstein-24–1jn7j2. (Zugriff: 19.11.2019). Hayum Löwen­stein war am 5.2.1808, sei­ne Frau am 15.12.1815 gebo­ren wor­den. Gehei­ra­tet hat­ten die bei­den am 19.11.1834. Gelebt haben sie in dem heu­te zum Land­kreis Lim­burg-Weil­burg gehö­ren­den Lan­gen­dern­bach, eben­falls ein Ort im Wes­ter­wald und etwa 15 km von Meudt entfernt.

[5] https://​esch​-tau​nus​.de/​?​p​=​212. (Zugriff: 19.11.2019).

[6] http://​www​.stol​per​stei​ne​-koe​nig​stein​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​f​a​m​-​l​o​e​w​e​n​s​t​ein. (Zugriff: 19.11.2019).

[7] Nach Prinz, Arthur, Juden im Wirt­schafts­le­ben – 1850 – 1914, Tübin­gen 1985, S. 175 gab es 1917 etwa 25000 jüdi­sche Vieh­händ­ler, was bedeu­ten wür­de, dass damals etwa 60 Pro­zent aller Vieh­händ­ler Juden waren. Nach sei­nen Anga­ben wären damals etwa ein Drit­tel aller im Han­del täti­gen Juden in die­ser beson­de­ren Spar­te tätig gewe­sen. Kri­tisch ver­weist Prinz aber auf die sehr schma­le Daten­ba­sis sei­ner Aus­sa­ge. Erst in jüngs­ter Zeit ist, aller­dings regio­nal­spe­zi­fisch auf den mit­tel­frän­ki­schen Raum bezo­gen, eine umfas­sen­de Stu­die zur Rol­le der jüdi­schen Vieh­händ­ler erschie­nen, in der der Fra­ge nach­ge­gan­gen wird, auf wel­cher Basis das lan­ge Zeit funk­tio­nie­ren­de Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Bau­ern und jüdi­schen Händ­lern auf­ge­baut war und wie es zur Zer­stö­rung die­ser Bezie­hung spä­tes­tens seit dem Anfang der 30er Jah­re kam. Sie­he Fischer, Ste­fa­nie, Öko­no­mi­sches Ver­trau­en und anti­se­mi­ti­sche Gewalt. Jüdi­sche Vieh­händ­ler in Mit­tel­fran­ken. 1919–1939, Göt­tin­gen 2012. In Mit­tel­fran­ken waren nach ihren Recher­chen nur etwa ein Drit­tel der Vieh­händ­ler jüdi­scher Her­kunft, was natür­lich ange­sichts des jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teils von etwa 1,4 Pro­zent noch immer eine unge­heu­er gro­ße Zahl ist. Ebd. S. 32 f.

[8] https://​esch​-tau​nus​.de/​?​t​a​g​=​l​o​e​w​e​n​s​t​ein. (Zugriff: 19.11.2019). Das Haus gegen­über bewohn­te sein Bru­der Fer­di­nand. Des­sen Han­dels­ge­schäft über­nahm spä­ter sein 1882 gebo­re­ner Sohn Albert, der 1936 zunächst nach König­stein über­sie­del­te, dann 1939 mit sei­ner Fami­lie und sei­nem Vater in die USA emigrierte.

[9] Jüdi­sches Leben in Deutsch­land, Infor­ma­tio­nen zur poli­ti­schen Bil­dung 307, 2010, S. 38.

[10] Von den bekann­ten acht Kin­dern ver­star­ben nach Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Idstein drei, näm­lich Frie­da, gebo­ren am 18.8.1876, Mat­hil­de, gebo­ren am 4.8.1877, und Albert, gebo­ren am 6.6.1884, bereits im Kleinkindalter.

[11] Geburts­re­gis­ter Esch 69 /​ 1878.

[12] Geburts­re­gis­ter Esch 12 /​1881.

[13] Hei­rats­re­gis­ter Esch 5 /​ 1910.

[14] Geburts­re­gis­ter Esch 8 /​ 1889.

[15] Geburts­re­gis­ter Esch 18 /​ 1895.

[16] HHStAW 469/​33 2530 (5, 6). Nathan Löwen­stein muss aller­dings schon vor 1909 ver­stor­ben sein, denn auch im Hoch­zeits­ein­trag von David Löwen­stein vom Mai 1909 ist er als bereits ver­stor­ben regis­triert – „wohn­haft gewe­sen in Esch“, heißt es da. Wo er ver­starb, ist nach Aus­kunft des Stadt­ar­chivs Idstein aller­dings nicht bekannt.

[17] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 1301 /​ 1925.

[18] HHStAW 469/​33 2530 (7).

[19] HHStAW 518 22730 (46). Sein Bru­der David hat­te sich in Idstein schon zehn Jah­re zuvor nie­der­ge­las­sen, sie­he HHStAW 518 22699 (62).

[20] Ebd. (29).

[21] HHStAW 469/​33 2530 (11).

[22] Sie­he dazu Hart­ter, Ute, Roth, Alfred, Strauß-Wilts, Elsche, Die Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein. Ursa­chen und Fol­gen. Eine Doku­men­ta­ti­on, Idstein 1988, S.70 f. Die von den Autoren genann­ten  jüdi­schen Fami­li­en in Idstein waren neben Löwen­steins die Fami­li­en Grü­ne­baum, Gold­schmidt, Blum, Kahn Lahn­stein, Heymann, Strauß, Arn­heim und Hes.

[23] HHStAW 518 22730 (119 f.).

[24] Ebd. (56). Die Ein­künf­te aus Grund­be­sitz, ins­ge­samt weni­ger als 1.000 RM, mach­ten die Ver­lus­te nicht wett. Woher die­se Ein­nah­men kamen, ist nicht näher erläu­tert. Ein Teil des Hau­ses in Idstein war aber ver­mie­tet, sogar bis 1938 an einen Poli­zis­ten, der nach dem Krieg Lei­ter des Poli­zei­amts Bad Ems wur­de. Die Bezie­hung scheint aber eher unpro­ble­ma­tisch gewe­sen zu sein, zumin­dest hat die­ser Mie­ter spä­ter im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren die Aus­sa­gen der Toch­ter über die Aus­stat­tung der Woh­nung eides­statt­lich bestä­tigt, sie­he ebd. (83). Her­mann Löwen­stein besaß zudem einen Anteil am Eltern­haus in Esch, wor­aus sich sicher eben­falls Ansprü­che ergaben.

[25] Zit. nach: Die Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein, S. 73 f.

[26] HHStAW 518 22730 (56). Nur für das Jahr 1935 wur­den Ein­künf­te von fast 1.400 RM gemel­det. Mög­li­cher­wei­se beruht die­ser Betrag auf außer­or­dent­li­chen Ein­nah­men, die auf dem Ver­kauf eines Stück Lands oder ähn­li­chem beru­hen. Es bedurf­te schon einer erheb­li­chen Ver­drän­gungs­leis­tung – oder war es viel­leicht auch bewuss­te Täu­schung ? -, wenn der Bür­ger­meis­ter von Idstein noch im Jahr 1960 an die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de schreibt, dass das „von L. betrie­ben Vieh­han­dels­ge­schäft unter dem Juden­boy­kott zu lei­den hat­te und der Besuch der Vieh­märk­te unter­sagt war, ist hier nicht bekannt.“ Ebd. 46.

[27] HHStAW 412 2237 (o.P.).

[28] HHStAW 518 22735 (8, 9). Mög­li­cher­wei­se war die finan­zi­el­le Lage auch ein Grund dafür, dass Löwen­steins 1938 die Pfle­ge des geis­tig behin­der­ten Albert Wolf über­nah­men, nach­dem die­ser aus der Pfle­ge­an­stalt Kal­men­hof bei Idstein wegen sei­ner jüdi­schen Her­kunft ent­las­sen – eigent­lich her­aus­ge­wor­fen – wor­den war, sie­he dazu das Kapi­tel über Albert Wolf unten.

[29] HHStAW 518 58851 (10). Neben den sehr guten soge­nann­ten Kopf­no­ten, wur­de ihr allein im Fach Hand­ar­beit die Note „genü­gend“ gege­ben. Alle übri­gen Leis­tun­gen, ob in Haus­hal­tungs­kun­de, Tier­hal­tung, Kran­ken­pfle­ge oder Betriebs­leh­re, waren mit ’sehr gut’ oder ‘gut’ bewertet.

[30] Leo­pold Vogel, gebo­ren am 7.4.1886, ver­starb am 18.7.1954 in Aus­tra­li­en. Sei­ne Frau Lil­li, gebo­ren am 19.12.1899, war die Toch­ter von Leo­pold und Eli­se Rhein­hei­mer, gebo­re­ne Hoch­städ­ter. Bei­de waren auch nach Aus­tra­li­en gelangt, aller­dings offen­bar nicht zusam­men mit der Toch­ter, wie der Pas­sa­gier­lis­te der Cana­di­en Paci­fic zu ent­neh­men ist. Lil­li Vogel ver­starb kurz vor ihrem 100. Geburts­tag am 29.7.1999. Auch der Sohn Heinz, der sich in Aus­tra­li­en Hen­ry nann­te, ist wie auch sein Sohn David Leo­nard inzwi­schen ver­stor­ben. Die Toch­ter von Hen­ry Vogel, Lin­da Son­nen­schein, lebt noch heu­te in Syd­ney. Die Infor­ma­tio­nen zur Fami­lie Vogel ver­dan­ke ich der Fami­lie Graf, die sich inten­siv mit den Juden im Alt­rhein­ge­biet befasst hat, sie­he Juden vom Alt­rhein, passim.

[31] Ebd. (6–8), auch HHStAW 518 22735 (9), wo Lil­li Vogel in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung aus­sag­te, es habe etwa 2 Jah­re gedau­ert, bis sie in Aus­tra­li­en so weit inte­griert gewe­sen sei­en, dass sie an den Nach­zug der Ver­wand­ten den­ken konn­ten. Nach dem Krieg zog Edith Löwen­stein nach Süd­afri­ka, wo sie am 27.6.1948 Hans Saretz­ki hei­ra­te­te, HHStAW 518 22730 (5).

[32] Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein, S. 75.

[33] HHStAW 518 22735 (18, 21).

[34] HHStAW 518 22735 (9, 22). Lil­li Vogel, ver­mut­lich auch ihre Nich­te Edith nahm an, dass der Umzug sich erst nach der Reichs­po­grom­nacht zuge­tra­gen hatte.

[35] Es könn­te aber auch sein, dass das erst wäh­rend des Novem­ber­po­groms geschah und nur die Möbel zer­schla­gen wur­den, die sie nicht mit in die klei­ne­re Woh­nung in Wies­ba­den hat­ten neh­men kön­nen. Mög­li­cher­wei­se waren auch alle Möbel in Idstein geblie­ben, und Löwen­steins benutz­ten die Möbel der Mut­ter bzw. Schwie­ger­mut­ter Johan­na Vogel, die in die­ser Zeit ihre Woh­nung auf­ge­ge­ben hat­te und in ein Alters­heim gezo­gen war, sie­he HHStAW 518 22730 (85). Unter den in Idstein zer­stör­ten Möbeln befand sich auch ein fast neu­es Schlaf­zim­mer, das man der Toch­ter Edith noch vor ihrer Aus­rei­se nach Hol­land als Aus­steu­er gekauft hat­te. Allein das soll einen Wert von ca. 3.000 RM gehabt haben, sie­he HHStAW 518 58851 (7). Die spä­te­ren Zeit­zeu­gen konn­ten als Zeit­punkt der Akti­on nur die vage Aus­kunft geben, dass sie im Jahr 1938 statt­ge­fun­den hat­te, an der Tat selbst gab es jedoch kei­nen Zwei­fel, sie­he HHStAW 518 22730 (101). Auch wenn der Sach­ver­halt nicht mehr voll­stän­dig zu klä­ren war, wur­de der Eigen­tums­ver­lust spä­ter  prin­zi­pi­ell ent­schä­digt, aller­dings wur­de der Wert sehr gering ange­setzt, ebd. (107).

[36] Ebd. (30). Der Preis soll 8.000 RM betra­gen haben. Die Toch­ter Edith ver­mu­te­te, dass die Eltern auf­grund die­ses Ver­mö­gens zur Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be her­an­ge­zo­gen wor­den waren. Bele­ge dafür gibt es wegen der feh­len­den Steu­er­ak­ten aber nicht.

[37] Rink, Juden­haus, S. 38. Zu Letz­te­ren gehör­ten nach sei­nen Erin­ne­run­gen neben sei­ner Mut­ter auch Frau Reusch, Frau Scharf und Frau Herz, die „wenn sie sich unbe­ob­ach­tet sahen, ihre Anteil­nah­me deut­lich zum Aus­druck brach­ten.“  Rink spricht in die­sem Zusam­men­hang vom „Deut­schen Blick“, ein per­ma­nen­tes und ängst­li­ches Scan­nen des Umfelds, um zu über­prü­fen, ob jemand kri­ti­sche Äuße­run­gen wür­de hören und wei­ter­tra­gen kön­nen. Ebd. S. 38 f.

[38] Ebd. S. 45.

[39] Ebd. S. 40.

[40] Ebd. S. 71.

[41] Ebd. S. 115 f.

[42] Ebd. S. 51, 77.

[43] HHStAW 412 2237.

[44] HHStAW 469/​33 2530 (20).

[45] Rink, Juden­haus, S. 112 f.

[46] HHStAW 676 3598 Ein­kom­men­steu­er­ak­te (10) und HHStAW 518 22699 (62). Ber­tha Wein­berg war am 29.5.1884 in Hün­feld als Toch­ter von Samu­el Wein­berg und sei­ner Frau Karo­li­ne, gebo­re­ne Wet­ter­hahn, gebo­ren wor­den. Auch ihr Vater führ­te dort eine Metz­ge­rei, sie­he ebd. (4).

[47] Die Stra­ße hat­te zu die­ser Zeit noch die Bezeich­nung Veit­hen­müh­len­weg. Das Haus bestand aus 8 Zim­mern, Küche, Spei­cher, Wasch­kü­che und 3 Kel­ler­räu­men, sie­he ebd. (2).

[48] Die Geburts­ta­ge sind ange­ge­ben in der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung von 1930, sie­he  HHStAW 676 3598 (47)

[49] Er gab gegen­über der Devi­sen­stel­le an, vier Jah­re an der Front gekämpft zu haben und mit einer Tap­fer­keits­me­dail­le sowie dem Ehren­kreuz für Front­kämp­fer aus­ge­zeich­net wor­den zu sein. HHStAW 519/​3 17868 (1).

[50] HHStAW 518 22699 (59).

[51] Im Jahr 1928 war David Löwen­stein von einem Idstei­ner Metz­ger wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung ange­zeigt wor­den. Die anschlie­ßen­de Über­prü­fung sei­ner Unter­la­gen ergab tat­säch­lich, dass in den Jah­ren 1927 und 1928 jeweils Umsät­ze von etwa 7.500 RM nicht dekla­riert wor­den waren. Die Gesamt­um­sät­ze belie­fen sich 1927 auf rund 46.000 RM, 1928 auf ca. 52.000 RM. Sei­ne Ein­kom­men „dürf­ten“ – so die Steu­er­be­am­ten – „jähr­lich 3.000 RM nicht über­stei­gen“, was ein monat­li­ches Durch­schnitts­ein­kom­men von weni­ger als 300 RM bedeu­ten wür­de. Sie­he HHStAW 676 (44) Umsatz­steu­er. Zwar han­del­te es sich bei der Anzei­ge des Metz­gers nicht um eine Denun­zia­ti­on im eigent­li­chen Sin­ne, denn David Löwen­stein gab den Feh­ler in der Abrech­nung zu und war auch bereit, die Steu­ern nach­zu­zah­len. Aller­dings muss man beden­ken, dass es damals ver­mut­lich noch weni­ger als heu­te, eine all­ge­mei­ne Steu­er­ehr­lich­keit gab und vie­le ver­sucht haben wer­den, ange­sichts der schwie­ri­gen Zei­ten, eini­ge Geschäf­te am Finanz­amt vor­bei zu täti­gen. Inwie­weit dann gera­de jüdi­sche Händ­ler beim Finanz­amt ange­schwärzt wur­den, wäre im Hin­blick auf die Fra­ge anti­se­mi­ti­scher Akti­vi­tä­ten in der Wei­ma­rer Repu­blik ein sicher inter­es­san­tes und loh­nens­wer­tes Forschungsfeld.

[52] HHStAW 676 3598 (9). Bern­hard Joseph, gebo­ren am 3.6.1904 war der Sohn von David Lee­ser Josephs und sei­ner Frau Scho­ont­je Cohen, das Paar hat­te 5 oder sogar 7 Kin­der, sie­he https://​www​.wiki​tree​.com/​w​i​k​i​/​J​o​s​e​p​h​s​-11. und https://​www​.geni​.com/​p​e​o​p​l​e​/​C​l​o​t​h​i​l​d​e​-​J​o​s​e​p​h​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​6​7​5​6​3​6​9​4​7​3​?​t​h​r​o​u​g​h​=​6​0​0​0​0​0​0​0​0​6​7​5​5​9​3​0​982. (Zugriff: 19.11.2019).

[53] HHStAW 676 3598 (44) Reichs­ein­kom­men­steu­er­ak­te. Sie­he auch ebd. (15) Umsatz­steu­er, Brie­fe vom 10.9.1930, vom 1.2.1931, vom 23.2.1931, ebd. Ein­kom­men­steu­er ebd. (40, 49, 44) Brief vom 24.3.1934 oder Brie­fe aus den Gewer­be­steu­er­ak­ten vom 12.2.1937 und vom 1.3.1937, ebd. (6, 8).

[54] Ebd. Umsatz­steu­er (o.P.) Brief des Magis­trats an das Finanz­amt vom 28.10.193 und ebd. (118).

[55] Sie­he auch zu den vor­he­ri­gen Aus­füh­run­gen über sein Schick­sal den von ihm ver­fass­ten Lebens­lauf HHStAW 518 22782 (17 f.), dazu ebd. (42).

[56] Ebd. (19, 20).

[57] HHStAW 518 22699 (51).

[58] HHStAW 518 22782 (11). Dass man Nor­bert Löwen­stein nur die Zug­fahrt nach Hol­land, d.h. 20 DM erstat­te­te, nicht aber die Über­fahrt nach Süd­afri­ka, gehört zu den typi­schen skan­da­lö­sen Ent­schei­dun­gen der Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren in der Nach­kriegs­zeit. Süd­afri­ka sei nicht von Anfang an als Aus­wan­de­rungs­ziel vor­ge­se­hen gewe­sen, ein erst in einem ande­ren Land gefass­ter Ent­schluss, wei­ter­zu­wan­dern, kön­ne nicht ent­schä­digt wer­den – dass weni­ge Jah­re dar­auf alle Juden in Hol­land der Ver­fol­gung aus­ge­setzt waren, wur­de bei die­ser „Recht­spre­chung“ nicht in Betracht gezo­gen, sie­he ebd. (11ff.).

Laut GENI ist er 2004 in Kap­stadt ver­stor­ben. Mit sei­ner Frau, der aus Wies­ba­den stam­men­den Ursu­la Suse Levi­ta, gebo­ren am 19.7.1928, hat­te er die bei­den Kin­der Derek und Jof­fe. Derek und sei­ne Frau haben selbst eben­falls zwei Kin­der, aus deren jewei­li­gen Ehen wie­der­um ins­ge­samt drei Kin­der her­vor­ge­gan­gen sind. Sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​c​a​n​v​a​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​5​1​4​3​1​3​6​0​899. (Zugriff: 16.11.2019).

[59] Idstei­ner Zei­tung vom 8.11.1938, zitiert nach Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein, S. 89.

[60] Sie­he zu den Ereig­nis­sen aus­führ­lich Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein, S. 88–110. Wesent­li­che Grund­la­ge der Dar­stel­lung ist das Gerichts­ver­fah­ren gegen Gethöf­fer, das im Okto­ber 1948 vor dem Land­ge­richt Wies­ba­den statt­fand. Gethöf­fer wur­de wegen Land­frie­dens­bruch in Tat­ein­heit mit gemein­schäd­li­cher Sach­be­schä­di­gung zu einem Jahr und drei Mona­ten Zucht­haus ver­ur­teilt, sie­he Moritz; Noam, NS-Ver­bre­chen vor Gericht, S. 178–185.

[61] HHStAW 418 1564.

[62] Reichs­po­grom­nacht 1938 in Idstein, S. 105, dazu HHStAW 418 1564 (o.P.).

[63] HHStAW 518 22699 (25).

[64] HHStAW 519/​3 17868 (1).

[65] HHStAW 518 22699 (10) Dem­nach waren 4.000 DM von den Käu­fern nach­ge­zahlt wor­den, der Ein­heits­wert des Hau­ses hat­te beim Ver­kauf 8.900 RM betra­gen, sie­he HHStAW 518 22690 (60). Ein wei­te­rer Gar­ten war damals eben­falls ver­kauft wor­den und auch hier kam es zu einer Nach­zah­lung von 600 DM.

[66] HHStAW 518 25289 (3).

[67] HHStAW 518 22699 (75).

[68] Ebd. (75 f).

[69] Im Ster­be­re­gis­ter der Stadt Frank­furt 2041 /​ 1938 ist aller­dings als Todes­ur­sa­che „Kreis­lauf­schwä­che, Hirn­ader­ver­kal­kung“ ein­ge­tra­gen. Im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ist bei ihr als Todes­ur­sa­che Selbst­mord ange­ge­ben. Laut Zeit­zeu­gen­be­rich­ten sol­len Frau­en des Ortes wäh­rend des Pogroms die Sprit­ze der Feu­er­wehr auf das Fens­ter des Nathan’schen Hau­ses gerich­tet haben, sobald sich die geis­tig ver­wirr­te und völ­lig ver­ängs­tig­te Wit­we dahin­ter gezeigt habe. Brief vom 18.2.2013 von Ger­hard Buck, Idstein, an Georg Schnei­der vom Akti­ven Muse­um Spie­gel­gas­se. Ande­re Zeit­zeu­gen wie­der­um behaup­te­ten, Rebec­ca Löwen­stein sei Anfang der 1940er Jah­re noch in Esch gese­hen wor­den, „so u.a. der Zeit­zeu­ge Hel­mut Wald in einem Zei­tungs­be­richt vom Mai 2016. Dem­nach habe Rebec­ca bis 1942 in Nathans Haus gewohnt und sei erst dann, über 90-jäh­rig, nach Idstein über­stellt wor­den. Von dort habe sie wohl hin und wie­der ver­sucht, bis nach Esch zu lau­fen, und wäre bei einem die­ser Ver­su­che dann letzt­end­lich ver­stor­ben.“ Sie­he https://​esch​-tau​nus​.de/​?​t​a​g​=​l​o​e​w​e​n​s​t​ein. (Zugriff: 17.11.2019). Ange­sichts des Todes­ein­trags in Frank­furt scheint die­ses Gerücht aber auf kei­nen Tat­sa­chen zu beruhen.

[70] HHStAW 518 2589 (14).

[71] In den bio­gra­phi­schen Anga­ben ihrer Schwes­ter, gemacht im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens, bleibt die­ser Schul­be­such uner­wähnt, die Anga­ben des Magis­trats Idstein, Ruth Löwen­stein habe sich am 18.4.1937 nach Frank­furt, Quin­kestr. 20 abge­mel­det spricht aber für die­se Ver­mu­tung, denn die genann­te Wohn­adres­se stimmt mit der der Schu­le über­ein. Sie­he ebd. (11, 13). Den Hin­weis auf die­se Über­ein­stim­mung ver­dan­ke ich Frau Nie­mann vom Stadt­ar­chiv Idstein.

[72] Ebd. (13). In der Mit­tei­lung des Magis­trats der Stadt Wies­ba­den vom 6.6.1966 heißt es, dass Ruth Löwen­stein „seit Geburt bis 17.4.1937 hier, Löher­gas­se 6, wohn­haft (war). Am 18.4.1937 ist sie nach Frank­furt /​ Main, Quin­kestr. 20, ver­zo­gen. Am 7.4.1938 ist die Genann­te erneut hier zuge­zo­gen und hat sich am 30.12.1938 wie­der­um nach Frank­furt /​Main, Bart­tonn­stra­ße 10, abgemeldet.“

[73] HHStAW 519/​3 (8–14).

[74] Ebd. (8).

[75] Nach Infor­ma­ti­on von Frau Nie­mann vom Stadt­ar­chiv Idstein bewohn­te Clot­hil­des Fami­lie die Haartsch­stra­at 86, ihre Eltern das Haus mit der Num­mer 64.

[76] HHStAW 518 2269 (7, 8). In Aal­ten sind die Grab­stei­ne der bei­den auf dem dor­ti­gen jüdi­schen Fried­hof nach Aus­kunft von Frau Nie­mann, Stadt­ar­chiv Idstein, bis heu­te erhal­ten geblieben.

[77] Ebd. (15, 19), dazu https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​2​6​8​8​2​4​&​i​n​d​=11. (Zugriff: 19.11.2019).

[78] Auch die­se Infor­ma­ti­on ver­dan­ke ich den Recher­chen von Frau Nie­mann vom Stadt­ar­chiv Idstein.

[79] GENI gibt als Todes­tag den 18.9.2011 an, https://​www​.geni​.com/​p​e​o​p​l​e​/​C​l​o​t​h​i​l​d​e​-​J​o​s​e​p​h​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​6​7​5​6​3​6​9​473, (Zugriff: 17.11.2019)., MyHe­ri­ta­ge den 25.12.2007, sie­he https://​www​.myhe​ri​ta​ge​.de/​n​a​m​e​s​/​c​l​o​t​h​i​l​d​e​_​j​o​s​e​phs (Zugriff: 17.11.2019).

[80] Die fol­gen­den Aus­füh­run­gen beru­hen zu einem gro­ßen Teil auf den Recher­chen der Stol­per­stein­grup­pe Neu­wied, sie­he http://stolpersteine-neuwied.de/index.php/component/content/article/8‑personenbeitraege/79-hermann-selma?Itemid=108. (Zugriff: 9.11.2019).

[81] GENI gibt als ihr Geburts­da­tum den 9. April 1922 an, sie­he https://​www​.geni​.com/​p​e​o​p​l​e​/​E​d​i​t​h​-​L​i​e​s​e​-​D​e​c​a​s​t​r​o​/​6​0​0​0​0​0​0​0​3​7​7​7​7​3​9​0​643. (Zugriff: 19.11.2019).

[82] Sie­he https://​www​.jewish​gen​.org/​f​o​r​g​o​t​t​e​n​c​a​m​p​s​/​C​a​m​p​s​/​B​l​e​c​h​h​a​m​m​e​r​E​n​g​.​h​tml. (Zugriff: 19.11.2019).

[83] Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[84] http://www.tenhumbergreinhard.de/1933–1945-lager‑1/1933–1945-lager‑r/rozdzien-szopienice-schoppinitz.html, (Zugriff: 19.11.2019).

[85] Anga­ben nach GENI, sie­he https://​www​.geni​.com/​p​e​o​p​l​e​/​E​d​i​t​h​-​L​i​e​s​e​-​D​e​c​a​s​t​r​o​/​6​0​0​0​0​0​0​0​3​7​7​7​7​3​9​0​643. (Zugriff: 19.11.2019). (Zugriff: 19.11.2019).

[86] Die Aus­füh­run­gen zur Fami­lie von Rosa Löwen­stein beru­hen zu einem beträcht­li­chen Teil eben­falls auf den Recher­chen der Stol­per­stein­grup­pe Neu­wied, sie­he http://​www​.stol​per​stei​ne​-neu​wied​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​i​d​=​229. (Zugriff: 19.11.2019).

[87] Hei­rats­re­gis­ter Esch 5 /​ 1910.

[88] Die Doku­men­te des dra­ma­ti­schen Schick­sals die­ser Fami­lie wur­den dem US-Holo­caust Muse­um über­ge­ben und kön­nen unter der fol­gen­den Adres­se online ein­ge­se­hen wer­den: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn30474#?rsc=139054&cv=0&c=0&m=0&s=0&xywh=-1237%2C-152%2C4611%2C3021. (Zugriff: 19.11.2019). Auf die­sen Doku­men­ten beru­hen auch die hier gemach­ten Ausführungen.

[89] Die Geburts­an­ga­ben beru­hen auf dem Ein­trag in den Reisepässen.

[90] https://www.wikitree.com/wiki/L%C3%B6wenstein-211, und https://www.wikitree.com/wiki/Anschel‑2. (Zugriff: 9.11.2019).

[91] https://www.wikitree.com/wiki/L%C3%B6wenstein-191. (Zugriff: 19.11.2019).

[92] https://www.wikitree.com/wiki/L%C3%B6wenstein-195. (Zugriff: 19.11.2019).