Familie Gatterer


Juden Judenhaus Wiesbaden Adelheidstr. 94
Die Adel­heidstr. 94 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Adelheidstr 94, Judenhaus, Wiesbaden
Lage des Hauses
Adelheidstr. 94, Judenhaus Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses

 

 

 

 

 


Die ers­te Fami­lie, die als Bewoh­ner die­ses Hau­ses von den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zwangs­um­sied­lun­gen betrof­fen war, lan­ge bevor das Kon­zept der Juden­häu­ser rea­li­siert wur­de, war die aus dem etwa 30 km süd­lich von Kra­kau gele­ge­nen Städt­chen  Dob­cy­ca stam­men­de Fami­lie Gat­te­rer, die die pol­ni­sche Staats­bür­ger­schaft besaß.[1] Aus die­sem Grund wur­de sie zu Opfern der staat­li­chen Maß­nah­men, die sich im Vor­feld der Ereig­nis­se um die Reichs­po­grom­nacht gegen die pol­nisch-jüdi­sche Bevöl­ke­rung rich­te­ten. Die Fami­lie hat zwar nicht mehr in dem Juden­haus Adel­heidstr. 94. gelebt, aber sie hat den­noch das Schick­sal der spä­te­ren Bewoh­ner geteilt. Des­we­gen soll an die­ser Stel­le auch ihrer gedacht werden.

Josef Gatterer, Ida Gatterer, Amalie Gatterer, Reisel Gatterer, Jakob Gatterer, Israel Artur Gatterer, Benjamin Gatterer, Leib Gatterer, Leon Gatterer, Max Gatterer, Judenhäuser Wiesbaden, Adelheidstr. 94
Stamm­baum der Fami­lie Gat­te­rer
(GDB-PLS)

Der am 1. Mai 1868 gebo­re­ne Kauf­mann Josef Gat­te­rer hat­te die eben­falls in Dob­cy­ca am 31. Okto­ber 1872 gebo­re­ne Ides /​ Ida /​ Idel Wolf gehei­ra­tet. Noch in Polen waren auch die ers­ten vier der ins­ge­samt sie­ben Kin­der zur Welt gekom­men: Ama­lie am 20. Okto­ber 1899, Rei­sel /​ Rachel um das Jahr 1901, Jakob am 3. März 1902 und Isra­el Arthur am 26. Dezem­ber 1908. Danach muss die Fami­lie nach Wies­ba­den gezo­gen sein, denn das fünf­te Kind, Ben­ja­min, auch Ben­no genannt, kam dort am 23. Dezem­ber 1909 zur Welt. Es folg­ten am 11. April 1911 noch Leib /​ Leo und Max am 9. Sep­tem­ber 1913.[2]

Rachel war aber bereits im Jahr 1918 mit nur 17 Jah­ren ver­stor­ben. So wohn­te die acht­köp­fi­ge Fami­lie zunächst wohl in der Blü­cher­str. 6,[3] muss dann 1912 in die Goe­benstr. 19 und etwa 1918 in die Hell­mund­str. 52 gezo­gen sein. Mit der Adres­se des spä­te­ren „Juden­hau­ses“ Adel­heidstr. 94 ist sie erst­mals im Wies­ba­de­ner Adress­buch 1932/​33 ein­ge­tra­gen.[4]

In den jewei­li­gen Häu­sern betrie­ben die Gat­te­rers einen Han­del mit Tex­ti­li­en im wei­tes­ten Sin­ne, an dem auch die Kin­der auf unter­schied­li­che Wei­se betei­ligt waren. Die Anga­ben dazu sind nicht ganz klar, spie­geln ver­mut­lich die jewei­li­gen Geschäfts­schwer­punk­te wider. So gab das Finanz­amt Wies­ba­den an, Josef Gat­te­rer habe eine Sack­hand­lung betrie­ben. Die Stadt spricht von einer Sack- und Fell­hand­lung, die am 5. Novem­ber 1931 ange­mel­det und am 2. Febru­ar des fol­gen­den Jah­res eröff­net wor­den sei. Leo und Max sei­en unter der glei­chen Adres­se Inha­ber eines Wäsche­ge­schäfts gewe­sen. Inwie­weit die­se Geschäf­te gemein­sam betrie­ben wur­den, wuss­te auch das Finanz­amt nicht mehr, da die Akten der Betrie­be nicht mehr vor­han­den waren. Nach Aus­kunft der Stadt waren aber zumin­dest Isra­el Arthur und Max 1934 als Teil­ha­ber in das väter­li­che Geschäft ein­ge­tre­ten.[5]

Isra­el Arthur, der zweit­äl­tes­te Sohn, hat­te zuvor bei dem Metall­wa­ren­ge­schäft von Bert­hold Kahn in der Moritz­stra­ße eine Leh­re abge­schlos­sen, sich aber dann 1929 nach eige­nen Anga­ben mit einem „Eta­gen­ge­schäft“ für Tex­ti­li­en unter der Adres­se der Eltern in der Adel­heidstr. 94 selbst­stän­dig gemacht, sei­ne Kun­den besucht und Waren gegen Kre­dit ver­kauft.[6]

Nach Anga­ben der Aus­kunf­tei Blum, die das Geschäft als Sack­hand­lung bezeich­ne­te, habe Isra­el Arthur Gat­te­rer die ver­schie­de­nen Bäcke­rei­en der Stadt auf­ge­sucht und dort die gebrauch­ten Mehl­sä­cke erstan­den, um sie dann wie­der an eine ande­re Fir­ma, ‚Rie­sel & Sper­ber’, zu ver­kau­fen. Liest man die bei der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de 1956 vor­ge­leg­te Exper­ti­se der Aus­kunf­tei wei­ter, so ist man zunächst irri­tiert von der man­gel­haf­ten sprach­li­chen Aus­drucks­fä­hig­keit des Autors, noch mehr aber von sei­nen unver­hoh­len an die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ste­reo­ty­pe ange­lehn­ten Aus­sa­gen. „Die­se Tätig­keit erle­dig­te Herr Gat­te­rer ohne frem­de Hilfs­per­so­nen, wur­de von sei­ner kin­der­rei­chen Fami­lie unter­stützt. Das Geschäft war sehr beschei­de­ner Aus­deh­nung. Beson­de­re Geschäfts­räu­me waren nicht gemie­tet und wickel­te er das Geschäft in sei­ner 3 Zim­mer­woh­nung ab.
Es wur­de berich­tet, dass die­se Woh­nung sehr beschei­den aus­ge­stat­tet war, dass nur das nötigs­te vor­han­den war und, dass der Haus­ei­gen­tü­mer zum Umzug nach Adel­heidstr. 94 die Umzugs­kos­ten trug beson­ders um die Leu­te aus dem Haus zu bekom­men, da sie beson­ders schmut­zig waren.
Irgend­wel­che Wer­te besaß Herr Gat­te­rer nicht und leb­te er von der Hand zum Mund. Die Ein­nah­men über­schrit­ten nicht das Exis­tenz­mi­ni­mum und fand auch kei­ne steu­er­li­che Ver­an­la­gung statt.“
[7]

Ver­mut­lich spie­geln die­se Aus­sa­gen nicht nur das Bewusst­sein des Autors, son­dern auch das wei­ter Tei­le der deut­schen Öffent­lich­keit im Nach­kriegs­deutsch­land wider. Immer­hin muss­te der Schrei­ber zuletzt kon­sta­tie­ren, dass Isra­el Arthur Gat­te­rer sei­nen geschäft­li­chen Ver­pflich­tun­gen immer nach­ge­kom­men sei.

Noch recht­zei­tig war es ihm zunächst allei­ne gelun­gen, mit nur 10 RM in der Tasche, nach Frank­reich zu ent­kom­men. Ein lega­les Gewer­be aus­zu­üben, wur­de ihm hier nicht gestat­tet, und so leb­te er von den Ein­künf­ten sei­ner Frau Mari­on, gebo­re­ne Ams­ter, die er hier ken­nen­ge­lernt und gehei­ra­tet hat­te. Nach dem deut­schen Ein­marsch began­nen für ihn die Jah­re in der Ille­ga­li­tät. Im Som­mer 1940 lud ihn in Lyon die Frem­den­po­li­zei vor. Die­ser Auf­for­de­rung hat­te er sich ent­zo­gen, weil er zu Recht befürch­te­te, in das „Juden­la­ger“ Gurs über­führt zu wer­den. In den fol­gen­den Jah­ren leb­te die Fami­lie an ver­schie­de­nen Orten, kur­ze Zeit sogar in Niz­za, als die­ses noch von den Ita­lie­nern besetzt war. Als aber die Deut­schen auch in Süd­frank­reich ihren Ein­fluss gel­tend mach­ten, flo­hen sie zurück nach Lyon, wo sie sich zumin­dest aus­kann­ten. In einem ver­steck­ten Raum in einem Lager­haus über­leb­ten sie die fol­gen­den Jah­re in einer not­ge­drun­gen selbst­ver­ord­ne­ten Gefan­gen­schaft. Weder Bewoh­ner, noch Eigen­tü­mer wuss­ten etwas von ihrer Anwe­sen­heit. Nur sei­ne Frau Mari­on, die mit einem gefälsch­ten Pass aus­ge­stat­tet war, ver­ließ in die­ser Zeit das Ver­steck, Isra­el Arthur erst nach der Befrei­ung 1944.[8]

1948 ging er in die USA – ob allei­ne oder mit Fami­lie, ist nicht bekannt –, wo er eben­falls einen klei­nen Tex­til­han­del betrieb. Auch hier leb­te er in eher ärm­li­chen Verhältnissen.

 

Ben­ja­min, das ers­te in Wies­ba­den gebo­re­ne Kind der Gat­te­rers, hat­te einen Hau­sie­rer­ge­wer­be­schein erwor­ben und hat­te sich nach Anga­be der bereits genann­ten Aus­kunf­tei Blum mit einem ambu­lan­ten Tex­til­han­del selbst­stän­dig gemacht. Trotz sei­nes aner­kann­ten Flei­ßes sei­en die „finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se bei Herrn Ben­ja­min G. klein“ gewe­sen, er habe weder ein Lager noch wei­te­re Hilfs­kräf­te gehabt. „Ein bestimm­tes Ein­kom­men konn­te man nicht erken­nen. Herrn G. stell­te auch kei­ne beson­de­ren Ansprü­che und galt die gan­ze Fami­lie als unsau­ber“, so die satt­sam bekann­ten Cha­rak­te­ri­sie­run­gen des deut­schen Sau­ber­manns im Hau­se Blum.[9]

Auf wel­chen Zeit­raum sich die Aus­sa­ge der Aus­kunf­tei bezog, ist nicht ver­merkt. Ben­ja­min Gat­te­rer hat­te 1936 Gitel /​ Bei­le /​ Ber­ta Perl­mann gehei­ra­tet, deren Mut­ter, die Jüdin Hen­ny Perl­mann, eben­falls ein, aller­dings tra­di­ti­ons­rei­ches, seit 40 Jah­ren in der Fried­richstr. 50 bestehen­des Wäsche­ge­schäft betrieb.[10] In die­se Fir­ma war Ben­ja­min mit der Hei­rat ein­ge­tre­ten und zum Mit­in­ha­ber gewor­den. Die anti­se­mi­ti­schen Repres­sa­li­en führ­ten aber auch die­ses Geschäft in den Ruin, Außen­stän­de konn­ten nicht mehr ein­ge­trie­ben wer­den, und nach­dem die Schwie­ger­mut­ter Hen­ny Perl­mann 1937 aus ihrer Woh­nung ver­trie­ben wur­de, zog Ben­ja­min mit sei­ner Frau Gitel wie­der in die elter­li­che Woh­nung in der Adel­heidstr. 94. Hier­in nah­men sie ihre gesam­te Habe mit und von hier aus orga­ni­sier­ten sie noch recht­zei­tig ihre Flucht, zunächst nach Frank­reich, wo sie ohne Ein­kom­men, nur von Ver­wand­ten unter­stützt, bis 1941 blie­ben. Danach gelang ihnen die Über­fahrt nach Eng­land, von wo aus sie 1947 in die USA emi­grier­ten.[11].

 

Ama­lie, die ältes­te der Kin­der von Josef und Ida Gat­te­rer, hat­te Deutsch­land bereits ver­las­sen, bevor die Nazis an die Macht gekom­men waren. Aber letzt­lich muss­te auch sie in Frank­reich das Schick­sal ihrer spä­ter geflo­he­nen Brü­der tei­len und über­leb­te nur mit aller­größ­tem Glück die Ver­fol­gun­gen im fran­zö­si­schen Exil.

Am 16. März 1928 hat­te sie in Wies­ba­den Her­mann Eisen­kraft gehei­ra­tet und war mit ihm bereits 1930 nach Col­mar in Frank­reich aus­ge­wan­dert. Beim Ein­rü­cken der deut­schen Trup­pen muss­te sie mit den inzwi­schen gebo­re­nen drei klei­nen Kin­dern zunächst nach Paris flüch­ten, wo sie sich ver­steckt hiel­ten. Noch kurz vor dem Waf­fen­still­stand im Juni 1940 fiel ihr Mann im Kampf gegen die deut­schen Trup­pen im Alter von 39 Jah­ren. Sie floh erneut mit den Kin­dern, dies­mal nach Lyon, wohin es inzwi­schen auch ihren Bru­der Isra­el Arthur ver­schla­gen hat­te.[12] Ihr Leben in der Ille­ga­li­tät schil­der­te sie im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens 1965 folgendermaßen:

„In Lyon führ­ten wir ein schreck­li­ches Leben. Wir wohn­ten zu viert in einem sogen. Chambre Gar­ni rue de Sèze 94. Ein sehr schlech­tes unge­sun­des Zim­mer. Bis zum Som­mer 1942 leb­ten wir in Lyon unbe­hel­ligt. Dann aber wur­de Lyon besetzt und die Raz­zi­en setz­ten ein. Wir wag­ten nicht mehr, im Zim­mer zu blei­ben, da öfters die Gesta­po im Hau­se war. Wir muss­ten tage­lang in den Stras­sen her­um­ir­ren mit fal­schen Per­so­nal­aus­wei­sen. Wir hat­ten kei­ne Lebens­mit­tel­kar­ten. Auch leb­ten wir in stän­di­ger Angst vor Ent­de­ckung. Im Jah­re 1943 hat­te ich end­lich die Gele­gen­heit, zwei jün­ge­re Kin­der nach der Schweiz zu schi­cken. So war ich mit mei­ner ältes­ten Toch­ter allein, und wir leb­ten in einem schreck­li­chen Zustand, der sich von Tag zu Tag ver­schlim­mer­te. Wir konn­ten des nachts nicht mehr im Zim­mer blei­ben und hat­ten auch nichts zum Essen. Gute Freun­de unter­stütz­ten uns, dass wir gera­de nicht zu ver­hun­gern brauch­ten. Selbst­ver­ständ­lich hat die­ser Zustand schreck­lich auf unse­re Gesund­heit gewirkt. Mei­ne Toch­ter liegt lei­der bis zum heu­ti­gen Tage in einer Ner­ven­heil­an­stalt, und ich sel­ber lei­de gesund­heit­lich sehr. So leb­ten wir bis zur Befrei­ung 1944.“[13]

In einem win­zi­gen Zim­mer ohne Licht und nur mit einem Bett gelang es ihr mit ihren drei Kin­dern irgend­wie, die­se Zeit zu überstehen.

 

Auch der ältes­te Bru­der, Jakob, hat­te noch recht­zei­tig den Weg aus Deutsch­land gefun­den und war eben­falls in Frank­reich unter­ge­taucht. Wie es ihm gelang, in Col­mar zu über­le­ben, ist aller­dings nicht bekannt.

 

Die übri­gen Fami­li­en­mit­glie­der fie­len dem Holo­caust zum Opfer. Ohne Zwei­fel hat­ten alle Gat­te­rers schon lan­ge unter den Boy­kott­ak­tio­nen zu lei­den gehabt und leb­ten längst in völ­li­ger Unsi­cher­heit, was ihre wirt­schaft­li­che Lage betraf. Mit dem Kon­flikt zwi­schen Polen und dem Deut­schen Reich um den Sta­tus der jüdi­schen Bevöl­ke­rung mit pol­ni­schem Pass wur­den sie end­gül­tig zum Spiel­ball der bei­den anti­se­mi­ti­schen Régime. Auch sie wur­den am 25. Okto­ber 1938 nach Polen abge­scho­ben. Unter Zurück­las­sung ihrer gesam­ten Habe, mit nur 10 RM pro Kopf, wur­den sie über die Gren­ze gebracht.

Nur Leo wur­de gestat­tet zur Abwick­lung des Geschäfts noch ein­mal nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren. Vom Kriegs­aus­bruch über­rascht, wur­de er inhaf­tiert und in das KZ Sach­sen­hau­sen ein­ge­lie­fert. Hier ver­lie­ren sich alle Spuren.

Max Gatterer
Kar­tei­kar­te für Max Gat­te­rer aus dem Ghet­to Kra­kau mit der Umsied­lungs­an­wei­sung nach Tar­now
https://​cbj​.jhi​.pl/​d​o​c​u​m​e​n​t​s​/​8​6​8​9​1​5​/0/

Auch die Eltern und der jüngs­te Bru­der Max waren seit der Aus­wei­sung ver­schol­len. Wann sie wo ergrif­fen und in wel­chem Lager sie von den Nazis umge­bracht wur­den, war unmit­tel­bar nach dem Krieg nicht bekannt.[14] Inzwi­schen weiß man aber, dass sie alle drei am 11. März 1941 von Kra­kau in das nahe gele­ge­ne Lager Slot­wi­na-Brzes­ko ver­bracht und dort ermor­det wur­den[15]

 

Im Zusam­men­hang mit den Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren der Fami­lie Gat­te­rer soll eine gera­de­zu unglaub­li­che Behör­den­will­kür nicht uner­wähnt blei­ben. Bei der Berech­nung des „Scha­dens im beruf­li­chen Fort­kom­men“ woll­te die Behör­de bei den über­le­ben­den Kin­dern nur den Zeit­raum zwi­schen 1934 und Okto­ber 1938, dem Datum der Aus­wei­sung, als ent­schä­di­gungs­re­le­vant aner­ken­nen. Denn – so der Bescheid — bei der Aus­wei­sung habe es sich um kei­ne „rechts­staat­li­che Grund­sät­ze ver­let­zen­de nat.soz. Gewalt­mass­nah­me im Sin­ne der §§ 1, 2 BEG (gehan­delt), son­dern um einen aus­län­der­po­li­zei­li­chen Akt auf Grund eines zwi­schen der deut­schen Reichs­re­gie­rung und der pol­ni­schen Regie­rung in den dreis­si­ger Jah­ren getrof­fe­nen Abkom­mens.“[16]

Ähn­lich argu­men­tier­te man im Ver­fah­ren von Ben­ja­min Gat­te­rer. Hier wur­de gesagt, dass der Ent­schä­di­gungs­zeit­raum nur bis zum 31. August 1940 gehe, weil danach allen Polen, unab­hän­gig von ihrer Ras­se­zu­ge­hö­rig­keit, die Aus­übung gewerb­li­cher Tätig­kei­ten ver­bo­ten wur­de. Des­we­gen sei­en die Maß­nah­men nicht als „ras­si­sche“ Ver­fol­gungs­maß­nah­men anzu­se­hen.[17] Erst das OLG Frank­furt hat spä­ter die­se unglaub­li­che Auf­fas­sung revi­diert.[18]

 

Ver­öf­fent­licht: 12. 11. 2017

Letz­te Ände­rung: 6. 4. 2020

 

 

« zurück                               wei­ter »


 

Anmer­kun­gen:

 

[1] Zu Dob­cy­ca sie­he https://​sztetl​.org​.pl/​d​e​/​s​t​a​d​t​e​/​d​/​8​8​8​-​d​o​b​c​z​y​c​e​/​9​9​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​1​3​7​2​3​9​-​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​-​d​e​r​-​g​e​m​e​i​nde. (Zugriff: 6.4.2020). In Dob­cy­ca gab es ver­mut­lich seit dem 16. Jahr­hun­dert ver­ein­zel­te jüdi­sche Bewoh­ner, aber erst Ende des 19. Jahr­hun­derts grün­de­te sich dort eine Gemein­de, die vor dem Ers­ten Welt­krieg einen Bevöl­ke­rungs­an­teil von etwa 11 Pro­zent aus­mach­te. Der wirt­schaft­li­che Erfolg der jüdi­schen Bewoh­ner als Hand­wer­ker, beson­ders Ger­ber, Händ­ler, Wir­te und auch Unter­neh­mer, hat­te immer wie­der zu anti­se­mi­ti­schen Aktio­nen geführt. Es könn­te sein, dass Joseph Gat­te­rer mit sei­ner Fami­lie ange­sichts die­ser wie­der­keh­ren­den Bedro­hun­gen damals nach Deutsch­land geflo­hen war. Als die Deut­schen 1939 Polen besetz­ten, errich­te­ten sie in Dob­cy­ca ein Arbeits­la­ger­re­gime. Im August 1942 wur­den die noch leben­den Juden zunächst in das Ghet­to Wie­licz­ka und von da aus am 27.8.1942 nach Belcec ver­bracht und ermordet.

[2] Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wies­ba­den. Vor dem Hin­ter­grund die­ses Geburts­ver­laufs ist es frag­lich, ob die Anga­be der Toch­ter Ama­lie Eisen­kraft stimmt, die Fami­lie sei bereits 1901 oder 1902 nach Wies­ba­den gekom­men, sie­he HHStAW 518 749 (22).

[3] Im Wies­ba­de­ner Adress­buch ist sie 1907 erst­mals ver­zeich­net, und zwar mit die­ser Adresse.

[4] Fälsch­li­cher­wei­se gibt die Ama­lia Eisen­kraft in dem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren als Adres­se der Fami­lie immer die Adel­heidstr. 84 an, sie­he HHStAW 518 749.

[5] HHStAW 518 749 (25, 38).

[6] HHStAW 518 53906 (6).

[7] HHStAW 518 53906 (8).

[8] Sie­he zum Schick­sal von Isra­el Arthur und sei­ner Fami­lie die eides­statt­li­chen Erklä­run­gen von ihm selbst und von sei­ner Schwes­ter Ama­lie, HHStAW 518 53906 (6, 33 f., 35).

[9] HHStAW 518 53909 (21) Ver­mut­lich stammt auch die­se Wer­tung von der glei­chen Hand wie die über den Bru­der Isra­el Arthur.

[10] Der Ehe­mann von Hen­ny Perl­mann, Abra­ham Isaac Perl­mann, war bereits am 14.8.1931 im Alter von 62 Jah­ren ver­stor­ben. Bei­le /​ Gitel brach­te die Toch­ter Sabi­ne und den Sohn Max mit in die Ehe, die bei­de nicht ehe­lich gebo­ren wor­den waren. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit war der Vater von Sabi­ne Naf­ta­lie Rot­ten­berg, der frü­he­re, eben­falls aus Gali­zi­en stam­men­de Lebens­ge­fähr­te von Bei­le /​ Gitel. Zumin­dest ist er im Geburts­ein­trag von Sabi­ne zunächst als Ehe­mann ein­ge­tra­gen, dann aller­dings wie­der gestri­chen wor­den, da die bei­den – wie unter Ost­ju­den des Öfte­ren der Fall – nur nach jüdi­schem Ritus, aber nicht stan­des­amt­lich gehei­ra­tet hat­ten. Für Max gibt es einen sol­chen Ein­trag aller­dings nicht, was aber nicht aus­schließt, dass Naf­ta­lie Rot­ten­berg eben­falls des­sen Vater war. Wäh­rend der am 25. 10.1918 in Wies­ba­den gebo­re­nen Toch­ter Sabi­ne spä­ter die Flucht nach Paläs­ti­na gelang, ver­starb der am 27.4.1922 eben­falls in Wies­ba­den gebo­re­ne Max am 22.8.1931 im Alter von nur neun Jah­ren im Jüdi­schen Kran­ken­haus in Frank­furt. Er hat­te vor sei­nem Tod im Jüdi­schen Wai­sen­haus im Frank­fur­ter Röder­berg­weg 87 gelebt. Sie­he Ster­be­re­gis­ter Frank­furt V 789 /​ 1931.
Naf­ta­lie Rot­ten­berg wie­der­um ist für das Wies­ba­de­ner Juden­tum in zwei­fa­cher Wei­se von beson­de­rer Bedeu­tung. Er war der ein­zi­ge Jude Wies­ba­dens, der, ver­steckt und beschützt von der Fami­lie sei­ner zwei­ten, nicht­jü­di­schen Frau Sophie Eli­sa­beth Dell­er in der Adolfstr. 14 die Nazi­zeit von 1939 bis 1945 über­leb­te. Er war es auch, der dann nach dem Ende der Dik­ta­tur die Neu­grün­dung der jüdi­schen Gemein­de in Wies­ba­den initi­ier­te und des­halb spä­ter zu deren Ehren­prä­si­dent ernannt wurde.

[11] HHStAW 518 748 (8, 24).

[12] HHStAW 518 749 (6).

[13] HHStAW 518 749 (65f). Die­se Schil­de­rung wur­de in den Akten von ver­schie­de­nen Per­so­nen bestä­tigt. Auch die gesund­heit­li­chen Fol­gen für Frau Ama­lie Eisen­kraft sind hier ärzt­lich attes­tiert, sie­he ebd. (74).

[14] Nicht ganz stim­mig erschei­nen die Aus­sa­gen von Ama­lie Eisen­kraft im eige­nen Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren. Hier gab sie 1954 an, dass „im Jah­re 1938 mei­ne Eltern und mei­ne Brü­der in KZ Lagern inter­niert (wur­den).
Im Jahr 1939 nach Aus­bruch des Krie­ges mit Polen wur­den mei­ne Eltern sowie mei­ne Brü­der abge­scho­ben, … Schließ­lich wur­den alle nach Polen depor­tiert, wo sie alle umge­kom­men sind, mit Aus­nah­me von Leon, der in Deutsch­land in einem KZ Lager umge­kom­men ist.“
Sie­he HHStAW 518 749 (20).

[15] https://​www​.ancestry​.de/​s​e​a​r​c​h​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​1​4​9​5​/​?​n​a​m​e​=​_​G​a​t​t​e​r​e​r​&​n​r​e​g=1. (Zugriff: 6.4.2020) Zwar ist auf der Kar­te von Max Gat­te­rer als Ziel­ort Tar­now ange­ge­ben, das aber nur etwa 30 km von Brzes­ko ent­fernt liegt und die grö­ße­re Stadt ist. Auf der Trans­port­lis­te vom 11.3.1941 von Kra­kau nach Slot­wi­na-Brzes­ko ist er dann zusam­men mit sei­nen Eltern  Josef und Ides Gat­te­rer auf­ge­führt. Die Trans­port­lis­te kann unter The Jewish­Gen Holo­caust Data­ba­se nach Regis­trie­rung gefun­den wer­den. Zum Ghet­to von Brzes­ko sie­he https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​B​r​z​e​s​k​o​_​G​h​e​tto. (Zugriff: 6.4.2020).

.[16] HHStAW 518 44834 (27).

[17] HHStAW 518 748 (27).

[18] HHStAW 518 44834 (35, 36, 38,39, 41,42, 51).