Hedwig Loeb


Judenhaus Alexandrastr. 6 Wiesbaden, Albert Frank
Das Juden­haus Aex­and­rastr. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Lage des Juden­hau­ses
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Alex­and­rastr. 6

 

 

 

 

Zwar war Wil­helm Drey­er der ers­te Bewoh­ner der Alex­and­rastr. 6, der dem Nazi Ter­ror zum Opfer gefal­len war, Hed­wig Loeb war aber die­je­ni­ge, die als ers­te in das Juden­haus ein­ge­zo­gen und dann auch von dort „nach dem Osten“ depor­tiert und ermor­det wurde.

Wann Hed­wig Loeb nach Wies­ba­den gekom­men war, ist nicht mehr genau fest­stell­bar. Aber auch sie wird wie vie­le ande­re Juden aus dem Umland spä­tes­tens Ende der Drei­ßi­ger­jah­re der wach­sen­den anti­se­mi­ti­schen Het­ze in den Land­ge­mein­den ent­flo­hen sein. Sie stamm­te aus Staf­fel bei Lim­burg, wo sie am 23. Febru­ar 1903 gebo­ren wor­den war.[1] Ihr Vater, der Vieh­händ­ler Rapha­el Felix Loeb, kam aus Könen bei Trier, dem heu­ti­gen Konz-Könen, wo er am 18. Sep­tem­ber 1873 zur Welt gekom­men war. [2] Ihre Mut­ter war die am 10. Juli 1873 in Gau­dern­bach bei Weil­burg gebo­re­ne Johan­na Kron, genannt Han­ne­le. Am 6. Dezem­ber 1899 hat­ten die bei­den in Lim­burg die Ehe geschlossen.

Die Mut­ter von Felix Loeb war die damals noch ledi­ge Bar­ba­ra /​ Ber­ta Levy, die aber sechs Jah­re spä­ter den Vater ihres Soh­nes, den Vieh­händ­ler Isaak Loeb aus Enkirch bei Tra­ben-Trar­bach, hei­ra­te­te. Am 25. Janu­ar 1881 wur­den dort noch Johan­na und am 19. April 1884 Ber­tha Eli­se gebo­ren.[3]

Raphael Felix Loeb Löb, Johanna Hannchen Kron Loeb Löb, Emil Loeb Löb, Clara Loeb Löb, Hedwig Löb Loeb, Julius Loeb Löb, Katharina Schalenberger Loeb, Frieda Loeb Löb, Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Stamm­baum der Fami­lie Loeb /​ Löb
GDB

Am 5. Dezem­ber 1899 ehe­lich­te Felix Loeb in Lim­burg die am 10. Juli 1873 gebo­re­ne Johan­na Kron, die damals schon in Staf­fel bei Lim­burg wohn­te, aber aus dem etwa 20 km ent­fern­ten Gau­dern­bach bei Weil­burg kam.[4]

Neben Hed­wig, die ledig blieb, hat­te das Paar noch vier wei­te­re Kin­der, die alle in Staf­fel am Schul­platz 26 ihre Kind­heit ver­brach­ten. Die zweit­äl­tes­te Toch­ter Kla­ra ver­starb aller­dings bereits 1903 im Alter von nicht ein­mal zwei Jah­ren.[5] Der ältes­te Sohn Emil, gebo­ren am 27. August 1900, trat beruf­lich in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters und Groß­va­ters und wur­de Vieh­händ­ler, zunächst im elter­li­chen Geschäft, dann nach sei­ner Hei­rat 1930 in Diez an der Lahn.[6] 1936 wird er zur Auf­ga­be sei­nes Han­dels gezwun­gen. Zwar gelingt es der Fami­lie 1937 zunächst, nach Frank­reich zu ent­kom­men, aber infol­ge der deut­schen Beset­zung 1940 wird die Fami­lie aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Alle drei wer­den Opfer des NS-Ter­rors. Die Mut­ter stirbt bereits 1940 durch „Kriegs­ein­wir­kun­gen“,[7] Vater und die zehn­jäh­ri­ge Toch­ter wer­den durch unbe­kann­te Umstän­de von­ein­an­der getrennt und unab­hän­gig von­ein­an­der zunächst nach Dran­cy, dann nach Ausch­witz ver­schleppt und umge­bracht.[8]

Die jüngs­te Schwes­ter von Hed­wig Loeb, die am 28. Novem­ber 1906 gebo­re­ne Frie­da, ver­starb am 27. Janu­ar 1941 im Jüdi­schen Kran­ken­haus in der Gagern­str. 36 an einer epi­de­mi­schen Gehirn­haut­ent­zün­dung.[9] Sie hat­te dort zuletzt in der West­end­str. 78 im zwei­ten Stock gewohnt, wo sie als Haus­ge­hil­fin tätig war.

Auch der jün­ge­re Bru­der von Hed­wig, der am 10. Juni 1904 in Staf­fel gebo­re­ne Juli­us Loeb, wur­de Opfer des NS-Regimes. Im Unter­schied zu allen sei­nen Geschwis­tern war es ihm aber durch glück­li­che Fügung gelun­gen, die ins­ge­samt sechs Lager, in die er zwi­schen 1935 und 1945 ein­ge­wie­sen wor­den war, zu über­le­ben – sogar Ausch­witz. Als Zeu­ge im Ausch­witz-Pro­zess berich­te­te er von sei­nem Schick­sal, das ihn zuletzt dort­hin geführt hat­te.[10] Aber wie unan­ge­bracht Wor­te wie „Glück“ oder „glück­li­che Fügung” im Zusam­men­hang mit der Geschich­te eines Über­le­ben­den von Ausch­witz in Wirk­lich­keit sind, offen­bart die Tat­sa­che, dass er sich noch 33 Jah­re nach sei­ner Befrei­ung das Leben nahm.

Hedwig Loeb Löb
Haft­zei­ten von Juli­us Loeb
HHStAW 518 2832 IV (17)

Er war wie die Geschwis­ter in Staf­fel auf­ge­wach­sen, hat­te hier die Schu­le besucht und im benach­bar­ten Lim­burg eine Aus­bil­dung als kauf­män­ni­scher Ange­stell­ter abge­schlos­sen. Bis 1935 war er an unter­schied­li­chen Stand­or­ten für die Fir­ma Bam­ber­ger & Herz beschäf­tigt, ver­lor aber sei­nen Arbeits­platz, als das Unter­neh­men 1935 ari­siert wur­de. Noch im glei­chen Jahr wur­de er erst­mals von der Gesta­po fest­ge­nom­men und für ein hal­bes Jahr in Dach­au inter­niert. Abge­se­hen von einer kurz­fris­ti­gen Anstel­lung bei einer jüdi­schen Fir­ma in Lim­burg, die aber eben­falls bald ari­siert wur­de, fand er nach sei­ner ers­ten Inhaf­tie­rung kei­ne Arbeit mehr. Der Bür­ger­meis­ter von Staf­fel muss dabei eine üble Rol­le gespielt haben. Er erreich­te, dass das Arbeits­amt ihn nicht mehr regis­trie­ren woll­te und sogar sei­ne ari­sche Frau spä­ter ihren Arbeits­platz ver­lor.[11] Jeden Tag hat­te er sich zumin­dest für eine gewis­se Zeit bei der Poli­zei in Staf­fel zu mel­den. Im Gefol­ge der Reichs­po­grom­nacht wur­de er in Wies­ba­den erneut ver­haf­tet und dies­mal bis zum Febru­ar 1939 in Buchen­wald ein­ge­ker­kert. Nur die Bereit­schaft, aus Deutsch­land aus­zu­wan­dern, führ­te zu sei­ner Frei­las­sung. Sei­ne Frau hat­te die not­wen­di­gen Papie­re für eine Aus­rei­se nach Hol­land bereits beschafft. Aber kaum hat­te er die Gren­ze über­schrit­ten, wur­de er auch hier inter­niert, zunächst in Zeebur­ger Dyk bei Ams­ter­dam, dann in Slu­is in der Pro­vinz Zee­land, und nach dem Über­fall der deut­schen Trup­pen im Mai 1940 im Lager Wes­ter­borg. Anders als die hol­län­di­schen Juden, die man hier bis zu ihrer Depor­ta­ti­on in die Ver­nich­tungs­la­ger sam­mel­te, wur­de er als Part­ner in einer „pri­vi­le­gier­ten Misch­ehe“ Mit­te 1942 wie­der ent­las­sen und konn­te bis Ende 1943 in einer Klei­der­fa­brik in Ams­ter­dam arbei­ten. Dann wur­de er erneut nach Wes­ter­borg ver­bracht. Mit dem letz­ten Trans­port aus Wes­ter­borg am 5. Sep­tem­ber 1944 gelang­te er mit etwa 1.800 Mit­ge­fan­ge­nen, dar­un­ter ca. 350 Kin­der, nach Ausch­witz-Bir­ken­au.[12] Bei der Selek­ti­on, durch­ge­führt von Dr. Men­ge­le unmit­tel­bar nach Ankunft auf der Ram­pe, habe die­ser etwa 350 als arbeits­fä­hig ange­se­hen, die übri­gen wur­den sofort in den Gas­kam­mern ermordet.

Julius Loeb Löb
Schild am Depor­ta­ti­ons­zug Wes­ter­bork — Auschwitz

Der zu „ver­wer­ten­de Rest“, zu dem auch Juli­us Loeb gehör­te – ihm war die Häft­lings­num­mer 195 356 noch in der­sel­ben Nacht in den Arm täto­wiert wor­den –, zog am nächs­ten Tag in das Stamm­la­ger. Wegen einer Erkran­kung wur­de Juli­us Loeb spä­ter in das Kran­ken­la­ger über­stellt. Das ret­te­te ihm und den ande­ren etwa 1000 Kran­ken die­ses Blocks auf wun­der­sa­me Wei­se das Leben.[13]

Nach der Befrei­ung durch die sowje­ti­sche Armee und wei­te­ren Auf­ent­hal­ten in Kat­to­witz und Kra­kau sei er nach Ostern 1945  „von den Rus­sen in Rich­tung Hei­mat in Marsch gesetzt“ wor­den.[14] Zuhau­se begann nun der Kampf mit den Behör­den um die Aner­ken­nung der erlit­te­nen Lei­den, um Ent­schä­di­gun­gen für die gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen und die finan­zi­el­len Ein­bu­ßen.[15] Dass Juli­us Loeb nach sei­ner Über­sied­lung nach Wies­ba­den in einem ehe­ma­li­gen Juden­haus, dem in der Adel­heidstr. 94, wohn­te, war ihm ver­mut­lich selbst nicht bewusst. Was er dort erle­ben muss­te, wird bei ihm den Ein­druck erweckt haben, dass der 8. Mai kei­ne wirk­li­che Zäsur bedeu­te­te, dass sich die Hal­tung gegen­über der jüdi­schen Bevöl­ke­rung in kei­ner Wei­se geän­dert hat­te, es neben den­je­ni­gen, die von allem nichts gewusst hat­ten, es auch wei­ter­hin die­je­ni­gen gab, die gegen­über den jüdi­schen Mit­bür­gern so frech und anma­ßend auf­tra­ten, wie weni­ge Jah­re zuvor. Einer Bewoh­ne­rin die­ses Hau­ses in der Adel­heidstr. 94, eine ehe­ma­li­ge NSDAP-Gefolgs­frau, die zuvor aus der Ver­trei­bung der frü­he­ren jüdi­schen Bewoh­ner ihren eige­nen Nut­zen gezo­gen hat­te, war von der Besat­zungs­be­hör­de gezwun­gen wor­den, ihre Woh­nung im drit­ten Stock zu räu­men und eine Eta­ge tie­fer zu zie­hen. Auch ihre „Akti­vis­ten­mö­bel“ hat­te sie Juli­us Loeb zumin­dest teil­wei­se zur Ver­fü­gung stel­len müs­sen. Sie streng­te nicht nur einen Pro­zess auf Her­aus­ga­be der Möbel gegen ihn an, ohne Scham und ohne einen Hauch der Reue bestand sie sogar auf der „Zah­lung eines Scha­den­er­sat­zes für die Beschä­di­gun­gen an den Möbeln, einer Abnut­zungs­ge­bühr und auf den Ersatz der (ihr) durch die Ent­zie­hung (ihres) Eigen­tums inzwi­schen ent­stan­de­nen Unkos­ten.“[16]

Es wer­den nicht nur die vie­len Toten gewe­sen sein – allein in sei­ner Fami­lie waren die Eltern, zwei Geschwis­ter und eini­ge Mit­glie­der der Fami­lie sei­ner Tan­te Opfer der Shoa gewor­den –, genau­so müs­sen ihn sol­che Brie­fe und auch die unsäg­li­chen und anma­ßen­den Schrei­ben der Behör­den, die sei­ne in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern erlit­te­nen Schä­den nicht aner­ken­nen woll­ten, zutiefst depri­miert und letzt­lich in den Tod getrie­ben haben. Am 6. Dezem­ber 1976 nahm er sich in Königs­brunn, sei­nem letz­ten Wohn­ort, das Leben.[17]

Hedwig Loeb Löb Judenhaus Wiesbaden Alexandrastr. 6
Haus und Laden von Hed­wig Loeb in Staf­fel
HHStAW 518 22578

Zu den Ver­wand­ten, die er ver­lo­ren hat­te, gehör­te auch sei­ne älte­re Schwes­ter Hed­wig, eine sehr eigen­stän­di­ge Frau, die bereits im Alter von gera­de mal 22 Jah­ren 1925 im Haus der Eltern einen Laden eröff­net hat­te, in dem – wie auf dem Land üblich – sowohl Lebens­mit­tel als auch Klei­dung und ande­re Güter des täg­li­chen Bedarfs ange­bo­ten wur­den. Die Geschäf­te lie­fen gut, Gewin­ne wur­den zumeist in den Aus­bau des Lagers inves­tiert, das nach Anga­ben des Bru­ders in den frü­hen Drei­ßi­ger­jah­ren einen Wert von ca. 75.000 RM gehabt haben soll. Etwa 1.000 RM soll das Geschäft monat­lich abge­wor­fen haben.[18]

Der Macht­an­tritt der Nazis ver­nich­te­te schon bald die­se Quel­le eines beschei­de­nen Wohl­stands. Die DAF (Deut­sche Arbeits­front) set­ze 1935 einen Treu­hän­der ein, der nicht nur die Geschäf­te über­wa­chen soll­te, son­dern allein durch sei­ne Anwe­sen­heit dafür sorg­te, dass immer mehr Kun­den aus­blie­ben, ent­we­der aus Angst oder aus Überzeugung.

Ein Jahr spä­ter gab Hed­wig auf und „ver­kauf­te“ das Geschäft an ein nicht­jü­di­sches Ehe­paar. Eine geld­li­che Ent­schä­di­gung hat Hed­wig nach Aus­kunft ihres Bru­ders für die­se Ari­sie­rung nie erhal­ten.[19]

In einer Lis­te der Mit­glie­der der Israe­li­ti­schen Gemein­de Lim­burg vom Jahr 1933 ist Hed­wig neben ihren Eltern noch auf­ge­führt, nicht aber in der nächs­ten erhal­te­nen Lis­te von 1937. Des­glei­chen fehlt sie in der Lis­te von 1938. [20] Dar­aus kann man schlie­ßen, dass Hed­wig Loeb, nach­dem man ihr die Exis­tenz­grund­la­ge geraubt hat­te, ihren Hei­mat­ort Staf­fel ver­las­sen hat­te und nach Wies­ba­den gezo­gen war.

Hier wohn­te sie in der Wein­berg­str. 6, im Haus des jüdi­schen Rechts­an­walts Dr. Cos­mann, in des­sen Fami­lie sie eine Stel­le als Haus­ge­hil­fin gefun­den hat­te.[21] Sie erhielt nur einen gerin­gen Lohn von 40 RM im Monat, aller­dings bei frei­er Woh­nung und Ver­pfle­gung. Hin und wie­der bekam sie von ihrem Arbeit­ge­ber klei­ne Zuwen­dun­gen, etwa an Weih­nach­ten. Ihr klei­nes Spar­gut­ha­ben von 400 RM, das sie als „Not­pfen­nig“ für den Fall einer etwa­igen Arbeits­lo­sig­keit ein­ge­rich­tet hat­te, wur­de jähr­lich mit 10 RM ver­zinst. Außen­stän­de, die noch aus ihrem Geschäft in Staf­fel her­rühr­ten, waren inzwi­schen ver­jährt und konn­ten nicht mehr ein­ge­trie­ben wer­den.[22]

Ange­sichts ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on bat sie die Devi­sen­stel­le, auf eine Siche­rungs­an­ord­nung zu ver­zich­ten. Die Bit­te wur­de zwar gewährt, aber den­noch hat­te sie die über­sand­ten For­mu­la­re über ihre Ein­kom­mens­si­tua­ti­on aus­zu­fül­len. Die­sen ist zu ent­neh­men, dass sie unter der steu­er­pflich­ti­gen Ein­kom­mens­gren­ze lag, zudem von den 40 RM Gehalt nur 10 RM für sich ver­wen­de­te. Die rest­li­chen 30 RM schick­te sie ihren Eltern, die sicher auf­grund der Anfein­dun­gen in ihrem bis­he­ri­gen Wohn­ort nach Frank­furt gezo­gen waren.[23]

Im Juni 1941 ver­än­der­te sich ihre Lebens­si­tua­ti­on grund­le­gend, wenn­gleich die genau­en Abläu­fe nicht mehr exakt zu rekon­stru­ie­ren sind. Laut Gesta­po-Kar­tei­kar­te von Dr. Cos­mann zog die­ser am 5. Juni mit sei­ner Fami­lie aus sei­nem Haus aus und bezog eine Woh­nung in der Schier­stei­ner Str. 31. Die­se Adres­se war kein Juden­haus, war auch nicht in jüdi­schem Besitz. umso ver­wun­der­li­cher ist es, dass ein sol­cher Umzug zu die­ser Zeit noch mög­lich war. Es ist auch eher unwahr­schein­lich, dass Dr. Cos­mann eine beson­de­re Bin­dung an Sieg­fried Jaf­fe, den etwa 30 Jah­re älte­ren letz­ten Juden in die­sem Haus hat­te, aber aus­ge­schlos­sen ist es natür­lich auch nicht. Die Grün­de für die­sen Umzug blei­ben somit im Dun­keln, zumal das Haus in der Wein­berg­stra­ße nicht ver­kauft wur­de und die Fami­lie spä­ter auch wie­der in das eige­ne Haus zurück­ge­zo­gen sein soll.[24]

Für Hed­wig Loeb bedeu­te­te die­se Ver­än­de­rung mit einem Mal den Ver­lust des Ein­kom­mens wie auch der Woh­nung. Vor die­sem Hin­ter­grund wird ihr gar nichts ande­res übrig geblie­ben sein, als in ein Juden­haus ein­zu­zie­hen. Mög­li­cher­wei­se hat­te ihr die Wies­ba­de­ner Ver­wal­tungs­stel­le der Reichs­ver­ei­ni­gung das Zim­mer in der Alex­and­rastr. 6, in das sie am 23. Juni 1941 ein­zog, zugewiesen.

Aber auch bei den Behör­den und der Gesta­po erzeug­te der Umzug Ver­wir­rung. Auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist näm­lich als Adres­se nicht die Alex­and­rastr. 6, son­dern die 5 ein­ge­tra­gen. Dass Hed­wig Loeb aber in der Num­mer 6 wohn­te, bestä­tig­ten im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren die Ver­wand­ten. Trotz der fal­schen Ein­tra­gung hat­te die Gesta­po sie sicher nicht aus den Augen ver­lo­ren, anders die Devi­sen­stel­le in Frank­furt. Ein Brief vom 9. Febru­ar 1941, der noch mit Wein­berg­stra­ße adres­siert war, kam als unzu­stell­bar zurück. Die fol­gen­de Anfra­ge beim Ein­woh­ner­mel­de­amt bestä­tig­te den Umzug am 23. Juni in die Alex­and­rastr. 6.[25] Ein wei­te­rer Brief, in dem Hed­wig Loeb Maß­nah­men wegen des nicht gemel­de­ten Umzugs ange­droht wer­den soll­ten, dies­mal an die rich­ti­ge Adres­se gerich­tet, ging eigen­ar­ti­ger­wei­se wie­der als unzu­stell­bar zurück an den Absen­der.[26]

Über die fünf Mona­te, die sie im Juden­haus ver­brach­te, ist sonst nichts bekannt. Es wer­den Wochen der Not und der Ängs­te gewe­sen sein.

Wie­so neben drei ande­ren Wies­ba­de­ner Juden die Wahl gera­de auf sie fiel, wie­so sie für den Trans­port am 22. Novem­ber 1941 bestimmt wor­den war, ob es Zufall war oder eine im Nach­hin­ein nicht mehr nach­voll­zieh­ba­re Sys­te­ma­tik dahin­ter steck­te, wird nicht mehr zu klä­ren sein.[27] Es war die drit­te Mas­sen­de­por­ta­ti­on, die im Spät­herbst 1941 von Frank­furt aus haupt­säch­lich jüdi­sche Bür­ger der Stadt in die Ver­nich­tungs­la­ger brach­te. Schon am 19. Okto­ber war ein Zug mit etwa 1.100 Juden von dort aus nach Lodz bzw. Litz­mann­stadt abge­gan­gen, der zwei­te Trans­port am 11. Novem­ber, dies­mal mit sogar 1.200 Opfern, führ­te nach Minsk. Ins­ge­samt wur­den bei die­sen ver­schie­de­nen Trans­por­ten zwi­schen Okto­ber 1941 und Sep­tem­ber 1942 etwa 8.000 jüdi­sche Bür­ger aus Frank­furt und noch ein­mal etwa 1000 Juden aus dem Regie­rungs­be­zirk Wies­ba­den ver­schleppt. Nur etwa 200 davon haben auf wun­der­sa­me Wei­se über­lebt.[28]

Ob auch in Wies­ba­den die Opfer, wie in Frank­furt, drei Tage vor dem Ter­min über ihre Depor­ta­ti­on infor­miert wur­den, ist nicht bekannt. Man kann aber ver­mu­ten, dass sie wie auch die aus den ande­ren wei­ter ent­fern­ten Orten, wie etwa aus Her­born, unter Beglei­tung von Poli­zei zur Sam­mel­stel­le gebracht wur­den. Aber offen­sicht­lich war es mög­lich, dass Ver­wand­te sie auf die­sem Weg beglei­ten konn­ten, denn Käte Loeb, die Frau ihres Bru­ders Juli­us, sag­te spä­ter aus, sie selbst habe „noch vor Abgang die­ses Trans­ports aus der Markt­hal­le Frank­furt (ihre) Schwä­ge­rin letzt­mals gespro­chen.“[29]

Mög­li­cher­wei­se wur­de Hed­wig Loeb auch gar nicht von Wies­ba­den, son­dern direkt von Frank­furt aus depor­tiert. Denn es ist sicher kein Zufall, dass auch ihre Eltern, Rapha­el Felix und Johan­na Loeb, auf die­sem Trans­port waren.[30] Viel­leicht hat­ten sie die Auf­for­de­rung erhal­ten, sich für die Depor­ta­ti­on bereit zu hal­ten, und hat­ten ihrer Toch­ter eine ent­spre­chen­de Mit­tei­lung zukom­men las­sen. Viel­leicht ist sie dar­auf­hin, wie auch die Schwä­ge­rin, nach Frank­furt geeilt und wur­de dann dort fest­ge­nom­men. Viel­leicht war sie aber auch schon frü­her zu ihren Eltern gekom­men, ohne den Behör­den davon eine Mit­tei­lung zu geben. Es sind sehr vie­le „Viel­leichts“ Die genau­en Umstän­de wer­den nicht mehr zu klä­ren sein. Man kann nur hof­fen, dass die drei die letz­ten grau­en­haf­ten Tage ihres Lebens zusam­men­blei­ben und gemein­sam in den Tod gehen durften.

Deportationen Frankkfurt, Hedwig Loeb, Hirschbrand, Judenhaus Wiesbaden
Die Groß­markt­hal­le in Frank­furt — Ort der orga­ni­sier­ten “Juden­eva­ku­ie­rung“
HHStAW 461 30983 (160)

Wie auch bei den ande­ren Trans­por­ten dien­te die Groß­markt­hal­le als Sam­mel­stel­le, weil die­se sich aus Sicht der Gesta­po beson­ders dafür eig­ne­te. Sie ver­füg­te über einen eige­nen Bahn­an­schluss und war zudem groß genug, um die im Fol­gen­den geschil­der­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Abläu­fe ohne zu gro­ßes Cha­os zu bewältigen:

„Von mit­tags 13 Uhr bis zum Mit­tag des nächs­ten Tages ver­füg­te die Gesta­po über den Kel­ler der Markt­hal­le. Er wur­de als Sam­mel­la­ger für die Depor­ta­ti­on so ein­ge­rich­tet, dass die ver­haf­te­ten und bewach­ten sowie mit War­te­num­mern ver­se­he­nen Men­schen den Kel­ler vom Ost­flü­gel her über eine brei­te Ram­pe betra­ten, dann den etwa 300 Meter lan­gen Weg vor den Lager­räu­men im Süden ent­lang geführt wur­den, die West­sei­te pas­sier­ten und dann an auf­ge­stell­ten Tischen und ein­zel­nen Kon­troll­sta­tio­nen Durch­ge­schleust wur­den’: zuerst die Annah­me­stel­le, Ein­trag in die vor­han­de­ne Lis­te, dann Gepäck­durch­su­chung mit bru­ta­ler ent­wür­di­gen­der Lei­bes­vi­si­ta­ti­on. Danach war das Finanz­amt zustän­dig: die Ver­mö­gens­lis­te sowie die Wert­ge­gen­stän­de mit einem noch in der Woh­nung erstell­ten Ver­zeich­nis und auch den Woh­nungs­schlüs­sel, an dem ein Schild mit genau­er Adres­se hing, muss­ten die Men­schen hier abge­ben. Dann wur­den ihnen die Lebens­mit­tel­kar­ten abge­nom­men, ihre Kenn­kar­ten mit „eva­ku­iert” abge­stem­pelt, das Bar­geld war abzu­ge­ben, und es muss­te der Abschluss die­ser Kon­troll­sta­tio­nen bestä­tigt wer­den. Nach die­sen Abfer­ti­gun­gen, die sich weit bis in die Nacht hin­zo­gen, wur­den die Men­schen in einen Raum im Ost­flü­gel geführt, der mit Matrat­zen aus­ge­legt war. Im Kel­ler der Groß­markt­hal­le kam es zu Miss­hand­lun­gen — wohl auch zu Todes­fäl­len.“[31]

In den kal­ten, zugi­gen Kel­lern war­te­ten die Men­schen auf den Befehl zum Bestei­gen der Züge. Eigent­lich soll­te der Trans­port vom 22. Novem­ber nach Riga fah­ren, er wur­de aber wegen zu gerin­ger Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten dort in letz­ter Minu­te nach Kau­nas /​ Kow­no in das besetz­te Litau­en umge­lei­tet.[32]

Weil Hed­wig Loeb die ein­zi­ge Insas­sin eines Wies­ba­de­ner Juden­hau­ses war, die mit die­sem Trans­port ver­schleppt wur­de, soll deren wei­te­res Schick­sal im Zusam­men­hang mit ihrem Namen hier aus­führ­li­cher betrach­tet werden.

In Kau­nas kamen die Frank­fur­ter weni­ge Tage nach den Ber­li­nern und den Münch­nern an. Sie gin­gen den sechs Kilo­me­ter lan­gen Weg vom Bahn­hof durch die Stadt am Ran­de des jüdi­schen Ghet­tos ent­lang zum Fort IX, auf einem Hügel im Süd­os­ten der Stadt gele­gen. Das Fort war im 19. Jahr­hun­dert als Teil eines mas­si­ven mili­tä­ri­schen Fes­tungs­rin­ges um die Stadt zur Ver­tei­di­gung des zaris­ti­schen Gebie­tes gegen Preu­ßen ange­legt und nach dem ers­ten Welt­krieg zum Gefäng­nis umge­baut wor­den. Der gro­ße Gebäu­de­kom­plex war mit Gefäng­nis­zel­len und Mann­schafts­un­ter­künf­ten um einen tra­pez­för­mi­gen Innen­hof ange­ord­net und von sechs Meter hohen Wän­den umge­ben. Die Frank­fur­ter wur­den, getrennt von den ande­ren Depor­tier­ten aus Ber­lin und Mün­chen, in die Zel­len des Fort IX gebracht und ver­brach­ten dort die Nacht. Hin­ter den hohen Mau­ern des Forts, außer­halb des Innen­ho­fes — für die Ankom­men­den nicht sicht­bar -, waren bereits gro­ße Gru­ben aus­ge­ho­ben. Nach einem Augen­zeu­gen­be­richt geschah fol­gen­des: Die ver­ant­wort­li­chen Deut­schen und Litau­er lie­ßen am nächs­ten Tag die Depor­tier­ten in Grup­pen von 80 Leu­ten in Rei­hen antre­ten. Sie lie­ßen sie eine Art Früh­sport­übung im Hof des Forts durch­füh­ren und began­nen schließ­lich, die Men­schen im Dau­er­lauf aus dem Innen­hof her­aus zu den Gru­ben außen an der Mau­er zu trei­ben. Als die­se aus­ein­an­der­zu­lau­fen began­nen, prü­gel­te man sie in die Gru­ben hin­ein. Die meis­ten Opfer wur­den, nach­dem sie unten lagen, erschos­sen. Das Feu­er kam aus Maschi­nen­ge­weh­ren, die auf den bewal­de­ten Hügeln ober­halb der Gru­ben ver­steckt gewe­sen waren. Aber auch die­je­ni­gen, die nicht gelau­fen oder in eine ande­re Rich­tung gerannt waren, wur­den von den Litau­ern und den Deut­schen, wo sie sich gera­de befan­den, erschos­sen. Von den Opfern, die bis zum letz­ten Moment getäuscht wor­den waren, hat nie­mand überlebt.

Alle in den drei Trans­por­ten aus Frank­furt, Ber­lin und Mün­chen depor­tier­ten Men­schen sind am 25. Novem­ber 1941 ohne jeg­li­che Aus­nah­me im Fort IX erschos­sen wor­den. Es war die ers­te sys­te­ma­ti­sche Ver­nich­tung gan­zer Trans­por­te ver­schlepp­ter Juden aus Deutsch­land.[33]

 

Loeb Hedwig
Teil des soge­nenn­ten Jäger-Berichts über die Exe­ku­tio­nen des EK.3 in Litau­en
Bun­des­ar­chiv, Bild 183-B0716-0005–002 /​ CC-BY-SA 3.0

Aus­ge­führt wur­de die Mas­sen­er­schie­ßung, bei der an die­sem 25. Novem­ber 1941 ins­ge­samt 2943 Men­schen ermor­det wur­den, vom Ein­satz­kom­man­do 3 der Ein­satz­grup­pe A unter der Lei­tung des SS-Stan­dar­ten­füh­rers Karl Jäger, der eine pein­lich genaue „Gesamt­auf­stel­lung der im Bereich des EK 3 bis zum 1. Dez. 1941 durch­ge­führ­ten Exe­ku­tio­nen“ hin­ter­las­sen hat.[34] Die­se Lis­te ist der Inbe­griff des­sen, was unter einem büro­kra­tisch orga­ni­sier­ten Mas­sen­mord zu ver­ste­hen ist. Für jeden Tag wur­den von Jäger die Orte auf­ge­lis­tet, in denen das Kom­man­do aktiv war, wie vie­le umge­bracht wur­den, dif­fe­ren­ziert nach Juden, Jüdin­nen und jüdi­schen Kin­dern. Ande­re Opfer wie Kom­mu­nis­ten oder Ter­ro­ris­ten, sprich: Par­ti­sa­nen, oder Rus­sen, wur­den geson­dert auf­ge­führt. Manch­mal wur­den zusätz­li­che Anga­ben gemacht, wie „Säu­be­rung des Ghet­tos von über­flüs­si­gen Juden“ – so am 29.Oktober 1941, wo in Kau­nas „2007 Juden, 2920 Jüdin­nen und 4273 Juden­kin­der“ umge­bracht wur­den, dann, z. Bsp am 18. August, ist die Erschie­ßung von „711 Intell.-Juden aus dem Ghet­to als Repres­sa­lie für eine Sabo­ta­ge-Hand­lung“ notiert.

Am 29. Novem­ber, dem Tag, an dem Hed­wig Loeb in Kow­no ankam, lau­tet der Ein­trag: „1159 Juden, 1600 Jüdin­nen, 152 jüdi­sche Kin­der – Umsied­ler aus Ber­lin, Mün­chen u. Frank­furt a.M.“

Am Ende eines jeden Blat­tes wur­de buch­hal­te­risch der „Über­trag“ fest­ge­hal­ten. Die „End­sum­me“ betrug unglaub­li­che 137.346 Ermor­de­te allein durch die­se Ein­satz­grup­pe.[35]

Hed­wig Loeb war eine davon. Sie wur­de nicht, wie fälsch­li­cher­wei­se in der Wies­ba­de­ner Opfer­lis­te steht, am 31. Dezem­ber irgend­wo in Polen, son­dern am 25. Novem­ber 1941 in Kow­no in Litau­en ermor­det.[36] Auch ihre Eltern sind am glei­chen Tag die­ser bes­tia­li­schen Mord­ak­ti­on zum Opfer gefallen.

 

In dem irri­gen Glau­ben, ein sol­ches mons­trö­ses Ver­bre­chen lie­ße sich ver­tu­schen, wur­den ein Jahr spä­ter jüdi­sche Gefan­ge­ne gezwun­gen, die Lei­chen wie­der aus­zu­gra­ben und sie unter größ­ter Geheim­hal­tung zu ver­bren­nen. Eini­ge Gefan­ge­ne die­ses Kom­man­dos gelang spä­ter die Flucht und sie konn­ten Zeug­nis able­gen von dem Grau­en, mit dem sie an die­sem Ort kon­fron­tiert waren: „(…) unter den 12 000 ver­brann­ten Lei­chen befan­den sich die Kör­per von etwa 5000 Juden aus Wien, Frank­furt am Main, Düs­sel­dorf, Ham­burg und ande­ren deut­schen Städ­ten (…). Die Juden aus Deutsch­land waren beklei­det erschos­sen wor­den, alle ande­ren hat­te man vor der Exe­ku­ti­on gezwun­gen, sich bis auf die Unter­wä­sche aus­zu­zie­hen. Die Lage der Leichen zeugt davon, daß man die Men­schen in Grup­pen in die Gru­ben getrie­ben hat­te. Dort muß­ten sie sich hin­le­gen, dann wur­de auf sie geschos­sen. Das hat­te zur Fol­ge, daß vie­le von ihnen nur leicht oder gar nicht ver­wun­det begra­ben wor­den sind.“[37]

Auch wur­den spä­ter noch Gepäck­stü­cke, Kenn­kar­ten und ande­re Gegen­stän­de gefun­den, die zur Iden­ti­fi­zie­rung der Toten dien­ten – so etwa die Kenn­kar­te von Mei­er Horo­witz, einem ehe­ma­li­gen Bewoh­ner des Jüdi­schen Alters­heims in Frankfurt.

Von Hed­wig Loeb wur­de nichts gefun­den, ihre Asche wur­de in Litau­ens Wäl­dern verstreut.

Raphael Felix Loeb Löb, Johanna Hannchen Kron Loeb Löb, Emil Loeb Löb, Clara Loeb Löb, Hedwig Löb Loeb, Julius Loeb Löb, Katharina Schalenberger Loeb, Frieda Loeb Löb, Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Stol­per­stei­ne in Staf­fel bei Lim­burg für die Fami­lie Loeb, ver­legt am 15.4.2015
© Mar­ti­na Hart­mann-Menz 10/​2020

 

Ver­öf­fent­licht: 22. 11.2017

Letz­te Ände­rung: 28. 01 2021

 

 

 

« zurück                             wei­ter »


 

Anmer­kun­gen:

 

[1] HHStAW 469–33 2768 (2) Geburts­ur­kun­de. Der Zweit­na­me Felix ist hier nicht ange­ge­ben. In den Lis­ten der Mit­glie­der der jüdi­schen Gemein­de  Lim­burg ist dage­gen immer nur Felix Loeb genannt. Es han­delt sich aber um die iden­ti­sche Per­son, sie­he http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​k​o​e​n​e​n​_​s​y​n​a​g​o​g​e​.​htm.

[2] Umfas­send unter­sucht ist die Geschich­te der Enkir­cher Juden in dem Typo­skript von Tho­mas Hütt­man, „… dass ein­mal dem Juden das Land auf die­se Wei­se abge­nom­men wird …“ – Die jüdi­schen Ein­woh­ner von Enkirch vor und wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus, 2018. Hütt­mann hat sich auch inten­siv mit der Fami­lie von Felix und Johan­na Loeb, den Eltern von Hed­wig Loeb, befasst und mir sehr wich­ti­ge Hin­wei­se zur Fami­lie zukom­men las­sen. Sie­he dazu i. B. S. 154–162. Ihm sei an die­ser Stel­le herz­lich gedankt.

[3] Zum Schick­sal von Johan­na Loeb, ver­hei­ra­te­te Klin­ger, und ihrer Fami­lie sie aus­führ­lich Hütt­mann, S. 163- 168 und zu Eli­se Loeb S. 47. Wäh­rend ihr Mann noch in ihrem Wohn­ort ver­starb, wur­de sie mit ihrer Toch­ter 1940 im Rah­men der Wag­ner-Bürckel-Akti­on zunächst nach Gurs, 1942 dann nach Ausch­witz depor­tiert und ermor­det. Das glei­che Schick­sal ereil­te die Toch­ter Luci, die von Mann­heim aus ver­schleppt wur­de. Den übri­gen der ins­ge­samt sechs Kin­der gelang die Flucht. Die Schwes­ter Ber­ta Eli­se war schon 1910 in die USA ausgewandert.

[4] HHStAW 469–33 2768 (8) Hei­rats­ur­kun­de. Die Fami­lie von Rapha­el Felix Loeb scheint aber auch nicht län­ger in Könen gelebt zu haben, zumin­dest haben sie kei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen. In dem umfäng­li­chen Werk von Wil­li Kör­tels, Geschich­te der Juden von Könen, Kal­te­nen­gers, 2011, ist ein­zig Rapha­el Loeb erwähnt und hier nur in einer Auf­lis­tung der Opfer des Nationalsozialismus.

[5] Kla­ra war am 25.2.1902 gebo­ren wor­den, ihr Todes­tag war der 10.6.1903. Aus­kunft Stadt­ar­chiv Lim­burg vom 26.4.2018.

[6] Kurz nach sei­ner Hei­rat mit einer Irma, deren Geburts­na­me nicht bekannt ist, gin­gen die bei­den, für einen nicht bekann­ten Zeit­raum nach Süd­afri­ka, kehr­ten aber spä­tes­tens kurz vor der Geburt der Toch­ter Flo­ri­ne am 3.10.1932 nach Deutsch­land zurück. Hütt­mann, Enkirch S.155.

[7] HHSTaW 518 22562 (3).

[8] Hütt­mann, Enkirch, S. 155, dazu Aus­kunft Stadt­ar­chiv Lim­burg vom 26.4.2018.

[9] Ster­be­re­gis­ter Frank­furt 1941 /​ 157. Die Anga­be von Juli­us Loeb, dass drei sei­ner Geschwis­ter im KZ umge­kom­men sei­en, ist dem­nach nicht rich­tig, sie­he HHStAW 518 2823 V (301, 314). Aber inwie­weit die Erkran­kung selbst ihre Ursa­che in den Lebens­um­stän­den von Frie­da Loeb hat­te, lässt sich aus der heu­ti­gen Distanz kaum mehr beur­tei­len. Die Recher­che zu Frie­da Loeb ver­dan­ke ich eben­falls Herrn Hüttmann.

[10] HHStAW 461 37638/​26 (4137–4142).

[11] HHStAW 518 2832 Bd. IV (126, 132). Sei­ne Frau war Käte Loeb, geb. Scha­len­berg, eine Katho­li­kin. Bei der Ehe­schlie­ßung trat auch Juli­us Loeb in die katho­li­sche Kir­che ein. Das Paar hat­te einen Sohn namens Heinz, gebo­ren 1930. Ein schier unglaub­li­cher Beleg für die Igno­ranz oder auch die Ver­leug­nung des Gesche­he­nen ist ein Schrei­ben des Direk­tors des Lim­bur­ger Arbeits­amts von 1954 im Rah­men des Ent­schä­di­gungs­ver­fah­rens. Dar­in heißt es, dass „die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Arbeits­ein­satz-Gesetz­ge­bung ein grund­sätz­li­ches Beschäf­ti­gungs­ver­bot für Juden nicht vor­ge­se­hen (hat­te), die Juden dem­nach zu die­ser Zeit ohne Wei­te­res ver­mit­telt wer­den konn­ten. Ob und inwie­weit eine Ver­mitt­lung des L. aus  ande­ren Grün­den nicht mög­lich war, ver­mag ich heu­te nicht mehr fest­zu­stel­len, da Unter­la­gen von Löb aus die­ser Zeit beim hie­si­gen Amt nicht mehr vor­han­den sind. An gutem kauf­män­ni­schem Per­so­nal bestand seit min­des­tens Aus­bruch des Krie­ges im Jahr 1939 ein fühl­ba­rer Man­gel, so dass spä­tes­tens ab die­sem Zeit­punkt – sofern L. ent­spre­chen­de beruf­li­che Kennt­nis­se nach­wei­sen konn­te – eine Ver­mitt­lungs­mög­lich­keit für den Genann­ten vor­han­den gewe­sen sein dürf­te.“ HHStAW 518 2832 Bd. IV (133).

[12] Die genau­en Inhaf­tie­rungs­da­ten sind in den Ent­schä­di­gungs­ak­ten auf­ge­lis­tet, sie­he HHStAW 518 2832 Bd. IV (17). Hier sind auch wei­te­re Bele­ge für die Inhaf­tie­run­gen zu finden.

[13] Zu sei­ner Zeit in Ausch­witz sie­he im Beson­de­ren das Pro­to­koll des Ausch­witz-Pro­zes­ses HHStAW 461 37638/​26 (4137–4142).

[14] HHStAW 461 37638/​26 (4138).

[15] Sei­ne Ent­schä­di­gungs­ak­te 518 2823 umfasst fünf Bände!

[16] HHStAW 518 2832 Bd. IV (33, 64).

[17] Aus­kunft Stadt­ar­chiv Lim­burg vom 26.4.2018.

[18] HHStAW 518 22578 (8, 11) Eine Bild­post­kar­te aus die­ser Zeit ist in den Ent­schä­di­gungs­ak­ten erhal­ten geblie­ben. Titel „Gruß aus Staf­fel“. Sie zeigt neben einer Pan­ora­ma­auf­nah­me des Ortes, das Krie­ger­denk­mal und das Haus der Eltern mit dem Laden. In der Tür steht eine Frau, den Blick auf den Foto­gra­fen gerich­tet, ver­mut­lich die Inha­be­rin Hed­wig Loeb. Allein die Tat­sa­che, dass eine sol­che Post­kar­te sicher in grö­ße­rer Stück­zahl ange­fer­tigt wur­de, zeigt, dass das Geschäft recht gut gelau­fen sein muss.

[19] HHStAW 518 22578 (3)

[20] HHStAW 365 537 (6, 14, 19) In der letz­ten Lis­te ist aller­dings ihr Bru­der Juli­us auf­ge­nom­men, der in den bei­den vor­he­ri­gen Lis­ten fehlte.

[21] Die Ver­bin­dung zu ihm war mög­li­cher­wei­se dadurch zustan­de gekom­men, dass ihr Bru­der Juli­us mit Dr. Cos­mann zusam­men in Buchen­wald inter­niert war. HHStAW 518 2832 Bd. II (23).

[22] HHStAW 519/​3 5078 (3). Zur Erich Cos­man sie­he Faber, Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, a.a.O. S. 38–41 und das Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­um Spie­gel­gas­se. Hier ist auch eine Abbil­dung des sehr schö­nen Hau­ses unter­halb des Ner­obergs abge­druckt. Sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​C​o​s​m​a​n​n​.​pdf.

[23] HHStAW 519/​3 5078 (4).

[24] Stadt­ar­chiv W/​3 983. Dazu Faber, Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, a.a.O. S. 40.

[25] HHStAW 519/​3 5078 (8).

[26] Ebd. (10). Das Ver­fah­ren gegen sie wur­de aller­dings ein­ge­stellt, „da kein Ver­mö­gen vor­han­den ist.“ Ebd. (12).

[27] King­reen ver­mu­tet, dass die Ein­spa­rungs­po­ten­tia­le bei der Für­sor­ge bei der Aus­wahl zumin­dest in Frank­furt eine erheb­li­che Rol­le gespielt haben dürf­ten. Ob das auch für Wies­ba­den gilt, muss in Anbe­tracht der nur vier Depor­tier­ten ange­zwei­felt wer­den. King­reen, Moni­ca, Gewalt­sam ver­schleppt aus Frank­furt. Die Depor­ta­tio­nen der Juden in den Jah­ren 1941–1945, in: “Nach der Kris­tall­nacht”. Jüdi­sches Leben und anti­jü­di­sche Poli­tik in Frank­furt am Main 1938–1945, hg. King­reen, Moni­ca, Frank­furt, New York 1999, S. 366.

[28] Die Groß­markt­hal­le und die gewalt­sa­me Ver­schlep­pung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung Frank­furts und des Regie­rungs­be­zirks Wies­ba­den ab 1941 bis 1945, in: Erin­ne­rungs­stät­te an der Frank­fur­ter Groß­markt­hal­le. Die Depor­ta­ti­on der Juden 1941–1945, Mün­chen – Lon­don – New York 2016, S. 153.

[29] HHStAW 469–33 2768 (3).

[30] Sie­he die Ein­trä­ge für Rapha­el Felix Loeb und Johan­na Loeb im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz.

[31] King­reen, Groß­markt­hal­le, a.a.O. S. 157. Moni­ca King­reen hat in dem Buch zur Eröff­nung der Gedenk­stät­te Groß­markt­hal­le berüh­ren­de und sehr ein­drucks­vol­le Erin­ne­run­gen von Zeit­zeu­gen über die Ereig­nis­se an die­sem Ort vor der Abfahrt der Züge zusammengetragen.

[32] King­reen, Gewalt­sam ver­schleppt, a.a.O. S. 367, i.B. auch Anm. 65. Der ursprüng­li­che Ziel­ort Riga wur­de in der älte­ren Lite­ra­tur, aber auch auf  Gedenk­stei­nen fälsch­li­cher­wei­se viel­fach zugleich als der Ster­be­ort über­nom­men. In der Wies­ba­de­ner Opfer­lis­te ist das für Jakob Berg­hei­mer und sei­ne Frau Eli­sa­beth, geb. Heu­mann, und auch Juli­us Löwen­sberg kor­ri­giert, nicht aber für Johan­na Strauss, geb. Frank, die län­ger in Wies­ba­den gelebt hat­te, im Sep­tem­ber 1939 aller­dings schon nach Frank­furt ver­zo­gen war. Bei ihr steht zwar als Ster­be­ort Kau­nas, als Depor­ta­ti­ons­ziel aber noch Riga.

[33] King­reen, Gewalt­sam ver­schleppt,  S. 365 f.

[34] Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 101 – 107. Die­se Lis­te ist als Fak­si­mi­le abge­druckt in: Arzt, Heinz, Mör­der in Uni­form, Mün­chen 1979, S. 185 – 193..

[35] Im  abschlie­ßen­den Resü­mee schreibt Jäger: „Ich kann heu­te fest­hal­ten, dass das Ziel, das Juden­pro­blem für Litau­en zu lösen, vom EK.3 erreicht wor­den ist. In Litau­en gibt es kei­ne Juden mehr, außer den Arbeits­ju­den incl. Ihrer Fami­li­en. … Die Arbeits­ju­den incl. Ihrer Fami­li­en woll­te ich eben­falls umle­gen, was mir jedoch schar­fe Kampf­an­sa­ge der Zivil­ver­wal­tung (dem Reichs­kom­mis­sar) und der Wehr­macht ein­trug und das Ver­bot aus­lös­te: Die­se Juden und ihre Fami­li­en dür­fen nicht erschos­sen werden.
Das Ziel, Litau­en juden­frei zu machen, konn­te nur erreicht wer­den, durch die Auf­stel­lung eines Roll­kom­man­dos mit aus­ge­such­ten Män­nern unter Füh­rung des SS-Ober­sturm­füh­rer Hamann, der sich mei­ne Zie­le voll und ganz aneig­ne­te …“
Artzt, Mör­der in Uni­form, S. 191. Dass es bei dem hier ange­deu­te­ten Kon­flikt zwi­schen den Ein­satz­grup­pen auf der einen und der Armee, ‚zivi­len’ Stel­len auf der ande­ren Sei­te nicht um den Schutz der Juden, son­dern um deren ‚sinn­vol­le’ Ver­wer­tung ging, ist offensichtlich.

[36] Die Todes­da­ten der ande­ren Wies­ba­de­ner Opfer sind mit dem 25.11.1941 rich­tig angegeben.

[37] Was­si­li Gross­mann, Ilja Ehren­burg, Das Schwarz­buch: Der Geno­zid an den sowje­ti­schen Juden, Rein­beck 1995, S. 593 f., zit. nach King­reen, Gewalt­sam ver­schleppt, S. 368 f.