Lotte Bernstein und Ida Cohn


Judenhaus Emser Str. 26a
An der Stel­le des im Krieg zer­stör­ten ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses steht heu­te die­ses Gebäu­de
Eige­ne Aufnahme
Das Juden­haus in der Emser Str. 26a
Juden Wiesbaden Judenhäuser
Bele­gung des Juden­hau­ses Emser Str. 26a

 

 

 

 

 

 


Am 9. März 2017 wur­de am Ran­de des Park­plat­zes eines Ein­kaufs­zen­trums in der Main­zer Stra­ße ein Mahn­mal errich­tet. Das Beson­de­re an die­ser Gedenk­stät­te ist, dass dies auf Initia­ti­ve einer Schü­ler­grup­pe der Fried­rich-List-Schu­le geschah, die sich in einem Geschichts­kurs inten­siv mit dem Schick­sal jüdi­scher Bür­ger in Wies­ba­den beschäf­tigt hat­te.  Beson­ders hat­ten sie sich mit den Schü­le­rin­nen und Schü­lern einer Schu­le befasst, die ein­mal in ihrer unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft gele­gen war.[1] Der Ort, an dem die Ste­le errich­tet wur­de, war die letz­te Arbeits­stel­le der Leh­re­rin Lot­te Bern­stein. Dort, damals noch ein Bara­cken­ge­län­de an der Ein­mün­dung der Wel­fen­stra­ße in die Main­zer Stra­ße, hat­te die Jüdi­sche Schu­le ihren Stand­ort. Sie war 1936 auf Geheiß der Nazis gegrün­det wor­den, nach­dem immer mehr jüdi­schen Schü­le­rin­nen und Schü­lern der Zutritt in die öffent­li­chen Schu­len unter­sagt wor­den war. Von jüdi­schen Leh­re­rin­nen und Leh­rern wur­den sie in Mathe­ma­tik, Deutsch, Hebrä­isch und jüdi­scher Geschich­te unter­rich­tet. Im letzt­ge­nann­ten Fach behan­del­te man im Beson­de­ren die Geschich­te des jüdi­schen Wider­stands gegen die Römer, aber auch die zio­nis­ti­sche Bewe­gung war Unter­richts­the­ma. Wider­stand und Hoff­nung waren in die­sen Bara­cken offen­sicht­lich das Leit­mo­tiv erzie­he­ri­schen Han­delns. Und die­ser Kräf­te bedurf­ten die Schü­ler in ihrem täg­li­chen Schul­all­tag, wur­de ihnen doch immer wie­der von HJ-Ban­den auf dem Schul­weg auf­ge­lau­ert. „Der Zusam­men­hang in der Schu­le hat uns Mut gemacht. Wir betrach­te­ten uns nicht nur als Unter­drück­te. Wir wuss­ten, dass wir Juden uns weh­ren kön­nen“, zitiert Lorenz Beck­hardt sei­nen Vater beim Betrach­ten eines Bil­des mit sei­nen alten Mit­schü­lern. In ihrer Mit­te sitzt die Leh­re­rin Lot­te Bern­stein.[2]

Zunächst wur­den etwa 160 Schü­le­rin­nen und Schü­ler hier unter­rich­tet, durch Ab- bzw. Aus­wan­de­rung ver­min­der­te sich deren Zahl bald erheb­lich.[3] Im Früh­jahr 1942, noch vor den gro­ßen Depor­ta­tio­nen, muss­te sie geschlos­sen werden.

Judenhaus Emser Str. 21, Ida Cohn, Lotte Bernstein
Die Jüdi­sche Schu­le in der Main­zer Str. 106
HHStAW 3008 1 (13915)
Judenhaus Emser Str. 21, Ida Cohn, Lotte Bernstein
HHStAW 3008 1 (13916)

 

 

 

 

 

 

Als Lot­te Bern­stein am 13. Okto­ber 1937 nach Wies­ba­den kam, hat­ten die Nazis das Lebens­werk der am 3. Janu­ar 1889 im pom­mer­schen Kol­berg Gebo­re­nen bereits zer­stört. Sie war die mitt­le­re von drei Kin­dern der Ehe­leu­te Eli­as und Nan­ny Bern­stein, gebo­re­ne Lehr. Die Mut­ter war bereits 1921, der Vater im März 1933 ver­stor­ben. Den bei­den Geschwis­tern Else und Kurt gelang recht­zei­tig die Flucht nach Süd­ame­ri­ka. Chi­le wur­de zu ihrem Exil­land, wo der jün­ge­re Bru­der Kurt 1952 ver­starb.[4] Die älte­re Schwes­ter Else, ver­hei­ra­te­te Bro­dy, streng­te von dort aus nach dem Krieg das Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren für ihre Schwes­ter an. Ein wei­te­rer Bru­der, Hugo, war bereits am 26. Juli 1930 kin­der­los ver­stor­ben.[5]

Lot­te Bern­stein selbst hat­te nach dem Besuch des Lyze­ums und des Leh­re­rin­nen­se­mi­nars in Kol­berg bereits mit 17 Jah­ren ihr Staats­examen mit Aus­zeich­nung bestan­den und anschlie­ßend in Hei­del­berg ihre ers­te Anstel­lung erhalten.

Hier lern­te sie eine etwa 20 Jah­re älte­re Frau ken­nen, die ihr eine Freun­din, eine Part­ne­rin fürs Leben wer­den soll­te: Ida Cohn. Sie war am 28. August 1870 in Gutt­stadt im dama­li­gen Ost­preu­ßen am Ran­de der Masu­ri­schen Seen­plat­te als Ida Schwarz gebo­ren wor­den. Die Eltern sind nicht bekannt, aber sie müs­sen immer­hin so begü­tert gewe­sen sein, dass sie ihrer Toch­ter den Besuch einer Höhe­ren Töch­ter­schu­le ermög­li­chen konnten.

Mit 25 Jah­ren hei­ra­te­te sie den aus dem pom­mer­schen Bad Polz­in stam­men­den Kauf­mann Juli­us Cohn, der dort ein Geschäft für Manu­fak­tur­wa­ren, sprich Tex­ti­li­en, besaß. Am 7. Dezem­ber 1898 wur­de in Saal­e­feld in Ost­preu­ßen Ernst, das ein­zi­ge Kind des Paa­res, gebo­ren. Aller­dings hat­te die­ser sei­nen Vater nicht mehr ken­nen­ge­lernt, denn Juli­us Cohn war etwa drei Mona­te vor der Geburt des Soh­nes am 18. Sep­tem­ber 1898 ver­stor­ben.[6]

Nach dem frü­hen Tod ihres Man­nes zog die allein­ste­hen­de Mut­ter zu ihrem Bru­der nach Königs­berg und führ­te dort des­sen Haus­halt, womit sie zugleich den Lebens­un­ter­halt für sich und ihren Sohn ver­dien­te. Aber das war nur eine Über­gangs­lö­sung. Sie ver­ließ bald ihre ost­preu­ßi­sche Hei­mat und ging nach Kas­sel, um dort die Lei­tung eines Mäd­chen­pen­sio­nats zu über­neh­men. Die dafür not­wen­di­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen hat­te sie wohl in der Höhe­ren Töch­ter­schu­le erwor­ben. Wie lan­ge sie in Kas­sel blieb, ist nicht bekannt, so auch nicht, wann sie danach in Hei­del­berg die Lei­tung einer ähn­li­chen Ein­rich­tung übernahm.

Aber das Ver­las­sen ihres fami­liä­ren Umfelds hat­te zur Kon­se­quenz, dass sie als berufs­tä­ti­ge, allein­ste­hen­de Mut­ter ihr Kind nicht mit­neh­men konn­te. Es blieb in der Obhut der unver­hei­ra­te­ten Schwes­ter Cla­ra. Wie aus einem ergän­zen­den Ein­trag in Kurts Geburts­ur­kun­de her­vor­geht, wur­de er spä­ter „durch nota­ri­el­len Ver­trag vom 27. Janu­ar 1929, gericht­lich bestä­tigt am 4. Febru­ar 1929”, von der „unver­ehe­lich­ten Cla­ra Schwarz, ohne Beruf, wohn­haft in Saal­feld … an Kin­des­statt abge­nom­men (! sic)“, wes­halb er von die­sem Zeit­punkt an den Nach­na­men Schwarz trug. [7].

Etwa 1911 zogen Ida Cohn und Lot­te Bern­stein gemein­sam von Hei­del­berg nach Frei­burg i. B., um hier in eige­ner Regie ein Pen­sio­nat für Mäd­chen auf­zu­bau­en, dem auch eine staat­lich kon­zes­sio­nier­te Töch­ter­schu­le ange­glie­dert war. Lot­te Bern­stein war zu die­sem Zeit­punkt erst 19 Jah­re alt.
Nach dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs, in dem sie das Heim wegen der Flie­ger­an­grif­fe für eine gewis­se Zeit nach Baden-Baden aus­la­gern muss­ten, kehr­ten sie nach Frei­burg zurück.

Erfolg­reich konn­ten sie in den fol­gen­den Jah­ren bis zur Macht­über­nah­me der Nazis die­se Ein­rich­tung mit einem außer­or­dent­lich guten Ruf, der sogar über die Gren­zen hin­aus­reich­te, eta­blie­ren und wei­ter aus­bau­en. Die Mäd­chen kamen aus „gut­si­tu­ier­ten jue­di­schen Fami­li­en“ – so der Sohn von Ida Cohn –, wur­den musisch gebil­det und in Spra­chen durch mut­ter­sprach­li­che eng­li­sche und fran­zö­si­sche Fach­leh­rer unter­rich­tet. Auch jüdi­scher Reli­gi­ons­un­ter­richt wur­de von exter­nen Leh­rern erteilt. Schü­le­rin­nen, die den Abschluss an einer höhe­ren Schu­le machen woll­ten, muss­ten den Unter­richt an einer ent­spre­chen­den städ­ti­schen Schu­le besu­chen, konn­ten aber im Haus woh­nen. Wäh­rend Ida Cohn in ers­ter Linie den Haus­halt führ­te, war Lot­te Bern­stein als Leh­re­rin tätig. Bei­de tra­ten aber gemein­sam als „Insti­tuts­vor­ste­he­rin­nen“ auf.[8]

Das gro­ße Haus in der Goe­thestr. 3, umge­ben von einem gro­ßen Gar­ten, in einer der bes­ten Wohn­la­gen der Stadt, hat­ten die bei­den Freun­din­nen gemein­sam erwor­ben. Neben ihrer eige­nen Woh­nung, gab es etwa wei­te­re 15 Zim­mer, in denen die bis zu 30 Mäd­chen schlie­fen. Auch soll es eine sehr gut bestück­te Biblio­thek gege­ben haben.[9] Im Par­terre lag ein gro­ßer Spei­se­saal, im Sou­ter­rain eine nicht min­der gro­ße Küche, in der Ida den Haus­wirt­schafts­un­ter­richt selbst erteil­te. Lot­tes Schwes­ter Else, die des Öfte­ren in Frei­burg zu Besuch war, hat­te nach eige­nen Anga­ben 1921 Ida Cohn ein gan­zes Jahr lang beim Haus­halts­un­ter­richt unter­stützt. Als „Israe­li­ti­sches Töch­ter­heim“ war das Haus seit Bestehen bis 1933 im Bran­chen­ver­zeich­nis des Frei­bur­ger Adress­buchs ein­ge­tra­gen. Im fol­gen­den Jahr waren nur noch die bei­den Eigen­tü­me­rin­nen mit die­ser Wohn­adres­se ver­zeich­net, das Insti­tut selbst aber nicht mehr.[10] Ab 1933 wur­de es jüdi­schen Eltern unmög­lich gemacht, ihre Töch­ter dort unter­zu­brin­gen, sodass der Betrieb ein­ge­stellt wer­den muss­te. Ob es eine beson­de­re Schlie­ßungs­ver­fü­gung von Amts wegen gab, ist nicht bekannt. Laut Grund­buch­ein­trag wur­de das Anwe­sen am 14. Febru­ar 1935 an einen ehe­ma­li­gen Regie­rungs­prä­si­den­ten ver­kauft und ging zum 1. April des glei­chen Jah­res in des­sen Eigen­tum über.[11]

Wo die bei­den Frau­en in der fol­gen­den Zeit bis zu ihrem Umzug nach Wies­ba­den gelebt haben, ist nicht bekannt, nur von Lot­te Bern­stein weiß man, dass sie im Okto­ber 1936 in Ham­burg gemel­det war. Sie wohn­te hier in der Woh­nung ihrer Schwes­ter Else, die zu die­ser Zeit bereits mit Alwin Bro­dy ver­hei­ra­tet war und die bei­den Kin­der Irm­gard und Jür­gen hat­te. Auch der Vater Eli­as Bern­stein hat­te in die­ser Zeit bei sei­ner Toch­ter im Haus in der Klos­ter­al­lee 25 eine Unter­kunft gefun­den.[12]

Mainzer Str. 6, Lotte Bernstein, Ida Cohn, Judenhaus Emser Str 26a
Die Schu­le in der Main­zer Stra­ße 1912 bevor sie zur Jüdi­schen Schu­le wur­de
HHStAW 3008 1 (13914)

Im Okto­ber 1937 zogen Lot­te Bern­stein und Ida Cohn aber dann wie­der gemein­sam nach Wies­ba­den, wo Lot­te eine Anstel­lung an der dor­ti­gen Jüdi­schen Schu­le erhal­ten hat­te.[13] Nach dem Weg­zug des bis­he­ri­gen Schul­lei­ters wur­de ihr die­se Auf­ga­be über­tra­gen. [14]

Jüdische Schule Wiesbaden, Maizer Straße
Lot­te Bern­stein und Rab­bi Dr. Fin­kel­sche­rer im Kreis ihrer Schü­ler. Obe­re Rei­he (von links): Heinz Man­nes, Sep­pel Baum, Erich Kahn, Her­bert Levitta. Unte­re Rei­he (von links): Man­fred Ros­ner, Mar­got Isra­el, Lore Loeb, Inge Löwen­stein, Gün­ther Wolf, Han­nah Kauf­mann, davor hockend: Oskar Bor­ger
Archiv Akti­ves Muse­um Spie­gel­gas­se, Wiesbaden

Die Woh­nung, die sie hier gemein­sam in der Wie­land­str. 23 anmie­te­ten, war mit ihren vier gro­ßen Zim­mern und den aus Frei­burg mit­ge­brach­ten Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­den noch recht kom­for­ta­bel. Von ver­schie­de­nen Zeu­gen wird sie als sehr gedie­gen und über­aus reich aus­ge­stat­tet beschrie­ben: Gute Tep­pi­che, Gemäl­de an den Wän­den, schwe­re, mas­si­ve Möbel, eine umfang­rei­che Biblio­thek, diver­se Kris­tal­le und Mar­ken­ser­vice für beson­de­re Anläs­se. Dane­ben besa­ßen bei­de eini­gen Schmuck und auch eine umfang­rei­che Wäsche­aus­stat­tung. „Zusam­men­ge­fasst kann man sagen, dass es sich bei die­ser Woh­nung um einen sehr schö­nen, gut­bür­ger­li­chen Haus­halt gehan­delt hat“, gab die ehe­ma­li­ge Haus­ver­wal­te­rin, die des Öfte­ren in der Woh­nung gewe­sen war, im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren zu Pro­to­koll.[15]

Ernst Schwarz, der Sohn von Ida Cohn, konn­te sich detail­liert an die ver­schie­de­nen Ein­rich­tungs- und Haus­halts­ge­gen­stän­de, aber auch an den Schmuck und eine Goe­the-Erst­aus­ga­be erin­nern, [16] was dar­auf schlie­ßen lässt, dass der damals etwa Vier­zig­jäh­ri­ge sei­ne Mut­ter hier in Wies­ba­den noch mehr­fach besucht haben muss.

Aber die­ser rela­tiv geho­be­ne Lebens­stan­dard ließ sich natür­lich mit dem gerin­gen Ein­kom­men nicht mehr hal­ten. Bereits im Febru­ar hat­te die Devi­sen­stel­le für Lot­te Bern­stein eine Siche­rungs­an­ord­nung erteilt. Die Bit­te, die­se Anord­nung zurück­zu­neh­men, wur­de nicht erfüllt. Sie müs­se wegen des Anspruchs auf etwa 2.300 RM aus einer Erb­schaft unbe­dingt bestehen blei­ben, so die Behör­de.[17] Wei­te­res Ver­mö­gen war nicht vor­han­den. Bei Ida Cohn ver­zich­te­te man ange­sichts ihrer Ver­mö­gens­lo­sig­keit und feh­len­der Ein­künf­te auf die Siche­rung ihrer Finan­zen.[18]

Nur Lot­te Bern­stein erhielt für ihre Tätig­keit ein klei­nes Gehalt. Auf einem klei­nen Zet­tel hat­te sie für die Devi­sen­stel­le in Frank­furt im Juni 1940 ihre Lebens­hal­tungs­kos­ten zusam­men­ge­stellt. Von den 300 RM, die sie monat­lich für ihre Unter­richts­tä­tig­keit erhielt, blie­ben nach Abzug von diver­sen Steu­ern und Bei­trä­gen noch 192, 87 RM übrig. Davon muss­ten sie selbst und auch die arbeits­lo­se Ida Cohn, die dafür den gemein­sa­men Haus­halt führ­te, leben.[19] Lot­te Bern­stein bat des­halb sogar erfolg­reich dar­um, man möge ihr den Frei­be­trag wie­der auf die zuvor gewähr­ten 300 RM anheben.

Aber eine wei­te­re Bit­te, die sie in die­sem Brief äußer­te, muss in Erstau­nen ver­set­zen. Sie bat näm­lich um die Frei­ga­be von zusätz­lich ein­ma­lig 67,40 RM, um damit eine Rech­nung der Uni­ver­si­täts­buch­hand­lung in Frei­burg für Bücher, die sie „beruf­lich brau­che“, bezah­len zu kön­nen. Lei­der sind die Titel der Bücher nicht auf­ge­führt. Den­noch: Das eige­ne Ver­häng­nis wie das ihrer Schü­ler vor Augen, kaum genug Geld für das all­täg­lich Not­wen­di­ge, bestell­te die­se Leh­re­rin noch neue Bücher für die Unter­richts­vor­be­rei­tung. Unwei­ger­lich ist man an Luthers Apfel­bäum­chen erin­nert. Mit Nai­vi­tät oder Igno­ranz ist das nicht zu erklä­ren, man wird dar­in viel­mehr eine Form des Wider­stands sehen müs­sen, den Ver­such, auch unter den gege­be­nen schwie­ri­gen Bedin­gun­gen ein Leben zu füh­ren, das dem Wesen der eige­nen Per­sön­lich­keit ent­spricht: den Ver­such, trotz aller Ernied­ri­gung, Iden­ti­tät zu behaupten.

Den­noch gibt die geschil­der­te finan­zi­el­le Lage, die die Devi­sen­stel­le nicht anzwei­fel­te, gewis­se Rät­sel auf: Wo war das Geld aus dem vor etwa fünf Jah­ren erfolg­ten Ver­kauf des ganz sicher recht teu­ren Hau­ses in Frei­burg geblie­ben? Das Haus kann nicht nur gemie­tet oder gepach­tet gewe­sen sein, denn der Grund­buch­ein­trag nennt expli­zit als Ver­käu­fer „Cohn-Bern­stein“.[20] Die ein­zi­ge plau­si­bel erschei­nen­de Erklä­rung könn­te dar­in bestehen, dass das Haus mit Hypo­the­ken hoch belas­tet war, der Käu­fer prak­tisch durch die Über­nah­me die­ser Schul­den zum Eigen­tü­mer wur­de und die bei­den Frau­en damit fak­tisch leer ausgingen.

Bis zum 31. Dezem­ber 1941 durf­ten die bei­den in ihrer schö­nen und geräu­mi­gen Woh­nung in der Wie­land­stra­ße blei­ben. Dann muss­ten sie in das Juden­haus in der Emser Stra­ße umzie­hen. Wie aus mehr­fa­chen Bekun­dun­gen her­vor­geht, hat es sich hier ein­deu­tig um eine und zwar offen­sicht­lich sehr plötz­lich anbe­raum­te Zwangs­ein­wei­sung gehan­delt. Die Möbel und der gesam­te Haus­rat wur­den „von den Nazis abge­holt  und in ein Auk­ti­ons­haus gebracht“.[21] Im Juden­haus stand ihnen nur noch ein klei­ner, möblier­ter Man­sar­den­raum im zwei­ten Stock mit einer Küche zur Ver­fü­gung. Die Ver­wal­te­rin des Hau­ses in der Wie­land­stra­ße besuch­te nach ihren eige­nen Anga­ben die bei­den noch des Öfte­ren in die­ser Unter­kunft und brach­te ihnen auch immer wie­der etwas zu essen mit. Es sei ihnen „übel“ gegan­gen und Ida Cohn sei zuletzt auch krank gewor­den.[22] Mehr weiß man nicht über ihre letz­te gemein­sa­me Zeit in Wiesbaden.

Den bei­den Freun­din­nen, die fast ihr gan­zes Leben mit­ein­an­der geteilt hat­ten, wur­de am Ende nicht ein­mal die Gna­de zuteil, auch gemein­sam den Weg ins Lager gehen zu dür­fen. Lot­te Bern­stein wur­de schon am 10. Juni zusam­men mit der Mit­be­woh­ne­rin Sel­ma Leo­pold nach Lub­lin und von dort in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor ver­bracht. Bei­de wur­den hier unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft in den Gas­kam­mern ermor­det. Am 9. Novem­ber 1956 wur­de sie vom Amts­ge­richt Wies­ba­den für tot erklärt.

Ida Cohn, die älte­re von den bei­den, wur­de erst am 1. Sep­tem­ber 1942 im Trans­port XII/​2 mit der Num­mer 632 von Wies­ba­den über Frank­furt nach The­re­si­en­stadt abge­scho­ben. Hier traf sie, wie aus ihrer Todes­fall­an­zei­ge her­vor­geht, ihre Schwes­tern Hed­wig, ver­hei­ra­te­te Gold­stein, und Kla­ra, die ihren Sohn Ernst adop­tiert hat­te, wie­der.[23] Bei­de waren am 24. Juli 1942 von Ber­lin aus mit dem Trans­port I/​30 und den Num­mern 2290 bzw. 2291 nach The­re­si­en­stadt gebracht wor­den. Ida erleb­te nicht mehr, wie bei­de noch in die Todes­fa­brik nach Ausch­witz geschickt wur­den. Sie selbst ver­starb am 13. Janu­ar 1943 im Alter von 72 Jah­ren im Lager angeb­lich an Darm­ka­tarrh. Die bei­den Schwes­tern wur­den am 16. Mai 1944 mit dem Trans­port Ea und den Num­mern 2 bzw. 1137 nach Ausch­witz über­führt, wo Cla­ra am 16. Mai und Hed­wig zwei Tage spä­ter am 18. Mai ermor­det wur­den.[24]

Ernst Schwarz über­leb­te die Shoa. Wann und unter wel­chen Umstän­den ihm die Aus­wan­de­rung in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten gelang, ist nicht bekannt. Da er im Jahr 1957, in dem er den Antrag auf Ent­schä­di­gung stell­te, zwei Kin­der im Alter von 25 und 13 Jah­ren hat­te,[25] kann man ver­mu­ten, dass er noch in Deutsch­land gehei­ra­tet hat­te und zusam­men mit Frau und dem ers­ten Kind aus­ge­wan­dert war. Das zwei­te Kind muss dann nach der gelun­ge­nen Ret­tung in Ame­ri­ka zur Welt gekom­men sein.

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] http://​www​.wies​ba​de​ner​-tag​blatt​.de/​l​o​k​a​l​e​s​/​w​i​e​s​b​a​d​e​n​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​-​w​i​e​s​b​a​d​e​n​/​s​c​h​u​e​l​e​r​-​e​r​i​n​n​e​r​n​-​m​i​t​-​m​a​h​n​m​a​l​-​a​n​-​j​u​e​d​i​s​c​h​e​-​b​e​h​e​l​f​s​s​c​h​u​l​e​-​i​n​-​d​e​r​-​m​a​i​n​z​e​r​-​s​t​r​a​s​s​e​_​1​7​6​4​1​1​4​4​.​htm. (Zugriff: 21.11.2017).

[2] Beck­hardt, Jude mit dem Haken­kreuz,  S. 222 ff. Das Bild ist auch auf dem Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Lot­te Bern­stein und Ida Cohn abge­druckt. Hier ist auch ein Bild der Schu­le selbst zu sehen. http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​B​e​r​n​s​t​e​i​n​-​K​o​h​n​.​pdf. (Zugriff: 21.11.2017).

[3] „Den­noch [obwohl die Schü­ler sich stark fühl­ten und unter­ein­an­der einen fes­ten Zusam­men­halt hat­ten – K. F.] ver­schwand fast jede Woche einer. Hans Ull­mann, des­sen Eltern ein Hut­ge­schäft in der Kirch­gas­se besa­ßen, erzähl­te bei­läu­fig in der Pau­se: ‚Wir wan­dern aus’. Edith Gold­mann aus der Kleist­stra­ße kam eines Mor­gens nicht mehr…. Auch die Leh­rer gin­gen weg. Kurts Klas­sen­leh­rer ‚Nan­ty’ Fruch­ter hei­ra­te­te Ruth Leh­mann, die Leh­re­rin, die den Schul­gar­ten betreu­te. … ‚Die bei­den wan­der­ten nach Ame­ri­ka aus – und irgend­wann war ich dran“, so die Erin­ne­rung von Kurt Beck­hardt, ebd. S. 224.

[4] HHStAW 518 37946 (17). Else Bern­stein war am 10.12.1886 in Kol­berg gebo­ren wor­den. Sie hat­te den am 29.7.1888 in Rit­ze­büt­tel bei Cux­ha­ven gebo­re­nen Alwin Bro­dy gehei­ra­tet. Die­ser war in ers­ter Ehe mit Ger­trud Engers ver­hei­ra­tet gewe­sen, die 1924 ver­starb. Die Fami­lie leb­te vor ihrer Flucht in Ham­burg. Dort hat­te zuletzt vor sei­nem Tod auch der Vater gewohnt und auch der Bru­der Kurt hat­te nach Aus­kunft der Ham­bur­ger Behör­den in den 30er Jah­ren zumin­dest zeit­wei­se dort sei­nen Auf­ent­halt. HHStAW 469–33 4276 (6). Kurt Bern­stein war am 10.3.1890 eben­falls in Kol­berg gebo­ren wor­den, gestor­ben ist er am 26.4.1952.

[5] HHStAW 518 37946 (16).

[6] HHStAW 518 47108 (10).

[7] Ebd. Cla­ra Schwarz war am 4.4.1874 wie ihre Schwes­ter in Gutt­stadt gebo­ren wor­den. Über die Grün­de, wes­halb aber die­se Adop­ti­on erst im Alter von knapp 30 Jah­ren vor­ge­nom­men wur­de, mach­te Ernst Schwarz kei­ne Anga­ben. Es könn­te aller­dings sein, dass erb­recht­li­che Bestim­mun­gen hier­für maß­ge­bend waren, denn durch die Erwach­se­nen­ad­op­ti­on ver­lor Ernst nicht das Erbrecht gegen­über sei­ner leib­li­chen Mut­ter, erhielt aber das Erbrecht gegen­über sei­ner Adop­tiv­mut­ter. Im Adress­buch von Heils­berg aus dem Jahr 1936, zu dem auch Gutt­stadt ver­wal­tungs­mä­ßig gehör­te, ist ein Kauf­mann Ernst Schwarz, wohn­haft in der Hin­den­burg­str. 125 ein­ge­tra­gen. Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich hier um den Sohn von Ida Cohn. Sie­he http://​www​.adress​bue​cher​.genea​lo​gy​.net/​a​d​d​r​e​s​s​b​o​o​k​/​e​n​t​r​y​/​5​4​7​4​6​6​d​3​1​e​6​2​7​2​f​5​d​0​5​f​3​044. (Zugriff: 21.11.2017). Eben­so ist hier eine Kla­ra Schwarz, ohne Beruf, in Heils­berg Lang­gas­se 25 gelis­tet, ver­mut­lich die Schwes­ter von Ida Cohn. Sie­he http://​adress​bue​cher​.genea​lo​gy​.net/​a​d​d​r​e​s​s​b​o​o​k​/​e​n​t​r​y​/​5​4​7​4​6​6​d​c​1​e​6​2​7​2​f​5​d​0​6​0​0​8b4.(Zugriff: 21.11.2017).

[8] HHStAW 518 47108 (43).

[9] Die Anga­ben zu Ida Cohns Bio­gra­fie und zum Haus in Frei­burg beru­hen auf den Anga­ben von Ernst Schwarz, dem Sohn von Ida Cohn, die die­ser im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren nach dem Krieg mach­te, sie­he HHStAW 518 47108 (53), zur Ein­rich­tung des Hau­ses auch 518 37946 (4, 18, 30).

[10] HHStAW 518 47108 (44).

[11] Ebd. Wäh­rend spä­ter die Toch­ter des Käu­fers mein­te, das Haus sei bei der Über­nah­me von meh­re­ren Fami­li­en bewohnt wor­den, gab Else Bra­dy, die Schwes­ter von Lot­te Bern­stein, an, das Haus sei von einer NS-Stu­den­ten­grup­pe genutzt wor­den. Sie­he Ebd. (48) und HHStAW 518 37946 (4).

[12] HHStAW 469–33 4276 (2).

[13] HHStAW 518 37946 (28).

[14] HHStAW 518 37946 (30). Zwei­fel­haft ist aber die Anga­be der Schwes­ter, dass sie nach dem Tod des Lei­ters der Jüdi­schen Schu­le in Mainz auch die­ses Amt über­nom­men habe. In der Auf­ar­bei­tung der Geschich­te die­ser Schu­le durch Micha­el Brod­hae­cker gibt es dafür kei­nen Beleg. Lot­te Bern­stein fin­det hier kei­ne Erwäh­nung, obgleich der Selbst­mord von Dr. Eugen Mann­hei­mer und der sei­ner ari­schen Frau ange­sichts der Gescheh­nis­se in der Reichs­po­grom­nacht und der Zer­stö­rung der Schu­le umfas­send geschil­dert wer­den. Sie­he Brod­hae­cker, Micha­el, Die jüdi­schen Bezirks­schu­len in Mainz und Worms – „Nor­ma­li­tät“ in schwe­rer Zeit, in: Main­zer Geschichts­blät­ter 12, 2000 S. 52 – 74, i.B. S. 70 f.

[15] HHStAW 518 37946 (22).

[16] HHStAW 518 47108 (53).

[17] HHStAW 519/​3 2376 (5, 7, 9).

[18] HHStAW 519/​3 2399 (4).

[19] HHStAW 519/​3 2376 (12) und 519/​3 2399 (3).

[20] HHStAW 518 47108 (44).

[21] HHStAW 518 47108 (8) und 518 37946 (22).

[22] HHStAW 518 47108 (8).

[23] http://​www​.holo​caust​.cz/​d​a​t​a​b​a​z​e​-​d​o​k​u​m​e​n​t​u​/​d​o​k​u​m​e​n​t​/​9​2​1​1​9​-​c​o​h​n​-​i​d​a​-​o​z​n​a​m​e​n​i​-​o​-​u​m​r​t​i​-​g​h​e​t​t​o​-​t​e​r​e​z​in/. (Zugriff: 21.11.2017).

[24] Ein­trä­ge im Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs für Gold­stein Hed­wig und Schwarz, Cla­ra. Über den Trans­port nach Ausch­witz: http://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​4​6​3​5​8​-​c​l​a​r​a​-​s​c​h​w​a​rz/. (Zugriff: 21.11.2017). und http://​www​.holo​caust​.cz/​d​e​/​o​p​f​e​r​d​a​t​e​n​b​a​n​k​/​o​p​f​e​r​/​1​2​5​0​2​-​h​e​d​w​i​g​-​g​o​l​d​s​t​e​in/. (Zugriff: 21.11.2017).

[25] HHStAW 518 47108 (1).