Der Nazi als Nachbar


Judenhaus Alexandrastr. 6 Wiesbaden, Albert Frank
Das Juden­hau­ses Aex­and­rastr. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Lage des Juden­hau­ses
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Alex­and­rastr. 6

 

 

 

 

Von vie­len Juden­häu­sern in ande­ren Städ­ten wur­de berich­tet, dass sie beson­ders nachts zum Objekt gewalt­tä­ti­ger Über­grif­fe sei­tens der SA, der HJ oder ande­rer natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Grup­pen wur­den. Auch SS oder SA-Leu­te, die mit­un­ter qua­si als Wach­leu­te mit in einem sol­chen Haus wohn­ten, übten einen sol­chen Ter­ror aus.[1]

Zwar nicht direkt im, aber unmit­tel­bar gegen­über dem Juden­haus, in der Alex­and­rastr. 7 wohn­te ein sehr enga­gier­tes Mit­glied der „natio­na­len Bewe­gung“, Wil­helm Brem­ser, sei­nes Zei­chens Par­tei­mit­glied seit 1937, Rot­ten­füh­rer der SA-Reser­ve, stell­ver­tre­ten­der Sport­kreis­füh­rer im Reichs­bund für Lei­bes­übung, ein­fa­ches Mit­glied in NSV und DAF. Ab 1943 stand er, der vor und nach dem Krieg auch ein sehr akti­ves und hoch­ge­ach­te­tes Mit­glied des Wies­ba­de­ner Ten­nis- und Hockey­club WTHC war, im Poli­zei­dienst.[2]

Im Spruch­kam­mer­ver­fah­ren gab er an, in die SA gekom­men zu sein, weil er der SS ent­ge­hen woll­te. Er sei des­halb 1933 in den – sei­ner Mei­nung nach — „par­tei­lich nicht gebun­de­nen Stahl­helm“ ein­ge­tre­ten, der dann noch im sel­ben Jahr in die SA über­führt wor­den sei.

Die Kam­mer sah ihn als Ange­hö­ri­gen der Grup­pe der „Min­der­be­las­te­ten“, der soge­nann­ten „Bewäh­rungs­grup­pe“, an, immer­hin die mitt­le­re von ins­ge­samt 5 Grup­pen.[3] Brem­ser klag­te gegen die­se Ein­ord­nung und sah sich – wie nahe­zu alle – als einen Ver­führ­ten an und woll­te dem­ge­mäß der Grup­pe der Mit­läu­fer zuge­ord­net wer­den. Eine Viel­zahl von soge­nann­ten „Per­sil­schei­nen“ leg­te er vor, die alle sein unta­de­li­ges Ver­hal­ten wäh­rend der NS-Dik­ta­tur beschei­nig­ten. Die meis­ten waren von Freun­den oder Bekann­ten aus dem Hockey­ver­ein aus­ge­stellt, aber es gab auch ande­re, die wohl den letzt­end­li­chen Aus­schlag für das mil­de­re Urteil gaben.

So bestä­tig­te Elsa Stein, die Ehe­frau des am 10. Juni 1943 in Ausch­witz ermor­de­ten Arz­tes Dr. Albert Stein, die im Nach­bar­haus Alex­and­rastr. 8 wohn­ten, dass das Ehe­paar Brem­ser sich ihnen gegen­über „immer freund­lich und gefäl­lig gezeigt“ und Herr Brem­ser „sich beim Tod mei­nes Man­nes sehr teil­nahms­voll benom­men“ habe.

Maria Lan­de, die Wit­we des jüdi­schen Arz­tes Dr. Sieg­fried Lan­de, der sich vor sei­ner Ver­haf­tung im Juden­haus das Leben nahm, schrieb:
„Ich bestä­ti­ge, dass die Ehe­leu­te, Herr und Frau Brem­ser, jah­re­lang in dem zum Juden­haus erklär­ten Hau­se, Alex­and­rastr. 6, in Ruhe und Frie­den mit allen Ein­woh­nern gelebt haben und nament­lich mir, nach­dem sich mein Mann der Ver­fol­gung, schließ­lich der Ver­haf­tung durch die GESTAPO durch Frei­tod ent­zog, mit größ­ter Teil­nah­me sich mei­ner ange­nom­men haben und mit Rat und Tat bei­gestan­den haben.“

Ähn­li­ches trug auch  die Wit­we Frie­da Drey­er, deren Mann, der Jurist Dr. Wil­helm Drey­er, 1938 in Buchen­wald zu Tode kam:
„Herr Brem­ser und Frau wohn­ten von 1933 bis 1938 im sel­ben Hau­se wie wir in Wies­ba­den, Alex­an­der­str. 6. Mein Mann, der Ober­lan­des­ge­richts­rat a​.​D. Dr. Wil­helm Drey­er wur­de am 10. Novem­ber 1938 sei­ner jüdi­schen Abstam­mung wegen ver­haf­tet, in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald gebracht, wo er nach 14 Tagen gestor­ben ist.
Ich beschei­ni­ge Herrn Brem­ser hier­durch, dass er und sei­ne Frau sich mei­nem Mann gegen­über stets höf­lich und zuvor­kom­mend ver­hal­ten haben, bei sei­ner Ver­haf­tung ihre Empö­rung offen aus­ge­spro­chen haben und bei sei­nem Tode auf­rich­tig gro­ßen Anteil genom­men haben.“

Wil­helm Brem­ser wur­de mit Beschluss der Kam­mer vom 31. Juli 1947 als Mit­läu­fer ein­ge­stuft. Sei­ne Süh­ne­leis­tung betrug 500 DM.

Wie sind die­se Brie­fe aus heu­ti­ger Sicht zu bewer­ten? Spie­geln sie das tat­säch­li­che Ver­hal­ten des Ehe­paars gegen­über den jüdi­schen Bewoh­nern der Nach­bar­häu­ser wider? Zunächst ist zu beden­ken, dass die drei Frau­en nach den Zuord­nun­gen des NS-Staa­tes alle drei arisch waren, sie in einer Misch­ehe leb­ten und damit zumin­dest über einen län­ge­ren Zeit­raum noch einen gewis­sen Schutz genos­sen. Zudem blei­ben die posi­ti­ven Bekun­dun­gen, auch wenn sie sich auf kon­kre­te Ereig­nis­se bezie­hen, doch sehr all­ge­mein. Ver­mut­lich sind sie nicht aus eige­ner Initia­ti­ve zustan­de gekom­men, son­dern Brem­ser wird dar­um gebe­ten haben. Was blieb den drei Frau­en wohl übrig? Der Natio­nal­so­zia­lis­mus war zwar besiegt, aber man muss­te mit den­je­ni­gen, die gera­de eben noch Natio­nal­so­zia­lis­ten gewe­sen waren, wei­ter zusam­men­le­ben. Woll­te man nicht noch emi­grie­ren oder den Kampf für eine ech­te Ent­na­zi­fi­zie­rung auf­neh­men, dann war es gebo­ten, sich mit ihnen zu arran­gie­ren. Man muss­te ja die weni­gen Jah­re, die einem blie­ben, zusam­men in die­ser Stadt leben. Wer such­te da nicht Ruhe, nach all den Jah­ren der Ängs­te und Anfein­dun­gen? Zudem gab es auch, und beson­ders für die­je­ni­gen, denen die Nazis ihre Exis­tenz ver­nich­tet hat­ten, genü­gend all­täg­li­che Sor­gen ums Über­le­ben. Da war so ein Brief schnell geschrieben.

 

 

« zurück 


 

Anmer­kun­gen:

 

[1] Sie­he dazu oben das Kapi­tel „Ein­rich­tung der Juden­häu­ser“

[2] Sie­he zu den fol­gen­den Aus­füh­run­gen die Spruch­kam­mer­ver­fah­rens­ak­ten von  Brem­ser, Wil­helm HHStAW 2941 R 4914 K. 645, die sei­ner Frau Lil­li  HHStAW 11669 R. 4914 K 426.

[3] Sie­he dazu das Gesetz Nr. 104 zur Befrei­ung von Natio­nal­so­zia­lis­mus und Mili­ta­ris­mus vom 5. März 1946, dar­in sind die Kate­go­rien mit den ent­spre­chen­den Kri­te­ri­en und zu erbrin­gen­den Süh­ne­leis­tun­gen auf­ge­führt. Abge­druckt in: Ent­na­zi­fi­zie­rung. Poli­ti­sche Säu­be­rung und Reha­bi­li­tie­rung in den vier Besat­zungs­zo­nen 1945–1949, hg. Vollnhals, Cle­mens, Mün­chen 1991, S.262 ff.

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942