Vorbemerkung

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen des Projekts „StadteilHistoriker“, das von der „Wiesbaden Stiftung“ angeregt und 2016 erstmals durchgeführt wurde. Die Idee, sich intensiv mit der vorliegenden Thematik zu befassen bestand allerdings schon länger und geht auf Gespräche zurück, die ich mit einer langjährigen Mitarbeiterin des „Aktiven Museums Spiegelgasse“ (AMS) geführt habe. Während in den vom AMS herausgegebenen „Erinnerungsblättern“ jeweils bestimmte Personen oder Familien im Mittelpunkt stehen und – die Form des Erinnerungsblattes bedingt dies – in einem begrenzten Rahmen deren Schicksal dargestellt wird, sollte hier der Blick eher auf das erzwungene Zusammenleben in diesen auch als „Ghettohäuser“ bezeichneten Wohnstätten gerichtet sein. Dieses ursprüngliche Vorhaben war angesichts der Quellenlage bisher nur ansatzweise zu realisieren. Dafür konnte aber das Schicksal einzelner Personen und Familien in diesem Rahmen wesentlich umfassender dargestellt werden, als es die, in ihrer Bedeutung für die Erinnerungskultur der Stadt Wiesbaden aber nicht zu ersetzenden „Erinnerungsblätter“ ermöglichen würden.

Die Zwangseinweisung der jüdischen Bevölkerung nach der Reichspogromnacht 1938 in vielen deutschen Städten in sogenannte Judenhäuser scheint angesichts des monströsen Grauens des Holocaust selbst nur eine Marginalie der jüdischen Leidensgeschichte zu sein. Wie aus vielen Selbstzeugnissen von Betroffenen aus anderen Städten hervorgeht, war die Vertreibung aus der angestammten Wohnung, dem eigenen Haus jedoch eine ganz entscheidende Zäsur auf dem Weg zur Vernichtung, denn damit ging auch der letzte Schutzraum und die materielle Basis eigener Identität verloren. Tagebücher, wie z. B. das von Victor Klemperer, und andere Zeitzeugenberichte geben Auskunft über die Leiden und Nöte, die vielerorts mit der neuen Wohnsituation verbunden waren. Für die Wiesbadener Judenhäuser sind allerdings solche authentischen Zeugnisse, die einen Blick auf das Innenleben der Häuser und die Gefühlslagen der dort lebenden oder auch nur hausenden Menschen ermöglichen würden, kaum vorhanden.

Es geht aber nicht nur darum, diesem Leid der Bewohner nachzuspüren, den Opfern eine Stimme zu geben, sondern darüber hinaus sollen wesentliche Strukturen der nationalsozialistischen Herrschaft auf der untersten Ebene analysiert und beschrieben werden. Es soll aufgezeigt werden, wie die bürokratisch vollzogene Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger und der Raub ihres Eigentums durch die zuständigen Behörden realisiert wurde und welche Konflikte innerhalb des NS-Machtapparates dabei zu Tage traten. Denn anders als zu Beginn der historischen Erforschung des NS-Staates, in der dieser zunächst weitgehend als monolithisch und hierarchisch strukturiertes Machtgebilde gesehen wurde, sind gerade durch die lokalgeschichtliche Forschung die vielfältigen Bruchlinien, die immanenten Widersprüche in diesem System zum Vorschein gekommen. Gerade bei der Wohnungs- und der damit eng verknüpften Arisierungspolitik treten diese Brüche deutlich zutage, denn die unterschiedlichsten Gruppen und Institutionen waren an diesem Prozess mit je spezifischen Interessen beteiligt: Traditionelle Behörden, wie Finanzämter und kommunale Wohnungsämter, standen Partei und Gestapo gegenüber und waren zugleich personell und strukturell miteinander verwoben; daneben die „Reichsvereinigung der Juden“ im Zwiespalt zwischen staatlicher Auftragsarbeit und Interessenswahrnehmung ihrer Mitglieder, und all das wiederum gebrochen durch individuelle Machtinteressen, materielle Gier auf der einen und dem Versuch irgendwie das schiere Überleben zu sichern auf der anderen Seite. Alle diese Problemaspekte werden von der Thematik in vielfältiger Weise tangiert.

Den Kapiteln über die einzelnen Judenhäuser und deren Bewohner wurden neben der Betrachtung zur Quellenlage zwei grundlegende Kapitel vorangestellt – „Wohnungspolitik im NS-Staat“ und „Der große Raubzug“ -, die die Thematik in ihren historischen Kontext einbinden und die für den gegebenen Zusammenhang relevanten generellen Zielsetzungen und Maßnahmen der nationalsozialistischen Diktatur beleuchten.

Dem Schicksal der Opfer nachzugehen, ist aber das eigentliche Anliegen der Arbeit. Es wurde, soweit möglich und sinnvoll, auch die Lebensgeschichte der Familienmitglieder einbezogen, die nicht in dem Haus, vielleicht nicht einmal mehr in Wiesbaden wohnten, denen vielleicht die Flucht gelungen war oder die bereits gestorben waren, bevor die Nazis die Macht erhielten ihren Rassenwahn auszuleben. Der Blick auf den familiären und sozialen Hintergrund schien allein deshalb sinnvoll, weil bei vielen dieser Lebensgeschichten die Jahre nach 1933 einen so jähen Bruch mit einem seit der Judenemanzipation möglich gewordenen kollektiven gesellschaftlichen Aufstieg bedeuteten. Insofern versteht sich die Arbeit auch als Beitrag zur sozialen und genealogischen Erforschung des Wiesbadener Judentums. Im Zentrum der Arbeit stehen aber alle die jüdischen Bewohner, die im Zeitraum zwischen 1939 und 1942 einmal in einem dieser Häuser gelebt hatten, manche nur kurz, manche schon seit vielen Jahren. Diese Begrenzung wurde aber dann aufgehoben, wenn eigentlich langjährige Bewohner eines solchen Hauses vor dessen Umwandlung zum Judenhaus durch Verfolgung oder Flucht zum Auszug gezwungen worden waren. Das Schicksal der Hauseigentümer wurde auch dann einbezogen, wenn sie selbst nicht in diesem Haus gelebt hatten. Unter der Fragestellung, auf welche Weise der NS-Staat die geraubten Immobilien verwertete und welche konkreten Probleme sich dabei ergaben, wurde in einem weiteren Schritt – sofern die Quellen darüber Auskunft gaben – auch der Geschichte der Häuser selbst nachgegangen.

Bei der Darstellung der jeweiligen Schicksale sollte die Biographie der einzelnen auf Grundlage der noch vorhandenen Quellen soweit als möglich rekonstruiert werden. Namentliches Erinnern meint m. E. mehr als nur die Namen einzumeißeln in ein Monument des Gedenkens. Namentliches Erinnern bedeutet: ihr zerstörtes Leben selbst in Erinnerung zu bringen, möglichst genau ihren in vieler Hinsicht identischen, aber dennoch jeweils spezifischen Leidensweg zu rekonstruieren. Es gab große soziale Unterschiede innerhalb der jüdischen Bevölkerung bis zuletzt. Sie war keine amorphe, quasi als Pendant zur Gleichschaltung nivellierte Opfermasse, sondern auch in der Verfolgung und Erniedrigung weiterhin eine in jeder Hinsicht – sozial, kulturell oder religiös – sehr differenzierte soziale Gruppe. Und nicht zuletzt hatte jeder seine eigene besondere Persönlichkeit, die auch in den zumeist eher amtlichen Akten immer wieder zum Vorschein kommt.

Da viele Bewohner der Judenhäuser mehrere solcher Häuser „durchlaufen“ mussten, wird eine umfassende Darstellung ihrer Lebens- und Leidensgeschichte mit dem Judenhaus verknüpft, in dem sie zuletzt lebten – vor der Deportation, vor dem Umzug in ein anderes Nicht-Judenhaus oder in eine andere Stadt. In manchen Fällen war diese Wohnung auch die letzte Station vor dem Weg in das mehr oder weniger sichere Exil. Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, wird in den Kapiteln über die Häuser, in denen sie zuvor wohnten, zumeist nur knapp auf diesen Haupteintrag verwiesen.

Dennoch lassen sich Wiederholungen nicht gänzlich vermeiden, denn an allen wurden die immer gleichen Maßnahmen vollzogen: Anlage der sogenannten „JS-Akte“, Kontensicherung, Vermögenseinzug usw. Es war ein kollektives Schicksal, das alle erleiden mussten, und dennoch: Um dem spezifischen Schicksal auch nur in Ansätzen gerecht zu werden, erschien es notwendig bei jedem Bewohner auf solche an ihm vollzogene Maßnahmen hinzuweisen.

Während im Menü die Judenhäuser selbst alphabetisch geordnet sind, folgen die Menüpunkte zu den einzelnen Bewohnern in den Häusern diesem Ordnungsprinzip nicht. Der Ordnung hier liegen eher inhaltliche Gesichtspunkte zu Grunde. Das können im Einzelnen einmal verwandtschaftliche Beziehungen, eine gemeinsame Wohnung oder auch der zeitgleiche Einzug sein. Über die Suchfunktion unterhalb des Menüs können verschiedene Einträge zu gesuchten Personen gefunden werden. Zudem ermöglicht ein Personenregister aller Judenhaus-Bewohner per Link den Zugriff auf den jeweiligen Haupteintrag zu dieser Person und seiner Familie.

Da die verwandtschaftlichen Beziehungen oft nicht ohne weiters zu überblicken sind, ist jedem Abschnitt über eine Person ein Stammbaum zugeordnet, der eine Orientierung erleichtern soll. Wegen der besseren Übersichtlichkeit wurde hierbei auf die Lebensdaten der genannten Personen verzichtet. Sie sind, soweit bekannt in den jeweiligen Texten selbst zu finden.[1]

Am Ende des jeweiligen Abschnitts, der einem Bewohner bzw. einer Familie gewidmet ist, kann man ohne auf das Menü zurückgehen zu müssen, mit dem Link „weiter“ bzw. „zurück“ auch innerhalb des jeweiligen Judenhaus-Kapitels navigieren.

Die Darstellung enthält einen umfassenden Anmerkungsapparat. Oft sind es nur kurze Quellenbelege – zumeist die Akten des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden (HHStAW)[2]-, oft aber auch wesentliche ergänzende Informationen zu den jeweiligen Personen und ihrem Schicksal. Die Anmerkungen sind durch das Anklicken der entsprechenden Nummer leicht zu erreichen, zurück zum Text geht es durch ein erneutes Anklicken der Anmerkungsnummer oder auch über den „Zurück-Pfeil“ des Browsers.

 

 

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Anmerkungen:

[1] Noch sind die Stammbäume nicht für alle Personen erstellt. Es wird sinnvoll sein, diese mit der rechten Maustaste und über „Link in neuem Tab öffnen“ aufzurufen, sodass bei der weiteren Lektüre problemlos auf den jeweiligen Stammbaum zurückgegriffen werden kann.

[2] Bei den Belegen des HHStAW gibt die erste Zahl die Signatur der Abteilung, die zweite die Stücksignatur wieder. Wenn eine Paginierung der Akte durchgeführt wurde, ist die Seitenzahl in die darauf folgende Klammer gesetzt. Fehlt eine solche, dann ist mit „(o. P.)“ = „ohne Paginierung“ darauf verwiesen.