Hirsch Hugo Hirschberger und seine Familie


Judenhäuser Wiesbaden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Helene Wreschner, Frieda Strauß Goldschidt, Paul Leo Goldschmidt, Charlotte Goldschmidt
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus in der Her­mann­str. 17
Eige­ne Aufnahme
Wiesbaden, Juden, Felix Goldschmidt, Berthold Goldschmidt, Frieda Goldschmidt, Philippsbergstr. 25
Lage des Juden­hau­ses Her­mann­str. 17
Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17
Bele­gung des Juden­hau­ses Her­mann­str. 17

 

 

 

 

 

 


Hirsch Hirsch­ber­ger, genannt Hugo, war mit sei­ner Fami­lie nach Wies­ba­den gekom­men, als die schlimms­te Pha­se der Ver­fol­gung in Deutsch­land gera­de begon­nen hat­te. Ursprüng­lich in der unter­frän­ki­schen Gemein­de Ober­lau­rin­gen behei­ma­tet, war er ver­mut­lich durch sei­ne Schwes­ter Sel­ma Zipo­rah, die in Mainz mit dem aus Ful­da stam­men­den Mai­er Trepp ver­hei­ra­tet war, ver­an­lasst wor­den, die Kur­stadt zwi­schen Rhein und Tau­nus als Flucht­ort vor Ver­fol­gung zu wäh­len.[1] Unwahr­schein­lich ist, dass Jakob Fink, der eben­falls aus Ober­lau­rin­gen kam, ihn dazu bewo­gen hat­te. Dass auch eine gro­ße Stadt wie Wies­ba­den kei­nen wirk­li­chen Schutz für Juden mehr bot, hat­te die­ser inzwi­schen selbst erfah­ren müssen.

Ober­lau­rin­gen, im heu­ti­gen Land­kreis Schwein­furt gele­gen, gehört zu den Gemein­den, die bis 1942 auf eine lan­ge jüdi­sche Tra­di­ti­on zurück­bli­cken konn­ten. Im 18. Jahr­hun­dert hat­te der Stadt­herr Carl August Truch­sess von Wetz­hau­sen nicht nur Geld, son­dern auch eine Zahl von mehr als zwan­zig jüdi­schen Händ­lern in den Mark­fle­cken gebracht und für sie einen eige­nen Gemein­de­be­zirk mit allen not­wen­di­gen kul­ti­schen Ein­rich­tun­gen errich­ten las­sen. Es ent­stand eine Schu­le, ein Leh­rer­haus, in dem auch das ritu­el­le Bad unter­ge­bracht war; spä­ter wur­de ein Fried­hof ange­legt und auch eine Syn­ago­ge erbaut.[2] Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts waren etwa 20 Pro­zent der Ein­woh­ner jüdi­schen Glau­bens. Beson­ders die Vieh­händ­ler unter ihnen nah­men eine bedeu­ten­de Stel­lung im regio­na­len Wirt­schafts­le­ben ein, aber auch ande­re Händ­ler ver­trie­ben in den umlie­gen­den Land­ge­mein­den und sogar bis nach Thü­rin­gen ihre jewei­li­gen Waren.

Hugo Hirschberger, Jenny Hirschberger, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Stamm­baum der Fami­lie Hirsch­ber­ger
(GDB-PLS)

Auch die Fami­lie Hirsch­ber­ger war bereits zu die­ser Zeit dort ansäs­sig. Ein Hirsch Isaak Hirsch­ber­ger betrieb damals eine kosche­re Wein­schän­ke, und ein Samu­el Hirsch­ber­ger ist in der Matri­kel­lis­te von 1817 als „Schnitt­händ­ler“, also als Klein­händ­ler für Stof­fe und Tuche, ver­merkt.[3] Aus den Auf­zeich­nun­gen des Main­zer Rab­bi­ners Trepp, dem Sohn von Sel­ma Zio­rah Hirsch­ber­ger, der Schwes­ter von Hugo Hirsch­ber­ger, ken­nen wir eini­ge der Vor­fah­ren sogar aus dem 18. Jahr­hun­dert. Ob der ältes­te bekann­te Hirsch­ber­ger, eben­falls ein Hirsch Hirsch­ber­ger, schon in Ober­lau­rin­gen wohn­haft war, ist nicht sicher. Sein Sohn Samu­el, der mit einer Zibo­ra ver­hei­ra­tet war – mehr ist über sie nicht bekannt –, war in jedem Fall schon Bür­ger die­ser Gemein­de. Die bei­den waren die Eltern von Isra­el Hirsch­ber­ger, der 1807 in dem unter­frän­ki­schen Ort gebo­ren wur­de und dort Bel­la Sit­ten­hei­mer aus Ober­reu­er­heim geehe­licht hatte,

Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Der Stamm­baum der Fami­li­en Trepp und Hirsch­ber­ger nach den Auf­zeich­nun­gen von Leo Trepp
http://​www​.archi​ve​.org/​s​t​r​e​a​m​/​t​r​e​p​p​f​a​m​i​l​y​f​0​0​1​#​p​a​g​e​/​n​5​/​m​o​d​e​/​1up

Am 24. April 1849 war ihr ers­ter Sohn Samu­el zur Welt gekom­men. Sei­ne ver­mut­lich 1850 gebo­re­ne Frau Ida, gebo­re­ne Lon­ner­städ­ter, stamm­te aus Hass­furt. Die bei­den wie­der­um hat­ten min­des­tens vier Kin­der. Hirsch, genannt Hugo, gebo­ren am 30. Mai 1876, war das ältes­te. Ihm folg­ten noch die bei­den Schwes­tern Sel­ma Zipo­rah, gebo­ren am 16. Sep­tem­ber 1879, und Sabi­ne, die am 15. Okto­ber 1881 eben­falls in Ober­lau­rin­gen zur Welt kam.[4]

 

 

Judenhaus Hermannstr. 17 Wiesbaden
Das Haus von Her­mann Hirsch­ber­ger in Stadt­lau­rin­gen
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis

Der Bru­der von Samu­el Hirsch­ber­ger, Her­mann, war mit Clai­re /​ Kla­ra Lon­ner­städ­ter, einer Schwes­ter von Samu­els Frau Ida, ver­hei­ra­tet. Um mit ihrem Geschäft nicht dem Bru­der in Ober­lau­rin­gen Kon­kur­renz zu machen, waren sie in den Nach­bar­ort Stadt­lau­rin­gen gezo­gen, blie­ben aber ihrer alten jüdi­schen Gemein­de ver­bun­den. Mehr noch: Um als streng­gläu­bi­ge Juden durch einen lan­gen Fuß­marsch nicht gegen tra­di­tio­nel­le jüdi­sche Sab­bat­ge­bo­te ver­sto­ßen zu müs­sen, lie­ßen sie sich in Ober­lau­rin­gen ein soge­nann­tes Sab­bat­haus erbau­en. Hier zog die Fami­lie, zu der auch die drei Söh­ne Simon, Sieg­mund und Bert­hold mit ihren jewei­li­gen Fami­li­en gehör­ten, vor Beginn des Sab­bats ein, besuch­te die Syn­ago­ge und blieb dort bis zum Ende des Feiertages.

Leo Trepp, der Sohn von Mai­er Trepp und des­sen Frau Sel­ma Zipo­rah, hat­te in sei­ner Jugend vie­le Som­mer in der Hei­mat sei­ner Mut­ter ver­bracht. Spä­ter beschrieb er in sei­nen bio­gra­phi­schen Auf­zeich­nun­gen sehr detail­liert und mit einer gewis­sen nost­al­gi­schen Weh­mut die­se Gemein­de, die auch durch ihre Abge­schlos­sen­heit ansatz­wei­se das Geprä­ge eines ost­eu­ro­päi­schen Schtetls hat­te. Lie­be­voll wur­den von ihm deren Mit­glie­der, die sich weit­ge­hend dem ortho­do­xen Juden­tum zuge­hö­rig fühl­ten, cha­rak­te­ri­siert: ihre Erschei­nung, ihre Rol­le in der Gemein­de und auch ihre jewei­li­gen Eigen­tüm­lich­kei­ten. Etwa der Leh­rer Gold­stein, der mit ruhi­gen Bewe­gun­gen auch das Amt des Schäch­ters aus­üb­te. Die Wit­we Ster­zel­bach, die mit ihrer an Polio erkrank­ten Toch­ter am Orts­ein­gang wohn­te, und trotz vie­ler Schick­sals­schlä­ge „ihren Froh­sinn nie ver­lor“. Neben­an wohn­ten die bit­ter­ar­men Geschwis­ter Segen, die mit ihrer ein­zi­gen Kuh unter einem Dach leb­ten, oder ein paar Ecken wei­ter die Geschwis­ter Frie­den­thal, die angeb­lich weder sich selbst wuschen, noch ihre Woh­nung jemals putz­ten, wes­halb es dem klei­nen Leo Trepp ver­bo­ten war, die bei­den zu besu­chen. Aber es gab auch Men­schen wie den wohl­ha­ben­den Samu­el Fink, der hoch gebil­det war und eine Biblio­thek besaß, in der er mit sei­nem Gram­mo­phon klas­si­sche Musik hör­te. Vie­le ande­re, die in der Shoa ermor­det wur­den, wer­den durch Leo Trepps Beschrei­bun­gen wie­der zum Leben erweckt.[5]

Brief­kopf des Geschäfts von Her­mann Hirsch­ber­ger in Stadt­lau­rin­gen
Mit Geneh­mi­gung von W.Krappweis

Dass der Erfolg der Juden in Ober­lau­rin­gen in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten mit skep­ti­schen Bli­cken, zumin­dest ambi­va­len­ten Gefüh­len, von den nicht­jü­di­schen Bewoh­nern beglei­tet wur­de, zeigt sich in Gedich­ten, die der Dich­ter Fried­rich Rück­ert, ein Sohn die­ser Gemein­de, hin­ter­las­sen hat und damit auch zum Sprach­rohr sol­cher anti­se­mi­ti­schen Strö­mun­gen wur­de.[6] Aber Juden hat­ten im Lau­fe der Jahr­hun­der­te gelernt, mit die­sen Dis­kri­mi­nie­run­gen umzu­ge­hen. Leo Trepp schrieb in sei­nen Erin­ne­run­gen, dass Juden und Chris­ten im dörf­li­chen All­tag zwar zusam­men­ar­bei­te­ten, fei­er­ten und sich auf der Stra­ße sogar mit dem übli­chen ‚Grüß Gott’ begrüß­ten, ansons­ten aber wenig Kon­tak­te pfleg­ten. Trotz der lan­gen Zeit des Zusam­men­le­bens waren die laten­ten anti­se­mi­ti­schen Vor­ur­tei­le auch in Ober­lau­rin­gen nie wirk­lich ver­schwun­den.[7] Deut­lich bra­chen sie wäh­rend der ers­ten Kri­se in der Wei­ma­rer Repu­blik, der Zeit der Hyper­in­fla­ti­on, her­vor, als anti­se­mi­ti­sche Agi­ta­to­ren in Ober­lau­rin­gen die dor­ti­ge Bevöl­ke­rung gegen ihre jüdi­schen Mit­bür­ger auf­wie­gel­ten. Auch Hugo Hirsch­ber­ger wur­de in die­sem Zusam­men­hang mit Ver­haf­tung gedroht, da er sich gegen die Ver­leum­dun­gen zur Wehr setz­te.[8]

Zwar war der Anteil der jüdi­schen Bevöl­ke­rung durch Weg­zug, aber auch durch das Anwach­sen des nicht­jü­di­schen Teils bis zum Beginn der Wei­ma­rer Repu­blik auf etwa die Hälf­te gesun­ken. 1933 betrug ihr Anteil sogar nur noch knapp 7 Pro­zent, danach aber ver­ließ bis zur Reichs­po­grom­nacht kein ein­zi­ger Jude mehr den Ort. Wie wenig man die dro­hen­de Gefahr wahr­ha­ben woll­te, zeigt sich auch dar­in, dass man noch 1937 die Mik­we reno­vie­ren ließ.

Auch Hugo Hirsch­ber­ger war mit sei­ner Frau Jea­nette, genannt Jen­ny, geblie­ben. Er hat­te die am 14. Febru­ar 1879 in Brünn­au gebo­re­ne Toch­ter von Moses Klein und sei­ner Frau Karo­li­na Schön­feld am 20. Juni 1907 in Schwein­furt gehei­ra­tet.[9] Im Jahr nach der Ehe­schlie­ßung war zunächst am 17. April 1908 die Toch­ter Bet­ty zur Welt gekom­men. Ein Jahr spä­ter folg­te am 24. Juli 1909 Flo­ra und am 23. März 1912 der ein­zi­ge Sohn Max. Danach kamen am 15. Febru­ar 1914 noch Irma und am 19. April 1918 Her­ta zur Welt.[10] Leo Trepp hat die Fami­lie sei­nes Onkels auf die ihm eige­ne Art fol­gen­der­ma­ßen beschrieben:
Das Haus, in dem mein Onkel mit sei­ner Fami­lie leb­te, war etwas grö­ßer als man­che ande­ren Juden­häu­ser, aber doch typisch. Stand man vor ihm, so lag auf der lin­ken Sei­te das Wohn­haus mit einem ver­hält­nis­mä­ßig gro­ßen Dach und dem Laden im Erd­ge­schoß. Über der Ein­gangs­tür in der Mit­te des Hau­ses, die zum Tex­til­ge­schäft führ­te, stand in gro­ßen Buch­sta­ben, die gan­ze Front des Hau­ses fül­lend, Isra­el Hirsch­ber­ger. Das war der Name mei­nes Urgroß­va­ters, der als ganz ver­mö­gend gegol­ten hat­te. Sei­ne bei­den Söh­ne, Samu­el und Her­mann, hei­ra­te­ten zwei Schwes­tern. Samu­el, mein Groß­va­ter, hei­ra­te­te Ida Lon­ner­städ­ter, Her­mann die Tan­te Clai­re. Her­mann wohn­te in Stadt­lau­rin­gen, um dem Bru­der kei­ne Kon­kur­renz am Orte zu machen. Mei­ne Groß­mutter starb mit nur 50 Jah­ren schon vor mei­ner Geburt an Krebs. Ihr Grab­stein auf dem Ober­lau­rin­ger Fried­hof ist tief in die Erde gesun­ken. An mei­nen Groß­va­ter habe ich nur flüch­ti­ge Erin­ne­run­gen. Ich sehe ihn auf der Veran­da ste­hen, die Pfei­fe im Mund. Ich erin­ne­re mich an Haw­da­la am Aus­gang eines Schab­bats, wobei er anschlie­ßend die Zei­ge­fin­ger sei­ner Hän­de in den aus­ge­gos­se­nen Wein tunk­te und damit sei­ne Augen­li­der befeuch­te­te, mit den hebräi­schen Wor­ten: ‚Got­tes Wort ist voll­kom­men, es erleuch­tet die Augen.’ Die­ser Brauch ist alt und in der Tra­di­ti­on begrün­det, aber in der Fami­lie folg­te ihm nur mein Groß­va­ter. Meist erschien er mir nicht sehr freund­lich, eher unnah­bar, und ich fühl­te mich von ihm etwas eingeschüchtert.

Onkel Hugo über­nahm das elter­li­che Haus. Sei­ne Frau Jen­nie schien mir nichts­sa­gend und bedrückt. Bet­ty, die ältes­te Toch­ter, war sehr klein, aber gescheit und lebens­froh. Hät­te sie auf eine höhe­re Schu­le gehen kön­nen, hät­te sie bestimmt eine gute Zukunft gehabt. Sie ging schließ­lich als Haus­häl­te­rin zu einer jüdi­schen Fami­lie in Wies­ba­den, wo ich sie gele­gent­lich sprach. Flo­ra, grö­ßer und zur Plump­heit nei­gend, war fröh­lich, gut­mü­tig und nicht sehr gescheit. Max wur­de auf Rat mei­nes Vaters, der auch die Kos­ten zu zah­len bereit war, aufs jüdi­sche Leh­rer­se­mi­nar in Würz­burg gesandt, er zeig­te jedoch bald Zei­chen schwe­rer Geis­tes­stö­run­gen und starb nach weni­gen Jah­ren im jüdi­schen Sana­to­ri­um zu Lohr. Ida war vol­ler Pran­ken, immer froh und zu Unsinn auf­ge­legt. Sah man sie, hat­te man Freu­de an ihrer Lebens­freu­de. Her­ta kann­te ich nur als klei­nes Mädel. Sie war die ein­zi­ge der Fami­lie, die sich in den Hit­ler­jah­ren durch Aus­wan­de­rung ret­ten konn­te.“[11]

In dem Haus hat­ten Hugo Hirsch­ber­ger und sei­ne Frau nach Aus­sa­ge der Toch­ter Her­ta ein Kolo­ni­al­wa­ren­ge­schäft betrie­ben. Laut der Gewer­be­an­mel­dung vom 7. Juli 1907 han­del­te es sich zunächst wohl um einen „Schnitt­wa­ren­han­del und eine Land­krä­me­rei“, womit Hugo Hirsch­ber­ger einen Jah­res­ge­winn von etwa 1.000 Mark habe erwirt­schaf­ten wol­len. Für den Laden war – so die Toch­ter Her­ta – weit­ge­hend die Mut­ter zustän­dig, [12] wäh­rend der Vater über Land gezo­gen sei, um Näh­ma­schi­nen und Fahr­rä­der zu ver­kau­fen. Aber schon bald nach der Macht­über­nah­me sei das Rei­se­ge­schäft, beson­ders durch die Ein­fluss­nah­me des Orts­grup­pen­lei­ters, weit­ge­hend zum Erlie­gen gekom­men. Des­we­gen habe man ab 1935 Ein­kom­men aus­schließ­lich aus dem von der Mut­ter geführ­ten Laden bezo­gen. Der sehr klei­ne Kun­den­kreis von etwa 15 jüdi­schen Fami­li­en habe aber nicht genü­gend ein­ge­bracht, sodass die Eltern haupt­säch­lich von Erspar­tem hat­ten leben müssen.

Hirschberger Oberlauringen, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17, Jenny Hirschberger, Irma Hirschberger, Herta Hirschberger, Betty Hirschberger, Flora Hirschberger
Auf­kle­ber auf der Steu­er­ak­te von Hugo Hirsch­ber­ger beim Finanz­amt Wies­ba­den
HHStAW 685 297a

Die Erin­ne­run­gen von Leo Trepp wei­chen davon in eini­gen Punk­ten ab. Er meint, dass der Laden des Groß­va­ters bereits in sei­ner Jugend längst ver­schlos­sen und das Geschäft leer gewe­sen sei. „Statt­des­sen fuhr Onkel Hugo auf sei­nem Motor­rad, und spä­ter in einem klei­nen alten Auto, das mein Vater ihm geschenkt hat­te, in die benach­bar­ten Dör­fer, um mit Sei­fen­pul­ver zu hau­sie­ren. ‚Wir kauf­ten ihm oft­mals einen gan­zen Sack ab, obwohl wir es gar nicht brauch­ten, nur um dem armen Kerl zu hel­fen’, sag­te mir spä­ter der christ­li­che Arzt Rein­hold Heu­sin­ger aus Stadt­lau­rin­gen, des­sen Vater uns als Kin­der behan­delt hat­te.“[13]

Tat­säch­lich lagen die Umsät­ze in den Jah­ren zwi­schen 1933 und 1938, dem Jahr der Geschäfts­auf­ga­be, von gering­fü­gi­gen Abwei­chun­gen nach oben oder unten abge­se­hen, immer zwi­schen 2.000 RM und 3.000 RM. Ent­spre­chend gering muss das jähr­li­che Ein­kom­men gewe­sen sein. 1930 hat­ten die Umsät­ze noch 8.000 RM betra­gen. Aber auch ein sol­cher Waren­um­schlag reich­te für ein aus­kömm­li­ches Leben nicht aus, denn schon in die­sem Jahr hat­te Hugo Hirsch­ber­ger in sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung geschrie­ben: „Bit­te wie bis­her von der (!sic) Befrei­ung von der Ein­kom­men­steu­er wegen mei­ner 5 noch unver­sorg­ten Kin­der u. mei­nes klei­nen Geschäfts.“. Auch im Jahr vor der „Macht­er­grei­fung“ war er als nicht ein­kom­men­steu­er­pflich­tig klas­si­fi­ziert wor­den.[14]

Oberlauringen, Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17
Auf­marsch der Hit­ler-Jugen in Ober­lau­rin­gen
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis

Nicht erst nach 1933 leb­ten dem­nach Hirsch­ber­gers eher von der Hand in den Mund. Im Lau­fe der Drei­ßi­ger­jah­re hat­te sich aller­dings die Situa­ti­on inso­fern teil­wei­se ent­schärft, als zumin­dest die Töch­ter aus dem Haus­halt aus­ge­schie­den waren und in ande­ren Städ­ten als Haus­halts­ge­hil­fin­nen für ihren eige­nen Lebens­un­ter­halt sorg­ten. Wann das jeweils geschah, ließ sich nicht mehr in jedem Fall fest­stel­len. Ver­mut­lich war Bet­ty, die ältes­te, auch zuerst aus­ge­zo­gen. Ob sie, bevor sie nach Wies­ba­den kam, in einer ande­ren Stadt bereits in Stel­lung war, ist nicht bekannt. Ihre ers­te Anstel­lung als Haus­ge­hil­fin in Wies­ba­den erhielt sie bei dem ver­wit­we­ten jüdi­schen Kauf­mann Max Wre­sch­ner. Zumin­dest ist sei­ne Adres­se Neu­bau­er­str. 6 die ers­te, die auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ein­ge­tra­gen ist.[15] Sie soll nach poli­zei­li­cher Aus­kunft dort bis 1942 gewohnt und auch gear­bei­tet haben.[16]

Ver­mut­lich hat­te ihre Tan­te Sel­ma Trepp von Mainz aus die­se Arbeits­stel­le ver­mit­telt und damit zugleich für die Eltern den Weg nach Wies­ba­den geeb­net, als die­se Ober­lau­rin­gen ver­las­sen muss­ten. Im Novem­ber 1938 hat­ten SA-Scher­gen auch dort die jüdi­schen Bür­ger über­fal­len und deren Habe zer­stört, wie der Bür­ger­meis­ter der Stadt 1959 im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren bestä­tig­te. Ob sich auch das Haus der Hirsch­ber­gers dar­un­ter befand, lie­ße sich nach sei­ner dama­li­gen Aus­sa­ge „heu­te nur schwer ermit­teln“.[17] Ver­mut­lich hat­te es aber eher am Wil­len gefehlt, die­se Auf­klä­rungs­ar­beit zu leis­ten. Immer­hin mach­te die Toch­ter Her­ta, die zwar wäh­rend der Tage selbst nicht in Ober­lau­rin­gen, son­dern in Frank­furt weil­te, prä­zi­se Anga­ben über die Zer­stö­run­gen im elter­li­chen Anwe­sen. Sie war unmit­tel­bar nach dem Pogrom zu ihren Eltern gefah­ren und konn­te fest­stel­len, dass mehr als 75 Pro­zent der Ein­rich­tung des Geschäfts wie auch der Woh­nung nicht mehr zu gebrau­chen waren. Laden­ti­sche und Rega­le, Schrän­ke, Stüh­le, Tische, Bet­ten und Geschirr sei­en zer­stört gewe­sen. Auch Klei­der, Aus­steu­er und zwei Gei­gen waren dem Furor zum Opfer gefal­len.[18] Anders als in Ober­lau­rin­gen hat­te man das benach­bar­te Stadt­lau­rin­gen und somit auch die Fami­lie von Hugo Hirsch­ber­gers Cou­sin Simon Hirsch­ber­ger bei die­ser Akti­on zunächst ver­schont. Aber am nächs­ten Tag wur­den alle männ­li­chen Mit­glie­der der jüdi­schen Gemein­de ver­haf­tet und zunächst nach Hof­heim ins Gefäng­nis gebracht. Eini­ge, dar­un­ter auch Simon Hirsch­ber­ger, wur­den anschlie­ßend in das KZ Dach­au über­stellt.[19] Ob auch Hugo Hirsch­ber­ger zu den Inhaf­tier­ten zähl­te, konn­te bis­her nicht geklärt werden.

Nach die­sen Ereig­nis­sen ver­lie­ßen die meis­ten der noch in Ober­lau­rin­gen leben­den Juden ihren Hei­mat­ort. Zwei­drit­tel davon emi­grier­ten ins Aus­land, zehn Gemein­de­mit­glie­der zogen wie Hugo Hirsch­ber­ger und sei­ne Frau in ande­re Orte inner­halb Deutsch­lands. Die Zurück­ge­blie­be­nen fie­len alle­samt dem Holo­caust zum Opfer.

Als Hirsch­ber­gers Anfang Dezem­ber in das Haus in der Her­mann­str. 17 in den ers­ten Stock ein­zo­gen, war die­ses noch nicht als Juden­haus dekla­riert und es leb­ten zu die­ser Zeit unter den ins­ge­samt etwa 15 Miet­par­tei­en sonst kei­ne ande­ren Juden.[20] Dar­über, inwie­weit sie von die­sen aus­ge­grenzt und drang­sa­liert wur­den, oder ob sie von ihren Mit­be­woh­nern viel­leicht sogar geschützt und unter­stützt wur­den, lie­gen lei­der kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Aus­künf­te über ihre Zeit im spä­te­ren Juden­haus lie­fern allein die weni­gen Schrift­stü­cke, die in den Steu­er- und Devi­sen­ak­ten erhal­ten geblie­ben sind.

Hugo Hirschberger, Jenny Hirschberger Klein, Judenhaus, Hermannstr. 17, Wiesbaden
Brief von Hugo Hirsch­ber­ger an die Devi­sen­stel­le vom 12.1.1941
HHStAW 519/​3 337 (8)

Am 7. Febru­ar 1940 wur­de Hugo Hirsch­ber­ger unter dem Akten­zei­chen JS 347 der Kon­trol­le der Devi­sen­stel­le Frank­furt unter­wor­fen. 300 RM wur­den im vor­läu­fig als Frei­be­trag gewährt.[21] In dem For­mu­lar zur Anga­be sei­nes Ver­mö­gens und Ein­kom­mens wur­de von Hugo Hirsch­ber­ger im Dezem­ber 1940 nur ein Ein­trag gemacht: Er gab an, ein Haus in Ober­lau­rin­gen mit einem Ein­heits­wert von 2.880 RM zu besit­zen, mehr nicht. Das Haus sei seit dem 1. Okto­ber 1940 von der Lan­des­für­sor­ge Unter­fran­ken, Würz­burg, ange­mie­tet wor­den. In einem Begleit­schrei­ben ergänz­te er, dass mit der monat­li­chen Mie­te von 10 RM noch eine Schuld von 150 RM getilgt wer­de, die er bei die­ser Stel­le habe.[22] Ange­sichts die­ser finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se sah die Devi­sen­stel­le kei­ne Gefahr für irgend­wel­che Devi­sen­ver­ge­hen und ver­zich­te­te auf die Ein­rich­tung eines Siche­rungs­kon­tos, setz­te aber zugleich den Frei­be­trag auf 250 RM her­ab. Auf die Fra­ge, wovon er sei­nen Lebens­un­ter­halt bestrei­te, gab Hugo Hirsch­ber­ger weni­ge Tage spä­ter in einem Brief an, dass er Unter­stüt­zung von der Jüdi­schen Gemein­de bezie­he und außer­dem von sei­ner Toch­ter, die als Haus­an­ge­stell­te tätig sei, Geld erhal­te. Bezüg­lich der Toch­ter prä­zi­sier­te er auf eine erneu­te, glei­che Anfra­ge am 12. Janu­ar 1941, dass er von sei­ner Toch­ter Bet­ty Geld erhal­te. Sie sei poli­zei­lich in der Neu­bau­er­str. 6 gemel­det.[23]

Hirschberger Oberlauringen, Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Umfas­sen­de Finanz­kon­trol­le durch die NSDAP
HHStAW 519/​3 337 (12)

Im Novem­ber 1941 war offen­sicht­lich die Schuld bei der Lan­des­für­sor­ge abge­tra­gen und das Haus– nun für 12 RM – neu ver­pach­tet wor­den. Hugo Hirsch­ber­ger bat die Devi­sen­stel­le dar­um, die­se Ein­nah­me unmit­tel­bar ent­ge­gen­neh­men zu dür­fen. Aus dem Brief geht zudem her­vor, dass er inzwi­schen zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet wor­den war. Nicht anders ist zu deu­ten, wenn er schreibt, dass sein „monat­li­ches Ein­kom­men als Hilfs­ar­bei­ter weit unter dem fest­ge­leg­ten Frei­be­trag von Mark 250“ lie­ge.[24]

Inzwi­schen war es der jüngs­ten Toch­ter Her­ta gelun­gen, Deutsch­land zu ver­las­sen. 1932, nach Abschluss der ach­ten Klas­se an der Ober­lau­rin­ger Volks­schu­le, hat­te sie eine Aus­bil­dung als Schnei­de­rin begon­nen, die sie im März 1936 mit dem Gesel­len­brief noch abschlie­ßen konn­te. Ange­sichts der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se war es ihr aber nicht mehr mög­lich, im erlern­ten Beruf eine Anstel­lung zu fin­den. Statt­des­sen war sie im April 1936 nach Ham­burg gezo­gen, wo sie bei der jüdi­schen Fami­lie See­lig­mann eine Anstel­lung als Haus­ge­hil­fin erhielt. Aber bereits zu die­sem Zeit­punkt plan­te sie offen­sicht­lich, Deutsch­land mög­lichst bald zu ver­las­sen. Im Novem­ber 1937 ging sie des­halb nach Hal­ber­stadt, wo sie in soge­nann­ten Umschich­tungs­kur­sen, die die jüdi­sche Orga­ni­sa­ti­on ‚Agu­das Jisr­oel‘ dort orga­ni­sier­te, auf die­sen Schritt vor­be­rei­tet wur­de. Im Früh­jahr 1939 war sie noch ein­mal nach Wies­ba­den gekom­men, wo sie für etwa ein hal­bes Jahr noch bei ihren Eltern in der Her­mann­str. 17 wohn­te. Am Tag des Kriegs­aus­bruchs, am 1. Sep­tem­ber 1939, reis­te sie dann nach Eng­land aus.[25]
In einer ande­ren eides­statt­li­chen Erklä­rung hat­te sie aller­dings ange­ge­ben, bereits im Novem­ber 1938 wäh­rend des Pogroms in Wies­ba­den in der Her­mann­str. 17 gewohnt zu haben,[26] zu einem Zeit­punkt also, zu dem die Eltern noch in Ober­lau­rin­gen wohn­ten. Mög­li­cher­wei­se hat­te sie damals nur ihre Schwes­tern besucht, denn auch Irma Ida war mög­li­cher­wei­se bereits seit 1937 in Wies­ba­den und unter genau die­ser Adres­se gemel­det. Der Poli­zei­prä­si­dent hat­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren 1951 beschei­nigt, dass das Ehe­paar Hirsch­ber­ger und ihre Toch­ter Ida „1937 bzw. 1938 bis 1942 in Wies­ba­den, Her­mann­str. 17 gewohnt haben“. Da die Eltern am 8. Dezem­ber 1938, also defi­ni­tiv erst nach der Reichs­po­grom­nacht, nach Wies­ba­den kamen, kann sich die Anga­be 1937 eigent­lich nur auf Ida bezie­hen. Siche­re Quel­len, die das bestä­ti­gen, lie­gen dar­über aller­dings nicht mehr vor, da alle Mel­de­un­ter­la­gen der Stadt im Krieg und unmit­tel­bar danach ver­nich­tet wur­den. Es ist aber nicht aus­zu­schlie­ßen, wie bei Haus­an­ge­stell­ten häu­fig der Fall, dass Irma Ida bereits zu die­sem frü­hen Zeit­punkt in Wies­ba­den tätig war, dann aber in einer ande­ren Stadt eine neue Anstel­lung ange­nom­men hat­te. Auch bei ihr ist aber nicht bekannt, wann sie das Eltern­haus in Ober­lau­rin­gen erst­mals ver­las­sen hatte.

Auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist zwar nur ein sehr kur­zer Auf­ent­halt im Jahr 1939 vom 24. April bis zum 5. Juni unter der Adres­se Her­mann­str. 17 ein­ge­tra­gen, aber das schließt eine frü­he­re Anwe­sen­heit nicht aus, da 1937 die Kar­tei noch gar nicht ange­legt war. Dies geschah erst im fol­gen­den Jahr. Laut der Ein­tra­gung aus dem Jahr 1939 war sie damals von Hal­ber­stadt gekom­men und nach ihrem Auf­ent­halt auch wie­der dort­hin zurück­ge­gan­gen. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass ihre Schwes­ter sich in eben die­ser Stadt auf ihre Aus­rei­se vor­be­rei­te­te, ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass auch Irma Ida sol­che Absich­ten hat­te. Bei den auf der Kar­tei­kar­te ange­ge­be­nen Adres­sen, Wil­helm­str. 15, ihre Zugangs­adres­se, und  Wes­ten­dorf­str. 15, ihre Abgangs­adres­se, han­delt es sich um ehe­ma­li­ge Ein­rich­tun­gen der dor­ti­gen Jüdi­schen Gemein­de. In der Wil­helm­str. 15 lag das jüdi­sche Alters­heim und in der Wes­ten­dorf­stra­ße die ehe­ma­li­ge jüdi­sche Schu­le von Hal­ber­stadt. Viel­leicht waren in die­sen Gebäu­den damals die Lehr­gän­ge aus­ge­rich­tet wor­den. Es könn­te aber auch sein, dass sie dort nur als Gehil­fin ange­stellt war.

Flora Hirschberger, Irma Hirschberger Herta Hirschberger, Hugo Hirschberger, Jenny Hirschberger
Bet­ty Hirsch­ber­ger plan­te in die USA zu emi­grie­ren
HHStAW 685 297

Wesent­lich spä­ter, näm­lich im Janu­ar 1941, hat­te sich auch Bet­ty mit Aus­wan­de­rungs­plä­nen befasst. Offen­sicht­lich beab­sich­tig­te sie, in die USA aus­zu­rei­sen, denn um bei dem dafür zustän­di­gen Kon­su­lat in Stutt­gart einen Rei­se­pass vor­le­gen zu kön­nen, bean­trag­te sie zu die­sem Zeit­punkt die dafür zuvor not­wen­di­gen Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gun­gen des Finanz­amts und der kom­mu­na­len Steu­er­stel­le in Wies­ba­den. Bei­de wur­den ihr aus­ge­stellt, aber wei­te­re Schrit­te zur Rea­li­sie­rung des Plans sind in den Akten nicht vor­han­den.[27] Ver­mut­lich mit dem Umzug von Max Wre­sch­ner in die Phil­ipps­berg­stra­ße hat auch sie das Haus in der Neu­bau­er­stra­ße ver­las­sen und war zu den Eltern in das Juden­haus Her­mann­str. 17 gezo­gen. Auf ihrer Gesta­po-Kar­tei­kar­te ist die­ser Woh­nungs­wech­sel mit dem Datum 1. Febru­ar 1942 notiert. Dar­über, wie sie die letz­ten vier Mona­te in die­sem Haus ver­brach­te, lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen vor. Am 10. Juni 1942 wur­de sie von ihren Eltern getrennt und gezwun­gen, den Zug zu bestei­gen, der sie und etwa 380 wei­te­re Wies­ba­de­ner Juden über Frank­furt nach Lub­lin brach­te. Mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit wur­de auch sie kurz dar­auf in Treb­linka ermordet.

Auch über ihre Eltern lie­gen aus den letz­ten Mona­ten und Wochen kei­ne Doku­men­te vor, die Aus­kunft über die­se Zeit im Juden­haus geben wür­den. Mög­li­cher­wei­se wur­de in dem Zim­mer ihrer Toch­ter nach deren Depor­ta­ti­on die sieb­zig­jäh­ri­ge Julie Schön­stadt[28] unter­ge­bracht, die bis­her in der Lui­sen­str. 26 gewohnt hat­te. Zumin­dest erscheint sie in der unbe­kann­ten, nach der Jun­i­de­por­ta­ti­on erstell­ten Bewoh­ner­lis­te als Mie­te­rin des Hau­ses Her­mann­str. 17. Ihr Zim­mer lag im glei­chen Stock­werk, in dem auch Hirsch­ber­gers wohn­ten. Sie hat aber nur sehr kurz mit ihnen dort zusam­men­ge­lebt, denn bereits eine Woche spä­ter wur­de sie in das Jüdi­sche Kran­ken­haus in Frank­furt verlegt.

Hugo und Jen­ny Hirsch­ber­ger muss­ten sich am letz­ten August­wo­chen­en­de in der Syn­ago­ge in der Fried­richstr. 33 ein­fin­den, wo die letz­ten orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­be­rei­tun­gen für ihre Depor­ta­ti­on getrof­fen wur­den. Am 1. Sep­tem­ber wur­den von dort etwa 350, zumeist älte­re Wies­ba­de­ner Juden an einem reg­ne­ri­schen Mor­gen durch die Stra­ßen zum Güter­bahn­hof getrie­ben. Auch ihr Zug wur­de in Frank­furt mit wei­te­ren Opfern bestückt. Am Ziel­ort The­re­si­en­stadt kamen sie am fol­gen­den Tag an, blie­ben aber nicht lan­ge in die­sem Ghet­to. Am 19. Sep­tem­ber 1942 ver­ließ der ers­te von ins­ge­samt 11 Trans­por­ten The­re­si­en­stadt, um etwa 20.000 älte­re jüdi­sche Ghet­to­be­woh­ner auf Befehl Eich­manns in Sobi­bor der Ver­nich­tung zuzu­füh­ren. In die­sem ers­ten Zug mit der Zug­num­mer „DA 83“ saß bzw. kau­er­te auch das Ehe­paar Hirsch­ber­ger. Nach Ankunft wur­den bei­de sofort in den dor­ti­gen Gas­kam­mern ermor­det.[29]

Über das Schick­sal der Schwes­ter Flo­ra lie­gen bis­her nur die Infor­ma­tio­nen vor, die das Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz vor­hält. Danach hat­te sie in Hom­burg vor der Höhe, also eben­falls im Umfeld des Rhein-Main-Gebiets, gewohnt. Ver­mut­lich war auch sie dort als Haus­an­ge­stell­te tätig. Am 20. Juli 1939 soll ihr noch die Emi­gra­ti­on in die Nie­der­lan­de gelun­gen sein. Geret­tet hat sie das aber nicht mehr, denn am 6. Febru­ar 1943 wur­de sie dort ver­haf­tet und in das Sam­mel­la­ger Wes­ter­bork ver­bracht. Nur drei Tage spä­ter beför­der­te sie ein Trans­port in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz, wo sie am 12. Febru­ar 1943 ermor­det wur­de.[30]

Her­ta war als ein­zi­ge der Ver­nich­tung durch ihre Flucht nach Eng­land ent­kom­men. Aber auch für sie war es schwer, in ihrem Exil­land zu über­le­ben, da ihr zunächst kei­ne Arbeits­er­laub­nis erteilt wur­de. Bis man ihr im Novem­ber 1942 die Arbeits­auf­nah­me geneh­mig­te und sie in ihrem alten Beruf als Schnei­de­rin ihren eige­nen Lebens­un­ter­halt ver­die­nen konn­te, war sie auf die öffent­li­che Für­sor­ge ange­wie­sen. Nach ihrer Ehe­schlie­ßung im Novem­ber 1943 wur­de sie Haus­frau und ver­sorg­te die vier Kin­der, die im Lau­fe der fol­gen­den Jah­re gebo­ren wur­den.[31]

 

Hirschberger Hugo, Hirschberger Samuel, Hirschberger Ida, Mainz, Wiesbaden Oberlauringen
Kenn­kar­te von Sabi­ne Hirsch­ber­ger
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Auch die Geschwis­ter von Hugo Hirsch­ber­ger, die bei­den Schwes­tern Sabi­ne und Sel­ma Zipo­rah, die zuletzt in Mainz leb­ten, wur­den in der Shoa ermor­det. Leo Trepp hat mit sei­ner eige­nen Bio­gra­phie auch sei­nen gelieb­ten Eltern, denen er – wie er immer wie­der beton­te – unend­lich viel zu ver­dan­ken hat­te, und auch sei­ner Tan­te Sabi­ne ein unver­gess­li­ches Denk­mal gesetzt.

Sein Vater Mai­er Trepp war schon lan­ge herz­krank und ver­starb, weil man den Juden die not­wen­di­gen Arz­nei­en ver­wei­ger­te, noch vor dem Beginn der Depor­ta­tio­nen am 4. August 1941 in Mainz.[32] Im Nach­hin­ein sprach Leo Trepp von einer Gna­de, die dem Vater damit wider­fah­ren sei.[33] Zum Zeit­punkt sei­nes Todes war das Haus der Trepps schon längst zu einem der Main­zer Juden­häu­ser erklärt wor­den, in dem zuletzt 27 Juden wohn­ten,[34] dar­un­ter seit 1936 auch Sabi­ne Hirsch­ber­ger, die ledig geblie­be­ne Schwes­ter von Hugo, und Sel­ma Zipo­rah.[35] Am 25. März 1942 wur­den bei­de von zu Hau­se abge­holt und durch die Stra­ßen von Mainz getrie­ben. Dabei habe Leos Mut­ter einen Schuh ver­lo­ren. Als sie ver­such­te, ihn schnell wie­der anzu­zie­hen – so bezeug­te nach dem Krieg eine Nach­ba­rin –, habe ein SS-Mann sie mit dem Gewehr dar­an gehin­dert. So sei sie mit nur einem Schuh in den Zug gestie­gen, der an die­sem Tag 1000 Juden, dar­un­ter 466 aus Mainz, in das geschlos­se­ne Ghet­to Pia­ski in der Nähe von Lub­lin ver­brach­te. Es fun­gier­te als Durch­gangs­la­ger für die fol­gen­de Ver­nich­tung in einem der umlie­gen­den Todes­la­ger Bel­zec, Sobi­bor und auch Maj­da­nek.[36] Wo die bei­den letzt­lich ermor­det wur­den, ist nicht bekannt.

Den bei­den Söh­nen von Mai­er und Sel­ma Trepp gelang es dage­gen, sich mit ihren Fami­li­en zu retten.

Leo, der nach sei­nem Abitur in Mainz, in Frank­furt und Ber­lin Phi­lo­so­phie stu­dier­te, dane­ben an der sehr libe­ra­len ‚Hoch­schu­le für die Wis­sen­schaft des Juden­tums’ eine Aus­bil­dung zum Rab­bi­ner absol­vier­te, wur­de 1935 als einer der letz­ten jüdi­schen Stu­den­ten in Würz­burg zum Dr. phil. pro­mo­viert, kurio­ser­wei­se bei einem Pro­fes­sor Hämel, der sowohl SA- als auch SS-Mit­glied war, die­se Stel­lung aber offen­bar nutz­te, um „sei­ne“ jüdi­schen Dok­to­ran­den zu schüt­zen, man­chen hat­te er sogar mit Geld aus­ge­hol­fen.[37]

Ab 1936 über­nahm er in Olden­burg die vakan­te Rab­bi­ner­stel­le und wur­de dort noch im sel­ben Jahr zum Lan­des­rab­bi­ner gewählt. In die­ser Funk­ti­on muss­te er in den fol­gen­den Jah­ren die Zer­stö­rung sei­ner Gemein­den mit­an­se­hen und mit­er­tra­gen. Im April 1938 hei­ra­te­te er Miri­am de Haas, die Toch­ter sei­nes Vor­gän­gers Phil­ipp de Haas, der 1935 ver­stor­ben war. Im Haus der Wit­we de Haas war er bei sei­nem Amts­an­tritt in Olden­burg auch unter­ge­kom­men. Über­le­gun­gen ange­sichts der wach­sen­den Gefah­ren und der Emi­gra­ti­on man­cher Fami­li­en­mit­glie­der und vie­ler Bekann­ter, selbst auch aus­zu­wan­dern, wur­den damals von dem Paar schon ange­stellt. Die Mut­ter in Mainz kon­tak­tier­te ent­fern­te, aber sehr ein­fluss­rei­che Ver­wand­te, die inzwi­schen in den USA Kar­rie­re gemacht hat­ten. Die Aus­wan­de­rung hät­te damals gelin­gen kön­nen, aber Leo Trepp folg­te dem Rat eines älte­ren Rab­bis, der von ihm erwar­te­te, als „Kapi­tän des Schiffs“ als Letz­ter von Bord zu gehen. So war Leo Trepp noch in Deutsch­land, als die Novem­ber­er­eig­nis­se auch in Olden­burg auf bis­her unbe­kann­te Wei­se die Frat­ze des Natio­nal­so­zia­lis­mus zeig­ten. Mit vie­len ande­ren jüdi­schen Män­nern wur­de er ver­haf­tet und vor­bei an der bren­nen­den Syn­ago­ge, vor­bei an einer lachen­den, joh­len­den und sie beschimp­fen­den Men­schen­men­ge durch Olden­burg geführt,[38] um nach einem kur­zen Gefäng­nis­auf­ent­halt in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen bei Ber­lin ver­bracht zu wer­den.[39] Der Rab­bi­ner, der ihm zuvor zum Blei­ben gera­ten hat­te, beschaff­te nun die nöti­gen Papie­re, die ihm die Ent­las­sung aus dem KZ und am 18. Dezem­ber 1938 mit sei­ner Frau die Aus­rei­se nach Eng­land ermög­lich­ten. Mit Kriegs­be­ginn waren sie aber dort zu „feind­li­chen Aus­län­dern“ mit viel­fäl­ti­gen Beschrän­kun­gen gewor­den. Im Win­ter 1939 erhiel­ten sie das Visum, das ihnen dann den Weg in die USA öff­ne­te, wo im Okto­ber 1947 sei­ne Toch­ter Sus­an zur Welt kam. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten war er in vie­len Orten als Rab­bi­ner und zuletzt am Napa Col­lege in Kali­for­ni­en bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung im Jahr 1983 als Pro­fes­sor tätig. Nach dem Tod sei­ner Frau im Jahr 1999 hei­ra­te­te er eini­ge Jah­re spä­ter Gun­da Wöb­ken-Ekert, die auch die von ihm noch vor­be­rei­te­te, aber nicht abge­schlos­se­ne Lebens­ge­schich­te mit eige­nen Anmer­kun­gen ver­se­hen im Jahr 2018 herausgab.

Maier Trepp, Selma Zipora Trepp Hirschberger, Samuel Hirschberger
Leo Trepp 1913–2010
Denk­mal zur Erin­ne­rung an ihren Rab­bi­ner in Oldenburg

Leo Trepp ver­stand sich in viel­fa­cher Wei­se als ein Brü­cken­bau­er, ein Brü­cken­bau­er zwi­schen dem ortho­do­xen Juden­tum, dem er selbst ent­stamm­te, und dem libe­ra­len, dem er sich durch sein Stu­di­um und sei­ne Erfah­run­gen zuge­hö­rig fühl­te. Von viel­leicht noch grö­ße­rer Bedeu­tung waren sei­ne Bemü­hun­gen, nach dem Ende der Nazi­herr­schaft wie­der Brü­cken nach Deutsch­land zu schla­gen und den Pro­zess der Ver­söh­nung zu beglei­ten. In vie­len Besu­chen an deut­schen Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten, im Beson­de­ren in den Städ­ten Mainz und Olden­burg, die zen­tra­le Orte sei­ner Bio­gra­phie waren, hat er bis ins hohe Alter ver­sucht, sei­ne Zuhö­rer über die Shoa, aber auch über die Rol­le des Juden­tums in der deut­schen Geschich­te, über sein Ver­ständ­nis vom Juden­tum über­haupt, auf­zu­klä­ren. „Er stell­te sich dem Schmerz der Ver­gan­gen­heit, indem er in die Zukunft schaut. Vor Hass gegen die Deut­schen hat er ein Leben lang sich zu schüt­zen ver­sucht.“ Er habe sich nicht von Gefüh­len lei­ten las­sen, son­dern bewusst ent­schie­den, nicht zu has­sen – so Gun­da Trepp: „Hass zer­stört gänz­lich, Lie­be heilt gänz­lich.“ – so sein Cre­do.[40]

Sein Bru­der Gus­tav, eben­so gebil­det in Tho­ra und Tal­mud wie Leo, blieb dage­gen bei der ortho­do­xen Les­art des Juden­tums und konn­te auch spä­ter nie ver­ste­hen, dass sein Bru­der immer noch in der Spra­che der Mör­der rede­te und schrieb. Trotz die­ser gra­vie­ren­den Unter­schie­de blieb zeit­le­bens eine sehr enge Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den bestehen. Auch er litt an dem Erfah­re­nen und Erlit­te­nen, wodurch – so sein Sohn – sein Leben oft „ver­dun­kelt“ wur­de. Es waren Momen­te, die er nur mit sei­nem Bru­der Leo tei­len konn­te. „Über bei­den lag der Schat­ten der Sho­ah. Ein Schat­ten, der mit den Jah­ren län­ger wur­de. Sie konn­ten ihn nicht abschüt­teln.“[41]
Gus­tav sah in sei­nem Bru­der den­je­ni­gen, der ihm das Leben geret­tet hat­te. Auch er war wäh­rend des Novem­ber­po­groms ver­haf­tet und nach Buchen­wald gebracht wor­den. Leo, der inzwi­schen in Eng­land in Sicher­heit war, fand jeman­den, der die nöti­gen finan­zi­el­len Mit­tel bereit­stell­te, um ihn aus dem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger her­aus­zu­ho­len. Auch er gelang­te zunächst nach Eng­land, fand aber dann einen Weg nach Paläs­ti­na, wo er bis zu sei­nem Tod in Jeru­sa­lem lebte.

 

Israel Hirschberger, Bela Hirschberger
Grab­stei­ne von Her­mann (rechts) und Kla­ra Hirsch­ber­ger (links) auf dem Jüdi­schen Fried­hof Ober­lau­rin­gen
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2043/Oberlauringen%20Friedhof%20104.jpg

Auch in der ver­wandt­schaft­lich etwas wei­ter ent­fern­ten Fami­lie von Hugo Hirsch­ber­gers Onkel bzw. Tan­te Her­mann und Kla­ra /​ Clai­re Hirsch­ber­ger, die in Stadt­lau­rin­gen wohn­ten und in Ober­lau­rin­gen das Schab­bat­haus besa­ßen, gab es eine Rei­he von Mit­glie­dern, die dem Holo­caust zum Opfer fie­len. Das Ehe­paar selbst, das ein Tex­til­ge­schäft besaß, war bereits vor dem Macht­an­tritt der Natio­nal­so­zia­lis­ten ver­stor­ben und auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Ober­lau­rin­gen begra­ben wor­den, aber deren drei Söh­ne konn­ten der Ver­fol­gung nicht entgehen.

Der ältes­te, der am 15. Novem­ber 1878 gebo­re­ne Sieg­mund, hat­te nach dem Besuch des huma­nis­ti­schen Gym­na­si­ums in Schwein­furt bis zur Ober­se­kun­da eine Aus­bil­dung als Bank­kauf­mann begon­nen und es geschafft, sich bei dem jüdi­schen Bank­haus ‚Veit L. Hom­bur­ger’ in Karls­ru­he in die Stel­lung eines Pro­ku­ris­ten hoch­zu­ar­bei­ten.[42] Der sich eben­falls dem ortho­do­xen Juden­tum zuge­hö­rig füh­len­de Sieg­mund hei­ra­te­te 1878 die am 10. Febru­ar 1878 in Fürth gebo­re­ne Jen­ny Fell­hei­mer, deren Eltern dort eine Koh­len­hand­lung besa­ßen. Aus der Ehe gin­gen zwei Söh­ne her­vor, zunächst am 8. Febru­ar 1925 wur­de Juli­us, am 7. Juli 1926 Her­mann in Karls­ru­he gebo­ren. Die gesam­te Fami­lie leb­te nach den stren­gen Regeln ihres Glau­bens, ging am Schab­bat weder zur Arbeit noch in die Schu­le, hol­te aber das Ver­säum­te an ande­ren Tagen nach. Die Eltern sorg­ten auch dafür, dass den Söh­nen die bes­ten Bil­dungs­chan­cen an öffent­li­chen Anstal­ten gebo­ten wur­den. Mit der Tole­ranz gegen­über reli­giö­sen Min­der­hei­ten war es aber nach 1933 vor­bei. Für die Söh­ne war der Besuch des städ­ti­schen Gym­na­si­ums bald ein all­täg­li­cher Spieß­ru­ten­lauf, beglei­tet von Prü­geln, Denun­zia­tio­nen und Beschimp­fun­gen. In der Pogrom­nacht wur­de auch das Haus der Hirsch­ber­gers über­fal­len und die Fami­lie mit Pis­to­len bedroht. Sein hohes Alter, er war fast 60 Jah­re alt, bewahr­te Sieg­mund Hirsch­ber­ger vor der Depor­ta­ti­on in das KZ Dach­au, wohin etwa 400 männ­li­che Karls­ru­her Juden damals ver­schleppt wur­den. Noch im glei­chen Jahr wur­de das Bank­haus „ari­siert“, womit die Fami­lie jetzt ohne Arbeits­ein­kom­men war. Eine Aus­wan­de­rung, die bis­her für die Fami­lie kei­ne Opti­on gewe­sen war, ver­such­te man nun doch noch in die Wege zu leiten.

Samuel Hirschberger Oberlauringen, Israel Hirschberger, Hermann Hirschberger Stadtlauringen,
Sig­mund Hirsch­ber­ger
1939. Por­trät in Rei­se­pass­an­trag für die USA (Foto: GLA
Siegmund Hirschberger, Stadtlauringen
Jen­ny Hirsch­ber­ger, geb. Fell­hei­mer
1939. Por­trät in Rei­se­pass­an­trag für die USA (Foto: GLA)

 

Ange­sichts der begrenz­ten Mög­lich­kei­ten ver­such­ten die Eltern wenigs­tens die bei­den 12- und 13-jäh­ri­gen Kin­der mit einem Kin­der­trans­port in Sicher­heit zu brin­gen. Im März 1939 beglei­te­te nur der Vater die Söh­ne nach Ham­burg, wo sie am 21. das ame­ri­ka­ni­sche Schiff „Man­hat­tan“ bestie­gen, um nach Eng­land zu gelan­gen. Der brief­li­che Kon­takt zwi­schen Eltern und Kin­dern, ver­knüpft mit der Hoff­nung auf ein gemein­sa­mes Wie­der­se­hen, konn­te zunächst noch auf­recht­erhal­ten werden.
Am Mor­gen des 22. Okto­ber 1940 wur­den Sieg­mund und Jen­ny Hirsch­ber­ger im Rah­men der soge­nann­ten Wag­ner-Bürckel-Akti­on aus ihrer Woh­nung geholt und mit Tau­sen­den ande­ren Juden aus dem süd­west­deut­schen Raum in das fran­zö­si­sche Lager Gurs unter­halb der Pyre­nä­en ver­schleppt. Spo­ra­disch konn­ten auch von dort Mit­tei­lun­gen an die Kin­der geschickt wer­den. In wel­chem erbar­mungs­wür­di­gen Zustand sie dort leb­ten, zeigt eine kur­ze Nach­richt, die die Söh­ne von dort erhiel­ten: „Es geht und nicht gut, wir haben wenig zu essen, könnt ihr uns was schi­cken?“[43] Was für eine Situa­ti­on, wenn Eltern ihre halb­wüch­si­gen Kin­der bit­ten müs­sen, ihnen Lebens­mit­tel zu schi­cken. Hun­ger und Krank­hei­ten kur­sier­ten allent­hal­ben im Lager, auch Jen­ny Hirsch­ber­ger erkrank­te an Typhus, aber sie über­leb­te.- Unmit­tel­bar nach­dem sie davon gene­sen war, muss­ten Sieg­mund und Jen­ny Hirsch­ber­ger Gurs ver­las­sen. Laut Karls­ru­her Gedenk­buch wur­den sie am 10. August 1942 in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz über­stellt und dort unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft umge­bracht. Genau­er sind die Recher­chen von Bea­te und Ser­ge Klars­feld, nach denen die bei­den bereits am 5. August 1942 das Lager Gurs mit dem Trans­port Nr. 17, Zug­num­mer 901–12, ver­lie­ßen und nach einer län­ge­ren Rei­se mit einem Zwi­schen­stopp in Dran­cy am 13. August das Ziel Ausch­witz erreich­ten. Die neun­tä­gi­ge Fahrt im Güter­zug muss eine Höl­len­fahrt gewe­sen sein, zumal die Aus­gangs­zahl von 1000 Per­so­nen sich bis zur Ankunft auf das Dop­pel­te erhöht hat­te. Nicht nur an ver­schie­de­nen Orten in Frank­reich, son­dern auch in Deutsch­land, in Saar­brü­cken, Frank­furt a. M., Dres­den und Gör­litz, kamen wei­te­re Opfer hin­zu. Ob die spä­te­re Aus­sa­ge eines angeb­li­chen Mit­fah­rers die­ses Zuges stimm­te, dass Jen­ny bereits wäh­rend des Trans­ports in einem der Wag­gons erstickt sei, ist nicht sicher belegt, ange­sichts der Bedin­gun­gen aber auch nicht aus­zu­schlie­ßen.[44] Soll­te sie den Trans­port über­lebt haben, so wur­den sie und ihr Mann unmit­tel­bar nach der Ankunft in Ausch­witz-Bir­ken­au in den Gas­kam­mern ermordet.
Die bei­den Söh­ne grün­de­ten in Eng­land neue Fami­li­en. Her­mann kam im Jahr 2002 nach Karls­ru­he, um dort in der Schu­le, aus der er selbst ein­mal her­aus­ge­ekelt wor­den war, über das Schick­sal sei­ner Fami­lie zu berichten.

Regi­na Hirsch­ber­ger mit Toch­ter Ilse um 1916
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis
Judenhaus Wiesbaden, Hermannstr. 17
Die bei­den Töch­ter Ilse und Frän­zi
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis
Regina Hirschberger, geborene Stern
Regi­na Hirsch­ber­ger, gebo­re­ne Stern
https://​pho​tos​.yad​vas​hem​.org/​p​h​o​t​o​-​d​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​_​i​d​=​1​1​4​1​7​9​8​4​&​i​n​d=2

 

 

 

 

 

 

 

 

Sieg­munds Bru­der Simon, gebo­ren am 6. Febru­ar 1880, war in Stadt­lau­rin­gen geblie­ben und hat­te das elter­li­che Geschäft für Stof­fe und Näh­be­darf über­nom­men. Aus der Ehe mit sei­ner aus Königs­heim in der Nähe von Tau­ber­bi­schofs­heim stam­men­den Frau Regi­na, gebo­re­ne Stern, waren drei Töch­ter her­vor­ge­gan­gen. Zunächst Ilse Babet­te, dann 1921 Frän­zi und 1930 Lore Klara.

Judenhaus Hermannstr. 17, Wiesbaden
Kin­der­aus­weis von Lore Hirsch­ber­ger
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis
Judenhäuser Wiesbaden, Hermannstr. 17, Oberlauringen
Die Töch­ter von Simon und Regi­na Hirsch­ber­ger, Ilse, Frän­zi und Lore, die den Holo­caust über­leb­ten
Mit Geneh­mi­gung von W. Krappweis

Ein Arti­kel über das Schick­sal der Fami­lie in der Main-Post vom 20. April 2012 trug die Über­schrift „Nur die Töch­ter über­leb­ten – weit weg von zu Hau­se“.[45] In knap­pes­ter Form spie­gelt die­ser Titel die Tra­gik die­ses Zwei­ges der Fami­lie Hirsch­ber­ger wider. Auch Simon gehör­te zu denen, die wäh­rend des Novem­ber­po­groms ver­haf­tet und vom 24. Novem­ber bis zum 20. Dezem­ber in Dach­au inter­niert wor­den waren. Das Haus und das Geschäft blie­ben aller­dings ver­schont. Ab 1939 war er in Stadt­lau­rin­gen von sei­nen Mit­bür­gern, die frü­her ganz selbst­ver­ständ­lich bei ihm ein­ge­kauft hat­ten, als Ern­te­hel­fer ver­pflich­tet wor­den. Das Geschäft muss zu die­sem Zeit­punkt bereits auf­ge­ge­ben gewe­sen sein und auch die Kin­der waren außer Lan­des in Sicher­heit gebracht wor­den. Wann und auf wel­chem Weg Ilse, die ältes­te, die zuvor in Schwein­furt das städ­ti­sche Lyze­um und dann die jüdi­sche Mäd­chen­schu­le besucht hat­te, nach Ame­ri­ka gelang­te, ist nicht bekannt. Frän­zi ging 1938 zu einer jüdi­schen Fami­lie nach Paläs­ti­na und Lore, die jüngs­te, gelang­te Anfang 1939 mit einem Kin­der­trans­port nach Schwe­den. Mit ihrer Gast­fa­mi­lie emi­grier­te sie dann 1940 in die USA.

Die Eltern wur­den am 22. April 1942 mit vie­len ande­ren Juden des Krei­ses Hof­heim zunächst mit dem Omni­bus nach Würz­burg gebracht. Simon und Regi­na Hirsch­ber­ger waren die ein­zi­gen, die aus Stadt­lau­rin­gen kamen, aber immer­hin 13 waren aus Ober­lau­rin­gen.[46] Am 25. April ver­ließ der Son­der­zug „Da 49“ Würz­burg-Aumüh­le, in Bam­berg wur­den noch wei­te­re Juden auf­ge­nom­men, sodass das Ziel Kras­ny­staw an der Bahn­stre­cke zwi­schen Lem­berg und Lub­lin am 28. April mit knapp 1000 Insas­sen erreicht wur­de. Hier wur­den die weni­gen Arbeits­fä­hi­gen mit Schwerst­ar­beit noch so lan­ge wie mög­lich ver­wer­tet. Die zuletzt völ­lig ent­kräf­te­ten Men­schen wur­den, sofern sie nicht bereits zu Tode gekom­men waren, am 6. Juni 1942 in den Gas­kam­mern von Sobi­bor ermor­det. Wann und wo genau Simon und Jen­ny Hirsch­ber­ger zu Tode kamen, ist nicht bekannt. Vor ihrem ehe­ma­li­gen Haus in der Kirch­tor­stra­ße 3 sind zu ihrem Geden­ken zwei Stol­per­stei­ne eingelassen.

 

Über den jüngs­ten Bru­der Bert­hold, gebo­ren am 14. Juni 1883 in Stadt­lau­rin­gen, lie­gen die wenigs­ten Infor­ma­tio­nen vor. Er hat­te zuletzt in Ber­lin, im Bezirk Tier­gar­ten am Han­sa-Ufer 6, unweit vom heu­ti­gen Sitz des Bun­des­prä­si­den­ten, gewohnt. Wel­chen Beruf der ledig Geblie­be­ne vor der Ver­fol­gung aus­ge­übt hat­te, ist nicht bekannt. Für den Trans­port vom 14. April 1942 hat­te die Jüdi­sche Gemein­de Ber­lin die Namen der zu Depor­tie­ren­den selbst zusam­men­zu­stel­len und auch für deren Ver­pfle­gung zu sor­gen. Auch Bert­hold Hirsch­ber­ger muss auf die­ser Lis­te gestan­den haben. Die Abläu­fe unmit­tel­bar vor der Depor­ta­ti­on spiel­ten sich im Prin­zip alle nach dem glei­chen Mus­ter ab, ob in Wies­ba­den oder – wie hier beschrie­ben – in Berlin:
„Vor dem Trans­port erhiel­ten die zu Depor­tie­ren­den eine Benach­rich­ti­gung über ihren bevor­ste­hen­den Abtrans­port, dar­un­ter die übli­chen Anwei­sun­gen für Trans­por­te aus dem Reich. Bis zu 50 kg Gepäck waren erlaubt. Sie erhiel­ten auch ein For­mu­lar, in dem ihr ver­blie­be­nes Ver­mö­gen ein­zu­tra­gen war. Oft­mals wur­den die betrof­fe­nen Juden von Gesta­po­män­nern oder von jüdi­schen Ord­nern, die von der SS eigens dafür ange­heu­ert wor­den waren, zum Sam­mel­la­ger gebracht. Sie dran­gen gewalt­sam in Woh­nun­gen von Juden ein, deren Namen auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te stan­den, und stell­ten sicher, dass die Bewoh­ner zum Abtrans­port bereit waren. Die Opfer hat­ten eini­ge Minu­ten um sich fer­tig­zu­ma­chen und muss­ten dann ihre Woh­nun­gen für immer ver­las­sen. In die­sen Fäl­len konn­ten sie nur wenig Gepäck mit­neh­men. Auf der Stra­ße muss­ten sie einen Last­wa­gen bestei­gen, mit dem auch ande­re Juden abge­holt wur­den. Anschlie­ßend wur­den sie zum Sam­mel­la­ger in die Syn­ago­ge Levet­zow­stra­ße 7–8 im Ber­li­ner Stadt­teil Tier­gar­ten gebracht. Nach der Ankunft in der Syn­ago­ge, wo sie von Schutz­po­li­zis­ten bewacht wur­den, wur­den die Iden­ti­tät und der ver­blei­ben­de Besitz der jüdi­schen Opfer umfas­send regis­triert. Die­ser Vor­gang wur­de oft von bru­ta­len Miss­hand­lun­gen beglei­tet. Die Gesta­po zwang sie, ihr Eigen­tum auf­zu­lis­ten und ihre Woh­nungs­schlüs­sel abzu­ge­ben. Dann muss­ten sie ein Doku­ment unter­zeich­nen, in dem sie auf ihren gesam­ten Besitz ver­zich­te­ten und die­sen dem Staat über­tru­gen. Sie wur­den auch gezwun­gen, sämt­li­che Wert­ge­gen­stän­de und mit­ge­führ­tes Bar­geld abzu­ge­ben. Zeit­wei­se dräng­ten sich mehr als 1.000 Men­schen in der Syn­ago­ge und war­te­ten tage­lang auf die Abfahrt ihres Trans­ports. Sie schlie­fen auf dem Fuß­bo­den oder auf Stroh­sä­cken. Die hygie­ni­schen Bedin­gun­gen waren kata­stro­phal und der Gemüts­zu­stand der Depor­tier­ten war ent­spre­chend. Am Ort waren Ärz­te und Kran­ken­schwes­tern, die so gut es ging zu hel­fen ver­such­ten, den­noch erlit­ten eini­ge Men­schen Ner­ven­zu­sam­men­brü­che und man­che begin­gen sogar Selbst­mord. Nach Abgang des Trans­ports bot die Gesta­po die jüdi­schen Besitz­tü­mer in einer Auk­ti­on zum Ver­kauf an.“[47]

So schlimm die­se letz­ten Tage in Ber­lin waren, sie waren nichts im Ver­gleich zu dem, was sie an ihrem Ziel­ort, dem schon längst völ­lig über­füll­ten War­schau­er Ghet­to, erwar­ten soll­te. Der Vor­sit­zen­de des Juden­rats, Adam Czer­niaków, hat­te wohl am Tag zuvor von dem Trans­port erfah­ren. In sei­nem Tage­buch notier­te er: „Mor­gen Nacht sol­len 1000 Juden aus Deutsch­land ein­tref­fen.“ Erst am frü­hen Mor­gen des 16. April fuhr um 5:30 Uhr der Zug ein. Adam Czer­niaków emp­fing die Neu­an­kömm­lin­ge auf dem Umschlag­platz bei 4 ° + C – wie er notier­te: „“Es sieht nach 1000 Per­so­nen aus. Ich beglei­te­te den Trans­port zur Juda­is­ti­schen Biblio­thek.“ [48] Das Gebäu­de beher­berg­te in die­ser Zeit die „Jüdi­sche Sozia­le Selbst­hil­fe“, aber Hil­fe erfuhr auch Bert­hold Hirsch­ber­ger hier nicht mehr, zumin­dest kei­ne, die ihn vor dem Tod bewahr­te. Über den Ort, an dem er ermor­det wur­de, lie­gen kei­ne siche­ren Infor­ma­tio­nen vor. Laut Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz wur­de er am 13. Juni 1942 in Sobi­bor ver­gast. Auch der Nef­fe Fred Gott­lieb, der selbst mit einem Kin­der­trans­port der Ver­nich­tung ent­kom­men war, mach­te auf sei­nem in Yad Vas­hem hin­ter­leg­ten ‚Page of Tes­tim­o­ny’ die glei­che Anga­be. Das Gedenk­buch über die ermor­de­ten Juden Ber­lins nennt hin­ge­gen Maj­da­nek als Ort sei­nes Todes, ohne aber ein Todes­da­tum anzu­ge­ben.[49]

Stand: 12. 09. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Es wohn­te aller­dings auch ein Max Hirsch­ber­ger mit sei­ner Frau Kate Pearl, gebo­re­ne Cohen, seit Mit­te der Zwan­zi­ger Jah­re in Wies­ba­den, die­ser stamm­te aller­dings aus Heil­bronn. Ob es zu die­ser Fami­lie eine ver­wandt­schaft­li­che Ver­bin­dung gab, ist bis­her nicht bekannt.

[2] https://www.oberland-kurier.de/buerger-info/wissenswertes-mainmenu-241/1217–1200-jahre-oberlauringen-die-ansiedlung-der-juden-in-oberlauringen-teil-ix. (Zugriff: 20.7.2019).

[3] http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​o​b​e​r​l​a​u​r​i​n​g​e​n​_​s​y​n​a​g​o​g​e​.​htm (Zugriff: 20.7.2019).

[4] Zu den Anga­ben sie­he http://​www​.archi​ve​.org/​s​t​r​e​a​m​/​t​r​e​p​p​f​a​m​i​l​y​f​0​0​1​#​p​a​g​e​/​n​5​/​m​o​d​e​/​1up. (Zugriff: 20.7.2019).

[5] Gun­da Trepp, Der letz­te Rab­bi­ner. Das unor­tho­do­xe Leben des Leo Trepp, Darm­stadt 2018, S. 73–105. Noch beein­dru­cken­der ist es, wenn man die Beschrei­bung sei­nes Lebens und sei­ne Erin­ne­run­gen an Ober­lau­rin­gen von ihm selbst vor­ge­tra­gen hört. Die CD ‚Rab­bi­ner Leo Trepp’ wur­de in der Rei­he ‚Edi­ti­on Zeu­gen der Zeit’ der Paul-Laza­rus-Stif­tung Wies­ba­den 2014 herausgegeben.

[6] Noch heu­te bezeich­net sich Ober­lau­rin­gen als „Rück­ert-Dorf“. Sie­he zu Rück­ert die Anmer­kun­gen 1 und den dort ver­öf­fent­lich­ten Aus­schnitt aus sei­nem Gedicht ‘Die Bau­ern und ihr gnä­di­ger Herr’ im Kapi­tel zu Jakob Fink.

[7] Als typi­sches Bei­spiel führt Trepp den pen­sio­nier­ten Beam­te Kam­me­rer an, der „in stei­fem Kra­gen und dunk­lem Anzug durch die Stra­ßen (lief) und die Juden mit den hebräi­schen Wor­ten ‚Zedek, zedek tir­do’ – ‚Gerech­tig­keit, Gerech­tig­keit sollt ihr nach­ja­gen’ (begrüß­te). Wir wuss­ten nie, ob er uns das sag­te, um mit sei­ner Kennt­nis des hebräi­schen Sat­zes sei­ne Ver­bun­den­heit mit den Juden aus­zu­drü­cken, oder ob er sie vor­ur­teils­voll  ermah­nen woll­te: ‚Lernt mal, Juden, ehr­lich und gerecht zu sein, das gebie­tet eure Schrift’“. Ebd. S. 84. Ver­mut­lich war wohl vor allem Letz­te­res gemeint.

[8] Leo Trepp schil­der­te die Bege­ben­heit fol­gen­der­ma­ßen: „Die Infla­ti­on brach­te den Rech­ten immer mehr Anhän­ger. Eine anti­se­mi­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, eine Split­ter­grup­pe der auf­ge­lös­ten Bri­ga­de Ehr­hardt, war auch in Ober­lau­rin­gen aktiv. Einer ihrer Haß­red­ner hat­te auf dem Platz vor der Kir­che zum gan­zen Dorf gespro­chen. Die Juden sei­en an der gan­zen Not des Vol­kes schuld. Sie beherrsch­ten die gesam­te Indus­trie und das Finanz­we­sen. Onkel Hugo, wie er uns erzähl­te, konn­te dem Red­ner das nicht durch­ge­hen las­sen und schrie mit lau­ter Stim­me durch die Men­ge: „Stin­nes”. Hugo Stin­nes, der bedeu­tends­te, mäch­tigs­te und reichs­te Indus­tri­el­le Deutsch­lands, zugleich Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter, war kein Jude. Sofort lief der Amts­mann des Dor­fes zu mei­nem Onkel hin­über: ‚Herr Hirsch­ber­ger, wenn sie noch ein­mal den Mund auf­ma­chen, ver­haf­te ich sie.’ Es geschah nichts, das Dorf blieb ruhig, doch der anti­jü­di­sche Cha­rak­ter wur­de von den Behör­den gebil­ligt, und uns brach­ten die­se Gescheh­nis­se die unter­schwel­li­ge Anti­pa­thie der Bevöl­ke­rung erneut ins Bewusst­sein.“ Ebd. S. 85 f.

[9] HHStAW 469/​33 3668 (6), Hei­rats­re­gis­ter der Stadt Schwein­furt 84 /​ 1907.

[10] Zu den Geburts­an­ga­ben sie­he ebd. (3, 4). Es han­delt sich um kei­ne amt­li­chen Aus­künf­te, son­dern um die der Schwes­ter Her­ta aus dem Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren. Zumin­dest ist die von ihr gemach­te Anga­be zum Geburts­tag von Max nicht rich­tig. Sie gab fälsch­li­cher­wei­se als Geburts­mo­nat den Dezem­ber statt den März an, sie­he die Geburts­ur­kun­de 3 /​ 1912 des Stan­des­amts Oberlauringen.

[11] Trepp, Letz­te Rab­bi­ner, S. 86 f. Nach Aus­kunft des heu­ti­gen Bezirks­kran­ken­hau­ses Lohr, dem von Leo Trepp erwähn­ten ehe­ma­li­gen Sana­to­ri­um, wur­de Max Hirsch­ber­ger am 6.4.1933 dort ein­ge­lie­fert. Er ver­starb dort nach etwa fünf Jah­ren am 10.3.1938, sie­he Ster­be­re­gis­ter Lohr 24 /​ 1938. Die Infor­ma­tio­nen zu Max Hirsch­ber­ger ver­dan­ke ich Herrn W‑D Gutsch.

[12] HHStAW 518 16414 (26, 10). Laut Gewer­be­an­mel­dung hat­te Hugo Hirsch­ber­ger das Geschäft 1907 über­nom­men. Das Gewer­be war im Erd­ge­schoss des Hau­ses 48/​49, dem Wohn­sitz der Fami­lie, ange­sie­delt. Neben dem 26 qm gro­ßen Laden waren hier auch das 10 qm gro­ße Schlaf­zim­mer und eine klei­ne Küche gele­gen. Im Ober­ge­schoss befan­den sich noch ein­mal zwei klei­ne Schlaf­zim­mer mit je 8 qm. Es müs­sen sehr beeng­te Ver­hält­nis­se in dem Haus geherrscht haben, zumin­dest solan­ge die Kin­der noch zu Hau­se leb­ten, ebd. (25). Wenn Trepp von dem etwas grö­ße­ren Haus sei­nes Onkels schreibt, dann kann man sich vor­stel­len, wie klein die Häu­ser der ande­ren Juden zumeist gewe­sen sein müssen.

[13] Ebd. S. 87. Auch auf der Steu­er­ak­te von Hugo Hirsch­ber­ger beim Finanz­amt Wies­ba­den ist er als Sei­fen- und Wasch­mit­tel­händ­ler bezeich­net, sie­he HHStAW 685 297 a (Deck­blatt).

[14] HHStAW 685 297 (pas­sim). Die Toch­ter Her­ta hat­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ange­ge­ben, dass der jähr­li­che Ver­dienst vor der Ver­fol­gung sich auf etwa 5.000 RM belau­fen hät­te. Es ist mög­lich, dass dies für die soge­nann­te Sta­bi­li­täts­pha­se zwi­schen 1924 und der ers­ten Hälf­te des Jah­res 1929 zutref­fend ist, kaum aber für die fol­gen­den Jah­re bis 1933. Sie­he HHStAW 518 16414 (34).

[15]

Max Wre­sch­ner und Irma Erlan­ger
Mit Geneh­mi­gung von Sam­son Wahrhaftig

In der Devi­sen­ak­te von Max May­er Wre­sch­ner ist im For­mu­lar, in dem er sein Ver­mö­gen und sei­ne Lebens­hal­tungs­kos­ten offen­le­gen muss­te, ange­ge­ben, dass er monat­li­che Aus­ga­ben für eine Haus­häl­te­rin in Höhe von 55 RM habe. Ein Name ist hier zwar nicht genannt, aber die Wahr­schein­lich­keit, dass es sich um Bet­ty Hirsch­ber­ger han­del­te, ist sehr groß. Sie­he HHStAW 519/​3 5950 (6).
Der aus Posen stam­men­de Max Wre­sch­ner, gebo­ren 1867, war bereits über sieb­zig Jah­re alt und lei­dend, sei­ne Frau Mat­hil­de, gebo­re­ne Bloch, war schon am 13.12.1927 ver­stor­ben. Laut der ‚Auf­stel­lung des ehe­ma­li­gen Jüdi­schen Eigen­tums‘ von 1946, Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983, waren Wre­sch­ners auch Eigen­tü­mer des Hau­ses Neu­bau­er­str. 6. Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1938 ist Max Wre­sch­ner aller­dings nur noch als Ver­wal­ter ein­ge­tra­gen, Als Eigen­tü­me­rin ist hier sei­ne Toch­ter Irma The­ba Erlan­ger, die in die Schweiz aus­ge­wan­dert war, ver­merkt. Die­se war inzwi­schen am 20.10.1938 eben­falls ver­stor­ben, sodass das Haus ihrem Mann Rafa­el Erlan­ger zufiel. Sie­he HHStAW 518 44864 (4, 83). Max Wre­sch­ner wur­de am 29.4.1942 in das Jüdi­sche Kran­ken­haus in der Frank­fur­ter Gagern­stra­ße ver­legt, wo er am 11.5.1942 ver­starb. Zuvor hat­te er aber offen­sicht­lich noch kurz­zei­tig im Haus der Eigen­tü­mer des Juden­hau­ses Her­mann­str. 17, bei Gold­schmidts in der Phil­ipps­berg­str. 25 im zwei­ten Stock gewohnt, sie­he ebd. (83). Auch das spricht dafür, dass Bet­ty Hirsch­ber­ger in den letz­ten Jah­ren sei­ne Haus­häl­te­rin war.

[16] HHStAW 469/​33 3668 (12).

[17] HHStAW 518 16414 (25).

[18] Ebd. (7–9). Die Zer­stö­run­gen wur­den im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren aner­kannt und ent­schä­digt, sie­he ebd. (40–42).

[19] Nur die Töch­ter über­leb­ten – weit weg von zu Hau­se, Main­post vom 20.4.2012. Simon Hirsch­ber­ger und sei­ne Frau Regi­na wur­den im Holo­caust ermor­det. Für sie wur­de in Stadt­lau­rin­gen ein Stol­per­stein zu ihrem Gedächt­nis gelegt. Ihren drei Töch­tern Ilse, Frän­zi und Lore gelang die Aus­wan­de­rung in die USA bzw. Palästina.

[20] Dies ist das Ergeb­nis eines Ver­gleichs der Bewoh­ner laut Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1938 mit der Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Paul-Laza­rus-Stif­tung. Nach dem Krieg bewohn­ten noch immer 9 Miet­par­tei­en aus der Vor­kriegs­zeit das Haus.

[21] HHStAW 519/​3 337 (1).

[22] Ebd. (5, 6).

[23] Ebd. (8, 9).

[24] Ebd. (10). Der Antrag wur­de geneh­migt, ebd. (11). Den­noch frag­te die NSDAP-Orts­grup­pe Ober­lau­rin­gen wenig spä­ter bei der Devi­sen­stel­le an, ob die­se Ein­wil­li­gung den Tat­sa­chen ent­sprä­che, was die­se wie­der­um bestä­tig­te. Ebd. (12, 13).

[25] Sie­he zu ihrer Bio­gra­phie ihre eides­statt­li­che Erklä­rung in HHStAW 518 54514 (5).

[26] HHStAW 518 16414 (7).

[27] HHStAW 685 297 (o.P.).

[28] In der Lis­te ist ihr Nach­na­me mit Schön­stedt angegeben.

[29] Zu den Trans­por­ten sie­he Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S.224–229.

[30] http://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​8​8​3​792 (Zugriff: 12.8.2019). Sie ist nicht zu ver­wech­seln mit der eben­falls in Ober­lau­rin­gen, aller­dings im Jahr 1916 gebo­re­nen Flo­ra Hirsch­ber­ger, die in Pia­ski ermor­det wurde.

[31] HHStAW 518 54514 (5).

[32] Trepp, Der letz­te Rab­bi­ner, S. 210.

[33] ‚Rab­bi­ner Leo Trepp’, ‚Edi­ti­on Zeu­gen der Zeit’ CD-Aufnahme.

[34] Ver­mut­lich han­delt es sich dabei um das Haus Adam-Kar­ril­lon-Stra­ße 13, das unmit­tel­bar an der Ein­mün­dung zum Hin­den­burg­platz lag. Leo Trepp nann­te den Hin­den­burg­platz als Adres­se sei­nes Elternhauses.

[35] Von Beruf war sie ver­mut­lich Schnei­de­rin gewe­sen. Zumin­dest erwähnt Leo Trepp, dass sie in Würz­burg bei einem Schnei­der arbei­te­te, als er die Pro­mo­ti­ons­un­ter­la­gen dort­hin gesandt hat­te, weil er von der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät nach Würz­burg wech­sel­te. Er wech­sel­te die Uni­ver­si­tät, um dort sei­nen jün­ge­ren Bru­der Gus­tav zu betreu­en, der wegen der stän­di­gen Repres­sa­li­en 1934 das Main­zer Gym­na­si­um ver­las­sen hat­te und sei­ne Schul­lauf­bahn eben­falls in Würz­burg fort­setz­te, sie­he Trepp, Der letz­te Rab­bi­ner, S. 123 f.

[36] Sie­he Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 186 f. Der Zug wur­de spä­ter noch wei­ter „auf­ge­füllt“. Über die Ankunft des Trans­ports aus Mainz liegt eine schrift­li­che Quel­le, ein Brief des zuvor depor­tier­ten Ehe­paars Bauch­witz an ihre Toch­ter, vor, aus der Gott­waldt /​ Schul­le zitie­ren: „Wir sind von 700 etwa noch 150 hier. … Wir ste­hen noch stark unter dem Ein­druck der letz­ten Tage. Es ist wüst leer. Die 1500 aus Mainz, Worms und Darm­stadt sind in die Woh­nun­gen der Ver­reis­ten gekom­men. Sie haben kei­nen Pfen­nig Geld! Man erzählt, vie­le sei­en unter­wegs gestor­ben.“ Ebd.

[37] Prof. Hämel war nach dem Krieg wegen ver­meint­li­cher Nähe zum Nazi­staat aus sei­nen Ämtern an der Uni­ver­si­tät ent­las­sen wor­den, dann durch die Für­spra­che sei­ner Stu­den­ten aber wie­der reha­bi­li­tiert wor­den. Auch Leo Trepp nahm nach 1945 wie­der Kon­takt mit ihm auf und es folg­te ein kon­ti­nu­ier­li­cher und inten­si­ver Brief­wech­sel mit sei­nem frü­he­ren Dok­tor­va­ter. Sie­he dazu Trepp, Der letz­te Rab­bi­ner, S. 131, zu sei­ner Aus­bil­dungs­zeit ebd. 107 ff.

[38] Ebd. S. 190 befin­det sich ein Bild von die­sem Zug, auf dem auch Leo Trepp zu erken­nen ist.

[39] Die Ankunft in die­sem Lager wur­de von Leo Trepp so ein­drucks­voll beschrie­ben, dass die Pas­sa­ge hier in vol­ler Län­ge zitiert wer­den soll: „Am Abend hielt der Zug mit­ten auf einer dunk­len Wie­se. Wir muß­ten raus­sprin­gen, hin­ter uns bell­ten die Hun­de, und die SS-Män­ner schrien: ’Raus! Raus!” Wir muß­ten in Fün­fer­grup­pen lau­fen. Eini­ge von uns, die schwä­cher waren, konn­ten unter ihren Hie­ben nicht ren­nen und fie­len immer wie­der hin. Vor­ne lie­fen die Leu­te auf­ein­an­der auf, wenn alle abrupt ste­hen­blei­ben muß­ten. Dann lagen sie auf dem Boden, und die Wachen tra­ten sie und schlu­gen sie mit Geweh­ren, damit sie wie­der auf­stan­den. Wir hak­ten uns ein, damit die Star­ken die ande­ren mit­zie­hen konn­ten. Das war mein Glück. Denn ich stürz­te über einen Mark­stein und ver­stauch­te mir den Knö­chel. Und wäre wahr­schein­lich nicht mehr wei­ter­ge­gan­gen, wenn die ande­ren mich nicht hoch­ge­ho­ben hät­ten. Und dann trie­ben sie uns hin­ein ins Lager. ‚Rasch! Ste­hen­blei­ben! Rasch! Ste­hen­blei­ben!’ Für den Rest der Nacht muß­ten wir in Reih und Glied vor Grä­ben aus­har­ren, ste­hend. Eini­ge der älte­ren Män­ner bra­chen zusam­men. Einer davon direkt vor mir. Plötz­lich knick­te er weg. Der SS-Mann sag­te: ‚Jud­de-Dok­tor, gucke mal!’ Dann kam ein Arzt aus unse­ren Rei­hen, leg­te sein Ohr auf die Brust des ande­ren und sag­te: ‚Der Mann hat einen schwe­ren Herz­an­fall, der muß sofort ins Laza­rett.’ Dar­auf­hin ver­höhn­te der Schutz­staff­ler ihn: ‚Kran­ken­haus? Für’n Jud? Der ist ja tot.’ Er ver­paß­te ihm ein paar Trit­te, und noch ein paar Trit­te, offen­sicht­lich woll­te er ihn tot­tre­ten, und der Mann zuck­te, und dann rief der SS-Offi­zier einen der Häft­lin­ge mit einem Kar­ren und rief: ‚Hier, schmeiß den weg. Der ist tot.’ Er war aber nicht tot. Leben­di­gen Lei­bes warf man die­sen Mann auf den Holz­wa­gen und schob ihn in die Totenkammer.
Eine Latri­ne gab es nicht. Man muß­te sich am Rand einer Gru­be ent­lee­ren. Kaum hat­te der Häft­ling ange­fan­gen, schrie eine Wache: ‚Zwick es ab.’ Beschmutzt und den­noch ohne Erleich­te­rung muß­te er in die Rei­he zurück­tre­ten. Am nächs­ten Mor­gen wur­den wir unter­sucht, um uns zu beschä­men voll­kom­men nackt. Einer der SS-Leu­te frag­te mich nach mei­nem Beruf. ‚Rab­bi­ner.’ Dar­auf schlug er mir rechts und links ins Gesicht, immer wie­der, bis mei­ne Bril­le run­ter­fiel. Wir füll­ten die Kar­ten für die Regis­tra­tur aus
- sie hat­te zwei Ver­mer­ke, ‚ent­las­sen am’ und ‚gestor­ben am’ -, beka­men unse­re Klei­dung, einen dün­nen Pyja­ma, und dann wur­den uns die Köp­fe gescho­ren. Nach­dem wir in die Bara­cken ein­ge­wie­sen wor­den waren, beka­men wir zum ers­ten Mal etwas zu essen, eine wäss­ri­ge Kar­tof­fel­sup­pe, in der klei­ne Strei­fen Wal­fisch­fleisch schwam­men. Die ganz From­men woll­ten sie nicht essen, weil Wal nicht koscher ist. Ich sag­te ihnen: ‚Ihr müßt es essen. Nach den jüdi­schen Geset­zen ist es eure Pflicht, euer Leben zu erhal­ten, soweit ihr es könnt.’ Das Lager war von einer Mau­er mit Wach­tür­men und einem elek­tri­schen Zaun umge­ben. Jeder Tag war gleich. Am Mor­gen, so gegen vier oder fünf Uhr, muß­ten wir auf dem Para­de­platz ste­hen, um gezählt zu wer­den, und gezählt und gezählt, Stun­den. Über uns kreis­ten die Schein­wer­fer des Flut­lichts, wir waren wie ein­ge­kes­selt, alle Maschi­nen­ge­weh­re auf den Wach­tür­men auf uns gerich­tet. Jeden Abend das­sel­be. Im Lau­fe des Tages ließ man uns alle mög­li­che nutz­lo­se Arbeit ver­rich­ten. Hin­set­zen, in die Knie gehen, immer wie­der. Oder wir muß­ten auf den Lager­stra­ßen win­zi­ge Abfäl­le weg­räu­men und Grä­ser aus­rup­fen. Über­sah man auch nur das kleins­te biß­chen, wur­de der ein­zel­ne oder die Grup­pe scharf bestraft. Doch meis­tens muß­ten wir Sand­sä­cke einen Hügel hin­auf- und wie­der hin­un­ter­schlep­pen, hin­auf und run­ter, den gan­zen Tag. Die älte­ren Gefan­ge­nen warn­ten uns vor den ‚Scher­zen’ im Lager. Manch­mal rie­fen die Wach­leu­te Gefan­ge­ne zu sich, stan­den dabei aber schon jen­seits der unmar­kier­ten Gren­ze, die wir nicht über­tre­ten durf­ten. Die Män­ner, die dem Befehl folg­ten, wur­den zum Ver­gnü­gen der anwe­sen­den Wachen ‚auf der Flucht’ erschossen.
Dann kam eine Nacht, in der wir uns gegen vier Uhr mor­gens zum Appell ein­fin­den muß­ten, der Regen rie­sel­te, der Kom­man­dant kam auf sei­nen Bal­kon und schrie: ‚ Ihr seid der Abschaum der Mensch­heit. Ihr seid das Gift der Mensch­heit. Ver­bre­cher. Was immer mei­ne Män­ner mit euch tun, sie haben das Recht dazu. Sie kön­nen jeden ein­zel­nen von euch erschie­ßen, ohne daß ihnen etwas geschieht.’ Alle Schein­wer­fer rich­te­ten sich auf uns, und ich war mir sicher, daß er den Befehl geben wür­de zu schie­ßen. Dies war das Ende. Und in dem Augen­blick hat­te ich plötz­lich ein gewis­ser­ma­ßen sicht­ba­res Bewußt­sein der Gegen­wart Got­tes. Ich sprach mein Glau­bens­be­kennt­nis, und dann sag­te ich ‚Lie­ber Gott. Wenn es Dein Wil­le ist, daß ich jetzt für Dich ster­be: Ich bin bereit.’ Die­se unmit­tel­ba­re Nähe zu Gott habe ich so nie wie­der im Leben gefühlt. Aber es bezeugt die gött­li­che Gegen­wart in einer per­sön­li­chen Erfah­rung an einem Ort, wo man sie am wenigs­ten erwar­tet.“
Ebd. S. 191 f. Trotz die­ser sehr per­sön­li­chen Got­tes­er­fah­rung blieb der Schre­cken die­ser Tage in Sach­sen­hau­sen in den spä­ter immer wie­der­keh­ren­den nächt­li­chen Alp­träu­men für immer gegenwärtig.

[40] Ebd. S. 231 f.

[41] Ebd. S. 120.

[42] Schü­ler des Hei­sen­berg-Gym­na­si­ums in Karls­ru­he haben im Schul­jahr 2002 /​ 03 eine recht umfas­sen­de Bio­gra­phie für das „Karls­ru­her Gedenk­buch für die Karls­ru­her Juden“ erar­bei­tet. Die Dar­stel­lung folgt weit­ge­hend die­sem Arti­kel, wenn­gleich nicht sicher ist, ob die Anga­ben immer den Fak­ten ent­spre­chen. So wird hier Sieg­mund als zweit­äl­tes­ter der Gebrü­der bezeich­net, er war aber mit Sicher­heit der ältes­te. Sie­he http://​gedenk​buch​.infor​me​dia​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​.​p​h​p​/​P​I​D​/​1​2​/​n​a​m​e​/​1​7​2​1​/​s​e​i​t​e​/​3​/​s​u​c​h​e​/​H​.​h​tml. (Zugriff 7.2.2020)

[43] Zit. nach http://​gedenk​buch​.infor​me​dia​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​.​p​h​p​/​P​I​D​/​1​2​/​n​a​m​e​/​1​7​2​1​/​s​e​i​t​e​/​3​/​s​u​c​h​e​/​H​.​h​tml. (Zugriff 7.2.2020)

[44] Zum angeb­li­chen Ersti­ckungs­tod sie­he ebd. Sie­he die Lis­te der Depor­ta­tio­nen aus Dran­cy unter https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​c​h​r​o​n​o​l​o​g​y​/​v​i​e​w​F​r​a​n​c​e​.​x​h​tml. (Zugriff: 18.8.2019), wo auch für den 10.8.1942 ein sol­cher Zug ein­ge­tra­gen ist. Auch im Per­so­nen­re­gis­ter sind Sig­mund und Jen­ny Hirsch­ber­ger die­sem Trans­port zuge­ord­net, sie­he http://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​8​8​3​816 und http://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​8​8​3​799. (Zugriff: 18.8.2019). Zu den Trans­por­ten von Gurs in die­sen Tagen sind auf der Sei­te in Yad Vas­hem aus­führ­li­che Anmer­kun­gen zu lesen, sie­he https://​depor​ta​ti​on​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​5​0​9​2​588. (Zugriff: 18.8.2019). Für die bei­den wur­den in Yad Vas­hem auch ‚Pages of Tes­tim­o­ny’ hin­ter­legt hat, sie­he https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​s​_​l​a​s​t​N​a​m​e​=​H​i​r​s​c​h​b​e​r​g​e​r​&​s​_​f​i​r​s​t​N​a​m​e​=​S​i​g​m​u​n​d​&​s​_​p​l​a​c​e​=​&​s​_​d​a​t​e​O​f​B​i​rth=, (Zugriff: 18.8.2019) und https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Hirschberger%20&s_firstName=Jenny&s_place=&s_dateOfBirth=. (Zugriff: 18.8.2019).

[45] Main-Post vom 20.4.2012. Hier­aus sind  auch die fol­gen­den Anga­ben entnommen.

[46] Sie­he die umfas­sen­de Dar­stel­lung die­ser Depor­ta­ti­on aus Unter­fran­ken, bei der die ein­zel­nen Land­ge­mein­den sys­te­ma­tisch „aus­ge­kämmt“ wur­den, bei Gott­waldt /​ Schül­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 197–201. Hier ist auch ein Foto abge­bil­det, das den Zug der Men­schen auf ihrem Weg durch Würz­burg zur Ver­la­de­sta­ti­on am dor­ti­gen Güter­bahn­hof zeigt.

[47] https://​depor​ta​ti​on​.yad​vas​hem​.org/​i​n​d​e​x​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​d​e​&​i​t​e​m​I​d​=​5​0​9​2​661. (Zugriff: 18.8.2019), sie­he zu die­sem Trans­port auch http://​www​.sta​tis​tik​-des​-holo​caust​.de/​l​i​s​t​_​g​e​r​_​b​e​r​_​o​t​1​3​.​h​tml. (Zugriff: 18.8.2019). In der ein­zig erhal­te­nen Lis­te mit Namen aus Ber­lin ist Bert­hold Hirsch­ber­ger nicht aufgeführt.

[48] Czer­niaków, Adam, Im War­schau­er Ghet­to. Das Tage­buch des Adam Czer­niaków 1939–1942, Mün­chen 1986, S. 243

[49] http://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​d​e​1​0​9​2​928. (Zugriff: 18.8.2019), https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​1​1​4​1​8​0​8​5​&​i​n​d=0, (Zugriff: 18.8.2019) und https://​yvng​.yad​vas​hem​.org/​n​a​m​e​D​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​I​d​=​4​1​0​5​6​3​0​&​i​n​d=2. (Zugriff: 18.8.2019).