Ferdinand Blumenthal und die Familie Horchheimer

 

Zwei, eigentlich sogar drei jüdische Familien lebten bereits in der Alexandrastr. 6, bevor es zum Judenhaus wurde: Zunächst Dr. Ferdinand Blumenthal mit seiner Frau Frieda und dem Sohn Hans Martin, später auch kurzfristig die mit Blumenthals verwandten Horchheimers, des Weiteren Dr. Dreyer mit seiner Frau Frieda. Zum Gedenken an die beiden in Mischehe lebenden jüdischen Ehepartnern Ferdinand Blumenthal und Wilhelm Dreyer, die beide den Holocaust nicht überlebten, sind vor dem Haus ‚Stolpersteine’ eingelassen. Deswegen soll im Rahmen der vorliegen Arbeit zunächst auch ihnen und ihren Familien gedacht werden, wenngleich sie keine Judenhausbewohner im eigentlichen Sinne waren.

 

Der als Sohn des Viehhändlers Joseph Blumenthal und seiner Frau Betty Kallheim am 21. April 1874 in Wiesbaden geborene Dr. Ferdinand Blumenthal[1] war einer der innovativen Köpfe der aufstrebenden chemischen Industrie dieser Zeit. Um 1897 hatte er in Basel promoviert, war zunächst bei den „Farbwerken Hoechst“ beschäftig und anschließend als technischer Direktor bei „Boehringer“ in Ingelheim tätig.

Aufgewachsen war Ferdinand Blumenthal im elterlichen Haus in die Schwalbacher Str. 38, wo seine beiden Brüder Leopold und Carl nach dem Tod des Vaters am 27. November 1919 zunächst weiterhin mit der Mutter lebten und den dort angesiedelten Pferdehandel weiterführten. Karl passte sich an das neue automobile Zeitalter an, baute den Betrieb aus und errichtete eine Tankstelle mit Garage und einer Reparaturwerkstatt für Autos.[2]

Nach seiner Eheschließung am 27 Mai 1920 mit Frieda Horchheimer bezogen Ferdinand Blumenthal und seine Frau 1921 die Erdgeschosswohnung in die Alexandrastr. 6.[3] Frieda Horchheimer, geboren am 26. November 1881, war die jüngste Tochter von Samuel Horchheimer und dessen Frau Amalie / Malchen Hess, die noch die weiteren Kinder Mathilde und Adolf hatten.

Die Ehe mit Frieda Horchheimer war allerdings bereits die zweite Ehe für Ferdinand Blumenthal. Aus der ersten Ehe mit einer Nanethe Süßer war am 29. Mai 1909 der gemeinsame Sohn Hans Martin hervorgegangen.[4] Die Ehe war aber bald danach gescheitert. Die von seiner ehemaligen Frau angestrengten etwa zehn Scheidungsprozesse, die nach Ferdinand Blumenthals Ansicht das Ziel hatten, ihn zu „ruinieren“, gingen bis zum Reichsgericht nach Leipzig, hatten ihn nach eigenen Angaben 30-40.000 RM gekostet.[5]

Der Sohn hatte aber in den folgenden Jahren vermutlich bei dem Vater gelebt, denn er wird in den verschiedenen Steuererklärungen als Haushaltsmitglied aufgeführt.

Allein die gute Adresse der Blumenthals in der Alexandrastraße zeigt, dass es ihnen in dieser Zeit finanziell noch gut ging, aber bald wurden ihre Unternehmungen mit in den Strudel der Wirtschaftskrisen der Republik gerissen und auch sie persönlich blieben davon nicht verschont.

Etwa 1908 hatte Dr. Blumenthal eine leitende Funktion bei der chemischen Fabrik „Lembach & Schleicher“ in Biebrich übernommen, die als Zweigniederlassung der Berliner Firma „Chemische Fabrik Byk“ fungierte.[6] Sein Schwager Adolf Horchheimer war seit längerer Zeit ebenfalls bei dieser Firma in einer leitenden Stellung als sehr erfolgreicher Handelsvertreter tätig.

1920 wurden beide zu Gesellschaftern von „Lembach & Schleicher“, deren Sitz nach Bad Schwalbach, dem damaligen Langenschwalbach, verlegt und in enger personeller Zusammenarbeit mit der 1923 ebenfalls von den beiden gegründeten „Chemischen Fabrik Schwalbach AG“ geführt wurde. Die Firma vertrieb zunächst mit großem Erfolg diverse chemische Produkte in ganz Europa, ihr Niedergang sei aber schon mit dem sogenannten ‚Ruhrkampf’ 1923 eingeleitet worden und sie habe sich bis zur Weltwirtschaftskrise nicht mehr erholt – so die Auskunftei Blum in einem Gutachten.[7] 1926 wurden die beiden Firmen vom Amtsgericht unter Aufsicht gestellt, um einen Konkurs zu verhindern.[8]

Im September 1929, die „Chemische Fabrik Schwalbach AG“ hatte im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust von mehr als 150.000 RM angehäuft, stiegen Dr. Blumenthal und Adolf Horchheimer nach internen Querelen aus der Geschäftsführung, Dr. Blumenthal sogar ganz aus der Firma aus. Angesichts der Tatsache, das zu dieser Zeit die Weltwirtschaftskrise auf ihren Höhepunkt zusteuerte, eine sicher problematische Entscheidung. Eine seinen Qualifikationen entsprechende Anstellung war damals kaum zu finden. Daher machte es sich als selbstständiger, beratender Chemiker, der auch im Besitz einiger Patente gewesen sein soll, in Wiesbaden selbstständig und wirkte bei der Einrichtung verschiedener chemischer Verfahrenstechniken in mehreren großen Firmen mit.[9]

Nach Angabe der Auskunftei Blum übernahm er von seinem Schwager Adolf Horchheimer alle Anteile an der Firma „Lembach & Schleicher“.[10] Finanziell gelohnt hat sich aber letztlich weder die selbstständige Beratertätigkeit, noch der Erwerb der Firmenanteile. In einer Aufstellung des Finanzamts Wiesbaden über sein Einkommen in den Jahren 1927 bis 1934 lässt sich der soziale Abstieg deutlich erkennen. Der stufenweise Einkommensrückgang von etwa 25.000 RM im Jahr 1927 über 17.000 RM auf 11.500 RM im Jahr 1929 war sicher der Krise geschuldet, die sich auch beim Salär der Führungskräfte niederschlug. 1933 konnte er gerade noch 776 RM als Einkommen verbuchen. Für die folgenden Jahre bis 1934 wurden dem Finanzamt keine steuerpflichtigen Beträge mehr gemeldet, so dass er 1934 endgültig ausgesteuert wurde.[11]

Nicht nur mit seinem Schwager Adolf Horchheimer stand Ferdinand Blumenthal in einer engen geschäftlichen Beziehung, sondern auch mit Otto Friedberger, dem Ehemann von Friedas Schwester Mathilde Horchheimer, der in der gleichen Branche beruflich tätig war. Im Wiesbadener Adressbuch von 1931 ist Otto Friedberger mit seiner Firma, „Otto Friedberger Co. & GmbH. Deutsche Lackfabrik“, erstmals auch mit der Adresse Alexandrastr. 6 eingetragen. Als Mathilde Friedländer am 13. Februar 1931 im Alter von 52 Jahren verstarb, war es Ferdinand Blumenthal, der dem Standesamt den Tod mitteilte. Sie war, wie sich aus der Anzeige ergibt, inzwischen von Otto Friedberger geschieden und hatte zuletzt in der Schenkendorfstr. 4 gewohnt.[12] Fälschlicherweise ist sie im Jüdischen Adressbuch von 1935 noch als Bewohnerin der Alexandrastr. 6 eingetragen, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon seit vier Jahren tot war. [13] Nicht ausgeschlossen ist aber, dass sie zuvor, möglicherweise nach der Trennung von ihrem Mann, einmal dort gewohnt hatte.

Ebenso ist Dora Horchheimer, geborene Leib, die Frau von Adolf Horchheimer, mit dieser Anschrift im Jüdischen Adressbuch gelistet, aber auch hier handelt es sich insofern um eine Fehlinformation, als sie zu dieser Zeit bereits nach Belgien emigriert war. Dennoch ist richtig, dass auch Adolf und Dora Horchheimer zumindest kurzfristig zu den Bewohnern des Hauses Alexandrastr. 6 gehörten. In der polizeilichen Abmeldung von Dora bei ihrer eigenen Abreise 1934 stehen beide Namen auf dem Formular, obwohl ihr Mann bereits im Mai 1933 nach Belgien gegangen war.[14] Im Wiesbadener Adressbuch sind die Horchheimers nicht eingetragen, sodass man vermuten kann, dass sie beide zusammen nur kurz dort wohnten, wegen des fehlenden Eintrags vermutlich sogar in der Wohnung der Blumenthals. Bis zu ihrer eigenen Auswanderung nach Belgien am 1. April 1934 wird Dora in der Alexandrastr. 6 bei ihrem Schwager und ihrer Schwägerin geblieben sein.[15]

Dora war zuvor nach den wirtschaftlichen Misserfolgen ihres Mannes wieder in der gleichen Firma tätig geworden, in der sie bereits von 1917 bis 1923 als Filialleiterin gearbeitet hatte. Es handelt sich hierbei um ein jüdisches Geschäft für Corsettagen in der Großen Burggasse 3-7, welches dem Juden Arnold Obersky gehörte. 1931 übernahm sie diese Aufgabe erneut bis 1934, als sie gezwungenermaßen aus rassischen Gründen entlassen wurde. Ihre Stellung erhielt eine volksdeutsche Mitarbeiterin, die dann bei der später erfolgten Arisierung auch die neue Eigentümerin wurde.[16]

Nach ihrer Entlassung bereitetes sie ihre eigene Flucht vor. Sie übergab ihre Möbel und den übrigen Hausrat ihrer Schwägerin Margarethe Blumenthal, der Frau von Karl Blumenthal, die nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1927 in dessen Elternhaus in der Schwalbacher Str. 38 geblieben war. Als auch sie im September 1939 nach Belgien auswanderte, überließ diese die Gegenstände wiederum in der Obhut ihrer Schwester. In dieser Zeit wurde der Keller aufgebrochen und ein Großteil davon entwendet. Eine Entschädigung für den Verlust wurde Dora Horchheimer mit einer hanebüchenen Argumentation verweigert, die bis in die Diktion hinein die Kontinuität erkennen lässt, in der die Richter am OLG in Frankfurt standen:

„Es fehlt überhaupt an jedem Anhalt, dass dieser Diebstahl irgendetwas mit den nationalsozialistischen Gewaltmassnahmen gegen die Juden zu tun hat. Selbst wenn die Einbrecher gerwusst haben, dass es sich um jüdisches Eigentum handelte und deshalb damit rechneten, dass keine Anzeige erstattet werden würde, ist der Einbruch selbst nicht als nationalsozialistische Gewaltmaßnahme anzusehen. Es ist im übrigen bekannt, dass der nationalsozialistische Staat gegen Elemente, die sich persönlich an jüdischem Eigentum bereichern wollten, scharf vorgegangen ist. Vor allem nach Kriegsbeginn bestanden im Interesse der Aufrechterhaltung der Ordnung besonders während der Verdunkelung sehr strenge Strafandrohungen.“[17]

1957 hätte bekannt sein müssen, dass die Anhänger der „Bewegung“ nicht nur die großen Menschheitsverbrechen, sondern auch viele kleine Gesetzesbrüche wie Diebstahl, Plünderung und Korruption begangen hatten. Gerade das war die Ordnung, an deren Aufrechterhaltung sie nach Meinung der Richter ein so großes Interesse hatten.

Als Dora Horchheimer 1934 nach Belgien kam, hatte ihr Mann versucht in seinem Gewerbe als Vertreter für chemische Produkte neu Fuß zu fassen und hier auch die Interessen der Firma „Lembach & Schleicher“ wahrzunehmen. 1936 gründete er mit einigem Erfolg ein eigenes Unternehmen, das im gleichen Metier angesiedelt war. Aber die Belastungen der Emigration, der Verfolgung und sicher auch der permanenten Gefährdung seiner wirtschaftlichen Existenz hatten seiner Gesundheit erheblich zugesetzt. Am 3. September 1938 verstarb Adolf Horchheimer in Brüssel an Herzversagen.[18]

Seine Frau Dora führte die Geschäfte danach eigenständig weiter, bis ihr dies durch die deutsche Besetzung unmöglich wurde. Am 30 August 1941 verkaufte sie die Firma an einen Belgier zum Preis von 10.000 B. Frs. Die ohne Vertrag vereinbarte Übergabe war durch die Besatzungsbehörden genehmigt worden. Da der Käufer den eingeführten Namen ‚Horchheimer’ weiterführen wollte, vereinbarte er mit Paula Horchheimer, dass er sie dafür durch monatliche Zuwendungen, über die es ebenfalls keine vertragliche Festlegung gab, unterstützen wolle. Dies scheint auch bis in die Nachkriegszeit der Fall gewesen zu sein.[19]

Als ab 1942 auch aus Belgien die Züge nach Auschwitz rollten, begann auch für Dora ein Leben in der Illegalität, ohne Lebensmittelkarten und ohne sichere Unterkunft. Zumindest für den Zeitraum 15. Mai 1943 bis Oktober 1944 hatte sie ein Versteck bei einer Frau in Brüssel, für das sie zwar eine monatliche Miete von 950 B. Frs. zu zahlen hatte, das ihr aber auch das Überleben sicherte. [20]

 

Der letzte, der aus dem Familienverband Blumenthal / Horchheimer Deutschland verließ, war Ferdinand Blumenthal selbst. Es werden wohl im Wesentlichen zwei Gründe gewesen sein, die ihn veranlassten 1935 – das genaue Datum ist nicht bekannt – Deutschland zu verlassen. Die Chance hier als Jude noch einmal seine berufliche Karriere fortsetzen zu können, musste ihm angesichts des um sich greifenden Antisemitismus als illusionär erscheinen. Aber auch der Neuanfang in Belgien misslang, da seine geschäftlichen Beziehungen fast ausschließlich zur deutschen chemischen Industrie bestanden, er zudem in Belgien keine Arbeitserlaubnis erhielt. Wovon er dort lebte ist nicht bekannt.[21]

Er scheint auch alleine, ohne seine Frau und seinen Sohn in Belgien gewesen zu sein. In den Passagen der Akten, die sich mit seiner Exilzeit befassen, finden beide keine Erwähnung. Es heißt dort vielmehr, dass er sich nach der Besetzung Belgiens durch die deutschen Truppen 1940 bei dem Antiquitätenhändler LeRoy in Brüssel versteckt hatte.[22]

Seine Frau Frieda Blumenthal verstarb 1955 in den USA. [23] Wann und von wo aus sie dorthin emigrierte, ist nicht bekannt. Das gilt auch für Hans Martin Blumenthal, der zu einem nicht bekannten Zeitpunkt und auch aus unbekannten Gründen seinen Namen in Brand ändern ließ. Als er 1957 das Entschädigungsverfahren für seinen Vater in Gang setzte, lebte der ausgebildete Jurist als Speiseeishersteller im kalifornischen Los Angeles.[24]

In dem Verfahren spielte die Krankheit von Ferdinand Blumenthal, die am 14. Mai 1943 in Brüssel zu seinem Tod führte, eine wesentliche Rolle.[25] Es ging um die Frage, ob der Tod in einem ursächlichen Zusammenhang zu seinem Verfolgungsschicksal stände oder aber – wie im Bescheid vom 22. Oktober 1958 formuliert – „ein nicht voraussehbares schicksalhaftes körperliches Geschehen“ gewesen sei.[26] Ein Herzinfarkt eines Mannes im Alter von 67 Jahren, zudem mit einer langen Vorerkrankung, sei sozusagen „normal“. Die Antragsteller verwiesen im Gegensatz dazu darauf hin, dass bedingt durch die Lebenssituation im Brüssler Versteck er keine Möglichkeit gehabt habe, die notwendige ärztliche Versorgung und die Diät zu erhalten, um die Diabetes, an der er schon lange litt, erfolgreich zu behandeln. Die Verschlimmerung der Krankheit, die am Ende zum Tod führte, sei also letztlich doch durch die Verfolgung bedingt gewesen.

Aus heutiger Sicht ist dieser Streit kaum mehr nachzuvollziehen. Ferdinand Blumenthal war ein Opfer der NS-Diktatur. Eine Entschädigung dafür von einem nachgewiesenen ursächlichen Zusammenhang zwischen NS-System, Erkrankung und Tod abhängig zu machen, ist genauso absurd und willkürlich, wie den „Schaden an Freiheit“ an der Zeit zu bemessen, die jemand den Judenstern hat tragen müssen. Was war mit den täglichen Ängsten, den Alpträumen, der Missachtung auf der Straße, dem hämischen Blick, dem verletzende Wort usw. Für solche „Schäden“ gab es nach den damaligen Verfahrensregeln keine Kategorien und keine Betroffenheitsskala, somit auch keine finanzielle Abfindungen.

Unabhängig von dieser grundsätzlichen Frage muss man allerdings zugeben, dass Ferdinand Blumenthal vermutlich auch dann seiner Krankheit erlegen wäre, wenn er damals in Deutschland geblieben wäre, sich nicht hätte sich verstecken müssen und auch nicht Jude, sondern „Volksdeutscher“ gewesen wäre. Der Mangel an Insulin war in dieser Zeit in ganz Europa verbreitet, weil man dieses Medikament damals noch nicht synthetisch, sondern nur aus der Bauchspeicheldrüse von Schlachttieren gewinnen konnte. Das Schlachtaufkommen brach kriegsbedingt in dieser Zeit überall ein. Selbst in der Schweiz kam es zu Engpässen bei der Insulinversorgung. In Deutschland wurde es nur mit besonderen Insulinbezugsscheinen für jeweils 10 Tage an Patienten ausgegeben. Wegen der Knappheit wurden den Apotheken die Entscheidung darüber überlassen, an wen sie den knappen Stoff aushändigen wollten. Kriterien waren dabei Alter und Kriegswichtigkeit des Patienten, d.h. ob sie es noch „wert“ waren, das knappe Arzneimittel zu bekommen. Dass Juden keines der Kriterien erfüllten, steht außer Frage, aber auch viele Nichtjuden wurden Opfer dieses Mangels.[27]

Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die Inschrift auf seinem Stolperstein vor dem Haus in der Alexandrastraße. Dort heißt es: „FLUCHT 1935 – BELGIEN – TOT 14.5.1943 – ÄRZTLICHE HILFE VERWEIGERT“. Ferdinand Blumenthal war auch in Belgien in ärztlicher Behandlung. Sein Arzt Dr. Hertz, der ihn in den Jahren 1941 bis 1943 behandelte, kümmerte sich um ihn, so weit es in seine Möglichkeiten zuließen. Von ihm stammen auch die verschiednen Atteste, mit denen im Entschädigungsverfahren versucht wurde, den Zusammenhang zwischen Krankheit und Fluchtschicksal zu belegen.[28] Dr. Hertz hatte ihm die Hilfe ganz gewiss nicht verweigert, seine Möglichkeiten waren allerdings sehr beschränkt. Aber völlig unabhängig davon ist und bleibt Dr. Ferdinand Blumenthal ein Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Das Aktiven Museum Spiegelgasse hat ihm auch Ein Erinnerungsblatt gewidmet, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Blumenthal-Dr-Ferdinand.pdf.

[2] Die beiden Brüder erlebten die Nazizeit nicht mehr. Dr. Leo Blumenthal verstarb am 14. Januar 1926 in Wiesbaden, seine Frau Paula Goldstein wurde am 1. September nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 10. Februar 1943 ums Leben kam. Carl Blumenthal starb fast genau ein Jahr nach seinem Bruder am 17. Januar 1927 in Brüssel, wo seine Frau Margarethe Junker, genannt Merte, und ihr Sohn Erich die Nazizeit überstanden. Betty Blumenthal war bereits am 21.12.1924 verstorben. Die Shell-Tankstelle in der Schwallbacher Str. 38 war bereits 1936 arisiert worden, siehe HHStAW 483 10297 (470).

[3] Fälschlicherweise behauptete die Auskunftei Blum, die in den Entschädigungsverfahren immer wieder zu Gutachtertätigkeiten herangezogen wurde und dabei immer wieder mehr als fragwürdige Auskünfte erteilte, dass Ferdinand Blumenthal das Haus Alexandrastr. 6 gehört habe, siehe HHStAW 518 725 (23). Selbst die Hausnummer des Elternhauses ist in dem Gutachten falsch angegeben. Nicht den Tatsachen entspricht zudem, dass Hans Martin Brand ein gemeinsamer Sohn des Paares war.

[4] Geburtsregister der Stadt Wiesbaden 1909 / 972. Der Name der Mutter wurde von Ferdinand Blumenthal in der Steuererklärung auch mit Nanna angegeben. HHStAW 685 81b (1). Auch wenn nichts weiter über diese Nanethe / Nanna Süßer, verh. Blumenthal, bekannt ist, so kann es sich aber trotz der weitgehenden Namensgleichheit nicht um die ebenfalls in Wiesbaden lebende Nanny Ida Süsser, geb. am 20.11.1875 in Würzburg, handeln, da die zu dieser Zeit mit Max Rotschild verheiratet war und mit diesem den 1900 geborenen Sohn  Heinrich Justus hatte. In ihren Akten ist kein weiteres Kind erwähnt, sie wird zudem als Witwe bezeichnet, nachdem ihr Mann am 2.3.1939 verstorben war. Damit ist ausgeschlossen, dass sie nach der Geburt ihres Sohnes eine Ehe mit Ferdinand Blumenthal eingegangen war.

[5] HHStAW 685 81 b (o.P. Brief vom 30.1.1919).

[6] Wie aus den Adressbüchern der Stadt Wiesbaden hervorgeht, war die Geschäftsadresse der Firma dennoch bis 1935 die Privatwohnung in Alexandrastr. 6.

[7] HHStAW 518 17133 (62).

[8] HHStAW 518 17133 (74).

[9] Zu seinem beruflichen Werdegang siehe HHStAW 518 725 (61) konkret zur Firma „Lembach & Schleicher“ auch 518 17133 (62). Das damalige Grundkapital betrug 100.000 RM.

[10] HHStAW 518 17133 (63) Im Wiesbadener Adressbuch von 1933 ist neben dieser Firma auch noch eine „Frampol – Chemische Fabrik“ – möglicherweise die Beratungsfirma von Dr. Blumenthal – mit der Adresse Alexandrastr. 6 eingetragen.

[11] HHStAW 518 725 (17).

[12] Die am 12.4.1923 geschlossene Ehe war am 20.4.1928 wieder aufgelöst worden, siehe Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden, Eintrag zu Mathilde Horchheimer. Dr. Otto Friedberger, geb. am 22.6.1876 in Gießen, lebte zeitweilig in Bad Nauheim, ging aber 1922 wieder zurück nach Gießen. Ob und wenn, wie lange das Paar nach der Eheschließung im folgenden Jahr in Gießen lebte ist nicht bekannt. Dr. Friedländer muss später psychisch erkrankt sein, zumindest lebte er zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn, von wo aus er am 15.6. 1942 mit dem Sonderzug Da 22, einem Sammeltransport von Juden und  Euthanasieopfern aus den Bezirken Köln, Düsseldorf und Koblenz, mit etwa 1000 weiteren Opfern deportiert wurde. Aus Bendorf-Sayn waren es allein 331 Menschen, davon 271 Kranke, 10 aus dem Altersheim und  50 Angestellte der Anstalt mit ihren Familien. Ursprüngliches Ziel des Zuges war wohl Izbica, das aber vermutlich nicht mehr angesteuert wurde. Nach der Selektion von etwa 100 arbeitsfähigen Juden in Lublin für das Lager Majdanek, wurden die übrigen Insassen unmittelbar zur Vernichtung nach Sobibor gebracht. Eines der Opfer muss Dr. Ottto Friedberger gewesen sein. Zum Transport siehe ausführlich Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, a.a.O. S. 217 ff. Die Deportationsliste, auf der Otto Friedländer verzeichnet ist, ist als Faksimile wiedergegeben auf http://www.statistik-des-holocaust.de/OT420615-2.jpg. (Zugriff: 15.11.2017).

[13] Sterberegister Wiesbaden 1931 / 224. Ebenso ist im Jüdischen Adressbuch ihr Mädchenname fälschlicherweise  mit Hochheimer statt mit Horchheimer angegeben.

[14] HHStAW 518 17133 (74), dazu die polizeiliche Abmeldung in 518 17134 (5). Nicht erklärbar sind gewisse Ungereimtheiten bezüglich des Ausreisetermins von Dora Horchheimer. Im Meldeformular ist als Abmeldedatum der 26.5.1934 angegeben, der Eingangsstempel trägt aber das Datum 27.11.1935. In den Akten des Entschädigungsverfahrens ist als Tag ihrer Ausreise der 1.4.1934 angegeben.

[15] HHStAW 518 17134 (129). Das erklärt auch, weshalb im Jüdischen Adressbuch nur Paula, aber nicht Adolf selbst eingetragen ist, sie als die Ehefrau und nicht als Witwe von Adolf Horchheimer bezeichnet wird.

[16] HHStAW 518 17134 (42).

[17] HHStAW 518 17134 (170), dazu auch ebd. (158).

[18] HHStAW 518 17133 (73 f).

[19] HHStAW 518 17134 (55, 138).

[20] HHStAW 518 17134 (9).

[21] Der Rechtsanwalt im Entschädigungsverfahren wies darauf hin, dass er „seine vertraglichen Rechte mit den deutschen und ausländischen Fabriken während der Hitlerzeit und des Krieges nicht wahrnehmen (konnte).“ HHStAW 518 725 (61).

[22] HHStAW 518 725 (31).

[23] 518 725 (7). Am 30.3.1954 hatte der Sohn Hans Martin seiner Tante Dora aus Los Angeles noch geschrieben: „Friedel geht es sehr viel besser, was wir nicht erwartet hatten. Wir haben sie in einer Pension fuer aeltere deutsche Damen untergebracht, da sie Bedienung und Pflege braucht. Es scheint ihr ganz gut da zu gefallen.“ HHStAW 518 17133 (12).

[24] HHStAW 518 725 (1).

[25] HHStAW 518 725 (35) Der Totenschein ist als Faksimile mit Übersetzung abgedruckt auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museum Spiegelgasse für Ferdinand Blumenthal. Die Meldung von seinem Tod überbrachte dem Brüsseler Standesamt im Übrigen Fernand Waedemann, der auch der Käufer der Firma von Dora Horchheimer war.

[26] HHStAW 518 725 (42).

[27] Siehe dazu die Ausführungen der Wissenschaftshistorikerin Dr. Gabriele Beisswanger in der Deutschen Apotheker Zeitung 5/2010. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2010/daz-51-2010/apothekenalltag-im-zweiten-weltkrieg. (Zugriff: 15.11.2017). Die ‚Deutsche Diabetes Hilfe’ weißt auf ihrer Internetplattform darauf hin, dass die Nazis der Diabetes auch mit ideologisch-erbbiologischen Maßnahmen begegneten: „Nach damaliger Meinung sollte das Volk vor den Diabetikern geschützt werden. So sollten z. B. Diabetiker nicht heiraten, keine Kinder bekommen und sich sogar sterilisieren lassen. Auch nach dem Kriegsende sind noch viele junge Frauen sterilisiert worden, die an Diabetes erkrankt waren.“ https://nrw.menschen-mit-diabetes.de/diabetes-mellitus/diabetesversorgung-deutschland. (Zugriff: 15.11.2017).

[28] HHStAW 518 725  (26, 29, 33, 34). Im letzten Attest heißt es explizit: „Ich bestätige hiermit, dass Herr Dr. F. Blumenthal während meiner Behandlung in unregelmäßigen Abständen Medikamente, auch Insulin erhalten hat. Brüssel 3. VII 58 – Hertz“ Vor Dr. Hertz war ein Dr. Hellmann oder Helman der behandelnde Arzt. Er war nach der deutschen Besetzung Belgiens nach Auschwitz deportiert worden, siehe 518 725 (31).