Ernst und Agathe Rosenthal, geborene Ackermann


Hirsch Offen Ester Rorberger Offen, Jakob Offen
Das ehemalige Judenhaus in der Frankenstr. 15
Eigene Aunahme
Lage des Judenhauses
Judenhaus Wiesbaden
Belegung des Judenhauses Frankenstr. 15

 

 

 

 

 


Dass Ernst Rosenthal Bewohner des Judenhauses in der Frankenstraße war, hatte die Gestapo nicht auf seiner Karteikarte eingetragen. Aus der Deportationsliste vom 10. Juni 1942 ergibt sich aber, dass er von dort aus in den Osten abtransportiert wurde.

Moritz Rosenthal, Ernst Rosenthal, Agathe Ackermann, Judenhaus Wiesbaden Frankenstr. 15
Stammbau der Familien Rosenthal – Ackermann – Baer – Wolf – Kahn
(GDB-PLS)

Ernst Ludwig Rosenthal, wie er mit vollem Namen hieß, war am 18. April 1904 in Wiesbaden geboren worden. Durch seine Mutter Mathilde Baer war er eingebunden in eine der alteingesessenen und weit verzeigten jüdischen Familien Wiesbadens, die auch im Geschäftsleben eine bedeutende Rolle spielte. Mathilde Baer, geboren am 11. August 1877, war das älteste von insgesamt fünf Kindern von Leopold Baer und seiner aus Heilbronn stammenden Frau Beate Ullmann. Mit seinem Bruder Wilhelm hatte Leopold 1895 in der Innenstadt Wiesbadens ein Textilgeschäft aufgebaut, in dem in den guten Zeiten der Weimarer Republik die bis zu 40 Mitarbeiter hauptsächlich Stoffe, Gardinen und Bettwäsche anboten. Das Geschäft, das unter dem Firmennamen „Joseph Wolf“ geführt wurde[1] und sich über zwei Stockwerke erstreckte, lag in der Kirchgasse 42 im Zentrum Wiesbadens. Laut einer Mittelung der IHK Wiesbaden aus dem Jahr 1960 „genoss (es) einen guten Ruf und galt als eines der führenden Wiesbadener Fachgeschäfte seiner Art.“[2] Der Firmenname verweist auf die enge Verbindung, die zwischen der Familie Wolf, die ursprünglich wohl aus der Moselstadt Beilstein kam, und der alten Wiesbadener Familie Baer bestand. Zwar ist das Geburtsdatum des ältesten Familienmitglieds der Großfamilie Baer, ein Isaak Gumbel, nicht bekannt, aber dessen ältester Sohn Isaak Baer wurde bereits 1759 in Wiesbaden geboren. Zwei seiner Enkelinen,[3] die 1818 geborene Sara und die 1827 geborene Eva Chawa waren beide mit Söhnen von Löw Wolf verheiratet. Sara hatte den am 31. Juli 1844 geborenen Moses Wolf, Eva Chawa dessen jüngeren am 8. Oktober 1829 geborenen Bruder Joseph geheiratet, der vermutlich auch Namensgeber der späteren Firma wurde. Es war aber keiner der vielen Nachkommen aus den beiden Familien Wolf,[4] sondern einer der beiden Brüder von Sara und Eva, nämlich Loeb Baer, der offensichtlich nach dem Tod der Gründer die Firma weiterführte, zumindest wurden dessen Söhne Leopold Berthold und Wilhelm Baer als Gesellschafter der OHG „Joseph Wolf“ am 28. November 1895 in das Handelsregister der Stadt Wiesbaden eingetragen.[5] Ab 1904 war Leopold Berthold für drei Jahre alleiniger Inhaber des Geschäfts. 1907 trat sein Schwiegersohn Julius Kahn, der am 11. April des gleichen Jahres Melanie Emma, die zweitälteste Tochter von Leopold Berthold und Beate Baer geehelicht hatte, als Gesellschafter in das nun wieder zur OHG umgewandelte Unternehmen ein.[6] Neben der ältesten Tochter Mathilde und der jüngeren Melanie hatten Leopold Berthold und Babette Baer noch drei Söhne. Der älteste, geboren am 5. März 1882, erhielt als „Stammhalter“ den Namen des Vaters Leopold. Ihm folgten am 30. Juni 1885 noch Adolf Wilhelm und zuletzt am 1. August 1889 Otto Moritz / Moshe. Letzterer verstarb schon im Jahr 1903 in Biebrich im Alter von 18 Jahren. Adolf Wilhelm hat ebenfalls keine Spuren in Wiesbaden hinterlassen. Über sein Leben und seinen Tod ist wenig bekannt. Er hatte sich wohl in Düsseldorf niedergelassen, wo er als Wirtschaftsberater tätig war. Es scheint ihm aber finanziell nicht sehr gut gegangen zu sein, denn im Jahr 1931 wurde dessen Sohn von seinem Onkel Leopold Baer von Wiesbaden aus mit monatlich 75 RM unterstützt.[7] Der Lebensweg der drei übrigen Geschwister von Mathilde Baer war gezeichnet von Schrecken der nationalsozialistischen Diktatur, die einzig Leopold Baers Frau Rosa und deren Kinder überlebten.

Leopold Baer, Jude, Wiesbaden
Militärausweis von Leopold Baer
HHStAW 518 9461 (I (16)

Leopold Baer[8] besuchte bis zur Mittleren Reife die Oranienschule in Wiesbaden. Mit diesem Abschluss musste er als „Einjähriger“ statt der üblichen dreijährigen Militärzeit nur ein Jahr absolvieren. Am 1. Oktober 1903 trat er beim Füsilierregiment Von Gersdorff seinen Dienst an. Zuvor hatte er aber nach seinem Schulabschluss Wiesbaden zunächst einmal verlassen und in dem zentral am Markt in Witten an der Ruhr gelegenen Geschäft der Gebrüder Kaufmann noch eine kaufmännische Lehre abgeschlossen.[9] Mit diesem Wissen trat er dann in das väterliche Geschäft in der Kirchgasse als Verkäufer ein. Nachdem der Vater am 9. Juli 1913 aus der Firma als Gesellschafter ausschied, übernahm er dessen Rolle und führte nun das Geschäft mit seinem Schwager Julius Kahn weiter. [10] Anlass für diesen Generationswechsel wird die Eheschließung von Leopold gewesen sein. Am 12. September 1913 heiratete er Rosel / Rosa Zeimann, die ursprünglich aus Crimmitschau in Sachsen stammte, Dort war sie am 2. Juli 1889 geboren worden. Die Ehe wurde in Frankfurt geschlossen, wohin ihre Eltern, die ebenfalls in der Textilbranche tätig waren, inzwischen gezogen waren.[11]

Ihre Wohnung nahm das Paar aber in Wiesbaden, zunächst in der Goethestr. 8 II, ab 1927 in der Mosbacher Str. 36. Ihre letzte Anschrift An der Ringkirche 7 ist erstmals im Adressbuch von 1936/37 eingetragen.[12]

Die Firma im Zentrum Wiesbadens warf in den Zeiten, bevor die Nazis ihre Boykottaktionen gegen die jüdischen Geschäfte begannen, soviel ab, dass Baers auch nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation, wovon auch das Geschäft unweigerlich betroffen wurde,[13] in mehr als auskömmlichen Verhältnissen leben konnten. In einer eidesstattlichen Erklärung versicherte Rosa Baer in ihrem Entschädigungsverfahren, dass ihr Mann früher bis 1932 ein Jahreseinkommen von 40.000 bis 50.000 RM gehabt hatte.[14] Neben den Privatentnahmen aus der Firma, mit denen man einen aufwendigen Lebensunterhalt decken konnte, stellte auch die Geschäftsimmobilie in der zentralen Lage ein beachtliches Vermögen dar. Laut Einheitswertbescheid von 1935 betrug der Wert des 1920 erworbenen Hauses, das zur Hälfte Leopold Baer und seiner Frau gehörte, 220.200 RM.[15]

Leopold Baer, Julius Kahn, Joseph Wolf, Ernst Rosenthal
Eidesstattliche Erklärung des Neffen und ehemaligen Prokuristen Sally Kahn zu der Eigentümer der Firma Joseph Wolf
HHStAW 5189461 I (240)

Die andere Hälfte besaßen Leopolds Schwester Melanie Emma, geborene Baer, und ihr Mann Joseph, der aber nur unter dem Namen Julius Kahn bekannt war. Die beiden hatten am 11. April 1907 in Wiesbaden geheiratet.[16] Julius Kahn stammte aus Montabaur im Westerwald, wo seine Eltern David Kahn und dessen Frau Adelheid, geborene Wolf, wie auch mehrere andere aus dem Familienverband der Kahns den für Landjuden typischen Beruf eines Viehhändlers ausübten.[17] Bis zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft hatte man auch in Montabaur friedlich mit seinen nichtjüdischen Nachbarn zusammengelebt. „Wir waren ein Teil der Montabaurer Bürgerschaft, hatten nie Schwierigkeiten wegen unserer jüdischen Religion und waren mit unseren Mitbürgern befreundet“, schrieb ein Neffe von Julius, Werner Kahn, in seinen späteren Erinnerungen.[18] Julius war das letzte von insgesamt sechs Kindern des Paares.[19] Moritz, der ältere Bruder von Julius, hatte schon fast zehn Jahre zuvor standesgemäß nach Wiesbaden in eine Metzgerfamilie eingeheiratet. Seine Frau war Frieda Marx, Tochter des Metzgermeisters Seligmann Moses Marx und seiner Frau Bertha. Moritz Kahn verstarb bereits am 22. April 1908 im Alter von nur 37 Jahren, aber aus dieser Ehe war ein Sohn namens Sally hervorgegangen. Vermutlich hatte sich der Onkel Julius Kahn seiner angenommen und ihn die Firma geholt. 1930 wurde ihm sogar Prokura erteilt.[20] Dass sich sein Onkel um ihn kümmerte, ist umso naheliegender, als die Ehe von Emma und Julius selbst kinderlos blieb.

Von den Kindern des Viehhändlers Kahn aus Montabaur war Julius durch seine Ehe mit Emma Baer der wohl markanteste gesellschaftliche Aufstieg gelungen. Das Paar konnte sich eine Wohnung in einer der wohl begehrtesten Lagen Wiesbadens leisten, nämlich in der unteren Parkstraße unweit des Kurviertels mit Blick auf den Kurpark.[21]Mit einem Einkommen, das dem von Leopold und Rosa Baer entsprach, gehörten auch sie der eher gehobenen Mittelschicht des Wiesbadener Bürgertums an.

Nicht gleichermaßen opulent lebte Mathilde, die älteste Schwester von Emma und Leopold, mit ihrem Mann Moritz Rosenthal zunächst in der Bleichstr. 41.[22] Es gibt keine Hinweise darauf, weshalb nicht auch Mathilde Baer Teilhaberin am elterlichen Geschäft wurde. Rosenthals blieben allerdings Mitglied der Grundstücksgemeinschaft, die als Eigentümer des Hauses in der Kirchgasse im Grundbuch eingetragen war. Auch bezogen sie daraus bis zum Verkauf des Hauses monatliche Mieteinnahmen.[23] Möglicherweise waren Mathilde Baer die ihr eigentlich zustehenden Geschäftsanteile anlässlich ihrer Vermählung mit Moritz Rosenthal ausgezahlt worden. Zwar ist nicht bekannt, wann die Ehe geschlossen wurde, aber am 18. April 1904 kam ihr Sohn, ihr einziges Kind, Ernst Ludwig, in Wiesbaden zur Welt.

Sein Vater Moritz Rosenthal war um 1870 in der Ortschaft Holzappel in der Nähe von Diez geboren worden. In dem eher protestantisch geprägter Ort, in dem es etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch jüdisches Leben gab, sollen die Mitglieder der Gemeinde, deren Anteil an der übrigen Bevölkerung nie 5 Prozent überschritt, völlig integriert gewesen sein. Mit ihren traditionellen Berufen wie Viehhändler und Metzger, manche verdienten sich noch ein Zubrot als Nebenerwerbslandwirte, übten sie für diese ländliche Gemeinde wichtige Funktionen aus. Sie waren aktiv in den Vereinen und engagierten sich auch politisch in der kommunalen Selbstverwaltung. Eine führende Rolle nahm offensichtlich dabei die große Familie Rosenthal ein. So war ein Simon Rosenthal Mitte des 19. Jahrhunderts zum stellvertretenden Bürgermeister ernannt worden, andere Mitglieder übernahmen wichtige Aufgaben in der jüdischen Gemeinde.[24]

Moritz Rosenthal war zu Beginn des Jahrhunderts nach Wiesbaden gekommen und betrieb hier in der Kirchgasse 7 ein Geschäft für Bäckereiutensilien. Nach seiner Heirat und der Geburt des Sohnes nahm das Paar eine Wohnung in die Bleichstr. 41I, das Geschäft blieb aber in der Kirchgasse.[25] 1907 zogen sie in die Moritzstr. 27, ebenfalls eher eine Adresse für Kleingewerbetreibende und Handwerker. Im Adressbuch ist ab 1903/04 auch ein Kaufmann Leon Rosenthal eingetragen, der ebenfalls aus Holzappel stammte und dort am 3. März 1896 geboren worden war. Vermutlich handelt es sich dabei um einen jüngeren Bruder von Moritz.[26] Seine erste Adresse war die Geschäftsadresse in der Kirchgasse 7. Das kleine Unternehmen wurde laut Adressbuch 1909/10 in „Rosenthal und Co. – Bäckereiutensilien“ umgewandelt. Ab 1910 wird die Firmenstruktur des Rosenthal-Unternehmens unübersichtlich, denn ab diesem Jahr findet man in den Adressbüchern neben der Firma „Rosenthal u. Co.“ einen Eintrag für „Leon u. Willy Rosenthal, Inhaber der Firma „Rosenthal u. Co.“. Bei Willy wird es sich vermutlich um einen weiteren Bruder gehandelt haben. Die beiden blieben bis 1912 Inhaber der Firma, die ab 1914 in die Kirchgasse 5 umgezogen war. Leon Rosenthals Wohnadresse lautet ab 1916 Moritzstr. 7. Er hatte am 23. Februar 1913 Emmy Landau aus Camberg[27] geheiratet und inzwischen waren dem Paar zwei Kinder geboren worden, was vermutlich Grund für den Umzug gewesen sein wird. Zunächst kam am 24. November 1913 die Tochter Rosel Edith in Wiesbaden zur Welt, am 16. November des folgenden Jahres der Sohn Wilhelm Franz Josef. Moritz Rosenthal scheint inzwischen als Mitinhaber aus der Firma ausgeschieden zu sein, sodass es wohl von Leon alleine geführt wurde. Da das Unternehmen aber weiterhin eine Personengesellschaft blieb, ist davon auszugehen, dass Familienangehörige, vermutlich Moritz, auch weiterhin Einlagen in der Firma hatten. Moritz Rosenthal, Wohnadresse Moritzstr. 68, erscheint stattdessen von 1910 bis 1921 als Teilhaber der Firma „Simon u. Hirsch“, die einen Handel mit Landprodukten, im Besonderen mit Mehl, betrieb und ihren Sitz ebenfalls in der Moritzstr. 68, ihr Lager aber am Bahnhof hatte. Danach erscheint er bis zu seinem Tod am 6. Dezember 1929 nur noch als Kaufmann in den Adressbüchern, wo und auf welche Weise er diesen Beruf noch ausübte, ist nicht bekannt. Die Todesnachricht war dem Standesamt von dessen 25jährigen Sohn Ernst überbracht worden, der zu dieser Zeit noch bei seinen Eltern in der Moritzstr. 68 wohnte.[28] Bald darauf zog er mit seiner Mutter in die Dotzheimer Str. 10.

Moritz Rosenthal blieb durch seinen Tod erspart, was die übrige Familie in den folgenden Jahren der Hitler-Diktatur erleiden musste. Das Geschäft für Bäckereiutensilien war schon in der Weltwirtschaftskrise in erhebliche Schwierigkeiten geraten, weil die Kunden, Bäckereien und Konditoreien, keine Investitionen mehr tätigten.[29] Hinzu kam eine ernsthafte Erkrankung von Leon, die ihn über längere Zeit arbeitsunfähig machte. Vermutlich waren es auch finanzielle Gründe, die die Familie zu einem letzten Umzug vor ihrer Auswanderung veranlassten. Ab 1934 waren Wohn- und Geschäftsadresse die Schlichterstr. 10. Das jährliche Einkommen der Familie von Leon Rosenthal zwischen 1931 und 1935 hatte nie die 1.000 RM-Marke überschritten.[30] Wenn die Einnahmen in den dreißiger Jahren nicht anstiegen, dann war dafür auch der Boykott jüdischer Geschäfte verantwortlich. Emmy Rosenthal schrieb später, dass „viele Verkäufe nur mehr heimlich getätigt werden“ konnten. So habe zum Beispiel der Sohn eines Bäckers aus Sonnenberg seinem Vater verboten, weiter „bei dem Juden Rosenthal“ zu kaufen.[31] Ihr Mann habe dann versucht seine Waren durch intensivere Reisetätigkeit in die weitere Umgebung abzusetzen, was ihm aber wegen seiner Krankheit immer weniger möglich war. Seit 1935 lebte die Familie nur noch von einer kleinen monatlichen Rente in Höhe von weniger als 100 RM. Außenstände in erheblichem Umfang waren nicht mehr einzutreiben. Am 20. Mai 1936 wurde das Geschäft eingestellt und beim Finanzamt Wiesbaden abgemeldet.[32]

Auch die Kinder hatten erfahren müssen, dass sie inzwischen zu einem unerwünschten Teil der Bevölkerung gehörten. Als Edith mit ihrem ebenfalls früher in Wiesbaden lebenden Ehemann Paul Lavander, den Nachnamen hatten sie in den USA angenommen, 1993 zu einem ersten Besuch in ihre alte Heimat kam und sie die Straßen, die Gebäude ihrer Kindheit wiedersah, war sie erneut konfrontiert mit den Bildern ihrer Jugend, den Erfahrungen von Hass und Demütigung in dieser schrecklichen Zeit der Nazi-Herrschaft. Sie hatte nicht vergessen, wie übel man auch ihr mitgespielt hatte. An der Ecke Rheinstraße / Schwalbacher Straße hatten Schulkameraden ihres Bruders Franz sie bespuckt und sie mit den Worten „Judenmädchen, das dreckige Judenmädchen“ angepöbelt. Aber sie habe sich zu wehren gewusst und zurückgespuckt, erinnerte sie sich. Auch hatte sie zuletzt ihre Arbeit als Auslandskorrespondentin bei der Chemiefirma Albert in Amöneburg auf Drängen der Wiesbadener NSDAP-Funktionäre verloren. Immerhin wurde ihr von der Firma noch ein gutes Zeugnis ausgestellt. Noch in Deutschland hatte sie Paul Lewandoski geheiratet, der als Porzellanverkäufer im Wiesbadener Kaufhaus Blumenthal angestellt war. Als frisch Vermählte konnten sie 1937 zusammen in die USA ausreisen konnte. In Pittsburgh / Pennsylvania lebte ein Onkel, der ihnen und auch ihren Eltern weiterhelfen konnte.[33]

Moritz Rosenthal, ERnst Ludwig Rosenthal, Holzappel, Judenhaus Wiesbaden
Reisepass von Leon Rosenthal
HHStAW 518 48816

Auch ihnen gelang noch rechtzeitig die Flucht. Im selben Jahr erreichten sie über Rotterdam ihr vorläufiges Ziel New York. Eine Weile blieben sie noch in Pittsburgh, bevor sie dann den gesamten Kontinent überquerten und Portland in Oregon zu ihrer neuen Heimat machten. Auch sie teilten das Schicksal vieler, die es zwar noch geschafft hatten, aus Deutschland herauszukommen, aber in der fremden Umgebung oft in bitterer Armut leben mussten. Auf der einen Seite hatten sie die Kosten der Auswanderung zu tragen – für Rosenthals etwa 3.500 bis 4.000 RM -, zum anderen mussten sie sich in ihrem Exil zumindest in den ersten Jahren, wenn sie nicht sogar arbeitslos waren, mit einfachen Hilfsarbeiten am Leben erhalten. Emmy Rosenthal verdiente sich mit Französischunterricht ein wenig Geld, ihr Mann hatte keine geregelte Arbeit. Ab 1948 erhielten sie staatliche Armenunterstützung. 1961 starb Leon Rosenthal in Portland. Als Emmy Rosenthal der Entschädigungsbehörde 1956 ihr Schicksal und das ihrer Familie mitteilte, war die 68jährige nahezu erblindet.[34] Wann sie verstarb, ist nicht bekannt. Dass es angesichts dieses Lebens sehr viel Überredungskunst bedurfte, um ihre Tochter Edith zu veranlassen, 1993 der Einladung der Stadt Wiesbaden zu folgen, ist nur zu verständlich. Zwei Jahre später besuchte dann auch ihr Bruder Franz / Frank die Orte seiner Kindheit.

Ein ähnliches Schicksal wie das eher kleine Geschäft der Rosenthals erlitt auch das große Textilgeschäft der Geschwister Baer. Berichte der Steuerüberprüfer aus den zwanziger Jahren bestätigten, dass in den Jahren von 1924 bis 1927 bei durchschnittlichen Umsätzen von mehr als einer Millionen RM, tatsächlich die beiden Eigentümerfamilien jeweils etwa 50.000 RM an Gewinnen aus der Firma als zu versteuerndes Einkommen verbuchen konnten. Aber schon 1928, unmittelbar vor der Weltwirtschaftskrise, waren diese Beträge auf etwas weniger als 20.000 RM eingebrochen.[35] Im Geschäftsjahr 1933 wurden immerhin noch Umsätze von mehr als einer halben Millionen RM erzielt, aber es waren nur noch 6.000 RM, die es als Gewinn zu verteilen gab.[36] In der Bilanz des Geschäftsjahres 1932/33 mit einer Bilanzsumme von knapp 450.000 RM standen unter den Aktiva das Haus mit 240.000 RM und der Wert der Waren mit 170.00 RM. Demgegenüber beliefen sich die die Hypotheken auf 180.000 RM, Lieferanten- und Bankkredite auf weitere 200.00 RM. Das Betriebsvermögen war mit nur 45.000 RM beziffert. Die Weltwirtschaftskrise hatte deutliche Spuren in der Bilanz hinterlassen. Der allmähliche, künstlich herbeigeführte Aufschwung in den folgenden Jahren, hatte aber zu keiner Erholung bei Josef Wolf geführt. Die Umsätze gingen weiter zurück, beliefen sich im letzten Geschäftsjahr bis Oktober nur noch auf 370.000 RM.[37]. Auch wenn eine genaue Analyse der Bilanzen hier nicht möglich ist, so gewähren die angegebenen Daten aber doch einen groben Einblick in den Niedergang der Firma. Dass der Wiederaufstieg nicht gelang, war zweifellos Folge der Hetze gegen die jüdischen Geschäfte. Im Oktober 1935 wurde sie aufgegeben und arisiert. Der ehemaliger Mitarbeiter Carl Kranz wurde der neue Inhaber des Geschäfts.[38] Er erwarb die Firma, nicht aber das Geschäftsgrundstück in der Kirchgasse. Die langfristige Nutzung des Gebäudes sicherte er sich mit einem Mietvertrag über zehn Jahre, was für die Eigentümer noch zu einem entscheidenden Problem werden sollte.

Leopold Baer nahm nach einer gewissen Zeit eine Arbeit als Vertreter für die Firma Tegler in Plauen auf.[39] „Er tat das – nachdem er ein Jahr erzwungenerweise untätig gewesen war – aus dem Gefühl heraus, nicht länger müßig gehen zu können, denn er war immer ein tatkräftiger Mensch gewesen. Er hatte unter der Untätigkeit sehr gelitten. Diese Vertretertätigkeit war – wie das allgemein üblich war – ohne festes Gehalt, der Vertreter bekam einen kleinen Nutzen von dem Verkauf, den er machte. Für die Spesen, wie Eisenbahnfahrten und Übernachten und Essen musste er selbst aufkommen, so war der Verdienst ein kleiner. Außerdem wurde die Lage für einen jüd. Reisevertreter von Tag zu Tag schwieriger, denn man scheute sich bei einem solchen zu kaufen. Trotzdem wollte er nicht aufhören, bis am 1. Okt. 1938 jedem jüd. Vertreter laut damal. Gesetz die Erlaubnis dazu entzogen wurde und er dadurch seine Tätigkeit aufgeben musste,“ notierte später Rosa Baer über diese Zeit.[40]

Auch das Ehepaar Kahn geriet in finanzielle Not, denn der Fiskus stellte erhebliche Steuerforderungen für das noch vorhandene Vermögen, das aber nur im Besitz der Immobilie bestand. Die Suche nach Käufern des Hauses verlief ergebnislos, weil kaum jemand ein Gebäude erwerben wollte, das er wegen des bestehenden Vertrages selbst nicht für eigene Geschäftszwecke nutzen konnte. Für reine Kapitalanleger wurden die Zeiten zu unsicher. Kranz, der zu Beginn ebenfalls Kaufabsichten geäußert hatte, nahm von den Verhandlungen zunächst wieder Abstand, nachdem er einen sicheren Mietvertrag abgeschlossen hatte.[41]

Julius Kahn, Melanie Kahn, Joseph Wolf Wiesbaden
Das Ehepaar Kahn zieht von der Parkstraße in die Fischerstraße
HHStAW 685 355 g

In dieser finanziell schwierigen Situation war auch die Wohnung in der Parkstraße für das Ehepaar Kahn nicht mehr zu halten. Am 15. Juni 1936 zogen sie in die zwischen Bahnhof und Biebricher Allee gelegene Fischerstr. 2.[42]

Das Jahr 1938 wurde für die Familien der Geschwister Baer zum Schicksalsjahr. Kurz bevor das Leben für Juden in Deutschland unerträglich wurde, verstarb am 20. März 1938 zunächst Mathilde Rosenthal. Die näheren Umstände ihres Ablebens sind nicht bekannt, aber ihr Tod wurde nicht in Wiesbaden, sondern in Waldbreitbach bei Neuwied registriert. Ob sie damals nicht mehr in Wiesbaden wohnte oder ob sie nur kurzfristig dort zu einem Besuch weilte, ist nicht bekannt. Begraben wurde sie aber dann am folgenden Tag, dem 21. März 1938, auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße in Wiesbaden.[43]

Im Gefolge der Reichspogromnacht wurden auch die beiden ehemaligen Geschäftsführer Leopold Baer und sein Schwager Julius Kahn verhaftet. Beide überlebten die Torturen der Gefangenschaft im Konzentrationslager Buchenwald nicht. Julius Kahn kam dort bereits am 22. November 1938 ums Leben und Leopold Baer nur zwei Wochen später am 6. Dezember.[44] Beide konnten ebenfalls noch auf dem Friedhof an der Platter Straße beigesetzt werden. Fraglich bleibt, ob die Asche, die gegen eine Gebühr von 3 RM aus Buchenwald nach Wiesbaden übersandt wurde, tatsächlich die der Opfer war.[45]

Damit nicht genug. Der Staat forderte auch noch die Judenvermögensabgabe, selbstverständlich auch für die beiden Verstorbenen. Das Gesetz, das sie zur Abgabe verpflichtete, sei ja noch zu ihren Lebzeiten erlassen worden. Bei einem Anteil von 55.000 RM für das Hausgrundstück, einem weiteren Vermögen von knapp 30.000 RM, abzüglich Schulden von etwa 44.000 RM wurden bei Emma Kahn eine Sondersteuerlast von 7.800 RM berechnet, zahlbar in vier Raten von jeweils 1.950 RM.[46] In einem Brief wandte sie sich an den Reichsfinanzminister, um von dieser Zahlung befreit zu werden. Sie sei nicht fähig, diese Summe aufzubringen und zudem sei der Wert der Immobilie mindestens um 40.000 RM zu hoch angesetzt worden.[47] Die weitere Korrespondenz mit den Behörden in dieser Frage führte Arthur Wertheimer, ehemaliger Bankier und vermutlich Testamentsvollstrecker für Emma Kahn.[48] Sie selbst war bald darauf am 23. Februar 1939 laut Sterbeurkunde an einer Lungenentzündung verstorben.[49]

Zurückgeblieben war Rosa Baer. Ihren Sohn Hansgeorg hatten die Eltern noch retten können, indem sie ihm einen Platz für einen der ersten Kindertransporte verschafften.[50] Später trafen sich Mutter und Kinder in Buenos Aires wieder, wohin Hansgeorg und auch seine fast zehn Jahre ältere Schwester Ilse später gelangt waren. Sie wohnte schon 1935 nicht mehr in Wiesbaden. Wann sie, inzwischen eine verheiratete Stein, Deutschland verlassen hatte und auf welchem Weg sie nach Buenos Aires gelangte, ist nicht bekannt.[51]

Bevor auch ihre Mutter die Ausreise antreten konnte, wurde sie noch um ihre letzten finanziellen Mittel gebracht. Auch sie wurde zur Zahlung der Judenvermögensabgabe für sich und ihren verstorbenen Mann herangezogen, die sie zum Teil bar, zum Teil durch den Verkauf von Wertpapieren begleichen konnte.[52] Im März 1939 hatte sie ihren Schmuck und andere Edelmetalle abzugeben, deren Wert mit 457 RM viel zu gering taxiert worden war.[53] Zur Finanzierung der Ausreise wäre sie eigentlich auf alle nur möglichen Mittel angewiesen gewesen, denn allein die Fluchtsteuer belief sich auf 7.800 RM. Im März 1939 verließ dann auch sie Deutschland von Hamburg aus mit dem Schiff „Antonio Delfino“ in Richtung Südamerika. Sie war durch ein neues Gesetz gezwungen, sowohl die Hin- wie auch die Rückreise zu buchen, falls ihr Zielland nicht zur Aufnahme bereit wäre. Ihr erstes Ziel war Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay. Von dort ging es mit einem Flussdampfer weiter  nach Paraguay. Die Kosten der Ausreise, für Hotels, Visen, Bordgeld, den Lift des Gepäcks schätzte sie selbst auf knapp 2.000 RM.[54]

In Deutschland liefen derweil die Verkaufsverhandlungen über das Hausgrundstück weiter. Kranz, der neue Inhaber des Geschäfts, der bisher nicht zum Kauf bereit gewesen war, willigte jetzt, da vermutlich die Verwertungsstelle des Finanzamts und nicht mehr die ursprünglichen Eigentümer Verhandlungspartner waren, in einen Vertragsabschluss ein, bei dem ihm das Haus für 194.000 RM,[55] somit für einen wesentlich geringeren Betrag als dem in den Vermögenserklärungen angesetzten Wert, übertragen wurde. Am 2. September 1941 war auf das gesperrte Konto Baer / Kahn ein Betrag von 78.129,07 RM für den Verkauf eingegangen. 15.600 RM davon beanspruchte das Finanzamt Wiesbaden für die noch fällige Judenvermögensabgabe. Zum 1. Januar 1942 wurde die Grundstücksgemeinschaft aufgelöst und aus der Steuerliste gestrichen.[56] Am 11. August 1943 eignete sich die Vermögensverwertungsstelle des Finanzamts Wiesbaden das Restguthaben des Kontos in Höhe von 49.012 RM an. Die Eigentümer selbst erhielten nichts von dem Verkaufserlös.[57]

Rosa Baer, der das Geld eigentlich zustand und die es auch dringend benötigt hätte, beschrieb ihr Leben im argentinischen Exil, wohin sie wohl über Paraguay zuletzt gelangt war, als sehr „kümmerlich“. Mit Gelegenheits- und Heimarbeiten bestritt sie die erste Zeit. 1941 erhielt sie eine Anstellung als Haus- und Kindermädchen bei freier Kost und Unterkunft.[58] Aber sie hatte überlebt und sogar das Glück, dass beide Kinder in ihrer Nähe waren. 1952 wandte sie sich noch einmal an die Wiedergutmachungsbehörde:
„Heute bin ich nicht mehr arbeitsfähig, ich bin herzleidend und jetzt 63 Jahre alt. Man hat mir gesagt, dass Frauen, die über 60 Jahre alt sind und ihren Mann und Ernährer im Konzentrationslager verloren haben, Anspruch auf eine kleine Rente haben. Da ich wieder deutsche Staatsangehörige bin, unterbreite ich Ihnen diese Bitte und bitte höflich um Berücksichtigung meines Gesuches.“[59]

Sie erhob keinen Anspruch, wozu sie alles Recht gehabt hätte, sondern äußerte nur die höfliche Bitte, sie in ihrer Notlage zu unterstützen. Nachdem diverse bürokratische Hürden genommen waren, wurde ihr die Bitte gewährt. Sie erhielt eine kleine Rente. Rosa Baer blieb – anders als die Kinder – bis zu ihrem Lebensende in Buenos Aires. Am 9. September 1975 teilte ihre Tochter Ilse dem Regierungspräsidenten in Darmstadt mit, dass ihre Mutter am 31. August dort verstorben sei.[60]

 

Nachdem Rosa Baer Deutschland verlassen hatte, war Ernst Rosenthal, der Sohn von Moritz und Mathilde Rosenthal, der letzte Nachkomme der Geschwister Baer, der noch in Deutschland verblieben war. Allerdings ist nicht sicher, ob er auch die ersten Jahre der NS-Diktatur in Wiesbaden erlebte, denn im Jüdischen Adressbuch von 1935 ist er nicht aufgeführt, auch nicht unter der Adresse seiner damals noch lebenden Mutter in der Dotzheimer Str. 10. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz war er zwischenzeitlich in Bad Schwalbach gemeldet. Bis zum 12. August 1937 war er Inhaber eines Geschäfts – unklar ist, ob in Wiesbaden oder Schwalbach -, das zu diesem Zeitpunkt an den Wiesbadener Paul Christ verkauft, sprich arisiert wurde.[61] Um welche Art von Geschäft es sich dabei handelte, ist nicht bekannt.

Zunächst durfte er noch als Angestellter in der Firma bleiben. Zum 30. April des folgenden Jahres wurde ihm dann aber wegen der Schwierigkeiten, die dem neuen Eigentümer „aus der Beschäftigung eines nichtarischen Angestellten“ entstandenen waren, fristlos gekündigt.[62] Zwar hatte er sich beim Arbeitsamt erwerbslos gemeldet, jedoch keine öffentlichen Unterstützungsgelder in Anspruch beantragt. Er war nicht völlig mittellos, denn zum einen hatte das Landgericht Wiesbaden ihm erstaunlicherweise in einem Vergleichsverfahren wegen der Entlassung eine Abfindungszahlung zugestanden, die ihm in kleinen monatlichen Raten über vier Jahre ausgezahlt werden sollte.[63] Zudem erhielt er nach dem Tod seiner Mutter, die er bisher noch materiell unterstützt hatte, deren Anteil an den Mieteinnahmen aus der Geschäftshaus Kirchgasse 62.[64]

Agathe Ackermann, Agathe Rosenthal, Judenhaus Wiesbaden, Frankenstr. 15
Nachweise über Zwangsarbeit von Ernst Rosenthal bei Privatunternehmen
HHStAW 685 667
Agathe Ackermann, Agathe Rosenthal, Judenhaus Wiesbaden, Frankenstr. 15
Nachweise über Zwangsarbeit von Ernst Rosenthal bei der Stadt Wiesbaden
HHStAW 685 667

Schwerer zu ertragen als die wachsende materielle Unsicherheit waren der Verlust der Freiheit und die permanente Bedrohung des eigenen Lebens. Auch er wurde nach der Reichspogromnacht verhaftet und nach Dachau verbracht. Erst am 15. April 1939 hat man ihn dort wieder entlassen. Aus Steuerbelegen geht hervor, wie sich sein Leben danach gestaltete. Firmen der Umgebung und auch die Stadt Wiesbaden zogen ihn immer wieder zu Zwangsarbeiten heran. Bei Letzterer war er im Februar 1940 mehrfach tageweise für einen Tageslohn von ungefähr 5 RM tätig.[65] Ob er die restliche Zeit arbeitslos war oder andere minderbezahlte Tätigkeiten ausüben musste, ist den Akten nicht zu entnehmen. Im folgenden Jahr machten sich dann diverse Privatfirmen die billige Arbeitskraft zu Nutze. So verdiente er bei der Biebricher Firma Hachenberg, bei der er vom 1. Januar 1941 bis zum 30. April 1941 angestellt war, insgesamt 529 RM brutto, abzüglich einer Lohnsteuer von 33 RM. Bei seinem folgenden Arbeitgeber, die Firma Zobus und Sohn, die ihn über drei Wochen beschäftigte, waren es weniger als 100 RM brutto. Den Rest des Jahres musste er bei der Erbenheimer Baufirma Ernst Heuss im Straßenbau arbeiten. Auch hier lag das monatliche Nettoeinkommen bei etwa 100 RM.[66]

Ernst Rosenthal, Judenhaus Frankenstr. 15, Wiesbaden
Schreiben von Ernst Rosenthal in die Devisenstelle Frankfurt
HHStAW 519/3 5887 (13, 15)

Eine weitere Schikane bestand darin, dass ihm verwehrt wurde, den Lohn in bar entgegennehmen zu dürfen. Dies wurde ihm trotz mehrfacher Bitten verweigert. Wegen des zu erwartenden Erbes aus dem Vermögen seiner Verwandtschaft mütterlicherseits war er gezwungen worden, ein Sicherungskonto einzurichten, auf den sein Erlösanteil am Verkauf des Hauses zu übertragen gewesen wäre. Im Juni 1940 hatte man ihm einen Freibetrag von 250 RM eingeräumt.[67]In seiner Vermögenserklärung gab er an, ein Bankguthaben von 2.100 RM zu besitzen, aber noch Verpflichtungen von nahezu 5.000 RM zu haben. Der Wert seiner Ansprüche am Grundstück Kirchgasse sei derzeit nicht zu ermitteln, da die Verkaufsverhandlungen noch nicht abgeschlossen seien. Seinen monatlichen Bedarf bezifferte er auf 150 RM, woraufhin ihm der Freibetrag entsprechend auf diese Summe gekürzt wurde. Die Kosten für die Miete in der Herrngartenstr. 17, in der er nach seiner Rückkehr aus Dachau wohnte, beliefen sich auf 30 RM. [68]

Rosenthal, Ernst, Judenhaus Wiesbaden, Frankenstr. 15
Wiesbadener Neueste Nachrichten vom 25.8.1938
ERnst Rosenthal, Judenhaus Wiesbaden, Frankenstr. 15
HHStAW 469-33 465 19

Nicht nur wegen des Geldes lag Ernst Rosenthal im ständigen Streit mit den NS-Behörden, in dieser Zeit wurde auch ein Strafverfahren gegen ihn eröffnet. Es handelte sich eigentlich um eine Lappalie, aber das Verfahren zeigt auch, wie undurchsichtig die jeweilige Gesetzeslage für Juden damals war, wie leicht es bei aller Vorsicht war, in die Fänge der Justiz zu geraten. Am 8. Januar 1938 war das „Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ in Kraft getreten, durch das zunächst vor 1933 bewilligte Änderungen von Namen wieder rückgängig gemacht werden konnten. Juden, die ihren „typisch“ jüdischen Nachnamen aus Angst vor Diskriminierung abgelegt hatten, konnten somit gezwungen werden, diesen wieder anzunehmen. Weitreichender war aber die im Gesetz angekündigte Möglichkeit, von Staatswegen die Führung bestimmter Vornamen verpflichtend zu veranlassen.[69] Diese Zweite Verordnung mit Listen zulässiger Namen – 185 männliche und 91 weibliche – wurde am 17. August 1938 erlassen.[70] Wer nicht einer der aufgeführten Namen trug, musste einen solchen beantragen, was faktisch hieß, er bzw. sie hatte den zusätzlichen Namen Israel oder Sara zu führen.[71] Ernst Rosenthal war dieser Verpflichtung nachgekommen, hatte allerdings versäumt – und da war er offensichtlich nicht der einzige – diese Namensänderung wiederum bei der zuständigen örtlichen Polizeibehörde anzumelden. Er hatte eine neue Kennkarte beantragt und auch im schriftlichen Verkehr mit Behörden seinem Namen immer „Israel“ beigefügt. Als er in der Presse von Prozessen wegen fehlender Anmeldung des neuen Namens las, war unverzüglich zur Polizei gegangen, um dieses Versäumnis nachzuholen. Diese verspätete Anmeldung löste erst die Anklage aus. Wegen dieses „Vergehens“ wurde er am 18. Mai 1940 zu einer Freiheitsstrafe von einem Monat Gefängnis verurteilt. Gegen dieses Urteil legte er Widerspruch ein. Er gab an, in der Zeit, in der er dieser Anmeldepflicht hätte nachkommen können, im Konzentrationslager gewesen zu sein. Nach seiner Entlassung habe er täglich seiner Arbeitspflicht nachkommen müssen und weder Zeitung gelesen, noch sonst von dieser Verpflichtung etwas gehört. Hoffnung, dass man diese Bagatelle nicht ahnden würde, hatte er offensichtlich nicht, aber er bat darum, die bisherige Freiheitsstrafe in eine Geldstrafe umzuwandeln, da er sonst seine Arbeitsstelle verlieren würde und somit gänzlich ohne Einkommen sei.[72] Das Gericht folgte tatsächlich seiner Argumentation. Es sei erklärlich, dass er wegen der Inhaftierung keine Kenntnis von seiner Pflicht habe nehmen können, eine absichtliche Unterlassung sei somit nicht nachweisbar. Er habe aber fahrlässig gehandelt: „Die Fahrlässigkeit wird darin gesehen, dass Rosenthal, der als früherer Kaufmann eine gewisse geschäftliche Gewandtheit besitzt, sich nicht rechtzeitig über die ihm obliegenden Pflichten informiert hat.“ Die Strafe wurde daraufhin in eine Geldstrafe von 50 RM umgewandelt, angesichts seines damaligen Einkommens immerhin ein halber Monatslohn.[73]

Inzwischen war er – möglicherweise wegen seiner geringen finanziellen Mittel – im September 1940 in die Rheingauer Str. 6II gezogen. Wahrscheinlicher ist aber, dass es sich hier um einen erzwungenen Umzug handelte, denn das Haus in der Rheingauer Str. 6 war inzwischen zu einem Judenhaus geworden. Bei Ludwig Landau wohnte er dort für ein knappes Vierteljahr zur Untermiete.[74] Wie in vielen anderen Fällen ergab sich auch für ihn noch einmal die Möglichkeit, der Enge im Judenhaus zu entkommen. Am 11. Dezember 1940 zog er in die Geisbergstr. 16. Der Hintergrund dieses erneuten Wohnungswechsels war seine am 17. Oktober 1940 in Wiesbaden geschlossene Ehe mit Agathe Ackermann,[75] die mindestens seit 1939 in der Geisbergstraße als Hausangestellte von Moritz Freund gewohnt hatte.[76] Am Tag vor diesem Umzug war deren ältere Schwester Berta Clementine Ackermann, verheiratete Henlein, aus dieser Wohnung ausgezogen in der sie – so der Eintrag auf ihrer Gestapo-Karteikarte – seit dem 15. Mai 1939 gewohnt hatte. Die Geisbergstraße war ihre letzte Wohnung in Deutschland vor ihrer Auswanderung nach Argentinien.[77].

Die Eltern der genannten Geschwister, der aus Kemel stammende Pferdehändler Julius Ackermann und seine Frau Rosa, geborene Blumenthal, hatten noch fünf weitere Kinder, darunter auch die inzwischen geschiedene Schwester Irma, die seit Juni 1939 im Judenhaus in der Adelheidstr. 94 wohnte.[78] Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die bei der Eheschließung 37jährige Agathe Ackermann zuvor schon einmal verheiratet war. Wann die aus Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach, stammende Frau nach Wiesbaden gekommen war, um – wie so viele andere junge Frauen aus dem Umland – in einem Haushalt als Angestellte Arbeit und Auskommen zu finden, ist nicht bekannt. Solche Hausangestellten, die faktisch oft Teil der jeweiligen Familie waren, sind in den Adressbüchern nicht erfasst.

Knapp ein Jahr lebten Ernst und Agathe Rosenthal wohl zusammen in der Geisbergstraße, bevor sie dann gemeinsam in das Judenhaus in der Frankenstraße umziehen mussten. In der Gestapo-Karteikarte von Ernst Rosenthal ist dieser Umzug nicht eingetragen, in der seiner Frau ist hingegen als Termin der 3. Oktober 1941 notiert. Es besteht aber kein Zweifel, dass trotz des fehlenden Eintrags auf der Karte von Ernst Rosenthal beide gemeinsam umzogen, denn am 7. Oktober 1941 richtete er von dieser Adresse die Bitte an die Devisenstelle in Frankfurt, man möge ihm 300 RM zusätzlich freigeben, damit er die Kosten für die Herrichtung der neuen Wohnung, die im vierten Stock des Hauses lag, bezahlen könne.[79] Der Bitte wurde genauso entsprochen, wie der wenige Tage später gestellten. Diesmal bat er darum, seinen Freibetrag generell auf monatlich 300 RM zu erhöhen, da er durch die Eheschließung wesentlich höhere Unterhaltskosten habe.[80] Man muss also davon ausgehen, dass das Paar seit Anfang Oktober 1941 gemeinsam in dem Judenhaus Frankenstr. 15 wohnte. Der Brief, in dem er um die Erhöhung seines Freibetrags bat, ist das letzte Lebenszeichen, dass von den beiden erhalten geblieben ist. Das letzte Blatt der Akte stammt vom 3. Juli 1943 und verfügt die Einziehung ihres verbliebenen Vermögens.[81]

Am 10 Juni waren beide aus der Frankenstr. 15 über Frankfurt „nach dem Osten“ deportiert worden. In Lublin wurden sie aller Wahrscheinlichkeit getrennt. Ernst Rosenthal wurde auf der Rampe in Lublin als „arbeitsfähig“ eingestuft und zum Arbeitseinsatz nach Majdanek geschickt wurde, wo er nach nur vier Wochen am 24. Juli 1942 ums Leben kam.[82] Seine Frau wurde unmittelbar nach der Ankunft in Lublin in das Vernichtungslager Sobibor überführt und ermordet. Ihr Todestag wurde gerichtlich auf den 8. Mai 1949 festgelegt.[83]

Stand: 02. 03. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 9461 I (27). Zur Anzahl der Beschäftigen siehe HHStAW 685 861d (o.P.).

[2] Ebd. (245).

[3] Isaak Baer, verheiratet mit Beierle Berta Michael hatte insgesamt 6 Kinder, darunter der zweitälteste Samuel, der mit Michle Mina Levi verheiratet war. Die beiden waren die Eltern von Sara und Eva Chawa Baer, siehe Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[4] In der Ehe von Eva und Joseph Wolf wurden 10, in der von Sara und Moses Wolf sogar 12 Kinder geboren, siehe Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden.

[5] HHStAW 518 9461 I (27). Laut diesem Eintrag war die Firma aber bereits seit Februar 1895 aktiv. Wie man aus dem Namen schließen kann, wird sie aber in einer anderen Eigentumsform schon seit viel längerer Zeit bestanden haben. Rosa Baer, Ehefrau von Leopold Baer, gab im Entschädigungsverfahren an, dass die Firma im Jahr 1935 seit 85 Jahren bestanden habe. Das Gründungsjahr wäre somit 1850 gewesen, siehe HHStAW 518 9461 (24 f.). In einer Mitteilung der IHK Wiesbaden an die Entschädigungsbehörde aus dem Jahr 1960 heißt es dagegen: „Der Ursprung der Firma soll auf das Jahr 1864 zurückgehen.“ Ebd. (245). In jedem Fall konnte die Firma auf eine lange Tradition zurückblicken.

[6] Ebd.

[7] HHStAW 685 861 (113). Der Name des Sohnes ist unbekannt. Ein Eintrag für Adolf Wilhelm Baer ist im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht enthalten.

[8] Zu Leopold Baer hat das Aktiven Museum Spiegelgasse ein Erinnerungsblatt veröffentlicht, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt-Leopold-Baer.pdf. (Zugriff: 24.02.2019).

[9] Eine Postkarte mit diesem Geschäft wird z. Zt. unter folgender Adresse im Internet angeboten: https://pictures.abebooks.com/AKPOOL/22917485229.jpg. (Zugriff: 24.02.2019).

[10] HHStAW 518 9461 I (16, 24).

[11] Wer ihre Eltern waren, konnte bisher nicht sicher ermittelt werden. Im Frankfurter Jüdischen Adressbuch von 1935 ist der Name Zeimann dreimal eingetragen, alle Zeimanns waren in der Textilbranche tätig. Es liegt daher nahe, dass Rosa aus einer dieser Familien stammte. Unter dem Namen Irma Zeimann ist in der Datenbank der Gedenkstätte Börneplatz ein Eintrag vorhanden, der die Vermutung nahelegt, dass ein Walter Zeimann Rosas Vater gewesen sein könnte. Es heißt dort, dass eine Irma Zeimann 1923 als Prokuristin nach Frankfurt in die Firma „S. Zeimann A.G. Manufakturwarenhandlung“, später „Sallwey & Co. Texitilwarengesellschaft“ mit Geschäften An der Markthalle 6, Zeil 69 und Reineckstraße 1-3 gekommen sei. Walter Zeimann war von der Gründung des Betriebes am 25. Januar 1922 bis zum 18. April 1936 als Vorstandsmitglied bei der Industrie- und Handelskammer registriert. Eben diese Firma S. Zeimann hatte der Firma Wolf in Wiesbaden einen Kredit über 9.000 RM gegeben, siehe HHStAW 685 861b 96. Die Verbindung zwischen S. Zeimann, Walter Zeimann und Rosa Zeimann erscheint vor diesem Hintergrund plausibel. Das Geschäft S. Zeimann wurde am 31. März 1937 in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt und in der ursprünglichen Gesellschafterzusammensetzung im Handelsregister gelöscht; zwei vermutlich nicht-jüdische Komplementäre führten das „arisierte“ Geschäft bis in die Nachkriegszeit weiter.

[12] In einer Meldebestätigung der Polizeibehörde Wiesbadens vom 15.5.1950 wird fälschlicherweise geschrieben, dass Rosa Baer, geborene Zeimann, seit 1900 mit der Adresse An der Ringkirsche 7 gemeldet gewesen sei, siehe HHStAW 518 9461 (19). Sie war damals gerade einmal 11 Jahre alt und es ist auch nicht davon auszugehen, dass das Ehepaar später mehr als zwanzig Jahre getrennt lebte.

[13] Bei einer Buchprüfung im Dezember 1924, also unmittelbar nach der Hyperinflation, stellte der Prüfer fest, dass „hauptsächlich billige Artikel geführt“ würden, „das Geschäft aber augenblicklich sehr gut“ gehe. Die Firma habe „zweifellos Substanzverluste gegenüber dem Vorkriegsbestand erlitten, da sie vielfach in Papiermark verkaufte, während die Waren in Devisen gekauft werden mussten.“ HHStAW 685 355a (43).

[14] HHStAW 518 9461 I (29). Bestätigt wurden diese Angaben von Sally Kahn, dem Prokuristen der Firma in dieser Zeit, siehe ebd. (240), und auch von dem späteren Inhaber Kranz, ebd. (248).

[15] HHStAW 685 355a (92) und 355d (59). Hier sind auch detaillierte Angaben zur Größe, Nutzung und Abschreibungsbeträge zu finden.

[16] Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 251 / 1907.

[17] Es gab in Montabaur mehrere Familien Kahn, die alle in dieser Sparte tätig waren und in den Jahren der Nazidiktatur ganz erheblich unter der dortigen Verfolgung leiden mussten. Siehe dazu Wild, Markus, Montabaur. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde, Hachenburg 1991, i.B. Dok. 19, S. 70, Dok.27, S. 79, Dok. 28a, S. 80; besonders  Dok. 30, 32 und 44d, S. 83 ff. über die Ereignisse in und nach der „Reichskristallnacht“

[18] Wild, Montabaur, Dok. 70, S. 155.

[19] Wichtige Hinweise zur Genealogie der Familie Kahn verdanke ich Claus Peter Beuttenmüller aus Montabaur. Ergänzende Daten sind Wild, Montabaur und Böning, Adalbert, Grabinschriften des jüdischen Friedhofs in Montabaur, Montabaur 2001 entnommen. Der Vater David Kahn war am 24.10.1834 in Wirges, seine Frau Adelheid Wolf am 13.8.1839 in Langenschwalbach geboren worden. Beide sind in Montabaur begraben. Er verstarb laut Grabsteininschrift am 20.4.1910, sie am 10.1.1913. Nach der Totgeburt von Zwillingen wurde am 12.4.1866 die Tochter Mina geboren. Ihr Grabstein nennt als Todestag den 16.7.1914. Johanna, das zweitälteste Kind war am 26.6.1868 geboren worden. Verheiratete mit Moritz Abraham lebte sie später in Limburg. Sie wurde vermutlich von Trier aus am 27.7.1942 nach Theresienstadt deportiert. Hier kam sie am 24.6.1943 zu Tode. Ihr folgte als erster Sohn Moritz, geboren am 6.3.1871. Er verstarb am 22.8.1908 in Wiesbaden-Biebrich, hatte daher die NS-Zeit nicht mehr erleben müssen. Seine drei noch folgenden Brüder wurden aber alle Opfer des NS-Rassenwahns. Albert, geboren am 10.3.1874, war mit Sibilla / Billa Wolff, geboren am 26.3.1882, verheiratet. Aus der Ehe waren drei Kinder hervorgegangen. Den beiden Brüdern Isaak Werner, geboren 1916, und Ernst, geboren 1911, gelang auf unterschiedlichen Wegen die Fluch in die USA. Die 1906 geborene Erna wurde mit ihrer sechsjährigen Tochter in Sobibor umgebracht, ihren Mann Julius Kahn aus Idstein ermordete man in Majdanek. Der zweitjüngste Sohn von David und Adelheid Kahn, Leopold Kahn, wurde am 12.1.1876 geboren. Er war mit Hilda Mendel, geboren am 6.9.1888, verheiratet. Sie wurde im Gas von Treblinka umgebracht. Ihr Sohn Erich, geboren am 2.4.1912, starb am 14.1.1939 während seiner Inhaftierung nach der Reichspogromnacht in Dachau, seiner am 14.4.1921 geborenen Schwester Irma gelang mit ihrem Mann Hugo Hirsch die Flucht über England in die USA.

[20] Sally Kahn gelang mit seiner nichtjüdischen Freundin Tilly die Ausreise nach Frankreich, von wo aus er weiter nach Haiti reiste. Er ermöglichte auch seinem Cousin Werner, dem Sohn von Albert Kahn aus Montabaur, 1937 die Auswanderung nach Haiti. Beide bauten sich hier zusammen ein Fotostudio auf. Siehe zum Schicksal von Werner und Sally Kahn Wild, Montabaur, Dok 71, S. 157. Dazu HHStAW 518 9461 I (240).

[21] Anstelle der ehemaligen Villa in der Parkstr. 7 steht dort heute ein unansehnliches Apartmenthaus.

[22] HHStAW 469/33 465 (3).

[23] HHStAW 685 667 (2). Im Jahr 1940 beliefen sich die diesbezüglichen Jahreseinnahmen auf etwa 1.000 RM.

[24] http://www.alemannia-judaica.de/holzappel_synagoge.htm. (Zugriff: 14.02.2019).

[25] Im Wiesbadener Adressbuch ist weiterhin ein „M. Rosenthal“ gelistet, der das Geschäft betrieb, ab 1903/04 ein „Mor. Rosenthal“ mit der zweiten Adresse, vermutlich die Wohnanschrift. Es wird sich dabei aber um ein und dieselbe Person handeln.

[26] Diese verwandtschaftliche Beziehung ist bisher nicht nachgewiesen, aber naheliegend. Zumindest handelt es sich um einen engen Verwandten. Eine ebenfalls in Wiesbaden lebende Johanna Rosenthal, geboren am 27.6.1973 in Holzappel, ledig, könnte eine Schwester gewesen sein.

[27] Geburtsregister der Stadt Camberg 30 / 1888. Sie war am 6.5.1888 als Tochter des Handelsmanns Ferdinand Landau und dessen Frau Bertha, geborene Strauß, geboren worden, die in Camberg ein Geschäft für Eisenwaren und landwirtschaftliche Maschinen besaßen, siehe auch HHStAW 518 48816 (35).

[28] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1728 / 1929.

[29] HHStAW 685 675a I (67). Die Bilanz 1929 habe „ein überaus unerfreuliches Ergebnis“ ergeben. Leon Rosenthal bat daher „in Anbetracht der starken Geldknappheit“ um Stundung der fälligen Vorauszahlungen.

[30] Ebd. a II (29) und b I (28).

[31] HHStAW 518 48816 (35).

[32] HHStAW 685 675b I (42).

[33] Wiesbadener Kurier 3.6.1993 und Wiesbadener Tagblatt vom 27.5.1993.

[34] HHStAW 518 48816 (35).

[35] HHStAW 685 861d (o.P.).

[36] Ebd. (o.P.), Bericht der Betriebsprüfung 1936 S. 4.

[37] Ebd. 685 861d (o.P.).

[38] HHStAW 685 861a (152) und 518 9461 (27).

[39] Die 1866 gegründete Textilfirma für Stickereien und Spitzen existiert noch heute.

[40] HHStAW 518 9461 I (143).

[41] HHStAW 685 355g (14, 15).

[42] Ebd. e (o.P.).

[43] Sterbeeintrag Waldbreitbach 22 / 1938, dazu https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/digitalisatViewer.action?detailid=v4971266&selectId=45929619. Eintrag 1575. (Zugriff: 14.02.2019).

[44] HHStAW 518 9461 (21, 22), Sterbeurkunde für Leopold Baer aus Buchenwald.

[45] HHStAW 518 9461.

[46] HHStAW 685 355f (o.P.).

[47] Ebd. g (5, 10).

[48] Ebd. (14, 15). Er wies darauf hin, dass die geforderte Summe erst nach Abschluss der Hausverkaufs gezahlt werden könne. Arthur Wertheimer wurde im November 1940 mitgeteilt, dass er als Bevollmächtigter von Emma Kahn demnächst 603 RM für den von ihr abgelieferten Schmuck erhalten werden – fast zwei Jahre nach ihrem Tod! Arthur Wertheimer wohnte inzwischen im Judenhaus Herrngartenstr. 11. Er kam am 12.12.1942 in Theresienstadt ums Leben, siehe zu seinem Schicksal ausführlich unten.

[49] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 401 /1939.

[50] Am 31. Oktober 1938 soll der Zug Deutschland mit dem Ziel Holland verlassen haben. Die Angabe ist ohne Beleg in der Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung niedergelegt. Verwunderlich ist das Datum, da die Kindertransporte erst nach der Reichspogromnacht begannen. Die Diskussionen im britischen Parlament fanden in der zweiten Novemberhälfte 1938 statt und der erste Transport verließ Berlin am 1.12.1938, siehe Göpfert, Rebekka, Geschichte und Erinnerung, in: Die Kindertransporte 1938/39. Rettung und Integration, hg. Benz, Wolfgang; Curio, Claudia; Hammel, Andrea, Frankfurt a.M. 2003, S. 35 f. Möglicherweise war Hansgeorg aber zunächst nur nach Holland gebracht worden und dann später mit einem Kindertransport von dort aus nach England gekommen.

[51] HHStAW 518 9461 I (44). Beide Kinder kehrten später nach Deutschland zurück, Hansgeorg Baer lebte in Bensheim, seine Schwester, inzwischen verheiratete Feldberg, in Hamburg.

[52] Die Angaben über deren Höhe sind in den Akten nicht eindeutig, siehe 518 9461 I d (135), wo von 3.600 RM die Rede ist, davon 1.600 für Leopold Baer, ebd. 27. Ebd. (23) ist neben diesen 3.600 RM noch ein Betrag von 7.800 RM als Judenvermögensabgabe angegeben. Möglicherweise handelt es sich hier aber um einen Irrtum, da der gleiche Betrag auch als Reichsfluchtsteuer ausgewiesen ist.

[53] Ebd. (33). Dies Geld scheint ihr tatsächlich auch zur Verfügung gestanden zu haben. In den Akten gibt es keinen Hinweis darauf, dass ihre Konten gesichert worden waren. Der Wert des Schmucks wurde im späteren Entschädigungsverfahren mit 2.242 RM angesetzt, ebd. (23).

[54] Ebd. (23, 39). Zu ihren Angaben über die Kosten machte sie eine kleine aber sehr treffende und die kalte Bürokratie der Verfahren charakterisierende Bemerkung: „Ich kann keine Zeugen bringen. In Wiesbaden lebt neimand mehr, der zeugen könnte und hier hat man mich nur ankommen sehen.“ Ebd. (24).

[55] HHStAW 685 667 (19). In der Notiz des Finanzamtes sind zwei unterschiedliche Verkaufsdaten genannt. Zum einen heißt es, das Haus sei im Februar 1941 verkauft worden, in einer nachträglichen Bleistiftnotiz auf dem gleichen Blatt ist hingegen der 31.8.1941 als Tag des Vertragsabschlusses genannt.

[56] HHStAW 685 355d (o.P.).

[57] HHStAW 518 9461 I (217). Erst nach dem Krieg erhielten sie das vom Fiskus einbehaltene Geld und 1952 noch eine in einem Vergleich ausgehandelte Ausgleichsabgabe für den damals viel zu geringen Kaufpreis. Siehe dazu ebd. I (59, 99). Es wurden etwa 60.000 DM nachträglich von Kranz an die ehemaligen Eigentümer bzw. deren Erben gezahlt.

[58] Vermutlich handelte es sich bei ihrem Arbeitgeber namens Haymann um eine ebenfalls deutsche Emigrantenfamilie.

[59] Ebd. (49).

[60] HHStAW 518 9461 II (op.P.).

[61] HHStAW 685 667 (70).

[62] Ebd. Die Angabe machte Ernst Rosenthal bei einer Beschwerde gegen einen Steuerbescheid, nach dem er trotz des Verkaufs der Firma weiterhin eine Steuervorauszahlung leisten sollte.

[63] Belegt sind Zahlungen von 900 RM für den Zeitraum 1.1.1938 bis 30.4.1938 und 1.8.1938 bis 31.12.1938 von insgesamt 1.400 RM, siehe HHStAW 685 667 (o.P.).

[64] Ihm standen zunächst 10,72 Prozent, später 11,85 Prozent der Mieteinnahmen zu, die absoluten Beträge des daraus erzielten Einkommens schwankten aber beträchtlich. 1939 waren es noch etwa 1.000 RM, ebd. (2, 3), im folgenden Jahr sind in der Steuererklärung nur noch knapp 400 RM als Einkommen aus Vermietung und Verpachtung angegeben, ebd. (8, 10), 1941 dann 573 RM, ebd. (21). Ob die unterschiedlichen Einkünfte durch höhere Kosten, etwa Instandhaltungskosten, oder durch Mietminderung zustande gekommen waren, konnte nicht ermittelt werden.

[65] Ebd. (9a).

[66] Ebd. (o.P.) Lohnsteuerkarte 1941. Insgesamt hatte er im Jahr 1941 ein Bruttoarbeitseinkommen von 1.935 RM. 200 RM konnte auch er als Jude – welch ein Zynismus – als Pauschale für Versicherungen und Altersvorsorge von dem zu versteuernden Einkommen abziehen. Mit der Sozialausgleichsabgabe von 165 RM hatte er eine Einkommensteuer von 380 RM zu zahlen, sodass ihm von dem Verdienst 1.550 RM zum Leben blieben. Siehe ebd. (21). Die hier genannten Firmen sind auch diejenigen, die bei Brüchert, Zwangsarbeit in Wiesbaden, S. 251 erwähnt werden. Siehe hier generell zur Zwangsarbeit von Juden S. 244-256.

[67] HHStAW 519/3 5887 (2).

[68] Ebd. (10, 11). Worin die finanziellen Verpflichtungen konkret bestanden, ist nicht ausgeführt.

[69] RGBl. 1938 I, S. 9f.

[70] RGBl. 1938 I, S. 1044.

[71] Die Westfälischen Neuesten Nachrichten veröffentlichten am 25.8.1938 einen Kommentar zu dieser Regelung, die geradezu „Stürmer“-Niveau hatte, sie die Abbildung im Text oben.

[72] HHStAW 469/33 465 (10). Mit der Vertretung seiner Interessen war der „Konsulent“ Berthold Guthmann beauftragt, zu seinem Schicksal siehe oben.

[73] Ebd. (17).In unterschiedlichen Raten zwischen 4RM und 11 RM stotterte Ernst Rosenthal diese Summe in den folgenden Monaten ab.

[74] Zum Judenhaus Rheingauer Str. 6 siehe unten, zum Schicksal von Ludwig Landau siehe ebenfalls unten.

[75] HHStAW 469/33 2902 (4). Heiratsregister der Stadt Wiesbaden 1189 / 1940

[76] Unter dieser Adresse war sie bei der Volkszählung im Mai 1939 registriert und auch auf der Gestapo-Karteikarte ist diese Adresse als erste eingetragen. Der inzwischen verwitwete Tschechoslowake Moritz Freund, geboren am 19.4.1861, verstarb am 16.8.1941 in Wiesbaden. Er hatte seit 1938 in der Geisbergstr. 16 gewohnt, nachdem ihm zuvor seine Wohnung in der Gartenstraße 9 gekündigt worden war.

[77] Siehe den Eintrag in der Gestapo-Karteikarte von Berta Henlein. Berta Clementine Ackermann war am 19.8.1894 in Langenschwalbach geboren worden. Laut GENI war sie zuvor mit einem Sally Kahn verheiratet gewesen, über den aber nichts Näheres bekannt ist. Aus der Ehe mit Hugo Henlein soll die Tochter Ingeborg Henlein, geboren am 9.2.1921, hervorgegangen sein. https://www.geni.com/people/Bertha-Clementine/6000000005222680350?through=6000000005222680383. (Zugriff: 24.02.2019). Die Volkszählung von 1939 kennt nur einen jüdischen Hugo Henlein, der am 31.12.1893 in Königstein / Ts. zur Welt kam. Er war laut Eintrag in der Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz allerdings ledig und wurde mit seinen Geschwistern am 11.11.1941 in das Ghetto Minsk verschleppt, wo er vermutlich ums Leben kam. Allerdings gab es tatsächlich eine Ingeborg Henlein, die 1939 in Mainz in der Kaiserstr. 94 wohnte und am 23.5.1942 von dort aus über Darmstadt in das Ghetto Piaski deportiert wurde. Sie blieb verschollen. Ob es eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen den genannten Personen tatsächlich gab, konnte abschließend nicht geklärt werden.

[78] Siehe zu Irma Stern, geborene Ackermann oben. Das Schicksal ihres ältesten Bruders Moses Ackermann und seiner aus Loewen in Belgien stammenden Frau Virginie Leontine Valerie Diamartinelli ist bisher nicht geklärt worden. Der am 31.3.1890 in Langenschwalbach Geborene hatte am 7.8.1919 seine damals 27jährige Frau in Wiesbaden geheiratet. Der Bruder Manfred, geboren am 29.4.1892, wurde im Mai 1942 mit seiner Frau, der am 11.11.1893 geborenen Gerda / Gertrude, geborene Kahn, nach Izbica deportiert. Wann und wo sie umgebracht wurden, ist nicht bekannt. Ein weiterer Bruder, Jakob, am 6.12.1898 in Langenschwalbach geboren, wurde am 22.4.1942 mit seiner am 17.9.1913 in Oestinghausen geborenen Frau Ilse, geborene Neukircher, ebenfalls nach Izbica deportiert. Das gleiche Schicksal erlitt ihr am 24.12.1937 in Essen geborener Sohn Rolf / Ralf. Über seinen Tod liegen verschiedene, aber sich widersprechende und unsichere Angaben vor. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz geht von einem ungeklärten Tod aus, in Yad Vashem liegen zwei ‚Pages of Testimony’ vor, in denen einmal das Warschauer Ghetto, im anderen Fall Izbica selbst als möglicher Todesort genannt werden. Siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/03111150_252_7346/152.jpg. (Zugriff: 24.02.2019) und https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/21031508_253_5203/235.jpg. (Zugriff: 24.02.2019) In der Genealogische Datenbank der Paul-Lazarus-Stiftung Wiesbaden ist als Todesort Theresienstadt und als Todesdatum der 23.1.1943 vermerkt, eine Quelle dafür ist allerdings nicht angegeben. Nicht nur Bertha Clementine hatte Deutschland noch verlassen können. auch ihre Schwester Martha Janette, verheiratet mit Eugen Maier lebte später in Baltimore in den USA. Sie war es, die im 1950 den Antrag auf Todeserklärung ihrer Schwester Irma stellte, siehe HHStAW 469/33 3918. Auch in GENI ist sie als Tochter von Julius und Rosa Ackermann aufgenommen. Dem Eintrag ist zu entnehmen, dass ihr Mann 1887 geboren worden war und 1963 verstarb. Das Paar hatte laut GENI zwei Kinder. Siehe https://www.geni.com/family-tree/canvas/6000000026394757585. (Zugriff: 24.02.2019).

[79] HHStAW 519 5887 (16), zur Stockwerksangabe HHStAW 685 667 (16).

[80] Ebd. (17).

[81] Ebd. (18).

[82] HHStAW 469/33 2902 (3).

[83] Ebd. (15). Zum Transport, der am 11.6.1942 Frankfurt verließ, siehe Gottwald; Scholle, „Judendeportationen“, S. 214.