Wilhelm Dreyer

Als Wilhelm Alexander Dreyer im Februar 1934 in die Alexandrastr. 6 einzog, war das Haus noch kein Judenhaus und er selbst, seinem eigenen Selbstverständnis nach, kein Jude. Ungeachtet dessen war er von dem Staat, dem er seit vielen Jahren treu diente, zu einem solchen gemacht und gemäß den diskriminierenden Rassegesetzen auch so behandelt worden. Wie für viele andere stellte das Jahr 1933 eine Zäsur in seinem Leben dar, das zuvor nur den Weg nach oben gekannt hatte, nun aber innerhalb weniger Jahre mit dem Tod im Konzentrationslager endete.[1]

Familie Dreyer Jordan
Stammbau Familie Dreyer – DB-PLS

Ursprünglich stammte die Familie Dreyer, die damals noch den Namen Dreyfus trug, aus Edenkoben in der Pfalz, einem Ort, der auf eine lange Tradition jüdischen Lebens zurückschauen kann. Wie in vielen anderen ländlichen Gemeinden wechselte die Akzeptanz jüdischer Mitbürger, abhängig von politischen, mehr noch von wirtschaftlichen Entwicklungen. Aber im Zuge der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert war es auch in Edenkoben vielen Bürgern dieser Konfession gelungen, wichtige Ämter in der kommunalen Selbstverwaltung, aber auch in Vereinen wie Gesangs-, Turn- oder Schützenverein zu erlangen. Sie verstanden sich als Männer mit „ächtdeutscher Biederkeit aus ächtisraelitischem Herzen“, die ihren Militärdienst absolvierten, aber genauso für die Ziele der 48er Revolution eintraten.[2] So wurde neben einigen anderen jüdischen Bürgern auch der Großvater von Wilhelm Dreyer, der Edenkobener Arzt Dr. Alexander Dreyfus in dieser Zeit wegen Hochverrats und revolutionärer Umtriebe angeklagt und inhaftiert.

Auch die Kinder von Alexander Dreyfuß, darunter Ludwig Dreyfus, der Vater von Wilhelm, engagierten sich für das Wohl ihrer Heimatgemeinde. Nach dem Tod ihrer Eltern errichteten sie eine Stiftung, aus deren Erträgen zum einen das Grab der Eltern versorgt werden sollte, zum anderen aber auch Beträge für bedürftige Arme des Ortes und für den Unterhalt des Spitals ausgeschüttet werden sollten. „All dies zeigt“ – so der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde Franz Schmidt – „sehr deutlich den hohen Grad der Integration und Assimilation des jüdischen Bevölkerungsanteils in Edenkoben.“[3]

Bevor sich auch in Edenkoben das politische Klima völlig veränderte, Intoleranz und antisemitische Hetze den noch verbliebenen Juden das Leben zu Hölle machten, hatte Ludwig Dreyfus seine Heimat längst verlassen. Als er mit Frau und Kindern 1882 in die Kurstadt kam, gehörte er bald„zu den führenden Familien im Wilhelminischen Wiesbaden“.[4]

Ludwig Dreyfus war im Zuge der imperialistischen Politik des Kaiserreichs besonders durch Im- und Exportgeschäfte in Südafrika, wo er zwischen 1859 und 1873 lebte, als Kaufmann zu einem beträchtlichen Vermögen gekommen. Nach seiner Rückkehr auf den europäischen Kontinent blieb er zunächst in London, um vom damaligen Welthandelszentrum aus seine weitgespannte Geschäftstätigkeit zu entfalten.  In dieser Zeit konvertierte er zum evangelischen Christentum. Dennoch heiratete er drei Jahre später am 6. Juni 1876 Ida Jordan, die Tochter von Isidor und Rosalie Jordan aus Stuttgart, die ebenfalls jüdische Wurzeln hatte.[5] Das Paar blieb weiterhin in London wohnen, wo auch am 23. Februar 1881 die Tochter Nelly geboren wurde. Als im folgenden Jahr am 8. April Wilhelm zur Welt kam, entschlossen sich Ludwig und Ida, die damals noch den Nachnahmen Dryfus besaßen, nach Deutschland zurückzukehren. Dass die Wahl auf Wiesbaden fiel, hatte nach Faber keine anderen Gründe als die besondere Attraktivität dieser Stadt in der Kaiserzeit.[6] Hier wurden dann auch die folgenden drei Kinder geboren; zunächst Friedrich am 7.April 1883, dann Arnold am 10. Mai 1890 und zuletzt Margarete am 25.12.1892. Die Eltern hatten alle ihre Kinder christlich taufen lassen. Vermutlich im Zusammenhang mit der sog. Dreyfuß-Affäre ließ Ludwig Dreyfus im gleichen Jahr 1894 seinen Familiennamen in Dreyer abändern. Ganz sicher markieren Namensänderung und christliche Taufe nur noch die innerlich längst vollzogene Abkehr vom Judentum.[7]

Wie sein Schwiegervater engagierte sich Ludwig Dreyer politisch auf kommunaler Ebene bei den Liberalen, genauer den Nationalliberalen, die den konservativen Flügel der sich in den folgenden Jahrzehnten stark ausdifferenzierenden liberalen Bewegung stellte. Standesgemäß ließen sich Dreyers in dem Villenviertel östlich der Mainzer Straße, dem sogenannten ‚Musikerviertel’, in der Schubertstr. 1 eine Villa errichten.[8]

In diesem großbürgerlichen Milieu, in dem aber auch das Interesse an Politik und Naturwissenschaften geweckt wurde,[9] wuchsen Wilhelm und seine Geschwister auf. Nach dem 1900 am Königlichen Gymnasium, der heutigen Diltheyschule, abgelegten Abitur, studierte er Rechtswissenschaften in Göttingen, Halle und Marburg. 1903 schloss er das Studium mit dem Ersten Staatsexamen und einer Promotion ab. Die folgende bis 1907 dauernde Referendarszeit brachte ihn zurück in den Amtsbereich des Landgerichts Wiesbaden. Während seiner Assessorenzeit, die er in dem heutigen Bad Homburg absolvierte, heiratete er am 3. Juni 1909 in der evangelischen Marktkirche Wiesbadens die aus christlichem Adel stammende Frida Freiin von Godin. Die am 28. Mai 1888 in Stetten / Böhmen geborene Tochter des damals bereits verstorbenen fürstlich hohenzollernschen Oberförsters Friedrich Freiherr von Godin und seiner Frau Auguste, geb. Keller.

Da Wilhelm Dreyer 1908 zum Amtsrichter in Elmshorn ernannt worden war, übersiedelte das Paar nach Schleswig-Holstein. Hier wurde er auch zu Beginn des Ersten Weltkrieges eingezogen, konnte aber zuletzt nach einer Verwundung seinen Dienst als Militärrichter absolvieren.

Wie vielen anderen jüdischen Kriegsteilnehmern, die sich, in gutem, aber falschen Glauben, ihre Heimat und diesen anachronistischen Staat verteidigen zu müssen, aufopferten, wurden auch Wilhelm Dreyer diverse Orden verliehen. Sogar noch 1934 wurde ihm, allerdings auf eigenen Antrag, das von Hindenburg gestiftete „Ehrenkreuz des Weltkrieges 1914-1918“ angeheftet.[10] Allerdings darf dieser Antrag wohl kaum als Ausdruck einer narzisstischen Ordensverliebtheit missverstanden werden. Es handelte sich hierbei vielmehr um eine subtile, dennoch sehr deutliche Form des Protests gegen einen Staat, der ihm aus rassistischen Gründen die Anerkennung für die von ihm in den letzten zehn Jahren erbrachte Leistung verweigerte.

Ganz sicher war er von seiner Gesinnung her Monarchist; der Eintritt in die DVP 1926 ist dafür Beleg. Obwohl man in dieser Partei die Monarchie prinzipiell als die bessere Staatsform ansah, war man aber zumindest in Teilen bereit auf der Basis der bestehenden Verfassung den Staat als solchen angesichts der vielfältigen Bedrohungen von innen und außen zu retten. Das bedeutete aber konkret zunächst einmal auch diese eigentlich ungeliebte Weimarer Republik mittragen zu müssen. Fundamental war für Wilhelm Dreyer die Forderung, dass politisches Handeln an Rechtsstaatlichkeit gebunden sein müsse. Den Mord am Zentrumsmitglied Erzberger 1921, der in den Kreisen der konservativen Militärs und Beamtenschaft überwiegend goutiert wurde, lehnte Dreyer schon damals vehement ab.

Diese Grundhaltung war bei ihm gepaart mit höchsten fachlichen Qualifikationen: „Ein hochbegabter Richter von umfassender wissenschaftlicher Bildung, sorgfältiger Arbeitsweise und unermüdlicher Arbeitskraft. Im Verkehr von liebenswürdigem Entgegenkommen“, so die exemplarische Beurteilung seines Vorgesetzten aus dem Jahre 1928.[11] Dreyer war zu diesem Zeitpunkt bereits am Oberlandesgericht in Frankfurt tätig, nachdem er zunächst von 1911 bis 1924 in verschiedenen Funktionen an Gerichten in Hamburg eingesetzt worden war. Frankfurt sollte eigentlich ebenfalls nur eine Zwischenstation zum nächsten Karrieresprung an das Reichsgericht sein, für das man ihn als „hervorragend geeignet“ hielt.[12]

Diese Beförderung hätte eigentlich genau zu dem Zeitpunkt angestanden, als die Nazis an die Macht kamen. Stattdessen beendete das Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, den weiteren beruflichen Aufstieg dieses ausgezeichneten Juristen. Allein auf Grund der Tatsache, dass er im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte und sogar ausgezeichnet worden war, gewährte man ihm und einem weiteren seiner jüdischen Kollegen in Frankfurt noch eine kurze Frist. Trotz der Fürsprache des Oberlandesgerichtspräsidenten Stadelmann beim Preußischen Justizminister die beiden Kollegen am OLG Frankfurt zu belassen,[13] wurde Dr. Dreyer aber im Okober 1933 an das Landgericht Wiesbaden versetzt,[14] was einer Degradierung gleichkam, wenngleich man ihm die bisherige Bezüge und auch die Amtsbezeichnung beließ. Bis zum Februar blieb er mit seiner Familie noch in Frankfurt wohnen, pendelte somit täglich zu seinem Arbeitsplatz, bis er dann zum 1. Februar 1934 die Wohnung im zweiten Obergeschoß des Hauses Alexandrastr. 6 beziehen konnte.

Erst vor diesem gesamten Hintergrund ist zu verstehen, welche Bedeutung die in der gleichen Zeit erhobene Forderung hatte, auch ihm den von Hindenburg gestifteten Orden zu verleihen. Er wird daran keine persönlichen Hoffnungen mehr geknüpft haben. Es ging ihm vielmehr darum diesen Usurpatoren staatlicher Macht zu demonstrieren, welches Unrecht sie an ihm und all den anderen begingen, die sich mit all ihrer Kraft und mit all ihren Fähigkeiten für dieses Deutschland eingesetzt hatten.

Das Jahr 1935 bedeutete das endgültige Aus für Wilhelm Dreyers berufliche Karriere. Paradoxerweise musste er im September 1934[15] noch den persönlichen Treueeid auf den „Führer“ Adolf Hitler ablegen, nachdem dieser sich bereits zuvor nach dem sogenannten „Röhm-Putsch“ selbst zur höchsten richterlichen Gewalt erklärt und dann nach dem Tod von Hindenburg die Institution des „Führers“ als Verkörperung des vollendeten Parteienstaats geschaffen hatte.

Am 17. Dezember 1935 teilte man dem Oberlandesgerichtsrat Dr. Wilhelm Dreyer mittels einer schnörkelich gestalteten Urkunde und unter grammatikalischer Verkehrung von Aktiv und Passiv mit, dass er “mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand (tritt)“ – und nicht getreten wird![16]

In den Folgejahren pflegten Dreyers trotz der Entlassung weiterhin den bisherigen gesellschaftlichen Umgang, unternahmen Reisen, was dank der Tatsache, dass Wilhelm Dreyer ein jährliches Ruhegehalt von annähernd 11.000 RM gewährt wurde, auch möglich war.[17]

Als am 10. November 1938 auch in Wiesbaden die Synagoge brannte und die Juden Opfer der organisierten Gewalt wurden, gehörte auch Wilhelm Dreyer zu denjenigen, die verhaftet wurden und am folgenden Tag über Frankfurt in das KZ Buchenwald verschleppt wurden.[18] Viele der Inhaftierten kamen, vor die Alternative Freilassung und schnelle Auswanderung oder KZ-Haft gestellt, nach einigen Wochen wieder frei und verließen Deutschland. Wieso Wilhelm Dreyer ein anderes viel schlimmeres Schicksal ereilte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Auch ehemalige Mitgefangene konnten später keine Angaben dazu machen.[19]

Am 25. November 1938 kam er im KZ-Buchenwald eine halbe Stunde vor Mitternacht zu Tode, so die Angabe in der in Weimar ausgestellten Sterbeurkunde.[20]

Zuvor hatte er noch mittels einer zum Teil vorgedruckten Postkarte seiner Frau seinen Aufenthaltsort mitteilen können: „Liebe Frida! Ich bin in diesem Lager, es geht mir gut. Schickt bitte je ein Stück Wäsche einschließlich (?) Sporthemd sowie in bar 50 RM. Dein Willy.“ Er fügte dann noch an: „Sende ein Paar Schuhbänder. Das Paket darf keinen Brief enthalten. Ich habe vorläufig Postsperre. Anfragen an die hiesige Kommandantur sind zwecklos. Schicke bitte etwas Papier.“  [21]

Zum Zeitpunkt als die Karte versandt wurde, war er bereits tot. Die Nachricht vom Ableben ihres Mannes veranlasste seine Frau Frida sofort nach Buchenwald zu fahren, um den Leichnam vor der üblichen Einäscherung zu bewahren. Es wurde ihr entgegen der üblichen Vorgehensweise tatsächlich gestattet, ihren toten Ehemann nach Wiesbaden zu überführen, wo er auf dem Südfriedhof im Rahmen einer christlichen Beerdigung seine letzte Ruhestätte fand.

Zu Recht wirft Faber in seiner Abhandlung die Frage auf, warum es Dr. Dreyer, anders als den anderen Mitgefangenen vom 10. November, nicht gelungen war, dem KZ und damit dem Tod zu entkommen. Nicht wirklich überzeugend ist jedoch die Antwort, die er darauf findet: Man habe in der kurzen Frist nicht rechtzeitig die notwendigen Papiere beschaffen können und zudem hätten die Dreyers nicht mehr über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, nachdem die vormals in England angelegten Vermögenswerte nach Deutschland transferiert werden mussten und hier dem Zugriff der Eigentümer entzogen wurden.[22]

Ganz sicher hätte die Familie Dreyer, wenn sie es denn gewollt hätte, vor 1938 auswandern können, selbstverständlich unter Zurücklassung erheblicher Vermögenswerte. Die Sicherungsanordnung gegen Wilhelm Dreyer erging erst am 14. September 1938. Zu diesem Zeitpunkt besaß er selbst ein Vermögen von mehr als 40.000 RM, hinzu kam das jährliche Ruhegehalt von etwa 10.000 RM.[23] Laut der Vermögenserklärung der Mutter nach Stand April 1938 besaß diese sogar ein Vermögen von etwa 230.000 RM.[24] Natürlich war auch dieses durch Anordnung der Devisenstelle Frankfurt vom 16. September 1938 inzwischen gesichert und stand nicht zur freien Verfügung.[25]

Man muss allerdings sehen, dass zu diesem Zeitpunkt noch die Vertreibung, besonders die Vertreibung reicher Juden aus Deutschland unter Zurücklassung möglichst großer Vermögenswerte, und nicht die Vernichtung das erklärte Ziel der NS-Judenpolitik war. Es gibt entsprechend viele Beispiele dafür, dass die Sicherungsanordnungen über die Vermögen partiell gelockert wurden, wenn die Eigentümer Gelder für die Ausreise benötigten. So gelang es damals auch anderen Häftlingen mit weit weniger finanziellen Mitteln in relativ kurzer Zeit die notwendigen Papiere für einen Grenzübertritt zu beschaffen.[26]

Man muss vermutlich davon ausgehen, dass Wilhelm Dreyer bis zum Herbst 1938 trotz aller Zurücksetzung und Diskriminierung, die er erfahren hatte, die drohenden Gefahren angesichts seiner bislang relativ gesicherten Lebenssituation nicht wirklich wahrnahm oder wahrnehmen wollte. Hinzu kommen die Fragen, mit denen alle Emigranten konfrontiert waren: Was wird aus den Zurückgebliebenen Verwandten, konkret: Was würde aus der über 80jährigen Mutter werden, die ganz sicher nicht mehr mitgegangen wäre. Aber auch die Vermögenswerte, die man gewiss noch nicht völlig aufgegeben hatte, besonders das schöne Haus, – all das waren Aspekte, die in entsprechenden Gesprächen innerhalb der Familie und mit Freunden angesichts einer solch existenziellen Entscheidung bedacht sein wollten.

Für Wilhelm Dreyer kam vermutlich noch ein weiterer wichtiger Moment hinzu. Er, der außergewöhnliche Jurist, der sich mit seiner ganzen Person dem Recht verschrieben hatte, wird kaum bereit gewesen sein, sich dem Unrecht zu beugen. So könnte es sein, dass diese grundsätzliche Haltung in Buchenwald, als man ihn vor die Entscheidung stellte, in einem Konflikt kumulierte, bei dem er – sei es durch äußere Gewalt oder auch durch innere Erregung – sein Leben verlor.[27]

Trotz des Todes ihres Mannes musste Frida Dreyer noch die Judenvermögensabgabe für ihn bezahlen, 7.800 RM, zuzüglich der 5. Rate von noch einmal 1.950 RM, hatte sie zu entrichten.[28] Umso irritierender ist, dass Frieda Dreyer ab 1939, also nach der Reichspogromnacht und dem Tod ihres Mannes, bis 1945 Mitglied der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“, der NSV, geworden war, einer Massenorganisation der NSDAP, die sich die „Fürsorge“ rassisch wie erbbiologisch wertvoller Familien zur Aufgabe gemacht hatte.[29]

Im Hinblick auf die Judenvermögensabgabe traf es die Schwiegermutter Ida Dreyer, der man 38.400 RM in Raten á 9.600 RM abverlangte, noch härter.[30] Allerdings wurde im Januar 1940 die Einforderung der 5. Rate für beide zurückgenommen bzw. als abgegolten angesehen, da Ida Dreyer bereits im Oktober 1938 ihren Anteil am Haus in der Schubertstr. 1 ihren Kindern im Wert von mehr als 30.000 RM geschenkt und damit die Berechnungsgrundlage für die Abgabe erheblich gemindert hatte.[31] Eine weitere Schenkung, diesmal explizit an die Familienmitglieder, die nicht-jüdischer Herkunft waren, erfolgte am 19. Dezember 1938. Diesmal verschenkte sie insgesamt mehr als 60.000 RM, wovon auch ihre verwitwete Schwiegertochter Frida 15.000 RM erhielt.[32]

Wenige Tage später ereilte die Familie ein weiterer Schicksalsschlag. Der jüngere Bruder von Wilhelm, Friedrich Dreyer, der mit seiner Frau Charlotte, geb. Schmidt, in Bremen lebte, nahm sich am 23. Dezember 1938 das Leben. Was der konkrete Auslöser für die Tat war, ist nicht bekannt.[33]

Alle drei Söhne waren tot, geblieben waren Ida Dreyer noch die beiden Töchter Nelly und Margarete mit ihren Familien, die aber nicht mehr in der näheren Umgebung wohnten. So wurden wohl ihre Schwiegertochter Frida und deren Mutter, die schon lange mit im Haus in der Schubertstr. 1 lebte, zu ihren wichtigsten Bezugspersonen. An Frida schrieb sie am 11. November 1940 einen letzten Brief, bevor auch sie sich mit Veronal selbst das Leben nahm:

Meine liebe, liebe Frida !
Einen innigen letzten Gruß schicke ich dir und danke dir mit ganzem Herzen für alles, was du mir, besonders in diesen letzten beiden Jahren seit unseres Willy’s Tod und ganz besonders in diesen jetzigen schwersten Tagen gewesen bist. Du weißt, dass ich meinen Entschluß nicht leichtfertig gefasst habe, sondern schwer mit mir gerungen habe und gehofft, dass mein Herz es nicht aushält und ich ruhig einschlafen dürfe. Es sollte nicht sein. Unser Herrgott hat es anders bestimmt. Ich aber fühle, dass mein Verstand die Quälerei Tag u. Nacht nicht länger aushalten und ich glaube auch, meine Kinder, du und deine liebe Mutter im täglichen Zusammensein, das für mich der größte Halt war und ebenso die frommen (?) Kinder(,) die mich lieb haben(,) zermürbt dieses tägliche Warten mit immer schwereren Qualen.“
Dann – nur angedeutet in den Hinweisen, wo, in welchen Schränken und Schubladen, die Briefe der Kinder und Enkel aus deren Kindheit, Jugend oder Soldatenzeit liegen – der Rückblick auf das einst so glückliche Leben.
„Nochmals mein liebes Kind meinen ganz herzlichen Dank für alle mir erwiesene Liebe und Treue. Möge ein Vater im Himmel Euch nach schwerem Erleben wieder schönere und frohe Tage schenken, wie sehr hoffe ich, auch oft im Verein mit Gretel, Fritz und ihren Kindern.
Einen innigen Kuß, auch deiner lieben Mutter von deiner dankbaren
Mama“[34]

 

Angeblich hatte Ida Dreyer diesen Entschluss gefasst, weil sie von Bekannten erfahren hatte, dass sie auf einer Liste für eine Deportation nach Gurs stände.[35] Quellen dafür sind aber nicht angegeben. Es gab solche Transporte im Oktober 1940 im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“,[36] bei der etwa sechseinhalbtausend Juden aus dem süddeutschen Raum nach Gurs verschleppt wurden. Möglichweise stand sie als gebürtige Stuttgarterin tatsächlich auf einer dieser Listen. Die Gefahr einer unmittelbar drohenden Abschiebung aus Wiesbaden war aber zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben. Verwunderlich ist zudem, dass sie diesen Anlass in ihrem Brief nicht ansprach, sondern nur sehr allgemein die tagtäglichen Quälereien erwähnt.

Vor ihrem Haus in der Schubertstr. 1 liegt heute ein Stolperstein mit der Inschrift: GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET – FLUCHT IN DEN TOD – 11.11.1940“.

Vor dem Haus in der Alexandrastr. 6 erinnert ebenfalls ein solcher Stolperstein an den Dr. Wilhelm Dreyer, ihren in Buchenwald zu Tode gekommenen Sohn.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Zu Dr. Wilhelm Dreyer liegt eine umfassende biographische Bearbeitung von Rolf Faber vor, sodass hier, zumal er vor der Umfunktionierung des Hauses in ein Gettohaus dort wohnte, nur die wesentlichen Daten seines Lebens nachgezeichnet werden. Dabei wird bewusst auf eine ausführliche Darstellung der juristischen Karriere verzichtet, auf die Faber sehr detailliert eingegangen ist. Faber, Rolf, Der Wiesbadener Oberlandesgerichtsrat Dr. Wilhelm Dreyer (1882-1938). Sein Leben und Schicksal im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und in der Nazizeit, in: Nassauische Annalen 115, 2004, S. 409-440. Eine geraffte Darstellung, ebenfalls von Rolf Faber, ist erschienen in Faber, Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, a.a.O. S. 48-53. Zudem liegt ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museum Spiegelgasse zu Wilhelm Dreyer vor. http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Dreyer-Wilhem.pdf.  (Zugriff: 18.11.2017).

[2] Schmidt, Franz, Juden in Edenkoben. Spuren ihrer Geschichte 1660 – 1942, Neustadt a.d. Weinstraße, 1990, S. 132-134.

[3] Ebd. S. 135.

[4] Faber, Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen, a.a.O. S. 49.

[5] Isidor Jordan war ein in der Mitte des 19. Jh. In Stuttgart hoch angesehener Jurist, der sich auch politisch bei den Liberalen für eine Emanzipation der Juden, aber auch für eine allgemeine Demokratisierung einsetzte. Siehe http://www.alemannia-judaica.de/stuttgart_personen.htm#Dr.%20Jordan%20wird%20f%C3%BCr%20die%20Wahl%20in%20den%20B%C3%BCrgerausschuss%20vorgeschlagen%20(1846). (Zugriff: 18.11.2017). Zitiert wird dort die Allgemeine Zeitung des Judentums vom 20.7.1846: „Stuttgart, 20. Juni (1846). Für die bevorstehenden Ergänzungswahlen zu unseren städtischen Kollegien wird diesmal von Seiten unserer Liberalen, welche seit längerer Zeit die Wahlen in ihrem Sinne durchsetzen und namentlich gegen die Lebenslänglichkeit der Stadträte in praxi mit Erfolg ankämpfen, Dr. Jordan, ein Israelit, als Mitglied des Bürgerausschusses vorgeschlagen. Es ist dies hier in Stuttgart der erste Fall, dass ein Israelit für ein städtisches Kollegium in Vorschlag kommt und dieser Fortschritt umso erfreulicher, als bis jetzt selbst ein großer Teil unserer Liberalen einer völligen Emanzipation der Israeliten noch entschieden entgegen war.“

[6] Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 411.

[7] Im Jüdischen Adressbuch von 1935 wird den eigenen Rassegesetzen zuwider Ida Dreyer als „getaufte Jüdin“ und der Sohn Wilhelm davon abgeleitet als „Halbjude“ bezeichnet!

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkm%C3%A4ler_in_Wiesbaden-S%C3%BCdost_(Villengebiete)#/media/File:Wiesbaden,_Schubertstr._1.JPG. (Zugriff: 18.11.2017). Besonders hervorzuheben ist der Fassadenschmuck mit verschiedenen Tieren Afrikas, die eine Reminiszenz an die Quelle des familiären Reichtums darstellen. Zuvor hatten sie nicht viel weniger repräsentativ in einer Villa auf dem gleichen Grundstück, aber zur Frankfurter Straße hin gelegen, gewohnt.

[9] Siehe dazu Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 412 f.

[10] Ebd. S. 422. Sein jüngerer Bruder Arnold hatte seine Opferbereitschaft mit dem Leben bezahlt. Er war am 30.7.1915 in Russland gefallen.

[11] HHStAW 518 3268 (26). Die Beurteilung stammte vom damaligen  Präsidenten des OLG Frankfurt, Heldmann. In der Akte sind unterschiedliche Beurteilungen verschiedener Vorgesetzter in Auszügen zusammengestellt, alle durchdrungen von höchster Anerkennung für seine Leistungen.

[12] Ebd..

[13] Im gleichen Brief setzte sich Stadelmann aber vehement für die Versetzung der übrigen jüdischen Richter an den Frankfurter Gerichten ein. Frankfurt sei „jahrzehntelang ein Sammelpunkt jüdischer Richter gewesen“, wodurch das „Ansehen der Rechtspflege stark erschüttert worden“ sei. Während sein Vorgänger, der OLG-Präsident Hempel, Mitglied des Zentrums, der Dreyer noch in höchsten Tönen gelobt hatte, als „gescheiterter Opportunisten“  – so v. Gruenewaldt (S. 96) – eher zögerlich die Forderungen an eine Umwandlung des Justizapparates befolgte, und deswegen selbst zwangsversetzt wurde, setzte sein Nachfolger Stadelmann, NSDAP-Mitglied seit 1.4.1933, die „Säuberung“ rigoros um. Siehe dazu von Grünewaldt, Arthur, Die Richterschaft des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main in der Zeit des Nationalsozialismus, Tübingen 2015, S. 82-107. V. Gruenewaldt beschreibt hier detailliert, wie sich allmählich durch äußeren Druck, aber genauso durch ängstliches Zurückweichen ab 1930 die Situation am OLG Frankfurt veränderte. Hempels Beurteilung ist ebenfalls in HHStAW 518 3268 (26) enthalten.

[14] HHStAW 518 3268 (25) Hier wird ihm die Versetzung angekündigt und er wird zu einer Stellungnahme aufgefordert, Gruenewaldt v., Richterschaft, a.a.O. S. 207 zitiert aus der Versetzungsurkunde selbst: „Im dienstlichen Interesse werden Sie auf Grund des § 5 Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RGBl. I S. 175) Ihrem Wunsch entsprechend gemäß zum 1. Dezember 1933 unter Belassung Ihrer bisherigen Amtsbezeichnung und des Diensteinkommens Ihrer bisherigen Stelle als Landgerichtsrat an das Landgericht Wiesbaden versetzt.“

[15] Nach Faber fand die Vereidigung am 10. September, nach von Gruenewaldt am 15. September statt, siehe Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 422 und Gruenewaldt, v. Richterschaft, a.a.O. S. 34 f. Anm. 57.

[16] HHStAW 518 3268 (26). Die Urkunden der Versetzung und Entlassung sind als Faksimile auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse wiedergegeben. Interessant ist der Hinweis von v. Gruenenwaldt, dass entlassenen jüdischen Beamten mit drei oder vier jüdischen Großeltern per Erlass des Reichsjustizministeriums ausdrücklich „der Dank des Führers und Reichskanzlers für die für das Reich geleisteten Dienste nicht mehr zum Ausdruck zu bringen“ sei. Gruenewaldt, v. Richterschaft, a.a.O. S. 219, dazu Anm. 140.

[17] Siehe Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 431 f.

[18] Siehe zu den Vorgängen in Wiesbaden Bembeneck, Ulrich, Widerstand und Verfolgung, a.a.O. S. 286 ff.; Juden in Wiesbaden, a.a.O. S. 58 ff.; Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 434 f.

[19] Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 435 ff., der auch die Haftbedingungen in Buchenwald hier genauer beschreibt.

[20] HHStAW 518 3268 (10).

[21] HHStAW 518 3268 (9). Faber zitiert die Sätze, die auf der Rückseite der Karte gestanden haben. Die Karte war in einer Fotokopie in der oben genannten Akte vorhanden, leider ist die Kopie mit der Rückseite inzwischen verloren gegangen. Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 438.

[22] Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 438 f.

[23] HHStAW 519/3 11633 (1) Im Vermögensteuerbescheid von 1940 ist das zu versteuernde Vermögen sogar mit 65.000 RM angegeben, HHStAW 518 3268 (18).

[24] HHStAW 685 127 Vermögensteuerakte (4). Darin enthalten ist das Hausgrundstück in der Schubertstr. 1 mit einem Einheitswert von 33.000 RM.

[25] HHStAW 519/3 11633 (3-4).

[26] So etwa besorgte z. Bsp. die ebenfalls arische Kati Loeb für ihren in Buchenwald einsitzenden Ehemann  Julius Loeb die notwendigen Papiere in kürzester Zeit und ermöglichte damit seine Freilassung aus und seine Ausreise nach Holland.

[27] Eine Todesursache ist in der Sterbeurkunde nicht aufgeführt. Nach Faber hatte Frida Dreyer später mitgeteilt, dass der Leichnam ihres Mannes einen „friedlichen Eindruck“ gemacht habe, er abgemagert gewesen sei, aber keine Anzeichen von Gewaltanwendung erkennbar gewesen seien. Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 438. Ein Beleg für einen Tod ohne äußere Einwirkung ist diese Wahrnehmung aber mit Sicherheit nicht.

[28] HHStAW 518 3268 (15).

[29] HHStAW 518 59417 (2), Antrag im Entschädigungsverfahren. Goebbels hatte die wesentliche Aufgaben der NSV klar in einer Rede beim Reichsparteitag 1938 zusammengefasst: „Wir gehen nicht vom einzelnen Menschen aus, wir vertreten nicht die Anschauung: man muss die Hungernden speisen, die Durstigen tränken und die Nackten bekleiden – das sind für uns keine Motive. Unsere Motive sind ganz anderer Art. Sie lassen sich am lapidarsten in dem Satz zusammenfassen: Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu können.“ Zit. nach Kammer, Hilde, Bartsch, Elisabeth, Nationalsozialismus, Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933 – 1945, Reinbek 1992, Beitrag NSV, S. 599 f.

[30] HHStAW 685 127 (38).

[31] HHStAW 685 127 (39 und Schreiben des Oberfinanzpräsidenten vom 10.1.1940, o.P.). Die Vermögenswerte waren, obwohl bereits verschenkt, in die Berechnung eingegangen, weil die Genehmigung durch die staatlichen Stellen zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfolgt war.

[32] HHStAW 519/3 11633 (8-12). Am 16. Februar 1939 wurde die Sicherungsanordnung gegen Dr. Wilhelm Dreyer durch eine Mitteilung des Oberfinanzpräsidenten Kassel, die an Zynismus kaum zu überbieten ist, wieder wieder aufgehoben:„Ich habe die gegen Dreyer erlassene Sicherungsanordnung aufgehoben, da derselbe verstorben ist und die Konten laut Mitteilung der Frankfurter Bank, Frankfurt am Main, vom 11.2.1939, auf seine arische Ehefrau Frida Dreyer geb. Freiin von Godin als Alleinerbin übergegangen sind.“ HHStAW 519/3 11633 (o.P.).

[33] Im Erinnerungsblatt für Ida Dreyer wird gesagt, dass er die Tat „aus Angst, das gleiche Schicksal wie sein Bruder zu erleben“ begangen habe. Eine solche Deutung ohne genauere Kenntnis der konkreten Umstände ist zumindest gewagt, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Dreyer-Ida.pdf. (Zugriff: 18.11.2017).

[34] HHStAW 518 59417 (15). Gemeint sind die Tochter Margarete Dreyer, verheiratet mit Friedrich Schulz, und die Kinder Arnold und Birgit.

[35] Siehe Faber, Wilhelm Dreyer, a.a.O. S. 440 und das Erinnerungsblatt für Ida Dreyer des Aktiven Museums Spiegelgasse.

[36] Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, a.a.O. S. 37-46.