Wilhelm Dreyer


Judenhaus Alexandrastr. 6 Wiesbaden, Albert Frank
Das Juden­haus Alex­and­rastr. 6 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Lage des Juden­hau­ses
Judenhaus Alexandrastr. 6, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Alex­and­rastr. 6

 

 

 

 

Als Wil­helm Alex­an­der Drey­er im Febru­ar 1934 in die Alex­and­rastr. 6 ein­zog, war das Haus noch kein Juden­haus und er selbst, sei­nem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis nach, kein Jude. Unge­ach­tet des­sen war er von dem Staat, dem er seit vie­len Jah­ren treu dien­te, zu einem sol­chen gemacht und gemäß den dis­kri­mi­nie­ren­den Ras­se­ge­set­zen auch so behan­delt wor­den. Wie für vie­le ande­re stell­te das Jahr 1933 eine Zäsur in sei­nem Leben dar, das zuvor nur den Weg nach oben kann­te, nun aber inner­halb weni­ger Jah­re mit dem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ende­te.[1]

Wilhelm Dreyer, Frida Dreyer, Ida Dreyer, Dreyfus, Judenhaus Wiesbaden, Alexandrastr. 6
Stamm­baum Fami­lie Drey­er
(GDB-PLS)

Ursprüng­lich stamm­te die Fami­lie Drey­er, die damals noch den Namen Drey­fus trug, aus Edenk­o­ben in der Pfalz, einem Ort, der auf eine lan­ge Tra­di­ti­on jüdi­schen Lebens zurück­schau­en kann. Wie in vie­len ande­ren länd­li­chen Gemein­den wech­sel­te die Akzep­tanz jüdi­scher Mit­bür­ger im Lau­fe der Zeit, abhän­gig von poli­ti­schen, mehr noch von wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen. Aber im Zuge der jüdi­schen Eman­zi­pa­ti­on im 19. Jahr­hun­dert war es auch in Edenk­o­ben vie­len Bür­gern die­ser Kon­fes­si­on gelun­gen, wich­ti­ge Ämter in der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung, aber auch in Ver­ei­nen wie Gesangs‑, Turn- oder Schüt­zen­ver­ein zu erlan­gen. Sie ver­stan­den sich als Män­ner mit „ächt­deut­scher Bie­der­keit aus ächt­is­rae­li­ti­schem Her­zen“, die ihren Mili­tär­dienst absol­vier­ten, aber genau­so für die Zie­le der 48er Revo­lu­ti­on ein­tra­ten.[2] So wur­de neben eini­gen ande­ren jüdi­schen Bür­gern auch der Groß­va­ter von Wil­helm Drey­er, der Edenk­o­be­ner Arzt Dr. Alex­an­der Drey­fus in die­ser Zeit wegen Hoch­ver­rats und revo­lu­tio­nä­rer Umtrie­be ange­klagt und inhaftiert.

Auch die Kin­der von Alex­an­der Drey­fuß, dar­un­ter Lud­wig Drey­fus, der Vater von Wil­helm, enga­gier­ten sich für das Wohl ihrer Hei­mat­ge­mein­de. Nach dem Tod ihrer Eltern errich­te­ten sie eine Stif­tung, aus deren Erträ­gen zum einen das Grab der Eltern ver­sorgt wer­den soll­te, zum ande­ren aber auch Beträ­ge für Bedürf­ti­ge des Ortes und für den Unter­halt des Spi­tals aus­ge­schüt­tet wer­den soll­ten. „All dies zeigt” – so der ehe­ma­li­ge Bür­ger­meis­ter der Gemein­de Franz Schmidt – „sehr deut­lich den hohen Grad der Inte­gra­ti­on und Assi­mi­la­ti­on des jüdi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teils in Edenk­o­ben.“[3]

Bevor sich auch in dort das poli­ti­sche Kli­ma völ­lig ver­än­der­te, Into­le­ranz und anti­se­mi­ti­sche Het­ze den noch ver­blie­be­nen Juden das Leben zu Höl­le mach­ten, hat­te Lud­wig Drey­fus sei­ne Hei­mat längst ver­las­sen. Als er mit Frau und Kin­dern 1882 in die Kur­stadt kam, gehör­te er bald „zu den füh­ren­den Fami­li­en im Wil­hel­mi­ni­schen Wies­ba­den“.[4]

Lud­wig Drey­fus war im Zuge der impe­ria­lis­ti­schen Poli­tik des Kai­ser­reichs beson­ders durch Im- und Export­ge­schäf­te in Süd­afri­ka, wo er zwi­schen 1859 und 1873 leb­te, als Kauf­mann zu einem beträcht­li­chen Ver­mö­gen gekom­men. Nach sei­ner Rück­kehr nach Euro­pa blieb er zunächst in Lon­don, um vom dama­li­gen Welt­han­dels­zen­trum aus sei­ne weit­ge­spann­te Geschäfts­tä­tig­keit zu ent­fal­ten. In die­ser Zeit kon­ver­tier­te er zum evan­ge­li­schen Chris­ten­tum. Den­noch hei­ra­te­te er drei Jah­re spä­ter, am 6. Juni 1876, Ida Jor­dan, die Toch­ter von Isi­dor und Rosa­lie Jor­dan aus Stutt­gart, die eben­falls jüdi­sche Wur­zeln hat­te.[5] Das Paar blieb wei­ter­hin in Lon­don woh­nen, wo auch am 23. Febru­ar 1881 die Toch­ter Nel­ly gebo­ren wur­de. Als im fol­gen­den Jahr am 8. April Wil­helm zur Welt kam, ent­schlos­sen sich Lud­wig und Ida, die damals noch den Nach­na­men Dry­fus tru­gen, nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren. Dass die Wahl auf Wies­ba­den fiel, hat­te nach Faber kei­ne ande­ren Grün­de als die beson­de­re Attrak­ti­vi­tät die­ser Stadt in der Kai­ser­zeit.[6] Hier wur­den dann auch die fol­gen­den drei Kin­der gebo­ren; zunächst Fried­rich am 7.April 1883, dann Arnold am 10. Mai 1890 und zuletzt Mar­ga­re­te am 25.Dezember 1892. Die Eltern hat­ten alle ihre Kin­der christ­lich tau­fen las­sen. Ver­mut­lich im Zusam­men­hang mit der soge­nann­ten Drey­fuß-Affä­re ließ Lud­wig Drey­fus im glei­chen Jahr 1894 sei­nen Fami­li­en­na­men in Drey­er abän­dern. Ganz sicher mar­kie­ren Namens­än­de­rung und christ­li­che Tau­fe nur noch die inner­lich längst voll­zo­ge­ne Abkehr vom Juden­tum.[7]

Wilhelm Dreyer, Judenhaus Wiesbaden, Dreyfus, Gräfin Frieda von Godin
Vil­la von Lud­wig Drey­er in der Schu­bert­str. 1
Mit Geneh­mi­hung von M. Sauber

Wie sein Schwie­ger­va­ter enga­gier­te sich Lud­wig Drey­er poli­tisch auf kom­mu­na­ler Ebe­ne bei den Libe­ra­len, genau­er den Natio­nal­li­be­ra­len, die den kon­ser­va­ti­ven Flü­gel der sich in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten stark aus­dif­fe­ren­zie­ren­den libe­ra­len Bewe­gung stellte.

Stan­des­ge­mäß lie­ßen sich Drey­ers in dem Vil­len­vier­tel öst­lich der Main­zer Stra­ße, dem soge­nann­ten ‚Musi­ker­vier­tel’, in der Schu­bert­str. 1 eine Vil­la errich­ten.[8] In die­sem groß­bür­ger­li­chen Milieu, in dem aber auch das Inter­es­se an Poli­tik und Natur­wis­sen­schaf­ten geweckt wur­de,[9] wuch­sen Wil­helm und sei­ne Geschwis­ter auf.

Nach dem 1900 am König­li­chen Gym­na­si­um, der heu­ti­gen Dil­theyschu­le, abge­leg­ten Abitur, stu­dier­te er Rechts­wis­sen­schaf­ten in Göt­tin­gen, Hal­le und Mar­burg. 1903 schloss er das Stu­di­um mit dem Ers­ten Staats­examen und einer Pro­mo­ti­on ab. Die fol­gen­de bis 1907 dau­ern­de Refe­ren­dars­zeit brach­te ihn zurück in den Amts­be­reich des Land­ge­richts Wies­ba­den. Wäh­rend sei­ner Asses­so­ren­zeit, die er in dem heu­ti­gen Bad Hom­burg absol­vier­te, hei­ra­te­te er am 3. Juni 1909 in der evan­ge­li­schen Markt­kir­che Wies­ba­dens die aus christ­li­chem Adel stam­men­de Fri­da Frei­in von Godin. Die am 28. Mai 1888 in Stet­ten /​ Böh­men gebo­re­ne Toch­ter des damals bereits ver­stor­be­nen fürst­lich hohen­zol­lern­schen Ober­förs­ters Fried­rich Frei­herr von Godin und sei­ner Frau Augus­te, gebo­re­ne Keller.

Da Wil­helm Drey­er 1908 zum Amts­rich­ter in Elms­horn ernannt wor­den war, über­sie­del­te das Paar nach Schles­wig-Hol­stein. Hier wur­de er auch zu Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges ein­ge­zo­gen, konn­te aber zuletzt nach einer Ver­wun­dung sei­nen Dienst als Mili­tär­rich­ter ableisten.

Wie vie­len ande­ren jüdi­schen Kriegs­teil­neh­mern, die sich, in gutem, aber fal­schen Glau­ben, ihre Hei­mat und die­sen ana­chro­nis­ti­schen Staat ver­tei­di­gen zu müs­sen, auf­op­fer­ten, wur­den auch Wil­helm Drey­er diver­se Orden ver­lie­hen. Sogar noch 1934 wur­de ihm, aller­dings auf eige­nen Antrag, das von Hin­den­burg gestif­te­te „Ehren­kreuz des Welt­krie­ges 1914–1918“ ange­hef­tet.[10] Aller­dings darf die­ser Antrag wohl kaum als Aus­druck einer nar­ziss­ti­schen Ordens­ver­liebt­heit miss­ver­stan­den wer­den. Es han­del­te sich hier­bei viel­mehr um eine sub­ti­le, den­noch sehr deut­li­che Form des Pro­tests gegen einen Staat, der ihm aus ras­sis­ti­schen Grün­den die Aner­ken­nung für die von ihm in den letz­ten zehn Jah­ren erbrach­te Leis­tung verweigerte.

Ganz sicher war er von sei­ner Gesin­nung her Mon­ar­chist; der Ein­tritt in die DVP 1926 ist dafür ein Beleg. Obwohl man in die­ser Par­tei die Mon­ar­chie prin­zi­pi­ell als die bes­se­re Staats­form ansah, war man aber zumin­dest in Tei­len bereit, auf der Basis der bestehen­den Ver­fas­sung den Staat als sol­chen ange­sichts der viel­fäl­ti­gen Bedro­hun­gen von innen und außen zu ret­ten. Das bedeu­te­te aber kon­kret zunächst ein­mal auch, die­se eigent­lich unge­lieb­te Wei­ma­rer Repu­blik mit­tra­gen zu müs­sen. Fun­da­men­tal war für Wil­helm Drey­er die For­de­rung, dass poli­ti­sches Han­deln an Rechts­staat­lich­keit gebun­den sein müs­se. Den Mord am Zen­trums­mit­glied Erz­ber­ger 1921, der in den Krei­sen der kon­ser­va­ti­ven Mili­tärs und Beam­ten­schaft über­wie­gend gou­tiert wur­de, lehn­te Drey­er schon damals vehe­ment ab.

Die­se Grund­hal­tung war bei ihm gepaart mit höchs­ter fach­li­cher Kom­pe­tenz: „Ein hoch­be­gab­ter Rich­ter von umfas­sen­der wis­sen­schaft­li­cher Bil­dung, sorg­fäl­ti­ger Arbeits­wei­se und uner­müd­li­cher Arbeits­kraft. Im Ver­kehr von lie­bens­wür­di­gem Ent­ge­gen­kom­men“, so die exem­pla­ri­sche Beur­tei­lung sei­nes Vor­ge­setz­ten aus dem Jah­re 1928.[11] Drey­er war zu die­sem Zeit­punkt bereits am Ober­lan­des­ge­richt in Frank­furt tätig, nach­dem er zunächst von 1911 bis 1924 in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen an Gerich­ten in Ham­burg ein­ge­setzt wor­den war. Frank­furt soll­te eigent­lich eben­falls nur eine Zwi­schen­sta­ti­on zum nächs­ten Kar­rie­re­sprung an das Reichs­ge­richt sein, für das man ihn für „her­vor­ra­gend geeig­net“ hielt.[12]

Die­se Beför­de­rung hät­te eigent­lich genau zu dem Zeit­punkt ange­stan­den, als die Nazis an die Macht kamen. Statt­des­sen been­de­te das Gesetz über die Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums vom 7. April 1933 den wei­te­ren beruf­li­chen Auf­stieg die­ses aus­ge­zeich­ne­ten Juris­ten. Allein auf­grund der Tat­sa­che, dass er im Ers­ten Welt­krieg an der Front gekämpft hat­te und sogar aus­ge­zeich­net wor­den war, gewähr­te man ihm und einem wei­te­ren sei­ner jüdi­schen Kol­le­gen in Frank­furt noch eine kur­ze Frist. Trotz der Für­spra­che des Ober­lan­des­ge­richts­prä­si­den­ten Sta­del­mann beim Preu­ßi­schen Jus­tiz­mi­nis­ter, die bei­den Kol­le­gen am OLG Frank­furt zu belas­sen,[13] wur­de Dr. Drey­er aber im Okto­ber 1933 an das Land­ge­richt Wies­ba­den ver­setzt,[14] was einer Degra­die­rung gleich­kam, wenn­gleich man ihm die bis­he­ri­gen Bezü­ge und auch die Amts­be­zeich­nung beließ. Bis zum Febru­ar blieb er mit sei­ner Fami­lie noch in Frank­furt woh­nen, pen­del­te somit täg­lich zu sei­nem Arbeits­platz, bis er dann zum 1. Febru­ar 1934 die Woh­nung im zwei­ten Ober­ge­schoss des Hau­ses Alex­and­rastr. 6 bezie­hen konnte.

Erst vor die­sem gesam­ten Hin­ter­grund ist zu ver­ste­hen, wel­che Bedeu­tung die in der glei­chen Zeit erho­be­ne For­de­rung hat­te, auch ihm den von Hin­den­burg gestif­te­ten Orden zu ver­lei­hen. Er wird dar­an kei­ne per­sön­li­chen Hoff­nun­gen mehr geknüpft haben. Es ging ihm viel­mehr dar­um, die­sen Usur­pa­to­ren staat­li­cher Macht zu demons­trie­ren, wel­ches Unrecht sie an ihm und all den ande­ren begin­gen, die sich mit all ihrer Kraft und mit all ihren Fähig­kei­ten für ihr Vater­land ein­ge­setzt hatten.

Das Jahr 1935 bedeu­te­te das end­gül­ti­ge Aus für Wil­helm Drey­ers beruf­li­che Kar­rie­re. Para­do­xer­wei­se muss­te er im Sep­tem­ber 1934[15] noch den per­sön­li­chen Treue­eid auf den „Füh­rer“ Adolf Hit­ler able­gen, nach­dem die­ser sich bereits zuvor nach dem soge­nann­ten „Röhm-Putsch“ selbst zur höchs­ten rich­ter­li­chen Gewalt erklärt und dann nach dem Tod von Hin­den­burg die Insti­tu­ti­on des „Füh­rers“ als Ver­kör­pe­rung des voll­ende­ten Par­tei­en­staats geschaf­fen hatte.

Am 17. Dezem­ber 1935 teil­te man dem Ober­lan­des­ge­richts­rat Dr. Wil­helm Drey­er mit­tels einer schnör­ke­lig gestal­te­ten Urkun­de und unter gram­ma­ti­ka­li­scher Ver­keh­rung von Aktiv und Pas­siv mit, dass er “mit Ablauf des 31. Dezem­ber 1935 in den Ruhe­stand (tritt)“ – und nicht getre­ten wird![16]

In den Fol­ge­jah­ren pfleg­ten Drey­ers trotz der Ent­las­sung wei­ter­hin den bis­he­ri­gen gesell­schaft­li­chen Umgang, unter­nah­men Rei­sen, was dank der Tat­sa­che, dass Wil­helm Drey­er ein jähr­li­ches Ruhe­ge­halt von annä­hernd 11.000 RM gewährt wur­de, auch mög­lich war.[17]

Als am 10. Novem­ber 1938 auch in Wies­ba­den die Syn­ago­ge brann­te und die Juden Opfer der orga­ni­sier­ten Gewalt wur­den, gehör­te auch Wil­helm Drey­er zu den­je­ni­gen, die ver­haf­tet und am fol­gen­den Tag über Frank­furt in das KZ Buchen­wald ver­schleppt wur­den.[18]

Vie­le der Inhaf­tier­ten kamen, vor die Alter­na­ti­ve Frei­las­sung und schnel­le Aus­wan­de­rung oder KZ-Haft gestellt, nach eini­gen Wochen wie­der frei und ver­lie­ßen Deutsch­land. Wie­so Wil­helm Drey­er ein ande­res, viel schlim­me­res Schick­sal ereil­te, ist nicht mehr nach­zu­voll­zie­hen. Auch ehe­ma­li­ge Mit­ge­fan­ge­ne konn­ten spä­ter kei­ne Anga­ben dazu machen.[19]

Am 25. Novem­ber 1938 kam er im KZ Buchen­wald eine hal­be Stun­de vor Mit­ter­nacht zu Tode, so die Anga­be in der in Wei­mar aus­ge­stell­ten Ster­be­ur­kun­de.[20]

Zuvor hat­te er noch mit­tels einer zum Teil vor­ge­druck­ten Post­kar­te sei­ner Frau sei­nen Auf­ent­halts­ort mit­tei­len kön­nen: „Lie­be Fri­da! Ich bin in die­sem Lager, es geht mir gut. Schickt bit­te je ein Stück Wäsche ein­schließ­lich (?) Sport­hemd sowie in bar 50 RM. Dein Wil­ly.“ Er füg­te dann noch an: „Sen­de ein Paar Schuh­bän­der. Das Paket darf kei­nen Brief ent­hal­ten. Ich habe vor­läu­fig Post­sper­re. Anfra­gen an die hie­si­ge Kom­man­dan­tur sind zweck­los. Schi­cke bit­te etwas Papier.“ [21]

Zum Zeit­punkt, als die Kar­te ver­sandt wur­de, war er bereits tot. Die Nach­richt vom Able­ben ihres Man­nes ver­an­lass­te sei­ne Frau Fri­da, sofort nach Buchen­wald zu fah­ren, um den Leich­nam vor der übli­chen Ein­äsche­rung zu bewah­ren. Es wur­de ihr ent­ge­gen der übli­chen Vor­ge­hens­wei­se tat­säch­lich gestat­tet, ihren toten Ehe­mann nach Wies­ba­den zu über­füh­ren, wo er auf dem Süd­fried­hof im Rah­men einer christ­li­chen Beer­di­gung sei­ne letz­te Ruhe­stät­te fand.

Zu Recht wirft Faber in sei­ner Abhand­lung die Fra­ge auf, war­um es Dr. Drey­er, anders als den ande­ren Mit­ge­fan­ge­nen vom 10. Novem­ber, nicht gelun­gen war, dem KZ und damit dem Tod zu entgehen.

Nicht wirk­lich über­zeu­gend ist jedoch die Ant­wort, die er dar­auf fin­det: Man habe in der kur­zen Frist nicht recht­zei­tig die not­wen­di­gen Papie­re beschaf­fen kön­nen und zudem hät­ten die Drey­ers nicht mehr über die nöti­gen finan­zi­el­len Mit­tel ver­fügt, nach­dem die vor­mals in Eng­land ange­leg­ten Ver­mö­gens­wer­te nach Deutsch­land trans­fe­riert wer­den muss­ten und hier dem Zugriff der Eigen­tü­mer ent­zo­gen wur­den.[22]

Ganz sicher hät­te die Fami­lie Drey­er, wenn sie es denn gewollt hät­te, vor 1938 aus­wan­dern kön­nen, selbst­ver­ständ­lich unter Zurück­las­sung erheb­li­cher Ver­mö­gens­wer­te. Die Siche­rungs­an­ord­nung gegen Wil­helm Drey­er erging erst am 14. Sep­tem­ber 1938. Zu die­sem Zeit­punkt besaß er selbst ein Ver­mö­gen von mehr als 40.000 RM, hin­zu kam das jähr­li­che Ruhe­ge­halt von etwa 10.000 RM.[23] Laut der Ver­mö­gens­er­klä­rung der Mut­ter nach Stand April 1938 besaß die­se sogar ein Ver­mö­gen von etwa 230.000 RM.[24] Natür­lich war auch die­ses durch Anord­nung der Devi­sen­stel­le Frank­furt vom 16. Sep­tem­ber 1938 inzwi­schen gesi­chert und stand nicht zur frei­en Ver­fü­gung.[25]

Man muss aller­dings sehen, dass zu die­sem Zeit­punkt noch die Ver­trei­bung, beson­ders die Ver­trei­bung rei­cher Juden aus Deutsch­land unter Zurück­las­sung mög­lichst gro­ßer Ver­mö­gens­wer­te, und nicht die Ver­nich­tung das erklär­te Ziel der NS-Juden­po­li­tik war. Es gibt ent­spre­chend vie­le Bei­spie­le dafür, dass die Siche­rungs­an­ord­nun­gen über die Ver­mö­gen par­ti­ell gelo­ckert wur­den, wenn die Eigen­tü­mer Gel­der für die Aus­rei­se benö­tig­ten. So gelang es damals auch ande­ren Häft­lin­gen mit weit weni­ger finan­zi­el­len Mit­teln, in rela­tiv kur­zer Zeit die not­wen­di­gen Papie­re für einen Grenz­über­tritt zu beschaf­fen.[26]

Man muss ver­mut­lich davon aus­ge­hen, dass Wil­helm Drey­er bis zum Herbst 1938 trotz aller Zurück­set­zung und Dis­kri­mi­nie­rung, die er erfah­ren hat­te, die dro­hen­den Gefah­ren ange­sichts sei­ner bis­lang rela­tiv gesi­cher­ten Lebens­si­tua­ti­on nicht wirk­lich wahr­nahm oder wahr­neh­men woll­te. Hin­zu kom­men die Fra­gen, mit denen alle Emi­gran­ten kon­fron­tiert waren: Was wird aus den zurück­ge­blie­be­nen Ver­wand­ten, kon­kret: Was wür­de aus der über 80-jäh­ri­gen Mut­ter wer­den, die ganz sicher nicht mehr mit­ge­gan­gen wäre? Aber auch die Ver­mö­gens­wer­te, die man gewiss noch nicht völ­lig auf­ge­ge­ben hat­te, beson­ders das schö­ne Haus – all das waren Aspek­te, die in ent­spre­chen­den Gesprä­chen inner­halb der Fami­lie und mit Freun­den ange­sichts einer solch exis­ten­zi­el­len Ent­schei­dung bedacht sein wollten.

Für Wil­helm Drey­er kam ver­mut­lich noch ein wei­te­rer wich­ti­ger Moment hin­zu. Er, der außer­ge­wöhn­li­che Jurist, der sich mit sei­ner gan­zen Per­son dem Recht ver­schrie­ben hat­te, wird kaum bereit gewe­sen sein, sich dem Unrecht zu beu­gen. So könn­te es sein, dass die­se grund­sätz­li­che Hal­tung in Buchen­wald, als man ihn vor die Ent­schei­dung stell­te, in einem Kon­flikt kumu­lier­te, bei dem er – sei es durch äuße­re Gewalt oder auch durch inne­re Erre­gung – sein Leben ver­lor.[27]

 

Trotz des Todes ihres Man­nes muss­te Fri­da Drey­er noch die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be für ihn bezah­len. 7.800 RM, zuzüg­lich der 5. Rate von noch ein­mal 1.950 RM, hat­te sie zu ent­rich­ten.[28] Umso irri­tie­ren­der ist, dass Frie­da Drey­er ab 1939, also nach der Reichs­po­grom­nacht und dem Tod ihres Man­nes, bis 1945 Mit­glied der „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Volks­wohl­fahrt“, der NSV, gewor­den war, einer Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on der NSDAP, die sich die „Für­sor­ge“ ras­sisch wie erb­bio­lo­gisch wert­vol­ler Fami­li­en zur Auf­ga­be gemacht hat­te.[29]

Im Hin­blick auf die Juden­ver­mö­gens­ab­ga­be traf es die Schwie­ger­mut­ter Ida Drey­er, der man 38.400 RM in Raten á 9.600 RM abver­lang­te, noch här­ter.[30] Aller­dings wur­de im Janu­ar 1940 die Ein­for­de­rung der 5. Rate für bei­de zurück­ge­nom­men bzw. als abge­gol­ten ange­se­hen, da Ida Drey­er bereits im Okto­ber 1938 ihren Anteil am Haus in der Schu­bert­str. 1 ihren Kin­dern im Wert von mehr als 30.000 RM geschenkt und damit die Berech­nungs­grund­la­ge für die Abga­be erheb­lich gemin­dert hat­te.[31] Eine wei­te­re Schen­kung, dies­mal expli­zit an die Fami­li­en­mit­glie­der, die nicht-jüdi­scher Her­kunft waren, erfolg­te am 19. Dezem­ber 1938. Dies­mal ver­schenk­te sie ins­ge­samt mehr als 60.000 RM, wovon auch ihre ver­wit­we­te Schwie­ger­toch­ter Fri­da 15.000 RM erhielt.[32]

Weni­ge Tage spä­ter ereil­te die Fami­lie ein wei­te­rer Schick­sals­schlag. Der jün­ge­re Bru­der von Wil­helm, Fried­rich Drey­er, der mit sei­ner Frau Char­lot­te, gebo­re­ne Schmidt, in Bre­men leb­te, nahm sich am 23. Dezem­ber 1938 das Leben. Was der kon­kre­te Aus­lö­ser für die Tat war, ist nicht bekannt.[33]

Alle drei Söh­ne waren tot, geblie­ben waren Ida Drey­er noch die bei­den Töch­ter Nel­ly und Mar­ga­re­te mit ihren Fami­li­en, die aber nicht mehr in der nähe­ren Umge­bung wohn­ten. So wur­den wohl ihre Schwie­ger­toch­ter Fri­da und deren Mut­ter, die schon lan­ge mit im Haus in der Schu­bert­str. 1 leb­te, zu ihren wich­tigs­ten Bezugs­per­so­nen. An Fri­da schrieb sie am 11. Novem­ber 1940 einen letz­ten Brief, bevor auch sie sich mit Vero­nal selbst das Leben nahm:

„Mei­ne lie­be, lie­be Frida !
Einen inni­gen letz­ten Gruß schi­cke ich dir und dan­ke dir mit gan­zem Her­zen für alles, was du mir, beson­ders in die­sen letz­ten bei­den Jah­ren seit unse­res Willy’s Tod und ganz beson­ders in die­sen jet­zi­gen schwers­ten Tagen gewe­sen bist. Du weißt, dass ich mei­nen Ent­schluß nicht leicht­fer­tig gefasst habe, son­dern schwer mit mir gerun­gen habe und gehofft, dass mein Herz es nicht aus­hält und ich ruhig ein­schla­fen dür­fe. Es soll­te nicht sein. Unser Herr­gott hat es anders bestimmt. Ich aber füh­le, dass mein Ver­stand die Quä­le­rei Tag u. Nacht nicht län­ger aus­hal­ten und ich glau­be auch, mei­ne Kin­der, du und dei­ne lie­be Mut­ter im täg­li­chen Zusam­men­sein, das für mich der größ­te Halt war und eben­so die from­men (?) Kin­der(,) die mich lieb haben(,) zer­mürbt die­ses täg­li­che War­ten mit immer schwe­re­ren Qualen.“
Dann – nur ange­deu­tet in den Hin­wei­sen, wo, in wel­chen Schrän­ken und Schub­la­den, die Brie­fe der Kin­der und Enkel aus deren Kind­heit, Jugend oder Sol­da­ten­zeit lie­gen – der Rück­blick auf das einst so glück­li­che Leben.
„Noch­mals mein lie­bes Kind mei­nen ganz herz­li­chen Dank für alle mir erwie­se­ne Lie­be und Treue. Möge ein Vater im Him­mel Euch nach schwe­rem Erle­ben wie­der schö­ne­re und fro­he Tage schen­ken, wie sehr hof­fe ich, auch oft im Ver­ein mit Gre­tel, Fritz und ihren Kindern.
Einen inni­gen Kuß, auch dei­ner lie­ben Mut­ter von dei­ner dankbaren
Mama“[34]

Angeb­lich hat­te Ida Drey­er die­sen Ent­schluss gefasst, weil sie von Bekann­ten erfah­ren hat­te, dass sie auf einer Lis­te für eine Depor­ta­ti­on nach Gurs stün­de.[35] Quel­len dafür sind aber nicht ange­ge­ben. Es gab sol­che Trans­por­te im Okto­ber 1940 im Rah­men der soge­nann­ten „Wag­ner-Bürckel-Akti­on“,[36] bei der etwa sechs­ein­halb­tau­send Juden aus dem süd­deut­schen Raum nach Gurs ver­schleppt wur­den. Mög­li­cher­wei­se stand sie als gebür­ti­ge Stutt­gar­te­rin tat­säch­lich auf einer die­ser Lis­ten. Die Gefahr einer unmit­tel­bar dro­hen­den Abschie­bung aus Wies­ba­den war aber zu die­sem Zeit­punkt nicht gege­ben. Ver­wun­der­lich ist zudem, dass sie die­sen Anlass in ihrem Brief nicht ansprach, son­dern nur sehr all­ge­mein die tag­täg­li­chen Quä­le­rei­en erwähnte.

Vor ihrem Haus in der Schu­bert­str. 1 liegt heu­te ein Stol­per­stein mit der Inschrift: „GEDEMÜTIGT /​ ENTRECHTET – FLUCHT IN DEN TOD – 11.11.1940“.

Vor dem Haus in der Alex­and­rastr. 6 erin­nert eben­falls ein sol­cher Stol­per­stein an Dr. Wil­helm Drey­er, ihren in Buchen­wald zu Tode gekom­me­nen Sohn.

Stand: 06. 12. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Zu Dr. Wil­helm Drey­er liegt eine umfas­sen­de bio­gra­phi­sche Bear­bei­tung von Rolf Faber vor, sodass hier, zumal er vor der Umfunk­tio­nie­rung des Hau­ses in ein Get­to­haus dort wohn­te, nur die wesent­li­chen Daten sei­nes Lebens nach­ge­zeich­net wer­den. Dabei wird bewusst auf eine aus­führ­li­che Dar­stel­lung der juris­ti­schen Kar­rie­re ver­zich­tet, auf die Faber sehr detail­liert ein­ge­gan­gen ist. Faber, Rolf, Der Wies­ba­de­ner Ober­lan­des­ge­richts­rat Dr. Wil­helm Drey­er (1882–1938). Sein Leben und Schick­sal im Kai­ser­reich, in der Wei­ma­rer Repu­blik und in der Nazi­zeit, in: Nas­saui­sche Anna­len 115, 2004, S. 409–440. Eine geraff­te Dar­stel­lung, eben­falls von Rolf Faber, ist erschie­nen in Faber, Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, S. 48–53. Zudem liegt ein Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­um Spie­gel­gas­se zu Wil­helm Drey­er vor. http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​D​r​e​y​e​r​-​W​i​l​h​e​m​.​pdf.  (Zugriff: 18.11.2017).

[2] Schmidt, Franz, Juden in Edenk­o­ben. Spu­ren ihrer Geschich­te 1660 – 1942, Neu­stadt a.d. Wein­stra­ße, 1990, S. 132–134.

[3] Ebd. S. 135.

[4] Faber, Rönsch, Wies­ba­dens jüdi­sche Juris­ten, S. 49.

[5] Isi­dor Jor­dan war ein in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts in Stutt­gart hoch ange­se­he­ner Jurist, der sich auch poli­tisch bei den Libe­ra­len für eine Eman­zi­pa­ti­on der Juden, aber auch für eine all­ge­mei­ne Demo­kra­ti­sie­rung ein­setz­te. Sie­he http://www.alemannia-judaica.de/stuttgart_personen.htm#Dr.%20Jordan%20wird%20f%C3%BCr%20die%20Wahl%20in%20den%20B%C3%BCrgerausschuss%20vorgeschlagen%20(1846). (Zugriff: 18.11.2017). Zitiert wird dort die All­ge­mei­ne Zei­tung des Juden­tums vom 20.7.1846: “Stutt­gart, 20. Juni (1846). Für die bevor­ste­hen­den Ergän­zungs­wah­len zu unse­ren städ­ti­schen Kol­le­gi­en wird dies­mal von Sei­ten unse­rer Libe­ra­len, wel­che seit län­ge­rer Zeit die Wah­len in ihrem Sin­ne durch­set­zen und nament­lich gegen die Lebens­läng­lich­keit der Stadt­rä­te in pra­xi mit Erfolg ankämp­fen, Dr. Jor­dan, ein Israe­lit, als Mit­glied des Bür­ger­aus­schus­ses vor­ge­schla­gen. Es ist dies hier in Stutt­gart der ers­te Fall, dass ein Israe­lit für ein städ­ti­sches Kol­le­gi­um in Vor­schlag kommt und die­ser Fort­schritt ist umso erfreu­li­cher, als bis jetzt selbst ein gro­ßer Teil unse­rer Libe­ra­len einer völ­li­gen Eman­zi­pa­ti­on der Israe­li­ten noch ent­schie­den ent­ge­gen war.“

[6] Faber, Wil­helm Drey­er, S. 411.

[7] Im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 wer­den den eige­nen Ras­se­ge­set­zen zuwi­der Ida Drey­er als „getauf­te Jüdin“ und der Sohn Wil­helm davon abge­lei­tet als „Halb­ju­de“ bezeich­net!

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkm%C3%A4ler_in_Wiesbaden‑S%C3%BCdost_(Villengebiete)#/media/File:Wiesbaden,_Schubertstr._1.JPG. (Zugriff: 18.11.2017). Beson­ders her­vor­zu­he­ben ist der Fas­sa­den­schmuck mit ver­schie­de­nen Tie­ren Afri­kas, die eine Remi­nis­zenz an die Quel­le des fami­liä­ren Reich­tums dar­stel­len. Zuvor hat­ten sie nicht viel weni­ger reprä­sen­ta­tiv in einer Vil­la auf dem glei­chen Grund­stück, aber zur Frank­fur­ter Stra­ße hin gele­gen, gewohnt.

[9] Sie­he dazu Faber, Wil­helm Drey­er, S. 412 f.

[10] Ebd. S. 422. Sein jün­ge­rer Bru­der Arnold hat­te sei­ne Opfer­be­reit­schaft mit dem Leben bezahlt. Er war am 30.7.1915 in Russ­land gefallen.

[11] HHStAW 518 3268 (26). Die Beur­tei­lung stamm­te vom dama­li­gen  Prä­si­den­ten des OLG Frank­furt, Held­mann. In der Akte sind unter­schied­li­che Beur­tei­lun­gen ver­schie­de­ner Vor­ge­setz­ter in Aus­zü­gen zusam­men­ge­stellt, alle durch­drun­gen von höchs­ter Aner­ken­nung für sei­ne Leistungen.

[12] Ebd.

[13] Im glei­chen Brief setz­te sich Sta­del­mann aber vehe­ment für die Ver­set­zung der übri­gen jüdi­schen Rich­ter an den Frank­fur­ter Gerich­ten ein. Frank­furt sei „jahr­zehn­te­lang ein Sam­mel­punkt jüdi­scher Rich­ter gewe­sen“, wodurch das „Anse­hen der Rechts­pfle­ge stark erschüt­tert wor­den“ sei. Wäh­rend sein Vor­gän­ger, der OLG-Prä­si­dent Hem­pel, Mit­glied des Zen­trums, der Drey­er noch in höchs­ten Tönen gelobt hat­te, als „geschei­ter­ter Oppor­tu­nist“  — so v. Grue­ne­waldt (S. 96) – eher zöger­lich die For­de­run­gen an eine Umwand­lung des Jus­tiz­ap­pa­ra­tes befolg­te, und des­we­gen selbst zwangs­ver­setzt wur­de, setz­te sein Nach­fol­ger Sta­del­mann, NSDAP-Mit­glied seit 1.4.1933, die „Säu­be­rung“ rigo­ros um. Sie­he dazu von Grü­ne­waldt, Arthur, Die Rich­ter­schaft des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Tübin­gen 2015, S. 82–107. V. Grue­ne­waldt beschreibt hier detail­liert, wie sich all­mäh­lich durch äuße­ren Druck, aber genau­so durch ängst­li­ches Zurück­wei­chen bereits ab 1930 die Situa­ti­on am OLG Frank­furt ver­än­der­te. Hem­pels Beur­tei­lung ist eben­falls in HHStAW 518 3268 (26) enthalten.

[14] HHStAW 518 3268 (25) Hier wird ihm die Ver­set­zung ange­kün­digt und er wird zu einer Stel­lung­nah­me auf­ge­for­dert, Grue­ne­waldt v., Rich­ter­schaft, S. 207 zitiert aus der Ver­set­zungs­ur­kun­de selbst: „Im dienst­li­chen Inter­es­se wer­den Sie auf Grund des § 5 Geset­zes zur Wie­der­her­stel­lung des Berufs­be­am­ten­tums vom 7. April 1933 (RGBl. I S. 175) Ihrem Wunsch ent­spre­chend gemäß zum 1. Dezem­ber 1933 unter Belas­sung Ihrer bis­he­ri­gen Amts­be­zeich­nung und des Dienst­ein­kom­mens Ihrer bis­he­ri­gen Stel­le als Land­ge­richts­rat an das Land­ge­richt Wies­ba­den versetzt.“

[15] Nach Faber fand die Ver­ei­di­gung am 10. Sep­tem­ber, nach von Grue­ne­waldt am 15. Sep­tem­ber statt, sie­he Faber, Wil­helm Drey­er, S. 422 und Grue­ne­waldt, v. Rich­ter­schaft, S. 34 f. Anm. 57.

[16] HHStAW 518 3268 (26). Die Urkun­den der Ver­set­zung und Ent­las­sung sind als Fak­si­mi­le auf dem Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se wie­der­ge­ge­ben. Inter­es­sant ist der Hin­weis von v. Grue­nen­waldt, dass ent­las­se­nen jüdi­schen Beam­ten mit drei oder vier jüdi­schen Groß­el­tern per Erlass des Reichs­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums aus­drück­lich „der Dank des Füh­rers und Reichs­kanz­lers für die für das Reich geleis­te­ten Diens­te nicht mehr zum Aus­druck zu brin­gen“ sei. Grue­ne­waldt, v. Rich­ter­schaft, a.a.O. S. 219, dazu Anm. 140.

[17] Sie­he Faber, Wil­helm Drey­er, S. 431 f.

[18] Sie­he zu den Vor­gän­gen in Wies­ba­den Bem­ben­eck, Ulrich, Wider­stand und Ver­fol­gung, S. 286 ff.; Juden in Wies­ba­den, S. 58 ff.; Faber, Wil­helm Drey­er, S. 434 f.

[19] Faber, Wil­helm Drey­er, S. 435 ff., der auch die Haft­be­din­gun­gen in Buchen­wald hier genau­er beschreibt.

[20] HHStAW 518 3268 (10).

[21] HHStAW 518 3268 (9). Faber zitiert die Sät­ze, die auf der Rück­sei­te der Kar­te gestan­den haben. Die Kar­te war in einer Foto­ko­pie in der oben genann­ten Akte vor­han­den, lei­der ist die Kopie mit der Rück­sei­te inzwi­schen ver­lo­ren gegan­gen. Faber, Wil­helm Drey­er, S. 438.

[22] Faber, Wil­helm Drey­er, S. 438 f.

[23] HHStAW 519/​3 11633 (1) Im Ver­mö­gen­steu­er­be­scheid von 1940 ist das zu ver­steu­ern­de Ver­mö­gen sogar mit 65.000 RM ange­ge­ben, HHStAW 518 3268 (18).

[24] HHStAW 685 127 Ver­mö­gen­steu­er­ak­te (4). Dar­in ent­hal­ten ist das Haus­grund­stück in der Schu­bert­str. 1 mit einem Ein­heits­wert von 33.000 RM.

[25] HHStAW 519/​3 11633 (3–4).

[26] So besorg­te z. Bsp. die eben­falls ari­sche Kati Loeb für ihren in Buchen­wald ein­sit­zen­den Ehe­mann  Juli­us Loeb die not­wen­di­gen Papie­re in kür­zes­ter Zeit und ermög­lich­te damit sei­ne Frei­las­sung und sei­ne Aus­rei­se nach Holland.

[27] Eine Todes­ur­sa­che ist in der Ster­be­ur­kun­de nicht auf­ge­führt. Nach Faber hat­te Fri­da Drey­er spä­ter mit­ge­teilt, dass der Leich­nam ihres Man­nes einen „fried­li­chen Ein­druck“ gemacht habe, er abge­ma­gert gewe­sen sei, aber kei­ne Anzei­chen von Gewalt­an­wen­dung erkenn­bar gewe­sen sei­en. Faber, Wil­helm Drey­er, S. 438. Ein Beleg für einen Tod ohne äuße­re Ein­wir­kung ist die­se Wahr­neh­mung aber mit Sicher­heit nicht.

[28] HHStAW 518 3268 (15).

[29] HHStAW 518 59417 (2), Antrag im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren. Goeb­bels hat­te die wesent­li­chen Auf­ga­ben der NSV klar in einer Rede beim Reichs­par­tei­tag 1938 zusam­men­ge­fasst: „Wir gehen nicht vom ein­zel­nen Men­schen aus, wir ver­tre­ten nicht die Anschau­ung: man muss die Hun­gern­den spei­sen, die Durs­ti­gen trän­ken und die Nack­ten beklei­den – das sind für uns kei­ne Moti­ve. Unse­re Moti­ve sind ganz ande­rer Art. Sie las­sen sich am lapi­dars­ten in dem Satz zusam­men­fas­sen: Wir müs­sen ein gesun­des Volk besit­zen, um uns in der Welt durch­set­zen zu kön­nen.“ Zit. nach Kam­mer, Hil­de, Bartsch, Eli­sa­beth, Natio­nal­so­zia­lis­mus, Begrif­fe aus der Zeit der Gewalt­herr­schaft 1933 – 1945, Rein­bek 1992, Bei­trag NSV, S. 599 f.

[30] HHStAW 685 127 (38).

[31] HHStAW 685 127 (39 und Schrei­ben des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten vom 10.1.1940, o.P.). Die Ver­mö­gens­wer­te waren, obwohl bereits ver­schenkt, in die Berech­nung ein­ge­gan­gen, weil die Geneh­mi­gung durch die staat­li­chen Stel­len zu die­sem Zeit­punkt noch nicht erfolgt war.

[32] HHStAW 519/​3 11633 (8–12). Am 16. Febru­ar 1939 wur­de die Siche­rungs­an­ord­nung gegen Dr. Wil­helm Drey­er durch eine Mit­tei­lung des Ober­fi­nanz­prä­si­den­ten Kas­sel, die an Zynis­mus kaum zu über­bie­ten ist, wie­der auf­ge­ho­ben: „Ich habe die gegen Drey­er erlas­se­ne Siche­rungs­an­ord­nung auf­ge­ho­ben, da der­sel­be ver­stor­ben ist und die Kon­ten laut Mit­tei­lung der Frank­fur­ter Bank, Frank­furt am Main, vom 11.2.1939, auf sei­ne ari­sche Ehe­frau Fri­da Drey­er geb. Frei­in von Godin als Allein­er­bin über­ge­gan­gen sind.“ HHStAW 519/​3 11633 (o.P.).

[33] Im Erin­ne­rungs­blatt für Ida Drey­er wird gesagt, dass er die Tat „aus Angst, das glei­che Schick­sal wie sein Bru­der zu erle­ben“ began­gen habe. Eine sol­che Deu­tung ohne genaue­re Kennt­nis der kon­kre­ten Umstän­de ist zumin­dest gewagt, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​D​r​e​y​e​r​-​I​d​a​.​pdf. (Zugriff: 18.11.2017).

[34] HHStAW 518 59417 (15). Gemeint sind die Toch­ter Mar­ga­re­te Drey­er, ver­hei­ra­tet mit Fried­rich Schulz, und die Kin­der Arnold und Birgit.

[35] Sie­he Faber, Wil­helm Drey­er, S. 440 und das Erin­ne­rungs­blatt für Ida Drey­er des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se.

[36] Gott­waldt, Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 37–46.