Arthur, Sophie und Eva Wertheimer


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses

 

 

 

 

 

 

 


Anders als bei vielen anderen Bewohnern der Wiesbadener Judenhäuser, über die man nichts oder nur sehr wenig weiß, stellt die Geschichte der Familie Wertheimer einen besonderen Glücksfall dar, gehörte die Tochter Eva doch zu den drei aus Wiesbaden Deportierten, die die Torturen eines langjährigen Aufenthalts in den Konzentrationslagern überlebte und – wenn auch spät – selbst Zeugnis über das eigene und das Schicksal ihrer Verwandten ablegen konnte. In zwei ausführlichen mündlichen Zeugnissen, die im Archiv des United States Holocaust Museum hinterlegt sind,[1] gibt sie darüber umfassend Auskunft. Neben den Akten des Wiesbadener Hauptstaatsarchivs, stellen ihre authentischen Zeugnisse das wesentliche Fundament der folgenden Ausführungen dar.

Arthur Wertheimer, Sophie Wertheimer Maschke, Heinz Wertheimer, Amalie Wertheimer Visser, Rosa Ruth Wertheimer, Kurt Wertheimer, Ernst Günther Wertheimer, Eva Wertheimer Eva Gerstle, Eva Zwick, Aribert ZwickJulius Gerstle, Susan Gerstle, Jacqueline Gerstle, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Stammbäume der Familien Wertheimer – Zwick – Maschke

Die Familie Wertheimer war keine alteingesessene Wiesbadener Familie, sie war vielmehr dem Ruf der Stadt gefolgt, dass die Kurmetropole der ideale Platz für entsprechend bemittelte Rentiers sei, um einen angenehmen Lebensabend zu verbringen. Arthur Wertheimer, eigentlich Saul Arthur Wertheimer, war am 12. Januar 1873 nahe bei Hannover im norddeutschen Peine geboren worden,[2] einer Stadt mit einer sehr langen, allerdings – wie überall – auch mit einer sehr wechselhaften jüdischen Geschichte, die schon immer auch durch Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt war.[3] In dieser Stadt, in der Juden über viele Jahre eine wichtige Funktion im Handel und der Geschäftswelt innehatten, gehörte die Familie zur eher gehobenen Schicht. Arthur Wertheimer war, wie auch schon sein ursprünglich aus Hannover stammender Vater Hermann Wertheimer im Bankgewerbe tätig. Sogar der Großvater soll bereits in diesem Metier aktiv gewesen sein. Hermann Wertheimer, geboren um 1829, war mit Anna Michaelson verheiratet.[4] Nach ihrem Berufsleben waren die Eltern von Arthur Wertheimer wieder nach Hannover zurückgekehrt, wo sie auch verstarben. Arthur Wertheimer selbst machte Karriere als Direktor der Niederlassung einer deutschen Bank in Peine.

In einer ersten Ehe war er verheiratet mit Leonie Neuberg.[5] Die Ehe, aus der die beiden Söhne Heinz und Kurt hervorgingen, wurde später geschieden und – so Eva Gerstle-Wertheimer – dann in der zweiten Familie völlig tabuisiert. Heinz, geboren am 22. Januar in Peine, und Kurt, im April 1901 ebenfalls dort geboren, hatten nach der Trennung auch keine Verbindung mehr zu ihrer Mutter. Sie wuchsen im Haus des Vaters auf, der am 1. Juli 1911 in Berlin in zweiter Ehe die aus dem vorpommerschen Bütow stammende Sophie Maschke heiratete.[6] Ihre Eltern, der Kaufmann Ernst Maschke und seine Frau Amalie, geborene Wolff, hatten zuletzt in dem etwa 50 km südlich von Bütow gelegenen Konitz gelebt, waren aber zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits verstorben.[7] Sophie Maschke, geboren am 19. November 1875,[8] hatte zumindest noch zwei Schwestern, Anna und Selma, die sich zusammen am 11. September 1920 aus Peine kommend in Kiel niederließen und in der Reventlouallee 3 eine Pension eröffneten. Nach dem Machtantritt der Nazis wurden ihre beruflichen Aktivitäten immer mehr eingeschränkt und sie konnten nur noch als Zimmervermittlerinnen tätig werden.[9]

In dieser zweiten Ehe von Arthur Wertheimer wurde am 26. September 1912 zunächst ein weiterer Sohn Ernst-Günther, dann am 20. April 1914 die Tochter Eva geboren, die im Geburtsregister mit vollem Namen als Eva Amalie Anna eingetragen ist. Die Eltern lebten damals in Peine in der Breite Str. 47.[10]

In Peine, wo die beiden letzten Kinder während der Weimarer Republik ihre Kindheit und Jugend verbrachten, lebten damals etwa 100 bis 120 jüdische Familien. Obwohl sie die einzige jüdische Schülerin in ihrer Klasse gewesen sei, habe sie damals nie irgendwelche antisemitischen Ressentiments zu spüren bekommen, erinnerte sich Eva Gerstle-Wertheimer. Sie seien alle Freundinnen gewesen. Die Familie habe aber auch zu den assimilierten Juden gehört, die eigentlich nur an den Feiertagen zur Synagoge ging. Viel Wissen über ihre religiösen Wurzeln habe sie nicht gehabt, geschweige denn Kenntnisse der hebräischen Sprache. Man verstand sich in erster Linie als Deutsche und dann erst als Jude.

1928 fusionierte die Bank, bei der Arthur Wertheimer angestellt war, mit einer anderen großen deutschen Bank und die Zweigstelle Peine wurde aufgegeben. Er selbst durfte mit 52 Jahren in den Ruhestand gehen. Die ‚Noch-Welt-Kurstadt’ Wiesbaden bot für einen jungen Rentier vermutlich einige Attraktionen mehr als die Kleinstadt Peine und auch für die beiden noch schulpflichtigen Kinder erhofften sich die Eltern in Wiesbaden eine bessere Schulausbildung. Nach ihrem Umzug am 20. März 1928 bewohnte die Familie zunächst ein wunderschönes Haus in der Kapellenstr. 51,[11] zog dann am 5, April 1932 auf die andere Seite der Stadt in die Hindenburgallee 17, die heutige Biebricher Allee in ein nicht minder schönes Haus, in dem sie im dritten Stock eine Eigentumswohnung erworben hatte.[12] Welche Schule Ernst-Günther besuchte, ist nicht bekannt, aber Eva wurde an der renommierten Mädchenschule, dem Lyzeum am Schlossplatz, aufgenommen. Auch hier habe es nach ihren Erinnerungen keinen Antisemitismus gegeben, man habe zusammen gespielt und sei im Winter im nahe gelegenen Taunus gemeinsam Schifahren gewesen. In einer Tanzgruppe habe sie viel Zeit mit anderen Jungen und Mädchen verbracht. Sie habe damals ihr Leben in vollen Zügen genossen und sei auch nie gefragt worden, ob sie jüdisch sei. So authentisch und subjektiv wahr diese Erinnerungen auch sein mögen, sie sind ganz sicher getrübt von der Realitätswahrnehmung eines jungen Mädchens, das die dunklen Wolken am Horizont nicht wahrnehmen wollte und vielleicht auch nicht konnte. Aber es gab auch schon in den Jahren vor 1933 verschiedenste antisemitische Vorfälle in der Stadt – man denke nur an den Skandal bei der Veranstaltung mit Kurt Tucholsky im Jahr 1929 oder die im ‚Nassauischen Beobachter’ verbreitete Hetze gegen Juden – und auch das Klima im Lyzeum war keineswegs gegen solche Einflüsse gefeit.[13] Natürlich machte es einen Unterschied, ob man aus einer assimilierten oder einer ostjüdischen Familie stammte, aber gerade Letztere waren solchen Anfeindungen schon damals ständig ausgesetzt.

Ab 1933 waren dann alle betroffen. Eva Wertheimer hatte inzwischen ihre Schulzeit beendet und hatte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin begonnen, konnte diese aber nicht mehr abschließen. Im letzten dritten Jahr der Ausbildung war Hitler an die Macht gekommen und nachdem auch sie durch ihren Ausbilder immer häufiger mit beleidigenden Bemerkungen konfrontiert wurde, verließ sie – so ihre Aussage – die Anstalt, bevor sie davon verjagt werden würde.

Auch wenn man – wie viele andere auch – eigentlich davon ausging, dass Hitler sehr bald zu Fall gebracht würde, bemühten sich die Eltern, zumindest die beiden jüngeren Kinder möglichst früh in Sicherheit zu bringen. Ernst Günther ging zunächst zu Freunden nach Holland. Bereits 1936 emigrierte er von dort nach Südafrika, nahm die südafrikanische Staatsangehörigkeit an und war dort als Fotograf tätig.[14]

Eva wurde nach Lugano in der Schweiz geschickt, wo die Familie ebenfalls Freunde hatte. Aber sie erhielt dort keine Arbeitserlaubnis als Kindermädchen, nur als au pair ohne Einkommen hätte sie dort bleiben können. Nach einem halben Jahr kam sie zurück zu ihren Eltern nach Wiesbaden, da diese langfristig nicht für die hohen Kosten in der Schweiz aufkommen konnten.

Die beiden älteren Söhne waren nicht mehr mit nach Wiesbaden gekommen. Der älteste, der in Peine die Humboldtschule besucht hatte, studierte anschließend Jura und ließ sich nach seinem Examen zunächst in Nienburg nieder, wo er 1931 zum Notar bestellt wurde. Zuvor hatte er am 29. November 1927 Amalie Visser aus Meppen heiratete. Dem Paar war ein Jahr später die Tochter Rosa Ruth geboren worden.[15]
Mit dem Machtantritt der Nazis war seine berufliche Karriere schnell zu ihrem Ende gekommen. Im Mai erhielt er als Jude ein Berufsverbot mit sofortiger Wirkung, da er aus Altersgründen im Ersten Weltkrieg noch nicht eingezogen worden war und somit keinen Nutzen aus der zunächst noch gültigen Privilegierung der Kriegsteilnehmer ziehen konnte. Vermutlich war der Umzug nach Hannover im Jahr 1933 primär mit der Hoffnung verbunden, dort eher als in dem kleinstädtischen Nienburg eine Beschäftigung zu finden, vielleicht spielte auch die Anonymität der Großstadt eine Rolle, denn dort war die Familie noch nicht als jüdisch bekannt und erkennbar. Nach gab es keinen gelben Stern, der dies jedem offenbarte. Zweimal wechselten sie dort die Wohnung, zogen dann 1935 für etwa dreieinhalb Jahre in das westfälische Wiedenbrück und kamen dann am 1. August 1938 wieder nach Hannover zurück. Möglicherweise hielten sich Heinz und Amalie Wertheimer auch für einen längeren Zeitraum noch in Wiesbaden bei den Eltern auf, denn auf der Gestapokarteikarte von Arthur Wertheimer ist unter Familienangehörigen neben seiner Frau nur Heinz und dessen Frau, nicht aber die anderen Kinder aufgeführt. Zu den Genannten heißt es da: „Am 17.1.40 nach Hannover, Lortzingstr. 5“. Dort musste die Familie erneut noch zweimal die Wohnung wechseln. Ihre letzte Station war das gerade erst eingerichtete Judenhaus in der Wunsdorfer Str. 16a, in das sie am 4. September 1941 einzogen.[16]

Zumindest zeitweise musste Heinz Wertheimer noch eine Beschäftigung gehabt haben. In einem Schreiben des Vaters vom 9. Juni 1939 an das Wiesbadener Finanzamt, in dem es um eine Einkommensteuervorauszahlung ging, beschrieb Arthur Wertheimer seine finanzielle Situation und ging darin auch auf die seines Sohnes ein: „Mein ältester Sohn, Heinz Wertheimer, früher Rechtsanwalt und Notar, verheiratet und Vater eines Kindes, ist seit August vorigen Jahres erwerbslos und wird – laut den hier beigefügten Postabschnitten – von mir regelmäßig mit RM 50 – (3 mal sogar mit RM 70-) unterstützt. Mein Sohn (39 Jahre alt) bemüht sich um eine Auswanderungsmöglichkeit für sich und seine Familie, es bestehen aber kaum irgendwelche Aussichten, diesen Plan zu verwirklichen, sodass ich mit der Weiterzahlung der monatlichen Unterstützung auf nicht absehbare Zeit rechnen muss.“[17]

Hermann Wertheimer, Anna Wertheimer Michaelson, Arthur Wertheimer, Sophie Maschke Wertheimer, Heinz Wertheimer, Amalie Vissler Wertheimer, Rosa Ruth Wertheimer, Judenhaus Hannover Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
‚Israelische Gartenbauschule Ahlem’ bei Hannover
https://de.wikipedia.org/wiki/Israelitische_Gartenbauschule_Ahlem#/media/Datei:Gartenbauanstalt_Ahlem_um_1900.jpg

Mit seiner Einschätzung lag der Vater richtig. Eine Möglichkeit aus Deutschland herauszukommen fanden Heinz und Amalie Wertheimer nicht mehr. Nur die Tochter Rosa Ruth konnte gerettet werden. Sie war noch als Kind in der jüdischen Ausbildungsstätte ‚Israelische Gartenbauschule Ahlem’ bei Hannover aufgenommen und auch im dortigen Internat untergebracht worden, eine Schule, die die Schüler primär auf ihre Ausreise nach Palästina vorbereiten sollte.[18] Wie lange Rosa Ruth dort war, ist nicht bekannt. Es wird aber nicht sehr lange gewesen sein, denn schon 1939 im Alter von nur elf Jahren wurde sie mit einem Kindertransport nach England gebracht. Sie sollte ihre Eltern nicht mehr wiedersehen. Diese wurden am 15 Dezember 1941 in das Ghetto Riga deportiert, wo Heinz Wertheimer zu einem nicht bestimmbaren Zeitpunkt zu Tode kam. Als seine Halbschwester Eva 1944 selbst nach Stutthof kam, traf sie eine Mitgefangene, die ursprünglich aus Hannover kam und ebenfalls nach Riga deportiert worden war, vermutlich mit demselben Transport wie ihr Bruder. Sie fragte weiter, ob sie vielleicht einen Heinz Wertheimer und dessen Frau Amalie kenne? Sie kannte sie tatsächlich und konnte berichten, was mit ihnen geschehen war. Heinz sei in den Wäldern von Riga erschossen worden und Amalie hier in Stutthof vergast worden.[19] Letzteres geschah laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz am 6. Dezember 1944. Ein genaues Todesdatum von Heinz gibt es nicht.

Kurt hatte gemäß der familiären Tradition eine Ausbildung im Bankgewerbe gemacht und war bei einer großen deutschen Bank in Berlin angestellt. Im November 1937 wanderte er, der bis zu seinem Lebensende ledig geblieben war, nach Italien aus.[20] Er überlebte den Holocaust im apulischen Bari, war aber zeitweise im süditalienischen Ferramonti bei Cosenza interniert.[21]. 1956 kehrte er nach Berlin zurück und lebte von einer Pension, die ihm sein ehemaliger Arbeitgeber dort gewährte. Nach Angaben seiner Schwester verstarb er in Berlin im Jahr 1971.

Eva Wertheimer absolvierte nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz in Wiesbaden noch einen halbjährigen Handelsschulkurs und auch eine Ausbildung im Textilhaus Bacharach.[22] Der Modebranche galt eigentlich ihr besonderes berufliches Interesse, aber einen Abschluss hatte sie damals sicher nicht mehr machen können. Später begann sie in Berlin noch einmal einen Kurs in Modeschneiderei bei einem damals bekannten Designer, aber auch den musste sie wegen der äußeren Umstände bald wieder abbrechen. Auch in Wiesbaden hatte sich inzwischen das politische Klima ganz wesentlich verändert. An die früheren schönen und glücklichen Tage konnte sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr einfach anknüpfen. Die ehemaligen Freundinnen und Freunde mieden sie, wollten nicht mehr mit ihr gesehen werden, sodass sie ihre Abende nicht mehr wie früher in Tanzclubs oder im Kino verbringen konnte. „Antisemitism showed his ugly face“, bemerkte sie dazu in ihren Erinnerungen. Dermaßen isoliert wollte sie in Wiesbaden nicht länger bleiben. Die Eltern erlaubten ihr, zu Verwandten nach Berlin zu gehen, wo sie auch schon bisher mindestens einmal im Jahr ihren Urlaub verbracht und das kulturelle Leben der damaligen Metropole genossen hatte. Die Verwandten hatten drei Kinder in ihrem Alter – der Bruder Kurt kann daher nicht die Anlaufstelle gewesen sein -, mit ihnen zog sie durch die Stadt, in der damals – um 1934/35 – nach ihren Worten noch kein Antisemitismus spürbar gewesen sein soll – eine wohl eher subjektive Wahrnehmung.

Vielleicht rührte diese Selbsttäuschung auch daher, dass sie in dieser Zeit ihren zukünftigen Ehemann Aribert oder Avebert, genannt Ari Zwick kennen lernte, den sie im Februar oder Mai 1935 in Berlin heiratete.[23] Getraut wurden die beiden von demselben Rabbi, der schon etwa 25 Jahre zuvor ihre Eltern getraut hatte.

Die Großeltern des Bräutigams, Samuel und Rosalie Zwick, geborene Schmuel, stammten aus dem damals ostpreußischen Allenstein, dem heute polnischen Olsztyn.[24] Zwei Geschwister des Großvaters waren bereits im 19. Jahrhundert nach Amerika ausgewandert,[25] Samuel Zwick dagegen war in Allenstein geblieben und hatte dort mit seiner Frau mindestens acht Kinder aufgezogen, von denen der Vater von Aribert, Isadore Zwick, der älteste war.[26] Er, geboren am 13. Juni 1872 in Briesen, hatte 1897 die um 1878 geborene Julia Levin geheiratet. Aus der Ehe waren drei Kinder hervorgegangen, die alle in Gnesen geboren wurden, wo die Eltern um die Jahrhundertwende offensichtlich gelebt hatten. Die älteste Tochter Edith war am 24. Juli 1899, die jüngste Alicia Regina am 22. November 1908 zu Welt gekommen.[27] Später müssen die Eltern nach Berlin verzogen sein, wo sie ein Textilgeschäft besaßen, das hauptsächlich Berufskleidung im Angebot hatte. Aribert war in das väterliche Geschäft eingestiegen, hatte selbst ein zweites Ladengeschäft geführt, das aber von dem des Vaters mit Waren beliefert wurde und auch rechtlich nicht eigenständig war. 1937 soll es immerhin dem Ehepaar Eva und Ari Zwick noch ein Einkommen von etwa 4.500 RM abgeworfen haben,[28] obwohl das Geschäft damals schon durch ein Schild im Schaufenster als jüdisch ausgewiesen war. Sie hätten dennoch für ein paar Jahre ein sehr schönes Leben gehabt, seien ins Theater und in die Oper und – was sie am meisten geliebt habe – oft zum Tanzen ausgegangen, erinnerte sich Eva Gerstle-Wertheimer später an diese kurze Lebensphase.

Auch für sie bedeutete die Reichspogromnacht 1938 eine Zäsur, mit der sich alles änderte. In ihren biographischen Erinnerungen berichtete Eva Gerstle-Wertheimer ausführlich über die Ereignisse dieses Tages:
“Wie an jedem Morgen fuhr ich an diesem Tag mit der U-Bahn zu unserem Geschäft, nicht ahnend, was in der vergangenen Nacht mit unserer Synagoge geschehen war. Auf dem kurzen Weg zu unserem Laden bemerkte ich noch nichts. Wir hatten Kunden im Geschäft. Doch plötzlich hörten wir Geschrei in der Straße und sahen einen Mob von Männern, die mit Stöcken und Knüppeln auf unseren Laden zu marschierten und die schrecklichsten Sachen über Juden riefen. Unsere Kunden flüchteten. Der Mob warf die Ladenfenster ein und zerstörte alles im Geschäft. Sie warfen die Dekoration, die Auslagen, alles auf die Straße. Mein Mann und ich fürchteten um unser Leben. Wir rannten durch die Hintertür, stiegen die Treppe hinauf und versteckten uns auf dem Dachboden. Als es wieder ruhiger wurde, gingen wir nach unten. Wir konnten nicht glauben, was wir sahen. Es war alles ein riesiges Chaos. Unser ganzen Lebenswerk war zerstört, alles kaputt. Und dann kam die Polizei, aber nicht um uns zu helfen, nein, sie befahlen uns, die Fenster und die Türen sofort dicht zu machen, um jede Plünderung zu verhindern. Was für ein Scherz! Der Mob hatte alle Waren mitgehen lassen und nur die Glasscherben und die kaputte Dekoration zurückgelassen. Wir waren völlig danieder, war doch unser gesamtes Leben zerstört. Es gab nichts, was wir noch hätten tun können.
Wir gingen zu unserem anderen Geschäft, wo Aris Vater war. Auf dem Weg kamen wir an einigen jüdischen Läden vorbei. Alle waren so zerstört, wie das unsere. Genauso sah auch der Laden von Aris Vater aus. Der arme, alte Mann war völlig aufgebracht. Wir versuchten ihn zu beruhigen und blieben eine Weile bei ihm, aber wir konnten nichts tun.
Wir fuhren mit der Straßenbahn zurück zu unserer Wohnung, wo uns unser Vermieter eröffnete, dass wir diese sobald wie möglich frei machen müssten. Hier erfuhren wir auch, dass die SS dabei war, alle jüdischen Männer zu verhaften. Wir wussten noch nicht, dass das Konzentrationslager bedeuten würde. Wir entschieden uns mit dem Zug nach Steglitz, einem Vorort von Berlin, zu fahren, weit genug von unserer Wohnung in Lichtenberg entfernt. Eine Schwester meines Mannes lebte dort mit ihrem nichtjüdischen Ehemann. Dort hofften wir in Sicherheit zu sein. Nach einigen Tagen fuhren wir zurück in unsere Wohnung, um dort ein Schild mit der Aufschrift „Möbel zu verkaufen“ anzubringen. Es hat mir das Herz gebrochen, all die schönen Möbel, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer und das Esszimmer, in kürzester Zeit praktisch für nichts weggeben zu müssen. Die Menschen nutzten unsere verzweifelte Situation aus, aber uns blieb keine Wahl.
Wir fanden ein kleines möbliertes Zimmer in Steglitz. Tagsüber blieben wir bei der Schwester meines Mannes, die uns auch mit Essen versorgte, da unser Zimmer keine Kochmöglichkeit hatte. Mehr als je zuvor suchten wir nach einer Möglichkeit, aus Deutschland herauszukommen.“[29]

Aber das war schwierig, da Ari Zwick zwar im Deutschen Reich geboren worden war, aber in einer Stadt, die inzwischen auf polnischem Staatsgebiet lag. Er hatte laut Eva Gerstle-Wertheimer keine Chance, ein Visum zu erhalten. Die bereits beim „Weltreisebüro Rettenmayer“ georderten Tickets für die Überfahrt nach Amerika mussten im September 1940 wieder zurückgegeben werden.[30] Arthur Wertheimer schrieb im Juni 1939 dem Wiesbadener Finanzamt, als dieses aufgrund der Schlechterstellung jüdischer Steuerzahler eine erheblich höhere Einkommensteuervorauszahlung einforderte, dass er die zurzeit nicht aufbringen könne, da nicht nur der älteste Sohn, sondern nun durch die Zerstörung ihres Geschäfts auch der Tochter jegliche Erwerbsmöglichkeit genommen sei. „Auch hier habe ich unterstützend eingreifen müssen und für meine Verhältnisse erhebliche Beträge beigesteuert. Da auch die Aussichten für eine baldige Auswanderung für meine Tochter und deren Gatten noch in weiter Ferne liegen, so muss ich auch bei diesen Kindern mit der vorläufigen Fortdauer meiner finanziellen Hilfe rechnen“.[31]

Aber nicht nur die erhöhte Einkommensteuer und die Kosten für die Unterstützung der Kinder zehrten allmählich die finanziellen Mittel der Eltern auf. Auch sie wurden selbstverständlich mit der Judenvermögensabgabe, der „Sühneleistung“ für die während der Pogrome entstanden Schäden am „deutschen Volksvermögen“, belastet. Von der am 12. November 1938 erlassenen Verordnung waren alle Juden betroffen, die bereits im April 1938 zur Anmeldung ihres Vermögens verpflichtet worden waren, somit alle, deren Vermögen zu diesem Zeitpunkt mehr als 5.000 RM betrug. Wertheimers besaßen damals etwas mehr als 50.000 RM, allerdings darunter auch ein Haus aus dem Familienbesitz der Mutter in Kiel mit einem Einheitswert von 28.000 RM. Die übrigen Werte bestanden aus Papieren und Bankguthaben. Zudem bezog Arthur Wertheimer auch eine jährliche Pension von seiner ehemaligen Direktorenstelle in Höhe von 5.500 RM. Demgegenüber standen aber auch Schulden und Belastungen auf dem Haus in Höhe von mehr als 20.000 RM. Die Abgabe dieser Vermögenserklärung hatte schon im Sommer 1938 die Zollfahndungsstelle Mainz veranlasst, eine Sicherungsanordnung gegen Wertheimers bei der Devisenstelle zu fordern, zumal zu diesem Zeitpunkt zwei Söhne sich bereits im Ausland befanden und man dem Paar unterstellte, es wolle „Vermögesnwerte entgegen den Devisenbestimmungen ins Ausland“ verbringen – so die übliche Formulierung.[32]

Am 23. Januar 1939 war auf dieser Basis der Bescheid über die fällige „Sühneleistung“ für Arthur Wertheimer in einer Höhe von 2.000 RM, zahlbar in vier Raten, erteilt worden. Seine Frau Sophie, die vermutlich wegen des Hauses getrennt veranlagt worden war, sollte sogar vier Raten á 600 RM bezahlen. Die fünfte Rate mit einem weiteren Betrag von 500 RM bzw. 600 RM wurde am 9. November 1939 erlassen.[33]

Die erste Rate wurde von beiden nachweisbar gezahlt, für die folgenden versuchte Arthur Wertheimer beim Finanzamt Wiesbaden immer wieder unter Verweis auf seine schwierige finanzielle Lage Aufschub zu erhalten. Er verwies in verschiedenen Schriftsätzen und auch bei mehreren Besuchen im Finanzamt darauf, dass er aus der Vermittlung eines allerdings noch nicht abgeschlossenen Immobilienverkaufs eine größere Summe zu erwarten habe. Mit dieser wolle er die gesamte Steuerschuld, die Judenvermögensabgabe und die noch nicht gezahlte Einkommensteuer, tilgen.[34] Der Finanzbeamte verhielt sich unerwartet kulant und willigte immer wieder in einen Aufschub ein.[35] Im Februar 1940 schien damit allerdings Schluss zu sein: „Die rückständigen II. III. IV. u. V. Rate für Sie und Ihre Ehefrau sind nunmehr binnen zwei Wochen an die F.[inanz] Kasse zu entrichten, andernfalls zwangsweise Betreibung erfolgen muss,“ schrieb der Sachbearbeiter an Arthur Wertheimer.[36] Aber dieser gab nicht auf, bat erneut um Aufschub und erhielt ihn tatsächlich. Diesmal wurde die Frist auf den 30. April 1940 verlängert, dann noch einmal bis zum 31. August und ein weiteres Mal bis zum 30. November. Auch dann konnte Arthur Wertheimer den Einzug verhindern und erwirkte zunächst eine weitere Frist um vier Wochen, um dann im Januar erneut um Aufschub zu bitten.[37] Im Februar 1941 war das Haus dann tatsächlich verkauft. Da aber das Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen war, hatte Arthur Wertheimer auch seine Provision noch nicht erhalten und die „Steuerschuld“ blieb weiterhin offen.[38] Er wolle – so schrieb er im März 1941 – seine Rückstände bis Ende Juni zahlen, bot sogar an, einen Teilbetrag von 1.500 RM sofort zu überweisen. Diesmal scheint das Finanzamt endgültig nicht mehr bereit gewesen zu sein, auf sein Ersuchen einzugehen. Noch immer außergewöhnlich moderat im Ton, forderte der dortige Beamte nun die Zahlung: „Bei gutem Willen wäre es Ihnen ohne Schwierigkeiten möglich gewesen, den schon 1939 fällig gewesenen Betrag durch Belastung Ihrer Hausgrundstücke oder aus Ihren laufenden Einnahmen abzuleisten. Nach Ihrem Schreiben vom 16.4.41 haben Sie erst einen Teilbetrag von 1500 RM überwiesen, Sie haben aber keine Schritte unternommen, den Restbetrag in irgendeiner Form sicherzustellen.[39]

Es handelt sich tatsächlich um eine in dieser Zeit außergewöhnliche, unter den gegebenen Umständen sogar geradezu freundliche Behandlung eines Juden, der weder zu den besonders reichen, noch zu den völlig verarmten gehörte. Allein die Tatsache, dass man in Betracht zog, ein Jude könne „einen guten Willen“ haben, ist schon bemerkenswert. Wenn dann aber auch noch permanent zugewartet wird, obgleich er diesen „guten Willen“ offenbar nicht zeigt und nicht zahlt, obwohl er nach Einschätzung der Behörde die Möglichkeit dazu hätte, dann muss das noch mehr erstaunen. Eine überzeugende Erklärung für dieses außergewöhnliche Verhalten der NS-Finanzbehörde, vielleicht auch nur des zuständigen Beamten, lässt sich auf Basis der vorliegenden Akten nicht finden. Der Vorgang zeigt aber in jedem Fall, welche Spielräume die Akteure in diesem Machtapparat immer auch hatten und auch hätten nutzen können, wenn sie denn wollten.

Ob Arthur Wertheimer tatsächlich ohne Weiteres in der Lage gewesen wäre, die Forderung zu bezahlen, sei dahingestellt, denn ein großer Teil des gemeinsamen Vermögens bestand in dem Wohngrundstück in Kiel, dessen Wert nach Angaben von Arthur Wertheimer viel zu hoch angesetzt war. Auch waren Wertheimers inzwischen manch anderer Vermögenswerte beraubt worden. Wie der Magistrat der Stadt Wiesbaden im Entschädigungsverfahren mitteilte, waren im Frühjahr 1939 in zwei Lieferungen die Schmucksachen und die Edelmetalle zu einem Preis von 1.314,55 RM der städtischen Abgabestelle übergeben worden, darunter Brillantringe, -broschen und ein Collier. Wie hoch ihr tatsächlicher Wert war, völlig unabhängig von ihrem ideellen Wert, ist der Aufstellung nicht zu entnehmen.[40]

Aber es waren ganz sicher nicht die materiellen und finanziellen Kosten, die nach den Ereignissen vom November die Familie am stärksten belasteten. Auch Arthur Wertheimer war, wie die meisten Männer, damals verhaftet und nach Buchenwald geschickt worden, dann aber – so die Tochter – zusammen mit dem Wiesbadener Rabbiner Paul Lazarus bald wieder entlassen worden.

Die Verhaftung ihres Vaters war neben der Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage in Berlin für Eva Zwick einen weiteren Grund, noch Ende Dezember 1938 zu ihren Eltern nach Wiesbaden zurückzukommen, zumal die Stadt trotz allem sicherer als Berlin zu sein schien. Zunächst war Eva zusammen mit ihrem Ehemann Ari gekommen, aber schon Anfang 1939 ging dieser wieder nach Berlin zurück, während sie wohl blieb. Er wurde in Berlin zur Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn verpflichtet, eine Arbeit der er körperlich kaum gewachsen war. Ob Eva Zwick ihren Ehemann noch einmal in Berlin besuchte, ist nicht sicher, aber auf der Basis der vagen Angaben auf der Gestapokarteikarte wahrscheinlich. Es heißt dort, dass sie am 11. Oktober 1939 von Berlin nach Wiesbaden gekommen sei. Ihr vorheriger, wohl längerer Besuch bei den Eltern ist nicht eingetragen, was insofern erstaunt, weil üblicherweise für auswärtige Besucher auch für kurze Zeit eigens eine solche Karte angelegt wurde. Möglicherweise war ihr Besuch unbemerkt geblieben und sie war 1939 noch einmal nach Berlin zurückgekehrt, im Oktober 1939 dann endgültig nach Wiesbaden gekommen und hatte nun auch den Wiesbadener Polizeibehörden ihre Anwesenheit mitgeteilt. Ari Zwick war kurz danach, so ist den Eintragungen ihrer Gestapokarteikarte zu entnehmen, vom 3. November bis zum 11. Dezember 1939 noch einmal für einige Wochen in Wiesbaden, aber zu diesem Zeitpunkt war die Beziehung der beiden faktisch bereits beendet. Am 2. Oktober 1940 teilte Eva Zwick der Devisenstelle in Frankfurt mit, dass sie zwar noch verheiratet sei, „aber seit Oktober vorigen Jahres von (ihrem) Ehemann getrennt lebe. Seit dieser Zeit lebe ich hier bei meinen Eltern.“[41] Womöglich verursacht durch die lange Trennung, noch dazu unter widrigsten Umständen, scheint sich das Paar allmählich auseinandergelebt zu haben. Am 28. Februar 1942 wurde die Ehe durch einen Beschluss des Landgerichts Berlin geschieden.[42] Etwa ein Jahr später wurde Ari Zwick am 12 Januar von Berlin aus in das Vernichtungslager Auschwitz verbracht, wo er am 8. Februar 1943 ermordet wurde.[43]

Eva Zwick äußerte später über die Zeit zu Hause, dass sie mit ihren Eltern einige friedvolle Monate verbracht habe. Noch wohnten sie in ihrer schönen Wohnung in der Hindenburgallee, hatten zwar kein Radio[44] und seien auch durch das Ausgehverbot völlig isoliert gewesen, man habe sich die Zeit mit Kartenspielen vertrieben. Arthur Wertheimer musste sich aber monatlich bei der Gestapo melden, um den Aufenthalt seiner Tochter, die offiziell wohl damals noch immer in Berlin gemeldet war, genehmigen zu lassen.

Finanziell stand sich die Familie noch immer deutlich besser als viele andere Juden. War nach der Sicherheitsanordnung der Freibetrag zunächst auf 300 RM festgesetzt worden, so wurde er bald nach der Übermittlung des Formulars über die Einkünfte, die Ausgaben und die vorhandenen Vermögenswerte zunächst im Mai 1940 auf 450 RM, dann – obwohl nur 700 RM von Arthur Wertheimer erbeten worden waren – im Juni 1940 sogar auf 900 RM heraufgesetzt.[45] Er hatte in seiner Vermögenserklärung vom Juni 1940 angegeben, noch ein Vermögen von 22.253 RM zu besitzen, davon waren aber fast 19.000 RM im Haus in Kiel festgelegt, zudem hatte er auch noch Schulden von fast 9.000 RM. Sein jährliches Einkommen bezifferte er in diesem und dem kommenden Jahr auf etwa 7.000 RM, seine monatlichen Ausgaben mit 700 RM, davon 180 RM für die Miete.[46]

Auch Eva Zwick war während ihres Aufenthalts in Wiesbaden zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. In einem chemischen Betrieb musste sie wohl zumeist in der Nachtschicht eine Presse bedienen, mit der Seife hergestellt wurde. Die außergewöhnliche und einseitige Belastung hatte zur Folge, dass sie sich einen sehr schmerzhaften Bruch zuzog, der eigentlich hätte operiert werden müssen. Um möglichst lange krank geschrieben zu sein, schob sie diesen Eingriff aber immer wieder hinaus.

Inzwischen war in Wiesbaden begonnen worden, die Juden in sogenannten Judenhäusern zusammenzuziehen. Auch die Familie Wertheimer war über ihren anstehenden Umzug unterrichtet worden. Am 2. September 1940 begründete Arthur Wertheimer beim Finanzamt Wiesbaden seine Bitte, den Termin für die Begleichung die Einkommensteuerschuld aus 1939 auszusetzen u. a. damit, dass ihm „in der nächsten Zeit infolge unfreiwilligen Wohnungswechsels sehr erhebliche Ausgaben für den Umzug“ bevorstehen würden. Auch verwies er in diesen Zusammenhang noch einmal darauf, dass seine „in Berlin verheiratete Tochter, die von ihrem Mann getrennt lebt“, sich bei ihm aufhalte und er für sie zu sorgen habe.[47] Am 7. November 1940 wurde der Umzug in die Herrngartenstr. 11 bei der Meldebehörde offiziell vollzogen.[48] Eigenartigerweise ist die Tochter Eva auf dem Ummeldeformular nicht aufgeführt, obgleich der Wohnungswechsel auf ihrer, wie auch auf der Gestapokarteikarte Vaters mit eben diesem Datum notiert ist. Nachdem am 26. Januar 1942 von der Devisenstelle die Mitteilung über die Reduzierung von Arthur Wertheimers Freibetrags an die alte Adresse Hindenburgallee 33 geschickt worden war, teilte er zwar unmittelbar danach, aber immerhin mehr als ein Jahr verspätet auch der Devisenstelle in Frankfurt seine neue Anschrift mit.[49]
Die Wohnverhältnisse im Judenhaus scheinen für Wertheimers noch einigermaßen erträglich gewesen zu sein. Sie verfügten im zweiten Stockwerk über insgesamt drei Zimmer, hinzu kamen Küche und Toilette gemeinsam mit anderen Hausbewohnern. Die Eltern seien glücklich gewesen, so Eva Zwick, keinen ihrer Räume untervermieten zu müssen. Aber der Alltag wurde immer beschwerlicher, da Lebensmittel nur noch auf Karte und nur in bestimmten Geschäften zu bestimmten Uhrzeiten gekauft werden durften, oft dann, wenn schon fast nichts mehr übrig war. Aber es gab wohl eine Reihe nichtjüdischer Freunde, die sie auch in dieser Zeit mit dem Notwendigsten versorgten. Die Sachen mussten allerdings ins Haus geschmuggelt werden, denn nach der Erinnerung von Eva Zwick wohnte in der Parterrewohnung neben dem Hauseingang ein SS-Mann, der alle kontrollierte, die in das Haus kamen oder es verließen.[50]

Als ab Herbst 1941 die Massendeportationen auch in Deutschland begannen, im November der erste große Transport vom nahen Frankfurt aus stattfand, war allen klar, dass bald auch die Wiesbadener Juden nach dem Osten verschleppt werden würden. Ob aber tatsächlich im Vorhinein schon bekannt war, dass es zwei große Transporte geben würde, einen für die jüngeren und arbeitsfähigen, einen zweiten mit den Alten und Kranken – so Eva Gerstle-Wertheimer – muss bezweifelt werde. Das wird sicher ein Schluss gewesen sein, den man nach dem 10. Juni aus der Zusammensetzung des ersten Transports ziehen konnte, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass diese Planung zuvor offen kommuniziert wurde.

Eva Gerstle-Wertheimer sagte in ihrem biographischen Selbstzeugnis, sie habe sich unmittelbar vor der Deportation auf Rat eines Freundes ins Städtische Krankenhaus begeben, um die bereits seit langem anstehende Operation durchführen zu lassen, habe dies auch mit dem Chefarzt Dr. Kleinschmidt, der zwar in der SS war, aber auch mit Wertheimers befreundet gewesen sein soll, zuvor abgesprochen. Allerdings sind auch hier ihre Erinnerungen nicht konsistent, denn die Operation soll bereits im Mai stattgefunden haben  und am Tag danach sei die Gestapo mit einer Bahre im Krankenhaus erschienen, um sie für die Deportation abzuholen. Der Arzt habe vehement dagegen Einspruch erhoben und ihr dadurch das Leben gerettet, denn keiner, der auf diesem Transport war, sollte überleben. Das Problem besteht darin, dass die Deportation, von der sie spricht, erst am 10. Juni stattfand. Es gab zwar bereits eine am 23. Mai 1942, eine eher kleine mit etwa 25 Personen, aber die kann sie kaum gemeint haben. Vermutlich hatte ihre Operation also nicht im Mai, sondern im Juni kurz vor dem 10. stattgefunden. Auf der Deportationsliste vom 10. Juni ist ihr Name allerdings nicht aufgeführt,[51] was entweder bedeutet, dass sie doch nicht vorgesehen war oder aber die überlieferte Liste nicht die Planung, sondern die Realisierung widerspiegelt.  Wer steht auf Liste und wurde nicht deportiert ?

Auf jeden Fall blieb die Familie Wertheimer bei dieser Deportation noch verschont. Nach ihrer Genesung wurde Eva erneut zur Zwangsarbeit herangezogen, allerdings diesmal in einer Fabrik, in der Pappschachteln hergestellt wurden – eine weitaus leichtere Arbeit als die vorherige. Aber die Frist währte nur wenige Wochen.

Am 28. August erhielten die bisher Verschonten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Aufforderung, sich für den Transport nach Theresienstadt bereitzumachen und sich in der Synagoge in der Friedrichstraße einzufinden. Hier wurden die gesamten Formalitäten abgewickelt, Heimeinkaufsverträge abgeschlossen und die letzte Phase der Entmenschlichung eingeleitet. Am Morgen des 1. September bewegte sich bei kaltem Nieselregen ein Zug von etwa 350 Menschen zu Fuß quer durch die Stadt zum Güterbahnhof. Ein fremder Mann drückte Eva, ein symbolische Akt von Empathie und Menschlichkeit, ein paar Zigaretten in die Hand und verschwand ganz schnell. Auf einer der Fotografien, die von diesem Transport erhalten geblieben sind, hat sich Eva Gerstle-Wertheimer später wiedererkannt. Mit dem Rücken zu den Waggons steht sie in heller Kleidung optisch unfreiwillig im Zentrum des Bildes vor einer Gruppe dunkel gekleideter, alter Menschen, die mit ihren Bündeln im Regen stehen und darauf warten, in den Zug steigen zu „dürfen“.

Der Transport, der erst in Frankfurt endgültig zusammengestellt wurde und zuletzt etwa 1250 Menschen umfasste, erhielt die Nummer XII/2, Arthur Wertheimer, seine Frau Sophie und ihre Tochter Eva die Nummern 930, 931 und 944.[52] In Theresienstadt angekommen, zerbrachen schnell die Illusionen, die man sich zuvor auf Grund der Propaganda vielleicht noch gemacht hatte. Arthur und Sophie Wertheimer kamen in ein altes Gebäude, mussten auf einem Strohsack auf dem Boden schlafen und bekamen, da sie nicht arbeiten mussten, auch nur eine kleine tägliche Essensration, Eva hingegen kam in einen Schlafsaal mit Stockbetten, wo bisher hauptsächlich tschechoslowakische Jüdinnen untergebracht waren. Zwar Jüdin, aber auch Deutsche, hatte sie zunächst einen schweren Stand in der Gruppe und erst allmählich entwickelten sich feste Freundschaften, die für das Überleben in einer solchen Situation unabdingbar sind.

Die Eltern überlebten nicht lange, überhaupt – so Eva – starben die Alten wie die Fliegen, „as flies“, an Unterernährung, an Durchfall oder anderen Krankheiten. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Sophie Wertheimers Schwester Anna Maschke, die hier wieder auf ihre Schwester Sophie traf, in Theresienstadt drei Jahre überlebte. Am 15. April 1942 waren die Schwestern Anna und Selma Maschke aus ihrem arisierten Haus in der Renentlouallee vertrieben und in eines der Kieler Judenhäuser, das am Kuhberg 25 / Feuergang 2, eingewiesen worden.[53] Von Kiel aus waren sie dann am 19. Juli 1942 über Hamburg nach Theresienstadt deportiert worden. Selma war dort am 19. August 1942, also nur wenige Tage nach ihrer Ankunft, aber auch nur kurz vor der Ankunft des Transports aus Wiesbaden bzw. Frankfurt mit ihrer Schwester Sophie, verstorben.[54]

Der nächste, der aus der Familie den Torturen zum Opfer fiel, war Arthur Wertheimer. Er sei fast völlig erblindet gewesen und habe schon bald seine Lebenskraft verloren. Er starb am 12. Dezember 1942 an einem Blasenleiden, aber eigentlich an den unmenschlichen Umständen, die in dem Ghetto herrschten. Seine Frau wurde ein halbes Jahr später, am 4. Juni 1943, Opfer dieser Lebensbedingungen, medizinisch gesehen verstarb sie an einem Gallendurchbruch. Ihre Schwester Anna hat im Verfahren zur Todeserklärung nach dem Krieg den Tod beider bezeugt. „Den Gallendurchbruch bei meiner Schwester haben ein Professor und ein anderer Arzt festgestellt, wie die Stubenälteste in dem Hause in der Langenstraße, in der meine Schwester wohnte, mir am Sterbetag gesagt hat. Meine Schwester sollte im Krankenhaus operiert werden, starb aber schon auf dem Transport unterwegs. Einige Tage nach den genannten Todestagen wurden die Leichen in der Leichenhalle aufgebahrt, die Namensaufschriften an den geschlossenen Särgen habe ich selbst gesehen, auf den Sarg meiner Schwester habe ich Blumen gelegt. Die Leichen wurden in das Krematorium Theresienstadt überführt. Hinter dem Rollwagen, auf dem eine Anzahl von Särgen geladen waren, bin ich selbst eine Strecke gegangen, durfte aber nicht bis in das Krematorium mitgehen.“[55]

Trotz dieser beiden Schicksalsschläge blieb das Leben für Eva Wertheimer in den folgenden Monaten – immer gemessen an den generell schrecklichen Zuständen – doch relativ erträglich, wie sie selbst konstatierte. Sie habe meist genügend zum Essen gehabt – und das war wohl das entscheidende Kriterium -, weil die Frauen und Mädchen aus der Tschechoslowakei oder Griechenland, die noch Pakete von zu Hause erhalten durften, bereitwillig mit ihr diese Schätze teilten. Aber auch sie selbst konnte zur gemeinsamen Verpflegung beitragen, indem sie sich ihre Schneiderarbeiten für andere Gefangene mit Brot bezahlen lies. Später arbeitete sie in der so genannten Verteilungsstelle, wo all die Sachen zusammenkamen, die den Neuankömmlingen geraubt wurden, dort sortiert und je nach Qualität wieder neu verteilt wurden: Die besseren gingen an die SS oder wurden nach Deutschland zurückgeschickt und dort an ausgebombte „Volksgenossen“ verteilt, die schlechteren blieben im Ghetto, waren aber angesichts der Not auch überall begehrt.

Sie und ihre Mitarbeiterinnen hätten das Beste aus ihrer Lage gemacht – resümierte Eva Gerstle-Wertheimer später – und die Zeit in Theresienstadt wäre nicht gar so schlimm gewesen, wenn sie nicht immer die Angst vor einem Transport begleitet hätte. Ein Transport, das wusste man, bedeutete Auschwitz und mit größter Wahrscheinlichkeit den baldigen Tod. Beim ersten Mal, als sie auf der Liste stand, sich schon von ihren Freundinnen und der Tante Anna verabschiedet hatte, gelang es einem Freund, einem Musiker, den sie sie nach dem Ende des Krieges in New York wieder traf, sie noch im letzten Moment von der Liste streichen zu lassen – wie, hat sie nicht erfahren. Der folgenden Selektion entging sie auf Grund einer Verletzung, aber beim dritten Mal gab es kein Entrinnen. Der Zug sollte sie nach ihrer Erinnerung am 26. Mai 1944 nach Birkenau bringen,[56] wobei den Insassen damals nicht bekannt war, dass Birkenau ein Teil von Auschwitz war:

„Die Zugfahrt war schrecklich. Große Waggons ohne Sitzmöglichkeiten, ohne Wasser und Essen. Und völlig überfüllt. Als Toilette gab es nur einen Eimer. Der Gestank war unbeschreiblich. Es war schrecklich, ein einziger Alptraum. Und als wir ankamen, waren schon viele der älteren Menschen gestorben. Der Zug hielt und wir wurden auf den Bahnsteig gestoßen. Empfangen wurden wir von der SS mit großen Deutschen Schäferhunden. Befehle wurden gerufen: ‚Männer auf die eine, Frauen und Kinder auf die andere Seite.’ Alles musste schnell gehen. Gepäck musste im Waggon zurückgelassen werden. Wir gingen und schauten in unsere Unterkünfte, schreckliche Baracken. Wir erfuhren, dass wir in Birkenau im Familienlager waren, einem Teil von Auschwitz. Wir trafen einige der Mädchen aus unserem Zimmer in Theresienstadt und sie erzählten uns, dass fast niemand mehr [von den vorherigen Transporten aus Theresienstadt- K.F.] am Leben sei. Sie waren alle vergast worden. Nun begriff ich, was der Gestank, der überall in der Luft war, wirklich zu bedeuten hatte. Wir sahen jetzt die Schornsteine und die Feuer.
Für einige Tage behielten wir noch unsere bisherige Kleidung. Dann mussten wir uns ausziehen, eine Reihe bilden und eine SS-Frau betrachtete uns. Wir waren nackt. Sie rasierte uns am ganzen Körper und durchsuchte uns nach Wertgegenständen, selbst in unseren Körperöffnungen. (…)
Nun erhielten wir ein Sackleinenkleid mit nichts darunter und Schuhe, die nicht passten. Wir arbeiteten nicht, sondern wurden ganze Tage lang zum Appell gerufen. Dann wurde uns erneut befohlen, uns auszuziehen und in einer Reihe vor dem wegen seiner Selektionen bekannten Dr. Mengele anzutreten. (…) Man tätowierte uns unseren Arm. Nun war ich nummeriert. Meine Nummer war 8-2254. Dann ging es zum Duschen. Wir hatten gehört, dass oft statt Wasser Gas aus den Duschköpfen kam. Wir hatten schreckliche Angst bis dann das Wasser herauskam. Gott sei Dank, wir waren noch am Leben – wie lange noch, wussten wir nicht. Ich hörte einen SS-Mann lachend sagen, dass wir hier nur durch den Schornstein herauskämen.
Nach einigen Tagen mussten wir uns wieder einer Selektion bei Dr. Mengele unterziehen. Danach wurden wir in das Frauenlager in Auschwitz geschickt. Da waren die Bedingungen, wenn man das überhaupt noch sagen kann, sogar noch schlimmer. Unsere Schlafgelegenheiten waren eine Art großer Kisten, ohne Decken oder Kissen. Nichts. Unbeschreiblich. Tiere hatten einen besseren Schlafplatz als wir. Ich sagte damals, dass ich lieber ein Jahr in Theresienstadt geblieben wäre, als einen Tag in Auschwitz“.[57]

Aber es waren viele Tage, die sie dort bleiben musste. Immer wieder Appelle, immer wieder Drangsalierungen und Gewalt durch Kapos oder SS-Leute, ständig Hunger und die Angst vor Mengele. Gegen Ende, die sowjetischen Panzer rollten schon auf die deutschen Grenzen zu, gab es erneut eine Selektion. Gesucht wurden kräftige Arbeiterinnen, die in Ostpreußen Panzergräben gegen den Feind ausheben sollten. Wieder eine schreckliche Zugfahrt ohne Wasser und Essen in Güterwagen von Süden nach Norden durch das so genannte Generalgouvernement zum KZ Stutthof bei Danzig. Hier erfuhr Eva Wertheimer von einer Mitgefangenen vom Tod ihres Halbbruders Heinz und seiner Frau Amalie.

Eine Gruppe von etwa 250 der gesündesten und stärksten Frauen wurde per Schiff weiter nach Osten gebracht und irgendwo in der freien Landschaft zum Arbeiten ausgesetzt. Nachts in Zelten untergebracht, die keinen Schutz gegen die Kälte eines polnischen Winters bieten konnten, und tagsüber von Sonnenaufgang bis –untergang mussten sie mit dürftigem Gerät in den hart gefrorenen Boden Gräben zu ziehen, um russische Panzer an ihrer Befreiung zu hindern – all das bei einem Teller Suppe und einem Kanten harten Brots.

„Manche Frauen starben während der Nächte. Wir nahmen uns ihr Brot, gruben ein Grube und legten ihren Leichnam hinein. Wir hatten keine Gefühle mehr, wir dachten nur darüber nach, wie wir überleben konnten und wir beteten, dass, bevor wir selbst tot wären, hoffentlich bald das Ende kommen würde. Wir waren hungrig, schmutzig und voller Flöhe und Wunden. Von Tag zu Tag wurden wir schwächer. Wir alle sahen aus wie Skelette.“[58]

Als die sowjetischen Truppen näher kamen, wurde das Lager abgerissen und die Frauen bei eisigem Wind und Schnee auf einen Todesmarsch mit unbekanntem Ziel geschickt, bewacht von der SS, die jeden erschoss, der nicht mehr konnte. Bei einer günstigen Gelegenheit gelang es Eva und zwei weiteren Frauen, die sie noch von Theresienstadt kannte, sich in der Nacht hinter Büschen zu verstecken und sich vom Zug abzusetzen. In dieser winterlichen, dunklen Einöde suchten die drei Frauen Schutz und Hilfe und fanden nach einiger Zeit auch einen Bauerhof. Aber der polnische Bauer jagte sie aus Angst vor den Deutschen weg, auch weil er selbst nichts zu essen habe und – weil sie Juden seien! Für die Nacht fanden sie dann doch noch einen Unterschlupf in einem Heuschober, aber am anderen Morgen standen deutsche Soldaten vor der Tür, die sie trotz aller Bitten festnahmen und sie in die eisige Zelle des Gefängnisses einer nahe gelegenen Stadt sperrten. Erneut den Tod vor Augen erwarteten sie den nächsten Morgen. Aber da waren die deutschen Truppen weg, die Zelle war offen und sie konnten heraus, waren frei – so schien es. Statt der deutschen Soldaten kamen aber dann kurz darauf sowjetische in die Stadt, die sie als Deutsche identifizierten und nicht als jüdische KZ-Flüchtlinge. Oftmals versuchten damals SS-Leute und anderes Wachpersonal sich im letzten Moment mit der Kleidung ihrer Opfer selbst als solche zu tarnen. Erst im letzten Moment, die Gewehrläufe des Erschießungskommandos waren schon auf sie gerichtet, stimmte eine der Frauen das traditionelle Totenlied Schma Jisrael an, in den die anderen beiden einstimmten. Da befahl ein sowjetischer Offizier, ein Jude, der bisher beiseite gestanden hatte, die Erschießungsaktion sofort abzubrechen. Das Lied oder auch Gebet hatte ihnen die endgültige Rettung gebracht.

Nachdem sie wieder zu Kräften gekommen waren und auch der Krieg endlich zu Ende war, schlugen sich die drei Freundinnen nach Berlin durch, wo sie im ehemaligen Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße aufgenommen wurden und weitere Hilfe erhielten. Dort erfuhr Eva Wertheimer auch, dass ihre Tante Anna Theresienstadt, wo inzwischen Typhus grassierte, überlebt hatte. Sie wollte sie abholen, aber wegen der Epidemie erhielt sie keine Erlaubnis, noch einmal dorthin zu fahren. Beide hatten überlebt, aber sich nicht mehr wieder sehen können. Anna Maschke hatte sich am 9. Juli 1945 wieder in Kiel mit der Anschrift Waitzstr. 44 angemeldet, war aber dann am 20. Februar 1948 nach Hamburg verzogen.[59]

Nachdem die Alliierten die Verwaltung der ehemaligen Reichshauptstadt übernommen hatten und die Zonen geschaffen worden waren, erhielt Eva Wertheimer die Erlaubnis, die sowjetische Zone zu verlassen und die britische zu passieren, um wieder in ihre Heimatstadt Wiesbaden zu gelangen. Auf ihrem Weg wurde die tätowierte Nummer von Auschwitz quasi zu einem Passierschein, der sie als Opfer des NS-Systems auswies. Im Juli 1945 kam sie in Wiesbaden an. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehend, befiel sie eine Art Amnesie. Sie konnte sich nicht erinnern, wo sie mit ihren Eltern vor vier Jahren vor dem Einzug in das Judenhaus gewohnt hatte und wie die nichtjüdischen Freunde der Eltern dort hießen. Ein Bekannter aus ihrem früheren Tanzclub, den sie zufällig traf und der sie erkannte, konnte ihr die notwendige Auskunft geben und sie fand für die ersten Wochen Aufnahme bei befreundeten Mietern von früher in der Hindenburgallee.

Für Eva Wertheimer, die Theresienstadt, Auschwitz und Stutthof überlebt hatte, begann nun das ambivalente Schicksal einer „DP“, ‚displaced person’, die mit dem Leben davongekommen war, aber auch nur mit dem Leben, die nichts mehr besaß als dieses nackte Leben. Neben Claire Guthmann und ihrer Tochter Charlotte war sie die einzige, die nach so langer Zeit aus einem Vernichtungslager zurück nach Wiesbaden gekommen war. Möglicherweise hatte es sogar etwas Gutes, dass die Zurückgekommenen völlig davon in Anspruch genommen wurden, dieses neue Leben zu organisieren, um nicht permanent von dem Grauen des vergangenen überwältigt zu werden. Aber auch das wird oft genug geschehen sein, zumal dann, wenn man mit den Tätern des Regimes unweigerlich konfrontiert wurde und erkennen musste, dass selbst die Niederlage im Krieg deren Haltung gegenüber Juden kaum verändert hatte. So weigerte sich die Frau des SS-Manns Nell, der jetzt selbst interniert worden war, im ehemaligen Judenhaus die Möbel herauszugeben, die sie aus dem Besitzstand der Wertheimers bei einer Versteigerung nach ihrer Ansicht rechtmäßig erworben hatte. Erst durch ein Gerichtsurteil ließ sie sich dazu zwingen.[60]

Nur mit Hilfe der Betreuungsstelle ließen sich die berechtigten Ansprüche an ein wenigstens einigermaßen angemessenes Leben realisieren, und auch das häufig nur mit entsprechendem Druck und der Macht der amerikanischen Militärbehörde im Hintergrund. Noch im März 1946 musste sie einen Antrag stellen, um ein Paar Strümpfe oder ein Paar Straßenschuhe auf Bezugsschein zu erhalten.[61] Am unerträglichsten war jedoch, dass es offensichtlich endlos lange dauerte, bis das städtische Wohnungsamt ihr eine angemessene Unterkunft vermittelte, obwohl es nach Aussage der Bertreuungsstelle hinreichend Zimmer gab, die für eine Jüdin frei zu machen, sich die deutschen Eigentümer nicht bereit fanden. Aber, wie aus einem Brief der Betreuungsstelle hervorgeht, waren es auch die Beamten oder Angestellten des Wohnungsamtes, die die Zuweisung von Wohnungen an zurückgekehrte oder auch Wiesbaden zugewiesene Juden unterminierten. So heißt es in einem Brief der Betreuungsstelle, in dem zum wiederholten Mal eine Wohnung für Eva Wertheimer gefordert wurde:
“Die Dame [Eva Wertheimer –K.F.] überbrachte Ihnen ein Schreiben von Major Schmuhl und ein weiteres Schreiben des First-Ltnt. Macdonald von der Militärregierung, mit dem Ersuchen, ihr unverzüglich einen angemessenen Wohnraum zuzuweisen.
Sie haben in dankenswerter Weise die Dame empfangen und ihr einen längeren Vortrag darüber gehalten, wie schwierig Ihre Lage sei. Praktisch geschehen ist jedoch nichts.
Diese Dame ist nicht die erste, die zu mir kommt und mitteilt, dass sie von Ihnen empfangen worden sei und sich einen längeren Vortrag von Ihnen habe anhören müssen, wie schwierig Ihre Lage sei, dass Sie nicht ‚das Korn seien, das zwischen den Rädern zerrieben werde’. (…) Mit Rücksicht darauf, dass Sie somit nicht in der Lage sind, die Anordnungen der Militärregierung auszuführen, trotzdem ich bereit bin, auf Wunsch innerhalb einer Woche Ihnen durch meine Leute eine Überzahl leer stehender Wohnräume zu ermitteln, sehe ich mich zu meinem Bedauern gezwungen, eine Kopie dieses Schreibens dem Herrn Oberbürgermeister zu übersenden und die beiden amerikanischen Dienststellen durch Übersendung je einer Übersetzung dieses Briefes zu verständigen.“
[62] Wie aus einem früheren Schreiben der Betreuungsstelle hervorgeht, hatte man Eva Wertheimer zunächst völlig unzureichend untergebracht: „Es ist ein unerhörter Zustand, dass man einer Konzentrationslager-Rückkehrerin als Notbehelf ein Zimmer nachweist, das überhaupt unbewohnbar ist, weil weder Fenster noch Türen darin sind und der Raum selbst mit fremden Gepäckstücken voll geladen ist. Wissen Sie nichts besseres für meine Leute?“ Schlafen konnte sie darin nur „auf einem Sessel mit verlängertem Stuhl“, wie sie selbst in einem anderen Schreiben ergänzte.[63]

Aber es gab auch Menschen, denen sie willkommen und ein gefragter Gast war. Das waren amerikanische Soldaten jüdischen Glaubens, die rechtzeitig aus Deutschland ausgewandert und nun als Befreier zurückgekehrt waren. Im ehemaligen Kurhaus, eigentlich „Off Limitts“ für Deutsche, hielten sie Gottesdienste, an denen Eva teilnehmen durfte. Hier lernte sie auch ihren zukünftigen Mann Julius Gerstle kennen, der einer dieser Soldaten war und an der Invasion in der Normandie teilgenommen hatte. Aber es blieb zunächst bei einer Freundschaft und Julius Gerstle wurde von Wiesbaden abkommandiert. Aber sicher nicht zuletzt auf Grund dieser Begegnungen waren die Vereinigten Staaten zu dem Land geworden, in dem Eva Wertheimer, gerade auch angesichts der Nachkriegserfahrungen in Wiesbaden leben wollte. Aber erst im April 1947 erhielt sie ein Visum für die Einreise: „Das war das unglaublichste Ereignis, als ich oben von Schiff aus auf die Freiheitsstaue blickte.“.[64]

Sie blieb, zunächst völlig mittellos angekommen, ziemlich auf sich gestellt zunächst in New York, wo sie dann als Haus- und Kindermädchen ihren Unterhalt verdiente. Dann kam Julius Gerstle, inzwischen aus der Armee entlassen, zurück in die USA und sie nahmen ihre Beziehung wieder auf. Auch fand sie eine Stelle in der Modebranche, die ganz ihren Vorstellungen und Wünschen entsprach. Die Ehe mit Julius Gerstle konnte zunächst nicht geschlossen werden, weil ein Rabbi –so Eva Gerstle-Wertheimer – sich weigerte ohne Sterbeurkunde von Ari Zwick die Zeremonie zu vollziehen. Die städtischen Beamten hingegen nahmen es damit nicht so genau und vollzogen die Eheschließung am 30. Oktober 1947 ohne Probleme.[65]

Julius Gerstle stammte aus einer alten jüdischen Familie, die seit Jahrhunderten in dem heute auf bayrischen Boden gelegenen schwäbischen Ichenhausen wohnhaft war und – ganz gegen die jüdische Namenstradition – diesen Familiennamen wohl schon seit dem 16. Jahrhundert trug.[66] Auch in Ichenhausen wurde das jüdische Leben während der NS-Diktatur fast völlig ausgelöscht, nur Teile des Friedhofs blieben unversehrt. Wie andere männliche Juden war auch Julius nach der Reichspogromnacht verhaftet und in das KZ Dachau überführt, aber dann nach sechs Wochen frei gelassen worden, weil er nachweisen konnte, dass er ein Visum für die USA besaß und versicherte, unmittelbar nach der Freilassung dorthin auswandern zu wollen.
Die Gerstle-Familie teilte das Schicksal aller anderen jüdischen Familien. Vielen wurden Opfer der Shoa, manche gerettet und über die Welt verstreut, wo ihr Leben in den unterschiedlichsten Bahnen verlief. In einer kurzen Einführung zur Genealogie ihrer Familie schreibt die Autorin:
“Little could Gerson Samuel Gerstle [der Urvater der Familie – K.F.] have imagined in the 1600’s how many his descendants would be and how varied the routes their lives would take; that many would be slaughtered in Nazi Germany and none would remain in his home town of Ichenhausen, though a few would stay in Germany; that these descendants would live all over the world – South Africa, South America, Chile, Costa Rica Uruguay und Mexico), Europe (Switzerland, England, Germany, Spain, France and Belgium). Australia, the United States, Canada and Israel; that some would give up their Judaism though one would become a reform rabbi and another, a yeshiva Student; that one would be designing Computer Systems for the American Space Shuttle Program while others were to become Doctors, lawyers, musicians and professionals; one would continue the family ’business’ generations later by raising horses; that one woman would become a judge while another woman would serve in the Israeli Air Force.
This is the story of the descendants of Gerson Samuel Gerstle and the Gerstle family of Ichenhausen: their lives in Germany and throughout the world.”[67]

Und eingebunden in diese große Familiengeschichte wurde Eva Wertheimer durch die Ehe mit Julius Gerstle. Seine Eltern waren der Pferdehändler Nathan und Sofie Gerstle, geborene Schwarz. Julius war der jüngste von fünf Kindern, geboren am 10. September 1906.[68] Der älteste Bruder Isak war bereits im Ersten Weltkrieg gefallen, David konnte 1940 von München aus in die USA emigrieren, wohin auch die Tochter Emma, verheiratet mit Oscar Levi, geflüchtet war. Gustav wurde, wie auch die Mutter Sofie Gerstle, im Gas von Auschwitz ermordet.[69]

Eva und Julius Gerstle blieben nach ihrer Heirat in einer Vorstadt von New York, wo sie ihre beiden Töchter, die bald nach der Heirat geboren wurden, aufzogen. Susan, genannt Susi, war am 4. November 1948 und ihre Schwester Jacqueline, genannt Jackie, am 8. April 1952 geboren worden. Zu Hause wurde kein Deutsch gesprochen, und auch die Leidensgeschichte der Eltern – die Nummer aus Auschwitz war meist mit einem Pflaster überklebt – wurde zumindest im Detail nie thematisiert, obgleich die Familie insgesamt in einem jüdischen Milieu lebte und auch Mitglied der Gemeinde war. Erst die Fernsehserie ‚Holocaust’ veranlasste die Kinder,[70] die Fragen zustellen, die längst überfällig waren und auch Eva Wertheimer-Gerstle zu einem neuen Umgang mit ihrer eigenen Geschichte brachte. Sie wurde sehr aktives Mitglied im ‚New Life Club’, einer Organisation von Holocaust-Überlebenden, nahm weltweit Teil an deren Treffen und begann als Zeitzeugin in Schulen und Universitäten über ihr Schicksal und das ihrer Leidensgenossen zu sprechen. „Ich fühlte, dass das sehr wichtig ist, dass wir Überlebende sagen, was damals geschehen ist, damit die Welt niemals vergisst, was den Juden angetan wurde, damit so etwas nie mehr passieren wird.“

1985 kam Eva Gerstle-Wertheimer erstmals auf Einladung der Stadt Wiesbaden mit großen Bedenken zurück in ihre Heimatstadt, um an einem damals von Lothar Bembenek und Dorothee Lottmann-Kaeseler initiierten Besuchsprogramme ehemaliger jüdischer Mitbürger teilzunehmen.[71] Aus dieser ersten Begegnung entstand eine enge Bindung und Freundschaft zwischen Eva Gerstle-Wertheimer und den Initiatoren dieser Begenung. Als eine die das Grauen der NS-Zeit wie kaum jemand anderes am eigenen Leib erfahren hatte, konnte sie auch in den Wiesbadener Schulen authentisch und ergreifend Zeugnis über diese Jahre ablegen. 1999, sie war inzwischen 84 Jahre alt und musste von ihrer Tochter Susan begleitet werden, wurde sie für ihr außergewöhnliches Engagement als Zeitzeugin und sicher auch als eine Art Wiedergutmachung für all das erlittene Leid, das sie in ihrer Heimatstadt erfahren musste, vom damaligen Oberbürgermeister Diehl mit der Bürgermedaille in Gold ausgezeichnet.[72]

Am 21. Oktober 2015 verstarb Eva Gerstle-Wertheimer in San Diego, wohin sie mit ihrem Mann gezogen war, nachdem dieser 1976 in den Ruhestand gegangen war, in einem – vor dem Hintergrund ihres Lebens – unfassbaren Alter von 101 Jahren.[73] Vor dem Haus in der ehemaligen Hindenburgallee, der heutigen Biebricher Allee 33, in dem sie und ihre Eltern wohnten, bevor sie in das Judenhaus in der Herrngartenstraße ziehen mussten, liegen heute zwei Stolpersteine, zur Erinnerung an Arthur und Sophie Wertheimer, die im Ghetto von Theresienstadt ihr Leben verloren.

Veröffentlicht: 20. 07. 2020

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn506749 und https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn520402. (Zugriff: 24.6.2020). Die Aufzeichnungen sind in englischer Sprache. Auf diese Quellen, besonders auf die erste, wird im Folgenden durchgängig Bezug genommen. Auf Quellenhinweise in Fußnoten wird wegen der besseren Lesbarkeit verzichtet, zumal es sich um Audioprotokolle handelt, die ohnehin nicht genauer spezifiziert werden können. Quellenverweise werden selbstverständlich da gegeben, wo auf andere Dokumente zurückgegriffen wird. Da Eva Gerstle-Wertheimer zweimal verheiratet war ist die Nennung ihres Namens etwas schwierig, orientiert sich am jeweiligen zeitlichen Kontext. Solange sie unverheiratet war, ist ihr Name mit Eva Wertheimer angegeben, nach Ihrer ersten Eheschließung mit Eva Zwick und zuletzt als Eva Gerstle-Wertheimer. Wird aber Bezug auf Dokumente bzw. den Tonbandmitschnitt genommen, die entstanden, als sie bereits den Namen Gerstle-Wertheimer trug, dann ist dieser Name gewählt, unabhängig von der Zeit, auf die sich die Aussage bezieht.

[2] Geburtsregister Peine 96 / 1873.

[3] https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/p-r/1562-peine-niedersachsen und https://pogrome1938-niedersachsen.de/peine/. (Zugriff: 24.6.2020).

[4] Heiratsregister Berlin I, II 452 / 11.

[5] file:///C:/Users/Nutzer/AppData/Local/Temp/Infoblatt+Familie+Heinz+Wertheimer,+Waldstr.+38.pdf. (Zugriff: 24.6.2020).

[6] Heiratsregister Berlin I, II 452 / 11. Es liegt ein Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für die Familie von Arthur Wertheimer vor. Darin sind allerdings die erste Ehe und der Sohn Kurt nicht erwähnt. Auch der Heimatort von Sophie Maschke ist hier fälschlicherweise mit Bitow angegeben, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Familie-Wertheimer.pdf. (Zugriff: 24.6.2020).

[7] Heiratsregister Berlin I, II 452 / 11.

[8] In ihren autobiografischen Erinnerungen gibt Eva Gerstle-Wertheimer eigenartigerweise das Geburtsjahr ihrer Mutter mit 1876 statt 1875 an. Es muss sich dabei um einen Versprecher handeln, denn alle sonstigen Dokumente belegen das Jahr 1875.

[9] In der Heiratsurkunde von Arthur und Sophie Wertheimer tritt als Trauzeuge auch ein damals 50jähriger Georg Maschke auf, möglicherweise ein Bruder von Sophie. Er wohnte damals wie Sophies Eltern in Konitz. Vermutlich handelt es sich dabei um den am 24.8.1935 in Stettin gestorbenen Justizrat Georg Maschke, der wie Sophie Maschke in Bütow geboren worden war, siehe Sterberegister Stettin 1168 / 1935.

[10] Für Ernst Günther http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Familie-Wertheimer.pdf. (Zugriff: 24.6.2020), für Eva Geburtsregister Peine 108 / 1914.

[11] HHStAW 685 847 b (70).

[12] Ebd. (o.P.).

[13] Siehe dazu Juden in Wiesbaden, S. 24-31. Hier ist auch ein Auzug aus den Erinnerungen von Batya Boschwitz-Bilski, geborene Goldmann, abgedruckt. Sie schreibt darin: „Im Lyzeum fühlte ich mich ausgestoßen, dadurch, dass ich eine fromme Jüdin und auch Polin war. Ich hatte mit Polen nie etwas zu tun gehabt. Ich hatte Polen nie gesehen und konnte kein halbes Wort Polnisch. Ich war in der Klasse akzeptiert, obwohl ich nie eine gute Schülerin war, aber beliebt war ich nicht. Ich konnte nur neun Schuljahre absolvieren, da meine Eltern sehr arm waren. Aber als Vorzugsschülerin hätte ich von der Stadt Unterstützung bekommen müssen. Aber mein Vater war zu stolz. 1924 verließ ich die Schule, neun Jahre vor Hitler.“ Ebd. S. 31.

[14] Die Angabe über den Zeitpunkt der Emigration nach Südafrika machte die Zollfahndungsstelle Mainz im Zusammenhang mit der Beantragung einer Sicherungsanordnung für Arthur Wertheimer, siehe HHStAW 519/3 6659 (1). In einer Änderung des Testaments verfügten die Eltern 1941, sofern ihre Tochter Eva das Erbe nicht annehmen könne, dass dann Ernst Günther als Alleinerbe eingesetzt werden solle, da er alleine eine ausländische Staatsangehörigkeit besäße, siehe HHStAW 518 38831 (11).

[15] file:///C:/Users/Nutzer/AppData/Local/Temp/Infoblatt+Familie+Heinz+Wertheimer,+Waldstr.+38.pdf. (Zugriff: 24.6.2020).

[16] Information von Frau Berlit-Jackstien von der Initiative „Städtische Erinnerungskultur Hannover“. Dem Judenhaus Wunsdorfer Str. 16 bzw. 16a ist Buchholz, Hannoversche Judenhäuser, S. 145 ff. ein ganzes Kapitel gewidmet. Allerdings geht der Autor hier nur auf das Schicksal des Hauseigentümers und nicht auf die Bewohner ein. Das Haus war im September 1941 eingerichtet worden. Bei Buchholz heißt es: „In den Räumen der Wunsdorfer Str. 16 a sollen etwa 50 bis 60 Personen gewohnt haben, wobei den einzelnen Familien nur eine Schlaf- und Sitzgelegenheit zustand. Für 24 Männer und Frauen sollte das ehemalige Lagerhaus auf dem Rüdenbergschen Grundstück [dem Grundstück des Eigentümers – K.F.] die letzte Zwangsunterkunft vor ihrer Deportation nach Theresienstadt sein.“ Ebd. S. 151 f.

[17] HHStAW 685 847 b (172).

[18] Zur Israelitischen Gartenbauschule Ahlem siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Israelitische_Gartenbauschule_Ahlem. (Zugriff: 24.6.2020). Siehe ebenfalls Buchholz, Hannoversche Judenhäuser, S 155 ff. Die Schule war im Sommer 1942 geschlossen worden, einzelne Gebäude hatten aber auch in dieser Zeit und auch zuvor schon als Judenhaus und als Sammellager für die Deportationen aus Hannover gedient. Später zog die Gestapo in die Gebäude der Schule ein und unterhielt hier auch ein Gefängnis.

[19] In ihrem Bericht führt Eva Gerstle-Wertheimer die Situation weiter aus. Sie habe ihr erklärt, dass das ihr Bruder und seine Frau gewesen seien. Die Frau habe dann bedauert, dass sie ihr die Wahrheit über ihren Bruder und dessen Frau erzählt habe. Sie aber habe sie beruhigt und erklärt, dass sie froh darüber sei, weil sie nun nicht mehr nach ihnen suchen müsse. Eva Gerstle-Wertheimer traf die Frau nach dem Krieg wieder auf ihrer Rückfahrt nach Deutschland, zunächst auf einer Bahnstation in Polen, dann noch einmal in Wiesbaden und zuletzt in Long Beach, Kalifornien, wo diese in den 90er Jahren mit ihrem Ehemann lebte. Von Zeit zu Zeit hätten sie sich noch gesehen und dann über ihre gemeinsamen, schrecklichen Erinnerungen gesprochen.

[20] HHStAW 519/3 6659 (1),

[21] HHStAW 518 38831 (10). Die Angabe stammt aus einem am 8.6.1941 unterzeichneten Testament der Eltern.

[22] HHStAW 467 5007 (14).

[23] Die Angabe Februar 1935 machte Eva Gerstle-Wertheimer in ihrer Biographie selbst, in einem Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 26.3.1963, in dem es um die Höhe der Entschädigung ging, ist hingegen der 2.5.1935 angegeben, siehe HHStAW 467 5007 (20).

[24] Samuel Zwick war am 2.3.1842, seine Frau Rosalia am 29.7.1847 geboren worden. Sie verstarb am 7.4.1929 in Allenstein, er am 25.1.1928. Siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677583336/facts und https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677583013/facts. (Zugriff: 24.6.2020). Geheiratet hatten die beiden 1871 im preußischen Briesen.

[25] Sarah Hannah verstarb am 10.4.1925 in Ohio, der 1851 geborene Nathan Benjamin verstarb am 16.3.1919 in Los Angeles, siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677582078/facts  (Zugriff: 24.6.2020) und https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677583007/facts. (Zugriff: 24.6.2020).  Der Vater der drei Geschwister war Hermann Zwick, der 1878 verstarb.

[26] Das Schicksal der Geschwister ist nur zum Teil bekannt. Die im März 1874 geborene Schwester Jenny ist zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in die USA ausgewandert. Sie verstarb 1930 in Kalifornien. Über die Geschwister Simon, geboren am 10.5.1878, die am 27.11.1882 in Briesen geborene Lina und den am 27.11.1885 ebenfalls in Briesen geborenen Karl liegen keine weiteren Informationen vor. Max Zwick geboren am 6.1.1889 soll 1936 unverheiratet in Deutschland verstorben sein, siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677584014/facts. (Zugriff: 24.6.2020). Der jüngste Bruder Fritz, geboren am 25.4.1890 in Briesen, war am 12.2.1918 im Ersten Weltkrieg gefallen, siehe https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677583014/facts. (Zugriff: 24.6.2020).

[27] Für Edith https://search.ancestry.com/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=1385&h=17309&ssrc=pt&tid=47034097&pid=6677584221, (Zugriff: 24.6.2020), für Alicia Regina https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/47034097/person/6677584016/facts.  (Zugriff: 24.6.2020).

[28] HHStAW 467 5007 (23).

[29] https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn506749.  (Zugriff: 24.6.2020). Eigene Übersetzung.

[30] HHStAW 519/3 6923 (3).

[31] HHStAW 685 847 b (o.P.).

[32] HHStAW 685 847 a (137). Man begnügte sich damals noch mit einer Sicherungsanordnung nur für die beiden Wertpapierdepots, die zugleich als Sicherung für eine gegebenenfalls fällige Reichsfluchtsteuer herangezogen werden sollten.

[33] HHStAW 685 847 b (o.P.).

[34] Ebd. (180). Hausverkauf

[35] HHStAW 685 847 a (14, 15, 16, 18)

[36] Ebd. (18).

[37] Ebd. (19, 20, 21, 22, 23, 24).

[38] Ebd. (29).

[39] Ebd. (31).

[40] HHStAW 518 38831 (13 f.).

[41] HHStAW 519/3 6923 (7). Die Devisenstelle verlangte auch von ihr eine Vermögenserklärung. Sie gab auf dem Formular nichts zu besitzen als die 533 RM, die sie als Rückzahlung für die ungenutzten Tickets der geplanten und gescheiterten Überfahrt in die USA zurückerhalten hatte. Bei den Ausgaben stehen auch 30 RM, die sie noch im Oktober 1940 für ihr Zimmer in Berlin bezahlen musste. Ebd. (11). Die Devisenstelle verzichtete daraufhin auf die Anlage eines Sicherungskontos, ebd. (12).

[42] HHStAW 467 5007 (20). Ob die Judenvermögensabgabe zuletzt doch noch gezahlt wurde, geht aus den Steuerunterlagen nicht hervor. Deswegen kam es im Entschädigungsverfahren auch zu einer Ablehnung eines entsprechenden Antrags. Erst in einem Gerichtsverfahren konnte Eva Gerstle-Wertheimer ihre Ansprüche auf Entschädigung durchsetzen. Das Finanzamt Wiesbaden bestätigte in dem Verfahren selbst, dass nach allen Erfahrungen anzunehmen sei, „dass der von den Eheleuten Wertheimer geschuldete Judenvermögensabgabebetrag seinerzeit beigetrieben wurde“. HHStAW 518 38831 (55). Zum Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 28.3.1963 siehe ebd. (57-62).

[43] Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[44] In einer Eidesstattliche Erklärung hatte Eva Gerstle-Wertheimer 1951 angegeben, welche Haushaltsgeräte von der Familie abgegeben werden mussten, darunter auch ein Radio, ein „Elektromophon“ mit etwa 150 Schallplatten, aber auch andere Geräte wie Nähmaschine, Fotoapparat, Heizofen, Toaster, Schreibmaschine und viele andere Gerätschaften. Siehe HHStAW 518 38831 (14).

[45] HHStAW 519/3 6659 (15, 19, 21, 25).

[46] Ebd. (26),

[47] HHStAW 685 847 b (181), (Hervorhebung – K.F.)

[48] Ebd. (183).

[49] HHStAW 51973 6659 (34, 35).

[50] Nicht sicher ist allerdings, ob diese Erinnerung ganz zutreffend ist. Im Haus wohnte zwar ein SS-Mann namens Nell, mit dem es später nach dem Krieg noch zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kam, aber der wohnte zumindest ab September 1942 im Gartenhaus, also nicht am Eingang. Ob er zuvor eine andere Wohnung hatte, ist den Unterlagen nicht zu entnehmen. In den Unterlagen der Hausverwaltung sind nur die Mieter ab September 1942 verzeichnet. Bei Nell heißt es bezüglich des ersten eingetragenen Mieteingangs von 68,39 RM „v. 15.9. – 31.10.42“, so als sei er erst am 15.September eingezogen, während bei den anderen Mietern jeweils der volle Monat angegeben ist. Es kann aber auch sein, dass er am 15. vom Vorderhaus in das Hinterhaus bzw. Gartenhaus umgezogen ist, was sich dann mit Eva Gerstle-Wertheimers Erinnerungen in Übereinstimmung bringen ließe. Siehe zu den Mietunterlagen HHStAW 519/2 2099 II (o.P.). Das Nell ein Nazi, sogar ein „alter Kämpfer“ war, steht außer Frage. Er war bereits am 1.7.1933 in die SS und am 1.2.1931 in die NSDAP eingetreten. Am 20.4.1934 war er in der SS zum Hauptscharführer befördert worden. Seiner politischen Haltung verdankte er auch, dass er im November 1934 bei der Reichsbahn eine Beamtenstellung erhielt. 1937 wurde er allerdings aus der SS und der NSDAP ausgeschlossen, weil er verheimlicht hatte, dass er früher in der Französischen Fremdenlegion gedient hatte. Der DAF gehörte er allerdings von 1935 bis 1945 an. Unzweifelhaft blieb er auch nach seinem Herauswurf aus Partei und SS dem Nazistaat und seiner Ideologie treu. Zumindest wurden im Spruchkammerverfahren keine gegenteiligen Aussagen gemacht, abgesehen von den üblichen „Persilschein“-Formeln, dass er „politisch nicht hervorgetreten“ und „Nachteiliges“ über ihn nicht bekannt sei. Wenn er später noch als SS-Mann angesehen worden sei, so habe das seinen Grund d arin gehabt, dass auch sein Uniform der Bahn schwarz gewesen sei und er in seiner Stellung auch eine Waffe habe tragen dürfen. Offensichtlich gelang es ihm auch in dieser Uniform noch, Angst und Schrecken im Haus zu verbreiten. Siehe insgesamt die Spruchkammerakte HHStAW 520 BW 2641.

[51] HHStAW 519/2 1381(o.P.).

[52] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/36341-arthur-wertheimer/, https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/36371-sophie-wertheimer/,  und https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01014202/0144/132703345/001.jpg. (Zugriff: 24.6.2020).

[53] Zu diesem Judenhauskomplex, der im Kieler Gängeviertel, dem traditionellen Wohnviertel der Ostjuden lag, siehe http://www.akens.org/akens/texte/info/40/3.html. (Zugriff: 24.6.2020).

[54] https://www.kiel.de/de/kiel_zukunft/stadtgeschichte/stolpersteine/stolpersteine/_biografien/maschke_selma_stolpersteine.pdf. (Zugriff: 24.6.2020).

[55] HHStAW 469/33 2136 (10). Auch Claire Guthmann, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Theresienstadt war und überlebte, hat in diesem Verfahren den Tod der beiden bezeugt. Eva Gerstle-Wertheimer ebenfalls, allerdings stellt sie die Umstände des Todes ihrer Mutter etwas anders dar. Sie habe die Schwerkranke auf die Krankenstation gebracht und sei nur kurz weggegangen, um die die Essensrationen für sie beide zu holen. Als sie zurückkam, habe die Mutter nicht mehr in ihrem Bett gelegen. Auf die Frage nach ihrem Verbleib, habe eine Schwester ihr gesagt, dass sie verstorben sei.

[56] Vermutlich hat sich Eva Gerstle-Wertheimer hier in der Datumsangabe geirrt. Laut Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 463 hat an diesem Tag kein Transport Theresienstadt mit dem Ziel Auschwitz verlassen, mögliche Termine könnten der 15., 16. oder 18. Mai gewesen sein.

[57] https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn506749. (Zugriff: 24.6.2020). Eigene Übersetzung.

[58] Ebd.

[59] Information des Stadtarchivs Kiel vom 7.7.2020. Bevor sie sich in Kiel meldete, muss sie sich eine kurze Zeit im Vorort Kronshagen aufgehalten haben.

[60] HHStAW 518 54518 (o.P.).

[61] Ebd. (71, 76).

[62] Ebd. (o.P.).

[63] Ebd. (7).

[64] Es gibt keine Hinweise, dass die ebenfalls auf der Passagierliste genannte Familie von Ludwig Wertheimer mit Eva Wertheimer in einer verwandtschaftlichen Verbindung stand, ausgeschlossen ist das aber auch nicht.

[65] HHStAW 518 38831 (o.P.). Heiratsurkunde New York.

Eva Wertheimer-Gerstle erwähnt in ihren biografischen Ausführungen eigenartigerweise nicht, dass sie in Deutschland rechtmäßig von ihrem ersten Ehemann geschieden wurde. Es hätte daher eigentlich kein formales Hindernis für die Eheschließung geben müssen.

[66] Spiegel Franklin, Karin, Eleven Generations of the Gerstle Family, New York 1982, online veröffentlicht unter http://www.gutmanfamily.org/gerstle/ElevenGenerationsOfGerstle.pdf. (Zugriff: 24.6.2020).
Nach der eigenen Familienüberlieferung war der erste Gerstle zur Zeit Karls des Großen von Italien kommend nach Deutschland eingewandert, wo sie ganz im Sinne damaliger „Wirtschaftspolitik“ mit ihrem Handel dem Reich Prosperität und Wohlstand bringen sollten. Ebd. S. 15.

[67] Ebd. S. II.

[68] https://www.ancestry.de/interactive/2238/44027_14_00173-01387/195338501. (Zugriff: 24.6.2020).

[69] Ebd. S. 37. Nathan Gerstle lebte von 1860 bis 1939, Isaak von 1892 1914, David von 1894 bis 1958, Gustav von 1897 bis 1941. Von Emma ist nur das Geburtsjahr 1898 verzeichnet. Ebd. S. 69. Sofie Gerstle, geboren am 30.12.1871 in Osterberg wurde laut Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz am 18.5.1944 ermordet.

[70] Nach einer anderen Quelle – https://www.jewishsightseeing.com/dhh_weblog/2006-blog/2006-04/2006-04-02-eve_gerstle.htm – war es der Film The Pawnbroker, auf Deutsch ‚Der Pfandleiher, einem der ersten Filme in den USA, der sich mit dem Schicksal von Überlebenden der Konzentrationslager auseinandersetzte. Der nicht unumstrittene Film kam 1964 in den USA in die Kinos, die deutsche Fassung stammt von 1967.

[71] Bereits 1981 hatte sie ihre Geburtsstadt Peine, wo sie ihre Kinderjahre und erste Schulzeit verbracht hatte, besucht. Eine Schulfreundin aus dieser Zeit hatte über ihren Bruder in Südafrika den Kontakt zu ihr hergestellt und sie damals eingeladen. Siehe Peiner Allgemeine Zeitung vom 6.9.1992.

[72] Wiesbadener Kurier vom 27.1.1999, S. 7. Im Leo Baeck Institut ist eine Presse-Sammelmappe über die Ehrung von Eva Gerstle-Wertheimer archiviert, siehe http://digipres.cjh.org:1801/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE6597058. Siehe zur Ehrung auch https://www.jewishsightseeing.com/germany/wiesbaden/19990212-wiesbaden-gerstle.htm. (Zugriff: 24.6.2020).

[73] Wiesbadener Kurier vom 29.10.2015. Siehe auch die Würdigung ihres Lebens anlässlich ihres 100sten Geburtstags von Kerstin Zehmer in der Jüdischen Allgemeinen vom 17.6.2014, https://www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/jahrhundert-freundinnen/. (Zugriff: 24.6.2020). Ihr Ehemann Julius soll laut Ancestry bereits 1989 verstorben sein. Ein Beleg dafür ist nicht angegeben.