Melanie Heymann, geborene Altschul, verwitwete Weyl


Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64 heute
Eigene Aufnahme
Jacob Heymann, Gütchen Simon Heymann, Julius Heymann Heuer, Emma Culp Heymann Heuer, Elsa Heuer, Julius Hirsch, Hermann Heymann Johanna Levitta Heymann, Franz Josef Heymann, Frank Joseph Heyman, Fritz Karl Heymann, Rosa Heymann, Sophie Heymann, Moritz Heymann, Elisa Cahn Heymann, Betti Heymann Frank, Ernst Friedrich Frank, Rosi Ruth Heymann, Margarethe Grete Heymann David, Theodor David, Emil Heymann, Rosa Heymann, Melanie Heymann, Melanie Weyl, Melanie Altschul, Judenhaus Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Moritzstr. 15, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Lage des ehemaligen Judenhauses
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 64

 

 

 

 

 

 

 


Die erste Generation der Kaufmannsfamilien Hamburger und Weyl

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Stammbäume der Familien Altschul – Hamburger – Weyl – Flörsheim und Heymann
GDB

Als Melanie Heymann, damals noch Weyl, am 10. April 1942 in das Judenhaus am Kaiser-Friedrich-Ring einzog, war ihr Lebenslauf schon weitgehend abgeschlossen.[1] Wie viel Zeit ihr im Ghetto von Izbica noch blieb, nachdem sie mit ihrem Mann Emil Heymann am 23. Mai 1942 dorthin „abgeschoben“ worden war, ist nicht bekannt.[2] Was die beiden zu dem aus heutiger Sicht vielleicht merkwürdigen und unverständlichen Entschluss gebracht hatte, am 22. Mai 1942, einen Tag vor der Deportation, noch zu heiraten,[3] lässt sich nur vermuten. Vielleicht war es die vage Hoffnung, angesichts der Unwägbarkeiten, die sie im „Osten“ zu erwarten hatten, mit einer vertrauten Person zusammen sein zu können. Ob sich diese Hoffnung zumindest soweit erfüllte, dass sie im Ghetto von Izbica wenigstens eine gemeinsame Unterkunft fanden, ist so wenig bekannt, wie der Tag, an dem sie ermordet wurden. Man kann aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie beide den Sommer 1942 nicht überlebten. Entweder verendeten sie schon im Lager selbst oder aber sie fanden den Tod im Gas von Sobibor, wohin man die noch Lebenden brachte, als das Lager aufgelöst wurde.

 

Melanie Altschul
Geburtseintrag für Melanie Altschul
Geburtsregister Mannheim 2842 / 1890
Ludwig und Mina Altschul
https://www.geni.com

Melanie Heymann stammte ursprünglich aus Mannheim, wo sie am 29. Dezember 1890 als Tochter des Kaufmanns Ludwig Altschul und seiner Frau Mina, eine geborene Rothschild, zur Welt gekommen war.[4] Ein Jahr zuvor waren die Eltern aus der badischen Residenzstadt Rastatt, wo Mitglieder der Familie Altschul eine bedeutende Rolle in der dortigen jüdischen Gemeinde spielten,[5] in die knapp 100 Kilometer nördlich gelegene, größere Residenzstadt Mannheim gezogen.[6]

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Ummeldung der Familie Altschul von Rastatt nach Mannheim im Jahr 1880

Damit waren sie auch dichter an die Heimat von Mina Altschul herangerückt, die vor ihrer Ehe zuletzt in Bensheim gelebt hatte. Geboren worden war sie aber in Neustadt im Odenwald, wo ihr Vater Daniel Rothschild, der zunächst als Händler für Posamente, Borden und dergleichen über Land gezogen war, mit seinen acht Kindern, darunter sechs Söhne, ein Geschäft aufbaute, aus dem sich im Laufe der Zeit eine regionale Kaufhausdynastie mit verschiedene Geschäfte in Baden und Südhessen entwickelte. Das Stammhaus war 1886 in Bensheim eröffnet worden, 1889 kam eine Filiale in Michelstadt im Odenwald hinzu und weitere Häuser folgten in Darmstadt und Heidelberg. 1900 wurde dann in Ludwigshafen das ‚Kaufhaus Gebrüder Rothschild’ eröffnet, das später nach Mannheim verlegt wurde.[7]

Kaufhaus Rothschild, Altschul
Das Kaufhaus Rothschild am Marktplatz in Darmstadt
Foto unbekannt
Kaufhaus Rothschild
Nach der Arisierung ein deutsches Geschäft

 

 

 

 

 

 

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Grab von Ludwig und Mina Altschul auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße in Wiesbaden
Eigene Aufnahme

Nach Melanie kamen in der Ehe von Ludwig und Mina Altschul in Mannheim noch die beiden weiteren Geschwister Joseph und Elsa zur Welt, Josef am 11. September 1892 und Elsa am 20. August 1894.[8] Während das Schicksal der beiden Schwestern mit Wiesbaden verbunden ist, lebte ihr Bruder später vor seiner Emigration längere Zeit als Geschäftsmann in Frankfurt. Die Eltern waren den beiden Töchtern nach Wiesbaden gefolgt, wo sie beide starben und auf dem Jüdischen Friedhof an den Platter Straße ihre letzte Ruhe fanden. Mina starb am 29. Dezember 1929, ihr Mann folgte ihr knapp zwei Jahre später am 6. Oktober 1931.[9]

 

Durch ihre Ehe mit Adolf Weyl, die am 5. September 1912 in Mannheim geschlossen worden war,[10] wurde Melanie Altschul in die verschiedenen, miteinander verwobenen jüdischen Kaufmannsfamilien Wiesbadens eingebunden. Zwar stammten diese nicht unbedingt aus der Stadt selbst, aber viele Kleingewerbetreibende aus der näheren oder weiteren Umgebung hatten schon früh erkannt, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten einem rührigen Geschäftsmann die Weltkurstadt mit ihren zahlreichen internationalen Gästen bot.

Melanie Altschul Weyl, Adolf Weyl Heirat

Heiratseintrag für Adolf Weyl und Melanie Altschul
Heiratsregister Mannheim 987 / 1912

So kamen auch die väterlichen Vorfahren von Adolf Weyl nicht aus dem hiesigen Raum, sondern waren aus Westfalen zugewandert. Im dortigen Haltern war Adolf Weyls Vater Max Weyl am 18. April 1853 als Sohn von Itzig und Henriette Weyl, geborene Grünebaum, zur Welt gekommen.[11] Dem Paar, das am 8. Juni 1838 in Münster geheiratet hatte, waren mindestens sechs, womöglich sogar neun Kinder geboren worden, einige in Münster, andere in Haltern. Auch deren Großeltern Salomon Abraham und Esther Weyl, geborene Itzig, lebten selbst wahrscheinlich schon in Haltern.[12]

Max Weyl und seine etwa ein Jahr ältere Schwester Friedericke waren diejenigen, die die Verbindung der ursprünglich westfälischen Familie nach Hessen herstellten. Beide fanden Ehepartner in dem hiesigen Raum, nämlich aus der damals noch nicht zur Kurstadt erhobenen Taunusgemeinde Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach. Und sie wählten sogar jeweils Partner aus der gleichen Familie, Kinder von Abraham und Sibille / Sybilla Hamburger, geborene Mann.

Die Kaufmannsfamilie Hamburger hatte insgesamt vier Kinder, von denen Karl, geboren um 1850, das älteste war.[13] Ihm folgte am 5. Februar 1953 seine Schwester Elisabeth, auch Elise genannt.[14] Mit Saly / Salomon, geboren am 29. März 1855, und Siegmund, geboren um 1858, folgten noch einmal zwei Söhne.[15] Letzterer war bis zu seinem Tod ledig geblieben. Aber auch er lebte wie alle seine Geschwister später mit ihren Familien in Wiesbaden. Da nicht bekannt ist, wann die Ehe zwischen Karl Hamburger und Friedericke Weyl geschlossen wurde, ist auch nicht mehr feststellbar, ob die Verbindung zwischen den beiden Familien durch deren Heirat oder durch die von Elisabeth Hamburger und Max Weyl begründet wurde. Letztere hatten sich am 18. Oktober 1878 in Langenschwalbach das Ja-Wort gegeben.[16] Diese beiden über Kreuz geschlossenen Ehen zwischen den Familien Weyl und Hamburger stellten später das gesellschaftliche wie auch geschäftliche Zentrum des gesamten Familienverbandes dar. Aber auch die beiden Brüder Saly und Siegmund spielten im Unternehmen bzw. im Wiesbadener Geschäftsleben eine wichtige Rolle.

Saly Hamburger hatte am 24. Mai 1883 in Wiesbaden die von dort stammende Betty Mayer, Tochter von Moritz / Moses und Henriette Mayer, geborene Fulda, geheiratet.[17] Es scheint fast so, als sei mit dieser Ehe eine Verbindung besiegelt worden, aus der in den Jahren zuvor bereits die wirtschaftliche Grundlage für die anderen Hamburger-Geschwister erwachsen war. Salys Schwiegervater Moritz Mayer besaß nämlich zwei Läden in Wiesbaden, einen an der Ecke Marktstr. 32 / Neugasse 17 und einen weiteren in der Langgasse 8a, die in den Wiesbadener Adressbüchern damals noch als Manufakturwarenhandlungen bezeichnet werden. Um 1875 hatten die beiden miteinander verschwägerten Karl Hamburger und Max Weyl das Geschäft Marktstraße / Neugasse von Moritz Mayer übernommen. Es firmierte seitdem unter dem Namen ‚Hamburger & Weyl’.[18] Das weitere Geschäft in der Langgasse wurde bis 1879 noch von Moritz Mayer weitergeführt, dann aber offensichtlich aufgegeben. Wenn er auch nicht zu den Eigentümern des Unternehmens des Bruders und Schwagers gehörte, so wird auch Saly Hamburger schon damals in Wiesbaden gewohnt haben und dann deren geschäftliche Verbindung zu Moritz Mayer durch seine Ehe mit dessen Tochter um eine persönliche Beziehung erweitert haben. Im Jahr nach der Hochzeit, also 1884, erscheint dann auch er als Ladenbesitzer für Damenkonfektionswaren mit einem Geschäft in der Marktstr. 34, unmittelbar dem Geschäft ‚Hamburger & Weyl’benachbart. Später verlagerte er es in die Langgasse, wo schon der Laden seines Schwiegervaters gelegen hatte.

Opfer WK1
Gedenkplatte auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße für die Opfer des Ersten Weltkriegs
Eigene Aufnahme

In der Ehe von Saly / Salomon Hamburger mit Betty Mayer waren sechs Kinder geboren worden, aber nur zwei von ihnen erlebten die Jahre der Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus. Fritz und Walther verstarben schon im Kindesalter,[19] die beiden weiteren Söhne Albert und Carl fanden im Jahr 1915 nur wenige Wochen hintereinander den Tod in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.[20]

Keiles-Werbung
Keiles-Werbung
Archiv-GDB

Das Schicksal der beiden überlebenden Kinder ist mit einem weiteren bedeutenden jüdischen Unternehmen Wiesbadens, der Zigarettenfabrik Keiles, verknüpft, die ursprünglich 1891 von Ignatz Isaak Keiles in Dresden gegründet, aber noch in den frühen 90er Jahren nach Wiesbaden verlagert wurde.[21] Sein Sohn Hans heiratete am 6. Februar 1919 Alice, die jüngste Tochter von Saly und Betty Hamburger.[22] Die Ehe wurde zwar später geschieden, aber beiden gelang dennoch rechtzeitig die Emigration in die USA.
Alices älterer Bruder Hans, ein promovierter Jurist, fand bei Keiles eine Anstellung als Reklamechef und juristischer Berater der Firmenleitung. 1924 erteilte man ihm Prokura.[23] Machtlos musste er aber dann zusehen, wie die durch den Boykott zunehmend in finanzielle Schieflage geratene Firma arisiert wurde. Aber auch er konnte im Jahr 1939 über Mexiko noch in die USA entkommen.[24]

Hamburger & Weyl
‚Hamburger & Weyl‘-Inserat aus dem Jahr 1913
GDB

Wie ihr Bruder Saly hatten auch Max Weyl und Karl Hamburger in ihrer von Moritz Mayer übernommenen Firma ‚Hamburger & Weyl’ das Angebot inzwischen spezialisiert. Sie boten nun Tisch- und Bettwäsche, Kinderwagen sowie Aussteuertextilien jeglicher Art an. Um die Angebotspalette in diesem Bereich noch zu erweitern, wurde um 1910 die Firma ‚Moritz Herz & Cie’ in der Friedrichstr. 38 in das bisherige Unternehmen integriert. Es handelte sich dabei um ein alteingesessenes jüdisches Geschäft, das ursprünglich in der Faulbrunnenstraße angesiedelt war, aber inzwischen nur noch den Namen des Gründers trug. Inhaber des Einzelhandelsgeschäfts war seit etwa 1886 Siegmund Hamburger, der jüngste Bruder von Saly, Karl und Elise Hamburger. Er hatte aus dem ehemaligen Möbel- und Flaschenladen ein führendes Spezialgeschäft für Möbel, Dekorationsartikel und Brautausstattung gemacht, dessen Kundenkreis weit über die Stadt und die Region hinaus sogar bis ins Ausland reichte. Neben Privatpersonen zählten auch viele Hotel- und Restaurantbesitzer zum Kundenstamm, Neben dem eigentlichen Laden, den Siegmund Hamburger zunächst in die Friedrichstr. 34, ab Oktober 1898 dann in das Haus mit der Nummer 38 verlegt hatte, gehörte auch ein Möbellager in der Dotzheimer Str. 111 zum Unternehmen.[25]

Hamburger & Weyl
Das Kaufhaus ‚Hamburger & Weyl‘ in der Markstraße um 1890
Mit Genehmigung des Stadtarchivs Wiesbaden

Welche Gründe für Siegmund Hamburger maßgebend waren, sein Geschäft 1908/09 für mehr als 600.000 RM an seinen Bruder Karl und seine, nach dem Tod von Max Weyl inzwischen verwitwete Schwester Elise zu verkaufen, ist nicht bekannt,[26] aber wirtschaftlich – heute würde man von Synergieeffekten sprechen – machte die Zusammenlegung in jedem Fall Sinn. In beiden Geschäften waren in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren jeweils zwischen zwanzig und dreißig Angestellte beschäftigt, darunter Näherinnen, Stickerinnen, Tapezierer und Polsterer.[27]
Von der Firmengründergeneration hatte nur Siegmund Hamburger, der zwar weiterhin als Prokurist in der Firma arbeitet, aber selbst kein Teilhaber mehr war, die zwanziger Jahre zumindest teilweise noch erleben dürfen. Als erster dieser Generation war Max Weyl verstorben, dies bereits am 6. August 1885.[28] Er hinterließ nicht nur eine Lücke im Geschäft, die von seiner Frau Elise ausgefüllt werden musste, sondern er fehlte auch den beiden noch kleinen Kindern, die zuvor in der Ehe geboren worden waren. Am 20. September 1879 war zunächst die Tochter Emilie, dann gut zwei Jahre später am 20. Januar 1882 der Sohn Adolf, der erste Ehemann der späteren Judenhausbewohnerin Melanie Heymann, zur Welt gekommen.[29] Adolf war somit gerade mal drei Jahre alt, als sein Vater zu Grabe getragen wurde. Auch die Mutter verstarb schon früh mit 57 Jahren am 22. Juli 1910.[30] Zwar ist die Todesmeldung beim Standesamt Langenschwalbach, ihrem Heimatort, eingegangen, wo sie offensichtlich auch verstorben war, ihre Wohnadresse ist darin aber mit der Marktstr. 28 in Wiesbaden angegeben. Sie hatte all die Jahre in den oberen Stockwerken ihres dortigen Geschäftshauses gewohnt.

Die Geschäftspartner von Max und Elise Weyl, Karl und Friedericke Hamburger, hinterließen sogar fünf Kinder. Am 28. Juni 1876 war Hedwig geboren worden,[31] im Jahr darauf folgte am 21. November eine weitere Tochter, die den Namen Emma erhielt.[32] Auch das dritte Kind, Frieda, geboren am 26. Februar 1880, war wieder eine Tochter.[33] Gemäß den patriarchalischen Vorstellungen der Zeit war man sicher erfreut mit dem nächst Kind endlich einen Sohn geschenkt zu bekommen, der das Unternehmen in der nächsten Generation weiterführen konnte. Abraham, später nur noch Artur genannt, wurde am 11. Februar 1882 geboren.[34] Die zuletzt im Jahr 1885 geborene Paula wurde nur 20 Jahre alt.[35]

Die Eltern erlebten das Ende des Kaiserreichs und die Jahre der Weimarer Republik nicht mehr. Karl Hamburger verstarb am 4. Mai 1913 in Wiesbaden, seine Frau fünf Jahre später am 6. April 1918.[36] Sie hatten ihre Wohnung zuletzt in der Neugasse 23, im anderen Gebäudetrakt des Geschäftshauses an der Ecke zur Marktstraße.

 

Die Familie Julius und Emilie Wolf, geborene Weyl

Immerhin waren die Kinder inzwischen erwachsen und Emilie sogar verheiratet. Sie hatte am 18. Oktober 1903 den Kaufmann Julius Wolf aus St. Goarshausen geheiratet und war mit ihm nach Frankfurt gezogen.[37] Ihr Ehemann war am12. Juni 1874 als Sohn des Kaufmanns Joseph Wolf und seiner Frau Jeanette geboren worden. Ihr Mädchenname war Hamburger und es ist von daher nicht unwahrscheinlich, dass sie aus dem weiteren familiären Umfeld der Wiesbadener Hamburgers stammte. Julius Wolf hatte nach seiner Schulzeit eine Lehre in der Darmstädter Großhandlung Bodenheimer absolviert, die sich auf Kolonialwaren spezialisiert hatte. Für diese Firma war er nach seiner Lehrzeit zunächst auch als Reisender tätig gewesen. Vermutlich hatte er während seiner Militärzeit, die er in Wiesbaden verbrachte, seine zukünftige Frau kennen gelernt. Zwei Jahre vor seiner Eheschließung gründete er 1901mit seinem Bruder Sally in Frankfurt die Firma „Julius Wolf Kaffee und Südfrüchte – Import und Großrösterei“,[38] die ihren Sitz mit Laden und Lagerräumen in der Kronprinzenstr. 49 hatte. Das Gebäude selbst war ebenfalls Eigentum der Brüder. Die Firma entwickelte sich zu einem sehr erfolgreichen Unternehmen, sogar einer „führenden Firma in seiner Branche“, wie die Tochter Netti später schrieb.[39]

Netti war das erste von insgesamt zwei Kindern aus der Ehe von Julius und Emilie Wolf, geboren am 14. April 1904.[40] Am 3. August 1912 kam dann noch der Sohn Max ebenfalls in Frankfurt zur Welt.[41]

Während des Ersten Weltkriegs wurde Julius Wolf in Rumänien eingesetzt, aber nicht an der Front, sondern dank seiner entsprechenden beruflichen Fähigkeiten organisierte und leitete er Lebensmitteltransporte von Rumänien in das unter Hungersnöten leidende Deutschland. Dass diese Lebensmittel der rumänischen Bevölkerung mit Sicherheit fehlten, wird einem national eingestellten Juden damals so wenige Probleme bereitet haben, wie den Nichtjuden. Nach dem Krieg gehörte er zu den Gründern und aktiven Mitarbeitern des Großhandelsverbands für Nahrungsmittel, eine Stellung, die er erst 1935 auf Druck des NS-Regimes aufgab.

Anhand des versteuerten Einkommens seines Bruders Sally, von dem die entsprechenden Daten im Entschädigungsverfahren vorgelegt werden konnten, muss es den beiden Gesellschaftern in den Jahren vor 1933 sehr gut gegangen sein. Man kann davon ausgehen, dass das Einkommen von Julius dem seines Mitgesellschafters entsprach, da beide jeweils zur Hälfte an dem Unternehmen beteiligt waren. Mitte der zwanziger Jahre betrug das aus dem Betrieb erwirtschaftete Einkommen jeweils zwischen 13.000 RM und 15.000 RM pro Jahr. Erst in der Wirtschaftskrise und dann auch in den dreißiger Jahren ging es zurück auf durchschnittlich etwa 7.000 RM.[42] Die Zahlen müssen aber zumindest im Hinblick auf Julius Wolf noch ergänzt werden, denn zum Beispiel bezog er im Jahr 1936 neben diesem Einkommen aus Betriebskapital zusätzlich Miteinkünfte in der Höhe von 8.000 RM.[43] In jedem Fall erlaubten die finanziellen Mittel trotz allgemeinem wirtschaftlichem Niedergang und wachsendem Boykott der Familie einen gehobenen Lebensstandard, zumal auch die bisher angesammelten Vermögenswerte eine materielle Sicherheit zu garantieren schienen.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Frankfurter Adressbuch von 1935 mit Eintrag für Julius Wolf

So besaßen Julius und Emilie Wolf neben dem Geschäftshaus in der Kronprinzenstraße ein weiteres Haus in der Hansa-Allee 30, in dem sie eine mit bestem Mobiliar ausgestattete 8-Zimmerwohnung mit Herren-, Musik-, Ess-, Garderobenzimmer und diversen Schlafzimmern im Parterre bewohnten. Im Souterrain befand sich noch ein großes Billardzimmer.[44] Der Tochter Netti gehörte zudem ein eigenes Haus in der Vogtstr. 60. Insgesamt bezifferte das Finanzamt Frankfurt im Jahr 1935 /36 das Vermögen des Ehepaars Wolf nach Abzug der auf den beiden Häusern lastenden Hypotheken auf etwa 114.000 RM. Der Anteil am Betriebsvermögen war damals mit rund 10.000 RM taxiert, in einer anderen Berechnung ist dieser Wert allerdings doppelt so hoch angesetzt. Andere Vermögenswerte wie Wertpapiere oder Schmuck beliefen sich auf etwa 27.000 RM.[45] Nahezu alles wurde ihnen geraubt.
Schon Ende September 1938 wurde willkürlich vom Finanzamt Frankfurt der Verdacht geäußert, Julius Wolf wolle samt seinem Vermögen Deutschland verlassen, ohne die entsprechende Reichsfluchtsteuer zu zahlen. Deswegen wurde ihm am 7. Oktober zur Auflage gemacht eine Sicherheit in Höhe von 31.000 RM zu stellen. Um dies zu realisieren, wurde ihm eine Frist von einer Woche gegeben.[46] Wie er dieser Forderung seinerzeit nachkam, lässt sich den überlieferten Akten nicht entnehmen, aber vermutlich reichten die finanziellen Reserven damals noch aus.

Es handelte sich dabei ohnehin nur um eine weitere Maßnahme, um die Juden systematisch aus dem Wirtschaftsleben herauszudrängen. Vieles hatte sich schon in den Jahren und Monaten zuvor angebahnt, die entscheidende Zäsur waren aber auch für Wolfs die Novemberereignisse im Jahr 1938. Am 10. November hatte der Mob sich auch der Geschäfts- und Lagerräume der Firma ‚Sally & Julius Wolf’ angenommen, die Einrichtung zerstört, die Kaffeesäcke im Lager zerschnitten und deren Inhalt auf dem Boden zerstreut. Bald darauf erschien ein Mitarbeiter der Firma, Mitglied der NSDAP und der DAF, mit weiteren Parteigenossen und forderte mit vorgehaltenem Revolver von Julius Wolf die Übergabe des Betriebs. Ohne eine Möglichkeit, sich diesem Druck zu widersetzen, zogen die Eigentümer sich aus der Firmenleitung zurück und verkauften am 25. Januar 1939 das Unternehmen auf Anweisung der DAF an einen Herrn Burkhard für knapp 20.000 RM. Das entsprach etwa dem Reingewinn, den die Firma allein 1938 noch erwirtschaftet hatte. Von dem Verkaufserlös war „nicht ein Pfennig in die Verfügung der Verkäufer gelangt“, so Netti Ganz, denn dieser Betrag war auf ein gesichertes Konto eingezahlt worden. Nicht einmal die offenen Verbindlichkeiten seien von dem Käufer übernommen worden.[47] Formal erhielten die beiden Brüder nach Abzug der Notarskosten jeweils rund 8.300 RM. Sally Wolf musste davon 7.050 RM Reichsfluchtsteuer zahlen, sodass ihm nur noch 1.270 RM auf sein gesichertes Konto gutgeschrieben wurden. Julius Wolf erhielt tatsächlich nichts. Sein Erlösanteil wurde vom Finanzamt sofort für die Zahlung der 1. und 2. Rate der Judenvermögensabgabe gepfändet.[48]. Diese war am 28. Januar 1939 zunächst ohne die 5. Rate auf insgesamt 21.800 RM festgesetzt worden.[49] Aufzubringen war das Geld nur durch den Verkauf auch des Hauses in der Hansa-Allee, der noch im Dezember 1938 vollzogen wurde. Zwar wurde dieser von der Stadt Frankfurt genehmigt, aber Geld floss noch lange nicht, weil der Regierungspräsident in Wiesbaden seine Genehmigung zurückhielt.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Letzte Bitte um Stundung von Steuerschulden, drei Tage vor seinem Tod
HHStAW 676 7401 (12)

Am 13. Februar 1939 bat Julius Wolf um Stundung der Steuerschulden beim Finanzamt Frankfurt, da er über keine hinreichenden liquiden Mittel mehr verfügte. Einen Monat später, am 10. März 1939, drei Tage vor seinem Tod, bat er erneut um Stundung bzw. Erlass der Einkommensteuervorauszahlungen, die man noch immer von ihm forderte, obwohl er überhaupt kein Einkommen mehr bezog.[50]
Nach dem Verlust der Firma und des Hauses, den ständigen, fruchtlosen Auseinandersetzungen mit dem Finanzamt war der einstmals so erfolgreiche Geschäftsmann offenbar so zermürbt und körperlich angeschlagen, dass er einfach nicht mehr konnte. Er, seit Jahren herzleidend, verstarb am 13. März 1939 in Frankfurt offiziell an Herzversagen, aber für seine Tochter bestand kein Zweifel daran, dass sein Tod als Folge der Aufregungen während und nach den Novemberereignissen gesehen werden muss.[51] Er muss, wenn auch in den offiziellen Listen nicht so geführt, unzweifelhaft zu den Opfern des NS-Regimes gezählt werden.

Noch im gleichen Jahr verließen die beiden Kinder Deutschland. Dass sie gehen würden, muss schon im Frühjahr klar gewesen sein, denn diese absehbare Trennung soll nach Ansicht von Netti auch zur Verschlimmerung des Gesundheitszustandes ihres Vaters beigetragen haben. Sie, die früher im elterlichen Geschäft als Buchhalterin und Korrespondentin mitgearbeitet hatte, war seit dem 8. Juni 1927 mit dem in Frankfurt lebenden Elektroingenieur Berthold Julius Valentin Ganz verheiratet.[52] Beide lebten seit dem 1. Juli 1927 in ihrem Haus in der Frankfurter Vogtstr. 60,[53] wo am 8. Oktober 1931 auch ihre Tochter Renate zur Welt kam.[54]

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Geldverwaltungskarte für Berthold Ganz aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1175/133372831/001.jpg

Nachdem man Berthold Ganz im Gefolge der Reichspogromnacht verhaftet hatte und seine Freilassung aus Buchenwald an die Bedingung, Deutschland sofort zu verlassen, geknüpft hatte,[55] waren sie, nachdem sie ihr Haus in der Vogtstr. 60 verkauft und die Judenvermögensabgabe gezahlt hatten,[56] vermutlich auf getrennten Wegen im Juni 1939 in die damals noch britische Kolonie Süd-Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, ausgewandert.[57] Zumindest ist eine Passagierliste erhalten geblieben, laut der Berthold am 3. Juni 1939 – alleine –von Dover aus nach Beira in Mosambik ausgereist war.[58] Welchen Weg seine Frau und die Tochter Renate genommen hatten, ist nicht bekannt.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Der Raub des Reisegepäcks wird nach dem Krieg bestätigt
HHStAW 518 9360 (3)

Als sie sich dann gemeinsam in Süd-Rhodesien niederließen, besaßen sie nicht mehr als das, was sie auf ihrem Leib trugen. Ihr Umzugsgut ihm Wert von etwa 20.000 RM, in dem auch eine Briefmarkensammlung im Wert von allein 4.000 RM enthalten war, wurde auf Befehl der Gestapo bei der Speditionsfirma ATEGE in Frankfurt konfisziert und dem Finanzamt übergeben. Nicht nur die Waren selbst, sondern auch die Vorauszahlung für die Verschiffung waren damit verloren,[59] desgleichen eine DEGO-Abgabe in Höhe von 1.100 RM für neu angeschaffte Güter, die sie aber nie erhielten,

In ihrer neuen Heimat, die aber nicht wirklich zu einer solchen wurde, hatte Netti Ganz zwar verschiedene feste Anstellungen als Bürokraft oder Kassiererin, aber dies bei einem nur geringen Gehalt. Gesundheitlich ging es ihr in all den Jahren sehr schlecht. Auch sie litt unter den bekannten familiären Herz- und Kreislaufproblemen, die ihr die Anpassung an das dortige Klima noch schwerer machten. Von 1950 bis 1951 verbrachte sie auch aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr bei ihrem Bruder in Sydney. Nach ihrer Rückkehr, versuchte sie, obwohl eigentlich nur beschränkt arbeitsfähig, mit Nähen und dem Verkauf von Krawatten zum Unterhalt der Familie beizutragen. Das Ingenieursdiplom ihres Mannes war in Rhodesien nicht anerkannt worden, sodass er als Elektroarbeiter, später als Aufseher in einer Fabrik arbeiten musste.[60]Ende der fünfziger Jahre kehrten zumindest Netti und Berthold Wolf nach Deutschland in ihre Heimatstadt Frankfurt zurück, wo die arisierten Häuser inzwischen wieder zurückerstattet bzw. durch Vergleiche die früheren Zwangsverkäufe Rechtskraft erhielten.[61] Das Paar lebte zuletzt im Elternhaus in der Hansa-Alle, wo Netti Ganz am 3. Februar 1969 verstarb.[62] Vom weiteren Schicksal der übrigen Familienmitglieder ist leider bisher nichts bekannt.

Über die Ausreise ihres Bruders Max liegen keine nähren Informationen vor, aber auch er wird etwa zur gleichen Zeit wie Netti seine Heimat verlassen haben. Möglicherweise war er mit seiner Schwester zunächst nach Rhodesien gegangen und erst später nach Australien weiter gezogen, wo er schon am 10. März 1952 an magliner Hypertension, also Bluthochdruck, verstarb. Auch er war zum Zeitpunkt seines Todes verheiratet.[63] Wann und wo die Ehe mit Hilda Klarissa Erlanger geschlossen worden war, konnte nicht ermittelt werden.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Nachricht aus Rhodesien an die Mutter Emilie in Frankfurt
HHStAW 518 9363 (83r)

Der Hinweis auf seinen Aufenthalt in Rhodesien liefert eine Nachricht, die sein Schwager Berthold am 27. Mai 1942 über das Internationale Rote Kreuz seiner Schwiegermutter Emilie Wolf in Frankfurt von ihrem Wohnsitz in Salisbury zukommen ließ, kurz bevor diese deportiert wurde. Es heißt darin: „Hoffen dich gesund uns geht es sehr gut ebenso Hilma. Max Teilhaber in der Kittfabrik, gutes Geschäft, unser Heim jetzt sehr gemütlich, Küsse alle Drei.“[64] Es liegt nahe, dass es sich bei dem genannten Max um den Sohn der Adressatin handelt. Unklar ist allerdings, wer mit der erwähnten Hilma gemeint sein könnte, vielleicht seine Frau Hilda. Dass die Wirklichkeit nicht ganz so rosig war, wie hier zur Beruhigung der Mutter bzw. Schwiegermutter dargestellt, erfährt man erst aus den Unterlagen des späteren Entschädigungsverfahrens.

Seit Sommer 1939 war Emilie Wolf somit alleine in Frankfurt und umso mehr den wachsenden Repressalien ausgesetzt. Ihre finanzielle Lage wurde immer prekärer, da sie keine Einkommen mehr hatte und die Erlöse aus dem Verkauf der Immobilien und der Firma nicht auf ihrem ohnehin gesicherten Konto einliefen. Als im November 1939 von ihr auch noch die zusätzliche 5. Rate der Judenvermögensabgabe über 5.450 RM gefordert wurde, schilderte sie in einem Schreiben an das Finanzamt ihre damalige Situation, verbunden mit der Bitte, ihr die Zahlung zu erlassen:
“Mein Vermögen besteht heute aus der ideellen Hälfte des Hauses Kronprinzenstr. 49, Frankfurt a/M., das unter Verwaltung eines Treuhänders ist, und keinerlei Rente abwirft.
Der Erlös m.[eines] verkauften Hauses Hansa-Allee 30 wurde für 1te und 2te Rate der Judenabgabe beschlagnahmt.
Der Erlös des Geschäfts m.[eines] verstorbenen Mannes der Firma Julius Wolf, verkauft am 1.1.1939 ist bis heute nicht ausbezahlt, da die Arisierung noch nicht genehmigt, der Betrag selbst für die 3te und 4te Rate Judensteuer und weitere Steuern verpfändet, so dass mir hiervon fast nichts verbleibt. (…)
Mein weiteres Vermögen ist nur noch ein Anteil einer 2ten Hypothek in Wiesbaden in Höhe von ca. Mk. 7000, die ich jedoch bei Auszahlung unbedingt zu m[einem] Lebensunterhalt brauche.
Ich bemerke noch, dass ich seit April 1939 nur noch von Unterstützung m[einer] Verwandten lebe, denen ich den Betrag auch noch zurückzahlen muss.“
[65]
Das Gesuch wurde, wie nicht anders zu erwarten, mit den Worten „die Voraussetzungen für eine Bewilligung des Gesuchs liegen unzweifelhaft nicht vor“ abgelehnt.[66] Im März 1939 war sogar eine Arrestverfügung gegen sie erlassen worden, um die noch nicht gezahlten Steuerschulden in der Höhe von 16.500 RM einzutreiben. Wie ihr die Tilgung der Schulden gelang, ist nicht genau dokumentiert, aber am 19. März wurde die Verfügung aufgehoben, nachdem der Betrag nebst Säumniszulage beim Finanzamt eingegangen war.[67] Ganz offensichtlich hatte sie aber Geld von ihren Wiesbadener Verwandten erhalten. So hielt das Finanzamt Frankfurt in drei Notizen fest, dass ihr von Arthur Hamburger, seiner Schwester Frieda und von Alice Keiles, geborene Hamburger, etwa eine Woche vor dem Stichtag jeweils 1.000 RM überwiesen worden waren.[68] Auch die Rückzahlung der Hypothek, die sie eigentlich für ihren Lebensunterhalt nutzen wollte, floss im März an das Finanzamt.[69]

Im August 1941 war der Betrag für den Verkauf der Immobilie Kronprinzenstr.49 in Höhe von 92.000 RM vom Käufer zwar auf einem Anderkonto des Notars hinterlegt worden, blieb aber dort liegen, weil die Behörden die Löschungsbewilligung der auf dem Haus lastenden Hypothek über insgesamt 57.000 RM nicht voran brachten.[70]. Nicht zu Unrecht wird man System hinter dieser behördlichen Verzögerungsstrategie vermuten können, die die Betroffenen in einer immer verzweifelteren Lage zurückließ.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Vertrag über eine der vielen Versteigerungen
Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
HHStAW 518 9363 (118)

Sie hatte durch den Zwangsverkauf ihre Wohnung verloren und war zudem genötigt, das darin vorhandene Mobiliar durch einen Auktionator an arische Rassenkampfgewinnler zu verscherbeln. Insgesamt sieben solcher Versteigerungen mit relativ geringem Erlös, insgesamt nicht einmal 500 RM,  durch die Firma Schweppenhäuser sind in den Akten belegt.[71] Schmuck und Edelmetalle waren ebenfalls in diesem Zeitraum abgeliefert worden. Der Anwalt im Entschädigungsverfahren setzte ihren wahren Wert mit etwa dem Zehnfachen des damals ausgezahlten Betrags von 750 RM an.[72]

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Ausreise von Sally Wolf und seiner Frau Frieda in die USA im Jahr 1941
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6551-0718?treeid=&personid=&hintid=&queryId=021f9d7cbeef39b1d1768ec1cabf2b47&usePUB=true&_phsrc=Ekt3681&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006404879&lang=de-DE

Nach dem Verlust der eigenen Wohnung und der Möbel begann für Emilie Wolf das unstete Leben, unter dem nahezu alle Jüdinnen und Juden in den letzten Monaten vor ihrer Deportation zu leiden hatten. Dreimal musste auch sie in dieser Zeit noch umziehen, die jeweiligen Gründe dafür sind leider nicht mehr rekonstruierbar. Am 10. Februar 1940 teilte sie der Devisenstelle mit, dass ihre neue Adresse die Hammanstr. 2 II sei. Dort befand sich auch die Wohnung ihres Schwagers Sally Wolf, der sie offensichtlich in ihrer Not aufgenommen hatte. Allerdings konnte sie hier nur etwa ein Jahr bleiben, den Sally hatte mit seiner Frau inzwischen die notwendigen Schritte für eine Auswanderung in die Wege geleitet. Am 9. Juni 1941 landeten er und seine Frau Frieda von der portugiesischen Hauptstadt Lissabon kommend mit dem Schiff ‚Excamption’ im Hafen von New York. Von dort waren sie weiter nach St. Louis in Missouri gezogen, wo ihre Tochter Lotte verheiratet war.[73]

Emilie Wolf Weyl
Gestapo-Karteikarte für Emilie Wolf, geb. Weyl
Stadtarchiv Wiesbaden

Sallys Auswanderung war vermutlich dr Grund, weshalb sie ab dem 1. Mai 1941 bei der Familie Mannsbacher in der Liebigstr. 52 I wohnte Ob sie sich in der Zeit tatsächlich in den genannten Wohnungen aufhielt, ist allerdings nicht klar, denn immer wieder war sie über längere Zeiträume auch bei ihren Verwandten in Wiesbaden, wie der dort für sie eigens angelegten Gestapokarteikarte zu entnehmen ist. So befand sie sich vom Mai 1940 bis Anfang Oktober bei ihrer Schwägerin Melanie Weyl in der Müllerstraße. Schon vier Wochen später kam sie wieder nach Wiesbaden, blieb aber diesmal zumindest nach den Einträgen auf der Karteikarte ein Vierteljahr bei Arthur und Frieda Hamburger in der Rösslerstraße. Das folgende halbe Jahr bis zum 11. August verbrachte sie dann wieder bei ihrer Schwägerin, die inzwischen in die Taunusstr. 58 umgezogen war. Erst danach ging sie zurück nach Frankfurt in die Liebigstr. 52, wo sie seit Mai offiziell wohnte.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Mitteilung an die Devisenstelle: Emilie Wolfs Umzug in den Reuterweg, der letzten Station vor ihrer Deportation
HHStAW 519/3 6491 (31)

Ihre letzte Adresse, von der aus sie die Reise in den Tod antreten musste, war der Reuterweg 49 III bei Maria Kneipp.[74] Am 21. Mai, zwei Tage vor ihrer „Evakuierung“ bat sie die Devisenstelle noch um die Freigabe von 200 RM: „Da ich am 23. ds. Mts. evakuiert werde, kann ich die Miete, die ich von dem mir zugestandenen Freibetrag anfangs Juni ds. Js. bezahlt hätte, nicht mehr begleichen.“[75] Ob das Geld noch freigegeben wurde, ist nicht bekannt.

Am Schabbat, dem 23. Mai 1942, verließ der 5. Juden-Transport aus Frankfurt die Stadt, um die Insassen in das Ghetto Izbica in Polen zu befördern. 68 Menschen hatten sich durch ihre Flucht in den Tod diesem Martyrium entzogen.[76] Zu den 930 Frankfurter Juden waren weitere 27 Personen aus Wiesbaden hinzugezogent worden, darunter auch die frühere Frau von Emilies verstorbenen Bruder Adolf, Melanie Weyl, die aber seit einem Tag mit dem Wiesbadener Juden Emil Heymann, der ebenfalls zu den Insassen gehörte, verheiratet war.[77] Auf der Transportliste ist diese allerdings noch mit ihrem alten Namen Melanie Weyl aufgeführt.

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick, Julius Wolf, Netti Wolf Ganz, Emilie Wolf Weyl, Renate Ganz, Max Wolf, Hilde Klarissa Erlanger Wolf
Nachricht über die Deportation von Emilie Wolf
HHStAW 518 9363 (83)

Eine kurze Nachricht, die über das Rote Kreuz offenbar von Netti an ihre Tochter Renate gerichtet war, bezeugt den Vorgang. Man scheint in Rhodesien die Vermutung gehabt zu haben, dass die Oma, Emilie Wolf, bei Verwandten in Polen unterkommen könne und später ein Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein würde.
“Omi fährt am 23. 5. mit Emil und Mela zu Tante Besserglück. Hoffentlich baldige Wiedersehen. Hilmars Onkel Max wird sie dort treffen. Gruss und Kuss Mutti.“ [78]
Wie lange die drei Deportierten im Ghetto Izbica überlebten und ob sie die Verwandten noch trafen, ist nicht bekannt. Netti bzw. Berthold Ganz versuchten über das Internationale Rote Kreuz Kontakt zu ihnen aufzunehmen, um sie dort herauszuholen – vergebens, wie einem Schreiben der Hilfsorganisation vom 29. September 1942 zu entnehmen ist:
“I am sorry to have to inform you that further to our conversation of this morning, our International Delegate has stated that it is not possible to aid your Mother to leave the Camp in Poland. This he says with much regret.
You may send a Cable if you so wish, but I feel bound to advise you that it is almost certain to meet with no satisfactory reply, as already shown by the Cable we quotes to you this morning.
We are very sorry not to be able to help you over this trouble.”
[79]

 

Kaum hatte der Zug Frankfurt verlassen, bemächtigte sich der NS-Staat des noch vorhandenen Vermögens von Emilie Wolf. Am 26. Mai wurden von ihrem Konto 11.500 RM an die Jüdische Gemeinde, vermutlich an die ‚Reichsvereinigung der Juden’,  überwiesen,[80] welche Grundlage diese Zahlung hatte, ist nicht mehr feststellbar. Am 11. September 1942 wurde die fällige Reichsfluchtsteuer in Höhe von 17.657 RM eingezogen.[81] Emilie Wolf hatte – so die perfide Rechtsgrundlage – Deutschland unzweifelhaft verlassen – müssen.

Die zweite Generation der Kaufmannsfamilien Hamburger und Weyl

Hedwig Hamburger, verheiratete Löwe

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Hedwig Löwe, geb. Hamburger
https://namesfs.yadvashem.org//yadvashem/photos4/hon/14134367.JPG

Hedwig Hamburger, das älteste und einzige Kind von Karl und Friedericke Hamburger , das dem Holocaust zum Opfer fiel, hatte am 9. November 1899 in Wiesbaden den aus Duisburg stammenden Sally, genannt Siegfried, Löwe geheiratet[82] und sich mit ihrer Familie auch dort niedergelassen. Dennoch war für sie mit dem Zugangsdatum 14. Juni 1940 eine Gestapokarteikarte in Wiesbaden angelegt worden. Rund vier Wochen waren sie und ihr Mann in der Stadt geblieben, vermutlich, um noch einmal die Verwandten zu besuchen und über die weitere Zukunft zu beraten.[83] Eine solche gab es aber für das Paar nicht mehr. Am 25. Juli 1942 waren beide von Düsseldorf aus mit einem Transport, der in Aachen zusammengestellt worden war, in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden, wo beide ums Leben kamen – Hedwig Löwe schon am 12. Dezember 1942, ihr Mann am 19. März 1944. Ihre Tochter Marguerite, die den Holocaust überlebte, hatte – und das zeigt, wie eng oft die Verbindungen der jüdischen Familien untereinander waren – Josef Altschul geheiratet, den Bruder von Melanie Heymann, verwitwete Weyl und geborene Altschul.[84]

 

Emma Hamburger, verheiratete Flörsheim

Da das Schicksal von Emma Hamburger unmittelbar mit der Stadt Wiesbaden verbunden blieb, soll auf die Lebensgeschichte ihrer Familie, der Cousine der Judenhausbewohnerin  Melanie Weyl / Heymann hier etwas ausführlicher eingegangen werden.
Neben Hedwig, Frieda und Paula hatten Friedericke und Karl Hamburger mit der am 21. November 1877 in Wiesbaden geborenen Emma noch eine weitere Tochter.[85] Durch deren Ehe war der Familienverband der Hamburger und Weyls mit weiteren sehr bedeutenden Kaufmannsfamilien Wiesbadens verbunden. Emma hatte am 23. März 1905 den am 2. Dezember 1873 im nordhessischen Battenberg geborenen Juwelier Gustav Flörsheim geheiratet. Er war das zweite von insgesamt fünf Kindern des Paares Samuel und Amalie Flörsheim. [86] Gustav Flörsheim war zwar nicht verwandtschaftlich, aber durch seine Kapitalbeteiligung mit dem damals wohl führenden Juweliergeschäft Wiesbadens, der Firma ‚Netter-Herz & Heimerdinger’ liiert, die seit 1913 in der Wilhelmstr. 38, im ehemaligen Bankhaus Berlé, in bester Lage für eine solvente Käuferschar ihre hochwertigen Waren anbot.

Heimerdinger-Anzeige
Eintrag für die den Hofjuwelier Heimerdinger im Wiesbadener Adressbuch 1890/91

Begründet worden war das Geschäft ursprünglich durch den Goldschmied Julius Herz aus Schierstein, der seinen ersten Laden in der Webergasse eröffnet hatte, wo er sowohl Waren des alltäglichen Gebrauchs aus Edelmetallen, aber auch wertvollen Schmuck anbot. Unter seinen Söhnen Adolf und Salomon, die zu Hofjuwelieren ernannt worden waren, blühte das Unternehmen weiter auf.
Schon im 19. Jahrhundert hatte sich mit dem aus Karlsruhe stammenden Joseph Herz Heimerdinger allerdings auch ein Konkurrenzunternehmen mit Tradition in der Kurstadt niedergelassen. Schon dessen Vater, Herz Heimerdinger, hatte in seiner Heimatstadt Karlsruhe den Beruf eines Hofgoldstickers ausgeübt. Joseph Herz Heimerdinger, geboren um 1820 ehelichte die etwa vier Jahre jüngere Bertha Strauß, Tochter von Abraham Moses und Gelchen Strauß, geborene Hirsch. Er war derjenige, der als Juwelier die väterliche Handwerkstradition in Wiesbaden weiterführte und ebenfalls den Titel eines Hofjuweliers tragen durfte.[87] Eine ganze Reihe der gekrönten Häupter Europas konnte er zu seinem Kundenstamm zählen, darunter natürlich auch das deutsche Kaiserhaus.[88] Seine Wohnung wie auch das Geschäft lagen Ende des 19. Jahrhunderts schon in der so genannten ‚Rue’, der Wilhelmstraße, die bis heute als Prachtstraße und Flaniermeile der Stadt gilt. Im Jahr 1917 erscheint in den Adressbüchern erstmals Gustav Flörsheim als Mitinhaber des Heimerdinger Juweliergeschäfts, das inzwischen von Moritz Heimerdinger, dem einzigen überlebenden Sohn von Joseph Herz und Bertha Heimerdinger, übernommen worden war. Moritz’ Frau Leontina, eine geborene Seligmann aus Kreuznach, war mit Prokura ausgestattet. Vermutlich hatten die schwierigen Kriegsjahre einen zusätzlichen Kapitalgeber notwendig gemacht. Am 31. Dezember 1929 fanden dann wohl vor dem Hintergrund der ausgebrochenen Weltwirtschaftskrise die bisherigen Konkurrenten zusammen und gründeten die Firma ‚Netter, Herz & Heimerdinger G.m.b.H.’ [89] Wenn hier nun der weitere Name Netter auftaucht, so hat das seinen Grund darin, dass Adele Marie Anna Herz, die Enkelin des Firmengründers und Tochter von Adolf Herz und seiner Frau Johanna, geborene Ballin, sich am 19. April 1913 mit dem in Pforzheim geborenen Kaufmann Bruno Netter vermählt hatte. Wie sie selbst, so stammte auch er aus einer traditionsreichen Juweliersfamilie. Bruno Netter war der am 14. Mai 1881 geborene Sohn des Hofjuweliers Louis Netter und seine Frau Bertha, geborene Wallenstein.[90] Neben Bruno Netter und dessen Bruder Albert waren nach Angaben des Wiesbadener Steueramts auch Gustav Flörsheim und Berthold Heimerdinger, der 1890 geborene Sohn von Moritz und Leontine Heimerdinger, als Teilhaber in die neu gegründete Firma aufgenommen worden.[91] Als Laden dienten weiterhin die Räumlichkeiten des früheren Geschäfts der Heimerdingers in der Wilhelmstr. 38. Neben dem Hauptgeschäft in Wiesbaden wurde zudem eine Filiale in der Kurstadt Baden-Baden betrieben, die zumindest in den Sommermonaten geöffnet war und etwa ein Drittel zum Umsatz des Unternehmens beisteuerte.[92] Steuerunterlagen der Firma liegen nicht mehr vor, aber die Entschädigungsbehörde folgte der Aussage einer ehemaligen Mitarbeiterin, dass die jährlichen Umsätze – eine genaue Zeitangabe machte sie nicht – früher bei etwa 1 Million RM gelegen hatten.[93]

Bruno Netter, Fritz Katzenstein, Dorothea Katzenstein, Judenhaus Emser Str., Wiesbaden
Schatulle des Juweliers Netter, in dem Fritz Katzenstein den Ring seiner Eltern in die USA brachte
Mit Genehmigung von Dodie Katzenstein

Somit gehörte auch Emma Hamburger durch ihre Ehe mit dem Gesellschafter der ‚Netter, Herz & Heimerdinger G.m.b.H.’ Gustav Flörsheim zu dem erlauchten Kreis führender Geschäftsleute Wiesbadens. Etwa ein Jahr nach der Eheschließung wurde am 22. März 1906 ihr Sohn Paul, das einzige Kind des Paares, geboren.[94] Nach seiner Schulausbildung, die er am Reform-Gymnasium in der Oranienstraße 1924 mit dem Abitur abschloss, studierte er zunächst einige Semester Kunstgeschichte und Nationalökonomie an den Universitäten Hamburg und Frankfurt, stieg aber dann in die elterliche Firma ein. Allerdings blieb er nur kurze Zeit in Wiesbaden. Nach einem Praktikum in der mit dem Wiesbadener Haus verbundenen Firma ‚Netter & Cie’ in Mannheim, erweiterte er seine beruflichen Kenntnisse in den verschiedenen Zentren des Gold- und Juwelenhandels in Europa, in Amsterdam, London und Paris. Ein Jahr, vom März 1928 bis April 1929, verbrachte er noch in New York, um ab 1930 wieder als Mitarbeiter in der Wiesbadener Firmenzentrale zurückzukehren.[95]

Bernhard Dreifuss
Bernhard Dreifuss
https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/collection/1030/tree/78570859/person/48386514302/media/20b84344-55a5-4c9d-ad00-18733a7f4e55?_phsrc=Ekt3562&usePUBJs=true

Es blieben danach nur noch wenige Jahre, bis das Unternehmen durch die Politik der Nazis zu Grunde gerichtet und arisiert wurde. Bereits am 2. Dezember 1933 emigrierte Paul zunächst in die Schweiz, wo die Familie seines Freundes Bernhard Dreifuss lebte. Mit ihm beriet er sich über die weiteren Schritte seiner Flucht. Sein eigentliches Ziel, so gab er später an, seien schon damals die USA gewesen. Man habe ihm aber in der amerikanischen Botschaft erst für 1937 ein entsprechendes Einwanderungsvisum in Aussicht gestellt, weshalb er im Februar 1934 zunächst von der Schweiz aus nach England weitergereist sei, um dort, im sicheren Ausland, auf die entsprechenden Papiere zu warten. Eine Arbeitserlaubnis habe er in England nie besessen, sodass er dort nur unregelmäßig ein Einkommen aus Hilfstätigkeiten oder durch Vertretungen ausländischer Firmen bezog.[96]

Ruth Dreifuss Flörsheim
Auswanderung von Ruth Dreifuss im Jahr 1936
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001458-00551?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=145684559

Zur Familie Dreifuss in der Schweiz gab es schon seit langem eine enge Beziehung, denn die aus Wiesbaden stammende Mutter von Bernhard, Johanette Dreifuss, war seit vielen Jahren eine Freundin von Pauls Mutter Emma Flörsheim gewesen.[97] Diese Beziehungen wurden nun noch komplettiert durch die Bindung zwischen Paul und Ruth Dreifuss, der am 7. Dezember 1911geborenen Tochter von Theodor und Johanette Dreifuss, die letztlich in eine Ehe der beiden mündete, nachdem sie unabhängig von einander in die USA ausgewandert waren. Während die Ärztin und schweizerische Staatsbürgerin Ruth Dreifuss bereits im Januar 1936 von Southampton aus nach New York gelangte,[98] konnte ihr zukünftiger Ehemann erst am 14. Mai des folgenden Jahres von Le Harve aus mit dem Schiff ‚SS Manhattan’ nachkommen.[99] Am 13. November 1937 wurde dann in New York die Ehe geschlossen.[100] Im Frühjahr des folgenden Jahres traten Pauls Eltern von Bremen aus eine Reise in die USA an, sicher nicht nur um das junge Paar zu besuchen, sondern auch, um die eigene Ausreise vorzubereiten.[101]

Während die Eltern ihren Sohn in Sicherheit wussten, mussten sie selbst umso mehr um ihr eigenes Leben und den Erhalt ihrer Firma in Wiesbaden bangen. Bereits am 10. April 1937 war zunächst die Personengesellschaft in eine K.G. umgewandelt worden, in der von nun an nur noch Bruno Netter und Gustav Flörsheim als persönlich haftende Gesellschafter fungierten.[102] Bruno Netter hielt einen Anteil von 53 Prozent, Gustav Flörsheim von 35 Prozent und der Kommanditist Albert Netter von 12 Prozent des Kapitals.[103]

Das Haus der Flörsheims in der Victoriastr.
Eigene Aufnahme

Trotz des Boykotts und der antisemitischen Anfeindungen – jüdische Juweliere entsprachen im Besonderen dem Klischee vom reichen Juden – gehörten Gustav und Emma Flörsheim auch in den dreißiger Jahren ganz unzweifelhaft zu den vermögenden Bürgern Wiesbadens. Als den NS-Behörden bekannt wurde, dass das Paar auswandern wolle, beantragte die Zollfahndungsstelle Mainz am 18. Januar 1939 eine Sicherungsanordnung bei der Devisenstelle in Frankfurt. Das darin angegeben Vermögen belief sich auf etwa 150.000 RM, darunter 37.000 RM, der als Wert ihres Wohnhauses in der Victoriastr. 35 angesetzt war.[104]

Wann Gustav und Emma Flörsheim den endgültigen Entschluss zur Emigration gefasst hatten, ist nicht bekannt, den letzten Impuls dazu werden aber die Ereignisse während der Reichspogromnacht geliefert haben, bei denen auch die Geschäftsräume in der Wilhelmstraße demoliert und geplündert wurden.[105]

Flörsheim
Die Devisenstelle beantragte im Januar 1939 eine Sicherungsanordnung gegen Gustav Flörsheim
HHStAW 519/3 10200 (6)

Nur wenige Wochen später gaben die Gesellschafter ihr Geschäft auf und verkauften es am 15. Dezember 1938 für insgesamt 300.000 RM an den Wiesbadener Juwelier und Konkurrenten Carl Ernst. Ein Drittel der Summe erhielt nach eigenen Angaben Gustav Flörsheim.[106] Der Verkaufserlös musste selbstverständlich auf ein gesichertes Konto eingezahlt werden.[107] Ein weiteres traditionsreiches jüdisches Geschäft war damit arisiert – und nicht, wie es verfälschend in einem Bescheid der Entschädigungsbehörde aus dem März 1960 heißt, „in andere Hände übergegangen“.[108]

Die Ausreisepläne nahmen danach konkrete Gestalt an. Im Februar wurden die notwendigen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen für die Ausstellung der Reisepässe erteilt,[109] im März war das Umzugsgut der Firma Rettenmayer zur Kontrolle durch die Devisenstelle übergeben worden, die eine Dego-Abgabe für neuwertige Güter in Höhe von rund 3.200 RM festlegte.[110] Dies war noch eine relativ kleine Summe im Vergleich zu den 23.000 RM, die von Gustav Flörsheim als Reichsfluchtsteuer verlangt wurden. Mehr als 18.000 RM hatten zudem als Sühneleistung im Gefolge der Reichspogromnacht an die Steuerbehörden überwiesen werden müssen.[111]

Danach war der Weg frei. Laut Eintrag auf der Gestapokarteikarte verließ das Ehepaar Flörsheim am 3. April 1939 Wiesbaden mit dem Ziel Wohlen im Aargau in der Schweiz, wo die befreundete Familie Dreifuss lebte.[112] Auch sie hielten sich also zunächst dort auf, bevor sie dann etwa ein halbes Jahr später an Weihnachten 1939 mit dem Schiff ‚Georgic’ von England aus in die Vereinigten Staaten ausreisten.[113] Von der Schweiz aus hatten sie zunächst noch einen Teil ihres Vermögens, allerdings unter hohen Verlusten, in Schweizer Franken transferiert. Für 38.000 RM hatte man ihnen etwa 4.000 Franken ausgezahlt, ein Verlust gegenüber dem offiziellen Kurs von 94 Prozent.[114]

Das Haus in der Victoriastr. 35 war erst ein Jahr später, im Dezember 1940, für 40.000 RM, dem 1939 festgelegten Einheitswert, veräußert worden. Wer damals die Verkaufsverhandlungen im Namen der Eigentümer führte, ist nicht bekannt.[115] Das Geld gelangte nie in die Hände der Verkäufer. Zunächst war nach Abzug einer auf dem Hausgrundstück eingetragenen Hypothek die Restsumme auf ein so genanntes Ausländersperrguthaben eingezahlt worden, welches dann am 8. Februar 1943 vom Staat eingezogen wurde.[116]

Dem Ehepaar Flörsheim war es gelungen, ihr Leben zu retten, aber es war ein zerstörtes Leben, was da gerettet worden war. Gustav Flörsheim verstarb in seinem amerikanischen Exil noch bevor der Krieg zu Ende war am 10. Februar 1945 in Jackson Heights im Staat New York. Seine Frau Emma überlebte ihn um sieben Jahre. Sie verstarb dort am 9. Juni 1952.[117] In ihrem Testament hatte sie noch festgelegt, dass ihr Sohn Paul, der mit seiner Frau ebenfalls in Jackson Heights lebte, sich um ihre Schwester Frieda, mit der sie spätestens nach dem Tod von Gustav Flörsheim zusammen wohnte, kümmern solle.[118] Frieda Hamburger verstarb am 26. Mai 1959 in Newark.[119]

Paul Flörsheim gelang es in Amerika nicht mehr in seinem erlernten Beruf erfolgreich Fuß zu fassen. Zunächst war er im Oktober 1940 in die US-Army eingetreten, um gegen den europäischen Faschismus zu kämpfen, dann wurde er schon bald nach dem Ende des Weltkriegs erneut zum Einsatz im Korea-Krieg eingezogen, wodurch seine Pläne, sich als selbstständiger Juwelenhändler eine sichere wirtschaftliche Basis zu schaffen, zunichte gemacht wurden. Wann er mit seiner Frau von New York nach Florida zog, ist nicht bekannt. Er verstarb dort an ihrem gemeinsamen Wohnsitz in Fort Lauderdale am 5. März 1964, Ruth am 12. August 1985.[120] Soweit bekannt, waren dem Paar keine Kinder geboren worden.

 

Die Geschwister Frieda und Arthur Hamburger und das Ehepaar Adolf und Melanie Weyl, die Erben von ‚Hamburger & Weyl’

Nach dem Tod von Karl Hamburger und seiner Schwester Elise Weyl übernahm die nächste Generation die beiden Geschäftshäuser in Wiesbaden. In der Familie Hamburger waren das die beiden Geschwister Frieda und Artur – vermutlich weil Frieda unverheiratet geblieben und Artur, weil er der einzige männliche Nachkomme war. Adolf Weyl trat das Erbe in der Linie der Weyls an.

Im Jahr 1908 war nach dem Verkauf der Firma ‚Moriz Herz & Cie’ durch Siegmund Hamburger an die Geschwister ein neuer Gesellschaftsvertrag für diesen Unternehmenteil aufgesetzt, laut dem als persönlich haftende Gesellschafter nun Adolf Weyl und Artur Hamburger die Rolle ihres ledig gebliebenen Onkels Siegmund Hamburger übernahmen. Der einzig noch Lebende der vorherigen Generation fungierte aber bis zu seinem Tod weiterhin als Prokurist in der Firma.[121] Auch in der Firma ‚Hamburger & Weyl’ stellten Artur Hamburger und Adolf Weyl die persönlich haftenden Gesellschafter. Allerdings wurde Arturs Schwester Frieda, die bisher schon als eine mit Prokura ausgestattete Angestellte im Unternehmen mitgearbeitet hatte, auf Grund einer Bestimmung des väterlichen Testaments mit 20 Prozent am Kapital beteiligt. Auf diese Weise sollte die ledig gebliebenen Tochter vermutlich langfristig finanziell abgesichert werden. Die übrigen 80 Prozent der Anteile waren zwischen Artur Hamburger und Adolf Weyl hälftig geteilt.[122] Frieda war, nachdem sie im Alter von 16 Jahren vom Lyzeum, der höheren Mädchenschule in Wiesbaden, abgegangen war, ohne weitere Ausbildung in das Familienunternehmen eingestiegen und hatte in der alltäglichen Praxis alle notwendigen Qualifikationen erworben, um neben ihrem Bruder und Schwager aktiv an der Führung des Geschäfts teilnehmen zu können. Nicht nur leitete sie über viele Jahre eigenverantwortlich die Buchhaltung, sie war auch mit dem Ein- und Verkauf der Waren befasst.[123]

Unzweifelhaft waren die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg diejenigen, in denen die Kurstadt mit ihren 100.000 Einwohnern ihre Glanzzeit erlebte und – wie Blisch schreibt – „zur Repräsentationskulisse des Kaiserreiches, der regierenden Häuser und in deren Gefolge des Adels wie auch der Geld- und Wirtschaftsmagnaten geworden“ war.[124] Die lokalen Geschäftsleute waren diejenigen, die davon mittelbar wie unmittelbar am meisten profitierten – ganz sicher auch die Familien Hamburger und Weyl. Ganz abgesehen von der persönlich-emotionalen Ebene konnte sich Melanie Altschul sicher glücklich schätzen, als Adolf Weyl am 5. September 1912 die Einundzwanzigjährige in ihrer Heimatstadt Mannheim zu seiner Ehefrau machte.[125] Aber auch sie kam ja aus einem nicht minder guten und vermögenden Haus. Drei Jahre später wurde während des Ersten Weltkriegs am 4. Mai 1915 ihr einziges Kind, der Sohn Max, geboren.[126] Über das familiäre Innenleben der Weyls, erfährt man auch aus dem Interview mit deren Nichte Frances nichts Näheres.

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Anna und Artur Hamburger – Fotos aus ihren Reisepässen

Sehr detaillierte und geradezu intime Informationen gibt sie hingegen aus ihrem eigenen Elternhaus preis. Artur Hamburger hatte im Mai 1919 die aus Wiesbaden stammende Anna Kahn, geboren am 25. Juli 1893, geheiratet.[127] Sie war die Tochter des Weinhändlers August und Hedwig Kahn, geborene Berg aus Offenbach. Ihre Mutter sei, so die Tochter, in sehr privilegierten Verhältnissen aufgewachsen, habe aber dennoch immer ein sehr großes soziales Engagement gezeigt. Als eine der ersten weiblichen Studentinnen habe sie an der Frankfurter Universität ein Studium für Sozialarbeit abgeschlossen und anschließend ein Kinderheim geleitet, in dem die unbetreuten Kinder berufstätiger Mütter versorgt wurden. Das Gebäude hatte Artur Hamburger im Namen der elitären jüdischen Loge B’nai B’rith erworben, deren Mitglied er war.[128] Auch war Anna Hamburger zeitlebens, auch später noch in den USA, im ‚Jüdischen Frauenbund’ aktiv, eine Funktion, die dort von ihrer Tochter Frances übernommen wurde.

Frances, ursprünglich Friedericke Bertha, war das erste, am 22. März 1920 geborene Kind von Artur und Anna Hamburger.[129] Am 4. Juni 1922 kam ihr jüngerer Bruder Karl August zur Welt.[130] Wie damals üblich kümmerte sich der Vater ums Geschäft, die Mutter um die Kinder. Nur sonntags habe sich ihr Vater die Zeit genommen, um mit den Kindern zu spielen und Ausflüge zu machen, so Frances Bunzl.

Artur und Anna Hamburger mit den beiden Kindern Friedericke und Karl August in Wiesbaden

Beide Kinder besuchten die Höhere Schule in Wiesbaden und Frances konnte sich später nicht erinnern, dass sie damals als Jüdin – sie war die einzige in der Klasse – diskriminiert worden sei, weder von den Lehrern, noch von den Mitschülerinnen.[131] Ganz andere Erfahrungen machte ihr Bruder Karl August, der seine Schule nach der achten Klasse verließ und eine Ausbildung als Klempner machte. Weder er, noch sie selbst seien besonders gut in der Schule gewesen, weshalb eine akademische Ausbildung für sie nie eine Perspektive gewesen sei. Eigentlich habe sie die Absicht gehabt, sich nach der Mittleren Reife als Kinderpflegerin ausbilden zu lassen. Ihre religiöse Bildung mussten die beiden Kinder nachmittags beim Rabbi absolvieren, wobei es hauptsächlich darum ging, Gebete aus dem Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen und diese auswendig zu lernen. Da in ihrer Gruppe die meisten Mädchen aus orthodoxen Familien stammten und daher diesen Lernstoff bereits bestens beherrschten, kam sie sich hier eher fremd vor.
Man sei sich in ihrer Familie der jüdischen Identität zwar bewusst gewesen, die Religion habe aber im alltäglichen Leben kaum eine Rolle gespielt. Frances Bunzl formulierte es so: „They were hundred percent Germans. But they were Jewish, but they were Germans, they were – put it – they were German citizens with Jewish Religion, put it this way. The German citizen came first.”
So sei der Freitagabend zwar Familientag gewesen, den man reihum mit den Geschwistern der Eltern und deren Familien gemeinsam verbracht habe, weshalb auch den Kindern, unabhängig vom Alter, an diesem Abend ein Ausgehverbot erteilt worden sei. Anders als sonst üblich sei an den Freitagen statt mittags abends gekocht und das Hauptgericht eingenommen worden. Aber weder hätte man sich an die Speisevorschriften gehalten, noch sei ein Segen gesprochen worden. Das Feierliche des Tages habe eher darin seinen Ausdruck gefunden, dass die Frauen statt mit Handarbeiten den weiteren Abend mit dem Bridgespiel verbrachten. In die Synagoge – die Familie gehörte der Reformgemeinde der Synagoge am Michelsberg an – sei man nicht am Sabbat, sondern nur an den höchsten Feiertagen gegangen. Wenn dies zwar explizit nur für die Familie Hamburger zutrifft, so wird man dennoch vermuten können, dass auch die Weyls gleichermaßen assimiliert waren, denn auch sie gehörten zu dem Kreis derjenigen, der  sich an diesen säkularisierten Sabbatabenden zusammenfand.
Trotz der eher distanzierten Haltung gegenüber der religiösen Tradition, waren die Familien sozial in die Jüdische Gemeinde integriert. Dessen wird man gewahr, wenn man die Mitgliederlisten der verschiedenen Vereine und Organisationen im Jüdischen Adressbuch von 1935 durchgeht. Auffällig ist, dass die Namen Hamburger und Weyl gerade in den Gruppen auftauchen, in denen soziales Engagement gefordert war. So waren Arturs Schwester Frieda und auch seine Frau Anna, hier Aenne genannt, Mitglieder in der ‚Vereinigung jüdischer Frauen Wiesbadens’, letztere war zudem aktiv in der zionistisch orientierten Gruppe der ‚Frauen für Palästina-Arbeit’,[132] und in der ‚Esra’, dem eher orthodox orientierten Jugendverband. Vor dem Hintergrund des oben dargestellten Lebensstils der Familie scheint zumindest aber die letztgenannte Mitgliedschaft wahrscheinlich eher ein Relikt aus der Jugendzeit von Anna Hamburger gewesen zu sein. Ihre Kinder Friedericke / Frances und Karl August waren in der Sportgruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten aktiv,[133] zudem war zumindest Frances auch eine aktive Pfadfinderin, wie sie in ihrem Interview mitteilte – eine Aktivität, die sie später in den USA wieder aufnahm. Adolf Weyl engagierte sich im ‚Waisenunterstützungsverein’ und in der ‚Rituellen Küche für den Mittelstand’, die für die Speisung von Bedürftigen jedweder Art, besonders aber von verarmten jüdischen Kindern aufkam. Darin sah auch Artur Hamburger eine seiner Aufgaben.[134] Ein ähnliches soziales Ziel verfolgte er mit seiner Unterstützung der ‚Wiesbadener Ferienkolonie für israelische Kinder’. Daneben war er noch Mitglied im ‚Jüdischen Lehrhaus’[135] Im ‚Verein zur Errichtung eines jüdischen Krankenhauses’ waren neben Adolf Weyl, Artur und seine Schwester Frieda Hamburger auch Dr. Hans Hamburger, der Sohn von Salomon Hamburger, eingetragen. Unklar muss natürlich bleiben, ob es sich dabei jeweils um aktive, mit persönlichem Engagement verbundene Mitgliedschaften handelte oder um solche, die allein durch die üblichen Beitragszahlungen die jeweilige Einrichtungen förderten.

 

Ganz sicher wurde aber von einem erfolgreichen jüdischen Unternehmer ein solches, zumindest finanzielles Engagement von der Gemeinde erwartet. Und erfolgreich liefen die Geschäfte der beiden Familien über viele Jahre. Gefragt nach dem sozialen Status ihrer Eltern, hatte Frances Bunzl diesen mit „upper middle class“ charakterisiert. Zwar liegen nur noch wenige Steuerakten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und aus den ersten Jahren der Republik vor, aber aus dem Vermögen und dem Einkommen, das später erzielt wurde bzw. vorhanden war, kann man sich auch im Hinblick auf frühere Jahre begründete Vermutungen zumindest allgemeiner Art erlauben. Die Entschädigungsakten enthalten diesbezüglich hinreichende Informationen, zugleich machen sie die Haltung der Behörde gegenüber den Verfolgten in diesen ersten Nachkriegsjahren deutlich. So heißt es in dem Bescheid vom 2. Januar 1963, in dem es um die Frage ging, ob Adolf Weyl bei seinem Einkommen mit den Beamten des höheren oder des gehobenen Dienstes verglichen werden könne. Die Behörde wollte ihn nur in die untere Stufe des höheren Dienstes eingruppieren, wenngleich sie zugeben musste, „dass es sich um 2 nicht unbedeutende und alteingesessene Handelshäuser gehandelt“ habe, an denen der Ermordete beteiligt war.[136] Auf geschickte Weise wird mit dieser doppelt verneinenden Formulierung suggeriert, dass diese aber nicht wirklich bedeutend gewesen seien. Erst nach einer Klage vor dem Landgericht Wiesbaden wurde durch ein Urteil vom 22. Juni 1964 diese entschädigungsmindernde Einstufung aufgehoben und Adolf Weyls Einkommen dem eines Beamten des gehobenen Dienstes gleichgesetzt. Hier wird jetzt auch klar formuliert, „daß es sich bei der Firma Hamburger & Weyl im hiesigen Bezirk um eine der größten und bekanntesten dieser Branche handelte. Das gleiche gilt für die Firma Moritz Hertz & Cie.“[137] Unterlegt wird die Einschätzungen mit Umsatzzahlen, die zumindest für die Firma ‚Hamburger & Weyl’ für die Jahre 1925 bis 1933 vorgelegt werden konnten. Danach beliefen sich diese in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise zwischen 600.000 RM und 450.00 RM. Da die Zahlen sich nur auf einen Unternehmensteil beziehen, wird man vermutlich von jährlichen Gesamtumsätzen in Millionenhöhe ausgehen können. Erst in den folgenden Jahren bis 1933 stürzten sie krisenbedingt ab auf etwa 200.000 RM,[138] nicht ausgeschlossen ist, dass auch die antisemitische Stimmung damals schon die Umsatzentwicklung negativ beeinflusste. Für die Firma ‚Moritz Herz & Cie’ liegen noch die Einkommensteuerberechnungen für die Jahre 1925 bis 1935 vor, die ein nicht ganz so positives Bild abgegeben. Zu Beginn der Stabilitätsphase – es handelt sich im Wesentlichen um die Jahre zwischen 1925 und 1928 –verzeichnete man noch negative Erträge.[139] Erst in den Jahren 1927 und 1928 konnten Gewinne zwischen 20.000 RM und 30.000 RM verbucht werden. In den Folgejahren fielen die aber dann unter 10.000 RM, um dann in der Weltwirtschaftskrise ab 1931 im Minusbereich zu bleiben.[140] In den wenigen Jahren vor der Krise betrug das jährliche Einkommen, das allein Adolf Weyl aus den beiden Firmen bezog, trotz aller Schwankungen jeweils etwa 16.000 RM, für beide Gesellschafter insgesamt somit mehr als 30.000 RM.[141] Auch Frieda Hamburger gab an, in den Jahren bis 1929 ein jährliches Einkommen zwischen 15.000 und 16.000 RM bezogen zu haben.[142] Und ein solches Einkommen ermöglichte einen entsprechenden Lebensstil.

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Das Haus von Adolf und Melanie Weyl in der Weinbergstr. 18 heute
Eigene Aufnahme

Zurecht wurde in dem Prozess um die Einstufung von Adolf Weyl auch darauf verwiesen, dass er mit seiner Familie „ein eigenes Haus in einer der besten Wohngegenden Wiesbadens besaß“.[143] Gemeint war die mit hochwertigem Mobiliar ausgestattete Villa in der Weinbergstr. 18, in die Weyls 1921 aus ihrer bisher gemieteten Wohnung in der Wallufer Str. 7 gezogen waren.[144]

Im Rahmen des Entschädigungsverfahrens für Max Weyl hat eine ehemalige Hausangestellte in einem vierseitigen Brief umfassend und detailliert die Räume und deren Ausstattung beschrieben.[145] Laut diesem Schreiben befand sich im Souterrain neben Aufenthaltsräumen für das Personal, der Heizungsanlage auch die Küche mit allem Geschirr und Besteck für den täglichen Gebrauch. Aber auch das war aus Silber. Im Parterre, das Parkett war nahezu überall mit Perserteppichen bedeckt, war das Esszimmer mit einer Tafel für zehn Personen eingerichtet. In verschiedenen Schränken und Buffets befanden sich mehrer hochwertige, 24teilige Services und Kristallgläser für die verschiedensten Anlässe. Wie auch die anderen Räume war das Herrenzimmer mit Eichemöbeln ausgestattet, beherbergte einen großen Schreibtisch und diverse Bücherschränke. Vorgelagert war ein möblierter Wintergarten, ausgerichtet nach Süden mit Blick auf den Nero-Park. Im angrenzenden Salon stand neben weiteren Sitzgelegenheiten und Schränken, bestückt mit Meißener Porzellan, der Flügel der Familie. Darüber im ersten Stock lagen neben einem Marmorbad die Schlafräume für die Eltern und Max, beide ebenfalls mit diversen Schränken bestückt, u. a. einem speziellen Hutschrank. Ein weiteres Wohnzimmer in diesem Stockwerk war mit den ererbten Möbeln der Eltern ausgestattet. Unterm Dach gab es ein Fremdenzimmer, die Zimmer für die Hausangestellten und diverse Kammern und Abstellräume, wo eingewecktes Obst und die große Eisenbahnanlage von Max untergebracht waren. Alle Fenster des Hauses waren mit wertvollen Gardinen und alle Wände mit Bildern und Gemälden geschmückt.

Rösslerstr. 7, Artur Hamburger
Die Villa in der Rösslerstr. 7 heute
Eigene Aufnahme

Eine nicht weniger repräsentative Villa hatten auch Artur und Anna Hamburger zusammen mit Frieda Hamburger erworben. Im Adressbuch von 1925/26 sind sie erstmals nicht mehr mit der Adresse des Geschäftshauses in der Neugasse / Marktstraße, sondern als Eigentümer und Bewohner des so genannten ‚Nassau-Hauses’ in der Rösslerstr. 7 aufgeführt, ein imposanter Bau mit Südausrichtung und Blick über den Kurpark. Die klassizistische Villa war 1875 von Carl von Rössler errichtet und 1891 noch einmal umgestaltet worden. Sie gehört wegen ihrer künstlerischen Qualität, wegen der gelungenen harmonischen „Verbindung von Altem mit Neuem“, noch heute zu den Kulturdenkmälern Wiesbadens.[146]

 

Aber nicht nur diese luxuriösen Domizile offenbaren den Wohlstand der Familien in den Jahren vor der NS-Zeit. Das frühere Betriebskapital – eine genaue Datierung wurde im Entschädigungsverfahren nicht gemacht – wurde auf 120.000 RM geschätzt.[147] Nicht eingeflossen sind in diese Bewertung die beiden Immobilien, in denen die Geschäfte selbst untergebracht waren und die im privaten Besitz der Gesellschafter waren. Ihr jeweiliger Anteil entsprach dem am Gesamtkapital des Unternehmens. Entsprechend flossen auch die Mieten, die die Geschäfte an die Eigentümer zu entrichten hatten, als monatliche Einkommen an diese zurück. Das Gebäude an der Ecke Marktstraße / Neugasse war 1935 mit einem Einheitswert von 79.900 RM, 1939 bei einer Neufestsetzung sogar auf 119.000 RM taxiert worden.[148] Das Geschäftshaus in der Friedrichstr. 38 war 1935 sogar schon mit 125.00 RM, dann 1938 mit 122.000 RM bewertet worden.[149]
Darüber hinaus besaßen Elisabeth und Max Weyl neben den wertvollen Einrichtungsgegenständen, Schmuck und Edelmetallen auch noch ein Wertpapierdepot in Höhe von weit über 100.000 RM, das später, wie auch das übrige Vermögen, dem Raub der NS-Finanzbehörden zum Opfer fiel.

Man muss allerdings konstatieren, dass auch die Firmen der Familien Hamburger und Weyl von der Weltwirtschaftskrise nicht unberührt blieben und die Halbierung der Umsätze mit zunehmend negativen Betriebsergebnissen einhergingen. Hatte die Bilanz der Firma Moritz Herz & Co. – für die allein Zahlen vorliegen – 1930 noch einen Gewinn von rund 6.000 RM ausgewiesen, so fielen in den folgenden Jahren bis 1934 nur noch Verluste an, die allerdings im Laufe der Jahre immer geringer wurden, 1934 nicht einmal mehr 1.000 RM betrugen. Die Auswirkungen des wachsenden Antisemitismus konnten offenbar damals noch durch die globale Konjunkturentwicklung zumindest partiell kompensiert werden. Gleichwohl halbierten sich in diesen Jahren auch die Einkommen der Gesellschafter gegenüber den Vorkrisenjahren, betrugen 1934 sogar nur noch etwa 4.000 RM.[150]

 

Wachsende Bedrohungen und Flucht

Den drei Eigentümern musste zu diesem Zeitpunkt klar geworden sein, dass es in diesem politischen Umfeld für sie keine Chance gab, auf Dauer die Firmen am Leben erhalten zu können. „Durch Boykott und Zwangsmaßnahmen“, so der überlebende Artur Hamburger später im Entschädigungsverfahren, „wurde ich zum Verkauf meiner Geschäfte gezwungen“.[151] So wurden bereits im Oktober 1935 die gesamten Lagerbestände und auch die Einrichtung der Firma ‚Moritz Herz’ an den Konkurrenten Stegemeier & Weyel zu einem Gesamtpreis von rund 80.000 RM veräußert. Dieser führte zunächst mit einem Mietvertrag das Geschäft in dem bisherigen Gebäude in der Friedrichstr. 38 weiter.[152] Die Firma ‚Hamburger & Weyl’ wurde im Januar 1938 von dem Kaufmann Hans Heidenreich übernommen und ebenfalls in dem bisherigen Geschäftshaus weitergeführt.[153] Insgesamt erzielten die Verkäufer für die beiden Firmen einen Preis von 262.000 RM,[154] wobei ein Großteil des Betrages für diverse Zwangsabgaben dem Staat zufiel, das Übrige später auf gesperrten Konten dem Zugriff der Eigentümer entzogen wurde. Formal bestanden die alten Firmen nach dem Verkauf unter der Regie eines Liquidators auch weiterhin, um Außenstände einzutreiben, Schulden abzutragen und anderen Verpflichtungen nachkommen zu können. Erst 1939 bzw. 1941 wurden sie endgültig aufgelöst.[155] Solange hatte offensichtlich die Abwicklung des Unternehmens gedauert. Nicht im Kaufpreis impliziert waren die den Gesellschaftern gehörenden Immobilien selbst, wie einem Vermerk der Entschädigungsbehörde zu entnehmen ist. Das Geschäftshaus in der Friedrichstraße wurde am 2. August 1939 für 122.000 RM und das an der Ecke Neugasse / Markstraße erst am 2. Dezember 1940 zu einem Preis von 120.000 RM veräußert.[156] Wer die Käufer waren, ist hier nicht vermerkt worden. Aber mit großer Sicherheit waren das auch diejenigen, die zuvor die Geschäfte selbst erworben hatten. Laut Wiesbadener Adressbuch von 1948, dem ersten Nachkriegsadressbuch, betrieb im Haus Neugasse / Marktstrasse Hans Heidenreich damals noch immer sein Geschäft mit dem gleichen Angebot wie zuvor das Unternehmen ‚Hamburger & Weyl’. Während die Friedrichstr. 28 durch Kriegseinwirkungen erheblich beschädigt worden war, hatte das Gebäude im historischen Fünfeck die Bombenangriffe unbeschadet überstanden.[157]

Auch bevor die Immobilien und die Geschäfte verkauft waren, verfügten die beiden Familien eigentlich über genügend finanzielle Mittel, um Deutschland verlassen und Aufnahme in einem Exilland finden zu können. Zugleich waren diese immensen Vermögenswerte aber wohl auch ein gewichtiger Grund, weshalb zumindest Adolf und Melanie Weyl trotz aller erkennbaren Bedrohungen blieben. Als im Sommer 1938 die Zollfahndungsstelle Mainz die Sicherungsanordnung gegen die Familie beantragte,[158] wurde es dann noch schwieriger größere Teile davon ins Ausland zu schaffen. So erlebten beide Familien die Tage des Novemberpogroms noch in Deutschland, obwohl man inzwischen erste Vorbereitungen zur Emigration getroffen hatte.

Wie bei so vielen anderen Eltern hatte auch bei Hamburgers und Weyls die Sicherheit der Kinder zunächst oberste Priorität. Frances Bunzl erzählte, dass sie, nachdem sie vom Gymnasium abgegangen war, von ihrer Mutter immer wieder dazu gedrängt worden war, Deutschland zu verlassen. Entsprechend sollte sie sich in ihrer beruflichen Orientierung auf eine solche Perspektive vorbereiten. Um als Frau ohne abgeschlossene Berufsausbildung im Ausland überleben zu können, erschien die Ausbildung zur Haushaltshilfe und als Kindermädchen am aussichtsreichsten. Deshalb wurde Frances zunächst für ein Vierteljahr in eine deutsche Familie geschickt, anschließend besuchte sie für weitere drei Monate eine Haushaltsschule und zuletzt ging sie noch für ein weiteres Vierteljahr mit einem Besuchervisum als Au Pair in eine jüdische Familie nach England – eine Zeit, die sie in sehr schlechter Erinnerung behalten hatte, da die Arbeitgeberfamilie sie eher als billige Arbeitskraft und rechtlose Magd behandelte. Frances Bunzl bezeichnete sie in ihrer damaligen Wahrnehmung als die „meanest people I have ever seen“. Im August 1938 kam sie nach Deutschland zurück und erhielt eine Anstellung im Jüdischen Krankenhaus in der Frankfurter Gagernstraße, wo sie dann auch die „Reichskristallnacht“ erlebte – eine Zäsur, die vielen Jüdinnen und Juden den wirklichen Ernst ihrer Lage erst bewusst werden ließ.

Frances und viele andere der Krankenhausangestellten konnten für einige Wochen das Krankenhaus nicht verlassen, einmal aus Angst, aber mehr noch, weil sie mit den Opfern des Pogroms rund um die Uhr beschäftigt waren. Dort waren die Geschlagenen und Geschundenen, aber auch diejenigen eingeliefert worden, die verzweifelt versucht hatten, sich das Leben zu nehmen. Mit ihren Eltern in Wiesbaden konnte sie in dieser Zeit nur fernmündlich kommunizieren. So erfuhr sie, dass auch ihr Vater verhaftet, allerdings nicht, wie nahezu alle männlichen Juden der Stadt, in ein KZ verbracht worden war. Ihr Vermutung, man habe ihn verschont, weil er als sehr renommierte Persönlichkeit mit den entsprechenden Verbindungen dies habe verhindern können, ist eher fragwürdig, denn nicht nur viele andere früher hoch angesehene Juden wurden ohne Zögern den Torturen in den Konzentrationslagern ausgeliefert. Das Ziel der Maßnahme bestand ja gerade darin, reiche Juden unter Zurücklassung ihres Vermögens zur Auswanderung zu zwingen.[159]

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Geldverwaltungskarte von Adolf Weyl aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1186/133427472/001.jpg

Anders als Artur Hamburger war sein Schwager und Partner Adolf Weyl, wie die meisten Wiesbadener Juden, an diesem Tag aber von der Gestapo in das KZ Buchenwald überstellt worden. Der Häftling mit der Nummer 27704 muss dort Schreckliches durchlitten haben.[160] Am 14. Dezember 1938 wurde er von dort wegen eines Karbunkels am Nacken entlassen und in St. Josefs Hospital in Wiesbaden eingeliefert, wo er am folgenden Tag verstarb.[161] Dass dieser Tod „wahrscheinlich“ als Folge der Behandlung bzw. Nichtbehandlung in Buchenwald angesehen werden müsse, wurde dann im Entschädigungsverfahren auf Grundlage eines medizinischen Gutachtens auch von der Behörde anerkannt.[162] Mit seinem Tod noch lange vor den systematischen Deportationen gehört Adolf Weyl zu den frühen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Wiesbaden.[163]

Gefangenenkarte für Max Weyl aus Buchenwald
https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1785/52171463/001.jpg

Auch Max, der Sohn von Adolf und Melanie Weyl, war im Zuge des Pogroms inhaftiert und nach Buchenwald verbracht worden. Verhaftet wurde er allerdings nicht in Wiesbaden, sondern in Worms. Der Grund dafür ist in seinem bisherigen, schon früh von den Nazis zerstörten Lebensweg zu suchen. Max hatte nach den ersten Grundschuljahren zunächst von 1924 bis 1926 die Mittelschule in der Stiftstraße besucht, war aber dann auf das Reform-Realgymnasium, die heutige Oranienschule, gewechselt. Da er die Versetzung von der Obertertia in die Untersekunda nicht schaffte, vermittelten ihn die Eltern an die damals sehr renommierte, heute umso umstrittenere Odenwaldschule bei Heppenheim, an die damals die geistige und wirtschaftliche Elite Deutschlands ihre Kinder schickte, wenn sie mit dem gängigen Schulsystem nicht zurecht kamen. Max blieb ein Jahr und schloss dort seine Schulausbildung 1931 mit der Mittleren Reife ab. Als Vorbereitung auf seine zukünftige Rolle im Familienunternehmen absolvierte er danach eine dreijährige Lehre als Kaufmann in Darmstadt bei der Firma ‚Gebr. Rothschild’, dem Kaufhaus, an dem seine Großeltern Mina und Ludwig Altschul beteiligt waren. Als die Lehre abgeschlossen war, hatten die Nazis inzwischen die Macht in Deutschland erlangt und die jüdischen Arbeitnehmer waren in ihrem Arbeitsleben zunehmend mit Problemen konfrontiert. Bis März 1935 konnte er noch im ‚Westdeutschen Kaufhof’ in Mainz tätig sein, wurde aber dann offiziell im elterlichen Betrieb mit einem Gehalt von monatlich 200 RM eingestellt. Da auch für ihn damals schon absehbar war, dass er auf Dauer nicht würde in Deutschland bleiben können, entschloss er sich noch einmal eine Berufausbildung im Handwerk aufzunehmen, um so im Falle einer Auswanderung im Ausland bessere Chancen auf dem Arbeitsmark zu haben. Ein nichtjüdischer Geschäftspartner von ‚Hamburger & Weyl’ sah zunächst kein Problem, den Sohn von Adolf Weyl als Lehrling in seiner Polsterei aufzunehmen. Aber schon nach wenigen Wochen musste Max auf Druck der Kunden und auch Mitarbeiter die Firma Ruefer in der Rheinstraße wieder verlassen.[164] Eine Möbelfirma Cossmann in Worms war bereit die Lehre fortzusetzen. Da er aber weiterhin in Wiesbaden gemeldet war und dort auch wohnte, war er genötigt, täglich mit der Eisenbahn nach Worms und wieder zurückzufahren. Am 10. November wurde er im Zuge der dortigen Verhaftungswelle arretiert. Wie seine Mitgefangenen zwang man ihn zunächst die in Worms angerichteten Schäden zu beseitigen. Am folgenden Tag überstellte ihn die Gestapo dann in das KZ Buchenwald. Laut den im Entschädigungsverfahren vorgelegten Dokumente und auch nach seinen eigenen Angaben wurde er am 18. Dezember 1938, drei Tage nach dem Tod seines Vaters, entlassen, vielleicht um an der Beerdigung teilnehmen zu können, die an diesem Tag stattfand.[165]

Vermutlich hatte man auch ihm zur Auflage gemacht, nach der Freilassung Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, was aber ohnehin seine Absicht war. Schon vor dem Novemberpogrom hatte man entsprechende finanzielle Vorbereitungen getroffen. Aus dem Verkauf des Geschäfts hatte der Vater seinem Sohn ursprünglich 15.000 RM überlassen. 10.000 RM wurden dann vor dem 1. Januar 1938 wieder an die Eltern zurückgeschenkt,[166] sicher auch in der Absicht, die fällige Reichsfluchtsteuer zu minimieren. Dazu diente wohl auch der Kauf eines Kühlschrankes allein im Wert von 1.500 RM, zudem diverse andere Möbel- und Kleidungsstücke, die er ebenfalls den Eltern noch zum Geschenk machte.[167] Dennoch betrug die Steuer nach seinen Erinnerungen noch knapp 1.000 RM.[168] Ende Dezember 1938 wurden noch mit einem Mal alle vier Raten der Judenvermögensabgabe durch Übereignung von Wertpapieren in Höhe von 1.200 RM an die Preußische Staatsbank gezahlt.[169]

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Benjamin Löwenstein aus Breckenheim fungierte für viele als Kontaktperson in den USA
GDB

Am 30. Dezember 1938 erlaubte man Melanie Weyl 1.000 RM von dem gesicherten Konto für die Kosten der Auswanderung von Max abzuheben.[170] Etwa zwei Wochen später, am 16. Januar 1939, konnte er dann mit dem Schiff ‚Manhattan’ Deutschland verlassen und zehn Tage später in New York anlanden. In den Einreiseunterlagen ist sein Beruf mit ‚Carpenter’ angegeben, obgleich er keine abgeschlossen Berufsausbildung hatte, schon gar nicht die eines Zimmermanns. Als Kontaktadresse hatte er einen Benjamin Löwenstein in der Willow Road in New York angegeben, den er zwar als seinen Freund bezeichnete, der aber möglicherweise ein weitläufiger Verwandter der Familie war.[171]

Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Ausreise von Max Weyl in die USA im Januar 1939
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6276-0341?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1040663390

Wie viele Exilanten hatte auch Max Weyl in der Neuen Welt „zunächst eine schwere Zeit“ – wie er schrieb – und erheblich Probleme, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Aufgrund seiner geringen Qualifikation und mangelnder Sprachkenntnisse musste er sich mit Hilfstätigkeiten in einer Polsterei zufrieden geben. Sein Verdienst dort war jedoch so gering, dass er kaum zum Leben reichte. Deshalb ging er als ungelernter Arbeiter in eine Handtaschenfabrik, wo er ein wenig mehr verdienen konnte. Sein Jahreseinkommen belief sich dort in den ersten Jahren aber auch auf weniger als 1.000 Dollar und stieg in den Nachkriegsjahren auch nur sehr langsam an.

Max Weyl
Das Grab von Max Weyl in Middletown im Staat New York
https://de.findagrave.com/memorial/218989784/max-s-weyl

Es steht außer Frage, dass er, der eigentlich in Wiesbaden ein gut gehendes Geschäft hätte übernehmen können, wirtschaftlich zu den großen Verlierern der Emigration gehörte.[172] Aber sein Leben hat er immerhin retten können. Wie seinem Grabstein zu entnehmen ist, verstarb Max Weyl am 21. September 1998 in Middletown in den USA.

 

Auf dem Schiff, das Max Weyl in Sicherheit gebracht hatte, befand sich auch Karl August Hamburger, der Sohn von Artur und Anna Hamburger. Man wird vermuten können, dass die gemeinsame Ausreise kein Zufall war, wenngleich sie auf der Passagierliste nicht in Beziehung miteinander gesetzt sind. Auch in der Familie Hamburger hatten im Laufe der Zeit die Auswanderungspläne für die Kinder konkretere Gestalt angenommen.
Wie auch in anderen jüdischen Familien war klar, dass zuerst die Söhne gerettet werden sollten: „My brother was supposed to go first and then I was supposed to go. Boys are always coming first”, wie Frances Bunzl in ihrem Interview mit einem Lächeln konstatierte. Zumindest für sie, vermutlich auch für ihren Bruder Karl August, hatte ein Verwandter der Großmutter, der schon längerer Zeit in Chicago lebte, die nötigen Affidavite besorgt. Bereits vor der Reichspogromnacht waren sie im Besitz dieser Bürgschaften, wie einer Bemerkung im Antrag der Sicherungsanordnung für Artur Hamburger zu entnehmen ist.[173] Am 16. Januar 1939 konnte dann auch Karl August von Hamburg aus mit der „Manhattan“ nach New York ausreisen. Wie Max Weyl hatte er Benjamin Löwenstein als Kontaktperson in den USA angegeben.[174]

Im Januar 1939 konnte dann auch seine Schwester Frances Deutschland verlassen, allerdings noch nicht in das gelobte Land USA. Mit nur einem Koffer für ihre Habseligkeiten fuhr sie zunächst wieder nach England, wo sie schon einmal wenig schöne Erfahrungen hatte sammeln müssen. Der Grenzübertritt mit dem Zug nach Holland verlief problemlos, sogar der Schmuck, den sie trug, blieb unbehelligt. Erneut musste sie in England als Angestellte in einem koscheren jüdischen Haushalt unter miserablen Bedingungen und ohne Bezahlung arbeiten. Erst kurz vor Weihnachten 1939 erhielt dann auch sie die Erlaubnis zur Einwanderung in die USA. Bei einem Onkel – seinen Namen hatte sie in dem Interview nicht genannt [175] – konnte sie zunächst bleiben. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich mit diversen Jobs, zumeist in Haushalten und durch Kinderbetreuung, zuletzt bei einer jüdischen Familie Simon aus Wien, Freunden ihrer zukünftigen Schwiegereltern.

Konnten somit die Kinder nach den Ereignissen der Pogromnacht im Laufe des Jahres 1939 in Sicherheit gebracht werden, so waren die Eltern, Artur und Anna Hamburger, die Schwester Frieda Hamburger sowie die verwitwete Melanie Weyl von nun an den sich täglich verschärfenden Einschränkungen und Angriffen ausgesetzt. Ihr Vermögen, vermutlich ein entscheidender Grund, weshalb sie so lange geblieben waren, wurde ihnen in den folgenden Jahren geraubt.

 

Raub der Vermögenswerte

Abgesehen von dem generellen Entzug steuerlicher Privilegien für Juden und der bereits angeordneten Einschränkung des Verfügungsrechts über ihre finanziellen Ressourcen, begann der NS-Staat seinen eigentlichen Raubzug gegen die beiden Familien Hamburger und Weyl nach dem Novemberpogrom. Wie alle anderen Opfer der Ereignisse hatten auch sie für die Zerstörungen aufzukommen und ihren Beitrag zu der so genannten „Sühneleistung“ zu erbringen. Zunächst 20, letztlich aber 25 Prozent ihres Einkommens mussten sie dem Staat übereignen. Die genauen Zahlungen sind in den Finanzakten nur schwer nachzuvollziehen, da die Forderungen aus verschiedenen Konten, privaten wie auch Firmenkonten, oder durch Überlassung von Wertpapieren abgegolten wurden und zudem Zahlungen für Mitglieder aus verschiedenen Familienzweigen getätigt wurden. In langwierigen Untersuchungen gelangte die Entschädigungsbehörde am 25. Juli 1972 zu dem Schluss, dass Adolf und Melanie Weyl insgesamt zu einer Judenvermögensabgabe in Höhe von 46.250 RM, gezahlt in fünf unterschiedlichen Raten, gezwungen worden waren.[176] Daneben hatte Melanie Weyl 1939 auch ihren Schmuck und andere Edelmetalle bei der städtischen Pfandleihe abgeben müssen. Für zwei Ringe mit Brillanten, mehrere Broschen, Perlenketten und goldene Uhren und andere Wertgegenstände hatte man ihr etwa 600 RM ausgezahlt, unzweifelhaft kein angemessener Preis.[177]

In den Akten lassen sich keine Hinweise darauf finden, dass auch Melanie Weyl die Möglichkeit einer Ausreise in Erwägung zog, darüber nachgedacht hatte sie mit Sicherheit dennoch. Vielleicht war es das Grab ihres Mannes auf dem Jüdischen Friedhof an der Platter Straße, durch das sie sich gebunden fühlte. Noch Anfang des Jahres 1940, also nachdem die Judenvermögensabgabe bereits beglichen war, verfügte sie nach eigenen Angaben nominal über ein Vermögen von fast genau 100.000 RM, bestehend aus einem Bankguthaben von 23.000 RM, Wertpapieren in der Höhe von 40.000 RM, Immobilien im Wert von 68.000, auf denen allerdings eine Hypothek von etwa 37.000 RM lastete. Ihr Jahreseinkommen, das sich im Wesentlichen aus der Verzinsung der Wertpapiere ergab, bezifferte sie auf 7.000 RM bis 10.000 RM. Das reichte eigentlich für ihren Lebensunterhalt, den sie in der Vermögenserklärung monatlich mit etwa 585 RM angesetzt.[178] Bis zum Februar 1940 durfte sie monatlich über einen Freibetrag von 750 RM verfügen,[179] ein Betrag, der aber dann auf 300 RM reduziert wurde.[180] Fraglich, ob sie sich jetzt noch die zwei Putzfrauen und den Hausmeister leisten konnte, auf die sie in ihrer Kostenaufstellung verwiesen hatte. Vermutlich waren diese aber primär für das Haus in der Weinbergstraße zuständig, das zu dieser Zeit noch nicht verkauft, sondern nur vermietet war. Dieses wunderschöne Haus hatten sie und ihr Mann noch zu dessen Lebzeit aufgegeben müssen – laut Entschädigungsakte hatten sie es „räumen müssen“.[181]

Melanie Weyl Müllerstraße Wiesbaden
Das Haus in der Müllerstr. 11 heute
Eigene Aufnahme

Beide waren zunächst kurzfristig in ein möbliertes Appartement in der Alexandrastraße, dann in eine Wohnung in der Müllerstr. 11 gezogen, die von ihnen neu möbliert werden musste. Vielleicht waren aber zumindest einzelne Stücke aus der Weinbergstraße mit in die Müllerstraße genommen worden. Das Haus in der Weinbergstraße sollte mit dem dortigen Inventar vermietet werden, stand aber laut Wiesbadener Adressbuch von 1936/37 zunächst leer. Erst im Adressbuch von 1938 ist als Mieter ein Kapitän zu See (a.D.) zu finden.
Über den Verbleib der wertvollen Einrichtung in diesem Haus konnte auch im Entschädigungsverfahren keine Klärung erreicht werden. Der als Zeuge aufgetretene 89jährige Auktionator Hecker, der mit dem Verschleudern jüdischen Vermögens selbst ein Vermögen gemacht hatte, gab an, nur mit dem Verkauf der Möbel aus der Müllerstraße beauftragt worden zu sein. Der damals in mehreren Auktionen erzielte Preis von rund 1.200 RM sei angemessen, sogar eher zu hoch gewesen.[182] Er gab zu Protokoll: „Nach meiner Auffassung, die ich in zahlreichen Versteigerungen jüdischen Eigentums erworben habe, wurden etwa nach Kriegsausbruch für Mobiliar aus jüdischem Besitz ganz anständige Preise gezahlt.“ [183] – eine Sicht, in der die eigene Rolle, wie auch die damalige Realität auf eine unfassbare Weise verleugnet wird. Dennoch folgte das Landgericht Wiesbaden grundsätzlich dem bisherigen Beschluss, erhöhte die Entschädigung allerdings um die Summe von 1.500 DM. Völlig ungeklärt blieb aber, was aus der wertvollen Einrichtung in der Weinbergstraße geworden war, wenngleich man sich einig war, dass auch diese mit größter Wahrscheinlichkeit auf irgendwelchen Auktionen verschleudert worden war.[184] Auf jeden Fall war das Haus leer geräumt, als Melanie Weyl es am 28. November 1940 für 21.000 RM verkaufte, so die Erinnerung der damaligen Käufer. Der Kaufpreis war auf das gesperrte Konto von Melanie Weyl eingezahlt worden.[185]

Am 26. September 1940 hatte sie der Devisenstelle mitgeteilt, dass sie erneut die Wohnung gewechselt habe. Sie sei von der Müllerstr. 11 in die Taunusstr. 58 Parterre gezogen.[186] Welche Gründe sie für diesen Umzug hatte, ist nicht bekannt, denn eigentlich handelte es sich um das gleiche Gebäude an der Ecke Müllerstraße / Taunusstraße. Bisher lag ihr Eingang in der Seitenstraße, jetzt führte er direkt auf die Taunusstraße.

In der Taunusstraße blieb sie die folgenden eineinhalb Jahre wohnen. Es ist nicht bekannt, ob sie hier ein einzelnes Zimmer, vielleicht sogar nur noch zur Untermiete, oder noch eine eigene Wohnung besaß. Letzteres ist aber insofern wahrscheinlich, als sie damals, wie oben bereits erwähnt, über einen längeren Zeitraum ihre Schwägerin Emilie Wolf, geborene Weyl, die Schwester von Adolf Weyl, bei sich aufnahm. Man wird davon ausgehen können, dass bei den langen Aufenthalten in Wiesbaden sicher ein vertrautes Verhältnis zwischen den beiden Witwen entstanden war. Nachdem Emilie Wolf am 11. August 1941 auf Dauer nach Frankfurt zurückkehrte, trafen beide spätestens am 23. Mai des folgenden Jahres in der Frankfurter Sammelstelle für den Transport nach Polen wieder aufeinander.[187]
In deren Lebenssituation von Melanie Weyl hatten sich allerdings zuletzt noch einmal wesentliche Veränderungen ergeben: Sie war noch einmal umgezogen und noch einmal eine Ehe eingegangen. Es ist nicht bekannt, wann die engere Beziehung zu Emil Heymann, dem früheren Metzgermeister und Eigentümer des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 64 entstanden war.[188] Möglicherweise bestand sie schon länger und Melanie Weyl zog aus freien Stücken am 10. April 1942 zu ihm in das Judenhaus, in dem allerdings wesentlich beengtere Verhältnisse herrschten. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Vermutlich war auch sie im Zuge der Konzentration der Juden in bestimmten Häusern gezwungen worden, noch einmal die Wohnung zu wechseln. Aus der heutigen Perspektive und dem Wissen um all das, was geschah, erscheint unbegreiflich, wieso Melanie Weyl und Emil Heymann einen Tag vor ihrer Deportation sich auf dem Standesamt in Wiesbaden noch trauen ließen.[189] Beide müssen unmittelbar davor erfahren haben, dass gerade sie dazu auserkoren waren, mit anderen 23 Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden den Transport aus Frankfurt aufzufüllen. Vielleicht verbanden sie mit der Eheschließung die Hoffnung, an dem, vage mit „im Osten“, definierten Zielort zusammenbleiben und sich gegenseitig stützen zu können. Sie waren die einzigen aus dem Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 64, die diese Fahrt am 23. Mai 1942 antreten mussten. Erst bei ihrer Ankunft am Zielort erfuhren sie, dass sie im Ghetto von Izbica angekommen waren, in dem schreckliche und unmenschliche Lebensbedingungen auf sie warteten. Ob sie beide in den folgenden Tagen und Wochen noch dort verstarben oder aber wenige Monate später im Vernichtungslager Sobibor umgebracht wurden, als Izbica geräumt wurde, ist nicht bekannt. Ihr Todestag wurde daher nach dem Krieg auf den 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation des NS-Regimes, amtlich festgelegt.

Mit der Deportation war der Raub am Vermögen von Melanie Heymann / Weyl noch nicht zu Ende. Da die NS-Finanzbehörden auch eine Deportation zynischerweise als Grenzübertritt werteten, durch die der „Auswandernde“ reichsfluchtsteuerfällig wurde, trieb das Finanzamt nur wenige Tage nach der Deportation am 9. Juni 1942 die fällige Abgabe in Höhe von 29.314 RM ein.[190] Das Finanzamt zog bei jeder Deportation sofort das Verfügungsrecht über die Konten an sich, sodass ein solcher Einzug problemlos möglich war. Ein Großteil der Wertpapiere, die noch in ihrem Depot lagen, wurde am 26. August 1942 von ihrer Bank, der Rhein-Main-Bank, verkauft. Den Erlös von mehr als 42.000 RM führte die Bank an die Finanzkasse des Finanzamts Wiesbaden ab. Die darüber hinaus noch vorhandenen Schatzanweisungen des Deutschen Reichs im Nominalwert von 50.000 RM überschrieb die gleiche Bank wenige Wochen später, am 1. Oktober, der Reichsbank in Berlin.[191]

 

Auch das Vermögen ihres Geschäftspartners Artur Hamburger und seiner Frau Anna fielen dem Raubzug der Nationalsozialisten zum Opfer, aber beide konnten zumindest ihr nacktes Leben quasi in letzter Minute retten.
Zunächst war ihnen, nachdem die Zollfahndungsstelle Mainz auf eine Sicherung der Konten gedrungen hatte mit der entsprechenden Anordnung, die am 5. Dezember 1938 ergangen war, noch ein vergleichsweise großer finanzieller Spielraum gewährt worden. Außer den Erträgnissen aus den Wertpapieren durften sie zusätzlich über 300 RM monatlich von ihrem Konto frei verfügen. Eine gleiche Bestimmung wurde auch für die Schwester Frieda Hamburger getroffen.[192] Der Verkauf von Wertpapieren bedurfte ab diesem Zeitpunkt aber einer Genehmigung durch die Devisenstelle. Schon im Februar 1939 musste Frieda Papiere im Wert von 1.000 RM veräußern, um ihren Lebensunterhalt davon bestreiten zu können.[193] Ein Jahr später, Ende Januar, wurde dann der Freibetrag von Artur und Anna Hamburger neu festgelegt. Nachdem sie eine Vermögenserklärung und eine Aufstellung ihres monatlichen Finanzbedarfs abgegeben hatten, wurde der Freibetrag nun auf 720 RM festgelegt. Dies entsprach exakt dem Betrag, den sie als notwendig angegeben hatten. Aus ihrem noch vorhandenen Vermögen hatten sie im vergangenen Jahr ein Einkommen von etwa 6.300 RM bezogen, hofften aber im laufenden Jahr sogar auf 8.500 RM zu kommen, womit ihr alltäglicher Bedarf hätte abgedeckt werden können. Das Vermögen betrug damals nach Abzug noch bestehender Schulden, darunter auch die noch fällige 5. Rate der Judenvermögensabgabe, knapp 70.000 RM, wovon etwa 25.000 RM relativ liquide in Wertpapieren oder auf Sparkonten angelegt waren. Der Rest bestand aus den Anteilen an der Rösslerstr. 7 und dem noch nicht verkauften Anteil am Geschäftshaus in der Neugasse / Marktstraße.[194]

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Briefkopf der Firma ‚Hamburger & Weyl‘ von 1938 nach deren Arisierung
HHStAW 519/3 281 (7a)

Nachdem die Kinder im sicheren Ausland waren, die Firma sich in Liquidation befand und zumindest der Verkauf eines der Geschäftshäuser bereits vollzogen war, trennten sich Artur und Anna Hamburger auch von ihren letzten Vermögenswerten.

Im Dezember 1940 war die Genehmigung des Kaufvertrags des Geschäftshauses in der Neugasse an Hans Heidenreich, der dort inzwischen auch eingezogen war, von der Stadt Wiesbaden genehmigt worden.[195] Im Januar 1941 genehmigte die Stadt dann auch den Verkauf der Immobilie Rösslerstr. 7, die der Wiesbadener Malermeister Fischer für 13.500 RM erwarb.[196]

Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Die Arisierung der Immobilie ‚Hamburger & Weyl‘
HHStAW 519/3 281 (46)
Hamburger & Weyl, Sally Hamburger, Karl Hamburger, Elisabeth Hamburger Weyl, Siegmund Hamburger, Max Weyl, Emilie Weyl Wolf, Julius Wolf, Netty Wolf Ganz, Friedericke Weyl Hamburger, Abraham Arthur Hamburger, Anna Kahn Hamburger, Emma Hamburger Flörsheim, Gustav Flörsheim, Bruno Netter, Melanie Altschul, Melanie Weyl, Melanie Heymann, Adolf Weyl, Max Siegfried Weyl, Ludwig Altschul, Mina Rothschild Altschul, Frieda Hamburger, Hedwig Hamburger, Ruth Dreifuss, Friedericke Francis Hamburger Bunzl, Walter Bunzl, Suzanne Bunzl Wilner, Joseph Altschul, Judenhäuser Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Ring 64, Klaus Flick
Die Arisierung des Hauses Rösslerstr. 7
HHStAW 519/3 281 (41)

Damit war dann auch die letzte materielle Bindung an Wiesbaden gekappt und der Ausreise stand, abgesehen von den diversen noch zu erledigenden Formalitäten, nichts mehr im Wege. Am 13 Januar 1941 reichte Artur Hamburger den Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut bei der Devisenstelle ein. Auf dem Formular trug er auch ein, dass seine beiden Kinder bereits ausgewandert seien, damals aber nur Handgepäck hatten mitnehmen können, was wohl auch die recht umfängliche, mehr als zwanzig Seiten umfassende Liste des Umzugsguts und Reisegepäcks erklären sollte. In dem Fragebogen, der den Listen beigelegt war, musste er auch sein zu versteuerndes Einkommen in den letzten drei Jahren und sein 1935 zu versteuerndes Vermögen angeben. Sein Jahreseinkommen war in diesem Zeitraum, wohl wegen der Verkäufe des Geschäfts von 6.500 RM im Jahr 1936, auf 15.000 RM im folgenden und 26.000 RM im Jahr 1938 gestiegen.

Artur Hamburger
Fragebogen der Devisenstelle zum Umzugsgut der Hamburgers
HHStAW 519/3 24897 (3)

Dass in dem Vordruck diese drei Jahre vorgegeben waren, man inzwischen aber schon das Jahr 1941 schrieb, zeigt, wie lange das Ehepaar Hamburger seine Emigration hinausgezögert hatte. Frieda Hamburger hatte ihr Einkommen während dieser drei Jahre mit 3.600 RM, 8.000 RM und zuletzt 13.000 RM beziffert.[197]
Auf die Frage, wohin man auszuwandern gedenke, hatten sie noch Manila, die Hauptstadt der Philippinen, genannt. Handschriftlich waren noch zwei Anmerkungen hinzugefügt worden, zunächst „(in aller Kürze)“, dann „Ende Januar“.[198] Beabsichtigt war, von den Philippinen aus weiter in die USA zu  reisen. Auch die geplante Zwischenstation im tropischen Manila wurde als ein Grund für die lange Umzugsliste genannt, weil man angemessene Kleidung für beide Klimazonen benötige.

Frieda Hamburger
Berechnung der Reichsfluchtsteuer für Frieda Hamburger
HHStAW 519/3 282 (26)

Noch einmal mussten sie ihr gegenwärtig noch vorhandenes Vermögen offen legen. 76.000 RM war die Summe, die Artur Hamburger hier angab, allerdings räumte er auch Schulden von etwa 20.000 RM ein, die im Wesentlichen die noch nicht festgelegte Reichsfluchtsteuer betraf. Diese fiel sogar noch höher aus, belief sich für das Ehepaar Artur und Anna Hamburger auf 25.500 RM und für Frieda Hamburger auf weitere 10.300 RM. Sie hatte in dem Fragebogen ihr damaliges Vermögen, nach Abzug der Schulden, mit knapp 36.000 RM angegeben.[199] Die verschiedenen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die bereits im November 1940 beantragt worden waren, konnten dann im Januar der Devisenstelle übermittelt werden.[200] Aber noch immer gab sich der Staat nicht zufrieden. Ein großer Teil des Umzugsguts bestand aus Waren und Möbelstücken, die dem eigenen Geschäft entnommen waren. Für solche Neuware beanspruchte der Fiskus die sogenannte Dego-Abgabe, angeblich als Entschädigung für den „Raub deutschen Volksvermögens“. Im Januar 1941 hatte die Zollfahndung eine Abgabe in Höhe von 3.310 RM gefordert, die Devisenstelle begnügte sich überraschender Weise aber mit einem Betrag von 2.000 RM, allerdings hatte auch Frieda Hamburger 1.000 RM Dego-Abgabe zu leisten.[201] Der Jüdischen Gemeinde hatte man bereits die „Auswandererabgabe“ in Höhe von 3.580 RM gezahlt.[202]

Einen noch größeren Verlust erlitt die Familie als sie im März 1941 unmittelbar vor der Abreise ihr noch vorhandenes Kapital in Dollar transferieren wollte. Zunächst war am 30 Januar 1941 nur ein kleiner Betrag von 2.000 RM in Dollar gewechselt worden, am 30. April holte Artur Hamburger dann eine Summe von 56.000 RM von seinem Konto bei der Rhein-Main-Bank. Schon Mitte der dreißiger Jahre war der Umtauschwert von Reichsmark gegen Dollar wegen des steigenden Devisenmangels der Reichsbank soweit gesunken, dass man faktisch nur noch ein Drittel des angelegten Kapitals ins Ausland mitnehmen konnte, jetzt, 1941, waren es gerade noch 4 Prozent. Für die insgesamt 58.000 RM erhielt Artur Hamburger noch rund 1.000 Dollar.[203] Einen gleichen Verlust erlitt auch seine Schwester Frieda, die im Februar und dann noch einmal im April 1941 insgesamt 31.600 RM in Dollar transferiert hatte.[204]

Ende Januar waren offensichtlich alle notwendigen Formalitäten erledigt, aber offensichtlich scheiterten die ursprünglichen Pläne aus nicht bekannten Gründen. Erst im März 1941, tatsächlich wohl in allerletzter Minute gelang es dann doch noch, aus Deutschland herauszukommen, jetzt offensichtlich ohne klaren Plan. Die Tochter erzählte, die Tante Frieda, der Vater und die Mutter, samt Großmutter – gemeint war Frieda Kahn, die Mutter von Anna Hamburger – seien zunächst mit dem Auto nach Berlin gefahren, um dort die Papiere abzuholen. Von dort seien sie dann ebenfalls mit dem Auto direkt weiter über Vichy-Frankreich nach Spanien gefahren. Anders als Frances es erinnerte, waren sie laut den Dokumenten des Entschädigungsverfahrens aber nicht von Portugal, sondern von Bilbao in Spanien allerdings mit einer portugiesischen Schifffahrtsgesellschaft, auf der ‚S.S, Magellano’ nach Amerika übergesetzt. Ein Onkel in den USA, Ernst Simon, hatte ihnen die Kosten der Überfahrt in Höhe von 2.700 Dollar vorgestreckt.[205] Alleine wegen dieser inzwischen auch durch den Krieg exorbitanten Preise, die zudem in Devisen bezahlt werden mussten, war es zu diesem Zeitpunkt für die meisten inzwischen unmöglich geworden, Deutschland noch zu verlassen. Aber das Schiff, auf dem während der Überfahrt auch noch Typhus ausbrach, brachte sie zunächst nicht in die USA, sondern nach Kuba. Erst im Juni 1941 konnten sie von dort in die Vereinigten Staaten übersetzen und ihre beiden Kinder wieder treffen. Am 13. Juni hatten sie mit dem Schiff ‚Oriente’ von Havanna kommend den Hafen von New York erreicht.[206]

Hamburger, Arthur
Überfahrt des Ehepaars Artur und Anna Hamburger, sowie Hedwig Kahn (Anna Hamburgers Mutter) und Frieda Hamburger von Kuba nach New York
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6553-0153?treeid=&personid=&hintid=&queryId=427114d3e9df787520e7210d5860eaa1&usePUB=true&_phsrc=Ekt3333&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006406912

Frances lebte zu dieser Zeit noch in New York, ihr Bruder in dem kleinen Städtchen Elberton in Georgia. Natürlich wollten die Eltern die Familie wieder zusammenführen, aber Frances wollte nicht aufs Land, schon gar nicht in einem kleinen Ort in den Südstaaten leben. Sie blieb daher in Atlanta, der Hauptstadt von Georgia, wo sie einen Job fand und zumindest in der Nähe der übrigen Familie war. Eine Unterkunft fand sie bei der jüdischen Familie Baumgart, die eine Tochter in ihrem Alter hatte und mit der Familie befreundet war, für die sie zuvor in New York gearbeitet hatte.

Walter Bunzl, Atlanta
Einbürgerungsantrag von Walter Bunzl
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2500/images/40333_1220702381_0497-00823?treeid=&personid=&hintid=&queryId=d759b7eb36485733932f9151c0f3096c&usePUB=true&_phsrc=Ekt3565&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=190429

Mit beiden Familien befreundet war eine weitere jüdische Emigrantenfamilie aus Wien namens Bunzl, eine ursprünglich sehr begüterte Familie, die in Wien ein Vermögen im Baumwollhandel gemacht hatte. Robert Max Bunzl, der Familienpatriarch, hatte früher einmal einem inzwischen in die USA ausgewanderten Geschäftspartner aus einer finanziellen Misere geholfen. Mit der Bereitstellung der notwendigen Affidavite hatte sich dieser damals revanchierte und der Familie Bunzl die Auswanderung ermöglicht. Zudem hatte dieser frühere Geschäftspartner Walter Bunzl, der am 16. Juni 1913 in Wien geborenen Sohn von Robert Max und Nelly Burian Bunzl, in seiner Firma angestellt.[207] Er war am 3. März 1939 vom englischen Southampton auf der ‚Manhattan’ nach New York gekommen.[208] Bei einer Party wenige Wochen vor Weihnachten traf Frances diesen Walter Bunzl auf einer Party. Beide verliebten sich ineinander und schon wenige Wochen später fand die Hochzeit statt.[209] Eine kleine Feier, nur mit den engsten Familienmitgliedern, ohne Brautkleid und ohne Hochzeitsreise. Dafür habe man einfach kein Geld gehabt, so Frances Bunzl in dem Interview.

Frances Bunzl Hamburger
Einbürgerungsantrag von Friedericke Frances Hamburger
https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0613-00834?treeid=&personid=&hintid=&queryId=b98852f547bf47f62ebd80425cf1ecec&usePUB=true&_phsrc=Ekt3336&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6729680

Frances erzählte in dem Interview, dass ihr Vater, obwohl er sein und auch das Leben seiner Familie gerettet hatte, in den USA immer unglücklich gewesen sei, einfach deshalb, weil er nicht mehr das Geld und das Ansehen genoss, über das er einmal in seinen besseren Zeiten in Wiesbaden verfügte. Das schlimmste sei gewesen, sagte sie, dass seine Frau habe arbeiten müssen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Sein Jahreseinkommen bis 1944 betrug immer weniger als 3.000 Dollar.[210] Das entsprach etwa dem Betrag, den die Schiffspassage damals gekostet hatte. Am 11. Januar 1951 verstarb er als gebrochener Mann an seinem Wohnsitz in Columbus in Georgia.[211] Sowohl die Lebenssituation seiner Schwester, wie auch die seiner Frau blieb, wie man einem Schreiben ihres Anwalts an die Entschädigungsbehörde entnehmen kann, sehr schwierig: „Fräulein Frieda Hamburger und in ähnlicher Weise Frau Anna Hamburger, als Erbin ihres verstorbenen Mannes Arthur Hamburger, stehen völlig mittellos da und sind auf Grund ihres Alters nicht in der Lage für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.“[212] Zumindest Anna Hamburger kam noch spät in den Genuss der verschiedenen Entschädigungen, aber da war ihr Leben schon fast vorüber. Sie verstarb am 18. Dezember 1968 ebenfalls in Atlanta.[213]  Ihre Schwägerin Frieda Hamburger, die in Newark im Staat New York bei ihrer Nichte Emma Flösheimer und deren Familie geblieben war, war bereits am 26. Februar 1959 verstorben.[214]

Suzi Wilner
Suzi Wilner, die Tochter von Frances Bunzl
The Southern Israelite 21.11.1969

Reicher waren dagegen Bunzls – Frances bezeichnete sie als „upper class family“ -, die auch einige kostbare Kunstwerke mit in die USA hatten bringen können und ihr Interesse an Kunst und Kultur auch bald in ihrer neuen Heimat verwirklichen konnten, ein Interesse, das ihr Sohn Walter auch in die Ehe mit Frances einbrachte. Das Paar, dem neben dem am 8. Mai 1944 geborenen Sohn Richard noch die Tochter Suzanne Irene, genannt Suzi, geboren wurde,[215] förderte verschieden kulturelle und soziale Einrichtungen, nachdem die Familie Bunzl auch in den USA in ihrer alten Branche wieder zu großem Reichtum gekommen war. Vater, wie auch der Sohn hatten die Beziehung zu Österreich nach dem Krieg wieder intensiviert und neben den kulturellen Verbindungen im Besondern auch die wirtschaftlichen Kontakte zur alten Heimat gepflegt. So übernahm Walter Bunzl 1974 bis zu seinem Tod auch das Amt des Honorarkonsuls von seinem Vater, das dieser seit 1957 ausgeübt hatte.
Als Kunstfasern die Baumwolle abzulösen begannen, wechselte Walter Bunzl die Branche und baute mit seiner Frau eine Reiseagentur auf, die nicht weniger erfolgreich war und ihnen beiden die Möglichkeit eröffnete, nahezu alle Länder der Welt zu besuchen. Der Kundenstamm ihrer Agentur bestand hauptsächlich aus Unternehmen, für die sie die gewünschten Arrangements oft vor Ort trafen. Auf diesen Reisen war sie 1955 auch erstmals wieder nach Wiesbaden gekommen, war durch die Straßen ihrer Kindheit gelaufen und hat die Häuser wieder gesehen, die einst ihrer Familie gehörten. Ob sie diese noch einmal betreten dürfe, hat sie damals nicht zu fragen gewagt.

Frances Bunzl
https://www.atlantajewishtimes.com/bremans-history-with-chutzpah-gets-big-boost/

Mit ihrem großen Vermögen, das das Paar in eine Stiftung einbrachte, förderten sie aber nicht nur kulturelle Institutionen wie das Atlanta Symphony Orchestra oder die Museen der Stadt, sondern auch jüdische Einrichtungen. Schon Anna Hamburger hatte sich im Jüdischen Frauenbund engagiert, ihre Tochter Frances war von 1963 bis 1967 Vorsitzende des ‚National Councils of Jewish Women’ in Atlanta, der während ihrer Präsidentschaft den nationalen Kongress des Frauenbundes organisierte. Walter und Frances Bunzl verstarben hoch geehrt und unter großer öffentlicher Anteilnahme, Walter schon am 21. Juli 1988,[216] sie erst im Alter von 99 Jahren am 15. August 2019 in Atlanta. Bei ihrem Tod hinterließ sie 5,6 Millionen Dollar für zwei jüdische Organisationen in Atlanta, die größte Schenkung, die diese je erhalten hatten.[217] “Throughout her life, my mother spoke of growing up in a family (both in Germany and here in Atlanta) that was focused on helping others,” sagte Suzy Wilner. “We believe her gifts to Federation and JF&CS will continue that legacy.”[218] Heute ist es die Tochter Suzi Wilner, die dieses Vermächtnis weiter trägt.

 

Im folgenden soll wenigstens in groben Zügen noch auf das Schicksal der Geschwister von Melanie Weyl und deren Familien eingegangen werden.

Joseph Altschul und seine Familie

Joseph war das zweite Kind von Ludwig und Mina Altschul, geboren am 11. September 1892 in Mannheim.[219] In Mannheim hatte er zunächst das Realgymnasium bis zum „Einjährigen“ besucht, um anschließend eine Berufsausbildung zu beginnen, die ihn zur Übernahme des sehr angesehenen elterlichen Geschäfts zu qualifizieren. In Düsseldorf,[220] Mailand und Brüssel ging er in renommierten Häusern in die Lehre und erwarb zugleich italienische und französische Sprachkenntnisse, die für eine erfolgreiche Berufsausübung in der Modebranche von großem Vorteil waren. Da während seines Aufenthalts in Brüssel der Erste Weltkrieg ausbrach, verließ er Belgien und meldete sich als Freiwilliger zur kaiserlichen Armee.[221]

Eintrag des C.A. Carl Textilwarengeschäfts im Frankfurter Adressbuch von 1919

Nach dem Ende des Krieges stieg er aber nicht in das väterliche Geschäft ein – die Gründe dafür sind nicht bekannt -, sondern ließ sich in Frankfurt nieder und schon im folgenden Jahr übernahm er eines der traditionsreichsten Textilgeschäfte der Stadt, die Firma ‚J. A. Carl’, die mit ihren Wollwaren schon im 18. Jahrhundert auf den verschiedenen Messen in Deutschland vertreten war. 1830 war dann der erste Laden in Frankfurt eröffnet worden, weiter kamen im Laufe der Jahre und der verschiedenen Generationen hinzu. Auch die Palette der angebotenen Textilien wurde immer breiter. Ende des Jahrhunderts befand sich das Hauptgeschäft in der Goethestr. 7, verfügte dort über drei Etagen auf denen insgesamt mehr als zwanzig Mitarbeiter die Wünsche der Kunden entgegennahmen. Aber die Nachkommen von Julius Adam Carl hatten kein Interesse an der Handelsbranche und der Firma, sodass 1919 der Senior, „das Unternehmen an Joseph Altschul, der einer der angesehenen Mannheimer Kaufmannsfamilien entstammt“ übergeben wurde.[222] Unter seiner Regie wurden weitere Filialen in der Frankfurter Altstadt, in Bornheim, Bad Nauheim und auch in Offenbach eröffnet.

Unmittelbar nach der Übernahme des Geschäfts heiratete Joseph Altschul im Jahr 1920 Margarete Löwe, die am 20. August 1900 in Duisburg geboren worden war und aus dem großen Familienverband der Weyls und Hamburgers stammte.[223] Am 5. Februar 1921 kam ihr Sohn Karl und am 12. Juni 1926 ihre Tochter Charlotte zur Welt.[224] In der Schwinnstr. 8 besaß die Familie eine große und modern eingerichtete 6-Zimmer Wohnung, die von einer Hausangestellten in Ordnung gehalten wurde.[225]

Im Entschädigungsverfahren gaben die Überlebenden an, dass ihr Vater damals etwa 25.000 RM Einkommen hatte.[226] Aber auch die Firma von Joseph Altschul blieb weder von den Folgen der Weltwirtschaftskrise, noch von den zunehmenden antisemitischen Boykottaktionen verschont. 1930 trat Fritz Schloß, der Sohn des Generaldirektors des Leonard Tietz-Konzerns als Teilhaber und zusätzlicher Kapitalgeber in die Firma ein, was die Angriffe in den diversen Nazi-Pamphleten nur noch verschärfte und trotz des neuen Kapitals den Niedergang der Firma sogar forcierte. Der Vater von Fritz Tietz kaufte nach Angaben eines ehemaligen Mitarbeiters daraufhin seinen Sohn 1931 mit einem höheren Barbetrag wieder aus der Firma heraus. An seiner Stelle übernahm ein Franz Poulet einen größeren Anteil am Kapital,[227] aber auch damit konnte die Firma nicht mehr gerettet werden. Im Jahr 1932 wurde sie im Handelsregister der Stadt Frankfurt gelöscht.[228]

Aber zu diesem Zeitpunkt war Joseph Altschul wohl kaum mehr in der Firma präsent, wohl aber noch Teilhaber. Seit etwa 1930, vielleicht sogar schon seit 1927 / 28 hatte er aber auch eine Tätigkeit als Vertreter für Lebensmittel, besonders von Würsten der damals sehr bekannten EFHA-Werke übernommen, die er hauptsächlich in Kaufhäusern anbot.[229]

Als Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, verließ die Familie geradezu überstürzt das Land, Joseph Altschul, sogar noch wenige Wochen oder Tage vor dem Rest der Familie. Möglicherweise war er persönlich bedroht worden oder glaubte zumindest sich in einer solchen Lage zu befinden. Anfang Mai verließ er Deutschland in Richtung Frankreich, die übrige Familie folge dann Mitte des Monats. Vermutlich hatte sie noch den Lift organisieren müssen, mit dem das Mobiliar, damals noch ohne Einschränkung, ebenfalls in das Nachbarland transportiert werden musste. Es soll sich dabei um einen ganzen Güterwaggon gehandelt haben, für den Fracht- und Zollkosten von etwa 1.500 RM anfielen.[230]

Besonders für die beiden Kinder bedeutete die Flucht einen radikalen Bruch in ihrer Biographie. Beide standen zu dieser Zeit noch in ihrer schulischen Ausbildung. Charlotte besuchte noch die Volksschule, ihr Bruder Karl musste ohne Abitur das Gymnasium verlassen. In Frankreich gelang es Charlotte trotz aller Umstellungen noch auf ein Gymnasium zu wechseln, aber durch den Ausbruch des Krieges war es nicht mehr möglich, wenigstens einen dem deutschen „Einjährigen“ entsprechenden Abschluss zu machen. Stattdessen besuchte sie bei eine illegalen jüdischen Organisation Kurse in Stenographie und Schreibmaschine. Die Familie hatte nach dem Einmarsch der Deutschen inzwischen Paris verlassen und hielt sich im unbesetzten Süden auf, allerdings immer in der Gefahr, vom Vichy-Regime gefasst und ausgeliefert zu werden.

Eidesstattliche Erklärung von Charlotte Altschul über ihr Schicksal
HHStAW 518 7842 (24)

Im Oktober 1942 floh Charlotte in die Schweiz, aber auch dort fand sie keine Freiheit, sondern wurde in Lagern, Münchwillen und Neuhausen, interniert. Später aus dem Lager entlassen, blieb sie bis zum Kriegsende weiterhin unter Polizeiaufsicht und musste sich wöchentlich auf der Dienstelle melden. Immerhin konnte sie in der Schweiz nach dem Ende des Krieges noch eine Berufsausbildung als Zahntechnikerin absolvieren, allerdings war diese mit der Auflage verbunden, dass sie unmittelbar nach deren Beendigung das Land zu verlassen habe. Abschließen konnte sie die Ausbildung mit einer zusätzlichen Qualifikation als Instruktorin im Jahr 1950.[231]

Ihrem Bruder Karl gelang es in Frankreich, wo er den Namen Charles annahm, sogar 1939 noch das dortige erste Baccalauréat abzulegen, das aber noch nicht zu einem Hochschulstudium berechtigt. Als feindlicher Ausländer war er zeitweise im Lager Meslay du Maine interniert. Nach dem Krieg bestand er 1946 dann auch noch das für ein Studium notwendige zweite Baccalauréat. Ein aufgenommenes Mathematikstudium musste er aber wegen fehlender finanzieller Mittel wieder abbrechen und sich als Kaufmann sein Geld verdienen.[232] Seine Schwester, wie auch er mussten sich verdingen, um auch die Mutter Margarete Altschul, mit der sie nun wieder zusammen in Paris lebten, unterstützen zu können. Wo diese sich während der ganzen Jahre versteckt hatte, ist den Unterlagen des Entschädigungsverfahrens nicht zu entnehmen.

Das Internierungslager d’Agde in Frankreich

Nicht entkommen war Joseph Altschul den Verfolgern. Ihm war es trotz seiner Sprachkenntnisse und seiner kaufmännischen Fähigkeiten nach der Flucht in Frankreich nicht gelungen, wirklich Fuß zu fassen. Als Deutschland im September 1939 Frankreich den Krieg erklärte, wurde er sofort als feindlicher Ausländer festgenommen und interniert. Die Freilassung, die für internierte Deutsche nach dem Waffenstillstand 1940 ausgehandelt wurde, galt nicht für die Juden. Sie blieben auch in dem angeblich „freien“ Teil im Süden faktisch in Gefangenschaft. Mehrere solcher Arbeitslager, darunter Albi, Camp d’Agde und Lagrasse, musste Joseph Altschul durchlaufen,[233] bevor er am 31. August 1942 schon mit dem ersten Judentransport aus Frankreich von Drancy aus nach Auschwitz in den Tod geschickt wurde. Wann er dort ermordet wurde, ist nicht bekannt, deshalb wurde sein Todestag nach dem Krieg auf den Tag der Kapitulation, dem Ende des NS-Regimes festgelegt.

Willi und Elsa Fackenheim, geborene Altschul

Die jüngste Schwester von Melanie und Joseph Altschul, die am 20. August 1894 ebenfalls in Mannheim geborene Elsa, auch Else genannt, hatte den aus Bebra stammenden Arzt Dr. Willy Fackenheim geheiratet. Ihnen und ihren beiden Söhnen Karl Walter und Erich gelang zwar 1939 die Flucht nach Shanghai, aber die Eltern überlebten den Aufenthalt in dem dort eingerichteten Ghetto nur wenige Jahre. Willi Fackenheim verstarb bereits am 13. März 1943, seine Frau unmittelbar nach dem Ende des Krieges am 4. September 1945. Da die Familie noch kurz vor ihrer Ausreise als letzte Station in Wiesbaden im Judenhaus in der Mainzer Str. 2 wohnte, ist ihnen in dort ein eigens Kapitel gewidmet.[234]

 

Veröffentlicht: 26. 10. 2021

 

< zurück                             weiter >>


Anmerkungen:

1] Da in der folgenden Darstellung eine Vielzahl von Namen, eingebunden in sehr komplexe Familienstrukturen vorkommen, ist es ratsam, den Stammbaum mit der rechten Maustaste in einem eigenen TAB zu öffnen, sodass zur Orientierung problemlos darauf zurückgegriffen werden kann.

[2] Zur Familie ihres Ehemanns Emil Heymann und auch zur Deportation des Paares siehe ausführlich oben das vorhergehende Kapitel.

3] Heiratsregister Wiesbaden 480 / 1942.

[4] Geburtsregister Mannheim 2842 / 1890.

[5] http://www.alemannia-judaica.de/rastatt_synagoge.htm. (Zugriff: 20.9.2021).

[6] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7575/images/41680_b155915-00171?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=291150. (Zugriff: 20.9.2021). Der Umzug hatte am 28.10.1889 stattgefunden.

[7] Die Familie Rothschild lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Großeltern von Mina Rotschild waren Elias und Ester Rothschild geborene Heimer. Der am 28.2.1825 geborene Daniel Rotschild, Vater von Mina, war mit Rosa Sommer verheiratet. Siehe https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/8713 und https://heidelberg-mannheim-wiki.fandom.com/de/wiki/Daniel_Rothschild, (Zugriff: 20.9.2021).
Zum Schicksal des Kaufhauses in Darmstadt in de NS-Zeit siehe https://dfg-vk-darmstadt.de/Lexikon_Auflage_2/HenschelundRopertz.htm. (Zugriff: 20.9.2021).

[8] Geburtsregister Mannheim 2320 / 1892 für Joseph und 2046 / 1894 für Elsa.

[9] Ludwig Altschul war am 17.7.1854 in Rastatt geboren worden und am 6.10.1931 in Wiesbaden verstorben. Mina Altschul war am 30.12.1866 in Neustadt geboren worden und am 29.12.1929 ebenfalls in Wiesbaden verstorben.

[10] Heiratsregister Mannheim 987 / 1912.

[11] Vermutlich hatte Itzig den Namen Weyl als festen Familienname angenommen, denn ursprünglich hieß er Itzig Salomon, nach seinem 1779 bis 1863 lebenden Vater Salomon Abraham. Itzigs Bruder wiederum hieß Abraham Salomon.

[12] Die Genealogie der Familie Weyl kann hier nicht verifiziert werden, aber Hinweise finden sich unter https://www.geni.com/family-tree/index/6000000031159223606. (Zugriff: 20.9.2021). Itzig und Henriette Grünebaum hatten am 8.6.1838 in Münster geheiratet, siehe https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/86232736:9866?lang=de-DE. (Zugriff: 20.9.2021). Für Itzig Weyl war es die zweite Ehe. Am 5.6.1833 hatte er Jeanette Jacob geheiratet. Auch aus dieser Ehe war zumindest eine Tochter hervorgegangen, die am 6.7.1836 geborene Juli, siehe https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/4206079:9870?tid=&pid=&queryId=57ccc49bba61053509da6a73979c6d68&_phsrc=Ekt3298&_phstart=successSource und https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/47449647:9866. (Zugriff: 20.9.2021).

[13] Karl Hamburger war laut der Eintragung auf seiner Sterbeurkunde, in der sein Alter mit 63 Jahren angegeben ist, um 1850 geboren worden, Sterberegister Wiesbaden 572 / 1913. Die Familie Hamburger wohnte nach Angabe von Frances Bunzl seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Langenschwalbach. Friedericke / Frances Bunzl, die in den USA den Holocaust überlebte und im Alter von 85 Jahren an ihrem letzten Wohnsitz Atlanta, Georgia, Sara Ghitis ein fast zweistündiges, sehr lebendiges Interview über ihre Lebensgeschichte gab, war die Enkelin von Karl Hamburger. Die Informationen über die Familien Hamburger und Weyl, die nicht explizit mit Quellenangaben versehen sind, beruhen auf diesem Interview. Siehe https://thebreman.aviaryplatform.com/collections/994/collection_resources/29394. (Zugriff: 20.9.2021).

[14] Heiratsregister Langenschwalbach 14 / 1878.

[15] Für Saly Heiratsregister Mannheim 149 / 1883, für Siegmund Sterberegister Wiesbaden 315 / 1925.

[16] Heiratsregister Langenschwalbach 14 / 1878. In der Heiratsurkunde ist der Name der Mutter von Friedericke Hamburger mit Sibille, geborene Raphael, angegeben, während sie ansonsten mit dem Mädchenname Mann bezeichnet wird. Dies rührt vermutlich daher, weil, wie sich aus ihrem Sterbeeintrag ergibt, ihr Vater, ein Fruchthändler, mit Vorname Raphael und mit Nachname Mann hieß. Ihre Mutter war Fanny, geborene Löwenstein. Beide lebten zuletzt in Linz am Rhein, siehe Sterberegister Langenschwalbach 17 / 1904.

[17] Heiratsregister Wiesbaden 149 / 1883.

[18] HHStAW 518 8252 I (151). Wenn in dem Schreiben nur Karl Hamburger als Käufer angeführt wird, so hat das wahrscheinlich seinen Grund darin, dass es hier um das Entschädigungsverfahrens seines Enkels ging. Die Firma trug von Begin an den Namen ‚Hamburger und Weyl’. Das in dem Schreiben angegebene Übernahmejahr 1873 stimmt nicht mit den Eintragungen in den Adressbüchern und dem Handelsregister überein. Bis 1875 erscheint in den Adressbüchern Moritz Mayer weiterhin als Eigentümer beider Geschäfte und erst ab 1876 die Gebrüder Hamburger als Eigentümer der „Manufakturwaarenhandlung Moritz Mayer“. Laut Eintrag im Handelsregister war die Firma aber bereits am 1.4.1875 gegründet worden, siehe HHStAW 467 5663 (12).

[19] Fritz Hamburger, geboren am 26.11.1887, starb am 22.8.1891 im Alter von 3 Jahren,. Geburtsregister Wiesbaden 1370 / 1887 und Sterberegister Wiesbaden  823 / 1891. Walther, geboren 24.5.1885, starb am 20.6. des gleichen Jahres. Geburtsregister Wiesbaden 561 / 1885 und Sterberegister Wiesbaden 734 / 1885.

[20] Albert, geboren am 8.3.1884 fiel am 25.9.1915. Geburtsregister Wiesbaden 256 / 1884 und Gedenkbuch der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, S. 359, Carl, geboren am 19.5.1894, Geburtsregister Wiesbaden 792 / 1894, fiel am 16.6.1915 und Gedenkbuch der jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, S. 359.

[21] Siehe dazu, Müller-Dannhausen, Keiles, die die Firmengeschichte des Wiesbadener Unternehmens aufgearbeitet hat.

[22] Alice war am 24. Dezember 1897 geboren worden, siehe Geburtsregister Wiesbaden 2039 / 1897. Wann und wo die geschiedene Alice Hamburger verstarb, ist nicht bekannt.

[23] Müller-Dannhausen, Keiles, S. 28. Hans, mit vollem Namen Ernst Richard Hans Gustav Max Hamburger, war am 14.1.1891 in Wiesbaden geboren worden, siehe Geburtsregister Wiesbaden 65 / 1891.

[24] Müller-Dannhausen, Keiles, S. 28.

[25] Angaben nach den verschiedenen Jahrgängen der Wiesbadener Adressbücher. In einem Prüfbericht des Finanzamts aus dem Jahr 1928 heißt es, die Firma sei 1888 gegründet worden, siehe HHStAW 685 265 (o.P.). Möglicherweise wurde damals eine neue Eintragung im Handelsregister vorgenommen und die Personengesellschaft neu formiert. Ganz offensichtlich war Siegmund Hamburger nicht der einzige Gesellschafter. Es ist sogar wahrscheinlich, dass schon damals seine Geschwister am Kapital des Unternehmens beteiligt wurden.

[26] Ebd. (148). Frieda Hamburger nennt hier – allerdings erst im Jahr 1957 im Rahmen des Entschädigungsverfahrens – als ungefähren Zeitpunkt des Eigentumswechsels das Jahr 1900.

[27] HHStAW 518 8288 (76)

[28] Sterberegister Wiesbaden 949 / 1885.

[29] Für Emilie Geburtsregister Wiesbaden  85 7 1879 und für Adolf Geburtsregister Wiesbaden 84 /1882.

[30] Sterberegister Langenschwalbach 40 / 1910..

[31] Geburtsregister Wiesbaden 351 / 1876.

[32] Geburtsregister Wiesbaden 416 / 1877.

[33] Geburtsregister Wiesbaden 276 / 1880.

[34] Geburtsregister Wiesbaden 176 / 1882. In den meisten Dokumenten ist Artur mit „th“ geschrieben, er selbst unterzeichnete selbst aber immer nur in der Schreibweise ohne „h“, die hier deshalb auch durchgängig verwendet wird.

[35] Sterberegister Wiesbaden 1433 / 1905. Ihr Geburtstag war der 16.9.1885, der Todestag der 29.9.1905..

[36] Sterberegister Wiesbaden 572 1913 und Sterberegister Wiesbaden 505 / 1918.

[37] Heiratsregister Wiesbaden 432 / 1903. Die Eltern von Julius Wolf waren Josef und Johannette Wolf, geborene Hamburger.

[38] Sally Wolf war am 13.4.1878 ebenfalls in St. Goarshausen geboren worden. 1911 hatte er in Frankfurt die am 3.5.1891 in Darmstadt geborene Frieda Leontine Kahn geheiratet, Tochter des Bankiers Isaak Kahn und seiner Frau Minna Scheidt, siehe Heiratsregister Frankfurt 312 / 1901.

[39] HHStAW 518 9361 (27). Auch die bisherigen und weitere Angaben zur Biographie von Julius Wolf beruhen auf dem hier zitierten Lebenslauf der Tochter.

[40] Geburtsregister Frankfurt I 2164 / 1904. Die Schreibweise ihres Vornamens ist nicht durchgängig gleich, oft ist er mit Netty angegeben, die Version mit „i“, Netti, folgt dem Eintrag im Heiratsregister Frankfurt 460 / 1927, den sie selbst auch mit Netti unterschrieben hat. Er enthält auch den Verweis auf den Geburtseintrag. Allerdings gibt es auch viele Schriftstücke, die sie selbst mit „Netty“ unterzeichnet hat.

[41] HHStAW 518 9361 (24).

[42] Ebd. (36).

[43] HHStAW 676 7401 (199).

[44] HHStAW 518 9361 (114f.).

[45] HHStAW 676 7401 (o.P.). Steuerakten.

[46] Ebd. (Reichsfluchtsteuerakten 1-3).

[47] HHStAW 518 9361 (5), siehe zu den Vorgängen damals auch ebd. (26, 27). Der Verkaufsvertrag ist zu finden in HHStAW 676 7401 (Reichsfluchtsteuerakten 11 ff.).

[48] Ebd.

[49] Ebd. Die jeweils geforderten Raten betrugen 5.450 RM.

[50] Ebd. (Einkommensteuer 12)

[51] Sterberegister Frankfurt I 388 / 1939. Der Tod, offiziell durch Schlagaderverkalkung verursacht, war in Bad Nauheim eingetreten, möglicherweise befand er sich damals zu einem Kuraufenthalt dort. Zur Einschätzung von Netty Ganz siehe HHStAW 518 9361 (5).

[52] Heiratsregister Frankfurt 460 / 1927. Ihr Ehemann war am 15.2.1895 in Frankfurt geboren worden, siehe

Geburtsregister Frankfurt I 758 / 1895. Siehe auch HHStAW 518 9360 (45).

[53] HHStAW 518 9363 (27).

[54] HHStAW 518 9360 (45), wo nur das Geburtsdatum angegeben ist. Der Name ist auf der Unbedenklichkeitsbescheinigung eingetragen, ebd. (6).

[55] Berthold Ganz war am 12. 11.1938 verhaftet worden und am 9.12.1938 wieder entlassen worden, siehe 518 9360 (17).

[56] HHStAW 676 5894 (o.P.). Der Kaufpreis betrug 26.000 RM, allerdings war von dem Erlös zunächst eine Hypothek von 15.000 RM abzulösen. Die Judenvermögensabgabe – von Netti und Berthold in HHStAW 518 9369 (13) als „Grynspan-Abgabe“ bezeichnet, belief sich auf 1.000 RM, HHStAW 676 5894 (o.P.). Nach dem Verkauf des Hauses war die Familie wieder in die Hansa-Allee zu Nettis Mutter gezogen.

[57] Ebd. (50 f.).

[58] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001976-00394?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=139944547. (Zugriff: 15.11.2021). Zuvor muss er sich im Kitchener-Camp, dem britischen Durchgangslager für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland befunden haben. Wie er dorthin gekommen war und wie lange er sich dort aufgehalten hatte, ist nicht bekannt.

[59] HHStAW 518 9360 (8-13, 61 ff.), HHStAW 518 9363 (15). Die Speditionskosten beliefen sich auf 2.700 RM

[60] HHStAW 518 9363 (50).

[61] Ebd. (25).

[62] HHStAW 518 9360 (66), zum Todestag siehe Beischreibung im Heiratsregister 460 / 1927. Der Eintrag im Sterbebuch lautet demnach 874 / 1969.

[63] HHStAW 518 9363 (50, 54, 177). Die Witwe war zu einem nicht bekannten Zeitpunkt eine weitere Ehe eingegangen, denn im Entschädigungsverfahren erscheint sie 1958 als Hilde Clarissa Balkind, verwitwete Wolf, geborene Erlanger, siehe HHStAW 518 9361 (32).

[64] HHStAW 518 9363 (83). Nicht mit Sicherheit auszuschließen ist aber, dass erwähnte Kittfabrik in Australien war und Berthold Wolf nur die Nachricht seines Schwagers nach Deutschland weiterleitete.

[65] HHStAW 676 7401b (26). Unterstützt wurde sie all die Jahre von Dr. Hans Hamburger, dem Sohn von Salomon / Saly und Betty Hamburger. Salomon Hamburger war der Bruder von Emilies Mutter Elise Weyl, geborene Hamburger. Siehe ebd. (21). Ganz sicher hatte Dr. Hans Hamburger, der in Chicago lebte, nicht die Erwartung, das Geld jemals zurückzuerhalten.

[66] Ebd.

[67] Ebd. (o.P.).

[68] HHStAW 519/3 6491 (28). Siehe zu den Verwandten Hamburger unten.

[69] Ebd. (18, 20). Eine Steuerschuld über 438 RM bei der Jüdischen Gemeinde, faktisch der Reichsvereinigung und damit letztlich dem RSHA, wurde mit dem Geld ebenfalls beglichen.

[70] HHStAW 676 7401b (16).

[71] HHStAW 518 9363 (117, 118).

[72] Ebd. (10 f.).

[73] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6551-0718?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1006404879. (Zugriff: 15.11.2021). Der neue Familienname der Tochter war Mark. Sally Wolf verstarb am 31. 1.1949 im Alter von 70 Jahren in St. Louis, seine Frau 10 Jahre später, siehe https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/2259841:60382 und https://de.findagrave.com/memorial/98896439/sally-wolf. (Zugriff: 15.11.2021).

[74] HHStAW 519/3 6491 (15, 29, 31). Bei der letzten Adresse handelte es sich vermutlich zumindest um eine Art Judenhaus, denn laut ‚Mapping the gab es dort – allerdings zum Zeitpunkt der Volkszählung im Mai 1939 – acht Mietparteien mit insgesamt 13 jüdischen Bewohnern. Die Vermieterin Maria Kneip war vermutlich eine Nichtjüdin, die in Mischehe mit dem Juden Herbert Adolf Kneip lebte, der noch am 14.2.1945 deportiert wurde, https://www.mappingthelives.org/bio/5371ca51-5950-4b6d-9b0d-bfe07898ec4e. (Zugriff: 15.11.2021)

[75] Ebd. (34).

[76] Siehe zu diesem Transport, Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 366 f.

[77] Siehe unten bzw. das Kapitel zur Familie Heymann.

[78] HHStAW 518 9363 (83). Wer mit Tante Besserglück und Hilmars Onkel Max gemeint war, konnte bisher nicht ermittelt werden.

[79] Ebd. (85).

[80] Ebd. (170), dazu der Entschädigungsbescheid S. 177 ff).

[81] Ebd.

[82] Heiratsregister 748 / 1899. Die Eltern von Sally waren Emanuel und Sophie Löwe, geborene Freudenberg.

[83] In dieser Zeit wohnten sie in der Rösslerstr. 7, in dem Haus, das ihre Geschwister Artur und Frieda inzwischen gekauft hatten.

[84] Siehe dazu ausführlich unten.

[85] Geburtsregister Wiesbaden 416 / 1877.

[86] Heiratsregister Wiesbaden 170 / 1905. Sein Vater Samuel Flörsheim, geboren um 1834 in Battenberg, verstarb am 20.7.1918 in Wiesbaden, siehe Sterberegister Wiesbaden 1134 / 1918. Seine Mutter Amalie, geborene Kahn, geboren um 1844 in Montabaur, war bereits am 25.2.1914 ebenfalls in Wiesbaden verstorben, siehe Sterberegister Wiesbaden 268 / 1914.

[87] Die Daten zur Familie Heimerdinger sind entnommen aus https://de.findagrave.com/memorial/130818919/herz-joseph-heimerdinger. (Zugriff: 20.9.2021). Der am 18.3.1789 in Karlsruhe geborene Herz Heimerdinger, verheiratet mit Rebecka Mayer / Meyer und von Beruf Hofgoldsticker, hatte insgesamt 16 Kinder, von denen aber viele schon im frühesten Kindesalter verstarben. Außer Joseph Herz heiratete auch einer seiner jüngeren Brüder, der um 1833 geborene Adolf Heimerdinger, nach Wiesbaden. Er ehelichte Helene Levi, die am 7.8.1839 geborene Tochter von Lazarus und Fanni Veilchen Levi, geborene Weimersheim, und betrieb in Wiesbaden am Cursaalplatz ein Geschäft für Baumwollwaren, Handschuhe und Krawatten. Siehe Wiesbadener Adressbuch 1890/91.

[88] Siehe z. Bsp. das Wiesbadener Adressbuch von 1889.

[89] HHStAW 518 11276 (77).

[90] Heiratsregister Wiesbaden 207 / 1913. Bruno Netter war am 14.5.1881, Anna Herz am 23.1.1892 geboren worden. Bruno und Anna Netter waren Bewohner des Judenhauses Nerotal. 53. Siehe ausführliche Informationen zur Familie dort.

[91] HHStAW 518 11276 (77). Albert Netter, geboren am 24.2.1874 in Pforzheim, konnte im April 1941 noch nach Kuba auswandern. Dort verstarb er am 18.2.1957. Moritz Heimerdinger war am 11.6.1922 in Wiesbaden verstorben, Sterberegister Wiesbaden 949 / 1922.

[92] Ebd. (33, 96). Diese Dependance musste bereits 1937 geschlossen werden, da die Stadt Baden-Baden die Erneuerung des Mietvertrages in den Kuranlagen einem jüdischen Inhaber verweigerte.

[93] Ebd. (96). Zwar waren in den Krisenjahren 1933 und 1934 keine Gewinner mehr erwirtschaftet worden, aber schon in den folgenden beiden Jahren stiegen diese dann noch einmal von knapp 20.000 RM auf 30.000 RM an, ebd (73). Dieser Anstieg war für die Entschädigungsbehörde zynischer Weise Anlass dafür, die zu Grunde gelegte Schadenszeit für die Berechnung der Entschädigung erst ab dem Jahr 1937 beginnen zu lassen, ebd. (95).

[94] Geburtsregister Wiesbaden 572 / 1906.

[95] Zum Lebenslauf von Paul Flörsheim siehe HHStAW 518 742 (6).

[96] Ebd. (26, 26a). Die Entschädigungsbehörde sahen in dem Aufenthalt in England den Abschluss der Emigration und waren nicht bereit, die spätere Weiterfahrt in die USA zu entschädigen, siehe ebd. (64 ff., 107 ff).

[97] Johanette Dreifuss, am 5.2.1879 in Wiesbaden als Tochter von Bernhard und Fanny Goldschmidt geboren, war mit dem am 25.9.1871 in Wohlen im Aargau / Schweiz geborenen Kaufmann Theodor Dreifuss verheiratet.

[98] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001458-00551?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=145684559. (Zugriff: 20.9.2021).

[99] HHStAW 518 742 (13).

[100] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?dbid=9105&h=4629100&indiv=try&o_vc=Record:OtherRecord&rhSource=7488. (Zugriff: 20.9.2021).

[101] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6127-0422?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=23995760. (Zugriff: 20.9.2021).

[102]HHStAW 518 11276 (77). Berthold Heimerdinger war bereits 1934 mit seiner Frau Grete in die USA ausgewandert, siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2280/images/47294_302022005557_0507-00529?treeid=&personid=&hintid=&queryId=09f7b37c0ac8064ba3bc7ac7b149e2c2&usePUB=true&_phsrc=Ekt3519&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=6797279 (Zugriff: 20.9.2021). Zu Albert Netter, ebenfalls Bewohner des Judenhauses Nerotal 53, siehe dort. Ihm gelang noch 1941 die Emigration nach Kuba.

[103] HHStAW 518 11276 (73).

[104] HHStAW 519/3 10200 (6).

[105] Im Zusammenhang mit dem Aufruf der „Stiftung ZURÜCKGEBEN“, eine Initiative, die dazu aufrief, Eigentum jüdischer Bürger, das zu Unrecht in den eigenen Besitz gelangt war, freiwillig den Nachkommen der Beraubten wieder zu restituieren, hat das Zeit Magazin vom 19.11.2014 über die Rückgabe einer kleinen Kristallschale berichtet, die ursprünglich aus dem Geschäft der Firma „Netter, Herz & Heimerdinger“ stammte und während des Novemberpogroms vermutlich von dem Vater des Artikelschreibers geraubt wurde. Seine Gedanken dazu sollen hier zumindest ausschnittweise zitiert werden:
“DIE KRISTALLSCHALE
Klaus Kirdorf, 75, Lehrer im Ruhestand, Wetzlar:
(…) In meiner Schulzeit habe ich mir zum ersten Mal Gedanken über gewisse Dinge in unserem Haushalt gemacht. ›Die Andenken hat der Papa aus der Kristallnacht mitgebracht‹, sagte die Mutter. (…).
Die Mutter hat viel erzählt. Wie sie schwanger mit mir war und am Abend des 8. November 1938 vom Säuglingspflegekurs nach Haus kam und der Vater am Küchentisch am Malen war. So eine Idylle. Und draußen werfen die SA-Banden Fensterscheiben von jüdischen Geschäften ein. Dass mein Vater bei der SA war, weiß ich von Familienfotos, aber an diesem Abend war er wohl nicht dabei.
Dafür hat er am nächsten Tag die Gelegenheit genutzt. Die Sachen haben angeblich auf einem Glashaufen gelegen, im Hof vom Parfümeriegeschäft ›Albersheim‹ und dem Juweliergeschäft ›Netter, Herz und Heimerdinger‹ in der Wiesbadener Wilhelmstraße. ›Ein nobler Laden und so feine Leute, da traute man sich gar nicht, ins Schaufenster zu gucken‹, sagte Mutter.
Vielleicht hat der Vater ins Schaufenster gegriffen. Wie andere auch, wäre ja dumm gewesen, wenn er nichts eingesteckt hätte. Eine Aktentasche voll. Der vornehme Bakelitspiegel mit dem silbernen Griff, diverse Kristallschalen, zwei Döschen für Puder, in denen Klämmerchen bei uns im Bad gesammelt wurden.
›Andenken‹ nannte sie die Mutter. Andenken an diejenigen, die man vergessen wollte, würde ich sagen. Nie hätte ich mich getraut, das Thema zu Lebzeiten meines Vaters anzuschneiden. Es war das Verschweigen, das alles so schwer gemacht hat. Aber dann im November 2004 nehme ich an einer Führung durch die Ausstellung ›Legalisierter Raub‹ in Wetzlar teil. Es ist, als ob ich auf diese Gelegenheit gewartet hätte. Plötzlich stehe ich inmitten fremder Menschen und erzähle von unseren Andenken. Ohne zu überlegen, ob mein Bekenntnis vielleicht Verrat ist oder wie die Familie reagieren würde.
Manchmal habe ich im Leben getan, was alle tun, manchmal habe ich mich dagegen gestellt. Man denkt ja immer, es wären die anderen. Als würde einen die ganze Geschichte nichts angehen. Aber mich geht sie etwas an. Ich will meinem Vater keine Schuld zuschieben, aber doch, es war Diebstahl. Und ich war ein Mitwisser. Wiedergutmachung nein, geht nicht, aber ich will mich befreien, mich dem Unrecht stellen und die gestohlenen Dinge an den Ort zurückbringen, an den sie gehören.
Sogar meine Mutter hat dann nachgeschaut, was sie noch findet. (…) Als dann die Ausstellung ›Legalisierter Raub‹ auch in Wiesbaden gezeigt wurde, habe ich unsere ›Andenken‹ beigesteuert. Bei ihrer Eröffnung sprach mich die Leiterin des Museums für deutsch-jüdische Geschichte an und sagte, sie habe mit einer Gaby Glückselig, geborene Netter, an einer Forschungseinrichtung zum deutschsprachigen Judentum in New York zusammengearbeitet.
Es ist ein schier unglaublicher Zufall, doch Frau Glückselig stammt tatsächlich aus diesem noblen Laden in meiner Heimatstadt Wiesbaden. 1938, da war sie 25 Jahre alt, ist sie über Luxemburg in die USA geflüchtet. Ihr Vater war kurze Zeit in einem Konzentrationslager, konnte sich aber freikaufen und ist mit Frau und zweiter Tochter ebenfalls in die USA geflohen.
Wochenlang war ich aufgewühlt, mit einem Brief zusammen habe ich das Bleikristallschälchen dann nach New York geschickt. Es zurückgegeben. Da hat Gaby prompt bei uns angerufen und sich bedankt. In perfektem Deutsch sagte sie da, sie habe meinen Brief bei ihrem deutschen Stammtisch vorgelesen, und dass sie sich sogar vorstellen kann, in welcher Vitrine die Schale gestanden hat. Als ich sie anlässlich des New Yorker Marathons besucht habe, war das fast wie ein Familientreffen.«
https://sz-magazin.sueddeutsche.de/kunst/falsches-erbe-80790.  (Zugriff: 20.9.2021).
Gaby Glückselig war die Tochter von Bruno und Anna Netter, die seit den 80er Jahren in New York den ursprünglich von Oskar Maria Graf gegründeten Stammtisch deutscher Emigranten weiterführte. Sie hat nach dem Ende des Nationalsozialismus mehrfach ihre Heimatstadt Wiesbaden besucht und in Schulklassen als Zeitzeugin über ihr Schicksal berichtet. Gaby Glückselig, der 2004 die Bürgermedaille der Stadt in Gold verliehen wurde, starb am 22.4.2015 im Alter von 100 Jahren.

[106] HHStAW 518 11276 (73), dazu HHStAW 519/3 10200 (4). In einem Vergleich im Zuge eines Rückerstattungsverfahrens erklärte sich Carl Ernst 1950 bereit, weitere 20.000 DM an die ehemaligen Eigentümer zu zahlen.

[107] HHStAW 519/3 10200 (4). Die Devisenstelle kam dem Antrag von Gustav Flörsheim nach, monatlich 2.000 RM von dem Konto zum Lebensunterhalt abheben zu dürfen.

[108] HHStAW 518 11276 (95).

[109] HHStAW 519/3 17977 (o.P.).

[110] Ebd. (1, 23).

[111] HHStAW 518 11276 (1) Anlagen zum Entschädigungsantrag. Schon im Sommer 1938 hatten sie Edelmetalle und Schmuck abliefern müssen, deren Wert Paul Flörsheim auf rund 8.500 RM geschätzt hatte, siehe ebd.

[112] Vermutlich hatten sie vor ihrer endgültigen Weiterfahrt in die USA entweder in der Schweiz, Frankreich oder in England noch einmal Paul und Ruth Flörsheim getroffen, denn es liegt eine Passagierliste vom 26.7.1939 vor, laut der ihr Sohn und ihre Schwiegertochter an diesem Tag von Le Harve aus mit dem Schiff ‚Normandie’ in die USA zurückgereist waren. Siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6373-0435?treeid=&personid=&hintid=&queryId=ff55f6b2133182a0159bda5ca59da6ea&usePUB=true&_phsrc=Ekt3520&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1004490791. (Zugriff: 20.9.2021).

[113] Ebd. (38). Auch hier bedurfte es bei der Entschädigung für die Ausreisekosten erheblichen Druck, bis die Behörde bereit war, die vollen Kosten, einschließlich des Devisenverlusts, zu übernehmen. Man behauptete einfach, die Schiffskarten, obwohl in England ausgestellt, hätten in deutscher Währung bezahlt werden können, was nicht zuletzt angesichts des inzwischen ausgebrochenen Weltkriegs geradezu als naiv angesehen werden muss, siehe dazu auch ebd. (44 f.).

[114] Ebd. (113). Der offizielle Kurs betrug dagegen 1000 Sfr. = 56 RM.

[115] Ebd. (105). Nach einem Vergleich im Rückerstattungsverfahren zahlte die Käuferin noch weitere 1.700 DM. Dazu Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983.

[116] HHStAW 518 11276 (132).

[117] Ebd. (13).

[118] Ebd. (15). Sie schrieb: “It is, however, my desire, that after my death (…) my said sister shall be fully supported and maintained during her lifetime in the manner most convenient to her, and therefore I express the wish that my aforesaid son (and daughter-in-law …) shall in their free discretion without any obligation on their part do everything within their means to comply with this, my desire.”

[119] HHStAW 467 5663 (64).

[120] Für Paul siehe HHStAW 518 742 (Aktendeckel), für Ruth https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?dbid=7338&h=2600700&indiv=try&o_vc=Record:OtherRecord&rhSource=9105. (Zugriff: 20.9.2021).

[121] Siegmund Hamburger verstarb am 21.3.1925, Sterberegister Wiesbaden 315 / 1925.

[122] HHStAW 685 282 (o.P.), HHStAW 518 8252 I (237).

[123] HHStAW 518 8288 (76).

[124] Blisch, Wiesbadener Stadtgeschichte, S. 103.

[125] Heiratsregister Mannheim 987 / 1912.

[126] Geburtsregister Wiesbaden 658 / 1915.

[127] Geburtsregister Wiesbaden 1120 /1893. In der Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden ist als Heiratsdatum der 15.5. angegeben. Sie selbst hat in ihrem Antrag auf Erteilung der amerikanischen Staatsbürgerschaft später den 18.5.1919 eingetragen. Siehe https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/2500/images/40333_1220706416_0583-00028?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=253597. (Zugriff: 20.9.2021).

[128] Siehe dazu https://de.wikipedia.org/wiki/B%E2%80%99nai_B%E2%80%99rith. (Zugriff: 20.9.2021). Auch der renommierte jüdische Anwalt und Vorsteher der Gemeinde Berthold Guthmann war Mitglied dieser Loge.

[129] Geburtsregister Wiesbaden 458 / 1920.

[130] Geburtsregister Wiesbaden 903 / 1922.

[131] Sie berichtete sogar über ein Klassentreffen nach dem Krieg mit ihren ehemaligen Mitschülerinnen, zu denen der Kontakt auch nach der Auswanderung nie abgebrochen war.

[132] Jüdischen Adressbuch 1935, S. 251, 248, 237.

[133] Ebd., S. 245.

[134] Ebd., S. 231, 242.

[135] Ebd., S. 259, 232.

[136] HHStAW 518 8252 I (107).

[137] Ebd. (167).

[138] Ebd. (242).

[139] Siehe dazu das Gutachten der IHK Frankfurt über die Konjunkturentwicklung in diesen Jahren HHStAW 5663 (57 f.). Demnach waren die ersten Jahre der sogenannten Stabilitätsphase für viele Unternehmen noch eher schlechte Jahre.

[140] Siehe HHStAW 685 265 (passim).

[141] HHStAW 518 8252 I (243).

[142] HHStAW 518 5663 (32), HHStAW 518 8288 (76). In den Jahren 1930-1932 war ihr Einkommen auf etwa 8.000 bis 10.000 RM, dann 1933 bis 1935 auf zuletzt etwa 3.000 RM zurückgegangen.

[143] HHStAW 518 8252 I (167).

[144] Auch dieses Haus ist in die Liste der Kulturdenkmäler aus künstlerischen und städtebaulichen Gründen’ aufgenommen. Das eigentlich aus zwei Doppelhaushälften bestehende, vom Jugendstil beeinflusste Villengebäude wird als „bereichsprägend“ und „markant“ für die gestaffelte Hangbebauung unterhalb des Nerobergs bezeichnet. Siehe Kulturdenkmäler in Hessen, Wiesbaden II, Die Villengebiete, S. 422.

[145] HHStAW 518 8253 I (31 ff.).

[146] Siehe Kulturdenkmäler in Hessen, Wiesbaden II, Die Villengebiete, S. 300.

[147] HHStAW 518 8252 I (239).

[148] Stadtarchiv Wiesbaden WI / 3 983. Eine Erklärung für diese Differenz konnte nicht gefunden werden.

[149] Ebd. In dem von der Zollfahndungsstelle Mainz im August 1938 Vermögensaufstellung von Adolf Weyl ist das Haus demgegenüber allerdings nur noch 93.700 RM bewertet, siehe HHStAW 519/3 6483 (1). Zu bedenken ist zudem, dass laut dieses Dokuments das Haus mit 70.000 RM belastet war. Siehe auch HHStAW 685 265 (o.P.).

[150] HHStAW 518 8252 I (242 f.).

[151] HHStAW 518 8252 I (240).

[152] HHStAW 685 265 (o.P.), Prüfbericht S. 3. So waren die Geschäftsräume in der Friedrichstr. 38 für 13.400 RM im Jahr der Moritz Herz O.H.G. vermietet worden und der Mietertrag entsprechend privatisiert und aufgeteilt worden

[153] HHStAW 518 8252 I (237).

[154] Ebd. (244, 237).

[155] Ebd. (113, 114).

[156] HHStAW 518 8289 (190).

[157] Die nach dem Krieg gestellten Rückerstattungsansprüche wurden mit einer zusätzlichen Zahlung von 10.000 DM für die Neugasse und 35.000 DM für die Friedrichstraße abgegolten, ebd.

[158] HHStAW 519/3 6483 (1). Am 5. 12.1938 wurde sie dann von der Devisenstelle angeordnet, ebd. (3 f.).

[159] Kropat, Kristallnacht in Hessen, S. 169. Unwahrscheinlich ist auch, dass es einen Einfluss des Polizeipräsidenten Dr. Suermondt gab, der, wie im Übrigen auch der jüdische Unternehmer, Arzt und Judenhausbesitzer Leo Katzenstein, sogar noch 1940 Mieter in dem Haus in der Rössler Str, 7 war, siehe HHStAW 519/3 281 (19, 31). Georg Suermondt lebte seit seiner Pensionierung 1933 in Wiesbaden, war zuvor Polizeipräsident in Wuppertal und davor im Landkreis Hindenburg in Oberschlesien. Er scheint aber nicht aus politischen, sondern aus Altersgründen in den Ruhestand versetzt worden zu sein. Er verstarb am 9.1.1943 in Wiesbaden, seine Frau Alina am 10.9.1956 ebenfalls an ihrem letzten Wohnort, siehe http://gebe.paperstyle.de/familienstamme/s/suermondt-2/cockerill/46-3-georges-william-suermondt/. (Zugriff: 20.9.2021).

[160] Siehe https://collections.arolsen-archives.org/archive/7409658/?p=1&s=Adolf%20Weyl&doc_id=7409660. (Zugriff: 20.9.2021).

[161] Sterberegister Wiesbaden 1082 1938.

[162] HHStAW 518 8252 I (125).

[163] Eigenartigerweise bleibt der Tod von Adolf Weyl in dem Interview mit Frances Bunzl unerwähnt, obgleich sie zu ihren Erinnerungen an die Reichspogromnacht explizit gefragt wurde.

[164] HHStAW 519 8253 I (16).

[165] Ebd. (4, 10). Auf seiner Karteikarte in Buchenwald ist dagegen als Entlassungsdatum der 30.11.1938 eingetragen, siehe https://collections.arolsen-archives.org/G/SIMS/01010503/1785/52171462/001.jpg (Zugriff: 20.9.2021).Diese Angabe muss aber falsch sein, denn seine Mutter schrieb am 14.12.1938 an das Finanzamt Wiesbaden, dass sie an diesem Tag die Steuererklärung ihres Sohnes abgegeben habe, der „sich zur Zeit noch in Schutzhaft befindet“, siehe HHStAW 685 850a (13). An diesem Tag war ihr Mann todkrank aus Buchenwald zurückgekommen, bevor er am folgenden Tag verstarb.

[166] Ebd. (o.P.).

[167] HHStAW 685 850b (o.P.).

[168] HHStAW 518 8253 I (9). Ursprünglich war sie im August 1939 auf 3.750 RM festgelegt worden. Damals war Max noch mit seinem Vater steuerlich veranlagt worden, dessen Gesamtvermögen am Stichtag 1.1.1935 mit 126.000 RM veranschlagt worden war, siehe HHStAW 685 850a (6).

[169] HHStAW 685 850b (o.P.). Sogar die 5. Rate wurde noch von ihm bzw. seiner Mutter im November 1939 verlangt, obwohl er damals schon fast ein ganzes Jahr nicht mehr in Deutschland lebte.

[170] HHStAW 519/3 6483 (9).

[171] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6276-0341?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=1005291722, (Zugriff: 20.9.2021). Dieser Benjamin Löwenstein war in zweiter Ehe mit einer Nanette / Nette Kahn verheiratet, deren Eltern Isaak und Bertha Kahn aus Wiesbaden Breckenheim stammten. Dort war auch Benjamin Löwenstein am 12.11.1862 geboren worden. Artur Kahns Ehefrau Anna, die ebenfalls aus einer Familie Kahn kam, war ebenfalls in Wiesbaden geboren worden. Bisher konnte aber keine genealogische Verbindung zwischen Anna und Nanette Kahn gefunden werden. Benjamin Löwenstein war in den USA mit seiner Firma ‚Nassau Smelting and Refining Company. Inc.’, die Metallveredlung und dem Kupferrecycling’ betrieb, zu großem Reichtum gelangt. Mehr als 200 Verwandten soll er mit seinem Geld die Überfahrt bezahlt und vermutlich auch die nötigen Affidavite gestellt haben. Wahrscheinlich gehörte auch Max Weyl  und sein Großcousin Karl August Hamburger zu denjenigen, denen er mit seiner Aktion das Leben rettete. Siehe zu Benjamin Löwenstein Fritzsche / Bartelt, Familienbuch Breckenheim – Delkenheim, S. 82 f.

[172] HHStAW 518 8253 I (9, 61, 217). Ein Großteil der Entschädigungsakte betrifft die Verweigerung einer Entschädigung für die entgangene Berufsausbildung, die Max Weyl von der Entschädigungsbehörde verweigert wurde. Der Schaden, so argumentierte man, sei durch die Entschädigung für im beruflichen Fortkommen bereits abgegolten. Die Verfahren dazu gingen sogar bis zum Bundesgerichtshof. Am 9.11.1962 hat der 2. Zivilsenat des OLG Frankfurt dann in einem abschließenden Verfahren das Land Hessen dazu verurteilt, Max Weyl eine Entschädigung von 5.000 DM für die nicht abgeschlossene Ausbildung als Polsterer zu zahlen, mit der er in den USA wesentlich bessere Berufsaussichten gehabt hätte. Siehe ebd. (203-212).

[173] HHStAW 519/3 281 (2). Das Schreiben trägt das Datum 24.10.1938.

[174] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6258-0899?pId=25020028. (Zugriff: 20.9.2021).

[175] Es muss sich aber um den am 1.6.1890 geborenen Rechtsanwalt Arnold Kahn gehandelt haben, der 1937 emigriert war. Siehe zu ihm den kurzen Artikel von Faber, Wiesbadens jüdische Juristen, S. 111 f.

[176] HHStAW 518 8252 I (363-373).

[177] Ebd. (21).

[178] HHStAW 519/3 6483 (23).

[179] Ebd. (10).

[180] Ebd. (11).

[181] HHStAW 518 8252 I (182).

[182] Ebd. (95 ff). In DM umgerechnet, sollte die Entschädigungssumme 731 DM betragen !

[183] Ebd. (196).

[184] Ebd. (218- 223). Das Gericht wollte nicht ausschließen, dass Melanie Weyl die Möbel und den Hausrat möglicherweise noch selbst verkauft hatte, bevor sie das Haus vermietete, vielleicht sogar an den neuen Mieter selbst. Dann hätte es sich aber nach der gängigen Rechtssprechung um einen Fall der Rückerstattung und nicht um einen der Entschädigung gehandelt.

[185] Ebd. (144, 221 ff.), zur Genehmigung des Kaufvertrags siehe HHStAW 519/3 6483 (29).

[186] HHStAW 519/3 6483 (26). Auf ihrer Gestapokarteikarte ist der 1.10.1940 als Umzugsdatum eingetragen.

[187] Zu diesem Transport siehe Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 372 f.

[188] Siehe zur Familie Heymann ausführlich oben das vorausgegangene Kapitel.

[189] Heiratsregister Wiesbaden 480 / 1942.

[190] HHStAW 518 8252 I (23).

[191] Ebd. (41).

[192] HHStAW 519/3 281 (1, 10).

[193] Ebd. (12).

[194] Ebd. (16, 17, 18, 36). Offenbar sind einige Dokumente in der Akte verloren gegangen, denn im August 1940 wurde der Freibetrag von dem inzwischen erhöhten Betrag  von 1.000 RM wieder auf 800 RM herabgesetzt.

[195] Ebd. (46).

[196] Ebd. (49). Verwirrend sind allerdings zwei Genehmigungen des Verkaufs durch die Stadt. Neben dem am 11.11.1940 geschlossenen Vertrag mit Fischer gab es auch einen am 5.12.1940 geschlossenen Kaufvertrag mit einem Spediteur Auer. Dieser wurde am 21.12.1940 genehmigt, der zuvor geschlossene Vertrag mit Fischer erst am 6.1.1941. Letzterer war dann offensichtlich derjenige, der tatsächlich realisiert wurde, denn Mitte Januar 1941 überwies Fischer die Verkaufssumme von 13.500 RM auf das gesicherte Konto von Artur Hamburger. Siehe ebd. (50, 51). Der Verkaufspreis ist allerdings irritierend, da der Einheitswert der Immobilie 1938 auf 58.000 RM festgelegt worden war, siehe Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983. Ein Verkaufspreis ist hier nicht angegeben. Diese große Differenz ist nicht mehr mit einer Bevorteilung von möglichen Parteigenossen zu erklären. Möglicherweise handelt es sich bei dem in der Devisenakte überlieferten Betrag um denjenigen, der nach Abzug aller Kosten und Verbindlichkeiten, möglicherweise einer größeren Hypothek, auf das Konto von Artur Hamburger überwiesen wurde.

[197] HHStAW 519/3 24891 (2).

[198] HHStAW 519/3 24897 (3).

[199] HHStAW 518 8289 I (44). Auch hier liegen in den Akten unterschiedliche Zahlen vor. Der hier genannte Betrag ist derjenige, den die Kontenführende Rhein-Main-Bank der Entschädigungsbehörde am 13.4.1954 mitteilte. Zu Frieda Hamburger siehe HHStAW 519/3e 282 (26).

[200] HHStAW 519/3 24897 (6, 7, 8, 9).

[201] Ebd. (13, 39). Für Frieda Hamburger HHStAW 519/3 24891 (22).

[202] HHStAW 518 8289 I (30, 43).

[203] Ebd. (29). Siehe dazu auch oben das Kapitel über den Raub jüdischer Vermögen und Bajohr, „Arisierung“ als gesellschaftlicher Prozeß, S. 21.

[204] HHStAW 518 8289 I (30).

[205] Ebd. (86, 87, 97 f.).

[206] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6553-0153?treeid=&personid=&hintid=&queryId=427114d3e9df787520e7210d5860eaa1&usePUB=true&_phsrc=Ekt3333&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006406912. (Zugriff: 20.9.2021).

[207] Robert Max Bunzl, geboren am 15.3.1882, war der Sohn von Moritz und Cäcilie Bunzl, geborene Tedesco. Seine Frau Nelly Margarethe Burian wurde am 2.6.1889 geboren. Er verstarb im Januar 1977, sie im Dezember 1980. Neben Walter Henry, geboren am 16.6.1913, hatte das Paar noch die beiden Söhne Richard Karl, geboren am 24.8.1918, und Rudolph, geboren am 20.7.1922. Siehe http://ezwieback.com/MARK-o/p11.htm. (Zugriff: 20.9.2021), zu Rudolph siehe speziell noch https://www.g19.at/index.php/ns-zeit-ausgeschlossene-schueler#rudolfbunzl. (Zugriff: 20.9.2021).

[208] https://www.ancestry.com/imageviewer/collections/2500/images/40333_1220702381_0497-00823?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=190429, auch https://www.ancestry.com/imageviewer/collections/2997/images/41039_b001543-00659?treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true&pId=139695489, (Zugriff: 20.9.2021).

[209] Sie hatten sich am 7.12.1941 verlobt und am 25.12.1941 geheiratet.

[210] HHStAW 518 8289 I (4).

[211] HHStAW 518 8289 I (26).

[212] Ebd. (17).

[213] HHStAW 518 8289 II (o.P.).

[214] HHStAW 467 5663.

[215] Richard verstarb am 7.8.2010 in Atlanta.

[216] https://www.ancestry.de/mediaui-viewer/tree/163925570/person/202263290314/media/52af204e-97f4-4308-81e0-e3ee495a74ba?_phsrc=Ekt3443&_phstart=successSource. (Zugriff: 20.9.2021).

[217] https://saportareport.com/frances-bunzl-family-trust-makes-historic-gift-to-atlantas-jewish-community/sections/reports/maria_saporta/.  (Zugriff: 20.9.2021). Der Nachruf zählt die vielen Verdienste und auch das große Engagement des Paares auf.

[218] Ebd. Siehe auch https://www.atlantajewishtimes.com/holocaust-survivor-leaves-5-6-million-to-jewish-atlanta/. (Zugriff: 20.9.2021).

[219] Geburtsregister Mannheim 2320 / 1892. Seine Mutter Lina war eine geborene Rotschild.

[220] HHStAW 518 31686 (219).

[221] Zur Biographie ihres Mannes siehe ebd. (212).

[222] HHStAW 518 31686 (215). Das Zitat stammt aus einer mehrseitigen Geschäftsbroschüre, die Joseph Altschul anlässlich des 100 jährigen Firmenjubiläums veröffentlichen ließ.

[223] Siehe dazu unten.

[224] Ebd. (3) und Geburtsregister Frankfurt 576 / 1926.

[225] HHStAW 518 7842 (7, 12).

[226] Ebd.

[227] HHStAW 518 31686 (248, 249). Ob es eine Verbindung zu dem in früheren Jahrzehnten sehr bekannten Textilhaus in Wiesbaden gibt, konnte im gegebenen Rahmen nicht ermittelt werden.

[228] HHStAW 518 31686 (220).

[229] Ebd. (218, 239).

[230] Ebd. (213).

[231] Siehe zu den biographischen Angaben HHStAW 518 7842 (24, 28, 29).

[232] Siehe zu den biographischen Angaben zu Karl HHStAW 31686 (24).

[233] Siehe dazu die Zeugenaussagen ebd. (112, 113, 125, 168, 181). Die Zeugenaussagen waren notwendig geworden, weil die Entschädigungsbehörde bezweifelte, dass die Lager eine Einschränkung der Freiheit der Insassen bedeuteten, für die eine Entschädigung zu zahlen sei. Die umfassendste Aussage von Heinz Lazarus über die dortigen Lebensbedingungen, abgegeben in Form einer eidesstattliche Erklärung, sei hier nahezu vollständig wiedergegeben:

„Albi war ein Baracken-Lager; die Baracken fassten etwa 60 Personen, die in ihnen zusammengedraengt schlafen mussten. Irgendwelche Aufenthaltaraeume gab es nicht. Die Ernaehrung war karg & schlecht. Selbst die Brotrationen waren gering. Das ganze Lager war von einem Stacheldraht umgeben. Es hatte nur einen Eingang, an an dem das Verwaltungegebaeude resp. Baracke lag. Die Ueberwachung der Insassen geschah durch franzoesische „surveillants“j diese surveillants waren meist ein scheussliches Menschenmaterial. Das Lager Albi war am Eingang von 2 Insassen bewacht die ihrerseits wieder von den surveillants controlliert wurden. Die Insassen mussten Zwangsarbeit leisten, d.h. sie wurden zu irgendwelchen Arbeiten kommandiert; meist geschah das in der Weise, dass sie in Trupps von 10 oder 20 an Bauern vermietet wurden; die Bauern hatten dafuer irgendeinen Betrag zu zahlen, der in die Lagerkasse kam. Soweit ich mich erinnere und soweit mir bekannt ist, erhielten die Insassen fuer die Arbeitsleistung keine Bezahlung. Die Insassen konnten Post absenden und empfangen; sie konnten nach 6 Uhr abends – also nach dem Abendessen – das Lager verlassen, mussten aber um 9 oder 10 Uhr wieder zurueck sein Diese Vergünstigung hatte meist theoretische Bedeutung, denn das Lager lag ca. 4 Km. von Albi entfernt. Hinzu kam, dass die Insassen durch eine bestimmt Uniform gekennzeichnet waren, sodass sie als Zwangsarbeiter fuer jedermann sofort erkennbar waren. Ein „Ausgang“ war daher eher eine Strapaze besonders in moralischer Hinsicht, und er wurde im allgemeinen in der Hauptsache unternommen, um zu versuchen, sich einige zusaetzliche Lebensmittel zu verschaffen, die bitternoetig waren.
Camp d’Adge
Dieses Camp war ausserordentlich viel groesser als Albi; es wurde urspruenglich erstellt fuer die vielen Fluechtlinge des Spanischen Bürgerkrieges; auch als wir in dieses Lager ueberfuehrt wurden, waren noch l000nde Spanier. dort untergebracht. Lebensweise, Beaufsichtigung“ etc. unterschieden sich kaum von Albi, nur war die Unterbringung dort insofern schlechter, als es in Agde eine grosse Rattenplage gab; ich habe nie wieder in meinem Leben groessere Ratten gesehen, als in den Baracken des Lage Agde. Die Ernaehrung war schlechter, sogar bedeutend schlechter, als in Albi; ich entsinne mich, dass nach dem Essen eines Gemueses (ich glaube es waren turpinambours oder so aehnlich hiess das Zeug) fast alle Insassen erkrankten. In dieser Zeit fing ich an, an den Folgen dieser Ernaehrung meine Zaehne zu verlieren. Auch Camp d’Agde war voellig von Stacheldraht umgeben.

Camp d’Agde
Lagrasse war kein Camp in des Wortes normaler Bedeutung; tatsaechlich war es schlimmer, denn dort war man so gut wie von der Welt abgeschnitten; die Zwangearbeiter waren dort in einem zerfallenem Kloster untergebracht; sie schliefen auf dem Boden auf Stroh, das mit Decken bedeckt wurde. Dort gab es natuerlich keine Umzaenung, sie waere auch sehr ueberfluessig gewesen, denn ein Entweichen war kaum moeglich. Ganz Lagrasse ist resp. war ein halbzerfallenes Dorf und zwar in des Wortes genauster Bedeutung. Die Haelfte aller Haeuser standen leer, sie muessen seit langer Zeit von den urepruenglichen Bewohnern verlassen worden sein, und die Haeuser, um die sich kein Mensch kuemmerte, sind nach & nach zerfallen. Lagrasse liegt an einer einsamen Bergstrasse, etwa l Autostunde von Lezignan, einem Staedtchen mit Eisenbahn-Anschluss, entfernt. Lagrasse war von grossen Weinfeldern umgeben; die Zwangsarbeiter wurden dort in Gruppen an die  Weinbauern vermietet, oder sie mussten Holz hacken; die Ernaehrung war besonders schlecht;  man sammelte Schnecken, die man kochte, um den Hunger irgendwie  zu  bekaempfen. Sonst war die Behandlung aehnlich wie in Albi & Agde. Eine Bezahlung gab es nicht. Einige wenige von uns Zwangsarbeitern hatten das Glueck, dass ihre Frauen bzw. Familien zu Ihnen stossen konnten; diese hatten die Chance, in den verlassenen und zerfallenen Haeusern wohnen zu duerfen; jedoch war dieses Glueck recht problematisch, das Bewohnen dieser Haeuser war lebensgefaehrlich, zu jedem Moment konnte man durch eine Treppe brechen oder war anderen Gefahren, die sich aus der Baufaelligkeit ergaben, ausgesetzt; wer das nicht selbst erlebt hat, kann sich ueberhaupt keine Vorstellung davon  machen; Heizung gab es nicht; ab & zu wurde Holz „organisiert“, d.h. es wurde nachte unter grosser Gefahr irgendwie aufgetrieben, um es ab & zu mal warm zu haben. Meine Tochter erkrankte in Lagrasse an Gelbsucht, Grund Unterernaehrung. Noch heute leidet sie an den Folgen. Das war Lagrasse.“ Ebd. (183).

[234] Siehe dazu unten. Das Aktive Museum Spiegelgasse hat zum Andenken an die Familie ein Erinnerungsblatt veröffentlicht, siehe https://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Erinnerungsblatt%20Dr.%20Willy%20und%20Elsa%20Fackenheim.pdf. (Zugriff: 20.9.2021).