Hallgarter Str. 6


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehemalige Judenhaus in der Hallgarter Str. 6
Eigene Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehemaligen Judenhauses Hallgarter Str. 6

 

 

 

 

 


Der Eigentümer Ovsei Lourie, seine Familie und das Verwalterehepaar Majer und Nicha Sussmann

Das Haus in der Hallgarter Str. 6 ist eines der typischen Häuser des Rheingauviertels, eines Wohngebiets, das in geschlossener Bauweise mit meist viergeschossigen Wohngebäuden zwischen Kaiser-Friedrich-Ring, Niederwaldstraße und Loreleyring Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. In seiner Konzeption beeinflusst von den städtebaulichen Vorstellungen des für Wiesbaden so bedeutenden Stadtbaumeisters Genzmer, entstand damals ein Viertel für das gut situierte Bürgertum, das noch heute zu den bevorzugten Wohngebieten Wiesbadens gehört. „Die Gesamtanlage Rheingauviertel beeindruckt durch das Zusammenwirken von Plan, baukünstlerischer Qualität und dem Grün der Vorgärten und der die Straßen säumenden Baumreihen (Linden). Das Vorgartengrün wurde nicht nur als Schmuck des Hauses, sondern des ganzen Straßenraumes erachtet, weshalb die Einfriedungen transparent zu halten waren. (…) Die bis zu 8 m tiefen Vorgärten ermöglichten mächtige Verandavorbauten oder turmartige Eckrisalite, die, Straßenbild und Wohnsituation bereichernd, zusammen mit Balkonen und Erkern den Rhythmus der repräsentativen Vorderhausfassaden bestimmten.“[1]

Diese repräsentative Bauweise, zunächst stark im Stile der Gründerzeit, nach der Jahrhundertwende mehr vom Jugendstil beeinflusst, prägte die ersten beiden Phasen der Bebauung der Straßen, die vom Kaiser-Friedrich-Ring abzweigten, wozu auch die Hallgarter Straße gehört. Die spätere Bebauung Richtung Loreleyring während der Zeit der Weimarer Republik war stärker von funktionalen Zielsetzungen bestimmt. Das Haus in der Hallgarter Str. 6 ragt nicht durch eine besondere architektonische Gestaltung aus den übrigen Gebäuden hervor, es gehört unter diesen Gesichtspunkten sogar eher zu den weniger ansehnlichen, sondern durch die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus auf irgendeine Weise verbunden sind. Aber nicht nur die Schicksale der Bewohner, von denen viele von hier aus 1942 den Weg in die Vernichtung gehen mussten, sind erinnerungswürdig, sondern auch die Familie der Eigentümer, die in ihren vielen Verzweigungen hier nicht umfassend beschrieben werden kann,[2] verleiht dem Haus eine besondere Stellung. Ovsei Lourie, der Hausbesitzer, entstammte einer Familie, die zu den bedeutendsten jüdischen Familien überhaupt zählt, die sogar als die europäische Familie anerkannt ist, deren Stammbaum kontinuierlich am weitesten zurückverfolgt werden kann. Bis in das erste Jahrhundert n. Chr. reichen diese Wurzeln. Es soll ein jüdischer Legionär gewesen sein, der als Veteran sich in der Nähe von Frankfurt am Main auf einem Stück Land niedergelassen hatte, das der römische Staat seinem verdienten Soldaten nach Beendigung der Dienstzeit dort zugewiesen hatte.[3] Etwa im 14. oder 15. Jahrhundert wanderte der größte Zweig der Familie nach Russland aus und baut dort in dem Raum um Minsk eine der bedeutendsten Bankiers- und Industriedynastien Russlands auf. Vertreter der Familie fungierten als Berater der Zaren, suchten aber auch die Freundschaft Napoleons, als dieser mit dem Versprechen, allen Minoritäten die gleichen Rechte in Europa zu schenken, seinen Feldzug gegen das Zarenreich begann.

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Cover des Buches von Neil Rosenstein, das die Bedeutung der Familie Lourie illustriert.

Macht und Geld, die Nähe zu den Großen dieser Welt, war aber nicht das einzige, was diese Familie auszeichnete. Noch imposanter ist die Zahl der bedeutenden Persönlichkeiten, die sie hervorgebracht hat: Martin Buber, Helena Rubinstein, Mendelsohn-Batholdy, Yehudi Menuhin und Karl Marx werden in der Familiengeschichte als bedeutende Nachkommen dieses alten römischen Veterans von Rosenstein aufgezählt.[4]

Auch die Gründungsgeschichte des Staates Israel ist mit der Familie Lourie auf mehrfache Weise verknüpft. Nicht nur entstammte der zweite Präsident des Staates, Yitzchak Ben Zvi, aus einem der Zweige der Louries, sondern gerade der Teil der Familie, über den sich der Bezug zu Wiesbaden ergibt, war persönlich eingebunden in die Ereignisse und Entwicklungen, die den Staat letztlich hervorgebracht haben. Es waren die führenden Zionisten Theodor Herzl und noch mehr Chaim Weizmann, die eng mit mehreren Mitgliedern dieses Familienzweigs freundschaftlich und durch ihre gemeinsamen politischen Ziele verbunden waren.

Ovsei Lourie, der Eigentümer des Hauses in der Hallgarter Straße und einstige Schüler von Weizmann, lebte in London, als er die Immobilie Anfang 1922 erwarb.[5] Er besaß die russische Staatsangehörigkeit und war ein Spross dieser großen und bedeutenden jüdischen Familie, der es Mitte des 19. Jahrhunderts gelungen war, in der heute zu Weißrussland gehörenden, in der Nähe von Minsk gelegenen Stadt Pinsk ihre Stellung während der Phase der beginnenden Industrialisierung nicht nur zu behaupten, sondern sie durch Anpassung an die neuen Verhältnisse noch auszubauen.[6] Die Stadt, bis zum Holocaust eines der bedeutendsten Zentren des aschkenasischen Judentums – 77 Prozent der Einwohner waren im 19. Jahrhundert Juden – lag damals an wichtigen Land-, Schienen- und Wasserstraßen, über die der umfangreiche Handel von der Ostsee zum Schwarzen Meer und umgekehrt getätigt wurde.[7] Es waren die Louries, die Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Lieferung von Eisenbahnschwellen, von Eisen und Ziegeln, nicht nur zum Ausbau des Wegenetzes beigetragen, sondern damit auch ein beträchtliches Familienvermögens geschaffen hatten. Später bewerkstelligten dann ihre Schiffe den Warenaustausch von West nach Ost und es waren ihre Banken, die die notwendigen Finanzierungen dafür leisteten. Mit ihrer für den Frühkapitalismus typischen paternalistischen Unternehmensführung, verknüpft mit den ethischen Geboten des jüdischen Gemeindelebens verhalfen sie vielen tausend, zumeist jüdischen Arbeitern in ihrem Imperium zu Lohn und Brot. Unzählige soziale und kulturelle Initiativen oder Einrichtungen in diesem Raum gingen auf das Engagement der Louries und der mit ihnen verbundenen Familien zurück.

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Stammbaum der Familie Lourie
(GDB-PLS)

Der für Wiesbaden relevante Zweig gründet im Wesentlichen auf drei Nachkommenslinien von Aharon Lourie und seiner Frau Chaya, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts verstarben.[8] Von den Familien der drei Söhne Moshe, David und Shemuel / Samuel Lourie wird man die von Moshe, der mit seiner Frau Miriam Leah acht Kinder hatte, wohl als die bedeutendste ansehen müssen. Deren ältester Sohn Ahron gründete Thoraschulen, aber auch Banken, die besonders die Kleingewerbetreibenden unterstützen sollten, und Versicherungen. Er engagierte sich mit anderen Familienmitgliedern auch sozial, etwa beim Bau und bei der Unterhaltung von Krankenanstalten. Sogar eine „Gesellschaft zur Förderung der Aufklärung der Juden in Russland“ wurde von ihm initiiert. Auch Ahron geriet allerdings in das Dilemma eines jeden Konservativen, der zwar die Veränderungen aus eigenen ökonomischen Interessen vorantreibt, zugleich aber an den alten Werten, hier konkret an denen des orthodoxen Judentums, festhalten will. So stellte er sich gleichermaßen gegen sozialistische und demokratische Bestrebungen, wie auch gegen die neuen Ideen des Zionismus. Er glaubte, das traditionelle orthodoxe Judentum lasse sich mit den Normen der kapitalistischen Ökonomie verbinden, ohne zu erkennen, dass die strukturellen Veränderungen der russischen Gesellschaft eine wesentliche Ursache für die grassierenden Judenpogrome waren, auf die wiederum der Zionismus eine politische Antwort zu geben suchte.[9] Sein ältester Sohn Grigory löste sich von solchen Vorstellungen. Grigory , der nach Frankfurt a. M. in die Schule geschickt worden war, der in Deutschland und Frankreich studierte, war nicht nur glühender Zionist, sondern auch ein Sozialreformer, der sogar schon versuchte in einer von ihm gegründeten Ölmühle höchst modern im Dreischichtbetrieb einen achtstündigen Arbeitstag einzuführen. In seinem Chemiebetrieb arbeitete noch als Student der aus der Nachbarstadt Motal stammende Chaim Weizmann, der erste Präsident des späteren Staates Israel. Aus dieser Anstellung sollte eine tiefe Freundschaft zwischen ihm und der Familie Lourie erwachsen.[10]

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Die Familie von Moses Lourie, Ovsei links oben. Er vertritt die Familie von Shemuel Lourie
https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pineph11_076.html#d.

Mit seinem Bruder Shemuel gründete Grigory eine Bank, die – so würde man heute sagen – sich als Entwicklungsbank für die Region verstand und mit den ausbeuterischen Zinsverhältnissen früheren Zeiten brach. Weiterhin war er einer der Initiatoren, die zusammen mit Herzl, mit dem er ebenfalls in engem Kontakt stand, ein Bankinstitut in London aufbaute, das die jüdische Besiedlung Palästinas finanzieren sollte.[11] Sein großes Engagement für die zionistische Bewegung hatte die fatale Folge, dass er seinem eigenen Unternehmen zu wenig Aufmerksamkeit widmete, er deshalb sein gesamtes Vermögen verlor und ziemlich verarmt Ende 1917 in Petersburg verstarb.[12] Etwa zur gleichen Zeit ging von dort mit der Machtübernahme der Bolschewiken eine Bewegung aus, die ganz Russland grundlegend verändern sollte und von deren Wirkungen auch die Familie der Louries nicht unberührt bleiben konnte.

Es war aber nicht Grigory Lourie, über den die Verbindung nach Wiesbaden zustande kam, sondern diese begründeten seine beiden Onkel Isidor und Idel Lourie, die Brüder von Aron Lourie. Isidor, geboren 1851 in Pinsk, war das sechste Kind von Moshe und Miriam und ein erfolgreicher Unternehmer in Lettland. Verheiratet war er mit Agatha Eliasberg, mit der er zuletzt in Wiesbaden seinen Lebensabend verbrachte. Die Familie Eliasberg, mit der es vielfache eheliche Verbindungen gab, gehörte ebenfalls zur jüdischen Wirtschaftselite des Gebiets um Pinsk. Es war diese Heiratspolitik, bei der Partner nur unter seinesgleichen, mehr noch, am liebsten aus dem eigenen Familienverband gesucht wurden, die Rabinowitsch dazu veranlasst hatte, die Louries als die ‚Rothschilds von Pinsk’ zu bezeichnen.[13] Moses Louries Bruder David hatte Rushke Eliasberg, und Arons Schwester Zelda hatte Elias Eliasberg geheiratet. Innerhalb der Familie Lourie war die Ehe zwischen Cousin und Cousinen keineswegs unüblich. So war Beyle, das zweite Kind und die älteste Tochter von Moshe und Miriam, mit ihrem Cousin Idel, Sohn von Shemuel und Sarah Lourie, eine ebenfalls geborenen Lourie, verheiratet worden. Aus dieser Familie erwuchs nicht nur die zweite Verbindung nach Wiesbaden, jetzt auch zum Haus in der Hallgarter Str. 6, sondern auch eine weitere Beziehung zu Chaim Weizmann.

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Idel, der Sohn von Shemuel Lourie, und seine Familie (Pinsk 1900)
https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pineph11_097.html#c

Idel Louries Vater Shemuel hatte eine der ersten Privatbanken in Minsk eröffnet, er selbst, von Rabinowitsch als „Pionier of private Banking“ in diesem Raum bezeichnet, baute zusammen mit einem weiteren Cousin, Samuel, dem Sohn von David Lourie, daraus ein ganzes Netzwerk von Banken auf, mit denen hauptsächlich der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten in mehreren Provinzen finanziert wurde. Idel Lourie habe sich, so merkt Rabinowitsch im Hinblick auf dessen soziales Engagement an, etwas von der Familientradition entfernt.[14] Umso tragischer war es, dass er, seine Frau und Tochter, die zuletzt zusammen in Wiesbaden in der Sonnenberger Str. 21 lebten, am Schluss selbst völlig verarmt waren und von der Unterstützung ihrer Söhne leben mussten.[15]

Aber am Ende des 19. Jahrhunderts gab es solche Not im Haus von Idel Lourie noch nicht. Die Kinder, zumindest die Söhne genossen die beste Erziehung und Ausbildung. So hatten die Eltern Chaim Weizmann als Privatlehrer ihres 1879 geborenen Sohnes Shaul engagiert. Von 1888 bis 1892 lebte Weizmann in Pinsk im Haus von Idel Lourie. In einem Brief von Weizmann an Shauls Bruder Ovsei charakterisiert dieser die Erziehungsziele, die ihm von den Eltern seiner Schüler vorgegeben waren: „Your parents… want you to be a virtuous and noble youth, and to grow up into a well-educated and mentally developed man and an exemplary Jew“. Rabinowitsch resümiert: “His combination of a general and a Jewish education, of polished social manners and pride in being Jewish, was also, according to Weizmann, the ideal of the whole Lourié family.”[16]

Konsequenterweise wurde auch Shaul im Alter von 18 Jahren nach Deutschland geschickt, wo er an der TH-Darmstadt studierte, sich aber zugleich auch in der zionistischen Bewegung engagierte. Beim Zionistischen Weltkongress in Basel 1897 nahm er als Student kurioserweise als Vertreter der jüdischen Gemeinde von Bulawayo / Zimbabwe teil.[17] Von dieser Erfahrung beeindruckt, gründete er anschließend in Darmstadt die zionistische Studentenorganisation „Maccabiah“. Nach seinem Studium ließ er sich 1905 als erfolgreicher Geschäftsmann in London nieder. Mit Beginn des Krieges wanderte 1939 er in die USA aus und lebte zuletzt in Santa Monica in Kalifornien, wo er 1970 als einer der letzten Überlebenden des bedeutenden Basler Kongresses verstarb.

Auch Idel Louries Sohn Ovsei stand in ständigem Briefwechsel mit seinem ehemaligen Lehrer Weizmann. Wie sein Bruder Shaul hatte auch er ein Studium, allerdings in Riga, absolviert und war danach zunächst in dem väterlichen Unternehmen in Russland angestellt, bis dieses um 1920 infolge der Russischen Revolution geschlossen wurde. Er selbst übersiedelte nun auch nach London und wurde dort Geschäftspartner seines Bruders. Wie es dazu kam, dass er schon früh, nämlich 1903, das Haus in Wiesbaden erwarb, ist nicht mehr zu rekonstruieren, aber angesichts der Tatsache, dass mehrere Mitglieder der Familie zuletzt in Wiesbaden wohnten, könnte es eine noch ältere Verbindung der Familie in die gerade bei Russen sehr beliebte ehemalige Weltkurstadt gegeben haben. Auch sein Onkel Moshe Lourie, der Bruder von Shemuel, war 1905 mit seiner Frau Miriam nach Wiesbaden gekommen,[18] das in den unruhigen Zeiten nach dem verlorenen Krieg gegen Japan und der ersten Revolution in Russland in dieser Zeit der wachsenden Unruhe zum neuen Mittelpunkt für die Familie Lourie wurde: „With their [Moshe und Miriam – K.F.] departure, Pinsk ceased to be the center of the family. Wiesbaden, a spa not far from the Rhine River, became a favorite gathering place for wealthy Russian-Jewish refugee families. This was where our frequent family meetings took place and where children were brought from Vienna to visit Grandmother during school vacations at Christmas and in the summer.”[19]

Auch Ovsei selbst wird an diesen Treffen teilgenommen und Wiesbaden des Öfteren besucht haben, zumindest nachdem seine Eltern, seine Schwester und sein Onkel sich dort niedergelassen hatten. Belegt ist, dass er dem dortigen Standesamt 1928 die Nachricht vom Tod seines Vaters Shemuel überbracht hatte. Ovsei Lourie selbst verstarb im Jahr 1941 in London.

Seine Schwester Thekla, geboren am 17. April 1868,[20] war verheiratet mit dem ebenfalls aus Russland stammenden Jakob Friedlander, der ursprünglich auch aus sehr begüterten Verhältnissen kam. In seinen Steuererklärungen legte er dar, wodurch er, inzwischen Rentier, in eine sehr prekäre wirtschaftliche Lage geraten war: „Durch die Enteignung in Russland habe ich mein ganzes Vermögen, welches in Waldungen bestand, verloren.“, schrieb er 1926.[21] Im folgenden Jahr ergänzt er: „Im Jahre 1922 bin ich aus Russland mit meiner Frau geflüchtet, wo unser Vermögen annulliert wurde. Wir leben zusammen mit meinen Schwiegereltern Lurie. Der Haushalt wird bestritten von der Unterstützung meines Schwagers Saul aus London. Zur Garderobe und persönlichem Gebrauch bekommen wir RM 600 aus der Wirtschaftskasse.“[22] Das Geld, das Shaul seinen Eltern zur Verfügung stellte, stammte nach Angaben von Thekla Friedland aus den Erträgen seines Hausbesitzes in Berlin.[23] Bis 1928 erhielten auch sie und ihr Mann jährlich 2.500 RM von dem in London lebenden Bruder bzw. Schwager.[24]

Als 1928 Jacob Friedland am 26. Oktober starb, reduzierte der Bruder die Zuwendungen an seine Schwester um die Hälfte. Fortan lebten nur noch Mutter und Tochter zusammen im Haus in der Sonnenberger Straße, denn auch der Vater Idel Lourie war bald darauf am 30 Januar 1929 verstorben.[25]

Möglicherweise hatte Thekla Friedland nach dem Tod ihres Mannes Überlegungen zur Übersiedlung in die USA angestellt. Zumindest hatte sie laut einem Vermerk des Finanzamts Wiesbaden vom 7. September 1930 bis zum 26. März 1931 eine längere Reise dorthin angetreten, um nicht näher genannte Verwandte zu besuchen. Nicht ausgeschlossen ist, dass ihre Tochter, die namentlich nicht bekannt ist, inzwischen nach Amerika ausgewandert war. 1929 hatte die Mutter sie noch in Mailand besucht. Thekla Friedland hatte sich eigens bei der Wiesbadener Polizeibehörde abgemeldet, um – wie sie angab – bei ihrer Tochter in Italien den Winter zu verbringen.[26]

Als für Thekla Friedland die finanzielle Situation immer prekärer wurde – ihr Bruder schränkte die Unterstützung seiner Schwester zunächst auf monatlich 150 RM, dann auf 125 RM ein – und mit dem Machtantritt der Nazis auch die antisemitische Hetze in Deutschland immer unerträglicher wurde, entschied auch sie sich dazu, Deutschland den Rücken zu kehren. Im Juli 1933 verkaufte sie ein Wertpapier in Höhe von 1.000 Sfr., „weil sie jetzt das Geld brauche“ und am 1. Januar 1934 vermerkte die Finanzverwaltung in ihrer Akte, dass Frau Friedland aus der V-Liste, der Vermögenssteuerüberwachungsliste, zu streichen sei, da sie inzwischen im Ausland leben würde.[27] In welchem Land und mit wem sie die übrigen Jahre ihres Lebens verbrachte, ist nicht bekannt.

Als etwa sechs Jahre später das Hausgrundstück ihres Bruders in der Hallgarter Str. 6 zum Judenhaus umfunktionierte wurde, hatte man in Wiesbaden vergessen oder sogar bewusst unterschlagen, wem dieses Haus eigentlich gehörte. Das Wiesbadener Adressbuch 1931 nennt als Eigentümer einen „Ovsei“, offensichtlich ohne Kenntnis, dass es sich hierbei um einen Vornamen handelte. In den folgenden Jahren ist diesbezüglich nur noch der Hinweis „auswärts“ angegeben und erst für 1938 wird als Hausbesitzer „O. Lourie, London“ angeführt.

 

Die Verwaltung des Hauses hatte der Eigentümer in die Hände einer Hausverwaltung gelegt. Leider sind deren Akten nicht erhalten geblieben, sicher ist aber, dass die Immobilie in den 30er Jahren von dem jüdischen Ehepaars Sussmann betreut wurde.[28]

Auch wenn die langjährigen Verwalter der Hallgarter Str. 6 selbst nicht in dem Judenhaus gewohnt haben, so waren auch sie, wie die die Bewohner selbst, der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle auch ihrer gedacht werden.

Der am 29. September 1882 geborene Majer Sussmann, Sohn des Schulim, einem Kaufmann aus Ostrog in Wolhynien, hatte seine Frau Nicha / Nathalia Bauminger aus Krakau im Jahr 1909 geheiratet. Beide kamen aus begüterten Verhältnissen. Majer Sussmann besaß eine gut gehende Parkettbodenfabrik und auch die beträchtliche Mitgift, die die am 15. November 1889 geborene Nicha Nathalia Bauminger in die Ehe einbrachte, lässt auf einen sehr vermögenden familiären Hintergrund schließen.[29]

Nach Angabe des einzigen Kindes der beiden, dem am 24. Oktober in Krakau geborenen Julius, später Yoel Sussman, kamen die beiden 1911 nach Wiesbaden. Ursprünglich wollten sie wohl für nur zwei Jahre bleiben, um durch einen längeren Kuraufenthalt die offensichtlich kränkliche Mutter zu stabilisieren. Möglicherweise ist ihre Ankunft auch erst auf das Jahr  1913 zu datieren,[30] in jedem Fall aber hatte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur die Rückkehr nach Russland verhindert, die Revolution hatte auch den Verlust des zurückgelassenen Vermögens und auch den des Unternehmens zur Folge gehabt. Ein Großteil der hier angelegten finanziellen Mittel wurde dann durch die Hyperinflation in den frühen zwanziger Jahren aufgezehrt, sodass Sussmanns gezwungen waren, sich eine neue Erwerbsmöglichkeit zu suchen. Mit einem Handelsunternehmen für Rohprodukte jeglicher Art, das 1921 in das Handelsregister eingetragen worden war, hatten sie offensichtlich wenig Erfolg. Wann genau der Einstieg in die Hausverwaltungstätigkeit begann, war genau so wenig zu ermitteln, wie deren Umfang. Der Sohn erinnerte sich einzig an die Verwaltung der Westendstr. 20, und der beiden späteren Judenhäuser in der Rüdesheimer Str. 18 und der Hallgarter Str. 6. Dass ihr Kundenkreis aber größer gewesen sein muss ergibt sich schon daraus, dass die Auskunftei Blum auch das Haus in der Nerostr. 27 als weitere Objekte benannte.[31] Wie einer umfänglichen gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem jüdischen, in Mühlhausen lebenden Hausbesitzer Daniel Levy und der Hausverwaltung Sussman aus den Jahren 1934-38 zu entnehmen ist, gehörte auch die Westendstr. 1 bis zur Übergabe der Verwaltung an das Bankhaus Krier zu den von Sussmanns betreuten Häusern.[32] Man kann aus der Tatsache, dass das Amtsgericht Wiesbaden Mejer Sussmann bei Bedarf als Zwangsverwalter einsetzte, mit Sicherheit auf den guten Ruf schließen, den er unter seinesgleichen, aber auch bei den Behörden genoss. Ein „gutes Auskommen“ so die Auskunftei Blum, habe das Paar gehabt,[33] was sicher auch daraus resultierte, dass sie neben den Hausverwaltungen sich auch als Makler betätigten. Das Haus am Römerberg 10 hatten sie noch selbst käuflich erworben, bevor mit der Machtübernahme der Nazis auch bei ihnen der wirtschaftliche Abstieg begann.[34] Lag das Einkommen des Paares 1930 noch über 4.000 RM, so fiel es in den folgenden Jahren deutlich ab und betrug 1935 nur noch 1.200 RM.[35]Durch die diversen antijüdischen Restriktionen, die unmittelbar die berufliche Tätigkeit als Verwalter und Makler berührten, war es ihnen schon lange vor dem offiziellen Berufsverbot 1939 faktisch unmöglich geworden, in dieser Branche tätig zu bleiben. So war zum Beispiel die Beschaffung von Baudarlehen oder die Vertretung von Eigentümern beim Katasteramt oder anderen Behörden Juden schon sehr früh nicht mehr erlaubt. 1934/35 mussten sie ihre große Wohnung in der Nerostr. 47 aufgeben und in eine 3-Zimmerwohnung in der Lanzstr. 7 ziehen. 1930 hatte Meyer Sussmann sich aus gesundheitlichen Gründen bereits aus dem Geschäft zurückgezogen, aber so lange es ging, wurden die Hausverwaltungen von seiner Frau weitergeführt. Als er dann am 14. Februar 1936 starb, gab auch Nicha Sussmann bald auf. Immer mehr arische Hausbesitzer hatten ihr das Mandat entzogen, sodass eine Weiterführung des Geschäfts wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll war.

Sie liquidierte die Firma, gab die Wohnung in der Lanzstraße auf und ließ die wertvollen, alten Möbel versteigern bzw. verschleudern.[36] Nach Angaben des Sohnes bezog sie danach noch zweimal ein möbliertes Zimmer in der Kapellen- und dann in der Taunusstraße, aber eigentlich saß sie bereits auf ihren gepackten Koffern.[37] Als der Sohn im Mai 1936 aus Palästina nach Wiesbaden kam, wurde als Letztes die Opellimousine, die 1935 noch hoffnungsvoll angeschafft worden war, verkauft und die Mutter fuhr mit ihrem Sohn und den wenigen Habseligkeiten nach Triest. Dort bestiegen sie das Schiff, das sie nach Tel Aviv brachte, wo ihr Sohn bereits spätestens seit 1935 lebte.[38]

Was dieser in Palästina geschafft hatte, nämlich Fuss zu fassen und eine neue Existenz aufzubauen – Yoel Sussman wurde später hoher Richter im Staat Israel – gelang der 46 jährigen Mutter nicht mehr. Bereits zum zweiten Mal hatte sie ihr vertrautes Lebensumfeld wegen politischer Entwicklungen aufgeben müssen. Trotz aller Bemühungen scheiterte sie dabei, die ihr fremde Sprache zu erlernen. Ohne eigene Berufstätigkeit blieb sie weitgehend auf die Unterstützung des Sohnes angewiesen.

Seit 1948 war sie erkrankt. Am 31. März 1951 ist Nicha Sussmann in Israel im Alter von nur 61 Jahren verstorben.[39]

 

Die Akten geben keine genauen Informationen darüber, wer das Haus Hallgarter Str. 6 verwaltete, nachdem Sussmanns ihr Mandat niedergelegt hatten. Im Zusammenhang mit der Verwaltung des Hauses Westendstr. 1 liegt allerdings ein Brief vom 9. Mai 1936 vor, in dem Nicha Sussmann dem Hausbesitzer Daniel Levy mitteilte, dass sie aus gesundheitlichen Gründen die Hausverwaltung aufgegeben habe und diese vorläufig, unter Vorbehalt seiner Entscheidung, dem Bankhaus Krier übergeben habe. Vermutlich ist sie bei der Hallgarter Str. 6 ähnlich verfahren. Im Wiesbadener Adressbuch vom 1938 ist er demgemäß auch als solcher vermerkt. Wegen der fehlenden Akten, lässt sich nicht nachvollziehen, an wen die Erträge aus den Vermietungen tatsächlich geflossen sind. Allerdings ist die Vermutung berechtigt, dass sie dem Konto der Verwertungsstelle des Wiesbadener Finanzamts gutgeschrieben wurden. Mit Beginn des Krieges gab es insofern eine Veränderung, als nun der ‚Reichskommissar für die Behandlung feindlichen Vermögens’ die Hand auf das Vermögen legte. Während in den einschlägigen Akten der NSDAP kein Hinweis darauf vorhanden ist, dass es sich bei der Hallgarter Str. 6 um „jüdisches Eigentum“ handelte,[40] so kannte man im Grundbuchamt den Eigentümer genau. In der dortigen Akte befindet sich ein Beschluss, nach dem am 9. August 1941 vom zuständigen Reichskommissar die Verwaltung des sich im Eigentum von Ovsei Lourie, London, befindlichen Hauses dem Bankhaus Gebrüder Krier übertragen wurde. Maßnahmen, die die Substanz des Vermögens betreffen, durften nun nur noch mit Zustimmung des Reichskommissars vorgenommen werden.[41] Da man staatlicherseits das Vermögen deutscher Staatsbürger im Ausland schützen wollte, war der NS-Staat gezwungen, auch das Vermögen ausländischer Staatsbürger, auch das von Juden, in Deutschland unangetastet zu lassen.[42] Gleichwohl fand man eine Möglichkeit, sich daran zu bereichern. Die Erträge der unter Zwangsverwaltung stehenden Immobilien wurden dadurch abgeschöpft, dass man die Verwalter mit entsprechend hohen Gebühren belastete, die dann dem Fiskus zu Gute kamen.[43]

Eigenartigerweise wurde Eduard Krier vom Bankhaus Krier 1949 zunächst wieder in das Amt des Verwalters eingesetzt, obwohl er in dieser Funktion zuvor auch den Nazis gedient hatte. Offensichtlich geschah das nicht nur im Auftrag der amerikanischen Behörden, sondern war auch von Leon Caesar Lourie, dem Vermögensverwalter von Ovsei Lourie, mandatiert. In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis Leon Caesar Lourie zu Ovsei stand, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Ein Sohn scheint es aber nicht gewesen zu sein, denn am 4. November 1960 wurde das Haus an einen Bad Homburger Verleger verkauft.[44] Bei diesem Verkauf trat Leon Caesar als Bevollmächtigter von Shaul, hier Soual Lourie, auf, der demnach Erbe des Vermögens seines verstorbenen Bruders geworden war.

 

Keiner der Mitglieder der Familie Lourie, die in Wiesbaden lebte, wurde Opfer der Shoa. Wer nicht bereits vor Beginn der Deportationen verstorben war, konnte Deutschland rechtzeitig verlassen. Dies gelang sicher nicht zuletzt deswegen, weil die Familie Verbindungen in viele Teile der Welt unterhielt und trotz aller Verluste auf die nötigen finanziellen Ressourcen zurückgreifen konnte. Von den 20 jüdischen Bewohnern des Hauses gelang es dagegen nur einem einzigen, dem Holocaust zu entrinnen.

Stand: 03. 04. 2019

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmäler in Hessen / hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 1 / 3. Stadterweiterungen außerhalb der Ringstraße, bearb. von Sigrid Russ, S. 579. Zur Besondertheit dieses Viertels siehe insgesamt S. 574-586.

[2] Siehe dazu die Monograpie von Rosenstein, Neil, The Lurie Legacy. The House of Davidic Royal Descent, Berkenfield New Jersey, 2003. Ein Rabbi Meir Lau vom Jerusalemer Institut für Genealogie hat 1997 behauptet, die Familie ließe sich sogar auf das biblische Königshaus Davids und Salomons im 10. vorchristlichen Jahrhundert zurückführen, siehe ebd. Coverrückseite.

[3] Rosenstein, Lurie Legacy, S. XV f.

[4] Ebd. Siehe die Stammbäume in den Einbandseiten des Buches.

[5] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 273 Bl. 4074 Innen. Am 18.1.1922 war das Hausgrundstück laut Eintrag aufgelassen, am 11.2.1922 im Grundbuch auf seinen Namen eingetragen worden. Auch hier gibt es verschiede Schreibweisen des Namens. Es findet sich neben der hier und im Grundbuch verwendeten Form auch die Schreibweise Lurie oder Luria.

[6] So bezeichnet von Dr. Wolf Zeev Rabinowitsch, der die Geschichte dieser Familie Lourie recherchiert hat. Siehe https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pine11_088.html. (Zugriff: 5.3.2019).

[7] Siehe zum Charakter und zur Bedeutung von Pinsk https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pine11_050.html. (Zugriff: 5.3.2019).

[8] Aharon verstarb 1835, seine zweite Frau Chaya war bereits 1816 verstorben. Die Lebensdaten der ersten sind, abgesehen vom Namen Musha, nicht bekannt. Aber auch aus dieser ersten Ehe waren drei Kinder hervorgegangen, siehe Rosenstein, Lurie Legacy, S. 310.

[9] Siehe zum Wirken von Ahron Lourie, Rosenstein, Lurie Legacy, S. 129-135.

[10] So heißt es in einer Weizmann Biographie: „Weizmann showed ability from the beginning. He did well at the Realschule in Pinsk. The science master of the school noticed the exceptionally intelligent and bright boy, took him under his wing and induced him to specialize in chemistry. Ezer Weizmann never achieved prosperity, and the boy added to his meagre means by giving private lessons to the children of the more prosperous Jews of the town. In return for board and lodging he taught the brothers Saul and Ovsei Lourie, sons of the prosperous owner of a chemical factory in the city, and they and their friends and relations, Georg (Gad) Halpern, Isaac Naiditch, Judah L. Berger and others, became his lifelong friends and allies.” Chaim Weizmann – A biography by several hands, ed. Weisgal, Meyer W.; Carmichael, Joel, Bristol 1962, S. 20. Die enge Verbindung der Louries mit Chaim Weizmann belegt auch ein seiner Briefe aus dem Jahr 1903, in dem es heißt: „I have just had a visit from Shaichik [ist Shaul Lourie – K.F.]. (…) We shall meet today at Grigory’s. All the Pinsk ‚Europeans’ have been invited to this house.“ Zit. nach Rosenstein, Lurie Legacy, S. 139.

[11] Siehe zu den vielfältigen Aktivitäten von Grigory Lourie und seiner Frau Rivkah, Rosenstein, Lurie Legacy, S. 135-142.

[12] Rosenstein beschreibt ihn als „idealistic to the point of unworldliness, completely neglecting his own private affairs in his selfless work for the good of the Jewish community”. Ebd. S.140 f. Seine Frau ging nach seinem Tod zurück nach Pinsk, wo sie 1935 oder 1936 verstarb, ebd. S. 142.

[13] Siehe zu dieser Heiratspolitik auch Rosenstein, ebd. S. 144.

[14] “The regular appeals made by the Jews of Pinsk to this financial concern for contributions to charity and to institutions of social welfare were usually answered, though not with that devoted concern for the Jewish poor which was so characteristic of the Lourié tradition.” https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pine11_088.html. (Zugriff: 5.3.2019).

[15] Anekdotisch, aber im Hinblick auf die realen Gründe sicher nicht falsch, beschreibt Rosenstein, einen anderen Autoren zitierend, den Anlass für den Umzugs von Idel und Beyle Lourie im Jahr 1905 nach Wiesbaden: „Times changed. Following the growing unrest among the workers, caused by the various socialist movements at the end of the 19th century, the Louries began to leave Pinsk, (…). Typical of the changed attitude to the Lourie family is the following fact, reported by Hayyah Weizmann-Lichtenstein: ‘W. Lourie and his wife (Beileh) lived for decades in the same house and the same street. She used to go out on to the balcony and watch what was going on in the street and make comments. Year after year she sat there taking the passersby to task for faults in their appearance and dress, and being listened to with respect due to such a lady. Came the year 1905, and she was still sitting there on her balcony and making her critical observations. As a young man and woman passed by Mrs Lourie told the girl off for not having her hair combed and for talking in a loud voice in the street. Looking straight in the eye, the girl answered her back: ‘That’s no business of yours, Beileh! Mind your own business, if you don’t want to get hurt.’ Pale and frightened, Mrs Lourie went into the house and said to her husband. ‘Our days are over. There is no more room for us in Pinsk.’ And indeed, only a short time later they left Pinsk and settled in Wiesbaden, where they lived for the rest of their lives.” Rosenstein, Lurie Legacy, S. 126.

[16] https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pine11_088.html. (Zugriff: 5.3.2019).

[17] „I went to Basel, because the Congress aroused my interest. I remember the great impression made on me by the large banners with Zionist slogans on them flying over the Congress building, when in Russia everyone was afraid of mentioning the name ‚Jew‘ in public. I telephoned the secretary of the Congress, Herr Reich from Austria, to enquire whether I could take part in the Congress. He replied: ‚Yes. There are some communities in South Africa which were unable to send delegates and have therefore asked me to find people to volunteer to serve as their representatives and report to them on the proceedings‘. I think that I represented Bulawayo in Southern Rhodesia; at any rate, in the report published by Herr Reich after the Congress my name appears as the representative of that country.” https://www.jewishgen.org/yizkor/pinsk1/pine11_088.html. (Zugriff: 5.3.2019) Rabinowitsch zitiert hier aus Briefen, die Shaul dem Autor selbst über sein Leben geschrieben hatte. Es gibt angeblich Bilder des Kongresses, auf denen er zusammen mit Herzl und Weizmann abgebildet ist.

[18] Er verstarb am 7.2.1924, seine Frau am 3.4.1911 in Wiesbaden.

[19] Rosenstein, Lurie Legacy, S. 168. Der Autor Neil Rosenstein war der Sohn von dem in Wien lebenden Leopold Lourie und Enkel von Moshe Lourie. Er erwähnt in seinem Buch ausdrücklich „the kosher Hotel Kronprinz“, „the excellent opera, or the sleigh rides in the Taunus Mountains“ als bleibende Erinnerung an diese Ferienaufenthalte. Auch Mitglieder der Familien Eliasberg und Zeitlin / Zetlin, die ebenfalls durch Heirat mit den Louris verbunden waren, hatten sich in dieser Zeit in Wiesbaden niedergelassen, siehe ebd. S. 148.

[20] Mounira Stout, Nachkomme der Familie Lourie, verdanke ich eine Kopie des Geburtseintrags aus Pinsk, laut dem sie dort als Gitel bzw. Gitlya eingetragen wurde. Es handelt sich aber unzweifelhaft um die gleiche Person.

[21] HHStAW 685 173 (15).

[22] Ebd. (22). Unklar ist, was mit dem Begriff „Wirtschaftskasse“ gemeint ist, möglicherweise eine Sozialkasse.

[23] Ebd. (28).

[24] Ebd. (29).

[25] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 58 / 1929. Rabinowitsch nennt fälschlicherweise als Todesjahr 1928. Ob auch andere seiner Angaben nicht exakt sind, konnte im Rahmen der Arbeit nicht überprüft werden.

[26] HHStAW 685 173 (7, 40, 43, 50).

[27] Ebd. (62, o.P.).

[28] Fälschlicherweise ist im Jüdischen Adressbuch von 1935 Mejer Sussmann sogar als Eigentümer des Hauses benannt.

[29] HHStAW 519 65600 (8, 11, 13, 17). In der Heiratsurkunde heißt es: „Zum Zwecke der Erleichterung der Tragung der Ehelasten bestimmt Nicha vel Natalia Sussmann geborene Bauminger zu Gunsten ihres Mannes Majer Sussman eine Mitgift in Höhe von 80.000 Kronen (…), welche sie bei der Unterschrift dieses Aktes ihrem Mann ausbezahlt und Majer Sussman bestätigt den Empfang dieser Mitgift.“ Auch wurden genaue Bestimmungen festgelegt, wie mit der Mitgift bei einer möglichen Trennung verfahren werden sollte und welche Sicherheiten der Ehemann dafür zu verpfänden hatte. Ebd. (13 f.).

[30] HHStAW 519 65600 (17) Diese Jahreszahl nennt die Auskunftei Blum auf eine Anfrage der Entschädigungsbehörde im Jahre 1960. Dieses Jahr ist auch in einem Schreiben des Rechtsanwalts Klein in einem Brief vom 18.5.1938 an das Landgericht Wiesbaden genannt, in dem es um ein Verfahren wegen Unterschlagung ging, siehe HHStAW 474/11 18 (o.P.).

[31] HHStAW 518 65600 (17).

[32] Siehe dazu HHStAW 474/11 18 passim. Als Rechtsvertreter für Frau Sussmann fungierte in dieser Auseinandersetzung der jüdische Rechtsanwalt Dr. Alfred Stahl, der ebenfalls Bewohner zweier Judenhäuser wurde, bevor er 1942 deportiert wurde. Siehe zu seiner Person oben. Er hatte Frau Sussmann auch zuvor schon bei ihrer Hausverwaltungstätigkeit unterstützt, wie sich aus den Prozessakten ergibt.

Dieser gegen alle Ratschläge seines Anwalts angestrengte Prozess von Daniel Lewy gegen Frau Sussman ist insofern von einer eigenen Relevanz, als aus dessen Briefen eine offene, von traditionellen Vorurteilen geprägten Feindseligkeit gegenüber den Ostjuden, hier besonders den polnischen Juden, zum Ausdruck kommt. „Es ist nach Lage der Sache ganz bestimmt, dass die beiden Beklagten die Gelder angeeignet haben, u. dieserhalb so raffiniert dann Wiesbaden verlassen haben, gemeint noch die Brieflagerung auf der Post, nach polnischer Betrügerart dieses anschickten, deren Vertreter hat denselben noch mit Ratschlägen beigestanden,“ heißt es in einem Brief vom 22.7.38. Ähnlich auch in einem weiteren Brief vom 24.2.1938: „Die Familie Mayer Sussmann, erklärte uns immer, das Deutsche wären, und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, andernfalls hätten diese Betrüger die Hausverwaltung von Westendstrasse 1 nie erhalten indem mir die polnische Betrüger so gut bekannt waren.“

[33] HHStAW 518 65600 (17).

[34] In der ihm eigenen Diktion formulierte Adolf Blum den Niedergang so: „Nach 1933 wurden die Verhältnisse schwächer und verzogen die Leute von Wiesbaden.“ Ebd. (17).

[35] Ebd. (30).

[36] Siehe zum Mobiliar, ebd. (52).

[37] Ebd. Bescheid Verzeichnis. Der Verschleuderungsschaden wurde 1962 mit 750 DM entschädigt.

[38] Ebd. (46).

[39] Ebd. (22).

[40] In dem von der NSDAP erstellten Verzeichnis des jüdischen Grundbesitzes in Wiesbaden mit unbekanntem Datum, der „Liste III“, ist die Hallgarter Str. 6 nicht enthalten, auch nicht in der ersten unkorrigierten Fassung dieser Aufstellung, und auch die Nachkriegsliste des Vermessungsamtes zählt das Haus nicht zum ehemals jüdischen Grundbesitz, siehe Stadtarchiv Wiesbaden WI/3 983.

[41] Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 273 Bl. 4074 Innen (164). Im Januar des folgenden Jahres wurde diese Aufgabe dem Wiesbadener Rechtsanwalt Walter Adolph übertragen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt, ebd. (167).

[42] Siehe zur Rolle des Reichskommissars für die Behandlung feindlichen Vermögens Meinl; Zwilling, Legalisierter Raub, S. 519-528.

[43] Siehe ebd. S. 522. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich auf dem Ertragskonto des Hauses Hallgarter Str. 6 in all den Jahren ein Betrag von nur 1.826 DM angesammelt hatte. Siehe die Angabe des Verwalters Krier vom 2.5.1949, Grundbuch der Stadt Wiesbaden Bd. 273 Bl. 4074 Innen (181).

[44] Ebd.