Hallgarter Str. 6


Juden Wiesbaden, Judenhäuser
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus in der Hall­gar­ter Str. 6
Eige­ne Aufnahme
Judenverfolgung Wiesbaden
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses Hall­gar­ter Str. 6
Judenhaus Wiesbadaen, Judenäuser Wiesbaden, Juden Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Hall­gar­ter Str. 6
Das Juden­haus Hall­gar­ter Str. 6 frü­her
Mit Geneh­mi­gung M. Sauber

 

 

 

 

 


Der Eigentümer Ovsei Lourie, seine Familie und das Verwalterehepaar Majer und Nicha Sussmann

Das Haus in der Hall­gar­ter Str. 6 ist eines der typi­schen Häu­ser des Rhein­gau­vier­tels, eines Wohn­ge­biets, das in geschlos­se­ner Bau­wei­se mit meist vier­ge­schos­si­gen Wohn­ge­bäu­den zwi­schen Kai­ser-Fried­rich-Ring, Nie­der­wald­stra­ße und Lore­ley­ring Ende des 19. Jahr­hun­derts errich­tet wur­de. In sei­ner Kon­zep­ti­on, beein­flusst von den städ­te­bau­li­chen Vor­stel­lun­gen des für Wies­ba­den so bedeu­ten­den Stadt­bau­meis­ters Genz­mer, ent­stand damals ein Vier­tel für das gut situ­ier­te Bür­ger­tum, das noch heu­te zu den bevor­zug­ten Wohn­ge­bie­ten Wies­ba­dens gehört. „Die Gesamt­an­la­ge Rhein­gau­vier­tel beein­druckt durch das Zusam­men­wir­ken von Plan, bau­künst­le­ri­scher Qua­li­tät und dem Grün der Vor­gär­ten und der die Stra­ßen säu­men­den Baum­rei­hen (Lin­den). Das Vor­gar­ten­grün wur­de nicht nur als Schmuck des Hau­ses, son­dern des gan­zen Stra­ßen­rau­mes erach­tet, wes­halb die Ein­frie­dun­gen trans­pa­rent zu hal­ten waren. (…) Die bis zu 8 m tie­fen Vor­gär­ten ermög­lich­ten mäch­ti­ge Ver­an­da­vor­bau­ten oder turm­ar­ti­ge Eck­ri­sa­li­te, die, Stra­ßen­bild und Wohn­si­tua­ti­on berei­chernd, zusam­men mit Bal­ko­nen und Erkern den Rhyth­mus der reprä­sen­ta­ti­ven Vor­der­haus­fas­sa­den bestimm­ten.“[1]

Die­se reprä­sen­ta­ti­ve Bau­wei­se, zunächst stark im Sti­le der Grün­der­zeit, nach der Jahr­hun­dert­wen­de mehr vom Jugend­stil beein­flusst, präg­te die ers­ten bei­den Pha­sen der Bebau­ung der Stra­ßen, die vom Kai­ser-Fried­rich-Ring abzweig­ten, wozu auch die Hall­gar­ter Stra­ße gehört. Die spä­te­re Bebau­ung Rich­tung Lore­ley­ring wäh­rend der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik war stär­ker von funk­tio­na­len Ziel­set­zun­gen bestimmt. Das Haus in der Hall­gar­ter Str. 6 ragt nicht durch eine beson­de­re archi­tek­to­ni­sche Gestal­tung aus den übri­gen Gebäu­den her­vor, es gehört unter die­sen Gesichts­punk­ten sogar eher zu den weni­ger ansehn­li­chen, son­dern durch die Lebens­ge­schich­ten der Men­schen, die mit die­sem Haus auf irgend­ei­ne Wei­se ver­bun­den sind. Aber nicht nur die Schick­sa­le der Bewoh­ner, von denen vie­le von hier aus 1942 den Weg in die Ver­nich­tung gehen muss­ten, sind erin­ne­rungs­wür­dig, son­dern auch die Fami­lie der Eigen­tü­mer, die in ihren vie­len Ver­zwei­gun­gen hier nicht umfas­send beschrie­ben wer­den kann,[2] ver­leiht dem Haus eine beson­de­re Stel­lung. Ovs­ei Lou­rie, der Haus­be­sit­zer, ent­stamm­te einer Fami­lie, die zu den bedeu­tends­ten jüdi­schen Fami­li­en über­haupt zählt, die sogar als die euro­päi­sche Fami­lie aner­kannt ist, deren Stamm­baum kon­ti­nu­ier­lich am wei­tes­ten zurück­ver­folgt wer­den kann. Bis in das ers­te Jahr­hun­dert n. Chr. rei­chen die­se Wur­zeln. Es soll ein jüdi­scher Legio­när gewe­sen sein, der als Vete­ran sich in der Nähe von Frank­furt am Main auf einem Stück Land nie­der­ge­las­sen hat­te, das der römi­sche Staat sei­nem ver­dien­ten Sol­da­ten nach Been­di­gung der Dienst­zeit dort zuge­wie­sen hat­te.[3] Etwa im 14. oder 15. Jahr­hun­dert wan­der­te der größ­te Zweig der Fami­lie nach Russ­land aus und bau­te dort in dem Raum um Minsk eine der bedeu­tends­ten Ban­kiers- und Indus­trie­dy­nas­tien Russ­lands auf. Ver­tre­ter der Fami­lie fun­gier­ten als Bera­ter der Zaren, such­ten aber auch die Freund­schaft Napo­le­ons, als die­ser mit dem Ver­spre­chen, allen Mino­ri­tä­ten die glei­chen Rech­te in Euro­pa zu schen­ken, sei­nen Feld­zug gegen das Zaren­reich begann.

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Cover des Buches von Neil Rosen­stein, das die Bedeu­tung der Fami­lie Lou­rie illustriert.

Macht und Geld, die Nähe zu den Gro­ßen die­ser Welt, war aber nicht das ein­zi­ge, was die­se Fami­lie aus­zeich­ne­te. Noch impo­san­ter ist die Zahl der bedeu­ten­den Per­sön­lich­kei­ten, die sie her­vor­ge­bracht hat: Mar­tin Buber, Hele­na Rubin­stein, Men­dels­ohn-Bathol­dy, Yehu­di Menu­hin und Karl Marx wer­den in der Fami­li­en­ge­schich­te als bedeu­ten­de Nach­kom­men die­ses alten römi­schen Veterans von Rosen­stein auf­ge­zählt.[4]

Auch die Grün­dungs­ge­schich­te des Staa­tes Isra­el ist mit der Fami­lie Lou­rie auf mehr­fa­che Wei­se ver­knüpft. Nicht nur ent­stamm­te der zwei­te Prä­si­dent des Staa­tes, Yitz­chak Ben Zvi, aus einem der Zwei­ge der Lou­ries, son­dern gera­de der Teil der Fami­lie, über den sich der Bezug zu Wies­ba­den ergibt, war per­sön­lich ein­ge­bun­den in die Ereig­nis­se und Ent­wick­lun­gen, die den Staat letzt­lich her­vor­ge­bracht haben. Es waren die füh­ren­den Zio­nis­ten Theo­dor Herzl und noch mehr Cha­im Weiz­mann, die eng mit meh­re­ren Mit­glie­dern die­ses Fami­li­en­zweigs freund­schaft­lich und durch ihre gemein­sa­men poli­ti­schen Zie­le ver­bun­den waren.

Ovs­ei Lou­rie, der Eigen­tü­mer des Hau­ses in der Hall­gar­ter Stra­ße und eins­ti­ge Schü­ler von Weiz­mann, leb­te in Lon­don, als er die Immo­bi­lie Anfang 1922 erwarb.[5] Er besaß die rus­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit und war ein Spross die­ser gro­ßen und bedeu­ten­den jüdi­schen Fami­lie, der es Mit­te des 19. Jahr­hun­derts gelun­gen war, in der heu­te zu Weiß­russ­land gehö­ren­den, in der Nähe von Minsk gele­ge­nen Stadt Pinsk ihre Stel­lung wäh­rend der Pha­se der begin­nen­den Indus­tria­li­sie­rung nicht nur zu behaup­ten, son­dern sie durch Anpas­sung an die neu­en Ver­hält­nis­se noch aus­zu­bau­en.[6] Die Stadt, bis zum Holo­caust eines der bedeu­tends­ten Zen­tren des asch­ke­na­si­schen Juden­tums – 77 Pro­zent der Ein­woh­ner waren im 19. Jahr­hun­dert Juden – lag damals an wich­ti­gen Land‑, Schie­nen- und Was­ser­stra­ßen, über die der umfang­rei­che Han­del von der Ost­see zum Schwar­zen Meer und umge­kehrt getä­tigt wur­de.[7] Es waren die Lou­ries, die Anfang des 19. Jahr­hun­derts mit der Lie­fe­rung von Eisen­bahn­schwel­len, von Eisen und Zie­geln, nicht nur zum Aus­bau des Wege­net­zes bei­getra­gen, son­dern damit auch ein beträcht­li­ches Fami­li­en­ver­mö­gens geschaf­fen hat­ten. Spä­ter bewerk­stel­lig­ten dann ihre Schif­fe den Waren­aus­tausch von West nach Ost und es waren ihre Ban­ken, die die not­wen­di­gen Finan­zie­run­gen dafür leis­te­ten. Mit ihrer für den Früh­ka­pi­ta­lis­mus typi­schen pater­na­lis­ti­schen Unter­neh­mens­füh­rung, ver­knüpft mit den ethi­schen Gebo­ten des jüdi­schen Gemein­de­le­bens, ver­hal­fen sie vie­len tau­send, zumeist jüdi­schen Arbei­tern in ihrem Impe­ri­um zu Lohn und Brot. Unzäh­li­ge sozia­le und kul­tu­rel­le Initia­ti­ven oder Ein­rich­tun­gen in die­sem Raum gin­gen auf das Enga­ge­ment der Lou­ries und der mit ihnen ver­bun­de­nen Fami­li­en zurück.

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Stamm­baum der Fami­lie Lou­rie
(GDB-PLS)

Der für Wies­ba­den rele­van­te Zweig grün­det im Wesent­li­chen auf drei Nach­kom­mens­li­ni­en von Aha­ron Lou­rie und sei­ner Frau Cha­ya, die im ers­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts ver­star­ben.[8] Von den Fami­li­en der drei Söh­ne Mos­he, David und She­mu­el /​ Samu­el Lou­rie wird man die von Mos­he, der mit sei­ner Frau Miri­am Leah acht Kin­der hat­te, wohl als die bedeu­tends­te anse­hen müs­sen. Deren ältes­ter Sohn Ahron grün­de­te Tho­ra­schu­len, aber auch Ban­ken, die beson­ders die Klein­ge­wer­be­trei­ben­den unter­stüt­zen soll­ten, und Ver­si­che­run­gen. Er enga­gier­te sich mit ande­ren Fami­li­en­mit­glie­dern auch sozi­al, etwa beim Bau und bei der Unter­hal­tung von Kran­ken­an­stal­ten. Sogar eine „Gesell­schaft zur För­de­rung der Auf­klä­rung der Juden in Russ­land“ wur­de von ihm initi­iert. Auch Ahron geriet aller­dings in das Dilem­ma eines jeden Kon­ser­va­ti­ven, der zwar die Ver­än­de­run­gen aus eige­nen öko­no­mi­schen Inter­es­sen vor­an­treibt, zugleich aber an den alten Wer­ten, hier kon­kret an denen des ortho­do­xen Juden­tums, fest­hal­ten will. So stell­te er sich glei­cher­ma­ßen gegen sozia­lis­ti­sche und demo­kra­ti­sche Bestre­bun­gen, wie auch gegen die neu­en Ideen des Zio­nis­mus. Er glaub­te, das tra­di­tio­nel­le ortho­do­xe Juden­tum las­se sich mit den Nor­men der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie ver­bin­den, ohne zu erken­nen, dass die struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen der rus­si­schen Gesell­schaft eine wesent­li­che Ursa­che für die gras­sie­ren­den Juden­po­gro­me waren, auf die wie­der­um der Zio­nis­mus eine poli­ti­sche Ant­wort zu geben such­te.[9] Sein ältes­ter Sohn Gri­go­ry lös­te sich von sol­chen Vor­stel­lun­gen. Gri­go­ry, der nach Frank­furt a. M. in die Schu­le geschickt wor­den war, der in Deutsch­land und Frank­reich stu­dier­te, war nicht nur glü­hen­der Zio­nist, son­dern auch ein Sozi­al­re­for­mer, der sogar schon ver­such­te, in einer von ihm gegrün­de­ten Ölmüh­le höchst modern im Drei­schicht­be­trieb einen acht­stün­di­gen Arbeits­tag ein­zu­füh­ren. In sei­nem Che­mie­be­trieb arbei­te­te noch als Stu­dent der aus der Nach­bar­stadt Motal stam­men­de Cha­im Weiz­mann, der ers­te Prä­si­dent des spä­te­ren Staa­tes Isra­el. Aus die­ser Anstel­lung soll­te eine tie­fe Freund­schaft zwi­schen ihm und der Fami­lie Lou­rie erwach­sen.[10]

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Die Fami­lie von Moses Lou­rie, Ovs­ei links oben. Er ver­tritt die Fami­lie von She­mu­el Lou­rie
https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​p​h​1​1​_​0​7​6​.​h​t​m​l#d.

Mit sei­nem Bru­der She­mu­el grün­de­te Gri­go­ry eine Bank, die – so wür­de man heu­te sagen – sich als Ent­wick­lungs­bank für die Regi­on ver­stand und mit den aus­beu­te­ri­schen Zins­ver­hält­nis­sen frü­he­rer Zei­ten brach. Wei­ter­hin war er einer der Initia­to­ren, die zusam­men mit Herzl, mit dem er eben­falls in engem Kon­takt stand, ein Bank­in­sti­tut in Lon­don auf­bau­ten, das die jüdi­sche Besied­lung Paläs­ti­nas finan­zie­ren soll­te.[11] Sein gro­ßes Enga­ge­ment für die zio­nis­ti­sche Bewe­gung hat­te die fata­le Fol­ge, dass er sei­nem eige­nen Unter­neh­men zu wenig Auf­merk­sam­keit wid­me­te, er des­halb sein gesam­tes Ver­mö­gen ver­lor und ziem­lich ver­armt Ende 1917 in Peters­burg ver­starb.[12] Etwa zur glei­chen Zeit ging von dort mit der Macht­über­nah­me der Bol­sche­wi­ken eine Bewe­gung aus, die ganz Russ­land grund­le­gend ver­än­dern soll­te und von deren Wir­kun­gen auch die Fami­lie der Lou­ries nicht unbe­rührt blei­ben konnte.

Es war aber nicht Gri­go­ry Lou­rie, über den die Ver­bin­dung nach Wies­ba­den zustan­de kam, son­dern die­se begrün­de­ten sei­ne bei­den Onkel Isi­dor und Idel Lou­rie, die Brü­der von Aron Lou­rie. Isi­dor, gebo­ren 1851 in Pinsk, war das sechs­te Kind von Mos­he und Miri­am und ein erfolg­rei­cher Unter­neh­mer in Lett­land. Ver­hei­ra­tet war er mit Aga­tha Eli­as­berg, mit der er zuletzt in Wies­ba­den sei­nen Lebens­abend ver­brach­te. Die Fami­lie Eli­as­berg, mit der es viel­fa­che ehe­li­che Ver­bin­dun­gen gab, gehör­te eben­falls zur jüdi­schen Wirt­schafts­eli­te des Gebiets um Pinsk. Es war die­se Hei­rats­po­li­tik, bei der Part­ner nur unter sei­nes­glei­chen, mehr noch, am liebs­ten aus dem eige­nen Fami­li­en­ver­band gesucht wur­den, die Rabi­no­witsch dazu ver­an­lasst hat­te, die Lou­ries als die ‚Roth­schilds von Pinsk’ zu bezeich­nen.[13] Moses Lou­ries Bru­der David hat­te Rush­ke Eli­as­berg, und Arons Schwes­ter Zel­da hat­te Eli­as Eli­as­berg gehei­ra­tet. Inner­halb der Fami­lie Lou­rie war die Ehe zwi­schen Cou­sins und Cou­si­nen kei­nes­wegs unüb­lich. So war Beyle, das zwei­te Kind und die ältes­te Toch­ter von Mos­he und Miri­am, mit ihrem Cou­sin Idel, Sohn von She­mu­el und Sarah Lou­rie, einer eben­falls gebo­re­nen Lou­rie, ver­hei­ra­tet wor­den. Aus die­ser Fami­lie erwuchs nicht nur die zwei­te Ver­bin­dung nach Wies­ba­den, jetzt auch zum Haus in der Hall­gar­ter Str. 6, son­dern auch eine wei­te­re Bezie­hung zu Cha­im Weizmann.

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Idel, der Sohn von She­mu­el Lou­rie, und sei­ne Fami­lie (Pinsk 1900)
https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​p​h​1​1​_​0​9​7​.​h​t​m​l#c

Idel Lou­ries Vater She­mu­el hat­te eine der ers­ten Pri­vat­ban­ken in Minsk eröff­net. Er selbst, von Rabi­no­witsch als „Pio­nier of pri­va­te Ban­king“ in die­sem Raum bezeich­net, bau­te zusam­men mit einem wei­te­ren Cou­sin, Samu­el, dem Sohn von David Lou­rie, dar­aus ein gan­zes Netz­werk von Ban­ken auf, mit denen haupt­säch­lich der Han­del mit land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten in meh­re­ren Pro­vin­zen finan­ziert wur­de. Idel Lou­rie habe sich, so merkt Rabi­no­witsch im Hin­blick auf des­sen sozia­les Enga­ge­ment an, etwas von der Fami­li­en­tra­di­ti­on ent­fernt.[14] Umso tra­gi­scher war es, dass er, sei­ne Frau und Toch­ter, die zuletzt zusam­men in Wies­ba­den in der Son­nen­ber­ger Str. 21 leb­ten, am Schluss selbst völ­lig ver­armt waren und von der Unter­stüt­zung ihrer Söh­ne leben muss­ten.[15]

Aber am Ende des 19. Jahr­hun­derts gab es sol­che Not im Haus von Idel Lou­rie noch nicht. Die Kin­der, zumin­dest die Söh­ne, genos­sen die bes­te Erzie­hung und Aus­bil­dung. So hat­ten die Eltern Cha­im Weiz­mann als Pri­vat­leh­rer ihres 1879 gebo­re­nen Soh­nes Shaul enga­giert. Von 1888 bis 1892 leb­te Weiz­mann in Pinsk im Haus von Idel Lou­rie. In einem Brief von Weiz­mann an Shauls Bru­der Ovs­ei cha­rak­te­ri­siert die­ser die Erzie­hungs­zie­le, die ihm von den Eltern sei­ner Schü­ler vor­ge­ge­ben waren: „Your par­ents… want you to be a vir­tuous and noble youth, and to grow up into a well-edu­ca­ted and men­tal­ly deve­lo­ped man and an exem­pla­ry Jew”. Rabi­no­witsch resü­miert: “His com­bi­na­ti­on of a gene­ral and a Jewish edu­ca­ti­on, of polished social man­ners and pri­de in being Jewish, was also, accor­ding to Weiz­mann, the ide­al of the who­le Lou­rié fami­ly.”[16]

Kon­se­quen­ter­wei­se wur­de auch Shaul im Alter von 18 Jah­ren nach Deutsch­land geschickt, wo er an der TH-Darm­stadt stu­dier­te, sich aber zugleich auch in der zio­nis­ti­schen Bewe­gung enga­gier­te. Beim Zio­nis­ti­schen Welt­kon­gress in Basel 1897 nahm er als Stu­dent kurio­ser­wei­se als Ver­tre­ter der jüdi­schen Gemein­de von Bula­wayo /​ Zim­bab­we teil.[17] Von die­ser Erfah­rung beein­druckt, grün­de­te er anschlie­ßend in Darm­stadt die zio­nis­ti­sche Stu­den­ten­or­ga­ni­sa­ti­on „Mac­ca­biah“. Nach sei­nem Stu­di­um ließ er sich 1905 als erfolg­rei­cher Geschäfts­mann in Lon­don nie­der. Mit Beginn des Krie­ges wan­der­te er 1939 in die USA aus und leb­te zuletzt in San­ta Moni­ca in Kali­for­ni­en, wo er 1970 als einer der letz­ten Über­le­ben­den des bedeu­ten­den Bas­ler Kon­gres­ses verstarb.

Auch Idel Lou­ries Sohn Ovs­ei stand in stän­di­gem Brief­wech­sel mit sei­nem ehe­ma­li­gen Leh­rer Weiz­mann. Wie sein Bru­der Shaul hat­te auch er ein Stu­di­um, aller­dings in Riga, absol­viert und war danach zunächst in dem väter­li­chen Unter­neh­men in Russ­land ange­stellt, bis die­ses um 1920 infol­ge der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on geschlos­sen wur­de. Er selbst über­sie­del­te nun auch nach Lon­don und wur­de dort Geschäfts­part­ner sei­nes Bru­ders. Wie es dazu kam, dass er schon früh, näm­lich 1903, das Haus in Wies­ba­den erwarb, ist nicht mehr zu rekon­stru­ie­ren, aber ange­sichts der Tat­sa­che, dass meh­re­re Mit­glie­der der Fami­lie zuletzt in Wies­ba­den wohn­ten, könn­te es eine noch älte­re Ver­bin­dung der Fami­lie in die gera­de bei Rus­sen sehr belieb­te ehe­ma­li­ge Welt­kur­stadt gege­ben haben. Auch sein Onkel Mos­he Lou­rie, der Bru­der von She­mu­el, war 1905 mit sei­ner Frau Miri­am nach Wies­ba­den gekom­men,[18] das in den unru­hi­gen Zei­ten nach dem ver­lo­re­nen Krieg gegen Japan und der ers­ten Revo­lu­ti­on in Russ­land in die­ser Zeit der wach­sen­den Unru­he zum neu­en Mit­tel­punkt für die Fami­lie Lou­rie wur­de: „With their [Mos­he und Miri­am – K.F.] depar­tu­re, Pinsk cea­sed to be the cen­ter of the fami­ly. Wies­ba­den, a spa not far from the Rhi­ne River, beca­me a favo­ri­te gathe­ring place for wealt­hy Rus­si­an-Jewish refu­gee fami­lies. This was whe­re our fre­quent fami­ly mee­tings took place and whe­re child­ren were brought from Vien­na to visit Grand­mo­ther during school vaca­ti­ons at Christ­mas and in the sum­mer.”[19]

Auch Ovs­ei selbst wird an die­sen Tref­fen teil­ge­nom­men und Wies­ba­den des Öfte­ren besucht haben, zumin­dest nach­dem sei­ne Eltern, sei­ne Schwes­ter und sein Onkel sich dort nie­der­ge­las­sen hat­ten. Belegt ist, dass er dem dor­ti­gen Stan­des­amt 1928 die Nach­richt vom Tod sei­nes Vaters She­mu­el über­bracht hat­te. Ovs­ei Lou­rie selbst ver­starb im Jahr 1941 in London.

Sei­ne Schwes­ter Thek­la, gebo­ren am 17. April 1868,[20] war ver­hei­ra­tet mit dem eben­falls aus Russ­land stam­men­den Jakob Fried­lan­der, der ursprüng­lich auch aus sehr begü­ter­ten Ver­hält­nis­sen kam. In sei­nen Steu­er­erklä­run­gen leg­te er dar, wodurch er, inzwi­schen Ren­tier, in eine sehr pre­kä­re wirt­schaft­li­che Lage gera­ten war: „Durch die Ent­eig­nung in Russ­land habe ich mein gan­zes Ver­mö­gen, wel­ches in Wal­dun­gen bestand, ver­lo­ren.“, schrieb er 1926.[21] Im fol­gen­den Jahr ergänzt er: „Im Jah­re 1922 bin ich aus Russ­land mit mei­ner Frau geflüch­tet, wo unser Ver­mö­gen annul­liert wur­de. Wir leben zusam­men mit mei­nen Schwie­ger­el­tern Lurie. Der Haus­halt wird bestrit­ten von der Unter­stüt­zung mei­nes Schwa­gers Saul aus Lon­don. Zur Gar­de­ro­be und per­sön­li­chem Gebrauch bekom­men wir RM 600 aus der Wirt­schafts­kas­se.“[22] Das Geld, das Shaul sei­nen Eltern zur Ver­fü­gung stell­te, stamm­te nach Anga­ben von Thek­la Fried­land aus den Erträ­gen sei­nes Haus­be­sit­zes in Ber­lin.[23] Bis 1928 erhiel­ten auch sie und ihr Mann jähr­lich 2.500 RM von dem in Lon­don leben­den Bru­der bzw. Schwa­ger.[24]

Als 1928 Jacob Fried­land am 26. Okto­ber starb, redu­zier­te der Bru­der die Zuwen­dun­gen an sei­ne Schwes­ter um die Hälf­te. Fort­an leb­ten nur noch Mut­ter und Toch­ter zusam­men im Haus in der Son­nen­ber­ger Stra­ße, denn auch der Vater Idel Lou­rie war bald dar­auf, am 30. Janu­ar 1929, ver­stor­ben.[25]

Mög­li­cher­wei­se hat­te Thek­la Fried­land nach dem Tod ihres Man­nes Über­le­gun­gen zur Über­sied­lung in die USA ange­stellt. Zumin­dest hat­te sie laut einem Ver­merk des Finanz­amts Wies­ba­den vom 7. Sep­tem­ber 1930 bis zum 26. März 1931 eine län­ge­re Rei­se dort­hin ange­tre­ten, um nicht näher genann­te Ver­wand­te zu besu­chen. Nicht aus­ge­schlos­sen ist, dass ihre Toch­ter, die nament­lich nicht bekannt ist, inzwi­schen nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert war. 1929 hat­te die Mut­ter sie noch in Mai­land besucht. Thek­la Fried­land hat­te sich eigens bei der Wies­ba­de­ner Poli­zei­be­hör­de abge­mel­det, um – wie sie angab – bei ihrer Toch­ter in Ita­li­en den Win­ter zu ver­brin­gen.[26]

Als für Thek­la Fried­land die finan­zi­el­le Situa­ti­on immer pre­kä­rer wur­de – ihr Bru­der schränk­te die Unter­stüt­zung sei­ner Schwes­ter zunächst auf monat­lich 150 RM, dann auf 125 RM ein – und mit dem Macht­an­tritt der Nazis auch die anti­se­mi­ti­sche Het­ze in Deutsch­land immer uner­träg­li­cher wur­de, ent­schied auch sie sich dazu, Deutsch­land den Rücken zu keh­ren. Im Juli 1933 ver­kauf­te sie ein Wert­pa­pier in Höhe von 1.000 Sfr., „weil sie jetzt das Geld brau­che“ und am 1. Janu­ar 1934 ver­merk­te die Finanz­ver­wal­tung in ihrer Akte, dass Frau Fried­land aus der V‑Liste, der Ver­mö­gens­steu­er­über­wa­chungs­lis­te, zu strei­chen sei, da sie inzwi­schen im Aus­land leben wür­de.[27] In wel­chem Land und mit wem sie die übri­gen Jah­re ihres Lebens ver­brach­te, ist nicht bekannt.

Als etwa sechs Jah­re spä­ter das Haus­grund­stück ihres Bru­ders in der Hall­gar­ter Str. 6 zum Juden­haus umfunk­tio­niert wur­de, hat­te man in Wies­ba­den ver­ges­sen oder sogar bewusst unter­schla­gen, wem die­ses Haus eigent­lich gehör­te. Das Wies­ba­de­ner Adress­buch 1931 nennt als Eigen­tü­mer einen „Ovs­ei“, offen­sicht­lich ohne Kennt­nis, dass es sich hier­bei um einen Vor­na­men han­del­te. In den fol­gen­den Jah­ren ist dies­be­züg­lich nur noch der Hin­weis „aus­wärts“ ange­ge­ben und erst für 1938 wird als Haus­be­sit­zer „O. Lou­rie, Lon­don“ ange­führt.

 

Die Ver­wal­tung des Hau­ses hat­te der Eigen­tü­mer in die Hän­de einer Haus­ver­wal­tung gelegt. Lei­der sind deren Akten nicht erhal­ten geblie­ben, sicher ist aber, dass die Immo­bi­lie in den 30er Jah­ren von dem jüdi­schen Ehe­paar Suss­mann betreut wur­de.[28]

Auch wenn die lang­jäh­ri­gen Ver­wal­ter der Hall­gar­ter Str. 6 selbst nicht in dem Juden­haus gewohnt haben, so waren auch sie, wie die Bewoh­ner selbst, der Ver­fol­gung durch die Nazis aus­ge­setzt. Aus die­sem Grund soll an die­ser Stel­le auch ihrer gedacht werden.

Der am 29. Sep­tem­ber 1882 gebo­re­ne Majer Suss­mann, Sohn des Schu­lim, einem Kauf­mann aus Ostrog in Wol­hy­ni­en, hat­te sei­ne Frau Nicha /​ Natha­lia Bau­min­ger aus Kra­kau im Jahr 1909 gehei­ra­tet. Bei­de kamen aus begü­ter­ten Ver­hält­nis­sen. Majer Suss­mann besaß eine gut gehen­de Par­kett­bo­den­fa­brik, und auch die beträcht­li­che Mit­gift, die die am 15. Novem­ber 1889 gebo­re­ne Nicha Natha­lia Bau­min­ger in die Ehe ein­brach­te, lässt auf einen sehr ver­mö­gen­den fami­liä­ren Hin­ter­grund schlie­ßen.[29]

Nach Anga­be des ein­zi­gen Kin­des der bei­den, des am 24. Okto­ber in Kra­kau gebo­re­nen Juli­us, spä­ter Yoel Suss­man, kamen die bei­den 1911 nach Wies­ba­den. Ursprüng­lich woll­ten sie wohl für nur zwei Jah­re blei­ben, um durch einen län­ge­ren Kur­auf­ent­halt die offen­sicht­lich kränk­li­che Mut­ter zu sta­bi­li­sie­ren. Mög­li­cher­wei­se ist ihre Ankunft auch erst auf das Jahr  1913 zu datie­ren,[30] in jedem Fall aber hat­te der Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs nicht nur die Rück­kehr nach Russ­land ver­hin­dert, die Revo­lu­ti­on hat­te auch den Ver­lust des zurück­ge­las­se­nen Ver­mö­gens und auch den des Unter­neh­mens zur Fol­ge gehabt. Ein Groß­teil der hier ange­leg­ten finan­zi­el­len Mit­tel wur­de dann durch die Hyper­in­fla­ti­on in den frü­hen Zwan­zi­ger­jah­ren auf­ge­zehrt, sodass Suss­manns gezwun­gen waren, sich eine neue Erwerbs­mög­lich­keit zu suchen. Mit einem Han­dels­un­ter­neh­men für Roh­pro­duk­te jeg­li­cher Art, das 1921 in das Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen wor­den war, hat­ten sie offen­sicht­lich wenig Erfolg. Wann genau der Ein­stieg in die Haus­ver­wal­tungs­tä­tig­keit begann, war genau­so wenig zu ermit­teln, wie deren Umfang. Der Sohn erin­ner­te sich ein­zig an die Ver­wal­tung der West­end­str. 20, und der bei­den spä­te­ren Juden­häu­ser in der Rüdes­hei­mer Str. 18 und der Hall­gar­ter Str. 6. Dass ihr Kun­den­kreis aber grö­ßer gewe­sen sein muss, ergibt sich schon dar­aus, dass die Aus­kunf­tei Blum auch das Haus in der Nerostr. 27 als wei­te­re Objek­te benann­te.[31] Wie einer umfäng­li­chen gericht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem jüdi­schen, in Mühl­hau­sen leben­den Haus­be­sit­zer Dani­el Levy und der Haus­ver­wal­tung Suss­man aus den Jah­ren 1934–38 zu ent­neh­men ist, gehör­te auch die West­end­str. 1 bis zur Über­ga­be der Ver­wal­tung an das Bank­haus Krier zu den von Suss­manns betreu­ten Häu­sern.[32] Man kann aus der Tat­sa­che, dass das Amts­ge­richt Wies­ba­den Mejer Suss­mann bei Bedarf als Zwangs­ver­wal­ter ein­setz­te, mit Sicher­heit auf den guten Ruf schlie­ßen, den er unter sei­nes­glei­chen, aber auch bei den Behör­den genoss. Ein „gutes Aus­kom­men“ so die Aus­kunf­tei Blum, habe das Paar gehabt,[33] was sicher auch dar­aus resul­tier­te, dass sie neben den Haus­ver­wal­tun­gen sich auch als Mak­ler betä­tig­ten. Das Haus am Römer­berg 10 hat­ten sie noch selbst käuf­lich erwor­ben, bevor mit der Macht­über­nah­me der Nazis auch bei ihnen der wirt­schaft­li­che Abstieg begann.[34] Lag das Ein­kom­men des Paa­res 1930 noch über 4.000 RM, so fiel es in den fol­gen­den Jah­ren deut­lich ab und betrug 1935 nur noch 1.200 RM.[35] Durch die diver­sen anti­jü­di­schen Restrik­tio­nen, die unmit­tel­bar die beruf­li­che Tätig­keit als Ver­wal­ter und Mak­ler berühr­ten, war es ihnen schon lan­ge vor dem offi­zi­el­len Berufs­ver­bot 1939 fak­tisch unmög­lich gewor­den, in die­ser Bran­che tätig zu blei­ben. So war zum Bei­spiel die Beschaf­fung von Bau­dar­le­hen oder die Ver­tre­tung von Eigen­tü­mern beim Katas­ter­amt oder ande­ren Behör­den Juden schon sehr früh nicht mehr erlaubt. 1934/​35 muss­ten sie ihre gro­ße Woh­nung in der Nerostr. 47 auf­ge­ben und in eine 3‑Zimmerwohnung in der Lanz­str. 7 zie­hen. 1930 hat­te Mey­er Suss­mann sich aus gesund­heit­li­chen Grün­den bereits aus dem Geschäft zurück­ge­zo­gen, aber so lan­ge es ging, wur­den die Haus­ver­wal­tun­gen von sei­ner Frau wei­ter­ge­führt. Als er dann am 14. Febru­ar 1936 starb, gab auch Nicha Suss­mann bald auf. Immer mehr ari­sche Haus­be­sit­zer hat­ten ihr das Man­dat ent­zo­gen, sodass eine Wei­ter­füh­rung des Geschäfts wirt­schaft­lich nicht mehr sinn­voll war.

Sie liqui­dier­te die Fir­ma, gab die Woh­nung in der Lanz­stra­ße auf und ließ die wert­vol­len, alten Möbel ver­stei­gern bzw. ver­schleu­dern.[36] Nach Anga­ben des Soh­nes bezog sie danach noch zwei­mal ein möblier­tes Zim­mer in der Kapel­len- und dann in der Tau­nus­stra­ße, aber eigent­lich saß sie bereits auf ihren gepack­ten Kof­fern.[37] Als der Sohn im Mai 1936 aus Paläs­ti­na nach Wies­ba­den kam, wur­de als Letz­tes die Opel­li­mou­si­ne, die 1935 noch hoff­nungs­voll ange­schafft wor­den war, ver­kauft, und die Mut­ter fuhr mit ihrem Sohn und den weni­gen Hab­se­lig­kei­ten nach Tri­est. Dort bestie­gen sie das Schiff, das sie nach Tel Aviv brach­te, wo ihr Sohn bereits spä­tes­tens seit 1935 leb­te.[38]

Was die­ser in Paläs­ti­na geschafft hat­te, näm­lich Fuß zu fas­sen und eine neue Exis­tenz auf­zu­bau­en – Yoel Suss­man wur­de spä­ter hoher Rich­ter im Staat Isra­el –, gelang der 46-jäh­ri­gen Mut­ter nicht mehr. Bereits zum zwei­ten Mal hat­te sie ihr ver­trau­tes Lebens­um­feld wegen poli­ti­scher Ent­wick­lun­gen auf­ge­ben müs­sen. Trotz aller Bemü­hun­gen schei­ter­te sie dabei, die ihr frem­de Spra­che zu erler­nen. Ohne eige­ne Berufs­tä­tig­keit blieb sie weit­ge­hend auf die Unter­stüt­zung des Soh­nes angewiesen.

Seit 1948 war sie erkrankt. Am 31. März 1951 ist Nicha Suss­mann in Isra­el im Alter von nur 61 Jah­ren ver­stor­ben.[39]

 

Die Akten geben kei­ne genau­en Infor­ma­tio­nen dar­über, wer das Haus Hall­gar­ter Str. 6 ver­wal­te­te, nach­dem Suss­manns ihr Man­dat nie­der­ge­legt hat­ten. Im Zusam­men­hang mit der Ver­wal­tung des Hau­ses West­end­str. 1 liegt aller­dings ein Brief vom 9. Mai 1936 vor, in dem Nicha Suss­mann dem Haus­be­sit­zer Dani­el Levy mit­teil­te, dass sie aus gesund­heit­li­chen Grün­den die Haus­ver­wal­tung auf­ge­ge­ben und die­se vor­läu­fig, unter Vor­be­halt sei­ner Ent­schei­dung, dem Bank­haus Krier über­ge­ben habe. Ver­mut­lich ist sie bei der Hall­gar­ter Str. 6 ähn­lich ver­fah­ren. Im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1938 ist er dem­ge­mäß auch als sol­cher ver­merkt. Wegen der feh­len­den Akten, lässt sich nicht nach­voll­zie­hen, an wen die Erträ­ge aus den Ver­mie­tun­gen tat­säch­lich geflos­sen sind. Aller­dings ist die Ver­mu­tung berech­tigt, dass sie dem Kon­to der Ver­wer­tungs­stel­le des Wies­ba­de­ner Finanz­amts gut­ge­schrie­ben wur­den. Mit Beginn des Krie­ges gab es inso­fern eine Ver­än­de­rung, als nun der ‚Reichs­kom­mis­sar für die Behand­lung feind­li­chen Ver­mö­gens’ die Hand auf das Ver­mö­gen leg­te. Wäh­rend in den ein­schlä­gi­gen Akten der NSDAP kein Hin­weis dar­auf vor­han­den ist, dass es sich bei der Hall­gar­ter Str. 6 um „jüdi­sches Eigen­tum“ han­del­te,[40] so kann­te man im Grund­buch­amt den Eigen­tü­mer genau. In der dor­ti­gen Akte befin­det sich ein Beschluss, nach dem am 9. August 1941 vom zustän­di­gen Reichs­kom­mis­sar die Ver­wal­tung des sich im Eigen­tum von Ovs­ei Lou­rie, Lon­don, befind­li­chen Hau­ses dem Bank­haus Gebrü­der Krier über­tra­gen wur­de. Maß­nah­men, die die Sub­stanz des Ver­mö­gens betra­fen, durf­ten nun nur noch mit Zustim­mung des Reichs­kom­mis­sars vor­ge­nom­men wer­den.[41] Da man staat­li­cher­seits das Ver­mö­gen deut­scher Staats­bür­ger im Aus­land schüt­zen woll­te, war der NS-Staat gezwun­gen, auch das Ver­mö­gen aus­län­di­scher Staats­bür­ger, auch das von Juden, in Deutsch­land unan­ge­tas­tet zu las­sen.[42] Gleich­wohl fand man eine Mög­lich­keit, sich dar­an zu berei­chern. Die Erträ­ge der unter Zwangs­ver­wal­tung ste­hen­den Immo­bi­li­en wur­den dadurch abge­schöpft, dass man die Ver­wal­ter mit ent­spre­chend hohen Gebüh­ren belas­te­te, die dann dem Fis­kus zugu­te­ka­men.[43]

Eigen­ar­ti­ger­wei­se wur­de Edu­ard Krier vom Bank­haus Krier 1949 zunächst wie­der in das Amt des Ver­wal­ters ein­ge­setzt, obwohl er in die­ser Funk­ti­on zuvor auch den Nazis gedient hat­te. Offen­sicht­lich geschah das nicht nur im Auf­trag der ame­ri­ka­ni­schen Behör­den, son­dern war auch von Leon Cae­sar Lou­rie, dem Ver­mö­gens­ver­wal­ter von Ovs­ei Lou­rie, man­da­tiert. In wel­chem ver­wandt­schaft­li­chen Ver­hält­nis Leon Cae­sar Lou­rie zu Ovs­ei stand, geht aus den Unter­la­gen nicht her­vor. Ein Sohn scheint es aber nicht gewe­sen zu sein, denn am 4. Novem­ber 1960 wur­de das Haus an einen Bad Hom­bur­ger Ver­le­ger ver­kauft.[44] Bei die­sem Ver­kauf trat Leon Cae­sar als Bevoll­mäch­tig­ter von Shaul, hier Soual Lou­rie, auf, der dem­nach Erbe des Ver­mö­gens sei­nes ver­stor­be­nen Bru­ders gewor­den war.

 

Kei­ner der Mit­glie­der der Fami­lie Lou­rie, die in Wies­ba­den leb­te, wur­de Opfer der Shoa. Wer nicht bereits vor Beginn der Depor­ta­tio­nen ver­stor­ben war, konn­te Deutsch­land recht­zei­tig ver­las­sen. Dies gelang sicher nicht zuletzt des­we­gen, weil die Fami­lie Ver­bin­dun­gen in vie­le Tei­le der Welt unter­hielt und trotz aller Ver­lus­te auf die nöti­gen finan­zi­el­len Res­sour­cen zurück­grei­fen konn­te. Von den 20 jüdi­schen Bewoh­nern des Hau­ses gelang es dage­gen nur einem ein­zi­gen, dem Holo­caust zu entrinnen.

Stand: 03. 04. 2019

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Denk­mal­to­po­gra­phie Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Kul­tur­denk­mä­ler in Hes­sen /​ hrsg. vom Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge Hes­sen, Wies­ba­den 1 /​ 3. Stadt­er­wei­te­run­gen außer­halb der Ring­stra­ße, bearb. von Sig­rid Russ, S. 579. Zur Beson­der­heit die­ses Vier­tels sie­he ins­ge­samt S. 574–586.

[2] Sie­he dazu die Mono­gra­phie von Rosen­stein, Neil, The Lurie Lega­cy. The House of Davi­dic Roy­al Des­cent, Berken­field New Jer­sey, 2003. Ein Rab­bi Meir Lau vom Jeru­sa­le­mer Insti­tut für Genea­lo­gie hat 1997 behaup­tet, die Fami­lie lie­ße sich sogar auf das bibli­sche Königs­haus Davids und Salo­mons im 10. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert zurück­füh­ren, sie­he ebd. Coverrückseite.

[3] Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. XV f.

[4] Ebd. Sie­he die Stamm­bäu­me in den Ein­band­sei­ten des Buches.

[5] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 273 Bl. 4074 Innen. Am 18.1.1922 war das Haus­grund­stück laut Ein­trag auf­ge­las­sen, am 11.2.1922 im Grund­buch auf sei­nen Namen ein­ge­tra­gen wor­den. Auch hier gibt es ver­schie­de­ne Schreib­wei­sen des Namens. Es fin­det sich neben der hier und im Grund­buch ver­wen­de­ten Form auch die Schreib­wei­se Lurie oder Luria.

[6] So bezeich­net von Dr. Wolf Zeev Rabi­no­witsch, der die Geschich­te die­ser Fami­lie Lou­rie recher­chiert hat. Sie­he https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​1​1​_​0​8​8​.​h​tml. (Zugriff: 5.3.2019).

[7] Sie­he zum Cha­rak­ter und zur Bedeu­tung von Pinsk https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​1​1​_​0​5​0​.​h​tml. (Zugriff: 5.3.2019).

[8] Aha­ron ver­starb 1835, sei­ne zwei­te Frau Cha­ya war bereits 1816 ver­stor­ben. Die Lebens­da­ten der ers­ten sind, abge­se­hen vom Namen Musha, nicht bekannt. Aber auch aus die­ser ers­ten Ehe waren drei Kin­der her­vor­ge­gan­gen, sie­he Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 310.

[9] Sie­he zum Wir­ken von Ahron Lou­rie, Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 129–135.

[10] So heißt es in einer Weiz­mann Bio­gra­phie: „Weiz­mann show­ed abili­ty from the begin­ning. He did well at the Real­schu­le in Pinsk. The sci­ence mas­ter of the school noti­ced the excep­tio­nal­ly intel­li­gent and bright boy, took him under his wing and indu­ced him to spe­cia­li­ze in che­mis­try. Ezer Weiz­mann never achie­ved pro­spe­ri­ty, and the boy added to his meag­re means by giving pri­va­te les­sons to the child­ren of the more pro­spe­rous Jews of the town. In return for board and lodging he taught the brot­hers Saul and Ovs­ei Lou­rie, sons of the pro­spe­rous owner of a che­mi­cal fac­to­ry in the city, and they and their fri­ends and rela­ti­ons, Georg (Gad) Hal­pern, Isaac Naiditch, Judah L. Ber­ger and others, beca­me his lifel­ong fri­ends and allies.” Cha­im Weiz­mann – A bio­gra­phy by seve­ral hands, ed. Weis­gal, Mey­er W.; Car­mi­cha­el, Joel, Bris­tol 1962, S. 20. Die enge Ver­bin­dung der Lou­ries mit Cha­im Weiz­mann belegt auch ein sei­ner Brie­fe aus dem Jahr 1903, in dem es heißt: „I have just had a visit from Shai­chik [ist Shaul Lou­rie – K.F.]. (…) We shall meet today at Grigory’s. All the Pinsk ‚Euro­peans’ have been invi­ted to this house.“ Zit. nach Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 139.

[11] Sie­he zu den viel­fäl­ti­gen Akti­vi­tä­ten von Gri­go­ry Lou­rie und sei­ner Frau Riv­kah, Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 135–142.

[12] Rosen­stein beschreibt ihn als „idea­li­stic to the point of unworld­li­ne­ss, com­ple­te­ly negle­c­ting his own pri­va­te affairs in his sel­fless work for the good of the Jewish com­mu­ni­ty”. Ebd. S. 140 f. Sei­ne Frau ging nach sei­nem Tod zurück nach Pinsk, wo sie 1935 oder 1936 ver­starb, ebd. S. 142.

[13] Sie­he zu die­ser Hei­rats­po­li­tik auch Rosen­stein, ebd. S. 144.

[14] “The regu­lar appeals made by the Jews of Pinsk to this finan­cial con­cern for con­tri­bu­ti­ons to cha­ri­ty and to insti­tu­ti­ons of social wel­fa­re were usual­ly ans­we­red, though not with that devo­ted con­cern for the Jewish poor which was so cha­rac­te­ristic of the Lou­rié tra­di­ti­on.” https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​1​1​_​0​8​8​.​h​tml. (Zugriff: 5.3.2019).

[15] Anek­do­tisch, aber im Hin­blick auf die rea­len Grün­de sicher nicht falsch, beschreibt Rosen­stein, einen ande­ren Autoren zitie­rend, den Anlass für den Umzug von Idel und Beyle Lou­rie im Jahr 1905 nach Wies­ba­den: „Times chan­ged. Fol­lo­wing the gro­wing unrest among the workers, cau­sed by the various socia­list move­ments at the end of the 19th cen­tu­ry, the Lou­ries began to lea­ve Pinsk, (…). Typi­cal of the chan­ged atti­tu­de to the Lou­rie fami­ly is the fol­lo­wing fact, repor­ted by Hay­yah Weiz­mann-Lich­ten­stein: ‘W. Lou­rie and his wife (Bei­leh) lived for deca­des in the same house and the same street. She used to go out on to the bal­c­o­ny and watch what was going on in the street and make comm­ents. Year after year she sat the­re taking the passers­by to task for faults in their appearance and dress, and being lis­ten­ed to with respect due to such a lady. Came the year 1905, and she was still sit­ting the­re on her bal­c­o­ny and making her cri­ti­cal obser­va­tions. As a young man and woman pas­sed by Mrs Lou­rie told the girl off for not having her hair com­bed and for tal­king in a loud voice in the street. Loo­king straight in the eye, the girl ans­we­red her back: ‘That’s no busi­ness of yours, Bei­leh! Mind your own busi­ness, if you don’t want to get hurt.’ Pale and frigh­ten­ed, Mrs Lou­rie went into the house and said to her hus­band. ‘Our days are over. The­re is no more room for us in Pinsk.’ And inde­ed, only a short time later they left Pinsk and sett­led in Wies­ba­den, whe­re they lived for the rest of their lives.” Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 126.

[16] https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​1​1​_​0​8​8​.​h​tml. (Zugriff: 5.3.2019).

[17] “I went to Basel, becau­se the Con­gress arou­sed my inte­rest. I remem­ber the gre­at impres­si­on made on me by the lar­ge ban­ners with Zio­nist slo­gans on them fly­ing over the Con­gress buil­ding, when in Rus­sia ever­yo­ne was afraid of men­tio­ning the name ‘Jew’ in public. I tele­pho­ned the secre­ta­ry of the Con­gress, Herr Reich from Aus­tria, to enqui­re whe­ther I could take part in the Con­gress. He repli­ed: ‘Yes. The­re are some com­mu­ni­ties in South Afri­ca which were unable to send dele­ga­tes and have the­r­e­fo­re asked me to find peo­p­le to vol­un­teer to ser­ve as their repre­sen­ta­ti­ves and report to them on the pro­cee­dings’. I think that I repre­sen­ted Bula­wayo in Sou­thern Rho­de­sia; at any rate, in the report published by Herr Reich after the Con­gress my name appears as the repre­sen­ta­ti­ve of that coun­try.” https://​www​.jewish​gen​.org/​y​i​z​k​o​r​/​p​i​n​s​k​1​/​p​i​n​e​1​1​_​0​8​8​.​h​tml. (Zugriff: 5.3.2019) Rabi­no­witsch zitiert hier aus Brie­fen, die Shaul dem Autor selbst über sein Leben geschrie­ben hat­te. Es gibt angeb­lich Bil­der des Kon­gres­ses, auf denen er zusam­men mit Herzl und Weiz­mann abge­bil­det ist.

[18] Er ver­starb am 7.2.1924, sei­ne Frau am 3.4.1911 in Wiesbaden.

[19] Rosen­stein, Lurie Lega­cy, S. 168. Der Autor Neil Rosen­stein war der Sohn des in Wien leben­den Leo­pold Lou­rie und Enkel von Mos­he Lou­rie. Er erwähnt in sei­nem Buch aus­drück­lich „the kos­her Hotel Kron­prinz“, „the excel­lent ope­ra, or the sleigh rides in the Tau­nus Moun­ta­ins“ als blei­ben­de Erin­ne­rung an die­se Feri­en­auf­ent­hal­te. Auch Mit­glie­der der Fami­li­en Eli­as­berg und Zeit­lin /​ Zet­lin, die eben­falls durch Hei­rat mit den Lou­ris ver­bun­den waren, hat­ten sich in die­ser Zeit in Wies­ba­den nie­der­ge­las­sen, sie­he ebd.  S. 148.

[20] Mouni­ra Stout, Nach­kom­me der Fami­lie Lou­rie, ver­dan­ke ich eine Kopie des Geburts­ein­trags aus Pinsk, laut dem sie dort als Gitel bzw. Git­lya ein­ge­tra­gen wur­de. Es han­delt sich aber unzwei­fel­haft um die glei­che Person.

[21] HHStAW 685 173 (15).

[22] Ebd. (22). Unklar ist, was mit dem Begriff „Wirt­schafts­kas­se“ gemeint ist, mög­li­cher­wei­se eine Sozialkasse.

[23] Ebd. (28).

[24] Ebd. (29).

[25] Ster­be­re­gis­ter der Stadt Wies­ba­den 58 /​ 1929. Rabi­no­witsch nennt fälsch­li­cher­wei­se als Todes­jahr 1928. Ob auch ande­re sei­ner Anga­ben nicht exakt sind, konn­te im Rah­men der Arbeit nicht über­prüft werden.

[26] HHStAW 685 173 (7, 40, 43, 50).

[27] Ebd. (62, o.P.).

[28] Fälsch­li­cher­wei­se ist im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 Mejer Suss­mann sogar als Eigen­tü­mer des Hau­ses benannt.

[29] HHStAW 518 65600 (8, 11, 13, 17). In der Hei­rats­ur­kun­de heißt es: „Zum Zwe­cke der Erleich­te­rung der Tra­gung der Ehelas­ten bestimmt Nicha vel Nata­lia Suss­mann gebo­re­ne Bau­min­ger zu Guns­ten ihres Man­nes Majer Suss­man eine Mit­gift in Höhe von 80.000 Kro­nen (…), wel­che sie bei der Unter­schrift die­ses Aktes ihrem Mann aus­be­zahlt und Majer Suss­man bestä­tigt den Emp­fang die­ser Mit­gift.“ Auch wur­den genaue Bestim­mun­gen fest­ge­legt, wie mit der Mit­gift bei einer mög­li­chen Tren­nung ver­fah­ren wer­den soll­te und wel­che Sicher­hei­ten der Ehe­mann dafür zu ver­pfän­den hat­te. Ebd. (13 f.).

[30] HHStAW 518 65600 (17) Die­se Jah­res­zahl nennt die Aus­kunf­tei Blum auf eine Anfra­ge der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de im Jah­re 1960. Die­ses Jahr ist auch in einem Schrei­ben des Rechts­an­walts Klein in einem Brief vom 18.5.1938 an das Land­ge­richt Wies­ba­den genannt, in dem es um ein Ver­fah­ren wegen Unter­schla­gung ging, sie­he HHStAW 474/​11 18 (o.P.).

[31] HHStAW 518 65600 (17).

[32] Sie­he dazu HHStAW 474/​11 18 pas­sim. Als Rechts­ver­tre­ter für Frau Suss­mann fun­gier­te in die­ser Aus­ein­an­der­set­zung der jüdi­sche Rechts­an­walt Dr. Alfred Stahl, der eben­falls Bewoh­ner zwei­er Juden­häu­ser wur­de, bevor er 1942 depor­tiert wur­de. Sie­he zu sei­ner Per­son oben. Er hat­te Frau Suss­mann auch zuvor schon bei ihrer Haus­ver­wal­tungs­tä­tig­keit unter­stützt, wie sich aus den Pro­zess­ak­ten ergibt.
Die­ser gegen alle Rat­schlä­ge sei­nes Anwalts ange­streng­te Pro­zess von Dani­el Lewy gegen Frau Suss­man ist inso­fern von einer eige­nen Rele­vanz, als aus des­sen Brie­fen eine offe­ne, von tra­di­tio­nel­len Vor­ur­tei­len gepräg­te Feind­se­lig­keit gegen­über den Ost­ju­den, hier beson­ders den pol­ni­schen Juden, zum Aus­druck kommt. „Es ist nach Lage der Sache ganz bestimmt, dass die bei­den Beklag­ten die Gel­der ange­eig­net haben, u. die­ser­halb so raf­fi­niert dann Wies­ba­den ver­las­sen haben, gemeint noch die Brief­la­ge­rung auf der Post, nach pol­ni­scher Betrü­ger­art die­ses anschick­ten, deren Ver­tre­ter hat den­sel­ben noch mit Rat­schlä­gen bei­gestan­den,“ heißt es in einem Brief vom 22.7.38. Ähn­lich auch in einem wei­te­ren Brief vom 24.2.1938: „Die Fami­lie May­er Suss­mann, erklär­te uns immer, das Deut­sche wären, und die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­zen, andern­falls hät­ten die­se Betrü­ger die Haus­ver­wal­tung von West­end­stras­se 1 nie erhal­ten indem mir die pol­ni­sche Betrü­ger so gut bekannt waren.“

[33] HHStAW 518 65600 (17).

[34] In der ihm eige­nen Dik­ti­on for­mu­lier­te Adolf Blum den Nie­der­gang so: „Nach 1933 wur­den die Ver­hält­nis­se schwä­cher und ver­zo­gen die Leu­te von Wies­ba­den.“ Ebd. (17).

[35] Ebd. (30).

[36] Sie­he zum Mobi­li­ar, ebd. (52).

[37] Ebd. Bescheid­ver­zeich­nis. Der Ver­schleu­de­rungs­scha­den wur­de 1962 mit 750 DM entschädigt.

[38] Ebd. (46).

[39] Ebd. (22).

[40] In dem von der NSDAP erstell­ten Ver­zeich­nis des jüdi­schen Grund­be­sit­zes in Wies­ba­den mit unbe­kann­tem Datum, der „Lis­te III“, ist die Hall­gar­ter Str. 6 nicht ent­hal­ten, auch nicht in der ers­ten unkor­ri­gier­ten Fas­sung die­ser Auf­stel­lung, und auch die Nach­kriegs­lis­te des Ver­mes­sungs­am­tes zählt das Haus nicht zum ehe­mals jüdi­schen Grund­be­sitz, sie­he Stadt­ar­chiv Wies­ba­den WI/​3 983.

[41] Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 273 Bl. 4074 Innen (164). Im Janu­ar des fol­gen­den Jah­res wur­de die­se Auf­ga­be dem Wies­ba­de­ner Rechts­an­walt Wal­ter Adolph über­tra­gen. Die Grün­de dafür sind nicht bekannt, ebd. (167).

[42] Sie­he zur Rol­le des Reichs­kom­mis­sars für die Behand­lung feind­li­chen Ver­mö­gens Meinl; Zwil­ling, Lega­li­sier­ter Raub, S. 519–528.

[43] Sie­he ebd. S. 522. Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang, dass sich auf dem Ertrags­kon­to des Hau­ses Hall­gar­ter Str. 6 in all den Jah­ren ein Betrag von nur 1.826 DM ange­sam­melt hat­te. Sie­he die Anga­be des Ver­wal­ters Krier vom 2.5.1949, Grund­buch der Stadt Wies­ba­den Bd. 273 Bl. 4074 Innen (181).

[44] Ebd.