Gustav Louis Berenz und seine Frau Emma, geborene Weisbecker

Gustav Louis Berenzund seine Frau Emma stehen, wie auch Jakob Guthmann, auf der Deportationsliste vom 1. September 1942. Für beide ist das Judenhaus Bahnhofstr. 25 als Adresse angegeben, ob sie aber beide tatsächlich zuletzt dort gewohnt haben, kann nicht als gesichert angenommen werden.

Judenhaus Bahnhofstr. 25 Gustav Louis Berenz, Emma Berenz Weisbecker, Wiesbaden, Assenheim
Stammbaum der Familien Berenz – Weisbecker
GDB – PLS

Ursprünglich stammte das Ehepaar aus dem Wetteraukreis, wo Gustav Louis Berenz am 12. November 1893 als Sohn des Kaufmanns Adolf Berenz und seiner Frau Berta Kahn in der Gemeinde Bönstadt geboren worden war. In dieser kleinen Gemeinde, in der es etwa seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ebenfalls kleine jüdische Gemeinde gab, übten deren Mitglieder als Metzger und Viehhändler die traditionellen Gewerbe des Landjudentums aus, die auch jeweils an die Nachkommen weitergereicht wurden.

Auch der am 12. August 1891 geborene älteste Sohn Albert hatte als Metzger und Viehhändler einen dieser Berufe erlernt und in seiner Heimatgemeinde ausgeübt. Obwohl es ihm, seiner Frau Irene, geborene Schiff, und den beiden Söhnen Ernst und Hans zunächst gelungen war, aus Deutschland herauszukommen, wurde die gesamte Familie dennoch im Holocaust ausgelöscht. Schon am 8. Dezember 1935 war sie nach Holland emigriert, hatten aber ihren Heimatort wohl schon viel früher verlassen.[1] Wann die beiden Söhne dort verhaftet wurden, ist nicht bekannt, aber bereits 1941 wurden sie vom Sammellager Westerbork in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Vermutlich waren sie im Zuge der großen Razzia, die im Februar 1941 im Gefolge der Proteste gegen die neuen antijüdischen Maßnahmen im jüdischen Viertel von Amsterdam durchgeführt worden war, festgenommen worden. Damals wurden hunderte jüdischer Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren verhaftet und am 27. Februar von Westerbork aus zunächst nach Buchenwald, 340 von ihnen dann zur „Sonderbehandlung“ weiter nach Mauthausen transportiert. Keiner der Deportierten hat die mörderischen Strapazen im Steinbruch von Mauthausen überlebt. Ernst und Hans Berenz wurden später mit dem Todesdatum 2. Oktober 1941 für tot erklärt.[2]
Am 4. Februar 1943 wurden auch die Eltern verhaftet und nach Westerbork verbracht.
Am 21. April des gleichen Jahres verließ ein Transport mit ausschließlich deutschen Juden das Sammellager mit dem Ziel Theresienstadt. Unter den knapp 300 Deportierten befanden sich auch Irene und Albert Berenz. Die folgenden eineinhalb Jahre verbrachten sie im dortigen „Altersghetto“. Als im Herbst 1944 vor dem Hintergrund einer immer prekäreren militärischen Lage der NS-Staat mit aller Konsequenz sein großes Ziel, ein judenfreies Europa zu hinterlassen, zu realisieren versuchte, rollten innerhalb von etwa vier Wochen elf „Liquidationstransporte“ von Theresienstadt nach Auschwitz und führten etwa 18.000 Menschen den dortigen Gaskammern und Krematorien zu. Beim siebten Transport am 9. Oktober wurde auch das Ehepaar Berenz zusammen mit 1600 weiteren Opfern in den Tod getrieben.[3]

Auch die Familie des jüngsten Sohnes von Adolf und Berta Berenz fiel dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer.[4] Der am 5. Oktober 1898 ebenfalls in Bönstadt geborene Max hatte auch den Metzgerberuf erlernt, war aber dann auch als Handelsvertreter tätig geworden. Im Ersten Weltkrieg wurde er durch einen Lungendurchschuss schwer verwundet. Spätestens durch seine Heirat mit der aus Reichelsheim im Odenwald stammenden Erna Meyer, geboren am 5. August 1912, hatte es ihn nach Süddeutschland verschlagen. In der Ehe wurden drei Kinder geboren, zunächst die Zwillinge Abraham und Manasse am 27. November 1937 in Darmstadt. Danach muss die Familie in den schwäbischen Raum gezogen sein, denn im Gefolge der Novemberpogrome war auch Max Berenz am 15. November 1938 verhaftet und für zwei Wochen im KZ in Welzheim interniert worden. Den Lebensunterhalt für die Familie verdiente Max Berenz danach bis zur Deportation in mehrfach wechselnden Anstellungen als Bauarbeiter oder als Gartenbaugehilfe in Stuttgart und Umgebung. Inwieweit es sich dabei bereits um Zwangsarbeiten handelte, konnte nicht ermittelt werden. Möglicherweise veranlasst durch die wachsende Bedrohung der Juden in Südwestdeutschland nach der Wagner-Bürckel-Aktion im Herbst 1940, entschloss sich die Familie Stuttgart zu verlassen und nach Oberndorf / Bopfingen an der bayrischen Grenze zu ziehen, vielleicht um dort unterzutauchen. Geholfen hat die Flucht allerdings nicht mehr. Wenige Wochen vor der Deportation wurde in Bopfingen am 7. März 1942 noch die Tochter Bela geboren. Als die Familie am 26. April 1942 abgeholt und zwei Tage später nach Izbica deportiert wurde, war Bela gerade einmal sieben Wochen alt und vermutlich das jüngste Opfer des Holocaust aus dem süddeutschen Raum.[5]
Weder ihre Eltern, noch ihre beiden vierjährigen Geschwister überlebten die Shoa, sie blieben alle verschollen. 1949 wurden sie mit dem Datum 31. Dezember 1942 für tot erklärt.

Über den 1897 geborenen jüngeren Bruder von Gustav Louis Berenz, Leopold, ist nichts bekannt. Er verstarb bereits vor dem Machtantritt der Nazis im Jahr 1932.

Auch aus der weitläufigen Familie Weisbecker aus Fischborn, einer heute zur Gemeinde Birstein im Main-Kinzig-Kreis gehörenden Ortschaft, der Emma Weisbecker, die Ehefrau von Gustav Louis Berenz entstammte, fielen viele dem Rassenwahn zum Opfer.

Der Vater von Emma, war Bernhard Baruch Weisbecker, der in erster Ehe mit Sara Stuhler verheiratet war. Emma war das dritte von insgesamt vier oder auch fünf Kindern aus dieser Ehe. Die Geburt ihres letzten Kindes überlebte die Mutter selbst nicht, wie der Grabinschrift des Steins auf dem jüdischen Friedhof zu entnehmen ist.[6] Sie verstarb am 4. Januar 1894. Baruch Weisbecker heiratete daraufhin die Schwester der Verstorbenen, Lena Stuhler, die ihm vier weitere Kinder schenkte: der erste geborene Sohn erhielt wieder den Namen Max, es folgten Elsa, Senni und Lina.[7]

Dem Bruder von Emma Berenz, dem am 29.April 1901 geborenen Max, gelang jedoch die rechtzeitige Flucht. Er reiste bereits 1934 nach Palästina aus, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern ein neues Leben begann.[8]
Weil er zu den Überlebenden zählte und bis zu seiner Ausreise unmittelbaren, später noch brieflichen Kontakt zu seiner Schwester und seinem Schwager unterhielt, konnte er nach dem Krieg im Entschädigungsverfahren auch Informationen über deren Schicksal liefern. Diese seien um das Jahr 1929 von Bönstadt in das benachbarte Assenheim in die Metzgergasse 1 gezogen, weil Gustav Louis sein Handelsgeschäft habe ausweiten wollen. Die Familie besaß dort das einzige Textilgeschäft, vertrieb aber ihre Waren – Kleider, Wäsche und Stoffe – auch mittels Pferd und Wagen in den umliegenden Ortschaften. Daneben war Gustav Louis Berenz aber auch weiterhin im Viehhandel aktiv.[9] Man habe in Assenheim eine sehr gut eingerichtete 4-Zimmer-Wohnung gehabt,[10] ein gut bürgerliches Leben geführt und sich auch jährlich einen Erholungsurlaub leisten können. Max Weisbecker schätzte das Einkommen seines Schwagers vor 1933 auf etwa 10.000 RM jährlich.[11] Da man einen koscheren Haushalt geführt habe, sei auch das gesamte Geschirr in zweifacher Ausführung vorhanden gewesen, so die Tochter Elli. Eigens für Pessach habe man zudem ein besonderes Geschirr besessen.[12]

Nach der Heirat im Jahr 1920 waren Gustav Louis Berenz und seiner Frau drei Kinder geboren worden. Ilse, die älteste, war am 23. September 1922, Susanne am 9. Oktober 1924 und Elli am 20. Oktober 1927 zur Welt gekommen.[13] Nach dem Umzug der Eltern besuchten sie in Assenheim zunächst die dortige Volksschule, bis ihnen das verwehrt wurde. Susanne, genannt Susi, und Elli gingen ab 1937 oder Frühjahr 1938 in die neu gegründete Jüdische Bezirksschule in Bad Nauheim. Die Schwestern waren damals nach Angabe von Edna Berkovits dort in einem nahe gelegenen Hotel untergebracht.[14]

In dieser Zeit begann nicht nur die wirtschaftliche Basis der Familie zu zerbrechen, auch sie selbst brach allmählich auseinander. Bereits 1935 hatte man aus finanziellen Gründen in eine kleinere 3-Zimmer-Wohnung umziehen müssen. Von dort aus versuchte man die Geschäfte so gut wie nur möglich weiter zu betreiben. Ein Warenregal im Wohnzimmer diente als notdürftiges Lager. 1939 wurde der Handel endgültig aufgegeben.[15]

Neben den Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte wird für diesen Entschluss auch die schwere Erkrankung von Gustav Louis Berenz verantwortlich gewesen sein.[16] Er war nach Angaben der Tochter Elli bereits im Dezember 1938 nach Frankfurt verzogen.[17] Möglicherweise war er dort schon in einem Pflegeheim untergekommen. Ein Jahr später, am 19. Dezember 1939, meldete er sich offiziell von Assenheim nach Darmstadt ab.[18]

Bei der angegebenen neuen Adresse, Darmstadt, Eschollbrücker Str. 4 ½, handelte es sich um ein jüdisches Alten- und Pflegeheim. Das Gebäude beherbergte ursprünglich eine Privatklinik für Chirurgie und Gynäkologie des jüdischen Arztes Dr. Rosenthal, der 1939 verstorben war. Die Jüdische Gemeine hatte den Komplex erworben und dort 1940 das Heim eingerichtet, weil immer mehr ältere Juden versorgt werden mussten, nachdem die jüngeren Familienmitglieder Deutschland verlassen hatten. Nach der Zerstörung der Synagoge wurden dort aber auch die Gottesdienste abgehalten.[19] Wie lange Gustav Berenz dort blieb, ist nicht bekannt, aber nachdem im Februar 1940 eine Sicherungsanordnung an seine Frau ergangen war, schrieb sie der Devisenstelle, dass ihr Mann, unheilbar erkrankt, sich in besagtem Heim in Darmstadt befände und dort von der jüdischen Wohlfahrt unterhalten werde.[20] Zumindest zu diesem Zeitpunkt lebte er noch in Darmstadt.

Auch die Töchter waren inzwischen von Assenheim weggegangen bzw. weggeschickt worden. Susanne war mit einem Kindertransport 1939 in die Schweiz gelangt und konnte dort die folgenden Jahre bis zum Kriegsende unbeschadet überstehen.[21] Elli war ebenfalls 1939 von ihrer Mutter von Assenheim nach Offenbach gebracht worden, nachdem die Fenster in ihrer Wohnung von einem Steinwurf durchschlagen worden waren. In der Zeit bis der ausgewanderte Onkel Max ihr 1940 die Einreise nach Palästina ermöglichte, war sie in Offenbach in einer Pension beherbergt worden. Nur die ersten Monate konnte sie in Palästina in der Eineinhalb-Zimmerwohnung der fünfköpfigen Familie des Onkels unterkommen, danach wurde die Zwölfjährige in einem Kinderdorf untergebracht. [22] Nach dem Krieg fanden die beiden Schwestern Elli und Susi wieder zusammen und gründeten später in Israel eigene Familien. Susanna, die in Israel den Namen Shoshanna annahm, heiratete Josef / Pepi Grünenberger. Ihre beiden Kinder haben inzwischen eigene Familien mit mehreren Kindern gegründet. Elli ehelichte den 1923 geborenen Robert Grünspan und auch aus dieser Beziehung sind neben Edna Berkovits inzwischen eine Reihe weiterer Nachkommen hervorgegangen.[23] 1957 war die Familie von Israel in die USA ausgewandert.

Die älteste Schwester Ilse jedoch konnte sich nicht mehr retten, wenngleich auch sie eine Auswanderung nach Palästina geplant hatte. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt war sie nach Köln-Wesseling gegangen, wo in dem Ortsteil Urfeld seit 1934 ein Kibbuz oder auch Hachschara-Zentrum eingerichtet worden war, in dem auswanderungswillige, junge Juden die notwendigen Qualifikationen erhielten, um den restriktiven Einwanderungsbestimmungen der Engländer gerecht zu werden. Jugendliche, die eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Ausbildung vorweisen konnten, hatten in jedem Fall größere Chancen, ihre Alija, ihre Auswanderung nach Palästina zu realisieren. Es handelte sich bei der Einrichtung in Urfeld, die den Namen „Bamaaleh“, „Aufstieg“, trug, um das größte Zentrum dieser Art in Deutschland. Getragen wurde es von der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation „Hechaluz“, „Pionier“, die den früheren „Dietkirchener Hof“, das Wohnhaus des Urfelder Architekten Albrecht Döring angemietet hatte. Der jüdische Textilfabrikant Arthur Stern aus Rheydt kam für die Kosten des Projekts auf. Neben der praktischen Ausbildung erwarben die Teilnehmer auch theoretisches Wissen, lernten die hebräische Sprache, erhielten landeskundliche Informationen und wurden im Sinne der Träger auch in die marxistische Theorie eingeführt. Die Einrichtung war zunächst älteren Jugendlichen ab 18 Jahren vorbehalten, später wurden verstärkt 15 bis 17jährige aufgenommen. Der bereits in einem anderen Zusammenhang zitierte Brief von Emma Berenz an die Devisenstelle Frankfurt, in dem sie den damaligen Aufenthalt der Tochter in Urfeld erwähnt, stammte vom 9. Februar 1940.[24] Nach der Auflösung des Zentrums im April 1940 verlieren sich auch die Spuren von Ilse Berenz, aber es gibt Hinweise darauf, dass sie sich zuletzt in Paderborn bzw. Bielefeld befand. Ihre Schwester Elli hat für sie in Yad Vashem eine Page of Testimony hinterlegt,[25] in der Paderborn als letzte Station vor der Vernichtung angegeben ist. Zumindest bis September 1942 hatte sie brieflichen Kontakt mit Ilse, die ihr in einem Brief vom 23. September 1942 die Deportation der Eltern mitgeteilt hatte. Vermutlich war Ilse Insasse eines Transports, einem Güterzug, der Juden aus verschieden Städten Deutschlands, darunter Bielefeld, Hannover Erfurt, Dresden und Paderborn aufnahm und die insgesamt etwa 1500 Menschen am 3. März 1943 in Auschwitz ablieferte. Ilse Berenz gehörte möglicherweise zu den 99 Opfern, die man zuvor in Paderborn im Zwangsarbeitslager am Grünen Weg festgehalten hatte. Nach Auflösung des Lagers Ende Februar waren die jüdischen Insassen nach Bielefeld in die Sammelstelle „Kyffhäuser“ verbracht und dann nach Auschwitz deportiert worden.[26] An welchem Tag sie dort ermordet wurde, ist nicht bekannt.

Nachdem die Töchter Assenheim verlassen hatten, ihr erkrankter Mann Gustav Louis im Darmstädter Heim untergebracht worden war, hat auch Emma Berenz Assenheim verlassen und sich am 13. Juni 1939 nach Wiesbaden in die Bahnhofstr. 25 abgemeldet.[27] Die Wohnungseinrichtung hatte sie dabei zurücklassen müssen. Was mit dieser im Weiteren geschah, konnte im späteren Entschädigungsverfahren nicht geklärt werden.

Vermutlich war ihr Umzug von Anfang an mit der Anstellung als Haushälterin bei dem Hausmiteigentümer Jakob Guthmann verknüpft, denn schon zuvor war ihre Halbschwester Senni in seinen Diensten gewesen. Nach deren Vermählung mit Hermann Kaiser Ende 1938 wanderte das Paar in die USA aus.[28] Mitte 1939 trat Emma Berenz dann ihren Dienst bei Jakob Guthmann an. Die Gestapo-Karteikarte nennt als Zugangsdatum in Wiesbaden den 16. Juni 1939 und schon bei Erstellung der Karte wurde unter Beruf „Hausangestellte“ eingetragen.[29] Termin wie auch die weiteren Umstände sprechen somit dafür, dass es sich hier um keine Zwangseinweisung gehandelt haben kann, zumal zu diesem Zeitpunkt die Einrichtung der Judenhäuser in Wiesbaden noch nicht realisiert worden war.
Emma Berenz bewohnte eines der drei Zimmer, die ihr Arbeitgeber im zweiten Stock des Hauses zur Verfügung hatte.[30] Für ihre Tätigkeit erhielt sie 50 RM im Monat, wie sie der Devisenstelle mitteilte, als man ihr am 5. Februar 1942 eine Sicherungsanordnung  übersandt hatte. Weil sie sonst kein Einkommen und Vermögen besaß, verzichtete man auf diese Kontrolle, erlaubte ihr sogar, das Gehalt in bar entgegennehmen zu dürfen.[31] Dies sind die einzigen Informationen, die die dünne Akte über die etwa zwei Jahre, die sie in dem Judenhaus verbrachte, enthält. Am 1. September 1942 deportierte sie die Gestapo mit dem letzten großen Transport aus Wiesbaden nach Theresienstadt. Fünf Monate später, am 29. Januar, brachte sie der vierte „Januartransport“ – er hatte die Zugnummer  „Da 107“  – in das Vernichtungslager Auschwitz. Von den insgesamt etwa 1000 Insassen des Zuges wurden noch auf der Rampe 783 direkt in das Gas geschickt und ermordet. Vermutlich war Emma eine von ihnen. Aber auch wenn sie zu den 95 Frauen gehört hätte, die zunächst noch einmal in das Lager eingewiesen wurden, hat sie Auschwitz nicht mehr lebend verlassen.[32]

Auch ihr Mann wurde in der Shoa ermordet. Unklarheiten bestehen im Hinblick auf die letzten Lebenswochen, vielleicht auch Monate. Unter Vermerke ist auf der Gestapo-Karteikarte seiner Frau Emma neben dem Eintrag „Arbeitsfähig“ mit anderer Hand noch „Mann ?“ notiert. Eigenartigerweise ist auch dem Deckblatt der Devisenakte Emma Berenz als „Wwe“, als Witwe, ausgegeben. Zumindest bei Anlage der Akte muss man in Frankfurt anscheinend von seinem bereits stattgefundenen Tod ausgegangen sein.
Eigenartig ist weiterhin ein handschriftlicher Eintrag auf der Rückseite der oben erwähnten Rücknahme der Sicherungsanordnung von Emma Berenz. Es handelt sich hierbei um die Verfügung vom 5. Oktober1942, nach ihrer „Evakuierung“ die Akte von Emma Berenz zu schließen. Darunter ist ebenfalls handschriftlich noch vermerkt: „In Evak.-Liste steht dabei: Gustav Louis Isr. Berenz, geb. 12.11.93, vermutlich Ehemann.“ Man hatte also in Frankfurt ganz offensichtlich keine sicheren Informationen darüber, wer Gustav Berenz war und wo er sich die Jahre über befunden hatte, obwohl seine Frau der Devisenstelle dies in ihrem Schreiben vom 9. Februar 1940 mitgeteilt hatte.[33]
Die Unklarheiten bezüglich seiner Person werden zudem dadurch vergrößert, als auch für ihn in Wiesbaden eine eigene Gestapo-Karteikarte erstellt wurde, auf der aber – außer der Wohnanschrift des Judenhauses in der Friedrichstr. 33 – leider keine Daten eingetragen sind. Somit bleibt unklar, wann der schwerkranke, an einen Rollstuhl gefesselte Gustav Louis Berenz noch einmal nach Wiesbaden gekommen war und wo er dort zuletzt gewohnt hatte. Wenn er auf der Deportationsliste vom 1. September 1942 mit der gleichen Adresse wie der seiner Frau aufgelistet ist, dann kann es sich dabei vermutlich nur um eine relativ kurze Zeit gehandelt haben, in denen die beiden noch einmal in dem Zimmer in der Bahnhofstr. 25 zusammen lebten, vielleicht war es auch nur eine Art Kontaktadresse. Trotz aller Unklarheiten muss man aber davon ausgehen, dass auch Gustav Louis Berenz am 1. September 1942 vom Wiesbadener Güterbahnhof aus die Reise in den Tod antrat. Nur wenige Tage nach Ankunft in Theresienstadt, am 6. September, ist er der schwer kranke Mann dort gestorben.[34]

Stand: 12.10.2018

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Irene Berenz war am 18.3.1893 in Vilbel, Ernst am 1.7.1918 und Hans am 14.5.1922 in Offenbach geboren worden. Vermutlich hatte das Paar zur Zeit der Geburt ihrer Kinder also in Offenbach gelebt. Die Angaben zu den Geburten und zur Emigration sind dem Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz entnommen. Dagegen heißt es in dem Eintrag der Alemannia Judaica zu Bönstadt, dass die Familie bis 1939 dort gewohnt habe, siehe http://www.alemannia-judaica.de/boenstadt_synagoge.htm. (Zugriff: 20.9.2018). Möglicherweise hatte sie sich in Bönstadt nicht abgemeldet. Für Albert Berenz enthalten die Angaben des Gedenkbuchs allerdings keinen Hinweis auf einen Aufenthalt in Offenbach, stattdessen ist hier Frankfurt als Wohnort angegeben. Im Frankfurter Jüdischen Adressbuch des Jahres 1935 ist tatsächlich ein Metzger A. Berenz, wohnhaft in der Mainzer Landstr. 68 aufgeführt.

[2] Siehe zum Todesdatum die jeweiligen Einträge im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz. Zu den Ereignissen im Frühjahr 1941 in den Niederlanden siehe Hirschfeld, Gerhard, Niederlande, in Benz, Wolfgang, Dimensionen des Völkermords, S. 141, Poliakov, Léon; Wulf, Joseph, Das Dritte Reich und die Juden, Frankfurt, Berlin 1983, S. 442-445.

[3] Zu den Herbsttransporten aus Theresienstadt im Jahr 1944 siehe Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, S. 437-440.

[4] Das Schicksal der Familie wurde von der Stolpersteingruppe Stuttgart aufgearbeitet. Die folgenden Ausführungen orientieren sich an deren Recherche. Siehe dazu https://www.stolpersteine-stuttgart.de/index.php?docid=510&mid=0. (Zugriff: 20.9.2018).

[5] Auf der genannten Seite der Stolpersteingruppe Stuttgart ist der Geburtstag von Bela fälschlicherweise mit dem 7. April statt dem 7. März, das Alter von sieben Wochen zum Zeitpunkt der Deportation dagegen richtig angegeben.

[6] Es heißt dort: „Hier ruht die sittsame Frau. Ihre ganze Herrlichkeit ist im Inneren, sie war eine gute Hausfrau. Und es kamen ihre Wehen und Schmerzen und sie starb bei der Geburt zum Schmerz ihres Mannes und ihrer Verwandten. Das ist Frau Sara, Ehefrau des Baruch Weisbecker aus dem Dorf Fischborn. Sie starb am 26. Tewet, wurde begraben am 27. Tewet, am Rüsttag des heiligen Schabbat des Jahres 654 n.d.k.Z. Ihre Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens.“ Nicht klar ist, ob der Tod im Zusammenhang mit der Geburt des letzten Kindes Simon stattfand, oder ob sie noch ein weiteres Kind gebar, das zusammen mit ihr verstarb. Auf dem Grabstein ist noch ein Sohn Max vermerkt, der am 29.12.1893 verstarb. Die beiden zunächst geborenen Kinder waren Minna und Jakob.

[7] Information von Edna Berkovits, Urenkelin von Baruch Weisbecker.

[8] HHStAW 518 28409 (13). Wann und wen Max Weisbecker heiratete, ist nicht bekannt. Aber die Familie wird vermutlich bereits in Deutschland gegründet worden sein, denn als seine Nichte Elli 1940 nach Palästina kam, hatten Max und seine Frau bereits die drei Kinder, siehe ebd.

[9] HHStAW 518 28409 (22, 25, 86).

[10] Die Tochter konnte anlässlich des Entschädigungsverfahrens eine sehr detaillierte Skizze der Wohnung mit den entsprechenden Einrichtungsgegenständen liefern, ebd. (23, 24).

[11] Ebd. (22). Die Entschädigungsbehörde vermutete hingegen, dass das Jahreseinkommen höchstens 5.000 RM betragen haben konnte und ging bei der Berechnung der Entschädigung von dieser reduzierten Summe aus, siehe ebd. (95).

[12] Ebd. (22).

[13] Zu den Geburtsdaten sie die Angaben in den Entschädigungsakten HHStAW 518 28409 (1, 3), das Geburtsdatum von Ilse beruht auf der Angabe im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz. Das Jahr der Eheschließung nennt die Tochter Elli in ebd. (9).

[14] http://www.vor-dem-holocaust.de/index_suche.php?ortswahl=B%F6nstadt.  (Zugriff: 20.9.2018). Hier ist auch ein Bild von Susanne Berenz eingestellt.

[15] HHStAW 518 28409 (22).

[16] Die nichtjüdische Ehefrau von Dr. Rosenthal, Frau Johanna Rosenthal aus Mainz, die sich nach dem Krieg an den Einzug von Gustav Louis Berenz erinnern konnte, gab an, er habe unter einer „Schüttellähmung“, also Parkinson, gelitten. Diese Angabe, die in der Entschädigungsakte steht, ist wohl falsch, denn der ihn in Wiesbaden behandelnde Arzt hatte 1957 gegenüber dessen Tochter Elli Grünspan angegeben, dass er vielmehr an einem Tremor erkrankt gewesen sei. Mitteilung der Enkelin von Gustav Louis Berenz, Edna Berkovits in einer Mail vom 27.9.2018.

[17] HHStAW 518 28409 (22).

[18] Ebd. (57). Die Tochter Elli hielt die Jahresangabe des Bürgermeisters für einen behördlichen Irrtum. Sie sei sich sicher, dass ihr Vater bereits im Dezember 1938 aus Assenheim weggezogen war und im Dezember 1939 kein Familienmitglied mehr in Assenheim gewesen sei, um eine solche Abmeldung vorzunehmen, siehe ebd. (64).

[19] Siehe zu dem Haus und seinen Eigentümern Stolpersteine in Darmstadt, hg. Reuss, Jutta, Hoppe, Dorothee, Darmstadt 2013, S. 27-29. Die Autoren schreiben, dass seit der Umwandlung der Klinik in ein Altersheim hier ältere Juden aus dem ganzen Volksstaat Hessen eingewiesen wurden, die dann auch samt ihren jüdischen Pflegern und Schwestern in drei Schüben in die Lager im Osten deportiert wurden. Allein bei der zweiten Deportation aus Darmstadt am 27.9.1942 nach Theresienstadt hatten 75 die Adresse Eschollbrücker Str. 4 ½.

[20] HHStAW 519/3 2378 (3). Die Darmstädter Adressbücher nennen für die Jahre 1940-1942 jeweils etwa 15 bis 20 Namen mit dieser Adresse, Gustav Louis Berenz ist zwar in keinem der Bücher namentlich aufgeführt, was aber nicht bedeuten muss, dass er als Patient dort nicht gewesen ist. Das Adressbuch 1939 ist noch nicht digitalisiert und konnte daher bisher nicht eingesehen werden.

[21] Siehe die Angaben in der Bildunterschrift des Portraits von Susi Berenz auf http://www.vor-dem-holocaust.de/index_suche.php?ortswahl=B%F6nstadt. (Zugriff: 20.9.2018). Über die genaueren Umstände ihres dortigen Lebens konnte bisher nichts in Erfahrung gebracht werden.

[22] HHStAW 518 28409 (9, 13, 22). Max Weisbecker war in Palästina bzw. Israel als Milchverteiler tätig und verfügte sicher nur über ein geringes Einkommen.

[23] Der 1923 geborene Robert Grünspan verstarb nach Angaben seiner Tochter Edna Berkovits im Jahr 2007.

[24] HHStAW 519/3 2378 (3).

[25] https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/16021523_285_0471/204.jpg.  (Zugriff: 20.9.2018).

[26] Siehe zu dem Transport Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, S. 411. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz wird Ilse Berenz ebenfalls diesem Transport zugeordnet. Siehe auch http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/p-r/1552-paderborn-nordrhein-westfalen.  (Zugriff: 20.9.2018).

[27] HHStAW 518 28409 (57).

[28] Den Hinweis, dass es sich bei der von Charlotte Opfermann in ihren Erinnerungen genannten Senni um die Halbschwester von Emma Berenz handelt, erhielt ich von Edna Berkovits, der Enkelin von Emma Berenz. Senni, Tochter von Baruch Weisbecker und Lena Stuhler war am 17.8.1903 in Fischborn geborenen worden, ihr Mann am 14.2.1898 in Frankenberg / Oberhessen. Die Vermählung fand am 28.12.1938 statt. Charlotte Opfermann erwähnt Senni mehrmals im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938. Wann genau das Paar in die USA ausreiste, ist nicht bekannt, auch Edna Berkovits konnte nur eine vage Angabe – 1938 oder 1939 -dazu machen. Es könnte also sehr gut möglich gewesen sein, dass die Ausreise sich noch bis in den Sommer 1939 hingezogen hat. Hermann Kaiser verstarb am 14.4.1994 und Senni im Jahr 1998, beide in Ney York.

[29] Möglicherweise kam die Verbindung auch über den ebenfalls in Wiesbaden lebenden Weinhändler Ludwig Berenz zustande, allerdings konnte die verwandtschaftliche Verbindung zwischen Emma Berenz und der Familie Ludwig Berenz noch nicht geklärt werden. Auf der Gestapo-Karteikarte ist ein Ludwig Berenz fälschlicherweise als ihr Vater angegeben.

[30] Liste X 1.

[31] HHStAW 519/3 (4).

[32] Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, S. 404, dazu der Eintrag im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz. Ihre Tochter Elli wie auch ihre Enkelin haben in Yad Vashen Pages of Testimony hinterlegt, siehe https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/NEW_APP/20060101_1709_450_8003/237.jpg. und https://namesfs.yadvashem.org/YADVASHEM/16021523_285_0471/205.jpg, (Zugriff: 20.9.2018).

[33] HHStAW 519/3 (3, 4).

[34] HHStAW 518 28409 20.