Betty Engel und ihr Sohn Paul

Paul Engel stand kurz vor der Vollendung seines 42sten Lebensjahrs, als er am 23. Mai 1942 aus dem Judenhaus in der Blumenstraße deportiert wurde. Er, geboren am 17. Mai 1900, entsprach mit seinen 42 Jahren den Vorgaben der Gestapo für diesen Transport. Er war so jung, dass es noch lohnte, die verbliebene Arbeitskraft in den letzten Wochen vor seinem Tod aus seinem geschundenen Körper herauszupressen.

Über sein Leben und das seiner Vorfahren gibt es nur einige, eher sporadische Informationen. Die Eltern stammten beide aus Mittelhessen. Sein Vater, Emanuel Engel, lebte in Grüningen bei Gießen, wo er am 10. März 1870 als Sohn von Aron Engel und dessen Frau Amalie zur Welt gekommen war.[1] In der Geburtsurkunde von Emanuel wird Aron Engel als Landwirt bezeichnet. Er scheint aber ebenfalls im Handel aktiv gewesen zu sein, denn in anderen Quellen wird er als Handelsmann, Kaufmann, Spezereienkrämer, Fruchthändler und zuletzt sogar als „Branntweinzapfer“ bezeichnet.[2]

Arons Frau Amalie, geb. Mendelsohn, die er 1864 geheiratet hatte, stammte aus dem bei Wetzlar gelegenen Ort Hermannstein.[3] Im Jahr der Eheschließung wurde Aron Engel in die Bürgerschaft von Grüningen aufgenommen. Das Paar hatte insgesamt sieben Kinder, Emanuel war das vierte.[4] Über seinen weiteren Werdegang ist nur bekannt, dass er als Vierzehnjähriger in Friedberg bei einem Gerson Schulhof in die Lehre gegangen war. Die Angaben zu seiner Aufenthaltsdauer dort lassen aber vermuten, dass er diese bald wieder abgebrochen hat.[5]

Am 7. Juli 1899 heiratete Emanuel Betty Goslar, die Tochter des Siegener Ehepaars Israel und Erna Goslar, geb. Bernthal.[6] Betty, geboren am 8. November 1873, war eines von insgesamt sechs Kindern des jüdischen Ehepaars, das am Markt in der Siegener Oberstadt ein Textil- und Tuchhandelsgeschäft betrieb.[7] Die eher musisch begabte Mutter erteilte Gesangs- und Klavierunterricht und veröffentlichte mehrere Gedichtbände hauptsächlich in Siegener Mundart.[8]

Betrachtet man das Schicksal der beiden Familien Engel und Goslar, das durch die Ehe von Emanuel Engel und Betty Goslar miteinander verknüpft wurde, dann ist man unweigerlich mit dem ganzen Grauen der Shoa konfrontiert. Nur wenigen Mitgliedern der beiden Familien gelang es, dem Tod in den Lagern zu entkommen.[9]

Von Bettys Geschwistern ist ein Bruder, dessen Lebensdaten nicht bekannt sind, nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgeführt. Es könnte sein, dass er, wie auch die Eltern, bereits vor 1933 verstorben war.

Überlebt hat auch der jüngste Bruder Julio,[10] der Siegen noch während seiner Schulzeit verlassen und in Köln sein Abitur abgelegt hatte. Als Kirchmusiker machte er in Köln-Nippes später Karriere, nachdem er 1914 konvertierte und in die evangelische Kirch eintrat. Auch seine Frau Christel Goslar war Christin und auch gegen sie, die „jüdisch Versippte“, richteten sich bald die Angriffe der Nationalsozialisten. Sogar im SS-Propagandablatt „Das Schwarze Korps“ befasste man sich mit dem „Vollblutjuden“, dem es noch immer erlaubt sei, deutschen Christenmenschen allsonntäglich die Orgel zu spielen. 1935 wurde er dann doch aus dem Dienst entlassen und – wie auch der Sohn Günter – zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nach einem Bombenangriff im Sommer 1944 gelang es der Familie unterzutauchen und sich bis zum Ende des Krieges in Köln-Nippes versteckt zu halten. Nach dem Krieg wurde Julio Goslar nach anfänglichem Widerstand der Kirchengemeinde wieder in seine alte Stellung berufen und blieb noch viele Jahre als Kirchenmusiker aktiv. Er gehörte u.a. mit Hans Böckler aber auch zu denjenigen, die nach dem Ende des Faschismus in Köln die SPD wieder neu gründeten. 1969 wurde er von Gustav Heinemann mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und auch Köln hat ihm eine späte Ehre erwiesen: Die Stadtgemeinde gab einer Straße und die Kirchengemeinde dem Gemeindehaus der Lutherkirche in Nippes seinen Namen.

Alle anderen Geschwister fielen dem Holocaust zum Opfer. Alfred, geboren am 7. August 1870, war der älteste und als Versicherungsagent zeitweise in Frankfurt und Hamburg tätig. Er wohnte auch längere Zeit mit seiner Frau in Wiesbaden. Am 13. September 1900 hatte er Mathilde Simon, die Tochter des Wiesbadener Ehepaars Siegmund und Pauline Simon, geb. Baer, geheiratet. Alfred und Mathilde Goslar lebten hier mit der am 18. Februar 1906 geborenen Tochter Else zunächst in der Adelheidstr. 48, später am Luxemburgplatz 2. Hier verstarb Mathilde Goslar am 2. Januar 1909 im Alter von nur 33 Jahren.[11] Wann Alfred Goslar mit seiner Tochter wegzog ist nicht bekannt. Von Hamburg aus wurde er am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Zwei Monate später, am 21. September, dann in das Vernichtungslager Treblinka überführt und umgebracht.[12] Seiner Tochter, inzwischen verheiratete Stamm, scheint 1934 zunächst die Flucht nach Holland gelungen zu sein. Aber nach der Besetzung des Landes durch die Truppen der deutschen Wehrmacht wurde auch sie in Westerbork inhaftiert und von dort aus am 16. Juli 1942 in die Gaskammern von Auschwitz geschickt.[13]

Von der fünfköpfigen Familie von Betty Engels Schwester Helene hat nur eine Tochter rechtzeitig den Weg in das sichere Exil England gefunden. Helene Goslar hatte am 2. Februar 1891 den 1892 in Budapest geborenen Elektroingenieur Siegfried Freund geheiratet und war mit ihm dorthin übergesiedelt. Dort kamen auch die drei Kinder des Paares zur Welt. Aber noch bevor diese schulpflichtig wurden, verstarb der Vater im Jahr 1898. Die Witwe ging mit den Kindern zurück nach Siegen, wo sie in den folgenden Jahren in der Jüdischen Gemeinde aktiv war.
Helene Freunds ältester Sohn Erich wurde Kaufmann, hatte aber unter den gegebenen Umständen keinen wirtschaftlichen Erfolg. Die kinderlos gebliebene Ehe mit einer Nichtjüdin wurde geschieden, sodass ihm der gleichwohl unsichere Schutz einer Mischehe versagt blieb. Er wurde bereits im Rahmen der Hetzjagd beim Novemberpogrom zunächst in Hamburg Fuhlsbüttel und danach in Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung im Januar 1939, einem zwischenzeitlichen Aufenthalt bei seiner Mutter in Siegen, wurde er am 8. November 1941 in das Ghetto Minsk zum Arbeitseinsatz befohlen. Hier verlieren sich alle Spuren.

Seine beiden Schwestern, die am 25. Juli 1893 geborene Anna und die am 4. Januar 1895 geborene Hedwig, hatten es geschafft, sich in Siegen als Modistinnen mit einem 1919 gegründeten Hutladen eine auskömmliche wirtschaftliche Basis zu schaffen. Ab 1933 liefen aber auch für sie die Geschäfte immer schlechter. Während Hedwig im August 1939 nach England entkam, blieb Anna bei der Mutter in Siegen zurück. Am 28 April 1942 brachte man beide mit anderen Siegener Juden über Dortmund in das Ghetto Zamosc in Polen. Auch sie blieben beide verschollen.

Die jüngere, am 27. Juni 1877 geborene Schwester von Betty Engel, Selma, verheiratet mit dem Ingenieur Albert Spier, wurde am 22. November 1942 von Frankfurt aus in das Fort Kowno / Kaunas deportiert. Es handelte sich hierbei um den ersten aus Deutschland kommenden Transport, der unmittelbar als Ganzer der Vernichtung zugeführt wurde – und dies auf bestialischste Weise:
„Sie gingen den sechs Kilometer langen Weg vom Bahnhof durch die Stadt am Rande des jüdischen Ghettos entlang zum Fort IX, auf einem Hügel im Südosten der Stadt gelegen. Das Fort war im 19. Jahrhundert als Teil eines massiven militärischen Festungsringes um die Stadt zur Verteidigung des zaristischen Gebietes gegen Preußen angelegt und nach dem Ersten Weltkrieg zum Gefängnis umgebaut worden. Der große Gebäudekomplex war mit Gefängniszellen und Mannschaftsunterkünften um einen trapezförmigen Innenhof angeordnet und von sechs Meter hohen Wänden umgeben. Die Frankfurter wurden, getrennt von den anderen Deportierten aus Berlin und München, in die Zellen des Fort IX gebracht und verbrachten dort die Nacht. Hinter den hohen Mauern des Forts, außerhalb des Innenhofes – für die Ankommenden nicht sichtbar -, waren bereits große Gruben ausgehoben. Nach einem Augenzeugenbericht geschah folgendes: Die verantwortlichen Deutschen und Litauer ließen am nächsten Tag die Deportierten in Gruppen von 80 Leuten in Reihen antreten. Sie ließen sie eine Art Frühsportübung im Hof des Forts durchführen und begannen schließlich, die Menschen im Dauerlauf aus dem Innenhof heraus zu den Gruben außen an der Mauer zu treiben. Als diese auseinanderzulaufen begannen, prügelte man sie in die Gruben hinein. Die meisten Opfer wurden, nachdem sie unten lagen, erschossen. Das Feuer kam aus Maschinengewehren, die auf den bewaldeten Hügeln oberhalb der Gruben versteckt gewesen waren. Aber auch diejenigen, die nicht gelaufen oder in eine andere Richtung gerannt waren, wurden von den Litauern und den Deutschen, wo sie sich gerade befanden, erschossen. Von den Opfern, die bis zum letzten Moment getäuscht worden waren, hat niemand überlebt.“[14]

 

Auch Geschwister von Emanuel Engel fielen dem Holocaust zum Opfer. Seine ältere Schwester Emma Scheuer, geboren am 23. Oktober 1866, war bei der Deportation am 18. August 1942 von Frankfurt aus fast 76 Jahre alt. Sie wurde mit dem Transport XII/1 in das sogenannte Altersghetto Theresienstadt verschleppt, blieb aber dort nur etwa vier Wochen. Am 26. September wurde sie in das Vernichtungslager Treblinka überführt und ermordet. [15]

Auch der jüngste Bruder Markus wohnte zuletzt in Frankfurt. Die Jahre zuvor hatte er als Kaufmann und Metzger in Grüningen wohl das Geschäft des Vaters weitergeführt und mit dem Angebot von Kolonialwaren erweitert. Auch im Viehhandel soll er tätig gewesen sein. Am 5. Juli 1939 war er mit seiner Frau Selma, geb. Sommer, vermutlich in der falschen Hoffnung in der Mainmetropole vor den auch im kleinen Grüningen üblichen Anfeindungen gefeit zu sein, nach Frankfurt verzogen.[16] Beide saßen am 22. November 1942 in dem gleichen, dem dritten großen Transport aus Frankfurt, mit dem auch Selma Spier, die Schwester seiner Schwägerin Betty, nach Kaunas gebracht wurde. Auch sie werden in den Gräben des Forts von den Maschinengewehren niedergemäht worden sein.[17]

Das Schicksal der übrigen Geschwister von Emanuel Engel konnte nur zum Teil geklärt werden. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz sind sie nicht gelistet. Ob sie der Vernichtung entkamen oder ob sie, wie auch Emanuel Engel, bereits zuvor verstarben, muss offen bleiben.[18]

Emanuel Engel und Betty Goslar kamen um das Jahr 1912 / 1913 nach Wiesbaden. Die 3-Zimmer-Wohnung mit Küche, die sie bezogen und über viele Jahre hielten, lag in der Luisenstr. 14 im ersten Stock des Seitenbaus.[19] Nur die Geburtsurkunden der Kinder geben Auskunft über ihre vermutlichen früheren Wohnsitze. So war zunächst der Sohn Paul am 17. Mai 1900 in Herne geboren worden, fünf Jahre später folge am 22. Oktober 1905 die Tochter Erna Amalie. Sie wurde auf dem Standesamt in Frankfurt in das dortige Geburtsregister eingetragen.[20] Wie lange die Eltern an diesen Orten jeweils lebten und welche wirtschaftlichen Aktivitäten sie dort entfalteten, ist nicht bekannt.

Emanuel Engel war Kaufmann, aber es liegen keine Informationen darüber vor, ob er diesen Beruf selbständig ausübte oder in einer Firma angestellt war. Aber nach der Beschreibung, die die Tochter Erna Gonzwa im späteren Entschädigungsverfahren über die Einrichtung gab, muss es der Familie finanziell einmal recht gut gegangen sein. Neben einzelnen antiken Möbeln, verwies sie auf diverse Schmuckstücke, darunter mehrere Diamantringe, wertvolles Porzellan und eine umfangreiche Wäscheausstattung.[21]

Nach Abschluss seiner Schulausbildung in Wiesbaden, ließ sich der Sohn Paul am Technikum in Bingen zum Maschinenbauingenieur ausbilden. Die anschließende Anstellung bei der Firma Krupp in Rheinhausen bei Duisburg kann nur von kurzer Dauer gewesen sein, denn bereits 1923 wurde er im Zusammenhang mit der Krise, die durch den damaligen sogenannten ‚Ruhrkampf’ ausgelöst worden war und unter dem im Besonderen die Montanindustrie zu leiden hatte, wieder entlassen. Wann er nach Wiesbaden zurückkehrte, ist nicht bekannt. Da in den Wiesbadener Adressbüchern nicht aufgeführt ist, muss man davon ausgehen, dass er in der Wohnung der Eltern wohnte. Dies ist umso wahrscheinlicher, als sein Vater Emanuel Engel am 1. April 1929 im Alter von 59 Jahren verstarb.

Er sei in Wiesbaden nach seiner Rückkehr – so die Schwester – Mitarbeiter der dort herausgegebenen „Rheinischen Volkszeitung“ geworden. Darüber, ab wann er diese Anstellung hatte, machte sie damals keine Angaben. Sie teilte allerdings mit, dass er deren Redaktion angehört habe, dann aber im Jahr 1937 „auf Grund des nationalsozialistischen Druckes“ entlassen worden sei.[22] Diese letzte Angabe muss in jedem Fall bezweifelt werden, denn das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene Schriftleitergesetz machte die Mitarbeit in einer Zeitungsredaktion u. a. von einem Ariernachweis abhängig, eine Voraussetzung, die Paul Engel nur schwerlich hätte erbringen können. Auch gab es in Wiesbaden zu in dieser Zeit eine Zeitung mit diesem Titel vermutlich nicht mehr.[23]

Allerdings hatte er von 1935 bis 1939 Beiträge an die Rentenversicherung abgeführt, war in dieser Zeit somit wohl auch einer geregelten Arbeit nachgegangen.[24] Möglicherweise handelte es sich um die im Entschädigungsverfahren vage angesprochene Tätigkeit im Dienste der jüdischen Auswanderung.[25]

Als ihm die Devisenstelle im Juni 1940 eine Sicherungsanordnung mit dem entsprechenden Formular zur Darlegung seiner Vermögensverhältnisse zuschickte, schrieb er zurück, dass er keine Vermögen besitze und nur „lohnsteuerpflichtiger Gehaltsempfänger“ sei. Man möge doch in seinem Fall von einem Sicherungskonto absehen, da er das Geld unmittelbar für seinen Lebensunterhalt und den seiner Mutter benötige, er deshalb auch weiterhin auf die Barauszahlung des Lohns angewiesen sei. Es sind die kleinen Randbemerkungen in den Akten, die die Kälte des bürokratischen Verfahrens immer wieder zum Vorschein bringen. dann allerdings Durch die Handschrift, durch das Kürzel offenbaren sie sich dann aber doch als die Kälte der Beamten selbst. So auch hier: „stattgeben“ bezüglich des Verzichts auf Einrichtung eines Sicherungskontos, dann aber zugleich „Freibetrag entsprechend herabsetzen! – 50.-.“[26] In der Vermögenserklärung, die er dennoch auszufüllen hatte, gab Paul Engel an, bei dem Rechtskonsulent Guthmann in der Bahnhofstraße beschäftigt zu sein und ein Jahresgehalt von etwa 1.500 RM zu beziehen. Seinen Bedarf gab er mit insgesamt 117 RM monatlich an.[27]

Wann genau er und seine Mutter die gemeinsame Wohnung in der Taunusstraße verlassen mussten, in der sie laut Jüdischem Adressbuch 1935 noch gemeinsam wohnten, ist nicht bekannt. Der Eintrag auf beiden Gestapo-Karteikarten, der den Umzug in die Emser Str. 11 belegt, ist auf beiden Karten nicht datiert. Auch ist nicht bekannt, ob dieser Umzug – die Emser Str. 11 war kein Judenhaus – ‚freiwillig’ oder unter förmlichem Zwang geschah. Erst mit dem nächsten Umzug 14 Monate später kam Paul in ein Judenhaus, dem in der Blumenstraße. Dort soll er bis zur Deportation am 23. Mai 1942 gewohnt haben. In einer Meldung der Kreisverwaltung Untertaunus, war Paul Engel aber vom 17. November 1941 bis zum 21. Mai 1942 in Idstein gemeldet.[28] Über den Zweck dieses Aufenthaltes kann man nur mutmaßen. Er wird seine Mutter in Wiesbaden kaum freiwillig alleine gelassen haben. Es spricht vielmehr einiges dafür, dass er dort zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde. Am 21. Mai, zwei Tage vor der für den 23. Mai 1942 anberaumten Deportation kam er zurück nach Wiesbaden. Möglicherweise gehörte er zu den etwa einhundertfünfzig arbeitsfähigen Männern, die auf dem Weg nach Izbica in Lublin selektiert wurden, um den weiteren Aufbau des Vernichtungslagers Majdanek zu sichern, nachdem man zuvor schon tausende sowjetische Kriegsgefangene für diesen Zweck verheizt hatte. Wo auch immer die Insassen des Zuges letztlich hinkamen, überlebt hat von ihnen keiner.

„Mein Bruder wollte aus Deutschland nicht auswandern, solange meine Mutter keine Gelegenheit dazu hatte“, beteuerte seine Schwester später im Entschädigungsverfahren.[29] Und doch hatte er sie zuletzt alleine zurücklassen müssen.

Betty Engel musste, nachdem sie ihre eigentliche Wohnung verlassen hatte, noch eine schiere Odyssee durch verschiedene Wiesbadener Wohnungen vollziehen, darunter drei verschiedene Judenhäuser. Eigenartig, und nicht auf der Karteikarte vermerkt, ist, dass sie zum Zeitpunkt der Volkszählung im Mai 1939 in Frankfurt in der Liebigstr. 6 gemeldet gewesen sein soll. Nach den Eintragungen auf ihrer Karte war sie am 17. Juli 1940 aus der Emser Str. 11 direkt in die Taunusstr. 64 umgezogen. Aber auch das scheint nicht zu stimmen, denn sie schickte bereits am 4. März 1940 das ausgefüllte Formular zur Vermögenserklärung mit diesem Absender nach Frankfurt zur Devisenstelle.[30]

Betty Engel war zu diesem Zeitpunkt schon völlig verarmt. Neben der Rente von knapp 400 RM für das gesamte Jahr, konnte sie ihr Einkommen mit Pflegediensten aufbessern, mit denen sie noch einmal 600 RM hinzuverdiente. Bei einem Jahreseinkommen von knapp 1.000 RM blieben ihr pro Monat etwa 83 RM. Ihren monatlichen Bedarf gab sie mit genau diesem Betrag an. Die erlassene Sicherungsanordnung wurde angesichts dieser Situation auf ihre Bitte hin wieder zurückgenommen.[31] Im folgenden Jahr muss die Behörde diese Entscheidung aber wieder revidiert haben, denn Betty Engel meldete der Devisenstelle im Februar 1941, dass sie bei der Wiesbadener Bank ein gesichertes Konto eingerichtet habe. Zahlungen, wie die Rente und der Lohn für ihre Pflegeleistung, durften jetzt nur noch über dieses Konto abgewickelt werden.[32]

Möglicherweise hatte Betty Engel mit der Übernahme der Pflegschaften ihre eigene Wohnung aufgegeben und war deshalb am 13. Juli 1939 zu der von ihr gepflegten Maria Valentin, ebenfalls Jüdin, in die Taunusstr. 64 gezogen.[33] Am 7. Mai 1942 teilte sie der Devisenstelle ihren Umzug in die Blumenstr. 7 mit.[34] Laut Gestapo-Karteikarte wohnte sie dort aber bereits seit dem 20. Mai 1941, war also bereits vor mehr als einem Jahr dort eingezogen.[35] Darüber, ob sie dem Amt ihren vorherigen Wohnungswechsel von der Taunusstraße in das Nerotal 43, ihr erster Umzug in ein Judenhaus, mitgeteilt hatte, geben die Akten keine Auskunft.

Der Anlass ihres Briefes an die Devisenstelle war aber die Bitte, die Gelder für ihre Pflegetätigkeit wieder bar entgegennehmen zu dürfen. Die Einnahmen bei Frau Valentin seien inzwischen weggefallen – Frau Valentin war am 14. Februar 1942 in das Jüdische Krankenhaus nach Frankfurt überführt worden –, sie habe aber stattdessen zwei andere Pflegschaften, für die sie 50 bzw. 65 RM monatliche vereinnahme. Beide pflegebedürftigen wohnten zu dieser Zeit, wie die Pflegerin selbst in Judenhäusern. Frieda Kahn-Hut war im Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 65 und Henriette Ackermann in dem in der Moritzstr. 14 untergebracht. Zuletzt musste Betty Engel am 22. Juni 1942 selbst auch noch dort einziehen, nachdem ihr Sohn deportiert und das Haus in der Blumenstraße von allen jüdischen Bewohnern geräumt worden war. Sie selbst schon fast 70 Jahre alt hatte in den letzten Monaten ihres Lebens gegen ein geringes Entgelt die Pflege anderer, älterer und bedürftiger Judenhausbewohnerinnen übernommen, bis die drei am 1. September 1942 gemeinsam die Fahrt in die Vernichtung antreten mussten. [36] Noch eineinhalb Jahre musste Betty Engel in Theresienstadt auf den wohl auch für sie erlösenden Tod warten.

Am 17. November 1943 schrieb sie noch eine letzte Postkarte mit dem Absender Theresienstadt, Hauptstr. 22 an Heda Wild und Elisabeth Zimmer in der Wiesbadener Wörthstr. 19 III.[37] Sie bedankte sich darin für die Grüße, die sie offensichtlich noch im Lager erreicht hatten. Natürlich gibt die Karte keine Auskunft über ihre wahre Situation. Es gehe ihr gesundheitlich gut und sie beschäftige sich, um die Zeit zu verkürzen, im „Allgemeindienst“. Die herzlichen Grüße an alte Freundinnen und die Hoffnung, sehr bald wieder ein Lebenszeichen von den Angeschriebenen zu erhalten, lassen erahnen, wie sie sich gefühlt haben muss. Am 28. Februar 1944 kam die Karte in Wiesbaden an. Nur etwa vier Wochen später, am 22. März 1944, verstarb Betty Engel an diesem Ort unsäglichen Leids.

 

Ihre Tochter Erna Amalie ist eine der wenigen aus dieser großen Familie Engel / Goslar, die nicht Opfer der Shoa wurde. Obwohl sie nach dem Krieg die Entschädigungsverfahren für ihren Bruder und ihre Mutter in Gang setzte, ist über sie noch weniger bekannt als über diese. Den Akten ist zu entnehmen, dass sie ursprünglich im Bankgewerbe als Buchhalterin ausgebildet worden war.[38] Über den Zeitpunkt ihrer eigenen Flucht machte sie im Verfahren keine Angaben. Allerdings enthalten die Akten die Abschrift eines „Heimatscheins – für den Aufenthalt im Ausland“, der am 28. April 1938 vom Bezirksamt Wolfratshausen ausgestellt wurde, wo sie zu dieser Zeit an der „Wirtschaftlichen Frauenschule“ eine Ausbildung als Hauswirtschaftlerin absolvierte.[39] Die Gültigkeitsdauer des Scheins lief am 31. Mai 1938 ab, sodass sich ihre Ausreise wohl in diesem Zeitraum von vier Wochen vollzogen haben wird. Das gleiche Papier enthält zudem die Abschrift eines polizeilichen Führungszeugnisses zum Zwecke der Auswanderung, welches am 26. April 1938 in Frankfurt ausgestellt worden war. Aus diesem erfährt man, dass Erna Amalie früher vom 2. Januar 1934 bis zum 1. November 1937 in der Mainmetropole gewohnt hatte.[40]

1945 lebte sie in Australien und war dort in ihrem zuletzt noch erlernten Beruf als Hauswirtschaftlerin tätig. Möglicherweise hatte sie der Weg dorthin über England geführt, aber auch darüber gibt es keine Informationen. In Australien heiratete sie am 8. März 1945 in der Großen Synagoge von New South Wales den verwitweten Arzt Jakob Gonzwa.[41]

Für Kinder war es durch die Umstände der Zeit zu spät geworden. Eine weitere jüdische Familie war somit ausgelöscht.

 

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 518 37927 (22).

[2] Müller, Hanno, Juden in Pohlheim – Garbenteich 1789- 1945, Grüningen 1763 – 1942, Holzheim 1784 – 1942, Watzenborn-Steinberg 1758 – 1942/ Hanno Müller. Unter Mitarb. von Monica Kingreen. Hg. von der Ernst-Ludwig Chambré-Stiftung Lich, S. 73. Aron Engel war am 24.9.1833 geboren worden, er verstarb am 1.5.1908 in Grüningen. Auf seinem Grabstein auf dem dortigen jüdischen Friedhof wird er als Dawid HaLewi bezeichnet.

[3] Ebd. Amalie Mendelso(h)n war 1836 als Tochter von Simon Mendelson und Berta, geb. Kuder, in Hermannstein geboren worden. Nach ihrem Tod am 21.8.1891 wurde sie wie ihr Mann in Grüningen bestattet.

[4] Siehe zu den Geschwistern von Emanuel Engel, ebd. S. 38.

[5] Ebd. S. 74. Er war nur fünf Wochen vom 3.6.1884 bis zum 10.7.1884 dort gemeldet und ist dann wieder nach Grüningen zurückgekehrt.

[6] HHStAW 518 37927 (22).

[7] http://aktives-gedenkbuch.de/index.php/Detail/Object/Show/object_id/87. (Zugriff: 5.03.2018).  Das Geschäft wurde zusammen mit einem Kompagnon namens Abraham Meyerhoff geführt, der wie auch Israel Goslar aus Nienheim bei Höchster stammt. Israel Goslar, geboren am 27.6.1837 verstarb 1918, seine Frau lebte von 1849 bis 1922.

[8] Siehe zu ihr den Eintrag in Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Emma_Goslar, (Zugriff: 5.03.2018). Ein Bild von ihr – vermutlich zusammen mit ihrem Mann Israel – ist zu finden in http://www.juedischeliteraturwestfalen.de/data/articles/00000095/00000068.jpg. (Zugriff: 5.03.2018).

[9] Die im Folgenden knapp dargestellten Schicksale der Familien der Geschwister von Betty Engel beruhen im Wesentlichen auf den Ausführungen im Gedenkbuch des Kreises Siegen-Wittgenstein, siehe http://aktives-gedenkbuch.de/index.php/Detail/Object/Show/object_id/87.(Zugriff: 5.03.2018).

[10] Siehe zu ihm den informativen Artikel in Wikipedia mit weiterführenden Literaturangaben. https://de.wikipedia.org/wiki/Julio_Goslar. (Zugriff: 5.03.2018). Es werden hier auf dieser Grundlage nur die wesentlichen Inhalte referiert.

[11] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 1909/20.

[12] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/12652-alfred-goslar/. (Zugriff: 5.03.2018).

[13] Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz.

[14] Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 367 f. Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist als Ziel des Transports das Ghetto Minsk angegeben, anders bei Kingreen. Die Ergebnisse ihrer Forschung wurden auch von Gottwaldt, Schulle, Judendeportationen, S. 104 f. übernommen.

[15] Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 374 f., https://www.holocaust.cz/databaze-obeti/obet/30857-emma-scheuer/.

[16] Müller, Juden in Pohlheim, S. 40. Müller zitiert in seinem Werk auch den Bericht über einen solchen Angriff, der den Neffen von Aron Engel, Siegmund, traf. Er war von Schulkindern auf offener Straße bespuckt und mit unflätigen Ausdrücken beschimpft worden, ebd. S. 39.

[17] Siehe oben Anm. XXX

[18] Zwei der Kinder, die älteste, deren Namen nicht bekannt ist starb bereits eine Woche nach der Geburt im Juli 1865, der zweitjüngste Sohn Moritz, geboren am 7.9.1875, wurde nur 7 Monate alt. Über das Schicksal von David Engel, geb. am 10.3.1870, Bertha, geb. 23.1.1872, und Karoline, geb. 9.2.1974, beide verheiratete Löbenstein, ist nichts bekannt, siehe dazu die Angaben bei Müller, Juden in Pohlheim, S. 38.

[19] Emanuel Engel ist erstmals im WAB 1913 gelistet. Nicht richtig ist daher die Angabe im Erinnerungsblatt für Paul und seine Mutter Betty Engel, in dem es heißt, sie hätten die Wohnung erst 1922 bezogen, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Engel-Betty.pdf.

[20] HHStAW 518 37973 (8) und 518 37927 (19).

[21] HHStAW 518 37927 (16).

[22] HHStAW 518 37973 (10).

[23] In Stein, B. Die Geschichte des Wiesbadener Pressewesens von den Anfängen bis zur Gegenwart, verm. Wiesbaden 1943, überarbeitet von Müller-Schellenberg 2009, sind zwar mehrere Zeitungen mit dem Namen „Rheinische Volkszeitung“ benannt, aber keine, die bis in das Jahr 1937 erschienen wäre. Bei einer, der ursprünglich in Eltville erschiene Zeitung mit diesem Namen, ist zwar im Inhaltsverzeichnis des Buches als Erscheinungszeitraum 1888 bis 1937 angegeben, im entsprechenden Textbeitrag heißt es aber dann, dass die Zeitung am 31.3.1919 ihr Erscheinen eingestellt habe. Zudem war sie ursprünglich das Organ der Eltviller Zentrumspartei, was zumindest auch Fragen aufkommen lässt, siehe S. 64. Die Angabe, dass Paul Engel bis 1937 bei der genannten Zeitung gearbeitet haben soll, ist unhinterfragt auch im Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für Paul und seine Mutter Betty Engel übernommen worden, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Engel-Betty.pdf. (Zugriff: 5.03.2018).

[24] HHStAW 518 37973 (7).

[25] Ebd. (17).

[26] HHStAW 519/3 2446 (3). Auf das Sicherungskonto wurde tatsächlich verzichtet, eine Mitteilung über den Freibetrag enthält die Akte nicht.

[27] Ebd. (5).

[28] HHStAW 518 37973(6). Auf der Gestapo-Karteikarte ist dieser Aufenthalt nicht eingetragen.

[29] HHStAW 518 37973 (10).

[30] HHStAW 519/3 1966 (3).

[31] Ebd. (4).

[32] Ebd. (8, 9). Wieso es zu dieser Änderung kam, ist nicht klar, denn ihr Jahreseinkommen hatte sich nach der neuen Vermögenserklärung nicht geändert, ebd. (7).

[33] Laut Gestapo-Karteikarte war Maria Valentin dort am 2.1.1939 aus der Taunusstr. 5 eingezogen.

[34] HHStAW 519/3 1966 (14).

[35] Ihr Sohn Paul hatte dort am 26. März, also etwa 2 Monate zuvor eine Unterkunft in der Wohnung von Liffmanns gefunden.

[36] Frieda Kahn-Hut wurde am 16.10.1944 in Auschwitz ermordet, Henriette Ackermann starb bereits am 24.9.1942 in Theresienstadt. Zu ihrem Schicksal siehe das Kapitel zum Judenhaus Moritzstr. 14.

[37] HHStAW 518 37927. Es muss sich offensichtlich um nichtjüdische Freundinnen gehandelt haben. Die Karte ist als Faksimile auch auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse abgedruckt. Leider ist aber die Signatur der Akte im HHStAW falsch angegeben. Siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Engel-Betty.pdf.

[38] HHStAW 518 37927 (1).

[39] Ebd. (2).

[40] Ebd. (21).

[41] Ebd. (20).

 

 

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