Babette Weil und ihre Tochter Frieda


Judenhaus Bahnhofstr. 46 Wiesbaden
Das ehe­ma­li­ge Juden­haus Bahn­hofstr. 46 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Wiesbaden Bahnhofstr. 46 Sebald Strauss
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Juden Bahnhofstr 46 Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Bahn­hofstr. 46

 

 

 

 

 


 

Die Quel­len, die Aus­kunft über das Leben von Babet­te Weil und ihrer Toch­ter Frie­da geben, sind zu dürf­tig, als dass man die­ses auch nur ansatz­wei­se ange­mes­sen nach­zeich­nen könn­te. Nur eine Steu­er­ak­te des Ehe­manns bzw. Vaters David Weil ist im Hes­si­schen Haupt­staats­ar­chiv vor­han­den. Sie spie­gelt zwar die finan­zi­el­len Pro­ble­me der Fami­lie wider, gibt aber über die Per­so­nen selbst kaum Aus­kunft. Daher hin­ter­lässt die weit­ge­hend auf die Wirt­schafts­bür­ger Weil redu­zier­te Dar­stel­lung not­wen­dig ein ver­zerr­tes Bild die­ser Fami­lie, die auf unter­schied­li­che Wei­se zum Opfer die­ser Kri­sen­zeit wurde.

Babet­te Weil war am 1. Dezem­ber 1882 im baye­ri­schen Nörd­lin­gen gebo­ren wor­den, einer Stadt mit einer jüdi­schen Tra­di­ti­on, die bis in das 13. Jahr­hun­dert zurück­reicht. Ihr Vater, der am 8. März 1842 in Mönchs­d­eggin­gen gebo­re­ne Aron Gög­gel, manch­mal auch Geg­gel geschrie­ben, hat­te sich dort als Händ­ler nie­der­ge­las­sen. 1869 hat­te er in ers­ter Ehe Adel­heid Schön­wal­der gehei­ra­tet, mit der er die bei­den Kin­der Her­mann und August hat­te.[1] Etwa drei Jah­re nach dem Tod sei­ner ers­ten Frau hei­ra­te­te er in zwei­ter Ehe am 5. Sep­tem­ber 1876 Pep­pi Treucht­lin­ger. Sie gebar ihm drei wei­te­re Kin­der, zunächst Ben­ja­min, der aber bereits nach vier Wochen ver­starb, dann Rudolf und zuletzt, am 1. Dezem­ber 1882, Babet­te.[2]

Göggel Weil Judenhaus Bahnhofstr. 46 Wiesbaden
Stamm­baum der Fami­lie Weil /​ Gög­gel
(GDB-PLS)

Babet­tes spä­te­rer Ehe­mann, David Weil, kam eben­falls aus Süd­deutsch­land, aus dem badi­schen Städt­chen Rust, in dem sich eben­falls über vie­le Jahr­hun­der­te hin­weg jüdi­sches Leben eta­bliert hat­te.[3] Er war am 7. Okto­ber 1875 als vier­tes von ins­ge­samt 7 Kin­dern des Kauf­manns und Gast­wirts Laza­rus Weil und sei­ner Frau Vic­to­ria Löwen­stein gebo­ren wor­den. Die viel­fach ver­zweig­te Fami­lie Weil stell­te eine wich­ti­ge Säu­le der dor­ti­gen jüdi­schen Gemein­de dar.[4] Nicht nur waren in der Ver­gan­gen­heit meh­re­re Mit­glie­der im Syn­ago­gen­rat aktiv, der Groß­va­ter von David Weil, eben­falls ein David Weil, ursprüng­lich von Beruf Metz­ger, hat­te um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts die Lizenz erwor­ben, das bis­her ein­zi­ge jüdi­sche Gast­haus in Rust zu betrei­ben, ein Pri­vi­leg, das an vie­le Vor­aus­set­zun­gen gebun­den war.[5]

Der jün­ge­re David Weil war wie sein Vater von Beruf Kauf­mann und – wie vie­le ande­re Juden auch – in der Tex­til­bran­che tätig. In den frü­hen Zwan­zi­ger­jah­ren ver­trat er als Agent die damals im fran­zö­si­schen Straß­burg ange­sie­del­te Tex­til­groß­hand­lung „D. Weil & Co.“. Der Name der Fir­ma legt nahe, dass er, der selbst auch frü­her dort wohn­te, auch einer der Gesell­schaf­ter war, aber gesi­chert ist das nicht. Anfang der Zwan­zi­ger­jah­re war er nach Wies­ba­den gekom­men und hat­te in der Wie­land­str. 2 ein ers­tes Zuhau­se gefun­den. Nicht bekannt ist, ob er zu die­sem Zeit­punkt schon mit Babet­te Gög­gel ver­hei­ra­tet war und sie zusam­men in den Rhein­gau gekom­men waren. Aus der zumin­dest bald danach geschlos­se­nen Ehe ist nur ein Kind, die Toch­ter Frie­da Weil, her­vor­ge­gan­gen. Als sie am 31. Janu­ar 1924 in Wies­ba­den gebo­ren wur­de, war ihre Mut­ter bereits 42, der Vater sogar 49 Jah­re alt

Allem Anschein nach war David Weil frü­her zu einem erheb­li­chen Ver­mö­gen gekom­men, denn er fuhr in die­ser Zeit bereits eine gro­ße Limou­si­ne und im August 1924 erwarb er das Haus in der Tau­nus­str. 41 zu einem Preis von 35.000 RM.[6] Die Fami­lie zog aber nie selbst in die­ses Haus in einer der Pracht­stra­ßen Wies­ba­dens ein, sie bewohn­te eine der unmit­tel­bar am Nero­park gele­ge­nen Villen.

Inzwi­schen war aber bedingt durch die kri­sen­haf­te Ent­wick­lung der Wei­ma­rer Repu­blik die finan­zi­el­le Lage von David Weil mehr als pre­kär. Die Straß­bur­ger Fir­ma war durch die im Ver­sailler Ver­trag fest­ge­leg­te neue Gren­ze zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich vom deut­schen Markt abge­schnit­ten wor­den und ging in die Insol­venz. Wie­so er aber dann 1925/​26 zunächst als stil­ler Teil­ha­ber mit Bürg­schaf­ten, dann ab August 1927 auch als per­sön­lich haf­ten­der Gesell­schaf­ter in die mit 900.000 RM inzwi­schen völ­lig über­schul­de­te und unter Geschäfts­auf­sicht ste­hen­de Fir­ma „Rhei­ni­sche Web­wa­ren Gesell­schaft – Adolf & Ernst Weill – Mainz“ ein­stieg, ist nicht mehr nach­voll­zieh­bar. Die­ses Enga­ge­ment trieb ihn und sei­ne Fami­lie letzt­lich in den finan­zi­el­len Ruin. Sein Rechts­an­walt Stern teil­te am 7. Sep­tem­ber 1927 dem Finanz­amt Wies­ba­den mit, dass „das gesam­te Pri­vat­ver­mö­gen des Herrn David Weil und sei­ner Ehe­frau ver­lo­ren“ sei.[7] Ein­kom­men wür­den allein noch durch die Miet­ein­nah­men aus dem Haus in der Tau­nus­stra­ße erzielt, aber auch die wür­den dadurch kom­pen­siert wer­den, dass auf dem Grund­stück, das inzwi­schen mit einem Wert von 45.000 RM bilan­ziert wur­de, eine zu ver­zin­sen­de Grund­schuld von 100.000 RM ein­ge­tra­gen sei, mit der wie­der­um die Ansprü­che von Gläu­bi­gern der „Main­zer Woll­wa­ren­fa­brik“ abge­deckt wur­den.[8] Nach den Maß­ga­ben der Geschäfts­auf­sicht durf­ten Weils nur das Aller­not­wen­digs­te zum Lebens­un­ter­halt aus der Fir­ma ent­neh­men.[9] Seit 1928 leb­te auch die 78jährige Mut­ter von Babet­te Weil, die eben­falls ihr gesam­tes Ver­mö­gen durch die Infla­ti­on ver­lo­ren hat­te, im gemein­sa­men Haus­halt im Nerot­al 8.[10]

Judenhaus Wiesbaden Bahnhofstr. 46 Babette Weil David Frieda
Brief­kopf der “Rhei­ni­schen Web­wa­ren Gesell­schaft“
HHStAW 685 834a (62)

1928, nach­dem David Weil allei­ni­ger Inha­ber der am Boden lie­gen­den Fir­ma gewor­den war, wur­de sie in „Her­ren­klei­der­fa­brik Weil“ umbe­nannt und ein Jahr spä­ter von Mainz nach Wies­ba­den in die Plat­ter Str. 73 ver­legt. Die Akti­va wie auch Pas­si­va waren alle auf die neue Fir­ma über­tra­gen wor­den, sodass sich finan­zi­ell für David Weil kei­ne Ver­än­de­rung ergab.[11] Mit Kre­di­ten von Ver­wand­ten konn­te er die in einem Ver­gleich beschlos­se­nen Ansprü­che der Gläu­bi­ger schlecht und recht bedie­nen. Am 1. Mai 1929 wur­de die Fir­ma aber wegen wach­sen­der Ver­lus­te end­gül­tig still­ge­legt.[12] Trotz der bereits mehr als deso­la­ten Zustän­de hat­te David Weil 1930 als einer der Gesell­schaf­ter auch noch für die Steu­er­rück­stän­de einer wei­te­ren Fir­ma, der „Otto Weil & Co. Textilhandels‑G.m.b.H.“ mit Sitz in Frank­furt, gebürgt,[13] eine Bürg­schaft, die zusätz­lich zu sei­nen eige­nen Steu­er­schul­den auch noch fäl­lig gewor­den war.

Notiz des Finanz­amts Wies­ba­den über die finan­zi­el­le Lage von David Weil im März 1930
HHStAW 685 834c (o.P.).

Im Dezem­ber 1930 muss­te David Weil einen Offen­ba­rungs­eid leis­ten, weil auch eine wei­te­re sei­ner Fir­men vor dem Kon­kurs stand und nur durch die Offen­le­gung sei­ner Finan­zen ein Ver­gleichs­ver­fah­ren in die Wege gelei­tet wer­den konn­te. Die Fir­ma, eine Akti­en­ge­sell­schaft, an der er und sei­ne Frau jeweils zur Hälf­te betei­ligt waren, war wäh­rend der Infla­ti­ons­zeit  gegrün­det wor­den, hat­te danach wohl nie grö­ße­re Gewin­ne erzielt. Die Pro­duk­ti­on von Hem­den und Schlaf­an­zü­gen war mit­tels Hau­si­er- und Absatz­han­del ver­trie­ben wor­den.[14] Infol­ge der Welt­wirt­schafts­kri­se war das Geschäft, das auf eine eher arme Kund­schaft aus­ge­rich­tet war, nicht mehr in der Lage, die fäl­li­gen Raten zu zah­len. Auch gab es kaum Mög­lich­kei­ten, die Außen­stän­de gericht­lich einzutreiben.

Die knap­pen finan­zi­el­len Res­sour­cen waren viel­leicht auch der Grund dafür, dass die Fami­lie am 22. Sep­tem­ber 1930 mit Schwie­ger­mut­ter und der Haus­ge­hil­fin, also zu fünft, aus dem Haus im Nerot­al in die Franz-Abt­str. 12 zog, wo sie eine Woh­nung im 2. Stock bezog.[15] Aber auch die­ses Haus lag in einem der begehr­tes­ten Vil­len­vier­tel von Wiesbaden.

Umzug der Fami­lie Weil in die Abt­str. 12
HHStAW 685 834a (16)

Im Mai 1932 grün­de­te David Weil noch eine wei­te­re Fir­ma mit dem Namen „D. Weil – Wäsche­fa­bri­ka­ti­on – Wies­ba­den“, die ihren Sitz eben­falls in der Franz-Abt­str. 12 hat­te.[16] Aber auch damit gelang es ihm nicht, die­ses Kon­glo­me­rat an Fir­men und Betei­li­gun­gen wie­der aus den roten Zah­len her­aus­zu­brin­gen. 1931 gab David Weil ein Jah­res­ein­kom­men von 220 RM an. Sein Bru­der Fritz Weil, der noch in Straß­burg leb­te, unter­stütz­te ihn, der zuletzt gar kein eige­nes Ein­kom­men mehr hat­te, in die­ser schwie­ri­gen Zeit mit 1.800 RM.[17]

Ange­sichts per­ma­nen­ter Steu­er­schul­den, auch wegen einer nicht immer kor­rekt geführ­ten Buch­hal­tung,[18] war spä­tes­tens ab dem Zeit­punkt, als der Anti­se­mi­tis­mus zur Staats­rä­son erho­ben wur­de, auf ein Ent­ge­gen­kom­men der Finanz­be­hör­den nicht mehr zu hof­fen. Die Situa­ti­on wur­de immer bedroh­li­cher, ver­schärf­te sich zudem dadurch, dass David Weil Anfang 1933 schwer erkrank­te, arbeits­un­fä­hig wur­de und nach einer Ope­ra­ti­on am 27. Febru­ar 1934 ver­starb.[19]

Für Babet­te Weil ging der Kampf um das finan­zi­el­le Über­le­ben wei­ter. Die Fir­ma, die „Wäsche­fa­bri­ka­ti­on D. Weil“ wur­de von ihr wei­ter­ge­führt, mach­te auch nach 1934 wei­ter rück­läu­fi­ge Umsät­ze – 1934 immer­hin noch fast 11.000 RM, in den fol­gen­den Jah­ren aber bald weni­ger als 5.000 RM. Was von die­sem Umsatz als Ein­kom­men übrig blieb, ist den Akten nicht zu ent­neh­men. Es muss aber so wenig gewe­sen sein, dass ihr in Mün­chen leben­der Bru­der Rudolf sie monat­lich mit 150 RM unter­stütz­te.[20]

Ver­mut­lich nicht all­zu lan­ge nach dem Tod von David Weil, zogen sei­ne Wit­we und die Toch­ter Frie­da aus der Franz-Abt-Stra­ße in die Lanz­str. 2 zur Frei­frau von Lin­stow, eben­falls eine Vil­la in bes­ter Lage.[21] Auch mit dem erneu­ten Woh­nungs­wech­sel Ende Juli 1939 in die Ten­nel­bach­str. 21 in Wies­ba­den-Son­nen­berg ver­schlech­ter­te sich ihre Wohn­si­tua­ti­on nicht. Die dor­ti­ge „Vil­la Hohn­stein“ gehör­te dem jüdi­schen Inge­nieur Paul Moser, der dort mit sei­ner Frau und sei­nen zwei Kin­dern wohnte.

Im Som­mer 1940 ging die Toch­ter Frie­da laut einer Notiz auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te für sechs Wochen nach Frank­furt. Der Zweck die­ses Auf­ent­halts ist nicht bekannt. Am 15. Juli kam sie zurück, wor­auf­hin Mut­ter und Toch­ter gemein­sam in die Adel­heidstr. 70 zogen.[22] Es han­del­te sich um die Woh­nung im zwei­ten Stock des Hau­ses, in dem damals die jüdi­sche Wit­we Ber­ta Wein­berg wohn­te. Das Haus selbst war aber nicht in jüdi­schem Besitz, wes­halb es eher unwahr­schein­lich ist, dass es sich hier, obwohl zeit­lich pas­send, um ein Zwangs­ein­quar­tie­rung han­del­te. Auch die­se Woh­nung ver­lie­ßen sie schon nach etwa einem Vier­tel­jahr wie­der. Ihr nächs­ter Ver­bleib war dann das Juden­haus in der Bahn­hofstr. 46.

Hed­wig Strauss über ihre zukünf­ti­gen Mie­ter im Juden­haus
HHStAW 1183 — 1 (o.P.).

Auch wenn die Daten­bank des Stadt­ar­chivs Wies­ba­den die­sen erneu­ten Woh­nungs­wech­sel als einen „erzwun­ge­nen Umzug“ cha­rak­te­ri­siert, spre­chen die kon­kre­ten Umstän­de gegen eine sol­che Annah­me. Hed­wig Strauss, die Eigen­tü­me­rin des Hau­ses, erwähn­te auf einer ihrer Post­kar­ten an den Sohn im Exil die Woh­nungs­be­sich­ti­gun­gen der neu­en Mie­ter. Sie schrieb am 10. Okto­ber 1940 gera­de­zu genervt: „Eben haben sich Frau Weyl (!) u. deren Toch­ter dein frü­he­res Zim­mer im IV. Stock, zum Zichs­ten Mal ange­se­hen u. bis mor­gen an Hand geben las­sen“,[23] was nicht nach unmit­tel­ba­rem Zwang, son­dern eher nach zöger­li­chen Über­le­gun­gen klingt, viel­leicht sogar nach Abwä­gung ver­schie­de­ner Alter­na­ti­ven. Laut Ein­trag auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te dau­er­te es fast noch vier Wochen, bis sie dann tat­säch­lich die dor­ti­gen Räu­me über­nah­men. Sie bezo­gen nach Anga­be von Sebald Strauss im vier­ten Stock das Gie­bel­zim­mer, das ehe­ma­li­ge Zim­mer von Alfred Strauss, dazu noch zwei Man­sar­den­zim­mer. „Unse­re Woh­nun­gen sind jetzt besetzt”, schrieb er abschlie­ßend an sei­nen Sohn, erwähn­te aber noch, dass es sich bei den neu­en Mie­tern um die Wit­we sei­nes ehe­ma­li­gen Kli­en­ten, des „Wäsche­fa­bri­kan­ten Weil“, und des­sen Toch­ter han­de­le.[24] Nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass die frü­he­re Ver­bin­dung zu Alfred Strauss die­se Wohn­op­ti­on für Babet­te Weil sogar erst eröff­net hatte.

Die Woh­nung blieb für die fol­gen­den gut ein­ein­halb Jah­re ihre letz­te Unter­kunft in Wies­ba­den. Über das wei­te­re Leben von Mut­ter und Toch­ter im Juden­haus gibt es kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen. In den Brie­fen der Eigen­tü­mer an ihren Sohn wer­den sie nicht mehr erwähnt.

Auch über das Leben von Frie­da, die beim Macht­an­tritt der Nazis noch kei­ne zehn Jah­re alt war, ist wenig bekannt. Sie war Schü­le­rin des Lyze­ums, der neben der Markt­kir­che gele­ge­nen höhe­ren Mäd­chen­schu­le. Auf einem Klas­sen­fo­to, das etwa 1935/​36 auf­ge­nom­men wor­den sein könn­te, steht sie in der letz­ten Rei­he.[25] Ob es sich dabei um Zufall oder um die übli­che Schi­ka­ne gegen­über jüdi­schen Schü­lern und Schü­le­rin­nen han­del­te, lässt sich nicht mehr fest­stel­len.[26]

Frie­da und ihre Mut­ter waren die ein­zi­gen, die am 10. Juni 1942 aus dem Juden­haus Bahn­hofstr. 46 „nach dem Osten eva­ku­iert“ wur­den. Alle ande­ren waren ent­we­der bereits im Mai depor­tiert oder noch in ande­re Juden­häu­ser ver­bracht wor­den. In den Wag­gons des Zuges mit dem Ziel Lub­lin befand sich aus der Bahn­hofstr. 46 nur noch Hed­wig Wol­ler, die man aber kurz zuvor noch in das Juden­haus in der Fried­richstr. 33 umge­sie­delt hat­te. Unmit­tel­bar nach der Ankunft am Ziel­ort wur­den sie alle in die nahe gele­ge­ne Todes­fa­brik Sobi­bor über­führt und, wie die allein zwi­schen Mai und Juli 1942 fast 100.000 ande­ren Opfer, mit dem abge­lei­te­ten Koh­len­mon­oxid gro­ßer, eigens zu die­sem Zweck instal­lier­ter Die­sel­mo­to­ren ermordet.

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Adel­heid Schön­wal­der, geb. 9.11.1847 in Berolz­heim, gest. 17.2.1876 in Nörd­lin­gen, war die Toch­ter des Pfer­de­händ­lers Hirsch Schön­wal­der und sei­ner Frau Fan­ny Gut­mann. Die bei­den Kin­der waren Her­mann, geb. 21.1.1870, gest. 15.11.1910 in Kauf­beu­ren, und August, geb. 26.5.1872. Sein wei­te­res Schick­sal ist, abge­se­hen davon, dass er 1888 aus Deutsch­land aus­wan­der­te, unbe­kannt. Sie­he http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/​i​m​a​g​e​s​/​N​o​e​r​d​l​i​n​g​e​n​/​F​S​-​G​O​E​G​G​E​L​-​A​R​O​N​.​pdf.

[2] Die Eltern von Pep­pi Treucht­lin­ger, ihr Geburts­da­tum ist nicht bekannt, waren Zado­ck und Rosa Treucht­lin­ger, geb. Eng­län­der. Ihr ers­tes Kind Ben­ja­min, geb. am 9.11.1873, ver­starb am 9.12.1873, Rudolf, geb. am 8.2.1878, war mit einer Wie­ne­rin namens Ber­ta ver­hei­ra­tet, die die Shoa über­leb­te. Er selbst ver­starb am 9.11.1936 in Mün­chen. Ebd.

[3] Deba­cher, Karl-Heinz, Geschich­te der jüdi­schen Gemein­de Rust. In: Schick­sal und Geschich­te der jüdi­schen Gemein­den Etten­heim, Alt­dorf, Kip­pen­heim, Schmie­heim, Rust, Orschwei­er. Etten­heim 1988. Her­aus­ge­ge­ben von der Etten­hei­mer Mit­glie­der­grup­pe des His­to­ri­schen Ver­eins Mit­tel­ba­den, S. 399–435. Bis in die Mit­te des 19. Jh. war die Gemein­de ste­tig gewach­sen, bestand jedoch weit­ge­hend aus mit­tel­lo­sen Fami­li­en. Ent­spre­chend begann auch hier nach der erlang­ten Frei­zü­gig­keit die Abwan­de­rung in die Städ­te bzw. nach Ame­ri­ka. Ende des Jh. gab es noch knapp 100, 1933 nur noch 26 jüdi­sche Ein­woh­ner in Rust.

[4] Laza­rus Weil, geb.  28.5.1883, gest. am 19.6.1886, hat­te am 9.6.1869 sei­ne Frau Vic­to­ria Löwen­stein gehei­ra­tet. Sie war die Toch­ter des Han­dels­manns Moses Löwen­stein aus Rixin­gen und sei­ner Frau Fan­ni , geb. Pres­bur­ger. Laza­rus und Vic­to­ria Weil hat­ten neben David noch sechs wei­te­re Kin­der. Die ers­te Toch­ter Dil­la ver­starb schon einen Tag nach ihrer Geburt am 6.1.1872. Der zwei­ten Toch­ter, geb. am 16.11.1872, wur­de dar­auf­hin eben­falls der Name Dil­la gege­ben. Am 14.3.1874 folg­te Frie­da, danach David, dann Moritz am 4.3.1877, Isaak am 24.11.1878 und zuletzt Ida am 22.4.1881. Letz­te­re wur­de nur vier Jah­re alt. Köbe­le, Albert, Orts­sip­pen­buch Rust, Gra­fen­hau­sen 1969. Den Hin­weis auf das Orts­sip­pen­buch Rust ver­dan­ke ich Herrn Stu­de vom ‚För­der­ver­ein Ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge Kippenheim’.

[5] „David Weil hat sich von sei­nen Jugend­jah­ren (…) nur still, häuß­lich und recht­schaf­fen betra­gen, so daß ihm nicht das min­des­te zu Last gelegt wer­den kann. Ohn­ge­ach­tet deßen was er von sei­nen Eltern ererbt hat, hat (er) sich nebst der Unter­hal­tung sei­ner zahl­rei­chen Fami­lie eine eige­ne Woh­nung erwor­ben und fin­det jetzt durch sei­ne Fleiß und Thüch­tig­keit ein ordent­li­ches Aus­kom­men, und er ist daher der ers­te unter den hie­si­gen Israe­li­ten der sich zur Betrei­bung der Wirt­schaft qua­li­fi­ziert.” StAF LRA Lahr 3480, zit. nach Deba­cher, Jüdi­sche Gemein­de Rust, S. 414.

[6] HHStAW 685 834 b (12). Das Haus­grund­stück war spä­ter aller­dings mit einer Hypo­thek erheb­lich belas­tet. Im Bezug auf die Limou­si­ne ist inter­es­sant, dass es meh­re­re Ein­ga­ben von Zuträ­gern beim Finanz­amt Wies­ba­den gab, die mel­de­ten, dass das Auto von David Weil vor Restau­rants und Hotels gese­hen wor­den sei, es also pri­vat und nicht zu Geschäfts­zwe­cken genutzt wer­de, sie­he HHStAW 685 834 a (20 ff.).

[7] HHStAW 685 834 a (81) und 685 834 b (27). Auch Babet­te Weil besaß 50 % des Akti­en­ka­pi­tals der Fir­ma. Das Unter­neh­men selbst gehör­te wie­der­um zu den „nicht bevor­rech­tig­ter Gläu­bi­gern“ der in Kon­kurs gegan­ge­nen Straß­bur­ger Fir­ma „D. Weil“, die selbst durch die Schul­den­last von über 1 Mio. RM erdrückt wor­den war.

[8] Ebd. (82).

[9] Die Ent­nah­men belie­fen sich im Jahr 1927 aber immer­hin auf einen Betrag von rund 12.000 RM, ebd. (118).

[10] Ebd. (215).

[11] Ebd. (127, 157).

[12] Ebd. (164). Als Grund für das Schei­tern gab David Weil an, dass das Ruhr­ge­biet sein Haupt­ab­satz­ge­biet gewe­sen sei, sei­ne dor­ti­gen Kun­den, zumeist Berg­leu­te, die die Waren im Rah­men von Absatz­ge­schäf­ten auf der Basis klei­ner Raten­zah­lun­gen erwor­ben hät­ten, wegen der gras­sie­ren­den Arbeits­lo­sig­keit aber ihren Zah­lungs­pflich­ten nicht mehr nach­kom­men konn­ten. Auch Pfän­dungs­ver­fah­ren hät­ten ange­sichts der dor­ti­gen Not­la­ge kei­nen Erfolg.

[13] HHStAW 685 834 b (79). Die Betei­li­gung an die­ser Fir­ma geht aus einem Schrei­ben des Finanz­amts Frank­furt an das Finanz­amt Wies­ba­den her­vor. David Weil hat­te um Erlass die­ser For­de­rung wegen sei­ner schwie­ri­gen finan­zi­el­len Situa­ti­on in Wies­ba­den gebe­ten. Ob die Behör­de auf die For­de­run­gen ver­zich­te­te, geht aus den Akten nicht her­vor. Nicht geklärt wer­den konn­te zudem, wel­che genaue Bezie­hung zu die­sem Unter­neh­men, das sich offen­sicht­lich auch in der Hand der Groß­fa­mi­lie Weil befand, bestand. Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich aber auch hier um einen Über­na­men, denn ein Otto Weil ist in Rust nicht bekannt.

[14] Sitz der Fir­ma war das Haus Am Römer­berg 15, das im Besitz der Gesell­schaft war und den Groß­teil des Kapi­tals die­ser Fir­ma aus­mach­te. Da aber die Gesell­schaft allei­ne im Besitz von David und Babet­te Weil war, gehör­te sie auch fak­tisch zu deren Vermögen.

[15] HHStAW 685 834 a (164). Die Kin­der­frau und Haus­ge­hil­fin erhielt für ihre Tätig­keit kein Gehalt, son­dern neben Kost und Logis nur ein klei­nes Taschen­geld. Ebd. (215).

[16] Ebd. (187, 198). In der Steu­er­erklä­rung für das Geschäfts­jahr 1931 erläu­ter­te David Weil das Wesen die­ses Geschäfts: „Ich unter­hal­te kein eige­nes Waren­la­ger, kein eige­nes Per­so­nal, kein eige­nes Büro. Ich selbst neh­me die Bestel­lun­gen mei­ner Kund­schaft ent­ge­gen und bezie­he die Ware nach Maß­ga­be der Bestel­lun­gen. Die Ware wird – wie gesagt – nur nach Bestel­lun­gen in Heim­ar­beit ange­fer­tigt und als­dann zum Kun­den gebracht.“ HHStAW 685 834 c (50).

[17] Ebd. (188, 171). Der genann­te Bru­der Fritz ist im – nach Aus­kunft von Herrn Stu­de vom ‚För­der­ver­ein Ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge Kip­pen­heim’ sehr zuver­läs­si­gen – Orts­sip­pen­buch Rust nicht ver­merkt und auch sonst unbe­kannt. Es han­delt sich ver­mut­lich um einen Über­na­men von Moritz oder Isaak Weil.

[18] Eine umfas­sen­de Betriebs­prü­fung aus dem Jahr 1929 belegt das unzwei­fel­haft, sie­he HHStAW 685 834 c (o.P.).

[19] Ebd. (213).

[20] HHStAW 685 834 c ((83, 89, 95), 685 834 a (215). Zu die­sem Zeit­punkt, Sep­tem­ber 1934, muss Pep­pi Goeg­gel, ihre Mut­ter, noch bei ihr gelebt haben, denn die Unter­stüt­zung des Bru­ders wur­de mit Babet­tes Für­sor­ge für die Mut­ter begründet.

[21] So die unda­tier­te Anga­be auf der Gesta­po-Kar­tei­kar­te von Babet­te Weil. Laut Ein­trag im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 war sie die Toch­ter des in Luxem­burg leben­den jüdi­schen Indus­tri­el­len A. Fuchs.

[22] Zum Schick­sal der Wit­we Ber­ta Wein­berg und zu dem ihres Soh­nes Kurt sie­he das Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​W​e​i​n​b​e​r​g​.​pdf.

[23] HHStAW 1183 – 1 (Post­kar­te vom 18.10.40)., Her­vor­he­bung K.F.

[24] HHStAW 1183 – 1 (4.2.41).

[25] Sie­he das Bild im Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se  für Babet­te und Frie­da Weil http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​W​e​i​l​.​pdf.

[26] Sie­he zu die­sen auch am Lyze­um übli­chen Schi­ka­nen die Erin­ne­run­gen von Char­lot­te Opfer­mann, die eben­falls Schü­le­rin die­ser Schu­le war. Sta­tio­nen, Begeg­nun­gen 3, Hg. För­der­kreis Akti­ves Muse­um Deutsch-Jüdi­scher Geschich­te in Wies­ba­den, Wies­ba­den 1993, S. 12 ff.