Ella Reinach


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Juden­haus heu­te
Eige­ne Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Herrn­gar­ten­str. 11

 

 

 

 

 

 

 


Zu den ers­ten Bewoh­nern des Juden­hau­ses Herrn­gar­ten­str. 11 gehör­te auch die ledi­ge Haus­an­ge­stell­te Elly Rein­ach. Wie in vie­len ähn­li­chen Bio­gra­fien sol­cher Haus­ge­hil­fin­nen, ist wenig aus ihrem Leben über­lie­fert wor­den. Da ihr Ein­kom­men sicher zu gering war, hat­te nicht ein­mal das Finanz­amt eine Akte für sie ange­legt. Und auch die Wies­ba­de­ner Adress­bü­cher ken­nen sie selbst nicht.

Reinach Siegmund, Reinach Jeny Jette Johannette Reinach Oppenheimer, Hugo Reinach, Julius Reinach Ella Elly Reinach, Judenhaus, Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Der Jüdi­sche Fried­hof von Sins­heim mit dem Grab von Leo­pold Rein­ach, dem Bru­der von Ellas Groß­mutter Karo­li­ne Rein­ach, und sei­ner Frau Frie­de­ri­cke (dunk­le Grab­säu­le)
Foto (Aus­schnitt) Peter Schmelz­le https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Sinsheim-judenfriedhof4.jpg

Gleich­wohl waren die Eltern, Sieg­mund und Johan­net­te, auch Jet­te oder Jen­ny genannt, bereits 1896 nach Wies­ba­den gezo­gen und hat­ten in der Lang­gas­se 9 ein Geschäft für Tex­til­wa­ren eröff­net. Bei­de kamen aus der heu­ti­gen Gemein­de Sins­heim im Kraich­gau, Sieg­mund Rein­ach unmit­tel­bar aus Sins­heim, Jet­te Oppen­hei­mer aus der Nach­bar­ge­mein­de Hof­fen­heim, die aber damals zum Rab­bi­nat Sins­heim gehör­te. Dort waren sowohl die Fami­li­en des Vaters als auch die der Mut­ter seit meh­re­ren Gene­ra­tio­nen behei­ma­tet und auch mit­ein­an­der ver­wandt. Jen­ny /​ Jet­te Oppen­hei­mer, gebo­ren am 1. Febru­ar 1855,[1] war die Toch­ter von Isra­el Oppen­hei­mer und sei­ner Frau Karo­li­ne, die wie­der­um eine gebo­re­ne Rein­ach war.[2]

Siegmund Reinach, Jenny Jette Johannette Reinach Oppenheimer, Ella REinach, Julius REinach, Wilhelm Reinach, Hugo Reinach, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Stamm­baum der Fami­lie Rein­ach — Oppenheim

Jet­tes Groß­el­tern, Isaak Salo­mon und Rosi­na Rein­ach, hat­ten ins­ge­samt zehn Kin­der, die jeweils eige­ne Fami­li­en grün­de­ten, und auch Isaak Salo­mon selbst hat­te zumin­dest noch zwei Brü­der, Ascher und Löw, die eben­falls eige­ne Lini­en der Reinachs in Sins­heim begrün­de­ten. Einer der Brü­der von Karo­li­ne Oppen­hei­mer, gebo­re­ne Rein­ach, war Manas­ses Rein­ach, gebo­ren am 24. Juli 1823, der mit Augus­te Sara Bie­rig oder Beriz ver­hei­ra­tet war. Aus die­ser Ehe waren zumin­dest zwei Kin­der her­vor­ge­gan­gen, neben Sophie auch Sieg­mund Rein­ach, der Ehe­mann von Jet­te.[3] Die Ehe­part­ner, die am 29. August 1877 in Sins­heim gehei­ra­tet hat­ten, waren somit Cou­sin und Cou­si­ne ers­ten Gra­des zueinander.

Reinach Siegmund, Reinach Jeny Jette Johannette Reinach Oppenheimer, Hugo Reinach, Julius Reinach Ella Elly Reinach, Judenhaus, Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Ers­ter Ein­trag für Sieg­mund Rein­ach im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1896

Ihre sechs Kin­der – Juli­us, Hugo, Anna, Isi­dor Sieg­fried, Ella und Wil­helm – kamen alle noch vor dem Umzug in Sins­heim zur Welt. Die ers­te Woh­nung in Wies­ba­den mit dem Laden­ge­schäft in der Lang­gas­se behielt die Fami­lie nur weni­ge Jah­re. Bereits zur Jahr­hun­dert­wen­de war sie in der Albrecht­str. 6 im zwei­ten Stock­werk gemel­det, was die Ver­mu­tung zulässt, dass das Geschäft inzwi­schen auf einen Eta­gen­han­del umge­stellt wor­den war. Bevor Reinachs dann ab 1908 für etwa zehn Jah­re in der Ora­ni­en­str. 45, eben­falls im zwei­ten Stock, wohn­ten, logier­ten sie noch ein­mal kurz­zei­tig in einer Par­terre­woh­nung in der Her­der­str. 31. Der Umzug stand mög­li­cher­wei­se im Zusam­men­hang mit dem Aus­zug der Toch­ter Ella, der ver­mut­lich etwa in die­ser Zeit statt­ge­fun­den haben wird, denn sie bekam am 2. Dezem­ber 1908 eine Toch­ter, der der Name Anna gege­ben wur­de. Wer der Vater war, ist im Geburts­ein­trag nicht ver­merkt.[4] Die Toch­ter wur­de nur weni­ge Wochen alt. Sie ver­starb bereits am 14. Janu­ar des fol­gen­den Jah­res.[5] Wäh­rend die Mut­ter Ella Rein­ach laut Geburts­ein­trag der Toch­ter zunächst im West­end in der Wal­ram­str. 27 wohn­te, war sie beim Tod des Kin­des in Schier­stein in der Thie­les-Pri­vat­str. 4 gemeldet.

In der Zeit wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik und wäh­rend der ers­ten Jah­re der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft wohn­ten Jet­te und Sieg­mund Rein­ach in der Rau­en­tha­ler Str. 8, wohin spä­ter auch die Toch­ter Ella wie­der zurückkehrte.

Der ältes­te Bru­der von Ella, Juli­us, gebo­ren am 15. Juli 1878,[6] war ver­mut­lich gar nicht mehr mit nach Wies­ba­den gekom­men. Er hat­te am 17. März 1917 in Karls­ru­he die aus Has­lach stam­men­de Wil­hel­mi­ne Rind­schä­del gehei­ra­tet.[7] Der Name rühr­te aus einer vor­he­ri­gen, aber inzwi­schen geschie­de­nen Ehe mit einem Hein­rich Rind­schä­del, ihr Mäd­chen­na­me war ursprüng­lich Bau­mer. Die­sen Namen trug auch ein 1915 gebo­re­ner Sohn namens Hein­rich, den sie mit in die neue Ehe brach­te. Aus der Ver­bin­dung mit Juli­us Rein­ach gin­gen mit Juli­us, Wil­helm Hugo und Hein­rich Paul drei wei­te­re Söh­ne her­vor.[8] Aber auch die­se Ehe von Wil­hel­mi­ne hielt nur weni­ge Jah­re. Am 18. April 1923 wur­den die bei­den in Karls­ru­he wie­der geschie­den. Juli­us Rein­ach muss danach zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt nach Köln gezo­gen sein, zumin­dest wur­de er am 10. Dezem­ber 1941 von dort nach Riga depor­tiert. Der Trans­port, der nach einer Fahrt von drei Tagen im dor­ti­gen Ghet­to ankam, war der ers­te, der nach dem Mas­sa­ker an den dort ursprüng­lich leben­den 25000 let­ti­schen Juden dort ankam. Vie­le der ins­ge­samt eher jün­ge­ren Depor­tier­ten wur­den als Erstan­kömm­lin­ge mit wich­ti­gen Funk­tio­nen beim Auf­bau des Ghet­tos beauf­tragt, was ihre Über­le­bens­chan­cen ver­bes­ser­te. Immer­hin konn­ten 87 Per­so­nen des dama­li­gen Trans­ports das Ghet­to über­le­ben.[9] Juli­us Rein­ach jedoch ist dort zu einem nicht bekann­ten Zeit­punkt zu Tode gekommen.
Der zweit­äl­tes­te Bru­der Hugo, gebo­ren am 13. Dezem­ber 1879,[10] hat­te schon in jun­gen Jah­ren im Glau­ben an den ame­ri­ka­ni­schen Traum Deutsch­land ver­las­sen und war 1906 aus­ge­wan­dert. Aber er war wohl zunächst mit sei­nen Eltern noch nach Wies­ba­den gekom­men, denn in sei­nen Ein­rei­se­pa­pie­ren hat­te er die Stadt als sei­nen letz­ten Wohn­sitz vor sei­ner Aus­rei­se ange­ge­ben. Am 17. Febru­ar 1906 war er mit der ‚Penn­syl­va­nia’ von Cux­ha­ven nach New York gefah­ren, wo das Schiff am 2. März ein­lief.[11] Ihn beglei­te­te sei­ne Frau Phil­ip­pi­na, gebo­re­ne Wolz, die er am 7. Febru­ar 1906 kurz vor der Aus­rei­se in Mainz gehei­ra­tet hat­te.[12] Am 1. Janu­ar 1907 wur­de ihr gemein­sa­mer Sohn Char­lie Hein­rich gebo­ren.[13] Eini­ge Jah­re spä­ter, am 6. März 1915, wur­de ihnen noch ein wei­te­rer Sohn geschenkt, der den Namen Wal­ter Donald erhielt. Auf der Regis­trie­rungs­kar­te als Sol­dat für den Zwei­ten Welt­krieg, der die Anga­ben ent­nom­men sind und die 1940 aus­ge­stellt wur­de, ist nur sei­ne Mut­ter als zu infor­mie­ren­de Ver­wand­te im Fal­le einer Ver­wun­dung oder des Todes ange­ge­ben. Offen­sicht­lich war der Vater zu die­sem Zeit­punkt schon ver­stor­ben. Die ers­ten Jah­re nach der Aus­wan­de­rung hat­te die Fami­lie noch in New York ver­bracht, wo Hugo als Lager­ver­wal­ter tätig war. Spä­ter ist sie dann, mög­li­cher­wei­se auch nur die Mut­ter, nach dem Tod ihres Man­nes, an die West­küs­te nach Los Ange­les gezo­gen, wo Phil­ip­pi­na Rein­ach und auch ihr Sohn Char­lie Hein­rich ver­star­ben – sie im Dezem­ber 1975, er bereits eini­ge Jah­re zuvor am 8. Juni 1971.[14] Ob und wie lan­ge der Kon­takt zu den Ver­wand­ten in Deutsch­land, respek­ti­ve in Wies­ba­den, auf­recht­erhal­ten wer­den konn­te, ist nicht bekannt.

Hugo Reinach, Philippina ReinachReinach Siegmund, Reinach Jeny Jette Johannette Reinach Oppenheimer, Hugo Reinach, Julius Reinach Ella Elly Reinach, Judenhaus, Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Aus­wan­de­rung von Hugo und Phil­ip­pi­na Rein­ach 1906
https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​6​9​-​0​5​0​5​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​4​2​e​8​2​e​2​3​a​e​2​8​2​2​7​b​9​0​e​c​d​c​4​8​5​f​5​2​1​c​3​f​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​2​0​3​5​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​r​c​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​4​0​0​7​5​4​4​654

Zwei der älte­ren Geschwis­ter von Ella erreich­ten nicht das Erwach­se­nen­al­ter. Anna, gebo­ren am 7. Juli 1881, leb­te nicht ein­mal eine Woche. Die Neu­ge­bo­re­ne ver­starb bereits am 13. Juli in ihrer Hei­mat­ge­mein­de.[15] Ihr Bru­der, der drei­zehn­jäh­ri­ge Isi­dor Sieg­fried, hat­te den Umzug nach Wies­ba­den gera­de noch mit­er­le­ben kön­nen, kurz dar­auf ver­starb er in der ers­ten Woh­nung in der Lang­gas­se am 22. August 1896.[16] Auch ihr jün­ge­rer Bru­der Wil­helm, gebo­ren am 6. Janu­ar 1888, starb noch bevor die Nazis zur Macht gelang­ten. Die Fami­lie wohn­te inzwi­schen in der Ora­ni­en­stra­ße, als der Vater am 18. Janu­ar 1917, dem Todes­tag, dem Stan­des­amt die Nach­richt vom Able­ben des Neun­und­zwan­zig­jäh­ri­gen über­brach­te. Über die Todes­ur­sa­che ist in dem Ein­trag kei­ne Infor­ma­ti­on ent­hal­ten.[17]

Die in Wies­ba­den leben­de Rest­fa­mi­lie Rein­ach bestand somit nach dem Tod von Wil­helm nur noch aus den Eltern und der Toch­ter Ella. Irri­tie­rend sind aller­dings zwei Anga­ben aus den Adress­bü­chern. Ein­mal ist für das Jahr 1926/​27 unter der dama­li­gen Anschrift der Reinachs in der Rau­en­tha­ler Str. 8 auch ein Bürs­ten­händ­ler Fritz Rein­ach ein­ge­tra­gen. Ver­mut­lich han­delt es sich um die glei­che Per­son, die auch im Jüdi­schen Adress­buch von 1935 mit dem Namen Fried­rich Rein­ach auf­ge­führt ist. Es han­delt sich bei die­sem Fritz /​ Fried­rich mit gro­ßer Sicher­heit nicht um einen wei­te­ren Sohn von Jet­te und Sieg­mund, denn weder ist er in den von Bau­er bear­bei­te­ten Regis­tern der Sins­hei­mer Juden auf­ge­führt, noch ent­hält der Ein­trag im Jüdi­schen Adress­buch den sonst übli­chen Hin­weis zum Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis der dort eben­falls ein­ge­tra­ge­nen Per­so­nen glei­chen Namens. Es könn­te sein, dass es sich um einen ent­fern­te­ren Ver­wand­ten han­delt, den man in das Haus und Geschäft geholt hat­te, nach­dem es kei­nen männ­li­chen Nach­fol­ger für das Geschäft in der Fami­lie mehr gab. Dies war umso dring­li­cher, nach­dem auch Sieg­mund Rein­ach am 27. März 1930 in Wies­ba­den ver­stor­ben war.[18] Ella Rein­ach über­brach­te damals dem Stan­des­amt die Nach­richt von sei­nem Tod. Besag­ter Fritz oder Fried­rich Rein­ach ist, abge­se­hen von den bei­den Adress­buch­ein­trä­gen, ansons­ten in Wies­ba­den nicht mehr akten­kun­dig gewor­den. Das Gewer­be von Sieg­mund Rein­ach war inzwi­schen in Fol­ge der anti­jü­di­schen Aktio­nen ver­mut­lich auch ein­ge­stellt worden.

Mut­ter und Toch­ter Rein­ach, aber auch Fried­rich Rein­ach waren um 1935 in die Dotz­hei­mer Str. 102 gezo­gen, wo Jet­te Rein­ach laut Jüdi­schem Adress­buch für kur­ze Zeit einen Pen­si­ons­be­trieb eröff­net hat­te. Schon im Wies­ba­de­ner Adress­buch von 1936/​37 ist die­ser aber nicht mehr aufgeführt.

Als im Mai 1939 im Deut­schen Reich die Volks­zäh­lung durch­ge­führt wur­de, war Jet­te Rein­ach als Pati­en­tin der Lan­des­heil­an­stalt auf dem Eich­berg geführt. Dort war sie laut Auf­nah­me­buch als Jen­ny Rein­ach am 24. April 1938 ein­ge­lie­fert wor­den.[19] Nach einem etwa zwei­jäh­ri­gen Auf­ent­halt in der dor­ti­gen Psych­ia­trie, die inzwi­schen als soge­nann­te ‚Zwi­schen­an­stalt’ fun­gier­te, d.h. als Sam­mel­stel­le für die­je­ni­gen, die im Rah­men der T4-Akti­on ermor­det wer­den soll­ten, wur­de sie am 5. Febru­ar 1941 von dort in die Tötungs­an­stalt nach Hada­mar über­führt. Wie sehr das anti­se­mi­ti­sche Den­ken in den Köp­fen der NSDAP-Füh­rung ver­haf­tet war, zeigt sich dar­an, dass man sogar bei den zukünf­ti­gen Eutha­na­sie­op­fern zwi­schen Juden und Nicht­ju­den unter­schied. So hieß es in einem Schnell­brief des Innen­mi­nis­te­ri­ums an den Ober­prä­si­den­ten in Kas­sel: „Der noch immer bestehen­de Zustand, dass Juden mit Deut­schen in Heil- und Pfle­ge­an­stal­ten gemein­sam unter­ge­bracht sind, kann nicht wei­ter hin­ge­nom­men wer­den, da es zu Beschwer­den des Pfle­ge­per­so­nals und von Ange­hö­ri­gen der Kran­ken Anlass gege­ben hat.“[20] Im Früh­jahr 1940 begann man reichs­weit mit der sys­te­ma­ti­schen Erfas­sung und Zusam­men­füh­rung der jüdi­schen Anstalts­in­sas­sen in den Zwi­schen­an­stal­ten. Da der Eich­berg ohne­hin zu die­ser Kate­go­rie gehör­te, muss­te Jet­te Rein­ach vor ihrer Über­füh­rung nach Hada­mar nicht mehr in eine ande­re Zwi­schen­an­stalt ver­bracht wer­den. Wider­sprüch­li­che Anga­ben gibt es zu dem Tag, an dem sie mit 18 ande­ren jüdi­schen Insas­sen von den grau­en Bus­sen der ‚Gekrat’, der ‚Gemein­nüt­zi­gen Trans­port­ge­sell­schaft’, nach Hada­mar ver­bracht wur­de. In jedem Fall war es in den ers­ten Tagen des Febru­ar 1941, als man sie in der Ver­ga­sungs­an­la­ge von Hada­mar umbrach­te.[21]

Reinach Siegmund, Reinach Jeny Jette Johannette Reinach Oppenheimer, Hugo Reinach, Julius Reinach Ella Elly Reinach, Judenhaus, Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Ver­mö­gens­er­klä­rung von Ella Rein­ach
HHStAW 519/​3 5948 (4)

Ella Rein­ach leb­te zu die­sem Zeit­punkt schon nicht mehr in der Dotz­hei­mer Stra­ße. Nach einer Zwi­schen­sta­ti­on in der Tau­nus­str. 45 war sie am 9. Janu­ar 1939 in den ers­ten Stock des Hin­ter­hau­ses der Lui­sen­str. 26 gezo­gen. Mit die­ser Adres­se wur­de im Juli 1940 in der Devi­sen­stel­le Frank­furt eine Akte ange­legt und sie wur­de dazu auf­ge­for­dert, ihre Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se offen­zu­le­gen. Die Fra­ge nach vor­han­de­nem Ver­mö­gen muss­te sie erwar­tungs­ge­mäß abschlä­gig beant­wor­ten, aller­dings stand sie damals noch in einem Dienst­ver­hält­nis als Haus­an­ge­stell­te bei dem Ehe­paar Lub­li­ner, das in der Hei­li­gen­born­str. 3 wohn­te. [22] Für ihre Tätig­keit dort erhielt sie 1,20 RM pro Tag. Die Ver­pflich­tung, ein Siche­rungs­kon­to anzu­le­gen, schien bei die­sem gerin­gen Ein­kom­men selbst der Devi­sen­stel­le als nicht gerecht­fer­tigt bzw. nicht not­wen­dig.[23] Wie lan­ge sie bei Lub­li­ners noch Geld für ihren Lebens­un­ter­halt erwer­ben konn­te, geht aus der Akte nicht hervor.

Am 20. Novem­ber 1940 wur­de sie zu ihrem letz­ten Woh­nungs­wech­sel inner­halb von Wies­ba­den gezwun­gen: Der Umzug in das Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11. Infor­ma­tio­nen oder Akten aus die­ser Zeit, die Aus­kunft über die letz­ten Mona­te ihres Lebens in Wies­ba­den geben könn­ten, lie­gen nicht vor. Ihr Name taucht erst wie­der auf der Depor­ta­ti­ons­lis­te auf, die die etwa 370 aus­ge­wähl­ten jüdi­schen Bür­ger der Stadt auf­for­der­te, sich für die „Eva­ku­ie­rung“ in den Osten bereit­zu­ma­chen. Am 10. Juni 1940 ver­ließ der Zug den Wies­ba­de­ner Bahn­hof mit dem ers­ten Ziel Frank­furt. Hier wur­de er mit wei­te­ren Per­so­nen aus der Stadt selbst und aus dem gesam­ten Regie­rungs­be­zirk Wies­ba­den auf etwa 1250 Men­schen aufgefüllt.

Bahn­steig Sobi­bor
Foto (Aus­schnitt): Jac­ques Lahit­te, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Wikipedia-sobibor‑1.jpg

Lub­lin in Polen war die nächs­te Sta­ti­on, an der der Zug hielt, um eine grö­ße­re Grup­pe von arbeits­fä­hi­gen Män­nern für den Auf­bau des Lagers Maj­da­nek abzu­stel­len. Für die übri­gen war der Bahn­steig von Sobi­bor die End­sta­ti­on ihrer Fahrt. Bald nach der Ankunft betra­ten sie, dar­un­ter auch Ella Rein­ach, die dort seit April in Betrieb genom­me­nen Gas­kam­mern. Die Lei­chen der Ermor­de­ten wur­den auf Ros­ten, die aus Bahn­schie­nen errich­tet wor­den waren und von soge­nann­ten „Wald­kom­man­dos“ mit Holz beschickt wer­den muss­ten, ver­brannt. Die Asche wur­de anschlie­ßend in aus­ge­ho­be­nen Gru­ben ver­scharrt.[24]

Ver­öf­fent­licht: 06. 10. 2020

 

 

 

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Anmer­kun­gen:

[1] Stan­des­buch der ehe­ma­li­gen Jüdi­schen Gemein­de von Sins­heim, hg. Bau­er, das Stan­des­buch ist auch online unter https://​sins​cloud​.de/​p​u​b​l​i​c​/​7​a​6​922 zugäng­lich. (Zugriff: 3.10.2020).

[2] Isra­el Oppen­hei­mer war Getrei­de­händ­ler, gebo­ren um 1818, ver­stor­ben am 4.4.1883 in Sins­heim. Sei­ne Frau Karo­li­ne, gebo­ren am 13.12.1817, gestor­ben am 11.2.1898, war die Toch­ter von Isak /​ Isaak Salo­mon Rein­ach, gebo­ren am 16.6.1779, gestor­ben am 21.11.1865, und Rosi­na Kunz­mann, gebo­ren am 16.11.1788, gestor­ben am 22.8.1838. Ebd.

[3] Men­as­ses Rein­ach starb am 22.2.1909, sei­ne Frau, gebo­ren um 1822, am 3.3.1911 in Sins­heim. Sophie, gebo­ren am 24.10.1851 war mit einem Wil­helm Braun ver­hei­ra­tet. Ebd.

[4] Geburts­re­gis­ter Wies­ba­den 2257 /​ 1908.

[5] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den Schier­stein 2 /​ 1909.

[6] Stan­des­buch der ehe­ma­li­gen Jüdi­schen Gemein­de von Sinsheim.

[7] Hei­rats­re­gis­ter Karls­ru­he 154 /​ 1917.

[8] Am 15.1.1917 wur­de Juli­us in Karls­ru­he gebo­ren. Er, der am 16.9.1979 in Joshua, Texas, ver­starb, hin­ter­ließ eine gro­ße Zahl wei­te­rer Kin­der, die eige­ne Fami­li­en grün­de­ten. Ihm folg­te am 2.2.1918 Wil­helm Hugo Rein­ach. Obwohl er am 11.4.1943 in Durch­lach ver­starb, ist er nicht unter den Opfern des Holo­caust im Gedenk­buch auf­ge­führt. Letz­tes Kind war Hein­rich Paul Rein­ach, gebo­ren am 19.1.1919, eben­falls in Karls­ru­he. Er ver­starb im Alter von 87 Jah­ren am 17.10.2006 in Karls­ru­he. Wie er die Zeit der NS-Dik­ta­tur über­leb­te, wur­de hier nicht recher­chiert. Die Geburts- und Todes­an­ga­ben wur­den GENI ent­nom­men und sind nicht durch amt­li­che Doku­men­te veri­fi­ziert, sie­he https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​c​a​n​v​a​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​4​5​9​0​2​6​9​329. (Zugriff: 3.10.2020).

[9] Gott­waldt /​ Schul­le, Juden­de­por­ta­tio­nen, S. 126.

[10] Stan­des­buch der ehe­ma­li­gen Jüdi­schen Gemein­de von Sinsheim.

[11] https://​www​.ancestry​.de/​i​m​a​g​e​v​i​e​w​e​r​/​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​s​/​7​4​8​8​/​i​m​a​g​e​s​/​N​Y​T​7​1​5​_​6​6​9​-​0​5​0​5​?​t​r​e​e​i​d​=​&​p​e​r​s​o​n​i​d​=​&​h​i​n​t​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​4​2​e​8​2​e​2​3​a​e​2​8​2​2​7​b​9​0​e​c​d​c​4​8​5​f​5​2​1​c​3​f​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​r​y​V​2​0​3​5​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​r​c​e​&​u​s​e​P​U​B​J​s​=​t​r​u​e​&​p​I​d​=​4​0​0​7​5​4​4​654. (Zugriff: 3.10.2020).

[12] Hei­rats­re­gis­ter Mainz 58 /​ 1906. Sei­ne Frau, mit vol­lem Namen Phil­ip­pi­na Frie­de­ri­ka Char­lot­ta Wolz, war am 27.3.1883 als Toch­ter des Schlos­ser­meis­ters Georg Hein­rich Wolz und sei­ner bei der Hoch­zeit bereits ver­stor­be­nen Frau Lui­se Karo­li­na, gebo­ren See­lig, gebo­ren wor­den. Den Cou­sin Georg See­lig in New York gaben die bei­den als Kon­takt­adres­se bei der Ein­rei­se in den USA an.

[13] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​v​i​e​w​r​e​c​o​r​d​=​1​&​r​=​5​5​4​5​&​d​b​=​N​Y​C​M​A​B​i​r​t​h​s​&​i​n​d​i​v​=​t​r​y​&​h​=​1​7​790. (Zugriff: 3.10.2020).

[14] https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​3​6​9​3​&​h​=​5​1​4​1​5​7​6​0​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​9​9​f​b​2​c​6​e​7​2​7​1​4​4​c​9​d​f​c​f​6​c​3​2​2​2​1​5​7​a​7​f​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​F​F​d​2​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce. (Zugriff 3.10.2020) für Phil­ip­pi­na Rein­ach, https://​search​.ancestry​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​s​s​e​.​d​l​l​?​i​n​d​i​v​=​1​&​d​b​i​d​=​5​1​8​0​&​h​=​6​0​9​3​1​4​3​&​t​i​d​=​&​p​i​d​=​&​q​u​e​r​y​I​d​=​3​a​f​0​4​f​8​0​2​7​6​c​9​7​1​0​d​a​c​3​e​6​a​8​b​6​5​5​f​3​c​4​&​u​s​e​P​U​B​=​t​r​u​e​&​_​p​h​s​r​c​=​F​F​d​4​&​_​p​h​s​t​a​r​t​=​s​u​c​c​e​s​s​S​o​u​rce . (Zugriff 3.10.2020) für ihren Sohn.

[15] Stan­des­buch der ehe­ma­li­gen Jüdi­schen Gemein­de von Sinsheim.

[16] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 925 /​ 1896.

[17] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 102 /​ 1917.

[18] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 399 /​ 1930. Fälsch­li­cher­wei­se ist dar­in als Geburts­ort Sinzheim ange­ge­ben.

[19] Infor­ma­ti­on Lan­des­wohl­fahrts­ver­band Hes­sen, das Auf­nah­me­buch trägt die Signa­tur LWV-Archiv B‑10 Nr. 108.

[20] Klee, Eutha­na­sie, Ausg. 2010, S. 270.

[21] In Psych­ia­trie im Natio­nal­so­zia­lis­mus, Ein Tagungs­be­richt des Lan­des­wohl­fahrts­ver­ban­des Hes­sen, Kas­sel 1989, S. 78, nennt den 7.2.1941, ’Map­ping  the Lives’ hin­ge­gen den 5. Febru­ar, sie­he https://​www​.map​ping​the​li​ves​.org/​b​i​o​/​0​5​6​4​3​c​0​b​-​d​c​a​1​-​4​1​8​f​-​b​d​8​5​-​a​1​9​0​c​4​d​6​4​518. (Zugriff: 3.10.2020). Die­se Anga­be wird gestützt durch die Infor­ma­ti­on des LWV, nach der man davon aus­ge­hen muss, dass der Über­stel­lungs­ter­min, d.h. der 5.2.1941, auch der Todes­tag war, da die Pati­en­ten unmit­tel­bar nach Ankunft in Hada­mar in der Gas­kam­mer im Kel­ler der Anstalt umge­bracht wurden.

[22] Der aus Ungarn stam­men­de Armin Lub­li­ner war mit der Chris­tin Rosa, gebo­re­ne Wag­ner, ver­hei­ra­tet. Er nahm sich am 9.12.1943 in Wies­ba­den das Leben.

[23] HHStAW 519/​3 5984 (pas­sim).

[24] Sie­he zum Ablauf des Ver­nich­tungs­pro­zes­ses in Sobi­bor den fol­gen­den Aus­zug aus einer Zeu­gen­ver­neh­mung des Wach­manns Mikhail Affa­nasei­vitch Raz­go­nayev in Sobi­bor vom 20.9.1948:
What was the length of stay of the civi­li­ans at the camp?
As I have testi­fied abo­ve, Sobi­bor camp did not ser­ve as a place whe­re one could keep peo­p­le for a long time. This was not the pur­po­se of the camp and it was not inten­ded or equip­ped for that. It was a place for mass des­truc­tion using means that had been spe­ci­al­ly pre­pared for this. So all the peo­p­le who were brought to the camp, were exter­mi­na­ted the same day. The length of their stay at the camp would depend on the speed with which they moved through the gas cham­bers and were exterminated.This would not take more than a day. If on the same day a num­ber of wagons would arri­ve (on one day- and the­re was no pos­si­bi­li­ty of exter­mi­na­ting them all that day, the train with the peo­p­le would not enter the camp area – it would wait at the Sobi­bor rail crossing under guard of Ger­man sol­diers who accom­pa­nied the train until the next day.)
What methods and means were taken for the des­truc­tion of the peo­p­le who were brought to the camp?
Ans­wer
The peo­p­le who were brought to the camp were des­troy­ed in two ways, through suf­fo­ca­ting gas in spe­cial gas cham­bers and by shoo­ting in the area of the camp its­elf. The gas cham­bers, or as they were ter­med for camou­fla­ge – “bath- house” was a stone buil­ding punc­ti­li­ous­ly iso­la­ted by a sys­tem of bar­bed wire fen­ces from other parts of the camp and hid­den by young trees, sap­lings in par­ti­cu­lar, from the view of the huts – “dres­sing rooms,” would not be able to see what was hap­pe­ning by the “bath-house.”
The “bath-house” was distant from the dres­sing rooms so that the cries emer­ging from the gas cham­bers, when the peo­p­le rea­li­sed that they had been brought the­re not to bath but for their des­truc­tion, could not be heard. In the buil­ding with gas cham­bers the­re was a wide cor­ri­dor on one side of which were 4 cham­bers. in the four cham­bers the flo­or, cei­ling and walls were of con­cre­te they had 4 spe­cial show­er-heads that were inten­ded not to sup­p­ly water but for the ent­ry of exhaust gases through which the peo­p­le in the cham­bers were kil­led. Each cham­ber had two doors- inter­nal – on the cor­ri­dor side through which the peo­p­le would enter the cham­ber and exter­nal that ope­ned out­wards and through which the bodies would be remo­ved. The doors – the inter­nal and the exter­nal – were clo­sed her­me­ti­cal­ly and fit­ted with rub­ber strips that did not allow the gas to escape from the cham­ber. Behind the rear wall of the buil­ding was loca­ted on a base, under an awning, a strong motor that would begin to work the moment the cham­bers were full and the doors were clo­sed her­me­ti­cal­ly. From the motor led a pipe that went through the cei­ling of the buil­ding cor­ri­dor with the gas cham­bers. From the pipe would emer­ge into each cham­ber a metal pipe, ending with a show­er head that was used in bath-hou­ses for the sup­p­ly of water. Through this sys­tem the exhaust gases from the motor would be led into the chamber.

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