Die Geschwister Anna, Ida und Auguste Stein sowie ihre Dotzheimer Angehörigen


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Judenhaus heute
Eigene Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehemaligen Judenhauses

 

 

 

 

 

 


Auguste Stein war neben den Eigentümern die erste jüdische Bewohnerin in der Herrngartenstr. 11, einige Jahre bevor das Haus zur Zwangswohnung für viele wurde. Sie entstammte der weit verzweigten Metzgerfamilie Stein, die ursprünglich in Laufenselden, heute eine Gemeinde im südhessischen Rheingau-Taunus-Kreis, beheimatet war. Vermutlich gehörten die Familienmitglieder zu den alteingesessenen Juden der Taunusgemeinde, in der seit Mitte des 18. Jahrhunderts Bürger dieser Konfession nachweisbar sind. Der Großvater der drei später in einem Wiesbadener Judenhaus lebenden Schwestern, Abraham Stein, geboren um 1804, war mit seiner Frau Sara, geborene Strauss, Mitglied der dortigen Gemeinde. Er verstarb am 23. März 1884 in Laufenselden.[1] Aus der Ehe waren mindestens die Kinder Johannette, geboren um1840,[2] Joel / Julius, geboren am 4. Dezember 1843,[3] Regina, geboren 15. April 1849 [4] und zuletzt der Sohn Isaak hervorgegangen. Der Vater der drei Schwestern war am 10. Juli 1850 zur Welt gekommen. [5]

Joel Stein, Isaak Stein, Bertha Stein, Gustav Stein, Julius Stein, Anna Stein, Ida Stein, Auguste Stein, Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden, Dotzheim, Langenselbold
Stammbaum der Familie Stein
(GDB)

Von Johannette, der ältesten Tochter von Abraham und Sarah Stein, ist nur bekannt, dass sie, – ledig und von Beruf Köchin – am 2. August 1907 im Alter von 67 Jahren in Laufenselden verstarb.[6]

Einzig Mitgliedern der Familie von Johannettes Bruder Joel / Julius gelang es, rechtzeitig vor den Deportationen ein sicheres Exilland zu finden und zu überleben.[7] Joel Stein war auch derjenige, der die Verbindung der Familie nach Wiesbaden ebnete,[8] denn er war als Metzger und Viehhändler bereits im Wiesbadener Adressbuch von 1890/91 mit der Adresse Römergasse 170 eingetragen.

Joel Stein, Isaak Stein, Julius Stein, Dina Lieber, Judenhaus Wiesbaden Herrngartenstr. 11
Metzger in Dotzheim laut Wiesbadener Adressbuch 1890/91 – darunter Joel Stein.

Ab 1894 lautete seine Anschrift Römergasse 8, wobei nicht klar ist, ob die Änderung durch einen Umzug oder – was wahrscheinlicher ist – durch eine neue Nummerierung der Häuser hervorgerufen war. Die Straße liegt in Dotzheim, das damals noch eigenständig und kein Stadtteil von Wiesbaden war. Aber Joel Stein hatte schon viel früher den Weg nach Dotzheim gefunden, denn bereits am 18. Oktober 1871 war er dort mit Rebekka Lachenbach eine Ehe eingegangen.[9] In Dotzheim kamen auch die fünf Kinder des Paares zur Welt. Ein Sohn namens Moritz verstarb allerdings bereits am 11. Januar 1894 im Alter von sechzehn Jahren.[10]
Die beiden ältesten Kinder des Paares, Isaak, geboren am 18. September 1872,[11] und Bertha, geboren am 11.April 1875,[12] hatten Ehepartner aus Bechtolsheim, beide mit dem Nachnahmen Lieber. Ob es sich dabei um Geschwister handelt, konnte bisher nicht mit Sicherheit geklärt werden, da nur die Eltern von Albert Lieber, dem Ehemann von Bertha Stein bekannt sind, nämlich Isaak und Johanna Lieber, geboren Wolf.[13] Isaaks Frau war Dina / Christina Lieber, die am 27. Juli 1872 ebenfalls in Bechtolsheim geboren worden war.
Isaak, der genauso wie sein jüngerer Bruder Gustav das Metzgerhandwerk erlernte, hatte mit diesem zusammen den väterlichen Betrieb übernommen. Als der Vater am 23. April 1911 in Dotzheim im Alter von 67 Jahren verstarb,[14] wohnte er noch in der Römergasse 8. Es ist kaum anzunehmen, dass er damals noch berufstätig war. Die beiden Söhne hatten inzwischen die Metzgerei in die Dörrgasse 13 verlegt und firmierten als Personengesellschaft Metzgerei „Stein J & G“.[15]

Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Das Haus der Steins in der Dörrgasse 13 heute
Eigene Aufnahme

Während Gustav Stein sich seine Wohnung in der Dotzheimer Friedrichstr. 3 eingerichtet hatte, wohnten Isaak mit seiner Frau Dina / Christine im Geschäftshaus in der Dörrgasse, wo auch ihre beiden Söhne Alfred und Julius geboren wurden, Alfred am 16. Mai 1903, Julius am 25. September 1904.[16] Die Metzgerfamilie Stein scheint zumindest in den Jahren vor dem immer stärker aufkeimenden Antisemitismus nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg recht gut in das dörfliche Leben integriert gewesen zu sein. Wie in vielen Dorfgemeinschaften üblich, hatten die strenggläubigen Juden Stein auch ihren „Schabbes-Goj“, einen Nichtjuden, oft ein Kind, der am Sabbat die Aufgaben erledigte, die streng rituell lebenden Juden nicht erlaubt waren. Ein Nachbarsjunge aus einem Maurerhaushalt übte damals bei Steins diese Funktion aus, wofür er hin und wieder ein Stück Fleisch für seine Familie erhielt. Er soll, so sein Neffe, auch mit einem der Kinder von Isaak Stein befreundet gewesen sein.[17]

Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Untere Wiesbadener Staße in Dotzheim, auch Dörrgasse genannt
Mit Genehmigung des Heimatmuseums Dotzheim

Über den jüngeren Sohn Julius liegen nur sehr wenige Informationen vor, aber immerhin ist es sicher, dass es ihm und seiner Familie gelang, ihr Leben vor den Nazis zu retten. Er hatte zunächst ganz traditionell eine Metzgerlehre absolviert und wohnte auch noch im Haus der Eltern, als er am 27. Dezember 1929 die aus Wiesbaden stammende jüdische Metzgerstochter Herta Berta Kessler heiratete.[18] In der Ehe wurden zwei Kinder geboren, zunächst Erich am 15. Juli 1930, dann noch Inge am 26. Juni 1933.[19] Als alle Wiesbadener Juden 1935 in das Jüdische Adressbuch aufgenommen wurden, lebte die Familie in der Roonstr. 9.[20] Wann sie von dort noch einmal in die Yorckstr. 23 gezogen war, so der Eintrag auf der Gestapokarteikarte, ist nicht bekannt. Eine weitere Notiz auf der Karte belegt, dass Julius Stein von Wiesbaden aus mit seiner Frau und den beiden Kindern die Reise nach Amerika antreten konnte.

Julius, Stein, Herta Stein, Alfred Stein, Paula Stein, Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Einbürgerung von Julius Stein in den USA
https://www.ancestry.de/interactive/2280/47294_302022005557_0572-00004?pid=6703963&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D2280%26h%3D6703963%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV941%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV941&_phstart=successSource&usePUBJs=true.

Irritierend ist allerdings das Datum. Es heißt da: „19.4.39 nach Amerika.“ Laut amerikanischem Einbürgerungsregister war die gesamte Familie jedoch bereits am 9. Juni 1938 über Holland vom französischen Le Havre aus mit dem Schiff ‚Manhattan’ in New York angekommen.[21] Der Eintrag auf der Gestapokarteikarte ist offensichtlich falsch, da die Zollfahndungsstelle Mainz bereits im Oktober 1938 die Devisenstelle darauf aufmerksam machte, dass zwei Söhne von Isaak Stein sich in Amerika befänden und deshalb die Gefahr bestehen würde, dass auch er auszuwandern beabsichtige.[22]

In den USA wurde Julius Stein am 25. September 1942 für den Militärdienst registriert.[23] Ob der damals 37jährige noch im Krieg eingesetzt wurde, wissen wir nicht. Über das Leben der Familie in Amerika ist ohnehin nur bekannt, das Julius mit nur 50 Jahren bereits im März 1955 verstarb.[24] Das Schicksal der übrigen Familienmitglieder ist bisher nicht aufgeklärt.

 

Bis zum Sommer 1937 war auch der ältere Alfred noch im Elternhaus in der Dörrstraße gemeldet. Er war aber – ganz gegen die Tradition – kein Metzger geworden, sondern hatte nach der Mittleren Reife eine kaufmännische Lehre im führenden Wiesbadener Kaufhaus Bormass absolviert. Offensichtlich hatte er sich aber auch handwerklich weitergebildet, denn als berufliche Tätigkeit gab er später an, neben dem Verkauf und dem Großhandel mit Feingeweben, auch deren Veredlung selbst durchgeführt zu haben.[25] Obwohl er weiterhin in Wiesbaden gemeldet war, lag das Geschäft in der Frankfurter Kaiserstr. 38.[26] Sein erzieltes Einkommen zwischen 1930 und 1938 war sehr unterschiedlich und entsprach in keiner Weise dem anderer jüdischer Geschäftsleute, die in diesen Jahren zunehmend unter Boykottaktionen zu leiden hatten. Waren es in den letzten Jahren der Republik im Durchschnitt etwa 1.000 RM, so steigerten sich seine Erträge 1933 auf 4.400 RM, 1937 sogar auf fast 11.000 RM und lagen auch 1938 mit etwa 5.000 RM noch weit über den ersten Zahlen.[27] Sein Gebiet, das er mit einem eigenen Auto bereiste, erstreckte sich weit bis nach Süddeutschland, bis nach Baden und der Pfalz.[28]

Im Januar 1937 verlegte Alfred Stein auch seinen Wohnsitz nach Frankfurt, zunächst war er unter der Geschäftsadresse Kaiserstr. 38 gemeldet, dann ab März in der Wolfgangstr. 28.[29] Dort wohnte er bis zu seiner Ausreise zusammen mit Paula Weil, geborene Junker, die er im März 1937 geheiratet hatte.[30] Sie hatte aus ihrer ersten Ehe mit Alfred Weil, der am 25. August 1934 in Frankfurt verstorben war, den Sohn Rolf Martin mit in die neue Ehe gebracht. Rolf, der am 12.Dezember 1929 in Frankfurt geboren worden war, wurde später von seinem Stiefvater adoptiert und nahm auch den Nachnamen Stein an. [31]

Trotz der noch guten Geschäfte hatte das Paar schon längst über eine Auswanderung nachgedacht, denn Alfred Stein war bereits 1936 ein Verfahren wegen Devisenvergehens angehängt worden, weil er nach Angabe des Oberfinanzpräsidenten Geschäfte mit ausländischen Firmen in England und in der damaligen Tschechoslowakei tätigte, die besonderen Genehmigungen bedurft hätten. Die Strafe betrug zwar „nur“ 500 RM, der Prüfer, der sich ansonsten nur lobend über die Buchhaltung der Firma äußerte, hatte eine Strafe unter 1.000 RM gefordert, aber Alfred Stein war klar, dass er seit diesem Zeitpunkt im Visier der staatlichen Behörden war.[32]

Aber unabhängig von seiner Person verschärften die Machthaber seit Winter 1937 und Frühjahr 1938 zusehends den Druck auf die jüdischen Geschäftsleute, im Besonderen auf diejenigen im Textilgewerbe, sodass viele sich zur Aufgabe ihrer Betriebe gezwungen sahen.[33] So auch Alfred Stein. Am 31. März 1938 teilte er dem Finanzamt Frankfurt mit, dass er seinen Gewerbebetrieb „mit dem heutigen Tage eingestellt“ habe.[34] Im April beantragte er die nötigen Unbedenklichkeitsbescheinigungen für die Ausstellung eines Reisepasses.[35]

Hinzu kam dann 1938 noch ein Verkehrsunfall, an dem ein Hitlerjunge sogar schuldhaft beteiligt war, der aber dennoch zur Bestrafung von Alfred Stein geführt hatte. Er befürchtete sicher nicht zu Unrecht weitere Verfolgungsmaßnahmen von NSDAPlern oder HJ-Gruppen und bereitete dann sehr schnell zunächst seine eigene Flucht vor. Per Zug fuhr er Ende Juni über die Grenze nach Holland, um dort auf die bereits beantragten amerikanischen Visen für die gesamte Familie zu warten. Seine Frau und der Stiefsohn folgten im drei Tage später in das Nachbarland. Etwa vier Wochen, bis zum Eintreffen der Visen, verbrachten sie in einem Hotel in Amsterdam. Am 27. Juli 1938 konnten sie gemeinsam mit dem Schiff ‚Statendam’ der ‚Holland-Amerika-Linie’ von Rotterdam nach New York ausreisen. Begleitet wurde die Familie Stein von einem weiteren Ehepaar Stein aus Wiesbaden, nämlich von Rudolf Stein und seiner Frau Ida, die in der Moritzstr. 35 eine Metzgerei betrieben hatten.[36]

Dass die Flucht schon länger geplant war, ergibt sich daraus, dass der Lift mit dem Hausrat und der Kleidung für die USA-Reise bereits im Juni von der Devisenstelle genehmigt worden war, nachdem eine Dego-Abgabe für neu angeschaffte Güter in Höhe von insgesamt 924 RM beglichen worden war.[37] Im August, als Steins bereits in den USA angekommen waren, erließ die Devisenstelle über Steins Anwalt aber noch eine Sicherungsanordnung, um die Vermögenswerte bei der Nassauischen Landesbank für den Reichsfiskus zu sichern.[38]

Aber nicht nur diese Gelder waren verloren, auch ein Großteil des Mobiliars und der Geschäftseinrichtung hatte man vor der Abreise noch schnell weit unter Wert verkauft.[39] Dennoch werden die finanziellen Mittel, die dem Paar zur Verfügung standen – Paula Stein hatte auch nicht unerhebliche Werte aus dem Nachlass ihres verstorbenen Mannes erhalten -,[40] diese schnelle Flucht erst möglich gemacht haben.

Alfred Stein, Paula Stein, Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Alfred Stein – Einbürgerungsurkunde der USA
https://www.ancestry.de/interactive/2280/47294_302022005557_0573-00416?pid=6430807&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D2280%26h%3D6430807%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV928%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV928&_phstart=successSource&usePUBJs=true.

In New York erging es Alfred Stein wie den meisten Geflüchteten. Sie waren zunächst arbeitslos oder auf kleine Jobs angewiesen. Nachdem Alfred Stein zunächst ein dreiviertel Jahr ohne eigenes Einkommen und vermutlich auf Unterstützung angewiesen war, arbeitete er anschließend etwa die gleich lange Zeit als Portier. Erst danach machte er sich als Produzent von Süßwaren mit einem kleinen Laden in New York selbstständig. Reich ist er in Amerika nicht mehr geworden. Schon am 1. März 1945 verstarb seine Frau Paula, er selbst am 14. Januar 1967.[41]

 

Als die Eltern Isaak und Dina Stein 1938 in Wiesbaden auch verpflichtet wurden, bei der Devisenstelle eine Vermögenserklärung abzugeben, wohnten sie in der Yorckstr. 23, dem Haus, in dem zuletzt auch ihr Sohn Julius mit seiner Familie gewohnt hatte.[42] Bereits 1931 waren sie aus ihrem Haus in der Dörrgasse aus- und in die Dotzheimer Friedrichstr. 4 umgezogen, um dann aber am Jahresende wieder zurück in die Dörrgasse zu ziehen. Die Hintergründe dieses Wohnungswechsels sind nicht nachzuvollziehen, standen aber vermutlich in einem Zusammenhang mit der Übertragung des Geschäfts an Isaaks Brüder Gustav und Julius Stein, der aber am Ende des Jahres ebenfalls wieder rückgängig gemacht wurde.[43] Ab November 1931 führten Gustav und Isaak Stein ihren Betrieb wieder gemeinsam durch die kommenden schweren Jahre. Es war angesichts der Vielzahl von Metzgereien in Wiesbaden sicher auch bisher nicht einfach gewesen, das Geschäft in der Gewinnzone zu halten und es erfolgreich durch die Krisenjahre der Republik zu führen. Jetzt nach der „Machtergreifung“ der Nazis waren die jüdischen Metzgereien diejenigen, gegen die sich die antisemitische Propaganda zuerst richtete. Der Zutritt zum Schlachthof wurde ihnen schon 1934 verwehrt und auf alte, nichtjüdische Kunden wurde erheblicher Druck ausgeübt.
So beschwerte sich im April 1935 der Dotzheimer Wirt des Lokals „Rebstock“ und früherer Kunde der Metzgerei Stein, A. Ehmig, beim NSDAP-Kreisleiter über eine vom Ortsgruppenleiter Kersting [44] gegen ihn gerichtete Aktion. Dieser habe seine Gefolgsleute zu einen Boykott gegen sein Gasthaus aufgefordert und auf der Straße vor seinem Lokal mit Ölfarbe die Worte „Kauft nicht bei Juden“ schreiben lassen. Ein ebenfalls auf den Asphalt aufgemalter Pfeil von seinem Haus zu dem seines jüdischen Nachbarn Isaak Stein stelle, so schrieb er, genauso wie das vor seinem Haus aufgestellte Plakat mit der Aufschrift „Judenknecht“ eine ungerechtfertigte Denunziation dar. Da die Aktion zudem im ‚Nassauer Volksblatt’ publiziert worden sei, liege sein Geschäft seitdem „förmlich danieder“. Er selbst sei Teilnehmer der „Bewegung“ und habe seit eineinhalb Jahren, seit den ersten Anschuldigungen gegen ihn, bei der Metzgerei Stein nichts mehr gekauft.[45] Diese Auseinandersetzung im ehemals eher „roten Dotzheim“ um den „Judenfreund“, den Wirt des früheren Treffpunkts von Sozialdemokraten und Kommunisten, der obwohl jetzt Mitglied in verschiedenen Massenorganisationen der NSDAP weiterhin ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem jüdischen Nachbarn pflegte, spiegelt exemplarisch die Stimmung und Zerrissenheit in dieser Zeit in einer solchen kleinen Gemeinde, in der jeder jeden kannte, wider. Zugleich offenbart sie die Widersprüchlichkeit im Verhalten derjenigen, die zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen den Geboten und Verhaltensnormen der neuen Machthaber auf der einen und alten Freundschaften und Bindungen und auf der anderen Seite zu lavieren versuchten, um bei aller Abneigung gegen das NS-Regime dennoch ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Noch mehr in Mitleidenschaft gezogen war durch die initiierten Boykottaktionen natürlich die Metzgerei Stein selbst. Man muss davon ausgehen, dass spätestens ab 1935 kaum mehr Umsätze getätigt werden konnten und man von dem leben musste, was in den vergangenen Jahren angespart worden war.[46] Das Geschäft in der Dörrstraße hatte nach seinen Angaben von Ende August 1935 leer gestanden, sei seit Februar 1936 an einen Nichtjuden vermietet, dem man das „Geschäfts-Inventar leihweise“ – was immer das heißen mag – überlassen habe.[47]
Abweichend davon gibt es eine Zeugenaussage, nach der die Metzgerei Stein noch bis 1938 geöffnet gewesen sein soll und erst nach einer Gewaltaktion geschlossen worden sei. In einem Interview mit Lothar Bembenek berichtete der Zeitzeuge Hermann Lerch: „Noch vor der Reichskristallnacht führten die Nazis ein Judenpogrom in Dotzheim durch. Sie hatten dem Metzger Stein, bei dem man noch ein Viertel Leber- und Blutwurst für 15 Pfennige bekam, die Scheiben eingeschlagen und Karbid in den Laden gegossen.“[48]

Diese Ungereimtheiten werden sich nicht mehr klären lassen. Möglicherweise hatten sich diese Ereignisse bereits 1937 zugetragen. Denn am 18. November 1937 zogen Isaak Stein und seine Frau aus Dotzheim weg in die Yorckstr. 23 im Wiesbadener Westend, vielleicht in der Hoffnung, hier solchen Angriffen nicht wieder ausgesetzt zu sein.[49]

Auch Isaak und Dina Stein begannen spätestens jetzt, ihre Ausreise vorzubereiten. Im Mai 1938 waren die nötigen steuerlichen Unbedenklichkeitsbescheinigungen beantragt worden.[50] Auch hatten sie begonnen Äcker zu verkaufen,[51] weshalb die Zollfahndung Mainz aufmerksam wurde und bei der Devisenstelle in Frankfurt auf eine Sicherungsanordnung drang. Isaak Stein war dort auch vorgeladen worden, hatte aber bestritten, irgendwelche Auswanderungsabsichten zu hegen. Wegen seines Gesundheitszustands glaubte er, ohnehin kaum Chancen auf ein Visum in die USA zu haben. Da aber damals bereits die beiden Söhne in den USA lebten, schenkte die Behörde seinen Einlassungen keinen Glauben und beantragte die Sicherungsanordnung.[52] Laut der im Sommer 1938 geforderten Vermögenserklärung besaßen Steins Stand 1. Januar 1937 etwa 30.000 RM, allerdings zum großen Teil in Grundstücken bzw. dem Haus in der Dörrgasse angelegt, aber auch Wertpapier von etwa 10.000 RM.[53] In den folgenden Jahren hatte sich das Vermögen aber beträchtlich vermindert. Welche Ausgaben neben der Judenvermögensabgabe, zu der sie mit insgesamt 4.000 RM herangezogen worden waren,[54] dabei eine Rolle spielten, geht aus der Aufstellung nicht hervor, aber die Auswanderung der beiden Söhne könnte eine Erklärung dafür sein.

Isaak Stein, Julius, Stein, Herta Stein, Alfred Stein, Paula Stein, Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Isaak Stein teil der Devisenstelle mit, dass er mit diesem Lan abgeschlossen hat
HHStAW 685 765b (136)

Rechtzeitig, kurz vor dem Kriegsausbruch, laut Eintrag auf ihrer Gestapokarteikarte am 9. August 1939, schafften es Isaak und Dina Stein noch, nach England auszureisen, nachdem die umfangreichen Umzugslisten im Juli bei der Devisenstelle eingereicht worden waren.[55] Dem Finanzamt hinterließ er die knappe Nachricht:
„Hiermit zur Kenntnis, daß ich abgereist bin.
Wiesbaden 10.8.39
Isaac Israel Stein“
[56]

Eine Internierung blieb ihnen in England erspart [57] und am 23. April 1943 konnten sie, beide inzwischen etwa 70 Jahre alt, von Liverpool in die USA zu ihren Söhnen ausreisen.[58]

 

Heiratsurkunte von Bertha Stein und Albert Lieber
Heiratsregister Dotzheim 2/1894

Isaaks Schwester Bertha, die 1901 in Dotzheim Albert Lieber geheiratet hatte,[59] fand mit ihrem Mann keinen Weg mehr in das sichere Ausland. Sie lebten beide in Gau-Odernheim in Rheinhessen, wo die antisemitische Stimmung schon sehr früh bedrohlichen Charakter angenommen hatte. Nicht nur entsprechende Schilder am Ortseingang, aufgestellt 1935, sondern auch Beschlüsse des Gemeinderates im gleichen Jahr, bedeuteten für die wenigen, noch Verbliebenen den sozialen, bald auch den ökonomischen Tod. Bis zur physischen Vernichtung blieben Bertha Lieber noch sieben Jahre.

Am 27. Juni 1942 wurde sie von Darmstadt in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, nachdem sie am Tag zuvor in einem Zug verhaftet worden war. Ihr Vergehen bestand darin, es gewagt hatte, sich mit einem Arier zu unterhalten. Drei Monate später, am 29. September, wurde sie in dem Frauenlager Ravensbrück ermordet. Noch vor ihrem Tod kassierte die Gestapo am 29. Juli 185 RM aus dem Erlös für verkaufte Möbel – es war offensichtlich klar, dass sie nicht zurückkommen würde. Ein Jahr später beschlagnahmte die Finanzverwaltung den Erlös vom Verkauf des Hauses und die örtliche NSDAP die Einnahmen von 155 RM aus dem Verkauf des restlichen Mobiliars. [60]

 

Auch Gustav, das vierte Kind von Joel und Rebekka Stein, fiel dem Holocaust zum Opfer. Geboren am 20. Juni 1881 heiratete er, der entsprechend der familiären Tradition ebenfalls Metzger geworden war, am 17. November 1909 in Groß-Bieberau die von dort stammende Mina Meyer, Tochter des Kaufmanns Meyer Meyer und seiner Frau Regina, geborene Darmstädter.[61] Die Eltern der Braut waren aktive Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde, die zeitweise mehr als fünf Prozent der Bewohner des Ortes im heutigen Kreis Darmstadt-Dieburg stellte. Meyer Meyer gehörte dem Vorstand an und seine Frau leitete den israelischen Frauenverein.[62] Die Neuvermählten blieben aber in Dotzheim, im Heimatort von Gustav Stein, wo sie zusammen mit dem Bruder Isaak und dessen Frau Dina in deren Haus in der Dörrgasse 13 die Metzgerei und einen Viehhandel betrieben. Sie selbst wohnten aber in der Dotzheimer Friedrichstr. 3. Am 19. Oktober 1910 wurde dort ihr Sohn Arthur, ihr einziges Kind, geboren,[63] der abweichend von der Tradition eine Ausbildung im Bankgewerbe absolvierte. Nach späteren Aussagen seines Sohnes war sein Vater während des Ersten Weltkriegs als Soldat eingezogen. Das hat ihn, wie alle anderen jüdischen Kriegsteilnehmer nicht davor bewahrt, später als „Volksfeind“ denunziert zu werden.

Vom Niedergang der Metzgerei und des Viehhandels war er genauso betroffen, wie sein Bruder Isaak, mit dem er das Geschäft über viele Jahre gemeinsam betrieben hatte. Auch seine Einkünfte werden spätestens seit Beginn der 30er Jahre erheblich zurückgegangen sein. Immerhin hatte aber das frühere Einkommen ausgereicht, um im Laufe der Jahre ein schmales finanzielles Polster ansparen zu können. Es handelte sich um ein kleines, 1934 angelegtes Depot mit verschiedenen Wertpapieren, deren Wert 1940 gegenüber dem Oberfinanzpräsidenten mit etwa 1.200 RM veranschlagt wurde. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Gustav Stein schon keinen Zugriff mehr auf die Papiere, die bereits 1939 durch eine Sicherungsanordnung seiner freien Verfügung entzogen worden waren.[64] Man hatte ihm einen Freibetrag von zunächst 300 RM zugestanden, diesen Betrag aber ab Juni 1940 auf 240 RM herabgesetzt.[65]

Gustav Stein,Julius, Stein, Herta Stein, Alfred Stein, Paula Stein, Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Gustav Stein an die Devisenstelle
HHStAW 519/3 7866 (1)

Um diese Zeit muss es dem Ehepaar finanziell schon sehr schlecht gegangen sein. Sein Bruder Isaak, der inzwischen ausgewandert war, hatte ihm noch einen Betrag von 1.000 RM zurückgelassen, wie er der Devisenstelle am 13. Oktober 1939 mitteilte.[66] Er bat darum, monatlich 100 RM zum Lebensunterhalt davon verwenden zu dürfen, was ihm genehmigt wurde. Als er im Juni 1940 verpflichtet wurde, eine Vermögenserklärung abzugeben, besaß er ungefähr 2.900 RM, die er aber nur im Rahmen des ihm gewährten Freibetrags nutzen konnte.[67]

Zu diesem Zeitpunkt waren Gustav und seine Frau Mina die letzten dieses Familienzweigs, die noch in Wiesbaden lebten. Zwar ist nicht bekannt, wann genau ihr Sohn Arthur Deutschland verlassen hatte. Aber es liegen verschiedene Dokumente vor, die es ermöglichen, seine Flucht zumindest grob zu rekonstruieren. Der früheste Beleg für seine Auswanderung stammt vom November 1939. Die dafür zuständige Behörde in England beschloss, dass Arthur, der damals in Hamstead wohnte und als Trainee bei einer dortigen Bank arbeitete, nicht interniert werden müsse.[68] Noch im gleichen Monat konnte der 29jährige ein Ticket für eine Überfahrt auf dem Schiff ‚Husimi Maru’ in die USA erwerben.[69] Nach seiner Ankunft am 2. Dezember 1939 ließ er sich in New York nieder, wurde auch für die amerikanische Armee registriert und 1940 Bürger der USA.[70]
Über die letzten beiden Lebensjahre der Eltern liegen keine Informationen oder Dokumente mehr vor. Sie wurden mit dem Transport vom 10. Juni 1942 über Lublin in die Gaskammern von Sobibor verbracht und ermordet. Ihr verbliebenes Vermögen eignete sich der Fiskus des Deutschen Reiches an. Am 20. November 1953 wurde vom Amtsgericht Wiesbaden der Zeitpunkt ihres Todes auf das Datum des Kriegsendes, den 8. Mai 1945, festgesetzt.[71]

Anders als seinem älteren Bruder gelang es dem am 20. April 1883 zuletzt geborenen Julius, der Shoa nicht zum Opfer zu fallen.[72] Er war auch nicht, wie seine älteren Brüder, Metzger, sondern Kaufmann geworden. Dieser Beruf ist in seiner Heiratsurkunde angegeben, die am 17. Juli 1919 in Rüdesheim erstellt wurde. Dort hatte er die am 13. Juli 1892 geborene Rosalie Rita Münzner geheiratet, Tochter des Kaufmanns Bernhard Münzner und seiner Frau Emma, geborene Blum,[73] die in Rüdesheim ein Geschäft für „Galanterie- und Luxuswaren“ betrieben.

Alfred Stein, Paula Stein, Julius Stein, Joel Stein, Gustav Stein, Isaak Stein, Dotzheim Metzger, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Kennkarte für Julius Stein
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20384/Dotzheim%20KK%20MZ%20Stein%20Julius.jpg

Diese Ehe war für Julius Stein allerdings bereits die zweite, denn zuvor war er in Mainz mit Cecilia Kallmann verheiratet gewesen. Seine erste Frau war aber schon 1910 im Alter von nur 25 Jahren verstorben. Aus dieser Ehe war neben einer Tochter, über die keine weiteren Informationen vorliegen, am 23. Oktober 1909 der Sohn Paul hervorgegangen.[74] Elf Jahre später, am 12. Dezember 1920, kam in der Ehe mit Rita Münzner der zweite Sohn Günther ebenfalls in Mainz zur Welt.[75] Julius Stein besaß dort ein Wäschegeschäft an der Ecke Schuster- / Flachsmarktstraße. Die Familie wohnte aber zunächst in der Kaiserstraße, später in der Christophsstr. 2. Beide Söhne genossen eine höhere Schulausbildung, der ältere Paul besuchte das Realgymnasium, anschließend das humanistische Gymnasium und zuletzt noch die Handelsschule in Wiesbaden. In Deutschland hatte er zuletzt in Krefeld gelebt, wo er wohl auch seine zukünftige Frau, die von dort stammende Susan Rosenzweig kennen gelernt hatte. Vermutlich war er dort in einer der vielen Textilbetriebe angestellt, bevor er unmittelbar nach der „Machtübernahme“ der Nazis nach Holland floh. 1937 oder 1938 konnte er dann in die USA einreisen.[76] Ob Susan Rosenzweig ihn damals schon auf der Flucht begleitete, ist nicht ganz klar. Am 20. November 1938 haben beide in New York die Ehe geschlossen.[77] Von dort aus konnten sie nun auch den übrigen Familienmitgliedern den Weg in die Emigration ebnen.

Günther war zunächst Schüler der Oberrealschule, besuchte aber zuletzt die jüdische Bezirksschule in Mainz, die im April 1934 im Gebäude der Synagoge in der Hindenburgstraße eröffnet worden war.[78] Nach seinem Schulabschluss begann er noch eine Lehre bei der Weinhandlung Wilhelm Wild in der Kaiserstraße. Das war aber eine durch die politische Situation bedingte Notlösung. Eigentlich hatte auch er eine Lehre in der Textilbranche machen wollen, wo nicht nur sein Vater und Großvater mütterlicherseits tätig waren, sondern auch ein Onkel in Berlin namens Julius Klippstein, der Produzent des über viele Jahrzehnte sehr erfolgreichen so genannten „Kleppermantels“.

Vermutlich war der Entschluss von Julius Stein und seiner Familie, Deutschland ebenfalls zu verlassen, schon früher gefallen, aber nach der Pogromnacht 1938, in der auch ihr Geschäft und ihre Wohnung angegriffen und demoliert worden waren, werden Steins die notwendigen Schritte forciert haben. Eine im März 1939 in Mainz ausgestellte Kennkarte für Julius Stein ist Beleg dafür.[79]

Nach einem Zwischenaufenthalt in England konnte er sich mit seiner Frau nach Amerika einschiffen. Am 27. März 1940 erreichten sie von Liverpool aus mit dem Schiff ‚Georgie’ den sicheren Hafen von New York.[80] In der Bronx wurden sie bei ihrem inzwischen verheirateten Sohn Paul, der dort als Angestellter in einem Textilunternehmen arbeitete, aufgenommen.[81] Auch Günther, der in den USA den Vornamen Gilbert annahm, ist auf dem Zensus-Formular von 1940 mit dieser Adresse eingetragen. Auf der Passagierliste der ‚Georgie’ fehlt er allerdings. Es ist nicht bekannt, ob er bereits zuvor oder erst später in die USA ausgereist war. Im Februar 1942 trat er in die amerikanische Armee ein, um seinen Beitrag zur Zerschlagung der faschistischen Diktaturen in Europa zu leisten.

Julius Stein, der am 22. Januar 1946 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt,[82] verstarb bald nach Kriegsende im Jahr 1946 im Alter von 63 Jahren in New York, seine Frau am 21. Oktober 1967 ebenfalls in New York.[83]

Die beiden Brüder bzw. richtiger: Halbbrüder Paul und Gilbert Stein waren 1991 mit ihren Frauen zur ersten Begegnungswoche überlebender Juden aus Mainz in ihre alte Heimatstadt zurückgekommen. Es müssen sehr bewegende Begegnungen und Gespräche gewesen sein, die die Exilierten mit ihren Leidensgenossen, aber auch mit den Mainzer Bürgern führten.[84] Gilbert Stein und seine Frau verstarben zehn Jahre später in Hallandale in Florida, wo er zuletzt das Amt des Bürgermeisters inne hatte.[85] Lotte Clara Stein starb am 15. Oktober 2001, ihr Mann nur wenige Wochen später am 28. Dezember 2001.[86]

Auch Paul lebte zuletzt in Florida, wo er am 26. Oktober 2004, seine Frau am 24. März 2010 verstarben.[87]

 

Über Regina, das dritte Kind von Abraham und Sarah Stein, geboren am 15. April 1849, hat die bisherige Recherche wiederum nur wenige Informationen hervorgebracht. Sie hatte am 12. Juni 1877 den Handelsmann und Metzger Daniel Hermann aus Obertiefenbach geehelicht.[88] Am 25. Februar 1880 war ihnen in Laufenselden die Tochter Emma geboren worden.[89] Die Eltern waren vermutlich zeitlebens in Laufenselden geblieben und dort in den Metzgereibetrieb der Familie eingebunden gewesen. Beide verstarben noch in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, Regina Hermann am 7. Februar 1921, ihr Mann am 9. September des gleichen Jahres.[90]

Auch die Tochter Emma hatte wie in der Familie meist üblich einen Metzger namens Adolf Brück aus dem Alsenz bei Kirchheimbolanden geheiratet. Die Ehe war am 11. Mai 1918 in Frankfurt geschlossen worden,[91] wo beide damals auch wohnhaft waren. Wann das Paar in die Umgebung von Mainz bzw. in die Stadt selbst umgezogen war, konnte nicht geklärt werden, aber von dort wurden Emma und Adolf Brück am 25. März 1942 in das Ghetto Piaski deportiert.[92] Wann sie den unmenschlichen Lebensbedingungen dort zum Opfer fielen, ist nicht bekannt.

 

Isaak, auch Isaai genannt, das jüngste Kind von Abraham und Sarah Stein ist derjenige, durch den sich der Bezug der Familie Stein zu den Wiesbadener Judenhäuser ergibt, wenngleich er selbst bereits viele Jahre zuvor, sogar noch vor dem Ersten Weltkrieg verstorben war. Es waren drei seiner Töchter, die im Haus in der Herrngartenstr. 11 die letzten Monate bzw. Jahre vor ihrer Ermordung verbrachten.
Isaak Stein war am 10. Juli 1850 wie seine Geschwister in Laufenselden geboren worden. Am 19. Dezember 1876 hatte er Dora Klara Herrmann aus Nieder-Ingelheim geheiratet. Sie, am 24. Januar 1849 geboren, war die älteste Tochter des Handelsmanns Wolfgang Herrmann und seiner Frau Besche / Berle / Babette, geborene Kahn.[93] Ihr folgten noch die weiteren Kinder Bernhard, Lisette und zuletzt Leopold. Vermutlich in der Folge dieser letzten Geburt verstarb die Mutter im Dezember 1858, zwei Wochen nach der Niederkunft, im Alter von 38 Jahren.[94]

In der Ehe von Isaak und Klara Stein wurden sogar zehn Kinder geboren, aber nur vier erreichten das Erwachsenenalter, von den übrigen sechs wurde nur Lina wenigstens ein Jahr alt.[95] Der Tod war in der Familie allgegenwärtig. Man kann heute kaum mehr ermessen, wie sehr das familiäre Leben durch diese sich wiederholenden tragischen Ereignisse geprägt wurde. Anna, das vierte Kind, geboren am 3. April 1881, war nach drei frühkindlichen Sterbefällen das erste, das am Leben blieb. Von den folgenden Kindern überlebten Ludwig, geboren am 30. Januar 1884, Ida, geboren am 10. Oktober 1885 und Auguste, die am 7. Dezember 1890 wie alle ihre Geschwister noch in Nieder-Ingelheim zur Welt gekommen war.[96] Umso tragischer, dass alle vier Überlebenden später dem Holocaust zum Opfer fielen oder ihre Spuren sich in dieser Zeit verlieren.[97]

Im Juli 1892 zog Isaak Stein mit seiner Frau Klara und den vier noch lebenden Kindern nach Dotzheim, wo sich früher bereits sein Bruder Julius / Joel niedergelassen hatte und am Römerberg 170, später Römergasse 8, seine Metzgerei betrieb. Isaak Stein bezog das Haus in der Obergasse 15 und richtete dort ebenfalls eine Metzgerei und Viehhandlung ein. Nicht ausgeschlossen ist aber, dass das Geschäft gemeinsam betrieben wurde, Isaak möglicherweise sogar nur bei seinem Bruder angestellt war. Die Geschäfte müssen in dieser Zeit recht gut gelaufen sein, denn im Wiesbadener Adressbuch von 1894/95 ist Isaak Stein erstmals auch als Eigentümer des Hauses in der Obergasse, in der die sechsköpfige Familie wohnte, registriert.

Über das weitere Leben der Familie in Dotzheim, aber auch in Wiesbaden liegen kaum Informationen vor. Ab 1897 ist Isaak Stein auch nicht mehr im Dotzheimer Adressbuch aufgeführt.[98] Die Familie war in die Stadt Wiesbaden verzogen und hatte in den folgenden Jahren immer wieder die Wohnungen gewechselt.[99]

Isaak Stein verstarb am 2. März 1904 in der Albrechtstr. 11,[100] seine Frau Klara am 1. März des Jahres 1930 in der Albrechtstr. 34, wohin sie nach dem Tod ihres Mannes verzogen war.[101]

Erst aus dem Jüdischen Adressbuch von 1935 erfährt man, dass zu diesem Zeitpunkt alle Kinder noch in Wiesbaden wohnten und damals wohl auch noch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen konnten.

Ludwig, der auch den Metzgerberuf erlernt hatte, war beim Tod des Vaters gerade zwanzig Jahre alt und nicht imstande, das väterliche Geschäft alleine weiterzuführen, sofern dieses damals überhaupt noch existiert hatte. Stattdessen war er offensichtlich als Mitarbeiter in die Metzgerei von Rudolf Stein eingetreten, der in der Moritzstr. 35 seinen Betrieb hatte. Der ledige Ludwig war 1935 auch unter dieser Adresse gemeldet.[102] Danach verlieren sich seine Spuren. Weder gibt es in Wiesbaden einen Sterbeeintrag für ihn, noch liegt ein Hinweis vor – etwa ein Antrag auf Entschädigung -, dass er Deutschland zwischen 1935 und 1942 verlassen und irgendwo überlebt hätte.[103] Unter den Namen der Opfer des Holocaust ist er aber ebenfalls nicht zu finden, insofern muss sein Schicksal hier offen bleiben.

 

Auguste Stein, die im Wiesbadener Adressbuch von 1934/35 erstmals als Bewohnerin der Herrngartenstr. 11 ausgewiesen ist, hatte zuvor in der Albrechtstr. 34 im ersten Stock gelebt, da wo bis zu ihrem Tod auch die Mutter gewohnt hatte. Ihr Umzug kann zu dieser Zeit kaum behördlicherseits erzwungen worden sein. Einen eigenen Eintrag für die beiden Schwestern Anna und Ida gibt es in den Wiesbadener Adressbüchern in diesen Jahren nicht. Vermutlich waren sie weiterhin in der Albrechtstr. 34 wohnhaft, wo zumindest Anna laut Jüdischem Adressbuch 1935 auch noch lebte. Ida war möglicherweise eine zeitlang von Wiesbaden weggezogen, denn sie ist darin nicht aufgeführt.

Auguste Steins Beruf ist im Jüdischen Adressbuch und auch auf ihrer Gestapokarteikarte mit „Modistin“, also Hutmacherin für Damen, angegeben. Die überlieferten Unterlagen lassen offen, ob sie diese Tätigkeit selbständig oder als Angestellte ausgeübt hatte. Als 1940 die Devisenstellen begannen, die Einkommens- und Vermögensverhältnisse der jüdischen Bevölkerung systematisch zu kontrollieren und zu diesem Zweck allen ein entsprechendes Formular zuschickten, das ausgefüllt der Behörde zurückgesandt werden musste, teilte sie dieser mit, über keinerlei Vermögen zu verfügen. Ihren Unterhalt verdiene sie damit, dass sie jüdischen Auswanderinnen die beruflichen Kenntnisse einer Putzmacherin vermittle, damit diese in ihrer neuen Heimat eine berufliche Qualifikation vorweisen könnten. Damit verdiene sie im Jahr etwa 920 RM. Man gewährte ihr daraufhin einen Betrag von monatlich 200 RM, über den sie frei verfügen konnte,[104] Dieser kurze Briefwechsel mit der Behörde ist das einzige, was von ihrem Leben erhalten geblieben ist.

Als Auguste Stein den Brief der Devisenstelle erhielt, hatte sie inzwischen auch ihre beiden Schwestern bei sich aufgenommen. Am 1. Juni 1940 hatte der Zellenwart, der für die obere Bahnhof-, die untere Adelheid- und die Herrngartenstraße zuständig war, dem NSDAP-Ortsgruppenleiter Süd Auskunft über die in seinem Bezirk lebenden Juden gegeben. In der 2-Zimmerwohnung von Auguste Stein waren zu diesem Zeitpunkt drei Personen gemeldet.[105] Wann Ida und Anna Stein eingezogen waren, ist nicht bekannt. Auf ihren Gestapokarteikarten fehlen entsprechende Datumseintragungen. Nach den Unterlagen der Volkszählung vom Mai 1939 waren Ida und Anna aber bereits zu diesem Zeitpunkt Bewohner der Herrngartenstr. 11.[106] Zwar kann der Einzug dort zu diesem frühen Zeitpunkt kaum unmittelbar durch Einweisung erzwungen worden sein, aber die Gewalt der Umstände, der Verlust ihrer bisherigen Wohnung oder auch die geringen finanziellen Mittel könnten den Wohnungswechsel begründet haben. Vielleicht wollten die Schwestern in der Zeit der zunehmenden Bedrückung auch nur zusammen sein, um sich gegenseitig stützen.

Anna Stein, die früher als Stoffhändlerin ihren Lebensunterhalt verdiente, hatte das übliche Schreiben der Devisenstelle erst im August 1940 erhalten. Auch sie hatte in einem knappen Brief der Behörde mitgeteilt, kein Vermögen zu besitzen und nur durch kleine Hilfstätigkeiten – „Stunden-Hilfe“ – im Jahr ungefähr 380 RM zu verdienen.[107] Für Ida Stein hatte die Devisenstelle offensichtlich nicht einmal eine Akte angelegt. Ob die ehemalige Verkäuferin im Jahr 1940 noch irgendwelche Einkünfte hatte, ist daher nicht zu sagen. Angesichts dieser finanziellen Situation sah die Devisenstelle keine Veranlassung, die drei Schwestern zur Anlage eines Sicherungskontos zu zwingen. „Devisenvergehen“ waren hier nicht zu erwarten. In welcher prekären Situation die Schwestern mit ihrem geringen Jahreseinkommen gewesen sein werden, wird noch deutlicher, wenn man alleine die monatliche Miete von rund 46 RM in Betracht zieht.[108]

Möglicherweise wohnte für sehr kurze Zeit auch Gertrud, die am 8. November 1890 geborene jüngste Schwester von Rudolf Stein, in der Herrngartenstr. 11. Sie hatte zumindest seit 1939 in der Rauenthaler Str. 6 eine Unterkunft, war aber dann im Spätsommer des Jahres umgezogen. Bei der Devisenstelle in Frankfurt muss es bezüglich ihrer Person zu Unklarheiten gekommen sein, denn im August 1939 waren gleich zwei Devisenakten für sie angelegt worden, einmal mit ihrer bisherigen Adresse, die andere mit der Herrngartenstr. 11.[109] Das Schreiben der Behörde an die letztgenannte Adresse konnte jedoch nicht zugestellt werden, da sie dort nicht bekannt war, was die Behörde zu einer Nachfrage bei der Wiesbadener Polizei veranlasste. Die Antwort der Polizeibehörde ist nicht ganz eindeutig: „Nach Feststellung im Hause Herrngartenstrasse 11 wohnt Gertrud Sara Stein jetzt Nerostrasse 42.“[110]Jetzt“ könnte bedeuten, dass sie tatsächlich einmal dort wohnte, wahrscheinlicher ist aber, dass man sie in Frankfurt mit Ida verwechselt hatte, für die ja keine Devisenakte angelegt worden war. In der Nerostr. 42, wohnte Gertrud Stein seit dem 1. Dezember 1939 zusammen mit ihrem ledigen Bruder Isidor, finanziell in der gleichen prekären Lage wie die drei verwandten Schwestern in der Herrngartenstraße. In einem Brief an die Devisenstelle schrieb sie am 11. Oktober 1940, dass weder sie noch ihr Bruder Vermögen besäßen. Sie seien auf den Verdienst des Bruders, der bei der Gartenbaufirma Fischter arbeite, angewiesen – zu diesem Zeitpunkt ganz sicher als Zwangsarbeiter mit sehr geringem Einkommen. Da sie zudem nicht gesund sei, erhalte sie von ihrer in Frankfurt in einem Haushalt tätigen Schwester Karolina, genannt Lina, monatlich weitere 15 bis 20 RM.[111] Karolina Stein, wurde am 11./12. November 1941 von Frankfurt aus in das Ghetto Minsk verbracht und blieb verschollen.

Die Geschwister Stein aus der Herrngartenstr. 11 und Gertrud Stein aus der Nerostr. 42, kein Judenhaus, wurden zusammen am 10. Juni 1942 von Wiesbaden aus mit dem zweiten großen Transport über Frankfurt nach Lublin deportiert. Nach einem kurzen Aufenthalt auf dem dortigen Bahnhof, wo einige der arbeitsfähigen Männer selektiert wurden, brachte der Zug seine übrige „Fracht“ weiter zu den seit Mai 1942 funktionsfähigen Gaskammern von Sobibor. Ihre Leichen, die zuvor von Gefangenen mit einer eigens dafür gebauten Lorenbahn weggeschafft werden mussten, wurden in Massengräbern verscharrt. Ein genaues Todesdatum gibt es von keinem der Opfer.

 

Veröffentlicht: 06. 06. 2020

 

<< zurück                              weiter >>


 

Anmerkungen:

 

1] Sterberegister Laufenselden 14 / 1884. Ob auch sein Vater Joel Abraham dort bereits wohnhaft war, ist nicht bekannt.

[2] Sterberegister Laufenselden 9 / 1907.

[3] Datenbank Jüdische Bürger Wiesbadens des Stadtarchivs Wiesbaden, dazu Sterberegister Dotzheim 23 /1911.

[4] Heiratsregister Laufenselden 10 / 1877.

[5] Heiratsregister Nieder Ingelheim 20 / 1876.

[6] Sterberegister Laufenselden 9 / 1907. Die Todesnachricht überbrachte der Metzger Daniel Hermann, der Ehemann von Johannettes Schwester Regina.

[7] Das hat zur Folge, dass das Schicksal dieses Familienzweigs auf Grund der vorhandenen Dokumente aus den Entschädigungsverfahren recht gut zu rekonstruieren ist, das der Familie von Isaak Stein und seinen Töchtern, den Bewohnerinnen des Judenhauses jedoch nur sehr vage.

[8] Nicht zu verwechseln ist dieser Julius / Joel mit einem anderen Julius / Joel Stein, der ebenfalls aus Laufenselden stammte, ebenfalls Metzger war und durch Heirat auch einen Bezug nach Wiesbaden hatte. Dieser Julius / Joel war am 29.5.1853 als Sohn von Raphael Stein und seiner Frau Karoline, geborene Rosenthal, geboren worden. Er heiratete am 13.11.1877 Jette Hess aus Breckenheim, Tochter von Isaak und Karoline Hess, geborene Manche / Maier, siehe Heiratsregister Laufenselden 13 / 1877. Es könnte sein, dass Raphael Stein ein Bruder von Abraham Stein war, einen Beleg dafür gibt es allerdings bisher nicht. Dass sie miteinander verwandt waren, ist aber sehr wahrscheinlich. Siehe dazu unten. Ein Sohn dieses Joel Stein war später zusammen mit einem Enkel von Joel Stein aus Dotzheim in die USA ausgereist.

[9] HHStAW 365 / 915 (119). Rebekka Lachenbruch war am 4.4.1845 in Wolfskehlen geboren worden.

[10] Sterberegister Dotzheim 2 / 1894.

[11] HHStAW 365 / 915 (60).

[12] Heiratsregister Dotzheim 45 / 1901

[13] Ebd.

[14] Sterberegister Dotzheim 23 /1911.

[15] Nur in den Jahren 1904 bis 1906 sind Metzgereien in der Römergasse 8 und der Dörrgasse 13 in den Adressbüchern zu finden. Die Pferdehandlung erscheint allerdings auch weiterhin unter der Adresse Römergasse 8, lief auch noch immer unter Joel Stein, obwohl dieser bereits verstorben war. Vermutlich hatte man nur versäumt, den Eintrag im Adressbuch streichen zu lassen.

[16] Für Alfred siehe HHStAW 518 81692 (1), für Julius Geburtsregister Dotzheim 204 / 1904.

[17] Schwalbach, Rolf, Die Dotzheimer Juden. Versuch einer Spurensuche, Wiesbaden-Dotzheim 2010, S. 22. Die Mutter des Autors und Schwester des „Schabbes-Goj“ soll später immer wieder in ihrem typisch Dotzheimer Idiom gesagt haben: „Die Steins warn gute Leut.“

[18] Heiratsregister Wiesbaden 1042 / 1929. Sie war am 23.11.1906 geboren worden, ihr Vater Hugo Kessler besaß in der Helmundstr. 22 eine Metzgerei und eine Pferdehandlung. Die Mutter von Herta, Emma Kessler, geborene Kahn, war bereits 1916 verstorben. Hugo Kessler wurde, wie seine zweite Frau Lina, geborene Mayer, am 10.6.1942 deportiert und in Sobibor ermordet.

[19] Geburtsregister Wiesbaden 899 / 1930 und 665 / 1933.

[20] Eigenartigerweise ist aber hier, im Unterschied zu Frau und Kindern, für Julius Stein selbst die Anschrift Wellritzstr. 55 angegeben, im allgemeinen Wiesbadener Adressbuch von 1935 ist er aber mit der Metzgerei als Bewohner der Roonstr. 9 notiert.

[21] https://www.ancestry.de/interactive/2280/47294_302022005557_0572-00004?pid=6703963&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?db%3DNYNaturalizationPetitions%26h%3D6703963%26indiv%3Dtry%26o_cvc%3DImage:OtherRecord&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true. (Zugriff: 26..5.2020).

[22] HHStAW 685 765a (3).

[23] https://www.ancestry.de/interactive/2238/44027_01_00137-00100?pid=193299003&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?db%3DYMDraftCardsWWII%26h%3D193299003%26indiv%3Dtry%26o_cvc%3DImage:OtherRecord&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&usePUBJs=true. (Zugriff: 26..5.2020).

[24] https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv=1&dbid=60901&h=800252469&tid=&pid=&usePUB=true&_phsrc=ryV1041&_phstart=successSource. (Zugriff: 26..5.2020).

[25] HHStAW 518 81692 (42).

[26] Ebd. (29, 30). Nicht eindeutig sind die Angaben, seit wann das Geschäft bestand, da verschieden Geschäfte von Alfred Stein unter dieser Adresse angemeldet wurden. Die erste Anmeldung vom 10.12.1930 war nur eine Vertretung für Wäsche und Textilien, ein Großhandel und die Anfertigung eigener Wäschestücke begann am 1.3.1934, wurde aber ein Jahr später wieder eingestellt. Im späteren Entschädigungsverfahren gab Alfred Stein an, dass die Firma bereits seit 1928 in Frankfurt bestanden hätte, ebd. (68).

[27] Ebd. (o.P.) Die Zahlen stammen vom Finanzamt Frankfurt.

[28] HHStAW 519/3 34584 (6).

[29] HHStAW 518 81692 (62).

[30] HHStAW 676 2553 (96).

[31] Paula Stein war am 10.8.1906 in Frankfurt geboren worden, siehe HHStAW 518 81692 (64, 104).

[32] Zum gesamten Vorgang siehe HHStAW 519/3 34584 (passim).

[33] Siehe dazu Barkai, „Entjudung“, S. 128 ff. und 138 ff.

[34] HHStAW 676 2553 (106).

[35] Ebd. (109).

[36] HHStAW 518 81692 (64). Siehe Passagierliste der ‚Statendam, https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_6191-0694?pid=23617160&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7488%26h%3D23617160%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV910%26_phstart%3Dsuccess. (Zugriff: 24.6.2020). Rudolf Stein war der Sohn des zweiten Joel Stein aus Laufenselden, der mit Jette Hess aus Breckenheim verheiratet war. Diese Steins ließen sich später in Chicago nieder.

[37] HHStAW 519/3 9686 (1-4), dazu 518 81692 (18). Der Lift mit den Gütern scheint in den USA angekommen zu sein, denn Alfred beantragte später im Entschädigungsverfahren einen Ausgleich für die in New York angefallenen Lagerkosten für das Umzugsgut, da er zunächst noch keine Wohnung hatte. Der Lift war 14.11.1938 versand worden, siehe HHStAW 518 81692 (35, 37). Dem gegenüber ist in den Devisenakten ein Schreiben, laut dem die Gestapo den Lift sowohl von Alfred, als auch von Moritz Stein hatte beschlagnahmen lassen, weil gegen sie ein Ausbürgerungsverfahren beantragt sei. Offensichtlich war diese Beschlagnahmung aber erst beantragt worden – die Verfügung stammt vom 26.4.1939 -, nachdem die Fracht bereits verschifft worden war, siehe HHStAW 519/3 9686 (17).
Nicht uninteressant sind die literarischen Werke, die im Gepäck waren. Man findet darunter 4 Bände von Heines Werken, Jacob Wassermann, Tolstoi und andere Klassiker, aber auch den Roman Wallstreet von Upton Sinclair.

[38] Ebd. (7-9).

[39] HHStAW 518 81692 (41).

[40] HHStAW 676 2553 (3).

[41] HHStAW 518 81692 (103, 173).

[42] HHStAW 685 765a (1, 83).

[43] In einer Notiz in der Einkommensteuererklärung von 1931 schreibt Isaak Stein: „Ich bemerke, dass ich die Metzgerei allein vom 1. Januar bis 15. Mai und vom 15. November bis 31. Dezember 1931 gemeinschaftlich mit meinem Bruder Gustav Stein geführt habe. Vom 15. Mai bis 15. November waren die Inhaber Julius und Gustav Stein.“ HHStAW 685 765a (14). In einem Schreiben vom 31.8.1931 an das Finanzamt Wiesbaden hatte er diesem den Eigentumswechsel zum 15. Mai 1931 schon einmal mitgeteilt, ebd. (82). Auch wenn die Formulierungen nicht sehr präzise sind, so scheint es doch so, als sei er zumindest bis zum 15. Mai alleiniger Inhaber der Metzgerei gewesen. Unklar ist, ob das auch in der Zeit davor, vielleicht sogar in den Jahren davor der Fall gewesen war.

[44] OGL Kersting hatte in Dotzheim bei der NSDAP-Kreisleitung und bei der Gestapo etwa 20 Bewohner wegen antinazistischer Tätigkeit denunziert und um deren Verhaftung nachgesucht, siehe HHStAW 483 10247 (Register S. 6).

[45] Ebd. (72-75).

[46] 1939 gab Isaak Stein im Zusammenhang mit seinem Antrag auf eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung an, in den Jahren 1931 bis 1936 folgendes Einkommen gehabt zu haben: 1931 noch fast 5.000 RM, 1932 und 1933 etwa 3.400 RM, 1934 nur noch 2.500 RM. In den folgenden beiden Jahren halbierte sich das jährliche Einkommen jeweils, sodass es 1936 nur noch 750 RM betrug. Die Zahlen werden mehr oder weniger auch für seinen Bruder Gustav Stein gültig gewesen sein. Siehe HHStAW 685 765a (8).

[47] HHStAW 685 765a (63). Laut Jüdischem Adressbuch war 1935 dennoch ein Lehrling namens Josef Wolff im Betrieb tätig und auch als Mitbewohner in der Dörrstraße gemeldet.

[48] Bembenek / Bickel, Kein deutscher Patriot mehr, S. 32. Bembenek schreibt allerdings auch, dass es seit „Mitte 1938, wahrscheinlich aber schon 1937 im zentralen Stadtbereich keine jüdischen Metzger mehr (gab)“.

[49] HHStAW 685 765a (126)

[50] Ebd. (64).

[51] HHStAW 519/3 12248 (1).

[52] HHStAW 685 765a (64). Aus einer Notiz des Finanzamts Frankfurt vom August 1938 geht hervor, dass sich Isaak Stein im Sommer 1938 für einen nicht genauer genannten Zeitraum im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt befand, siehe HHStAW 676 2553 (15).

[53] Ebd. (65).

[54] Ebd. (17). Hier ist allerdings nur die Berechnung für die ersten 4 Raten mit 3.200 RM belegt.

[55] HHStAW 519/3 20808 (passim).

[56] HHStAW 685 765b (136).

[57] https://www.ancestry.de/interactive/61665/48741_b428959-00512?pid=118024&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D61665%26h%3D118024%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV1042%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV1042&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 26..5.2020).

[58] https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_6701-0077?pid=3018042575&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7488%26h%3D3018042575%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV1050%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV1050&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 26..5.2020). Wann Isaak verstarb ist nicht bekannt, seine Frau soll laut amerikanischem Sterbeindex am 17.10.1954 verstorben sein.

[59] Heiratsregister Dotzheim 45 / 1901. Die Familie wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Römergasse 8.

[60] Die Angabe über ihren Tod ist auf der Heiratsurkunde aus Dotzheim mit dem Verweis auf das Standesamt in Ravensbrück vermerkt. Bestätigt wurde die Angabe vom Sonderstandesamt Arolsen unter 920 / 1951. Bei dem Transport handelte es sich offensichtlich um eine individuelle Deportation, zumindest ging an diesem Tag von Darmstadt kein Sammeltransport aus. Siehe zu dem Vorgang Hoffmann, „… wir sind doch Deutsche.“ Zu Geschichte und Schicksal der Landjuden in Rheinhessen, Alzey 1992, S. 312 f. Unklar ist das Schicksal ihres Mannes Albert. Zwar ist im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ein Albert Lieber eingetragen, der vor der Deportation in Gau-Odernheim lebte, allerdings stimmt sein Geburtsdatum nicht mit dem in der Heiratsurkunde genannten überein. Dieser Albert Lieber war am 27.9.1942 mit dem Transport XVII/1 und der Gefangenennummer 966 nach Theresienstadt deportiert worden, wo er am 22.5.1944 ums Leben kam. Auch er war mit einer Berta verheiratet, die allerdings den Mädchenname Weil trug. Es handelt sich somit definitiv nicht um den Ehemann von Bertha Lieber aus Dotzheim.

[61] Heiratsregister Groß-Bieberau 13 / 1909. Mina Meyer war in Groß-Bieberau am 15.1.1886 geboren worden. Ihr Vorname wird meist Minna geschrieben, in der Geburtsurkunde ist er allerdings mit Mina angegeben. Zu Gustav und Mina Stein hat das Aktive Museum Spiegelgasse ein Erinnerungsblatt veröffentlicht, siehe http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Gustav-Minna-Stein.pdf. (Zugriff: 22.5.2020).

[62] http://www.alemannia-judaica.de/gross-bieberau_synagoge.htm. (Zugriff: 22.5.2020).

[63] HHStAW 469/33 3662 (9). Fälschlicherweise wird Arthur Stein, von Schwalbach als Sohn von Joel Stein und somit als Bruder seines Vaters Gustav ausgegeben, siehe Schwalbach, Dotzheimer Juden, S. 17.

[64] HHStAW 518 38833 (29, 93).

[65] Ebd. (29 f.).

[66] HHStAW 519/3 7866 (1).

[67] HHStAW 518 38833 (94).

[68] https://www.ancestry.de/interactive/61665/48741_b429071-00335?pid=98840&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D61665%26h%3D98840%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV996%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV996&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 26..5.2020).

[69] https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_6423-0718?pid=1005915970&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7488%26h%3D1005915970%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV998%26_phstart%3Dsuc. (Zugriff: 26..5.2020).

[70] https://www.ancestry.de/interactive/2280/47294_302022005557_0611-00158?pid=6724715&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D2280%26h%3D6724715%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV997%26_phstar. (Zugriff: 26..5.2020).

[71] HHStAW 469/33 3662 (28).

[72] Heiratsregister Rüdesheim 25 / 1919.

[73] Ebd. Rosalie Rita Münzner war am 13.7.1892 in Rüdesheim als Tochter des Kaufmanns Bernhard Münzner und seiner Frau Emma, geborene Blum, zu Welt gekommen.

[74] https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/161181782/person/322104702295/facts. (Zugriff: 22.5.2020).

[75] Wichtige Informationen zu den Biografien der beiden Söhne sind Hartwig-Thürmer, Christine, Rückkehr auf Zeit – Vier Begegnungswochen Mainzer Juden 1991-1995, Frankfurt a. M. 1999, S. 173 f. entnommen.

[76] Das Jahr 1937 ist bei Hartwig-Thürmer, Rückkehr auf Zeit, S.174 angegeben; auf seinem Antrag auf Einbürgerung in die USA vom 16.2.1939 nannte er als Einreisedatum selbst den 16.3.1938. Siehe https://www.ancestry.de/interactive/2280/47294_302022005557_0579-00917?pid=51715162&backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/161181782/person/322104702143/gallery&usePUB=true&_phsrc=ryV865&usePUBJs=true. (Zugriff: 22.5.2020).

[77] https://www.ancestry.de/interactive/61406/47512_546426-01100/813104. (Zugriff: 26..5.2020).

[78] Zur Jüdischen Bezirksschule Mainz siehe https://www.mainz1933-1945.de/fileadmin/Rheinhessenportal/Teilnehmer/mainz1933-1945/Textbeitraege/Brodhaecker_juedische_Bezirksschulen.pdf. (Zugriff: 22.5.2020).

[79] http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20384/Dotzheim%20KK%20MZ%20Stein%20Julius.jpg. (Zugriff: 26..5.2020).

[80] https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_6453-0361/1006461622?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/161181782/person/322104702294/facts. (Zugriff: 22.5.2020)..

[81] https://www.ancestry.de/interactive/2442/m-t0627-02463-00612/15011301?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/161181782/person/322104702294/facts/citation/942146158606/edit/record. (Zugriff: 22.5.2020).

[82] https://www.ancestry.de/interactive/7733/imusany1824_1747-00519/2353254?backurl=https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/161181782/person/322104702294/facts. (Zugriff: 22.5.2020).

[83] Sterbeindex der US-Sozialversicherung, Sozialversicherungsnummer 132-14-2770 für Rita Stein. Für den Tod von Julius Stein liegen keine sicheren Belege vor.

[84] Siehe Hartwig-Thürmer, Rückkehr auf Zeit, S. 66 ff. Gilbert Stein hatte am 25.8.1950 in New York die aus Zell an der Mosel stammende Lotte Clara Wolf geheiratet. Dem Paar waren zwei Kinder geboren worden.
Auszug aus der Rede, die Gilbert Stein 1991 bei der Begegnungswoche in Mainz hielt:
„Mein Name ist Gilbert Stein, früher Günther Stein in Mainz. Ich komme von einer Stadt im Süden von Florida. Wir haben Sonne, Sand und einen Bürgermeister, der 1920 in Mainz geboren war.
Das Alte Testament schildert den Auszug unserer Vorfahren aus Ägypten. Wir, die überlebenden ehemaligen Mainzer Juden, sind eine neue Generation der Israeliten. Wir wurden aus den Klauen eines Pharaos des 20. Jahrhunderts gerettet. Anstatt vierzig Jahre in die Wüste zu wandern, sind wir in die vier Ecken der Welt geflohen, um uns ein neues, freies und geordnetes Leben mit schwerer Arbeit aufzubauen. Jetzt, da wir unserem Lebensabend nahe stehen, werden wir die Erinnerungen dieser Besuchswoche nie vergessen. Für mich und hoffentlich für alle Besucher war diese Woche eine Lebensbekräftigung. Dafür danke ich herzlichst der Stadt Mainz, meiner Geburtsstadt, und besonders Ihnen, meine Damen und Herren, welche persönlich die Mitarbeiter in diesem historischen Unternehmen waren.

Als denkende Menschen macht es unsere Lebenskunst möglich, daß wir eine Bilanz oder eine Inventur aus unseren Gefühlen machen können. Wenn wir das tun, kommen wir zum Resultat und der Auffassung, daß da viel mehr ist von dem, was wir ehemalige Mainzer mit Ihnen, den jetzigen Mainzern, zusammen schätzen, als das wenige, das uns trennt und verschieden ist. Jawohl, wir sind mit vielen Fragen hier angekommen. Aber wir nehmen unseren Abschied mit den richtigen Antworten, welche das dritte Drittel unseres Lebens erleichtern wird.“ Ebd. S. 73.

[85] Hallandale ist eine etwa 40.000 Einwohner-Stadt im Großraum von Miami.1

[86] Angabe nach US-Sterbeindex der Sozialversicherung.

[87] Angabe nach US-Sterbeindex der Sozialversicherung.

[88] Heiratsregister Laufenselden 10 / 1877. Die Eltern des Ehemanns waren Jakob Hermann und seine Frau Bette, geborene Daniel.

[89] Geburtsregister Laufenselden 8 / 1880.

[90] Sterberegister Laufenselden 1 / 1921 und 10 / 1921.

[91] Heiratsregister Frankfurt 80 / 1918. Adolf Brück war am 9.3.1885 geboren worden. Seine Eltern waren der Handelsmann Hermann Brück und dessen Frau Karoline, geborene Schestowitz.

[92] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 186 f.

[93] Heiratsregister Nieder-Ingelheim 20 / 1876. Wolfgang Herrmann war am 28.6.1805 in Niederingelheim, seine Frau am 14.9.1820 in Weilbach geboren worden.

[94] Bernhard war am 27.1.1851, Lisette am 10.5.1854 und Leopold am 30.11.1858 geboren worden. Über das Schicksal von Bernhard liegen keine Informationen vor, die nachfolgenden Kinder verstarben noch im Kindesalter, Lisette mit nicht einmal 5 Jahren, Leopold nach nur zweieinhalb Monaten. Der Vater Wolfgang Herrmann, der am 19.12.1876 in zweiter Ehe Eva Schnapper aus Windesheim geheiratet hatte, verstarb am 10.3.1874 in Niederingelheim. Angaben nach Auskunft des Stadtarchivs Ingelheim.

[95] Die früh verstorbenen Kinder waren Wilhelm, geboren 12.10.1877, gestorben 21.4.1878; Bertha, geboren 12.11.1878, gestorben 20.3.1879; Julius, geboren 5.1.1880, gestorben 2.4.1880; Rosa, geboren 26.7.1882, gestorben 19.1.1883; Lina, geboren 15.3.1888, gestorben 5.5.1889; Sophie, geboren 7.6.1889, gestorben 2.4.1890. Angaben nach Auskunft des Stadtarchivs Ingelheim.

[96] Die Geburtsangaben beruhen auf den Angaben des Abmelderegisters von Ingelheim. Der Auszug wurde mir von dortigen Stadtarchiv freundlicherweise übermittelt.

[97] Da es aus diesem Zweig der Familie Stein keine Überlebenden gab, deshalb auch keine Entschädigungsverfahren eingeleitet worden waren, sind die Informationen über die Familienmitglieder auch sehr dürftig. Außer den sehr dünnen Devisenakten sind keine amtlichen Papiere erhalten geblieben.

[98] Das Haus war inzwischen vermietet worden.

[99] Von 1889 bis 1900 wohnten sie in der Riehlstr. 5 im Hinterhaus, danach jeweils ein Jahr in der Oranienstr. 4 und der Bleichstr. 22. Ab 1902 war ihre Adresse die Albrechtstr. 11. In den Eintragungen ist immer noch die Berufsbezeichnung Metzger und Viehhändler angegeben, aber es ist kaum wahrscheinlich, dass er den Beruf tatsächlich noch ausübte.

[100] Sterberegister der Stadt Wiesbaden 259 / 1904 und 278 / 1930.

[101] Sterberegister der Stadt 278 / 1930. Die neue Adresse ist schon im Wiesbadener Adressbuch von 1904/05 angegeben.

[102] Rudolf Stein war der Sohn des bereits erwähnten zweiten Julius / Joel Stein, Sohn von Raphael und Karoline Stein, aus Laufenselden. Ebenfalls in der Moritzstr. 35 wohnte 1935 auch ein Moritz Stein. Es ist aber nicht klar, um wen es sich dabei handelt. Rudolf und Ida Stein hatten zwei Töchter, Johanna und Käthe, die ebenfalls unter dieser Adresse gemeldet waren, aber keinen Sohn. Rudolf hatte aber einen Bruder mit diesem Namen. Moritz Stein war zwar auch Metzger von Beruf, war aber mit Minna Katz in Bad Homburg verheiratet, wo er auch bis zu seinem Tod am 8.11.1937 gemeldet war. Möglich ist aber, dass er 1935 zeitweise in Wiesbaden wohnte. Für seine Frau Minna, geborene Katz, die Tochter Berta Blanke und den Sohn Julius, die mit dem Transport vom 10.6.1942, mit dem auch viele Wiesbadener Juden deportiert wurden, nach Lublin verbracht wurden, aber auch für Moritz Stein selbst wurden am 18.12.2019 in Bad Homburg 4 Stolpersteine verlegt. Siehe dazu https://www.stolpersteine-badhomburg.de/ und https://butzbacher-zeitung.de/stolpersteine-erinnern-an-muenzenberger/, (Zugriff: 22.5.2020).

[103] Seinem Arbeitgeber Rudolf Stein war dies mit seiner Familie gelungen. Er reiste am 27.7.1938 von Rotterdam aus in die Vereinigten Staaten, wo er sich in Chicago niederließ. Passagiere des Schiffes waren ebenfalls Alfred Stein, der Sohn von Julius / Joel und Dina Stein, der die Metzgerei in der Dörrgasse in Dotzheim betrieben hatte. Auch diese gemeinsame Emigration kann als Indiz für eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen den beiden Stein-Familien angesehne werden. Siehe https://www.ancestry.de/interactive/7488/NYT715_6191-0694?pid=23617160&backurl=https://search.ancestry.de/cgi-bin/sse.dll?indiv%3D1%26dbid%3D7488%26h%3D23617160%26tid%3D%26pid%3D%26usePUB%3Dtrue%26_phsrc%3DryV910%26_phstart%3DsuccessSource&treeid=&personid=&hintid=&usePUB=true&_phsrc=ryV910&_phstart=successSource&usePUBJs=true. (Zugriff: 22.5.2020).

[104] HHStAW 519/3 8009 (3, 4).

[105] HHStAW 483 10127 (79).

[106] https://www.mappingthelives.org/bio/2cdf91af-cd01-4b22-b342-2aa706d62716 und https://www.mappingthelives.org/bio/045cd94b-2215-4250-8f55-90dd930f3db5.  (Zugriff: 22.5.2020).

[107] HHStAW 519/3 8008 (3, 4).

[108] Dieser Betrag ist für die Wohnung im zweiten Stock von der Hausverwalterin beim Finanzamt Wiesbaden für den Nachmieter der Geschwister Hirsch angefordert worden, weil der durch seine Deportation seine Miete nicht mehr entrichtet hatte, siehe HHStAW 519/2 2099 II (56). Der gleiche Betrag wurde auch in der Liste X ? angegeben

[109] HHStAW 519/3 8010 und 8011.

[110] HHStAW 519/3 8010 (4). (Hervorhebung K.F.)

[111] HHStAW 519/3 8011 (7). Bei der genannten Lina handelt es sich um die am 6.3.1887 geborene, ebenfalls ledige Karoline Stein, die wie alle Geschwister von Rudolf Stein deportiert und ermordet wurde. Isidor und Gertrud wurden bei der Deportation vom 10.6.1942 von Wiesbaden aus verschleppt, ihre Schwester Karoline war schon am 11./12. November 1941 von Frankfurt aus in das Ghetto Minsk verschleppt worden.