Josef Steinberg

Sehr spärlich sind die Informationen, über Josef Steinberg, dem jüdischen Bewohner, der, von Liebmanns abgesehen, am längsten in dem Haus in der Albrechtstraße lebte. Am 2. April 1893 war er in Berlin geboren worden. Seine Eltern sind nicht bekannt.

Am 16. November 1920 heiratete er die am 8. Mai 1877 in Lodz in Polen geborene Jüdin Lydia Bielschowski. Nicht einmal ein Jahr später, am 8. Juli 1921, wurde die Ehe wieder aufgelöst. Ein weiterer Kontakt zwischen den geschiedenen Ehepartnern blieb offensichtlich nicht bestehen, denn in seiner im September 1940 abgegebenen Vermögenserklärung gab Josef Steinberger an, nichts über den Aufenthalt seiner früheren Frau zu wissen.[1]

Laut den Archiven von Yad Vashem lebte sie vor Ausbruch des Krieges im schlesischen Breslau. Ab 1941 begannen hier die Deportationen in die verschiedenen Lager der Umgebung. Lydia Bielschowski kam wohl im Oktober in das von den Nazis beschlagnahmte und zum Internierungslager umdefinierte Kloster Grüssau. Am 3. Mai 1942 wurde sie weiter nach Lublin verbracht, wo sie umgebracht wurde.[2]

Zu dieser Zeit wohnte Josef Steinberg noch in einer der Mansardenzimmer des Judenhauses, in das er um 1935/36 eingezogen war. Der ehemalige Tabakmeister, der erstmals ein Jahr zuvor im Wiesbadener Adressbuch von 1934/35 mit der Adresse Ellenbogengasse 7I erscheint, war inzwischen völlig verarmt. In seiner Vermögenserklärung gab er an kein Vermögen und, abgesehen von einer kleinen monatlichen Rente von 53 RM, auch über kein weiteres Einkommen zu verfügen. Bei dieser finanziellen Notlage verzichtete die Devisenstelle auf die Anlage eines gesicherten Kontos, gewährte – und das kann man nur als blanken Zynismus bezeichnen – weiterhin den zunächst nur vorläufig gewährten Freibetrag von 300 RM.[3]

Wie er mit 53 RM überleben konnte, ist nur schwervorstellbar. Möglicherweise wurde er von Verwandten in Berlin unterstützt, zumindest bedankte er sich in seinem letzten Brief an seine dortige Nichte Ruth für das Geld, das sie ihm haben zukommen lassen. Dieser Brief, geschrieben am 9. Juni 1942, am Abend vor der Deportation, dokumentiert das Wissen um das kommende Schicksal, die Verzweiflung und auch die kleinste Hoffnung, an die man sich selbst wenige Stunden vor dem Transport noch klammerte:

„Wiesbaden, d. 9.6.42
Meine liebe Ruth, Werner(,) Papa Karl u. goldige Kinder
Unfaßbar für mich am Sonntag die Mitteilung trotz Atteste u. transportunfähig Abmarsch wegen Jude. Lebt wohl alle Ihr Guten(,) danke Euch für das Geld(,) möge Eure Güte belohnt werden. Anbei meine Papiere. Sollte ich leben(,) so bitte ich Dich Ruth(,) sobald Frieden ist Dich mit Max Chaskaloff in Verbindung zu setzen(,) Mamas Bruder, Kinder und mit Spatz. Eben wird mir mitgeteilt 2 Firmen hätten ihre Leute freigegeben dann besteht ein Fädchen das(s) ich 14 Tage gerettet bin(,) es ist nur ein Hauch. Morgen früh 5 Uhr denkt an mich auch werde ich noch mal untersucht(,) morgen so heißt es(,) bei letztem Abmarsch mussten Blinde gleichfalls mit. Nochmals Lebewohl denket an mich(.) Sollte ich noch je schreiben dürfen so hört Ihr sofort (von den letzten ist nichts mehr zu hören).
1000 Küße Euer unglücklicher
Onkel Seppl“ [4]

Die Hoffnung war vergebens. Wie er schon geahnt hatte, sollte er seine Verwandten nicht mehr sehen. Am 10. Juni wurde er mit 371 anderen Wiesbadener Juden über Frankfurt nach Lublin verbracht, dem Ort, wo nur wenige Wochen zuvor seine ehemalige Frau ums Leben gekommen war. Von den insgesamt 1253 Insassen des Zuges wurde etwa ein Fünftel der arbeitsfähigen Männer für einen Arbeitseinsatz im Lager Majdanek selektiert. Angesichts der Tatsache, dass Josef Steinberg laut einem Eintrag auf seiner Gestapo-Karteikarte kriegsbeschädigt war und deswegen als nicht arbeitsfähig galt, muss es erstaunen, dass er zu dieser Gruppe gehört haben soll. In der Opferdatenbank des Bundesarchivs ist aber Majdanek der Ort, an dem er am 1. Juli 1942 nach nicht einmal drei Wochen Lager verstarb oder umgebracht wurde.

Am 4. Juli 1942 wurde seine dünne, nur aus wenigen Blättern bestehende Akte auf der Devisenstelle in Frankfurt mit dem Vermerk „evakuiert“ geschlossen.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] HHStAW 519/3 8015 (3).

[2] Siehe zu ihrem Schicksal die Seiten des Holocaust Museums Washington und von Yad Vashem: https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=4076053 (Zugriff: 15.11.2017) und http://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11474224&ind=0. (Zugriff: 15.11.2017). Siehe auch http://www.jewishgen.org/databases/holocaust/0054_BreslauDeportations.htm (Zugriff: 15.11.2017). zu den Deportationen aus Breslau.

[3] HHStAW 519/3 8015 (3, 4).

[4] Der Brief ist als Faksimile abgedruckt auf dem Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse für Josef Steinberg. Ebenfalls sind hier zwei Bilder von ihm aus den dreißiger Jahren zu sehen, http://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/Steinberg_Josef.pdf. (Zugriff: 15.11.2017). Kommata wurden zur besseren Lesbarkeit eingefügt.