Hilde Seligmann

Hilde Seligmann war die Erste, die in das Haus einzog, nachdem es zum Judenhaus erklärt worden war. Sie kam am 1. April 1940 von Bierstadt, wo sie zuletzt in der Wiesbadener Str. 21, der heutigen Patrickstraße, gewohnt hatte. Mit ihrem Mann Julius Seligmann führte sie zuletzt in der Rathausstraße ein Geschäft für Futtermittel und Saatgut. Damit schloss sie an eine alte Familientradition an, denn sie entstammt einer alt eingesessenen jüdischen Familie, deren Wurzeln sich bis in das 17. Jh. zurückverfolgen lassen. Schon der Großvater Jakob Joseph Levy und auch der Urgroßvater Joseph David waren wie ihr Vater Abraham Levy in Bierstadt als „Handelsmänner“ tätig gewesen.[1]

Aus der Ehe von Abraham Levy mit Ester Emma Sichel waren neben Hilde noch sechs weitere Kinder hervorgegangen. Sie selbst, am 16. Dezember 1880 geboren, war die Zweitjüngste. Zwei ihrer Brüder, Julius und Jakob, erlernten das Metzgerhandwerk und der ältere Julius betrieb später in Bierstadt eine um 1900 in der Rathausstraße gegründete Metzgerei. Bedingt durch die antisemitischen Aktionen, die sich frühzeitig gegen die jüdischen Metzger richteten, musste der Laden aber in den dreißiger Jahren aufgegeben werden. Julius Levy selbst erlebte das nicht mehr. Er war 1931 bereits verstorben, aber sein Sohn Arthur, der ebenfalls Metzger geworden war, hatte vergeblich versucht, das Geschäft durch die schwierigen Zeiten zu bringen. Er konnte weder das Geschäft, noch sich selbst retten.[2]
Dem Bruder Jakob hingegen gelang mit seiner Frau und dem Sohn Julius rechtzeitig die Flucht in die USA, wo sie später in Chicago eine neue Heimat fanden.
Vom jüngsten Bruder Moritz, geboren am 18. Dezember 1882, ist bekannt, dass er noch in jungen Jahren nach Stuttgart ging. Er fiel am 5. Juli 1915 als Soldat des Ersten Weltkriegs.[3]
Emil Levy, geb. am 31. Oktober 1882, lebte während der NS-Herrschaft in Regensburg, wo er mit Clothilde Grünebaum verheiratet war. Schon nach dem Novemberpogrom hatte man ihn in Dachau inhaftiert, Anfang April wurden beide in das Getto Piaski deportiert, wo sie zu einem nicht bekannten Datum ums Leben kamen.[4] Völlig unbekannt ist das Schicksal der ältesten Schwester Johanna.[5]

Hilde Levy hatte 1910 den aus Beienheim im Kreis Friedberg stammenden Kaufmann Julius Seligmann geheiratet, ein – wie es in einem Erinnerungsblatt an die Bierstadter Juden heißt – „reeller Geschäftsmann und gutmütiger Mensch“.[6]

Am 19. November 1911 war ihnen das einzige Kind Berthold geboren worden,[7] der ebenfalls eine kaufmännische Lehre absolvierte, allerdings, mit Blick auf den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel; nicht mehr im landwirtschaftlichen Sektor, sondern im Modehaus Frank & Marx in Wiesbaden. Anschließend war er sechs Jahre als Verkäufer in dem bekannten Frankfurter Kaufhaus Wronker auf der Zeil angestellt, das in jüdischem Besitz war.[8] Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis durften die Eigentümer ihr Unternehmen nicht mehr betreten und nach der formalen Arisierung im folgenden Jahr wurden alle jüdischen Angestellten entlassen, so auch Bertold Seligmann. Weitere kurzfristige Anstellungen in seinem erlernten Beruf bei verschieden Firmen in Würzburg und Mainz verlor er nach deren jeweiliger Arisierung ebenfalls wieder. Im guten Zeugnis, das ihm sein letzter Arbeitgeber, die jüdische Firma Lietz in Mainz ausstellte, war die zwangsweise aus rassistischen Gründen vorgenommene Kündigung als „Betriebsumstellung“ verbrämt worden.[9]

1935 lebte er nach den Eintragungen im Jüdischen Adressbuch wieder in Bierstadt bei seinen Eltern in der Wiesbadener Str. 21. Seit seiner Entlassung als Verkäufer schlug sich Berthold für wenig Geld mit Gelegenheitsarbeiten durch, übernahm Hausmeister- und Gärtnereiarbeiten.

Ob die Eltern zu dieser Zeit noch ihren Laden besaßen, ist nicht bekannt. Aber spätestens mit dem Tod des Vaters am 25. Dezember 1937 wäre die minimale Geschäftstätigkeit ohnehin sicher zum Erliegen gekommen. Ein knappes Jahr konnte der Sohn der Mutter noch zur Seite stehen. Während des Novemberpogroms 1938 wurde auch er – wie insgesamt weit über 30.000 andere – verhaftet und in eines der jeweils nächstliegenden Konzentrationslager verschleppt. Im Rhein-Main-Gebiet war die Frankfurter Festhalle zum Sammelpunkt der Ergriffenen eingerichtet worden. Von hier aus wurden auch die aus Wiesbaden nach Buchenwald verbracht, ständig Schmähungen und Misshandlungen ausgesetzt.[10]

Ganz sicher gehörte Berthold Seligmann nicht zu den „wohlhabenden“ Juden, auf die sogenannte „Aktion Rath“ eigentlich abzielte, um ihnen die Zustimmung zu den Arisierungsvorhaben abzupressen. Aber er war der zweiten Kategorie, nämlich der Gruppe der „gesunde(n) männlich(en) Jugendliche(n) nicht zu hohen Alters“ zuzuordnen,[11] die man offensichtlich als potenziellen Herd jüdischer Widerstandsaktionen ausschalten wollte. Festgenommene, die ihre Auswanderungsabsicht durch konkrete Belege, wie etwa entsprechende Papiere nachweisen konnten, seien, so die Anweisung an die Landräte vom 14. November 1938, „umgehend zum Zwecke der Auswanderung zu entlassen.“[12] Sicher nicht ohne Bedenken im Hinblick auf seine dann allein auf sich gestellt Mutter hatte Berthold Seligmann sich dieser Erpressung gebeugt.

Bis er die notwendigen Unterlagen zusammen hatte, dauerte es noch eine Weile, denn erst im April 1939 wurde er aus Buchenwald entlassen, hatte sich aber weiterhin bis zu seiner Emigration täglich bei der Gestapo in Wiesbaden zu melden.[13] Der SS-Standortarzt von Buchenwald im Range eines SS-Untersturmführers hatte ihm in seiner Funktion als Amtsarzt noch ein Gesundheitszeugnis ausgestellt, in dem es hieß, dass Berthold Seligmann „frei von ansteckenden Krankheiten“ sei, „keine körperlichen oder geistigen Leiden“ habe und „zu körperlichen Arbeit unbeschränkt tauglich“ sei.[14] Die Bestätigung der Reichsvereinigung der Juden, dass seine Auswanderung in die USA gesichert sei, erhielt er am 3. Mai. 1939.[15]

In den Unterlagen des späteren Entschädigungsverfahrens ist der Originalreisepass von Berthold Seligmann erhalten geblieben. Ausgestellt wurde der für ein Jahr gültige Pass am 13. Mai 1939 in Wiesbaden. Er hatte darin „Gärtner“ als seinen Beruf angegeben, sicher nicht zuletzt wegen der damit verbunden besseren Aussichten im Ausland Arbeit zu finden.

Auch wenn er in dem bereits erwähnten Vermerk auf der Gestapo-Karteikarte als „Ehemann“ bezeichnet wird, so fehlt hier der sonst übliche Eintrag des Namens der Ehefrau. Im Reisepass gibt es ebenfalls keinen Hinweis darauf, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet war.[16] Auch in seinen späteren Angaben zu seiner Flucht wird eine mögliche Partnerin nicht erwähnt. Man muss also davon ausgehen, dass er Deutschland damals alleine verließ. Ein Aktenvermerk der Entschädigungsbehörde vom Oktober 1958 hielt fest, dass er außer diversen Kleidungsstücken, die er in zwei Koffern und einem „Reisesack“ zusammen gepackt hatte, nichts mitnehmen konnte.[17]

Anhand der diversen Stempel ist sein Weg in die Emigration genau zu verfolgen. Per Bahn ging es zunächst von Wiesbaden nach Köln. Ein belgisches Transitvisum, ausgestellt am 6. Juli 1939 in Berlin erlaubte ihm am 13. Juli den Grenzübertritt. Noch am selben Tag bestieg er in Ostende die Fähre nach England. Der „Immigration Officer“ in Dover drückte seinen Stempel ebenfalls noch am 13. Juli in den Pass, da er ein am 5. Juli ebenfalls in Berlin ausgestelltes Visum für das Königreich vorlegen konnte – „good for single journey only“ war sicherheitshalber noch eingetragen worden. Einen Tag später meldete er sich bei der „Constabulary“ des Kent Countys. Im dort gelegenen Richborough Camp wartete er auf das Einwanderungsvisum für die USA. „Erst als ich im Jahr 1940 das Einwanderungsvisum der USA und dann einen Schiffsplatz erlangt hatte, konnte ich nach USA weiterwandern. Ich fuhr am 22. März 1940 mit der Bahn über London und Liverpool und von da mit der Brittany, Cunard Line, nach New York, von wo ich mit dem Bus Chicago, Illinois, mein Auswanderungsziel, erreichte.“[18]

In den USA konnte Berthold Seligmann nach eigenen Angaben relativ schnell wieder Arbeit finden. Als er 1957 sein Entschädigungsverfahren anstrengte, gab er an Polsterer zu sein und auch zwei Kinder im Alter von 10 bzw. 5 Jahren zu haben.[19]

Mit der Auswanderung scheint der Kontakt zur Mutter in Wiesbaden gänzlich abgebrochen zu sein. Ihr letzter Wohnsitz sei – „wie ich hörte“ – die Albrechtstr. 18 (!) gewesen. Diese vage bzw. was die Hausnummer betrifft falsche Angabe macht er im Entschädigungsverfahren. „Ich habe gehört, dass meine Mutter bei Lipmann gewohnt hat, wer das war, weiß ich nicht“, ergänzte er in einem weiteren Schreiben.[20]

Genau zu dem Zeitpunkt als er England Richtung USA verließ, wurde seine Mutter in das Judenhaus in der Albrechtstraße einquartiert. Sie hatte ein Zimmer im dritten Stock, erhalten wo auch Josef Steinberg wohnte. Diese Angabe machte der zuständige Zellenleiter am 9. November 1941 in einer Mittelung an der Ortsgruppenleiter Weilerswist, der über den Fortschritt bei der Zusammenlegung der jüdischen Bürger informiert werden wollte. Neben dem Besitzerehepaar wohnte zu diesem Zeitpunkt außer dem Altmieter Josef Steinberg nur der Ende 1938 eingezogene Alfred Marx als jüdischer Mieter im Haus.[21]

Die Mitteilung des Zellenwarts ist die letzte Spur von Hilde Seligmann in Wiesbaden, sieht man davon ab, dass ihr Name noch einmal auf der Transportliste für die Deportation am 10. Juni 1942 erscheint. Zuletzt hatte sie laut der dortigen Angaben ihr Zimmer im vierten Stock des Hauses gehabt. Nur wenige Tage, nachdem der Zug mit seinen etwa 400 Insassen die Laderampe am Schlachthof verlassen hatte, wurde das Leben der 61jährigen Hilde Seligmann in Sobibor mittels Gas gewaltsam ausgelöscht.

 

 

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Anmerkungen:

 

[1] Sterberegister der Gemeinde Bierstadt 1878 / 14. Es handelt sich um den Sterbeeintrag für Jakob Joseph Levy, der am 13.4.1878 verstarb, darin werden auch dessen Eltern mit der Berufsbezeichnung aufgeführt.

[2] Zum Schicksal der Familie Julius Levy, seiner Frau Lina und den beiden Kindern Arthur und Jenny siehe unten das Kapitel zum  Judenhaus Hallgarter Str. 6, von wo aus Lina Levy nach Theresienstadt deportiert wurde.

[3] http://www.alemannia-judaica.de/bierstadt_synagoge.htm. (Zugriff: 15.11.2017).

[4] Vor ihrer letzten Wohnung in Regensburg hat man zu ihrer Erinnerung Stolpersteine verlegt, siehe http://www.stolpersteine-regensburg.de/fr3_38_r.htm.

[5] Im Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz ist sie nicht aufgeführt.

[6] Festschrift zur 1075-Jahr-Feier Bierstadts im Jahre 2002, im Auftrag der Interessensgemeinschaft  Bierstadter Ortsvereine, Wiesbaden o.J. S. 84.

[7] HHStAW 518 59791 (5) Geburtsurkunde.

[8] Hermann Wronker war ein Neffe der Gebrüder Leonard und Oscar Tietz, den Begründern der Hertie-Kaufhäuser. Siehe zur Geschichte des Warenhauses und zum Schicksal ihres Besitzers Hermann Wronker http://www.spiegel.de/einestages/arisierungen-a-948689.html. (Zugriff 8.9.2017) Dort ist auch eine Abbildung des imposanten Gebäudes zu sehen.

[9] HHStAW 518 59791 (4, 8).

[10] Siehe dazu Kropat, Arno, Kristallnacht in Hessen. Der Judenpogrom vom November 1938, Wiesbaden 1988, S. 167. f; Juden in Wiesbaden, a.a.O. S. 66 f.

[11] Kropat, Kristallnacht in Hessen, a.a.O. S.167.

[12] Staatsarchiv Marburg 180 4829, zit. nach Kropat, Kristallnacht in Hessen, a.a.O. S.172.

[13] HHStAW 518 59791 (4). Auf der Gestapo-Karteikarte von Berthold Seligmann steht der etwas kryptische Vermerk: „Ehemann soll lt. Stapo Fm. v.13.4.39 bis 15.6.39“. Vermutlich ist damit die Meldauflage gemeint, denn die Entlassung aus Buchenwald war am 13.4.39 erfolgt.

[14] HHStAW 518 59791 (6) vom 10.2.1939.

[15] HHStAW 518 59791 (7).

[16] Das Feld, in dem die Ehefrau den Pass ebenfalls hätte unterschreiben müssen, ist durchgestrichen.

[17] HHStAW 518 59791 (22). Der Vermerk bezieht sich auf den Inhalt der Devisenakte von Berthold Seligmann, die inzwischen verloren ist, aber laut Vermerk auch nur das Formular über das Umzugsgut enthalten haben soll. Der Antrag sei ohne Streichungen und ohne eine Dego-Abgabe am 3.7.1939 genehmigt worden

[18] HHStAW 518 59791 (3, 4). Die Überfahrt mit dem Schiff „Britanic“kostete damals 33 britische Pfund., ebd. (31).

[19] HHStAW 518 59791 (1).

[20] HHStAW 518 59791 (1, 5). Gemeint ist der Hauseigentümer Albert Liebmann.

[21] HHStAW 483 10127 (39). Das blieb auch bis 1941 so. Erst danach zogen noch vier weiter Personen ein, zunächst im Sommer 1941 für ein Vierteljahr das Ehepaar Hirschkind, dann 1942 noch Isidor Ganz und Johanna Windmüller.