Karl und Berta Reininger


Regina Beck, Regina Sichel, Julius Beck
Das Juden­haus heu­te
Eige­ne Aufnahme
Regina Beck, Regina Michel, Julius Beck
Lage des ehe­ma­li­gen Juden­hau­ses
Judenhaus Herrngartenstr. 11, Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses Herrn­gar­ten­str. 11

 

 

 

 

 

 

 


Ber­ta und Karl Rei­nin­ger,[1] die am 16. März 1940 mit ihrer Haus­an­ge­stell­ten Fran­zis­ka Horo­witz in das Haus in der Herrn­gar­ten­stra­ße ein­zo­gen, waren dort die ers­ten Juden­haus­be­woh­ner im eigent­li­chen Sin­ne. Alle ande­ren zu die­sem Zeit­punkt dort leben­den jüdi­schen Bewoh­ner waren ein­ge­zo­gen, bevor man aus dem Haus ein Ghet­to­haus gemacht hat­te. Seit dem Jah­res­wech­sel 1939/​40 war auch in Wies­ba­den mit den Umquar­tie­run­gen begon­nen wor­den und Juden ver­lo­ren immer häu­fi­ger ihre bis­he­ri­gen Woh­nun­gen, seit die Mie­ter­schutz­ge­set­ze durch die Novel­lie­rung vom 30. April 1939 für sie fak­tisch kei­ne Gül­tig­keit mehr besa­ßen. Aber auch für die neu­en Bewoh­ner gibt es kei­nen expli­zi­ten Beleg dafür, dass der Umzug durch das städ­ti­sche Woh­nungs­amt, die Par­tei, die Poli­zei oder die ört­li­che Geschäfts­stel­le der Reichs­ver­ei­ni­gung ange­ord­net war – was natür­lich nichts heißt. Zuvor hat­te das Paar, das erst seit kur­zer Zeit ver­hei­ra­tet war, in der Schlich­ter­str. 10 im zwei­ten Stock gewohnt. Für Karl Rei­nin­ger war die Ehe mit der etwa 25 Jah­re jün­ge­ren Ber­ta Strauss aus Pir­ma­sens bereits die zwei­te Ehe. Er selbst stamm­te aus einer weit ent­fern­ten Regi­on, näm­lich aus dem klei­nen, süd­lich von Wien gele­ge­nen Ort Stot­zing im Bur­gen­land, heu­te dem Bezirk Eisen­stadt zuge­ord­net.[2] Wann und aus wel­chen Grün­den er sei­ne Hei­mat ver­ließ, ist nicht bekannt, auch über sei­nen fami­liä­ren Hin­ter­grund gibt es nur vage Infor­ma­tio­nen.[3]

Karl Reininger, Elise Wertheimer Reininger, Berta Strauss Reininger, Joseph Wertheimer, Minna Wertheimer, Siegfried Strauss, Rosalie Rosa Strauss, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Stamm­bäu­me der Fami­li­en Rei­nin­ger — Strauss — Moch — Ehren­feld
Genea­lo­gi­sche Daten­bank der Juden Wiesbadens

In ers­ter Ehe war Karl Rei­nin­ger mit Eli­se Wert­hei­mer ver­hei­ra­tet. Sie war am 22. März 1881 im badi­schen Kip­pen­heim als ach­tes von ins­ge­samt zehn Kin­dern von Joseph und Mina Wert­hei­mer gebo­ren wor­den.[4] In ihrem Hei­mat­ort, in dem es eine lan­ge jüdi­sche Tra­di­ti­on gab, war die Ehe am 10. Juli 1913 geschlos­sen wor­den. Ende des 18. Jahr­hun­derts leb­ten elf jüdi­sche Fami­li­en in Kip­pen­heim, einer der Fami­li­en­vor­stän­de war Naph­ta­li Hir­schel Wert­hei­mer mit sei­ner Frau Kroen­le Weil, die Urgroß­el­tern von Karl Rei­nin­gers Frau Eli­se. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten konn­te die Gemein­de ein beträcht­li­ches Wachs­tum ver­zeich­nen, sodass im Jahr der Reichs­grün­dung etwa 16 Pro­zent der Gesamt­ge­mein­de Bür­ger jüdi­schen Glau­bens waren. Danach nahm zwar ihre Zahl durch Ab- und Aus­wan­de­rung wie­der ab, aber 1933 waren immer noch fast 8 Pro­zent der Bewoh­ner Ange­hö­ri­ge die­ser Kon­fes­si­on. Die alt­ein­ge­ses­se­ne und viel­fach ver­zweig­te Fami­lie Wert­hei­mer stell­te davon einen beträcht­li­chen Teil, hat­te dem­entspre­chend in der Zeit der Ver­fol­gung auch vie­le Opfer zu bekla­gen.[5]

Eli­ses Vater, Joseph Wert­hei­mer, gebo­ren am 4. August 1841, der Sohn von Simon Wert­hei­mer und Schön­le Drey­fus, war mit Mina Eppstein aus einer ande­ren bedeu­ten­den jüdi­schen Fami­lie der Regi­on ver­hei­ra­tet.[6] Er spiel­te nicht nur eine wich­ti­ge Rol­le im Syn­ago­gen­rat, son­dern war mit sei­nen Söh­nen auch Inha­ber einer orts­an­säs­si­gen Her­ren­klei­der­fa­brik.[7]

Das Schick­sal der vie­len Geschwis­ter von Eli­se Rei­nin­ger, gebo­re­ne Wert­hei­mer, kann im gege­be­nen Rah­men nicht umfas­send unter­sucht wer­den.[8] Inter­es­sant ist aber, dass sich über ihre Schwes­ter Sophie eine wei­te­re Ver­bin­dung nach Wies­ba­den ergab, die viel­leicht auch erklärt, wie­so es Karl Rei­nin­ger und sei­ne Frau dort­hin verschlug.

Sophie war – wie auch die Schwes­ter Ida – mit einem Sohn von Abra­ham und Fan­ny Moch ver­hei­ra­tet, Ida mit Josef Moch und Sophie mit Leo Lud­wig Moch, einem Kauf­mann aus Non­nen­wei­er. Um die Jahr­hun­dert­wen­de hat­te Letz­te­rer mit sei­ner Frau in Mün­chen gelebt, wo auch die bei­den Söh­ne Max und Sieg­bert zur Welt kamen. Nach dem Ers­ten Welt­krieg, in den Lud­wig Moch als Sol­dat ein­ge­zo­gen wor­den war, zogen er und Sophie Moch nach Lim­burg, wo die­ser am 30. Sep­tem­ber 1926 ver­starb.[9] Max, der spä­ter ver­such­te, über Bel­gi­en und Frank­reich der Ver­fol­gung durch die Nazis zu ent­kom­men, wur­de gefasst und mit sei­ner Frau über Dran­cy nach Ausch­witz depor­tiert.[10] Der jün­ge­re, am 15. Novem­ber 1903 gebo­re­ne Sieg­bert, hat­te am 11. Mai 1937 in Wies­ba­den Rosa Ehren­feld gehei­ra­tet,[11] eine Schwes­ter von Sel­ma und eine Halb­schwes­ter von Emma Ehren­feld, einer spä­te­ren Bewoh­ne­rin des Juden­hau­ses in der Grill­par­zer­str. 9. Sieg­bert Moch und sei­ne Frau Rosa, wie auch sei­ne Mut­ter Sophie Moch, gebo­re­ne Wert­hei­mer, gelang es, sich vor den Nazis durch ihre Flucht in die USA zu retten.

Etwa zur glei­chen Zeit, in der Mochs nach Lim­burg zogen, waren auch Karl und Eli­se Rei­nin­ger nach Wies­ba­den gekom­men. Das ers­te Adress­buch, in dem sie auf­ge­führt sind, stammt aus dem Jahr 1920. Das Paar wohn­te auch in den fol­gen­den Jah­ren in Bie­brich in der Riehl­str. 18 im ers­ten Stock. Als sei­nen Beruf hat­te Karl Rei­nin­ger zunächst „Tabak­fa­bri­kant u. Han­dels­ver­tre­ter“ ein­tra­gen las­sen, den „Tabak­fa­bri­kan­ten“ aber in den fol­gen­den Jah­ren gestri­chen. Lei­der lie­gen kei­ne Steu­er­un­ter­la­gen oder ande­re Doku­men­te mehr vor, die über sei­ne beruf­li­che Tätig­keit in Wies­ba­den genaue­re Aus­kunft geben könnten.

Karl Reininger, Elise Wertheimer Reininger, Berta Strauss Reininger, Joseph Wertheimer, Minna Wertheimer, Siegfried Strauss, Rosalie Rosa Strauss, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Grab von Eli­se Rei­nin­ger, geb. Wert­hei­mer, auf dem Jüdi­schen Fried­hof Plat­ter Stra­ße in Wies­ba­den
Eige­ne Aufnahme

1936 zog das Paar in die Wies­ba­de­ner Innen­stadt in die Schlich­ter­str. 10 in den zwei­ten Stock.[12] Die Stra­ße lag bereits in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft zum Juden­haus in der Herrn­gar­ten­stra­ße. Bald nach dem Umzug ver­starb am 27. Janu­ar 1937 Eli­se Rei­nin­ger im St. Josefs-Hos­pi­tal im Alter von 55 Jah­ren.[13] Kin­der waren in der Ehe nicht gebo­ren worden.

Noch im sel­ben Jahr ging der 54jährige Karl Rei­nin­ger am 16. Sep­tem­ber in Pir­ma­sens eine neue Ehe mit Ber­ta Strauss ein.[14] Die 29-jäh­ri­ge Ber­ta Strauss, gebo­ren am 15. Juli 1908 in Pir­ma­sens, war die Toch­ter von Sieg­mund, genannt Sieg­fried Strauss, und sei­ner Frau Rosa­lie Jakob, genannt Rosa. Er war am 6. April 1875 in Bay­reuth gebo­ren wor­den, sie am 22. Dezem­ber 1881 in Hom­burg an der Saar. Gehei­ra­tet hat­ten die bei­den am 2. Novem­ber 1904 in Pir­ma­sens.[15]

Sieg­fried Strauss betrieb in der Schuh­stadt Pir­ma­sens einen Leder­groß­han­del, über des­sen tat­säch­li­chen Umfang im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren aber kei­ne Klar­heit gewon­nen wer­den konn­te. Paul Strauss, gebo­ren am 20. Okto­ber 1905, war der älte­re Bru­der von Ber­ta. Er hat­te bis 1932 als kauf­män­ni­scher Ange­stell­ter im väter­li­chen Betrieb mit­ge­ar­bei­tet und muss­te daher die wirt­schaft­li­che Lage des Geschäfts vor der Zeit der Ver­fol­gung ken­nen. Er gab im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren an, dass in den Jah­ren vor der NS-Zeit sein Vater mit dem Ver­kauf von Leder an die ört­li­chen Schuh­fa­bri­ken einen Umsatz von 80.000 bis 100.000 RM jähr­lich gemacht und sein Jah­res­ein­kom­men bei etwa 5.000 RM gele­gen habe.[16] Sei­ne Schwes­ter Ber­ta, genannt Bertl, habe im elter­li­chen Betrieb, auch nach sei­nem Aus­schei­den, mit­ge­ar­bei­tet und dafür monat­lich etwa 250 RM bis 300 RM bezo­gen.[17] Das Waren­la­ger war in einem abge­trenn­ten Raum einer still­ge­leg­ten Schuh­fa­brik in der Schil­ler­str. 4 unter­ge­bracht, die 5‑Zim­mer-Woh­nung der Fami­lie, die nach ver­schie­de­nen Zeu­gen­aus­sa­gen sehr gut aus­ge­stat­tet war,[18] lag in der Kai­ser­str. 5.
Die Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Pir­ma­sens bezeich­ne­te das Geschäft hin­ge­gen als „nicht bedeu­tend“, wei­te­re Zeu­gen mein­ten, dass Sieg­fried Strauss einen Leder­han­del „in beschei­de­nem Rah­men“ bzw. „in klei­nem Umfang“ betrie­ben habe.[19] Neben Fami­li­en­mit­glie­dern habe es in dem Betrieb kei­ne wei­te­ren Mit­ar­bei­ter gege­ben. Steu­er­un­ter­la­gen, die die jewei­li­gen Aus­sa­gen bestä­ti­gen könn­ten, lagen schon in der Nach­kriegs­zeit nicht mehr vor.

Dass spä­tes­tens mit den Boy­kott­ak­tio­nen nach 1933 auch die Han­dels­fir­ma von Sieg­fried Strauss in Not geriet, steht außer Zwei­fel. Auch der Ver­such von Paul Strauss, nach sei­nem Aus­schei­den aus der Fir­ma im glei­chen Gebäu­de eine eige­ne Schuh­fa­bri­ka­ti­on auf­zu­bau­en, schei­ter­te ange­sichts der poli­ti­schen Ver­hält­nis­se schon bald.[20] Die jüdi­schen Schuher­zeu­ger wur­den, so Paul Strauss, schon sehr früh nicht mehr mit Leder belie­fert. 1935 gab er die Pro­duk­ti­on auf und zog noch für eine kur­ze Zeit nach Land­stuhl, woher auch sei­ne Frau Bet­ty Rein­hei­mer stamm­te, die er 1933 gehei­ra­tet hat­te.[21] 1936 wan­der­te das Ehe­paar nach Paläs­ti­na aus, wo es sich in Rama­tay­im bei Kfar Saba niederließ.

Wie lan­ge der Betrieb des Vaters noch auf­recht­erhal­ten wer­den konn­te, ist nicht mehr fest­stell­bar, aber ver­mut­lich war auch er zu etwa der glei­chen Zeit zum Erlie­gen gekom­men, wie der sei­nes Soh­nes. 1936 oder 1937 war die Fami­lie aus der gro­ßen Woh­nung in der Kai­ser­stra­ße in eine 3‑Zimmerwohnung in der Schil­ler­str. 9 gezo­gen.[22] Sieg­fried Strauss ver­starb dort am 18. Novem­ber 1937,[23] kurz nach­dem sei­ne bis­her noch ledi­ge Toch­ter Ber­ta die Ehe mit Karl Rei­nin­ger ein­ge­gan­gen war. Sie zog mit ihm nach Wies­ba­den in des­sen Woh­nung in der Schlich­ter­str. 10 II, wo er bis­her mit sei­ner ers­ten Frau gewohnt hatte.

Es ist eher unwahr­schein­lich, dass das Paar ursprüng­lich geplant hat­te, gemein­sam den Leder­han­del in Pir­ma­sens fort­zu­füh­ren, wie Paul Strauss im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren ver­lau­ten ließ. Schon vor 1937 kann das kei­ne rea­lis­ti­sche Per­spek­ti­ve mehr gewe­sen sein.[24]

Die ver­wit­we­te Rosa Strauss, Ber­tas Mut­ter, war zunächst noch in Pir­ma­sens geblie­ben. Der dama­li­ge Ver­mie­ter der Woh­nung in der Schil­ler­str. 9 gab an, dass Frau Strauss zunächst beim Ein­zug, dann erneut nach dem Tod ihres Man­nes das Mobi­li­ar und den größ­ten Teil ihres Haus­stan­des ver­kauft habe, sodass die Woh­nung am Ende sehr not­dürf­tig aus­ge­stat­tet war. Zuletzt bewohn­te sie nur noch ein Zim­mer mit Küche im Dach­ge­schoss des Hau­ses. Wenn dies den Tat­sa­chen ent­spricht, dann muss es sich beim Ver­kauf der Ein­rich­tung um einen Akt der „Ver­schleu­de­rung“ gehan­delt haben. Paul Strauss, der aller­dings bereits in Paläs­ti­na leb­te, gab hin­ge­gen an, die Möbel sei­en unter­ge­stellt wor­den und spä­ter abhan­den gekom­men.[25]

In jedem Fall berei­te­te sich Rosa Strauss offen­sicht­lich dar­auf vor, ihre Hei­mat­stadt so bald wie mög­lich zu ver­las­sen, zumal ab 1938 der Druck auf alle noch in Pir­ma­sens ver­blie­be­nen Juden wei­ter ver­schärft wur­de, sodass auch die ande­ren noch dort leben­den sich genö­tigt sahen, die Stadt zu ver­las­sen.[26] Zudem lag die Stadt in der „Roten Zone“, einem brei­ten Grenz­strei­fen ent­lang der fran­zö­si­schen Gren­ze, der unmit­tel­bar vor Kriegs­be­ginn eva­ku­iert wur­de. Aber anders als den übri­gen Bewoh­nern gestat­te­te man den Juden 1940 nicht die Rück­kehr in die­ses Gebiet. Samu­el, der Onkel von Ber­ta Strauss, zog mit sei­ner Frau und sei­nen bei­den Schwes­tern Isa­bel­la und Hed­wig nach Mann­heim, wo ein nicht­jü­di­scher Bekann­ter oder Ver­wand­ter für sie eine Woh­nung ange­mie­tet hat­te.[27] Die ver­wit­we­te Rosa Strauss hin­ge­gen war damals nach Wies­ba­den zu ihrer Toch­ter gezo­gen. Zwar ist auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te nicht ver­merkt, wann sie dort ein­traf, aber die ers­te auf der Kar­te ein­ge­tra­ge­ne Adres­se ist die Schlich­ter­str. 10, wo Karl und Ber­ta Rei­nin­ger damals wohn­ten. Der Brief­schrei­ber, der Paul Strauss nach dem Krieg über die letz­te Zeit im Leben sei­ner Mut­ter und Schwes­ter infor­mier­te, führ­te wei­ter aus:
“Nach­dem Dei­ne Mut­ter in Wies­ba­den auch kei­nen Halt mehr hat­te, war sie wochen­wei­se bei mir, bezw. bei ihren Schwes­tern zu Besuch. Als Dei­ne Mut­ter auch nicht mehr hier­her konn­te, durch Rei­se­ver­bot, fuhr ich Sonn­tags [sic] zu ihr und brach­te das Not­wen­digs­te. Sie leb­te mit Bertl und ihrem Mann zusam­men in einer Woh­nung.“[28]

Dass Rosa Strauss in Wies­ba­den „kei­nen Halt“ mehr fand, spie­geln auch die Ein­tra­gun­gen auf ihrer Gestapo­kar­tei­kar­te wider. Unter Ver­mer­ken ist zunächst fest­ge­hal­ten, dass sie arbeits­un­fä­hig und krank sei. Noch bezeich­nen­der sind die vie­len Woh­nungs­wech­sel in den fol­gen­den bei­den Jah­ren, wobei nicht mehr fest­zu­stel­len ist, wel­che davon erzwun­gen und wel­che aus „frei­en“ Stü­cken voll­zo­gen wur­den. Anfang April zog sie aus der Schlich­ter­stra­ße in die Elt­vil­ler Str. 7 in ein Haus, das nicht in jüdi­schem Besitz war. Es wird sich daher kaum um eine Zwangs­ein­wei­sung gehan­delt haben. Aber sie blieb dort nur etwa sechs Wochen. Ihre nächs­te Unter­kunft war dann in der Moritz­str. 25, ein Haus, wel­ches auf der NSDAP-Lis­te der Juden­häu­ser steht. Aus die­ser Zeit liegt eine Akten­no­tiz der Devi­sen­stel­le vor, in der ihre dama­li­ge finan­zi­el­le Lage fest­ge­hal­ten wur­de. Sie besit­ze kein Ver­mö­gen und erhal­te von der Jüdi­schen Wohl­fahrts­ver­ei­ni­gung neben der Win­ter­hil­fe eine monat­li­che Unter­stüt­zung von 36 RM, zuzüg­lich eines Miet­zu­schus­ses von 7,90 RM.[29] In der Moritz­stra­ße wohn­te sie genau ein Jahr als Unter­mie­te­rin „bei Haas“. Es han­delt sich mit gro­ßer Sicher­heit um die ver­wit­we­te Ber­ta Haas, der es im März 1941 noch gelang, zu ihren Kin­dern in die USA aus­zu­wan­dern. Am 28. Mai des glei­chen Jah­res zog Rosa Strauss in die Riehl­str. 12, was wie­der­um kein Juden­haus war. Dies­mal mie­te­te sie sich für ein hal­bes Jahr bei dem jüdi­schen Ehe­paar Max und Min­na Berg­hau­sen ein, die am 1. Sep­tem­ber 1942 nach The­re­si­en­stadt depor­tiert wur­den. Am 25. Novem­ber 1941 wech­sel­te Rosa Strauss erneut ihre Unter­kunft. Sie zog dies­mal wie­der zu ihrer Toch­ter und ihrem Schwie­ger­sohn, die bereits seit dem 16. März 1940 im Juden­haus in der Herrn­gar­ten­str. 11 wohn­ten. Ver­mut­lich bezie­hen sich die Aus­sa­gen des oben zitier­ten Brief­schrei­bers auf die­se letz­te Pha­se des Zusam­men­le­bens, denn die Not, von der er sprach, muss gera­de in die­sen letz­ten Mona­ten bedrü­ckend gewe­sen sein.

Im Juli 1940 wur­de für Karl Rei­nin­ger eine soge­nann­te JS-Map­pe ange­legt, die dazu dien­te, die Ver­mö­gens­wer­te der Juden zu kon­trol­lie­ren und für den Staat zu sichern.[30] In einem Schrei­ben, dem ein For­mu­lar bei­gefügt war, wur­de auch er auf­ge­for­dert, auf die­sem Bogen sei­ne Ver­mö­gens­wer­te, sein Ein­kom­men und sei­ne monat­li­chen Aus­ga­ben anzu­ge­ben. Wenn noch Ver­mö­gen vor­han­den war, muss­te ein Siche­rungs­kon­to ange­legt wer­den, auf das die Ver­mö­gens­wer­te zu trans­fe­rie­ren waren. Nur ein bestimm­ter Betrag, der „Frei­be­trag“, durf­te monat­lich zum Lebens­un­ter­halt ver­wen­det wer­den. Vor der Abga­be einer genau­en Ver­mö­gens­auf­stel­lung wur­de die­ser Frei­be­trag im All­ge­mei­nen vor­läu­fig auf 300 RM fest­ge­legt, dann jeweils an die vor­han­de­nen Mit­tel bzw. Aus­ga­ben ange­passt. Auch bei Karl Rei­nin­ger betrug der vor­läu­fi­ge Frei­be­trag 300 RM, eine Sum­me, über die er schon längst nicht mehr ver­fü­gen konn­te, weil er ein ent­spre­chen­des Ein­kom­men nicht mehr besaß.

Karl Reininger, Elise Wertheimer Reininger, Berta Strauss Reininger, Joseph Wertheimer, Minna Wertheimer, Siegfried Strauss, Rosalie Rosa Strauss, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Schrei­ben von Karl Rei­nin­ger an die Devi­sen­stel­le Frank­furt
HHStAW 519/​3 5950 (4)

Vie­le der mit­tel­lo­sen Juden hat­ten den Büro­kra­tis­mus des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ap­pa­rats unter­schätzt und die For­mu­la­re nicht aus­ge­füllt, weil sie kein Ver­mö­gen anzu­ge­ben hat­ten. So auch Karl Rei­nin­ger. Er schrieb statt­des­sen auf eine Post­kar­te den knap­pen Satz an die Devi­sen­stel­le: „Anbei mir über­las­se­nes For­mu­lar J​.​S. 13–6947 zurück, da ich ver­mö­gen­los, Sozi­al. Inval. Ren­ten­empf. und unter­stüt­zungs­be­dürf­tig bin.“[31] Die Devi­sen­stel­le in Frank­furt gab sich damit aber kei­nes­wegs zufrie­den, das For­mu­lar sei aus­zu­fül­len, zudem sol­le er ange­ben, wel­che Ren­te er kon­kret bezie­he. Karl Rei­nin­ger schick­te dar­auf­hin das For­mu­lar doch noch zurück – aber alle Fra­gen waren von ihm ein­fach durch­ge­stri­chen wor­den. In einem klei­nen bei­lie­gen­den Schrei­ben erläu­ter­te er sei­ne und die finan­zi­el­le Situa­ti­on sei­ner Frau: Er bezie­he eine monat­li­che Ren­te von 54 RM und wer­de zusätz­lich von der Jüdi­schen Kul­tus­ge­mein­de mit Klei­dung und Wäsche unter­stützt. Er woh­ne frei, da er unter­ver­mie­tet habe, „um nur eini­ger­ma­ßen durch­zu­kom­men“.[32] Die Devi­sen­stel­le ver­zich­te­te auf die Anla­ge eines Siche­rungs­kon­tos und setz­te den Frei­be­trag auf 120 RM her­un­ter [33] – auch über einen sol­chen Betrag ver­füg­ten Rei­nin­gers inzwi­schen nicht mehr.

Karl Reininger, Elise Wertheimer Reininger, Berta Strauss Reininger, Joseph Wertheimer, Minna Wertheimer, Siegfried Strauss, Rosalie Rosa Strauss, Judenhaus Wiesbaden, Herrngartenstr. 11
Mel­dung des Zel­len­warts über die Wohn­ver­hält­nis­se in der Herrn­gar­ten­str. 11 im Huni 1940
HAStAW 483 10127 (79)

Die Recher­chen der Block­war­te, die die NSDAP 1940 in Vor­be­rei­tung auf die Ver­brin­gung von arbeits­fä­hi­gen Juden zum Ein­satz im Osten anstell­te,[34] ent­hiel­ten auch Anga­ben über die dama­li­gen Bewoh­ner des Juden­hauses Herrn­gar­ten­str. 11. Ihnen ist zu ent­neh­men, dass das Ehe­paar Rei­nin­ger damals drei Man­sar­den­räu­me ange­mie­tet hat­te, in denen ins­ge­samt 5 Per­so­nen wohn­ten, somit neben Karl und Ber­ta Rei­nin­ger noch drei wei­te­re Unter­mie­ter. Rosa Strauss war zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ein­ge­zo­gen. Die gesam­te Woh­nung hat­te etwa 50 qm, davon gin­gen etwa 12 qm für die Küche ab.[35] Fak­tisch bewohn­ten also fünf Per­so­nen zwei Zim­mer. Bis auf zwei Namen sind die Unter­mie­ter von Rei­nin­gers nicht bekannt. Seit dem 16. Juli 1939 leb­te in einem der Zim­mer Fran­zis­ka Horo­witz, die Haus­an­ge­stell­te von Rei­nin­gers. Sicher ist auch, dass Eugen Blüh­dorn dort seit dem 1. Febru­ar 1941 wohn­te. Er hat­te mit ande­ren im Sep­tem­ber 1941 bei der NSDAP einen Antrag auf Koh­le­lie­fe­rung für den Win­ter gestellt. Die NSDAP lehn­te den Antrag ab, nach­dem der Block­wart die fol­gen­de Aus­kunft erteilt hat­te: „Blüh­dorn wohnt in Unter­mie­te bei dem Juden Rei­nin­ger und ist viel bei sei­ner Mut­ter in der Nie­der­wald­str. 4. Da Blüh­dorn sicher nicht kränk­lich ist, dürf­te Koh­le­lie­fe­rung nicht in Fra­ge kom­men.“[36]

Es sind die­se weni­gen Hin­wei­se und Infor­ma­tio­nen, die als klei­ne Mosa­ik­stein­chen ein, wenn auch unschar­fes Bild erge­ben, das die Not und das Elend der in die­sen weni­gen Räu­men zusam­men­ge­pferch­ten Men­schen zumin­dest erah­nen las­sen: ein Leben in völ­li­ger Armut, ohne jede Pri­vat­sphä­re, zusam­men mit oft eher frem­den Men­schen, der win­ter­li­chen Käl­te aus­ge­setzt und immer das Damo­kles­schwert der Depor­ta­ti­on vor Augen.

Karl und Ber­ta Rei­nin­ger sowie deren Mut­ter Rosa Strauss wur­den am 10. Juni 1942 „nach dem Osten eva­ku­iert“, wie es in der ver­schlei­ern­den For­mu­lie­rung auf den Gestapo­kar­tei­kar­ten heißt. Der Zug brach­te sie mit ins­ge­samt etwa 370 Juden aus Wies­ba­den nach Frank­furt, wo er mit wei­te­ren etwa 900 Juden aus Frank­furt und ande­ren Orten des gesam­ten Regie­rungs­be­zirks Wies­ba­den auf ins­ge­samt 1253 auf­ge­füllt wur­de. Das ers­te Ziel war der Bahn­hof Lub­lin im soge­nann­ten Gene­ral­gou­ver­ne­ment. Etwa 180 bis 250 Män­ner wur­den dort aus dem Zug geholt, um deren Arbeits­kraft vor ihrem bal­di­gen Tod beim Auf­bau des KZs Maj­da­nek noch zu ver­wer­ten. Karl Rei­nin­ger war nicht dar­un­ter. Er wur­de mit sei­ner Frau unmit­tel­bar in das Ver­nich­tungs­la­ger Sobi­bor über­führt. Wann sie dort ermor­det wur­den, ist nicht bekannt, aber es wird, wie üblich, unmit­tel­bar nach Ankunft gewe­sen sein.[37]

Am 29. Mai 1951 setz­te das Amts­ge­richt Wies­ba­den den Todes­tag von Rosa Strauss auf den 8. Mai 1945 fest,[38] am 3. März 1952 den von Karl und Ber­ta Rei­nin­ger eben­falls auf den Tag des Kriegs­en­des.[39]

 

Ver­öf­fent­licht: 19. 06. 2020

Letz­te Ände­rung: 15. 10. 2020

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Für Ber­ta und Karl Rei­nin­ger hat auch das Akti­ve Muse­um Spie­gel­gas­se ein Erin­ne­rungs­blatt ver­öf­fent­licht, sie­he http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/wp-content​/downloads​/erinnerungsblaetter​/EB-Reiniger-Karl.pdf. (Zugriff: 14.6.2020).

[2] Auf sei­ner Gestapo­kar­tei­kar­te ist sein Geburts­ort mit Stot­zi­na angegeben.

[3] Auf der fol­gen­den Web-Site http://​ahnen​reich​.de/retrospect​/juden​/index.php​?m=family&id=I89786 (Zugriff: 14.6.2020). sind als Eltern von Karl Rei­nin­ger ein Sieg­mund Rei­nin­ger, gebo­ren um 1865, und des­sen Frau Mar­tha ange­ge­ben, aller­dings ohne Quel­len­ver­weis. Dass es sich aber um den rich­ti­gen Karl Rei­nin­ger han­delt, ergibt sich dar­aus, dass des­sen Ehe­frau Ber­ta Strauss eben­falls auf­ge­führt ist.

[4] Die Infor­ma­tio­nen zur Fami­lie Wert­hei­mer stam­men aus https://​www​.ancestry​.de/family-tree​/person​/tree​/43227391​/person​/12634428273​/facts. (Zugriff: 14.6.2020) und aus Köbe­le, Sie­fert Scheer, Orts­sip­pen­buch Kip­pen­heim, Gra­fen­hau­sen 1979. Ein Aus­zug dar­aus wur­de mir freund­li­cher­wei­se von J. Stu­de, dem Vor­sit­zen­den des För­der­ver­eins Ehe­ma­li­ge Syn­ago­ge Kip­pen­heim, zur Ver­fü­gung gestellt. Mina Wert­hei­mer war eine gebo­re­ne Eppstein. Sie leb­te von 1845 bis 1905, ihr Ehe­mann von 1841 bis 1923. Joseph Wert­hei­mer war der Sohn von Simon und Schön­le Wert­hei­mer, gebo­re­ne Dreyfuss.

[5] http://​www​.ale​man​nia​-judai​ca​.de/kippenheim_synagoge.htm. (Zugriff: 14.6.2020).

[6] Die Ehe war am 23.5.1867 in Kip­pen­heim geschlos­sen wor­den. Ihre Eltern waren der Kauf­mann Jesai­as und Doro­thea Eppstein aus Mühringen.

[7] Ebd. Joseph Wert­hei­mer leb­te von 1841 bis 1923, sei­ne Frau von 1845 bis 1905. Von sei­nen Eltern Simon und Schoen­le Wert­hei­mer ist nur das Todes­jahr der Ehe­frau bekannt. Sie ver­starb 1858

[8] Fol­gen­de Kin­der wur­den Joseph und Mina Wert­hei­mer gebo­ren: Juli­us, gebo­ren am 11.3.1868, der ver­mut­lich mit sei­ner Frau Dil­la 1926 in die USA aus­wan­der­te. Ida, gebo­ren 1870, ver­hei­ra­tet mit Joseph Moch, hat­te eine Toch­ter, Meta Moch. Ihr wei­te­res Schick­sal ist nicht bekannt. Sieg­mund, gebo­ren am 8.8.1872, war mit Ernes­ti­ne Eppstein ver­hei­ra­tet. Bei­de wur­den im Rah­men der Wag­ner-Bürckel-Akti­on nach Gurs ver­bracht. Simon Sig­mund kam am 13.1.1942 im Lager Les Mil­les ums Leben, sei­ne Frau Ernes­ti­ne wur­de am 29.4.1944 in Ausch­witz ermor­det. Ihr 1899 gebo­re­ner Sohn Hugo hat über­lebt. Sofie, ver­hei­ra­tet mit Leo Lud­wig Moch, leb­te mit ihren bei­den Söh­nen Max und Sieg­bert zeit­wei­se in Wies­ba­den. Auch ihnen gelang nach dem frü­hen Tod von Lud­wig Moch im Jahr 1927 die Flucht in die USA. Über Her­mann, gebo­ren 1876, gestor­ben 1940, lie­gen kei­ne wei­te­ren Infor­ma­tio­nen vor. Jakob, gebo­ren am 17.4.1877, war ver­hei­ra­tet mit Dina The­re­se Nathan. Das Paar hat­te die bei­den Söh­ne Sieg­wart Ste­phan und Hans Harold. Die Fami­lie über­leb­te den Holo­caust in den USA, wenn­gleich Jakob Wert­hei­mer unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de im Juli 1945 ver­starb. Max, gebo­ren am 9.7.1879, ver­hei­ra­tet mit Bet­ty Stern, wur­de am 2.1.1921 die Toch­ter Ellen Min­na gebo­ren. Auch die­se Fami­lie über­leb­te in den USA, wo Max Wert­hei­mer am 12.3.1950 ver­starb. Es folg­te 1881 Eli­se, die mit Karl Rei­nin­ger ver­hei­ra­tet war. Ger­da, gebo­ren am 19.12.1883, war ver­hei­ra­tet mit Jakob Wechs­ler, gebo­ren am 24.1.1882. Bei­de wur­den im Rah­men der Wag­ner-Bürckel-Akti­on am 22.10.1940 zunächst nach Gurs ver­schleppt, im August 1942 wei­ter nach Ausch­witz depor­tiert und ermor­det. Zuletzt Frie­da, gebo­ren am 19.3.1886. Sie ver­starb bereits am 10.12.1909. Die Daten sind Ancestry und dem Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz ent­nom­men und nicht über­prüft worden.

[9] Ster­be­re­gis­ter Lim­burg 133 /​ 1926.

[10] Die Stol­per­stein­in­itia­ti­ve Lim­burg hat für ihn zur Erin­ne­rung einen Gedenk­stein set­zen las­sen und eine knap­pe Bio­gra­phie ver­öf­fent­licht, sie­he https://​stol​per​stei​ne​-gui​de​.de/biografie​/1707​/max-moch. (Zugriff: 14.6.2020).

[11] Hei­rats­re­gis­ter Wies­ba­den 384 /​ 1937.

[12] Im glei­chen Haus wohn­te bei sei­ner Ehe­schlie­ßung mit Rosa Ehren­feld auch Sieg­bert Moch. Das Paar zog aber dann in die Woh­nung von Rosa in der Adolfstr. 16.

[13] Ster­be­re­gis­ter Wies­ba­den 198 /​ 1937.

[14] Hei­rats­re­gis­ter Pir­ma­sens 273 /​ 1937.

[15] Hei­rats­re­gis­ter Pir­ma­sens 273 /​ 1904. Rosa­lies Eltern waren der „Mak­ler“ Isaak Jakob und sei­ne Frau Johan­na, gebo­re­ne Baer, sie­he HHStAW 518 38508 (34). Ber­ta Strauss hat­te noch einen Bru­der Samu­el, der den Holo­caust in den USA über­leb­te, und die bei­den Schwes­tern Isa­bel­la und Hed­wig, sie­he HHStAW 469/​33 2906 (7). Isa­bel­la Remp, gebo­ren am 22.10.1887 in Hom­burg /​ Saar wur­de, wie so vie­le ande­re Juden die­ser Regi­on, im Herbst 1940 nach Gurs ver­bracht und zuletzt in Ausch­witz ermor­det. Ihr offi­zi­el­ler Todes­tag ist der 31.12.1943. Sie­he Gedenk­buch des Bun­des­ar­chivs Koblenz. Über das Schick­sal ihrer Schwes­ter Hed­wig, gebo­ren am 26.1.1895, lie­gen kei­ne Infor­ma­tio­nen vor.

[16] HHStAW 518 38508 (66, 81).

[17] HHStAW 518 38215 (78).

[18] HHStAW 518 38508 (13, 14, 57). Paul Strauss hat­te für das Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren eine umfang­rei­che Lis­te des Mobi­li­ars erstellt. Er bezif­fer­te den Wert der Woh­nungs­ein­rich­tung auf etwa 10.000 RM, den Wert der Büro­ein­rich­tung auf knapp 4.000 RM, sie­he ebd. (9–11).

[19] HHStAW 518 38215 (42 ff.).

[20] Wel­chen Umfang die tat­säch­lich hat­te und wel­che Gewin­ne erzielt wur­den, blieb im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren eben­so unklar, wie beim väter­li­chen Betrieb, sie­he ebd. (42, 48, 49).

[21] HHStAW 518 38508 (13).

[22] Ebd. (57, 65). Paul Strauss nennt das Jahr 1936, der Ver­mie­ter 1937 oder 1938. Da er aber auch angab, dass Sieg­fried Strauss in sei­nem Haus ver­stor­ben sei, kann 1938 nicht rich­tig sein.

[23] Ebd. (57).

[24] Man muss die­se Ein­las­sung von Paul Strauss im his­to­ri­schen Kon­text sehen, in dem es auch dar­um ging, eine „ange­mes­se­ne“ Ent­schä­di­gung für das erlit­te­ne Leid zu erhal­ten. Es waren – und das ist mehr als außer­ge­wöhn­lich in die­sen Ver­fah­ren – zwei Sach­be­ar­bei­ter der Behör­de, die Paul Strauss dar­auf auf­merk­sam mach­ten, dass es bes­ser sei, wenn er ange­ben wür­de, sei­ne Schwes­ter, deren Erbe er ange­tre­ten hat­te, sei nicht nur Mit­ar­bei­te­rin im Geschäft des Vaters gewe­sen, son­dern auch als des­sen Nach­fol­ge­rin ein­ge­setzt wor­den. Das mach­te einen erheb­li­chen Unter­schied bei der Leis­tung für den erlit­te­nen Scha­den am beruf­li­chen Fort­kom­men. Sie­he HHStAW 518 38215 (72, 73, 78, 80). Nach Abschluss des Ver­fah­rens bedank­te sich Paul Strauss bei den bei­den Mit­ar­bei­tern für ihre Mit­hil­fe: „Soll­ten Sie, geehr­ter Herr B. oder Herr Asses­sor L. eine Mit­tel­meer­fahrt unter­neh­men, was doch heu­te nicht mehr so unmög­lich ist, so sind Sie bei­de herz­lichst ein­ge­la­den, waeh­rend Ihres Auf­ent­hal­tes hier im Land unse­re Gaes­te zu sein. Auch dies gehoert zur Wie­der­gut­ma­chung.“ Ebd. (88).

[25] HHStAW 518 38508 (57). Eine ähn­li­che Aus­sa­ge mach­te ein wei­te­rer Nach­bar, ebd. (58), die Anga­be von Paul Strauss, ebd. (65). Die Aus­sa­gen ste­hen im Zusam­men­hang mit der Fra­ge nach einer Ent­schä­di­gung für die zurück­ge­las­se­nen Ein­rich­tungs­ge­gen­stän­de, die Paul Strauss bean­tragt hat­te. Trotz der Ein­las­sun­gen wur­den die Ansprü­che als „Ver­schleu­de­rungs­scha­den“ aner­kannt. Es geht aus den Pro­to­kol­len der Zeu­gen­ver­neh­mung deut­lich her­vor, dass die­se sich gegen­über ihren ehe­ma­li­gen jüdi­schen Mit­be­woh­nern eine eher nega­ti­ve Ein­stel­lung bewahrt hat­ten. So ver­weist der eine völ­lig empa­thie­los dar­auf, dass Frau Strauss ihm die Mie­te für drei oder vier Mona­te schul­dig geblie­ben sei, der ande­re gab an, dass er Brie­fe von Paul Strauss an ihn, in denen die­ser ihn um sei­ne Mit­hil­fe gebe­ten habe, unbe­ant­wor­tet gelas­sen habe.

[26] Leb­ten 1933 noch etwa 800 Juden in Pir­ma­sens, so nahm deren Zahl in den fol­gen­den Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich ab. 1936 waren es noch 481, 1937 noch 444, 1938 noch 312 und 1940 gab es noch einen ein­zi­gen jüdi­schen Bewoh­ner dort, sie­he https://​www​.aus​wan​de​rung​-rlp​.de/emigration-in-der-ns-zeit​/zu-emigration-der-juden-aus-der-pfalz-im-dritten-reich.html. (Zugriff: 14.6.2020).

[27] Die Anga­ben beru­hen auf einem Brief von einem Herrn Wil­ly Claus an Paul Strauss aus dem Jahr 1954. In wel­chem Ver­hält­nis er zur Fami­lie stand, ist den von Straus zitier­ten Pas­sa­gen nicht zu entnehmen.

[28] HHStAW 518 38508 (34).

[29] Ebd. (25).

[30] „JS“ steht für „Juden­si­che­rungs­ak­te“, sie­he dazu Meinl /​ Zwil­ling Lega­li­sier­ter Raub, S. 429.

[31] HHStAW 519/​3 5950 (4).

[32] Ebd. (6, 7).

[33] Ebd. (8).

[34] Sie­he dazu oben die Aus­füh­run­gen im Kapi­tel ‚Die Umsied­lung’.

[35] Sie­he dazu oben die Grund­ris­se der Woh­nun­gen im Juden­haus Herrn­gar­ten­str. 11.

[36] HHStAW 483 10127 (21).

[37] Zur Orga­ni­sa­ti­on des Mas­sen­mords in Sobi­bor sie­he Wie­nert, Sobi­bor, S. 80–92.

[38] HHStAW 469/​33 2906 (31).

[39] HHStAW 469/​33 3562 (o​.​P.).

Judenhäuser in Wiesbaden 1939 - 1942