Daniel und Frieda Kahn-Hut, geborene Wertheim


Kaiser-Friedrich-Ring 65 Wiesbaden, Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Bernhard Scheidt, Rosa Scheidt Fechheimer, Minna Scheidt Kahn, Isaak Kahn, Luise Scheidt Kaufmann, Abraham Alfred Kaufmann, Frieda Wolf, Sally Wolf, Paula Helene Wolf Kassel, Julius Kassel, Ilse Betty Kassel, Friedel Scheidt Oppenheimer, Louis Oppenheimer, Eleanor Morris, Hugo Kaufmann, Helga Simon Kaufmann, Emma Scheidt Essinger, Julius Essinger, Rolf Essinger, Otto Essinger, Anna Essinger, Siegmund Scheidt, Anna Scheidt Frank, Otto Frank, Helmuth Friedrich Frank, Edith Margot Frank,Bertha Berta Scheid Blütenthal, Davis Blütenthal, Simon Frank, Therese Frank Müller, Moses Max Frank, Anna Simon Frank, Leonie Frank Landsberg, Peter Kurt Frank, Judith Eva Landsberg, Lea Landsberg, Jenny Johanna Scheidt, Felix Kaufmann, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Das ehemalige Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 65 heute
Eigene Aufnahme
Kaiser-Friedrich-Ring 65 Wiesbaden, Judenhaus, Judenhäuser Wiesbaden, Bernhard Scheidt, Rosa Scheidt Fechheimer, Minna Scheidt Kahn, Isaak Kahn, Luise Scheidt Kaufmann, Abraham Alfred Kaufmann, Frieda Wolf, Sally Wolf, Paula Helene Wolf Kassel, Julius Kassel, Ilse Betty Kassel, Friedel Scheidt Oppenheimer, Louis Oppenheimer, Eleanor Morris, Hugo Kaufmann, Helga Simon Kaufmann, Emma Scheidt Essinger, Julius Essinger, Rolf Essinger, Otto Essinger, Anna Essinger, Siegmund Scheidt, Anna Scheidt Frank, Otto Frank, Helmuth Friedrich Frank, Edith Margot Frank,Bertha Berta Scheid Blütenthal, Davis Blütenthal, Simon Frank, Therese Frank Müller, Moses Max Frank, Anna Simon Frank, Leonie Frank Landsberg, Peter Kurt Frank, Judith Eva Landsberg, Lea Landsberg, Jenny Johanna Scheidt, Felix Kaufmann, Juden Wiesbaden, Klaus Flick
Lage des ehemaligen Judenhauses
Belegung des Judenhauses Kaiser-Friedrich-Ring 65

 

 

 

 

 

 

 


 Das Ehepaar Kahn-Hut gehörte zu denjenigen, die im Zuge der Zwangseinweisungen im Jahr 1940 in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 65 einziehen mussten.[1] Anders als andere Mitbewohner waren sie nicht seit Generationen in Wiesbaden verwurzelt, sondern erst in die Stadt gekommen, als das Leben in ihrem bisherigen Wohnort Gotha unerträglich geworden war. Dass sie damals Wiesbaden als Fluchtpunkt wählten, hatte sicher seinen Grund darin, dass ihnen die Stadt von früher dennoch vertraut war, denn die Eltern von Daniel Kahn-Hut waren Bürger der Nachbarstadt Mainz. Aber auch diese waren in Mainz nicht geboren worden, sondern kamen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands, wie man der ausschweifend formulierten Heiratsurkunde von Daniel Kahn-Huts Eltern, Joseph Simon Kahn-Hut und Friederike Sichel, entnehmen kann. Die beiden waren am 30. April 1866 in Mainz die Ehe eingegangen.[2]
Neben Informationen zu den beiden Familien enthält die Urkunde auch weiteren Details zum Ablauf der Verehelichung. Von kulturhistorischem Interesse ist die Angabe, dass die Heiratsabsicht des Paares an zwei Tagen in deren jeweiligen Heimatgemeinden öffentlich verkündet und nicht nur ausgehängt wurde, damit gegebenenfalls Einsprüche erhoben werden konnten. Auch hatten die Eltern, obwohl die Partner selbst volljährig waren, ihre Zustimmung zur Ehe schriftlich hinterlegt.

Stammbaum Kahn-Hut
Stammbaum der Familie Kahn-Hut
GDB

Der Vater von dem am 9. August 1841geborenen Joseph Simon Kahn-Hut war der Handelsmann Abraham Kahn-Hut aus Gemmingen, der allerdings bereits am 30 März 1853 dort verstorben war. Seine Witwe Schönle, genannt Jeanette, die 57jährige Mutter des Bräutigams, eine geborene Schwarzschild, lebte damals noch in Gemmingen und hatte ihre Einwilligung bei einem dortigen Notar hinterlegt.
In dem fränkischen, bei Heilbronn gelegenen Städtchen Gemmingen gab es seit dem frühen 18. Jahrhundert eine allmählich wachsende jüdische Gemeinde, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Juden gezwungen wurden, feste, erbliche Familiennamen anzunehmen, aus sechzehn Familien bestand. Eine davon wählte den Namen Kahnhut bzw. Kahn-Hut, mitunter aber auch wieder verkürzt auf Kahn.

Lehrer Bondi Mainz
Lehrer der Bondi-Schule in Mainz
https://ufdc.ufl.edu/AA00013434/00001/images/36
Tod Joseph Simon Kahn-Huz
Zum Tod des Bondi-Lehrers Joseph Simon Kahn-Hut in der Zeitschrift ‚Der Israelit‘ vom 20.10.1841

Als Joseph Simon Kahn-Hut 1866 heiratete, war er – so heißt es in der Urkunde – „zu Mainz bürgerlich ansässig und daselbst seit mehreren Jahren wohnhaft“. Mit nur achtzehn Jahren war er 1860 in die Stadt gekommen und hatte schon damals eine Anstellung als Lehrer an der Schule der Israelitischen Religionsgesellschaft erhalten, die auch räumlich der orthodoxen Synagoge in der Flachsmarktstraße angegliedert war und als Bondi-Schule gerade bei strenggläubigen Juden einen hervorragenden Ruf genoss.[3]

Abraham Wertheim
Anzeige von Abraham Sichel in der Zeitung ‚Der Israelit‘ 1901
http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20255/Schluechtern_Israelit_20051901_small.jpg

Seine Braut Friederike Sichel kam aus dem hessischen Schlüchtern, wo sie am 3. April 1841geboren wurde.[4] Sie war das älteste von insgesamt sechs Kindern des Handelsmanns Abraham Sichel und seiner Frau Babette, geborene Klingenstein.[5] Von ihren Eltern lebte zum Zeitpunkt der Eheschließung noch der 50jährige Vater,[6] während die Mutter am 27. März 1863 in Schlüchtern verstorben war.[7] Die Familie Sichel gehörte zu den bedeutenden jüdischen Familien im nordhessischen Raum. Auch ihre Genealogie reicht zurück bis in das 17. Jahrhundert. Als Abraham Sichel 1872 verstarb war das der Zeitschrift ‚Der Israelit’ einen Artikel wert, der ihn für seine Lebenswerk in höchsten Tönen lobte.[8]

Heirat Joseph Kahn-Hut und Friedericke Michel
Heiratseintrag Joseph Simon Kahn-Hut und Friederike Sichel in Mainz
Heiratsregister Mainz 96 / 1866

Auch in der Ehe von Joseph Simon und Babette Kahn-Hut wurden in Mainz, wo die Familie in der Emmeranstr. 33 wohnte, wieder sechs Kinder geboren, von denen der drittgeborene Siegmund nur ein Jahr alt wurde und am 3. Juli 1872 bereits verstarb.[9] Abgesehen von dem zweitältesten Marcus, der 1939 eines natürlichen Todes starb, fielen alle anderen Kinder des Paares dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.

Daniel Kahn-Hut
Daniel Kahn-Hut
https://namesfs.yadvashem.org//yadvashem/photos4/hon/14206555.JPG
Frieda Kahn-Hut
Frieda Kahn-Hut, geb. Wertheim
https://namesfs.yadvashem.org//yadvashem/photos4/hon/14206554.JPG

Aber daran war noch nicht zu denken, als die Kinder in der prosperierenden Zeit nach der Reichsgründung aufwuchsen und sich auf ihre berufliche Laufbahn vorbereiteten. Offensichtlich muss der Vater als Lehrer damals ein so hohes Einkommen verdient haben, um zumindest einem Teil der Kinder eine akademische Ausbildung ermöglichen zu können. Wo der am 31. März 1875 als zweitjüngstes Kind von Joseph und Friederike Kahn-Hut [10] zur Welt gekommene Daniel zur Schule ging, wo er studierte und seine Examina abgelegt hatte, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Im Jahr 1898 publizierte er als Abschluss seines Medizinstudiums in Straßburg seine Dissertation über die Operation des Grauen Stars.[11] Auch gibt es keine sicheren Erkenntnisse darüber, wo er sich in den folgenden Jahren aufhielt und als Arzt praktizierte. Als er am 17. Februar 1905 in Darmstadt, dem Wohnort seiner Braut, Frieda Wertheim heiratete,[12] gab er als eigenen Wohnsitz noch oder wieder Mainz an.

Wertheim Hofgeismar
Hofgeismar, Mühlenstr. 9, wo die Familie Wertheim bis 1903 wohnte
https://www.hofgeismar.de/museum-hofgeismar/download/familie-wertheim-tafel-16.pdf?cid=wo

Frieda Wertheim stammte ursprünglich aus dem nordhessischen Hofgeismar, wo sie am 25. März 1880 geboren wurde und wo ihre Eltern, der Rentner Louis Wertheim und seine Frau Rosalie, noch immer in der dortigen Mühlenstr. 9 lebten. Die Mutter war eine geborene Kleeberg und wird – so ist anzunehmen – sehr weitläufig mit den Kleebergs verwandt gewesen sein, mit denen ihre Tochter später im Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 65 zusammen leben musste.[13]

Bürgeraue Gotha
Bürgeraue 4 in Gotha heute

Bald nach der Hochzeit, noch im Jahr 1905, zog das jungvermählte Paar in die thüringische Stadt Gotha, wo Daniel Kahn-Hut in der Bürgeraue 4 eine allgemeinmedizinische Praxis eröffnete. Im folgenden Jahr wurde am 6. Mai 1906 dort ihr einziges Kind, der Sohn Edgar, geboren.[14]

Über die fast dreißig Jahre, die die Familie in Gotha lebte, ist nur wenig bekannt. Ihr Sohn gab später an, dass sie dort eine große 8-Zimmerwohnung angemietet hatten und es ihnen finanziell immer gut gegangen sei. Er meinte, sich an ein Nettojahreseinkommen von knapp 20.000 RM im Jahr 1929 erinnern zu können.[15] Unterlagen des Finanzamts liegen erst seit Beginn der dreißiger Jahre vor und geben etwa die Hälfte dieses Betrages an.[16]

Vermutlich hatte aber zu diesem Zeitpunkt bereits die Praxis des Dr. Kahn-Hut die wachsende Durchdringung des öffentlichen Lebens mit der antisemitischen Propaganda zu spüren bekommen. Thüringen gehörte zu den Ländern Deutschlands, in denen, von Bayern abgesehen, sich das völkische Gedankengut schon früh Bahn brechen konnte. Schon 1921 waren die ersten NSDAP-Ortsgruppen entstanden. Dort wurde auch das nach dem gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 verhängte reichsweite NSDAP-Parteiverbot zuerst wieder aufgehoben und 1930 gab es in Thüringen die erste Regierungskoalition des bürgerlichen Lagers mit der NSDAP. Frick, der spätere Innenminister unter Hitler, fungierte damals schon als Innen- und Kulturminister dieser Regierung. Und 1932 hatten die Nationalsozialisten dort mit 42,5 Prozent ihr Ziel, mit einer eigenen Mehrheit regieren zu können, schon fast erreicht. In der örtlichen Presse, die sich engagiert an der Hetze gegen Juden und Andersdenkende beteiligte, erschienen Artikel, die den Arzt persönlich diffamierten und beleidigten. Auch Angriffen auf der Straße war er durch diese Kampagne ausgesetzt.[17]

Nicht verwunderlich, dass die Zahl der Patienten schon seit Ende der zwanziger Jahre kontinuierlich zurückging. 1933 wurde ihm, wie allen jüdischen Ärzten, die Kassenzulassung entzogen. 1934 entschlossen sich Daniel und Frieda Kahn-Hut die Praxis aufzugeben, Gotha zu verlassen und nach Wiesbaden zu ziehen.

Wo ihr Sohn, der eine Ausbildung als Ingenieur abgeschlossen hatte, sich damals aufhielt, ist nicht bekannt. In einem kurzen Artikel über seine Tochter Rachel, die spätere Professorin der San Francisco State University, heißt es, ihr Vater habe Anfang der dreißiger Jahre das von der Inflation gebeutelte Deutschland verlassen, um in der Sowjetunion Arbeit zu suchen.[18] Dass damals die Inflation in Deutschland schon lange besiegt und die Weltwirtschaftskrise das eigentliche Problem war, sei nur am Rande bemerkt. Man wird auch kaum annehmen können, dass die Entscheidung, in die Sowjetunion zu gehen, damals alleine von dem genannten Motiv bestimmt und keine politische Entscheidung war. Zwar gibt es keine Belege dafür, dass Edgar Kahn-Hut der kommunistischen Bewegung nahe gestanden hätte, aber das Land Stalins war eigentlich nur eine Option für diejenigen, die in der Sowjetunion das einzig wirkliche Bollwerk gegen den aufkommenden Faschismus sahen. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die Entscheidung nach Moskau zu gehen, tatsächlich nicht politisch motiviert war, sondern er im Auftrag einer deutschen Firma dort arbeitete, wie ein Bekannter aus der späteren gemeinsamen Lagerzeit angab.[19] Das würde auch die widersprüchlichen Aussagen zum Zeitpunkt seiner Ausreise erklären. Edgar selbst gab an, 1936 in Wiesbaden seine Eltern letztmals gesehen zu haben, bevor er Deutschland verließ. In einem Schreiben der Zollfahndungsstelle Mainz, mit der 1938 eine Sicherungsanordnung gegen Dr. Kahn-Hut eingeleitet wurde, heißt es dagegen, dass sich „der einzige Sohn des Kahn-Hut seit 1931 im Ausland befindet“,[20] was wiederum die Angabe des amerikanischen Artikels bestätigen würde. Bei Frenzel liest man – allerdings ohne Quellenangabe -, Edgar sei 1932 in die Sowjetunion emigriert.[21] Eine sowjetische Quelle nennt ihn in einer Auflistung der ausländischen Spezialisten für Metallbau, der in den Jahren von 1930 bis 1937 für das Volkskommissariat für Maschinenbau tätig gewesen sein soll.[22]

Es ist wohl wahrscheinlich, dass Edgar Kahn-Hut in diesen letzten Jahren der Weimarer Republik und den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft als Angestellter einer deutschen Firma noch die Möglichkeit hatte, die Grenzen zwischen Deutschland, Polen und der Sowjetunion relativ problemlos zu überschreiten und 1936 noch einmal zu seinen Eltern nach Wiesbaden gekommen war, obgleich er damals schon in Moskau lebte. Möglicher Anlass für das Treffen könnte die notarielle Errichtung des gemeinsamen Testaments der Eltern am 3. August 1936 gewesen sein, in dem sie sich gegenseitig als Vor- und den gemeinsamen Sohn als Nacherben einsetzten.[23]
In der UdSSR lernte Edgar Kahn-Hut seine Frau Caroline Rosen kennen, angeblich eine russische Jüdin.[24] Laut den Unterlagen der US-Volkszählung von 1940 stammte sie jedoch aus Polen.[25] Den beiden war aber nur eine kurze Zeit des Zusammenseins vergönnt. Die immer bedrohlicher werdende Situation für Juden in Europa, besonders in den Ländern UdSSR, Polen und Deutschland, scheint das Paar entzweit zu haben – so zumindest die Aussage des Bekannten aus dem Lager. Während Caroline Rosen nach seinen Angaben in die USA ausreisen wollte, glaubte Edgar Kahn-Hut in Moskau, wo er zuletzt wohnte, sicher zu sein. Möglicherweise gab es diese Kontroverse tatsächlich. Ob aber die Entscheidung, zukünftig getrennte Wege zu gehen, schon endgültig getroffen war, als sich am 18. November 1937 in der Moskauer U-Bahn eine Hand auf Edgar Kahn-Huts Schulter legte und er verhaftet wurde, ist keineswegs sicher, zumal Caroline Rosen damals hoch schwanger war.
Das lange Zögern hatte sich in jedem Fall als fataler Irrtum erwiesen. Edgard Danilowitsch Kan-Hut – wie er in der UdSSR hieß – war aus dem deutschen Regen in der russischen Traufe geendet. Wie so viele andere Exilanten wurde er Opfer der stalinistischen Säuberungen, wurde verdächtigt, ein deutscher Spion zu sein und verschwand bald in einem der vielen und berüchtigten Lager des stalinistischen Systems. Am 29. Dezember 1937 wurde er vom NKVD zu zehn Jahren Zwangsarbeit im Gulag von Norilsk / Norillag verurteilt.[26]

 

 

 

 


Bilder aus den Anfangsjahren des Gulag Norillag / Norilsk

https://www.rbth.com/history/331201-ussr-gulag-camps und https://upload.wikimedia.org/wikipedia/sh/thumb/6/60/Norillag.jpg/288px-Norillag.jpg

Es handelte sich dabei um ein ganzes Lagersystem mit vielen Tausend Zwangsarbeitern jenseits des Polarkreises mit den entsprechenden Lebensbedingungen. Ein Vierteljahr ohne Sonne und ein anderes Vierteljahr ohne wirkliche Nacht, Temperaturen, die in den Wintermonaten auf Minus 50 Grad abfielen, Schneestürme, gegen die man sich kaum zu schützen vermochte. Dazu eine Luft, die durch die industriellen Anlagen, besonders durch Schwefeldioxid, so sehr verseucht war, dass allein deshalb das Atmen schwer fiel.
Gegründet worden war das Lager 1935 mit zunächst etwas mehr als 1000 Häftlingen, eine Zahl, die gerade in den Nachkriegsjahren auf über 70000 Menschen anschwoll.

Andererseits waren diese Lager nicht mit den KZs der Nazis zu vergleichen, da dort nicht die Vernichtung, sondern die Verwertung der Gefangenen das oberste Ziel war. Nur in der ersten Zeit gab es ausschließlich Zelte, dann wenigstens einfache Baracken, in denen aber auch Familien zusammenleben durften. Später wurden diese durch mehrstöckige Häuser mit einfachen Wohnungen ersetzt und es entstand in diesem Gebiet mit seinen wichtigen Rohstoffen eine Stadt, mit Schulen, Theater und Geschäften, in der auch zunehmend Menschen wohnten, die in der dortigen Industrie, besonders im Bergbau und der Metallverarbeitung, Arbeit suchten. Heute ist das ehemalige Lager die größte Stadt jenseits des Polarkreises. Trotz des generellen Zwangssystems gab es auch unterschiedliche Phasen der Unterdrückung, Phasen der Freizügigkeit und wegen des hohen Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften auch Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs, gerade für Menschen wie Edgar Kahn-Hut. Er, ein ausgebildeter Ingenieur, der zudem verschiedene Sprachen fließend beherrschte, gehörte ganz sicher zu den gefragtesten Gefangenen.[27] Ein Mithäftling Joseph Shamis erwähnt ihn in seinen Erinnerungen als „one of the leading workers“ im „design department for metal structures of buildings and structures, a major specialist in his field“.[28] Es ist nicht auszuschließen, dass ursprünglich eine dieser Qualifikation und nicht irgendwelche politischen Gründe ihn in dieses Arbeitslager gebracht hatten.[29]

Die Geburt seiner Tochter Rachel, die noch am 25. Januar 1938 in Moskau zur Welt kam,[30] hat er selbst nicht mehr erlebt. Im März 1938 waren sein Frau und das zehn Wochen alte Baby aus der vermeintlichen Diktatur des Proletariats ausgewiesen worden.[31]

Rachel als Kind in den USA
Mit Genehmigung von Maoz Guttman

Der Weg der beiden in die USA führte sie über Wiesbaden, wo Mutter und Tochter eine gewisse Zeit bei ihren Schwieger- bzw. Großeltern blieben. Diese hatten sich, nach ihrem Wegzug von Gotha 1934, in der Kurstadt in der Mittelheimer Str. 11 im dritten Stock eine Wohnung gemietet, in der sie bis 1940 blieben. Praktiziert hat Dr. Kahn-Hut in Wiesbaden nicht mehr, auch nicht als „Krankenbehandler“ für Juden. Das Paar lebte im Wesentlichen von seinem Vermögen und den Erträgen, die dieses abwarf. Nach Angaben des Finanzamts Wiesbaden belief sich das Einkommen im Jahr 1934 noch auf etwa 3.000 RM, zwei Drittel weniger als zuletzt in Gotha, betrug in den ersten folgenden Jahren aber nur noch zwischen 1.000 und 2.000 RM im Jahr.[32]

Als die Zollfahndungsstelle Mainz im September 1938 die bereits erwähnte Sicherungsanordnung veranlasste, bezifferte sie das Vermögen von Dr. Kahn-Hut mit insgesamt etwa 50.000 RM, 44.500 RM in Form von Wertpapieren, 1.500 RM lagen auf einem Bankkonto der Deutschen Bank und etwa 5.500 RM betrug der Rückkaufswert von drei Lebensversicherungen.[33] Unmittelbar nach dem Erlass der Sicherungsanordnung bat er um die Genehmigung, Papiere im Wert von etwa 3.000 RM verkaufen und den Betrag auf sein Bankkonto überweisen zu dürfen, um damit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die Zinserträge, die ihm freigestellt worden waren, würden dafür nicht ausreichen.[34] Die Genehmigung wurde im Oktober erteilt.
Zwei Jahre später, im Juni 1940, war er von der Devisenstelle erneut zur Abgabe einer aktuellen Aufstellung seines Vermögens aufgefordert worden. Dies belief sich jetzt auf rund 43.000 RM.[35] Die Lebensversicherungen hatte er inzwischen zurückgekauft, um damit die 1939 fällig gewordene Judenvermögensabgabe in Höhe von insgesamt 6.000 RM zu bezahlen.[36] Seinen monatlichen Bedarf für den Zweipersonenhaushalt gab er mit 300 RM an, was zur Folge hatte, dass ihm der bisherige Freibetrag von 500 RM am 2. Dezember auf diesen geringeren Betrag gekürzt wurde.[37]

Daniel Kahn-Hut meldet den Umzug in das Judenhaus
Daniel Kahn-Hut meldet den Umzug in das Judenhaus
HHStAW 519/3 3648 (19)

Noch am selben Tag bat er die Devisenstelle, ihm wieder den früheren Betrag freizugeben. Er begründete diese Bitte zum einen mit dem „erzwungenen Umzug in eine größere Wohnung, die (er) sich mit zwei Familien teilen“ müsse.[38] Der Umzug, den er hier anspricht ist der in das Judenhaus Kaiser-Friedrich-Ring 65, der aber laut Gestapokarteikarte bereits am 20. September 1940 stattgefunden hatte. In jedem Fall war der Wohnungswechsel nicht durch ökonomischen Druck, sondern offensichtlich explizit durch eine Anweisung des Wohnungsamtes erfolgt. Darüber, mit wem das Ehepaar damals die Wohnung teilen musste, machte er keine Angaben. Dies lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen auch nicht sicher erschließen. Laut einer Liste, die aber erst im Vorfeld der Deportationen 1942 erstellt wurde, bewohnten Kahn-Huts zusammen ein Zimmer im ersten Stock des Hauses,[39] von dem ohnehin nur zwei Etagen als „Judenhaus“ genutzt wurden. Vermutlich konnte er in dieses Zimmer nur einen Teil seines Mobiliars aus der bisherigen Wohnung mitnehmen. Einen entsprechenden Entschädigungs- oder Rückerstattungsantrag hatte der Sohn später aber nicht gestellt.

Der weitere Grund, weshalb Dr. Kahn-Hut um einen höheren Freibetrag bat, war seine inzwischen eingetretene Erkrankung. Am 21. November hatte er – sicher nicht zuletzt wegen der mit dem Umzug verbundenen Aufregungen – einen Schlaganfall erlitten, der Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen der rechten Körperhälfte zur Folge hatte, wie der jüdische Arzt Eduard Laser am 22. November attestierte.[40] Der gewünschte Betrag wurde dann tatsächlich bewilligt.

Daniel Kahn-Hut
Daniel Kahn-Hut unterstützte die Familien seiner Brüder immer wieder mit finanziellen Zuwendungen
HHStAW 519/3 3648 (22)

Aber nicht nur für das Ehepaar Kahn-Hut wurde die Lage immer bedrückender. Die beiden hatten zumindest noch soviel finanzielle Mittel, um ihr Leben schlecht und recht fristen zu können. Wesentlich schlimmer stand es offensichtlich um die Brüder von Daniel Kahn-Hut. In einem Schreiben an die Devisenstelle im Sommer 1941 bat er darum, diesen jeweils monatlich 100 RM von seinem gesicherten Konto übertragen zu dürfen, „weil sie am Ende ihrer Mittel angelangt“ seien.[41]
Das Schreiben enthält noch eine weitere wichtige Nachricht. Wie auch das Ehepaar Rothschild waren Kahn-Huts im Sommer 1941 kurzerhand aus ihrem Zimmer vertrieben worden, um für ein halbes Jahr Platz für deutsche „Volksgenossen“ zu machen, die durch Luftkriegsschäden obdachlos geworden waren. Vom 12. Mai bis zum 20. Oktober wurden sie in der Mauergasse 10 untergebracht, dem Elternhaus von Hedwig Strauss und Paula Straus, beide geborene Rödelheimer.[42] Nicht bekannt ist, ob sie dort eingewiesen wurden oder sie sich selbst um diese Unterkunft hatten kümmern müssen. Daniel Kahn-Hut schrieb: „Ich wohne jetzt viel teurer, da möbliert mit Küchenbenutzung, Mauergasse 10.“ Das Perfide war, dass sie nicht nur ihre Einrichtung im Kaiser-Friedrich-Ring den Deutschen hatten überlassen müssen, sondern auch für die Miete beider Wohnungen aufkommen mussten.
Im April 1942 sendete Dr. Kahn-Hut eine weitere Hiobsbotschaft an die Devisenstelle. Seine Frau litt inzwischen sehr unter einer Grüne-Star-Erkrankung und hatte sich zudem in diesem Monat bei einem Sturz den Oberschenkelhals gebrochen. Abgesehen von allen zusätzlichen Beeinträchtigungen bedeutete das auch zusätzliche Ausgaben. Den Freibetrag, der nach einer nochmaligen Vermögenserklärung neu festgesetzt wurde, belief sich für die restliche Zeit, die dem Ehepaar Kahn-Hut in Wiesbaden blieb, auf nun 450 RM im Monat.[43]

Todesfallanzeige aus Theresienstadt für Daniel Kahn-Hut
https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/4/5/5/70426_ca_object_representations_media_45592_large.jpg

Am 8. Oktober 1942 wurde die Akte mit dem obligaten Vermögenseinzug geschlossen. Es heißt in dieser Verfügung, dass die beiden zuletzt in der Friedrichstr. 33 wohnhaft gewesen seien. Ein solcher Umzug ist auf der Gestapokarteikarte nicht vermerkt. Vermutlich ging es dabei auch nur um wenige Tage, denn diese Adresse war die der nicht niedergebrannten, orthodoxen Synagoge, die als Sammelquartier für die Deportation des 1. September 1942 diente. Dort hatten sich alle, die „evakuiert“ werden sollten, drei Tage zuvor, einem Shabbat, einfinden müssen, vielleicht einige sogar noch früher.[44] Dort wurden die letzten Formalitäten der Deportation erledigt, z.B. Heimeinkaufsverträge abgeschlossen, und die Betroffenen in einer Atmosphäre permanenter Erniedrigung auf das vorbereitet, was sie in Theresienstadt, dem Ziel des Transports, zu erwarten hatten. Endgültig wurde der Zug mit der Nummer ‚Da 509’ in Frankfurt zusammengestellt, wohin die etwa 350 Wiesbadener Jüdinnen und Juden zunächst gebracht wurden. Insgesamt 1100 Personen fasste der Transport, der am 2. September 1942 Theresienstadt erreichte.[45] Trotz ihres Alters und der schweren Erkrankungen, unter denen beide litten, konnte sich Daniel Kahn-Hut noch fast ein Jahr am Leben halten. Er starb laut einer im Konzentrationslager ausgestellten Todesfallanzeige am 26. Februar 1943.[46] Frieda Kahn-Hut wurde fünf Wochen nach dem Tod ihres Mannes auf einem weiteren Transport mit der Bezeichnung ‚Er-1160’ nach Auschwitz deportiert und am 16. Oktober 1944 ermordet.[47]

Stolpersteine für Daniel und Frieda Kahn-Hut
Stolpersteine für Daniel und Frieda Kahn-Hut in der Mittelheimer Str. 11 in Wiesbaden

Als der Reichsfiskus nach ihrem Abtransport sich des verbliebenen Vermögens des Ehepaars bemächtige, blieb ihm ein Teil, von dem die Finanzbehörden nichts wussten, vorenthalten. Noch zu der Zeit, als die Familie in Gotha lebte, vielleicht unmittelbar nachdem die Nazis an die Macht kamen, hatte Dr. Kahn-Hut in der Schweiz zwei Konten eröffnet, auf die er insgesamt 13.000 RM eingezahlt hatte. Nach 1933 war nichts mehr auf dieses Konto geflossen, aber auch nichts abgehoben worden.[48] Vermutlich hatte er gehofft, später, bei dringendem Bedarf, vielleicht bei der Auswanderung, darauf zugreifen zu können. Irgendwann war es zu spät und das kleine Vermögen verschwand in den dunklen Kammern des Schweizer Bankgeheimnisses. Als solche Vermögen jüdischer Bürger, über die die Banken über Jahrzehnte ein Tuch des Schweigens gelegt hatten, in den 90er Jahren ruchbar wurden und die Schweizer Banken sich auf Druck der amerikanischen Regierung gezwungen sahen, ihr Geheimnis zu lüften und auch das Konto von Daniel Kahn-Hut gefunden wurde, stellte seine Enkelin Rachel einen Antrag auf Rückerstattung. Die 13.000 RM waren inzwischen zu der beträchtlichen Summe von 162.000 Sfr. angewachsen. Die Rückerstattung der gefundenen Vermögenswerte war eine finanzpolitisch, wie auch rechtlich höchst komplizierte Angelegenheit, die nur auf der Basis von Vergleichen befriedigend für alle Beteiligten abgeschlossen werden konnte. Rachel Kahn-Hut erhielt im Jahr 2020 – so lange hatte es bis zur Auszahlung der Ansprüche gedauert – 65.000 Dollar.[49] Fast mit einem schlechten Gewissen – „There was a little bit of a feeling that this was benefiting from the Holocaust,“ sagte sie – nahm sie das Geld an, spendete aber einen großen Teil davon universitären Stiftungen der San Francisco State University, an der sie bis zu ihrer Emeritierung selbst zuletzt als Professorin für Sozilogie gelehrt hatte.[50] Eine dieser Stiftungen ist ihrer Mutter Caroline Rosen gewidmet, die ihrer Tochter ganz sicher unter vielen eigenen Opfern eine solche Karriere ermöglicht hatte.

Caroline und Rachen Kahn-Hut
Volkszählung USA 1940 mit den beiden Familien Wishengrad und Kahn-Hut
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/11405494:2442

Als Rachel Ende der 30er Jahre mit ihrer Mutter in den USA angekommen war, fanden sie, wie den Zensusunterlagen von 1940 zu entnehmen ist, eine Unterkunft bei der Familie der Schwester von Caroline Kahn-Hut. Anita Rosen war mit dem in den USA geborenen Max Wishengrad verheiratet, einem amerikanischen Staatsbürger, dessen Eltern aber ebenfalls aus Russland stammten. Das Paar lebte mit ihrem Sohn Bernard und den Neuankömmlingen damals in New York. Im Februar 1946 wurde in dem engen Appartement in Manhattan dann noch Susan Wishengrad geboren, sodass Caroline und Rachel beschlossen, New York zu verlassen. Auch aus gesundheitlichen Gründen, Rachel litt unter Asthma, zogen sie nach Westen, zunächst nach Phoenix in Arizona, dann an die Westküste, wo Caroline bis zu ihrer Verrentung als Angestellte in der kommunalen Bibliothek von Los Angeles arbeitete. Rachel erlangte in dieser Zeit an der renommierten Brandeis University bei Boston ihren Doktortitel. Auch sie zog danach wieder nach Kalifornien, zunächst nach San Francisco, dann nach Berkeley, wo sie dann Karriere als Wissenschaftlerin machte.

Rachel mit ihrer Mutter Caroline Kahn-Hut
Rachel mit ihrer Mutter Caroline Kahn-Hut
Mit Genehmigung von Maoz Guttman

In ihren letzten Lebensjahren hatte Rachel Kahn-Hut nach Aussage einer ihrer Cousinen aber zunehmend eine eher distanzierte Haltung gegenüber dem akademischen Betrieb eingenommen, vermutlich auch angesichts der Wirkungslosigkeit wissenschaftlicher Schriften auf die politische und soziale Situation in den Vereinigten Staaten. Ihr Engagement galt stattdessen nun unmittelbar Gruppen, die sich im Besonderen mit der Frauenfrage befassten – sie gilt daher auch als eine Wegbereiterin der Neuen Frauenbewegung in den USA –[51] oder solchen, die den langen Kampf gegen die Diskriminierung der ‚People of Color’ in den Vereinigten Staaten aufgenommen hatten. Was es bedeutet, ein Leben als Flüchtling und als Angehörige einer diskriminierten Minderheit führen zu müssen, hatte Rachel vom ersten Lebensjahr an bitter erfahren müssen. Ihr Interesse an den Lebensschicksalen von Menschen, überhaupt am Leben in fremden Kulturen, hat sie in den Jahren nach ihrem akademischen Leben noch in vielen Reisen in die unterschiedlichsten Länder dieser Welt realisieren können. Die unzähligen Fotos, die sie von diesen Reisen mitgebracht hat, sind nicht nur einfache Reisedokumentationen, sondern sie zeugen auch von dem geschulten ästhetischen Blick, mit dem sie die Welt wahrnahm – eine Fähigkeit, die sie durch ihre zweite große Leidenschaft, der Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur erworben hatte. [52]

Rachel Kahn-Hut
Rachel Kahn-Hut
Mit Genehmigung von Maoz Guttman

Rachel Kahn-Hut verstarb schon bald nachdem ihr das Geld des ermordeten Großvaters überwiesen worden war, am 3. April 2020 in Oakland / Kalifornien an Krebs.[53]

Rachel mit ihrem Vater Edgar Kahn-Hut
Mit Genehmigung von Maoz Guttman

Als Erwachsene hatte sie noch zwei- oder dreimal ihren Vater in den USA getroffen. Einmal unmittelbar nachdem sie ihr e Collegezeit abgeschlossen hatte, war sie nach Moskau gereist, später war er noch ein- oder zweimal zu ihr in die USA gekommen.[54] Im Zuge der Entstalinisierung war Edgar Kahn-Hut durch die Entscheidung eines Militärtribunals vom 10. November 1955 rehabilitiert und aus dem Gulag freigekommen.[55] Noch während der Zeit im Lager war er mit einer anderen Frau, ebenfalls Jüdin, eine neue Beziehung eingegangen. Lyubov Pitkovskaya, geboren 1903 im polnischen Pruschany und studierte Chemieingenieurin, war am 28. August 1937 in Moskau ebenfalls wegen angeblicher Spionage für den polnischen Staat verhaftet und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Wann sie freikam, ist nicht klar, aber rehabilitiert wurde sie erst am 31. Oktober 1957, also zwanzig Jahre nach der Inhaftierung.[56] Beide lebten nach ihrer Freilassung wieder in Moskau, wo Edgar mit Übersetzungsarbeiten sich seinen Lebensunterhalt verdiente.[57] Er muss mit diesen Übersetzungen wissenschaftlicher Werke nicht nur sehr viel verdient, sondern auch sehr viel Anerkennung in den relevanten Kreisen der Nomenklatura erfahren haben, denn beides, abgesehen von der neuen Partnerin, waren Gründe, weshalb er nicht in die USA übersiedeln wollte, als dies möglich gewesen wäre – dies zur großen Enttäuschung seiner Tochter. Ihm schien dort in der Zeit des Kalten Krieges die berufliche Perspektive für einen ehemaligen Bürger der Sowjetunion zu ungewiss zu sein. 1972 verstarb Edgar Kahn-Hut bei einer Wanderung in Usbekistan, die er damals alleine unternommen hatte.[58]

 

Auch einer Cousine von Edgar Kahn-Hut war es gelungen, dem Tod in einem der Konzentrationslager des Ostens zu entkommen. Hilde Kahn-Hut war am 4. September 1920 in Mainz als Tochter von Daniels älterem Bruder Alphons geboren worden.[59] Alphons Kahn-Hut war derjenige der Söhne von Joseph und Friederike Kahn-Hut, der in Mainz geblieben war, während alle anderen ihre Geburtsstadt schon früh verlassen hatten. Anders als seine Tochter im Entschädigungsverfahren erinnerte, wurde er nicht 1872, sondern am 20. September 1873 geboren.[60] Nach seinem Schulabschluss, er verließ das Realgymnasium nach der zehnten Klasse, erhielt er eine Ausbildung als Kaufmann und gründete mit Berthold Abt 1901 die Firma ‚Abt & Kahn-Hut oHG.’, einen Großhandel für Polsterei- und Sattlereiartikel in der Mittleren Bleiche 9.[61] Beide waren zu dieser Zeit noch Junggesellen. Es konnte nicht in Erfahrung gebracht werden, wann Alphons die 1885 in Hörstein im Kreis Aschaffenburg geborene Rosa Löwenthal, Tochter des Rabbi Joseph Matthias Löwenthal und seiner Frau Hannchen, geborene Katz, heiratete. Als sie am 11. November 1911 im Alter von nur 26 Jahren verstarb, ohne Kinder zur Welt gebracht zu haben, hinterließ sie Alphons Kahn-Hut als trauenden Ehemann.[62]

Inzwischen hatte sein Geschäftspartner Berthold Abt am 22. Juni 1904 Alphons‘ Schwester Bertha, geboren am 22. März 1883,[63] geheiratet.

Bertha und Berthold Abt
Bertha und Berthold Abt
Mit Genehmigung von Maoz Gutmann

Bertold Abt war der Sohn von Heinemann und Jettchen Abt, geborene Höchster,[64] die in der Gemeinde Angerod im Vogelsberg beheimatet waren, einem Ort, dessen Bevölkerung um das Jahr 1900 zu einem Viertel aus Juden bestand. In dieser Ehe wurde am 21. April 1905 die Tochter Marta / Meta geboren,[65] im Jahr 1908 eine weitere Tochter mit Namen Ilse [66] und zuletzt am 10. Juni 1915 der Sohn Heinz.[67]

Ilse, Heinz, Bertha und Meta Abt (v. l. n. r.)
Mit Genehmigung von Maoz Gutmann

Das Handelsunternehmen der beiden muss sehr erfolgreich gewesen sein, denn es besaß in dieser Branche eine Art Monopolsstellung für den gesamten südwestdeutschen Raum. Außerdem kam ihm zugute, dass es in einer Zeit des generellen wirtschaftlichen Aufschwungs gegründet worden war.[68] Mit seinem Einkommen unterstützte Alphons Kahn-Hut verschiedene gemeinnützige Vereine in Mainz und trug im Besonderen mit hohen freiwilligen Beiträgen zum jüdischen Gemeindeleben bei.[69] Für seine Familie erwarb er am 23. April 1923 ein großes Wohn- und Geschäftshaus in der Frauenlobstraße,[70] in dem dann im Parterre auch Büro und Lager des Großhandelsunternehmens untergebracht wurden.

Kahn-Hut Haus Mittlere Bleiche 9 Mainz
Der „Butterhof“ – das Haus von Alphons Kahn-Hut (Mittlere Bleiche 9) im Sommer 1944.
Stadtarchiv Mainz BPSF 14779 A

Mehrerer Bürokräfte, oft auch mehrere Reisevertreter, dazu ein Lagerist und auch Lehrlinge kümmerten sich um die Wünsche der Kunden. Die insgesamt acht Wohnungen dort brachten Kahn-Huts zusätzliche Mieteinnahmen.[71]
Am 1. Mai 1913 hatte Alphons Kahn-Hut nach dem frühen Tod seiner ersten Frau in zweiter Ehe Emma Birnbaum aus Rotenburg an der Fulda geheiratet.[72] Die am 27. April 1889 geborene Tochter des Kaufmanns Joseph und Friedericke Birnbaum, geborene Bacharach, war sechzehn Jahre jünger als ihr verwitweter Ehemann.[73] Es dauerte weitere sieben Jahre bis dann in dieser Ehe ein Kind, die oben bereits erwähnte Tochter Hilde, am 4. September 1920 in Mainz geboren wurde.[74] Zu dieser Zeit lebten die Eltern in der Hindenburgstr. 21 in einer 4-Zimmer-Wohnung mit einer – so die Tochter später – sehr elegant eingerichteten Wohnung: „Der ganze Lebensstil meiner Eltern war bis 1933-34 der einer in gutbürgerlichen Verhältnissen lebenden Familie.“[75] Das Einkommen bezifferte ein nach Palästina emigrierter Verwandter aus der Sichel-Familie, der die finanzielle Situation der Kahn-Huts vor 1933 privat wie auch geschäftlich gut einzuschätzen wusste, in einer eidesstattliche Erklärung auf etwa 12.000 RM im Jahr.[76] Mit diesen Geldmitteln konnte der einzigen Tochter problemlos eine angemessene Ausbildung finanziert werden. Hilde besuchte nach der Grundschule noch von 1931 bis 1934 die Höhere Mädchenschule in Mainz, musste aber dann zwangsweise auf die Jüdische Bezirksschule wechseln.[77] Am 16. April 1937 hatte ihr Vater eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Schülerin „behufs Auswanderung meiner Tochter Hilde, geb. am 4. Sept. 1920, nach Palästina“ beantragt, die auch gewährt wurde.[78] Als 17jährige verließ sie Deutschland per Schiff von Triest aus: „Ich habe im Alter von 12-16 Jahren unter dem Regime des Dritten Reiches gelebt, bis Anfang 1937. Ich konnte dann mit einem Jugend Zertifikat nach Palästina auswandern, einem Pionierland damals. In der Generation meiner Eltern fanden nur zwei von neun Familienzweigen (Geschwister der Eltern) eine Möglichkeit zur Auswanderung“, schrieb sie sie anlässlich eines Besuchs in Mainz im Rahmen der ersten, 1991 organisierten Begegnungswoche Mainzer Juden.[79] Auf die Auswanderung hatte sie sich zuvor in einem Lager in der Nähe von Frankfurt / Oder, in dem die Jugendlichen mit der Härte landwirtschaftlicher Arbeit konfrontiert wurden, vorbereitet. Eine solche Tätigkeit erwartete sie dann auch in dem Kibbuz Deganya Alef am südlichen Ufer des Sees Genezareth, wo sie nach ihrer Ankunft am 17. Mai 1937 die erste Zeit in Palästina verbrachte.[80]

Kahn-Hut , Abt
Briefkopf der Firma ‚Abt & Kahn-Hut‘
HHStAW 676 8068

Die wirtschaftlichen Verhältnisse für jüdische Geschäfte, so auch für das ihrer Eltern, hatten sich unter der NS-Diktatur inzwischen grundlegend verändert. Unabhängig davon war lange zuvor im Jahr 1919 der Kompagnon Berthold Abt 1919 verstorben und zunächst seine Frau Bertha, die Schwester von Alphons Kahn-Hut, an seine Stelle getreten. 1924 übernahm er dann alleine das Geschäft, das von da an nicht mehr als Personengesellschaft, sondern als Einzelunternehmen geführt wurde. Seine Frau Emma trat als Prokuristin nun ebenfalls in die Firma ein.[81]

Aber auch das konnte die negative Entwicklung des Unternehmens, die spätestens mit dem Ende der zwanziger Jahre einsetzte, nicht aufhalten. Entsprechend veränderte sich auch die finanzielle Situation des Ehepaars. Ihre Jahreseinkommen waren seit den dreißiger Jahren – erst ab 1935 liegen Daten vor – deutlich zurückgegangen. 1935 wurde dem Finanzamt nur noch ein Einkommen von 406 RM, 1936 von 663 RM gemeldet. 1937 betrug es dann noch einmal 1.141 RM, im folgenden Jahr 1938 aber nur noch 45 RM.[82]

Grundstücksverkauf Kahn-Hut
Mitteilung an das Finanzamt Mainz über den Verkauf des Hauses Mittlere Bleiche 9
HHStAW 676 8068 (37)

Das Haus, dessen Mieteinnahmen in den letzten Jahren erheblich zum Lebensunterhalt beigetragen hatten, war bereits Ende September 1936 für 35.000 Goldmark veräußert worden. Kahn-Huts durften aber bis zum 1. April 1937 noch in der Wohnung bleiben und auch die Geschäfts- und Lagerräume im Parterre blieben ihnen laut Kaufvertrag gegen eine Mietzahlung von 50 RM monatlich bis zu diesem Termin noch erhalten.[83] Offensichtlich existierte die Firma, die zuletzt an den Bonifatiusplatz verlegt worden war, aber noch über diesen Termin hinaus, denn die Löschung im Handelsregister war erst am 30. August 1938 im Rahmen der letzten großen Arisierungswelle und wenige Wochen vor der Reichspogromnacht vollzogen worden.[84] Seinen Lagerbestand habe er billig und zum Teil unter Wert verkaufen müssen, schrieb er dem Finanzamt in einer Bitte um Stornierung der Einkommensteuervorauszahlungen.

Nicht völlig geklärt werden konnte, was mit der Einnahme aus dem Hausverkauf geschah. Etwa ein Drittel davon stand Bertha Abt zu, auf deren Namen eine Hypothek über 14.000 RM im Grundbuch eingetragen war und die von der Erwerberin zum Teil übernommen bzw. getilgt wurde. Rund 20.000 RM mussten aber damals am 1. Oktober 1936 an Alphons Kahn-Hut ausgezahlt worden sein. Vermutlich floss ein großer Teil davon in den überschuldeten Betrieb, der in der Bilanz von 1935 einen Verlust von 25.000 RM aufwies.[85]

Alphons und Emma Kahn-Hut gingen für kurze Zeit in Frankfurt getrennte Wege
HHStAW 676 8068 (70)

Nach dem Verkauf des Warenlagers gab Alphons Kahn-Hut im Oktober 1938 an, noch etwa 7.000 RM zu besitzen. Diesen Vermögenswert habe er nach der Auflösung des Betriebes und seines Haushalts zwischen seiner Frau und ihm aufgeteilt. Ihm selbst seien 4.000 RM geblieben, seiner Frau habe er 3.000 RM „zur selbständigen Verfügung überlassen“.[86] Das Paar hatte sich, so ist dem Schreiben an das Finanzamt zu entnehmen, nach fast dreißig Ehejahren und in einer sehr schwierigen Zeit, offenbar aber einvernehmlich getrennt. Beide waren 1938 nach Frankfurt gezogen, allerdings in verschiedene Wohnungen. Emma Kahn-Hut wohnte in der Liebigstr. 23b bei Löb, während er in der Eppsteiner Str. 35 bei Speier eine Unterkunft gefunden hatte.[87] Ihre Tochter Hilde gab im späteren Entschädigungsverfahren an, dass ihre Eltern in Frankfurt bei Verwandten untergekommen seien, nannte aber keine Namen, erwähnte auch die Trennung nicht.[88] Möglicherweise hatte sie in Palästina davon aber auch nichts erfahren.

Seine Frau wolle, so gab Alphons Kahn-Hut an, mit hauswirtschaftlichen Arbeiten eigenes Geld verdienen. Sollte dies gelungen sein, so waren die Verdienste wohl eher gering. Im Wesentlichen lebten beide von der Substanz des Kapitals, das ihnen verblieben war. Die Zinserträge gab Alphons Kahn-Hut im letzten Vierteljahr 1938 für beide zusammen mit 30,45 RM an, ein Betrag, der kaum für eine Woche reichen konnte.[89] Da das gemeinsame Vermögen – sie waren offiziell nicht geschieden – inzwischen auf weniger als 10.000 RM zusammengeschmolzen war, wurden sie nach der Reichspogromnacht auch nicht zur Judenvermögensabgabe herangezogen.

Später lebte das Paar dann wieder gemeinsam in einer Wohnung in der Friedberger Anlage 13 II, wie ihrer Devisenakte zu entnehmen ist. Zumindest gab Alphons Kahn-Hut im Dezember 1940 in einer Vermögenserklärung an, dass er über ein Vermögen von etwa 2.800 RM verfüge und einen monatlichen Bedarf für einen Zwei-Personenhaushalt von 300 RM habe. Das Formular ist von ihm wie auch von Emma Kahn-Hut unterschrieben.[90]

Obwohl sie über fast keine Mittel mehr verfügten, zwang die Devisenstelle sie dazu, ein gesichertes Konto anzulegen, was Ende Dezember auch geschah. Ihr monatlicher Freibetrag, von 300 RM entsprach ihrem angegebenen Bedarf und auch dem üblicherweise gewährten. Ob sie tatsächlich soviel ausgeben konnten, ist unwahrscheinlich, denn ihr Jahreseinkommen bezifferten sie auf nur 500 RM, und selbst da fragt man sich, wo das Geld, ohne eine Anstellung und ohne größere Zinseinnahmen, hergekommen sein soll.[91]

Auch Lina Birnbaum unterstütze ihre Schwester Emma Kahn-Hut mit Geldbeträgen
HHStAW 519/3 8478 (7)

Unterstützt wurden sie von Lina Birnbaum, der ledigen Schwester von Emma Kahn-Hut, geborene Birnbaum, die ebenfalls in Frankfurt wohnte. Auch für sie war eine Sicherungsanordnung erlassen worden, obwohl auch sie nur über ein Vermögen von weniger als 2.000 RM verfügte. Allerdings gab sie in ihrer Vermögenserklärung vom März 1940 an, ein Jahreseinkommen von 3.500 RM zu haben. Woher diese außergewöhnlich hohen Bezüge stammen könnten, sollte es sich nicht um eine fehlerhafte Angabe handeln, ist völlig unklar.[92] Wie dem auch sei, im September 1940 bat sie die Devisenstelle darum, ihren Freibetrag von 200 RM um 30 RM zu erhöhen, da sie ihre Schwester Emma unterstützen müsse, „weil sie krank und infolgedessen arbeitsunfähig sei“.[93] Ihr Freibetrag wurde daraufhin sogar auf 250 RM angehoben und die Schwester kam offensichtlich auch in den Genuss des Geldes, denn die Devisenakte von Alphons Kahn-Hut enthält das übliche Formularschreiben, in dem er der Schwägerin mitteilte, dass er zukünftig Geld nur noch über sein gesichertes Konto in Empfang nehmen dürfe.[94]

Uhlandstr. 54 in Frankfurt

Am 29. September 1941 meldete Alphons Kahn-Hut der Devisenstelle – es ist das letzte Aktenstück, das seine Unterschrift trägt – den Umzug in die Uhlandstr. 54 II bei Neuberger.[95] Unter dieser Adresse waren viele Juden in den letzten Jahren und Monaten vor den Deportationen in Frankfurt gemeldet und man muss davon ausgehen, dass das Haus die Funktion eines Judenhauses einnahm. So berichtete Peter Cahn, ein Überlebender, bei der Eröffnung der Ausstellung „Von der Großmarkthalle in den Tod“ im Jahr 2005, wie seine „Familie aus ihrer Westendwohnung vertrieben wurde und mit immer kleineren Domizilen vorliebnehmen mußte, zuletzt in der Uhlandstr. 54 in einer Sechszimmerwohnung, in der drei Familien, alle ‚Mischehen’ wohnten“.[96] Man muss davon ausgehen, dass auch das Ehepaar Kahn-Hut unter ähnlichen Bedingungen die letzten Wochen in diesem Haus in Frankfurt verbringen musste.

Alphons Kahn-Hut teilt der Devisenstelle den Umzug in die Uhlandstr. 5 mit
HHStAW 519/3 4006 (11)

Von der Uhlandstraße über die Großmarkthalle in den Tod war auch der Weg, den Alphons und Emma Kahn-Hut zu beschreiten hatten. Monica Kingreen hat unter Bezugnahme auf damalige Zeugenaussagen und Dokumente der Gestapo genau beschrieben, was sich am Morgen des 19. Oktober 1941 bei dem ersten großen Transport aus Frankfurt ereignete:[97] Wie die SA und einfache Parteigenossen früh am Sonntagmorgen die Wohnungen der Juden stürmte, sie in kürzester Zeit ihre Koffer packen und das Haus mit ihrer gesamten Habe der Gestapo zu übergeben hatten, wie sie anschließend in der Großmarkthalle fließbandartig für den Transport abgefertigt wurden, am nächsten Morgen den Zug besteigen mussten, der die etwa 1100 Jüdinnen und Juden nach Lodz, das Ghetto Litzmannstadt, im besetzten Polen brachte. Alphons Kahn-Hut kam dort nach nur acht Wochen am 26. Dezember 1941 ums Leben. Wann seine Frau dort durch die Umstände oder durch unmittelbare Gewalt ermordet wurde, ist nicht bekannt.

Ihre Tochter Hilde gab im Entschädigungsverfahren an, dass sie mit ihren Eltern bis zum 23. August 1941 in brieflichem Kontakt gestanden habe.[98] Ihr war es aber nicht möglich, auch aus Geldmangel, von Palästina aus, ihre Eltern zu retten. Verheiratet war sie dort später mit einem deutschen Emigranten. Die Ehe scheiterte jedoch und ihr Mann wanderte nach Kanada aus.[99] Bei Eröffnung des Entschädigungsverfahrens im Jahr 1956 trug sie allerdings noch seinen Nachnamen ‚Gerson’ und ihren Familienstand gab sie damals mit verheiratet an. Nach der Trennung wohnte sie in Haifa und als Berufsbezeichnung ist in dem Formular „Büroangestellte“ eingetragen.[100] Ihren Vornamen hatte sie ebenfalls inzwischen abgelegt und statt Hilde den Namen Naomi angenommen. Durch eine erneute Heirat im Jahr 1960 mit einem Unternehmer aus der Werbebranche war aus Hilde Kahn-Hut dann Naomi Goldschmidt geworden. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes führte sie das Unternehmen alleine weiter. Nur wenige Monate, nachdem sie bei der ersten Begegnungswoche vertriebener Mainzer Jüdinnen und Juden im Herbst 1991 teilgenommen hatte, verstarb sie im Februar 1992 in Israel.[101]

 

So wenig wie ihren Eltern war es ihrer Tante Bertha Abt und ihrer Cousine Meta / Marta noch möglich, sich in Sicherheit zu bringen. Beide waren früher einmal Schülerinnen der Schule gewesen, an der ihr Vater bzw. Großvater einmal Lehrer gewesen war: der Bondi Schule. Es ist nicht bekannt, ob Bertha während der Zeit, in der sie als Mitinhaberin fungierte, auch in der Firma der Familie mitgearbeitet hatte, sicher aber zielte die Ausbildung ihrer Tochter Meta als Kontoristin, sprich: Buchhalterin, darauf ab, nach dem Tod des Vaters einmal seine Stellung einnehmen zu können. Beim Machtantritt der Nazis war sie bereits älter als 30 Jahre und sicher schon berufstätig, sofern sie in diesen Krisenjahren überhaupt noch eine Arbeit gefunden hatte.

Bertha Strauss Abt Identitätskarte
Identitätskarte für Berta Abt, geb. Strauss, ausgestellt in Mainz
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0239.pdf

Über die Lebensumstände von Mutter und Tochter in der Zeit der Verfolgung liegen nur wenige Informationen vor. Am 3. Januar 1939 war Berta Abt noch eine Identitätskarte ausgestellt worden. Eine Anschrift ist darauf allerdings nicht vermerkt. Vor ihrer Deportation waren beide noch zwangsweise in das Judenhaus Walpodenstr. 17 einquartiert worden.[102]

Bertha und Meta Abt
Bertha und Meta Abt auf der Deportationsliste vom 20. 3. 1942
https://collections-server.arolsen-archives.org/G/SIMS/01020101/0011/121870764/001.jpg

Mit den Nummern 544 und 545 sind die Namen von Mutter und Tochter auf der Deportationsliste vom 25. März 1942 eingetragen. 90 Jüdinnen und Juden des insgesamt etwa 1000 Menschen umfassenden Transports kamen aus Mainz, die übrigen aus dem Umland und aus der Umgebung von Darmstadt. Dort war der Transport endgültig zusammengestellt worden und von dort nahm er seine Fahrt nach Trawniki auf, der Bahnstation, von der die Opfer in das etwa 10 km entfernte Ghetto Piaski laufen mussten. Es ist nicht bekannt, wie lange Bertha und Meta dort überleben konnten. Wer das Elend dort überstand, den brachten die verschieden Transporte, die von Juni 1942 an bis in den Februar des folgenden Jahres von Piaski nach Sobibor fuhren, in die dortigen Gaskammern.[103]

Für die beiden anderen Kinder, Ilse und Heinz, wurde, wenn auch über Umwege, Palästina bzw. Israel zur rettenden Heimat. Von Ilse, die ebenfalls Bondi-Schülerin war, ist nur bekannt, dass sie Deutschland in den dreißiger Jahren verlassen konnte. Vermutlich trat sie die Reise noch alleine und ohne ihren späteren am 20. Januar 1902 in Leipzig geborenen Mann Oskar Zamojre an, der mit seiner Familie zunächst nach Belgien ausgereist war.[104] Im Jahr 1937 war nach Angaben seines Bruders Leen Zamojre dann ebenfalls nach Palästina ausgewandert, wo er den Namen Yehushua Zmora annahm.[105] Wann die beiden heirateten, ist nicht bekannt. Das Paar hatte einen Sohn namens Pinchas, der, wie seine Mutter, die zu Beginn der 90er Jahre noch in einem Altersheim in Pardes Hanna lebte, inzwischen verstorben ist.[106].

Ilse, Pinchas und Yehushua Zmora
Mit Genehmigung von Maoz Gutmann
Ilse, Pinchas und Yehushua Zamojre
Mit Genehmigung von Maoz Gutmann

Mehr weiß man über den Bruder Heinz, dessen Nachfahren heute noch in Israel leben.[107] Noch bevor er das vierte Lebensjahr erreichte, war sein Vater verstorben und er wuchs mit seinen beiden älteren Schwestern und der verwitweten Mutter in Mainz auf. Er sei in seiner Kindheit immer sehr kränklich und blass gewesen, weshalb man ihm unter Bezug auf die Farbe der schon damals in Deutschland bekannten Margarinen-Marke den Spitznamen ‚Rama’ gegeben habe, den er bis zu seinem Lebensende behielt.

Nach elf Schuljahren machte er 1932 seinen Abschluss am Realgymnasium in Mainz. Da die Familie sehr gläubig war und die Tradition des Judentums bewahren wollte, besuchte er schon als Kleinkind die Synagoge und zudem vom sechsten Lebensjahr an auch eine jüdische Schule, in der er Hebräisch lernte, um die wichtigsten Schriften des Judentums zumindest lesen zu können. In einem der knappen Interviews über sein Leben sagte er: „Even during school, I studied a lot more in the Bible and lived as a devout Jew.“ Sein Wissen gab er schon bald als Tutor an die jüngeren Schüler weiter, auch um sich ein wenig Taschengeld zu verdienen, das ihm die Mutter angesichts der ärmlichen Verhältnisse zu Hause nicht geben konnte.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass er schon in seiner Jugend Kontakt mit der jüdischen Jugendbewegung aufnahm, die zumindest in Mainz zunächst noch stark von den Zielen und Vorstellungen der bündischen Bewegung inspiriert und noch kaum zionistisch geprägt war. “I want to be in Germany, and a Jew but to live differently from my parents – more advanced!“, resümierte er seine damaligen politischen Vorstellungen in einem der Interviews. Erst mit der Machtübernahme der Nazis wandte er sich den Ideen des Zionismus zu und begann sich zunächst noch in Mainz in den entsprechenden Gruppen zu engagieren.

Seine Berufstätigkeit als Angestellter in einem Lebensmittelgeschäft musste er nach dreieinhalb Jahren aufgeben, da das Unternehmen den Arisierungsmaßnahmen des inzwischen an die Macht gekommenen NS-Staats zum Opfer fiel.

Am 1. Dezember 1935 ging er für etwa eineinhalb Jahre nach Augsburg und widmete sich fortan ganz der zionistischen Jugendbewegung. In ganz Deutschland waren im Laufe der Jahre Kollektive entstanden, oft auf landwirtschaftlichen Gütern, die von der zionistisch geprägten jüdischen Jugendbewegung eingerichtet worden waren, um auswanderungswillige Jugendliche auf ihre Alija, die Siedlung in Eretz Israel, vorzubereiten. Neben dem Erlernen praktischer Tätigkeiten besonders im landwirtschaftlichen Bereich, der den zumeist bürgerlichen Mädchen und Jungen wenig vertraut war, sollten sie gerade auch in ihrer jüdischen Identität gestärkt werden. Es ging darum, Hebräisch zu lernen und mehr über die jüdische Kultur zu erfahren, sich also das Wissen anzueignen, das gerade in vielen der assimilierten jüdischen Familien verschütt gegangen war. Die Bewegung, die Hachschara oder auch Jugend-Alija, die ursprünglich nur das Ziel des Aufbaus eines Judenstaates verfolgt hatte, wandelte sich unter dem Druck der Verfolgung zunehmend in eine Organisation, die für jüdische Jugendliche nach Fluchtmöglichkeiten aus Deutschland heraus suchte. Noch immer galt Palästina als primäres Ziel, aber angesichts der vielschichtigen Probleme bei der Einwanderung wurden dann auch, zumindest als Zwischenstation, die relativ sicheren Länder Nordeuropas anvisiert, wo es bald eine Vielzahl von ähnlichen Kollektiven gab, die durch eine gemeinsame, übergeordnete Organisation miteinander verbunden waren und in der deutsche Emigranten eine wesentliche Rolle spielten. [108] So auch Heinz und Hanna Abt.

Hanna / Johanna, seiner späteren Frau begegnete Heinz in Augsburg, der ersten Station seiner Arbeit für die Hachschara. Die am 20. April 1915 in Mönchen Gladbach geborene Hanna hatte auf Grund der Machtübernahme des Nazis ihre gymnasiale Schulausbildung ein Jahr vor dem Abitur abbrechen und damit auch ihre Pläne, an die Universität zu gehen, aufgeben müssen.[109] Ihre Eltern hatten angesichts der immer bedrohlicher werdenden Situation zudem darauf gedrungen, dass sie möglichst schnell eine Berufausbildung aufnehmen sollte. Sie gab damals an, dennoch ein weiteres Jahr auf eine Schule für „clerical work“ gegangen zu sein. Offensichtlich erhielt sie da auch eine Ausbildung in Verwaltung und Buchhaltung, denn anschließend arbeitete sie noch zwei Jahre in ein – vermutlich jüdischen Geschäft für Herrenkleidung.
Bereits mit zehn Jahren war auch sie der jüdischen Jugendbewegung beigetreten und hatte dort an den typischen Aktivitäten, wie Zeltlagern und Wanderungen, aber auch an kulturellen Veranstaltungen teilgenommen. Auch hatte sie dort begonnen, hebräisch zu lernen und so war es nur konsequent, dass auch sie beschloss, sich der Hachaluz anzuschließen und nach Palästina auszuwandern.[110]

Knauerstr. 27
Das Haus in der Knauerstr. 27 heute

Im August 1936 trafen Hanna und Heinz möglicherweise in einer Hachshara-Gruppe in Nürnberg in der Knauerstr. 27 aufeinander,[111] wurden ein Paar und  übernahmen von 1937 bis 1939 die Führung der sieben bayrischen Hachschara-Häuser. Da die Bewegung auch in der Tradition der deutschen Jugendbewegung stand, erwanderten sich die beiden damals auch den süddeutschen Raum und die Alpen, von deren Schönheit Heinz später noch immer schwärmte. Um die verschiedenen Häuser besuchen zu können, wurde aber auch ein anderes, modernes Fortbewegungsmittel genutzt: das Auto – allerdings mittels Trampens. Heinz bezeichnete sich selbst als „King of Hitchhiking“. Bei einer dieser Trampstopps sei er damals sogar von einem Luxus-PKW mit Hakenkreuzstandarte und uniformiertem Fahrer mitgenommen worden. Damals habe er zum ersten und letzten Mal in seinem Leben mit „Heil Hitler“ gegrüßt.

Zwar blieben beide wohl bis zu ihrer Emigration in Nürnberg gemeldet,[112] sie müssen aber zwischenzeitlich beide die Stadt auch für längere Zeit verlassen haben. So schreibt Glück, dass Heinz Abt im Sommer 1937 zunächst eine Hachschara Gruppe in Hindenburg in Schlesien übernahm.[113] Anschließend habe er bis zum April 1939 die gleiche Aufgabe in dem Haus in Havelberg übernommen, wohin dann am 1. Januar 1938 auch Hanna gekommen sei, die zuvor einen einjährigen Hebräischlehrgang absolviert hatte.[114] In Havelberg wurden die beiden am 14. März 1939 getraut.[115] Sie übernahmen im folgenden Monat – wo, ist nicht bekannt – gemeinsam eine sogenannte Middle-Hachsharam, eine Gruppe von Jugendlichen älter als 17 Jahre. Offensichtlich hielt man damals noch an den traditionellen Geschlechterrollen fest, denn – so berichtete Hanna in ihrem Interview – in der gemischten Gruppe von etwa 30 Jugendlichen hatten die Mädchen die typischen Haushaltaufgaben wie Nähen, Putzen usw. zu übernehmen, während die Jungen in umliegenden Fabriken oder landwirtschaftlichen Gütern jüdischer Eigentümer arbeiteten. Am 17. August 1939, somit wenige Tage vor Kriegsbeginn, erhielt die Gruppe – wegen der restriktiven Einwanderungspolitik war die Auswanderung nach Palästina nicht möglich – immerhin die Erlaubnis nach Schweden zu emigrierten.[116]
In Schweden wurden sie in das Kollektiv in Svartingstorp aufgenommen, wo sie für die kulturelle Ausbildung zuständig waren. Svartingstorp war ein größerer 1936 gegründeter Kibbutz in Schonen, der erste in Schweden überhaupt, der allerdings von einem aktiven Antizionisten gekauft und finanziert wurde.[117] Dem Stifter Eli Heckscher ging es darum, jungen jüdischen Flüchtlingen völlig unabhängig von ihrer Weltanschauung zu helfen und sie auf ein eigenständiges Leben in Palästina vorzubereiten. Konflikte mit der Hechaluz-Organisation, aber auch unter den Jugendlichen selbst, waren damit unausweichlich und Svartingstorb wurde im Februar 1940 aufgegeben. Das Ehepaar Abt übernahm daraufhin ein eigenes Kollektiv, war aber darüber hinaus im Sekretariat der Hechaluz Schweden für die kulturellen Aufgaben zuständig.[118] Im praktischen Alltag hatte sich Heinz Abt aber auch mit den landwirtschaftlichen Aufgaben zu befassen und war dabei im Besonderen zum Experten für Viehzucht und Milchproduktion geworden. In dieser Zeit waren in Schweden die ersten Melkmaschinen zum Einsatz gekommen, eine Errungenschaft, die er später dann auch in seinem Kibbutz in Israel einführte.

Geburtseintrag für Joel Abt in Schweden
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/57884047:2262?tid=&pid=&queryId=f08f6e066f1f22edc80d0e78df08c3c3&_phsrc=Ekt5588&_phstart=successSource

Bis 1947 blieben Heinz und Hanna Abt in Schweden. Nachdem sie Svartingstorp verlassen hatten, leiteten sie ein Haus in Barstöv bei Helsingborg, wo ihre erste Tochter Miriam am 11. März 1942 geboren wurde.[119] Yoel Jehuda kam am 18. August 1945 in Fleminge, bei Malmö, der nächsten Station, wo die Familie seit November 1944 lebte, zur Welt.[120] Erst zwei Jahre nach dem Ende des Krieges und der Niederlage des faschistischen Regimes in Deutschland gingen sie illegal über Belgien, wo sie einen Monat in einem Lager für jüdische Flüchtlinge verbrachten, selbst in das Land, auf das sie zuvor viele Jugendliche in Schweden vorbereitet hatten. Ein Frachter hatte sie, ausgestattet mit einem gefälschten Touristenvisum, mitgenommen. Am 31. Mai 1947 erreichten sie Palästina, wo sie zunächst eine notdürftige Unterkunft bei Haifa fanden. Ihr eigentliches Ziel, beim Aufbau eines Kibbutz mitzuhelfen, konnten sie bald realisieren, da Hannas Bruder Richard nach seiner Emigration Kibbuznik im Kibbutz Dafna geworden war. Dort war auch seine und Hannas Mutter Elise inzwischen angekommen. Mit der Aufnahme von Heinz, Hanna und den beiden Kindern Miriam und Yoel war die Familie nach vielen Jahren der Trennung und des Kampfes ums Überleben dort wieder vereinigt. In Daphne wurde am 20. Juni 1951 eine weitere Tochter geboren, die in Erinnerung an ihre Großmutter Bertha den Namen Bilhah / Bertha erhielt.
Aber auch hier hatte die Familie zunächst eine schwere Zeit zu bestehen, denn die einfache Unterkunft dort, eine kleine Holzhütte, bestand nur aus einem einzigen Raum. Und auch der klimatische Wechsel vom kalten Skandinavien in den heißen Nahen Osten, machte ihnen zunächst erheblich zu schaffen.
Im Kibbutz Dafna arbeitete Heinz Abt zunächst drei Monate im Gemüseanbau, dann in der Geflügelkooperative und die nächsten einundzwanzig Jahre in der kibbutzeigenen Milchversorgung – eine Zeit, die zumindest in den ersten Jahren sehr hart war, da die meisten Arbeiten ohne Maschinenkraft, nur per Hand ausgeführt werden mussten.
Später übernahm er in unterschiedlichen Positionen Verantwortung in der Verwaltung des Kibbutz. So wurde er 1968 zum Mazkir gewählt, eine Funktion, die etwa der des deutschen Bürgermeisters entspricht. 1970 war er für drei Jahre verantwortlich für die Lebensmittelverteilung innerhalb des Kibbutz, eine eher unbeliebte Aufgabe, die oft mit viel Ärger verbunden war. Ab 1973 arbeitete er in Teilzeit im Gesundheitswesen und fungierte als ‚teller’ des Kibutz.[121] 1974 betraute man ihn dann als ‚Administrative Secretary’ mit noch weiteren Verwaltungsaufgaben, faktisch mit der Leitung der Organisation des gesamten Kibbutzlebens. „Heinz was“ – so Emil Glück – „for several years elected to various posts of trust and earned considerable respect in the kibbutz for his knowledge and reliability”.[122]
Am 5. September 1992 verstarb Heinz Abt in Dafna, dem Kibbutz, das für ihn und seine Familie zur neuen Heimat geworden war. Seine Frau Hanna verschied ebenfalls dort am 27. Januar 1999.[123] Eine große Zahl von Nachkommen, drei Kinder – Miriam, Yoel und Bilhah -und elf Enkel, leben aber noch heute dort oder inzwischen in anderen Orten Israels.

 

Die beiden ältesten Brüder von Daniel Kahn-Hut ,die bereits erwähnten  Bertram und Marcus Kahn-Hut, hatten schon früh ihre Heimatstadt Mainz verlassen und waren als Kaufleute nach Wien gegangen, wo sie im Zentrum unweit des Stephansdoms im Eckhaus Frankgasse 5 / Garnisongasse 3, in dem sie beide wohnten, gemeinsam ein Geschäft für Tapezierer-Bedarfsartikel betrieben.[124]

Briefumschlag der Brüder Kahn-Hut aus Wien

Laut Frenzel hatten sie beide die österreichische Staatsbürgerschaft erworben, was ihnen aber spätestens nach dem „Anschluss“ von keinem Nutzen mehr war. Während der ledig gebliebene Marcus Kahn-Hut bereits 1938 wohl eines natürlichen Todes verstarb und auf dem Zentralfriedhof in Wien begraben liegt,[125] wurde sein Bruder Bertram mit seiner Frau im Holocaust ermordet. Gutta Heinemann, wie Bertrams Frau mit Mädchenname hieß, war am 18. August 1876 in Fürth, wo 1901 auch die Hochzeit stattgefunden hatte, geboren worden.
Am 8. November 1905 gebar sie Ilse, ihr einziges Kind.[126] Noch in den Krisenjahren der österreichischen Republik heiratete Ilse am 27. Oktober 1927 in Wien Fritz Lion, der am 25. Dezember 1897 in der Hauptstadt zur Welt gekommen war.[127] Nach der Eheschließung war er als Teilhaber in das Unternehmen aufgenommen worden. Zuletzt hielt Bertram Kahn-Hut einen Anteil von 50 Prozent, Fritz Lion einen Anteil von 28 Prozent und Marcus Kahn-Hut die übrigen 22 Prozent.[128] Das Geschäft mit den Tapezierwaren, das einmal eine einträgliche und sichere wirtschaftliche Basis für die gesamte Familie dargestellt hatte, war durch die wirtschaftlichen Krisen, aber sicher auch wegen der zunehmenden antisemitischen Hetze zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Zuletzt, im Jahr 1938, hatten die Anteilseigner monatlich jeweils 200 RM aus der Firma entnommen, um damit ihre Lebenshaltungskosten zu finanzieren.[129] Am 24. August 1938 wurde das Geschäft aufgegeben, ob sie dazu gezwungen wurden oder ob die miserable finanzielle Lage sie dazu veranlasste, ist nicht klar, letztlich aber auch gleichgültig. In der Schlussbilanz standen der Habenseite mit 85.631,33 RM, darunter allein Außenstände von mehr als 50.000 RM und ein Lagerbestand im Wert von mehr als 30.000 RM, Schulden in der Höhe von 91.280,76 RM gegenüber. Der Fehlbetrag betrug somit 5.649 RM.[130]

Aus den Vermögenserklärungen der Brüder ist zu entnehmen, dass sie beide, abgesehen vom Rückkaufswert ihrer Lebensversicherungen, über keine finanziellen Mittel mehr verfügten. Es muss ihnen in den folgenden Jahren daher sehr schlecht gegangen sein, weshalb sie, wie oben bereits erwähnt, auf die monatlichen Zuwendungen von Daniel Kahn-Hut angewiesen waren.

Einbürgerungsantrag in die USA von Ilse Lion, geb. Kahn-Hut
Einbürgerungsantrag in die USA von Ilse Lion, geb. Kahn-Hut
https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/3714654:3998?tid=&pid=&queryId=0a70fd3f0a9fb2846c77fb8c8f65aa26&_phsrc=Ekt5602&_phstart=successSource

Aber nicht nur aus Wiesbaden kam Geld, sondern offenbar kurzzeitig auch aus den USA, wohin Ilse mit ihrem Mann inzwischen ausgewandert war. Wann sie das „Großdeutsche Reich“ verlassen hatten, ist nicht bekannt, aber sie hielten sich wahrscheinlich zunächst eine gewisse Zeit in Frankreich auf, wo ein Cousin von Fritz Lion lebte. Bei der Einreise in die USA gaben sie an, zuletzt im westlich von Lyon gelegenen Néris-les-Bains im Inneren Frankreichs verbracht zu haben.[131] Über die Dauer ihres dortigen Aufenthalts liegen aber keine Informationen vor. Im Februar 1940 lief dann ihr Schiff ‚De Grass’ in Le Harve Richtung New York aus. Dort am 26. Februar angekommen, ging die Reise weiter auf die andere Seite des Kontinents, wo in San Francisco Onkel und Tante von Fritz Lion auf sie warteten.[132]
Schon im April des gleichen Jahres beantragten sie, Bürger der Vereinigten Staaten werden zu dürfen, was ihnen auch gewährt wurde. Zwar werden keine Summen genannt, aber ein erhaltenes Dokument bezeugt, dass Fritz Lion seinen Schwiegereltern in Wien Geld aus Amerika zu übertragen versuchte. Ob sie es noch erhielten, ist allerdings nicht bekannt.

Deportation Bertram und Gutta Kahn-HutWien
Bertram und Gutta Kahn-Hut werden von Wien nach Kowno deportiert
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/person/130501146?s=Betram%20Kahn-Hut&t=532970&p=1

Im November 1941 gingen vier große Transporte mit jeweils etwa 1000 Jüdinnen und Juden innerhalb von wenigen Tagen aus vier unterschiedlichen Städten, aus Berlin, München, Frankfurt und Wien, nach Kowno / Kauen in Litauen. Diesen letzten Zug mussten auch Bertram und Gutta Kahn-Hut besteigen, nachdem sie sich mehrere Tage zuvor bereits in der Sammelstelle in der Sperlgasse hatten einfinden müssen.[133] Ursprünglich war als Ziel des Zuges, der am 23. November den Wiener Aspangbahnhof verließ, Riga angegeben, er wurde aber dann an den neuen Zielort Kowno umgeleitet, den er am 26. November 1941 erreichte. Unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden die Insassen im Fort IX erschossen.[134]

 

 

Veröffentlicht: 21. 04. 2022

Letzte Revision: 01. 06. 2022

 

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Anmerkungen:

[1] Zum Ehepaar Daniel und Friederike Kahn-Hut liegen bereits ein kurz gefasstes Erinnerungsblatt des Aktiven Museums Spiegelgasse und ein etwas ausführlicherer Artikel von Reinhard Frenzel, Familien Kahn-Hut und Abt, in: Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz, Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter, Mainz 2013, S. 143-147 vor.

[2] Heiratsregister Mainz 96 / 1866.

[3] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 143.

[4] Heiratsregister Mainz 96 / 1866.

[5] Bei den folgenden Angaben war Schlüchtern der Geburts- bzw. Sterbeort, wenn keine andere Angabe gemacht wird. Auf Friederike folgten Marcus, geboren am 21.8.1843, gestorben am 24.4.1911, Betty, geboren 4.12.1846, gestorben am 26.12.1846 in Memmingen, Leopold, geboren am 13.5.1849, gestorben 30.4.1907, Regina, 12.10.1852, gestorben ?, und Adolph, geboren 25.8.1857, gestorben 21.1.1936 in Kassel. Siehe https://www.ancestry.de/family-tree/tree/75317093/family/familyview?cfpid=36457095834&fpid=36457095834&usePUBJs=true. (Zugriff: 15.4.2022).

[6] In der Heiratsurkunde ist diese Altersangabe gemacht, laut https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75317093/person/36401095559/facts (Zugriff: 15.4.2022) war er jedoch am 18.6.1817 in Schlüchtern geboren worden und am 22.9.1872 auch dort verstorben.

[7] Babette Klingenstein war 1818 in Zündersbach im heutigen Main-Kinzig-Kreis geboren worden. Ebd.

[8] „Unsere Gemeinde hat durch einen plötzlichen Tod eines ihrer achtbarsten Mitglieder verloren. Der Kaufmann Abraham Sichel ist nicht mehr unter den lebenden. Wie tief die Trauer um den Hingeschiedenen in allen Kreisen empfunden, bekundete sich bei dem Leichenbegängnisse, welchen sich nicht allein die hiesige israelitische Gemeinde und auch viele Glaubensgenossen aus den umliegenden Ortschaften, sondern auch viele der angesehensten christlichen Mitbürger und Vertreter der Behörden beteiligten. Am Grabe hob Herr Kreisrabbiner Schwarzschild – sein Licht leuchte – die Verdienste dieses reinen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, der von Jedermann geschätzt und geachtet war, in tief ergreifenden Worten hervor. Der Verlebte verdiente aber auch diese Anerkennung durch seinen höchst ehrenhaften, biederen Charakter, seine strenge Rechtlichkeit im geschäftlichen Verkehre, verbunden mit echter, wahrhafter Frömmigkeit. Herr Abraham Sichel war länger als 30 Jahre Rechnungsführer der hiesigen israelitischen Gemeinde; seine Kinder erzog er in echt jüdischem Sinne und war namentlich bedacht, seine Töchter an wahrhaft fromme Männer zu verheiraten, was in unserer materiellen Zeit nicht genug angeschlagen werden kann. Die ganze Umgegend verliert in dem Verlebten einen zuverlässigen Ratgeber; es gehörte nicht zu den Seltenheiten, dass selbst Juristen in schwierigen Fällen bei dem erfahrenen und biederen Kaufmann sich Rat holten. In allen Gesellschaftskreisen hatte der brave, ehrenhafte Manne Freunde und Verehrer, selbst Geistliche anderer Konfessionen standen in intimen Freundschaftsbeziehungen zu dem streng religiösen Jehudi. Ich habe schlichte Bauern gesehen, die bittere Tränen um unseren Glaubensgenossen weinten. Mögen seine Kinder einen Trost finden in der allgemeinen Teilnahme, die ein wahrhafter Kiddusch Haschem (Heiligung des Namens Gottes) genannt zu werden verdient. Mögen sie das Leben und Wirken ihres gottesfürchtigen Vaters stets zum Vorbild nehmen, und möge es uns und allen Lesern des ‚Israelit‘ in dem neuen Jahre vergönnt sein, nur erfreuliche Nachricht zu vernehmen.“ http://www.alemannia-judaica.de/schluechtern_texte.htm#Zum%20Tod%20des%20Kaufmanns%20Abraham%20Sichel,%2030%20Jahre%20Rechnungspr%C3%BCfer%20der%20Gemeinde%20(1872). (Zugriff: 15.4.2022). Dass der Kreisrabbiner Schwarzschild die Trauerrede hielt, ist insofern interessant, als die Ehefrau von Abraham Kahn-Hut eine geborene Schwarzschild war. Es gab also möglicherweise schon seit längerer Zeit Verbindungen zwischen Gemmingen und dem nordhessischen Raum.

[9] Sterberegister Mainz 860 / 1872. Geboren worden war er am 16.6.1872, Geburtsregister Mainz 1051 / 1871.

[10] Geburtsregister Mainz 563 / 1875.

[11] Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910, München 1983, S. 263.

[12] Heiratsregister Darmstadt 53 / 1905.

[13] Zur Familie Kleeberg siehe oben.

[14] HHStAW 518 30796 (1).

[15] Ebd. (22).

[16] Ebd. (42).

[17] Ebd. (22).

[18] https://sociology.sfsu.edu/content/memoriam-prof-rachel-kahn-hut-432020

[19] Diese Angaben beruhen auf einem biographischen Bericht eines Mithäftlings, der später mit der Familie Kahn-Hut befreundet war. Der Text wurde mir von Maoz Guttman freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

[20] HHStAW 519/3 3648 (4).

[21] Frenzel, Kahn-Hut, S. 144.

[22] Die russische Quelle wurde mir von Maoz Guttman übermittelt und ins Englische übertragen. Der Zugriff auf sie, http://opisi.rgae.ru/scripts/uis/rgae_any.php?base=mysql:rgae&list=14882&sort=litnum&idObj=8738881, war von Deutschland aus nicht möglich.

[23] HHStAW 518 30796 (14-17).

[24] Frenzel, Kahn-Hut, S. 145.

[25] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/11405489:2442. (Zugriff: 15.4.2022). Auf dem Formular ist aber auch unter Vermerken „Russen“ notiert. Es könnte sein, dass Caroline Rosen ursprünglich in Polen geboren worden war, ihr Heimatort nach der Zerschlagung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt dann auf russischem Gebiet lag.

[26] https://ru.openlist.wiki/%D0%9A%D0%B0%D0%BD-%D0%A5%D1%83%D1%82_%D0%AD%D0%B4%D0%B3%D0%B0%D1%80%D0%B4_%D0%94%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87_(1906). (Zugriff: 5.5.2022). Das NKVD war das ‚Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten’, das das gesamte Gulag-System organisierte.

[27] Zu dem Lager Norilsk / Norillag siehe https://memorial.krsk.ru/deu/Dokument/Publik/20181001.htm (Zugriff: 5.5.2022), auch https://de.wikipedia.org/wiki/NorilLag. (Zugriff: 5.5.2022).

[28] https://memorial.krsk.ru/Articles/2018/2018Averbuh/Averbuh.pdf. Die Übersetzung der in russisch geschriebenen Erinnerungen verdanke ich Maoz Guttman.

[29] Einen Eindruck von der Bedeutung seiner damaligen wissenschaftlichen Arbeit gerade für die Ausbeutung der Ressourcen in den Regionen Sibiriens, in der er sich hauptsächlich mit den statischen Problemen der Schneelasten für Gebäude beschäftige, kann man dem Brief eines heutigen russischen Professors entnehmen, den dieser Maoz Guttmann, einem Verwandten von Edgar Kahn-Hut, hat zukommen lassen. Es heißt darin: „Ich habe von Ihnen Fragen zu Ihrem Verwandten Edgar Danilovich Kahn-Hut erhalten. (…)Zunächst möchte ich mich für Ihre Aufmerksamkeit für meinen Artikel bedanken, der in der wissenschaftlichen Sammlung des Politechnikums Poltawa, benannt nach der Nationalen Universität Jurij Kondratjuk, an der ich lehre, veröffentlicht wurde.
Mit dem Problem der Belastung von Bauwerken, einschließlich der Schneelast, beschäftige ich mich schon seit längerer Zeit. In der Geschichte der Forschung dieser wichtigen Fragestellung in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Bedeutung der Schneeablagerung auf den Dächern von Gebäuden in ihrem komplexen Zusammenhang intensiv untersucht wurde, waren die Artikel von E.D. Kan-Huta – Stroitelnaya.
[Edgar Kahn-Hut – K.F.] – 1954. – №12. – S. 22 – 23 sowie der später veröffentlichte Artikel Kan-Huta E.D. Snow Loads // Stroitelnaya Promyshlennost‘. – 1957. – №1. – С. 60 von größter Bedeutung.“ Er macht dann noch weitere Ausführungen zu den technischen Aspekten und schließt seinen Brief mit dem Satz: „Deshalb denke ich, dass der Name von Edgar Danilovich Kang-Hut für immer in die Geschichte des Studiums der Belastungen von Bauwerken und der Entwicklung von Normen für die Bauplanung eingegangen ist.“ Das Schreiben in russischer Sprache wurde mir von Maoz Guttman zur Verfügung gestellt und maschinell ins Deutsche übertragen.

[30] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/187914455:1732. (Zugriff: 15.5.2022).

[31] https://oakland.chapelofthechimes.com/obituaries/Rachel-Kahn-Hut/#!/Obituary. (Zugriff: 15.4.2022).

[32] HHStAW 518 30796 (27, 42).

[33] HHStAW 519/3 3648 (4).

[34] Ebd. (12).

[35] Ebd. (16).

[36] HHStAW 518 30796 (44-46).

[37] HHStAW 519/3 3648 (17).

[38] Ebd. (19).

[39] Unbekannte Liste X 1. Auf dieser Etage wohnten laut dieser Liste außer Kahn-Huts, die Ehepaare Rabinowicz, Bonné, und Kleeberg.

[40] Ebd. (20).

[41] Ebd. (23).

[42] Hedwig Strauss war mit ihrem Mann Sebald Strauss Eigentümer des Judenhauses Bahnhofstr. 46.

[43] HHStAW 519/3 3648 (26).

[44] Die Eheleute Hirschkind, die ebenfalls mit diesem Transport am 1.9.1942 deportiert wurden, hatten einen Heimeinkaufsvertrag schon am 26.8.1942 unterschrieben.

[45] Siehe zu diesem Transport Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 317 f.

[46] https://ca.jewishmuseum.cz/media/zmarch/images/4/5/5/70426_ca_object_representations_media_45592_large.jpg. (Zugriff: 15.4.2022).

[47] https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/45648-frieda-kahn-hut/. (Zugriff: 15.4.2022), dazu HHStAW 518 18008 (47).

[48] https://crt-ii.org/_awards/_apdfs/Kahn-Hut_Daniel2.pdf. (Zugriff: 15.4.2022).

[49] https://sociology.sfsu.edu/content/memoriam-prof-rachel-kahn-hut-432020. (Zugriff: 15.4.2022).

[50] Unter den Stiftungen waren solche, die mittellosen Studentinnen im Fachbereich Soziologie ihre akademische Laufbahn finanziell absichern sollten. Nach Aussage eines Cousins, der nach ihrem Tod den Nachlass verwaltete, hatte sie in dem letzten Jahr vor ihrem Tod ihre Vermögen an mehr als hundert wohltätige Organisationen verteilt.

[51] In dem Buch Feminists who changed America 1963-1975, hg. Love, Barbara, Urbana – Chicago 2006 ist Rachel Kahn-Hut auf der Seite 243ein kurzer Eintrag über ihre akademische Karriere gewidmet.

[52] Eine Auswahl ihrer Bilder, wurde anlässlich ihrer Beerdigung von ihrem Cousin Richard Naidus zusammengestellt und unter dem Titel „Individual pictures used for Through Rachel’s Eyes“ Freunden und Verwandten der verstorbenen zugänglich gemacht.

[53] https://chss.sfsu.edu/news-announce/memoriam-rachel-kahn-hut. (Zugriff: 15.4.2022).

[54] Über diese Treffen berichtete Susan Sugar, die Tochter von Anita und Max Wishengrad, mit der Rachel ihre frühe Kinderzeit in New York geteilt hatte. Auch nach dem Wegzug von Caroline und Rachel Kahn-Hut blieben sie ihr gesamtes Leben in engem Kontakt.

[55] https://ru-openlist-wiki.translate.goog/%D0%9A%D0%B0%D0%BD-%D0%A5%D1%83%D1%82_%D0%AD%D0%B4%D0%B3%D0%B0%D1%80%D0%B4_%D0%94%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%BB%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87_(1906)?_x_tr_sl=auto&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de. (Zugriff: 5.5.2022).

[56] https://ru-openlist-wiki.translate.goog/%D0%9F%D0%B8%D1%82%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F_%D0%9B%D1%8E%D0%B1%D0%BE%D0%B2%D1%8C_%D0%93%D0%B5%D1%80%D1%86%D0%B5%D0%B2%D0%BD%D0%B0_(1903)?_x_tr_sl=auto&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de. (Zugriff: 5.5.2022).

Der Autor der bereits erwähnten Erinnerungen an die Zeit in Norilsk / Norillag gab an, Ljubow Gerzewna Pitkowskaja habe an der Sarbonne in Paris studiert und dort auch einen Abschluss erworben. Unklar ist, ob die beiden noch eine formale Ehe eingegangen waren.

[57] Laut Aussage des Bekannten aus dem Gulak, dessen Mutter mit Ljubow Gerzewna Pitkowskaja befreundet war, erhielt Edgar Kahn-Hut eine Entschädigung von 130.000 $ vom deutschen Staat. Diese Angabe muss sehr bezweifelt werden, denn ein Hinweis auf ein entsprechendes Entschädigungsverfahren ist in den Unterlagen des Entschädigungsverfahrens für seine Eltern in Hauptstaatsarchiv Wiesbaden nicht zu finden. Außerdem würde diese Summe keineswegs der entsprechen, die in entsprechenden Fällen gewährt wurde. Vermutlich geht es um die Zahlung, die aus dem schweizerischen Konto stammte und vom Erbgang zunächst Edgar Kahn-Hut zugestanden hätte, dann aber an seine Tochter ausgezahlt wurde. Von diesem Geld kann er aber selbst nichts mehr erhalten haben, denn 1972 waren diese Konten noch nicht bekannt. Dass er sich davon – wie der Zeitzeuge angab – eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Moskau gekauft und 100.000 $ seiner Tochter geschenkt habe, kann also kaum stimmen. Bestätigt wird allerdings von Susan Sugar, dass Edgar Kahn-Hut in Moskau in einem der exklusiven Viertel ein modernes Luxus-Appartements besaß.

[58] Das Todesjahr ist nicht durch ein offizielles Dokument verbirgt, sondern beruht auf der Angabe im Erinnerungsblatt des Aktive Museum Spiegelgasse, dennoch wird es den Fakten entsprechen, da zum Zeitpunkt der Herausgabe des Erinnerungsblattes noch ein direkter Kontakt des AMS zu Rachel Kahn-Hut bestand.

[59] HHStAW 518 30799 (1).

[60] Geburtsregister Mainz 1571 / 1873, dazu HHStAW 518 30799 (3).

[61]HHStAW 518 30799 (70), dazu Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[62] Sterberegister Mainz 1306 / 1911.

[63] Geburtsregister Mainz 480 / 1883. Berthold Abt war am 31.10.1874  geboren worden.

[64] Heiratsregister Mainz 366 / 1904.

[65] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11456281&ind=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[66] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[67] Glück, u.a., Hachschara, S. 128.

[68] HHStAW 518 30799 (6, 70).

[69] Ebd. (70).

[70] HHStAW 676 8068 (28). Seine Schwester Bertha hatte ein Darlehen dafür gewährt, die als Hypothek in der Höhe von 14.000 RM im Grundbuch eingetragen worden war.

[71] HHStAW 518 30799 (26).

[72] Die Datumsangabe der Eheschließung beruht auf seiner eigenen Angabe in seinen Steuererklärungen, siehe HHStAW 676 8068 (82), seine Tochter Hilde gab das Jahr der Eheschließung eher vage, vermutlich auch falsch mit dem Jahr 1912 an, siehe HHStAW 518 30799 (26).

[73] Geburtsregister Rotenburg 55 / 1889. Eigenartigerweise gibt die Tochter Hilde auch das Geburtsjahr ihrer Mutter im Entschädigungsverfahren statt mit 1889 falsch mit dem Jahr 1887 an und als Geburtsort nennt sie Rotenburg am Main statt an der Fulda, siehe HHStAW 518 30799 (26).

[74] HHStAW 518 30801 (1)

[75] HHStAW 518 30799 (3).

[76] Ebd. (6). Die Entschädigungsbehörde bewertete die Angabe allerdings als „stark übersetzt“, ebd. (57).

[77] Ebd. (6), dazu Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 144.

[78] HHStAW 676 8068 (55, 56).

[79] Hartwig-Thürmer, Rückkehr auf Zeit, S. 128.

[80] Information Maoz Guttman vom 5.5.2022, siehe auch die Einwanderungsunterlagen unter https://www.archives.gov.il/archives/Archive/0b07170680034dc1/File/0b071706808a7834. (Zugriff: 13.5.2022).
In: Blick auf die Mainzer Frauengeschichte, S. 36 f. heißt es dagegen, sie habe zunächst in einem Kibbutz bei Haifa gelebt.

[81] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[82] HHStAW 518 30799 (54).

[83] HHStAW 676 8068 (27-35). Der Einheitswert des Hauses war 1935 mit 32.500 RM taxiert worden, ebd. (35).

[84] Ebd. (77), auch HHStAW 518 30799 (57), dazu Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145. Es ist nicht bekannt, ob das Geschäft liquidiert oder arisiert wurde.

[85] HHStAW 676 8068 (21).

[86] Ebd. (70).

[87] Ebd.

[88] HHStAW 518 30799 (3).

[89] HHStAW 676 8068 (77).

[90] HHStAW 519/3 4006 (3).

[91] HHStAW 519/3 4006 (3).

[92] HHStAW 519/3 8478 (4).

[93] Ebd. (7).

[94] HHStAW 519/3 4006 (9). Lina Birnbaum, geboren am 25.10.1897 in Rotenburg, wohnte in Frankfurt in der Straße Am Tiergarten 28. Lina Birnbaum wurde am 8.5.1942 von Frankfurt aus deportiert und ermordet. Siehe HHStAW 519/3 8478 (10).

[95] HHStAW 519/3 4006 (11).

[96] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.3.2005.

[97] Kingreen, Gewaltsam verschleppt, S. 358-362.

[98] HHStAW 518 30799 (3).

[99] Blick auf die Mainzer Frauengeschichte, S. 37.

[100] HHStAW 518 30799 (1).

[101] Hartwig-Thürmer, Rückkehr auf Zeit, S. 128.

[102] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[103] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 186 f.

[104] Ein genaues Datum ist in der Liste leider nicht angegeben, siehe https://www.familysearch.org/ark:/61903/3:1:S3HT-6329-9ZL?i=529&personaUrl=%2Fark%3A%2F61903%2F1%3A1%3AJSYH-S4S. (Zugriff: 15.5.2022). Zumindest ist in dem Formular unter ‚weitere Familienangehörige’ nichts eingetragen, siehe https://collections-server.arolsen-archives.org/H/ITS_import_june_2011/21/06030301/aa/mt/ea/001.jpg. (Zugriff: 15.5.2022).

[105] https://collections-server.arolsen-archives.org/H/ITS_import_june_2011/21/06030301/aa/mt/ec/001.jpg. (Zugriff: 15.5.2022). Die Angaben zur Namensänderung verdanke ich Maoz Guttman. Bei Frenzel ist der ursprüngliche Name wohl fälschlicherweise mit Zambora, statt mit Zamojre angegeben.

[106] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145. Die Angabe über ihren Tod stammt von Maoz Guttman, ein Todesdatum ist aber nicht bekannt.

[107] Da es in der Familie üblich war, dass die Enkelkinder, hier Miriam und Joel, bei ihrer Bat- bzw. Bar Mizwa ihre Großeltern über ihr Leben interviewten, sind auch kleine biographische Details von Heinz Abt erhalten geblieben, die mir sein Urenkel Maoz Guttmann bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Ihm sei auch an dieser Stelle für viele ergänzende Informationen und Dokumente über die Familie und Hinweise auf Internetseiten gedankt, auf die er im Zuge seiner eigenen Recherchen gestoßen ist. Ebenso bereitwillig hat er die Nutzung der privaten Fotos genehmigt.

[108] Siehe zu dieser Bewegung Pilarczyk, Ulrike; Aschkenazi, Opfer; Homann, Arne, (Hg.) Hachschara und Jugend-Alija. Wege jüdischer Jugend nach Palästina 1918-1941 und Pilarczyk, Ulricke, Gemeinschaft in Bildern, Jüdische Jugendbewegung und zionistische Erziehungspraxis in Deutschland und Palästina/Israel, Göttingen 2009.

[109] Hanna Kahn-Hut hat in einem Interview, das ihre Enkelin Daphne in den 70er Jahren in Israel machte, über ihr Leben erzählt. Das Interview wurde mir von Daphnes Bruder Maoz freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

[110] Glück, Hachschara, S. 128. Ihre Eltern waren der Kaufmann Alfred Schlesinger, geboren am 12.10.1870 im mährischen Göding und Elise, geborene Lenz, die 1878 in Köln geboren worden war. Das Paar hatte noch einen Sohn Richard, geboren 1913, in Mönchen Gladbach. Er lebte zuletzt im Kibbuz Dafna, wo auch seine Schwester Hanna und sein Schwager Heinz bis zu ihrem Tode wohnten. Der Vater wurde am 23.10.1942 in Theresienstadt ermordet, die Mutter dagegen überlebte Theresienstadt und konnte – vermutlich nach 1945 noch nach Palästina auswandern und mit ihren beiden Kindern in Dafna ihren Lebensabend verbringen. Sie verstarb dort am 7.1.1958. https://www.ruthsfamilyhistory.org/genealogy/family.php?famid=F2460&ged=edith. (Zugriff: 15.4.2022).

[111] Die Knauerstraße lag in dem Gostenhof-Viertel, das seit dem 19. Jahrhundert zu den bevorzugten jüdischen Wohnbezirken in Nürnberg gehörte. Ein Drittel der Nürnberger Juden lebte noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts in diesem Areal. Laut ‚Mapping the Lives’ waren bei der Volkszählung im Mai 1939 im Haus Knauerstr. 27 43 jüdische Personen gemeldet, darunter viele Paare, so auch Berthold und Hanna Abt. Es kann sich zu diesem Termin dort noch nicht um ein Judenhaus gehandelt haben, denn das neue „Gesetz über die die Mietverhältnisse mit Juden“ war gerade erst am 30.4.1939 verabschiedet worden. Ob im Haus selbst eine Hachshara-Gruppe angesiedelt war, ist schwer zu sagen. Die meisten der damaligen Bewohner wurden später deportiert und ermordet. Nur wenigen, allerdings eher jüngeren Bewohnern, scheint die Flucht gelungen zu sein. Ob als Gruppe oder jeweils einzeln, müssten genauere Forschungen klären.

[112] Im Mai 1939 waren sie bei der Volkszählung noch immer mit der Adresse Knauerstr. 27 gemeldet.

[113] Glück, Hachschara, S. 128. Bilder aus diesem Zentrum sind zu finden in Pilarcyk, u.a. Hachschara und Jugend-Alija, S. 120. Siehe ab S. 118 auch, wieso gerade in Schlesien die Bewegung eine breite Basis fand.

[114] Glück, Hachschara, S. 128 f. Laut Frenzel gingen sie zunächst beide auf das Hachschara Gut Winkel bei Spreenhagen in Brandenburg, Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 145.

[115] Glück, Hachschara, S. 129

[116] Ebd.

[117] https://www.levandehistoria.se/content/818. (Zugriff: 15.4.2022). In der Rezension einer schwedischen Dissertation über die Hachschara in Schweden, schreibt die Rezensentin Izabella Dahl allerdings, dass die Arbeit dort nach „den in Deutschland formulierten ideologischen Prinzipien“ durchgeführt und unter der Leitung des Zionisten Berthold Rotschild gestanden habe, siehe https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/8521/dahl.pdf?sequence=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[118] Glück, u.a., Hachschara, S. 123.

[119] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/42568018:2262&nreg=1. (Zugriff: 15.4.2022).

[120] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/57884047:2262?tid=&pid=&queryId=f08f6e066f1f22edc80d0e78df08c3c3&_phsrc=Ekt5588&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[121] Es handelt sich dabei um eine Art kibbutz-internes Pfandleihsystem. Kibbutzniks können Güter aus ihrem Besitz dort abgeben und dafür wird ihnen ein entsprechender Geldbetrag ausgezahlt. Ebenso kann man dort gebrauchte Güter gegen Geld erwerben.

[122] Glück, u.a., Hachschara, S. 129

[123] https://www.ruthsfamilyhistory.org/genealogy/family.php?famid=F2460&ged=edith. (Zugriff: 15.4.2022).

[124] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/88117427:60778?tid=&pid=&queryId=82a5e0c14ffdcc0946455ab974b6fa56&_phsrc=Ekt5529&_phstart=successSource, (Zugriff: 15.4.2022). Marcus Kahn wohnte zuletzt in der Porzellangasse 14, siehe Staatsarchiv Österreich VA. 21.205.

[125] Frenzel, Kahn-Hut und Abt, S. 143 schreibt zwar, dass Marcus Kahn-Hut im Jahr 1939 verstorben sei, gibt aber eine Quelle dafür nicht an. Die Datierung muss auch falsch sein, denn sein Bruder Alphons teilte bereits am 8.11.1938 dem Regierungspräsidenten in Wiesbaden mit, dass er am Vortag dem Notar Dochnahl in Frankfurt eine Verzichtserklärung „über den Nachlass (seines) verstorbenen Bruders Markus k, Kaufmann in Wien“ übermittelt habe, siehe HHStAW 676 8068 (47).

[126] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/3714654:3998?tid=&pid=&queryId=0a70fd3f0a9fb2846c77fb8c8f65aa26&_phsrc=Ekt5602&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[127] Ebd.

[128] Staatsarchiv Österreich VA. 18952.

[129] Ebd.

[130] Staatsarchiv Österreich VA. 21.205.

[131] https://www.ancestry.de/discoveryui-content/view/3714654:3998?tid=&pid=&queryId=0a70fd3f0a9fb2846c77fb8c8f65aa26&_phsrc=Ekt5602&_phstart=successSource. (Zugriff: 15.4.2022).

[132] https://www.ancestry.de/imageviewer/collections/7488/images/NYT715_6446-0210?treeid=&personid=&hintid=&queryId=24abfed2b3379ec88a480d1c64dc37b3&usePUB=true&_phsrc=Ekt5645&_phstart=successSource&usePUBJs=true&pId=1006709531. (Zugriff: 15.4.2022). Laut den Reiseunterlagen handelte es sich bei den Verwandten um Alfred Hertz und Frau.

[133] https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=4922069&ind=1 und https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=4922064&ind=1, (Zugriff: 15.4.2022).

[134] Gottwaldt / Schulle, Judendeportationen, S. 107 f.