Familie Keh


Juden Judenhaus Wiesbaden Adelheidstr. 94
Die Adel­heidstr. 94 heu­te
Eige­ne Aufnahme
Adelheidstr 94, Judenhaus, Wiesbaden
Lage des Hauses
Adelheidstr. 94, Judenhaus Wiesbaden
Bele­gung des Juden­hau­ses

 

 

 

 

 


Auch das Ehe­paar Keh,[1] das mit sei­nen vier Töch­tern zuletzt in der Adel­heidstr. 94 wohn­te, ent­stamm­te dem ost­eu­ro­päi­schen Juden­tum und war 1938 eben­falls für die Abschie­bung nach Polen vor­ge­se­hen. Unter schwie­rigs­ten Bedin­gun­gen gelang es zumin­dest einem Teil der Fami­lie durch die recht­zei­ti­ge Flucht ins Aus­land, der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Todes­ma­schi­ne­rie zu entkommen.

Moses /​ Moritz Keh war am 26. März 1903 in Brnik im Bezirk Dabro­wa gebo­ren wor­den, das damals noch zum Kai­ser­reich Öster­reich-Ungarn gehör­te. Da das Gebiet nach der Neu­ord­nung im Gefol­ge des Ers­ten Welt­kriegs dem neu gegrün­de­ten pol­ni­schen Staat zuge­schla­gen wor­den war, besa­ßen er wie auch sei­ne Frau Kaja /​Chaja die pol­ni­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. Kaja Keh, gebo­re­ne Berglas, war am 4. Janu­ar 1901 im benach­bar­ten Rygli­ce zur Welt gekommen.

Moses Moritz Morris Keh, Chaja Klara Keh, Kalmann Keh, Hanna Keh, Margot Ke, Judith Keh, Zita Keh, Rita Toni Keh, Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Stamm­baum der Fami­lie Keh
(GDB_​PLS)

In der Geburts­ur­kun­de von Moses Keh, der spä­ter in den USA sei­nen Vor­na­men in Mor­ris ändern ließ, ist ver­merkt, dass sein Vater Cha­im Hirsch mit sei­nem zwei­ten Namen Keh hieß und von Beruf Vieh­händ­ler war. Ver­hei­ra­tet war er mit Dobah /​ Dob­rah Metz­ker, der Toch­ter von Yehu­da Leib Metz­ker und sei­ner Frau Rei­sel, die in Brnik eine Metz­ge­rei betrie­ben. Von den ins­ge­samt sie­ben Kin­dern des Paa­res haben neben dem Enkel Moses zumin­dest noch zwei den Weg nach Wies­ba­den gefun­den. Die ältes­te Toch­ter Cha­na Metz­ker hat­te Kal­mann Keh, den Bru­der von Cha­im Keh, gehei­ra­tet [2] und auch die zweit­äl­tes­te Cha­va /​ Eva Metz­ker leb­te spä­ter mit ihrem eben­falls aus Gali­zi­en stam­men­den Ehe­mann Moses Wei­ser in Wies­ba­den.[3]

Am 7. Janu­ar 1903 hat­ten Cha­im Keh und Dob­rah Metz­ker gehei­ra­tet und am 26. Sep­tem­ber des glei­chen Jah­res wur­de Moses /​ Moritz als ers­tes von ins­ge­samt sechs Kin­dern gebo­ren.[4] Als er spä­ter im Rah­men einer ärzt­li­chen Unter­su­chung im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren nach sei­nen Geschwis­tern gefragt wur­de, konn­te er sich nur erin­nern, dass er wel­che gehabt hat­te, ihre Zahl und die Namen waren ihm nicht mehr gegen­wär­tig. Ein Cou­sin von Moses prä­zi­sier­te spä­ter, dass es vier Brü­der und eine Schwes­ter gewe­sen sei­en, die, wie auch sei­ne Mut­ter, alle dem Holo­caust zum Opfer gefal­len waren.[5] Der Vater war bereits im Ers­ten Welt­krieg oder in den Wir­ren danach in Rumä­ni­en gefal­len. Nach eige­nen Anga­ben hat­te Moses bei ihm noch eine kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung gemacht und zunächst eben­falls den Beruf eines Vieh­händ­lers erlernt.[6]

Keh, Klara, Chaja Wiesbaden Judenhaus Adelheidstr. 94
Cha­ja Kla­ra Keh, geb. Berglas
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Der Geburts­ur­kun­de sei­ner Frau Cha­ja ist zu ent­neh­men, dass sie die Toch­ter von Rachel Berglas war, die wie­der­um die Toch­ter von Sym­chy Berglas und des­sen Frau „aus dem Hau­se Lide in Rycli­ce“ war. Offen­sicht­lich war Cha­ja unehe­lich gebo­ren wor­den, denn in der Geburts­ur­kun­de des israe­li­ti­schen Matri­kel­am­tes von Rygli­ce heißt es wei­ter, dass ein Cha­im Lewi vor Zeu­gen sei­ne Vater­schaft erklärt habe, eine Trau­ung aber nicht voll­zo­gen wor­den sei.[7]

Der Onkel von Moses, näm­lich Kal­man Keh, wird es gewe­sen sein, der sei­nem Nef­fen und des­sen Frau den Weg nach Wies­ba­den geeb­net hat­te, denn er leb­te dort mit sei­ner Frau Cha­na, gebo­re­ne Metz­ker, bereits seit 1910.[8] Als Hau­sie­rer für Wäsche­ar­ti­kel konn­te er bis zur Flucht im Jah­re 1939 bzw. 1940 für sich und sei­ne Fami­lie, zu der ver­mut­lich fünf Kin­der gehör­ten, ein beschei­de­nes Aus­kom­men erwirt­schaf­ten.[9]

Judenhaus Adelheidstr. 94, Wiesbaden
Kal­man Keh
https://​pho​tos​.yad​vas​hem​.org/​p​h​o​t​o​-​d​e​t​a​i​l​s​.​h​t​m​l​?​l​a​n​g​u​a​g​e​=​e​n​&​i​t​e​m​_​i​d​=​1​2​5​1​0​9​2​&​i​n​d​=​255

Wann Moses selbst nach Wies­ba­den kam, ist amt­li­cher­seits nicht ver­merkt. Nach eige­nen Aus­sa­gen geschah dies bereits 1919, was inso­fern glaub­haft ist, als das auch das Todes­jahr des Vaters gewe­sen sein soll. Es erscheint plau­si­bel, dass der Onkel den Sech­zehn­jäh­ri­gen bei sich auf­ge­nom­men hat­te und er des­we­gen auch in den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern zunächst nicht in Erschei­nung tritt.[10]

Dies ist erst­mals 1929 der Fall, nach­dem er am 8. Juni 1927 die aus sei­ner Hei­mat stam­men­de Cha­ja in Gra­ven­ha­ge in Hol­land gehei­ra­tet hat­te.[11] Wann und wo die Ver­bin­dung zustan­de gekom­men war, ist nicht bekannt, aber ver­mut­lich kann­ten sie bzw. die Fami­li­en sich bereits aus ihrer gali­zi­schen Hei­mat. Cha­ja war nach Aus­sa­ge ihrer Tan­te Eva Wei­ser 1927 erst­mals in Wies­ba­den gemel­det.[12] Das jun­ge Paar leb­te aber wei­ter­hin im Haus, viel­leicht sogar auch in der Woh­nung des Onkels in der Bert­ram­str. 21. Sie konn­ten auch in der glei­chen Bran­che wie er wirt­schaft­lich Fuß fas­sen. Wie er betrie­ben auch sie unter die­ser Adres­se einen Eta­gen­han­del mit Tex­ti­li­en und ande­ren Manu­fak­tur­wa­ren. Mög­li­cher­wei­se arbei­te­ten sie zunächst auch zusam­men, denn wenn Moses tat­säch­lich schon 1919 gekom­men war, dann war er sicher auch bis­her im Geschäft des Onkels tätig gewesen.

Jehuda Leib Metzker
Jehu­da Leib Metz­ker, der Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits von Moses Keh
https://​pho​tos​.geni​.com/​p​6​/​8​8​5​3​/​4​6​5​8​/​5​3​4​4​4​8​3​6​a​b​b​4​3​1​7​7​/​Y​e​h​u​d​a​_​L​e​i​b​_​M​e​t​z​g​e​r​_​o​r​i​g​i​n​a​l​.​jpg

Bis zum Jah­re 1929 sind bei­de Fami­li­en Keh in den Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern mit der Anschrift Bert­ram­str. 21 ver­zeich­net. Danach müs­sen wie­der­um bei­de Fami­li­en in das Haus Nr. 9 umge­zo­gen sein, wo sie bis 1935 gelebt und ihre Geschäf­te betrie­ben haben.

Nach ihrer Hei­rat hat­ten Moses und Cha­ja Keh die Kin­der Mar­got am 29. Janu­ar 1929, Jakob am 29. März 1930, Hen­ny Zita am 2. Mai 1932 und zuletzt Rita Toni am 26. April 1936 bekommen.

Die wach­sen­de Kin­der­zahl könn­te der Grund dafür gewe­sen sein, dass die bei­den Fami­li­en sich trenn­ten, denn im Wies­ba­de­ner Adress­buch 1936/​37 ist erst­mals für Moritz Keh, und dies­mal nur für ihn, die Adres­se des spä­te­ren Juden­hau­ses Adel­heidstr. 94 ein­ge­tra­gen. Zu die­sem Zeit­punkt kann es sich in kei­nem Fall um eine Zwangs­um­sied­lung gehan­delt haben, da die ent­spre­chen­den gene­rel­len Pla­nun­gen erst 1938 ein­setz­ten und die Umset­zung in Wies­ba­den noch spä­ter erfolg­te.[13]

Wann genau sich das Paar unter­neh­me­risch selbst­stän­dig gemacht hat­te, ließ sich nicht mehr ermit­teln. Zwar hat­te Moses Keh in sei­ner eides­statt­li­chen Erklä­rung ange­ge­ben, „schon als Jung­ge­sel­le ein Weiss- und Woll­wa­ren­ge­schäft betrie­ben“ zu haben,[14] was aller­dings nicht aus­schließt, dass er den Han­del zunächst mit dem Onkel gemein­sam betrie­ben hat­te. Mit der wohn­li­chen Ver­än­de­rung war es dann ver­mut­lich auch zu einer Tren­nung in den geschäft­li­chen Bezie­hun­gen gekommen.

Nach den Recher­chen der Aus­kunf­tei Blum für das spä­te­re Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren „(war) das Geschäft  aller­dings klei­ne­rer Aus­deh­nung und waren die finan­zi­el­len Ver­hält­nis­se recht wech­selnd“.[15]

Im Mai 1932 sei Moses Keh wegen einer For­de­rung über 80 RM sogar ver­klagt und ver­haf­tet wor­den, weil er die Schul­den nicht habe zah­len kön­nen. Dass die­se Stra­fe aber allein der all­ge­mei­nen kata­stro­pha­len wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on geschul­det wer­den muss, ergibt sich dar­aus, dass die Fami­lie von Geschäfts­part­nern und Kun­den als „fleis­si­ge und recht­schaf­fen­de Leu­te geschil­dert“ wur­de. Ein Waren­la­ger habe man nicht unter­hal­ten, viel­mehr sei­en die Geschäf­te als Hau­sier­han­del abge­wi­ckelt wor­den, an denen auch Cha­ja umfas­send mit­ge­wirkt habe, wes­halb zur Ver­sor­gung der Kin­der immer auch eine Haus­ge­hil­fin ange­stellt gewe­sen sei.[16]

Die Zeit­zeu­gin Sophie Wag­ner, deren Eltern zu dem Kun­den­stamm von Moritz Keh zähl­ten, gab in einer Notiz Kennt­nis dar­über, wie die­se Geschäf­te von­stat­ten gin­gen: „Er kam wöchent­lich und kas­sier­te Geld aus dem Abzah­lungs­ge­schäft. Die kas­sier­ten Beträ­ge waren unter­schied­lich, so wie die Leu­te es hat­ten und was sie ihm gaben. Er hat­te auch wie­der neue Ware ange­bo­ten, wenn die bereits erhal­te­ne Ware so ziem­lich abge­zahlt war. Es war ein sehr müh­sa­mes Geschäft!“[17]

In der Zeit von 1930 bis 1933 hat­te Moses Keh nach eige­nem Bekun­den – die Finanz­ak­ten waren im Krieg ver­lo­ren gegan­gen – ein Jah­res­ein­kom­men von etwa 5.400 RM. Die mit Beginn der Nazi­herr­schaft ein­set­zen­den Dis­kri­mi­nie­run­gen führ­ten dazu, dass die Umsät­ze zuse­hends ein­bra­chen. So berich­te­te die Zeit­zeu­gin Frau Wag­ner, dass ihre Mut­ter von dem im Hau­se woh­nen­den Poli­zis­ten Seib mit den Wor­ten „wenn der Jud noch wei­ter ins Haus kommt, muss mit Anzei­ge gerech­net wer­den!“ ein­ge­schüch­tert wur­de.[18] Wem die Dro­hung galt, dem „Jud“, der Mut­ter oder gar bei­den, ist dem Zitat nicht zu ent­neh­men. Als die Mut­ter Herrn Keh von der Äuße­rung des Poli­zis­ten berich­te­te und ihn frag­te, ob er ange­sichts der Lage nicht ins Aus­land gehen wol­le, habe er die vie­len Außen­stän­de, die er noch habe, als Grund für sein Blei­ben ange­führt.[19] Nicht nur wur­den die Ver­kaufs­mög­lich­kei­ten immer schwie­ri­ger, auch beim Ein­trei­ben von Schul­den konn­ten jüdi­sche Händ­ler kaum mehr auf staat­li­che Hil­fe rech­nen, schon gar nicht, wenn es sich um pol­ni­sche Juden han­del­te. 1938 war sein Ein­kom­men auf nur noch 1.800 RM abge­sun­ken.[20]

Die Fami­lie Keh
AMS-Archiv

Im Rah­men der Akti­on gegen die pol­ni­schen Juden im Herbst 1938 soll­te auch die Fami­lie von Moses Keh aus Deutsch­land aus­ge­wie­sen wer­den. Auf der Kar­te der Gesta­po-Kar­tei ist sogar mit dem Datum 27.10.38 ver­merkt, dass Moses Kahn „mit Fami­lie nach Polen aus­ge­wie­sen“ wor­den sei, was aller­dings offen­sicht­lich, aus wel­chen Grün­den ist nicht bekannt, so nicht statt­ge­fun­den hat­te. Aber Moses Keh selbst war nach eige­nen Anga­ben mit einem Trans­port pol­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger nach Beu­then ver­bracht wor­den, dort eini­ge Tage in einer Syn­ago­ge fest­ge­hal­ten, dann aber wie­der nach Wies­ba­den zurück­ge­schickt wor­den. [21] Dar­über, ob die Rück­kehr nach Wies­ba­den mit der Auf­la­ge ver­bun­den war, Deutsch­land so schnell wie mög­lich zu ver­las­sen, oder ob die Emi­gra­ti­on eine eige­ne Ent­schei­dung war, mach­te Moses Keh kei­ne Anga­ben. In jedem Fall sahen die Kehs spä­tes­tens ab die­sem Zeit­punkt für sich in Deutsch­land kei­ne Zukunft mehr und betrie­ben unmit­tel­bar danach ihre Aus­wan­de­rung. Eine mit dem 27. Janu­ar 1939 datier­te Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung des Finanz­amts Wies­ba­den wegen mög­li­cher Steu­er­rück­stän­de kann dafür als Beleg gel­ten. Sie war Vor­aus­set­zung für die Über­füh­rung von Umzugs­gut ins Aus­land.[22]

Von die­sem Zeit­punkt an bleibt das wei­te­re Schick­sal der Fami­lie sehr vage und ver­wor­ren und konn­te auch in zwei Gerichts­ver­fah­ren nicht wirk­lich geklärt werden.
Wie­der­um nach eige­nen Anga­ben von Moses Keh hielt er sich im Febru­ar 1939 in Köln bei Ver­wand­ten auf, war dann – zu den Grün­den sag­te er nichts – sechs Wochen in Aachen inhaf­tiert, bis er mit Hil­fe sei­ner Frau wie­der frei kam. Bei der Inhaf­tie­rung sei­en ihm Juwe­len im Wert von etwa 10.000 RM ent­wen­det wor­den.[23]

Zu der glei­chen Zeit, in der Moses sich im Raum Köln /​ Aachen auf­hielt, hat­ten Kehs bei der Devi­sen­stel­le Frank­furt durch die bevoll­mäch­tig­te Cou­si­ne Rosa Keh, eine der Töch­ter des Onkels Kal­mann Keh, einen Antrag auf Mit­nah­me von Umzugs­gut ein­ge­reicht, der aber dann wegen Ände­rung der Bestim­mun­gen unbe­ar­bei­tet zurück­ge­sandt wur­de. Den­noch war im Juni 1939 in der Devi­sen­stel­le Frank­furt im Rah­men des Aus­rei­se­an­trags der Kehs eine E‑Mappe mit ent­spre­chen­der Kar­tei­kar­te für Moses und Cha­ja Keh ange­legt wor­den. [24]

Ohne die wei­te­ren büro­kra­ti­schen Abläu­fe abzu­war­ten, hat­ten Kehs, bzw. Cha­ja Keh und die Kin­der danach, ihre Habe in Wies­ba­den zurück­las­send, die Gren­ze nach Bel­gi­en über­schrit­ten, wo sie zunächst wohl in Ant­wer­pen eine Unter­kunft fan­den. Ein Brief der Devi­sen­stel­le vom 22. Juni 1939 erreich­te sie nicht mehr unter der bekann­ten Adres­se in Wies­ba­den, was den Sach­be­ar­bei­ter zu dem fol­gen­den Akten­ver­merk ver­an­lass­te: „Die Antrag­stel­ler Keh sind bereits ins Aus­land ver­zo­gen. Sie benann­ten weder einen Bevoll­mäch­tig­ten noch einen Spe­di­teur zur Erle­di­gung ihres Umzugs­guts.“[25]

Anders als in der Notiz fest­ge­hal­ten, hat­ten Kehs aber ihre Cou­si­ne Rosa mit der Wah­rung ihrer Inter­es­sen betraut. Dies teil­te sie der Devi­sen­stel­le am 14. Juli mit und über­sand­te „i.V.“ von Moritz Keh den Antrag auf Mit­nah­me des Umzugs­guts, das in einer bei­gefüg­ten zwei­sei­ti­gen Lis­te detail­liert auf­ge­führt war. Es han­delt sich um eine Lis­te mit 44 Pos­ten, dar­un­ter 4 Bet­ten mit Matrat­zen, Bett­wä­sche und diver­se Klei­dungs­stü­cke. Neben wei­te­ren Haus­halts­ge­gen­stän­den waren auch Arti­kel wie Zahn­pas­ta und Zahn­bürs­ten gelis­tet, aber auch eini­ge Gegen­stän­de aus Gold und Sil­ber, wie Besteck­tei­le und Schmuck.[26] Die Auf­stel­lung wur­de am 25. Juli 1939 „ohne Strei­chun­gen“ von der Devi­sen­stel­le Frank­furt geneh­migt, nach­dem ihr am Tag zuvor die gol­de­nen und sil­ber­nen Wert­ge­gen­stän­de noch ein­mal zur Begut­ach­tung vor­ge­legt wor­den waren.[27]

Ob Rosa Keh tat­säch­lich noch die Mög­lich­keit hat­te, auch die Ver­frach­tung des Umzugs­guts zu orga­ni­sie­ren, kann nicht mit Sicher­heit gesagt wer­den. Sie hat­te auf die schnel­le Bear­bei­tung des Antrags gedrun­gen, weil sie als pol­ni­sche Jüdin selbst aus­ge­wie­sen wor­den war und des­halb am 18. Juli Deutsch­land ver­las­sen woll­te, wie sie der Devi­sen­stel­le in einem Brief vom 14. Juli 1939 mit­teil­te.[28] Sie hat­te inzwi­schen nach län­ge­rer Vor­be­rei­tung eine Ein­rei­se­ge­neh­mi­gung für Eng­land erhal­ten. Offen­sicht­lich gab es aber dann doch noch eine Ver­zö­ge­rung, denn erst am 13. August 1939 ver­ließ sie zusam­men mit ihren bei­den jün­ge­ren Brü­dern Heinz und Leo Deutsch­land mit dem Ziel Eng­land.[29] Ob sie in die­ser kur­zen Zeit­span­ne die Ange­le­gen­hei­ten ihres Cou­sins und sei­ner Fami­lie noch regeln konn­te, bleibt unge­wiss, ist aber eher unwahr­schein­lich. Zumin­dest wur­de im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren von der ehe­ma­li­gen Haus­an­ge­stell­ten bezeugt, dass in der 2‑Zimmerwohnung in der Adel­heidstr. 94 die Ein­rich­tung, die sie detail­liert beschrieb, zurück­ge­blie­ben sei.[30]

Eigen­ar­ti­ger­wei­se steht auf dem eben­falls aus­zu­fül­len­den „Fra­ge­bo­gen für die Ver­sen­dung von Umzugs­gut“ unter den wei­te­ren Per­so­nen, die mit dem Antrag­stel­ler Moses Keh eben­falls aus­rei­sen wol­len, neben Cha­ja ein­zig die ältes­te Toch­ter Mar­got. Ob die drei übri­gen Kin­der zu die­sem Zeit­punkt bereits in der Obhut des Vaters, ande­rer Ver­wand­ter oder Bekann­ter im Aus­land waren, ist nicht bekannt.

Die Fra­ge nach dem vor­han­de­nen Ver­mö­gen der Aus­rei­sen­den wur­de von Rosa Keh mit einem Strich quit­tiert, was wohl so viel bedeu­te­te, dass ein Ver­mö­gen nicht mehr vor­han­den war. Völ­lig mit­tel­los, abge­se­hen von den weni­gen Hab­se­lig­kei­ten, die sie viel­leicht noch erreicht hat­ten, muss­te die Fami­lie ihr Leben im bel­gi­schen Exil beginnen.

 

Die Anga­ben, die die ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­der über die­se Zeit spä­ter mach­ten, blei­ben aber ins­ge­samt sehr widersprüchlich.
In der eides­statt­li­chen Erklä­rung, die Moses Keh am 28.August 1950, also rela­tiv zeit­nah, abge­ge­ben hat­te, schrieb er, dass die Fami­lie nach dem zwei­ten, dies­mal gelun­ge­nen Grenz­über­tritt zunächst in Ant­wer­pen /​ Ber­chen gewohnt hät­te. „Wäh­rend der Besat­zung der Deut­schen wur­den wir von Ber­chen am 12. Febru­ar 1941 nach Beh­rin­gen Pro­vinc (Kreis) Lim­bourg Bel­gi­en von der Gesta­po aus­ge­wie­sen, und blie­ben bis den 17. Juli 1941. Im Juli 1941 kamen wir nach Bruxelle.
Bei einer Juden­rat­zia
(sic !) im Jah­re 1942 wur­de ich mit mei­ner Fami­lie in das K.Z. Lager Malin ver­schleppt und blie­ben ab Dezem­ber 1942 bis zur Befrei­ung 1944 den 3. Sep­tem­ber.“[31]

In drei gleich­lau­ten­den eides­statt­li­chen Erklä­run­gen von Moses und den bei­den Töch­tern Zita und Judith, abge­ge­ben im Juli 1957, wer­den die­se frü­hen Aus­sa­gen über die Abläu­fe bestä­tigt und noch dadurch ergänzt, dass sie sich in Beh­rin­gen regel­mä­ßig bei der Poli­zei hat­ten mel­den müs­sen, also nicht in Frei­heit waren.[32]

Die 1965 in der Ana­mne­se des Arz­tes Dr. Wei­ner ent­hal­te­ne Dar­stel­lung der Abläu­fe bezieht sich fast aus­schließ­lich auf das Schick­sal von Moses selbst, inwie­weit die übri­ge Fami­lie die­ses teil­te, bleibt uner­wähnt. Es heißt dort: „Er [Moses Keh, — K.F.] hielt sich vier Wochen in Frank­reich auf, wur­de dann gezwun­gen nach Ant­wer­pen zurück­zu­keh­ren. Er blieb bis Febru­ar 1942, wur­de dann Behun­gen [Ghet­to­la­ger Beh­rin­gen — K.F.] in Lim­burg, Hol­land, aus­ge­wie­sen. Trotz­dem ging er im Juli nach Ant­wer­pen zurück und soll sich, ohne eine Woh­nung zu haben, 5 Mona­te dort auf­ge­hal­ten haben. Dar­auf, so sagt er, sei er mit Geneh­mi­gung des deut­schen Kom­man­dan­ten nach Brüs­sel gegan­gen. Er sei hier von der Regie­rungs­wohl­fahrt unter­stützt wor­den. Er kann kei­ne genau­en Anga­ben dar­über machen, was wei­ter mit ihm pas­sier­te, soll jedoch zwei Jah­re im Lager Mecheln unter­ge­bracht gewe­sen sein. Er hat nicht gear­bei­tet. Er weiß nicht, ob er ärzt­lich behan­delt wur­de. Nach der Frei­las­sung im Sep­tem­ber 1944 ging er nach Brüs­sel zurueck. Von einem jüdi­schen Komi­tee unter­stuetzt, blieb er bis 1949. (…) 1949 kam er in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten …“[33]

Nicht klar ist, ob die ver­wir­ren­de Dar­stel­lung den unkla­ren Aus­sa­gen von Moses Keh, jetzt immer­hin in einem zeit­li­chen Abstand von etwa 10 Jah­ren und ganz offen­sicht­lich in einem sehr labi­len psy­chi­schen Zustand, oder dem feh­len­den Ver­ständ­nis des Arz­tes für die Zusam­men­hän­ge zuzu­schrei­ben ist. Dass Moses Keh aber mit Zustim­mung des deut­schen Kom­man­dan­ten aus dem Inter­nie­rungs­la­ger Berin­gen im Drei­län­der­eck zwi­schen Bel­gi­en, Nie­der­lan­de und Deutsch­land ent­las­sen und nach Brüs­sel gelangt sein soll, klingt eher unwahr­schein­lich. Auf wel­che Wei­se er oder auch sie aus dem Lager her­aus­ka­men, wenn sie denn über­haupt dort gewe­sen waren, muss offenbleiben.

Unklar in der gesam­ten Dar­stel­lung ist zudem, in wel­cher Wei­se Cha­ja dar­in invol­viert war. In den ver­schie­de­nen eides­statt­li­chen Erklä­run­gen war immer nur von der Fami­lie die Rede, die 1942 nach Malin ein­ge­lie­fert wor­den sei. Gesi­chert ist aller­dings, dass Cha­ja am 21. April 1944 außer­halb des Lagers gefasst und zu die­sem Zeit­punkt dort ein­ge­lie­fert wur­de.[34]

Aus dem Lager selbst lagen spä­ter nur Mel­dun­gen zu Cha­ja vor, nicht aber für die übri­ge Fami­lie, den­noch ver­trat das Cent­re Docu­men­ta­ti­on Jui­ve Con­tem­po­rai­ne die Mei­nung, die Dar­stel­lung von Moses sei glaub­haft.[35]

Die Ent­schä­di­gungs­be­hör­de gewähr­te dar­auf­hin die gefor­der­ten Ent­schä­di­gun­gen. Erst in den Ver­fah­ren mit den Töch­tern wur­den die Abläu­fe hin­ter­fragt. Zita hat­te damals auf Vor­halt der Behör­de geäu­ßert, dass ihnen nach der Ver­haf­tung 1942 von der Gesta­po gesagt wor­den sei, im Lager Mali­nes zu sein. Sie, die Kin­der, sei­en dort von den Eltern getrennt und in der Kin­der­ab­tei­lung des Lagers unter­ge­bracht wor­den.[36] Mar­got hat­te aber dann in ihrem Ver­fah­ren ein­ge­räumt, die gesam­te Fami­lie sei vom 17. Juli 1941 bis zum 7. Janu­ar 1944 „bei gut­her­zi­gen Chris­ten in Dör­fern und Städ­ten, teil­wei­se unter frem­dem Namen, ver­steckt gehal­ten“ wor­den.[37]

Wegen „Ver­sto­ßes gegen die Wahr­heits­pflicht“ wur­de die Ent­schä­di­gung für den ‚Scha­den an Frei­heit’ von Moses Keh wie­der zurück­ge­for­dert. In einem ers­ten Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Wies­ba­den hat­te die Ent­schei­dung Bestand. In einem neu­en Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt in Frank­furt wur­de die­ses Urteil am 5. Juni 1976 dann aber wie­der aufgehoben.

Man kon­sta­tiert in der Urteils­ver­kün­dung, „dass sich aus den Ent­schä­di­gungs­ak­ten der ver­schie­de­nen Fami­li­en­mit­glie­der eine Rei­he von Unklar­hei­ten erge­ben, die die Mög­lich­keit offen las­sen, der Klä­ger [Moses Keh, K.F.] habe in Wahr­heit ein ande­res als das behaup­te­te Schick­sal gehabt. Für einen Wider­ruf [der Ent­schä­di­gung — K.F.] aber ist erfor­der­lich, dass der Ver­sa­gungs­grund fest­steht. Dem Klä­ger müss­te also nach­ge­wie­sen wer­den, dass er unrich­ti­ge Anga­ben gemacht hat und wor­in die Unrich­tig­keit besteht. Sol­che Fest­stel­lun­gen las­sen sich nach Sach­la­ge nicht fest­stel­len.“[38]

Zum einen wur­de die Ver­si­on vom Leben im Unter­grund infra­ge gestellt, da sie nur von den drei in den USA leben­den Töch­tern vor­ge­bracht wor­den sei – und dies auch nur indi­rekt über ihren Rechts­an­walt. Ent­schei­dend war aber, dass sich im Lager Mali­nes meh­re­re Abtei­lun­gen befan­den: ein Sam­mel­la­ger, ein Juden­la­ger und ein Durch­gangs­la­ger für Juden. Es sei daher mög­lich, dass sie bereits zuvor in einem die­ser Lager­tei­le unter­ge­bracht gewe­sen seien.

Man habe zwar nach den ers­ten Ein­ga­ben der Fami­lie Keh den Ein­druck gewin­nen müs­sen, „als sei die Fami­lie in der gesam­ten Lager­zeit zusam­men geblie­ben, wäh­rend nach dem jet­zi­gen Ermitt­lungs­stand anzu­neh­men ist, sie sei in Wirk­lich­keit auf ver­schie­de­ne Abtei­lun­gen des Lagers ver­teilt wor­den … Es lässt sich daher nicht mit Sicher­heit fest­stel­len, dass die Töch­ter in ihren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren unrich­ti­ge Anga­ben über das Ver­fol­gungs­schick­sal gemacht haben. Soweit Unklar­hei­ten blei­ben, ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass die Töch­ter des Klä­gers zur Ver­fol­gungs­zeit noch im Kin­des- oder Her­an­wach­sen­den­al­ter stan­den – also schon des­halb mög­li­cher­wei­se Erin­ne­rungs­lü­cken bestehen.“[39]

 

Trotz des rechts­kräf­ti­gen Urteils blei­ben Fra­gen bezüg­lich der wirk­li­chen Ver­fol­gungs­ge­schich­te bestehen. Dabei geht es nicht um die Fra­ge, ob Kehs die Ent­schä­di­gung zu Recht erhal­ten hat­ten oder nicht, son­dern ein­zig um eine mög­lichst genaue Rekon­struk­ti­on einer Lebens- und Ver­fol­gungs­ge­schich­te. Die Fra­ge, ob die Ver­folg­ten in Bel­gi­en in einem Lager oder im Unter­grund leben muss­ten, ist im Hin­blick auf die Recht­mä­ßig­keit einer ange­mes­se­nen Ent­schä­di­gung völ­lig irrele­vant. Ange­sichts der Viel­zahl von Ver­fah­ren, bei denen den Ver­folg­ten mit allen nur mög­li­chen Mit­teln, ihre recht­li­chen und mora­li­schen Ansprü­che bestrit­ten wur­den, ist es nur zu ver­ständ­lich, dass sie die­sem Rechts­sys­tem nicht trau­ten und ver­such­ten, ihr unbe­strit­te­nes Leid so vor­zu­tra­gen, dass ihre Chan­ce auf Wie­der­gut­ma­chung wenigs­tens ansatz­wei­se gewahrt blieb. Inso­fern ist das Urteil des OLG Frank­furt sicher auch ein Indiz für ein seit dem Ende der Sech­zi­ger­jah­re sich all­mäh­lich wan­deln­des öffent­li­ches Bewusst­sein im Hin­blick auf die eige­ne Vergangenheit.

Auch wenn letzt­lich nicht geklärt wer­den konn­te, wann Cha­ja erst­mals in das Lager Malin gekom­men war, so ist doch sicher, dass sie am 21. April 1944 dort ein­ge­lie­fert wur­de.[40] Wie die meis­ten der Lager­in­sas­sen wur­de sie bald dar­auf in eines der Todes­la­ger im Osten über­stellt. Die über­aus genaue Büro­kra­tie des Lagers hat fest­ge­hal­ten, dass sie mit dem Trans­port XXV/​No 238 am 19. Mai 1944 mit wei­te­ren 507 Gefan­ge­nen nach Ausch­witz gebracht wur­de.[41] Dort wur­de sie ver­mut­lich unmit­tel­bar nach ihrer Ankunft in den Gas­kam­mern ermor­det.[42]

 

Moses selbst war mit den Kin­dern nach der Befrei­ung im Sep­tem­ber 1944 im Jahr 1949 nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert, hat­te dort zunächst als Alt­wa­ren­händ­ler und danach noch eine gewis­se Zeit als Syn­ago­gen­die­ner in New York gear­bei­tet, aber dann auch die­se Tätig­keit auf­ge­ben müs­sen. Er sei, so sein Cou­sin, bei dem Moses eini­ge Jah­re in den USA gewohnt hat­te, tage­lang nicht aus dem Haus gegan­gen, selbst für den Gang in die Syn­ago­ge habe er nicht mehr die Kraft auf­ge­bracht. Der Arzt Dr. Luwisch dia­gnos­ti­zier­te eine chro­ni­sche und irrever­si­ble Depres­si­on, was ange­sichts des unmit­tel­bar selbst ertra­ge­nen Leids und des Schick­sals sei­ner Fami­lie, des Ver­lusts sei­ner Frau und sei­ner Geschwis­ter nur zu ver­ständ­lich sei. Es hand­le sich bei Moses um einen 61-Jäh­ri­gen, der „wie ein ver­brauch­ter Greis aus­sieht“, kon­sta­tier­te Dr. Luwisch abschlie­ßend in sei­nem psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten aus dem Jahr 1964.[43] Und ganz sicher wird sich das nicht nur auf sein äuße­res Erschei­nungs­bild bezo­gen haben. Moses Keh war ein Mensch, der zwar dem Tod in der Gas­kam­mer ent­kom­men war, aber nicht mehr zurück ins Leben fin­den konnte.

 

Ver­öf­fent­licht: 12. 11. 2017

Letz­te Revi­si­on: 7. 4. 2020

 

 

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Anmer­kun­gen:

 

[1] Der Fami­li­en­na­me „Keh“ ist im Jüdi­schen Adress­buch 1935 auch für die Fami­lie von Kal­man Keh mit „Kah“ ange­ge­ben, dann aber in die alpha­be­ti­sche Rei­hen­fol­ge als „Keh“ ein­ge­ord­net wor­den, näm­lich nach „Kauf­mann“ und vor „Kehr­mann“. Auch im Wies­ba­de­ner Adress­buch 36/​37, aber auch nur in die­sem Band und nur für Moritz Keh, ist der Name „Kah“ eingetragen.

[2] Zum Schick­sal die­ser Fami­lie Keh sie­he das Erin­ne­rungs­blatt des AMS Wies­ba­den unter http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​K​e​h​-​K​a​l​m​a​n​.​pdf. (Zugriff: 1.11.2017).

[3] Zur Fami­lie Wei­ser sie­he das Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​W​e​i​s​e​r​-​M​o​s​e​s​.​pdf. (Zugriff: 7.4.2020).

[4] HHStAW 518 21300 Bd. 2 (20) Abschrift der pol­ni­schen Geburtsurkunde.

[5] HHStAW 518 21300 Bd. 3 (15, 16).

[6] Der begut­ach­ten­de Arzt im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren hielt das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen von Moses Keh für sehr unge­nau und war der Mei­nung, dass er mehr­fach wider­sprüch­li­che Aus­sa­gen gemacht habe. Er sei zu der Auf­fas­sung gekom­men, „dass vie­le der Anga­ben, wenn nicht unrich­tig, so doch zum wenigs­ten zwei­fel­haft sind“. HHStAW 518 21300 Bd. 3 (6, 7). So habe er auch ange­ge­ben, im glei­chen Zeit­raum, in dem er angeb­lich die Aus­bil­dung im väter­li­chen Betrieb mach­te, einen Abschluss an einer Ele­men­tar­schu­le erwor­ben zu haben.

[7] HHStAW 469–33 3867 (7). Für den Geburts­na­men von Cha­ja sind in den Akten unter­schied­li­che Schreib­wei­sen zu lesen. So steht im Auf­ge­bot zur Todes­er­klä­rung „Berglaes“, in der Gesta­po-Kar­tei ist Berg­glas mit Doppel‑G geschrie­ben. Rahel Berglas wur­de nach Anga­ben ihrer Enke­lin Bet­ty Reich, gebo­re­ne Berglas, auch Opfer des Holo­caust. Über die nähe­ren Umstän­de ist aller­dings nichts bekannt. Bet­ty Reich hat für ihre Groß­mutter in Yad Vas­hem eine ‚Page of Tes­tim­o­ny’ hin­ter­legt, sie­he https://​names​fs​.yad​vas​hem​.org/​Y​A​D​V​A​S​H​E​M​/​N​E​W​_​A​P​P​/​2​0​0​6​0​1​0​1​_​1​8​3​4​_​4​5​0​_​8​0​0​7​/​1​2​0​.​jpg. (Zugriff: 7.4.2020).

[8] Erst­mals erwähnt wird Kal­man Keh, in den wei­te­ren Wies­ba­de­ner Adress­bü­chern auch als Karl ver­zeich­net, im Wies­ba­de­ner Adress­buch 1910 mit der Adres­se Bleich­stra­ße 29. 1915 war er in die Bert­ram­str. 21 umge­zo­gen, in der er mit sei­ner Frau Han­na, gebo­re­ne Metz­ger, und den sechs bzw. nach dem Tod der jüngs­ten Toch­ter mit fünf Kin­dern bis 1938 wohnte.

[9] Zur Fami­lie Keh sie­he auch GENI https://​www​.geni​.com/​f​a​m​i​l​y​-​t​r​e​e​/​c​a​n​v​a​s​/​6​0​0​0​0​0​0​0​0​1​4​6​6​5​2​7​264. (Zugriff: 7.4.2020).

[10] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (38). Die Jah­res­an­ga­be 1919 mach­te er in einer eides­statt­li­chen Erklä­rung am 22.8.1950. Nach dem Ana­mne­se­be­richt eines ame­ri­ka­ni­schen Arz­tes hat­te er bei ihm ange­ge­ben, er sei mit der gan­zen Fami­lie im Alter von etwa 13 bis 14 Jah­ren nach Wies­ba­den über­sie­delt. Das wäre dann schon 1916/​17 gewe­sen, noch vor dem Tod des Vaters, sofern die Anga­be über des­sen Todes­zeit­punkt stim­men soll­te. Falsch ist aber ganz sicher, dass er mit sei­ner Fami­lie gekom­men sein will. Ebd. Bd. 3 (15).

[11] HHStAW 469–33 3867 (5) Eine Kopie der Hei­rats­ur­kun­de ist in HHStAW 518 21300 Bd. 1 (30).

[12] Eva Wei­ser, die im spä­te­ren Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren als Bevoll­mäch­tig­te für die Kin­der und den Ehe­mann Moritz fun­gier­te, hat­te auch die Abwe­sen­heits­pfleg­schaft für Cha­ja inne, sie­he HHStAW 518 21399 (5). Eva Wei­ser, gebo­re­ne Metz­ker, war die Schwes­ter von Moses Kehs Mut­ter Debo­rah. Auch sie war in Brnik gebo­ren worden.

[13] Sie­he dazu grund­sätz­lich das Kapi­tel „Ein­rich­tung der Juden­häu­ser“. Im Erin­ne­rungs­blatt des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se für Cha­ja Keh http://​www​.am​-spie​gel​gas​se​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​d​o​w​n​l​o​a​d​s​/​e​r​i​n​n​e​r​u​n​g​s​b​l​a​e​t​t​e​r​/​E​B​-​C​h​a​j​a​-​K​e​h​.​pdf (Zugriff: 7.4.2020) heißt es fälsch­li­cher­wei­se, dass die Fami­lie Moritz Keh erst 1938 in die Bert­ram­str. 9 gezo­gen sei, „aber bereits Anfang 1939 von der Gesta­po in das Juden­haus Adel­heidstr. 94 ein­quar­tiert“ wor­den sei, was eben­falls nicht den Tat­sa­chen ent­spricht. Natür­lich hät­te es sein kön­nen, dass ein anti­se­mi­ti­scher Ver­mie­ter schon in der Zeit um 36/​37 ver­such­te, sei­ne jüdi­schen Mie­ter los­zu­wer­den. Im vor­lie­gen­den Fall wird das aber allein schon des­we­gen nicht zutref­fend sein, weil der Onkel Kal­man Keh mit sei­ner gro­ßen Fami­lie bis zu sei­ner Flucht 1939 in dem Haus woh­nen blieb.
Wie unzu­ver­läs­sig die dama­li­gen Behör­den offen­sicht­lich arbei­te­ten, lässt sich dar­an erken­nen, dass bei der poli­zei­li­chen Mel­de­stel­le als letz­te Adres­se der Fami­lie Moses Keh noch immer die Bert­ram­str. 21 ver­merkt war, obwohl die­se spä­tes­tens seit 1932 nicht mehr gül­tig war. Sie­he dazu die Anfra­ge der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de an die Aus­kunf­tei Blum vom 13.7.57, HHStAW 518 21399 (70).

[14] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (38).

[15] HHStAW 518 21399 (73) Das monat­li­che Ein­kom­men habe – so Blum — zwi­schen 200 und 250 RM gelegen.

[16] HHStAW 518 21399 (73), sie­he auch die eides­statt­li­che Erklä­rung der Tan­te Eva Wei­ser, die aller­dings im Unter­schied zu Blum den Geschäfts­um­fang als „mit­tel“ bezeich­ne­te, ebd. (69).

[17] Die Aus­sa­ge der Zeit­zeu­gin liegt als schrift­li­ches Doku­ment unsi­gniert im Archiv des Akti­ven Muse­ums Spie­gel­gas­se. Der gesam­te Text ist zitiert in Schnei­der, Fami­lie Tie­fen­brun­ner, S. 152 f.

[18] Ebd.

[19] In einer eides­statt­li­chen Erklä­rung hat­te ein ehe­ma­li­ger Bekann­ter der Fami­lie, der Moses Keh in Ant­wer­pen noch ein­mal getrof­fen hat­te, die Aus­sa­ge von Moses wie­der­ge­ge­ben, „er habe sein gan­zes Lager mit Waren, sei­nen gesam­ten Fami­li­en­schmuck und Außen­stän­de von ins­ge­samt 60.000 RM zurück­las­sen müs­sen, da er bei Nacht und Nebel flüch­ten muss­te.“ Sie­he HHStAW 518 21300 Bd. 1 (18). Die­ser Betrag erscheint ange­sichts der sons­ti­gen Geschäfts­la­ge sehr hoch. Auch bezüg­lich des Schmucks stel­len sich Fra­ge. So sag­te Moses Keh aus, man habe ihm Schmuck im Wert  von 10.000 RM bei der ers­ten Ver­haf­tung weg­ge­nom­men, sie­he dazu unten. Bei sei­nem Antrag auf ‚Scha­den an Eigen­tum und Ver­mö­gen’ gab er dage­gen an, dass der in Aachen geraub­te  Schmuck einen Wert von 28.000 RM hat­te, sie­he ebd. (10).  Bei der Ver­haf­tung sei­ner Frau Cha­ja 1944 soll die­se noch Juwe­len im Wert von 18.000 RM bei sich getra­gen haben, die man ihr bei der Ver­haf­tung abge­nom­men haben will, sie­he HHStAW 518 21300 Bd. 1 (23).

[20] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (19).

[21] HHStAW 518 21300 Bd. 3 (6).

[22] HHStAW 519/​3 18448 (o.P.).

[23] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (19.

[24] HHStAW 519/​3 18448 (1) Der Antrag war am 29.3.1939 ein­ge­reicht wor­den. Eine sol­che E‑Mappe wur­de von den Devi­sen­stel­len im Rah­men von Emi­gra­ti­ons­ge­neh­mi­gun­gen und dem damit ver­bun­de­nen Export von Umzugs­gut erstellt. Sie­he dazu Meinl /​ Zwil­ling, Lega­li­sier­ter Raub S. 434.

[25] HHStAW 519/​3 18448 (3).

[26] HHStAW 519/​3 18448 (19, 11). Als Adres­se des Aus­wan­de­rers Moses Keh ist in dem im Juli 1939 gestell­ten Antrag auf Mit­nah­me von Umzugs­gut die alte Adres­se Bert­ram­str. 9 ange­ge­ben, obwohl Kehs schon längst in der Adel­heidstr. 94 wohn­ten. Mög­li­cher­wei­se hat­te man die Gegen­stän­de tat­säch­lich in die­ser Woh­nung, in der die Fami­lie von Kal­man Keh, so auch deren Toch­ter Rosa, noch immer wohn­te, ein­ge­la­gert, viel­leicht fun­gier­te sie aber auch nur als Kon­takt­adres­se für die Devi­sen­stel­le, wäh­rend das Umzugs­gut noch immer in der Adel­heids­tra­ße war.

[27] HHStAW 519/​3 18448 (11).

[28] HHStAW 519/​3 18448 (4).

[29] HHStAW 518 29895 (3) Beschei­ni­gung der Jüdi­schen Gemein­de Wies­ba­den über die dama­li­ge Aus­rei­se. Rosa hat­te zuvor das Lyze­um am Schloss­platz auf­grund stän­di­ger Dis­kri­mi­nie­run­gen durch Mit­schü­ler und Leh­rer – sie hat­te u.a. in der letz­ten Rei­he sit­zen müs­sen – ver­las­sen und hat­te als Prak­ti­kan­tin bzw. Hilfs­kraft in der Wies­ba­de­ner ‚Kame­ra­fa­brik Wir­gin’, spä­ter in der jüdi­schen Fir­ma ‚Auto-Öl-Ver­sand Hohl­wein & Kie­fer’ Arbeit gefun­den. Ende 1938 wur­de sie nach der Ari­sie­rung des  Unter­neh­mens ent­las­sen. Auch in Eng­land konn­te sie sich ein­zig mit Hilfs­ar­bei­ten über Was­ser hal­ten. Sie­he dazu ihre eides­statt­li­che Erklä­rung ebd. (18,34).

[30] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (55).

[31] Ebd. (19) Das Lager Malin /​ Mecheln in Bel­gi­en dien­te als Durch­gangs­la­ger für die Depor­ta­tio­nen der bel­gi­schen Juden, Sin­ti und Roma in die deut­schen Ver­nich­tungs­la­ger. Ins­ge­samt wur­den ca. 25.000 von hier aus in den Tod geschickt. Sie­he dazu http://​www​.geden​ken​-in​-bene​lux​.de/​c​o​n​t​e​n​t​/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​?​n​a​v​I​D​=​2​2​&​t​I​D​=14. (Zugriff: 1.11.2017).

[32] HHStAW 518 21300 Bd. 1 (93, 94, 95).

[33] HHStAW 518 21300 Bd. 3 (6) .

[34] HHStAW 518 21399 (11) Moses Keh hat­te ange­ge­ben, sie sei 1942 ver­haf­tet wor­den, sie­he HHStAW 469–33 3867 (3).

[35] HHStAW 518 21399 (27).

[36] HHStAW 518 21300 (270).

[37] HHStAW 518 21300 (271).

[38] HHStAW 518 21300 (o.P., Urteil S. 6).

[39] HHStAW 518 21300 (o.P., Urteil S. 10). Das Urteil des OLG Frank­furt erhielt Rechts­kraft und Moses Keh erhielt die gefor­der­te Ent­schä­di­gung. Bezüg­lich der Kin­der hat­te ein Cou­sin von Moses Keh aller­dings ange­ge­ben, dass die Kin­der wäh­rend der bel­gi­schen Besat­zungs­zeit nicht im Lager, son­dern in ver­schie­de­nen Hei­men unter­ge­bracht wor­den sei­en. Sie­he den Ana­mne­se­be­richt von Dr. Luwisch HHStAW 518 21300 Bd. 3 (16).

[40] HHStAW 518 21399 (75) Die­ses Datum ist auch im Gedenk­buch übernommen.

[41] HHStAW 518 21399 (14f.) Die Anga­be der Anzahl ent­hält die Auf­lis­tung der Trans­por­te aus Mechelen des Bun­des­ar­chivs, sie­he https://​www​.bun​des​ar​chiv​.de/​g​e​d​e​n​k​b​u​c​h​/​1​1​6​8​3​38/. (Zugriff: 05.09.2020).

[42] Auf­grund eines Beschlus­ses des Amts­ge­richts Wies­ba­den wur­de sie am 30. Sep­tem­ber 1955 für tot erklärt. Der Todes­tag wur­de auf den 8. Mai 1945 fest­ge­setzt, sie­he HHStAW 469–33 3867 (11).

[43] HHStAW 518 21300 (o.P.).